Nr. 2 Die Gleichheit 16. Jahrgang eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen eeDLEROVERS Die Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Jnhalts- Verzeichnis. Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Esther Riskind. Von H. H. Ein Erfolg sozialdemokratischer Kritik im Kampfe gegen Arbeiterinnenelend. Von-er.- Die Konsumgenossenschaft als wirt schaftliches Erziehungsmittel. Von Simon Katzenstein. Stuttgart den 24. Januar 1906 Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. und Staatslebens trägt, das Recht entbehrt, wie er an will die gegnerische Tücke zu einem Werkzeug der Prellerei der Gestaltung der öffentlichen Zustände und Einrich- der Ausgebeuteten erniedrigen. Dieses Wollen kann das tungen mitzuarbeiten. Kein Recht ohne Pflicht, aber Proletariat nicht schrecken, nur anfeuern, um so nachauch keine Pflicht ohne Recht, das ist's, was wir wollen. drücklicher für das Frauenwahlrecht in die Schranken zu Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Unsere demo- treten. Im Wettlauf um die Stimme der armen Frau proletarischen Frauen und Mädchen Eisenbergs und Umgegend. fratische Überzeugung fordert, daß die breiten Massen muß die Sozialdemokratie zuletzt stets Sieger bleiben. Bon Kurt Kretschmar. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Träger, Nuznießer, Schöpfer des öffentlichen Lebens Wir kämpfen dafür, daß die Frau als Bürgerin den Jahresbericht der Vertrauensperson der Genoffinnen von Chemnitz. feien. Sie fann sich nun und nimmermehr damit ab- Platz erhalte, den ihr die geschichtliche Entwicklung vor Jahresbericht der Vertrauenspersonen der Genossinnen von in Karlsruhe. - An alle Köln. Der vierte sozialdemokratische Provinzial- Parteitag für finden, daß in dem weiblichen Geschlecht die Hälfte der bereitet hat. Wir wollen eine Ungerechtigkeit zertrümmern, die Provinz Posen. Aufruf für die sozialistische Jugendkonferenz Gesellschaftsmitglieder des Rechts der vollen aktiven Be- die darum nicht heiliger ist, weil sie jahrhundertelang Politische Rundschau. Von G. L. tätigung in Staat und Gesellschaft beraubt ist. Alle schweigend getragen wurde. Wir verlangen, daß dem Notizenteil: Frauenstimmrecht.- Vereinsrecht der Frauen. Fähigkeiten, alle Kräfte müssen dem Allgemeinwohl dienst- Wohle der Allgemeinheit all die reichen Gaben und Kräfte Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Dienstbotenfrage. bar gemacht werden. Die Frau aber hat ihm obendrein nuzbar gemacht werden, die in der Frauenwelt schlumQuittung. ihre eigenen Werte zu geben, weil sie keine verschlechterte mern. Wir erstreben, daß die Proletarierin gleich wehroder verkleinerte Kopie des Mannes ist, vielmehr so gut und waffentüchtig wie ihr Klassengenosse und gemeinsam wie er Eigenart hat. Die Feinde der vollen bürger- mit ihm Sturm gegen die kapitalistische Ordnung und lichen Gleichberechtigung der Geschlechter werden zu ihren Staat läuft. Die Sozialdemokratie ruft daher Räubern am Kulturwerk der Menschheit. Feuilleton: Lebewohl! Ein Schlußkapitel von Wilhelm Holzamer. Der Schrei der Plage. Von William Morris.( Gedicht.) Das soziale Gewissen. Von Robert Michels. Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Der revolutionäre Sturmwind, der in Rußland den Absolutismus vom Felde der Geschichte fegt, beginnt in Deutschland an den politischen Zwingburgen der Geldsacksparlamente zu rütteln. Der glorreiche Kampf des russischen Proletariats hat in den Massen die Empfin dung verschärft für das lastende Unrecht ihrer politischen Achtung und Knechtung, hat in ihnen das Bewußtsein gekräftigt von ihrer Macht und dem Willen, sie zu gebrauchen. In Preußen, in Sachsen und Hamburg stellt sich das klassenbewußte Proletariat zum Kampfe für das volle Bürgerrecht der Ausgebeuteten und Unfreien. Dieser Rampf aber wird auch für das Frauenwahlrecht geführt. Getreu ihrem Programm und ihrem Wesen schickt die Sozialdemokratie sich an, die Resolution des Dresdener Parteitags und des Amsterdamer Internationalen Sozialistentongresses zu verwirklichen. Sie ruft Mann und Frau zum Kampfe für ein Wahlrecht, das feinen Unterschied zwischen den Geschlechtern fennt. Damit gibt sie dem Ringen nach der vollen politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts die breiteste und festeste Grundlage, mobilisiert sie die größten Heerscharen für die Losung: Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Esther Riskind. gegenwärtig alle Ausgebeuteten zum Kampfe für ein Wahlrecht, das Männerrecht wie Frauenrecht ist. Keine Proletarierin darf faul und feig diesen Ruf mißachten. Eine jede gedenke des erhabenen Beispiels von Bürgertugend, von revolutionären Heldenmuts, das in unserer Zeit die russischen Frauen geben, welche für die Freiheit leben und sterben. Mit flarem Blick, opferbereitem Sinn und trozigem Willen müssen die proletarischen Frauen in Scharen dem Blachfeld zuströmen, wo ihre Klasse zusammen mit anderen Forderungen auch die erhebt: Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Esther Riskind Mitglied des„ Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes für Litauen, Polen und Rußland", getötet im Alter von 25 Jahren in Bialystok während der Metzelei am 12. Auguft 1905. Ein Lebensbild. Mit Esther Riskind wurde ich im Jahre 1899 bekannt. Sie lebte damals in Bialystok, wohin sie mit dem festen Entschluß gekommen war, sich ganz der revolutionären Tätigfeit unter den jüdischen Proletariern zu widmen. ihr Leben ganz ihrem Volfe zu widmen. Das 19jährige Mädchen, welches ein lebhaftes, munteres Temperament und ein zartfühlendes Gemüt besaß, erfreute sich großer Sympathien. Sie war nicht bloß bei der revoHeraus mit dem Frauenwahlrecht! Unsere geschichtlutionären Jugend sehr beliebt, sondern auch bei der konliche Erkenntnis zeigt, daß die wirtschaftliche, die soziale servativen älteren Generation. Freundlich und liebevoll kam Entwicklung den Wirkungsfreis, die Stellung des Weibes sie jedem entgegen, mit dem das Schicksal sie zusammenführte, und den Arbeitern war sie nicht nur Lehrerin und in Familie und Gesellschaft gründlich umgewälzt hat. Ratgeberin in ihrem sozialen Ringen und Kämpfen, sondern Hinter dem millionenköpfigen Heer der Berufsarbeiteauch die wärmste Freundin in ihrem persönlichen Leben. rinnen mit Hand und Hirn, die dem Manne gleich Ihr heißes Mitgefühl für alle Unterdrückten und Leidenden, mitten im Sturmgebraus der wirtschaftlichen und sozialen Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Der proletarische ihre rührende Teilnahme für die Menschen entsprang nicht Kämpfe unserer Tage leben und weben, verderben und Befreiungskampf erheischt, daß alle Ausgebeuteten ohne weichlicher, tränenfeliger Sentimentalität. Es war nur der sterben, stehen die Massen der Hausmütter, deren eng- Unterschied des Geschlechts seine Schlachten schlagen. Dies Ausdruck einer tiefedlen und reichen Natur. Schon als umfriedetes, stilles Tätigkeitsfeld durch diese Kämpfe be- um so zwingender, je erbitterter und schärfer das Ringen zartes Kind empfand Esther leidenschaftliche Liebe für alle droht, erschüttert, verwüstet wird, weil es durch Tausende zwischen Kapital und Arbeit wird, je gewaltigeren Um- Mühseligen und Beladenen und tat den heiligen Schwur, unzerreißbarer Fäden mit Staat und Gesellschaft ver- fang es annimmt, je riesigere Kräfte es aufmarschieren In einem fleinen Städtchen des jüdischen Ansiedlungsfnüpft ist. Das volle Bürgerrecht ist zur sozialen Lebens- läßt. Chernen Fußes tritt der Klassenkampf auch in die notwendigkeit für die Frauen geworden, zur unentbehr- abgelegene Fabrik, in die weltfernen Gefilde, und seine gebiets von unbemittelten Eltern geboren, hatte sie aus eigenem Antrieb Russisch lesen und schreiben gelernt. Bereits lichen Waffe, ihr und ihrer Lieben Glück und Stern zu Folgen lassen sich im proletarischen Heim nieder. Immer im Alter von zehn Jahren fing sie an, ihre Gedanken in schirmen oder für Millionen!- erst zu erobern. Als mehr zieht er jede Arbeiterin, jede Arbeiterfrau in seinen Reimen und Prosa aufs Papier zu bringen. Ich habe mit schwerste soziale Schädigung wird die politische Recht- Bannkreis. Er fordert vom Proletariat eine so allgemeine, Staunen und Rührung diese Aufzeichnungen des Kindes gelosigkeit von immer größeren Frauenmassen empfunden, unverbrüchliche Solidarität, er bringt ihm so hohe Opfer lesen. Sie hatten einen tiefen, ernſten Inhalt. Wunderbar als Demütigung und Schmach brennt sie ihnen in der und Gefahren, daß er nur mit Erfolg geführt werden ergreifend und poetisch naiv hatte die kleine Esther die Seele, denn der Umwälzung der Tätigkeit und Stellung fann, wenn auch die Massen der Proletarierinnen schlichte Schönheit der heimatlichen Erde verherrlicht, tiefes des weiblichen Geschlechts folgt eine Revolutionierung mögen sie als Berufstätige dem Kapital zinsen oder als Mitgefühl mit den Unglücklichen sprach aus jeder Zeile ihrer seines Dentens auf dem Fuße. häuslich Schaltende und Waltende seine Geißel spüren ungefünftelten Schilderungen. Als Esther 15 Jahre alt war, beschloß sie, ein selb= Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Unser Gerechtig- bewußt, aufopfernd und fühn in den Reihen der Kämpfenkeitsgefühl empört sich dagegen, daß das dem Manne den stehen. Das Wahlrecht sammelt und erzieht die ständiges Leben zu beginnen. Gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern, ohne jegliche materielle und moralische gleichwertige und gleichverpflichtete Weib minderen Rechts proletarischen Frauen für den Klassenkampf, wie es die Unterstüßung begab sie sich nach der Universität Chartow, sein soll als er, eine Unfreie und Unmündige im öffent proletarischen Männer für ihn organisiert und geschult wo sie ihr geringes Wissen zu vermehren hoffte. Das Leben lichen Leben. Die Feuerbrände der Fabriken und Werk- hat, es steigert ihre politische Bewegungsfreiheit und dort war in der ersten Zeit äußerst schwer, mehr als einmal stätten, in denen weibliche Arbeit frondet, werfen ihr helles Macht, die Wucht ihrer Schläge gegen den Todfeind, die litt Esther Riskind Hunger und Kälte. Ihr Wissensdurst, Licht auf die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau vom fapitalistische Ordnung. Schon beginnen die Gegner des ihr reger, scharfer Geist lenkte bald die Aufmerksamkeit der Manne, von der Familie, auf die Bedeutung, die Un- Proletariats die Bedeutung des Frauenwahlrechts zu Universitätsjugend auf sie. Die Besten der Studenten und entbehrlichkeit ihrer beruflichen Leistungen für die Gesell- werten. Vis in das Zentrum hinein und vor allem im Studentinnen traten in nähere Beziehungen zu ihr und schaft. Sie beleuchten den sozialen Wert des häuslichen Zentrum findet es Befürworter, deren Zunge freilich schäßten und achteten sie hoch. Vier Jahre verbrachte das Wirkens der Gattin und Mutter. Sie schärfen den Blick nicht von der Achtung vor dem geschichtlichen Werden junge Mädchen in Charkow und nüßte die Zeit redlich, um Kenntnisse zu sammeln und insbesondere mit den modernen für das schreiende Unrecht, daß diejenige, welche die und vom Recht der Frau gelenkt wird, sondern vom politischen und gesellschaftlichen Strömungen bekannt zu Bürger gebiert und erzieht, ausgeschlossen ist aus der Klasseninteresse der Ausbeutenden und Herrschenden. werden. -Gemeinde der Bürger; daß diejenige, welche mit dem Was eine Waffe in dem Befreiungstampfe ist, den die Was sie von dort trieb, war der Drang nach einer TätigManne zusammen die Lasten und Pflichten des Familien- Proletarierin für sich selbst und ihre Klasse kämpft, das keit, die ganz ihrem Jdeal gewidmet war und ihr dadurch 8 Die Gleichheit Nr. 2 " tiefinnerliche Befriedigung gewährte. In Charkow war das| dort erworben, und die eigenartigen Schönheiten der sibi- Die in der Konservenindustrie beschäftigten Arbeiterinnen Feld zu eng, auf dem sie wirken konnte. Das Leben der rischen Landschaft gaben ihrer schöpferischen Phantasie reiche sind zu mindestens 90 Prozent verheiratete Frauen, die den literarischen Vereine, die Propaganda sozialistischer Jdeen Nahrung. schmalen Verdienst ihrer Ehemänner etwas zu ergänzen unter der studierenden Jugend: dies alles konnte sie nicht Esther Riskind kam nur auf eine kurze Zeit ins Aus- fuchen. Wie teuer müssen diese armen Wesen den geringen mehr befriedigen. Sie sehnte sich nach der revolutionären land, um daselbst ihre gebrochene Gesundheit herzustellen Lohn bezahlen, der 13 und 14 Pf., selten 15 Pf. pro Stunde Arbeit unter der Arbeitermasse, und so begab sie sich nach und sich über das Parteileben wieder genau zu orientieren. beträgt! Daß die lange Arbeitszeit das Familienleben auf der Fabrikstadt Bialystok. Esther Riskind kam dorthin voll War das geschehen, so wollte sie mit frischem Mute wieder Monate völlig aufhebt, daß die Gesundheit der armen ProleEnergie und fest entschlossen, die Arbeit sofort aufzunehmen. zu ihrer revolutionären Tätigkeit zurückkehren. Die elf tarierinnen gewaltsam untergraben wird, was kümmert das Benig kümmerte sie das materielle Elend, welches sie auch Monate, welche sie im Ausland verbrachte, fühlte sie sich die Fabrikanten und die Behörden! Nur wenig organisiert, hier erwartete. Leider zeigten sich bald die traurigen Folgen nicht am richtigen Orte. Alle ihre Gefühle und Gedanken sind die Arbeiterinnen der Willkür ihrer Ausbeuter schutzihres Hungerlebens in Charkow: sie litt an heftigem Kopf- zogen sie nach Rußland zurück. Bei der ersten Nachricht von los preisgegeben. Wohl ist schon mehrfach der Versuch ge weh, an Magenkatarrh und Zerrüttung der Nerven. Die den Ereignissen des 22. Januar beschloß sie, nach der Heimat macht worden, die Frauen gut zu organisieren, allein das übermäßige Arbeit, welche ihre Kräfte weit überstieg, ver- zu eilen. Man muß hinüber," hatte sie mir oftmals noch braunschweigische Vereinsgesetz, welches den Frauen die Teilschlimmerte ihren Zustand. Mit dem ganzen Feuereifer der vor den Januartagen gesagt, sonst fönnten wir hier im nahme an den Versammlungen verbietet, in denen„ öffentJugend, mi: aller Leidenschaftlichkeit ihrer impulsiven Natur Ausland die russische Revolution gänzlich verschlafen." Ihre liche Angelegenheiten" erörtert werden sollen, ist ein beging Esther an die Arbeit. Überall konnte man sie sehen: Freunde rieten ihr, wenigstens noch einige Monate im Aus- sonderes Juwel für die Fabrikanten. Es gibt der Polizei in einem Studienverein für Arbeiter und Intelligente", in land zu bleiben und sich gründlich auszukurieren. Sie aber so viele Handhaben zum Auflösen der Versammlungen, daß einer Gruppe zur Erörterung theoretischer Fragen, in einem wollte nicht bleiben und war Anfang Februar schon in die Organisation der Frauen bisher nur geringe Fortschritte gewerkschaftlichen Fachverein, bei den großen Arbeiterver- Wilna, wo ihr bald nach ihrer Ankunft ein Posten in der zu machen vermochte. Das Wort„ Weltmarkt", in einer Versammlungen, bei revolutionären Festveranstaltungen, im Ver- dortigen Lokalsektion des Bundes vom Zentralfomitee über- fammlung von Arbeiterinnen von der Referentin ausein zur Unterstützung politischer Gefangener und Verbannter, tragen wurde. Bei der ungewöhnlich ausgebildeten Spigel gesprochen, ward für die Polizei zur öffentlichen„ Angelegenim engen Kreise von Kameraden einer Organisation, beim wirtschaft, die in Wilna herrschte, hatte sie trotz ihrer großen heit" und zum Grunde, die Versammlung aufzulösen. Ebenso ersten Studium eines Bandes von Mary oder Beltow( Ple- Gewandtheit schon nach furzer Zeit die Aufmerksamkeit der der Titel des Themas:„ Die Lage der Textilarbeiter und wie chanow). Wo immer sie sich befand, sie brachte Freundlich- politischen Behörden auf sich gelenkt. Nur einem Zufall ist dieselbe zu verbessern." teit, Herzenswärme mit sich, überall ward sie freudig auf- verdankte sie es, daß sie nicht in die Hände der Schergen genommen. fiel. Anfang Juni floh sie aus der Stadt und schätzte sich Neben der revolutionären Tätigkeit ging der harte Kampf glücklich, daß die Organisation ste nach Bialystok beorderte, ums Dasein. Esther mußte sich ihren Lebensunterhalt durch| wo sie bereits so erfolgreich gewirkt hatte. das Erteilen von Privatstunden erwerben. Der Groschen Aber nicht lange kämpfte sie dort in unseren Reihen... lohn, welchen ihr die Stunden einbrachten, hätte wahrschein- Die Megelei vom 12. Auguft hat der jüdischen Arbeiter lich für ihre färgliche Lebenshaltung ausgereicht. Sie aber bewegung, hat dem revolutionären Kampfe in Rußland eine teilte ihn noch mit den Genossen und Genossinnen ihres der besten Persönlichkeiten entrissen. Die Kunde von Esther Strebens. Sie war der Meinung, daß es unmenschlich sei, Riskinds tragischem Ende hat Tausende Herzen erzittern gesich satt zu essen, wenn andere Leute immer hungern müssen. macht. Wer unsere Genossin gekannt, wird sie niemals Und sie teilte ihr Scherflein stets mit einem gewissen Humor vergessen, und die Erinnerung an sie wird bei allen ihren mit den Freunden. Mit Brot und Tee veranstaltete fie unzähligen Freunden stets die edelsten Gefühle der MenschenBanketts". In schlimmen Zeiten wanderte manchmal ihre liebe, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stärken, aber ganze Monatseinnahme in die Kaffe der Organisation. auch tödlichen Haß gegen den Despotismus, dem die Besten Anderthalb Jahre verbrachte Esther so in Bialystok. Die unseres Geschlechtes und vieler Geschlechter vor ihm zum Arbeiter vergötterten sie geradezu, ihre Augen leuchteten vor Opfer gefallen find. So wird sie über ihr frühes Grab Freude, wenn ihr Name genannt wurde. Sie hielten unsere hinaus für die Sache der Freiheit und ihren Sieg wirken. Genoffin für eine ganz eigene, ihnen besonders nahestehende H. H. und ihrem Kreise angehörende Persönlichkeit.„ Es ist nicht möglich" hörte ich oft von ihnen ,, daß sie eine„ InEin Erfolg Ein Erfolg sozialdemokratischer Kritik im Kampfe gegen Arbeiterinnenelend. telligente" ist; sie ist ganz gewiß eine ehemalige Arbeiterin." Mehrmals habe ich bei großen Versammlungen und Festlichkeiten den eigentümlichen Zauber ihrer rednerischen Begabung bewundert. Die Versammelten folgten stets mit Von der Stadt Braunschweig gehen bekanntlich jahrein großer Spannung ihren schwungvollen Ausführungen, die von seltener Leidenschaftlichkeit und einer hinreißenden überzeugungskraft getragen wurden. Die revolutionäre Jugend, die mit einer gewissen Scheu auf die älteren Träger der Organisation und ihre geheime Tätigkeit schaute, brachte Esther Riskind besondere Sympathie entgegen und trat gern in persönlichen Verkehr zu ihr. Wie selten jemand verstand sie es, auch bei der unterirdischen" Arbeit liebenswürdig und freundlich zu bleiben. jahraus viele tausend Zentner Gemüsekonserven, Spargel, Erbsen, Bohnen usw. in alle Welt. In verhältnismäßig furzer Zeit ist eine blühende Industrie entstanden, die sich recht gut rentiert, die ihre Rente aber fast ausschließlich durch die unverschämteste Ausnutzung der zirka 7000 Ar beiterinnen gewinnt, die in der Kampagne von den Konservenfabriken beschäftigt werden. Die„ Gleichheit" hat früher schon darüber berichtet. Die Konsumenten des schönen Braunschweiger Stangenspargels ahnen nicht, wie viel zerrüttetes Familienleben, wie viel ruinierte Gesundheit von Proletarier frauen die Zubereitung der Konserven gekostet hat. Im letzten Sommer hat nun das Organ der Sozialdemokratie, der„ Braunschweiger Volksfreund", den Kampf gegen die ungefeßliche Handlungsweise der Konservenonkels mit aller Kraft aufgenommen, und das Gewerkschaftskartell gab seine Absicht kund, sich in einer Denkschrift beschwerdeführend an die Reichsregierung zu wenden. Die Zustände in den Fabriken wurden unter Nennung der Namen der profitgierigen Fabrikanten im Voltsfreund" unter heftigen Angriffen auf die Behörden kritisch besprochen, und das hat geholfen. " Jetzt plötzlich ist das Staatsministerium aus seiner Ruhe aufgescheucht worden. Es hat die betreffenden Nummern unseres Parteiblattes der Braunschweiger Handelskammer zugestellt und dabei folgendes Schreiben an dieselbe ge= richtet: " In den unter R. beigefügten drei Nummern des„ Volksfreundes"( 176, 249, 253) sind lebhafte Klagen darüber geführt worden, daß in diesem Jahre die Arbeiter und vor allem die Arbeiterinnen in den Konservenfabriken Monate hindurch in sehr erheblicher Weise über die zulässige Arbeitszeit hinaus beschäftigt worden sind. Die angestellten Grmittlungen haben ergeben, daß tatsächlich die bestehenden Vorschriften über die Arbeitszeiten für Arbeiterinnen in den Konserven= fabriken von den Fabrikanten andauernd übertreten sind. Wir verkennen nicht, daß die Konservenfabrikanten infolge der unter Umständen außerordentlich gesteigerten Zufuhr von Rohmaterialien in eine schwierige Lage geraten können, und wir haben, wie der Handelskammer bekannt ist, in Anerkennung dieser Verhältnisse in den Jahren 1897 und 1903 die Wünsche der Handelskammer und des Vers eins deutscher Konserbenfabrikanten auf Ver= Als Esther Bialystok verließ, war sie bereits in allen längerung der Arbeitszeiten für weibliche Perinternen Angelegenheiten der revolutionären Parteien er sonen beim Reichsamt des Innern lebhaft bes fahren, mit grenzenloser Hingebung hing sie der Organi- Zwar ist durch die Reichsgewerbeordnung die Arbeitszeit fürwortet.( Diese fürsorgliche Regierung!) Da aber der sation des Bundes an. Sie ging nach Lodz und war da- für die Arbeiterinnen auf 11 Stunden täglich bemessen, allein Bundesrat eine Abänderung der bestehenden Vorschriften selbst mit ungewöhnlichem Erfolg tätig. Ihrem Wirken ward die reichsgesetzliche Vorschrift ist im Duodesstaat Braun- abgelehnt hat, sind wir verpflichtet( So so, bis dahin also jedoch nach kurzer Zeit ein Ziel gesetzt, sie wurde verhaftet schweig für die Konservenindustrie völlig außer Kraft gefeßt. nicht!), darüber zu wachen, daß die geltenden Bestimmungen und per Schub nach ihrem Heimatstädtchen geschickt. Bald Die unteren Verwaltungsbehörden haben bisher den Fabri- beobachtet werden. Um die Wiederholung derartiger undarauf finden wir sie in Warschau, wo sie ein ganzes Jahr fanten im weitesten Maße die zulässige überarbeitszeit be- gesetzlicher Zustände(!), wie sie in diesem Jahre in den Konununterbrochen mit seltener Energie tätig war und nach willigt. Doch das genügte den Herren noch nicht. Sie pratti- fervenfabriken geherrscht haben, zu verhüten, werden wir ihren eigenen Worten die schönste Zeit ihres Lebens verzierten es als ihr eigenes Recht", ohne überhaupt eine Be- uns genötigt sehen, die Polizeidirektion und die Gewerbebrachte. Damals rekrutierten sich die Mitglieder der War- hörde zu fragen, die Arbeiterinnen ganz nach Belieben von aufsichtsbeamten besonders anzuweisen, fünftig unnachsichtschauer Sektion des Bundes fast ausschließlich aus Arbeitern, morgens 5 bis nachts 11, 12 und 1 Uhr und auch den ganzen lich jede übertretung der Vorschriften zur strafgerichtlichen Esther war manchmal die einzige Intelligente" unter ihnen, Sonntag zu beschäftigen. Eine große Zahl Arbeiterinnen Verfolgung zu bringen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden und ohne Mithilfe von irgendwelcher Seite mußte fie manche war also gezwungen, täglich 16 bis 19 Stunden in Mitteln dahin zu wirken, daß die Arbeiterschutzvorschriften schwere Aufgabe lösen. Das Jahr ihres Aufenthaltes in stickiger, heißer, von Konservendüften geschwängerter Luft zur Durchführung gelangen. Warschau lebte sie nicht, sie brannte förmlich. Geistig ent- angestrengt zu arbeiten. Lange traten die skrupellosen Fabri- Wir geben der Handelskammer anheim, die Konservenwickelte sie sich während dieser Zeit ganz bedeutend. Sie tanten die elementarsten Pflichten der Menschlichkeit mit fabrikanten hiervon in geeigneter Weise in Kenntnis zu hatte in jeder Hinsicht Glück: die Arbeit ging vortrefflich, Füßen. 90 bis 105 stündige wöchentliche Arbeits- feßen und sie in ihrem eigenen Interesse zu veranlassen, die Arbeiter hingen ihr mit Begeisterung an, sie konnte ihre zeiten für die Frauen waren etwas ganz Gewöhnliches. rechtzeitig vor Beginn der nächsten Kampagne Maßnahmen verschiedenartigen geistigen Bedürfnisse, ihre leidenschaftliche In ihrem Treiben waren die Herren so sicher und anmaßend technischer oder kaufmännischer Art zu treffen, durch welche Liebe für Musik und Theater befriedigen. Esther fand außer- geworden, daß sie in ihrer Zeitung( Konserven- Zeitung") eine ordnungsmäßige Fortführung ihres Betriebs innerhalb dem in Warschau, wo sich das Kulturleben Polens Konzen- es offen auszusprechen wagten, für die Arbeiterinnen der des gesetzlichen Rahmens gewährleistet wird." triert, gebildete bürgerliche Leute, die mit der revolutionären Konservenindustrie brauche es überhaupt keine Schutz- Es ist bezeichnend, daß das Staatsministerium erst jetzt, Bewegung sympathisierten und ihr so manchen Dienst er bestimmungen zu geben, da diese Arbeit mit Fabrifarbeit auf die volksfreundlichen" Mahnungen hin, für ungesetzlich wiesen. Besonders in den Kreisen der jüdischen legalen nicht verglichen werden könne. Sie gestehen offen zu, daß erklärt, was es so viele Jahre zum unermeßlichen Schader Schriftsteller erwarb sich unsere Genossin viele Bekannte, von bei ihnen häufig gesetzwidrige Arbeitszeitverlängerungen vor- der Arbeiterinnen stillschweigend geduldet hat. Erst die denen manche nicht ahnten, daß ihre fleißige und verständnis- kommen. sozialdemokratische Kritik mußte einsehen, um im Herzogtum volle Leserin eine feurige Revolutionärin war. Von einer Beaufsichtigung der Betriebe durch die Fabrik Braunschweig gesetzliche Zustände herbeizuführen. Das Aber die glücklichen Tage gingen mit einem Schlage zu inspektoren die übrigens an Zahl so gering sind, daß sie Schreiben des Staatsministeriums ist ein kulturhistorisches Esther wurde verhaftet.... Ein ganzes Jahr lang unmöglich die ihnen zugemutete Arbeit bewältigen können- Dokument. Die Arbeiterinnen aber werden aufatmen, daß saß sie in Voruntersuchung. Das Gefängnis war ihrer ist absolut keine Rede. Die Polizei aber läßt die tagtäglich ihnen die Schrecknisse der 16 bis 19stündigen Arbeitszeit geohnehin erschütterten Gesundheit sehr nachteilig. Infolge vor ihren Augen sich abspielende offensichtliche Gesetzes- nommen werden, und sie werden einsehen, daß dies ein Erder Feuchtigkeit ihrer Belle ertranfte sie ernstlich. Die Für verlegung ohne weiteres zu, wenn ihr nicht direkte Anzeigen folg ist der sozialdemokratischen Hezer"! sorge, die ihr die auf freiem Fuße befindlichen Mitglieder gegen die Fabrikanten zugehen, so daß sie gezwungen ist, der Organisation widmeten, milderte einigermaßen das Elend einzugreifen. Die Staatsregierung weiß seit Jahren von der Haft. Ihre zerrüttete Gesundheit veranlaßte, daß sie diesen skandalösen Vorgängen in den Fabriken, ohne daß sie Die Konsumgenossenschaft als wirtschaftnach Sibirien verbannt wurde, noch ehe der Urteilsspruch Beranlassung genommen hätte, eine schärfere überwachung erfolgt war, was damals auf administrativem Wege vom der Betriebe anzuordnen. Die Fabrikanten waren des höchsten liches Erziehungsmittel. Petersburger Polizeidepartement geschah. Esther blieb nicht Wohlwollens der Behörden so sicher, daß sie sich mit dem Die Resolution des Parteitags zu Hannover, die den lange in Sibirien, sie flüchtete und begab sich auf einige ausgesprochenen Gedanken trugen, an die Aufsichtsbehörden Wert der fonsumgenossenschaftlichen Organisation für die Zeit ins Ausland. Das Leben in den Gefängnissen, die und die gesetzgebenden Körperschaften das Ersuchen zu richten, Arbeiterklasse anerkennt, bezeichnet sie neben ihrer Bedeutung Deſertation und die Wanderungen durch Sibirien sind für ihnen zu gestatten, den Betrieb mit Frauen während der für die Verbesserung der Lebenshaltung auch als ein gesie nicht verloren gewesen; sie hat in der Einsamkeit viel Kampagne bis nachts 12 Uhr offen zu halten. Sie rechneten eignetes Mittel ur Erziehung der Arbeiterklasse zur selbgelernt und über so manche wichtige Frage gründlich nach dabei bestimmt auf die Beihilfe der Gewerbeinspektion, ständigen Leitung ihrer Angelegenheiten". Darin liegt sowohl gedacht. Ihre Weltanschauung hatte sich dadurch erheblich von welcher die„ Konserven- Zeitung" schlanfweg behauptete, die Anerkennung, daß die Arbeiterklasse eines solchen Ervertieft und erweitert. Vielen edlen und geistig bedeutenden daß diese zweifellos die nachgeachte Erlaubnis zur Ar- ziehungsmittels noch nicht entraten kann, als die andere des Menschen war sie dort begegnet, viel gute Freunde hatte sie beitszeitverlängerung erteilen würde. Wertes, der in dieser Hinsicht der Konsumgenossenschaft wie Ende ―er. Nr. 2 jeder Organisation der Arbeiter zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen innewohnt. Die Gleichheit 9 Die Genossenschaft zieht Verwaltungstalente aus der Masse Zum Schlusse erinnern wir die Genossen unserer Gegend ans Tageslicht, von denen man mitunter vorher nichts ge- an ihre Pflicht, die proletarische Frauenbewegung nach Welcher Art ist nun diese erziehliche Wirkung? wußt hat. Sie führt zahlreiche, in Verwaltung und Kontrolle Kräften mitzufördern. Sie können viel dazu beitragen, den Wie es einseitige Vertreter der nur- politischen Aktion und beschäftigte Mitglieder ein in die Praris des Geschäftslebens, Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen die Wege zur Erkenntnis einseitige Nur- Gewerkschaftler gibt, so gibt es auch Personen, auf der die heutige Gesellschaftsordnung beruht, und erhöht zu ebnen und ihren Mut in dem schweren Kampfe gegen mehr unter den Theoretikern als bei den praktisch tätigen so die Befähigung zur wirtschaftlichen Selbstverwaltung. den Kapitalismus zu stärken. Gleichgültigkeit, Vorurteil oder Genossenschaftlern, die die Bedeutung der Genossenschaft Und sie schult die Arbeiterschaft in der schweren Aufgabe gar Gegnerschaft dagegen, daß die Frauen als gleichberechtigt übertreiben, von ihr die„ friedliche Lösung der sozialen des Arbeitgebers. Sehen wir nun zu, wie die Konsum- gewerkschaftlich und politisch mitarbeiten und mitkämpfen, Frage" erwarten, eine besondere Genossenschaftsmoral ent- genossenschaft als Arbeitgeberin wirkt. wideln wollen und ähnlicher übertreibungen mehr. Wer die soziale Entwicklung auf ihren verschiedenen Wegen verfolgt, wird vor all diesen Einseitigkeiten bewahrt bleiben, wird anerkennen, daß in den Zweigen des Wirtschaftslebens, in An alle proletarischen Frauen und Mädchen schädigt den Kampf der Arbeiterklasse für Brot und Recht. Simon Kaßenstein. Darum, Genossen, unterstützt unermüdlich die proletarische Frauenbewegung, die Sache, die ja auch eure Sache ist, weil sie dem Interesse der gesamten Arbeiterklasse dient. Wenn die Frauen und Männer des Proletariats vereint marschieren und schlagen, wenn sie den Unternehmern und ihrem Staat in geschlossenen Reihen gegenüberstehen, dann können auf die Dauer Siege nicht ausbleiben. Kurt Kretschmar Eisenbergs und Umgegend. Aus der Bewegung. " denen die Konsumenten entwickelten Unternehmermonopolen gegenüberstehen, die Genossenschaftsbewegung wirklich nur als Palliativmittel gelten kann, die Befreiung des Volkes In vielen Gegenden Deutschlands beginnt es in den von diesem höchsten Ausbeutungssystem jedoch die Aufgabe Köpfen unserer Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen zu dämmern. der von der Arbeiterklasse eroberten Staatsmacht bleibt. Er Sie empfinden, daß auch sie nach einer Besserung ihrer wird auch nicht verkennen, daß die„ Genossenschaftsmoral" Lebenslage, nach Recht und Freiheit streben müssen. Auch nichts anderes als ein Ausschnitt aus der Ethik des Soli- unter den proletarischen Frauen und Mädchen von Eisendaritätsgedankens ist, der seine vollendete und umfassende berg und Umgegend ist diese Empfindung erwacht. Leider Von der Agitation. Im Auftrag des linksrheinischen Ausprägung erst in der sozialistischen Gesellschaftsidee er- aber haben sich noch die wenigsten von der Empfindung zu Gaues vom Textilarbeiterverband unternahm Unterzeichnete hält. Verwahren wir uns so gegen überschwenglichkeiten, der Erkenntnis durchgerungen, daß es nicht bloß heißen kann: daselbst eine Agitationstour, die vom 26. November bis mit denen der Sache nicht gedient ist, so gilt es dafür, um wünschet, daß es vielmehr heißen muß: fämpfet! Die große 16. Dezember dauerte. Sie behandelte das Thema:„ Lebensso schärfer die wirkliche Tragweite des Genossenschafts- Mehrheit der Arbeiterinnen unserer Gegend steht noch ab- mittelpreise und Textilarbeiterlöhne." Versammlungen fanden gedankens, insbesondere in Rücksicht auf seine erziehliche seits von ihrer Gewerkschaft, ebenso wie die meisten Prole- statt in Krefeld, Biersen, Aachen, Hemren, Lobberich, Wirksamkeit, zu betonen. tarierinnen noch nicht als Kämpferinnen für Recht und Frei- Odenkirchen, St. Tönis, Heistenbeck, Neuß, Rheydt, Die ganze Kultur der Menschheit, ja schon ein guter heit um unser rotes Banner geschart sind. Düren, Dülken, Köln, Trier und Euskirchen. In Teil der tierischen Daseinsbedingungen beruht auf der Ge- Daher ergeht an sie alle der Mahnruf: Tretet ein in die Grevenbroich, wo ich ebenfalls referieren sollte, wurde nossenschaftlichkeit: dem Zusammenschluß zur gemeinsamen Reihen eurer gewerkschaftlich und politisch kämpfenden Brüder, uns das Lokal in letzter Stunde entzogen, so daß ich zu Wahrung gemeinsamer Interessen.* Diese Lebensgemein- helft mit an dem großen Werke der Befreiung von den feiern gezwungen war. Welchen Wirrwar der bekannte§ 8 schaft, die das ursprüngliche Leben aller Wölfer beherrscht, Ketten des Kapitals, die euch wie sie feffeln. Das will des preußischen Vereinsgesetzes in der Auffassung mancher ist durch das Aufkommen des Privateigentums und die da- euer eigenes Interesse, und das ist eure heilige Pflicht! Ihr Behörden anrichtet, davon fonnte ich mich in Lobberich mit verbundene Klassenscheidung, durch Leibeigenschaft und alle, die ihr dem Broterwerb nachgeht, schließt euch eurer wieder einmal überzeugen. Die„ Gleichheit" hat über den Lohnverhältnis immer stärker beeinträchtigt, schließlich mit Gewerkschaftsorganisation an, die für die Herabsetzung der staatsretterischen Gifer des Ortsgewaltigen, welcher aus zwei dem Aufkommen der kapitalistischen Ordnung planmäßig be- Arbeitszeit und die Erringung höherer Löhne kämpft. Wie Versammlungen die Frauenspersonen" absolut auskämpft und in vieler Hinsicht völlig ausgerottet worden. wichtig ist nicht ein kurzer Arbeitstag und ein hoher Lohn gewiesen haben wollte, bereits berichtet. In M.- Gladbach Erst in neuerer Zeit, wo das demokratische Empfinden der für eine menschenwürdige Existenz! Und wie traurig steht und Rheydt fanden je zwei Versammlungen statt, die äußerst Massen zu neuer Lebenskraft erwacht ist, und die zersetzenden es damit für euch aus! Von früh bis spät abends, ja oft- start besucht waren. In Odenkirchen tam es zum Redeund niederdrückenden Wirkungen des schrankenlosen Rapita mals bis in die Nacht hinein müßt ihr euch im Dienste des tournier zwischen dem Gauleiter des Textilarbeiterverbandes lismus besonders schwer empfunden wurden, hat hier eine Rapitals abrackern, zum Schaden für eure Gesundheit, ja selbst und einem Zögling der M.- Gladbacher Jesuitenschule. Was Gegenbewegung, eine regenerierende und reorganisierende unter Gefährdung des Lebens. Und das für einen wahren letzterer an Lügen und Gemeinheiten über die Führer der Tendenz sich geltend gemacht. Sucht man auf der einen Hungerlohn. Es ist für eine Arbeiterin jederzeit ungemein modernen Arbeiterbewegung auftischte, das geht auf keine Seite das Wesen der staatlichen Zwangsgewalt zu verändern, schwer, mit einem derartigen Lohne durchzukommen. Wie Ruhhaut. Viele neue Mitglieder wurden durch die entfaltete sie aus einem Mittel bloßer Klassenherrschaft und Volks- aber nun erst, wo die nimmersatte Begehrlichkeit der Agrarier Agitation für den Textilarbeiterverband gewonnen, und auch bedrückung durch Arbeiterschutz-, Arbeiterversicherungsgesetz- eine drückende Fleischnot heraufbeschworen hat, der mit dem unsere Frauenbewegung kam bei derselben nicht zu kurz. gebung usw. in ein Organ gemeinnütziger Fürsorge umzu- Junkrafttreten des neuen Zolltarifs eine unerhörte Verteuerung Als Erfolg für sie ist zu verzeichnen die Aufstellung von wandeln, so entfaltet sich auf der anderen Seite urwüchsig und der wichtigsten Lebensmittel folgen wird. Arbeiterinnen, sechs neuen Vertrauenspersonen, die in Zukunft in kraftvoll das Bestreben des unabhängigen genossenschaft noch öfter als jetzt schon werdet ihr vor die Frage gestellt dieser schwarzen Gegend gemeinsam mit dem Manne für lichen Zusammenschlusses zur Selbsthilfe. Auf dem Gebiet werden: Woher das Brot für morgen nehmen? Mögen aber die moderne Arbeiterbewegung kämpfen wollen, ferner die des Massenkonsums findet dieses Bestreben seine erfolgreiche die Lebensbedürfnisse noch so hoch im Preise stehen, das Erweiterung des Leserkreises der„ Gleichheit". Hoffentlich Betätigung. Ist es so ein der Menschheit von Uranfang Unternehmertum, das euch ausbeutet, wird euch nicht einen wird durch die gemeinsame Arbeit der Genossinnen und Geeingeprägter Bug zur Solidarität der Interessen, der in der Pfennig Lohn freiwillig zulegen. Darum schließt euch mit nossen endlich das Schwarz, das in jener Gegend so vie!: Genossenschaftsbildung wirksam wird und nach höherer Aus- euren Berufsgenossen zusammen. Einigkeit macht start. Die fach noch den Geist der werktätigen Bevölkerung verdüstert, gestaltung der Idee strebt, so ist er auch in der Praxis ge- vielen wirtschaftlichen Kämpfe, die das deutsche Proletariat dem Rot weichen, das leuchtend das Nahen einer neuen Zeit eignet, erziehlich auf die von ihm geleiteten Menschen zu schon geführt hat, haben zur Genüge gezeigt, daß nur auf tündet. Im Anschluß an die Agitation im Rheinland fanden wirken. Sicher ist es in der Hauptsache Eigennut, der zur Erfolg gerechnet werden kann, wenn eine starke Organisation drei Versammlungen in Bielefeld statt, je eine für die Organisation des Konsums in genossenschaftlicher Form hinter den fordernden Arbeitern und Arbeiterinnen steht. damals ausständigen Wäsch earbeiterinnen und die führt aber ein vollberechtigter Eigennut, so berechtigt, Textilarbeiter sowie eine Frauenversammlung, welche wie jedes Streben der ausgebeuteten Massen nach Vermindedie Proletarierinnen der Partei zuführen, dem Sozialismus rung der Ausbeutung und Erhöhung ihrer fümmerlichen gewinnen sollte. Lebenshaltung. Es gilt, die Spekulation auf dem Gebiet der Lebensmittelversorgung zu beseitigen, die Lebenshaltung der Massen zu befreien von dem Tribut, der als Zwischen handelsprofit von ihr gefordert wird, die Vorteile des Großeinkaufs und rationeller Organisation des Betriebs der Gesamtheit der organisierten Konsumenten zugänglich zu machen. Hier herrscht nicht mehr die Gegensäglichkeit, sondern die Solidarität der Interessen: es ist ein Stückchen Sozialismus, das wie eine Dase in der Wüste des Kapitalismus sich ausbreitet und mehr und mehr sein fruchtbares Feld er weitert. " W. Kähler. Aber, ihr proletarischen Frauen und Mädchen, mit dem gewerkschaftlichen Zusammenschluß allein ist es noch nicht getan. Auch politisch müßt ihr euch aufklären und fämpfen. Das sollte euch schon das Beispiel der Feinde der Um das Verständnis der Frauen für den Kampf der ArArbeiterklasse lehren, die auch eure Feinde sind. Brauchen beiterklasse zu wecken, fanden in Sachsen im Dezember 1905 die Besitzenden nicht ihre politische Macht, um die Verhält eine Reihe von Volksversammlungen statt, die teils von der nisse in Gemeinde und Staat zu ihrem Vorteil und zum Partei, teils von Gewerkschaften veranstaltet worden waren, Schaden der Armen, der Ausgebeuteten zu gestalten? Ihr und in denen die Unterzeichnete referierte. Genosse Schöpflin Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen müßt das täglich zehnmal hatte für den 14. sächsischen Wahlkreis in Goldiz, Kohnsam eigenen Leibe und im Leben eurer Familie spüren. Da dorf und Borna Versammlungen vorbereitet, in denen das ist der Fluch des Zollwuchers, der Teuerungspreise, die Thema behandelt wurde:„ Unsere Waffen im Befreiungsdrückende Last der Steuern, die unzulängliche Volksschul- tampf." In den beiden letzten Orten waren die Säle überbildung, das färgliche Recht des arbeitenden Voltes, eure füllt. In Kohnsdorf, wo zum erstenmal eine Frau sprach, eigene politische Rechtlosigkeit; da ist die ganze Bürde von war es möglich, eine Zahlstelle des sozialdemokratischen Gewiß birgt auch das Genossenschaftswesen seine Ge- Leid und Unrecht, die das öffentliche Leben auf eure Schultern Vereins zu gründen. In Coldiz und Borna gewannen fahren für die Gesinnung der Mitglieder. Nicht selten macht und die der Gurigen legt. Darum, ihr proletarischen Frauen die sozialdemokratischen Vereine Mitglieder, überall fand sich ein gieriges Haschen nach überschüssen, die sogenannte und Mädchen, erkennet eure Pflicht, euch um die politischen unsere Zeitung Abonnenten. Der Tabatarbeiterverband Dividendenjägerei, breit, die zum kleinlichsten und oft ge- Dinge zu fümmern. Auch sie sind eure eigenen Angelegen hatte eine Versammlung in Frankenberg einberufen, welche meinsten Eigennut ausartet. Und mitunter tommt es vor, heiten. Stellt euch in Reih und Glied der einzigen poli- sich mit der Tabaksteuer und ihren Folgen" beschäftigte. daß Konsumvereine sich als Arbeitgeber schäbigster Art betischen Partei, welche mit den Interessen der ausgebeuteten Es sprachen Genosse Racorurow- Frankenberg und die weisen und durch unwürdige Lohn- und Arbeitsbedingungen und gedrückten Massen auch eure Interessen vertritt. Das Unterzeichnete. 900 bis 1000 Personen waren erschienen, die überschüsse in die Höhe zu treiben suchen. Aber das ist ist die Sozialdemokratie, welche für die Freiheit, das Recht ein Versammlungsbesuch, den Frankenberg noch nicht gesehen in Wirklichkeit nicht die Wirkung der genossen aller deren kämpft, was Menschenantlitz trägt. Prole hatte. Zwei Drittel der Anwesenden waren Frauen und schaftlichen Organisation, sondern der tief in dem modernen tarierinnen Eisenbergs, ohne Unterschied, ob ihr in der Mädchen, die in der Tabakindustrie fronden. Es zeigte sich, Menschen wurzelnden, durch das kapitalistische System groß- Fabrik frondet oder daheim unter Sorgen euch plagt, sam- daß die Tabakarbeiterinnen anfangen zu begreifen, daß sie gezogenen eigensüchtigen und genossenschaftswidrigen Triebe, melt euch im sozialistischen Lager. Hört auf den Ruf eurer in die Reihen ihrer kämpfenden Kollegen gehören. Auch die sich um so stärker geltend machen, wenn die Not sie Schwestern, die, in der proletarischen Frauenbewegung ver- einige Fabrikanten hatten sich eingefunden. Einstimmig gefördert, und die Höhe des überschusses von mitentscheidender einigt, euch dem großen Kampfe für die Befreiung der langte eine sehr scharfe Protestresolution gegen das geplante Wirkung auf die ganze Lebenshaltung ist. Nicht geschaffen, Menschheit zuführen wollen. Tut euch mit ihnen zusammen Steuerattentat zur Annahme. Von Frankenberg ging es nur offenbar werden diese Triebe im Konsumverein, und zur Arbeit, zum Kampfe. Benutzt jede Gelegenheit, um euch nach Ronneburg, wo der sozialdemokratische Verein eine darum bietet gerade er eine geeignete Stätte zu ihrer Gin- über die Ideale der Sozialdemokratie aufzuklären, um euch Versammlung mit der Tagesordnung veranstaltet hatte: schränkung, zur Verdrängung des engherzigen und un- zu Mitstreiterinnen für die gute und große Sache des Prole- 1. Die Arbeiterin als Hausfrau und Lohnstlavin. 2. Welches gezügelten Eigennutzes durch den wohlbedachten Selbst- tariats heranzubilden. Lernt durch das gesprochene Wort in Interesse haben die Textilarbeiter und arbeiterinnen an der erhaltungs- und Selbstförderungstrieb aller, der sich als den Versammlungen und durch das Lesen und Studieren Kampfesweise der Unternehmer? Das Versammlungslokal Solidaritätsgefühl kundgibt. der sozialdemokratischen Literatur. Die Sozialdemokratie hat war von Menschen überfüllt, die mit größter Spannung dem euch ein Organ gegeben, das eurer Aufklärung und Schulung Referat lauschten. Kein Wunder das: Ronneburg ist eine dient, das jederzeit eure Interessen vertritt, nie irgend einem Hochburg der kapitalistischen Ausbeutung, das zeigt ein verGeschäftchen zuliebe sie und ihren Standpunkt preisgibt. gleichender Blick auf den Lohntarif. Nirgends werden Das ist die„ Gleichheit", das Organ ber sozialdemokratischen schlechtere Löhne gezahlt als in Ronneburg. Es wurde denn Frauen und Mädchen Deutschlands. Sie tämpft stets für auch in betreff der Textilarbeiterverhältnisse und forde die Rechte der Proletarierinnen, und wir können sie den rungen eine Resolution angenommen, die sich die Ausbeuter Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen Gisenbergs nur als Mittel nicht an den Hut stecken werden, und die beweist, daß die der Aufklärung und als geistiges Band empfehlen. Be- Arbeiter von Ronneburg nicht schlafen. Im Auftrag der * Eine Fülle von Beispielen bietet das schöne Buch von Rrg- stellungen auf die„ Gleichheit" nimmt jederzeit die Ver- Bahlstelle des Textilarbeiterverbandes Reichenberg- Rabenpottin:„ Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung"( Leipzig 1904), trauensperson der Genossinnen tegen: Frau Minna stein behandelte ich dort in einer öffentlichen Versammlung das jedem Sozialisten angelegentlich zu empfehlen ist. Kretschmar. Trebe Nr. 11. das Thema: Zweck und Nuken der gewerkschaftlichen OrUnd auch der Eigennutz des einzelnen bedarf der Erziehung. So bedeutet die Pflicht zur Barzahlung eine oft lästige Beschränkung. Aber in der Folge erweist sie sich als ein höchst wertvolles Mittel nicht allein der soliden Grundlegung des Vereins, sondern auch der hauswirtschaft lichen Ordnung und der Einteilung der spärlichen Mittel der Arbeiterfamilie. 10 Die Gleichheit Nr. 2 gamfation". Auch in diesem Orte sprach zum erstenmal eine Frau, die Versammlung war prächtig besucht und nahm den besten Verlauf. Trotz ihres rein gewerkschaftlichen Cha- rakters war fie sehr stark überwacht. Gleich zu Anfang kam es im Hinblick auf das Verbleiben oder die Ausweisung der Minderjährigen zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Vorsitzenden und dem überwachenden, ob das Thema auf das politische Gebiet übergreife. Ich versicherte, daß meine Ausführungen gewerkschaftlicher Natur seien. Während des Referats setzte sich hinter meinem Rücken der Streit zwischen Überwachung und Vorsitzenden fort. Das war störend, schadete aber der Versammlung nichts. In Dresden-Pieschen fand für den Fabrikarbeiterverband eine Versammlung statt, die gut besucht war. Es galt, die Arbeiter und Ar- beiterinnen einer großen Steingutfabrik für die Organisation zu gewinnen. Der Verband der Bergarbeiter hatte eine Volksversammlung in Braunsdors einberufen, wo zum erstenmal eine Frau referierte. Braunsdorf liegt in der Domäne des sächsischen Landtagsabgeordneten Andrä, un- weit seines Herrschaftssitzes, daher war die Überwachung so echt sächsisch besonders stark.„Zweck und Nutzen der ge- werkschaftlichen Organisation und welches Interesse haben die Frauen daran," lautete die Tagesordnung. Besonders den Frauen sollte der Wert der Organisation für den Mann selbst als Arbeiter wie für seine Familie klar gemacht wer- den, damit auch sie begreifen, warum ihre Gatten und Brüder sich organisieren und auf den Kampfplatz der Arbeiter- bewegung treten. Begeisterte Zustimmung fand eine Resolution, welche die Arbeiter ausfordert, unermüdlich für die Organisation zu werben. Mögen die in allen Versamm- lungen gewonnenen Streiter und Streiterinnen im Kampfe treu aushalten. Unsere Zeit ist nicht dazu angetan, daß die Proletarier sich schlafen legen. Sie fordert sie heraus, zu kämpfen. Marie Wackwitz. In Remscheid ist kürzlich durch eine äußerst erfolgreiche Frauenversammlung der Anfang zu einer proletarischen Frauenbewegung gemacht worden. Genosse Mermuth hielt ein Referat über:„Die Stellung der Frau in der Vergangenheit und Gegenwart" und erntete damit vielen Bei- fall. Er schloß mit der Aufforderung an die Frauen und Mädchen, sich als gleichberechtigt den Männern gegenüber zu fühlen und Schulter an Schulter mit ihnen zu kämpfen für eine bessere und glücklichere Zukunft. Zur Frage der Frauenorganisation, dem zweiten Punkte der Tages- ordnung, referierte Genossin C afp ers- Solin gen. Sie entwarf ein Bild der unhaltbaren Zustände unserer Zeit, die es erforderten, daß das gesamte Proletariat ohne Unterschied des Geschlechtes den Kampf gegen den gemeinsamen Feind aufnehme. Es sei daher eine Notwendigkeit, daß auch den Frauen die genügende Aufklärung zuteil würde. Wenn diese Erkenntnis sich erst einmal mehr Raum geschafft habe, dann würde die Frau dem Manne im wirtschaftlichen und poli- tischen Kampfe nicht mehr hindernd in den Weg treten, sondern ihm eine wertvolle Mitstreiterin sein. Mit warmen Worten legt es die Referentin den Frauen an das Herz, die Seelen der Kinder für den Sozialismus empfänglich zu machen, damit das Ende der Knechtschaft schneller nahe, und sich durch das Lesen der„Gleichheit" und der Arbeiter- presse zu bilden. Das preußische Vereins- und Versammlungsrecht verbiete es den Frauen, einem politischen Verein der Männer beizutreten oder eine eigene politische Organi- sation zu gründen. Dagegen könnten sie sich in einem Bil- dungSverein zusammenschließen. Ein festes geistiges Band werde auch um Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen geschlungen, wenn sie sich dem LeserinnenkreiS der„Gleichheit" anschlössen. Die Versammlung stimmte dem bei, und man setzte sofort zur Sammlung von Abonnenten Listen in Umlauf, in welche sich fast sämtliche Versammlungsteilnehmerinnen einzeichneten. Der Vorsitzende, Genosse Schirwinsky, schloß darauf die Ver- sammlung mit der Mahnung an die Frauen und Mädchen, künstig bei allen öffentlichen Angelegenheiten ihren Einfluß geltend zu machen. Diese Versammlung, die einen so glänzenden Verlauf nahm, hat viel dazu beigetragen, in Remscheid die Vorurteile gegen die Betätigung der Frauen im öffentlichen Leben zu zerstören. Sie hat die wachsende Erkenntnis der Proletarierinnen gezeigt, daß sie in einer so bewegten Zeit, wie die unsrige, nicht teilnahmslos der Ent- Wicklung der Dinge zusehen dürfen, daß es vielmehr ihre Pflicht ist, sich kämpfend ihren Klassengenossen anzuschließen. Mögen die neugewonnenen Streiterinnen eifrige und treue Genossinnen werden und dafür sorgen, daß die Frauen- bewegung immer mehr Anhäugerinnen findet und die„Gleich- heit", die jetzt schon 75 Leserinnen in Remscheid hat, in keiner Arbeiterfamilie fehlt. Martha Stecher. Jahresbericht der VertraucnSprrson der Genossinnen von Chemnitz. Auf das letzte Jahr können die Chemnitzer Genossinnen mit Befriedigung zurückblicken. Ihre jähre- lange zähe, stille Kleinarbeit, um die Proletarierinnen zum Bewußtsein ihrer Interessen zu erwecken, sie zum Kampfe für ihre volle soziale Gleichberechtigung zu rufen, hat Früchte getragen. Der Stamm der tätigen Genossinnen hat sich fester zusammengeschlossen, an Schulung gewonnen und eine rührige Wirksamkeit entfaltet, um in weitere Kreise der ausgebeu- teten Frauenwelt die Erkenntnis von der Notwendigkeit des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes zu tragen. Der Erfolg ihres Bemühens ist nicht ausgeblieben. Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeilerinnen ist gestiegen, insbesondere der Textilarbeiterverband hat an weiblichen Mitgliedern zugenommen. Anfang 1905 hatte der sozial» demokratische Verein 69 weibliche Mitglieder, heute umfaßt er deren 499. Die Genossinnen haben der„Gleichheit", die sie selbst verbreiten, 359 Abonnenten zugeführt. Sie setzten 499 Exemplare der Broschüre„Zur Schulfrage" von Ge- nossin Zetkin um und verteilten 199 Exemplare des „Warnungsrufs". Die mündliche Kleinagitation von Person zu Person wurde von ihnen fleißig betrieben. Große öffent- liche Frauenversammlungen fanden vier statt, in denen die Genossinnen Kähler, Zieh und Baader durch treffliche Referate unsere Bewegung förderten. Zum Parteitag in Jena entsandten die Genossinnen eine Delegierte, Genossin Wagner, die von dort reiche Anregung heimgebracht hat. Es war ihnen möglich, durch freiwillige Beiträge 277,27 Mk. an den allgemeinen Agitationsfonds der Genossinnen in Berlin abzuführen. Wer das Leben der proletarischen Frau kennt, vermag auch zu beurteilen, welche Summe von Mühe und Arbeit, von llberzeugungstreue und Opferwilligkeit in den Leistungen der Genossinnen steckt. Wenn diese auch in Zukunft so fest an ihrem Ideal halten, so treu zusammen- stehen wie im letzten Jahre, so werden wir bald auch größere Fortschritte zu verzeichnen haben. Berta Riemann. Jahresbericht der Vertrauenspcrsonen der Genossinnen von Köln. Das Berichtsjahr war ein gutes. Die Tätigkeit der Genossinnen begann damit, daß die Unter- zeichnete zunächst versuchte, unsere Bewegung auf den Land- kreis Köln auszudehnen. Das Bestreben hatte Erfolg; es konnten an verschiedenen Orten Vertrauenspersonen ernannt und eine planmäßige Agitation unter den proletarischen Frauen entfaltet werden. Es fanden insgesamt 15 öffent- liche Versammlungen statt. Referenten waren die Genossen Gilsbach, Bartels, Kasting und Erkes, die Ge- nossinnen Zeise, Gradnauer und Plum. Zur Erörte- rung gelangten folgende Themata: Bürgerliche und prole- tarische Frauenbewegung, der preußische Parteitag, das Recht der Frau im heutigen Staate, der Boykott, die Frau im politischen Kampfe der Gegenwart, die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen im 29. Jahrhundert, Kindermord und Frauenfrage. Die Versammlungen waren durchweg gut besucht. Die Arbeiterinnenvereine Köln und Kalk und der Frauen- und Mädchenbildungsverein Ehrenfeld leisteten ebenfalls ein gut Teil Aufklärungsarbeit. Es wurden Re- ferate über Erziehungsfragen, Volksschulwesen, Wohnungs- frage, über Pflege und Ernährung des Säuglings, Alkohol- frage usw. gehalten. Hand in Hand mit der Agitation durch die Rede ging die durch die Schrift. Unsere Treue hat den Kreis ihrer Leserinnen weiter ausgedehnt. So stieg die Abonnentenzahl der„Gleichheit" im Berichtsjahr von 189 auf 479. An Broschüren wurden unentgeltlich verteilt: 1999 Exemplare„Die Schulfrage" und 599„Ein Warnungs- ruf an die Frauen und Mädchen". Die Kölner Genossinnen ließen sich angelegen sein, auch in andere Gegenden dcS Rheinlandes Aufklärung unter die Frauen zu tragen; auf ihre Veranlassung unternahm Genossin Gradnauer im Mai 1995 eine Agitationstour am Oberrhein. Es fanden 13 Versammlungen statt: in Köln, Stadt und Land, Aachen, Stadt und Land, Mülheim a. Rh., Stadt und Land, Düren, Oberstein, Kirn und St. Johann. Die Unterzeichnete nutzte diese Gelegenheit aus, um für die Verbreitung der„Gleichheit" und die Wahl von Vertrauens- personen zu wirken. Sie ersuchte die örtlichen Vertrauensleute, sich Agitationsnummern der„Gleichheit" zu beschaffen und Frauen mit der Agitation unter den Proletarierinnen zu be- trauen. Wir fänden auf diese Weise Abonnenten für die „Gleichheit", in Düren und Mülheim wurden Ver- trauenspersonen ernannt, an anderen Orten soll dies bei nächster Gelegenheit geschehen. Die Einnahmen der Ge- nossinnen betrugen 1968,25 Mk., die Ausgaben 767,41 Mk. Organisiert sind in Bildungsvereinen und Gewerkschaften 359 Frauen, eine Anzahl Genossinnen zahlt freiwillige Bei- träge an die Vertrauenspersonen. Wenn die Kölner Ge- nossinnen mit Befriedigung auf- die erzielten Erfolge zurück- blicken, so soll damit keineswegs gesagt sein, daß sie ruhen können. Nein, im Gegenteil, unsere Fortschritte sollen uns ein Ansporn sein, um im neuen Jahre noch intensiver zu arbeiten, um die uns noch Fernstehenden für unsere Sache zu gewinnen. Mit guter Zuversicht vorwärts und nochmals vorwärts, das ist unsere Losung. M. Zeise. Der vierte sozialdemokratische Provinzial-Parteitag für die Provinz Posen fand am 7. Januar 1996 in Brom- berg statt. Außer einer Anzahl männlicher Delegierter nahm auch die Zentralvertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands, Genossin Baader-Berlin, und drei weibliche Delegierten an ihm teil, zwei aus Bromberg und eine aus Schönlanke. Der Parteitag beschäftigte sich unter anderem auch eingehend mit Fragen, welche die Frauen- bewegung angehen. Gleich in der Diskussion, welche dem Bericht der Agitationskommisston folgte, wurde seitens der weiblichen Delegierten eine rege Anteilnahme der Genossen an der Agitation unter den proletarischen Frauen besür- wortet. Es gelangten weiter zwei von den sozialdemokra- tischen Frauen Brombergs gestellte Anträge zur Beratung und Annahme. Im ersten davon wird es den Parteigenossen zur Pflicht gemacht, nach Kräften für die Gewinnung von weiblichen Beitragszahlern zu sorgen, da auf Grund des§ 1 des Statuts der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands jede Person zur Partei gehörig betrachtet wird, die sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und die Partei dauenid durch Geldmittel unterstützt. Der zweite Antrag verpflichtet die Parteigenossen, sich die Gewinnung von Leserinnen der„Gleichheit" angelegen fein zu lassen. Einstimmig gelangte schließlich eine gleichfalls von den Bromberger Genossinnen eingebrachte Resolution zur An- nähme. Sie hat folgenden Wortlaut:„Der' Parteitag in Bromberg erhebt entschieden Protest gegen die Vereinsgesetz- lichen Bestimmungen, die den Fraue« das polltische Vereins- recht nehmen. Als tief entwürdigeno jj>uß die Frau und insbesondere die im werktätigen Leben stehen»,""roletawrin empfinden, daß man sie als Schaffenskraft und Ausbeutungs- objekt für Unternehmer anerkennt, sie auch, wie den Mann, zu allen Staatslasten, den direkten und indirekten Steuern heranzieht, dagegen in rechtlicher Beziehung um das not- wendige Recht der politischen Vereinslätigkeit betrügt." Der Parteitag anerkennt weiter die volle Gleichberechtigung der Frau dem Manne gegenüber und verpflichtet sich, mit allen Mitteln dafür einzutreten, daß die Frau als vollwertige Bürgerin auch vom Staat anerkannt wird. Mit einem drei- fachen Hoch auf die völkerbefreiende Sozialdemokratie er- folgte der Schluß des Parteitags. Anna Nemitz. Zu einer Konferenz der sozialistischen Jugendorgani- sationen Snddeutschlands ladet der Verband junger Arbeiter in Mannheim alle Brudervereine der süd- deutschen Staaten, Bayern, Hessen, Württemberg und Baden ein. Die Konferenz soll Sonntag den 11. Februar 1996 in Karlsruhe, Restaurant„Zum kühlen Krug", mittags li'l-i Uhr stattfinden im Anschluß an den Parteitag der badischen Sozialdemokratte. Die provisorische Tagesordnung lautet: 1. Bericht über den Stand der Organisationen. 2. Wie stellen sich die Organisationen zur Schaffung eines Zentralverbandes? 3. Gründung einer Jugendzeitschrift. 4. Beratung der eingelaufenen Anträge.— Das vorbereitende Komitee ersucht die Genossen allerwärts, sofort in ihren Versammlungen zu dieser Konferenz Stellung zu nehmen und dieselbe, wenn irgend möglich, durch Delegierte zu be- schicken. Sollte einzelnen' Vereinen eine Delegierung nicht möglich sein, so sollen dieselben ihre Meinung durch Anttäge und Resolutionen zum Ausdruck bringen. Anträge sowie Teilnahmeankündigungen sind an Genossen Bruno Wagner, Mannheim LI 7, 17 IV zu senden. Politische Rundschau. Am Jahrestage der Niedermetzelung Tausender Männer, Frauen und Kinder des russischen Volkes, die weiter nichts vor hatten, als dem Zaren, dem„Landesvater" nach dem höfischen Sprachgebrauch, ihre Wünsche wegen Neugestaltung des Staatswesens und wegen Befferung der sozialen Lage des Volkes zu unterbreiten. Das Vorhaben dieser Leute war ein politischer Mißgriff, gewiß! Wie konnten sie nach allen den grausigen Erfahrungen des russischen Volkes mit seinen Zaren, mit diesem Zaren insbesondere noch irgend- wie hoffen, durch gütliches Zureden nur ein Quentchen Linderung für ihre Not, nur ein einziges Stückchen Staats- bürgerrecht zu erwirken! Aber daß ihr kindliches Zutrauen zu diesem Zaren dann mit einem Massenmord beantwortet wurde, das ist ein symptomattscher Vorgang, der als Mark- stein der russischen Geschichte in allen Zeiten seine Bedeutung behalten wird. Er trennt die Periode des gläubigen Ver- trauens der großen Masse des russischen Volkes zum Zaren- tum von der Periode des vollendeten Mißtrauens, das sich in einer das ganze Reich durchzuckenden revolutionären Be- wegung betätigt. So kann man sagen: das Zarenwm selbst hat durch jenen tückischen Massenmord das geduldige russische Volk in die Revolution hineingetrieben. Der Massenmord vom 22. Januar war der letzte Tropfen, der den Becher der Schmach und Schande zum llberlaufen brachte. Will man den Revolutionsbeginn an ein bestimmtes Datum knüpfe», so beginnt mit dem 22. Januar die russische Revolution. Begreiflich ist es daher, daß das klassenbewußte Prole- tariat aller Länder, daß die internationale Sozialdemokratie diesen Gedenktag zu einer allgemeinen Kundgebung gewählt hat, die dazu bestimmt ist, unser aller Teilnahme für die Kämpfe unserer Genossen im russischen Reich und unseren eigenen Bestrebungen kräftigen Ausdruck zu geben. Für Deutschland, insbesondere für Preußen und Sachsen, war deshalb die Befürwortung einer unserer eigenen drin- gendsten Forderungen gleichfalls für die Verhandlungen der allgemeinen Versammlungen auserkoren. Ein Prolest gegen das Dreiklassenwahlrecht sollte eine erneute Bewegung gegen dieses elende und widersinnige parlamentarische System ein- leiten. Alles das ist im Rahmen der verbrieften staats- bürgerlichen Rechte. Aber schon die Tatsache an sich, daß in Versammlungen das Volk gegen ein bestehendes Unrecht Protest erheben will in Verbindung mit einer Kundgebung für die russische Revolution, hat der preußischen und sächsischen Regierung einen heillosen Schrecken eingejagt. In Sachsen haben die Hüter des Staatswohls in einzelnen Orten sich angeschickt, die Versammlungen zu verbieten. In Preußen aber ist offenbar dem Fürsten Bülow und seinen Gehilfen die staats- männische Besinnung völlig in Verwirrung geraten, denn in der offiziösen Presse sind Ankündigungen einer ungewöhn- lichen militärischen Machtentfaltung zur Zeit der in Berlin geplanten Versammlungen aufgetaucht, die sich nur aus einer kopflosen Angst vor Putschversuchen erklären lassen. Die ganze Garnison Berlins soll am Sonntag den 21. Januar in den Kasernen konsigniert werden, um etwaige Straßen- demonstrationen zu zerstreuen. Es wird sogar gedroht, daß sofort bei Demonstrationsversuchen zur scharfen Waffe ge- griffen werden solle. Zunächst liegt auch nicht der Schatten eine? Beweises dafür vor, daß die Sozialdemokratie in Berlin Putsche, also Angriffe auf Personen oder Gebäude plane. Ihre ganze Vergangenheit widerspricht auch einer derartigen Annahme. Es läßt sich deshalb nur annehmen, daß eine Anzahl dunkler Scharfmacher den maßgebenden Personen in der Regierung allerhand Schauermärchen erzählt und sie ihnen glaubhaft gemacht haben, um durch die Maßnahmen der Regierung selbst Situationen zu schaffen, aus denen durch Mißverstand- nisse irgend welcher Zlrt das ersehnte Blutbad provoziert werden könne. Die Sozialdemokratie wird sich natürlich durch keinerlei Drohungen und durch noch so törichte Maß- Nr. 2 Die Gleichheit regeln der Behörden davon abhalten lassen, das verfassungs- bei einer Behörde, noch einer Erlaubnis durch eine Behörde. Notizenteil. Franenstimmrecht. 11 Dienstbotenfrage. mäßig gewährleistete Recht der Versammlung auszuüben. Versammlungen und Umzüge, die auf öffentlichen Straßen Dienstbotenverhältnisse in Australien. Die Hebung Und wenn diese Zeilen im Druck erschienen sind, wird es und Plätzen stattfinden, sind spätestens sechs Stunden vor der industriellen Arbeiterklasse, ihr gesetzlicher Schutz, ihr sich schon herausgestellt haben, in welcher Weise der Gedenk- ihrem Beginn durch den Veranstalter oder Einberufer bei gesteigertes Selbstbewußtsein wirkt auch auf die Lage und tag der russischen Revolution auch in Deutschland, auch in der mit der Ordnung des öffentlichen Verkehrs betrauten auf die soziale Stellung derjenigen Arbeiterschichten zurück, Berlin die gemeinsame Sache der internationalen Sozial- Ortsbehörde anzuzeigen.§ 2. Die Reichsangehörigen ohne die eines Schutzes nicht teilhaftig werden. Je gedrückter, demokratie gefördert hat. Denn mag die Regierung tun Unterschied des Geschlechts haben das Recht, Vereine zu je unselbständiger das gewerbliche Proletariat ist, desto verwas sie will, eine Förderung unserer Sache wird unbedingt bilden.§ 3. Alle den vorstehenden Bestimmungen wider flavter ist die übrige Arbeiterschaft, so neben dem ländlichen dabei herauskommen. Ihr täppisches Drohen und Eingreifen sprechenden Gesetze und Verordnungen einschließlich derer. Proletariat das Gesinde. Wir sehen dies deutlich bei dem kann nur dazu beitragen, die Erbitterung im Proletariat zu welche die Verabredung und Vereinigung zum Behufe der Vergleich zwischen Indien und den Vereinigten Staaten von steigern, uns neue Anhänger zu werben und den Sieg des Erlangung günstigerer Lohn- und Beschäftigungsbedingungen Amerita, der Zusammenhang wurde kürzlich dadurch beSozialismus näher zu bringen. hindern, untersagen oder unter Strafe stellen, sind auf leuchtet, daß in der gegenwärtigen revolutionären Bewegung Wie von völliger Blindheit geschlagen hat die Bülow- gehoben.§ 4. Wer die Ausübung der in vorstehenden Para- in Rußland das Erwachen des russischen IndustrieproleRegierung uns noch unmittelbar vorher treffliches Material graphen gewährleisteten Rechte hindert oder zu hindern ver- tariats sofort auf das Gesinde nachwickte. So ist es auch zur Agitation geliefert durch ihre Erklärung zu der Duell sucht, wird mit Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft, erklärlich, daß Australien mit seiner besten ArbeiterschutzInterpellation. Diese bemerkenswerte Rundgebung lief fofern nach dem allgemeinen Strafgesetz nicht eine härtere gesetzgebung, mit seinen erfolgreichen gewerkschaftlichen nämlich darauf hinaus, daß die Regierung feinen Offizier in Strafe eintritt.§ 5. Die landesgefeßlichen Bestimmungen Organisationen das entwickeltste und selbstbewußteste Geder Armee dulden könne, der das Duell grundsätzlich ablehnt. über das Versammlungs- und Vereinsrecht sind aufgehoben. sinde besitzt. Man hat Australien das Paradies der DienstDa das Duell aber durch das Strafgesetzbuch mit Strafe Das Gesetz soll am Tage seiner Verkündung in Kraft treten. boten genannt! Interessant ist, was ein französischer Beobbedroht ist, kommt also die Regierungserklärung auf eine Außer der Sozialdemokratie haben zur Reform des Vereins- achter, Métin, in einem Bericht an das französische Handelsfeierliche Mißachtung der Gesetze hinaus. Dieselbe Regie- und Versammlungsrechts noch Anträge eingebracht: das ministerium über die soziale Gesetzgebung Australiens und rung bedroht aber gleichzeitig die Arbeiter mit Anzettelung Sentrum, die Nationalliberalen, die Polen, die Frei- Neuseelands und über das Gesinde mitzuteilen weiß. eines Blutbads, wenn sie weiter nichts als eine angebliche sinnigen und die Antisemiten. Nur der Antrag der Am weitesten ist die Arbeiterschutzgesetzgebung vorgeschritten „ Störung der öffentlichen Ordnung" sich zuschulden kommen Polen ist nach jeder Richtung hin so weitgehend wie der in den australischen Kolonien, man könnte besser sagen Einzellassen sollten. So untergraben Bülow und Konsorten selbst Antrag der Sozialdemokratie, denn er fordert das Recht, staaten, Viktoria und Neuseeland. Aber auch dort fehlen das Ansehen des Staates, den sie zu schützen vorgeben. G. L. sich zu versammeln und Vereine zu bilden für alle Reichsspezielle Arbeiterschutzgesetze für das Gesinde, wenn auch angehörigen ohne Unterschied des Geschlechts und ohne dasselbe nicht vollständig außerhalb des Bereichs dieser irgend welche Beschränkungen. Ganz erbärmlich ist der An- Gesetzgebung gestellt ist, da die Gesindevermittlungsbureaus trag der Nationalliberalen. Sie ersuchen die verbündeten staatlicher Kontrolle unterstehen. Die weiblichen DienstRegierungen um einen Gesetzentwurf, welcher das Vereins boten Neuseelands forderten ein Spezialgesetz zu ihrem und Versammlungsrecht für alle Bundesstaaten einheitlich Schutze und fandten zu diesem Zwecke eine Deputation an Die deutsche Sozialdemokratie und das Frauenwahl- ordnet. Kein Sterbenswörtchen davon, daß das Recht auch den Ministerpräsidenten, der die Abgesandten freundlich anrecht. In den Flugblättern, Aufrufen, Artikeln, Resolu- freiheitlich geregelt werden müsse, und zwar für Frauen wie hörte, ohne ihnen aber ein bestimmtes Versprechen zu geben. tionen usw., welche dem Kampfe um die Demokratisierung für Männer. Die Nationalliberalen überlassen es mit be- mit Ausnahme von höchstens einigen Teilen der Vereinigten des Wahlrechtes gewidmet sind, wird nachdrücklich das schränktem Untertanenverstand den stockreaktionären Regie: Staaten ist die Lage der Dienstboten in Australien die beste. Interesse der Frau am öffentlichen Leben betont und ihr rungen, eine Rute für das ganze Reich zu binden, die nach Das Angebot zum häuslichen Dienste ist geringer als die Anspruch auf Mitwirkung an der Gesetzgebung durch Ver- den gleichen Grundsätzen einheitlich das deutsche Proletariat Nachfrage, weil seit Aufhebung der staatlichen Unterstützung leihung des aktiven und passiven Wahlrechtes. Der Kampf streicht. Recht ärmlich ist auch der Antrag der Antisemiten. Der Einwanderungsbureaus und des Aufhörens der Freisoll auf der ganzen Linie um ein Wahlrecht für alle groß- Das Reichsamt des Innern soll Maßnahmen der Bundes- fahrten viele junge Mädchen der häuslichen Arbeit die jährigen Staatsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechtes regierungen herbeiführen, wodurch die allen Reichsangehörigen Fabritarbeit oder die Tätigkeit in Kaufmannsgeschäften vorgeführt werden. Er gestaltet sich zu einer Kundgebung für durch Landesgesetze und den§ 17 des Reichswahlgesetzes ziehen. Die Dienstboten in Australien erhalten verhältnisdas Frauenstimmrecht, wie sie gleich entschieden und all- gewährleistete Versammlungsfreiheit wirksam vor gewalt mäßig gute Löhne, freie Verfügung über ihre Mußezeit, gemein die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen in Deutschland famen Störungen geschützt ist. Die Herren Antisemiten über die Abende und den Sonntagnachmittag. Das hat noch nie gewagt haben, wie sie gleich nachdrücklich von ihnen wollen also alle Rechtlosigkeit weiter bestehen lassen, welche auch auf die Sitten der begüterten Schichten eingewirkt. niemals ins Werk gesezt werden konnte. Wie wir die Landesgesetze über das weibliche Geschlecht verhängen, da In ganz Australien ist selbst in den reichsten Familien am biederen Damen fennen, werden trotzdem einige ihrer Führe von abgesehen, daß ihr übriges Verlangen ganz nichtssagend Sonntagabend das kalte Abendbrot die allgemeine Regel, rinnen fortfahren, die Sozialdemokratie als unzuverlässige ist. Das Zentrum fordert von den Regierungen einen Ge- und es besteht ein Gefühl der gesellschaftlichen GleichberechBerfechterin der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes feßzentwurf, welcher die öffentlich rechtliche Seite des Vereins- tigung zwischen Herrschaft" und dem Gesinde. Die Dienstzu verleumden und als einzig bewährte, tonsequente Vor- wesens in freiheitlichem Sinne regelt und hierbei insbesondere boten werden, nicht im patriarchalischen Sinne, wie Glieder fämpfer für Frauenrechte die Liberalen und Freisinnigen auch den Frauen die Teilnahme an sozialpolitischen Be- der Familie behandelt. Sind sie mit ihrer Arbeit fertig, so strebungen in Vereinen und Versammlungen unter Auf- verkehren sie in den Räumen der Familie mit dieser und hebung der bestehenden landesrechtlichen Einschränkungen deren Freunden, dort lesen sie ihre Zeitung, dort benützen gestattet". Das Zentrum will also nach wie vor die Frauen fie das Klavier, alles Dinge, die auch den aufgeklärtesten auf dem Gebiete des eigentlichen politischen Lebens rechtlos Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft bei uns als„ revolassen. Wer außerdem den auslegungsfreudigen Gifer unserer lutionär" erscheinen würden. In Wellington wird das Wort Behörden kennt, der weiß auch im voraus, daß der Kautschuk Dienerin oder Dienstmädchen immer mehr verdrängt durch der sozialpolitischen Bestrebungen" ganz vortrefflich jeder das Wort Silfsdame( lady help). In Neuseeland muß den reaktionären Praris des Vereins- und Versammlungsrechts Dienstboten außer dem Sonntag und den freien Abenden den Proletarierinnen gegenüber dienen könnte. Volles Vereins- auch ein freier Nachmittag bewilligt werden. und Versammlungsrecht beantragen die Freifinnigen. Nach ihnen sollen alle landesgesetzlichen Beschränkungen des Vereinsrechts für Frauen durch Reichsgesetz beseitigt werden. So frauenfreundlich ihr Antrag aussieht, würde er den Prole tarierinnen doch noch nicht den tatsächlichen Genuß des gewährleisteten Rechtes sichern. Er fordert ja nicht die Befeitigung all der Beschränkungen, mit denen landesgesetzliche Vorschriften die Versammlungs- und Vereinsfreiheit überhaupt bedrohen. zu preisen. Für das Frauenwahlrecht treten die deutschen Genossinnen augenblicklich mit aller Energie ein, getreu ihrer grundsätz lichen und tattischen Auffassung, wie sie in der bekannten Resolution des Dresdener Parteitags niedergelegt ist und von Genossin Zetkin begründet wurde. Genossin Baader hat in einem Rundschreiben alle Parteiorganisationen und Partei blätter in Preußen aufgefordert, in dem Kampfe gegen das Dreitlassenwahlrecht mit den übrigen nötigen Reformen zusammen auch das Frauenwahlrecht nachdrücklich zu verlangen und Männer wie Frauen zum gemeinsamen Kampfe um gleiches Recht aufzurufen. Ebenso hat sie sich in einem Zirkular an alle Vertrauenspersonen der Genossinnen in Preußen gewendet, sie auf die Bedeutung des eingeleiteten Kampfes und ihre doppelte Aufgabe aufmerksam gemacht, für die gebührende Würdigung des Bürgerrechtes der Frauen zu sorgen und die Proletarierinnen zu regster Beteiligung am Kampfe zu veranlassen. Es heißt in bezug darauf:„ Es ist nicht nur Pflicht der Männer, sondern diesmal ganz besonders auch der Frauen, an jeder Demonstration, die dazu bestimmt ist, unseren Forderungen Nachdruck zu verschaffen, regen Anteil zu nehmen. Besonders an dem Tage der Protestversamm lung muß sich jede Frau von den Alltagssorgen des Kochherdes, von den gewohnten Pflichten des Hausmütterchens befreien und mit dem Manne die Protestversammlung besuchen. Es muß den Frauen eingeschärft werden, daß jede, die zu Hause bleibt, sich mitschuldig macht, wenn die gegenwärtigen Zustände länger bestehen bleiben. Nur dringende Kinderpflege kann die Mutter zurückhalten. Kochherd und Kehrbesen haben an diesem Tage kein Anrecht an die Frau. Sie hat zu beweisen, daß sie nicht nur Haussflavin ist, sondern es versteht, wenn es gilt, vorenthaltene Rechte für die gesamte unterdrückte Klasse zum Segen der gesamten Menschheit zu fordern." Die Höhe der Löhne und die anerkannten Ansprüche der Dienstboten haben eine große Anzahl Familien, die unter unseren Verhältnissen Gesinde halten würden, gezwungen, au einfacheren Lebensgewohnheiten und zu demokratischeren Sitten überzugehen. Haushaltungen im Stile der reicheren europäischen Familien findet man in Australien außer bei dem Gouverneur und bei einigen wenigen besonders begüterten Personen überhaupt nicht mehr. Die erfreuliche Rückwirkung der australischen ArbeiterSo wenig die meisten bürgerlichen Anträge dem Interesse bewegung auf das Gesinde ist unverkennbar. Mit dem geder proletarischen Frauenwelt entsprechen, so sind sie doch steigerten Selbstgefühl und mit der zu erkämpfenden besseren charakteristische Anzeichen, daß die Unhaltbarkeit des heutigen sozialen Lage unserer Industriearbeiterschaft muß auch die Vereins- und Versammlungsunrechts in immer größeren Lage des Gesindes und der Landarbeiterschaft in DeutschKreisen empfunden wird. land gehoben werden. Damit dies geschieht, ist natürlich nötig, daß die Dienstboten selbst sich rühren! a. br. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. über die Beteiligung der ruffischen Proletarierinnen an den Moskauer Straßenkämpfen enthalten Tageblätter Quittung. Für den Agitationsfonds gingen bei der Unterzeicheines Revolutionärs interessante Mitteilungen, welche die neten für November und Dezember ein aus: RendsLeipziger Volkszeitung" veröffentlicht. Unter dem lebendigen burg durch Genoffin Pittack 21,80 mt., Meerane durch Eindruck des Erlebten schreibt der Barrikadenkämpfer:" In Genossin Fiedler 20 Mt., Frankfurt a. M. von Genossin den Straßen fallen Freiheitskämpfer fast fortwährend, und Fürth 5 Mt., Bant( Oldenburg) durch Genossin Buchardt doch zählt jetzt unsere Miliz mehr Mitglieder als wie vor 10 Mt., Berlin, Überschuß von einer Kranzspende durch vier Tagen. Durch ihren Mut und Selbstaufopferung zeichnen Genoffin Bauschte 10 Mt., Dortmund durch Genossin sich die proletarischen Frauen aussie stehen an der Seite Ler 20,81 M., Wittenberge durch Genossin Hernowsky. In Hamburg, wo am 5. Januar imposante Protest- ihrer Männer und Brüder und tun gleich ihnen Dienst. Sie 16,20 Mt., von Genossinnen des Kreises Nieder- Barnim fundgebungen gegen den geplanten Wahlrechtsraub statt find geradezu unermüdlich sie helfen Bäume fällen, Tele- 30 Mt., aus Mühlheim a. Ruhr durch Genossin Peters fanden, bei denen die Frauen nicht fehlten, begründeten die graphenstangen stürzen, Plakatsäulen zerstören, um auf diese 14,35 M., Bielefeld durch Genossen Zenter 50 mt., Genossinnen ziet, Steinbach und Fahrenwald unter Weise Material für die Barrikaden zu schaffen. An der Seite Solingen durch Genossin Caspers 5 Mt., Augsburg begeisterter Zustimmung die Forderung des Frauenwahlrechtes der Genossen sind die Genossinnen beim Barrikadenbau und durch Genossin Greifenberg 25 Mt., Wandsbed von und riefen die Proletarierinnen zum Kampfe für das an ihrer Seite sind sie auch bei deren Verteidigung. Die Genossen Poggenberg durch Genossin Baumann- Altona Menschen- und Bürgerrecht aller Ausgebeuteten und Unter- russische Proletarierin hat ihre Feuerprobe bestanden; fie 4,70 mt., Schönlante durch Genossin Lent 7,60 Mt., von drückten auf. fann stolz darauf sein." Durch besonderen Heldenmut zeichnete den Frauen und Mädchen aus Eving durch Genossin sich gleich in den ersten Tagen der Freiheitsschlacht ein M. Dorsch 5 Mt., aus Ehrenbreitstein durch Genossin vierzehnjähriges Mädchen aus, das unter fortwährendem Kemmer 10 Mt., Kreis Solingen durch Genossin Caspers Kugelregen den Verwundeten Hilfe leistete. Die russischen 7,50 mt., Köln- Poll durch Genossin Klein 10 mt., RendsFrauen sind jederzeit leuchtende Borbilder revolutionärer burg durch Genossin Pittack 3 Mt., Spandau durch GeKampfestugenden gewesen, Heldinnen und Märtyrerinnen nossin Hanert 10 Wit., Oberschlema durch Genossin zugleich. Dafür sind sie je und je von der bürgerlichen Presse Müller 8 Mt., Karlsruhe von Genossin 2. Dz. 10 Mt., geschmäht und verleumdet worben, und die bürgerliche Köln- Kalt durch Genossin Bacher 10 Mt., Bromberg Frauenrechtelei hat dazu geschwiegen. Das tämpfende Prole- durch Genossin Stößel 5 Mt. Summa: 318,96 Mr. tariat dagegen nennt sie an erster Stelle, wenn es derer Danfend quittiert: gedenkt, welche die Gleichwertigkeit weiblichen Geschlechts im Kampfe für Bolfsglück, für die Befreiung der ganzen Vereinsrecht der Frauen. Das Vereins, Versammlungs- und Koalitionsrecht betreffend, liegen dem Reichstag eine Reihe von Anträgen vor, welche den Frauen entweder volles Börgerrecht zu sichern oder wenigstens die jetzige Minderberechtigung etwas forrigieren wollen. Der sozialdemokratische Antrag lautet:§ 1. Die Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts haben das Recht, sich zu versammeln. Zur Veranstaltung und Abhaltung von Versammlungen bedarf es weder einer Anmeldung Menschheit bewiesen haben. Ottilie Baader, Berlin S 53, Blücherstr. 49, Hof II, Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands. 12 Lebewohl! Ein Schlußkapitel von Wilhelm Holzamer. Sie hatte eben den Brief empfangen und trat ans Fenster. Sie öffnete es und sah hinaus. Eine Weile stand sie still und ließ sich von dem Aprilsturm anwehen und lauschte seinem Rauschen im Walde drunten und sah den Bäumen zu, die sich schüttelten und bäumten and immer wieder gegen ihn ansprangen. Es war ihr heiß, und der frische lustige Wind tat ihr wohl. Sie faßte mit der Rechten in den dunkelgrünen Efeu, der das Fenster umrahmte, und beugte sich weiter hinaus. Sie sah die Sonne, die in den Abend sant, und ein schräger Strahl fiel auf sie und glizerte in ihrem goldenen Haar. Eine kleine Weile ließ sie sich von der lächelnden Aprilsonne so bescheinen. Ihre Augen glänzten, zart wie Perlmutter, ohne bestimmten Ausdruck. Denn in ihrer Seele war eine Ungewißheit. Sie begriff es nicht. Was war es nur? Die Gleichheit Das Abendrot hängt überm Walde, über den Bergen, fließt über den Himmel, schwimmt im Flusse. Es ist wie Morgenrot so zart. Und der Wind harft Lebenslieder. Sie betrachtete den Brief. Ist's nicht, als liege auch der rote Sonnenglanz auf dem weißen Papier, wie sie ihn nun hebt? Sie greift ins Haar, nimmt eine Nadel und öffnet ihn. Sie ist ganz blaß geworden vor Spannung. Sie bezwingt sich, ganz ruhig zu bleiben. Die Rechte drückt fie gegen ihre Brust. Ganz langsam will sie lesen, Wort für Wort, langsam, ohne Haft. Nr. 2 Ich hörte sie sagen: Laß hoffen und klagen, Die scherende Klinge verschont nicht das Schaf; Sind wir denn nicht stärker als all unsre Kerker, Sobald die Erkenntnis uns schüttelt vom Schlaf? Komm, uns zu verbinden, die Stunden entschwinden, Und Rettung liegt nur in mir und in dir! Die Hoffnung belebt uns und Licht umschwebt uns, In siegender Klarheit marschieren wir! Laß tältere Herzen nur lachen und scherzen Mit flüchtiger Lust von der Furcht vergällt; Indes wir erglühend und Leben versprühend Dem Kampfe uns weihn für die neue Welt! Komm, uns zu verbinden, eh' Stunden entschwinden, Die Sturmfaat fliegt über den Erdenball! Die Welt erzittert, von ihr erschüttert, Und Freude nur bringt sie für uns all! Das soziale Gewissen. Von Robert Michels. Geheimrat Schwarzkopff ist ein sehr gebildeter Mensch, Er fönne es nicht tragen durch sein Leben. Er verstehe die Schmerzen der Menschen zu gut, um einen Schmerz zufügen zu können. Sie möge sagen, die Kraft fehle ihm. Ja, fie fehle ihm. Sie möge ihn verachten. Er wisse, was er verliere: sich selbst. Aber er wolle das Opfer sein. Er wolle sich hingeben, daß andere ihren Frieden haben möchten. In seinen Briefen stehe es, was sie ihm gewesen sei, in seinen Werken, was sie ihm gegeben habe. Sie stand an den Rahmen des Fensters gelehnt. Er könne nicht danken, er empfinde das als eine Roheit, Was war's nur? Wie hatte sie sich sonst gefreut, er fönne es nur immer wiederholen. Aber er werde wenn er ihr geschrieben hatte! Wie hastig hatte sie seine wahnsinnig, er sei an der Grenze, er könne nicht geben, Briefe immer aufgerissen, ungeduldig gelesen, und wie weil er damit nehmen müsse. Er wolle lieber untergehen. war sie stets froh gewesen, wenn auch der Inhalt traurig Wie? Geistig nur, förperlich auch, das sei gleich. Das gewesen war, denn er schrieb immer so traurige, schwer mache das Leben schon von selbst. Er verdämmere und mütige Briefe. Aber er schrieb so selten, und dann, wie verkümmere dann wenigstens ruhigen Gewissens. Und und, was mehr sagen will, er ist im Besitz eines echten traurig fie auch sein mochten, sie waren doch von ihm, nun danke er ihr doch. Was könne er denn mehr tun? sozialen Gewissens". Er weiß, wie die heutige Geselldiese Briefe, diese seuszenden, klagenden, schreienden Briefe Danken, was habe er denn noch zu geben als seinen zelnen Klassen verteilt. Er besitzt ein tiefes inniges Mitschaftsordnung Lasten und Rechte ungleich auf die einaus einer matten, wunden, selbstlosen Seele. Dank. Der bleibe, solange er lebe. Aber er müsse ihr leid mit allen Hungernden und Darbenden und kennt Lebewohl sagen. Er müsse, müsse, müsse! Er unterliege die vielgeschmähte Volksseele im tiesinnersten Grunde. der Macht der Verhältnisse, er fordere nichts mehr, nicht von allen Freunden und Bekannten wird er als ein von sich, nicht von anderen, er gehe still im Joche seiner Mann, welcher die soziale Frage wohl zu lösen imstande Pflicht, zu Recht und Gerechtigkeit der Menschen. Die Hände sinken ihr. Sie zittert, sie seufzt, fie atmet hätte, hochgeehrt und tief bewundert. wäre, wenn er nur die nötige Macht dazu in Händen schwer! Lebewohl! haucht sie mechanisch die Wieder holung seines Wortes. Ihr Auge iſt ſtarr. Im Flusse Weinstube, allwo er sich von des Tages Nichtstun ausschwimmt das Abendrot, es ist tief und schwer wie Blut. zuruhen pflegt, zu Fuß nach Hause, als er unterwegs Es ist stumpf und ohne Glanz. Und heute hielt sie seinen Brief noch unerbrochen in der Hand. Was war's nur? Sie betrachtete ihn. Es war nichts Auffälliges daran. Es war seine Schrift, seine große, breite Schrift, fest, ohne Zittern, ohne Besinnen, ohne Angstlichkeit, in raschem freiem Zuge. Und das war sein Siegel, so wie er's immer ausdrückte, ganz klar und bestimmt, fast gewissenhaft, daß an der Zeichnung des Monogramms nichts verdorben sei. Ja, so war's bei ihm, Sorglosigkeit und pedantische Gewissenhaftigkeit lagen dicht beieinander bei ihm. Er war überhaupt ein Mensch aus Extremen. Er hatte nur er war vielleicht ein Philister sogar. Aus Gewissens zartheit, aus der Subtilität seines Empfindens, aus einem menschlich sehr lobenswerten, persönlich aber schwächlichen ,, tout comprendre". Buh, sie lächelte. Wie war ihr doch! Sie sezierte ihn ja. Und sie liebte ihn doch, so wie er war, mit all seinen Widersprüchen und Unebenheiten. -fie starrt Eines Abends geht Geheimrat Schwarzkopff von der Ein Windstoß reißt ihr das Kuvert aus der Hand. von einer in Lumpen gehüllten Gestalt angeredet wird. Ein Windstoß reißt ihr das Kuvert aus der Hand. der Brief entfliegt ihr dabei. mit einem sozialen Gewissen" begnadeten Menschen Sie will ihm nachgreifen,- der Brief entfliegt ihr dabei. Zunächst schaut er gar nicht hin, denn es ist für einen momentane Kraft, es war fein dauernder, stetiger Kraft- Aber sie kann nicht schreien, sie starrt nur hinaus in immer sehr peinlich, an das Vorhandensein sozialen strom in ihm. Er war auch keine freie Natur, trotz all die Landschaft, in der sie die Schauer des Sterbens fühlt. Elends handgreiflich gemahnt zu werden. Er hörte auch feiner Freiheiten. Er stand ganz nahe der Philistergrenze, Erst fliegt das Papier ein wenig höher, dann treibt's nicht hin, denn wer ein soziales Gewissen" hat, besitzt der Wind weiter, es sinkt, sinkt, sinkt. Es hängt in auch ein soziales Gehör, und ein solches ist ebenfalls der kahlen Krone einer Birke, ein Windstoß faßt es auf nicht allezeit für Geschichten sozialen Elends aufnahmejagt's ein wenig in die Höhe, treibt's weiter, und nun fähig. Als aber die in Lumpen gehüllte Gestalt nicht sintt's und finft's und sinkt's immer mehr, aufhörte, ihn zu verfolgen und auf ihn einzusprechen, da und starrt und sieht seinen Brief in der aufgewirbelten übermannte seine wachsende Neugier das anfängliche Luft wirbeln und hinabsinken, bis ihn die blutigen Wellen Grauen. Er schaute hin und sah ein unsäglich verhärmtes des Flusses fassen und verschlingen. Der Wind heult auf. Sie will schreien. Sie kann schauen und eine abgezehrte Hand ihm entgegenstrecken. Kindergesicht aus schwärzlichgrauen Frauenfleidern herausnicht. Stumm steht sie am Fenster. Der Abend verhüllt In dieser Hand aber befanden sich Streichhölzer, welche die Welt. Der Wind hat Wolken aufgejagt, graue, das arme Mädchen mit gleichzeitigem Vorjammern ihres drohende Wolken, der Himmel ist verhängt. Man ist ganzen häuslichen Elends feilbot. Geheimrat Schwarzwie in einem Sack. schweigend, aber sehr energisch ab. Mochte das Mädchen fopff ging jetzt aus seiner Reſerve heraus. Er winkte feiner Wege gehen und einen anderen anbetteln. Erstens empfand sein zartbesaitetes soziales Gewissen zu viel Weh bei Berührung mit dem Elend der unteren Volksklassen, und zweitens fonnte er Streichhölzer beim besten Willen nicht gebrauchen, denn... Also tat es ihm sehr leid! Wieder sah sie zum Fenster hinaus und träumte in die Landschaft. Das also ist der Frühlung! über Nacht, über Tag, und gleich die Herrschaft in Prunk und Herrlich feit! Das ist der Frühling im Aprilsturm, im Waldesrauschen. Duftete nicht Daphne herauf aus dem Gebüsch, Sie atmet schwer. Sie hat einen Mlp auf der Brust. floß nicht Veilchenduft in der Luft! Sie zog den Atem ein. Die Tannen haben grüne Spitzen, die Lärchen ihre Wenn sie nur schreien könnte! Noch einmal setzt sie an. „ Lebewohl!" Es gelang, aber es war dumpf, heißer, grünen Röschen hübsch auf den haarzarten Zweigen aufgereiht; bald ist der Wald grün, und nicht nur der Buchfint, der Prolet unter den Finken, lockt sein Weibchen, auch die anderen sind da, die Amseln und Drosseln, die Trost. Grasmücken und Lerchen. Das ist der Frühling. Er macht weit, was eng war, er treibt heraus zum Leben, was schlummerte, er erweckt, was sich die Lebenskraft bewahrt hat. Denn feine Kraft des Lebens darf verLoren gehen. Was wert ist zu leben, das lebt! Das lebt! Sie jubelt innerlich! Sie sieht über die Ebene hin, auf der der Glanz der sinkenden Sonne liegt. Sie ist viel weiter heut, die Ebene, und man fühlt die Welt hinter ihr, die weite, weite Welt, die noch hinter ihr liegt. Merkwürdig, daß der Fluß noch so still geblieben. Sie steht hinunter, wo er sich zwischen den Bergen durchwindet, fie sieht, wo er in die Ebene tritt. Da schwimmt eben das Abendrot in ihm. Ganz zart und dünn und blaß und durchsichtig, und das Wasser ist noch so sanft. Aber bald, wenn die Bäche im Gebirge losgehen, dann braust's und rauscht's und schäumt's, es springt zum Ufer hinauf und ist so wild und unbändig. D, die Nächte dann! Dann wird sie wieder nicht schlafen. Sie wird auf das Rauschen des Flusses hören und träumen, es sei das Meer, das weite, weite, tosende Meer, dem ihre Jugend gehörte, es sei ihre Jugend, in der Kraft und Ungebrochenheit ihrer sechzehn, achtzehn, zwanzig Jahre, in ihrer Blüte, in ihrer Freudigkeit, in ihrem heißen Willen. Aber das wird rasch vorbei sein. Eine Nacht und ein Tag, noch eine Nacht und noch ein Tag, dann still, und nach Tagen und Tagen und Nächten und Nächten noch einmal ein Brausen und Aufbäumen, - und dann für immer still, still und milde, ergeben und gelassen. Sie träumt. es war wie ein Röcheln. Der Abend hat die Erde umfangen, aber er ist ohne Der Schrei der Plage. Von William Morris. Ich hörte sie sagen: Laß hoffen und klagen, Es wird doch immer dasselbe sein! So heute wie morgen bringt Kummer und Sorgen, Bringt endlose Sorgen und trostlose Bein! Als die Welt noch jünger, in Qual und Hunger, Die Hoffnung, sie stählte uns Herz und Arm. Da führten Gelehrte, in Worten bewährte, Uns gegen das Unrecht und gegen den Harm. Lies in den Geschichten und Ruhmesgedichten Die Namen der Großen, wie sich's gebührt; Dann sieh, wie wir werben und langsam versterben, Inmitten der Freiheit, zu der sie geführt! Wo geschwind und geschwinder der eiserne Schinder, Den wir geschaffen, das Werkzeug treibt; Heißt uns Schäße ergründen und Kurzweil erfinden Für andre, daß uns nichts übrig bleibt. In elenden Kammern verkümmernd wir jammern, Was wissen wir, ob die Welt ist schön! Wir müssen uns scheuen, unsrer Brut uns zu freuen, Sie wird, gleich uns ja, zugrunde gehn. Rein Gott läßt sich rühren; wer soll uns nun führen Heraus aus der Hölle, die uns umloht? Wir sehen nur Lügner, Betrogna, etrüger, Die Großen sind klein und die Weisen sind tot Aber das Kind ließ nicht nach. Es hatte noch nicht viel Schachteln verkauft und mußte doch wenigstens einige Groschen mit nach Hause bringen. Der Eltern Verdienst reichte sowieso zur Ernährung der vielen kleinen Geschwister nicht aus. Sie bettelte weiter. Geheimrat Schwarzkopff war außer sich. Nicht daß er das Nachlaufen des Mädchens als Zudringlichkeit empfunden hätte. Dazu war er sozial viel zu sehr eingeweiht und schätzte die Beweggründe des armen Mädchens ganz richtig ein. Aber er sah in dieser Hartnäckigfeit des Proletarierkindes eine soziale Gefahr der Zukunft, welche durch die, wie er selbst sehr wohl empfand, roh und grausam scheinende Abweisung nicht gerade gemildert wurde. Also war er schuld, wenn die Klassengegensätze sich noch mehr zuspizen, er, wenn das Herz dieses jungen Kindes sich in Haß verhärtete. Das durfte sein so ausgeprägtes soziales Gewissen nicht dulden. Mißverständnisse durften zwischen ihm und diesem armen Kind nicht aufkommen. Rasch entschlossen wandte sich Geheimrat Schwarzkopff zu dem immer noch neben ihm daherlaufenden Mädchen und schaute ihm dabei durch seine blauen Brillengläser hindurch tief in die rotumränderten Augen und dann, so wohlwollend, wie nur je ein Lehrer zu einem etwas unbegabten Schüler, sprach er mit tiefster Stimme: „ Liebes Kind, du mußt wissen, wir haben zu Hause elektrisches Licht." Stolz ging er weiter. Die Kleine war verschwunden. Geheimrat Schwarzkopff aber glaubte, dem„ Klassenhaß" die Spitze abgebrochen zu haben. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.