Nr. 25 Die Gleichheit 15. Jahrgang eoeoeoer Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ee Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. Her mit dem Zehnstundentag! Von Gustav Hoch. Über Schulgesundheitspflege. VI. Von Dr. Zadek. Der preußische Landtag. " Zehn Gebote für die Männer." Von Heinrich Schulz. Feuilleton: Nationalität. Bon Gottfried Keller.( Gedicht.) Im neuen Dom. Von W. R.- Nikolai. Von Gottfried Keller. ( Gedicht.) Die beiden Brüder. Von Iwan Turgenjeff. Wir sind die Saat. Von Otto Erich Hartleben.( Gedicht.) Stuttgart den 13. Dezember 1905 Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Hesse fand in der Luft eines Berliner Schulzimmers in einem Kubikmeter Luft: • . M im Minimum • . • 1500 Reime im Maximum über im Durchschnitt. • • • 3000000 • = 268 000 . = · Freilich verlangten sie,„ daß dem Arbeitgeber im Hin-| das nach kurzer Unterbrechung noch eine zweite, dritte, später blick auf die Erhaltung seiner Wettbewerbsfähigkeit, auf selbst vierte und fünfte Stunde hindurch obendrein in Die wechselnde Geschäftslage und auf die Eigenart seines einem Raume zusammen mit 50, 60, ſelbſt 70 Kindern und Die Arbeiterinnen am Wiener Wahlrechtstag. Von Adelheid Popp. bleibe, in den durch die bestehenden Gesetze gezogenen zustande kommt, kann jeder schon riechen, der nach Beendi Betriebs nach wie vor die freie Entschließung gewahrt darüber. Was da durch die Ausatmungs- und Ausdünstungsprodukte so vieler Menschen für eine Luftverschlechterung -Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Organisationen.- Jahresbericht der Leipziger Vertrauensperson. Das Grenzen die Arbeitszeit in seinem Betrieb zu bemessen gung des Unterrichts einen solchen Raum betritt. BettenFrauenſtimmrecht in den Wahlrechtskämpfen des deutschen Prole- und festzustellen". Dieser Anspruch der Industriellen kofer verlangt als höchst zulässigen Gehalt der Luft an tariats. – Frauen bei Wahlen.- Agitation im fituften und ist eine Forderung des allmählich sanft entschlafenen Kohlensäure ein pro Mille( auf Tausend), darüber hinaus dritten Schleswig- Holsteinischen Wahlkreis. Von Luise Ziet. Manchestertums, das die Regelung der Lohn und Arbeits- kommt es bei längerem Aufenthalt zu eingenommenem Kopfe Politische Rundschau. Von G. L.- Gewerkschaftliche Rundschau. verhältnisse dem„ freien Walten der wirtschaftlichen und Müdigkeit, Schwindel und Ohnmacht, das heißt VerNotizenteil: Der Riefenkampf in der sächsisch- thüringischen Textil- Kräfte" überlassen wollte und jede„ Einmischung" der giftungserscheinungen mit Kohlensäure, wie sie in überfüllten industrie. Adressenverzeichnis. Vergewaltigung der„ Staatsbürger" verabscheute. Den schiffen usw. nicht selten beobachtet werden und selbst schon Gesetzgebung in diese Verhältnisse als eine unerträgliche und überhitzten, schlecht ventilierten Versammlungslokalen, Theatern und Konzertsälen, im Zwischendeck von Auswandererseligen Manchester wird aber auch der mächtigste Zentral- den Tod herbeigeführt haben. Die Untersuchung der Luft verband nie und nimmer wieder ins Leben zurückrufen. in unseren Volksschulen hat gegen Schluß des Unterüber diese Zeit sind wir endgültig hinaus. Heute gibt richts einen Kohlensäuregehalt von 9, selbst 12 pro es fein Mittel mehr, um die Tatsache zu verdunkeln, Mille ergeben. Her mit dem Zehnstundentag! daß bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse Der Reichstag hat wieder seine Arbeit aufgenommen, nicht einzig und allein das Profitinteresse in Betracht und wieder sollen die Arbeiterinnen in ihrer Hoffnung fommt, sondern auch das Wohl Tausender von Arbeite- vor Beginn des Unterrichtes.. 2000 Keime während des Unterrichtes. . 16500 auf Verkürzung der gesetzlich zulässigen Arbeitszeit be- rinnen, das Glück Tausender von Arbeiterfamilien, die am Schlusse der Stunde 35000= trogen werden. Diese Tatsache muß auch die letzte Ar- förperliche und geistige Gesundheit der Arbeiterjugend, Letztere Zahl übertrifft den Reimgehalt, welchen Uffelmann beiterin davon überzeugen, daß die schönen Worte der die Zukunft der Gesamtheit auf dem Spiele steht. bürgerlichen Arbeiterfreunde über ihren großen Eifer für Unser Zeitalter ist stolz auf die Errungenschaften der in einem fensterlosen Alfoven und in einer schlecht gelüfteten und dennoch soll durch Ruete untersuchte in einer Reihe von Hamburger Schulen „ des Vaterlandes Wohlfahrt und Ehre" nichts als eine öffentlichen Gesundheitspflege und dennoch soll durch Arbeiterwohnung konstatiert hatte( 27 000 respektive 31 000). ſchamloſe Komödie find. Denn sonst wäre es nicht mög- eine überlange Arbeitszeit die Lebenskraft unserer Ar- die Luft um 2½ Uhr, also nach Schluß des Unterrichts, er lich, daß die Arbeiterinnen in Deutschland sich noch immer beiterinnen vor der Zeit aufgebraucht, sollen die Arbeiter- fand in einem Kubikmeter Luft: um die Erlangung des Zehnstundentags bemühen müssen. mütter so weit aufgerieben werden, daß sie nicht mehr In dieser Sache sind wahrlich schon längst Worte fähig sind, gesunde Kinder zu erzeugen; sollen sie den genug gewechselt. Seit faft 40 Jahren tritt die Sozial- Pflichten als Erzieherinnen ihrer Kinder entzogen werden? Demotratie im Reichstag für die gesetzliche Beschränkung Unser Zeitalter erkennt als die erste Voraussetzung einer Jetzt wird uns mit einem Schlage flar, wie es kommt, daß der täglichen Arbeitszeit auf höchstens zehn beziehungs- weiteren segensreichen Entwickelung der Gesamtheit die aus dem frischen, munteren, rotwangigen Rinde nach der Einweise acht Stunden ein. Und so sehr sich auch anfangs Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der schulung ein müdes und blutarmes Geschöpf wird, das die bürgerlichen Parteien dagegen sträubten, mußte doch Arbeiterklasse an und dennoch sollen die Arbeiterinnen schlecht schläft und in beständiger Angst vor der Schule lebt, bei den letzten Debatten im Reichstag über diese Forde durch das Übermaß an Arbeit von allen Segnungen jene Veränderung, welche man kurz und treffend mit„ schulrung der Redner der ausschlaggebenden Partei, des unserer Kultur, von allen höheren Bestrebungen der trant" bezeichnet hat. Der vielstündige Aufenthalt Zentrums, der Abgeordnete Trimborn zugeben, daß die Menschheit, von dem Kampfe der Arbeiterschaft um on 60, 70 Kindern in einer derart vergifteten Luft, die Einatmung von Tausenden und Millionen Forderung des gesetzlichen Zehnstundentags für die Ar- beffere Arbeits- und Lebensverhältnisse ausgeschloffen sein, kleinster Lebewesen( Schimmelpilze, Bakterien usw.) muß beiterinnen,„ überreif" jei. In ähnlichem Sinne sprachen ja der rücksichtslosen Lohndrückerei dienstbar gemacht auf die Atmung und Blutbildung, die Ernährung und Nerventätigkeit, die förperliche und geistige Frische der sich abgesehen von den Sozialdemokraten, die selbst- werden? Solchen Anforderungen fügen sich die Arbeiter und Kinder den allerschlimmsten Einfluß haben, die verständlich aufs entschiedenste ihren alten Antrag befürworteten die Redner der Polen, der liberalen Ver Arbeiterinnen nicht mehr. Immer gewaltiger wächst die Kränklichkeit erhöhen und die Widerstandsfähigkeit gegen aneinigung und der Antisemiten aus. Ebenso haben bei Schar derjenigen Arbeiter und Arbeiterinnen an, die den steckende Krankheiten herabsetzen. Hier eröffnet sich ein weites der vorigen Etatsberatung nicht nur die Sozialdemokraten, Kampf um die Befreiung aus der gegenwärtigen Aus- Arbeitsfeld für den Schularzt, der immer und immer wieder sondern auch das Zentrum die Regierungen durch be- beutungswirtschaft aufgenommen haben und ihn mit auf diese Gefahr hinzuweisen hat. sondere Resolutionen aufgefordert,„ einen Gesezentwurf immer stärkerer Kraft durchführen. Eine der wichtigsten zum Zwecke der Beschränkung der regelmäßigen Arbeits- und dringendsten Forderungen in diesem Kampfe ist die zeit der Arbeiterinnen über 16 Jahre in Fabriken und Verkürzung der Arbeitszeit. Zunächst gilt es, den Zehnin den diesen gleichgestellten Anlagen auf höchstens zehn ſtundentag zu erringen. Dann geht es weiter zum AchtStunden täglich, an den Vorabenden von Sonn- und ſtundentag, zur Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit bis zu der Dauer, die der Rücksicht auf das Wohl der ArFesttagen auf höchstens neun Stunden vorzulegen". Seitdem ist die Notwendigkeit eines solchen Gesetzes beiterinnen, auf das Glück der Arbeiterfamilien, auf die immer flarer zutage getreten. Aus der inzwischen er- Erziehung der Arbeiterkinder entspricht." In diesem Kampfe gibt es für die Arbeiter und Arschienenen Denkschrift der Regierungen über die Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen ergibt sich, daß am 1. Of beiterinnen fein Halt, kein Zurück, sondern nur ein Vortober 1902 nahezu zwei Drittel aller in Betracht kommenden wärts, ein immer weiteres Ausbauen der gewerkschaftlichen treten. Und was die Reinigung betrifft, so geschieht nicht Anlagen ihre Arbeiterinnen über 16 Jahre nicht länger und politischen Organisationen, einen immer größeren Druck einmal das, was jede ordentliche Hausfrau für ihre selbstals zehn Stunden beschäftigten, und daß trotzdem noch auf das wirtschaftliche und politische Leben, bis der Wider verständliche Pflicht hält, nämlich ihr Wohnzimmer täglich für eine sehr große Anzahl von Arbeiterinnen die tägs stand der Unternehmer überwunden ist. Möge jeder naß aufzunehmen. Bis vor kurzem glaubte man vielmehr liche Arbeitszeit über zehn Stunden ausgedehnt ist. Genosse und jede Genossin mithelfen, daß dieses Ziel selbst in Berlin genug getan zu haben, wenn man dem SchulGustav Hoch. diener auftrug, wöchentlich zweimal die Schulzimmer zu Ferner befürworteten die meisten der in der Denkschrift recht bald erreicht wird. reinigen. Und dem entsprach denn auch der Erfolg. Hören wir, wie die Lehrer noch in den neunziger Jahren darüber flagen: zusammengestellten Gutachten die Herabsetzung der Ar beitszeit, während sämtliche dagegen geltend gemachten Gründe bereits durch die Erfahrung widerlegt worden find. Daher nimmt die Zahl der Betriebe mit einer täglichen Arbeitszeit von zehn Stunden und weniger von Jahr zu Jahr zu. Über Schulgesundheitspflege. smier g Bon Dr. Zadek. VI. Man sollte es für selbstverständlich halten, daß Räume, die täglich von einer solchen Anzahl von Menschen bevölkert werden, deren Luft derart verschlechtert wird, in die so viel Straßenschmutz hineingeschleppt und in denen so viel Staub während der Pausen aufgewirbelt wird, in der unterrichtsfreien Zeit besonders gut ventiliert und ge= reinigt werden. Was die Lufterneuerung angeht, so haben die Kohlensäurebestimmungen ergeben, daß die Luft des Klassenzimmers bereits vor Beginn des Unterrichts meist schon mehr Kohlensäure enthält, als das Pettenkofersche Maximum beträgt, also bereits verdorben, zur Atmung untauglich ist, wenn die Kinder die Schulräume be,, Großes Reinemachen, wozu das Puyen der Fenster, daß Abstäuben der Fenstervorhänge, das Abwischen der Öfen und Wände gehört, findet höchstens zweimal im Jahre statt, in der Regel vor der öffentlichen Prüfung. Dann liegt wieder Staub bei Staube, sechs volle Monate lang. An die Fenster malen böse Jungen die Namen unbeliebter Lehrer; beim Herablassen der Vorhänge wirbeln große Staubwolken auf, an den Heizkörpern dörrt im Winter der Staub und ver breitet einen häßlichen brenzlichen Geruch usw." Aber nicht nur die Infektionskrankheiten bedingen durch Das wichtigste Zeugnis für die Notwendigkeit des die giftigen Ausscheidungen der Bakterien und die Hinter gesetzlichen Zehnstundentags haben uns jedoch die eifrigsten lassung von Reimen in den Organen jene chronischen KrankGegner unseres Antrags, der Zentralverband Deutscher heitszustände, die Ernährungsstörungen, das blasse Aussehen, Industrieller, geliefert. Er hat eine Resolution ver den unruhigen Schlaf, kurzum die Kränklichkeit vieler öffentlicht, in welcher er sich mit Entschiedenheit gegen Schulkinder, dazu tritt noch ein anderer Faktor, der mindejede weitere Verkürzung der gegenwärtig zulässigen Ar- stens in gleichem Maße hierfür verantwortlich zu machen iſt: beitszeit der Arbeiterinnen durch Gesez" ausspricht. Selbst das lange Stillſizen mit angestrengter Aufmerksamkeit im diener tut so viel oder so wenig, wie ihm beliebt. Die diese Herren haben es nämlich nicht mehr gewagt, die geschlossenen Raume, und zwar obendrein in schlechter Luft. Fenster starren vor Schmutz, die Fußböden ebenso, die TurnForderungen der Arbeiterinnen auf Verkürzung der täglichen Arbeitszeit ohne weiteres abzuweisen, sondern sie sahen sich zu dem Versprechen genötigt, daß sie die Arbeitszeit im Laufe der Zeit" herabsetzen werden. 11 Und der Rektor einer Gemeindeschule urteilte:„ Der SchulBis zum Eintritt in die Schule führt das Kind ein un- hallen sind so staubig wie nie, und der Leiter der Anstalt gebundenes, sorglofes Leben, fast beständig in Bewegung, ist machtlos." Für Berlin haben die beständigen Hinweise aus Lehrerfast beständig im Freien. Das hört mit einem Schlage auf bei der Einschulung, das Kind wird gezwungen, eine volle kreisen sowie seitens der sozialdemokratischen StadtverordStunde lang stillzusitzen und seinen Geiſt anzuspannen und neten endlich das Eingreifen des Provinzialschulkollegiums 146 Die Gleichheit Der volksfeindliche Einfluß des Geldsackparlaments reicht aber über die schwarz- weißen Grenzpfähle weit hinaus. Preußen ist nicht bloß die Vormacht in Deutschland, sondern leider auch die Vormache- Macht, die allen Bundesstaaten voraus im reaktionären Herenfabbat tanzt. zur Folge gehabt und der Schmuzwirtschaft ein Ende be- jede ernste Reform zu Fall zu bringen und selbst die schwächreitet; gegenwärtig werden wenigstens die Fußböden täglich lichsten Volksrechte zu meucheln. Dafür spricht die Bergmit Stauböl gereinigt. Aber auch hier bleibt noch genug gesegnovelle, das Kontraktbruchgesetz für ländliche Arbeiter, zu tun übrig: einmal find methodische Luftuntersuchungen, die Resolution des Herrenhauses für ein neues Kontraktbesonders auch im Winter, seitens der Lehrer und Schul- bruchgesetz und das Versprechen Bülows, das Selbstärzte nötig, um die Ergebnisse der Reinigung und Ventilation verwaltungsrecht der Krankenkassen abzuwürgen. Auf der zu kontrollieren, und vor allem ist die Zahl der in einer ganzen politischen Linie erweist sich also das DreiklassenKlasse unterrichteten Kinder, die Klassenfrequenz herabzusetzen. parlament als ein Hort der schlimmsten Reaktion. Es ist nicht nur„ Menschenquälerei", wenn man einem Lehrer zumutet, 60 und 70 Kinder oder gar, wie vielfach auf dem Lande, bis auf das Doppelte dieser Zahlen vorwärts zu bringen, sondern auch die Erfüllung gesundheitlicher Forderungen an die Schule: die Besserung des Aussehens, die Verhütung der Ansteckung, die gesundheitliche Überwachung bleiben solange fromme Wünsche. Die Herabsezung der Klassenfrequenz auf 30 bis 40 Röpfe ist und bleibt die wichtigste Forderung, in welcher Pädagoge und Schularzt übereinstimmen. In den nordischen Königreichen sieht man bei neuen Schulbauten von der Errichtung großer Schulhäuser ganz ab und baut eine Reihe von Pavillons an deren Stelle, wobei den Kindern ungleich mehr Luft und Licht zugeführt wird. In den Gemeindeschulen Kopenhagens befinden sich in jeder Klasse nur 25 bis 30 Schüler. Jede Klasse verfügt über einen verschließbaren Raum für die überkleider der Kinder, in jeder befindet sich eine Waschtoilette mit Handtuch und Seife. Nr. 25 die vielleicht das Schmeicheln besser verstehen als die zurück. haltenden. Das kränkt das Mutterherz sehr. 9. Frage deine Frau nach dem Grunde ihrer Handlungsweise, ehe du tadelst. Tadle sie aber niemals in Gegenwart deiner Kinder, sondern sei dann stets einig mit ihr. Du machst ihr sonst die Erziehung sehr schwer, die bei deiner häufigen Abwesenheit fast ganz auf ihren Schultern liegt. 10. Habt ihr einen Streit oder ein Mißverständnis ge habt, so denke an das alte schöne Wort: Lasset die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn! Versöhnt euch beizeiten, ehe es oft zu spät wird, und macht unter euch aus, abwechselnd das erste Wort zum Guten zu sprechen! Als Angehörige der besizlosen Klasse haben daher die Da aus den meisten dieser Gebote" eine unverfälscht Proletarierinnen fein einziges Interesse, das nicht vom bürgerliche, aber keine proletarische, teine sozialistische Gepreußischen Landtag jederzeit verraten und zertreten worden sinzung herausschaut, so verdienen sie eine energische Zurückist. Das gleiche gilt von ihren Interessen als Frauen. weisung. Einige von ihnen, so das dritte, vierte und fünfte, Keine Proletarierin darf vergessen, daß, solange das Drei- auch noch das achte, sind zwar unerheblicher Natur, sie geben flassenparlament besteht, Zopf und Schwert in reaktionärer an sich zu Gegenbemerkungen kaum Anlaß. Unangenehm Bundesbrüderschaft dem weiblichen Geschlecht freies Ver- wirken sie erst im Zusammenhang mit den übrigen Geboten eins- und Versammlungsrecht vorenthalten. Die große und im Hinblick auf die Gesinnung, aus der heraus auch sie Mehrzahl der„ Gesetzgeber", die dort ihr Unwesen treiben, geboren sind. haben Ja und Amen dazu gesagt, daß trotz revolutionierter Um so schlimmer ist es um die übrigen Gebote" bestellt. Zeiten die Frauen und Mädchen in Preußen heute noch auf Mit einer geradezu verblüffenden spießbürgerlichen Unverdem Gebiet des Versammlungsrechtes mit Lehrlingen und frorenheit marschiert der Satz an der Spitze, daß der Mann Schülern auf einer Stufe stehen. Sie haben es geschehen bedenken solle, er sei wohl der Herr des Hauses, aber nicht lassen, daß das vorsintflutliche Recht mit den fleinlichsten sein Tyrann. Der leitende Redakteur des betreffenden ParteiDie überwachung der gesundheitlichen Einrichtungen der Schikanen gehandhabt worden ist. Die Proletarierinnen organs, Genosse Peus, hat vor Jahren einmal die amüsante Schule, die Anregung zu hygienischen Verbesserungen in haben daher zwiefachen Grund, diese traurige Karifatur Ansicht verfochten, der erste Teil unseres Erfurter Programms Schulbauten und Schulhöfen, Klassenzimmern und Turnsälen, einer Volksvertretung aus tiefster Seele zu hassen und zu könne eigentlich gestrichen werden, der zweite Teil sei die die Fragen der Luftverbesserung und Reinigung, der Besonnung verachten. Die Genossinnen dürfen deshalb keine Gelegen Hauptsache. Genosse Peus scheint jetzt auch auf den zweiten und künstlichen Beleuchtung, der Temperatur und des Feuchtig- heit versäumen, das Proletariat und insbesondere die prole- Teil fein besonderes Gewicht mehr zu legen. Sonst müßte feitsgehalts der Unterrichtsräume, der Heizung und Kleider- tarischen Frauen und Mädchen über die Gemeingefährlich- er wissen, daß in der ersten Forderung des Erfurter Proablage, der Trinkwasserversorgung und Beschaffenheit der Ab- keit des preußischen Landtags aufzuklären. Unaufhörlich gramms das allgemeine gleiche, geheime und direkte Wahltritte, die Einrichtung von Erholungsplätzen und Schulgärten, müssen sie die Massen zum Kampfe gegen diese Spottgeburt und Stimmrecht ohne Unterschied des Geschlechtes von gedeckten Hallen bei Regenwetter, von besonderen Früh- der Konterrevolution aufrufen. für alle über zwanzig Jahre alten Reichsangehörigen verstücksräumen, die Schulbankfrage und viele anderen bilden eine Noch ein weiterer Grund muß ihren Eifer befeuern: Wie langt wird, daß es ferner in der fünften Forderung heißt: weitere große Aufgabe des Schularztes. Ein Schulbrause- die Dinge in Deutschland liegen, kann der Feldzug gegen bad sollte bei jeder Schule gefordert werden; der Zukunft das Dreiklassenwahlrecht nicht geführt werden, ohne zugleich muß es vorbehalten bleiben, darüber noch hinauszugehen: zu einem Kampf für das Frauenstimmrecht zu werden. Schwimmbassins zu bauen und einen Schwimmunterricht in Und für das flassenbewußte Proletariat ist das Frauenden Schulplan einzureihen, Luft- und Sonnenbäder einzurichten, stimmrecht eine grundsätzliche Forderung, die mit seinem um den Kindern die Scheu vor Luftzug, Temperaturwechsel Ringen nach voller Demokratisierung der politischen Rechte und vor der Nacktheit zu benehmen, sie wind- und wetter- innig verknüpft ist. Die werftätigen Massen können daher fest zu machen. Der Zukunft, welche die harmonische Aus den Kampf gegen das Dreiklassenparlament nicht führen, bildung von Körper und Geist wieder zur Wahrheit machen ohne auch mit allem Nachdruck das volle Bürgerrecht der wird, bleibt es auch vorbehalten, durch Einrichtung von Frau zu heischen. Ferienkolonien in großem Umfang an der See und im Gebirge es jedem Großstadtkind zu ermöglichen, während der Ferien sich„ rote Wangen und pralle Muskeln" zu holen, um besser gerüstet zu sein für die Anforderungen, welche die Schule an den Körper und Geist stellt, also zur Verhütung von Gesundheitsschädigungen und nervöser Erschöpfung, nicht erst wie heut-, nachdem Erkrankungen die Notwendig feit einer solchen Kur dargetan haben. Die Zukunft wird vielleicht auch in ungeahnter Weise eine Verallgemeinerung jener zurzeit in der Entwicklung begriffenen und so schöne Erfolge versprechenden Waldschulen und Landerziehungsheime bringen, wie sie heute nur für besonders schwächliche auf der einen, für Kinder der Reichen auf der anderen Seite bestehen. pion Der preußische Landtag. Am 5. Dezember ist der preußische Landtag wieder zusammengetreten. Nicht um das Wohl des Volkes zu fördern, sondern um den Interessen einer kleinen besigenden Minderheit zu dienen. Das entspricht nur seinem Wesen. Der preußische Landtag ist keine Volksvertretung, wohl aber die schändlichste Verhöhnung einer solchen. Er setzt sich zusammen aus einem Herren- und Abgeordnetenhaus. Im Herrenhaus herrscht das preußische Junkertum ganz absolut, und in keinem Parlament der Welt werden so brutale, so reaktionäre Pläne ausgeheckt wie in dieser geistigen Pflanzstätte". Das Abgeordnetenhaus ist nicht viel besser. Dort teilt das Junkertum die Herrschaft mit der Bourgeoisie. Für die Vertreter des arbeitenden Volkes hat dieses traurige Parlament feinen Platz. Ein raffiniert ausgeflügeltes Dreiflassenwahlrecht wehrt ihnen den Eingang. Die breiten werftätigen Massen sind um das Recht geprellt worden, im preußischen Landtag vertreten zu sein. Wir haben in ihm die Vertretung des Juntertums und der Bourgeoisie in Reinzucht, und daß diesem edlen Brüderpaar jedwedes Wirken im Sinne des Fortschritts schon lange vergangen ist, liegt auf der Hand. Die Bourgeoisie im Dreiflassenparlament, ein paar Männ lein ausgenommen, hat von dem Augenblick an, als das Proletariat entschlossen und zielbewußt auf das politische Schlachtfeld trat, den Kampf gegen Junkertum und Absolutismus aufgegeben. Heute bildet sie mit diesen erzreaktionären Mächten zusammen eine arbeiterfeindliche, eine volksfeindliche Einheit, deren ganzes Sinnen und Trachten danach geht, * Trotzdem die Norm für preußische Volksschulen für die einflassige Schule nicht weniger als 80, für die mehrklassige 70 Köpfe beträgt, sitzen zurzeit noch 1/3 Millionen Kinder in Preußen in überfüllten Klassen. Nach einer Untersuchung von Solbrig- Liegnitz über Zustände in ländlichen Schulen in vier schlesischen Kreisen famen in 17 Prozent sämtlicher Schulzimmer weniger als zwei Kubikmeter Luftraum auf den Schüler, zweimal sogar noch nicht ein Kubikmeter auf das Kind bei einer Schülerzahl von 144. Bier Fünftel aller Schulzimmer entsprachen in ihren Lichtverhältnissen nicht den gesetzlichen Anforderungen. In 25 Prozent saßen die Kinder so eng, daß nicht einmal die Mindestbreite von 50 Zentimeter auf den Siz kam. Genossinnen, Proletarierinnen, ans Werk! Ihr, die Gefnechtetsten der Gefnechteten, seid berufen, in erster Reihe zu kämpfen. Sehet hin nach Rußland, wo die proletarische Revolution den Felsblock des Absolutismus in Atome zersprengt. Sehet hin nach Österreich, nach Ungarn, wo eure Brüder, eure Schwestern am Werke sind, die Ketten, die ihre Leiber wund gescheuert, zu zerbrechen. Und ihr werdet hinter euren Schwestern, euren Brüdern im Ausland nicht zurückstehen. Ihr werdet arbeiten, fieberhaft, unablässig, bis der größte Hort der Reaktion in Deutschland, das Dreiflassen parlament in Preußen, fällt. Im Namen der Freiheit, der Kultur, unter dem leuchtenden roten Banner vorwärts! Zehn Gebote für die Männer." Unter dieser überschrift veröffentlichte kürzlich das Dessauer Parteiblatt in seiner Unterhaltungsbeilage die folgenden Regeln: 1. Bedenke stets, daß du wohl der Herr deines Hauses sein sollst, aber nicht sein Tyrann. 2. Vergiß nicht, daß deine Frau kein Engel, sondern ein menschliches Wesen mit allerlei Unvollkommenheiten ist, die du mit derselben Geduld ertragen mußt, wie sie die deinigen. 3. Denke daran, daß die Frau meistens körperlich viel schwächer ist als der Mann und unter den täglichen angreifenden Pflichten des Haushaltes oft nur mit geduldiger überwindung ihrer förperlichen Schwäche arbeitet. 4. Wenn du diese Pflichten nicht bis ins kleinste kennst, so gibt dir das noch kein Recht, sie geringer zu achten als die deinigen: Frauenarbeit sieht man meistens erst dann, wenn sie liegen bleibt. d 5. Halte dir öfter den Spruch vor: ,, Leicht überschätzt der edle Mann Das, was er selbst nicht machen kann. Verkleinernd unter das seine Herabzieht's der Gemeine." 6. Gib deiner Frau gesondertes Geld für die Wirtschaft und für ihre persönlichen Bedürfnisse. Laß sie die Sorgen für die täglichen Lebensbedürfnisse nicht ganz allein tragen, sondern besprich hin und wieder freundlich mit ihr, wo etwa Einschränkungen möglich sind. Gebt dann, wo es nötig ist, beide etwas von teuren Gewohnheiten auf und bedenkt, daß der eigene Herd uns immer lieber wird, mit je größeren Opfern wir seinen Besitz erkaufen müssen. Abschaffung aller Geseze, welche die Frau in öffentlicher und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen." Wenn dem Genossen Peus aus den Gedankengängen des wissenschaftlichen Sozialismus nicht das zukünftige Ver hältnis zwischen Mann und Frau flar geworden ist, sc sollte ihn die knappe, schlichte und leicht verständliche Form obiger Forderung des Erfurter Programms doch vor der Geschmacklosigkeit bewahrt haben, den sozialdemokratischen Ehemann zum„ Herrn" des Hauses zu ernennen. Ähnlich heißt es zwar in einem viel verbreiteten alten Buche:„ Er soll dein Herr sein." über diese naive Forderung ist aber selbst ein großer Teil der bürgerlichen Gesellschaft hinweg; um so verwunderlicher ist es, wenn ein sozialdemokratisches Parteiblatt gläubig zu der alten Anschauung zurückkehrt, daß der Mann der„ Herr" des Hauses ist. Oder besteht gar eine neueste Spielart des Revisionismus darin, die Ar-. beiter auch in ihrem privaten Leben zur Innehaltung des rückständigen fodifizierten bürgerlichen Rechtes anzuhalten? Wie stolz sich wohl ein sozialdemokratischer Ehemann von Peus Gnaden in seinen vier Wänden vorkommt! Er ist der Herr", eine Art häuslicher Monarch, der allenfalls nicht mehr mit absolutistischer tyrannischer Unfehlbarkeit herrscht, sondern seiner Frau gewisse konstitutionelle Rechte einräumt, der aber doch mit überlegener Regierungsgewalt seine häusliche Monarchie dirigiert. Die sozialdemokratische Frau tut mir leid, die sich einem solchen Regiment unterwirft, und die nicht mit ruhiger Bestimmtheit die ihr zustehende Gleichberechtigung beansprucht. Wohl wird in dieser Beziehung noch nicht in allen sozialdemokratischen Familien das rechte Verhältnis hergestellt sein. Das liegt an der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur, an der Macht der Tradition, an den ererbten und darum festsitzenden Vorstellungen. Aber es ist ein Unterschied, ob man sich dieser ärgerlichen Rückständigkeit unterwirft, ob man sie gar zur feststehenden, gültigen Regel erhebt, oder ob man umgekehrt gemeinsam bestrebt ist, sie von sich abzuschütteln und sein eigenes Leben nach den als recht und notwendig erkannten Geboten einer höheren sozialen Organisation einzurichten. Danach müßte das erste Gebot im Gegensatz zu dem Peusschen lauten:" Bedenke stets, daß du nicht der Herr des Hauses bist, sondern daß deine Frau als gleichberechtigte Gefährtin neben dir steht.". Abgeschmackt ist auch das zweite Gebot der Peusschen Gesetzestafel. Aus ihm spricht dieselbe würdevolle überlegenheit des Spießbürgers wie aus dem ersten. Vergiß nicht, Herr des Hauses, daß deine Frau kein Engel ist, sie ist ein menschliches Individuum mit vielen Schwächen. Du mußt sie gnädig mit männlicher Geduld ertragen. Verschämt wird zum Schlusse angedeutet, daß auch der„ Herr" des Hauses nicht ganz frei von Schuld und Fehle ist. Im sechsten Gebot findet sich die materielle Kristallisation der eheherrlichen überlegenheit, die das erste Gebot stolz aufgerichtet hat. Der Mann verdient das Geld, also hat er den Daumen auf den Beutel zu halten. Er teilt das Geld aus, und in überlegener Vorsorglichkeit wird er der Frau zwei Summen einhändigen, die eine, um damit zu wirt7. Habe hin und wieder ein freundliches Lob schaften, die andere gleichsam als„ Trinkgeld", oder, um den für die Geschicklichkeit deiner Frau im Haushalt besonders dafür geschaffenen spießbürgerlichen Ausdruck zu und ein zärtliches Wort für sie. Es tut ihr unbeschreiblich gebrauchen, als„ Nadelgeld". Dem Verfasser dieses spaßwohl, wenn sie es vielleicht auch nicht sagt. Ihr Sorgen haften Gebots scheint gar nicht der Gedanke zu kommen, und Mühen für dein Wohl geschieht dann mit doppelter daß in einer von echtem sozialdemokratischen Geiste durchFreudigkeit und hilft ihr über manche Stunde hinweg, wo wehten Familie gar kein Raum ist für die rein bürgerliche du im Geschäftsärger und unter sonstigen Sorgen dich ein- Ansicht, daß der Mann der„ Erhalter" der Familie ist, und mal wenig gerecht zeigst. daß er deshalb auch als allgewaltiger Finanzminister zu ästimieren ist. Der rechte sozialdemokratische Ehemann wird seiner Frau nicht ihren Anteil an dem von ihm verdientey 8. Laß die Gerechtigkeit auch im Hause deine vornehmste Tugend sein und habe keine Lieblinge unter deinen Kindern, Nr. 25 Geradezu lächerlich wirkt das siebente Gebot. Man sieht im Geiste den Familienpascha vor sich, der manchmal, je nach Laune und Stimmung, seiner untergeordneten Frau ein Lob spendet, damit sie hernach noch um so eifriger für SEIN Wohl besorgt ist. Breit und salbadernd fließt dem Gerechten" das Lob von den Lippen, oder er schäfert freund lich mit ihr wie- ja wie denn gleich? wie Helmer mit seiner Nora. Als Nora aber erkannte, daß sie von ihrem zärtlichen und mit Lobsprüchen nicht fargenden Eheherrn nur wie eine Puppe, ihm zur Lust und zur Behaglichkeit er schaffen, betrachtet wurde, warf sie ihm den Bettel vor die Füße und verließ das Haus. Mit welchen Gefühlen wohl der Verfasser der„ Zehn Gebote für Ehemänner" den Schluß des Jbsenschen Dramas aufnimmt? Ich entsinne mich einer Aufführung zu Anfang der neunziger Jahre, als ein hanseatischer Grande aus seiner Loge stürzte und empört ausrief: „ Unerhört! Solche Stücke müßten verboten werden!" Ich habe damals als Sozialdemokrat darüber gelacht. Aber weinen möchte man, wenn man sieht, daß heutzutage noch die Helmers in der sozialdemokratischen Partei herumlaufen und für ihre rückständigen Ansichten Propaganda machen. Das neunte Gebot hängt eng mit dem siebenten zusammen. Zuckerbrot heute, die Peitsche morgen. Wie würdevoll, wie erhaben, wie edelmütig:„ Frage deine Frau nach dem Grunde ihrer Handlungsweise, ehe du tadelst." Tadeln mußt du sie zwar, denn sie ist ein„ menschliches Wesen mit allerlei Unvollkommenheiten", aber o du weiser, du gerechter Gesetzgeber! frage anstandshalber, warum sie die Dummheit gemacht, wofür du sie tadeln mußt. Sollte sich nicht auch noch ein Zensurenbuch empfehlen, in das die im Laufe des Jahres vom„ Herrn" des Hauses ausgeteilten Lobsprüche und Tadel eingetragen werden? Diesmal denkt der Verfasser der Gebote gar nicht mehr daran, daß auch der Herr" des Hauses gelegentlich einmal Anlaß zum Tadel geben könnte. Wahrscheinlich hält er den Herrn" für tadelfrei, oder er stellt ihn doch außerhalb der häuslichen Gerichtsbarkeit. Für ihn gibt es keinen Ankläger, feinen Tadler. Die Gleichheit Aus der Bewegung. " 147 Bohne kraft eingebildeter höherer Einsicht zumessen, sondern haft erwartete Tag gekommen. Um 28 Uhr früh, in den Organisierung der Arbeiterinnen für die ganze Entwicklung er wird seinen Lohn auf den Tisch legen und gemeinsam entfernteren Bezirken schon früher, waren die Massen ver- unserer Partei hat, forderte der Referent zu eifrigster Agimit seiner Frau über die Einteilung beraten. Dann braucht sammelt. Und überall, in jedem einzelnen Bezirkszug große tation auf. Um die Arbeiterinnen über die Wichtigkeit der er ihr auch nicht hin und wieder" einen freundlichen Wink Frauenzüge, einzelne nach Hunderten zählend. Die Arbeite- Gewerbeinspektion besser aufklären zu können, beschloß die mit dem Zaunpfahl zu geben, wo und wie sie sich besser ein- rinnen gingen nicht alle geschlossen in den Bezirkszügen, Versammlung die Wahl einer Kommission, die aus Verschränken kann, sondern beide werden aus den gemeinsamen sondern nach Branchen geordnet. Besonders start waren trauenspersonen derjenigen Gewerkschaften bestehen soll, in Beratungen wissen, wie sie ihr Leben einzurichten haben, um die Züge der Heimarbeiterinnen mit eigenen Standarten, denen Frauen organisiert sind. Die Kommission hat zugleich mit dem schmalen Lohne auszukommen. Auch die Schluß die sozialdemokratischen Frauen und Mädchen mit die Aufgabe, Beschwerden über ungenügende Gewerbewendung dieses Gebots vom eigenen Herd" hat einen einer roten Fahne, die Kartonnagearbeiterinnen, die inspektion entgegenzunehmen und für Abhilfe zu sorgen. Die verteufelt altväterischen, kleinbürgerlichen Beigeschmack in Bauhilfsarbeiterinnen, die Ziegelarbeiterinnen Wahl erfolgt in einer späteren Versammlung. Hoffentlich der Zeit des Großbetriebs auf der einen und der Zer- von Ingersdorf; andere Arbeiterinnen nach Fabriken machen die Arbeiterinnen von der Beschwerdekommission rüttung des Arbeiterheims durch den Kapitalismus auf der gruppiert. Unermüdlich harrten die Frauen aus. So regen Gebrauch, damit ihre elenden Arbeitsverhältnisse endanderen Seite. mußten die Heimarbeiterinnen Ottakrings zwei Stunden lich einmal eine kleine Besserung erfahren. Marie Chmielewski. mit ihrem Bezirk bei der Babenbergerstraße stehen, bis am Aufstellungsplatz für sie Raum wurde. Was diese schlecht Die Proletarierinnen Münchens haben sich endlich aus ihrem genährten, überarbeiteten Frauen geleistet haben, fann man Gleichmut und ihrer Resignation aufgerafft. Um wirksamer daraus ermessen, daß sie schon um 1/28 Uhr am Auf- für die gemeinsamen Interessen eintreten zu können, schlossen stellungsplatz in ihrem Bezirk versammelt waren, und erst sie sich Ende November in einem Frauenbildungsverein für um 2 Uhr fonnten sie beim Parlament vorüberdefilieren. München und Umgebung zusammen, zu dessen Vorsitzende So noch viele andere. Und abends waren alle wieder in Genossin Timm gewählt wurde. Der junge Verein zählt den Versammlungen, um zu hören, was im Parlament ge- bis jetzt 21 Mitglieder und hat der„ Gleichheit" schon eine wesen. Statt einer Versammlung mußten zwei und drei Anzahl Abonnenten zugeführt. Hoffen wir, daß durch eine gemacht werden. überwältigend war der Tag verlaufen, rege Agitation die proletarischen Frauen Münchens immer nicht nur in Wien, wo von früh bis in den späten Nach mehr zu der Erkenntnis gelangen, daß sie vereinzelt nichts mittag das rote Banner in allen Schattierungen durch sind, vereint aber alles. Josefa Lachenmeyer. Nach vielen Bemühungen, die an der Ungunst der Veralle Stadtteile in unübersehbarer Menge leuchtete, sondern im ganzen Reiche. In Graz und in Reichenberg wurden hältnisse scheiterten, ist es endlich gelungen, in Solingen noch in den letzten Tagen Arbeiterinnenversammlungen ab- eine Frauenbewegung ins Leben zu rufen. Schon im Laufe gehalten, die Tausende von Arbeiterinnen vereinigten. In dieses Jahres fanden mehrfach Versammlungen statt, um die schlesischen und böhmischen Industrieorten waren die Ver- Arbeiterinnen aus ihrer Interesselosigkeit zu reißen. über die sammlungen so besucht, daß Türen und Fenster entfernt erste derselben, in welcher Genossin Dr. Michels referierte, werden mußten, und überall Frauen, arbeitende Frauen ist schon in der„ Gleichheit" berichtet worden. Im August in unübersehbarer Zahl. Und überall dieselbe Frage: Ist rief die unterzeichnete Kreisvertrauensperson zwei weitere es schon der Generalstreit, streifen wir, bis wir Versammlungen zum Protest gegen die Fleischnot ein. Das das Wahlrecht haben? überall Entschlossenheit, der prächtige Referat der Genossin Zieß hatte den besten ErGlaube an die Kraft, der Glaube an den Sieg. Und folg. In Solingen meldeten sich 100, in Wald 70 Lesebei allen Proletarierinnen die überzeugung, daß es nicht rinnen für die Gleichheit", die bald darauf durch eine allein ein Kampf um Männerrechte ist, sondern nur eine Protestversammlung in Ohligs mit Genossen HengsbachVorbedingung zum wirklichen allgemeinen, gleichen Köln als Referenten weitere 50 Abonnenten gewann. Anfang Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechtes. Oftober erörterte eine Versammlung die Gründung eines Adelheid Popp. Frauenbildungsvereins. Nach einem Vortrag des Genossen May über„ Die Entstehung der Familie und des Staates" nahm die Unterzeichnete zum Hauptpunkt der Tagesordnung das Wort. Alle anwesenden Frauen erklärten Von der Agitation. In Königsberg sprach Genosse sich mit ihren Darlegungen einverstanden. Die Versammlung Haase Ende Oktober in einer öffentlichen Versammlung, die schritt sofort zur Wahl einer viergliedrigen Kommission, von mindestens 800 Personen, meist Frauen, besucht war. welche die Vorarbeiten für den zu gründenden FrauenNach dem vorzüglichen Referat wurde einstimmig eine bildungsverein erledigen sollte. 65 Frauen meldeten sich zum Resolution angenommen, die den Magistrat und die Stadt Beitritt zu demselben. Die folgende Versammlung, in welcher verordneten Königsbergs ersucht, die Stadtverwaltung selbst Genossin Plum- Essen referierte, brachte weitere 38 Mitmöge zur Linderung der immer fühlbarer werdenden Hungers glieder für die neue Vereinigung. Die endgültige Konnot die Einwohner der Stadt mit Fleisch versorgen. Die stituierung des Vereins ist seither erfolgt. Es wurden in Versammlung beschloß die Gründung eines Bildungs- den Vorstand gewählt die Genossinnen Berendt, Bosawé, vereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Ern und Messerschmidt. Durch die fleißige Agitation 144 Frauen und Mädchen erklärten durch Namensunterschrift, ist die Zahl der„ Gleichheit"-Leserinnen in der kurzen Zeit als Mitglieder beitreten zu wollen. Am 3. November fand bis auf 325 gestiegen. Das günstige Resultat soll den Gedie konstituierende Versammlung statt, in der sofort mehr nossinnen ein Ansporn sein, mit unermüdlichem Gifer zur als 100 Frauen ihren Beitrag zahlten und 50 Abonnenten Erreichung des vorgesteckten Zieles weiterzuarbeiten. Keine für die Gleichheit" gewonnen wurden. Es erfolgte an Mühe und fein Opfer wird sie zurückschrecken vor der ErStelle eines Vortrags die Vorlesung der Broschüre von füllung dessen, das sie als ihre Pflicht erkannt haben. Mathilde Caspers. W. Hepler:„ Welchen Wert hat die Bildung für die ArIn Breslau fand eine Arbeiterinnenversammlung statt, beiterin". Der Vorstand besteht aus den Genossinnen Rakutt, Reiher, Grote, Erdmann und Winkler. Die Gründung die sich eines zahlreichen Besuchs erfreute. Genossin Wadwikdieses Vereins ist ein erfreuliches Zeichen dafür, daß auch Dresden hielt ein Referat über„ Die wirtschaftlichen Kämpfe die Königsberger Frauen vorwärts marschieren. Möge die im Zeichen der Unternehmerorganisation". Sie beleuchtete Organisation wachsen und gedeihen. Frau Now agrotski. scharf die Profitsucht der herrschenden Klasse, der ganz beIn einer öffentlichen Volksversammlung in Köln referierte sonders die weiblichen Arbeiter zum Opfer fallen. Pflicht Genosse Erkes über„ Kindermord und Frauenfrage". Der jeder Proletarierin sei, Schulter an Schulter mit dem Manne Redner erörterte eingehend das Thema und kam zu dem zu kämpfen zur Erringung einer schöneren, freien Zukunft. Schlusse, daß die heutige Gesellschaftsordnung nicht imstande An den mit stürmischem Beifall aufgenommenen Vortrag sei, die auf diesem Gebiet herrschenden Mißstände zu be- schloß sich eine rege Debatte, in welcher unter anderem die Die Arbeiterinnen am Wiener Wahlrechtstag. feitigen. Nur der Sozialismus könne die Lösung der vor- Frauen zum feſten Zusammenschluß und zum Abonnement liegenden Probleme geben. Großer Beifall lohnte den Refe- auf die„ Gleichheit" und der Parteipresse aufgefordert wurden. Noch steht alles unter dem überwältigenden Gindruck der renten für seine lehrreichen Ausführungen. Es wäre im Mit einem warmen Appell an die Frauen und Mädchen, den Kundgebung vom 28. Nopember, die alle Erwartungen der Interesse unserer Frauenbewegung von großem Vorteil, wenn gespendeten Beifall in die Tat umzusetzen, schloß Genosse Rosa Wolf. Peterhansel die imposante Versammlung. Parteigenossen weit übertroffen hat. Die Frist, innerhalb derartige Vorträge öfter gehalten würden. In einer Ende Oktober in Mülheim a. Rh. stattgefundenen Martha Reimelt. welcher die Agitationsarbeit für den Demonstrationszug In einer Reihe von Versammlungen, welche besonders getroffen werden mußte, war verhältnismäßig furz, aber Volksversammlung gab die Vertrauensperson der Genossinnen alles arbeitete mit solcher Begeisterung, mit einer heiligen den Kassenbericht für die Monate Juni bis Oktober. Die die Frauen aufklären und für den proletarischen Klassenkampf Hingebung an die Sache, daß der gewordene Erfolg wahr Gesamteinnahmen betrugen 178,55 Mark, die Ausgaben gewinnen sollten, hat die Unterzeichnete in letzter Beit refescheinlich auch erreicht worden wäre, wenn das Parlament, 135,11 Mart, so daß ein Bestand von 43,44 Mark verbleibt. riert. In einer öffentlichen Versammlung in Düsseldorf wie ursprünglich geplant, am 21. November eröffnet worden Der Vertrauensperson, Genossin Hauer, wurde Entlastung stand das Thema auf der Tagesordnung:„ Die Frau, nicht Hausstlavin, sondern Kampfgenoffin". Der Vortrag darüber wäre. Die Genossinnen arbeiteten mit demselben Gifer erteilt und ihre Wiederwahl einstimmig beschlossen. Der fünfte sächsische Reichstagswahlkreis Dresden- wurde mit großem Beifall aufgenommen. Am Schlusse der wie die Genossen. Unmittelbar nach dem Parteitag kam das Frauenreichskomitee zu einer Sizung zusammen. An die Altstadt veranstaltete Ende Oktober eine öffentliche Frauen- Versammlung meldete sich eine Anzahl der zahlreich erGenossinnen erging die Aufforderung, überall Frauenver- versammlung, die leider nicht sehr gut besucht war, mit der schienenen Frauen und Mädchen zum Abonnement auf die sammlungen abzuhalten und sich den Vertrauensmännern Tagesordnung:" Anregungen des Parteitags in Jena zur Gleichheit". Auf Anregung der organisierten Genofsinnen zur Verfügung zu stellen, wo eine gemeinsame Arbeit ge- Agitation in der Arbeiterinnenbewegung" Genosse Krüger von Köln sprach ich Ende Oktober in fünf Versammlungen. boten ist. Das Frauenreichskomitee arbeitete unermüdlich, befaßte sich in seinem Referat unter anderem mit der Or- über drei derselben ist schon berichtet worden, die beiden um auch die Proletarierinnen zur Arbeitsruhe am Tage ganisierung der Frauen und wies darauf hin, daß in Sachsen anderen fanden in Kalk und in Poll statt. Der Besuch der Parlamentseröffnung zu gewinnen. In Wien haben das weibliche Geschlecht von dem ihm zustehenden Rechte war fast durchweg gut, nicht nur seitens der Männer, sondern fieben große Frauenversammlungen stattgefunden und zahl der politischen Organisierung, welches den Frauen in den auch seitens der Frauen und Mädchen. überall folgten die Lose Fabriks- und Werkstättenversammlungen, die alle nur meisten anderen Bundesstaaten vorenthalten wird, leider noch Anwesenden dem Vortrag mit Verständnis und größter ein Thema hatten: Die Arbeitsruhe am Tage der recht wenig Gebrauch macht. Die Frage der Jugenderziehung Aufmerksamkeit. Nachdem die Unterzeichnete in Essen den Parlamentseröffnung. überall gelobten die Industrie- unterzog der Referent einer eingehenden Erörterung und Bericht über den Jenaer Parteitag abgestattet hatte, referierte arbeiterinnen ebenso wie die heimarbeitenden Frauen, am empfahl der Versammlung hauptsächlich die diesbezüglichen fie Mitte November in Solingen und Eving bei Dort28. November nicht zu arbeiten. Spontan riefen die prole- interessanten Artikel in der„ Gleichheit". An der dem Vor- mund. Alles in allem ist der Erfolg der Versammlungen Frau Plum. tarischen Hausfrauen in den Versammlungen: Aber auch trag folgenden Debatte beteiligten sich mehrere Genofsinnen. ein recht zufriedenstellender. Martha Streine. Von den Organisationen. Der Verein für Frauen und gekocht wird am Demonstrationstag nicht, auch In Magdeburg nahm Mitte Oktober eine öffentliche Mädchen der Arbeiterklasse in Spandau feierte Mitte das häusliche Feuer muß ruhen. Das Zusammenwirken aller Kräfte hat es auch zustande gebracht, daß in Frauenversammlung den Bericht der Unterzeichneten vom November sein erstes Stiftungsfest, an dem zirka 450 bis einer Zahl wie noch nie die Frauen mitdemonstriert haben. Parteitag in Jena entgegen. Im Anschluß hieran referierte 500 Personen teilnahmen. Aus dem äußerst vielseitigen Was soll man über die Versammlungen sagen? Eine gleich Genosse Beims über:" Die Stellung der Frau zur Gewerbe- Programm ist besonders die Festrede hervorzuheben, die der anderen zum Erdrücken voll. Endlich war der fieber- aufsicht". Im Hinblick auf die große Bedeutung, welche die Genossin Baader- Berlin in begeisternder Weise hielt. Das Das zehnte Gebot empfiehlt zwar eine bei guten Ehe verhältnissen allgemein geübte Gepflogenheit; aber unsagbar spaßhaft wirkt doch auch wieder der daran geknüpfte Rat, umschichtig das Wort zum Guten zu sprechen. Man stelle sich nur die Komik der Situation in der Praxis vor, wenn sich die beiden im stillen oder gar laut fragen:„ Wer ist daran? Du oder ich?" Alles in allem: die zehn Gebote des„ Dessauer Volfs blatts" mögen für Spießbürger passen, zu Sozialdemokraten stehen sie ungefähr in demselben Verhältnis wie die Eugen Richterschen Irrlehren zu Mary Kapital. Wohl gäbe es manches beherzigenswerte Gebot und manche Erfahrung aus dem Gheleben für sozialdemokratische Eheleute auszusprechen. Aber sie müssen auf dem Boden der proletarischen Verhält nisse erwachsen und von der sozialistischen Weltanschauung diftiert sein, wenn sie Wert haben und Früchte tragen sollen. Jede bewußte und unbewußte übertragung spießbürgerlicher Ansichten und Rückständigkeiten muß mit aller Entschieden heit zurückgewiesen werden. Heinrich Schulz. 148 Die Gleichheit Nr. 25 Fest, dessen Verlauf alle Erschienenen höchlichst befriedigte. führte dem Verein zehn neue Mitglieder zu. Anna Liersch. Jahresbericht der Leipziger Vertrauensperson. Die Frauenbewegung in Leipzig befindet sich zurzeit im Stadium einer äußeren Umwandlung. Bis vor kurzem bestand hier ein sozialdemokratischer Frauenverein mit ca. 250 Mitgliedern. Er sorgte durch politische, pädagogische, hygienische und andere Vorträge für die Aufilärung seiner Mitglieder und lieferte ihnen für einen Monatsbeitrag von 30 Pfennig auch die„Gleichheit" gratis. Mit dem. was der Verein für die Schulung der Frauen leistete, können wir sehr zufrieden sein. Er hat eine ganze Reihe seiner Mitglieder zu überzeugten, rührigen und zum Teil redegewandten Genossinnen herangebildet. Seine Ausdehnung freilich hielt mit seinen Leistungen nicht recht Schritt. Das mag zum Teil darauf zurückzuführen gewesen sein, daß viele Genossen den Verein nicht allzugern sahen, sondern ihn als Eigen- brödelei betrachteten. Am 31. Mai dieses Jahres faßten nun die Genossinnen den Beschluß, den Verein aufzulösen und sich den lokalen Organisationen der Genossen anzuschließen. In allen der Partei zugehörenden Vereinen wurde der Mitgliedsbeitrag für die Frauen auf 20 Pfennig festgesetzt und ihnen dafür die„Gleichheit" geliefert. Nur der Volksverein Leipzig-Gohlis hat für seine weiblichen Mitglieder einen Beitrag von 40 Pfennig beibehalten. Die Folge dürfte sein, daß dort die Zahl der organisierten Frauen zurückbleibt. Der Anschluß der Genossinnen an die lokalen Parteivereine hat sich besonders insofern bewährt, daß die in ihrer Zeit beschränkten Frauen leichter imstande sind, Versammlungen in ihrem Vorort zu besuchen, als die im Mittelpunkt der Stadt stattfindenden Frauenvereinsversammlungen. Die genaue Zahl der den Parteivereinen beigetretenen Frauen läßt sich jetzt nicht feststellen, da die Reorganisation noch nicht abgeschlossen ist. Zirka 500 bis 600 politisch organisierte Frauen dürften wir wohl schon in Leipzig zählen, die Vororte mitgerechnet. Die Diskussionsabende, die schon eine Reihe von Jahren für die Genossinnen abgehalten wurden, sind um ihres erzieherischen Wertes willen auch bei der Neuordnung der Dinge beibehalten worden. An diesen Abenden wurden das Erfurter Programm sowie verschiedene politische und gewerkschaftliche Fragen durchgesprochen. Diese Besprechungen waren die Grundlage für kleine Vorträge, welche die Genossinnen ausarbeiteten und hielten, und die von den Teilnehmerinnen kritisiert wurden. Die Genossinnen müssen der Reihe nach die Diskussionsabende leiten, um dann auch in ihren Vereinen Versammlungen leiten zu können. Zur Ausbildung von Schriftführerinnen wird über das Besprochene Protokoll geführt. Eine Anzahl Genossinnen beteiligten sich mit Erfolg an öffentlichen Gewerkschafts- sowie Werkstubenversammlungen, bei denen es sich um die Organisierung der Arbeiterinnen handelte. Für die gewerkschaftliche Arbeit der Genossinnen besteht eine Frauenagitationskommission, die auch im Gewerkschaftskartell Sitz und Stimme hat. Dagegen ist seit der Gründung des Arbeitersekretariats die Beschwerdekommission der Genossinnen aufgelöst worden. Häufig werden indes die früheren Mitglieder derselben noch von Arbeiterinnen aufgesucht. Wir verweisen sie, wenn sie organisiert sind, an das Sekretariat, im anderen Falle an die Organisation. Möchten die Genossinnen nicht nur zahlende Mitglieder der Bereine sein, sondern sich auch rege an allen Parteiarbeiten beteiligen. Auf, Genossinnen, zu neuem Wirken, aus daß im nächsten Jahre wiederum über eine erfolgreiche Tätigkeit berichtet werden kann. Toni Frenze!. Die Forderung des Frauenstimmrechtcs anläßlich der großen Wahlrechtsdemonstrationen in Sachsen zu erheben, veranlaßt« Genossin Baader die sozialistischen Frauen. In einem Zirkular forderte sie die Vertrauenspersonen der Genossinnen in Sachsen auf, darauf hinzuwirken, daß gemäß der Beschlüsse von Dresden und Amsterdam die Forderung des Frauenwahlrechtes nicht vergessen werde. Es versteht sich, daß diese Mahnung auch für die Genossinnen und Genossen anderer Bundesstaaten gilt, wo das Proletariat in nächster Zeit für die Demokratisierung des Wahlrechtes kämpfen wird. Die sächsischen Genossinnen im Kampfe um das Wahlrecht. In ganz Sachsen fanden am 18., 19. und 20. November Versammlungen statt, in welchen das Volk die Beseitigung des sächsischen Wahlunrechtes forderte, llberall haben sich die Frauen rege an den Versammlungen beteiligt. In Leipzig forderten die Genossinnen in allen Versammlungen das aktive und passive Wahlrecht für alle Staatsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechtes. Die Frauen sind überall aufgerüttelt worden, sie begreifen, daß auch sie das Wahlrecht besitzen müssen, damit sie sich und die Ihrigen gegen die Ausbeutung und Unterdrückung durch den Geldsack verteidigen können. Gerade in Sachsen ist es das Kapital, das mit Hilfe des elenden Wahlrechtes herrscht. Die Folgen davon sind schamlose Auswucherung der arbeitenden Massen, Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel und politische Knechtung. Das kommt auch den Frauen mehr und mehr zum Bewußtsein, ganz besonders jetzt vor dem Weihnachtsfest. Wie viele Proletarierinnen, die es den Ihrigen zu einem Feste der Freude machen möchten, sehen ihm in Schmerzen und Sorgen entgegen. Möchte doch die Not der Zeit alle Frauen der werktätigen Massen zu der Erkenntnis wachrütteln, daß sie sich mit Ernst und Mut am politischen Leben beteiligen müssen. Kein einziges Weib sollte sich durch den Gedanken vom politischen Kampfe abhalten lassen, daß dem ehrbaren Spießer die Haare zu Berge stehen, wenn er von politisch tätigen Frauen und von Frauenwahlrecht reden hört. Wir Proletarierinnen müssen über das Gezeter der Philister, wie über die albernen Witze hinweggehen, mit denen Staatsmänner vom Schlage eines Posadowsky die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes lächerlich zu machen suchen. Wir müssen im Kampfe um das Stück Brot unsere Pflicht erfüllen so gut wie der Mann. Wir erhalten vom Staate Lasten aufgebürdet so gut wie er. Und wenn wir keinen Militärdienst leisten, so haben wir dafür die Soldaten zu gebären und zu erziehen. Deshalb müssen auch wir volles Bürgerrecht erlangen. Wir wollen es nützen, um das alte, morsche Ding des kapitalistischen Ausbeuterstaates jung zu schmieden in die sozialistische Zukunftsgesellschaft. Der Besitz des Wahlrechtes ist für uns eine unentbehrliche Waffe, am Kampfe des Proletariats für seine Befreiung mit voller Kraft tellnehmen zu können. llberall, wo in Sachsen gegen das schändliche Wahlunrecht demonstriert wird, müssen deshalb die Genossinnen in den vordersten Reihen stehen. Überall müssen sie sich angelegen sein lassen, noch indifferente Männer und Frauen über die Bedeutung des eingeleiteten Kampfes aufzuklären. Wir sind sicher, daß sie es an Mut, Tapferkeit und Ausdauer nicht fehlen lassen, denn sie wissen, daß ihr Ringen einem hohen Ziele gilt. � B. P., Leipzig. Frauen bei Wahlen. Bei den Vertreterwahlen zur Allgemeinen Ortskrankenkasse in Elberfeld erlitten die Christlichen eine schwere Niederlage. Die freien Gewerkschaften erhielten 4461 Stimmen, die Christlichen mußten sich mit 1198 Stimmen begnügen. Die„Freie Presse" schreibt dazu: „Ungemein stark war die Beteiligung der weiblichen Kassenmitglieder an der Wahl. Diese Tatsache erfüllte unsere Christlichen mit besonderer Freude, glaubten sie doch, daß diese Frauen und Mädchen ausnahmslos für ihre Liste stimmen würden. In Wirklichkeit dürfte aber ein großer, wenn nicht gar der größte Teil der Frauen und Mädchen für die freien Gewerkschaften gestimmt haben. Jedenfalls ein besonders erfreuliches Moment der Wahl, das gewiß insofern weitere Folgen haben wird, als sich die Gewerkschaften im kommenden Jahre ernstlich mit der Ausstellung von weiblichen Vertretern sicherlich beschäftigen werden. Es könnte jedenfalls nur zweckmäßig sein, wenn sogar im Vorstand ein weibliches Mitglied Sitz und Stimme hätte." Ganz unsere Meinung, die wir stets vertreten haben. Agitation im fünften und dritten Schleswig-Holsteinischcn Wahlkreis. „Die Agitation unter dem weiblichen Proletariat ist in industriearmen Gegenden von wenig Erfolg begleitet und deshalb ziemlich zwecklos." So urteilen leider nur zu oft unsere Genossen. Soweit die Agitation für die Gewerkschaften in Frage kommt, haben sie zweifellos recht. Soweit es sich jedoch um die politische Agitation handelt, keineswegs. Im Gegenteil. Die Frau, die das Glück hat, sich noch ihrer Familie widmen zu können, die nicht fürs Brot mitzuarbeiten braucht, hat mehr Zeit und Kraft, sich mit politischen Fragen eingehend zu beschäftigen, als eine gewerblich tätige Frau. Hier heißt es für die Agitation nur anknüpfen an politische Tagesfragen, die tief eingreifen in die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Arbeiterfrau, der Arbeiterfamilie. Was wäre zum Beispiel ein geeigneterer Ausgangspunkt für die politische Aufklärung unserer Hausfrauen als die Zoll- und Handelspolitik, um so mehr, wenn diese als agrarische Auswucherungspolitik in die Erscheinung tritt. Das aber just gegenwärtig, wo sich die Fleischnot andauernd und in steigendem Maße fühlbar macht, wo jeder Fleischeinkaus ein bedenklich großes Loch in den Arbeitergeldbeutel reißt, oder was noch schlimmer ist, wo Tausende Arbeiterfrauen auf den Einkauf von Fleisch verzichten müssen. Ein kurzer Aufenthalt in dem Metzgerladen eines Arbeiterviertels belehrt uns darüber, wie die unerschwinglich hohen Fleischpreise geradezu aufreizend wirken. Unsere Pflicht ist es, dafür zu sorgen, daß die gerechte Empörung der Frauen nicht in gelegentlichen Unmutsäußerungen verpufft, sondern sich konzentriert zu einem planmäßigen Kampfe gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung, in der Beteiligung an der Arbeiterbewegung. Das reaktionäre Vereinsgesetz hindert uns ja leider, im größten Teile Deutschlands die Frauen dem sozialdemokratischen Verein zuzuführen. Jedoch ist es möglich, ohne mit dem Vereinsgesetz in Konflikt zu kommen, die für unsere Bewegung sich interessierenden Frauen in Fühlung mit der Vertrauensperson zu bringen, die an den einzelnen Orten tätig ist, und einen Rahmen für deren Zusammenfassung zu finden. Sorgen wir außerdem dafür, daß jede dieser Frauen Abonnentin unserer„Gleichheit" wird, so ist damit gleichzeitig ein geistiges Band um dieselben geschlungen. Um in diesem Sinne unter den Frauen und Mädchen des fünften Kreises in Schleswig-Holstein zu agitieren, fanden eine Reihe öffentlicher Versammlungen statt, die durchweg vom besten Erfolg gekrönt waren. In Kellinghusen, wo übrigens eine Anzahl Frauen in der Tabakindustrie, in der Töpferei, beim Steineverladen usw. tätig sind, wurde eine Vertrauensperson und eine Stellvertreterin gewählt, die„Gleichheit" gewann 20 Abonnenten. In Itzehoe sind sehr viele Frauen industriell tätig, vor allem in der Textilindustrie. Mit Recht wurde daher von unserem Kreisverlrauensmann Genossen Kellermann darauf hingewiesen, daß die weibliche Vertrauensperson außer ihrer politischen Agitationsarbeit sich auch der Agitation unter den noch fast vollständig indifferenten Textilarbeiterinnen zu widmen hat. Sie muß Material über die Mißstände in den Fabriken sammeln, um daran anknüpfend um so erfolgreicher die Aufklärung unter diese Lohnsklavinnen tragen zu können. Als Resultat der Versammlung ist zu verzeichnen: zirka 70 Leserinnen für die„Gleichheit" sowie eine Anzahl neuer Mitglieder für den Wahlvercin. JnLägerdorf, Wilster, Heide, Meldorf und Brunsbüttel wurden weibliche Vertrauenspersonen gewählt sowie eine Anzahl Abonnenten für unsere Presse, vor allem auf die„Gleichheit", gewonnen. Dagegen mußte in Marne und Büsum die Wahl einer Vertrauensperson unterbleiben, weil nicht die nötigen Vorarbeiten dafür gemacht waren. Die Genossen versprachen, dies für die nächste Zeit nachzuholen. In Büsum erhielt die„Schleswig-Holsteinische Volkszeitung" das erste Dutzend Abonnenten; dem Wahlverein wurden 13 Mitglieder zugeführt. In beiden Orten sind die Arbeiterfrauen und Kinder oft bis spät in die Nacht hinein beim Krabbenschälen (als Heimarbeit) beschäftigt. Wiederum ein Beweis, wie lßeuig das Kinderschutzgesetz beachtet wird. Würde die Kinderarbeit ausgeschaltet, so hätten es die Frauen just bei dieser Beschäftigung leicht, eine bessere Bezahlung zu erlangen. An den konservierten Krabben sowie am Krabbenexlrakt wird seitens der Fabrikanten ein sehr hoher Verdienst erzielt. Jetzt aber wird bei der Festsetzung der Löhne von vornherein die Tatsache in Kalkulation gezogen, daß Kinder mitarbeiten. In Marne haben die Frauen übrigens im Vorjahre durch ihre Einigkeit die Erhöhung des Lohnes von 5 Pf. auf 6 Pf. pro Pfund erzielt. Die Agitation brachte der„Gleichheit" 200 bis 250 neue Leserinnen. Im Anschluß an sie folgten eine Anzahl Versammlungen im dritten Kreise: in Loose, Eckernförde, Schleswig, Bütelsdorf und Friedrichsort. In Loose, einem rein ländlichen Orte, ist an eine Frauenbeivegung noch nicht zu denken, wenn auch erfreulicherweise eine ganze Anzahl Frauen mit großer Aufmerksamkeit dem Vortrag folgten. Dagegen wurden in allen übrigen Orten Genossinnen mit dem Posten einer Vertrauensperson betraut und die„Gleichheit" erfolgreich eingeführt. So wurden in Friedrichsort zum Beispiel 60 Abonnenten gcwwnen, im ganzen in den vier Versammlungen 160. Hier wie im fünften Kreise versprach man, nicht nur die Frauen zum Abonnement auf die„Gleichheit" zu veranlassen, sondern sie auch an die dauernde freiwillige Beitragsleistung zu gewöhnen, wie sie im sechsten und zum Teil auch im siebten Kreise durchgeführt ist. Dieser Tage setzt die Agitation unter dem weiblichen Proletariat auf die Veranlassung der Genossin Baumann auch im achten Kreise ein, so daß wir bald von einer lebhaften Frauenbewegung in der ganzen Provinz werden reden können. Luise Zietz. Politische Rundschau. Das Weihnachtsgeschenk, das die Reichsregierung dem deutschen Michel— aus der Tasche ziehen will, um es dem Militärmoloch in den unersättlichen Schlund zu stopfen, be- läuft sich auf eine Viertelmilliarde an neuen Steuern. Die einzige darunter, mit der wir einverstanden sein könnten, ist die Erbschaftssteuer, aber auch nur unter der Voraussetzung, daß dafür andere, auf der breiten Masse der Bevölkerung lastende Abgaben, zum Beispiel die Salzsteuer, oder Zölle aller Art aus notwendige Lebensmittel aufgehoben werden. Daran denken aber natürlich die politischen Mandatare des Großbesitzes in den Regierungen nicht. Nur auf Vermehrung der Abgaben, nicht auf deren rationelle Umgestaltung kommt es ihnen bei der sogenannten Finanzreform an. Massenkonsumartikel wie Bier und Tabak, Verkehrsmittel wie Fahrkarten sollen bluten, die Belastung des Volkes durch indirette Abgaben ist das alte Mittel, das die Reichsbureaukratie auch jetzt nur vorzubringen weiß, nachdem trotz wiederhotter Abgabenerhöhungen die Reichsfinanzen in ein chronisches Defizit hineingewirtschaftet wurden. Daß ein gut Teil der geplanten Mehreinnahmen von der Flottenverstärkung aufgezehrt, Verden soll, wurde in der voraufgegangenen Betrachtung schon hervorgehoben. In unproduktiver Weise soll auch das übrige verzettelt werden. Die begonnene Budgetberatung wird Helles Licht auf dieses Treiben werfen. Das nötige Vorspiel dazu lieferte im Reichstag eine Interpellation wegen der Fleischnot. Seit Monaten klagt das Volk über wachsende Fleischpreise; es fordert die Aufhebung der Grenzsperren. Die Regierung hat vordem darauf nur ein Achselzucken gehabt, und auch jetzt wieder begegnete der Landwirtschastsminister v. Podbielski den eindringlichen Darlegungen unserer Genossen Scheidemann und Molken- buhr mit dem halllosen Gerede, daß eine ernstliche Kalamität nicht bestehe und im übrigen die Öffnung der Grenzen deshalb unmöglich sei, weil sonst die fremden Viehseuchen das deutsche Schwein und den deutschen Ochsen rettungslos vernichten würden. Was die Bestreitung ernstlicher Teuerungs- zustände anbetrifft, braucht man Sozialdemokraten ja nicht mehr klar zu machen, und selbst für jeden patriotischen Mann sollte der Hinweis auf die Tatsache genügen, daß nicht nur Beamte aller Art, sondern sogar die Regierung von Schwarzburg-Rudolstadt für den Fürsten dieses Landes eine Einkommenserhöhung mit der Preissteigerung der Konsumartikel begründet hat. Sie fordert für ihn so eine Art Teuerungszulage, allerdings als dauernde Einrichtung, von 32000 Mark und läßt es sogar auf einen Konflitt mit der Landesvertretung ankommen. Die Not des Volkes offenbart sich aber mit erschreckender Deutlichkeit in der erwiesenen Zunahme des Verbrauchs von Pferdefleisch und sogar Hundefleisch. Bei der wachsenden materiellen Not kann sich das Volk an Idealen letzen. Für den Ausbau der Ruinen der Ho hkönigsburg im Elsaß werden von der nämlichen Regierung, welche die Fleischnot leugnet, die indirekten Abgaben erhöht und sich ihrer äußersten Sparsamkeit rühmt, neue Summen gefordert. Dabei zehrt auch jetzt noch der grauenvolle Südwestafrikakrieg an Deutschlands Wohlstand. An die 300 Mil» Nr. 25 Die Gleichheit 149 lionen hat er bald gekostet. Gleichsam um auch diesen finden können. So wird auch der jetzt abgebrochene große wollten ganz empfindliche Lohnabzüge machen. Die Firma Vampir nicht in Vergessenheit kommen zu lassen, forderte Kampf der Weber in der sächsisch- thüringischen Textilindustrie,|( Ditmar) wird dort boykottiert. die Regierung gleich zu Anbeginn der Session den schleunigen aus dem die Arbeiter leider nicht als Sieger heimkehrten, In einer Münchener Gummifabrit endete ein Streit, an Ausbau einer neuen südwestafrikanischen Kolonialbahn wieder manches Opfer erfordert haben. Und sicherlich werden dem 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligt waren, mit von Lüderitzort nach Kubub. Das war die zweite De- alle auf der Landstraße herummirrenden Arbeitslose teine einem vollen Siege. Einigkeit brachte den Erfolg in kürzester Zeit. batte, in der die Sozialdemokratie mit der Reichspolitik ab- Lobeshymnen beim„ chriftlichen Friedensfeft" auf die heutige Der Verband der Konditoren will in Berlin geregelte rechnen konnte. Dabei offenbarten die Regierungsvertreter göttliche Weltordnung anstimmen. Wir wollen auch an dieser Arbeitsverhältnisse für die im Gewerbe Beschäftigten eineine derart klägliche Unfähigkeit, wie sie sogar frühere Er- Stelle immer wieder darauf hinweisen, daß gerade die Textil- führen. Dem Unternehmerverband sind Forderungen vorfahrungen nicht hatten erwarten lassen. Der neue Leiter arbeiter es sind, die noch gegen die schlechtesten Arbeits- gelegt, die 24 Mart für Gehilfen, für jugendliche Arbeiter des Kolonialamtes, ein Erbprinz aus dem Geschlecht derer bedingungen ankämpfen müssen. So hören wir von ge- bis 18 Jahren 12 bis 15 Mark und für Arbeiterinnen 8, 9 von Hohenlohe- Langenburg, beschränkte sich vorsichtigerweise waltigen Demonstrationen der Niederlausitzer Textilarbeiter und 10 Mart fordern, bei jährlichen Zulagen von 1 Mark auf Allgemeinheiten. Die übrigen Wortführer der Regie- für den Zehnstundentag, eine Forderung, die für viele Ge- pro Woche. Zu diesen bescheidenen Lohnforderungen- die rung spekulierten auf die Hurraſtimmung der Mehrheit, am werkschaften abgetan ist, weil bereits eine fürzere Arbeitszeit letztere erscheint uns sogar zu bescheiden und könnte wohl wird eine 57 stündige Arbeitsnaivsten der frisch vom Kriegsschauplah bezogene Oberst als die zehnstündige im Gewerbe üblich ist. Große Ver- lieber in Wegfall kommen Deimling. Er erzielte bei den militärfrommen Parteien sammlungen haben in den Städten der Niederlausit statt- zeit pro Woche und 25 bis 30 Prozent Zuschlag für übernatürlich starken Beifall, trotzdem ihm von sozialdemokratischer gefunden, in denen ernste Entschlossenheit herrschte und die zeitarbeit verlangt. Seite die völligste Unkenntnis in der Sache, die er vertreten feste Absicht, die Bewegung nicht im Sande verlaufen zu wollte, nachgewiesen wurde. Erzählte er doch mit mili- laffen. Mit der Forderung der Arbeitszeitverkürzung wird tärischem Schneid, daß es gelungen sei, bei der Trainierung selbstverständlich eine Lohnerhöhung verlangt. dieser Wüstenbahn die gefährlichen Wanderdünen völlig In der Leipziger Posamentenbranche wurde durch einen zu vermeiden, während die Vorlage mit dem Bauplan aus- fechswöchigen Streit leider nicht mehr erreicht, als was die drücklich Schutzwecke gegen Sandwehen und zwei Kilometer Unternehmer schon vorher zugebilligt hatten: vom 1. April lange Tunnelbrücken( aus Wellblech) für die Bahnstrecke vor- ab 5 Prozent Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung um sieht, weil die Wanderdünen, wie ausdrücklich erklärt wird, zwei Stunden wöchentlich. Der Verbandsvorstand beruft sich leider nicht vermeiden ließen. zu Mitte April nächsten Jahres die achte Generalversamm lung nach Mühlhausen i. Th. ein. Zwei der wichtigsten Punkte der Tagesordnung sind: Einführung der Arbeitslosenunterstützung und übernahme der Fachzeitung in eigene Regie des Verbandes. Im Handschuhmacherverband war ein großer Streit entfacht zwischen der Zentralleitung und dem Ortsverein Halberstadt. Nach einer unseres Erachtens höchst unnüßen und unglücklichen statutarischen Bestimmung ist ein Ortsverein berechtigt, die Vertrauensfrage für einen befoldeten Beamten zu stellen; wird sie durch Urabstimmung verneint, so muß der Beamte seiner Wege gehen. Der jetzige Vorsitzende soll dadurch gesündigt haben, daß er den seiner besten Überzeugung nach völlig aussichtslosen Streit in Halberstadt zur Beilegung brachte. Der Halberstadter Verein hat deshalb betreffs seiner die Vertrauensfrage gestellt. Eine durchaus unverdiente schwere Kränkung. Die Arbeiter sind leider noch oft in fleinlichen Sachen groß und in großen Sachen kleinlich! Nach scharfer Zeitungspolemik gelang es dem Ausschußvorsitzenden, den Streit beizulegen und den Ortsverein zur Zurückziehung seines Antrags zu bestimmen. Hoffentlich wird auf der nächsten Generalversammlung des Verbandes diese statutarische Bestimmung in die Wolfsschlucht geworfen. Nun zum Schlusse noch eine recht erfreuliche Nachricht. Der Verband deutscher Gastwirtsgehilfen hat in den letzten Wochen eine umfangreiche, von guten Erfolgen begleitete Agitation unter den Kellnerinnen betrieben. So wurde in München unter den Kellnerinnen eine Filiale des Verbandes Mit diesem löblichen Vorgehen wird einer der gegründet. ausgebeutetsten Arbeiterinnenkategorie die Möglichkeit zur Hebung ihrer sozialen Lage geboten. Wir wünschen herzlich Glück zu diesem Anfang. Wir werden diese Bewegung, soviel in unseren Kräften steht, jederzeit unterstützen. # Notizenteil. Der Riefenkampf in der sächsisch- thüringischen Textil: industrie wurde am 28. Oftober abgebrochen. Am 29. Oktober ist die Arbeit in sämtlichen Betrieben des Aussperrungsgebiets unter folgenden Bedingungen wieder aufgenommen worden: ,, Der Verband Sächsisch- Thüringischer Webereien wird als Womit der Herr Oberst sich aber einen dauernden Namen in der deutschen Geschichte gesichert hat, ist sein Bekennt nis zu der Trothaschen Ausrottungsstrategie. Unser Redner hatte abermals die zwei Trotha- Erlasse zur Sprache gebracht, die Herero wie die Hottentotten mit Ausrottung Nach der erfolgreich beendeten Lohnbewegung der Berliner bedrohten und zur Auslieferung ihrer Führer, tot oder Wäschearbeiterinnen sind nun auch die Bielefelder mit lebendig" gegen Prämien von 1000 bis 5000 Mark pro Forderungen vorgegangen. Sie verlangen: Neuneinhalb Kopf aufgefordert wurden. In dem Erlaß an die Herero stündige Arbeitszeit für alle Arbeiterinnen, 10 Prozent Zuwar außerdem angekündigt worden, daß auch die Frauen schlag zu den bisher gezahlten Affordlöhnen, unentgeltliche und Kinder, die sich ergeben wollten, durch Schüsse zurück- Lieferung von Garn und Maschinennadeln, 10 Prozent Aufgescheucht werden sollten. Notorisch sind Frauen und Kinder schlag für Überstunden. Nur in Ausnahmefällen dürfen der Herero zu Taufenden vor Hunger und Durst in der Wüste Überstunden gemacht werden, und zwar in der Woche höchstens umgekommen. Die Regierungsvertreter suchten sich der Auf- fünf. Die Unternehmer lehnten die Forderungen ab, worauf klärung darüber, ob sie diese Erlasse gebilligt haben oder nicht, ca. 2000 Personen, darunter 96 Prozent Arbeiterinnen, in durch Schweigen zu entziehen. Nur der Herr Oberst Deim- den Ausstand traten. Da der Verband der Wäschearbeiteling erklärte auf die direkte Frage unseres Redners:" Billigen rinnen nur flein und finanziell nicht sehr stark ist, muß die Sie das?"" Jawohl, vollständig!" Er fand Zustimmung Arbeiterschaft und die anderen Gewerkschaften tief in den und Unterstützung bei Nationalliberalen, Konservativen und Beutel greifen, soll der Ausstand für die Streifenden günstig Antisemiten. Das gab unferem Redner Anlaß, die Demo- enden. ralisation, die solche Kolonialkriege überall notwendig zur Der Tabatarbeiterverband rüstet bereits zur träfFolge haben, scharf zu geißeln und den völligen Verzicht auf tigen Abwehr der von der Reichsregierung geplanten höheren dieses greuelvolle Kolonialsystem zu fordern. Über die ge- Besteuerung des Tabats. Um die Nimmersatte des Militarisplante Wüstenbahn wird in der Kommission weiter ver- mus und Marinismus zu füttern, soll eine Industrie in ihrer handelt werden. Da werden noch manche Einzelheiten ans Eristenz gefährdet, sollen viele Tausende Arbeiter und ArLicht gebracht werden. Die bürgerlichen Parteien dürfen der beiterinnen beschäftigungs- und brotlos werden. Die Verantwortung sich nicht entziehen, daß sie die Mitschuld Dresdener Zigarettenfabrikanten halten ihr Vertragen an all dem Unheil, das uns aus der abenteuernden sprechen nicht. Die Zahl der ausgesperrten Arbeiterinnen Weltpolitik bereits erwachsen ist und noch erwachsen wird. wird nicht geringer; die Unternehmer entlassen Arbeiterinnen, selbstverständlich Gewähr leisten, daß Maßregelungen jegUnter den Sensationen des Sommers spielte auch die Ver- die am Kampfe beteiligt waren, und stellen Arbeitswillige licher Kategorien von Arbeitern aus Anlaß des Streits und stimmung zwischen England und Deutschland oder vielmehr dafür ein. Die Brutalität der Herren zeigt sich dabei oft der Aussperrung nach Wiederaufnahme der Arbeit feineszwischen den herrschenden Klassen beider Länder eine große ganz unverhüllt. So wurde einem Mädchen gekündigt, das falls stattfinden, wohingegen als ebenfalls selbstverständlich Rolle. Jetzt hat sich das konservative Ministerium Bal- die Einladung zu einer Fabrikbesprechung an ihre Mit- seitens des Verbandes Sächsisch- Thüringischer Webereien er= four, das die Mitschuld an diesen Zerwürfnissen trägt, arbeiterin weitergab. Auch an zahlreichen kleinen Schikanen fehlt wartet wird, daß Belästigungen oder Verhöhnungen Arbeitsvollständig abgewirtschaftet. Es muß ersetzt werden es nicht. So wird zum Beispiel der Tabak knapp zugewogen, williger nach Wiederaufnahme der Arbeit nicht vorkommen. Die Arbeiterschaft erwartet, daß die Anstellung aller jetzt durch ein liberales Kabinett, wahrscheinlich unter der Prä- und wer damit nicht auskommt, was sehr oft passiert, wird sidentschaft von Campbell- Bannerman. Für Deutsch entlassen. Das kannte man vor dem Streit nicht. Die außer Arbeit gekommenen Stuhlarbeiter, sofern das nicht land hat dieser Kabinettswechsel den Vorteil, daß ein liberales 8igarettenproduktionsgenossenschaft, die nur gleich am ersten Tage möglich sein sollte, innerhalb ganz Kabinett immer friedlicher gestimmt ist als ein konservatives, ausgesperrte Arbeiterinnen einstellt, wird eröffnet. Sie muß furzer Zeit erfolgt, so daß eine weitere Unterbrechung der und daß die Reichsregierung deshalb es nunmehr leichter kräftigste Unterstützung durch Abnahme ihrer guten Fabrikate Arbeit möglichst nicht stattfindet." Mit einem Erfolg endete wenn sie aus den Arbeiterkreisen erfahren. haben wird, die Verstimmungen zu beseitigen will. Für das englische Volk wird der Kabinettswechsel die Lohnbewegung der Berliner Zigarettenarbeiter und den Vorteil haben, daß das liberale Kabinett, um sich am-arbeiterinnen nach langwierigen Verhandlungen mit den Ruder zu halten, eine Ära sozialer Reformen einleiten muß. Unternehmern. Es wurde zugestanden: Allen LohnarbeiteBei den jetzt notwendig werdenden Neuwahlen im Januar, rinnen, die unter 12 Mart wöchentlich verdienen, eine Zunach der Auflösung des Parlaments, werden die englischen lage von 6 Prozent, jedoch nicht unter 50 Pfennig, und Sozialdemokraten aller Schattierungen bessere Aussichten Erhöhung der Affordlöhne um 15 Pfennig pro 1000 Stück haben als je zuvor, den Sozialismus in England zur Gel- Zigaretten. Außerdem soll an die Schaffung einer Tarif tung zu bringen. Hoffentlich zeigen sie sich der Situation gemeinschaft gegangen werden. Ist auch der Vergleich, G. L. namentlich in der erstbezeichneten Position, ein magerer, so gewachsen. ist er doch, in seiner Gesamtheit betrachtet, noch annehmbar. Die Bewegung zeichnete sich durch große Begeisterung und Einigkeit der Arbeiterinnen aus, und diesen Faktoren ist das glückliche Ende wohl in erster Linie zu verdanken. Gewerkschaftliche Rundschau. Des weiteren wurde der Kommission erklärt, daß die früheren Zusagen, wonach später in weitere Verhandlungen über den Tarif eingetreten werden sollte, auch heute noch aufrecht erhalten würden. Wohl kehren die braven Kämpfer und Kämpferinnen aus dieser Riesenschlacht nicht als Sieger zurück. Noch war ihre Organisation nicht start genug, das brutale Kapital niederzuzwingen. Doch der Hauptschlag der grausamen Ausbeuter wurde abgewehrt. Es ist dem übermütigen Prozentum nicht gelungen, die Organisation der Textilarbeiter zu sprengen. So geschlossen, wie die Arbeiter in den Riesenkampf getrieben wurden, so einmütig kehrten sie aus ihm zurück. Die Solidarität war stärker als der Hunger. Die Schlacht ist aus. Einfach sind ihre Lehren für euch Textilarbeiterinnen Das Jahr 1905, das nunmehr zur Rüste geht, wird in Auch die Aussperrung der Berliner Lederarbeiter und-arbeiter. Eure Ausbeuter haben euch gezeigt, daß sie der Geschichte der Klassenkämpfe Deutschlands einen für die Arbeiterschaft ruhmreichen Platz einnehmen. Beleuchtet vom( Weißgerber, Färber) hat nach achtwöchiger Dauer mit einem vor keiner Brutalität, vor keinem Gewaltmittel zurückschrecken, Feuerschein der russischen Revolution, tämpfte auch das Vergleich geendet. Die Hilfsarbeiter und-arbeiterinnen hatten um euch auf die Knie zu zwingen. Dagegen könnt ihr nur deutsche Proletariat in stetem Ringen mit seinen zahlreichen sich mit ihnen solidarisch erklärt und ebenfalls die Arbeit eines tun: Fest und treu in eurer Organisation zusammenFeinden und Ausbeutern um seine politischen und wirtschaft niedergelegt. Ihr solidarisches Verhalten scheint ihnen nicht stehen. Verbindet eure Wunden, und vorwärts zu neuer lichen Rechte. Ein rechtes Kampfjahr! Und zwar spielten besonders große Früchte eingetragen zu haben, denn, wie Arbeit! Jedes Mitglied, das ihr der Organisation zuführt, sich die Kämpfe in der Hauptsache auf gewerkschaftlichem verlautet, ist ihnen eine geringe Lohnerhöhung zugebilligt jedes Hirn, das ihr aufklärt, ist eine Bürgschaft für fünftige Gebiet ab. Nicht immer blieb die Arbeiterschaft in diesen worden, ohne nähere Bestimmung in welcher Höhe. Der Siege. Die Unternehmer werden sicher versuchen, eure großen wirtschaftlichen Kämpfen Sieger. Die Übermacht des Kürschnerstreit in Markranstädt, an dem Arbeite Hungerlöhne noch weiter zu drücken, sie werden nach Mitteln im Klassenstaat allmächtigen Kapitals, dem jederzeit Polizei rinnen ebenfalls beteiligt sind, wird, wie es scheint, ein recht und wegen ausspähen, um die Lasten der wahnwißigen und Regierung zu Diensten stehen- aber auch Unentschlossen- langwieriger. Die Streifenden rüsten sich, um ihn eventuell Bollpolitik auf eure Schultern abzuwälzen. Darum seid auf heit der Arbeiter und Arbeiterinnen selbst und unverständiges bis zum Frühjahr führen zu können. Einigungsvorschläge der Hut. Darum vorwärts zu neuer, rastloser Arbeit, zum Fernbleiben von ihren politischen und gewerkschaftlichen des Bürgermeisters wiesen sie zurück. Die dortigen Gewerk- endlichen Siege. Organisationen, mangelndes Solidaritätsgefühl, vereitelten schaften veranstalten für die Ausständigen und ihre Kinder, manchen für die Arbeiterklasse aussichtsvollen Sieg. Mancher deren 340 in Betracht kommen, eine Weihnachtsfeier, wozu mutige Kämpfer blieb auf der Walstatt liegen. Doch immer Sammlungen eingeleitet worden sind. Der Verband der Glasarbeiter und arbeite= wieder schließen sich die Reihen, die Lücken der Schlachtlinie rinnen blickt auf eine fünfzehnjährige Tätigkeit zurück; nach werden ausgefüllt und der Feind von neuem attackiert! Der Textilarbeiterverband wird wohl diejenige einem Mitgliederrückgang im Jahre 1901, als Folge des undeutsche Gewerkschaft sein, die auch in diesem Jahre neben glücklich verlaufenen Streifs, ist nun wieder die alte Höhe verschiedenen wirtschaftlichen Erfolgen für ihre Mitglieder mit 9000 Mitgliedern erreicht. Im Hutmacherverband eine große Zahl von Opfern zu verzeichnen haben wird. wurde durch Urabstimmung die Erhöhung des Beitrags für Und zwar nicht nur materielle, sondern auch Opfer in Ge- die Invalidenkasse abgelehnt, desgleichen der Ankauf eines stalt von Brotlosmachung manches braven Genossen, mancher eigenen Vereinshauses; beide Beschlüsse dünten uns kein tüchtigen Genossin, die, von rachsüchtigen Unternehmern ge- Fehler. In Liegniß find 20 Hutarbeiter und 10 arbeitekennzeichnet, auf Monate hinaus teine Beschäftigung mehr| rinnen schon dreizehn Wochen ausgesperrt. Die Fabrikanten Adressen der Vertrauenspersonen des sechsten Schles: wig- Holsteinischen Wahlkreises: Glückstadt: Frau Schulze, Rönigstraße 13. Elmshorn: Frau Knop, Gärtnerstraße 24 I. ütersen: Frau Krause, Gr. Wülfshagen 44. Eidelstedt: Frau Wallmann. Stellingen: Frau Stelling, Steindamm 24. Lockstedt: Frau Koet, Stellvertreterin, Rüttersberg; Frau Roth, Vertrauensperson, Hospitalstraße. Wedel- Schulau: Frau Puz, Elbstraße, Schulau. Ottensen: Frau Schönfelder, Stellvertr., Am Felde 28 II; Frau Wartenberg, Kreisverts auensperson, Kl. Karlstr. 6 II. 150 Die Gleichheit Nr. 25 Nationalität. Von Gottfried Keller. Volkstum und Sprache sind das Jugendland, Darin die Völker wachsen und gedeihen, Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien, Wenn sie verschlagen sind auf fremden Strand. Doch manchmal werden sie zum Gängelband, Sogar zur Kette um den Hals der Freien; Dann treiben Längstenvachsne Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand. Hier trenne sich der lang vereinte Strom! Versiegend schwinde der im alten Staube, Der andre breche sich ein neues Bette! Denn einen Pontifex nur faßt der Dom, Das ist die Freiheit, der polit'sche Glaube, Der löst und bindet jede Seelenkette! Im neuen Dom. Kirchen und Klöster, Burgen und alte Häuser haben immer eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Was läßt sich nicht alles träumen in dem kühlen Kreuzgang eines Domes, in dem dunkeln, weihrauchgeschwängerten Innern einer Klosterkirche, in den verfallenen Gängen und Gewölben einer Ritterburg auf ragendem Berggipfel. Wer das Glück hat, in früher Morgenstunde hallenden Schrittes durch die Straßen der alten Stadt Nürnberg zu schreiten, der würde sich sicherlich nicht wundern, wenn eine der eichenen, geschnitzten Türen sich öffnete und ein züchtig Jungfräulein mit Puffärmeln und Schaube, das Gebetbuch in der Hand� herausträte, um zur Frühmette in St. Sebaldus zu gehen. Ja, es geht ein eigener Hauch von diesen alten Mauern aus. Sie erzählen von Glück und Liebe, von Reichtum, Macht und Stolz, aber mehr noch von roher Gewalt, von Aberglauben und finsterem Eifer, von Folter, Rad und Scheiterhaufen. Und wenn wir uns auch schaudernd abivenden von einer Zeit, die das heilige Eigentum erbarmungslos mit dem Galgen schützte und den Henker zum bestbeschäftigten Gewerbetreibenden machte, so kann auch kein ungetrübtes Gefühl in uns aufkommen, daß wir es etwa jetzl„so herrlich weit gebracht hätten". An die Stelle des schwarzen Todes zum Beispiel, der ohne Unterschied des Standes im Mittelalter seine fürchterliche Ernte hielt und Städte und Länder entvölkerte, ist die Schwindsucht getreten, diese wohlerzogene Krankheit, die ihre Opfer hauptsächlich in den Wohnungen der Arbeiter sucht. Man schlägt heute nur noch Mördern den Kopf ab, das Rädern, Zerreißen, Verstümmeln, Zerquetschen und Sieden hat man für die„freien" Arbeiter und Arbeiterinnen in den Fabriken, Bergwerken, Steinbrüchen und Eisenbahnbetrieben vorbehalten. Die Freudenhäuser und Ladestuben mit hoher behördlicher Erlaubnis sind ausgehoben. Es ist billiger und moralischer, alljährlich Zehntausende beweinenswerter Geschöpfe„Gottes" im Kote der Straße untergehen zu lassen, oder wenn sie Glück haben, ihnen ein unseliges, frühes Ende in Zucht Häusern, Arbeitshäusern und Spitälern zu bereiten. Ja, wir haben es„bis an die Sterne" weit gebracht, und es ist nicht mehr wie richtig, daß man dem Gotte, der all dies in seiner unerforschlichen Weisheit duldet, daß man dem Gotte zu seinen sonstigen Ehrentempeln auch noch einen Dom in Berlin erbaute. Ein protestantischer Dom nur, nicht erbaut aus den Spenden frommer Seelen und aus den Erträgnissen des Ablaßhandels, wie die Kirche zu Sankt Peter in Rom, dessen Nachäffung er sein soll, sondern aus den Mitteln des preußischen Staates. Seinen Tetzel freilich hat auch dieses Gotteshaus gehabt, nur daß er nicht Mönch, sondern Oberhof, neister war, nicht Tetzel, sondern Freiherr von Mirbach hieß. Daß sich kein Luther fand, der die Schnorrerei brandmarkte, daß die Nachfolger dieses teuren Gottesmannes und Fürstenknechtes vielmehr stolz sind, das reine Evangelium in diesem Räume zu lehren, ist nicht etwa ein Zeichen kirchlichen Niederganges, sondern ein Beweis, ein glänzender Beweis von der konsequenten Fortentwicklung der Grundsätze Martin Luthers nach oben. Wie männiglich bekannt, konnte er im Falle der Bigamie irgend eines Fürsten die Schrift rechts auslegen und links auslegen, wenn nur das„grobe Volk" nichts davon erführe. Daß die teure evangelische Kirche bei diesem Fluge nach oben in den Tiefen des Volkes allen Boden verlor, geniert die Herren in Talar und Bäffchen nicht. Das Gehalt ist sicher, das genügt. ltber das Außere und Innere des Domes sind Ströme von Tinte und Druckerschwärze geflossen. Er ist in allen Teilen kunstkritisch zerlegt worden, geschmäht und von unentwegten Byzantinern sogar gelobt, wenn auch mit gehorsamsten Einschränkungen. Weil„alle gute Gabe von oben herab kommt", ist es für diese Sorte Knnftenthusiasten ausgemacht, daß alles, was von oben kommt, auch gut ist. Aber bei der künstlerischen Kritik kann ich nicht mitreden. Ob die Kuppel verhältnismäßig zu groß, der Eingang zu gewaltig und doch nichtssagend ist. ob der Bau die Umgebung erdrückt in seiner wuchtigen Masse und die Harmonie des Platzes stört, oder ob er nach der Vorder- oder Hinterfront geschmackloser ist, darüber mögen die Ästhetiker weiter streiten. Es gibt schlimmere Sachen in Berlin! Mich interessiert nur, ob der Dom seinen Zweck als evangelische, als lutherische Kirche erfüllt. Um die Antwort vorwegzunehmen: Bettachtet man den Dom als Stätte religiöser Erbauung, so ist die Sache gründ- Nikolai. Von Gottfried Keller. Unabsehbar auf der Steppe lieget nah und lieget ferne Ohne Ton die Himmelsglocke, sonder Farbe, sonder Sterne. Unaufhörlich Schneegestöber niederweht auf Dorn und Steine, Deckend in den Wagengleisen bleiche polnische Gebeine. Horch, was sauset im Galoppe wie ein Geisterzug vorüber? Langgestteckt schwirrt an der Erde eine wilde Jagd hinüber. Mäntel flattern, Reiter flogen, bärt'ge Reiter windgettagen, Rings umschwebt von ihren Lanzen ohne Räder glitt ein Wagen. Leise zittert noch die Heide; doch dann wird es stille wieder, Nur der Schnee in weißen Flocken fällt mit stummer Last hernieder. Und ein Rabe sitzt im Dorne, rauscht empor und krächzet heiser Durch die ausgestorbnen Lüfte: Russenkaiser! Russenkaiser! Wieder hallt es in den Höhen, und die grauen Lüfte sprechen, Wie mich dünkt, mit kaltem Hauche: Wie ein Rohr wird er zerbrechen! lich vorbeigelungen. Bewertet man ihn dagegen als Ausdruck von der Stellung und dem Wesen der heutigen evangelischen Kirche, so darf man wohl sagen, daß er glänzend gelungen ist. Mehr noch im Innern wie nach außen! Diese von Gott und. Volk verlassene Kirche, die zum Tummelplatz äußerlichen Wortchristentums geworden ist, diese Kirche, deren Repräsentanten sich als reine, unverfälschte Büttel der herrschenden Klassen und ihrer Regierung betrachten, dem Landesherrn als obersten Bischof Untertan sind und auf jeden Wink von oben einschwenken wie die Unteroffiziere, vorausgesetzt, daß sie sich überhaupt je Diversionen erlauben, diese Kirche konnte nicht treffender charakterisiert werden als durch diesen Bau. Ein von Tageslicht durchfluteter Raum. Geräumige, splendid ausgestattete Bogen, buntfarbige Marmorsäulen, hellrot, dunkelrot, schwarz, mit vergoldeten Kapitälen, eine behagliche Wärme, elektrische Lichtkronen, eine geputzte Menschenmenge, die ihre Blicke neugierig oder gelangweilt herumgehen läßt. Nichts von jener feierlichen Stimmung, die alte Kathedralen aussttömen und die selbst den Ungläubigen ergreist. Wir sind in keinem weihevollen Räume, der geeignet ist, nur einen Augenblick die Sinne von der Außenwelt abzulenken, unsere Gedanken zu sammeln und uns unsere Nichtigkeit fühlen zu lassen; nichts von dem. Es ist wie in einem Schauhaus, gebaut, die Augen zu ergötzen, und wenn uns ein Vergleich passend erscheint, so der mit dem Riesenfoyer eines Theaters. Nicht daß wir meinen, auch in den Kirchen der neuen Zeit müsse das mystische Dunkel herrschen und modrige, feuchte Luft. Soweit man heute solche Gebäude noch für nötig hält, mag man bei ihrer Erstellung neue Wege wandeln. Aber der Raum soll die Stimmung vorbereiten, sie beeinflussen, er soll den Besucher für das Wort empfänglich machen. Denn die Erbauung der frommen Gemeinde ist der Zweck des Baues; der Mittelpunkt soll die Predigt und der Prediger ein. Nicht ohne Grund warfen die lutherischen Zeloten allen bunten Kram und Tand, mit dem die Gläubigen in frommer Einfalt ihre Kirche schmückten, um bei den lieben Heiligen einen Stein im Brett zu habe», zum Tempel hinaus. Das Luthertum mußte zu dieser„Reinigung" schreiten, weil es nur in kahlen Räumen, wo der immer rege Menschengeist nichts finden konnte, an dein er haften blieb, die Aufmerksam keit für seine Herz und Gefühl erkällenden Darlegungen und Schriflklitterungen erzwingen konnte. In diesem Dome jedoch! Überall flirrende, flimmernde Pracht, die durch langweilige graue Flächen noch mehr zur Geltung kommt. Der Altar überladen, goldstrotzend, die Fensterbilder grellfarbig. Selbst die mächtige Orgel, die in alten Kirchen meist so angebracht ist, daß die Gemeinde ihr den Rücken zudreht, ist hier großmächtig an die Seite ge stellt, damit beim ersten Tone die Gemeinde zum„Augen links" verleitet wird. Ihren eigentlichen Platz nimmt die Kaiserloge ein. Um das Unglück voll zu machen, ist die(provisorische) Kanzel von verblüffender Einfachheit, sie wirkt wie ein Küchenstuhl in einem Feenpalast. Hier gleitet der Blick gelangweilt ab, unt anziehendere Bilder zu erfassen; der Geistliche er cheint uns wie ein Tier auf dürrer Heide, und ringsherum ist bunte Augenweide, die denn trotz allein interessanter ist, als die polemischen Ausführungen des Dompredigers gegen die Feinde der Kirche. Die Erbauung der Christenheit, der ich zum Teil bei wohnte, schloß recht sinnig mit geschäftlichen Mitteilungen, wie die Anpreisung von Domansichten a l Mark und Predigten ä 30 Pfennig. Der Herr Domprediger ging mit einer tiefen Verbeugung ab. Ein Blick nach rechts zeigte mir, warum. Der Diener des höchsten Herrn dienerte vor dem aller- öchsten Herrn, der mit Familie in seiner Loge dem Gottesdienst beigewohnt hatte. Nach dem Vaterunser verlief sich die Menge der Neugierige», und wenn ich's nicht vorher gewußt hätte, so belehrte mich ein Blick auf die Unzahl von Schutzleuten und Polizcioffizieren, mit welchen illustren Per- önen ich zwanzig Minuten unter der Kuppel des Domes geweilt hatte. Mir dünkte es freilich Gotteslästerung und Majestätsbeleidigung zugleich, daß man den Stifter des Domes mit einer Wolke von Polizisten schirmen zu müssen glaubte, nachdem er soeben den Tempel des„allmächtigen Gottes" verlassen hatte, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fallen soll. VV. U. Die beiden Brüder. Von Iwan Turgenjeff. Ich hatte eine Vision. Mir erschienen zwei Engel... zwei Genien. Ich sage Engel und Genien, weil beider Körper vollkommen nackt und unbekleidet waren und jeder von ihnen mit zwei mächtigen, langen Flügeln beschwingt war. Beide waren Jünglinge. Der eine hatte ein wenig üppige Glieder, eine weiche Haut und schwarze Locken. Feurig rollten seine braunen Augen unter den dichten Wimpern; sein Blick war einschmeichelnd, heiter, begehrlich. Anmutig und bezaubernd war sein Antlitz— bald kühn-verwegen, bald ein wenig boshaft. Leise zuckten die weichen Purpurlippen. Der Jüngling lächelt, wie ein Machthaber— selbstvertrauend zugleich und träg. Ein üppig schöner Blumenkranz ist leicht in seine glänzenden Locken gedrückt und berührt fast die herrlichen Samtbrauen. Ein buntes, von einem goldenen Pfeile zusammengehaltenes Pardelfell fällt von der rundlichen Schulter leicht auf die gewölbte Hüfte herab. Rosenfarbig schillert das Gesieder der Flügel; ihre Enden sind hellrot, als ob sie in purpurfarbenes frisches Blut getaucht wären. Von Zeit zu Zeit erzittern sie hastig, mit silberartigem Rauschen— dem Rauschen eines Frühlingsregens. Der andere Jüngling ist hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem Atemzug werden seine Rippen sichtbar. Sein Haar ist blond, dünn und schlicht; ungewöhnlich große, runde, blaßgraue Augen... Der Blick unruhig, von seltsamem Glänze. Alle Gesichtszüge zugespitzt; der kleine, halboffene Mund von Fischzähnen besetzt; eine.zusammengekniffene Adlernase, ein vorspringendes, mit weißlichem Flaum bedecktes Kinn. Diese dünnen Lippen haben noch niemals— nicht ein einziges Mal!— gelächelt. Welch ein abschreckendes, regelmäßiges, mitleidsloses Gesicht!(Auch jenes anderen, schönen Jünglings Antlitz ist übrigens, obgleich lieblich und anmutvoll, doch jeden Ausdrucks von Mitleid bar.) Rund um dieses strenge Haupt schlingen sich einige taube, zerknitterte Ähren, die von einem verwelkten Hälmchen zusammengehalten werden. Ein grobes graues Gewand umgibt seine Lenden; seine dunkelblauen, glanzlosen Schwingen bewegen sich langsam und drohend. Die beiden Jünglinge schienen unzerttennliche Gefährten zu sein. Sie lehnten sich einer auf die Schulter des anderen. Die kleine weiche Hand des einen hing wie eine Weintraube an dem dürren Schulterbein des anderen herab; die schmale Hand des anderen zog sich mit ihren dünnen, langen Fingern gleich einer Schlange über die weiblichzarte Brust des ersteren. Und ich vernahm eine Stimme, die also sprach: „Vor dir stehen Liebe und Hunger— zwei leibliche Brüder, die beiden Grundpfeiler alles Lebens. „Alles, was lebt, bewegt sich, um sich zu nähren, und nährt sich, um sich fortzupflanzen. „Liebe und Hunger— sie haben beide ein Ziel: zu verhindern, daß das Leben nicht aufhöre— das des einzelnen sowohl wie das fremde, daS der Gesamtheit." Wir sind die Saat. Von Otto Erich Sartleben.» Da stehen sie im schmutzigen, zerrißnen Rock. Der Kot der Gasse klebt an ihrem plnmpen Fuß. Da stehen sie und starren blöden Augs dich an und bergen beide Fäuste in den Taschen tief. Du gabst die Stimme jenem Mann, den sie erwählt, der ihrem Elend laute Worte leihen soll, und ihrer Sache gabst du wohl weit Größres schon. Nun trittst du aus dem Haus. Sie füllen rottenweis vor dir die Straße. Schweigend schauen sie auf dich init diesem slummgebornen Haß im trägen Blick. Dem Tiger auf der Lauer funkelt das Auge doch, es geht ein Gluthauch vor des Löwen Rachen her, doch dieses Volk, es lastet, stumm wie der Felsenhang ob deinem Haupt— und plötzlich löst es sich und fällt. Nicht was du willst, noch was du immer sinnst und denkst— nein: was du bist, und daß du also worden bist, das ist die Sünde, unter deren Fluch du stehst. Du bist das Opfer, und mit dir dein ganz Geschlecht.— Furchtbares Schicksal: ohne Recht geboren sein im Heule noch im Morgen! Ein verivelkter Wald, der nie gegrünt! Ein Kind, im Mutterleibe siech! Wir sind die Opfer fremder, langgehäuster Schuld... Wir sind die Opfer einer fernen schöneren Zeit! Wir sind die Saat!-- O mögen goldene Ähren einst wogend verhüllen dunkeler Erde vergessenen Grund! Mögen der rote Mohn und der Cyanen Blau als Edelsteine leuchten aus dem Goldgeschmeid! Dann flattern die Falter freudig in der Sonne Strahl, und Bienen summen honigtriefend überall! * Aus„Meine Verse". Berlin 1902, S. Fischer, Verlag. BeranlworUich sur die Redaktion: Fr. Klara Zetkin i gundcli, Wilhelmshoh» Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.