Nr. 8 Die Gleichheit eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ee Die Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Arbeiterinnen. Inhalts- Verzeichnis. Heinrich Meister+ Stuttgart den 18. April 1906 16. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der, Gleichheit sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. und Laffalleaner zu. Nachdem er in zwei Wahlkämpfen Maßstab für Wert und Unwert von Theorien und Taten Heinrich Meister+ Ehe und Sittlichkeit. I. Die Stellung der als Kandidat der Sozialdemokratie das rote Banner war die Wirkung auf die proletarischen Massen. AufGenoffinnen und der Frauenrechtlerinnen in Österreich zur Wahl- vorangetragen hatte, wurde der Zigarrendreher" wie recht und geradeaus ist Meister jederzeit seine Straße rechtsreform. Bon Emmy Freundlich. Aus dem tollen Jahre ihn die Gegner höhnend nannten 1884 von der ehe- gegangen, er verschmähte, auf Schleichwegen zu erreichen, Bon Wilhelm Blos. Der Kampf um die Rente. Von E. G. maligen Hauptstadt Hannover in den Reichstag entfendet. was nicht offen durchgesetzt werden konnte. An diesem Aus der Bewegung: Bon der Agitation. Ein neues Stadium Er hat ihm bis zu seinem Tode angehört. Von dem Wahrhaftigen war alles echt; feine Bose, kein Kokettieren Ein neues Stadium der Hamburger Frauenbewegung. Halbjahresbericht der Vertrauenspersonen vom fünften Dresdener Wahlkreis. Noch eine Jahre seines Eintritts in das Parlament ab ist Meister mit modischen Strömungen und Schlagwörtern. Anflage gegen die Genoffin Zietz. Die Behörden im Kampfe Vorstandsmitglied der sozialdemokratischen Reichstags- Meister war ein Mann der Praxis, und weil er das im gegen die proletarischen Frauen.- Agitation am Niederrhein.fraktion gewesen und damit zugleich bis zum Fall des besten Sinne des Wortes war, ist er stets fest mit beiden Füßen Politische Rundschau. Bon G. L. Genossenschaftliche Rundschau. Sozialistengesetzes Mitglied der Parteileitung. 1891 wurde auf dem Boden des proletarischen, revolutionären KlaffenVon Simon Katzenstein. er zum erstenmal Mitglied und Vorsitzender der Kontroll- fampfes geblieben, für überschlau sein wollende StaatsNotizenteil: Lohnbewegung der Laufiger Textilarbeiter. Gewert- kommission. Mit welch strengem Gerechtigkeitssinn und männelei oder Leisetreterei hat er nie etwas übrig gehabt. schaftliche Arbeiterinnenorganisation. Arbeitsbedingungen der großem Tattgefühl er diesen arbeitsreichen und undant- Für ihn gingen Theorie und Praxis Hand in Hand, wie bei Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. baren Posten verwaltet hat, erhellt daraus, daß jeder ihm überzeugung und Tun eins war. Wenn seine theoFrauenstimmrecht. Frauenbewegung. Verschiedenes. Parteitag sein Mandat erneuerte. retische Schulung in Fragen des Parteilebens versagte, Feuilleton: Der Tag des Herrn. Von Ludwig Pfau.( Gedicht.). Rahel. Von Ada Christen.( Schluß.) Aus dem Ofterspazier In der Person und dem Wirken Meisters hat die da half ihm seine reiche praktische Erfahrung auf den innere, organische Einheit des politischen und gewerk- Weg, und ein geradezu untrüglicher proletarischer Klassengang des Faust". Von Wolfgang Goethe. schaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse einen geradezu instinkt war ihm jederzeit ein zuverlässiger Berater, sovorbildlichen Ausdruck gefunden. Meister kannte zwar wohl Strömungen wie Persönlichkeiten gegenüber. Alles verschiedene Arbeitsgebiete, verschiedene Tagesaufgaben Unechte, Schielende, Selbstsüchtige war ihm in tiefster Einen seiner Besten hat das kämpfende Proletariat der Partei und der Gewerkschaften, aber er ließ keine Seele verhaßt, mochte es auch in prächtig gleißendem Deutschlands zu Grabe geleitet. Genosse Heinrich Meister Gegensätze zwischen beiden Seiten des proletarischen Gewand auftreten. Wenn Meister sich mit ihm ist am 5. April, fast vierundsechzigjährig, doch viel zu Emanzipationsringens gelten. Beide vereinigten sich für auseinanderzusetzen hatte, geriet er in eifernden Grimm, früh für die klassenbewußte Arbeiterbewegung, einem ihn zu der höheren Einheit der klaffenbewußten revolutio- der sich in bitteren Sarkasmen entlud, die fast stets schweren Herzleiden erlegen. Vier Jahrzehnte lang hat nären Arbeiterbewegung, und dieser seiner Auffassung den Nagel auf den Kopf trafen. Die Überzeugung er fämpfend, führend in ihren vordersten Reihen gestanden, entsprechend hat er seine besten Kräfte, ohne nach Opfern war ihm ein heiliger Opferdienst und keine Laufallzeit der Gleiche an überzeugungs- und Pflichttreue, und Gefahren, nach Lob und Lohn zu fragen, rückhalt- bahn, er hat für sie jederzeit seine ganze Person mit an Eifer und Selbstlosigkeit, an geradem Sinn und los für die Partei und die Gewerkschaften eingesetzt. Der Uneigennützigkeit eines Apostels eingesetzt. Das Zuverlässigkeit. Solange wir Meister kennen, ist er auch ein auf- Ideenfeuer der sozialistischen Jugendzeit, die mit seiner Heinrich Meister hat das unsterbliche geschichtliche richtiger Freund unserer proletarischen Frauenbewegung eigenen Jugend zusammenfiel, hat er durch die Stürme Leben des zeitgenössischen Proletariats bewußt mit gewesen. Maßregeln, die geeignet schienen, sie zu fördern, des Sozialistengesetzes getragen, wie durch die ruhige, gelebt und mitgeschaffen. Als Sohn eines kleinen waren in der Parteileitung wie auf Parteitagen und im aber oft dumpfige Atmosphäre der Jahre seither. Mannes, eines Organisten und Pianisten zu Hildes Tabatarbeiterverband seiner Sympathie und Unterstützung Und so ist er jung geblieben in der Überzeugung, im heim am 2. Oktober 1842 geboren, erlernte er zuerst sicher. Noch auf der letzten Generalversammlung der Wollen und im Kämpfen, bis ihn der Tod von den die Buchbinderei, dann das Zigarrenmachen. Das genannten Organisation hat er eindringlich die Anstellung Schanzen riß. färgliche geistige Brot der Bürgerschule hatte den heißen einer Beamtin gefordert, welche sich insbesondere der Nicht nur, was Heinrich Meister geleistet, auch was Wissenshunger des geweckten Knaben nicht zu befriedigen Agitation unter den Arbeiterinnen widmen sollte. er gewesen läßt seinen Tod als einen außerordentlich vermocht. Mit eisernem Fleiß, unter harten Entbehrungen Der Verlust, den die kämpfende Arbeiterklasse durch herben Verlust empfinden, schreibt aber auch seinen arbeitete der Jüngling an seiner Selbstbildung. Nicht den Tod Meisters erleidet, ist schwer, ja in mancher Namen mit leuchtenden Zügen in die Geschichte der selten wanderten die letzten Pfennige für eine Schrift Beziehung geradezu unersetzbar. Um ihn ganz würdigen deutschen Arbeiterbewegung. Möchte die allgemeine Würfort, die in langer Winternacht im ungeheizten Zimmer zu können, genügt es nicht, den Blick über die reiche digung, die seinem Werke und seiner Persönlichkeit zuteil bei schwelendem, trübem Licht studiert wurde. Die Lektüre Lebensarbeit gleiten zu lassen, die Meister bis zu den wird, etwas Trost für das treue Weib sein, das seinen gab dem jungen Mann den Schlüssel zum Verständnis höchsten Ehrenämtern führte, welche das politisch und redlichen Teil zu unseres Freundes Lebensarbeit beider vielerlei Rätselfragen, die ihm aus dem sozialen gewerkschaftlich organisierte Proletariat zu vergeben hat. getragen hat, eine jener ungenannten Heldinnen des Leben entgegenstarrten und sein Nachdenken reizten. Und Dazu muß man auch seines persönlichen Wesens ge- Proletariats, die schweigend den Löwenanteil des Kampfes so reifte er durch Studium und Beobachtung zum klassen- denken. Meister war sicherlich der Typus des kämpfenden um die Existenz der Familie auf sich nehmen, damit der bewußten Arbeiter heran, der die geschichtliche Mission Proletariers, zugleich aber eine scharf umrissene Charakter Mann sich rückhaltlos dem Kampfe für die Emanzipades Proletariats begriff, im Kampfe gegen die kapita- gestalt von starkem persönlichem Gepräge. Gewiß: wohl tion der Klasse widmen kann. listische Ordnung sein eigener Erlöser zu sein. Sehr bald nie hat die bürgerliche Welt sich mit ihm als einer Unversehens ist das, was wir dem sturmerprobten fand er den Anschluß an die junge gewerkschaftliche und interessanten Individualität" beschäftigt. Jedoch wie Kampfesgenossen, dem treuen Freunde über das Grab politische Arbeiterbewegung, und die eine wie die andere kraftvoll hat er seine Persönlichkeit in der Arbeit, im hinaus nachrufen wollten, über den Rahmen des üblichen wurde ihm ein Feld unermüdlichster, opferbereiter Tätig- Kampfe für die Emanzipation des Proletariats gegen Nefrologs hinausgewachsen. Mag man das der verfeit. 1865 zählte er zu den Gründern des Tabatarbeiter Schwierigkeiten und Gefahren durchgesetzt, die es mit zeihen, die in elfjähriger Zusammenarbeit Hein Meisters vereins, dessen stellvertretender Vorsitzender er unter fühlem Blick und fühnem Sinn, mit Ausdauer und schlichte Größe immer besser verstehen, immer höher Fritsche von 1867 bis 1878 war, wo auf Grund des Opferbereitschaft zu überwinden galt. Wie fest hat er achten lernte; mag man das der Mutter zugute halten, Sozialistengesetzes die Auflösung der Organisation erfolgte. nicht auch seine Überzeugung im Kampfe der Meinungen welche der Tausenden und aber Tausenden proletarischer Seit der Gründung des jetzigen Tabafarbeiterverbandes in Partei und Gewerkschaften vertreten. Nie hat er zu Mütter gedenkt, die das sozialistische Ideal in ihrem im Jahre 1882 bis zur letzten Generalversammlung des- denen gehört, die immer auf der Seite stehen wollen, Herzen bewegen und ihren Kindern nicht bloß Worte selben war Meister Vorsitzender des Ausschusses. Er nach der sich der Erfolg neigt, er vertrug es, in der sagen, sondern Beispiele zeigen möchten; der Kämpferin, hat sein redlich Teil agitatorischer und organisatorischer Minorität zu bleiben, und er stand lieber allein, als daß die jedesmal, wenn der Tod einem der alten Garde in Arbeit zur Entwicklung dieser Gewerkschaft wie zum er dem etwas vergab, was ihm Recht und Wahrheit das Schattenreich winkt, sorgend in die Zukunft späht, Aufblühen der Gewerkschaftsbewegung überhaupt bei- dünfte. Zum Eigenbrödler oder gar Quertreiber ist ob dem Proletariat nicht bloß neue, vielmehr auch ebengetragen. Zur politischen Arbeiterbewegung, die Lassalle Meister trotz alledem nie geworden. Seine fnorrige bürtige Soldaten der Revolution" heranwachsen. Der ins Leben gerufen hatte, stieß Meister ebenfalls 1865. Eigenart beugte sich vor dem lebendigen Bewußtsein der Sozialismus fann sich nicht mit Stimmen begnügen, er Zwei Jahre später gründete er in Hannover mit 16 Ge- Kampfestreue, welche die große Sache fordert, der er sein heischt ganze Menschen. Ein ganzer Mensch zu sein, sinnungsgenossen zusammen eine Mitgliedschaft des Leben geweiht. als ganzer Mensch zu leben und zu kämpfen, das lehrt Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die zum Grund- Dieser Mann war ganz aus einem Stück geschnitzt, aus das Sein und Wirken unseres unvergeßlichen Heinrich stein der so kraftvollen Parteibewegung daselbst ge- dem besten Kernholz. Furchtlos und treu nach oben und unten Meister. worden ist. Von 1872 an, wo er, dem Drängen seiner fonnte er weder einflußreichen Persönlichkeiten noch den Freunde nachgebend, zum erstenmal öffentlich als Redner Massen schmeicheln. Wenn er es für nötig hielt, polterte er auftrat, wirfte er raftlos als Agitator und Organisator auch dem besten Freunde, dem verehrtesten Kampfesgenossen im Dienste der Sozialdemokratie. Die rasche Ausdehnung, zehn fernige Grobheiten ins Gesicht, jedoch er hätte niemand der feste Ausbau der Partei in Hannover ist zum großen Achtung bezeugt und Lob gespendet, der dies seines ErTeil die Frucht seiner persönlichen Arbeit. Aber auch achtens nicht verdiente. Für Komplimente war er völlig redet. Und obendrein noch über Sittlichkeit. Paſtor Stöcker über den Rahmen seiner Heimat hinaus hat er schon unempfänglich, er geizte nicht nach Anerkennung, das feierte die Ehe als den starken Hort aller geschlechtlichen vor dem Sozialistengesetz praktisch wägend und begeistert Bewußtsein gewissenhafter Pflichterfüllung war ihm Lohnes moral, und er eiferte gegen die freie Liebe" als den Inzugleich an der äußeren und inneren Entwicklung der genug. Das Lob der bürgerlichen Welt schob er für begriff aller sexuellen Verworfenheit. Ganz wie es sein eheSozialdemokratie mitgearbeitet. Ihm fällt unter anderem seine Person wie für Partei und Gewerkschaften gering- maliges Handwerk verlangt. Nach dem„ teuren Gottesein wesentliches Verdienst an der Einigung der Eisenacher schäßig und mit höchstem Mißtrauen zur Seite. Sein mann" a. D. geht heute der ernsteste Kampf im öffentlichen Ehe und Sittlichkeit. I. Giner, der für die Öffentlichkeit längst tot sein müßte, wenn Schmach töten könnte, hat neulich im Reichstag ge= 50 Die Gleichheit Nr. 8 Leben gegen das Herunterziehen der Ehe in den Schmuß. reiste( 1459), ritten ihm bei der Einholung in Ferrara acht gegenüber verhielten sie sich fühl. Nach Erfolg sahen die Es stehen sich gegenüber der sittliche Gedanke, daß das ge- Bastarde vom Hause Este entgegen, darunter der regierende Erklärungen, die ihnen wurden, nicht aus. schlechtliche Leben nur auf dem Boden der Ehe stattfinden Herzog Borso selbst und zwei uneheliche Söhne seines eben- Natürlich behaupten die Frauenrechtlerinnen, daß die soll, und der unsittliche Gedanke, daß freie Liebe erlaubt sei. falls unehelichen Bruders und Vorgängers Leonello. Also Genossinnen mit ihrer Haltung sich eines großen„ taktischen Eine große Schar von Leuten, welche die Freiheit des berichtet Burckhardt in seiner Kultur der Renaissance". Fehlers" schuldig gemacht hätten. Genoffin Popp erwiderte Fleisches verteidigen und treiben, führen ohne Scheu und War es doch die Zeit, da die Söhne der Päpste sich Fürsten- in einer zweiten frauenrechtlerischen Versammlung auf diesen Frauen ziehen im Lande umher, tümer gründeten," setzt er lakonisch hinzu. Und es ist noch Vorwurf sehr richtig:„ Wer keine Verantwortung hat, kann welche die Ehe beschimpfen und die freie Liebe verkündigen. fein halbes Jahrhundert her, daß Pius IX. Isabella von leicht fordern." Die Damen finden, daß der Entschluß der Etwas ähnliches von Scheußlichkeit hat es im deutschen Spanien, eine der schamlosesten Dirnen aller Zeiten, als Genoffinnen männlichen Geist und Einfluß verrät. Wir Lande und Volke noch nicht gegeben.... Wir haben in frömmste Tochter der Kirche" mit der goldenen Tugendrose weisen das nicht als schimpflich zurück. Von den Männern diesem Wirrsal das Wort gehört, es sei für eine Frau nicht auszeichnete. Wenn nichts anderes, so sollte die hausbackene haben wir eines gelernt: Unsere Forderungen nicht zu dismehr anständig, in der Ehe zu leben." Klugheit die katholischen wie protestantischen Zeloten davor kreditieren, indem wir sie in den Vordergrund schieben, wenn bewahren, die Chekritiker und Ehereformer als Lasterhafte es unmöglich ist, sie durchzusetzen. Wenn die Frauenrechtzu begeifern. lerinnen die Notwendigkeit betonen, die Forderung des Frauenstimmrechtes unter die Massen zu tragen, so anerkennen wir diese Notwendigkeit gewiß. Aber wer denn hat in Österreich mehr für die Idee der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter gewirkt als gerade die Sozialdemokratie? Wenn die große Masse der indifferenten und klerikalen Proletarierinnen kleiner geworden ist, wenn die Zahl der Frauen des Volkes bedeutend zugenommen Die Philippika ist offenbar in der Hauptsache veranlaßt worden durch die Erörterung des Eheproblems in frauen rechtlerischen Kreisen. Diese Erörterung zeitigte eine scharfe, Doch wichtiger als die Frage nach ihrem sittlichen Rechte nur zu berechtigte Kritik der heutigen bürgerlichen Ehe; sie zum Richteramt ist die andere nach der Berechtigung ihres brachte unter anderem auch die kindliche Aufforderung, durch Sittlichkeitskredos selbst. Mit der Beantwortung dieser Frage eine größere Anzahl freier Ehen die nötige Reform durch werden wir uns in einem folgenden Artikel beschäftigen. zusetzen. An den strittigen Auseinandersetzungen muß man mit Fug und Recht tadeln, daß mangelnde und unreife historische Schulung an dem vielverschlungenen Problem Die Stellung der Genossinnen herumtastete, daß deſſen ökonomischer Untergrund zu wenig und der Frauenrechtlerinnen in Österreich hat, die aufgeklärt das Wahlrecht fordern, nicht um die Rewerfen. zur Wahlrechtsreform.* und zu verworren gewürdigt wurde. Allein ihr sittlicher aktion zu stärken, sondern um sie zu beseitigen, so danken Gehalt war der Ausfluß hochgespannten Jdealismus, der, wir es nur der Arbeit der Genossen und Genossinnen. den Blick auf die Menschheitsentwicklung gerichtet, die BeWährend die Proletarierinnen Österreichs von Anfang Möchten doch die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen in ihren ziehungen zwischen Mann und Weib veredeln und vertiefen an die Wahlrechtskämpfe in allen Teilen des Landes mit Kreisen mit der gleichen Energie für das volle Bürgerrecht will. Vom Standpunkt der Moral aus kann nur pfäffische führten, haben die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen sich erst des weiblichen Geschlechtes kämpfen, wie es die SozialEngbrüftigkeit oder Schlimmeres noch einen Stein auf sie zu einer Aktion gerüstet, nachdem die Regierung Gautsch sich demokratie tut. Übrigens haben die Genossinnen gerade den verpflichtet hatte, das allgemeine Wahlrecht auf die Tages- letzten Wahlrechtskampf der Partei redlich ausgenußt, um in Mehr als alle anderen aber sollten sich die Vertreter der ordnung des Parlamentes zu stellen. Erst Anfang Dezember allen Versammlungen für das Frauenwahlrecht Propaganda protestantischen Kirche davor hüten, Räuber und Mörder besannen sich die Damen, daß auch sie Wahlrechtsforderungen zu machen. über jeden zu rufen, der, von leidenschaftlichem Sittlichkeits- in ihrem Programm haben. Sie veranstalteten in Wien In Österreich werden die Frauen das Wahlrecht empfinden getrieben, Kritik an der heutigen bürgerlichen Ghe eine große Versammlung, in welcher sie forderten, daß das nur durch die Sozialdemokratie erlangen. Sie hat trotz übt und mit sehnsuchtsschwerer Seele im Bewußtsein seiner Frauenwahlrecht bei der jetzigen Wahlreform berücksichtigt des feigen, faulen Bürgertums und der offen reaktionären sozialen Verantwortlichkeit nach einer vollkommeneren höheren werden solle. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften Feudalen erzwungen, daß vor das Parlament eine WahlForm des Zusammenlebens von Mann und Weib sucht. traten auch bürgerliche Abgeordnete und Politiker für das reform gekommen ist, welche das allgemeine Wahlrecht für Denn gerade was die proklamierte Unantastbarkeit dieser Frauenwahlrecht ein, so Dr. Steinweder, Dr. Byk und die Männer bringen muß. Sie wird auch die entscheidende Ehe anbelangt, haben„ Diener am Wort" bewiesen, daß sie Professor Winterniz. Die Herren nahmen radikale und Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht sein. Von dem österauch anders können". Wenn ihnen auch die geschichtliche fortschrittliche Posen an, weil sie wußten, daß das politische reichischen Bürgertum ist kein politischer Fortschritt zu erErkenntnis mangelte, daß von der Geschlechtsmoral eben- Vorrecht des Mannes doch unangetastet bleiben, daß diese hoffen; es ist unfähig, die Rechte der Frauen wie die Rechte falls gilt: ländlich- sittlich oder richtiger zeitlich- sittlich, so Wahlreform das Frauenwahlrecht nicht bringen würde. Ob- der Männer zu vertreten. Der Kampf um die jetzige Wahleignete ihnen genügend höfische Bedientenhaftigkeit, um zu gleich weder die„ Aktion" der bürgerlichen Frauen noch die rechtsreform hat seine Ohnmacht und Verächtlichkeit hüllenerkennen, daß in dieser Beziehung unter allen Umständen Erklärungen der männlichen Anhänger des Frauenwahl- los gezeigt. Obgleich die Reform auch dem Bürgertum fürstlich sittlich ist. Die Leuchten der Reformation: Luther, rechtes irgend einen Einfluß auf die Gestaltung der Wahl- nuzen wird, hätte dieses sie niemals erkämpft. Ratlos sieht Melanchthon und Bucer gaben ihren Segen zu der Doppel- reform ausüben konnten, sahen sich die organisierten Wiener es dem Zerfall des alten Staates zu; kraftlos steht es der ehe, welche der geile Landgraf Philipp von Hessen einging, Arbeiterinnen doch veranlaßt, im Namen der Genossinnen Notwendigkeit gegenüber, einen neuen zu errichten. Auch in um sich nicht der Gefahr einer zweiten syphilitischen Ver- des ganzen Landes Stellung zu der Forderung zu nehmen. Österreich muß wie in Deutschland die Arbeiterklasse die seuchung auszusetzen. Und sie hoben bei dieser Gelegenheit Sie entsprach den Erklärungen, welche die Vertreterinnen politisch notwendige Arbeit für die feige und reaktionäre obendrein in schimpflicher Doppelzüngigkeit eine zwiefache der organisierten Arbeiterinnen auf dem letzten österreichischen bürgerliche Gesellschaft verrichten. Moral auf den Schild eine für Fürsten, eine für die groben Bauern", die bekundet, daß die Jesuiterei schon lange vor der Gründung des Jesuitenordens von den Hütern der christlichen Wahrheit" geübt worden ist. Bucer bat, die Doppelehe geheim zu halten, um etlicher schwacher Christen willen, die nicht mögen geärgert werden". Luther gemeine gleiche Männerwahlrecht zu kämpfen. Sei dieses und Melanchthon aber erklärten, daß die Doppelehe zwar unzulässig sei, daß aber ein Fürst wohl eine Ausnahme machen dürfe. Denn ein großer Unterschied ist, ein gemein Gesetz zu machen oder in einem Falle aus wichtigen Gründen und doch nach göttlicher Zusagung eine Dispensation zu gebrauchen". Als der zur zweiten Gemahlin auserforenen Margarete von der Saale Zweifel über die Zulässigkeit der Doppelehe aufstiegen, wurde diese vom Hofprediger Lenning in einer eigenen Schrift unter Hinweis auf die Bibel und das Beispiel von Esther und Abigail zum Schweigen theoLogisiert. Parteitag in deutscher und tschechischer Sprache abgegeben hatten. Eine Plenarversammlung der Wiener Organisationen, welche weibliche Mitglieder haben, beschloß, das Frauenwahlrecht nicht in Verbindung mit der jetzigen Reform zu fordern, aber nach wie vor mit den Genossen um das allGesetz, dann würden die Genossinnen von der sozialdemofratischen Partei fordern, daß sie ihren erhöhten Einfluß zu gunsten des Frauenwahlrechtes geltend machte. M.- Schönberg. Emmy Freundlich. Aus dem„ tollen Jahre". Von Wilhelm Blos. Nachdem bei den Dienstboten Nürnbergs das Klassenbewußtsein zum Durchbruch gekommen ist und eine Bewegung gezeitigt hat, die sich bald weiterhin ausbreiten wird, ist es wohl nicht unangebracht, an die Beteiligung der dienenden Klasse bei den sozialen Bewegungen früherer Zeiten zu erinnern. Das Jahr 1848 weist eine Reihe solcher Erscheinungen auf. Die Arbeiterbewegung jener Zeit mußte sich, entsprechend den sozial- ökonomischen Zuständen, im ganzen auf einige große Städte und industrielle Striche beschränken. Indessen wurden die sozialen Strömungen jener Zeit schon vielfach einer besonderen Aufmerksamkeit gewürdigt, auch in solchen Kreisen, denen später erst wieder durch die Macht der Tatsachen einiges Verständnis für die sozialen Zeit- und Streitfragen eingepauft werden konnte. So schrieb man der Augsburger Allgemeinen Zeitung" aus Leipzig im April 1848:„ Nicht sowohl die Republik und Monarchie, sondern vielmehr der Besitz und die Arbeitskraft, das Kapital und die Armut, die dienende und die befehlende Gesellschaftsklasse liegen im Hader miteinander, suchen nach gerechter Aus" Die Genosfinnen wurden zu diesem Entschluß vor allem durch die überzeugung bestimmt, daß der Wahlreform neue Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden, wenn man sie mit der Forderung des Frauenwahlrechtes verquicke. Alle Wahlrechtsfeinde würden sicher mit Freuden die Forderung benutzen, um die Reform zu Falle zu bringen. Das allgemeine, direkte und gleiche Wahlrecht ist aber nicht nur die Grundlage, auf der Österreich als moderner Staat errichtet Die protestantische Kirche kann es nicht einmal mit der werden soll, es ist auch das einzige Mittel, der Arbeiterklasse Zeit und den außergewöhnlichen Umständen entschuldigen, den gebührenden und nötigen Einfluß im Parlament zu verdaß ihre Begründer die Freiheit des Fleisches" segneten. schaffen. Der geschichtlichen Notwendigkeit, welche auf die Denn ähnliches von Scheußlichkeit hat sich im deutschen Einführung des allgemeinen Wahlrechtes drängt und die sich Lande und Volke" später und unter gänzlich veränderten gleich zwingend im Interesse des Staates und des Prole: Verhältnissen mit ihrer Genehmigung wieder begeben. Es tariats geltend macht, darf sich niemand in den Weg war zur Zeit Friedrich Wilhelms II., von Gotttes Gnaden stellen, der auf politische Reife Anspruch erhebt. Die or König von Preußen, und einer der ärgsten Wollüftlinge ganisierten Proletarierinnen fühlen sich in erster Linie als und borniertesten Frömmler, die je deutsche Throne geziert Parteigenossinnen. Sie erachteten es daher als einen unvergleichung." haben. Das geschlechtliche Luderleben dieses Biedermanns zeihlichen Fehler, der Partei in ihrem schweren Kampfe in In der Tat nahmen die sozialen Strömungen von da trübte nicht um einen Hauch seine innigen Beziehungen zur Gestalt der Forderung des Frauenwahlrechtes Schwierig- mals einen weit größeren Raum ein, als manche Epigonen Geistlichkeit. Und nicht bloß Wöllner, der betrügerische und feiten zu schaffen. Sie sind außerdem überzeugt, daß die glauben, die über das Wesen jener Volfserhebung nicht ge= intrigante Pfaff" um mit dem alten Fritz zu reden-Eroberung des allgemeinen Wahlrechtes für die Männer, nügend unterrichtet sind. Mancher von diesen mag erstaunen, auch Theologen in Amt und Würden haben in tiefer Unter- daß der Sieg der Sozialdemokratie die beste Vorbedingung wenn er heute hört, welches politische Leben zum Beispiel tänigkeit vor dem schönen Minchen Enke, alias Frau Riez, ist für die folgende Erringung des Frauenwahlrechtes. unter den Tagelöhnern Mecklenburgs im Jahre 1848 voralias Gräfin Lichtenau gedienert, der Obermaitresse des viel- Erwägungen dieser Art sind den bürgerlichen Damen handen war. Fünfzigtausend dieser Landproletarier unterliebenden Königs. Auf seine beiden Doppelehen in der fremd. Sie fordern darauf los, ohne sich zu fragen, ob die zeichneten damals eine Petition behufs Aufhebung der Geeinen wurde ihm ein Fräulein von Voß, in der zweiten eine Möglichkeit der Erfüllung ihres Begehrens vorhanden ist. findeordnung und reichten sie bei jener mecklenburgischen Gräfin von Dönhoff zur linken Hand" mit" göttlicher Zu Ihre großen Aktionen verlaufen denn auch meist im Sande. Landesversammlung ein, die eine Verfassung mit den beiden sagung" angetraut flehte die Kirche den Segen des Um das Frauenwahlrecht haben sie nicht nur schriftlich mecklenburgischen Regierungen vereinbaren sollte. Die VerHimmels herab. Doch sehen wir von einzelnen Fällen ab, petitioniert, eine frauenrechtlerische Deputation ging viel fassung ist leider nicht gekommen, aber die Gesindeordnung wo ,, Verkündiger des reinen Evangeliums" amtlich und in mehr auch zum Ministerpräsidenten und den Vorsitzenden besteht noch. aller Form dem ,, sittlichen Gedanken" ein Schnippchen schlugen, der einzelnen Parteien. Als gebildete Leute empfingen die Während am Rhein eine starke sozialistische Bewegung ,, daß das geschlechtliche Leben nur auf dem Boden der Ehe Herren die Damen zwar höflich, aber ihren Forderungen ins Leben trat, welcher Karl Mary und Friedrich Engels in stattfinden soll". Es bleibt dann noch immer die Tatsache der„ Neuen Rheinischen Zeitung" eine weithin leuchtende bestehen, daß hohe Würdenträger des Protestantismus sich * Bei aller Anerkennung der Energie und Opferfreudigkeit, mit Standarte gaben, suchten in den größeren Städten, namentwieder und wieder mit der zügellofesten Freiheit des welcher die österreichische Sozialdemokratie den Kampf um das all- lich in Berlin und Leipzig, die Arbeiter sich zu organisieren, Fleisches" an den Höfen und in den Kreisen des Adels gemeine Wahlrecht führt, hat es doch über die Grenzen der bürger- um sich bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. schweigend abfanden, daß sie Fürstenehen weihten, welche lichen Frauenrechtlerinnen hinaus Befremden erregt, daß die Forde- Die Buchdrucker unter der Leitung von Stephan Born, der aus den schmutzigsten Berechnungen geboren, von Anfang rung des Frauenwahlrechtes von vornherein zurückgestellt worden später in Basel als Professor an der Universität wirkte, an die verkörperte Unsittlichkeit, der Ehebruch in Permanenz ist. Wir fügen dem zu der Frage bereits veröffentlichten Material gingen dabei voran. Sie bewiesen dabei eine seltene Großden heutigen Beitrag hinzu, der uns vor mehr als einem Monat herzigkeit, indem sie ihre Taktik so einrichteten, daß ihre übrigens haben die Geschorenen in dieser Hinsicht den zuging, aber des leidigen Raummangels halber mehrmals zurüd Lohnbewegung den Kampf des Bürgertums um die politische gestellt werden mußte. Unsere Stellungnahme zu dem strittigen Gescheitelten nichts vorzuwerfen. Auch die katholische Kirche problem behalten wir uns vor, bis wir genauer über die Wahl- Freiheit nicht störte. Trotzdem sie bei zwölf- bis sechzehnhat es jederzeit trefflich verstanden, ihr Dogma von der ge- rechtstämpfe in Schweden informiert sind, wo eine ähnliche Situation stündiger Arbeitszeit nur 9 bis 10 Mr. Wochenlohn bekamen, schlechtlichen Sittlichkeit vor den Leidenschaften der Fürsten wie in Österreich zu der gleichen Haltung der Sozialdemokratie in faben sie im Frühling 1848 von einem größeren Streik ab. und ihrer eigeren Würdenträger geschmeidig in die Knie Sachen des Frauenstimmrechtes geführt hat. Sie wollten das Erscheinen der Zeitungen nicht unterbrechen, sinten zu lassen. Als Pius II. zum Kongreß von Mantual Die Redaktion der Gleichheit". I und ihr Komitee verkündete: waren. Nr. 8 " In einer Zeit, wo die geistige Nahrung ein so not wendiges Bedürfnis wie das Brot geworden, wollen wir unsere materiellen Interessen nicht über die allgemeinen stellen. Wir haben deshalb einem jeden von uns überlassen, in die Druckerei zurückzukehren." Die besigende Klasse hätte eine tiefe Beschämung empfinden müssen gegenüber dieser Kundgebung der Arbeiter. Aber der liberale Philister konnte auch im„ Völkerfrühling" nicht aus seiner Haut heraus. Man sprach damals wie heute von der Begehrlichkeit“ und„ Anmaßung" der Arbeiter, sobald diese im Sturme und Drange der Zeit auch ihre Klasseninteressen geltend zu machen suchten. So war es namentlich in Leipzig, wo das Bestreben der Arbeiter, durch Organisationen sich bessere Lebensverhältnisse zu schaffen, ganz besonders kräftig hervortrat. Die Buchdrucker, die Zimmerleute, die Maurer, die Schuhmacher, die Schneider, die Barbiere, die Zigarrenarbeiter, die Packer, die Auflader und verschiedene andere Arbeiterkategorien organisierten sich, um den Arbeitgebern und den Handwerksmeistern eine Macht gegenüberstellen zu tönnen. Das Spieß bürgertum regte sich über diese Erscheinung auf, denn so viel auch in jenen Tagen von Freiheit geredet wurde, so wollte doch der„ honette Bürgersmann" die Koalitionsfreiheit der Arbeiter nicht anerkennen. Die bürgerlichen Freiheitsschreier verwandelten sich den Arbeitern gegenüber sofort in loyale Ordnungsretter. Die Gleichheit 51 herrschenden Lärme konnte man kein Wort verstehen. Der mann darauf erwidern? Wie recht hatte die Frau mit Betrieb durfte keine Störung erleiden, und auf Geheiß des ihrer anklagenden Frage, wie oft hatte er selbst in den VerMeisters mußten deshalb viele wieder ans Werk zurück. Von sammlungen die Ünzulänglichkeit der Versicherungsleistung mehreren Seiten rief man nach dem Verbandskasten, um betont und auf Abhilfe durch die Gesetzgebung gedrängt. wenigstens einen Notverband anzulegen, das Blut einiger Nur den einen Trost konnte er Frau Weber geben, daß das maßen zu stillen, bis der telephonisch gerufene Arzt herbei- Krankengeld ab fünfter Unfallwoche, also dem 29. Tage ab tam. Nach längerem Suchen fand man endlich den„ Kasten", auf zwei Drittel des Arbeitsverdienstes erhöht werden müsse, doch war er leer! Vorwurfsvoll sahen die Arbeiter den nach welcher die Krankenkasse ihre Beiträge berechne.„ WieWerkmeister an, der nie genug die Wohltaten unserer sozialen viel erhalte ich dann mehr?" frug die Frau.„ Wöchentlich Gesetzgebung preisen konnte und mit Stolz immer betonte, eine ganze Mark," erwiderte der Gefragte;„ statt 8 Mt. er= daß die Berufsgenossenschaften geeignete Unfallverhütungs- halten Sie dann 9 Mt. pro Woche ausgezahlt, bis die dreivorschriften herausgeben und darauf bedacht seien, daß in zehnte Woche des Unfalls abgelaufen ist." jedem geordneten Betrieb immer Verbandskästen für die erste„ Und dann?"" Dann hat die Berufsgenossenschaft einHilfe bereit stehen. Doch Meister Heckerroth wurde nicht zutreten", erklärte ihr Hartmann und fügte beruhigend hinzu, verlegen. Da hat man die Schweinerei," rief er, Kerber daß er dann gerne mit seinem Rate weiter helfen wolle. hat ja die Verbandstoffe vergessen!" Der Ausläufer Kerber ( Fortsetzung folgt.) mußte eben den Sündenbock dafür abgeben, daß der Meister feinen Auftrag zur Beschaffung der Verbandstoffe gegeben hatte. Endlich kam der Arzt. Nach längerer Untersuchung stellte er mehrere Knochenbrüche und wohl auch innere Verletzungen fest und ordnete an, daß der Schwerverletzte sofort in das Krankenhaus verbracht wurde. Wie lange mußte aber der arme Verletzte noch jammern und stöhnen, bis endlich der Transportwagen des Krantenhauses antam.„ Schnell, schnell," rief der Meister den Krankenträgern zu, die gar keine Ahnung davon hatten, daß ein Unfall doch eine Störung des Bes triebs verursachen könnte. Erst in der Vesperpause konnten die Freunde des armen Weber über den Fall sprechen. Was soll nun geschehen? Der Verletzte war wohl im Krankenhaus untergebracht, viel leicht schon unter dem Messer der Ärzte völlig verblutet! Wer sollte aber der Familie des Verunglückten den traurigen Vorfall melden?„ Hartmann, du wohnst ja in der Nähe Webers, tröste du die arme Frau", rief man einem jungen Dreher zu, der schweigend sein Brot verzehrt hatte. Kein anderer war berufener dazu, den traurigen Auftrag auszuführen. Hartmann hatte die Welt gesehen, war trotz seiner Jahre in der Gesetzgebung bewandert und genoß das Vertrauen seiner Kollegen, die er nach und nach als Mitglieder der Organisation zuführte. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Eine größere Agitationstour in Süd- und Mitteldeutschland unternahm im Februar und März Genosse Julian Borchardt- Königsberg im Dienste unserer Frauenbewegung. Angeregt war die Tour durch eine Anzahl württembergischer Parteiorte, welche eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema der Jugenderziehung herbeizuführen wünschten. Demgemäß sprach Einer dieser Edlen wollte wißig sein und suchte die Genosse Borchardt in den meisten Orten, die er berührte, Arbeiterbestrebungen zu verspotten. Er veröffentlichte im Der Verlegte war endlich fortgeschafft, die Blutlache mit über das Thema: Jugenderziehung und Sozialis„ Leipziger Tageblatt" eine Anzeige, in welcher auf den Asche bestreut und alles ging wieder seinen gewohnten Weg. mus". Es liegt auf der Hand, daß es sich hierbei um keine Balmsonntag abend eine Dienstmädchenversammlung Nur die leerstehende Drehbank mahnte noch an den Vorfall. Massenversammlungen handeln kann. Wendet sich doch das in das Kolosseum einberufen war. Die Spießbürger hielten Morgen wird auch dies beseitigt sein, ein neuer Mann emsig Thema an Genossinnen, welche den Wunsch haben, über eine Beteiligung der Dienstboten an öffentlichen Angelegen- daran arbeiten. ottiefer gehende Fragen des Sozialismus nachzudenken, sich zu heiten für so lächerlich und unmöglich, daß sie mit dieser unterrichten und praktische Belehrung für das tägliche Leben Anzeige auch die anderen Arbeiterbestrebungen lächerlich geund den Umgang mit ihren Kindern daraus zu schöpfen. macht zu haben glaubten. Aber es sollte ganz anders kommen, Genosse Borchardt sprach in Gßlingen, Gmünd, Göpund aus dem vermeintlichen Spaß wurde bitterer Ernst. pingen, Heilbronn und Stuttgart( wo zwei VerAm Palmsonntag abend waren nämlich im Kolosseum zu sammlungen stattfanden); ferner in Mannheim, MühlLeipzig auf die Anzeige hin etwa 300 Dienstmädchen verhausen i. Thür., Magdeburg, Burg, Brandensammelt. Der Verlauf dieser Versammlung bewirkte, daß burg a. H. und Luckenwalde. Dazwischen referierte den Spießbürgern das Lachen verging. Es geschah das Genosse Borchardt in Frankfurt a. M.( Oberrad) über: gänzlich unerwartete, daß drei Dienstmädchen als RedneDas neue Evangelium" und in Nienburg a. S. über: rinnen auftraten. Sie sprachen in unverfälschtem Dialekt, Umsturz und Revolution". Die Versammlungen waren im was vielleicht ihre Ausführungen um so drastischer erscheinen allgemeinen von 120 bis 150 Personen besucht, wovon etwa ließ. Alle drei klagten die Herrschaften an, daß die Dienst zwei Drittel Frauen waren. Einen wesentlich höheren Beboten mit Arbeit überlastet und schlecht behandelt würden. such wiesen auf Mannheim mit 220( zum größten Teil Namentlich über die Behandlung der Kindermädchen wurden Frauen), Magdeburg mit 250( über diese Versammlung eingehende Beschwerden vorgebracht. Es hieß, dieselben Wie schwer wurde es doch dem jungen Manne, die haben wir schon berichtet), Brandenburg a. H. mit fast müßten oft bis 10 Uhr abends sich mit den Kindern be- Trauerbotschaft zu überbringen. Als endlich der längst 300 und Luckenwalde mit gegen 200 Besuchern. schäftigen und dann noch an das Waschfaß gehen; um 5 Uhr ersehnte Pfiff der Dampfmaschine erscholl, langsamer und Der Gedankengang, den der Redner entwickelte, lehnt sich morgens müßten sie wieder bei der Hand sein und mit einer langsamer sich das Schwungrad bewegte, um endlich ganz an die Darlegungen seiner Broschüre an:„ Wie sollen Butterbemme bis mittags aushalten usw. stille zu stehen, machte sich Hartmann auf den Weg, um der wir unsere Kinder ohne Prügel erziehen?" Er Familie Webers das Unglück schonend mitzuteilen. Ahnungs- führte aus, daß der Sozialismus an die Erziehung die Anlos erwartete die Familie den Vater. Das Nachtessen war forderung stellen müsse, feste und aufrechte Charaktere zu fertig; die Kinder spitzten zum Fenster hinaus, den Vater zuerst zu begrüßen. Tiefes Schweigen folgte der Meldung Hartmanns. Dann ein Schluchzen der armen Frau, die zu erst ängstlich auf ihre vier Kinder gesehen hatte. Lebte der Vater noch? Wird er bald wieder mit uns spielen? Schließ lich wirkten die Worte Hartmanns doch etwas beruhigend auf die Familie ein, nachdem dieser versprochen hatte, sich gleich nach dem Befinden des Verletzten zu erkundigen und Nachricht zu bringen. Die urwüchsige und unverblümte Darstellung dieser drei Mädchen verfehlte ihre Wirkung auf die große Öffentlichkeit nicht, und die ganze Erscheinung wurde durchaus ernst genommen, obwohl die Versammlung nach Anhörung der Rednerinnen auseinandergegangen war, ohne einen weiteren Beschluß zu fassen. In der Augsburger Allgemeinen Zeitung" wurde über die Versammlung berichtet und ausgeführt: Bedarf es eines deutlicheren Zeugnisses für den über wiegend gesellschaftlichen Charakter unserer Revolution, als diese Dienstmädchenversammlung, selbst wenn wir sie nur als einen Versuch und sogar als einen nicht gelungenen Versuch betrachten wollen? Nur das nationale Element behauptet seine Geltung daneben, die politische Forderung tritt dagegen als etwas Nebensächliches, als ein bereits Entschiedenes und Abgetanes in den Hintergrund" usw. Auch das Spießbürgertum von heute, das sich nicht mehr vorwärts entwickeln kann, wird nicht verfehlen, an der Dienstbotenbewegung seinen schalen Wig üben zu wollen. Die Tatsachen werden dasselbe bald lehren, die Sache ernsthaft zu nehmen. Der Kampf um die Rente.* Von E. G. Im Krankenhaus erhielt er den Bescheid, daß der Zustand des Verletzten nicht hoffnungslos sei, daß aber auf Arbeitsfähigkeit faum gehofft werden könnte. # 1 erziehen, weil nur solche imstande seien, die Freiheit, die wir erstreben, zu erkämpfen. Nach der herrschenden Anschauungsweise dagegen beruhe der Wert des Menschen, besonders des Proletariers darauf, wie er sich von anderen für ihre Zwecke gebrauchen lasse. Dies sei der innere Grund, weshalb die ganze heutige Erziehungsweise darauf ausgehe, den Zöglingen Unterordnung und Gehorsam beizubringen. Ein Kind darf keinen eigenen Willen haben", sei der heiligste Grundsatz der heute üblichen Erziehungsmethode, und demgemäß habe man ein geradezu raffiniertes System ersonnen, um des Kindes eigenen Willen zu unterdrücken und zu brechen. Leider haben sich die meisten Eltern, ,, Was jetzt anfangen," jammerte die arme Frau, als auch die sozialdemokratischen, von diesem System ins Schlepp= Hartmann ihr die Botschaft brachte. Wer gibt uns Brot?" tau nehmen lassen und kennen nun auch kein schlimmeres Hartmann fand tröstende Worte und erklärte der weinenden Laster, als wenn ein Kind eigensinnig",„ trozig" oder Frau, daß es sich um einen Unfall im Betrieb handle und widerspenstig" sei. Was man mit diesen schlimmen Namen daher auch die Eisen- und Stahlberufsgenossenschaft Rente belege, sei doch aber weiter nichts, als des Kindes Versuch, gewähren müsse. In den ersten 13 Wochen des Unfalls seinen eigenen Willen zu verteidigen. Vom sozialdemo müsse die Betriebskrankenkasse eintreten, welcher Weber auf fratischen Standpunkt aus sei diese ganze Erziehungsmethode Grund seiner Beschäftigung angehört habe. Nach Ablauf falsch. Ein fester Charakter sei nichts anderes als ein fester, dieser Zeit müsse die Berufsgenossenschaft Rente zahlen. eigener Wille. Ein charaktervoller Mensch sei ein solcher, Wie wenig sich leider Arbeiterfrauen um unsere soziale Ge- der aus eigenem Willen das Rechte tut und das Unrechte setzgebung bekümmern, ersah Hartmann aus den vielen läßt. Wenn man solche Menschen heranbilden wolle, so In der Maschinenfabrik von Beyer& Cie. wurde mit Fragen des geängstigten Weibes. Webers Frau kannte nur müsse man dafür sorgen, daß die Zöglinge bei Abschluß der " Bolldampf" gearbeitet. Bestellungen lagen in Masse vor, die Arbeiterversicherungsgesetzgebung dem Namen nach und Erziehung einen festen eigenen Willen haben- also das so daß Überstunden gearbeitet werden mußten. Stellen Sie hatte von ihrer Wirkung gar keine Ahnung. Unbegreiflich gerade Gegenteil dessen, was die heutige Erziehung bedoch noch Arbeiter ein," rieten dem Werkmeister einige Ar- fand es die Frau, daß sie von der Firma keinen Lohn weiter absichtige und leiste. Nicht des Kindes Willen unterdrücken, erhalten würde, sondern nur allwöchentlich die Hälfte des sondern ihn entwickeln, nicht gehorchen, sondern wollen beiter,„ es laufen ja so viele Kollegen arbeitslos herum." statutenmäßigen Krankengeldes.„ Mein Mann ist doch im lehren, das müsse die Aufgabe einer sozialistischen ErVergeblich! Was lag der Direktion des Werkes an den Betrieb verunglückt," rief sie ein über das andere Mal aus, ziehung sein. Das Mittel dazu müsse die Arbeit sein, und Arbeitern, was fragte sie danach, ob burch die überanstrengung hat denn da der Unternehmer gar feine Verpflichtung gegen zwar in der Art, daß jedem Kinde diejenige Arbeit zugewiesen ihre Gesundheit untergraben, die Unfallgefahr vergrößert die Familie?" Hartmann mußte ihr das Wesen unserer werde, die seinen Fähigkeiten und natürlichen Anlagen entdie ständigen Rufe der antreibenden Wertmeister oder Vor- kapitalistischen Produktionsweise auseinandersehen, aus dem spricht. Diese Arbeit müsse es selbständig ausführen, und daran die ständigen Rufe der antreibenden Werkmeister oder Vor- folgte, daß der Arbeitgeber im Falle einer Krankheit, eines würden sich dann seine sämtlichen geistigen wie körperlichen Da, mitten im ohrenbetäubenden Lärme, Hämmern, Unfalls oder der Invalidität seiner Arbeiter gar teine Ent Fähigkeiten, darunter auch der eigene Wille entwickeln. Es Pochen der sausenden Maschinen und Transmissionen ein schädigung zu zahlen habe. Für solche Fälle leiste er Bei- liege jedoch auf der Hand, daß ein solcher innerer Umsturz markerschütternder Schrei, ein hastiges Springen und Rennen Die Firma Beyer& Cie. sei bis vor kurzer Zeit noch Mit- zeitigen äußeren Umsturz desselben zum Beispiel seien träge zur Kranken-, Invalidenkasse und Berufsgenossenschaft. unseres Erziehungswesens nur möglich sei durch einen gleicheiniger Arbeiter. Was war geschehen? Der Dreher Richard glied der Ortskrankenkasse gewesen, habe aber ihren Aus- sehr viel mehr Geldmittel dazu erforderlich, als heute für Weber war in die Transmission geraten. Auf„ unaufgeklärte tritt erklärt und eine eigene Betriebskrankenkasse gegründet, Schulen usw. verwandt werden Weise" erfaßten die Riemen seine Kleider, der Körper ward weil nach ihrer Kalkulation dadurch alljährlich mehrere Hand in Hand mit dem Siege des Sozialismus erreicht und daß er mithin nur mit Blitzesschnelle in die Höhe gehoben und zwischen Decke hundert Mark an Beiträgen erspart werden konnten und werden könne. und Welle hindurchgedrängt. Blutüberströmt, eine leblose auch die erkrankten Arbeiter besser unter der Kontrolle des die an fast allen Orten dem Vortrag folgte, bewies das Die anregende und eingehende Diskussion, Masse, lag der Verletzte nun am Boden, umringt von seinen Betriebs standen. An der Hand des Kassenstatuts erklärte große Interesse, das die Genofsinnen in ganz Deutschland verstörten Kollegen. Jeder wollte helfen und raten, aber im nun Hartmann der Frau weiter, daß ihr Ehemann Anspruch dem Thema entgegenbringen. Selbstverständlich waren die * Wir lenken die Aufmerksamkeit unserer Leserinnen besonders auf 16 Mr. Krankengeld pro Woche habe. Da aber Spital Hörerinnen und Hörer durchaus nicht ohne weiteres in jedem anf diese Veröffentlichung. Sie ist der Versuch eines Sachkundigen, Pflege nötig geworden sei und die Krankenkasse diese Pflege- einzelnen Punkte mit den Anschauungen des Referenten einin erzählender Form die Proletarierinnen mit den Bestimmungen fosten zahle, so habe die Familie nur Anspruch auf die Hälfte verstanden. Aber sie entnahmen daraus eine Fülle von Ander Arbeiterversicherung bekannt zu machen. Ihre Unkenntnis in des Krankengeldes, also auf 8 Mt. pro Woche. Wie kann regungen zum selbständigen Weiterdenken. Allgemein wurde dieser Materie hat schon manche Arbeiterfamilie um die armseligen ich aber mit 8 Mt. pro Woche die Kinder und mich er- der Wunsch geäußert, diesem Vortrag, der ja natürlich nur Brojamen dieses Zweiges deutscher Sozialpolitik gebracht. nähren?" lamentierte die arme Frau. Was konnte ihr Hart- einen fleinen Teil der großen Erziehungsfrage behandeln wurde? Vorwärts, vorwärts" oder„ schnell, schnell" waren arbeiter. " 52 Die Gleichheit Nr. 8 konnte, baldigst„Ergänzungsvorträge" folgen zu lassen über die weiteren Probleme, die beim Zuhören und Weiterdenken ganz von selbst auftauchen, um dadurch das bisher Gehörte zu erweitern und zu vertiefen. Im Monat März fanden drei öffentliche und zwei Werk- stellenversammlungen für den Fabrikarbeiterverband in Dresden und Vororten statt. Genossin K ä h l e r referierte über„Die Gewerkschaftsorganisation und ihr Einfluß auf die Lebenshaltung der Arbeiter". In einer imposanten Frauenversammlung in Dresden-Cotta referierte Ge- nosstn Kähler über„Die Frau im politischen Kampfe". Das Ergebnis war 52 Anmeldungen für die politische Organi- sation.— Am 18. März sprach die Genannte in Mühl- berg a. d. E. in einer stark besuchten Volksversammlung über„Die bürgerliche Revolution von 1848/49 und das preußische Dreiklassenwahlsystem". Der Erfolg dieser Ver- sammlung bekundete sich in 20 Aufnahmen für die Gewerkschafts- und Parteiorganisation und 23 Abonnentinnen für die„Gleichheit"; ferner erklärten zwei aufgeklärte Frauen sich bereit, in Zukunft die Agitation für unsere Bewegung in Mühlberg lebhaft betreiben zu wollen.— In Gerin gs- walde und Waldheim fand je eine Frauenversamm- lung statt, um die dortigen Proletarierinnen über die Gründe der Stuhlbaueraussperrung zu belehren. Vor einer recht zahlreichen Zuhörerschaft referierte Genossin Kähler in Klingental über„Die Aufgaben des Holzarbeiteroerbandes". Auf die elenden Arbeitsbedingungen der Klingentaler Heim- arbeiter werden wir noch auführlich zurückkommen. Ferner fanden in Zwickau zwei recht gut besuchte Versammlungen der Porzellanarbeiter statt, in denen die Referentin über „Lebensmittelpreise und Arbeiterlöhne" sprach. Mögen die der gewerkschaftlichen und politischen Organisation gewonnenen Kämpfer treu zur Fahne halten und ihr neue Streiter und Streiterinnen zuführen. Je mehr die Organisationen sich ausbreiten und erstarken, je klassenbewußter der Geist ist, der sie erfüllt, um so näher kommt das Proletariat seinem Ziele: seiner Befreiung aus dem Joch der Lohnsklaverei. W. K. In Frauenv ers ammlungen zu Itzehoe und Lägerdorf (Schleswig-Holstein) und Bant-Wilhelmshaven(Olden- bürg) sprach die Unterzeichnete Ende März. In den beiden erstgenannten Orten erörterte sie vor zahlreich Erschienenen das Thema:„Der deutschen Arbeiterin Kamps um Freiheit und Brot", in der dritten Versammlung referierte sie über „Der wirtschaftliche Kampf der Frau als Hausfrau und Staatsbürgerin". Die Referate klangen in den Nachweis aus, daß die Frauen des arbeitenden Volkes mit ihren Klassengenossen gemeinsam kämpfen müßten. Deshalb sei es ihre Pflicht, sich aufzuklären und zu organisieren. Die Frauen sollten es sich angelegen sein lassen, die bürgerliche Presse, einen heimtückischen Feind, aus ihrem Heim zu ent- fernen. Sie müßten sorgen, daß in keiner Arbeiterfamilie, in dem Kämmerchen keiner Arbeiterin das lokale Parteiblatt und die„Gleichheit" fehle. Die Ausführungen der Referentin fanden allgemeine Zustimmung, die sich zu greifbaren Resul- taten verdichtete. In den Versammlungen zu Itzehoe und Lägerdorf fand die„Gleichheit" 80 Leserinnen, welche er- klärten, regelmäßig einen freiwilligen Beitrag für die sozial- demokratische Partei zu zahlen, den Genossen treu zur Seite zu stehen und durch unermüdliche Agitation im Bekannten- kreise dazu beizutragen, daß der Kampf der Arbeiterklasse um Brot und Freiheit bald zum Siege führe. Besonders erfreu- lich war auch der Verlauf der Veranstaltung in Bant- Wilhelmshaven, die zum größten Teil von Frauen be- sucht war, welche sich zum erstenmal in eine Versammlung gewagt hatten. Der Protzenhochmut und die Habgier der Weltfirma Holzmann& Co., über die wir an anderer Stelle berichten, hatten in trefflicher Weise für uns agitiert. Es waren meist Frauen von Ausgesperrten, welche zur Ver- sammlung erschienen waren, und die Ausführungen der Rednerin fielen bei ihnen auf fruchtbaren Boden. 44 Zu- Hörerinnen meldeten sich als Leserinnen der„Gleichheit" und Parteimitglieder, die regelmäßig freiwillige Beiträge ent- richten wollen. Eine Tellersammlung ergab 14,36 Mk. Nach Schluß der Versammlung fand eine Besprechung der Ge- nossinnen über die Agitation unter den Frauen statt. Sie zeitigte allerlei Anregungen, die sich sicherlich in Taten der Praxis umsetzen werden. Mögen sich die Proletarierinnen, die neu in die Reihen des kämpfenden Proletariats getreten sind, zu recht eifrigen und opferbereiten Trägerinnen der sozialdemokratischen Bewegung entwickeln. A. F. In Düren(Rheinland) fand am 18. März eine Volks- Versammlung statt, in der Genosse Schiller-Köln über die Revolution von 1848 referierte. Daß sich unter den etwa 100 Anwesenden 10 Frauen befanden, muß für die hiesigen Verhältnisse als recht erfreulich bezeichnet werden. In der Diskussion, die sich dem Vortrag entsprechend um den Wahl- rechtskampf drehte, nahmen auch zwei Genossinnen das Wort. Sie sind dafür, ebenso wie der Referent und der Vertrauensmann, in der feindlichen Presse verhöhnt und gerüffelt worden. Das wird jedoch das kleine Häuflein der aufgeklärten Proletarierinnen in dieser dunklen Ecke nicht abhalten, nach wie vor für die Sache der ausgebeuteten Arbeiterklasse tätig zu sein. Die Versammlung brachte der sozialdemokratischen Partei neue Mitglieder, der„Rheinischen Zeitung" und der„Gleichheit" neue Leser. Langsam, aber sicher geht es auch bei uns vorwärts. Frau Offermann. Die proletarische Frauenbewegung hat in Walters- hausen in letzter Zeit mit ganz guten Erfolgen eingesetzt. Von bestem Einfluß darauf ist das prächtige Referat ge- wesen, das Genossin Zieh am 21. Januar in einer stark- besuchten Volksversammlung über die Freiheitskäinpfe in Rußland und die Wahlrechtskämpfe in Deutschland hielt. Es klang in der Aufforderung aus, alle Anwesenden müßten sich gewerkschaftlich und politisch organisieren. Die Rednerin betonte insbesondere noch die Pflicht der Frauen und Mädchen, sich als gleichberechtigte Kämpferinnen an die Seite der Männer zu stellen, um die Zwingherrschast des ausbeuten- den Kapitals zu brechen. Die„Gleichheit" fand sofort 95 Abonnenten, deren Zahl bis Ende März auf 108 ge- stiegen ist. Anfang März fand eine Besprechung statt, in der Genoffe Denner über die Frauenbewegung referierte. Nach einer längeren Diskussion beschlossen die Genossinnen, sich dem sozialdemokratischen Landesverband anzuschließen und mit aller Energie für die Sache des Proletariats zu agitieren und zu arbeiten. Dem Landesverband sind bis jetzt 21 weibliche Mitglieder beigetreten. Die Genossinnen werden es nicht an Bemühungen fehlen lassen, die proleta- rische Frauenbewegung in kräftigen Fluß zu bringen. Pauline Bach. Mit der Förderung der proletarischen Frauenbewegung in I l m e n a u wurden in der letzten Versammlung des Volks- Vereins drei Genossen beauftragt. Zu diesem Zwecke wird demnächst eine Frauenversammlung veranstaltet, über welche die Genossinnen durch Handzettel näher informiert werden. An interessantem Beratungsstoff wird es in der Versamm- lung nicht fehlen. Wir erinnern nur an die reichen An- regungen, die uns durch die Lichtbilder des Herrn Krolik und seinen Vorttag über Konsumgenossenschaften gebracht worden sind. Das gleiche gilt von dem inhaltteichen Vor- trag, den Genossin Tietz kürzlich bei den Porzellan- arb eitern gehalten hat. Erschloß mit der Mahnung, die proletarische Bevölkerung Thüringens müsse aus ihrem Stumpfsinn erwachen und für eine Besserung chrer ttaurigen Lage kämpfen, die im schreiendsten Gegensatz steht zu der paradiesischen Schönheit des Landes. Diese aufrüttelnden Worte sollten gerade in Ilmenau Beherzigung finden, denn hier ist unter anderem das Elend der Heimarbeit groß und verlangt dringend nach Abhilfe. Der Wahlrechtskampf, in dem auch die Forderung des Frauenstimmrechtes vertteten wird, beansprucht ebenfalls das regste Interesse der Ge- nossinnen. Kurz, es wird an wirtschaftlichem und politischem Stoffe nicht fehlen, über den die Genossinnen agitieren und an dem sie sich bilden können. Hoffentlich werden die Ver- ttauenspersonen, die Genossinnen Hoffmann, Albert und Neidt, für den guten Besuch der Versammlung agi- tieren und zu deren interessantem Verlauf beitragen. Wir wünschen besonders, daß die Veranstaltung auch die weitere Verbreitung der„Gleichheit" und anderer Parteiliterawr unter den Frauen fördern möge. Die bürgerlichen Preß- erzeugnisse müssen verbannt werden, denn sie verdummen und vergiften den Geist der Werktätigen. Die sozialdemo- kratischen Zeitungen und Broschüren dagegen sind Freunde, welche Licht in die Köpfe und Mut in die Herzen bringen, s. r. In Hagen geht es mit der proletarischen Frauenbewegung endlich vorwärts. Seit Anfang März d. I. haben wir be- reits 85 Leserinnen der„Gleichheit" gewonnen, die auch zum größten Teil durch freiwillige Beiträge ihre Zugehörig- keit zur Sozialdemokratie bekunden. Am 25. März fand eine öffentliche Versammlung statt, in der Genossin Plum- Essen über:„Warum müssen die Frauen sich am polittschen Kampfe beteiligen?" sprach. Der treffliche Vorttag, der in klarer Weise die Antwort auf die Frage gab, wurde mit reichem Beifall aufgenommen. Hoffentlich hat die letzte Ver- anstaltung recht viele bis jetzt noch indifferente Frauen wach- gerüttelt und für den Kampf des Proletariats gewonnen. Käthe Klein. Ein neues Stadium der Hamburger Frauenbewegung hat begonnen. Bisher lag, wie überall in Deutschland, die Agitation unter dem weiblichen Proletariat in den Händen weiblicher Vertrauenspersonen, wenn auch die Frauen Mit- glied der Parteiorganisationen wurden, wie dies das Ham- burger Vereinsgesetz zuläßt. Die weiblichen Vertrauens- Personen hatten lediglich die Werbearbeit für die Partei- organisation und für das Abonnement auf die Presse neben der allgemeinen Aufklärungsarbeit zu leisten, sie bildeten aber nicht, wie in Preußen und anderen Bundesstaaten mit reaktionärerem Vereinsgesetz, den Mittelpunkt für das Zusammenscharen der Frauen. Nach dem Jenaer Parteitag stellten die Hamburger Genossinnen den Anttag an die ört- liche Parteileitung, ihnen zu gestatten, ihre Vertrauensperson in den Mitgliederversammlungen wählen zu dürfen, allwo sie dann natürlich alljährlich auch Bericht erstatten und Rechnung ablegen wollten. Die vereinigten Vorstände lehnten den Antrag ab und erklärten, bei der Reorganisatton der Hamburger Partei dafür einttelen zu wollen, daß in Zukunft als sechstes Vorstandsmitglied in den einzelnen Wahlkreisen eine Frau gewählt werde, die sich der Agitation unter den Frauen zu widmen habe. Die Genossinnen protestterlen gegen diesen Vorschlag. Keineswegs etwa deshalb, weil sie Eigenbrödler sind und nicht mit den Genossen zusammen arbeiten wollen, sondern aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen. Da sie bei der vorgeschlagenen Neuordnung der Dinge in ihren Dispositionen von den Beschlüssen der Vorstände ab- hängig wurden, so befürchteten sie, daß sie in ihrer Be- wegungsfreiheit gehemmt und der Erfolg der Agitation da- durch beeinträchtigt würde. Die kombinierte Parteiversamm- lung hat gegen den Antrag der Genossinnen entschieden. Diese haben darauf beschlossen, nach bestem Können auf der neuen Basis weiterzuarbeiten und so selbst nach Kräften daran mitzuwirken, daß die Befürchtungen sich nicht er- füllen, denen ihre Opposition entsprang. Bei den inzwischen stattgehabten Generalversammlungen sind die Genossinnen Fahrenwald, Sander und Zietz als weibliche Vorstands- Mitglieder gewählt worden. Hoffen wir, daß die Neu- einrichtung zum Borteil der Hamburger Frauenbewegung und der Gesamtpartei ausschlagen möge. L. Z. HalbjnhrsbcrichtdcrBertranenspersonenvom fünften Dresdener Wahlkreis. Am 1. August des vergangenen Jahres übernahmen Genossin Wiegand und die Unter- zeichnete als Stellvertreterin den Posten der Vertrauens- person. Als erstes und Gutes sei berichtet, daß die Zahl der Genossinnen wesentlich zugenommen hat. Sie ist im Laufe des Jahres von 135 auf 200 gestiegen. Von unserem Rechte, eine Genossin als Delegierte zum Partettag vor- zuschlagen, machten wir Gebrauch, blieben aber mit unserem Vorschlag in der Minorität. Eine öffentliche Frauenversamm- lung mit dem Thema:„Anregungen des Parteitags in Jena zur Agitation in der Arbeiterinnenbewegung" fand im Oktober statt. Unsere Frauen besuchten gut die sonsttgen öffentlichen Versammlungen der Partei, so auch die Demonsttations- Versammlungen im Dezember. In der Resolution, welche im„Trianon" zur Annahme gelangte, wurde dem Antrag der Genossinnen entsprechend das gleiche, geheime und direkte Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechtes ge- fordert. Viele Frauen leisten ein gut Stück Arbeit, indem sie den Genossinnen die„Gleichheit" ins Haus bringen- Diese Arbeit wäre jedoch nicht nötig, wenn sich jede Ge' nosstn die„Gleichheit" alle 14 Tage beim Ökonom im„Volks- haus" abholte. Auch in gewerkschaftlicher Beziehung haben ivir unsere Pflicht erfüllt. Wir unterstützten den Handlungs- gehilfenverband bei der Agitatton, indem wir in den ein- zelnen Verkaufsstellen des Konsumvereins„Vorwärts" Hand- zettel verteilten und an mehreren Geschäftsbesprechungen teilnahmen. Der Verband gewann in unserem Kreise etliche 30 Mitglieder. In einer Sitzung mit dem Dresdener Ge- werkschaftskartell sind wir der Vornahme der Statistik, welche die letzte Frauenkonferenz beschlossen hat, nähergetreten. Leider ist unser entsprechender Anttag noch nicht zur An- nähme gelangt, da nicht einmal die Vertteter der Gewerk- schaften, die viel weibliche Mitglieder haben, für die Stattstik sprachen. Die Angelegenheit wurde im Kartell zurückgestellt. Natürlich haben wir auch Stellung zu anderen Fragen ge- nommen, welche für die gewerkschaftliche und politische Ar- beiterbewegung von Bedeutung waren.— Zum Schlüsse etwas sehr Erfreuliches. Genossin Dunker hat übernommen, im neuen Jahre alle 14 Tage einen Abend abzuhalten, an dem die Genossinnen gründlicher in das Wesen des Sozialis- mus eingeführt werden sollen. Diese Abende finden für die Genossinnen der drei Dresdener Kreise zusammen statt. Bis jetzt sind sie gut besucht worden. Diese Veranstaltungen sind ein Beweis dafür, daß wir uns angelegen sein lassen, nicht nur dafür zu arbeiten, daß unsere Bewegung in die Breite geht, sondern auch dafür, daß sie an Tiefe gewinnt. Möchten die Genossinnen uns wie bisher in unserer Arbeit unter- stützen. Geschieht das, so wird die Zahl der Genossinnen auch weiter zunehmen und ihre Schulung eine immer bessere werden. Martha Streine. Noch eine Anklage gegen Genossin Zieh. Nach der amtlichen Ansicht des Staatsanwaltes hat sich Genossin Zietz in einem Artikel der Erfurter„Tribüne" der Verächtlich- machung irgendwelcher Staatseinrichtungen schuldig gemacht, die den Ausgebeuteten und Beherrschten heilig sein sollen! weil sie den Ausbeutenden und Herrschenden nützlich find. Der Herr Jurist hat daher Anklage gegen unsere unermüd- lich tätige Genossin erhoben. Wir hoffen, daß die Anklage in sich zusammenbricht. Genossin Zietz zeichnet sich bei ihrer Agitation gerade dadurch aus, daß sie die nötige unerbittliche Schärfe und Leidenschaft in der Kritik der fluchbeladenen kapitalisttschen Ordnung und ihres Staates mit einer klugen Beachtung der Gesetzestexte verbindet, an der sich recht viele Hüter des Gesetzes ein Beispiel nehmen könnten. Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Seitdem das sächsische Proletariat energisch den Kampf gegen das bestehende Wahlunrecht aufgenommen hat, muß das berühmte„Juwel", mit anderen Worten das kautschuk- artige reaktionäre Vereins- und Versammlungsrecht mehr als je dazu herhalten, die Auftlärungs- und Organisierungs- arbeit unter den Massen zu erschweren. Unter den faden- cheinigslen Vorivänden erfolgen Versammlungsverbote oder Auflösungen von Versammlungen. Dies erfuhr in reich- lichem Maße Genossin W a ck w i tz bei ihrer letzten Agitation in Sachsen. In Köthensdorf sollte sie über die Lohn- 'orderungen der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Stoff- Handschuhbranche sprechen. Der übermachende Gemeindevorstand entdeckte jedoch, daß das Thema ein politisches sei. Er verlangte deshalb die Entfernung der Minderjährigen, die etwa in der Versammlung anwesend sein sollten. Mehrere Redner gaben sich Mühe, den guten Mann von 'einem Irrtum zu überzeugen. Daraufhin erfolgte die Auf- lösung, noch ehe der Vortrag den Hüter des Gesetzes eines Besseren belehren konnte.— Einen ergötzlichen Beigeschmack hatte das Vorgehen der Behörde gegen eine Versammlung in Oberschlema, welche von den Genossinnen einberufen worden war. Die Versammlung sollte am 19. Januar mit der Tagesordnung stattfinden:„Welches sind die Waffen der Arbeiterklasse im Befreiungskampf?" Das Thema und viel- leicht auch das Datum in der Nachbarschaft des 21. Januar erschienen der Wohllöblichen höchst verdächtig. Die Ein- beruferin sollte angeben, welche Waffen die Referentin empfehlen(oder vielleicht nach polizeilicher Meinung in ihrer Kleidertasche mitbringen) würde. Kurz und gut, die Orts- behörde fand es für ratsam, die drohende Gefahr im Keime zu ersticken, sie verbot die Versammlung. Die Genossinnen änderten darauf die furchtbare Tagesordnung. Genossin Wackwitz sollte das Thema behandeln:„Die gewerkschaftliche Organisation und die Stellung der Frau zu ihr." Nun durfte die Versammlung tagen, die sich offenbar dank der unfreiwilligen Agitation der Behörde eines sehr guten Be- fuchs erfreute. Zwei Versammlungen für den Holzarbeiter- verband in Neuhausen und Rechenberg, in denen die kulturelle Bedeutung der Arbeiterbewegung erörtert werden Nr. 8 Die Gleichheit 53 sollte, wurden kurzerhand verboten. Warum? Weil sie auf den 20. und 21. Januar gelegt worden waren. Das erhellt aus der Begründung, in der es unter anderem wörtlich heißt:„Nachdem durch Vertreter der Sozialdemokratie öffent- lich aufgefordert worden ist, daß in den gegenwärtigen Januartagen von allen sozialdemokratischen Organisationen Versammlungen tunlichst mit Umzügen verbunden abgehalten werden sollen, in welchen die Revolution in Rußland ver- herrlicht werden soll, so ist die Annahme begründet, daß auch die von Ihnen einberufene Versammlung den gleichen Zweck verfolgen soll, eine Annahme, die auch durch die Tages- ordnung mindestens nicht widerlegt wird. Nach den bereits anderwärts gemachten Erfahrungen besteht aber die dringende Gefahr, daß derartige Versammlungen die Veranlassung zur Störung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit geben." In Neuhausen waren 260 Arbeiter mit ihren Frauen zur Versammlung erschienen. Die Bekanntgabe des Verbots und seiner Begründung wirkte aufreizender als die fulminanteste Hetzrede. Zwanglos blieben die Erschienenen bei Gesang und kameradschaftlichen Gesprächen beisammen, gewissenhaft und hochnotpeinlich von drei Mann Überwachung behütet. 14 Tage später sollten nun beide Versammlungen mit der gleichen Tagesordnung stattfinden. Sie wurden abermals mit der gleichen Begründung verboten. An Stelle der öffentlichen Versammlungen wurden schließlich aber Mit- gliederversammlungen gestattet. Genossin Wackwitz bewirkte daraufhin sofort ihre Aufnahme in den Holzarbeiterverband und konnte nun als Mitglied zu jedem Punkte der Tages- ordnung sprechen. In Neuhausen nutzte sie insbesondere die Gelegenheit aus, um im Anschluß an die Heimarbeit- ausstellung in Berlin, auf der auch der genannte Ort ver- treten war, eine Stunde lang über die Arbeits- und Existenz- bedingungen der erzgebirgischen Heimarbeiter in der Holz- induftrie zu sprechen. In Sachsen scheinen die Herrschenden und Regierenden immer noch nicht begriffen zu haben, daß ihre Taktik brutaler Niederknüppelung und kleinlicher Schi- kanierung der Arbeiterbewegung in trefflicher Weise für die Sozialdemokratie agitiert. Emsig schaufeln sie an dem Grab, in welches eines Tages der kapitalistische Zwangs- und Zucht- hausstaat stürzen muß._ M. W. Agitation am Niederrhein. Eine ungemein lebhafte Erregung und Bewegung geht gegen- wärtig durch das politische Leben. Kein Wunder! Muß doch schon ein Blick auf Rußland in dem Herzen jedes fühlenden und denkenden Menschen zwei Empfindungen auslösen: Bewun- derung für die unerschrockenen, begeisterten, heldenmütigen Freiheitskämpfer, die, ob sie auch augenblicklich erschöpft, atemholend und kräftesammelnd verharren müssen, doch bald wieder— dessen sind wir sicher— mit um so größerer Wucht den Kampf für Freiheit und Recht aufnehmen werden. Empörung, glühenden Haß gegen die grausamen, blutgierigen Menschenschlächter, denen jedes Mittel recht ist, um vom Ab- solutismus zu retten, was sie noch retten zu können vermeinen. Aber der Blick auf Rußland und seine Freiheitskämpfer weckt in unseren Herzen noch eine andere Empfindung: die der Beschämung! Was taten wir, frägt sich so mancher, um der Reaktion in Deutschland Terrain abzugewinnen oder wenigstens ihr Vordringen zu hemmen? Hat nicht so mancher und so manche tatenlos beiseite gestanden, wo es galt, sich frisch, fröhlich zum Kampfe zu stellen? Wo solche Einkehr ge- halten wird, da regt sich dann der Wunsch, so viel wie mög- lich nachzuholen, was bisher versäumt worden ist. Um so mehr, da in Deutschland die Reaktion frecher ihr Haupt er- hebt, seitdem sie vermeint, die Revolution in Rußland sei gestorben. Um diese politische Situation nach besten Kräften aus- zunutzen für unsere Parteibewegung, veranstaltete das nieder- rheinische Agitationskomitee eine längere Agitationstour durch sein Gebiet. Die erste, sehr gut besuchte Versammlung fand inMünchen-Gladbach statt, wo gegenwärtig die Zentrums- schäfchen rebellieren. Sie beginnen endlich einzusehen, daß die Zentrumspolitik des Brotwuchers sie zum permanenten Hungern verurteilt, ihnen die Errungenschaften eines jähr- zehnlelangen gewerkschaftlichen Kampfes mit einem Schlage raubt, sie zum Elend und zur Arbeitslosigkeit verdammt. Parteiorganisation und Textilarbeiterverband, die sozialdemo- kratische Presse des Bezirkes und die„Gleichheit" gewannen eine ganze Anzahl Mitglieder bezw. Abonnenten. Dasselbe ist von Viersen zu melden, wo laut§ 10 unseres neuen Or- ganisationsstatuts eine weibliche Vertraucnsperson gewähll wurde. An beiden Orten beteiligten sich einige Genossinnen aus M.-Gladbach in sachkundiger Weise an der Debatte und bei der Aufnahme von Mitgliedern. Ein Bravo den streb- samen Frauen! Glänzend besucht war die Versammlung in der Stadthalle in Krefeld, wo seil kurzem gleichfalls die Frauenbewegung Fuß gefaßt hat. Im Essener Kreise waren sechs Versammlungen arrangiert, die gut besucht waren und einen schönen, greifbaren Erfolg brachten, vor allem der„Gleichheit", aber auch der übrigen Parteipresse. Der Leserkreis der ersteren vermehrte sich um 250 Abon- nenten. Die Versammlungen fanden statt in Essen in der Borussia und bei Post, in Recklinghausen, Rotthausen, Borbeck und Altenessen. Unsere Essener Genossinnen, vor allem aber unsere dortige Vertrauensperson, Genossin Deuper, sind geradezu unermüdlich in der Agttationsarbeit. Glänzend besucht und von gutem Erfolg begleitet waren die fünf Versammlungen im Duisburger Kreise, in Duis« bürg, Altstaden, wo wir noch ein Rekonter mit dem Be- amten hatten, das zur ungeheuren Erheiterung der Besucher beitrug, ferner in Mülheim(Ruhr), Sterkrade und Marxloh. Unsere Neußer und Oberkasseler Genossen leiden schwer unter dem Lokalmangel. Während in drangvoll fürchterlicher Enge Männlein und Weiblein beieinandersaßen und standen in dem einzigen, leider nur kleinen Lokal in Neuß, mußten die Oberkasseler ins„Ausland" wandern und die Gastfreundschaft der Düsseldorfer in Anspruch nehmen. Die Versammlung im Gewerkschaftshaus war prächtig be- sucht und brachte, wie auch die Neußer, einen guten Erfolg, darunter die Wahl einer Verttauensperson. Unsere kürzlich gewählte Neußer Vertrauensperson half schon kräftig agi- tieren. Während in Barmen, Velbert und Tönnisheide der Versammlungsbesuch unter dem Fastnachtsrummel litt und ihm in den beiden letzten Orten auch Lichtbildervorträge Abbruch taten, die der Konsumverein am Tage vorher ver- anstaltet hatte, waren die Versammlungen in Iserlohn, Lüdenscheid, Wermelskirchen und Elberfeld sehr gut besucht. Im letzteren Orte, wo die Genossinnen die Ver- sammlung arrangiert hatten, diente dieselbe gleichzeitig dem Protest gegen die neuen Steuern. Zahlreiche Aufnahmen für den Frauenverein, sowie Abonnenten auf„Gleichheit" und„Freie Presse" zeigten, daß wieder neues Terrain erobert worden war. Im Hagener Kreis tagten drei Versammlungen. Eine in Hagen im Gewerkschaftshaus, wo durch die Wahl einer weib- lichen Verttauensperson eine planmäßige Agitation unter den Frauen eingeleitet und die„Gleichheit" mit 45 Abonnenten eingeführt ward. Ferner in Haspe, wo wir leider nur ein kleines Lokal zur Verfügung haben. Den Schluß bildete Langerfeld. Diese Versammlung stand infolge des Ab- lebens Eugen Mchters bereits im Zeichen der Wahlbewe- gung. Außer 45 Leserinnen für die„Gleichheit" wurden zahlreiche Abonnenten für die„Freie Presse" und Mitglieder für den Wahlverein gewonnen. Im Düsseldorfer Kreis waren gleichfalls drei Ver- sammlungen arrangiert: in Düsseldorf selbst, sowie in Hilden und Ratingen. Während die in Düsseldorf und Ratingen sich eines sehr guten Besuchs erfteuten, litt der Besuch in Hilden stark unter dem miserablen Wetter. Aber eine Herzensfteude hat es uns bereitet, daß unsere Düffel- dorfer Vertrauensperson und noch einige andere Düsseldorfer Genossinnen so wacker an der Agitation sich beteiligten, nicht nur im Orte, sondern im ganzen Kreise, just wie in Essen. Welcher Fortschritt gegenüber dem Jahre 1896, wo die Unterzeichnete zum erstenmal in der Rheingegend auf Agi- tation sich befand! Auch diese Tour hat uns wieder ein Stück vorwärts ge- bracht. Die Parteiorganisationen sind überall gestärtt. An einer ganzen Reihe von Orten ist der Grundstein für die Frauenbewegung gelegt worden. Die örtliche Parteipresse hat zahlreiche Abonnenten gewonnen. Die„Gleichheit" aber hat mindestens 800 neue Leserinnen erhalten. Wir mar- schieren!_ Luise Zietz. Politische Rundschau. Im deutschen Reichstag gab es vor der Vertagung für die Osterferien noch eine Debatte über die Marokko- politik der deutschen Regierung. Der Reichskanzler hatte es vorgezogen, die ebenso unvermeidliche wie unbequeme Aus- einandersetzung wenigstens so lange wie irgend möglich hinauszuschieben. So wurde denn die ganze Debatte über die auswärtige Politik, die sonst mehrere Tage in Anspruch nimmt, auf einen einzigen Sitzungstag zusammengedrängt. Dadurch, daß der Reichskanzler auf den friedlichen Ausgang der Konferenz in Algeciras hinweisen konnte, erweckte er bei unkritisch veranlagten Leuten, wie es die Hurrapatrioten der verschiedenen Parteifärbungen sind, den Eindruck, als ob die Marokkopolittk der deutschen Regierung ganz vor- züglich geleitet gewesen sei. Der ftiedliche Ausgang entkräftet jedoch in keiner Weise den Vorwurf, daß die deutsche Reichs- Politik überhaupt mit der Möglichkeit eines kriegerischen Kon- fliktes wegen Marokko gespiell hat. Es wäre ein Verbrechen sondergleichen gewesen, wenn die deutschen Staatslenker die Auseinandersetzung mit Frankreich in einen Krieg hätten ausgehen lassen. Sie haben jedoch vorübergehend den Glauben erweckt, daß sie es dazu kommen lassen würden. Das, was für Deutschland Wertvolles bei der Konferenz herausgekommen ist, die Sicherung des Prinzips der offenen Tür, also der gleichen Berechtigung aller Stationen zur wirtschaftlichen Be- tätigung in Marokko, hätte sich aber erreichen lassen durch friedliche Verhandlungen ohne alles Säbelgerassel, ohne die Konferenzkomödie und vor allem— ohne die Tangerreise. Die ganze Marokkoaffäre liefert einen neuen Beweis dafür, wie dringend notwendig es ist, den Leuten, die jetzt im Deutschen Reiche das Heft in Händen haben, die Leitung der Geschäfte sobald wie möglich aus den unfähigen Händen zu winden. In Osterreich ist die Zerfahrenheit der politischen Zu- stände allmählich so gewachsen, daß sogar die bureaukratische Regierung sich genötigt sah, dem Drängen der Sozialdemo- kratie auf Einführung des allgemeinen Wahlrechtes entgegen- zukommen. Kein anderer Ausweg aus den verzwickten Zu- ständen bot sich. So hat denn das Ministerium Gautsch, der Not gehorchend, ein Wahlgesetz im Reichsrat eingebracht, das mit dem widersinnigen Kuriensystem reinen Tisch macht. Völlig entspricht es allerdings keineswegs den weitergehenden Forderungen unserer Parteigenossen. Vor allem ist es noch immer nicht ein wahrhaft allgemeines Wahlrecht, denn es schließt die Frauen von der Gleichberechtigung aus. Es ge- ivährt aber doch wenigstens den Männern das gleiche, all- gemeine und direkte Wahlrecht und wird deshalb als ein Schritt vorwärts von unseren Genossen unterstützt. Erbitterte Kämpfe werden noch von den nattonalistischen Parteien um die Abgrenzung der Wahlkreise geführt, da in dem Wahl- gesetz dem chronischen Nationalitätenzwist in Osterreich inso- fern Rechnung getragen wird, daß die Wahlkreise nach Mög- lichkeit national abgegrenzt werden, um Mandatskämpfe nach nattonalen Gesichtspunkten nach Möglichkett auszu- schalten. Bei der Festsetzung der Wahlkreisgrenzen sucht nun aber jede Nationalttät sich so viele Wahlkreise wie möglich zu sichern. Die Sozialdemottatie ist die einzige Partei, die ihre Anhänger in jeder Nattonalität sucht und findet. Im Erstarken der Sozialdemokratie liegt deshalb auch die einzige Gewähr für die Überwindung des Ratio- nalitätenhaders in Osterreich. Der Sieg des Gedankens des allgemeinen Wahlrechtes in Österreich ist aber ein neuer Beweis dafür, daß dieses Recht mit der Kraft eines Natur- gesetzes sich überall durchsetzen muß, und daß es nichts Törichteres gibt, als das Geschwafel der Reakttonäre in Deutschland, das Reichstagswahlrecht sei ein fürstliches Gnadengeschenk gewesen, das fürstliche Laune jederzeit wjeder zurücknehmen könne. Solchen Launen wird die Entschlossen- heit des deutschen Proletariats rechtzeittg Schranken zu ziehen wissen. Wir werden uns sicher nicht nehmen lassen, was jetzt unsere Genossen in Osterreich vor unseren Augen sich erobern. Auch in England hat die neue Arbeiterpartei einen bemerkenswerten Erfolg erzielt. Eine der wesenttichsten Streitftagen, über die der Wahlkampf in England ausge- fochten wurde, war die des Gewerkschaftsrechtes. Durch einige richterliche Entscheide— besonders in dem Taff-Vale- Prozeß— war die finanzielle Sicherheit der Gewerkschaften in Frage gestellt worden. Jene Richtersprüche hatten nämlich die Kassen der Gewerkschaften haftbar gemacht für Schäden, die den Unternehmern durch Anordnungen der Ge- werkschaftsbeamten angeblich zugefügt werden können, wie Stteiks, Boykotts usw. Hohe Summen waren in bestimmten Fällen den Unternehmern als Schadenersatz zugesprochen worden. Es liegt auf der Hand, daß die konsequente Durch- führung dieser Art Haftbarmachung die gewerkschaftlichen Kämpfe der englischen Arbeiter nahezu unmöglich gemacht haben würde. Die Arbeiterpartei betrieb deshalb mit allem Eifer eine gesetzliche Sicherstellung der Gewerkschaften vor dieser Gefahr. Auch diejenigen Arbeitervertteter, die sich der liberalen Partei angeschlossen hatten, gingen in dieser Frage mit der Arbeiterpartei Hand in Hand. Im liberalen Ministerium waren die Ansichten hierüber geteilt. Trotzdem. Zunächst behielt die manchesterliche unternehmerfteundliche Richtung die Oberhand. Das Ministerium brachte ein Ge- werkschaftsgesetz ein, das in einigen Fragen allerdings den Gewerkschaftsforderungen entgegen kam, zum Beispiel das Streikposten stehen für gesetzlich zulässig erklärte, in der Hauptsache aber, in der Frage der Haftbarmachung der Ge- werkschaften sich auf den Standpunkt des Taff-Bale-Ent- scheides stellte. Der Konzessionsschulze des Kabinetts, der „Arbeitervertreter" John Burns, hätte es also nicht ein- mal durchzusetzen vermocht, daß einer allgemeinen Arbeiter- forderung von dem Kabinett Rechnung gettagen wurde. Er blieb aber ttotzdem auf seinem Platze. Eine Kabinetts- ftage war das nicht für den„ehrlichen John". Eine inter- essante neue Jllusttatton das für den Wert des Ministe- rialismus! Völlig verändert wurde die Situation erst durch das Eingreifen der Arbeiterpartei im Unterhause. Sie brachte ein Amendement ein, das die Gewerkschaften vor jedweder finanziellen Haftbarmachung für angebliche Schädi- gungen der Unternehmer durch Aktionen der Gewerkschafts- beamten sicherstellt. Die Diskussion führte dazu, daß nun- mehr der Premierminister die Zustimmung zu diesem Amende- ment gab, das dann samt dem so verbesserten Gesetz mit großer Mehrheit im Unterhause durchging. Dieser schöne Erfolg der Arbeiterpartei berechtigt zu den besten Erwartungen. Er muß vor allem das Selbstbewußtsein der Arbetterver- tteter steigern und bahnt damit den Weg zum Einlenken in eine rein proletarische Klassenkampfpolitik. Das Gewerk- schaftsgesetz selbst ist zwar noch nicht über den Berg hinüber. Noch muß es das Oberhaus passieren, wo der konservattve Großgrundbesitz die Oberhand hat. Der Möglichkeit einer Ablehnung des Gesetzes durch diese reaktionäre Adelkoterie ist aber jetzt schon unser Genosse Keir Hardie mit der rich- tigen Antwort begegnet: Verweigert das Oberhaus in seinem Übermut des Großausbeutertums seine Zustimmung zu dem Gesetz, dann wird die Arbeiterschaft Englands den Ruf er- heben: Fort mit dem Oberhaus! Das furchtbare Grubenunglück in Courriöres gebiert immer neue Schreckniffe. Es hat sich jetzt herausgestellt, daß die Ingenieure in frevelhafter Unfähigkeit oder noch frevel- hafterer Profitsucht die Schächte zu früh abgedämmt haben. Nach 20 Tagen wurden noch 14 lebende Bergleute an das Tageslicht gefördert. Hunderte hätten vielleicht gerettet werden können, wenn sofort die nötigen Rettungsarbeiten vorgenommen worden wären. Auch noch diese Greuel, nach- dem schon die ganze Katastrophe durch die unersättliche Hab- gier der Kapitalisten herbeigeführt war, indem sie fortarbetten ließen, nachdem schon mehrere Schächte in Brand standen. Die Empörung der Arbeiter über diese ganze Schandwirt- chaft hat wesentlich beigetragen zum Ausbruch eines Streiks, durch den die Bergarbeiter Nordfrankreichs volle Menschen- rechte dem Unternehmertum abzutrotzen suchen. G. L. Genossenschaftliche Rundschau. Der Konsumverein Mannheim ist nach fünfjähriger Geschäftstätigkeit bereits soweit, ein eigenes großes Ver- wattungsgebäude, Bäckerei mit sechs Doppelöfen usw. für 400000 Mk. errichten zu können. Die im letzten Jahre glänzend einsetzende Blüte des Vereins, der fest in der Ar- beiterbewegung verankerte und durch seinen Grundsatz: Bezug von Unternehmern, die den gewerkschaftlichen An- örderungen genügen, vorbildlich geworden ist, ist der ver- diente Lohn vielfältiger Mühen und Sorgen der ersten Jahre und trefflicher Geschäftskunst der gegenwärttgen Leitung. 54 Die Gleichheit Nr. 8 Wir sehen heute im ganzen Rheingebiet: Freiburg, Mannheim, Mainz, Frankfurt, Offenbach, Köln, Düsfeldorf, Essen usw. ein machtvolles Aufsteigen der modernen Ge- nofsenschaftsbewegung, allen Anfeindungen der Krämer wie der schwarzen Konkurrenzbewegung zum Trotz. Der größte deutsche Konsumverein, der Mitglieder- zahl nach wohl überhaupt der größte, ist der Breslauer, der kürzlich sein 40. Geschäftsjahr vollendet hat. Von 54 Mitgliedern mit einem Geschäftskapital von 7S Talern S Groschen ist er auf über 8S 000 Mitglieder mit einem Umsatz von über 16 Millionen in 65 Verkaufsstellen, einem Anteil- kapital von über 2'/« Millionen Mark und über 2 Millionen Reinüberschuß gestiegen. Der Verein, der rund 700 Per- sonen beschäftigt, hat im letzten Jahre 17,5 Millionen Kilo Brot in 23 Doppelöfen hergestellt; die höchste Leistung war 87000 Kilogramm am 22. April 1905. Leider steht die innere Entwicklung des Vereins nicht auf gleicher Höhe. Er hält sich der modernen Genossenschaftsbewegung des Zentral- Verbandes ängstlich fern, hat vor drei Jahren die Guthaben über 100 Mk. im Gesamtbetrag von rund 1,5 Millionen den Mitgliedern zurückgezahlt, statt sie zur Ausdehnung des Be- triebs zu verwenden, vor einer Reihe von Jahren eine An- zahl organisierter Bäckereiarbeiter gemaßregelt und ähnliches mehr. Auch ist der Umsatz, der nur halb so hoch ist wie der des größten englischen Vereins in Leeds, im Verhältnis zur Mitgliederzahl nur gering und dürfte von dem des Leipzig-Plagwitzer Vereins bald auch absolut überholt wer- den. Dort beträgt der Umsatz auf das Mitglied etwa 370 Mk., fast doppelt so viel als in Breslau. Beachtenswerte Ausführungen über den Wert genossen- schastlicher Notfonds veröffentlicht Genosse von Elm im Jahrbuch des Wiener Konsumvereins„Vorwärts". Da- nach ist bei der Hamburger„Produktion" der aus den Rückvergütungen für die einzelnen Mitglieder nach Auf- bringung des Geschäftsanteils von 30 Mk. anzusammelnde Notfonds, der auf je 100 Mk. gebracht wird, bevor eine Auszahlung der Rückvergütung erfolgt, und(außer je zehn Prozent zu Weihnachten) nur bei Notfällen in der Familie, Arbeitslosigkeit und dergleichen, angegriffen werden darf, seit drei Jahren von rund 50000 auf über 170000 Mk. gestiegen. Dazu kommen Spareinlagen, auch von Nicht- Mitgliedern und ganzen Organisationen, in Höhe von mehr als einer Million, ferner auf Anteile eingezahlt über 320000, Reserven in Höhe von 65000 Mk. Welchen Schutz gegen äußerstes Elend, welche Rückendeckung in Lohnkämpfen dieser Notfonds, der ohne jedes Opfer aufgebracht wird, bietet, liegt auf der Hand. Leider hat diese vorzügliche Einrichtung anderivärts keine dauernde Nachahmung gesunden. Nament- lich in den kraftvollen sächsischen Vereinen, bei denen die „Dividendenseuche" vielfach zum groben Unfug ausgeartet ist, wären solche Einrichtungen ohne wirkliche Opfer leicht zu schaffen. Vorher ist dort freilich noch ein gut Stück ge- nossenschaftlicher Erziehungsarbeit zu leisten. Auch in Osterreich geht es kräftig vorwärts. Der Erste niederösterreichische Konsumverein in Wien(neben dem noch einige Arbeiterkonsumvereine und ein großer, aber höchst rückständiger bürgerlicher bestehen) hat im letzten Jahre rund 5,4 Millionen Mark umgesetzt. Die Bäckerei hat ihren Um- sah verdoppelt, im Waisenkomitee 150 Kinder verstorbener Mitglieder vollständig gekleidet und beschenkt. Auch die österreichische Großeinkaufsgesellschaft entwickelt sich kräftig. Einzelne Vereine haben Einlagen bis zu 25000 Kronen gemacht. Eine Studienreise nordböhmischer Verwaltungs- Mitglieder, analog der berühmten deutschen„Englandrcise" von 1399, wird nach Hamburg gehen. So haben auch wir im„Reiche" heute schon Vorbildliches zu bieten. ____ Simon Katzenstein. Notizenteil. Lohnbewegung der Lansitzer Textilarbeiter. Schon zur Zeit der Handweberei erfreute sich die Textil- industrie der Niederlausitz eines guten Rufes, und ihre Tuche waren sehr begehrt. Seit die mechanische Weberei den Hand- stuhl verdrängt hat, haben sich die Verhältnisse zwar etwas geändert, jedoch auch heute noch behaupten die Lausitzer Fabrikate ihren Platz aus dem Weltmarkt. Die Orte Kottbus, Forst, Sorau, Sommerfeld, Guben, Schwiebus, Spremberg, Finsterwalde, Vetschau und Peitz bilden ein großes zusammen- hängendes Industriegebiet. In Kottbus werden im allgemeinen die besseren Tuche gewebt, und dort sind auch die Arbeits- löhne etwas höher als in allen anderen Orten. Während die Fabrikanten des ganzen Industriegebiets recht fette Profite einsäckeln, ist die Lage der Arbeiter und Arbeite- rinnen eine sehr traurige. Bei einer Arbeitszeit von 10 bis 11 Stunden werden Durchschnittslöhne von 5 bis 15 Mk. pro Woche gezahlt. Abgesehen von den niedrigen Lohnsätzen sind noch andere Umstände vorhanden, welche den Verdienst kürzen. In Spremberg, Sorau, Sommerfeld, Guben und Finsterwalde zum Beispiel gibt es fast in keinem Betriebe Stuhluhren, welche mechanisch jeden Schuß notieren. In der Folge können die Weber und Weberinnen nicht genau nachrechnen, wie hoch ihr Verdienst ist, und werden oft noch bei der Berech- nung nach Maß hart übervorteilt. Es kommt vor, daß ihnen an einem Stück Tuch von 40 Metern und 80000 Schuß beim Auszahlen 8000 bis 14000 Schuß weniger angerechnet werden, als sie gearbeitet haben. Das zu verarbeitende Material wird vielfach schlechter, der Fabrikant beansprucht aber höhere Leistungen. Das Anknüpfen und Vorrichten wird fast nirgends bezahlt, so daß die Arbeiter oft 2 bis 3 Tage umsonst schuften müssen. Der Verdienst der Stundenarbeiter ist geradezu himmelschreiend. In der Walkerei, Färberei, Wolferei, Krempelei und Spinnerei werden 12 bis 22 Pf. pro Stunde gezahlt, und das für eine schwere Arbeit, bei welcher der sich entwickelnde Staub und andere Einflüsse noch die Gesund- heit stark schädigen. Aus den angezogenen Löhnen ergibt sich schon, daß der Mitverdienst der Frau eine Notwendigkeit für die Existenz der Familie ist. Die Frauenarbeit hat in der Niederlausitzer Textilindustrie eine kolossale Ausdehnung gewonnen. Tausende und Tausende von Frauen und Mädchen strömen beim Feierabend aus den Fabriken. Die Zentren der Niederlausitzer Textilindustrie sind dank der kapitalistischen Ausbeutung zu wahren Konzentrationslagern des Hungers und des Elends in jeder Gestalt geworden. Das bezeugen die Jammergestalten der Textilarbeiter und Textilarbeite- rinnen, unter denen die Schwindsucht zahlreiche Opfer findet, die ihr durch übermäßige Arbeit, ungenügende Ernährung und andere Entbehrungen überliefert werden. Uns sind Fälle bekannt, wo die Mutter aus der Lungenheilanstalt zurückgeholt werden mußte, weil der Vater so schnell als möglich in ihr untergebracht werden sollte, und die Kinder nicht ohne Pflege bleiben konnten. Der Gedanke der gewerkschaftlichen Organisation hat nur langsam und schwer unter den Ausgebeuteten Fuß gefaßt. Das lag unter anderem mit daran, daß in den Fabriken eine bunt zusammengewürfelte Bevölkerung frondet, Städter und Dörfler, die jeden Abend zurückwandern aufs Land, Wenden, Spreewälder usw. Aber trotz aller Hindernisse hat sich endlich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die Ausgebeuteten sich zu- sammenschließen und für eine Verbesserung ihrer Lage kämpfen müssen. Bereits im November 1904 setzte eine Bewegung ein zur Erreichung des Zehnstundentags, die jedoch erfolglos blieb. Die infolge der Lebensmittelverteuerung gestiegene Not brachte jedoch im November 1905 die Bewegung abermals in Fluß. In allen Orten der Niederlausitz fanden Massenversammlungen statt, in welchen durch Resolution der Zehn- stundentag, eine 20prozentige Lohnerhöhung und Schußuhren in all den Betrieben gefordert wurden, wo solche noch nicht vorhanden sind. Die Fabrikanten sollten bis zum 15. Januar 1906 Stellung zu diesen Forderungen nehmen. Mit Feuer- eifer ward dafür gewirkt, die noch indifferenten Arbeiter und Arbeiterinnen wachzurütteln und dem Textilarbeiter- verband zuzuführen. Der 15. Januar brachte den Arbeitern eine bezeichnende Antwort von feiten der Fabrikanten. Nicht etwa, daß diese sich in ihrer Protzigkeit herabgelassen hätten, auf die Eingabe der Arbeiter zu erwidern. Sie gründeten dafür an dem genannten Datum in Kottbus einen Arbeit- geberbund für die ganze Lausitz. Statt dem bescheidenen Verlangen der Arbeiter entgegenzukommen, forderten sie diese brutal heraus. Die Erbitterung der Ausgebeuteten stieg dadurch auf das höchste. In Versammlungen, wie sie die Niederlausitz noch nie gesehen, erneuerten die Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Forderungen, die sie zunächst auf dem Wege gütlicher Verhandlungen zu verwirklichen suchen. In Betriebsversammlungen wurden Ausschüsse zum Zwecke von Verhandlungen mit den Kapitalisten gewählt. Die Unternehmer ihrerseits haben unterdes zum Krieg gerüstet. Die Arbeitsnachweisstelle Spremberg sucht schon seit einem Vierteljahr in den Grenzzeitungen von Oberschlesien, Sachsen und Böhmen Weber und Weberinnen, Fadenanleger und sonstige Arbeitskräfte zur Tuchfabrikation. Lohndrücker und Streikbrecher von auswärts sollen dazu helfen, daß die Kette der Ausbeutung fester geschlossen wird, an welcher die Niederlausitzer Textilarbeiterschaft zu rütteln wagt. Echt christlich, echt patriotisch und vor allem echt kapitalisttsch! So handeln die nämlichen Herren, die den Mund nicht weit genug aufreißen können, um sich über die Vaterlands- losigkeit der aufgeklärten Arbeiter zu entrüsten. Sie würden Arbeitskräfte nicht bloß aus Böhmen, sondern vom Monde her holen, um die Niederlausitzer Proletarier mehr zu drücken und auszubeuten, wenn das nur möglich wäre. Hoffentlich erkennt unser Textilproletariat immer mehr den Ernst der Situation. Gebieterisch treibt die jämmerliche Lage vorwärts in den Kampf für eine bessere Lebenshaltung, für ein Stückchen mehr Brot, für verkürzte Fron, für etwas Familien- glück. Aber der Feind, den es zu überwinden gilt, ist mächtig, reich an Geld und sozialem Einfluß, und er stützt sich obendrein noch auf eine starke Organisatton. Möchte das den Arbeitern und Arbeiterinnen zur Lehre gereichen. In Massen sollten sie ihrer Gewerkschaft, dem Textilarbeiter- verband, zuströmen, denn nur mittels seiner Macht können sie erwarten, den mächtigen Fabrikherren bessere Arbeits- bedingungen abzutrotzen. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, sagt das Sprichwort. Auf, Arbeiter und Arbeiterinnen der Niederlausitzer Texttlindustrie, beweist, daß ihr einen Willen habt, beweist, daß ihr zielbewußt den rechten Weg zu gehen vermögt. Hinein in den Deutschen Textilarbeiterverband, er wird euch zum Siege führen. f. ch. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Das erste Hunderttausend Mitglieder hat der Verband der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-arbeiterinnen über- schritten. Es ist das doppelt erfreulich. Erstens weil es die- jenige Organisation ist, in welcher sich die am meisten Unterdrückten und Ausgebeuteten, unter denen auch die Agitation am schwersten ist, zum Kampfe gegen das Kapital scharen. Zwettens weil die Organisation nicht nur den Kampf zu führen hatte gegen die Kapitalsmacht, sondern auch gegen die Polizeiallgewalt. Der Fabrikarbeiterverband ist die bestgehaßte Organisation bei Unternehmern und Behörden. Kein Wunder! Ist sie es doch, welche die bisher Widerstandsunfähigsten, die Geduldigsten und Rechtlosesten zum Klassenbewußtsein erweckte und die einzelnen armen wehrlosen Lohnsklaven zu einer mächttgen Schar muttger Klassenkämpfer zusammenschweißte. Klein war im Jahre 1890 die Schar der Männer und Frauen, die den Grundstein zur Organisatton legten. Im Nebenamt versorgten Vorsitzender und Kassierer ihre Arbeiten für den Verband. Die Publikattonen erfolgten in der ersten Zeit in dem Organ einer anderen Organisation, derjenigen der Hausdiener. Aber unermüdlich, allen Hemmnissen zum Trotze, ward agitiert und organisiert, und es ging vorwärts. Von Berbandstag zu Verbandstag war eine steigende Zu- nähme, oft eine Verdoppelung der Mitglieder zu verzeichnen. Mochten auch oft Zahlstellen wieder eingehen, entweder in- folge der Ungunst der Verhältnisse oder infolge polizeilicher Auflösung, immer aufs neue ward der Samen der Auf- klärung ausgestteut. Wenn auch manches Korn auf steinigten Boden fiel und verdorrte, so gingen andere dafür auf und trugen reiche Früchte. Immer größer ward die Zahl der Frauen und Männer, die es der Organisation zu danken haben, wenn ihre Last ein wenig erleichtert, ihre Sklaven- rast verlängert, ihr Leben heller und sonniger ward. Mit Freuden begrüßen wir es, daß es erreicht ist, was die Kol- leginnen und Kollegen so heiß ersehnt, wofür die meisten wacker gekämpft haben: das erste Hunderttausend an Mit- gliedern. Die Erkenntnis, daß das Schicksal des einzelnen auf das engste verknüpft ist mit dem Schicksal, dem Blühen und Gedeihen seiner Organisatton, wird die Kollegenschast anspornen, mit frischem Mute, mit gestärkter Kampfesfreudig- kett die Werbearbeit fonzusetzen unter der Parole: Das zweite Hunderttausend muß bald folgen! l,. Z. Katholische Schmuykonkurrenz gegen dir gewerk- schaftliche Organisierung der Arbeiterinnen. Je eifriger die freien Gewerkschaften dafür wirken, in Bayern die Ar- beiterinnen zu organisieren, um so mehr lassen es sich die Klerikalen angelegen sein, katholische Arbeiterinnenvereine zu gründen. Wie in vielen anderen Orten wurde auch in Markt-Redwitz ein katholischer Arbeiterinnenverein ins Leben gerufen, dessen Aufgabe offenbar sein sollte, die Ar- beiterinnen dem Porzellanarbeiterverband abwendig zu machen. Trotz großer Mühe des Ortsgeistlichen war es nämlich nicht gelungen, die Arbeiterinnen dieser freien Gewerkschaft zu entfremden. Es wurde zum Arger der Schwarzen außerdem noch ein besonderer Frauen- und Mädchenbildungsverein ge- gründet, der die Proletarierinnen aufklären sollte. Ein wesent- liches Mittel, die Arbeiterinnen in den proletarischen Organisationen zusammenzuhalten, bilden bekannttich die Feste, die nicht nur das berechtigte Bedürfnis nach höherer, gemeinsam genoffener Freude beftiedigen sollen, die vielmehr dem Zwecke dienen, das Solidaritätsgefühl zu wecken und zu befesttgen, den Geist anzuregen und das Gemüt zu bereichern. Diese Feste sind denn auch bei den Proletarierinnen von Markt- Redwitz sehr beliebt. Der katholische Arbeiterinnenverein gab in der Folge die Parole aus, seine Mitglieder dürften an allen Festlichkeiten der proletarischen Organisationen teilnehmen, jedoch diesen selbst nicht angehören. Die Ant- wort darauf seitens unserer Organisatton war die Losung: „Wer nicht mit uns arbeitet, braucht auch nicht mit uns fröhlich zu sein und zu feiern. Arbeiterinnen, die dem kacho- tischen Verein angehören, mögen die trübseligen, eintönigen Feste desselben mitmachen. Die sonnigen Feste der fteien Arbefterschaft sind nicht für sie da." Man hofft, daß dadurch den Arbeiterinnen die Augen dafür geöffnet werden, welcher Organisatton sie anzugehören haben, so daß sie selbst sich dagegen wenden, daß von katholischer Seite die Frage des religiösen Bekennwiffes als Vorwand ausgenutzt wird, die Proletarierinnen ihrer Organisation fernzuhalten. Der Unter- nehmer beutet die Arbeiterinnen ohne Rücksicht auf ihren Glauben aus. Eine Gewerkschaftsorganisation, welche die Interessen der Arbeiterinnen vertritt, wird nicht fragen. was ihre Mitglieder glauben oder nicht glauben. Das religiöse Bekenntnis ist Sache jedes einzelnen Mitgliedes. Die fteien Gewerkschaften handeln dieser Auffassung ent- sprechend. Sie sind deshalb die berufenen Vertreterinnen der Arbeiterinneninteressen und nicht die katholischen Bereine. Das werden auch in Martt-Redwitz die Arbeiterinnen bald einsehen und sich treuer als je ihrer Gewerkschaftsorganisation anschließen._ H. G. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Das Recht der sächsischen Arbeiter und Arbeiterinnen der Stoffhandschnhbranche auf„Begehrlichkeit" wird durch ihre Arbeitsbedingungen für jeden erwiesen, dem der kapitalistische Profit nicht Zweck und Sinn der menschlichen Arbeit ist. In der Umgegend von Chemnitz schwankt der Wochenverdienst der genannten Arbeiterkategorie zwischen 12 und 14 Mk. Es muß betont werden, daß der erstgenannte Satz viel öfter vorkommt als der letztgenannte, der nur von sehr geschickten Arbeitern und Arbeiterinnen erreicht wird, vorausgesetzt auch noch, daß sie gutes Material haben usw. usw. Die Arbeitszeit dauert in den Fabriken 10 bis 14 Stunden, da llberzeitarbeit geradezu zur Regel geworden ist. Nacht- arbeit ist in vielen Fällen üblich. Für die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen ist die Länge des Arbeitstags über- Haupt nicht festzustellen. Sie ist ungeregelt und unbegrenzt und wird oft noch um Stunden durch lange Wege ver- längert, welche beim Abholen und bei der Lieferung zurück- gelegt werden müssen. Die Ausbeutung der Lohnsklaven ist mit der Entwicklung der Technik gestiegen; bediente ein Ar- beiter früher ein bis zwei Kettestühle, so muß er jezft mit zwei bis acht ferttg werden. Als besonderer Mißstand wird empfunden, daß die Fabrik- wie die Heimarbeiter und -arbeiterinnen für allerlei Zutaten und Bedarfsartikel aus ihrem eigenen mageren Geldbeutel auftommen müssen, so für Nadeln, Ol, Licht usw. Es kommt häufig genug vor, daß am Sonnabend vom kargen Wochenlohn 2 bis 4 Mk. für allerhand Produktionsbedarf abgezogen wird, der von Rechts wegen vom Fabrikanten gettagen werden müßte. Für Licht allem müssen die Arbeiter und Arbeiterinnen im Jahre mit einem Lohnverlust von 20 bis 30, ja sogar 40 Mk. rechnen. Nr. 8 Die Gleichheit Frauenbewegung. 55 Angesichts dieser Bedingungen ist es erklärlich, daß die Ar- darauf aufmerksam zu machen, daß man auch in England genommen. Schon am nächsten Tage entließ er ihn jedoch, beiterschaft der Stoffhandschuhbranche an die Fabrikanten noch weit vom Ziele ist, solange das Oberhaus widerstrebt." weil der Ruhschweizer die Frechheit" besessen hatte, die mit Forderungen herangetreten ist. Sie forderte besonders: Man vergleiche mit diesen Ausführungen, die staatsmännisch Kühe auszuschimpfen, welche draußen nicht zusammenbleiben die 10 stündige Arbeitszeit, Schluß der Arbeitswoche Sonnabend flug sein sollen, aber nur beschränkt philisterhaft sind, wie wollten. Als der Entlassene den Lohn von anderthalb Tagen nachmittag 5 Uhr, 1'/ stündige Mittagspause, Abschaffung der energisch Genosse Sindermann das Frauenstimmrecht ver- verlangte, wurde ihm gesagt, er solle machen, daß er fortNachtarbeit, Einschränkung der Überstundenarbeit, Ein- teidigte. Er sagte:„ Wenn man tonsequent sein will, so tomme. Der Mann ging darauf nach seinem Zimmer, um führung der wöchentlichen Lohnzahlung, und zwar Freitag muß man den Frauen nicht bloß das Vereins- und Ver- sich umzukleiden. Kaum jedoch war er entkleidet, als der nachmittag, eine fünfzehnprozentige Lohnerhöhung auf alle sammlungsrecht zuerkennen; man muß vielmehr einen Schritt Gutspächter mit zwei bei ihm Bediensteten in das Zimmer bisher gezahlten Löhne, Zuschläge zu den Überstunden, mit weitergehen und den Frauen das allgemeine gleiche, direkte eindrang. Er wurde nun derart mißhandelt, daß er blutüberderen Zahl steigend, unentgeltliche Lieferung aller zur Pro- Wahlrecht geben. Denn was nußt ihnen das Vereins- strömt, nur mit Strümpfen, Hemd und Unterhosen bekleidet, duktion nötigen Bedarfsartikel, wie Nadeln, Ol, Licht usw. und Versammlungsrecht, wenn sie ihre Interessen im Par- entfloh. Er suchte in dem 20 Minuten entfernten Hennen Die bescheidenen Forderungen deuchten manchen Unter- lament nicht vertreten können. Wenn man heute, gleich Schutz bei einem Gendarmen, welcher auch mit ihm ging, nehmern ein non plus ultra der Begehrlichkeit. In Hart viel auf welchem Gebiet, eine Ungerechtigkeit bekämpft, dann damit er sich wenigstens bekleiden konnte. Während der mannsdorf erklärten etliche Herren, ehe sie die Forde- muß man auch den Kampf so führen, daß er konsequent ist, Flucht hatte der Pächter drei Revolverschüsse auf den rungen bewilligten, würden sie lieber ihre Fabriken schließen, muß man ihn so lange führen, bis er sein Ziel erreicht. Schweizer abgegeben, von denen der eine das Ohr des sie hielten es aus. Ein gebildeter" Fabrikant in Burg. Auch von der linksliberalen Seite wird man zum Beispiel Fliehenden ansengte. Dies alles wurde gerichtlich festgestellt. städt äußerte:„ Wir geben den Hunden den Zehnstunden- wünschen, daß der Einfluß der Lebensmittelverteurer ge- Auch bekundete ein ärztliches Attest, daß sich auf dem Rücken tag nicht." Hunde die Männer und Frauen, die mit ihrem brochen wird. Aber durch das Zurückweichen, für die Frauen des Mißhandelten sechs blutunterlaufene zwei Zentimeter Schweiß und Blut den Reichtum geschaffen haben, auf den nicht die Rechte zu fordern, wie sie die männlichen Staats- breite Striemen vorgefunden hatten. Mußte sich nicht die der Kapitalist pocht! Immerhin hat sich ein Teil der Fabri- bürger haben, durch dieses Zurückweichen und das flaum- ganze Strenge des Gesetzes gegen den Gutspächter und dessen tanten als einsichtiger erwiesen und einige der Forderungen weiche Auftreten vernichtet man nicht den Einfluß der Lebens- Prügelgehilfen wenden? Wer das erwartet, kennt unser bewilligt, so die zehnstündige Arbeitszeit, die anderthalb- mittelverteurer. Deun man muß gerade die Frauen in den Gesinderecht oder richtiger Gesindeunrecht schlecht. Der als stündige Mittagspause und Lohnzuschläge. Hoffentlich ziehen Kampf gegen diese hineinziehen, und das kann man nur, wenn Zeuge vernommene Gendarm sagte auf Befragen des Vordie Arbeiter und Arbeiterinnen der Stoffhandschuhbranche man ihnen die Rechte gibt, die die männlichen Staatsbürger ſizenden aus, der Mißhandelte habe feinen guten aus der Verbesserungsbedürftigkeit ihrer Lebensbedingungen haben. Der Hinweis auf das englische Oberhaus seitens des Eindruck gemacht. Es ist klar, daß ein blutüberströmter, und dem Verlauf ihrer Lohnbewegung die Lehre, daß sie Herrn Dr. Pachnicke war sehr deplaziert. Ich meine, wenn fast bis aufs Hemd entkleideter Mensch keinen guten Einsich organisieren, dem Deutschen Textilarbeiterverband an- in Englaud eine Ungerechtigkeit besteht, braucht der deutsche bruck machen konnte. Nötiger als die Frage danach wäre schließen müssen, um die Macht zu erlangen, mit Erfolg ihre Liberalismus nicht danach zu geizen, unter Hinweis auf die gewesen, daß der Vorsitzende sich nach dem Leumund Interessen verteidigen zu können. M. W. Rückständigkeit des Auslandes diese Ungerechtigkeit in Deutsch- des bereits mehrmals vorbestraften Gutspächters Textilarbeiterelend in Baden. Im lieblichen Wiesental land erhalten zu wollen. Es ist notwendig, flipp und klar erkundigt hätte. Und die Strafe für die brutale Mißvon Lörrach bis Todtnau hat die Natur ein Paradies ge- zu betonen, daß, wenn man für die Frauen etwas erreichen handlung? Es gibt noch milde Richter in Deutschland. schaffen. Die kapitalistische Ausbeutung verwandelt es in eine will, man sich auf den Standpunkt der Sozialdemokratie Eine Buße von 30 Mt. statt der vom Amtsanwalt beanHölle für die proletarische Bevölkerung. Fast überall begegnet stellen muß. Wir verlangen die Abschaffung aller Gesetze, tragten enormen" Geldstrafe von 150 Mt. Dazu mußte man hier dem typischen Textilarbeiterelend. In Steinen welche die Frau in öffentlicher und privatrechtlicher Be- der Angeklagte noch 10 mt. blechen wegen unerlaubten erleiden die Arbeiter und Arbeiterinnen, die ohnehin jämmer- ziehung benachteiligen." Waffentragens. Man vergleiche dieses Urteil mit den lich genug daran sind, durch die Einführung des Northropstuhls Richtersprüchen über Streiksünder, die wegen der kleinsten großen Schaden. Hat bisher eine Arbeitskraft höchstens vier Vergehen ins Gefängnis, ja ins Zuchthaus wandern mußten. Stühle bedient, so muß sie jetzt deren acht, zehn und zwölf Mit Begeisterung wird man dann das Lied singen: Jeder versehen. Bei dieser hezenden Arbeit wird in 14 Tagen ein Über das neugegründete Frauenpolytechnikum in Deutsche ist vor dem Gesetz gleich. Klementine Barnhagen. Verdienst von 40, 45 und 50 Mt. erzielt. Die übrigen Ar- St. Petersburg wird uns von dort geschrieben:„ Seit nun beiter werden mit 2,20 bis 2,40 Mt. pro Tag abgespeist, die vierzehn Monaten, vom Petersburger Blutsonntag des Wie tener den Prozentpatrioten die Volks: weiblichen mit 1, 1,20 und 1,80 Mt. In Todtnau sind 22. Januar v. J. an, herrscht Kirchhofsruhe an allen Uni- genoffenschaft ist, wird mit aller Schärfe durch eine Aus die Löhne noch geringer, dort ist ein Hungerlohn von 20 versitäten und anderen Hochschulen Rußlands. Unterbrochen sperrung in Wilhelmshaven gezeigt. Der bekannten und 22 Mt. für 14 Tage nichts Seltenes. Auf der gleichen war dieselbe nur zwei Wochen lang durch die Meetings, großen Firma Holzmann& Co. ist der Bau einer neuen niedrigen Stufe wie die Bezahlung steht die Behandlung. welche auf das Barenmanifest vom 30. Oktober folgten, dessen Safeneinfahrt übertragen worden. Die Firma hat für jeden Erfreulicherweise beginnt in der Gegend die Erkenntnis fest hochtlingende Versprechungen sich seither alle als Lug und von ihr beschäftigten Arbeiter einen Stundenlohn von zu wurzeln, daß die Ausgebeuteten sich zu Schutz und Truk Trug erwiesen haben. Mit Grauen nimmt man die rus- 1,10 mt. berechnet. Nach den Gesetzen der kapitalistischen organisieren müssen. M. G. fischen Zeitungen in die Hand, die nur berichten von Arre- Ausbeutung in dieser göttlichsten aller Weltordnungen zahlt tierungen und Verschickungen politisch Verdächtiger und von sie jedoch ihren Arbeitern pro Stunde nur 37 Pf. 73 Pf empörenden Knutungen und Erschießungen ohne jedes Ge- steckt sie als„ Entbehrungslohn" in die eigene Tasche, offen Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. richtsverfahren, einfach auf Befehl von Offizieren. Da mutet bar nach dem Grundsatz:„ Jedem das Seine". Trotz des Eine Liga proletarischer Frauen wurde in London im es einen ganz eigentümlich an, daß inmitten der die alte besten Willens konnten die Arbeiter mit diesem Lohn nicht vergangenen Monat gegründet, um zusammen mit der Arbeiter- Tatarenherrschaft noch verdunkelnden Greuel der Gegenwart existieren, auch dann nicht, wenn sie bei der Mittagsmahlpartei für die proletarische Bewegung zu wirken. Als Mit plößlich ein Ereignis fällt wie die Eröffnung einer tech- zeit auf Fleisch verzichteten. Wilhelmshaven liegt eben auch glieder können aufgenommen werden die Frauen und Töchter nischen Hochschule für Frauen in der Hauptstadt des un im Reiche der Lebensmittelverteuerung! Von der Not ge von Mitgliedern der Arbeiterpartei, Gewerkschaften, Ge- glücklichen Landes. Ins Leben gerufen wurde die Hochnossenschaften, Gewerkschaftskartelle und sozialistischer Or- schule von der vor einigen Jahren von Frau P. N. Arian zwungen, wurden die Arbeiter um Erhöhung ihres Lohnes um ganze 3 Pf. pro Stunde vorstellig. Natürlich konnte ganisationen. Die Frauen sollen bei Gemeinde- und Parla gegründeten Gesellschaft zur Auffindung von Mitteln für die arme Firma ihre 73 Pf.„ Entbehrungslohn" nicht um mentswahlen zusammen mit den Männern arbeiten. Sie die höhere technische Ausbildung von Frauen". Die mate- den„ enormen" Betrag von 3, Pf. fürzen lassen. Sie lehnte sollen sich durch den Besuch politischer Versammlungen, riellen Mittel für die Hochschule zu beschaffen war leichter, die bescheidene Forderung kurzerhand ab. Und echt patriotisch, durch Diskussionsabende und Flugblätterverteilungen in als die erforderliche Erlaubnis zu ihrer Gründung zu er- wie der Kapitalismus sie geschaffen hat, ließ sie im Auspolitischen und sozialen Angelegenheiten bilden. Sie sollen halten. Erst im Herbst v. J. gab das Ministerium für Volks land durch Agenten Arbeiter anwerben. Mit Versprechungen ein lebhaftes Interesse nehmen an den Arbeiten der Armen- aufklärung seine Einwilligung, aber mit der Bedingung, daß ihnen gegenüber war man freigebig genug. Einen Stundenverwaltung, Schulkommissionen, Notstandskomitees und der die neue Hochschule nur die Bezeichnung„ St. Petersburger lohn von 55 Pf., freie Reise, während derselben gute VerGemeinde- und Parlamentsmitglieder. Sie sollen dafür ein- polytechnische Kurse für Frauen“ führen dürfe. Infolge der pflegung ließ man vor ihren Augen spiegeln. Auch vertreten, daß Frauen und Männer ihr volles Bürgerrecht er- Ereignisse der letzten Monate konnten die Kurse erst Anfang pflegung ließ man vor ihren Augen spiegeln. Auch verschwieg man flüglich, daß man sie zu Streifbrecherdiensten halten. Ebenso soll es ihre Aufgabe sein, über das Wohl- Februar eröffnet werden. Der Lehrplan entspricht dem der heranholen wollte. Aber mit der internationalen Ausergehen der in ihrer Nachbarschaft beschäftigten Arbeiterinnen bestehenden technischen Hochschulen derselben Fächer. Die zu wachen und womöglich ihre gesellschaftlichen und wirt- neue Hochschule hat zwei Fakultäten, eine für das Ingenieur- beutung durch das Kapital ist auch die internationale Erweckung des Proletariats Hand in Hand gegangen. Die schaftlichen Bedingungen zu verbessern. Es ist die Pflicht und Baufach, die andere für Elektrochemie mit vierjährigem Russen, Polen und Galizier beginnen aus ihrem Schlaf zu der Mitglieder, Zweigvereine der Liga in ihren Wohnorten Kursus. Vorbedingung der Aufnahme ist die Absolvierung erwachen. Als die ausländischen Arbeiter die Ursache ihrer zu gründen. Zu diesem Zwecke sollen sie mit den lokalen eines Mädchengymnasiums. Aufgenommen wurden 225 Zu- Einstellung erfuhren, als sie hörten, daß sie ihren deutschen gewerkschaftlichen und sozialistischen Organisationen in Ver- hörerinnen. Die ersten Tage nach der Eröffnung der„ Kurse" Brüdern in den Rücken fallen sollten, verweigerten sie einbindung treten. Der erste Kongreß der Liga wird am gingen für den Unterricht verloren. Unter den herrschenden stimmig die Arbeit. Bestärkt wurden sie in ihrem Entschluß 21. Juni in Leicester stattfinden. Die Sekretärin ist: Mrs. unmöglichen Zuständen drängte sich selbstverständlich vor noch dadurch, daß sie an Ort und Stelle erfuhren, auch sie Mary A. Macpherson. m. b. allem die Frage auf, ob die neue Frauenhochschule die würden nur pro Stunde mit 37 Pf. entlohnt werden. Die einzige Ausnahme bilden und ihrer Aufgabe nachgehen dürfe, Folge ihrer Unbotmäßigkeit gegen die Firma war unter während alle anderen russischen Hochschulen zur Untätigkeit anderem, daß ihre Köpfe sehr bald Bekanntschaft mit den gezwungen sind. Nun herrscht reges Leben in den neuen Auditorien und Zeichensälen, die des Abends hell erleuchtet preußischen Polizeifäbeln machten. Trotz allem hatten sie sind. Ihnen gerade gegenüber liegen im Dunkel die Ge- ich bis zur Zeit, wo wir diese Zeilen schreiben, nicht dazu bäude des Technologischen Instituts, dessen Eingänge von bewegen lassen, die Arbeit aufzunehmen. Ihr Solidaritätsgrößte Glend hat sie aus der Heimat geführt. Das kann Polizisten Tag und Nacht bewacht werden, damit nur ja gefühl und ihr Mut verdienen vollste Anerkennung. Das man an den ausgehungerten Gestalten in der dürftigen für notwendig, nochmals den Schwurfinger im Namen alte Institut eindringt. Wer weiß, ob nicht eines schönen dünnen Kleidung sehen, deren bloßer Anblick Zähneklappern feiner von den etwa 1500 Studenten in das bald 100 Jahre größte Glend hat sie aus der Heimat geführt. Das kann des Freisinns zu erheben und allen Philistern wie Reaktio- Tages, solange der weiße Schrecken noch wütet, die neue nären zu beteuern, daß dieser in blütenweißer Unschuld die Frauenhochschule von dem gleichen Schicksal ereilt wird. erregt. Aber trotz alles Glends sind die Ausländer entForderung des Frauenstimmrechtes ablehne. Er führte aus: Jedenfalls wird manche Studentin der neuen„ Kurse" da- schlossen, auszuharren, damit die deutschen Brüder ihr Recht „ über das politische Stimmrecht der Frau wird in unserem mit rechnen müssen, plötzlich durch Polizeifaust ihrem Studium erlangen. Die hungernden und kämpfenden Proletarier Antrag nichts gesagt. Das steht auf einem anderen Blatte, entrissen zu werden. Ohne Rücksicht auf das Geschlecht ohne Unterschied der Nationalität auf der einen Seite, auf darüber haben wir uns bei dem Wahlrechtsantrag aus oder in mehr oder weniger entfernte Gegenden verbannt. rücksichtslos die„ teuren" deutschen Volksgenossen aufs werden politisch Verdächtige" administrativ" eingesperrt der anderen Seite das ausbeutende Unternehmertum, das gesprochen, und es herrscht unter gesprochen, und es herrscht unter den freisinnigen Parteien Auf wie lange, warum, weswegen- mit der Beantwortung nahezu ein Einverständnis darüber, daß augenblicklich dieser folcher Kleinigkeiten gibt sich die zarische Regierung, geben mit der Beantwortung Forderung nicht nachzugeben sei. Der Herr Abgeordnete sich ihre Schergen nicht ab." Träger hat diesen Standpunkt damals in glänzender Rede sich ihre Schergen nicht ab." begründet, und schon vor ihm hat ein anderer Abgeordneter seiner Frattion, Herr Dr. Müller( Meiningen) es war im Januar 1902-, jenen auf das Stimmrecht hinauslaufenden Frauenstimmrecht. Die verschiedene Stellung der Sozialdemokratie und des bürgerlichen Freisinns zum Frauenstimmrecht ist nochmals scharf zum Ausdruck gekommen. Es geschah dies bei der Beratung des freisinnigen Antrags zu einer Reform des Vereins- und Versammlungsrechtes. Pachnicke hielt es Verschiedenes. haben wir ein lehrreiches Bild des Gegensatzes von Kapital und Arbeit. Und dieses Bild hat seine aufklärende Wirkung Pflaster wirft und durch Ausländer zu ersetzen sucht: da haben wir ein lehrreiches Bild des Gegensatzes von Kapital gegenüber den proletarischen Frauen von Wilhelmshaven nicht verfehlt. Möchte es die gleiche aufpeitschende Wirkung auch anderwärts auf Frauen des Volkes ausüben. A. F. Forderungen ein" Jeht- noch nicht" entgegengehalten. In Eine Illustration zur Gefindeordnung brachte neulich der Tat, wollte man das mögliche Ende einer Entwicklung eine Verhandlung vor dem Schöffengericht zu Iserlohn. Berichtigung zum Adressenverzeichnis der Vertrauens an den Anfang sehen, wollte man das Letzte als Erstes be- Unter der Anklage stand ein Gutspächter aus der Nähe personen. handeln, so würde man ungeschichtlich handeln und unklug; von Hennen, welcher der Körperverletzung beschuldigt man würde der Sache mehr schaden als nutzen.... Und war. Aus der Verhandlung ging folgendes hervor: Der Hagen in Westfalen, Frau Käthe Klein, Bahnhofstraße 29 a ( nicht Bahnhofstraße 8a). wenn man auf England hinwies... so ist rein tatsächlich angeklagte Gutspächter hatte einen Kuhschweizer in Dienst Sl Die Gleichheit Nr. 8 Der Tag des Äerrn. Bon Ludwig Pfau. Der Tag des Herrn, das ist ein Tag, Der sich erschließt wie eine Blüte, Da jede Seele hoffen mag, Und jauchzen möchte jed' Gemüte. Ein Duft und Schein ist rings verbreitet, Der kleinste Halm treibt Ähren gern, Weil still der Geist der Weihe schreitet Durch alles Feld am Tag des Herrn. Da, wenn das Jrd'sche grollend wich, Beginnt, was himmlisch ist, zu klingen; Die Glocken rührten selber sich, Vergaß' der Glöckner sie zu schwingen: Denn wo in eine Brust voll Mühe Nach langer Nacht der Morgenstern Heraufführt eine goldne Frühe— Da läutet sanft der Tag des Herrn. Und wenn durch eines Dyckers Hirn Der Wollustblitz der Wahrheit zittert; Und wenn, den Staub noch ans der Stirn, Ein Knecht die Kette jäh zersplittert; Und wenn der alten Knechtschaft Erben, Die Völker, aufstehn nah und fern, Sich ihre Freiheit zu erwerben— Das ist der schönste Tag des Herrn. Der Tag des Herrn, das ist ein Tag, Ein Tag der Wonnen und der Wunden; Der harrt auf keinen Glockenschlag Und ist an keine Frist gebunden. Wo Augen glänzen, Herzen klingen, Und Wurzeln schlägt ein edler Kern, Und wo die Geister sich erschwingen— Da ist der wahre Tag des Herrn. Rahel. Von Ada Christen.(Schluß.) Mich aber rührte die Angst und der Wehruf des Kindes nicht, mich überkam alle die Härte und Furcht, die mir eingeflößt worden war, als ich selbst noch ein Kind ge- wesen, die Furcht davor, daß ich von meinem Gott wie von einem mir gleichenden Wesen sprach, und die Härte gegen das arme, gehetzte, mißhandelte Volk... Mit kindisch-trotziger Bosheit rief ich darum der Kleinen zu: „Wer ihn gekreuzigt hat?— Ihr!— Ihr Juden!" Mein Lebtag werde ich das erblaßte Kind nicht ver-- gessen, wie es sich mit seinen mageren Händen an meinen Arm klammerte und zu mir hinausstierte, wie sich die geschlossenen Lippen langsam auftaten, daß die weißen Zähne sichtbar wurden, und wie es durch die Zähne ver- achtungsvoll hindurchzischte: „Du lügst!" Ich weiß nicht, warum mich diese zwei Worte so er- schütterten, mir schwindelte, mir war zu Mute, als hätte ich dem Kinde ein ungeheures Unrecht zugefügt— dem Kinde uild von jeher ihnen allen— allen!— Ich schüttelte die kleinen Hände von mir ab und lief hinüber zu Jakob, um Liese zu holen, bei ihr wollte ich mir Trost suchen, sie sollte mich beruhigen, sie sollte kommen, damit wir, wenn auch in einem jüdischen Hause, dennoch nach rechter Art unseren Christabend feiern konnten. Ich suchte und suchte, fand sie aber nirgends. Eben wollte ich zurück- kehren in unsere Stube, als der Mond aufging, und da sah ich sie droben auf dem Söller stehen, dicht in ihr weißes Tuch gehüllt---- Ich kletterte hinauf zu ihr und bat sie, daß sie in unsere Stube kommen möge, aber sie stand unbeweglich und schaute hinaus in die Ebene... Der Schnee glitzerte im hellen Mondlicht, und auch nicht ein dunkler Punkt war auf der weißen endlosen Fläche sichtbar, Liese aber streckte sich auf den Fußspitzen, um weiter hinausspähen zu können; sie lauschte mit vor- gebeugtem Leib hinab, aber nichts war hörbar als das lärmende Gejauchze der Panduren unten, die auch den Christabend feierten. „Siehst du nichts— jetzt?" frug Liese, ohne mich anzusehen. „Nein... Ja!... etwas Schwarzes, dort... jetzt vorbei an dem Friedhof!" „Ein Reiter?!" Die Frage klang wie Lachen und Weinen zugleich. „Ja, ein Reiter!..." stieß ich hervor und bebte vor Kälte und Angst, denn Liese schwebte fast in der Luft, so hatte sie sich hinailsgebcugt. Der Reiter kam näher und näher, er jagte bald durch den Markt dem Schloßberg zu, und als er eben gegen die Mauer einbog, da zog mich Liese herab auf die Treppe, und Hand in Hand liefen wir über den Burghof unserer Stube zu. „Geh ein wenig zu Rahel hinüber," bat ich Liese. Sie nickte glückselig, schaute zu den flimmernden Sternen empor, schloß dann ihre frommen blauen Augen, einen Pulsschlag lang, preßte mich an ihre Brust, als ob sie Abschied nähme, und huschte dann hinauf in die Stube unseres Hauswirts. Obwohl sie nie mehr mit mir von Rafael gesprochen hatte, so wußte ich doch, daß er es war, desien sie harrte, und daß der gedämpfte Hufschlag seines Rostes zu uns heraufscholl. Ich ging in unsere Stube, steckte die Lichter des Christ- bäumchens an, ordnete noch einmal die Geschenke für Liese, dachte auch daran, was sie mir Hübsches geben würde, plappette gedankenlos ein Gebet her, brannte einen Tannen- zweig an, damit es recht frisch duftete, und als nun alles vorbereitet war, ging ich hinüber, um die Liese zu holen. O du unvergeßliche Stunde!... Sachte öffnete ich die Türe, steckte erst nur den Kopf dazwischen und stolperte aber gleich dann selbst hinein..., denn mitten in der Stube lag sie... meine Freundin und Gefährtin, meine Liese lag an der Brust Rafaels, an der Brust des Juden... Der Alte hatte die Hände auf ihre Schultern gelegt, und Rahel stand, wie ein Kobold zu zu mir hin lachend,'.eben ihrem Großvater. Daß die Welt nicht ultterging, beg.iff ich nicht, bedenklich drehte sich zwar die ganze Stube um mich, und nach meiner innersten Überzeugung wankte mindestens der alte Turm. „Liese!" schluchzte ich laut auf,„schau hinüber, der Christbaum ist angezündet, ich meine, wir setzen uns beide drüben zusammen, das paßt bester für uns, als daß... du da..." „Still, mein Liebling," unterbrach sie mich mit ihrer sanften Stimme,«gehe ruhig in deine Stube zu deinem Christbaum, ich habe dich von Herzen lieb, aber den Rafael habe ich doch noch lieber... Weine nicht, ich werde bald seine Frau sein, und darum habe ich keinen Christabend mehr... denn seit vier Wochen bin ich eine Jüdin..." Der alte Turm stand fest— er hörte alle diese Greuel und rührte sich trotzdem nicht, ich aber setzte mich auf einen Stuhl und wartete immer noch, daß etwas ganz Besonderes geschehen müsse, so ein wenig Feuer vom Himmel regnen, oder irgend etwas anderes, aber es geschah gar nichts, nur die kleine Rahel kam wie eine Katze näher geschlichen und sagte im allerboshaftesten Tone: „Lea heißt die Liese seit vier Wochen, weil sie schon so lange zu uns gehört... Du, hat die auch geholfen, den blutig bemalten Mann an das Kreuz hängen?"... Schweigend und allein ging ich in unsere Stube und ließ meinen betäubten Kopf schwer auf die Tischdecke fallen. über mir knisterten Tannenendcn, die manchmal auf- flammten, die Kerzlein verlöschten eines nach dem anderen, ich aber dachte, ich sei verlassen, vergessen, allein auf der weiten Welt... Ich hörte nicht, wie Liese eintrat und ein Päckchen vor mich hinlegte, ich taumelte erst auf, als sie mich in ihre Arme zog. Die halbe Nacht hindurch erzählte sie mir die Ge- schichte ihrer Liebe. „Du sahst es," schloß sie,„wie ich ihn wiederfand in seinem armen Vaterhause; was er nicht konnte und durste um der Seinen willen, das durfte ich, die Einsame... ich entsagte meinem Glauben, um sein Weib werden zu können..."—————————— Das ist lange her, o wie lange! Die kleine Rahel ist heute eine schöne junge Frau, der Augapfel ihrer Schwägerin, meiner Liese, die mir überglückliche Briefe von ihrem Pachthof aus Ungarn schreibt. Ich habe die Menge sündhaft-weltlicher Bücher gelesen und mich viel- leicht darum nie wieder mit der schönen Rahel— die mich doch einst der Lüge zeihte— gezankt. Aus dem Ofterspaziergang des„Faust". Von Wolfgang Goethe. Faust und Wagner(FamuIuZ). Faust. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter, in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorther sendet er, fliehend, nur Ohnmächttge Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes; überall regt sich Bildung und Streben, Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt's im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern; Sie feiern die Auferstehung des Herrn: Denn sie sind selber auferstanden, Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straße quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht. Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt, Wie der Fluß, in Breit' und Länge, So manchen lustigen Nachen bewegt; Und bis zum Sinken überladen, Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel; Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und'klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein. Wagner. Mit euch, Herr Doktor, zu spazieren Ist ehrenvoll und ist Gewinn; Doch würd' ich nicht allein mich her verlieren, Weil ich ein Feind von allem Rohen bin. Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben Ist mir ein gar verhaßter Klang; Sie toben, wie vom bösen Geist getrieben, Und nennen's Freude, nennen's Gesang. Bauern unter der Ltude. Tanz und Gesang. Der Schäfer putzte sich zum Tanz, Mit bunter Jacke, Band und Kranz: Schmuck war er angezogen. Schon um die Linde war es voll, Und alles tanzte schon wie toll. Juchhe! juchhe! Juchheisa! heisa! he! So ging der Fiedelbogen. Er drückte hastig sich heran, Da stieß er an ein Mädchen an Mit seinem Ellenbogen; Die frische Dirne kehrt sich um Und sagte: Nun, das find' ich dumm! Juchhe! juchhe! Juchheisa! heisa! he! Seid nicht so ungezogen! Doch hurtig in dem Kreise ging's, Sie tanzten rechts, sie tanzten links, Und alle Röcke flogen. Sie wurden rot, sie wurden warm Und ruhten atmend Arm in Arm. Juchhe! juchhe! Juchheisa! heisa! he! Und Hüft' an Ellenbogen. Und tu mir doch nicht so vettraut! Wie mancher hat nicht seine Braut Belogen und betrogen! Er schmeichelte sie doch beiseit, Und von der Linde scholl es weit: Juchhe! juchhe! Juchheisa! heisa! he! Geschrei und Fiedelbogen. Alter Bauer. Herr Dvktvr, das ist schön von Eur� Daß Ihr uns heute nicht verschmäht Und unter dieses Volksgedräng', Als ein so Hochgelahtter, geht. So nehmet auch den schönsten Krug, Den wir mit frischem Trunk gefüllt. Ich bring' ihn zu und wünsche laut, Daß er nicht nur den Durst Euch stillt; Die Zahl der Tropfen, die er hegt, Sei Euren Tagen zugelegt. Faust. Ich nehme den ErquickungStrank, Erwidr' euch allen Heil und Dank. (Faust und Wagner gehen weiter.) Faust. O glücklich, wer noch hoffen kann, Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! Was man nicht weiß, das eben brauchte inan, Und was man weiß, kann man nicht brauchen. Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! Betrachte, wie in Abendsonneglut Dte grünumgebnen Hütten schimmern. Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt, Dort eilt sie hin und fördert neues Leben. O daß kein Flügel mich vom Boden hebt. Ihr nach und immer nach zu streben! Ich säh' im eivigen Abendstrahl Die stille Welt zu meinen Füßen, Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal, Den Silberbach in goldne Ströme fließen. Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten; Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten Vor den erstaunten Augen auf. Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken; Allein der neue Trieb erwacht, Ich eile fort, ihr ewges Licht zu trinken, Vor mir den Tag und hinler mir die Nacht, Den Himmel über mir und unter mir die Wellen. Ein schöner Traum, indessen sie entweicht. Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht Kein körperlicher Flügel sich gesellen. Doch ist es jedem eingeboren, Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, Wenn über uns, im blauen Raum verloren, Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, Wenn über schroffen Fichtenhöhen Der Adler ausgebreitet schwebt, Und über Flächen, über Seen Der Kranich nach der Heimat strebt. BeranlworUich für die RedaNton: Fr. Klara gelstn(Zundel), WUHeimshöh« Post Degerloch bei Staltgan. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.