Nr. 1 ,, Eigentum des Vorstandes der SPD" 16. Jahrgang Die Gleichheit eeeen Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. Einladung zum Abonnement. Neujahrsbetrachtung. Von A. Bebel. Das Attentat auf die preußische Volksschule. Von Heinrich Schulz. Die Konferenz der Bürsten- und Pinselarbeiter und -arbeiterinnen. Nochmals die Zehn Gebote für die Männer". Bon Heinrich Schulz. Aus der Bewegung: Von der Agitation. - Von den Organisationen. Bestrebungen zur Förderung der proletarischen Jugenderziehung. Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Politische Rundschau. Von G. L. - Gewerkschaftliche Rundschau. Soziale Gesetzgebung. ArbeitsEinladung zum Abonnement. " Stuttgart den 10. Januar 1906 Neujahrsbetrachtung. Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find au richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Fuße der Gleichberechtigung stehende Tätigkeit entfaltet als in den verschiedenen Schichten der russischen GesellUnter Donner und Blik ist das alte Jahr zu Grabe schaft. Die russische Frau besitzt in solchem Maße die gegangen, und unter Donner und Blitz ist das neue er volle gesellschaftliche Gleichberechtigung und Wertschäzung, ftanden. Es sind die Ereignisse im Osten Europas, die daß die Ruffin die anders gearteten Verhältnisse in Mittelgegenwärtig das Interesse aller denkenden Menschen, und Westeuropa taum versteht und namentlich vor der insbesondere aber des flassenbewußten Proletariats aller Aschenbrödelrolle der deutschen Frau nichts weniger als Länder in Anspruch nehmen. Auf aller Lippen ruht Hochachtung empfindet. Rußland war bekanntlich das die Frage: Was wird das werden? Wie wird das enden? erste Land, in dem die Frauen sich mit Eifer auf die Notizenteil: Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Eine große russische Revolution, die das ungeheure Studienfächer der Männer warfen und ihnen mit Erfolg bedingungen der Arbeiterinnen. Reich bis in seine tiefften Tiefen aufwühlt, und wenn sie nacheiferten, und es waren auch die russischen Frauen, Feuilleton: Silvesternacht. Von Otto Krille.( Gedicht.)- Trommel- siegreich ist, nicht nur die Zustände in Rußland von die von Beginn der revolutionären Bewegung an Hand flang. Stizze von Heinz Tovote. Vom Baal zu Babel. Von Grund aus verändert, sondern auch den Anstoß zu großen in Hand mit den Männern gingen und kämpften und Otto Erich Hartleben.( Gedicht.) Veränderungen in den ökonomisch entwickelteren Staaten von diesen als gleichstehende und gleichwertige Kameraden gibt: mer hätte dieses vor wenig Jahren für möglich ge- angesehen und geschätzt wurden. Es ist daher auch nur halten? Und obendrein eine Revolution, in der nicht das natürlich, daß bisher noch in feiner Revolution die Bürgertum, wie unsere Gegner glaubten annehmen zu Frauen einen so großen und maßgebenden Einfluß ausdürfen, sondern das klassenbewußte Proletariat die führende übten wie in der jetzigen russischen Revolution, und daß, Die Gleichheit", das Organ der deutschen Genos- und leitende Rolle übernommen hat. Während wir in wo immer die Frage nach den zu erobernden politischen finnen, beginnt mit dieser Nummer ihren 16. Jahrgang. Mittel- und Westeuropa uns die Köpfe zerbrechen, ob das Rechten entstand, es als selbstverständlich angesehen wird, Wie in den vergangenen Jahren, so wird die Beit- Proletariat für eine führende geschichtliche Rolle reif sei, daß diese für Männer und Frauen nur die gleichen sein schrift auch fürderhin die treue Beraterin der Prole- ob es vermöge, die Staatsleitung in seine Hände zu können. tarierinnen für ihre Beteiligung am Befreiungskampf Erörterungen pflegen, hat das russische flaffenbewußte soziale Gleichstellung der Geschlechter in ihrem Programm, nehmen, und über diese Frage lang und breit tiefgründige Die deutsche Sozialdemokratie fordert die politische und ihrer Klasse sein. Sie wird wie seither mit aller Proletariat, das weder an Zahl noch an politischer Er- und fein Mitglied der Partei wird wagen, diese ProEnergie und Schärfe kämpfen für die volle soziale fahrung, noch an geschlossenen Massenorganisationen es grammforderung zu bekämpfen. Aber gibt es keine öffent Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie mit dem mittel- und westeuropäischen Proletariat aufzu- liche Gegnerschaft in der Partei, so gibt es doch, wie sie einzig und allein möglich ist in einer sozia- nehmen vermag, und das in einem Lande von über jeder weiß, eine gewiffe latente( verborgene) innerhalb listischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen wiegend primitiver sozialer und kultureller Entwicklung einzelner Kreise, die sich durch Passivität für alles, was verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigentums- und lebt, alle Theorien und Klügeleien über den Haufen ge- mit der Gleichberechtigung der Frau zusammenhängt, Wirtschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaft- worfen und frisch Hand ans Werk gelegt. Und siehe da, bekundet und unseren Genoffinnen ihren Kampf für die lichen Unterdrückung und Unfreiheit: die wirtschaftliche was selbst in unseren Reihen vielfach für unmöglich ge- Hebung ihres Geschlechtes erschwert. Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen Men- halten wurde, ist ihm gelungen. Es hat sich zum Herrn Ein solcher Zustand ist in Rußland unmöglich, so sehr schen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den der Lage aufgeworfen. unmöglich, daß nicht nur die Arbeiter, sondern auch die jezt herrschenden Eigentums- und Wirtschaftsverhält heit übertrifft es unbestritten alle bürgerlichen Parteien. ständigste Element angesehen werden, auf ihren Kongreffen An Energie, Geschlossenheit, Einsicht und Zielbewußt Bauern, die bei uns mit Recht als das politisch rücknissen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Nicht- Sollte es vorerst sein Ziel nicht ganz erreichen, so liegt das widerspruchslos eintreten für das allgemeine, gleiche, besitzenden, der soziale Gegensatz zwischen Mann und nicht an ihm, sondern an Faktoren, die zu überwinden direkte und geheime Wahlrecht der Frauen. Obgleich Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Die Auf- und zu beherrschen noch außerhalb seiner Macht liegt. auch bei dem deutschen Bauern die Wirtschaft ohne die hebung dieser Gegensätze kann jedoch nur erfolgen durch Aber auf alle Fälle hat es der Entwicklung Rußlands Frau nicht bestehen kann und diese sogar das Hauptden Klaffenkampf: die Befreiung des Proletariats nach vorwärts einen gewaltigen und wirkungsvollen lasttier in derselben ist, erscheint es ihm als eine Naturfann nur das Werk des Proletariats selbst sein. Anstoß gegeben. Es ist von jetzt ab der einflußreichste widrigkeit, ihr auch die gleichen politischen Rechte einWill die proletarische Frau frei werden, so muß sie Faftor in der sozialen und politischen Entwicklung des zuräumen, die er besitzt. sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung Landes. Ohne das Proletariat ist ein modernes Rußland Es kann also geschehen, daß die Revolution in Rußanschließen. Und nur ihr, keineswegs aber der bürgerland den Frauen Rechte bringt, auf die sie bis heute in lichen Frauenrechtelei, die zwar zugunsten des weib- programmatischen Auffassungen bürgerlicher Ideologen wegen abgesehen, noch vergeblich warten. Unter diesen Und wie diese russische Revolution wider alle bisherigen Europa, von schwachen Ansätzen in England und Norlichen Geschlechtes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft von dem Entstehen und der Entwicklung von Revolutionen Umständen haben die deutschen Frauen ein ganz bereformieren will, aber grundsätzlich eine Revolution entstand und wirkt, so sind auch die Kampfmittel ent- sonderes Interesse an dem weiteren Gange der russischen der Gesellschaft zugunsten der ausgebeuteten Klasse sprechend der Rolle, die das Proletariat in dieser Revo- Revolution, die nicht bloß für die Arbeiterklasse, sondern zurückweist. Die proletarischen Frauen zum Klassen- lution spielt, ganz andere als alle bisherigen. Zunächst auch für ihr Geschlecht bahnbrechend wirken wird. kampf zu rufen und für den Klassenkampf zu schulen, beginnt ein zäher, ausdauernder, nach kurzen Zwischen- Aber die russische Frau und Proletarierin fämpft nicht das wird wie bisher so in Zukunft die vornehmste Auf- pausen sich immer wieder erneuernder passiver Widerstand nur mit geistigen Waffen Seite an Seite mit den gleichgabe der„ Gleichheit" bleiben. Ihrem alten Programm durch Streits und Massendemonstrationen, ein Widerstand, gesinnten Männern. Der passive Widerstand durch Massengetreu wird sie auch im kommenden Jahre werben für der für die Staatsgewalt ungreifbar ist und doch alles streiks und friedliche Demonstrationen hat sich namentlich den Streit, in dem„ ein Hüben und Drüben nur gilt". in Verwirrung und Auflösung bringt. Ein Kampfbeispiel, im„ heiligen" Mostau, der alten Hauptstadt des Reiches, Daneben will jedoch die„ Gleichheit" noch wei- dem schließlich sogar ganze Kategorien staatlicher und zum aktiven Kampfe, zum Angriff gesteigert. Die Reöffentlicher Beamter und Angestellter mit Begeisterung volution stieg auf die Straße und suchte mit der Flinte tere Aufgaben erfüllen. Jede Nummer hat eine und mit überraschender Einmütigkeit Folge leisten. Es und dem Revolver zu erreichen, was ihr bisher durch Beilage, welche, abwechselnd in der Reihe des Er ist zunächst, wir möchten sagen, eine stumme Revolution, den passiven Widerstand noch nicht zu erreichen gelang. scheinens, der allgemeinen Bildung der prole in der die Masse durch die Ruhe, mit der sie handelt, Die Straßenfämpfe, die das alte Moskau in den christtarischen Frau, ihrer besseren Ausrüstung für wirft und imponiert. Dieser Kampfweise steht das lichen Feiertagen erlebte, wobei Proletarierblut in Strömen die Pflichten als Mutter und Hausfrau ge- herrschende Regiment machtlos gegenüber. Es sieht sich floß, gehören mit zu dem Großartigsten, was die Geschichte widmet ist und Kinderlektüre bringt, die in von allen Seiten von zahllosen Feinden umgeben, es an dauernder, opfermutiger Hingabe für ein großes Jdeal dem heranwachsenden proletarischen Geschlecht soziali- vermag sie aber nicht zu fassen. Und dieser stumme, kennt. Und in diesen heroischen Kämpfen standen die stisches Fühlen und Denken fördern soll. Das Blatt passive Kampf der Massen wirkt merkwürdig ansteckend. russischen Frauen, wie selbst die Feinde bewundernd zuhat im Laufe des letzten Jahres seinen Leserkreis um Er greift über in die eigenen Lager der Feinde und gewinnt gestehen, in Massen in den vordersten Reihen und schlugen viele Tausende vermehrt. Wir hoffen, daß es sich 1906 hier zahlreiche Bundesgenossen; er erschüttert und unter ihr Leben in die Schanze, um der Revolution den Sieg gräbt so auf das wirksamste die feindliche Stellung. die alten Sympathien erhält und neue Freunde erwirbt. zu erringen. Streifende Arbeiter waren bisher nirgends eine Selten- Was bürgerliche Rovolutionen früherer Perioden nur Verlag und Redaktion werden tun, was in ihren heit, aber streifende Soldaten, Post, Telegraphen- und vereinzelt sahen, was aber schon in den Kämpfen der KomKräften steht, damit die„ Gleichheit" ihren Aufgaben Eisenbahnbeamte, sogar streifende Polizeis und Grenz- mune in höherem Grade sich wiederholte, daß Frauen gerecht wird. Ihr Preis beträgt vierteljährlich ohne beamte, das ist, wenn wir von dem wenige Tage dauern- an den revolutionären Kämpfen mit der Waffe in der Bestellgeld 55 Pfennig. den Schweizer und holländischen Eisenbahnerstreif ab- Hand tätigen Anteil nahmen das tritt in der russischen sehen, noch nicht dagewesen. Diese Vorgänge greifen dem verstocktesten Staatssünder an die Nieren. Probe- und Agitationsnummern werden jederzeit gratis abgegeben. Eine recht weite Verbreitung der„ Gleichheit" hofft unmöglich. Und noch nach einer anderen Richtung erweist sich diese Revolution als höchst merkwürdig. In feinem Lande Die Redaktion und der Verlag. haben die Frauen bisher eine so hervorragende, auf dem Revolution unserer Tage als Massenerscheinung auf: Die Beteiligung der Frauen an den Straßenkämpfen wird ein Faktor von weltgeschichtlicher Bedeutung, der in den revolutionären Kämpfen der Zukunft als typische Ers scheinung wiederkehren wird. Damit haben sich die russi, Bibliothek der Friedrich- Ebort- St 2 Die Gleichheit Nr.1 schen Frauen ihr volles Bürgerrecht erobert; sie haben sich auch dort den Männern ebenbürtig gezeigt, wo man es bisher von ihnen nicht erwartete und forderte, auf der Barrikade und in den Kämpfen der Straße. Der Gang der Dinge im Osten beeinflußt in hohem Grade auch unseren Marsch in Deutschland, wo bis- her aller Fortschritt sich nur schrittchenweise vollzog, nicht selten begleitet von einem großen Rückschritt. Auch sür uns und ganz Westeuropa hat die russische Revolution eine tief einschneidende Bedeutung. Haben bisher schon alle bürgerlichen Volksbewegungen über die Grenzen des Landes, in denen sie sich abspielten, einen oft sehr erheblichen Einfluß ausgeübt— die große fran- zösische Revolution erschütterte ganz Europa und wälzte es mehr oder weniger um—, so müssen Revolutionen, in denen das moderne Proletariat seine historische Rolle übernimmt, noch in weit höherem Grade internationale Wirkungen ausüben. Die Mittel für die Verbindungen und den Verkehr sind ins Riesenhafte gewachsen und haben sich über alle Länder der Erde erstreckt. Die Jdeenentwicklung und die Verbindungen der gleich denkenden und gleich streben- den Geister haben sich ins Unendliche vermehrt und um- fassen alle Kulturländer der Welt. Die politische Bildung und die soziale Erkenntnis des klassenbewußten Proletariats haben einen Reisegrad erreicht und sind so weit verbreitet, wie das Bürgertum niemals ähnliches im Laufe seiner Entwicklung kannte. Allerdings sind auch entsprechend den Massen, die heute in den Bewegungen stehen, die Ziele gewachsen, die sie zu erreichen haben, werden Aufgaben von einer Größe und einer Bedeutung gestellt, wie sie im Lause geschichtlicher Entwicklung niemals einer aufstrebenden Klasse gestellt worden sind. Ist doch der Befreiungskampf des Proletariats der letzte Klassenkampf, den die Menschheit zu führen hat, um in das Reich voller menschlicher Freiheit und Gleichheit zu gelangen. Und das Proletariat findet hierbei Widerstände, wie sie ftüher ebenfalls niemals vorhanden waren. Das erklärt, daß der Gang der Dinge scheinbar ein so langsamer ist, während es sich doch nur um ein Kräftesammeln handelt, um den letzten entscheidenden Kämpfen gewachsen zu sein. Die Strahlen der Sonne im Osten bescheinen den Beginn des neuen Jahres. Daß es nicht nur für Ruß- land, sondern auch für uns ein gedeihliches, unserer Sache förderliches werde, liegt in erster Linie an uns. Der Frau erscheint in erhöhtem Grade die Hoffnung, daß auch für sie die Besreiungsstunde schlägt, die sie zu einer Freien und Gleichen macht, als welche sie ihr eigenes Wohl mit dem des Ganzen fördern kann. Das neue Jahr fordert neue und erhöhte Arbeit für die Befreiung der Unterdrückten aus jeglicher Fessel. Gehen wir mit dem Entschluß an diese Arbeit, daß wir siegen wollen und siegen müssen, und daß kein Opfer uns zu groß ist, unser Ziel zu erreichen. A. Bebel. Das Attentat auf die preußische Volksschule. In einer Beziehung ist das preußische Schulunter- Haltungsgesetz wirklich grundsätzlich und konsequent: es geht allen Grundsätzen konsequent aus dem Wege. Das wort- reiche Gesetz ist auch zeitgemäß insoweit, als es den er- schreckenden Mangel an großen Gesichtspunkten bei den herrschenden Parteien mit einer verblüffenden Offenheit an den Pranger stellt. Es ist ein Schulgesetz, bei dem nicht die Schule und nicht die Schulmänner Gevatter gestanden haben, sondern das von engherzigen, kurzsichtigen, schulfremden Juristen, von Bureaukraten und Gesetzmaklern zusammen- geklaubt und-geschachert worden ist. Es ist nicht nur auf Grund des Maikompromisses vom vorigen Jahre zustande gekommen, sondern es ist das naturgetreue Abbild des Kom- promisses, zu dem die gewaltig angewachsene Arbeiter- bewegung die sonst feindseligen Brüder der bürgerlichen Parteien in ihrer Gesamtheit zusammengetrieben hat. Die preußische Schulunterhaltung ist Flickwerk und Stück- werk wie die ganze preußische Volksschule. Mit Mühe und Not ist zu den verschiedensten Zeiten der preußischen Regie- rung, ob sie nun jeweils aus einem absoluten Hohenzollern oder außerdem aus einem Privilcgienparlament bestand, das unerläßlich Notwendigste für die Schule abgerungen worden. Ein eigentliches Interesse an der Volksschule um ihrer selbst willen bestand niemals bei den Herrschenden, einige einfluß- lose Ideologen und Philanthropen abgerechnet. Darum herrscht in der preußischen Schulgesetzgebung die ärgste Ver- wirrung und Planlosigkeit, ein unglaubliches Durcheinander von Verordnungen, Bestimmungen, Reskripten, Regulativen, Gesetzen, so daß sich kein Mensch hindurchfindet und die wichtigsten Bestimmungen oft im entgegengesetzten Sinne ausgelegt werden. Daran hat die gelegentliche gesetzliche Flickschusterei des preußischen Landtags nichts geändert. Das 1897 beschlossene Lehrerbesoldungsgesetz war im Augenblick seiner Fertigstellung schon wieder verbesserungsbedürftig, weil der trostlose, morsche Bau der heutigen Volksschule keine noch so armselige Teilreparatur ohne Gefahr des Zusammen- bruchs des Ganzen verträgt. Ebenso wird es mit der jetzt dem preußischen Landtag vorliegenden Schulunterhaltungsvorlage gehen. Sie bringt auf dem eigentlichen Schulgebiet, für das sie ihrem Namen nach bestimmt ist, keine durchgreifende Regelung, sondern sie versucht sich durch die schlangenartigsten Windungen und Drehungen durch die wirtschaftlichen nnd politischen Interessen- gegensätze zwischen Stadt und Land, zwischen Landgemeinde und Gutsbezirk, zwischen Landwirtschaft und Industrie hin- durchzuschlängeln. Rur nirgends anstoßen! So lautet die stillschweigende Parole, nach der die Vorlage ausgearbeitet zu sein scheint. Der einen Partei, der etwas genommen werden muß, schnell dafür mit der anderen Hand etwas ge- geben, und zwar möglichst mehr gegeben, als ihr genommen worden ist! Da aber schließlich die Mehrausgabe irgendwo hergenommen iverden inuß, so will man sie, wie üblich, bei der breiten Masse des Volkes einkassieren, indem man die preußische Volksschule noch mehr verschlechtert als bisher. Man lasse sich nicht dadurch täuschen, daß auch in Zukunft die Gutsbezirke zu den Lasten mit herangezogen werden sollen. Diese Pflicht ist mit mannigfachen Kautelen umgeben und wird den Beteiligten durch Staatsunterstützungen er- leichtert, so daß sie die Agrarier nicht sehr drücken wird. Die Übernahme der Schullasten auf die politische Gemeinde und die Abschaffung der Sozietäten ist keineswegs eine heroische Tat, sondern eine kleine Selbstverständlichkeit vom Stand- punkt der preußischen Bureaukratie aus, sie sollte verfassungs- gemäß längst durchgeführt sein; vom Standpunkt einer weiter schauenden Schulpolitik aus dagegen bedeutet die Kommunali- sierung des Schulwesens eine Kurzsichtigkeit und ein bedauer- liches Zugeständnis an die rückständigen Bestrebungen auf Zertrümmerung oder doch auf Zersplitterung deS Schulwesens. Alles das aber und die übrigen weitschweifigen Bestimmungen, die hier nicht im einzelnen erörtert zu werden brauchen, entspringen dem Bemühen, den verschiedenen Strömungen innerhalb der herrschenden Parteien nach Mög- lichkeit Rechnung zu tragen, möge darüber auch jedes Prinzip, möge darüber schließlich die ganze preußische Volksschule zum Teufel gehen. Aber die Regelung der Schulunterhaltung ist bei Lichte betrachtet nur ein untergeordneter Zweck des Schulunter- Haltungsgesetzes. Der höhere Zweck dieses kompromißlichen Gesetzentwurfes besteht in der Konfessionalisierung, in der Verkirchlichung der Schule. Als das Maikompromiß im vorigen Jahre zuerst bekannt wurde, schäumte die Empörung bei den Nationalliberalen anfangs mächtig empor. Sonder- barerweise aber hört und sieht man jetzt, nun das Kompromiß feste, gesetzgeberische Formen angenommen hat und gefährlich wird, nichts von nationalliberaler Entrüstung. Die national- liberalen Blätter schreiben verschämt, daß die Fraktion dem Gesetzentwurf wohl nach Vornahme einiger Korrekturen zu- stimmen könne. Die Fraktion selbst hat denn auch bei der ersten Lesung im preußischen Abgeordnetenhaus eine überaus klägliche Haltung eingenommen. Sie sträubte sich scheinbar noch ein wenig und stellte liberale Forderungen auf, um nachher beim Schacher in der Kommission etwas zum Ab- lassen zu habe». Der Fraktionsredner Schiffer trat sogar — man denke!— für die Zulassung von Frauen zu den Schuldeputationen und Schulvorständen ein. Aber sobald es zur ernsten Entscheidung kommt, wird die Fraktion ein- mütig für den Entwurf stimmen, da angeblich die von nationalliberaler Seite aufgestellten Minimalforderungen Be- rücksichtigung gefunden haben. Ist das aber der Fall? Mit nichten! Die Gefahr der Verpfaffung der Volksschule besteht heute noch in demselben Maße wie bisher. Was in den letzten Wochen, vielleicht auf Grund der de- und wehmütigen Bitten und Proteste von nationalliberaler Seite, in dem Gesetzentwurf zugunsten der Simultanschule geändert worden ist, repräsentiert sich bei genauer Betrachtung als eitel Dunst. Formell hat man in dem Gesetzentwurf der Simultanschule etwas mehr Rechnung getragen, in Wirklichkeit wird die Konfessionsschule fast aus- nahmslos überall zur Regel gemacht. Darüber sind sich auch die Nationalliberalen selbst klar, wie ein eingehender und nicht uninteressanter Artikel der„Kölnischen Zeitung" über die Vorlage beweist. Elegisch heißt es in dem Artikel bei Feststellung des Schlußergebnisses:„Der große Augenblick, wo die unerträglichen Nöte auf dem Gebiet der Schulunter- Haltung die Regierung zur Vorlage eines Gesetzes zwingen, das dem ersehnten und von der Verfassung verlangten all- gemeinen Unterrichtsgesetz nahe kommen sollte, findet ein kleines Geschlecht, das nichts vermag, als mit behutsamen Kompromissen den zufällig im Jahre des Gesetzes erreichten Zustand festzulegen und eine geistige Entwicklung... künst- lich zu unterbinden." Warum werden trotzdem die National- liberalen dafür stimmen? Weil sie müde und matt ge- worden sind, weil sie wissen, daß sie von der Regierung und ihren Parteien nicht für einen Pfennig mehr heraus- holen und weil sie auf der anderen Seite so sehr allen Re- spekt beim Volle verloren haben, daß sie nicht erwarten dürfen, noch jemals wieder eine große Volksbewegung ent- fesseln zu können. Was ist außerdem den Nationalliberalen das Voll und die Volksschule? Mittel zu politischen und wirtschaftlichen Sonderzwecken, und darum genügt es ihnen, wenn sie damit vorläufig einen Teilzweck erreicht haben: sie können sich als Mithelfer beim Zustandekommen dieses Ge- setzes, als Regierungspartei gerieren, ein Vorzug, der den Nationalliberalen in letzter Zeit in solcher Reinheit nicht mehr oft zuteil wurde, da das Zentrum ihnen meistens in die Suppe spuckte. Das Zentrum aber hat zur großen Freude der kulturkämpferischen Nationalliberalen offiziell nichts mit dem Schulgesetz zu tun, wenn es auch im Hinter- grund steht und bereit ist, einzuspringen, falls die National- liberalen versagen sollten. Aon der liberalen Opposition im preußischen Nbgeord- netenhaus ist nicht viel mehr zu erwarten als"n den Nationalliberalen. Sie ist an Zahl gering, außerdem lt ihr Wort nichts im Dreiklassenparlament, in dem die Junker das unumschränkte Regiment führen. Schließlich ist es auch dem Liberalismus nicht ernst um die Sache. Die liberalen Redner haben in der ersten Lesung feierlich beteuert, daß sie von dem hohen erzieherischen Werte der Religion durchaus überzeugt seien und daß sie der Schule keineswegs ihre„re- ligiös-sittliche" Basis entziehen wollten. Demnach handelt es sich in bezug auf die Verkirchlichung der Schule bei allen bürgerlichen Parteien von der äußersten Rechten bis zum liberalen linken Flügel nur um Verschiedenheiten des Grades und des Temperaments. Die einen wollen jede Unterrichts- stunde. Schreiben und Turnen so gut wie Geschichte und Handarbeit auf die„christlich-konfessionelle" Basis stellen, die anderen wollen es bei dem konfessionellen Religionsunter- richt bewenden lassen und die dritten wollen einen etivas abgeblaßteren religiösen Unterricht. Die Gefahr der immer größeren Verpfaffung der Volksschule besteht aber so lange, als man der Kirche auch nur den kleinen Finger reicht. Wird schon Religionsunterricht in der Volksschule erteilt, so hat die Kirche ein gewisses Recht, die Aufsicht über diesen Unterricht zu verlangen. Soll gar der ganze Unterricht „christlich-konfessionell" durchtränkt sein, so hat die Kirche um so mehr ein Recht, die Schulaufsicht zu beanspruchen. Es gibt darum nur einen Weg, um die Befreiung der Schule von der Kirche zu erreichen: Man gebe der Schule, was ihr zukommt, und lasse der Kirche, was zu ihrem Be- reich gehört, man entferne den Religionsunter- richt aus der Volksschule. Das ist das einzige konse- quente, wirkungsvolle Mittel, das aber auch nur allem von der Sozialdemokratie und von vereinzelten bürgerlichen Ideologen verlangt wird. In der deutschen Lehrerschaft, die so sehr unter dem Joche der Geistlichkeit schmachtet, hat bis- lang nur das kleine Häuflein der bremischen Volksschullehrer den Mut gefunden, die Abschaffung des Religionsunterrichtes auch aus fachmännischen Rücksichten zu verlangen und diese Forderung in freimütiger Sprache mit gewichtigen fach- männischen Gründen zu belegen. Aber Bremen ist nicht Preußen, und im preußischen Abgeordnetenhaus gibt es keine Sozialdemokraten. Solange das erbärmliche Dreiklassenwahlrecht existiert, ist auch vom Dreiklassenparlament keine Besserung zu erwarten. Sollte deshalb die reaktionäre preußische Regierung und ihr reaktiv- närer Heerbann im preußischen Landtag die unerhörte Ver- schlechterung der Volksschule, wie sie das sogenannte Schul- unterhaltungsgesetz anstrebt, zum Gesetz erheben, so muß diese Herausforderung aufpeitschend auf die preußische Arbeiterschaft wirken. Sie muß mit. noch größerer, zäherer und zugleich leidenschaftlicherer Energie als bisher den Sturz der Dreiklassenherrschaft betreiben und die Einführung des allgemeinen gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes erstreben. In welcher Weise aber proletarische Mütter die verderb- lichen Wirkungen der neuen Zufuhr von totem konfessionellem Wissensballast in die Köpfe und Herzen ihrer Kinder ganz oder teilweise unwirksam machen können, darüber wird später zu gelegener Zeit noch einiges zu sagen sein. Heinrich Schulz. Die Konferenz der Bürsten- und Pinsel- arbeiter und-arbeiterinnen. Eine Konferenz der deutschen Bürsten- und Pinselarbeiter und-arbeiterinnen hat am 27. Dezember in Nürnberg ge- tagt. 41 Orte waren auf ihr vertreten mit 7451 Beschäftigten, von denen 2586 im Holzarbeiterverband organisiert sind. Dorn-Nürnberg referierte über„Die allgemeine Lage der Bürsten- und Pinselindustrie"; Huber-München über„Die Heimarbeit in der Bürstenindustrie"; Schmalbach-Berlin über„Die Konkurrenz der Straf- und Wohltätigkeitsanstalten"; Keiditsch-Stuttgart über„Agitation und Organisation". Die Verhandlungen und Beschlüsse der Konferenz sind von besonderer Wichtigkeit für die Genossinnen. In der Bürsten- und Pinselindustrie spielt die Frauenarbeit eine große Rolle, und zwar als Fabrik- wie als Heimarbeit. Nach der Statistik des Holzarbeiterverbandes von 1902 waren in der Bürsten- industrie 51,6 Prozent der Beschäftigten Frauen. Von der Knopfindustrie abgesehen, ist weibliche Arbeit in keinem Zweig der Holzindustrie gleich umfangreich wie im Bürsten- und Pinsclmachergewerbe. Wie einsichtsvoll die Organi- sation der Frauenarbeit gegenübersteht, das brachte Dorn klar zum Ausdruck. Er sagte:„Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, daß die Frau aus dem Produktionsprozeß ver- drängt werden soll. Aber sie darf auch nicht zur Lohn- drückerin gemacht werden, wie es jetzt vielfach der Fall ist." Nicht Kampf gegen die Arbeiterinnen als gegen Konkurren- tinnen, vielmehr Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeite- rinnen, Bemühungen zur Organisierung der Arbeiterinnen, das ist die Auffassung, zu der sich die Gewerkschaften be- kennen. Neben den Frauen werden bei der Heimarbeit jugendliche Arbeiter unter 14 Jahren und Kinder noch zarteren Alters in skrupelloser Weise ausgebeutet. Ganz besonders ist dies in den sächsischen Herzogtümern der Fall. Wie in jedem Erwerbsgebiet, für die Heimarbeit Frauen- und Kinder- arbeit bedeutsam sind, so herrschen in der Bürsten- und Pinsel- industrie die allerttaurigsten Lohn- und Arbeitsbedingungen, welche in der„Gleichheit" wiederholt von Sachkennern ge- schildert worden sind. Die Referate, Situationsberichte und Diskusstonsreden entrollten Bild auf Bild von der empören- den Ausbeutung, dem schwarzen Elend, dem die Bürsten- und Pinselarb eitcrschaft preisgegeben ist. Sie zeigten Hunger» löhne, endlose Arbeitszeiten, Wohnungsmisere, gesundheitlich« Gefahren und Schädigungen, kurz die vielgestaltige schwerst» Die Gleichheit Z proletarische Not, welche in Industrien herrscht, wo das Kapital sich auster der Fabrikarbeit noch die Rückständigkeit der Heimarbeit und des handwerksmäßigen Kleinbetriebs dienstbar macht. Wir werden darauf zurückkommen, wenn erst das Protokoll der Konferenz vorliegt, deren Arbeiten wertvolles Material geliefert haben. Es wird unseren Genossinnen bei ihrer Agitation zur Aufklärung und Or- ganisierung der hart frondenden und entbehrenden Bürsten- und Pinselarbeiterinnen von großem Nutzen sein; es wird diese selbst, soweit sie bereits ihre Interessen erkannt haben und daher dem Holzarbeiterverband angehören, zu regstem Eifer anspornen, ihre noch indifferenten Kolleginnen der Organisation zuzuführen. Doch nicht bloß von Aus- beutung und Elend, auch von Kampf gegen Ausbeutung und Elend meldeten die Verhandlungen. Erfreulicherweise wächst die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen, welche in der klaren Einsicht, daß Einigkeit Stärke verleiht, sich dem Holzarbeiterverband anschließen, der Organisation, welche mit Einsicht, Kraft und Treue die Interessen der Bürsten- und Pinselarbeiterschaft vertritt. Leipart, der als Vertreter des Verbandsvorstandes der Konferenz beiwohnte, konstatierte in einem geschichtlichen Rückblick auf die Organisations- Verhältnisse, daß früher nur 1200 bis 1300, oft nur 500 bis 600 Arbeiter und Arbeiterinnen des Gewerbes organisiert waren, heute dagegen mehr als 3000; Arbeiterinnen befinden sich in steigender Zahl unter den Organisierten. Leider wurden die Kräfte, die den Kampf gegen Ausbeutung und Not führen sollen, dadurch zersplittert, daß in der Bürsten- und Pinsel- industrie eine Sonderorganisation besteht, der sogenannte Kniestedtsche Verband. Die Konferenz wies mit Nachdruck auf die zwei Wege hin, welche die Bürsten- und Pinselarbeiter und-arbeiterinnen be- schreiten müssen, wollen sie ihre Lage verbessern. Sie müssen sich immer zahlreicher, immer treuer und opferfteudiger dem Holzarbeitervcrband anschließen, die Agitation für ihn mit größter Rührigkeit führen, die Organisation durch zweck- entsprechende Einrichtungen ausgestalten und kräftigen. Sie müssen als Ergänzung dazu die Gesetzgebung zwingen, zu ihrem Schutz und Nutzen die kapitalistische Ausbeutungs- freiheit zu zügeln. Nach beiden Richtungen hin faßte die Konferenz Beschlüsse, von denen wir die wichtigsten hervor- heben. Es soll eine fünfgliedrige Zentralkommission errichtet werden, welche in Nürnberg ihren Sitz hat, und der die bereits bestehende Milzbrandkommission anzuschließen ist. Die Zentralkommisston hat innerhalb des Holzarbeiterverbandes die engere Verbindung zwischen den Bürsten- und Pinselarbeitern ausrecht zu erhalten, den Hauptvorstand und die Gauvorstände bei der Agitation zu unterstützen, Material für diese über Löhne usw. zu sammeln und die strikte Durchführung der Bestimmungen zum Schutze der Bürsten- und Pinselarbeiter zu überwachen und ihre weitere Ausgestaltung zu fördern. Mit besonderer Energie soll für die Beseitigung der Milz- brandgefahr und für den gesetzlichen Schutz der Heimarbeit gekämpft werden. Wir teilen in nächster Nummer die For- derungen mit, welche nach der Konferenz die Grundlage eines Heimarbeiterschutzgesetzes bilden müssen. Als Mittel zur Milderung der Schmutzkonkurrenz, welche die Arbeit in Straf- und Wohltätigkeitsanstalten den freien Arbeitern macht, bezeichnete die Konferenz: Zahlung eines Lohnes in den Anstalten, welcher den örtlichen Verhältnissen angemessen ist, oder Zahlung des am Orte geltenden Tarifs. Verbot, blinde, augenkranke oder schwächliche Personen mit staub- entwickelnden Arbeiten zu beschäftigen. Anwendung der KZ 10 bis 17 der Bundesratsverordnung vom 22. Oktober 1902 zum Behufe der Besserung der hygienischen Verhältnisse. Die Konferenz hat tüchtige Arbeit geleistet. An den Arbeitern und Arbeiterinnen ist es nun, kräftig dafür zu wirken, daß die Beschlüsse und Anregungen verwirklicht werden. Die Genossinnen werden sie dabei tatkräftig unter- stützen. Nochmals die„ Zehn G ebote für die Männer". Genosse Peus entschuldigt im„Dessauer Volksblatt" den Wdruck der von mir in der vorletzten Nummer der„Gleich- heit" kritisierten sonderbaren Gebole für spießbürgerliche Ehe- männer mit dem Hinweis auf die Eile und Flüchtigkeit der Redaklionshetzarbeit. Diese Entschuldigung hätte für mich durchaus zugereicht. Ich kenne die redaktionelle Tätigkeit in einer parteigenössischen Provinzzeitung lange genug, um es verstehen zu können, wenn dem Redakteur im Drange der Tagesarbeit einmal etwas unterläuft, was er hernach selber am liebsten nicht gedruckt sähe. Aber Peus bringt es bei dem ihm innewohnenden Selbst- gefühl nicht übers Herz, den von ihm gemachten Fehler schlicht und offen einzugestehen, sondern er versucht es noch, den Inhalt der zehn Gebote zu rechtfertigen. Wohl seien diese Sentenzen„vom Standpunkt der sozialistischen Zukunftsehe" aus nicht zu billigen; durch die prinzipielle Kritik— Peus nennt das„nötige Portion Übertreibung"— würden sie sogar zu„größten Lächerlichkeilen". Aber trotz- dem seien sie„durchaus gutgemeinte und heute auch ganz angebrachte Ratschläge". Wer sich in dieser absurden dop- pelten Buchführung Peus' nicht zurechtfindet wie ich, der treibt„illoyale Kritikasterei", ist ein Stänkerer und Prin- zipienwüterich und verdient deshalb Anstellung in der Re- daktion des„Vorwärts". So malt sich in Peus' Kopfe die Welt. Es ist natürlich eine glatte Selbstverständlichkeit, die auch schon anderen Leuten vor und neben Peus nicht ganz un- bekannt geblieben war, daß wir die sozialistische Gesell- schaftsordnung mit der dazu gehörigen geistigen und ethischen Gedankenwelt nicht auf dem Boden der kapitalistischen Wirt- schaftsordnung und im Rahmen der bürgerlichen Welt etablieren können. Ebensowenig können wir von unseren Anhängern verlangen, daß sie sich in der Zwangsjacke des Kapitalismus und der überkommenen Traditionen schon mit der Freiheit und Ungezwungenheit bewegen sollen, die wir von den Bürgern der zukünftigen sozialistischen Gesellschafts- ordnung erwarten. Aber es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man mit Peus predigt: Kinder, der sozialistische Zu- kunftsstaat ist noch in weiter Ferne, richtet euch in der „augenblicklichen Gegenwart" so gemütlich als möglich ein, schleift die Ecken und Kanten des bürgerlichen Klassenstaats ein wenig ab, wenn diese Schleifsteinarbeit auch„vor dem sozialdemokratischen Programm nicht in jeder Beziehung be- stehen kann", und— paßt mal auf— es läßt sich auch in der„unmittelbaren Gegenwart" manche„erhebliche Besserung eures Loses" herbeiführen. Oder ob man die unvermeid- lichen Widersprüche zwischen dem, was ist, und dem, was man als leuchtendes Ideal im Kopf und im Herzen trägt, mit innerem Zorne widerwillig empfindet und sich sein Leben statt im Sinne möglichst großer Behaglichkeit in der Gegen- wart möglichst nach den Gesichtspunkten der zukünftigen sozialistischen Gesellschaftsordnung gestallet. Die Theorie Peus führt zur weichlichen Erschlaffung und in besonderen Fällen zur ödesten Spießbürgerei, wie die zehn Gebote be- weisen. Der andere Standpunkt aber hält die Unzufrieden- heit mit dem Heute, dem vorwärtstreibenden Drange nach dem sozialistischen Morgen frisch und rege. übrigens sollte Peus wissen, daß sich die Forderungen des Erfurter Programnis im zweiten Teile an die„unmittel- bare Gegenwart" des bürgerlichen Klassenstaats wenden und daß wir deshalb von dieser„augenblicklichen Gegen- wart" die„Wschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffentlicher und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen", verlangen. In diesem Sinne ist auch seinerzeit die sozialdemokratische Reichstagssraktion bei der Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuchs tätig gewesen. Ob Peus selbst damals nicht in diesem Sinne mitgearbeitet hat? Um so energischer müssen wir uns dagegen verwahren, daß «in sozialdemokratisches Parteiblatt, daß ein sozialdemo- kratischer Reichstagsabgeordneter mit der würdevollen Miene eines spießbürgerlichen Moralpredigers und ohne irgend- welchen genügenden Grund„Gebote" für das private Leben aufstellt, durch welche die Frau gegenüber dem Manne in erheblichem Maße benachteiligt wird. Nun hat es zu allem Überfluß noch eine besondere Ironie des Schicksals gewollt, daß Peus sogar von der„äugen- blicklichen Gegenwart" des Bürgertums mit seinen Ehe- männergeboten desavouiert wird. Die„Frankfurter Zeitung" hatte die Peusschen„Zehn Gebote" in ihr Feuilleton über- nommen, von wo aus sie den üblichen Weg durch zahlreiche bürgerliche Provinzblätter angetreten haben. Der„Frank- furter Zeitung" selbst aber wurde schon einige Tage darauf von einer Leserin in Landau eine geharnischte Zurückweisung der„Gebote" übersandt, von denen sie nur einige passieren ließ.„Wie niedrig muß der Verfasser dieser an und für sich gut gemeinten Mahnungen die heutige Frau noch schätzen", heißt es darin. Die„Gebote" forderten die Kritik der Frauen geradezu heraus. Ob denn die Frau der Prügel- junge ihres Mannes oder seine Gefährtin sei? Also sogar selbstbewußtere Frauen des Bürgertums weisen die matte Limonade der Peusschen Ehemoral, die angeblich für die bürgerliche Welt noch passen soll, zurück. Und dann sollten proletarische Frauen sie sich ruhig gefallen lassen? Und sozialdemokratische Männer, welche die ihnen empfohlenen „Zehn Gebote" energisch ablehnen, tun das nur, um den „Zehn Gebote"-Verfasser„anzustänkern", wie sich das„Des- sauer Vollsblatt" geschmackvoll ausdrückt? l) si tacuisses! O wenn du— wieder einmal!— lieber geschwiegen hättest! Heinrich Schulz. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Auftrag des Deutschen TextilarbeiterverbandeshieltUnterzeichneteeinegrößere Anzahl Versammlungen im Elsaß(lö), in Baden(19) und in der Pfalz(2) ab. Im Elsaß ließ der Besuch einzelner Versammlungen zu wünschen übrig, so in Luterbach, Senn- heim und Dornach. Es ist dies zu beklagen, denn in diesen Orten werden die schlechtesten Löhne gezahlt, und die Arbeiter- schaft hätte daher ein doppeltes Interesse an der Verbesserung ihrer Lage. Die Versammlungen in Sulz, Gebweiler, Bühl, Colmar, Markirch und Bischweiler waren recht gut besucht, viele Arbeiterinnen nahmen an ihnen teil, die mit größtem Interesse den Ausführungen folgten, überall wurden die„Verbesserungen" der vereinsgesetzlichen Bestim- mungen für Elsah-Lothringen einer scharfen Kritik unterzogen. Seit dem 1. Oktober ist nach ihnen Jugendlichen unter 21 Jahren die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen untersagt. Das hat zur Folge, daß jetzt unter den jugend- lichen Arbeitern und Arbeiterinnen eine eifrige persönliche Propaganda eingesetzt hat; sind doch gerade sie der Aus- beutung am meisten preisgegeben. In Colmar erwies sich das Lokal als zu klein, so daß ein größeres genommen werden mußte. Gut 500 Personen, darunter viele Arbeite- rinnen, waren anwesend. Vor Eintritt in die Tagesordnung fragte der überwachende Beamte die Referenttn, ob sie die „Kompottschüssel" erwähne. Sie gab zur Antwort, daß sie das nicht im voraus sagen könne. Darauf erklärte der Be- amte, daß er die Versammlung auflösen müsse, wenn die Referentin bei der Erwähnung der„Kompottschüssel" nicht hinzufüge, daß die betreffende Äußerung dementiert sei. Genossin Greifend erg sagte nochmals, daß sie keine bindende Zusicherung geben könne. In ihrem Referat kritisierte sie besonders scharf auf die Behauptung hin, daß die Arbeiter eine gesicherte Existenz bis ins hohe Alter hinein hätten. In Bischweiler war es der Unterzeichneten vor drei Jahren verboten worden, bei den Textilarbeitern zu referieren, diesmal wurde es ihr gestattet. Allerdings mußte die Versammlung anstatt im Saale im Gastzimmer tagen, da die zuständige Behörde den Saal nicht freigegeben hatte. Aber es war doch wenigstens möglich, den zahlreich erschienenen Arbeiterinnen die Ursachen der niedrigen Löhne in der Textilindustrie und deren Wirkung auf das Familien- leben vor Augen zu führen. In Baden waren alle Versammlungen außer der in Offenburg sehr gut besucht. Man könnte fast meinen, daß die Arbeiterschaft in dieser Stadt auf Rosen gebettet sei. Schaut man sich aber die Löhne ein wenig an, dann wird man eines anderen belehrt. Die Arbeiter verdienen pro Tag 2,50, 2,20 und 1,80 Mk., die Arbeiterinnen bei elf- stündiger Arbeitszeit 1,90 und 1,80 Mk.; dafür haben sie vier Stühle zu bedienen. Oft erhalten selbst ältere männ- liche Arbeiter nicht mehr wie 1,50 Mk. für den ganzen Tag. Die Offenburger Textiler haben also alle Ursache, kräftiger für die Organisation zu arbeiten, um bessere Verhältnisse zu schaffen. Von Lörrach bis Todtnau, welch herrliches Stück Erde, von dem aber leider die Arbeiterschaft so gut wie nichts hat. überall besteht noch die elfstündige Arbeitszeit. Die Löhne sind niedrig, wie wir noch berichten werden, dazu meist eine Behandlung, die unter jeder Kritik ist. In Todtnau zum Beispiel setzt die Direktion alle Hebel in Bewegung, die Arbeiterschaft von der Organisation fernzuhalten. Welch ungesetzliche Mittel dabei angewendet werden, zeigt folgender Vorfall. Am Nachmittag des Versammlungstags erhielten ganz plötzlich zwei Arbeiter die sofortige Entlassung, ohne Rücksicht auf die vierwöchentliche Kündigungsftist. Dieser brutale Streich bezweckte, die Arbeiterschaft von dem Besuch der Versammlung abzuschrecken, was auch leider teilweise gelang. Aber der Herr Direktor hatte die Rechnung ohne den Textilarbeiterverband gemacht, der sofort die Entschädi- gungsklage einreichte. Am nächsten Sonntag fand eine zweite Versammlung statt, die einen besseren Verlauf nahm als die erste, denn die Leute hatten durch das Vorgehen der Organisatton Mut bekommen. Beim Sühnetermin wurde erreicht, daß die Gemaßregelten wieder eingestellt und für die acht arbeitslosen Tage voll entschädigt wurden. Jeden- falls wird sich der Herr das zweite Mal hüten, Mitglieder der freien Gewerkschaft an der Ausübung ihres Koalitions- rechtes zu hindern. Der Vorfall brachte dem Verband eine Anzahl neuer Mitglieder, überhaupt war die Agitation im schönen Wiesental erfolgreich und vermehrte insbesondere die weiblichen Mitglieder des Verbandes erheblich. In Säckingen war die Teilnahme der Arbeiter an der Ver- sammlung recht schwach und das trotz ihrer sehr verbesserungsbedürftigen Lage. Statt der Ausgebeuteten waren Fabrikanten und Meister erschienen. Die Referentin benutzte die Anwesenheit der Herren, um ihnen gehörig die Wahrheit zu sagen. Die Versammlungen für Laufenberg und Rhein- selben mußten auf schweizer Boden tagen. An beiden beteiligten sich die Arbeiterinnen lebhaft. Die Bewegung macht hier gute Fortschritte. Die Arbeiterklasse erwacht auch hier zum Verständnis der Aufgabe, die sie zu lösen hat, und weiß, wie viele Kämpfe ihr noch bevorstehen. Fest und fester schließen sich insbesondere auch die Proletarierinnen zusammen, klären sich gegenseitig auf und rüsten sich zum Kampfe. Mögen die neugewonnenen Mitglieder treue Stützen der Organisatton werden. DI. Gl. Um den weiblichen Mitgliederstand der Gewerkschaften zu heben, referierte die Unterzeichnete kürzlich in Nürnberg bei den Fabrikarbeitern, Feingoldschlägerinnen, Kammachern und Kellnerinnen. In der Versammlung der Fabrikarbeiterinnen kam unter anderen Beschwerden zur Sprache, daß die Versammlungen meist durch Abgesandte der Firmen überwacht würden, und zwar hauptsächlich durch die Frauen der Ausseher, die am anderen Tage ihren Auf- traggebern Bericht erstatten. Die Arbeiterinnen würden in der Folge abgehalten, der Organisation beizutreten und sich an der Diskussion zu beteiligen. In der betteffenden Versammlung selbst hatte der Aufseher einer Fabrik das ehrenvolle Amt des Spitzels übernommen. Nachdem er aus dem Saale entfernt worden war, schloffen sich sehr viele Arbeiterinnen der Organisatton an. Bei den Feingold- schlägerinnen handelte es sich um eine lokale Angelegen- heit, die in einer sehr gut besuchten Montagnachmittag- Versammlung erledigt wurde. An der Kammacher- Versammlung nahmen viele Arbeiterinnen teil. In der Diskussion wurden dieselben aufgefordert, dem Beispiel der Bleistiftarbeiterinnen zu folgen, die jetzt in Massen dem Holz- arbeiterverband beitreten. Die Beteiligung der Kellne- rinnen an der Gastwirtsgehilsenversammlung ließ viel zu wünschen übrig. Die Unterzeichnete referierte über„Das Stellenvermittlungswesen, ein Krebsschaden des Gastwirts- gewerbes". Die anwesenden Gastwirtsgehilfen wollen alles daran setzen, die Kellnerinnen für die Organisation zu ge- Winnen. Die Mühlenarbeiter hatten ihre Frauen leider nicht so zahlreich in die Versammlung mitgebracht, wie es zu wünschen gewesen wäre. Das Versäumte soll später nach- geholt werden.— Es fanden noch Versammlungen statt für die Holzarbeiter in Markt Redwitz, die Arbeiterinnen der Munitionsfabrik in Fürth, die Textilarbeiter in Forschheim, die Schuhmacher in Herzogenaurach und die Metallarbeiter in Zirndorf. Die Arbeiterinnender Munitionsfabrik in Fürth waren so zahlreich erschienen, daß der gewählte Saal, der zirka 400 Personen faßt, sich als viel zu klein erwies, während in der vorhergehenden Ver- sammlung ihr Fernbleiben kritisiert werden mußte. Die weitaus meisten Arbeiterinnen sind jetzt organisiert. Zur besseren Kontrolle der Arbeitsverhältnisse in der Fabrik waren für jeden einzelnen Saal Fragedogen ausgegeben worden, 4 Die Gleichheit für deren Beantivortung auch Frauen und Mädchen sorgten, die Vertrauensposten bekleiden und in der Fabrik für die Organisation wirken. Dadurch ist manche Beschwerde für die Fabrikinspektion festgestellt worden. Die Textilarbeiter in Forschheim waren verhältnismäßig in guter Zahl zur Versammlung erschienen, aber die Frauen und Töchter hatten daheim bleiben müssen, denn was hat nach der hier allgemein geltenden Ansicht eine Frau in einer Versammlung zu suchen? Die Referentin zeigte, daß die Beteiligung an einer Versammlung auch das Recht und die Pflicht der Frau sei, zumal wenn sie wie der Mann in der Fabrik arbeiten müsse. Die Anwesenden stimmten dem bei und versprachen, das ihrige zu tun, um die Arbeiterinnen aufzuklären. In Zirndorf scheinen die Proletarierinnen allmählich zu der Erkenntnis zu kommen, daß sie der Organisation bedürfen/ um ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Die Versamm- lung war außerordentlich gut besucht, und der Metall- arbeiterverband erhielt eine große Anzahl neuer Mitglieder. Auch zu der öffentlichen Versammlung in Herzogen- aurach hatten sich die Frauen zahlreich eingefunden. In ihrem Referat erwähnte die Rednerin, daß ein Teil der Zentrümler im bayerischen Landtag für das Frauenwahl- recht eingetreten sei. Die Herren spekulierten auf die Un- aufgeklärtheit der Frauen. Mit ihrer Hilfe wollten sie die Stimmen der Männer ersetzen, welche ihnen die gefürchteten „Sozi" mehr und mehr abnehmen. Die Referentin forderte die Anwesenden auf, das ibrige zu tun, um einen Strich durch die fromme Rechnung zu machen, indem sie mehr denn je unter den Arbeiterfrauen und Arbeilerinnen agitierten und für ihre Aufklärung sorgten. Unter begeisterten Zu- rufen wurde die Versammlung geschlossen. Helene Grünberg. In Hannover sprach die Unterzeichnete in einer Versammlung des Tabakarbeiterverbandes über die projektierte neue Tabaksteuer. In einer einstimmig an- genommenen Resolution erhoben die Versammelten, unter denen sich sehr viele Zigarettenarbeiterinnen befanden, scharfen Protest gegen das geplante Steuergesetz.— Volksversamm- lungen mit dem Thema:„Lebensmittelverteuerung" ver- anstalleten die sozialdemokratischen Vereine in Bremen, Vegesack und Nordenham. Auch hier war der Besuch sehr zahlreich. Alle Versammlungen brachten den einzelnen Gewerkschaften neue Mitglieder und der Arbeiterpreffe wie der„Gleichheit" viele Abonnenten. Das rege Interesse, das die Frauen an den Tag legten, berechtigt zu den besten Hoffnungen für die Zukunft. Marie Wackwitz. Agitation in Anhalt. Dem Beschluß des Jenenser Parteitags über die Reorganisation der Partei entsprechend, hat auch der Wahlkreis Bernburg-Cöthen sich eine Kreis- organisation geschaffen. Um dieser Mitglieder zu gewinnen, gleichzeitig aber auch, um nach§ 10 unseres Organisationsstatuts überall weibliche Vertrauenspersonen aufzustellen, ferner der„Gleichheit" Eingang zu verschaffen, fanden Ver- sammlungen in allen Orten statt, wo wir über Lokale ver- fügen. Der Besuch der Versammlungen sowie ihr Erfolg war glänzend. In dem kleinen Dorfe Hecklingen waren mehr als 200 Personen erschienen, darunter sehr viele Frauen. Zwei von ihnen wurden für den Posten der Vertrauens- person gewonnen. Die„Gleichheit" fand SO Abonnenten und die Partei ebensoviel Mitglieder. In den beiden Harz- orten Harzgerode und Gernrode waren die Lokale bis zum letzten Platz besetzt. In Gernrode waren Versamm- lungsbesucher aus stundenweit entfernten Orten gekommen, so aus Rieder, Ballenstedt usw. Auch hier waren intelligente und regsame Frauen bereit, den Posten der Vertrauens- person zu übernehmen. In Harzgerode traten 83, in Gern- rode S7 Besucher der Partei bei, den Leserkreis der„Gleich- heit" vergrößerten wir in jedem der beiden Orte um zirka 30 Personen. In„drangvoll fürchterlicher Enge" saßen und standen die Versammlungsbesucher in Leopoldshall. 40 neue Abonnenten der„Gleichheit" scharten sich hier um die gewählten Vertrauenspersonen, 20 Mitglieder zeichneten sich in die Listen des Parteivereins. Besondere Freude hatten wir in Nienburg a. S., wo sich unter etwa 300 Versamm- lungsbesuchern mindestens 120 Frauen befanden. Nachdem diese eine Vertrauensperson und Stellvertreterin gewählt hatten, meldeten sich 62 Abonnenten unserer Frauenzeitung, 60 Männer traten der Partei bei. In Cöthen war der geräumige Saal dicht besetzt. Unter den Versammlungs- besuchern befanden sich recht viele Frauen und russische Studenten. Mit Spannung folgten die Anwesenden dem Vortrag über das Thema, das wir in allen Versammlungen behandelten,„Revolution überall". Um die neugewählte Vertrauensperson gruppierten sich über 100 neu gewonnene Leserinnen der„Gleichheit". 40 neue Parteimitglieder wur- den geworben. In Gröbzig und Trebbigau a. F. erzielte die Agitation ebenfalls gute Erfolge, desgleichen in Bern- bürg, wo nicht nur 73 Leserinnen der„Gleichheit" gewonnen wurden, sondern wo sich eine Anzahl Frauen verpflichteten, regelmäßig freiwillige Beiträge an die Partei abzuführen. Die Kreisleitung versprach, diese Neuerungen auch in den anderen Orten des Kreises zu empfehlen und einzuführen. Im ganzen wurden im zweiten Anhalter Kreis der„Gleich- heit" 463 Abonnenten und der Partei 400 Mitglieder zu- geführt. Auch im ersten Kreis fanden zwei Versammlungen statt, in Dessau und Oranienbaum. Im ersteren Orte wurden 12S„Gleichheits"- Abonnenten und 25 Parteimitglieder geworben, im zweiten 18 Abonnenten und 12 Partei- Mitglieder. Endlich ist mit der entfalteten Agitatton auch in Anhalt die proletarische Frauenbewegung in die Wege geleitet worden. Halten die Genossen, was sie allerorts ver- sprochen haben, unterstützen sie die neu gewählten Ver- trauenspersonen, so werden wir sicherlich bald Fortschritte zu melden haben. Die Unterzeichnete sprach noch in stark besuchten Versammlungen in Chemnitz, Luckenwalde(im Auftrag der Hutmacherorganisation) und Witten- berge. Der Versammlungsbesuch war in den drei Orten sehr gut, das Interesse für die Ausführungen lebhaft. Der Gärungsbazillus liegt in der Luft. Unsere Agitation hat dafür zu sorgen, daß er sich kräftig entwickelt. Luise Zieh. Von den Organisationen. Oberstein. Am 10. De- iember versammelte sich hier zum erstenmal die Frauen- abteilung des Sozialdemokratischen Wahlvereins. Der Vorsitzende desselben, Genosse Schmidt, hieß die etwa 20 erschienenen Frauen herzlich als Mitkämpferinnen willkommen und führte ihnen in wohldurchdachtem Vortrag die Lage des arbeitenden Volkes vor Augen sowie die Pflicht, für Brot, Freiheit und Bildung zu kämpfen. Er erzielte hiermit allgemeinen Beifall. Bei der darauffolgenden Wahl der geschäftsführenden Personen wurde Genossin Gosert zur ersten und Genossin Hoff zur zweiten Ver- trauensperson ernannt, Genossin Engel und Genossin Kuhn zu Revisorinnen. Die Genossinnen beschlossen, die Ver- breitung der„Gleichheit" selbst zu übernehmen. Unser Blatt gewann vier neue Abonnenten, der Verein ein Mitglied. Die nächste Vereinsversammlung soll Ende Januar statt- finden. An stark besuchte Vereinsversammlungen ist vorerst nicht zu denken, denn in Oberstein müssen die Frauen hart fronden, die eine wäscht und putzt Tag für Tag außer dem Hause, eine andere hängt Ketten an, die dritte hat kleine Kinder zu versorgen, und manche wird vom Manne zurück- gehalten, der denkt, es paffe sich nicht für sein Weib, sich um das politische Leben zu kümmern. Aber alle Genos- sinnen sind fest entschloffen, treu zum Verein zu halten und so viel wie es in ihren Kräften steht mitzuarbeiten im Werke des Kampfes um ein besseres Dasein. L. Gosert. Die proletarische Frauenbewegung faßt allmählich in Mügeln, Bezirk Dresden, festen Fuß. Im April d. I. fingen wir mit der Arbeit an, und jetzt zählt der sozialdemo- kratische Verein bereits 52 weibliche Mitglieder. Die älteren Genossinnen ließen es an Eifer nicht fehlen, die Arbeite- rinnen, die Arbeiterfrauen über ihre traurige Lage aufzu- klären und sie zu Mitstreiterinnen im Kampfe ums Recht heranzubilden. Es wurde eine große Frauenversammlung abgehalten, in welcher Genossin Kiesel aus Berlin referierte. Des weiteren finden monatlich je ein Lese- und ein Dis- kussionsabend statt. Der erstere ist speziell für Frauen be- stimmt, an dem letzteren beteiligen sich Genossinnen und Genossen. Leider ist die Gedankenlosigkeit nicht nur vieler Frauen, sondern auch noch vieler Männer ein großes Hin- dernis für die Aufklärung unserer Proletarierinnen. Der Zusammenhalt zwischen Genossinnen und Genossen, der für ein ersprießliches Arbeiten unbedingt notwendig ist, muß noch fester werden. Doch durch alle Schwierigkeiten lassen sich die Genossinnen nicht abschrecken. Mit doppeltem Fleiß werden sie unter den Proletarierinneu agitieren, um in allen das Interesse am politischen wie wirtschaftlichen Kampfe ihrer Klasse zu wecken. Auguste Fo hri, Vertrauensperson. Bestrebungen zur Förderung der proletarischen Jugenderziehung zeigen sich mehr und mehr: das Nürn- berger Gewerkschaftskartell zum Beispiel veranstaltete vor Weihnachten eine Reihe von Märchenvorlesungen, die alle ein recht zahlreiches und dankbares Publikum fanden. Zirka 1200 Kinder und 300 Erwachsene wohnten der ersten Vor- lesung bei. Der Vortrag der Märchen wurde durch Licht- bilder belebt, welche die helle Freude der Kleinen hervorriefen. Lehrer hatten sich für die folgenden Veranstaltungen zur Vorlesung von Märchen und Erzählungen zur Verfügung gestellt. Die Kinder folgten mit großer Aufmerksamkeit den Vorträgen und unterbrachen sie hin und wieder durch Lachen oder Beifall. Die Veranstaltungen gefielen ihnen so gut, daß sie am Schluffe das Verlangen äußerten, recht bald mehr zu hören. Das Gewerkschaftskartell hatte außerdem eine Zusammenstellung empfehlenswerter Jugendschriften herausgegeben, um es den Eltern zu erleichtern, ihren Kindern ein gutes Buch auf den Weihnachtstisch zu legen. In Leipzig. Berlin und anderen Städten haben gewerk- schaftliche und politische Organisationen, Bildungsvereine usw. ähnliche Leistungen für die Kinder des Proletariats aufzu- weisen._ Helene Grünberg. Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Die Behörden wissen, was ihres Amtes ist im Klassenstaat. Abermals sind zwei Fälle zu melden, in denen durch beispiellos gekünstelte Auslegung der gesetzlichen Vor- schriften Proletarierinnen verwehrt werden sollte, an der gewerkschaftlichen Bewegung, an dem Ringen ihrer Klasse um ein menschenwürdiges Dasein teilzunehmen. In Ber- linchen will sich die Firma Gebr. Janke in ihrem„Herren- bewußtsein" nicht damit abfinden, daß die Arbeiter und Ar- beiterinnen von ihrem Rechte der Koalittonsfreiheit Gebrauch machen und dem Holzarbeiterverband angehören. Die polizei- liche Weisheit und Macht betätigte sich in der gleichen Rich- tung. Die hochlöbliche Polizeiverwaltwng teilte nämlich dem Einberufer einer Holzarbeiterversammlung mit,„daß Frauenspersonen der Versammlung nicht bei- wohnen dürfen, weil gesetzlich unzulässig". Das absolut ungesetzliche Ansinnen und das grausame Deutsch der Verfügung befriedigte ihren staatserhaltenden Eifer noch nicht. Sie benachrichtigte den Bevollmächtigten des Holzarbeiterverbandes, daß es gesetzlich unzulässig sei. Frauenspersonen in den Holzarbeiterverband auf- zunehmen, und forderte ihn auf, diese Geschöpfe niederer Art und niederen Rechtes vorbehaltlich des einzulei- tenden Strafverfahrens sofort aus der Mitglied- schast zu streichen. Den betreffenden„Frauenspersonen" selbst tat die Polizeibehörde kund und zu wissen, daß ihre Mitgliedschaft im Verband gesetzlich mzulässig und di» Streichung derselben gefordert worden sei Wohlwollend. wie der preußische Staat sie geschaffen, fügte sie hinzu, daß den Gesetzesbrecherinnen anheimgestellt sei, die gezahlten Beiträge zurückzufordern. Können Proletarierinnen ein-- weisere, zartere Fürsorge erwarten? Was ist einer königlich preußischen Polizeibehörde das Recht der Arbeiterinnen, sich mit ihren Arbeitsgenoffen zum Schutz und Trutz gegen das ausbeutende Unternehmertum zusammenzuschließen? Schall und Rauch! Aber ein reelles, heiliges Gut sind ihr neben der zu schützenden kapitalistischen Ausbeutungsgewalt ein paar Nickel, die ja für Flottenspenden, Mirbachiaden und ähnliche„höhere Zwecke" eine weit würdigere Verwendung finden können als für die„verhetzende" Gewerkschaftsbewe- gung. Gemütsmenschentum in der Polizeiuniform! Wo das Herz so stark sprach, mußte der Gesetzestext schweigen. Die Polizeiverwaltung von Berlinchen hat in allen betreffenden Verfügungen unterlassen, den Gesetzesparagraphen zu nennen, auf den sie sich stützt. Es dürfte ihr auch schwer fallen, einen solchen zu zitieren. Tatsächlich gibt es keine gesetzliche Vorschrift, welche sie zu ihrem Vorgehen berechtigt. Der Gauvorsteher des Holzarbeiterverbandes, Genosse Stusche, hat denn auch Beschwerde dagegen erhoben, über deren Er- folg noch berichtet wird. Gegen die Beteiligung der Frauen am Gewerkschafts- leben ist in Aachen die Polizei aus dem gleichen Geist heraus eingeschritten, wie ihre Kollegin in Berlinchen, etwas anders in der Form, im Wesen nicht weniger brutal und täppisch. Dort hat die Kartellkommission der Gewerkschaften einen Vortragszyklus über die sozialen Gesetze veranstaltet, an dem jedermann gegen Lösung einer Eintrittskarte teilnehmen kann. Neulich verlangte nun der überwachende Beamte bei einem Vortrag die Entfernung der Frauen. Man stellte gegen- über dieser Zumutung den Charatter der Veranstaltung fest und verivies auf das Vereinsgesetz. Daraufhin verlangte der Beamte die Trennung der Geschlechter und die Einschachte- lung der Frauen in das berühmte„Segment", Hammerstein- schen Angedenkens. Die sofort erhobene Beschwerde gegen die Verfügung wurde von der Polizeidirektion mit der Er- klärung zurückgewiesen, daß der Beamte zu Recht gehandelt habe, denn das Gewerkschaftskartell sei als politischer Verein zu betrachten und folglich den Beschränkungen unterworfen, die für einen solchen gelten. Hoffentlich beruhigt sich das Kartell nicht mit dieser Polizeiweisheit, die ein Rattenkönig von Irrungen und Wirrungen ist. Ein Kartell ist über- Haupt kein Verein, sondern eine Körperschaft von Beauf- tragten. Es ist keine polittsche, vielmehr eine gewerkschaft- liche Körperschaft, an deren Veranstaltungen Frauen teil- nehmen, ja, der sie als Glieder angehören dürfen. Der Vortragsabend war eine öffentliche Versammlung, der— ganz gleich, welcher Charakter ihr angedichtet wird— nach dem preußischen Vereinsrecht Frauen ohne jede Einschränkung beiwohnen können. Kurz, die Entscheidung hat auffällige Ähnlichkeit mit der bekannten Erzählung des Dienstmannes, der berichtet, daß er den übergebenen Brief getreulich be- stellt habe, daß jedoch der Empfänger Schulze und nicht Müller heiße, eine Waschfrau und kein Buchdrucker sei und nicht Feldstraße 42 wohne, sondern Marktplatz 15. Wenn dem preußischen Staat die Mittel und Möglichkeiten fehlen, seine Beamten genau in den Gesetzestexten unterrichten zu lassen, die sie hüten sollen, wie wär's damit, daß er bei den politischen und gewerkschaftlichen Organisationen um dies- bezügliche Jnstruklionsstunden vorstellig würde? Vielleicht, daß die Polizeibehörden dann neben der Kenntnis der ge- setzlichen Vorschriften auch die Achtung vor diesen erlangten, die sich daran genügen läßt, anzuwenden und nicht zu unterlegen._ Politische Rundschau. Das erste Jahr der russischen Revolution ist zu Ende ge- gangen, nicht die russische Revolution selbst. Sie hat ihr Ziel, den völligen Sturz der Gewaltherrschaft, noch nicht er- reicht. Ihr bleibt noch viel zu tun, um die Wucherpflanze des Zarismus aus dem russischen Boden auszurotten. Mer was wir jetzt schon an Heldenmut, an Aufopferungsfähigkeit, an zäher Tatbereitschaft, an Begeisterung bei unseren Ge- nossen in Rußland, Polen, den Ostseeprovinzen und dem Kaukasus erlebt haben, hält in uns die feste Zuversicht wach, daß sie ihr großes Werk zum Wohle der Völker Rußlands, zum Wohle der Menschheit zu Ende bringen werden. Was dieser Revolutionsbewegung vor allem anderen den proletarischen Charatter aufdrückt, was sie auszeichnet vor allen Volksbewegungen früherer Zeiten, das ist die Unter- strömung des politischen Maffenstreiks, von der alle die anderen revolutionären Erscheinungen getragen und gefördert werden, neben der sie auch nur als Aushilfsmittel in Be- tracht kommen. Zum erstenmal in der Geschichte ist dieses echt proletarische Kampfmittel planmäßig in größtem Maß- stab von klassenbewußten Volksmassen zur Erzielung einer Staatsumwälzung größten Maßstabs angewandt worden. Der politische Dtaffenstreik ist das Kennzeichen der russischen Revolution; man kann auch jetzt schon sagen: er sichert ihr den Sieg. In den Pausen zwischen den intermittierend einsetzenden und abbrechenden Massenstreiks hat es Zusammenstöße und Kämpfe aller Art gegeben, wie wir sie aus allen Revoluttons- epochen kennen: Demonstrationen, Scharmützel mit der Polizei; dann aber Eigenarten der verbrecherischen Zaren- kultur: die verlumpten Banden der„schwarzen Hundert" im Polizeisold verwandt zu Rassen- und GlaubenSkämpfen gegen Andersgläubige oder fremdsprachige Untertanen des Zaren. Schließlich als Nachwirkung der Volksbewegung Meutereien der Truppen, der Seesoldalen und Matrosen zuerst, dann aber Nr.! Die Gleichheit S auch der Landtruppen bis in die Reihen der Garde und der Jagdmeute des Zaren, der Kosaken hinein. Das alles in voller Gärung durcheinander, bald hier, bald dort aufflackernd, aber in jeder Einzelphase größere Dimensionen annehmend, die Volkserhebungen von Polen nach Petersburg, von Petersburg nach dem Kaukasus, nach Finnland, nach den Ostseeprovinzen, nach Südrußland zurück- schlagend, jetzt schon unter den russischen Bauern sich aus- breitend. Demgegenüber die Henker und Heere der Reaktion bisher noch im Einzelkampf„taktische Siege" erfechtend, aber mehr und mehr im Glauben an die Überlegenheit der Zaren- macht erschüttert. Dramatisch sich steigernd, hatte das Jahr 190S das erschütterndste Ereignis in diesen Kämpfen und Wirren uns bis zuletzt aufgespart: die großen Barrikadenkämpfe in Moskau. Noch vor kurzer Zeit konnte man die Versicherung hören: ja, in Polen, im Kaukasus, in den anderssprachigen Ostsee- Provinzen, selbst in dem international verseuchten Peters- bürg mag es Volksaufftände geben, aber Moskau, das Herz Rußlands, das heilige Moskau, Mütterchen Moskau, hält in Treue fest an seinem Väterchen Zar; an den Pforten des ehrwürdigen Kreml verebbt die Sturmflut der Revolution. Und nun haben wir in der alten Hauptstadt Rußlands die blutigsten, die langwierigsten Kämpfe erlebt, Barrikaden- kämpfe noch dazu, die man überhaupt nicht mehr erwartete in der Zeil der modernen Schnellfeuerwafsen. Als man in Westeuropa das Weihnachtsfest feierte— in Rußland ist man auch im Kalender zurück, um 13 Tage zurück—, da fochten in den winkligen Straßen der russischen Hauptstadt Zehntausende von Arbeitern und auch einige hundert Stu- denten gegen die Zarenschergen, Kosaken, Artillerie und Ka- vallerie, ganz wie 1848 in Wien und Berlin. Nach den letzten Nachrichten behaupten die Reaktionäre, schließlich den Sieg davongetragen zu haben. Aber was will das bedeuten für die Entwicklung der Dinge überhaupt? Moskau ist nicht Rußland wie Paris Frankreich war am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, und Barrikadenkämpfe sind heute wohl noch Begleiterscheinungen, aber nicht das Wesen der Revolutions- bewegung. Daß die offenen Gegner der sozialistischen Revo- lutionsbewegung über„die Niederlage der Revolution" ein hyänenhaftes Freudengeheul erheben und sogar falsche Freunde es für angezeigt halten, ihrer Genugtuung über den angeb- lichen Erfolg der Reaktion offenen Ausdruck zu geben, kann das russische, kann auch das deutsche und das ganze inter- nationale klassenbewußte Proletariat nicht irre machen in dem unentwegten Weiterwirken für unsere große Sache wie in der festen Zuversicht aus deren Sieg. Was in Rußland stürmisch begonnen, wird auch in Rußland seinen ersten Erfolg er- leben, aber es wird, es muß weiterwirken in einem Auf- schwung der klassenbewußten Arbeiterschaft der Welt. Wir deutschen Sozialdemokralen werden zu zeigen haben, daß wir für den Befreiungskampf der Menschheit in unserem Lande, auf unsere Weise nicht minder Großes zu leisten wissen als unsere Brüder im russischen Reiche. Neben dem großen russischen Drama, das die glühendste Teilnahme absorbiert, verschwindet an Interesse der eng- tische Ministerwechsel, trotzdem dieser Vorgang an sich bedeutungsvoll genug ist. EndUch hat das konservative Ministerium die Nemesis für die brutale Weltpolitik mit der unvermeidlichen Begleiterscheinung einheimischer Stagnation ereilt. Unfähig für jede reformerische Tätigkeil im Innern, ist es am eigenen Marasmus zusammengebrochen. Ob die liberale Partei fähig sein wird, die Ansprüche der breiten Masse des Volkes auf eine schöpferische Sozialpolitik zu be- friedigen, mag allerdings angesichts des starken kapitalistischen Interesses in ihren Reihen bezweifelt werden. Jedenfalls haben unsere Parteigenossen in England recht daran getan, es für un- statthast zu erklären, daß ein Sozialdemokrat in dieser Regierung irgend ein Amt übernimint, am allerivenigsten einen Minister- posten. Die Übernahme des Lokalverwaltungs- amtes durch John Burns ist schon deshalb nicht als der Eintritt eines Sozialisten in das Ministerium aufzufassen, wie es seinerzeit in Frankreich der Eintritt Mil- lerands in ein bürgerliches Kabinett war. John Btirns ist zwar ein ehemaliger Arbeiter und ehemaliger Sozialdemo- krat; er hat als solcher den bekannten Ansturm der Prole- tarier auf die Polizei in Trafalgar Square geführt, um das Recht der Versammlungsfreiheit zu erkämpfen, er ist aber längst der sozialdemokratischen Bewegung abtrünnig ge- worden und hat im Parlament sich zu den Liberalen ge- halten, allerdings unter dem Namen:„Arbeitervertreter". Setzt er im Kabinett weitgehende Reformen durch, um so besser. Eigentliche sozialdemokratische Politik wird er schon deshalb nicht treiben, weil er überhaupt kein Sozialdemokrat ist und sein will. In einer Beziehung verdienen jedoch sowohl John Burns wie der Premierminister Campbell-Bannerman unbedingte Anerkennung auch von unserer Seite. Beide gehörten zu den wenige» Politikern, die gleich den englischen Sozial- demokraten beider Richtungen gegen den infamen Burenkrieg, diese barbarische Spekulation eines habgierigen Spekulanten- klüngels, mit aller Entschiedenheit Einspruch erhoben und dafür als Vaterlandsverräter und„Pro-Buren" von den englischen Mordspatrioten geschmäht wurden. Sie haben jetzt schon angekündigt, daß sie nun die schmachvollsten Folgen der Annexion des Transvaals, die Einfuhr chinesischer Kulis rückgängig machen wollen. Sofort haben, die„Times" an der Spitze, die Mordspattioten ein Wutgeheul erhoben und suchen das Kabinett zu Fall zu bringen, ehe es noch ins Amt getreten ist. Es wird sich nun zeigen, ob es mit seiner antichauvinistischen und sozialresorme- rischen Wahlparole im Januar bei den Wahlen eine Mehr- zeit für sich gewinnen kann.(i. L. Gewerkschaftliche Rnndschan. Um die Jahreswende stagniert der gewerkschaftliche Kampf vorübergehend auf kürzere Zeit. Die gesteigerte Geschäfts- tätigkeit auf der einen Seite, die verminderte Arbeitsgelegen- heit auf der anderen in den Monaten Dezember und Januar lassen wenig gewerkschaftliche Aktionen gegen das Unter- nehmertum erstehen. Dafür werden in dieser Zeit bereits Vorkehrungen getroffen, um im neuen Jahre mit neuer Kraft und gesteigertem Mute agitatorisch und organisatorisch zu wirken und für die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse tätig zu sein. Die Zentralleitungen beschäftigen sich mit Plänen, wie die Agitation intensiver betrieben werden könnte, sie treffen teilweise bereits die mühsamen Vorbereitungen für die nächste Generalversammlung, sie nehmen statisttsche En- queten vor oder verarbeiten bereits aufgenommene zum Zwecke der Veröffentlichung usw. usw. Wenn das Wirtschaft- liche Getriebe wieder lebhafter wird, so wollen sie gerüstet und kampfbereit wieder eingreifen können zum Vorteil der organisierten Arbeiterschaft. Der Tabakarbeiterverband hat gegenwärtig sehr günstige Gelegenheit zu rührigster Agitation. Die Gefähr- dung der Tabakindustrie durch die skrupellosen Steuerpläne der Reichsregierung öffnen gewiß vielen Nichtorganisierten die Augen über den Klassenstaat und die kapitalisttsche Ord- nung, der er dient. Sie lernen dann einsehen, was prole- tarische Pflicht und Ehre ihnen gebietet. Wir begrüßen es mit besonderer Freude, daß der Zentralvorstand des Tabak- arbeiterverbandes mit Beginn dieses Jahres auch eine größere Agitation unter den Arbeiterinnen betteiben will; in zahlreich anberaumten Versammlungen werden Referentinnen diese aufklären. Wir wünschen einen starken Verfammlungs- besuch, begleitet von Masseneintritten in die Organisation, nicht nur um des Verbandes und der eigenen Interessen der Tabakarbeiter und Arbeiterinnen willen, sondern auch, damit imposante Kundgebungen laut vernehmbaren Protest gegen die schoflen Steuerpläne der Regierung erheben. Pflicht unserer Leserinnen ist es, in diesem Sinne zu wirken. Auch der Textilarbeiterverband läßt durch zwei Referentinnen in den Monaten Februar und März Agi- tationstouren durch ganz Sachsen veranstalten.— Im sächsisch-thüringischen Textilbezirk gärt es weiter. Die Unternehmer halten hier wieder einmal die getroffenen Abmachungen nicht. Den Streikenden war am Ende ihres Kampfes die Versicherung gegeben worden, daß niemand ge- maßregelt werden solle. Trotzdem liegen mehr als 100 Ar- beiter auf der Straße, während neue„Hände" angenommen werden. Das ist nach der Untcrnehmerpresse„die natürliche Folge der Aussperrung". Es zeigt sich außerdem, daß der neue Lohntarif lediglich eine Preisregulierung auf Kosten der Arbeiter ist. Allenthalben werden Lohnkürzungen versucht. Wenn die Arbeiter dagegen vorstellig werden, so heißt es, daß ein„Versehen" vorliegt. Das„Versehen" wiederholt sich aber bei der gleichen Arbeit anderer Arbeiter. Unter solchen Verhältnissen ist es schwer, den Frieden zu wahren! Der Wäschearbeiterinnenstreik in Bielefeld, der durch seine große Ausdehnung andere Gewerbe stark in Mitleidenschaft zog, so besonders die Kartonindustrie des Ortes, ist noch vor Jahresschluß mit einem Vergleich be- endet worden. Unter welchen Bedingungen, ist uns beim Schreiben dieser Zeilen noch nicht bekannt. Der Vorstand des Zentralvereins der Bureau- angestellten hat an den Reichskanzler eine Eingabe ge- richtet, worin dieser ersucht wird, möglichst bald durch den Beirat für Arbeiterstatistik mündliche und schriflliche Er- Hebungen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Bureau- angestellten zu veranlassen, damit endlich zuverlässiges Material für eine gesetzliche Regelung der Berufsverhältnisse gewonnen werde. Hoffentlich werden dabei auch die weiblichen Bureau- angestellten gebührend berücksichtigt. Der Verband der Schuhmacher beruft bereits seine Generalversammlung für den 11. Juni nach Nürnberg ein. Der Holzarbeiter- verband kann über eine noch nie dagewesene Zunahme von Mitgliedern berichten, wobei erfreulicherweise die weib- lichen stark beteiligt sind. Das Handlungsgehilfenblatt bringt eine Zu- sammenstellung von Urteilen von Kaufmannsgerichten, die einen Einblick in die großen sittlichen Gefahren tun lassen, denen die weiblichen Angestellten seitens ihrer Chefs vielfach ausgesetzt sind. Kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen müssen sich höchst unanständige Redensarten und unsittliche Berührungen gefallen lassen, andere Gehilfinnen werden bei einem Wochenlohn von d Mark auf die Prostttution ver- wiesen. Der Direktor eines Munchener Automatenrestaurants verlangte von seinen weibliche» Angestellten direkt die ge- schlechttiche Hingabe. Die Wüstlinge gehen leider meist straffrei aus, da nicht wegen ihrer unsittlichen Handlungen Klage er- hoben wird, sondern wegen Streitfällen, die aus dem Ar- beitsvertrag erwachsen, wegen der Rechtmäßigkeit einer Lö- sung des Arbeitsverhältnisses oder auch um rückständigen Lohn. Letzthin berichteten wir über einen neuen Plan der Scharf- macher, die Aussperrung der Arbeiter und Arbeiterinnen durchgreifender vorzunehmen. Ihm ist ein zweiter gefolgt, der darauf hinausläuft, die Arbeiter nicht nach dem Alphabet, sondern nach Altersklassen auszusperren, die durch die In- validenkarten leicht festzustellen sind. So teuflisch der Plan ist, so zwecklos wird auch er sich erweisen. Gewiß kann der gewerkschaftlichen Aktion durch solche Tücken die eine oder andere Schlappe beigebracht werden, aber die Gewerkschafts- organisatton können sie ebensowenig vernichten wie alle bis- her schon ausgeheckten scharfmacherischen Zerschmetterungs- pläne. Ihre Entwicklung wird dadurch nur gefördert. Je brutaler die Unternehmervereinigungen vorgehen, um so mehr indifferente Arbeiter und Arbeilerinnen kommen zur Erkennt- nis ihrer Klassenlage.# Notizenteil. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Eine sozialistische Fraucnzeitnng in Frankreich nach dem Muster der„Gleichheit" soll, wie uns mitgeteilt wird, in den nächsten Wochen erscheinen. Ihre Herausgeberin wird Genossin Luise Chaboseau-Napias sein. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Arbciterinnenclend in Fürth. Wie überall, so werden auch in Fürth die Arbeiterinnen wucherisch ausgebeutet. Das bestätigen die folgenden Tatsachen. Die Wäschefabrik von Schwarzenberger scheut sich nicht, ihren Nähe- rinnen, den Heim- wie den Akkordarbeiterinnen im Be- triebe, für Hosen per Stück S und 6 Pfennig zu zahlen, für Mädchen- und Knabenhemden mit reichster, komplizierter Garnierung 7, 8 und 9 Pfennig, für Herren- und Damen- Hemden 10 und 11 Pfennig. Will bei dieser horrenden Eni- lohnung eine Heimarbeiterin in der Woche B oder B,BO Mark verdienen, so darf sie von ihrer Arbeit nicht aufblicken. Und von den paar Pfennigen, die alle Lebensbedürfnisse der Proletarierinnen decken sollen, müssen noch die Ausgaben für Garn usw. getragen werden. Nicht viel besser geht es den Arbeiterinnen, die im Zeitlohn stehen. Für einen Wochen- verdienst vosi 9,50 Mark müssen sie 150 Röcke liefern, und man versuchte, noch mehr aus ihnen herauszupressen. Zu diesem Zwecke setzte die Firma auf jeden Rock, der über die festgesetzte Zahl hinaus angefertigt würde, eine Prämie von 2 Pfennig. War es nun aber die Erkenntnis der uner- hörten Zumutung, oder ging diese über die Kräfte der aufs ärgste ausgebeuteten Lohnsklavinnen, kurz, sie nutzten„die Wohltat" dieses Mehrverdienstes nicht aus, so daß die Firma wohl oder übel die Neuerung wieder abschaffen mußte. Mit der niedrigen Entlohnung geht schlechte Be- Handlung Hand in Hand. Die Direktricen scheinen in den Arbeiterinnen keine Menschen zu sehen und behandeln sie mil einer Brutalität, die ihresgleichen sucht. Die angeführten Mißstände zeigen zum Greifen deutlich, daß die ausbeutende Kapitalistenllasse nur ein Sinnen und Trachten kennt: ihren Profit zu vermehren, und wenn auch darüber Gesundheit und Lebensglück der Lohnsklaven zum Teufel geht. Sie rufen gleichzeitig allen Arbeilerinnen die dringende Mahnung zu, mit Mut und Ausdauer am Kampfe gegen ihre Feinde teilzunehmen. Keine Proletarierin darf abseits stehen, wenn es gilt, sich selbst und ihren Schwestern ein besseres Los zu erringen. Eine jede muß treu zu ihrer Organisation halten und sich auch politisch aufklären, muß immer mehr ihrer Leidensgenossinnen dem Besreiungsringen des Proletariats zuführen, denn nur mit vereinten Kräften kann der Sieg errungen werden. H. G. Soziale Gesetzgebung. DaS Erlösche« von Ausnahmebestimmungen zum Kinderfchuhgesey hat Genossin Baader Veranlassung ge- geben, die Aufmerksamkeit der Genossinnen neuerlich durch ein Zirkular an die Vertrauenspersonen auf das wichtige Gebiet des Kinderschutzes und die hier vorliegenden Auf- gaben zu lenken. Es heißt darin:„Mit Ende 1905 sind Ausnahmebestimmungen zum Kinderschutzgesetz aufgehoben.... Es war mit§ 14 durch Ausnahmebestimmung die Arbeit der Kinder in Werkstätten, in denen durch elementare Kraft(Dampf, Luft, Gas, Elektrizität) bewegte Triebkräfte nicht bloß vorübergehend zur Ver- wendung kommen, schon vom achten Jahre an gestattet. Diese Bestimmung ist jetzt aufgehoben. Vom 1. Januar 1903 ab tritt das Gesetz gemäß seinem Wortlaut in Kraft, wo- nach in den genannten Werkstätten nicht Kinder unter zehn Jahren beschäftigt werden dürfen. Ferner fällt die Be- stimmung zu§ 8 fort, wonach für Kinder über zwölf Jahre die Arbeitszeit schon von früh 3'/» Uhr an beginnt. Nach dem Gesetz dürfen vom I.Januar 1903 an weder fremde noch eigene Kinder vor 8 Uhr morgens und nach 8 Uhr abends erwerbsmäßig beschäftigt werden. Für Austrage- dienste(Zeitungen, Milch und Backwaren) ist laut Gesetz die Ausnahme für eigene Kinder über zehn Jahre alt gestattet. „Diese beiden Veränderungen müssen mit dem neuen Jahre ganz besonders beachtet werden, weil viele Übertretungen zu befürchten sind." Das Zirkular fordert die Genossinnen aus, im Gesetz nachzulesen, welche Kinder als eigene nach dem Gesetz gelten, und eine rege Agitation unter den Frauen zu entfalten. Die Ausführungen der Genossin Zietz auf der Bremer Frauenkonferenz(Parteitagsprotokoll 1904, Seite 350) können dabei treffliche Dienste leisten.„In den Familien unserer Genossen und in den Arbeiterkreisen überhaupt", so heißt es weiter,„muß es als höchste Pflicht angesehen werden, der Kinderarbeit ein Ende zu bereiten. Jede proletarische Mutter muß von dem Unrecht überzeugt werden, welches ihrem Kinde, weil es arm ist, widerfährt; wie vielen körper- lichen, geistigen und sittlichen Gefahren es ausgesetzt ist." Um mil allen Mitteln für die Jnnehaltung des geringen Schutzes, welcher den Kindern laut Gesetz zukommt, zu sorgen, sollen die Genossinnen Frauenkommissionen wählen, die an ihrem Orte die Kinderarbeit beauffichttgen und jede Übertretung der zuständigen Behörde zur Anzeige bringen. Um den betreffenden Aufgaben gewachsen zu sein, müssen sich die Frauen mit dem Gesetz durch Lesen und Diskutieren vertraut machen. Das Zirkular gibt Winke, wie das geschehen könne. Es wird den Genossinnen Ansporn und Ratgeber im Kampfe gegen das Kinderelend sein. 6 Silvesternacht. Von Otto Krille. Nun sthveigt ihr Tage feindlich harter Mühen Vor dieser Nacht erhaben stillem Glanz. Mag stolze Ahnung jeden Traum durchglühen Und Farbenlust von einem Siegesfranz Für alle Kämpfer, die mit reinen Händen Das Schwert geführt in dornigen Geländen, Wegfroher Größe heldentreue Schar. Wirf ab, o Herz, was an dir zeitlich war. Hinab ins Meer des Gestern sinkt der Schemen Erlittner Qualen. Nichtig wird dein Grämen, Bu spotthaft flein für die gewalt'ge Zeit. Was Menschengeist den Jahren abgerungen Trägt fühn uns aus des Lebens Niederungen, Sandkorn auf Sandkorn, Bau- der Ewigkeit! Nun strahle, Zukunft, in der Kerker Grauen Vergolde jeden Webstuhl, jeden Schacht! Den Kampfesmüden laß Erfüllung schauen, Dem Dulder sprich ein gläubiges:„ Vollbracht!" Schärf unsere Waffen für den Kampf der Stunde, An der so mancher schwache Sinn zerbricht. D wehe fühl um jede Todeswunde! Die trüben Augen helle durch dein Licht. Des Jahres letzter Ton ist leis zerronnen. Wir grüßen start, was noch im Dunkel ringt. Es ist ein Lied von neuen Sommersonnen, Das tröstlich aus der Sterne Reigen klingt! Trommelflang.* Stizze von Heinz Tovote. Die Gleichheit Schlampig genug sieht sie aus neben dem Militär. Das gelbe Sonnentuch fällt ihr über die Augen, unter dem ein paar wirre graue Haarsträhnen sich hervor stehlen, und den großen schmutzigen Hut hat sie tief in das runzelige Gesicht gezogen. Der Rock hängt zerfetzt an ihr herum; Sonne, Regen und Schnee haben die Farben längst ausgezogen. Die hohen Stiefel find schief getreten und jappen an den Seiten weit auf, daß Schmuz und Nässe eindringen können. Ein Bild von Not und Verkommenheit. Aber wie das Militär jetzt in festem Gleichtritt mit straffer Haltung vorüberzieht, leuchtet es in den alten, tief in ihren Höhlen liegenden, entzündeten Augen auf: ein Blitzstrahl der Erinnerung. Sie sieht sich wieder, wie sie vor vielen, vielen Jahren zuerst vom Lande herein in die Stadt als Magd gekommen. Ihr erster Schatz war Gefreiter gewesen. Wie stolz war sie an dem freien Sonntag mit ihm ausgegangen, wie hatte ihr die schmucke bunte Uniform gefallen. Er hatte ihr versprochen, sie zu heiraten, und sie hatte nicht gezögert, ihm zu glauben und alles für ihn zu tun. Täglich zählte sie die Zeit ab, wann er frei fommen würde. Als endlich die drei Jahre vorüber waren, ging er in sein Heimatsdorf, nur auf kurze Zeit, wie sie meinte. Sie wartete, daß er wiederkommen werde, wie er versprochen. Sie schrieb Briefe auf Briefe. Aber er fam nicht und antwortete nicht einmal. Ein paar Jahre später heiratete sie einen fleinen Handwerker, einen Tapezierer, der für ihre Herrschaft 18 gearbeitet, und den sie so kennen gelernt hatte. ine drückend schwüle Hize lagert schon am Vormittag über der Stadt. Die Kastanien des Hofgartens lassen ihre breitschattenden Blätter schlaff hängen. Seit Wochen liegt der feine graue Staub darauf, den der warme Morgenwind von der Straße aufwirbelt, und den kein Regen bis jetzt wieder abgewaschen hat. Ein paar Sperlinge baden sich in dem heißen Straßenstaub und fliegen dann zankend auf, um vom Dache der Residenz ihr Geschrei über den Wagen, der sie verscheucht hat, ertönen zu lassen. Das alte Weib in Männerstiefeln, trotz der Hitze ein gelbes Tuch um den Kopf gewunden, mit ihrem Männerbut und dem hundertfach geflickten, durch Regen undSonne völlig farblosen, schlichten Rocke, hat einen Augenblick mit ihrem Straßenfehren aufgehört, um den Wagen vorüberzulassen. Dann wirbelt sie weiter den Staub auf; denn alles Wassersprengen vermag nicht, ihn der trockenen Gluthige zu berauben. Die Sperlinge kommen wieder auf die Straße herab und zanken sich um frischgefallenen Pferdedünger; und glühendheiß prallt die Morgensonne von dem ausgedörrten Erdboden zurück. Den ersten hatte sie allmählich vergessen. Sie hatte fich zu trösten gesucht. Bald aber wünschte sie sich in ihre alte Stellung zurück, denn sie hatten um das tägliche Brot oft bitter zu ringen. Ein Mädchen und zwei Buben kamen, und die ver langten was. Aber sie wuchsen auf, stark und rüftig. Als der Krieg gegen Frankreich ausbrach, zogen sie mit ins Feld. Wie stolz war sie, die beiden in ihren schmucken Uniformen zu sehen. Sie dachte nicht an die Gefahren, die ihnen drohen konnten. Sie standen beide in einer Kompagnie, und beide fielen fie an einem Tage. Der Krieg war beendet. Die Sieger kehrten heim. Ihre Buben waren nicht dabei. Sie schliefen in fremder Erde. Ihr Mann begann zu kränkeln. Das Geschäft ging schlecht, und Not und Elend mehrten sich täglich. Eines Tages wurde sie ihrer letzten Stütze beraubt. Ihre Tochter lief aus dem Hause und kehrte nicht wieder. Sie hatte eine Liebschaft mit einem Offizier angefangen und war auf und davon gegangen. Sie hörte später einmal wieder von ihr, aber fie machte keinen Versuch, ihr nachzuforschen. Es war ihr Ein fernes, leises Rollen läßt das alte Weib mit gleichgültig. Wenn sie zurückgekommen wäre, sie hätte dem rungligen Geficht und den abgemagerten, farblosen Sie jetzt höchstens wieder aus dem Hause gejagt. Händen, die den Stiel des Besens umflammern, aufhorchen. Dann eines Tages starb ihr Mann, und nun stand Ist es Militär oder nur ein fern hinrollender ras- sie ganz allein in der Welt. Eine Zeitlang hielt sie sich fümmerlich hin, dann mußte sie ihre Wohnung verlassen. selnder Wagen? Sie wurde daraus vertrieben. Es flingt näher und näher. Es ist Trommelwirbel, der seltsam dumpf in diese brütende Morgenhitze hinein tönt. Nun biegen die Tamboure um die Ecke und schwenken in das Arkadentor des Hofgartens ein. Der Tambourmajor sentt seinen Stab, beschreibt wagerecht die Schwenkung, schwingt ihn zwei-, dreimal elegant im Kreise und weist dann mit der Spize in die neue Richtung. Wieder geht es geradeaus, während er leicht bei jedem Schritte den Taft angibt. Sie war alt und ungeschickt geworden, zu nichts mehr zu gebrauchen, außer um die Straßen zu kehren. So verdiente sie sich nun mit dem Besen ihr Brot. Die letzte Kompagnie ist an ihr vorübermarschiert. Am Eingang der Hofgartenfaserne sind die Spielleute eingeschwenkt, und der Parademarsch ist abgenommen. Die Trommeln wirbeln zu der lärmenden Musik, wie ein grollendes Murren. Ein Wagen kommt aus dem Tore der Residenz geHinter ihm drein schnurgerade die Sektionsfolonnen des Bataillons, das vom Exerzierplatz in die Raserne einrückt, jagt. Beinahe hätte er das alte Weib überfahren, das Der Tambourmajor gibt das Schlußzeichen, die noch immer auf den Besenstiel gelehnt im hellen SonnenTrommelwirbel verstummen, die Musik fällt ein, und der schein ihre Vergangenheit durchträumte. Die Musik ist verstummt. Dort um die Mauerecke Schritt wird sofort stramm und energischer. Es gilt, vor dem Einrücken noch einen guten Parademarsch zu machen.verschwindet die glitzernde Schlange. Die zusammenDas alte Weib ist beiseite getreten, dem Hofgarten gelaufenen Menschen strömen wieder auseinander. Die Alte aber ballt plöglich die Faust und sendet zu, wo die überhängenden Zweige der Bäume einen dem letzten Manne, der gerade noch um die Ecke zum spärlichen, nutlosen Schatten spenden. Sie sieht die Musiker an sich vorüberziehen, die Kasernenhofeingang biegt, einen unverständlichen Fluch Stabsoffiziere auf ihren müden Pferden vorüberreiten, nach. Sie weiß selbst nicht, weshalb. dann kommt die Kolonne. Dann greift sie wieder zum Besen und fegt rechts Den Soldaten perlt der Schweiß an den sonnen- und links, voller Groll, daß der graue Staub hoch aufverbrannten braunen Schläfen herab und mischt sich wirbelt; unermüdlich fehrt sie im glühenden Sonnenmit dem von den schweren Stiefeln in dichten Wolken brand weiter, bis sie einmal selbst vom Besen des Todes aufgewirbelten, grauen Staube, daß die Gesichter unter auf den allgemeinen Kehrichthaufen gefegt wird. den Helmen noch wilder aussehen. Auf den Stiefeln, den Pickelhauben, auf den Schultern und den Gewehrläufen liegt dicht der feine, farblose Staub. Und boshaft dringt er in die Augen ein, in Nase und Mund, daß die Kehle noch trockener wird, als sie schon von der Hiße ist, daß die Zunge am Gaumen flebt. Gleichmäßig geht es im Marsche fort, eins eins zwei. Das alte Weib stüßt sich auf den Besen. zwei, * Aus„ Neuland", ein Sammelbuch moderner Prosadichtung, herausgegeben von Dr. Cäsar Flaischlen. Berlin, Alfred Schall. Vom Baal zu Babel.* Bon Otto Erich Hartleben. 1. Vierzig Schafe und zwölf Malter Weizen nebst drei Eimern Weines wurden täglich am Altar des großen Baal geopfert: und am nächsten Morgen war es alles aufgezehrt, und gnädig und gesättigt grinste Baal herab auf seine Knechte. Aus„ Meine Verse". Berlin, S. Fischer, Auch der König Cyrus diente täglich seinem Gott und ging hinab zum Tempel, am Altar des großen Baal zu beten. Und er sprach zu Daniel, seinem Freunde, den er ehrlich hielt, obwohl er Jude: Sage mir, was betest du nicht auch an meinen Gott, den großen Baal ชิน Babel? Daniel versetzte: Keine Götzen, die von Menschenhand gemacht, verehr' ich, einzig den lebendigen Gott des Himmels, Zebaoth, den Herren über alles! Nr. 1 Sprach der König: Hältst du denn den Baal nicht für lebendig? Siehst du nicht, wie viel er täglich ist und trinkt? Doch Daniel lachte: Herr, mein König, laß dich nicht betören! Dieser Baal ist eine tote Puppe, draußen Erz und drinnen eine Höhle: was der Göze frißt, verdaut der Priester! Zornig ward der König. Rufen ließ er seine Priester, und er sprach zu ihnen: Wenn ihr mir nicht sagt, wer all die Opfer täglich frißt, die wir dem Baal bereiten, müßt ihr alle sterben. Rönnt ihr aber mir beweisen, daß sie Baal verzehre, so muß Daniel sterben, denn er lästert unsern Gott! Und Daniel rief: Herr! König! Es geschehe so, wie du geredet! 2. Siebzig Priester dienten Baal, dem Gotte. Siebzig Priester traten mit dem König in den Tempel, und es sprach der Altste: Siehe, Herr, wir lassen dich gewähren. Du, der König, mögest Trank und Speise selber opfern und die Tür verschließen und versiegeln mit dem eignen Ringe. Kommst du wieder dann, am nächsten Morgen und du findest, daß der Baal nicht alles aufgezehrt, so wollen gern wir sterben. Findest du jedoch, daß Baal die Speise und den Trant, so ihm gebührt, verzehrt hat, so muß Daniel des Todes sterben, wie du sagtest, weil er Gott gelästert. Und sie gingen grollend. Cyrus aber hieß vor seinen Augen alles häufen, vierzig Schafe und zwölf Malter Weizen nebst drei Eimern Weines, Baal zum Opfer. Daniel indes befahl den Knechten, daß sie Asche holten: diese ließ er streun ums Opfer, durch den ganzen Tempel. Schweigend und verwundert sah's der König, Danach gingen sie hinaus. Die Türe ward verschlossen von des Königs Händen und versiegelt mit des Königs Ringe. 3. Und am andern Morgen in der Frühe stand der König auf und ging mit Daniel vor den Tempel. Und der König fragte: Ist das Siegel unversehrt? Das Siegel hat kein Mensch berührt, versette Daniel. Und die Tür sprang auf. Leer war der Altar. Cyrus aber rief mit lauter Stimme: Baal, du bist ein großer Gott! Bei dir ist tein Betrug! Verzeih mir! Und er wollte vorwärts eilen. Halt! rief Daniel lachend: Halt, mein König, warte nur ein wenig. Siehe dort! Was siehst du auf dem Boden? Wes sind diese Stapfen? Und der König sah und sprach: Ich sehe wohl die Tritte. Männer gingen aus und ein und Weiber, Kinder auch... Und siehst du auch, woher sie alle tamen und wohin sie laufen? In den großen Bauch des großen Baal! Dort mündet ein geheimer Gang... Ja, König: was der Göze frißt, verdaut der Priester! Da ergrimmte Cyrus! Alle Priester ließ er fangen. Und noch einmal mußten sie mit Weib und Kindern durch die Höhle in den Tempel friechen statt der vierzig Schafe wurden siebzig Priester festlich Baal geschlachtet, der gesättigt grinste. Aber dann zerschlug das Bild des Götzen Daniel und zerbrach des Tempels Säulen und zerstörte seine festen Hallen. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe Post Degerloch bet Stuttgart. Druckt und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.