Nr. 9 Die Gleichheit exonererer Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Die„ Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 2. Mai 1906 Wertes, der ein Überwert ist im Gegensatz zum Werte Eine Maitagspredigt. Von Prof. Dr. Arnold Dodel. Der Arbeit der Maschine. So sagt es der Geist der Menschlichkeit, Maientag. Von Luise Zieß. Für das Frauenstimmrecht. Von der in jedem Menschen, ob Mann ob Weib, Bruder um Paul Singer. Acht Stunden! Von Ottilie Baader. Wir Bruder, Schwester um Schwester, nicht Maschinen, nicht verlangen Rechenschaft. Von Gustav Hoch. Fort mit dem Sklaven, nicht Lafttiere erkennt. Militarismus. Von W. Kähler. M. A. Spiridonowa.. Die Die Maschine wird getrieben von der nimmer erMaiforderungen der Dienstboten. Von Helene Grünberg.müdenden Kraft der Natur, und sie schafft hundertmal Der Kampf um die Rente. Von E. G.( Forts.) Politische soviel, als eines Menschen Hand zu schaffen vermag; Feuilleton: Not. Bon Klara Müttler.( Gedicht.) – Maifriede. Bon sei kein Tor und ſei nicht Sklave deiner eigenen und Rundschau. Von G. L. Otto Krille. Shelley. Gewerkschaftliche Rundschau. Aus„ Der entfesselte Prometheus". Von P. B. Eine Maitagspredigt. Die eigentliche Menschwerdung hat erst damals ihren Anfang genommen, als unsere Vorfahren begannen, die Gesetze des Naturgeschehens zu erkennen und die ungefesselten Kräfte des Naturlebens in den Dienst der werdenden Menschen zu ziehen. Erst mit dem Beginn der Herr schaft über die Natur fing unser Geschlecht an, aus der tierischen Gattung zur menschlichen Art sich herauszuentwickeln. Den folgenreichsten Anfang hierzu bedeutet die Herstellung von Werkzeugen und Waffen, sodann die Handhabung des Feuers, das vom Himmel kam und schließlich alle Götter gestürzt hat. Der zerstörende Blizstrahl, die Waffe des Zeus, ist gebändigt worden. Die Kraft des fallenden Wassers ist an die Stelle mühselig schaffender Menschenkraft getreten. Feuer und Wasser zusammen haben den Dampf gezeugt, und des Menschen erkennendes Wesen ist zum beherrschenden Dämon der ganzen Natur geworden, so zwar, daß füglich das ganze Menschengeschlecht hätte aufjauchzen dürfen, und die ganze Zukunft zu einem einzigen Feiertag hätte geschaffen werden fönnen. Daß dem nicht so geworden ist, daran sind nicht sogenannte überirdische Mächte, daran ist auch nicht die Natur selbst schuld, sondern die herrschende soziale Ordnung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Anstatt der Freiheit ward dem schaffenden Menschen das Gegenteil: die Knechtschaft. Je mehr er Maschinen schuf, desto unfreier ward der arbeitende Mensch. Je mehr die Wissenschaft und die Technik über die unerschöpflichen Naturkräfte den Sieg weiter und weiter hinaustrugen, desto mehr ward der schaffende Mensch selbst zum Sklaven. Der Mensch sprach zum Bliz: Tritt unter meine Herrschaft, treibe die Maschinen, trage mein Wort und meinen Willen über die Ozeane und sei mein stummer Sflave! Es geschah also. Der Mensch sprach zum tosenden Wasserfall: Deine Kraft trete in meine Dienste und durchbohre die granitenen Berge, auf daß fürderhin kein Hindernis mehr sei zwischen Ländern, welche durch die Gletscherberge von einander getrennt sind! Und das tosende Wasser begab sich unter den Willen des Menschen. Der Mensch sehnte sich nach Freiheit. Und indem er bezwang, wurde er selbst erst recht ein Unfreier. Nun aber soll des Wahnsinns ein Ende werden! Arbeite und freue dich! So will es die Ordnung in der Natur, so will es der Wille der Gerechtigkeit. Arbeite wie ein Mensch, nicht wie eine Maschine! Sei Mensch! sei nicht Maschine! Sei nicht Zahnrad, sei nicht Transmissionsriemen, sei nicht Kurbel bloß und nicht bloß Kolben! Derlei zu sein, überlasse dem Eisen, dem Stahl, dem Leder, die sich biegen und steifen ganz nach deinem Willen. anderer Torheit! Die Erde zeuget in Überfluß vom Aufgang bis zum Niedergang. Es fann fein einziger Mensch fürderhin im Hunger verderben, wenn der schaffende Mensch, mit rechtem Willen wollend, in Weisheit seines Amtes waltet. Die Erde hat für alle, alle Raum zur Daseinsfreude, so sie alle nur wollen. L M. A. Spiridonowa. Sei fein Tor! Sei keine gedankenlose Maschine! Der Geist der Weisheit sagt: Sei Mensch! Nimm dir Beit, es zu sein. Nimm dir Zeit, es zu bedenken und in Gedanken selig zu sein. Nimm dir Zeit zum Denken und zum Genießen: das eine Dritteil! Nimm dir Zeit zum erfrischenden Schlummer: das andere Dritteil! Nimm dir Zeit zur segnenden Arbeit- ein mäßig Stück: das dritte Dritteil. Gesegnet seien die acht Stunden; denn diese sind just Diese aber ist Verderbnis! Ihr sollt nicht ferner zum genug. Ein Mehreres ist überfluß und zeuget üppigkeit. Verderbnis freiwillig unter dem Joche keuchen. Zum rechten Vollbringen gehört das rechte Wollen. Nimm dir Zeit zum rechten Willen, und du wirst lange leben hienieden leben im Lande, das deinen Kindern gehören wird! Für deine Kinder mußt du den rechten Willen wollen, mehr noch als für dich selbst! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!" Siehe, die Nacht des Mittelalters ist zu Ende. Der Hahn hat gekrähet zum frühen Morgen! Und es kommt die neue Zeit mit ihrer Gerechtigkeit. Wenn du elend warst im übermaß der Arbeit und Gesegnet seist du, wenn du aufwacheft zur rechten der Darbnis, so sollst du von nun ab selig sein im Maße Zeit an diesem Maienmorgen! Jener Tag will heraufder vernünftigen Dinge! Du sollst nicht Mangel haben kommen, da es feinen Unterdrückten mehr geben wird -in feinerlei Ding, welches dein Leben zu einem menschen- und auch keinen Unterdrücker, da alle frei sein werden, würdigen macht. Du sollst nicht Sklave sein der Ma- auch jene, die bislang Unfreie und Sklaven gewesen sind schine, sondern die Maschine soll Stlave sein deines ihrer Herrschsucht und Eigengier. Willens! Du sollst nicht knechtselig sein im Auslugen Ein Mai ist es, aus dessen erster Stunde am ersten nach Arbeit! Du sollst nicht um Arbeit betteln müssen, Tage das neue Evangelium geboren ward, ein Evange: sondern man soll sie dir geben als einen Pflichtteil, so lium wirklicher Erlösung, das Evangelium der Mensch zwar, daß der Gebende zum Beschenkten und der Be- werdung im Walten der Weisheit über den Mächten der schenkte zum Geber wird! Du sollst glückselig sein hienieden in dieser Zeit sollst du dir dein Himmelreich schaffen im Erkennen deines Natur. Heil diesem Maientag! 16. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Der Arbeit Maientag. Truziglich, nicht achtend des Tobens der Reaktion, noch des Dräuens des progigen Unternehmertums, rüstet allerorts das Proletariat zur Maifeier, der Heerschau der revolutionären, fämpfenden Ausgebeuteten und Geknechteten aller Länder. jedes Jahr den Klassenkampfcharakter der Maifeier flar Hatte bisher das Walten der reaktionären Mächte noch umrissen in Erscheinung treten lassen, so heuer mehr benn je. jedes Jahr den Klassenkampfcharakter der Maifeier flar Ein Blick auf die politische und wirtschaftliche Situation bestätigt das. Gezwungen durch das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise kann das flaffenbewußte Proletariat sich nicht begnügen mit der Beseitigung von„ Auswüchsen" des Rapitalismus, sondern es muß die Beseitigung des Kapitalismus selbst durch den Sozialismus anstreben. Doch nicht vertommene, verelendete, zum Pauperismus und zur Degeneration verdammte Arbeitermassen können dies Ziel verwirklichen. Zur Erfüllung seiner hohen historischen Aufgabe bedarf das kämpfende Proletariat kraftvoller, kampfesmutiger und zielsicherer Scharen. Von dieser überzeugung durchdrungen, kündet es am 1. Mai den Herrschenden nachdrücklichst seinen Willen: durch die Einkassierung von Gegenwartsforderungen sich nicht nur eine hellere Gegenwart zu schaffen, sondern gleichzeitig seine Rampffähigkeit zu steigern, um der Freiheit eine Gasse bahnen zu können. Wird die Berechtigung seiner Reformforderungen nicht eindringlich unterstüßt durch die ungeheuren Opfer, die dem Kapitalismus fallen? Da sind die 9000 Unfälle mit tödlichem Ausgang im letzten Jahre, das Grubenunglück auf der Borussia und die Hekatomben von Menschenopfern jenseits der deutschen Grenzpfähle in Courrières, zu schweigen von den Hunderttausenden, die dahinstechen infolge von Berufsleiden, von Überarbeit und Unterernährung. Doch unbekümmert darum, weigert die herrschende Gesellschaft den Lohnsklaven die kleinsten Konzessionen in punkto Verbesserung ihrer Lage. Nicht genug, daß in den letzten Jahren der Karren der Sozialgesetzgebung fast vollständig festgefahren ist, müssen die Ausgebeuteten überall dort, wo sie dem Unternehmertum direkt ihre Forderungen unterbreiten, schwer um deren Erfüllung kämpfen. Siehe die Kämpfe der Textilarbeiter der verschiedenen Orte, der Braunkohlenarbeiter Mitteldeutschlands, der Metallarbeiter und andere mehr. Mit größerer Brutalität als je sind die Kapitalisten am Werke, um das im wirtschaftlichen Kampf stehende Proletariat niederzuzwingen. Ihre eigene wirtschaftliche Übermacht, alle organisierten Machtmittel des heutigen Klassenstaates werden ihrerseits mobil gemacht. Und das zu derselben Zeit, wo die schamlos räuberische Wirtschaftspolitik den Armsten an Brot und Verdienst Hunderte von Millionen nimmt, um sie den Junkern und Industriekönigen in die übervollen Geldschränke zu legen! Das zu derselben Zeit, wo Regierung und bürgerliche Parteien auf der Suche nach neuen Steuern sind und sich anschicken, durch den Ausbau des Marinismus uns noch weiter zu treiben in den Malstrom der Weltpolitik des krachenden Kapitalismus! Diese Weltpolitik ist es, die uns die Blamage von Algeciras, die Schmach und Greuel in, unseren" Rolonien gebracht hat, die uns schier unerträgliche Lasten aufbürdet staates stellt kühn das Proletariat seine Maiforderungen und die Kriegsgefahr in Permanenz erhält. Den reaktionären Mächten des kapitalistischen Klassenentgegen. Sie erschöpfen sich nicht in dem Rufe: Her mit dem Arbeiterschuh, dem Achtstundentag! Angesichts der gekennzeichneten Situation muß ihnen die Losung hinzugefügt werden: Her mit allen Rechten und Freiheiten, die das Proletariat schlagfertiger und kampffräftiger machen gegen den Kapitalismus und seinen Zwillingsbruder, den Militarismus! Zu diesen Rechten und Freiheiten gehört neben dem unbeschränkten Koalitionsrecht, dem freien Vereinsund Versammlungsrecht vor allem das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle Staatsbürger. Nicht nur zum Reichstag, sondern auch zu den EinzelLandtagen und den Kommunalverwaltungen! Unsere diesjährige Maifeier muß zu einem machtvollen Borstoß zur Erringung dieses Rechtes werden. Der immer dringenderen Forderung der Arbeiterschaft nach Aushändigung des ihm so lange vorenthaltenen politischen Gutes haben Regierung und bürgerliche Parteien bisher ein entschiedenes Mein" entgegengesetzt. Ja mehr noch, im preußischen HerrenGrundſay verkündet, daß gegen die stolz ihr Recht Fordernden haus ward durch den Mund des geschniegelten Kanzlers der die bestehenden Gesetze mit aller Rücksichtslosigkeit und Schärfe ihre Anwendung finden sollen". Die hohen Strafen gegen eine Anzahl unserer Redakteure, wie gegen Wahlrechtsdemonstranten, die vielen noch schwebenden Anklagen beProf. Dr. Arnold Dodel. weisen, daß dieser Wink verstanden ward. Bedauern wir 58 Die Gleichheit Nr. 9 auch die Opfer dieses Kampfes, so begrüßen wir doch die geschaffene Klärung der Situation. Sie zeigt mit aller nur wünschenswerten Schärfe das eine: wie die endgültige Be- freiung der Arbeiterklasse das eigene Werk des Proletariats sein muß. so hat es sich auch selbst die Reformen, die Frei- heiten und Rechte zu erkämpfen, deren es bedarf, um seine endgültige Befreiung durchzusetzen. Diese Erkenntnis, welche die jüngsten Ereignisse einmal mehr als richtig bestätigt haben, wird unseren Kampfesmut, unsere Begeisterung erhöhen, und alle, die da mühselig und beladen unter dem Drucke kapitalistischer Ausbeutung leiden, fest zusammenschweißen. Ihrer Kampfbereitschaft, ihrem revolu- tionären Willen werden die proletarischen Massen in impo- sanier Demonstration aufs neue am Maifest der Arbeit Aus- druck geben, so daß dessen revolutionärer Klassenkampfcharakter mit aller Macht zur Geltung gelangt. Luise Zietz. Für das Frauenstimmrecht. Der diesjährige Weltfeiertag des Proletariats steht für die Arbeiterklasse der mächtigsten und einflußreichsten Einzel- staaten im Deutschen Reiche im Zeichen des Wahlrechts- kampfes. Mit den Demonstrationen für den Achtstundentag, für die Befreiung des arbeitenden Volkes aus dem Joche der kapitalistischen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung, für den Völkerfrieden und für die Beseitigung des die Völker ruinierenden und verhetzenden, eroberungssüchtigen Milita- rismus und Chauvinismus werden die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften Deutschlands die Abschaffung des Geldsackwahlrechtes, des Dreiklassenwahlsystems in den Mittelpunkt der Demonstration stellen und für alle Körper- schaften das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahl- recht für alle Personen ohne Unterschied des Geschlech- tes, diedas zwanzigste Lebensjahr vollendet haben, fordern. Der Kampf gegen das elende Dreikkassenwahlsystem, den Hort aller politischen und wirtschaftlichen Rückständigkeit, die Ursache der Macht des reaktionären Junker- und Kapital- protzentums, muß in immer steigendem Maße propagiert und geschürt werden. Die Hunderttausende und Millionen von Arbeitssklaven, die am 1. Mai in Deutschland, um die rote Fahne der Sozial- demokratie geschart, den Schwur für den Kampf um Frei- heit und Recht erneuern, werden zugleich machtvoll gegen die Niedertracht des verübten Wahlrechtsraubes und die Schmach des geltenden Dreiklassenwahlsystems demonstrieren. Nieder mit dem Geldsackswahlrecht! Her mit dem gleichen Wahlrecht für alle! Das ist der Schlachtruf, der am 1. Mai in jedem Arbeiterherzen Widerhall finden, der die Lässigen aufrütteln, die Reihen der Kämpfer füllen, die Organisationen stärken, in unwiderstehlicher Weise die prole- tarischen Massen revolutionieren und mit glühendem Kampfes- eifer erfüllen wird. Der Kampf, den die Sozialdemokratie um das Wahlrecht führt, gilt selbstverständlich auch der Eroberung des Frauen- stimmrechtes. In noch stärkerem Maße wie der Proletarier leidet die Proletarierin unter dem in Deutschland geltenden Wahl- unrecht, welches die Frauen gänzlich von der Teilnahme an Gesetzgebung und Verwaltung ausschließt. Die herrschende Gesetzgebung legt zwar den Frauen in wirtschaftlicher, straf- rechtlicher und steuerlicher Beziehung genau dieselben Pflichten auf wie den Männern, versagt ihnen jedoch jede Betätigung an der Gestaltung der gesetzgeberischen Einrichtungen, deren Bestimmungen dieFrauen gleich den Männern unterworfen sind. Dieses„Herrenrecht", welches die Frauen herabwürdigt und sie zu politischen Parias stempelt, zu beseitigen, die politische Unmündigkeit der Frauen aufzuheben, sie zu gleich- berechtigten Bürgerinnen zu machen, kann und wird nur das Werk der Arbeiterklasse sein. Das Proletariat hat das größte Interesse daran, daß seine weiblichen Angehörigen das aktive und passive Wahlrecht erlangen, denn mehr wie die Frauen der herrschenden Klassen seufzen und leiden die Proletarierinnen unter den Wirkungen der gegenwärtigen Wirtschaftsweise, unter deren Herrschaft die Arbeiterklasse gewaltsam geistig und körperlich niedergehalten wird und die Volksmassen in Not und Elend versinken. Unser Maifest, welches dem Kampfe geweiht ist, soll den Genossinnen ein Sporn sein, energisch die Agitation für das Frauenstimmrecht zu betreiben. Nicht nur in den Maiversammlungen, sondern vorher und nachher in der Presse, in Versammlungen, in Vereinen und im Familien- kreis muß Aufklärung und Belehrung verbreitet werden über die Bedeutung und Notwendigkeit des Frauenstimmrechtes. Die Sozialdemokratie schließt das Frauenstimmrecht in die Forderung des allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes ein— für uns gibt es weder ein Menschen, noch ein Klassenvorrecht. Gleiches Recht für alle! Im Kampfe für gleiches Recht müssen alle— Männer und Frauen— gemeinsam die gegnerischen Bollwerke belagern, gemeinsam die feindlichen Festungen stürmen. In anderen Ländern haben dieFrauen bereits ganz oder teilweise das Wahlrecht. Jenseits des Meeres, in Amerika und Australien, wählen die Frauen und bekleiden öffentliche Amter im Staate und in der Gemeinde. Auch in Europa, in den skandinavischen Ländern und in England, sind die Frauen politisch nicht so rechtlos gestellt wie in Deutschland. Das Sprachrohr der herrschenden Gewalten in Deutsch- land, der zitatenfrohe Reichskanzler Fürst Bülow, erklärte zwar„Deutschland in der Welt voran", aber der politische und soziale Tiefstand Deutschlands, seine Rückständigkeit in Fragen der Kultur und Gleichberechtigung nicht nur der Re- gierung, sondern auch der besitzenden und dadurch herrschen- den Klassen dokumentiert sich neben anderem auch deutlich in dem Ausschluß der Frauen von politischen Rechten, in der Verweigerung des Frauenstimmrechtes. Alle Gründe moderner Kultur- und Rechtsanschauung, die stetig wachsende Zahl weiblicher Arbeitskräfte auf allen Gebieten des Wirt- schastslebens, alles spricht für das Frauenstimmrecht— dagegen kämpft nur wirtschaftliche Ausbeutungssucht und poli- tische Rückständigkeit der gesetzgeberisch maßgebenden Klassen und öffentlichen Gewalten mit allerlei Scheingründen. Wenn, angeregt durch die Sozialdemokraten, in den Parla- menten— namentlich im deutschen Reichstag— das Frauen- stimmrecht besprochen und gefordert wird, dann erklären die Vertreter der besitzenden Klassen: die Frauen seien für dieses politische Recht noch nicht reif und vertrösten die nach Gleichberechtigung rufenden Frauen auf eine spätere Zeit. Das sind jämmerliche Ausflüchte, die nur den mangelnden Willen und die Abneigung, auf Vorrechte zu verzichten, verdecken. Einzig die Vertreter des in der Sozialdemo- kratie politisch organisierten Proletariats treten ehrlich und energisch für das Frauenstimmrecht ein— und erst wenn das Proletariat die bürgerliche Gesellschaft siegreich über- wunden hat, erst dann wird auch den Frauen die Ausübung ihrer Menschenrechte auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gesichert sein. Zur Propagierung dieses großen Menschheitsideals, zur Förderung einer wahrhaft gerechten, nicht auf Ausbeutung und Unterdrückung der Volksmassen berechneten Gesellschasts- organisation findet sich das Proletariat aller Länder am 1. Mai allüberall zusammen, um einig und geschlossen den Weg zu bahnen für seine Freiheit, allen Gewalthabern zum Trotz. Die Proletarierinnen Deutschlands werden dabei nicht fehlen, dafür bürgt die eifrige und erfolgreiche Agitation, die von den Genossinnen in allen Gauen des Reiches betrieben wird. Gemeinsam mit den Arbeitsbrüdern, Hand in Hand mit den Kämpfern gegen Unrecht und Aus- beutung in jeder Form werden die proletarischen Frauen das Maifest zu einem Tage glühenden Protestes gegen die Machthaber der heutigen Gesellschaft gestalten, an dem die ziel- und klassenbewußten Arbeiter aller Länder den Treu- schwur erneuern, den ihre Vertreter auf den internationalen Kongressen dem revolutionären Sozialismus geleistet haben. Vorwärts, Genossinnen! Rüstet zum 1. Mai, der den Kampf des Proletariats erhellt, der auch dieses Jahr ein Schritt weiter sein wird auf der Siegesbahn, an deren Ziel als ein wichtiges Mittel zur Befreiung des Proletariats winkt: Das Frauenstimmrecht! Paul Singer. Acht Stunden! Der Maitag des kämpfenden Proletariats naht. Die Natur hat sich zu seinem würdigen Empfang bereitet. Frisches, saftiges Grün und zarte, duftige Blätter prangen an Sträuchern und Bäumen, überall unbesiegbares Leben, schwellende Kraft und leuchtende Schönheit. Ein Sehnen und Hoffen raunt durch Natur und Menschenseele, das Hoffen auf Frucht und Ernte. Millionen aber sehen von der Maiherrlichkeit nichts, sie lind des Rechtes zur Lenzesfreude beraubt durch eine Macht, die alles Menschliche niederdrückt. Diese Macht ist der Kapitalismus. Millionen von Männern und Frauen, von Knaben und Mädchen spannt er in sein Joch. In einförmiger Arbeit in der Fabrik oder im Heim, im Kontor und Ver- kaufsladen, im Berg- und Hüttenwerk oder in der Land- Wirtschaft müssen die Ausgebeuteten Mehrwert für die Kapitalistenklasse schaffen. Und in allen Kulturländern ist das Weib das begehrteste Ausbeutungsobjekt. Viele Hundert- tausende und aber Hunderttausende Proletarierinnen fronden 10 und 11 Stunden und noch mehr. Zu der Arbeitszeit kommen die Wege zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, Überstunden, Nach-Feierabend-Arbeit usw. Der Kapitalismus verweigert den Frauen wie allen Ausgebeuteten die Zeit zum Genießen des Schönen, das Natur oder Kunst beut; er ver- weigert ihnen sogar die Zeit zur Pflichterfüllung in Familie und Gesellschaft, die Zeit zur Ruhe und Pflege des Körpers, zur Befriedigung und Entfaltung des Geistes. Das Kapital konfisziert die Jugendblüte und Jugendfreude der jungen Mädchen, es konfisziert aber auch die Familienmutter, wie Karl Marx sich ausdrückt. Mehr als 26 Prozent der Arbeiterinnen sind verheiratete Frauen! Du Gebenedeiete unter den Weibern, du junge Mutter, mußt deinen Neugeborenen im Stiche lassen, denn du hast keine Wohnung, keine Klei- dung, kein Brot für dich und deinen Liebling, wenn du nicht verdienst und dich damit dem Machtgebot des Kapitals unter- wirfst. Was schiert das Kapital deine Mutterschaft, dein Kind? Es hat Heißhunger nach deiner Arbeitskraft, die ihm reichen Profit bringt. Die ausgebeutete Frau mag vorzeitig siechen und sterben. Das Kind mag aufwachsen ohne Liebe, Pflege und Erziehung, es mag sterben oder verderben. Zahllosen Proletarierkindern fällt dieses Los. Viele Tausende sterben. In den Fabrikdörfern verlassen bis 45 Prozent der Säug- linge diese„beste aller Welten", weil die Mutter 10 und mehr Stunden des Tages um des Brotes willen der Kapi- talistenklasse zinsen muß. Tausende von proletarischen Kleinen verkümmern an Leib und Seele, bevölkern die Krankenhäuser, wachsen zu Insassen der Besserungsanstalten und Zuchthäuser heran. Die ausbeutende und herrschende Kapitalistenklasse fechten die himmelschreienden Übel der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht an. Sie hat nicht einmal ge- nützendes Verständnis dafür, daß sie insbesondere mit der gewissenlosen Auswucherung der weiblichen, jugendlichen und kindlichen Arbeitskräfte künftige Ernten im Halme ab- mäht, die Quellen nationaler Kraft verschüttet. Das Kapital will allein Herr sein. Es strebt daher danach, Leib und Geist der Arbeitenden zu unterjochen, auch um den Preis der Vernichtung körperlichen und geistigen Lebens. Es haßt den denkenden Menschen, der sich gegen seine Herrschaft auf- lehnt, es braucht lebendige Arbeitsmaschinen, die Mehrwert schaffen, feige, denkfaule Sklaven, die nicht mucksen. Die Forderung verkürzter Arbeitszeit, zumal des Acht- stundentages, ist angesichts der Lage der Dinge die Prokla- mierung der Menschenrechte der Arbeiter und Arbeite- rinnen. Sie schließt in sich die Anerkennung ihres Rechtes auf Ruhe mtd Gesundheit, auf Pflege des Körpers und Entwicklung des Geistes, auf Familienglück und Anteilnahme an den Kulturgütern. Sie besagt, daß die Proletarier mehr sind als„Hände", daß sie Menschen, Glieder der Familie, des Staates, der Gesellschaft sind. Da- her richtet das klassenbewußte Proletariat, wie der Jnter- nationale Kongreß zu Paris 18S9 beschlossen hat, an die öffentlichen Gewalten die Forderung, den achtstündigen Ar- beitstag gesetzlich festzulegen. Je mehr die Frau als Ausgebeutete unter der Fuchtel des Kapitals leidet, je mehr sie sich selbst und den Ihrigen schuldig bleiben muß, um so wichtiger ist es für sie, daß die kämpfende Arbeiterklasse der bürgerlichen Welt den gesetz- lichen Achtstundentag abtrotzt. Ist er errungen, so wird die Arbeiterin zu freierem, stolzerem Menschentum emporsteigen. Die Stunden und Kräfte, welche der Achtstundentag der Lohnsklaverei entzieht, kommen ihrem leiblichen Wohle, kommen aber vor allem auch der Entfaltung und Betätigung ihres geistigen Lebens zugute. Sie kann sich bilden, mehr von Wissenschaft, Kunst und Natur haben als die armseligen Brosamen, die sie jetzt mit Nachtarbeit und Darben erkaufen muß. Die Arbeiterin vermag als Weib, als Mutter zu leben, ihren Kindern, ihrem Manne ein erquickendes Heim aufzubauen, eine trauliche Stätte körperlichen und geistigen Gedeihens. Sie erhält größere Bewegungsfreiheit, sich auf- zuklären und als organisierte Klassenkämpferin ihre volle Pflicht und Schuldigkeit zu tun, sich damit als Staats- und Gesellschaftsbürgerin zu betätigen. Der Achtstundentag wird den Mut und die Energie steigern, womit das Proletariat den Kampf gegen den Kapi- talismus führt. Denn die Kraft, die den Ausgebeuteten in- folge der kürzeren Arbeitszeit bleibt, die größere Einsicht, welche die Frucht vermehrter Muße ist, werden sie zum wuchtigeren Ansturm gegen die kapitalistische Ordnung be- fähigen. Der Achtstundentag bedeutet eine wichtige Etappe auf dem Marsche zur Menschheitsbefreiung. Die Maifeier ist der imposante Ausdruck der geistigen Einheit des Weltproletariats, das seiner Klassenlage bewußt geworden ist. In allen Ländern dasselbe Elend, aber auch die gleiche Erkenntnis seiner Ursachen und der gleiche Wille zu einer sozialen Neuordnung der Dinge. Und allüberall ein mächtiges Anschwellen der Scharen derer, die für ihr Menschen- tum kämpfen. Wie sie ohne Unterschied der Nation und des Glaubens zusammenstehen, so auch ohne Unterschied des Geschlechtes. Die gleiche Idee beseelt Mann und Weib im Proletariat aller Länder. Darum heraus aus euren dumpfigen Fabriken, Kontoren und Läden, heraus aus euren düsteren, armseligen Wohnungen, heraus, ihr Proletarierinnen in Stadt und Land, zur Maiseier! Sie soll die Heere der Kämpfenden vermehren und die Begeisterung für die hehre Sache des Proletariats zu heller Flamme entfachen. Sie soll ihr Teil dazu beilragen, den herrlichen Völkermai der Zukunft herbei- zuführen, an dem es keine Herren und Knechte mehr gibt, keine übersatten und keine Hungrigen, keine überverfeinerten und keine Verrohten und Verdummten. Ihr gedrückten und getretenen Proletarierinnen, laßt eure Sorgen hinter euch, schaut vorwärts, euren Hoffnungen und Siegen entgegen! Sammelt euch um das leuchtende, rote Banner, welches dem Proletariat voranweht auf seinem Marsche durch die Wüste der kapitalistischen Ordnung nach dem gelobten Lande des Sozialismus! Ottilie Baader. Wir verlangen Rechenschaft. In diesem Jahre werden sich hoffentlich auch recht viele Arbeiterinnen an der Maifeier beteiligen. Haben uns doch gerade die Ereignisse des letzten Jahres die unerträglichen Folgen der jetzigen Ausbeutungswirtschaft aufs deutlichste gezeigt. Wir erfreuten uns wieder einmal eines sehr guten Ge- chäftsjahres. Die Großkapitalisten haben denn auch Riesen- Profite eingesteckt. Was aber hat das Jahr für die Arbeiter und Arbeiterinnen gebracht? Hierüber Rechenschaft zu ver- langen, ist unsere Pflicht an dem Tage der Maifeier. Der Beschluß des Internationalen Arbeiterkongresses zu Paris im Jahre 1889, durch welchen die Maifeier festgelegt worden ist, wurde gefaßt, nachdem der Kongreß unmittelbar vorher erklärt hatte:„Eine wirksame Arbeiterschutzgesetzgebung ist in allen Ländern, welche von der kapitalistischen Produktions- weise beherrscht werden, absolut notwendig." Demgemäß haben die Arbeiter im Laufe der Jahre bei jeder Maifeier von neuem die Forderung nach einer wirksamen Arbeiter- 'chutzgesetzgebung erhoben. Die Stimme des Internationalen Arbeiterkongresses ist auch nicht ganz ungehört verhallt. Die Regierungen ant- warteten zunächst iin Jahre 1890 darauf mit der„Jnter- nationalen Arbeiterschutzkonferenz" zu Berlin, welche Stellung nahm zu der Regelung der Arbeit in Bergwerken, der Rege- lung der Sonntagsarbeit, der Regelung der Kinderarbeit und der Regelung der Frauenarbeit. Die Beschlüsse dieser Konferenz entsprachen aber ganz und gar nicht der Forde- rung der Arbeiter nach einer wirksamen Arbeiterschutz- gesetzgebung. Ebenso stebt es mit den kläglichen Schutz- Nr. 9 gesehen, zu welchen die einzelnen Staaten sich nach dieser Konferenz herbeiließen. Daher mußten die Arbeiter ihre Forderung nach einer wirksamen Arbeiterschutzgesetzgebung immer nachdrücklicher wiederholen. Im letzten Jahre endlich schienen die Regie- rungen zu einem weiteren Schritte auf der Bahn der inter- nationalen Arbeiterschutzgesetzgebung bereit zu sein. Es trat die Internationale Arbeiterschutzkonserenz in Bern zusammen; die Regierungen hatten also Gelegenheit, das, was sie vor 15 Jahren nicht leisten konnten, jetzt nachzuholen. Die Vertreter der deutschen Reichsverwaltung hatten dazu einen ganz besonderen Grund. Als es sich nämlich auf der Internationalen Arbeiterschutzkonserenz in Berlin darum handelte, einen gesetzlichen Maximalarbeitstag für die Ar- beirerinnen festzulegen, hatte der großbritannische Delegierte, Herr Scott, beantragt, daß die Arbeit der Frauen einen Durchschnitt von zehn Stunden täglich nicht überschreiten dürfe; dieses System sei in seinem Lande in Kraft, und jeder fahre gut dabei. Ferner empfahl der ungarische Delegierte, Herr Dr. v. Schnierer, die Annahme des Maximalarbeitstags von zehn Stunden. Hiergegen aber wendete sich namentlich der deutsche Delegierte, Herr Koechlin, und wurde dabei von dem österreichischen Delegierten, Herrn Baron v. Plappart, unter- stützt. Beide Herren, so heißt es im amtlichen Protokoll,„führten den Nachweis, daß es bei dem gegenwärtigen Zustand der Industrie und den sozialen Verhältnissen unmöglich sei, auf die Zahl von zehn Stunden herunterzugehen, daß man aber vielleicht in der Folge dazu gelangen könne". Bei der Ab- stimmung erklärten sich vier Staaten: Ungarn, Frankreich, Großbritannien und Portugal für zehn Stunden, dagegen für elf Stunden Deutschland, Osterreich, Dänemark, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Schweden und Norwegen, also acht Staaten. Drei Staaten: Belgien. Spanien und die Schweiz enthielten sich der Abstimmung. Wären Deutsch- land und Osterreich für zehn Stunden eingetteten, dann hätte sich fraglos die Mehrheit dafür entschieden. So haben Deutschland und Osterreich es verschuldet, daß der viel zu lange elfstündige Maximalarbeitstag auf der ersten Inter- nationalen Arbeiterschutzkonserenz der Regierungen festgelegt wurde. Und im eigenen Lande hat das Deutsche Reich dann ebenfalls diesen Maximalarbeitstag zum Gesetz er- hoben für diejenigen Arbeiterinnen, die überhaupt bisher geschützt sind. Nun waren die Gründe, welche die Vertreter des Deutschen Reiches und Österreichs gegen den zehnstündigen Maximal- arbeitstag geltend gemacht, schon damals, im Jahre 1830, nicht begründet. Der damalige„Zustand der Industrie" und die zu jener Zeit herrschenden„sozialen Verhältnisse" erheischten vielmehr im Interesse der körperlichen und geistigen Gesundheit der Arbeiter, die Verkürzung des Maximal- arbeitslags für Arbeiterinnen auf zehn Stunden, ja sogar auf eine noch kürzere Zeit. Inzwischen aber hat sich unsere Industrie so weit entwickelt, und unsere sozialen Verhältnisse haben sich so weit verschärft, daß selbst fast alle bürger- lichen Praktiker und Theoretiker die dringende Notwendig- keit eines kürzeren gesetzlichen Maximalarbeitstags für die Arbeiterinnen anerkennen. Der einzige Einwand, der noch vorgebracht wird, ist, daß in einigen rückständigen Staaten die Arbeitszeit ebenso lang oder gar noch länger als bei uns ist. Daß auch dieser Umstand nicht entscheidend sein darf, hat die Erfahrung zur Genüge gelehrt. Auf dem Weltmarkt sind die konkurrenzfähigsten Staaten nicht diejenigen mit den schlechtesten Arbeiterschutzgesetzen, sondern diejenigen, in denen die Arbeiter am besten geschützt sind und deshalb einen höheren Grad der Leistungsfähigkeit erreicht haben. Wie dem aber auch sei, gerade diejenigen, die sich auf die Kon- kurrenz der rückständigen Staaten als auf einen Grund gegen den notwendigen Ausbau unseres Arbeiterinnen- schutzes berufen, hätten die Pflicht gehabt, es durchzusetzen, daß wenigstens im vorigen Jahre auf dem Internationalen Kongreß zu Bern die Arbeiterinnen von der unverantwort- lich langen Arbeitszeit befreit würden. Hierbei hätte das Deutsche Reich ganz besonders mitwirken müssen, um das Versprechen vom Jahre 1830 zu erfüllen:„daß man aber vielleicht in der Folge dazu"(zu einer kürzeren Arbeitszeit) „gelangen könne". Endlich wäre ein guter Erfolg sicher nicht ausgeblieben, da bereits mehrere Staaten mit dem Ivstündigen gesetzlichen Maximalarbeitstag sehr gut aus- gekommen sind und sich anschicken, die Arbeitszeit noch weiter herabzusetzen. Aber auch die JnterMtionale Arbeiterschutzkofiferenz in Bern im vorigen Jahre hat in dieser Beziehung völlig ver- sagt. Sie beschäftigte sich außer mit dem Weißphosphor- verbot in der Zündholzindusttie nur noch mit dem Verbot der industriellen Nachtarbeit der Frauen, das in der Form ausgesprochen wurde, daß die Arbeiterinnen in der Zeit von 10 Uhr abends bis 5 Uhr morgens nicht beschäftigt werden sollen, und ihnen eine Ruhezeit von mindestens 11 Stunden eingeräumt werden muß. Hiernach bleibt noch die Zeit von 13 Stunden für die Beschäftigung der Arbeiterinnen übrig. Solche Beschlüsse sind geradezu ein Hohn auf die Forderung der Arbeiter nach einer wirksamen Arbeiterschutzgesetz- gebung. Sie dienen für Deutschland nur dazu, daß sich die Gegner einer wirksamen Arbeiterschutzgesetzgebung auf sie als einen Grund gegen den Ausbau unseres Arbeiterschutzes berufen. Nach dieser Methode wird bei uns in der Tat gearbeitet. Alle die Anregungen, welche die klassenbewußten Arbeite- rinnen für einen wirksamen Arbeiterinnenschutz gemacht haben, werden mit dem Hinweis auf die Konkurrenz der rückständigsten Staaten beiseite geschoben. So kommt es, daß die deutsche Arbeiterschutzgesetzgebung in keinem einzigen Punkte genügt. Wir brauchen nur die Anregungen durch- Die Gleichheit zusehen, welche auf dem Parteitag in Dresden 1303 an- genommen wurden. Da wurde unter anderem verlangt: Die Ein- führung des gesetzlichen Achtstundentags für alle erwachsenen Arbeiterinneri, der durch eine stufenweise Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit auf 10 bezw. 3 Stunden für eine kurze, gesetzlich bestinunte Übergangszeit vorbereitet werden kann. Wir haben aber noch immer den 11 stündigen Maximal- arbeitstag für die Fabrikarbeiterinnen. Ein großer Teil der anderen Arbeiterinnen steht ganz schutzlos da. Die über- stundenarbeit ist noch immer üblich, und nicht einmal Sonn- abendnachmittag haben die Arbeiterinnen frei. In einer Reihe von solchen Beschäftigungsarten, welche dem weib- lichen Organismus ganz besonders schädlich sind, müssen die Arbeiterinnen ihre Gesundheit opfern. Das Elend der Haus- industrie dehnt sich immer weiter aus. Selbst Schwangere und Wöchnerinnen entbehren vielfach des nötigen Schutzes. Endlich wird den Arbeiterinnen die Wahrung ihrer Rechte durch ihre Mitarbeit in den gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterorganisationen nur zu oft erschwert, selbst unmöglich gemacht. Dies ist die Antwort, die wir erhalten, da wir Rechen- schaft verlangen über das, was für eine wirksame Arbeiter- schutzgesetzgebung geschehen ist. Trotz des guten Geschäfts- ganges ini letzten Jahre, trotz der Riesenprofite der Unter- nehmer herrschen noch immer unerträgliche Zustände für die Arbeiterinnen. Die herrschende Klasse läßt sich auf ihrer Jagd nach Profit weder durch wissenschaftliche Gründe noch durch rührende Predigten im mindesten aufhalten. Nur durch den Druck einer starken, zielbewußten Arbeiterinnenbewegung ist die herrschende Klasse zu zwingen, auf unseren Ruf:„Wir fordern Rechenschaft", mehr als bisher zu achten. Daher heißt es jetzt für jede denkende Arbeiterin, all ihre Kräfte einzusetzen, unermüdlich ihre Klassengenossinnen aufzuklären und sie für den gemeinsamen Kampf zu gewinnen. Gustav Hoch. Fort mit dem Militarismus! Fort mit dem Militarismus! So schallt am 1. Mai die Losung der zielbewußten Arbeiterklasse über den Weltball. Und diese Losung gewinnt mit jedem Jahre an Bedeutung. Mit der fortschreitenden kapitalistischen Entwicklung wachsen in allen Ländern Militarismus und Marinismus-riesenhaft, macht sich eine abenteuer- und rauflustige Weltmachtspolitik breit, vermehrt sich der Zündstoff für verderbenschwangere Kriege, werden die Söhne des Volkes zum Kampfe gegen „den inneren Feind" gedrillt.— Wer aber hätte ein größeres Interesse daran, gegen die drückende Last und die drohenden Gefahren des Militarismus und seine Geschwister sich .protestierend, kämpfend zu erheben, als die Frauen und Töchter der ausgebeuteten Massen? Holt doch der Moloch aus ihrem schmalen Beutelchen oft genug den letzten Nickel für Kasernen, Panzerschiffe und Mordwerkzeuge heraus, und zu der Steuer an Gut fordert er die an Blut ein, indem er Söhne und Brüder in die„Ferienkolonien" zwingt und sie mitsamt den Gatten und Vätern eines schönen Tages aufs Schlachtfeld stößt oder bei Streiks und Rechtsforderungen zum Niederknallen der begehrlichen„Elenden" kommandiert. Fort mit dem Militarismus, er plündert die Kassen der Staaten, die Taschen der Armen und Ärmsten. Erst vor kurzem ist in Deutschland wieder die Aufmerksamkeit der Proletarierinnen auf den nimmersatten Appetit des drei- köpfigen Ungeheuers gelenkt worden, das sich vom Mark und Blut des arbeitenden Volkes nährt. Die Regierung verlangte und der Reichstag bewilligte mit Pudelgehorsam einen weiteren Ausbau des Marinisinus. Der Mann- schaftsbestand der Flotte wird„vorläufig" bis 1320 alljähr- lich nicht unbedeutend erhöht, was eine entsprechende Steige- rung der Riesensummen bedingt, welche auf dem Altar Agirs geopfert werden. Wie lange noch, und das„herrliche Kriegsheer" wird ebenfalls wieder einmal nach weiterer Ausgestaltung und Erfolgen„schreien". Von 1372 bis 1302 hat das Deutsche Reich nicht weniger als 20 Milliarden, 118'/» Millionen direkt für Heer und Marine verausgabt. Dazu kommen noch die vielen Millionen für die Verzinsung der Kapitalien, welche Deutschland zu militaristischen und marinistischen Zwecken gepumpt hat; die anderen vielen Millionen, welche die törichte Kolonialpolitik mit ihrem Drum und Dran verschlang. Und diese fabelhaften Summen, die man kaum auszudenken vermag, sind fast ausschließlich durch die Besteuerung des unentbehrlichsten Lebensbedarfes aus den werktätigen Massen herausgepreßt worden, j An ihnen hängen auch unsägliche Ärbeitsqualen, Sorgen und Ent- behrungen der proletarischen Frauen. Nach einer Berech- nuiig aus dem Jahre 1303 mußte jeder Deutsche rund 21 Mk. für Heer und Marine steuern. Das ist eine bedeutende Summe für eine Proletarierin. Fort mit dem Militarismus! Er hindert das Empor- blühen gesunden kulturellen Lebens. Es leiden alle Kultur- aufgaben, die im Interesse der Proletarierin und der Ihrigen gelöst werden müßten, weil Militarisinus, Marinismus und Kolonialpolitik die Reichskassen aufs gründlichste plündern. Die Millionen tanzen lustig, wenn es sich darum handelt, Kasernen und Schießplätze zu errichten, mehr Panzerschiffe und Kanonen zu beschaffen. Das Reich hält den Daumen fest auf den Beutel, sobald die Forderung einer ernsten Wohnungsreform erhoben wird, um Tausende und aber Tausende Proletarier aus ihren traurigen, ungesunden Höhlen zu reißen; sobald Mittel geheischt werden, um die Kinder des Volkes zu körperlich und geistig gesunden und starken Menschen zu erziehen, sobald es Einrichtungen gilt, der unverschuldeten Not der Massen zu wehren. Die Seiten dieses Blattes würden nicht ausreichen, all die kulturellen Aufgaben auch nur auszuzählen, welche über der Groß- 59 päppelung des Militarismus und seines Geschwisterpaares gröblich vernachlässigt werden. Fort mit dem Militarismus! Er trägt Ruin und Tod in die Länder, Herzeleid und Elend in die Familien. Der Machtkitzel der Herrschenden, die Tölpelei der Diplomaten. die Geldsackinteressen der Kapitalistenklüngel, die sich eine Sphäre der Ausbeutung streitig, nachen, können Kriege ent- fachen, deren barbarische Greuel mit der steigenden Kultur nicht abgenommen haben, sondern entsetzlicher geworden sind. Hat nicht der russisch-japanische Krieg gezeigt, daß dank der Fortschritte der Technik das Massenmorden Formen angenommen und Schrecknisse gezeitigt hat, die einer höllischen Phantasie entsprungen zu sein scheinen? Der Proletarierin krampst sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß ihr Gatte, ihr Sohn, ihr Bruder im Völkerwürgen töten muß oder getötet werden kann, blühende Menschen in Krüppel verwandelt und selbst vielleicht als Krüppel, als Siecher zurückkehrt, der den Leierkasten drehen darf, um nicht zu ver- hungern. Fort mit dem Militarismus! Er ist ein Werkzeug der Klassenherrschaft der Ausbeuter über die Ausgebeuteten, der Unterdrücker über die Unterdrückten. Sein Wesen atmet darum Brutalität und Gewalt und steht im schroMen Gegen- satz zu allem bürgerlichen Leben. Er reißt die Söhne des Volkes aus ihrem Beruf und unterwirft sie einem Drill- system, das den Geist lähmt, den Willen bricht, den Menschen zur Maschine entwürdigt. Er geivöhnt an Roheiten, unter denen nur zu oft Frau und Kinder leiden. Er zeitigt Schinderei und Bluturteile, die Mütter und Bräute erzittern machen. Aufs schärfste zugespitzt, spiegelt er in der Schei- dung zwischen„Gemeinem" und Offizieren den Klassengegen- satz zwischen reich und arm wider; der bornierteste Kastengeist mit all seinem Gefolge von demoralisierenden Eigenschaften wird durch ihn gezüchtet. Er degradiert den Mann in Waffen zu einem Bürger zweiter Ordnung, der weder durch die Organisation noch mit dem Stimmzettel seine Interessen und die der Seinigen verteidigen darf. Er will den Sohn des Volkes zum Kampfe gegen sein eigen Fleisch und Blut zwingen.„Der Soldat muß auf Vater und Mutter schießen, wenn der oberste Kriegsherr es befiehlt", dies Wort muß jede Proletarierin über das Wesen des Militarismus aufllären und zu seiner Todfeindin machen. Die Dreieinigkeit der Infanterie, Kavallerie und Artillerie soll die kapitalistische Ordnung der Ausbeutung und Un- freiheit erhalten. Fort mit dem Militarismus, so erklären daher am 1. Mai in Gemeinschaft mit Millionen kämpfender Brüder die prole- tarischen Frauen, welche befreiungssehnsüchtig in die Zukunft schauen. Wir fordern, entsprechend dem sozialdemokratischen Programip, Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftig- keit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere. Entscheidung über Krieg und Frieden durch die Volksvertretung. Schlichtung aller internatio- nalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege. Das sind Forderungen, welche der kapitalistische Gegenwarts- staat sofort erfüllen kann, im Interesse des Volkes und der Kultur erfüllen müßte. Aber trotz alledem wird er ihnen ein starres Nein entgegensetzen. Die Ausbeutenden und Herr- schenken wissen, daß die allgemeine Volksbewaffnung die beste Schutzwehr für die Rechte und Freiheiten der Massen ist. Die Macht des kämpfenden Proletariats muß daher den Militarismus stürzen. Krieg dem Kriege und dem System, das zu ihm treibt, der Gesellschaftsordnung, die ihn erzeugt! Hoch der Klaffenkampf, welcher dem Völkerfrirden die Wege bereitet! W. Kähler. M. A. Spiridonowa. Die lange Reihe Greueltaten des russischen Absolutismus ist um ein ganz besonders scheußliches Verbrechen vermehrt worden, und der Martyrolog der russischen Revolution weist einen neuen Namen auf: den der 21jährigen Spiridonowa. Dieses junge Mädchen, dem Aussehen nach ein zartes, schönes Kind, trat dem Vizegouverneur von Tambow, Luschenowsky, als Richter und Rächer gegenüber. Es erschoß ihn, einen der blutgierigsten zarischen Henker, zur Strafe für die Morde, Auspeitschungen und Mißhandlungen, deren er sich an den aufständischen Bauern schuldig gemacht hatte. Die Spiri- donowa wurde auf der Stelle verhaftet, und noch ehe sie vor dem Kriegsgericht erschien, mußte sie seitens ihrer Schergen die schrecklichst:« Mißhandlungen, leibliche und seelische Folterqualen erdulden, die das größte Aufsehen, die höchste Empörung erregten, obgleich man in Rußland an die Mißhandlung von Revolutionären gewöhnt ist. Ein Brief, den die Spiridonowa aus dem Gefängnis an ihre Genossen richtete, und den die Petersburger Zeitung„Ruß" veröffentlicht hat, enthielt darüber, was folgt. Bei der Ver- Haftung wurde die„Verbrecherin" unbarmherzig mit Kolben- schlügen traktiert, am Haar emporgehoben, zu Boden ge- schleudert, am Bein die Treppe herunter geschleift usw. Bewußtlos und fiebernd kam sie im Polizeigefängnis an. Allein das Entsetzlichste stand ihr noch bevor. „Um ein oder zwei Uhr," so heißt es in dem Brief, „kamen der Polizeileutnant Schdanow und der Kosaken- offizier Abramow in meine Zelle. Sie blieben bis elf Uhr abends da. Sie verhörten mich und follerten mich dabei in so ausgesuchter Art, daß selbst Iwan der Schreckliche sie darum beneidet hätte. Mit einem Fußtritt schleuderte mich Schdanow in die eine Ecke der Zelle, wo mich der Kosaken- offizier erwartete und mir auf den Rücken trat; dann schleuderte er mich wieder Schdanow zu, der mir auf den Hals trat, und so fort. Darauf zogen sie mich aus, befahlen, die ohnehin kalte Zelle nicht zu heizen, schlugen mich mit 60 Die Gleichheit Nr. 9 ihren Nagaikas und sagten, jedesmal fürchterlich fluchend: „Nun, mein Fräulein, halte mal eine feurige Rede!" Mit einem Auge konnte ich nicht mehr sehen, die rechte Hälfte des Gesichts war furchtbar zerschlagen, sie drückten die wunden Stellen und fragten hämisch:„Tut's weh, mein Liebchen? Sag, wer sind deine Genossen?" Ich fieberte und redete oft irre und fürchtete, in meinen wirren Reden etwas zu sagen, was den Gendarmen hätte nützen können. Als mir das volle Bewußtsein wiederkehrte, machte ich meine Aussagen. Sie riefen einen wahren Sturm von Empörung hervor: man riß mir die Haare eins nach dem andern aus, man löschte glimmende Zigaretten an meiner Haut und sagte: „So schrei doch, Luder!" Um mich zum Schreien zu zwingen, traten sie mir mit ihren dicken Stiefeln auf die bloßen Füße und riefen:„So schrei doch! Bei uns im Dorf schreien die Mädels wie besessen dabei, und das kleine Ding will nicht schreien. Warte nur, über Nacht kommst du zu den Kosaken." „Nein," sagte der Kosakenoffizier Abramow,„erst kommen wir daran, und dann die Kosaken.... In einem Extrazug brachte man mich nach Tambow* Der Zug geht langsam, es ist kalt und dunkel. Abramow flucht fortwährend. Man spürt den Hauch des Todes. Sogar den Kosaken wird unheimlich zu Mute. „Singt doch, Kerls, singt, das Luder soll inmitten unserer Lustig- keit krepieren!" Ich fiebere wieder, ich habe Durst, aber Wasser ist nicht da. Der Offizier geht mit mir in das Wagenabteil zwetter Klasse. Er ist betrunken und freundlich, seine Arme umfangen mich, knöpfen das Kleid auf, die trunkenen Lippen flüstern:„Welche weiche Brust, welch schöner Leib!..." Ich habe keine Kraft ihn zurückzustoßen. Ich habe auch keine Kraft, um Hilfe zu rufen. Aber es wäre auch wohl unnütz. Ich hätte mir gern den Kopf zerschmettert, aber der vertierte Offizier verhindert es. Er versetzt mir einen furchtbaren Schlag, um den Widerstand meiner fest zusammen- gepreßten Beine zu lähmen. Der Offizier beugt sich über mich, stteichelt mein Kinn und flüstert zärtlich:„Warum knirschen Sie so mit ihren kleinen, weißen Zähnchen? Sie werden sie zerbrechen!" Ich hielt mich die ganze Nacht wach, da ich von seiner Seite das Schlimmste befürchtete. Vor der Ankunft in Tambow schlief ich doch auf eine Stunde ein, ich erwachte, als ich schon seine Hand auf mir fühlte.... Auf dem Wege vom Bahnhof nach dem Gefängnis sagte er zu mir:„Sehen Sie, ich umarme Sie!" In Tambow fieberte ich wieder und bin sehr krank." Die bestialischen Untaten, die an ihr verübt worden sind, haben die Lebenskraft der Spiridonowa gebrochen. Sie sieht schlecht— im Anfang schien es, daß sie das Sehvermögen vollständig verloren habe— und hört beinahe gar nicht mehr. Rasend schnell entwickelt sich die Schwindsucht. Zu allen übrigen Leiden soll ihr Schänder noch die Syphilis aus sie übertragen Huben. Bei der'Verhandlung ihr�, Prozesses lassen die Aussägen zweier Arzte einen Rückschluß auf die unsäglichen Qualen zu, welche die Freiheitskämpferin erlitten hat. Einer davon hat die Spiridonowa viele Tage nach ihrer Mißhandlung untersucht und konstatiert, daß sich auf ihrem Körper zahllose Spuren von Schlägen und Martern befanden. Herzzerreißendes ging aus den Angaben des Ge- fängnisarztes Fink hervor, der die Spiridonowa untersuchte, als sie, kaum atmend, eingeliefert wurde, nicht bloß eine un- beschreiblich Gemißhandelte, sondern eine Vergewaltigte oben- drein. Was Fink feststellte, das ist noch schlimmer als alles, was man auf Grund des Briefes der Spiridonowa und der Zeugen- aussagen ahnen konnte. Kaum faßbar scheint, daß das zarte, schmächttge Geschöpf all die gräßlichen leiblichen und seelischen Qualen erttagen konnte. Und doch ist in dem zerfolterten Körper der Geist trotz aller erduldeten Martern stark geblieben. Wohl erschien die Spiridonowa als eine vom Tod Gezeichnete vor ihren Richtern, aber trotzdem als eine überzeugte und begeisterte Kämpferin für das Glück ihres Volkes. Ein hohler Husten erschütterte ihre Gestalt, und das Taschentuch, das sie zum Munde führte, um ihn zu dämpfen, war blutbefleckt. Ihre Züge hatten jedoch eine bewußte Energie bewahrt, über- zeugung glänzte in ihren Blicken, und was fie sprach, war von echter Begeisterung gettagen. Schlicht erklärte sie die Gründe ihrer Tat. Nicht feige Mordlust hatte ihr zugerufen: töte! sondern unsägliches Erbarmen mit den getretenen menschlichen Kreaturen, glühende Menschen- und Freiheitsliebe. Am Schlüsse der Verhandlungen sagte fie stolz:„Meine Herren Richter, sehen Sie sich um, wo sehen Sie freudige Gesichter zufriedener und glücklicher Menschen? Es gibt keine. Sogar diejenigen, auf deren Seite der Triumph ist, auch die find nicht froh. Ihr Triumph wird bald zu Pstldi: sein, denn es nahW�enS Ende der Leiden aller Gedrücktest, aller Gequälten. Sie werden zu neuen Kampfes- Mitteln übergehen. Ich scheide aus diesem Leben, Sie können mich töten, Sie können die grausamste Strafe für mich erfinden, aber dem, was ich erttagen habe, können Sie nichts hinzufügen." Das Gericht verurteilte die Spiridonowa zum Tode durch den Strang, beschloß jedoch, um ihre Be- gnadigung zu Zuchthausstrafe nachzusuchen. Ein Mächtigerer als alle Henker des Zarenreiches wird jedenfalls früher über das Schicksal deS Heldenmädchens entscheiden: der Tod, der ihr als Freund und Befreier naht. Die Peiniger der Spiridonowa sind von ihren Vorgesetzten ausgezeichnet und befördert worden, aber das revolutionäre Sttasgericht hat bereits den Schänder des jungen Mädchens ereilt: er wurde auf der Sttaße niedergeschossen. Und auch das fluchbeladene Regime des Absolutismus, das Verbrechen über Verbrechen gebiert, wird eines Tages von dem revo- lutionären Weltgericht zerschmettert werden. Es wähnt seine Existenz mit Hilfe von Galgen, Kasematten und Sibirien zu verlängern. Es bereitet damit nur sein sicheres und furcht- bares Ende vor. Es säet Wind und erntet den Sturm der * Das Attentat ielbst fand in Borissogljebsk statt. Revolutton, der aus den Gebeinen ihrer Helden und Märtyrer neue Kämpfer und Kämpferinnen erstehen. Wie schreckensvoll auch die gegenwärtige Episode des Freiheits- kampfes in Rußland sein mag, verheißungsvoll klingt in ihr der Ruf der Revolution: Bald richt' ich mich rasselnd in die Höh', Bald kehre ich reisiger wieder. Die Maiforderungen der Dienstboten. Zum erstenmal scharen sich in Deutschland organisierte Dienstmädchen um den Maienbaum der modernen Arbeiter- bewegung. Wenigstens in Gedanken, denn winzig gering wird die Zahl der Haussklavinnen sein, denen es vergönnt ist, an den Maiveranstaltungen des gewerkschaftlich und politisch organisierten Proletariats teilzunehmen, und wäre es auch nur am Abend. Einen Feiertag für das Mädchen in voller Werkelwoche! Etwas Unerhörteres, Welterschüt- ternderes könnte sich die Phantasie der eleganten„Gnädigen" und der„guten bürgerlichen Hausfrau" nicht denken. Aber sind wir trotz allem nicht schon auf dem Wege zu solchem Unerhörten? Wir hoffen es, denn den Dienstboten und häuslichen Tagearbeiterinnen dämmert das Bewußtsein ihrer Lage auf und die Erkenntnis ihres Rechtes und ihrer Pflicht, sich ein größeres Maß persönlicher Freiheit, würdige Arbeits- und Existenzverhältnisse zu erkämpfen. In Nürnberg haben sie eine Organisation gegründet. In Berlin hat eine Be- wegung zur Abschaffung der Gesindeordnung und zu ziel- klarem Zusammenschluß der Dienenden eingesetzt, und diese werden sich hoffentlich ebenfalls in anderen Städten zu rühren beginnen. So fehlt es an diesem 1. Mai in der Welt der gedrückten häuslichen Lohnsklavinnen aller Art ge- wiß nicht an Herzen, welche in Sehnsucht und Hoffnung mit denen der demonstrierenden Proletarierinnen in Stadt und Land, in Fabrik und Feld zusammenschlagen. Die Forde- rungen um Schutz und Rechte, welche die Arbeitsbrüder und Arbeitsschwestern an die Gesetzgebung stellen, mahnen die häuslichen Bediensteten und Arbeiterinnen daran, daß auch sie beides zu heischen haben. Welches sind die wichtigsten Reformen, die in ihrem Interesse von den gesetzgebenden Gewalten verlangt werden müssen? Sie lauten in der Haupt- fache: Abschaffung der üb erlebt en Gesindeordnungen, welche ein schädliches und schimpfliches Aus- nahmerecht statuieren, Gleichstellung der Die- nenden mit den gewerblichen Arbeitern, freies und gesichertes Koalitionsrecht, sinngemäße Ausdehnung des gesetzlichen Arb eitersch utz es »Ms die Haus lj ch-eti Dienste f- i Unter dem Vorwand, daß die Dienstboten zur Familie gehören, in einem patriarchalischen Verhältnis und einer Verttauensstellnng zur Herrschaft stehen, hat man ihnen bis heute ihre rechtliche Gleichstellung mit den gewerblichen Ar- beitern vorenthalten. Für sie gelten die Gesindeordnungen, deren es in dem geeinten Deutschen Reiche gegen 60 gibt, denn nicht nur die Einzelstaaten haben ihr eigenes Gesinde- recht, sondern auch einzelne Provinzen, ja sogar Städte. Die Gesindeordnungen aber unterwerfen die Dienenden einem Ausnahmerecht, das mit beispielloser Ungerechtigkeit und Härte in der Hauptsache für die Herrschaften nur Rechte, für die Dienstboten nur Pflichten festlegt. Die Gesinde- ordnungen verpflichten die Dienenden, den Herrschaften Treue, Gehorsam und Achtung zu erweisen, ihren Anordnungen nachzukommen, sich anständig zu führen und unter Umständen auch Arbeiten zu verrichten, die in ihrem Vertrag nicht vor- gesehen sind. Von der Zahlung des Lohnes abgesehen, ist dagegen die Herrschaft den Dienenden gegenüber so gut wie zu gar nichts angehalten. Sie braucht weder Rücksicht auf Gesundheit und Kraft derselben, noch auf ihre menschliche Würde zu nehmen? sie kann sie von früh morgens bis spät in die Nacht herumkommandieren und schikanieren; sie hat nicht nötig, für menschenwürdige Schlaf-, geschweige denn Aufenthaltsräume zu sorgen; ja sie ist nicht einmal ver- pflichtet, ihr Gesinde ausreichend und gesund zu beköstigen. Während die Gewerbeordnung ausschließt, daß den Lohn- forderungen der Arbeiter Anrechnungen von Forderungen der Arbeitgeber entgegengestellt werden, lassen die meisten Gesindeordnungen zu, daß die Herrschaften vom Lohne der Dienstboten allen möglichen und unmöglichen„Schaden- ersatz" abziehen. Der„Gnädigen" geben sie tausend Gründ«. an die H.tnd; wenn sie ihr' Machen Knall und Fall otm� Entschädigung aus dem Dienst jagen will. Die Mädchen müssen dagegen schwere körperliche und moralische Mißhand- lungen nachweisen können, falls sie kündigungslos ihr Dienstverhältnis lösen wollen. Aber auch ttotz des geführten Nachweises ist es oft genug geschehen, daß die Polizei Un- glückselige als Konttaktbrüchige wieder in ein Haus zwang, wo sie die schwersten körperlichen und seelischen Schädi- gungen erwarteten. Die Gewerbeordnung verbietet, Zeug- nisse in die Arbeitsbücher der gewerblichen Arbeiter und Arbeiterinnen einzutragen. Die meisten Gesindeordnungen aber schreiben vor, daß in die Dienstbücher Zeugnisse über die Führung der Dienenden eingettagen werden müssen. Damit haben kleinliche, boshafte, rachsüchttge Herrschaften die Macht, einen mißliebigen Dienstboten verfemen, für lange Jahre in seinem Fortkommen hindern zu können. Und noch Schlimmeres wird Tausenden von Dienenden be- schert. Viele Gesindeordnungen lassen Prügelsttafe, körper- liche Züchtigung zu. Zwar hat das neue Bürgerliche Gesetz- buch das Züchtigungsrecht der Herrschaften abgeschafft. Aber nur auf dem Papier. Denn Artikel 9ö seines Ein- führungsgesetzes läßt die Gesindeordnungen ausdrücklich bestehen und damit auch die Schmach der Prügelstrafe. Die gewerbliche Arbeiterin kann bei Stteitigkeiten, die aus ihrem Arbeitsverhältnis erwachsen, leicht und kostenlos ihr Recht beim Gewerbegericht suchen. Wie ungünstig ist dagegen das Dienstmädchen in dem gleichen Falle daran. Es muß sich zunächst an die Polizei wenden, wo es zumeist barsch angeschnauzt und abgewiesen wird. Hierauf steht ihm der Weg der Klage beim Amtsgericht offen, der so umständlich ist, daß Tausende der Dienenden lieber auf ihr Recht verzichten, als ihn beschreiten. Wie dringend not tut es, daß endlich die Rechtsprechung der gewerblichen Schiedsgerichte auch den Dienstboten zugute kommt! Fort mit den Gesindeordnungen und Gleichste!- lung mit den gewerblichen Arbeitern muß daher die Parole aller sein, die im häuslichen und persönlichen Dienste stehen. Jedoch sie allein genügt nicht, um Wandel in ihrer Lage zu schaffen. Ihr müssen noch andere Forderungen hinzu- gefügt werden. Die Dienstboten bedürfen so gut wie die gewerblichen Arbeiter voller rechtlicher Bewegungsfreiheit, um sich zusammenschließen, ihre Interessen beraten und ver- teidigen zu können. Hinter die Forderungen zur Verbesse- rung ihres Loses müssen sie nöttgenfalls die Macht einer organisierten, fest zusammengeschlossenen Gesamtheit setzen können. Die angeblich so rührenden patriarchalischen persön- lichen Beziehungen zwischen Gesinde und Herrschaft sind heute nichts als eitel Trug, der in recht vielen Fällen ein skrupelloses kaltes Sachverhältnis zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern deckt. Die Zuerkennung eines freien und gesicherten Koalitionsrechtes ist daher zu einem Lebensbedürf- nis für die Dienstboten geworden. Aus den nämlichen Gründen aber auch die sinngemäße Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterschutzes auf das Gesinde. Die Gesetzgebung muß dem brutalen, gewissenlosen Raubbau ein Halt gebieten, den viele Herrschasten mit der Gesundheit, der Kraft, ja geradezu mit dem Leben der Dienstboten tteiben können. Es ist ein grobes Unrecht, unter Umständen ein Verbrechen, daß Mädchen, die oft genug in der Entwicklung stehen, vom grauenden Morgen bis in die sinkende Nacht Sonntags und Feiertags der Herrschaft für alle Werrich- tungen, welche eine findige Hausftau auszuklügeln vermag, zur Verfügung stehen müssen; daß sie recht häufig nicht ein- mal eine ungestörte Nachtruhe haben. Es verlangt dringend nach Abhilfe, daß die schwer schanzenden Dienstboten nicht selten die scheußlichsten, ungemütlichsten und ungesündesten Schlafstätten haben, daß ihnen kein Raum zur Verfügung steht, in dem sie für Leib und Geist Ruhe und Erquickung suchen, in dem sie ihre eigenen Angelegenheiten erledigen können. Der Arbeitstag der Dienenden müßte geregelt, ver- kürzt und durch eine anderthalbstündige Mittagspause unter- brochevqwcrdv.. Z-»u> fatie» Sw»ntagn»chmittag sollte sich ein halber freier Wochentag fügen. Für Überstunden und außergewöhnliche Arbeiten in bestimmter Ausdehnung wäre eine besondere Entschädigung zu zahlen. Sttenge Vorschriften müßte» die Wohnungsverhältnisse regeln. Das wären die Hauptzüge dessen, was die Gesetzgebung zum Schutze des Gesindes festzusetzen hätte. Was dagegen gesagt werden kann, das wird im großen ganzen von der Selbstsucht und Bequemlichkeit der herrschenden Klaffen diktiert, zum Teil aber auch von der Gewöhnung an Routine und altem Schlendrian und der Denkfaulheit. Der Ver- wirklichuug all der Forderungen zu Nutz und Frommen der Dienenden ist mächtig vorgearbeitet worden durch die wirt- schaftliche Entwicklung, welche dem Haushalt immer mehr Arbeiten abnimmt und der Industrie überträgt, wie dadurch, daß der Kreis der Personen sich verengt, welche die Familie umschließt. Sermitdem freien Koalitionsrecht und einer aus- enden Schutzgesetzgebung für die Dienenden! Wie die Sozialdemottatte bisher in den Parlamenten mit aller Treue für die Interessen des Gesindes gekämpft hat, so wttd auch weiterhin das organisierte Proletariat seine Kraft für dieselben einsetzen. Und der Erfolg wird um so größer und sicherer sein, je mehr die Dienenden selbst sich am Kampfe für ihr Recht betätigen. Der Arbeit Mai muß auch ihnen tagen. Helene Grünberg. Der Kampf um die Rente. Von E. G.(Fortsetzung.) Langsam schlich die Zeit dahin. Um den Lohnausfall zu decken, vFußtt'Ftau Weber novsedrungen ein« sogenannte Monatsstelle annehmen und ihre Kinder stundenlang am Tage allein lassen. In allem Unglück war ihr doch der eine Trost geblieben, daß der Zustand ihres Mannes sich langsam besserte, so daß nach Aussage des Chefarztes, wenn auch erst nach Monaten, eine Heilung zu hoffen war. Für die Kinder war es immer ein Trost, wenn sie Mittwochs und Sonntags den Vater besuchen und, das Krankenbett um- stehend, mit ihm nach Herzenslust reden konnten. Glückliche Kindheit, die noch keine Sorgen um das tägliche Brot und die rückständige Miete usw. kennt, Sorgen, die den armen Vater auf seinem Schmerzenslager ohne Unterlaß quälten. In der zehnten Woche nach dem unglückseligen Ereignis er- klärte Hartmann der Frau, daß sie bei der Krankenkasse an- ftagen solle, ob diese nach Ablauf der dreizehnten Woche das Krankengeld weiterzahle. Er erkundigte sich des weiteren, ob der Unfall polizeilich gemeldet und Protokolliert worden sei. Er mußte der unkundigen Frau erklären, daß leider viele Unfälle gar nicht angemeldet würden oder daß keine pünktliche Weitergabe der Meldung erfolge. Wie gut es war, daß Hartmann Frau Weber darauf aufmerksam gemacht hatte, ergab sich daraus, daß der Krankenkasse der Unfall amtlich noch gar nicht gemeldet worden war, was Nr. 9 Wie Gleichheit 61 diese veranlaßte, auf Ersuchen der Frau sich in einem Schreiben an die Polizeibehörde zu wenden. Auf diese Weise wurde die Unfallmeldung endlich„verarbeitet", der Kasse Mitteilung gemacht, so daß auch der Frau die Unfall- differenz, das heißt das erhöhte Krankengeld ab fünfte Un- fallwoche nachgezahlt wurde.„Betriebskrankenkassen haben eben oftmals gar keine„Kenntnis" von den Unfällen, die im eigenen Betrieb sich ereignen", erklärte Hartmann später seinen Arbeitskollegen, die diese Sache gar nicht begreifen wollten. Im Interesse der armen Familie des Verletzten er- kundigte sich Hartmann dann bei dem Rendanten der Kranken- kasse, ob diese die Familienunterstützung über die 13. Unfall- woche weiterzahle und die Kosten des Heilverfahrens eventuell bis zum Ablauf der 26. Woche des Unfalls trage. Kalt- blütig erklärte ihm der Betriebsbeamte, daß dies der Kasse gar nicht einfalle, da ja gesetzlich bei Betriebsunfällen die Unterstützung einer Krankenkasse mit Ablauf der 13. Unfall- woche ende und die Berufsgenosienschaft von der 14. Woche ab mit ihren Leistungen einzutreten habe. Vergeblich berief sich Hartmann darauf, daß nach dem Krankenversicherungs- gesetz die Kassen die Pflicht hätten, bis zu 26 Wochen Unter- stützung zu leisten, und daß die Leistungen nach der 13. Woche von der Berufsgenossenschaft wieder ersetzt werden müßten. Es wurde ihm von der Kassenleitung entgegengehalten, daß sie bei Betriebsunfällen sich auf das Unfallversicherungsgesetz und nicht auf das Krankenversicherungsgesetz stütze. Dies um so mehr, weil für die Krankenkasse außer dem Zinsverlust auch eventuell ein Barverlust entstehen würde. Die Berufs- genossenschaft werde ja der Kasse nur drei halbe Monats- raten erstatten. Der Beamte berief sich dabei auf einen dies- bezüglichen Beschluß seines Kassenvorstandes. Hartmann ersuchte deshalb seine Kollegen, bei der kommenden Neu- wähl des Vorstandes darauf bedacht zu sein, nur Kollegen in denselben zu delegieren, die auch wirklich die Interessen der Erkrantten und Verletzten, aber nicht einseitig die der Krankenkasse vertreten würden. Von den älteren Kollegen des Betriebs wurde ihm daraufhin entgegengehalten, daß dies wenig Wert habe. Der Betriebsleiter mache doch, was er wolle;„renitente" Verbandsmitglieder seien immer sehr bald aus dem Betrieb„entfernt" worden. Dann müsse man so lange agitieren, bis die Betriebskrankenkasse überhaupt aufgelost würde und die Arbeiter bei der Ortskrankenkasse angemeldet werden könnten, meinte Hartmann. Seine Zu- Hörer stimmten ihm darin bei. Da die Krankenkasse versagte, so schrieb Hartmann an die Eisen- und Stahlberufsgenossenschaft. Er teilte ihr mit, daß der Verletzte über die 13. Woche des Unfalls hinaus noch erwerbsunfähig verbleiben würde, und ersuchte sie, das Heilversahren selbst ab 14. Woche zu übernehmen und der Familie die gesetzliche Familienrente zu gewähren. Den Brief ließ er von der Frau des Verletzten unterschreiben. Er erklärte ihr bei dieser Gelegenheit, daß die Familienrente 66 Prozent des Jahresarbeitsverdienstes des Verletzten be- trage. Mehrmals mußte die Berufsgenossenschaft um eine Antwort gemahnt werden, ehe sie ein Lebenszeichen von sich gab. Hätte Hartmann nicht fortgesetzt gedrängt, so wäre sicher in der 26. Unsallwoche noch kein Bescheid von der Be- rufsgenossenschaft eingetroffen. Nachdem die Familie des Verletzten bereits drei Wochen lang ohne jegliche Unter- stützung geblieben war, kam endlich der erbetene Renten- Vorschuß. Er betrug ganze— 36 Mk. Auf weiteres Drängen der Frau erfolgte später der Bescheid von der Berufs- genossenschaft, daß sie erst noch die Geburtsurkunden ihrer Kinder einzusenden habe, da erst nachgewiesen werden müßte, daß auch wirklich alle Kinder das Ib. Lebensjahr noch nicht überschritten hätten. Lächelnd erklärte Hartmann der er- staunten Frau, daß sie von„Glück" sagen könne, daß über- Haupt schon dieser Bescheid eingetroffen und nicht auch noch die Heiratsurkunde verlangt worden sei. Unkosten entstünden ihr durch die Beschaffung dieser Urkunden nicht, da ja die Standesämter für die Arbeiterversicherung diese Abschriften k o st e n l o s auszufertigen hätten, wenn nur bei der Bestellung der Zweck angegeben würde. Forts, folgt.) Politische Rundschan. Das internationale klassenbewußte Proletariat rüstet zum Maifest von 1906. Abermals und mit wachsender Wucht wird es demonstrieren gegen Ausbeutung und Knechtung jeder Art, gegen die militaristische Bedrohung des Weltfriedens und für den Achtstundentag als dringendsten Schritt zur Emanzipation der Arbeiterklasse. Aber eine besondere Pflicht erwächst noch dem kämpfen- den Proletariat aus den verworrenen, ungleichen und wider- spruchsvollen Wahlrechtszuständen in allen kapitalistischen Ländern, vorzugsweise in denen des jämmerlichen Drei- klassenwahlrechtes. Ausdrücklich muß auch demonstriert werden für die Gewährung voller politischer Gleichberechtigung an alle erwachsenen Personen, Männer und Frauen, um überall die Wahlrechtsbewegung vorwärts zu treiben. Einen besonderen Ansporn dazu haben unsere russischen und polnischen Genossen erhalten durch die Komödie der Dumawahlen. Die russische Bureaukratie hat sich alle mögliche Mühe gegeben, bei Ausklügelung eines Wahlsystems für diese Wahlen alle bestehenden Unrechtssysteme noch zu überttumpfen, indem sie den Widersinn des österreichischen Kuriensystems mit dem des preußischen indirekten Drei- klassensystems zu einem dritten Zerrgebilde vereinte, das durch siebenfache Siebung die Möglichkest der Wahl von proletarischen Abgeordneten beseitigt und bureaukratischen Intrigen freien Spielraum zur Beeinflussung der Wahl- ergebnisse schafft. Aber selbst einer solchen Spottgeburt wird, noch ehe sie das Licht der Welt erblickt hat, schon die baldige Auflösung angedroht, sobald sie sich unterfangen sollte, eine ernstliche Neugestaltung des staatlichen Lebens in Rußland in Angriff zu nehmen. Das kämpfende Proletariat im ruf- fischen Reiche wird es verstehen, die freche Herausforderung der Witte, Durnowo, Trepoff und ihrer Schergen zur Auf- klärung der annoch indifferenten Maffen auszunutzen. In Ungarn ist die Wahlrechtsbewegung dadurch in ein neues Stadium getreten, daß die junkerlichen Oppositions- Parteien sich mit dem Hofe geeinigt haben. Sie sind von ihren großsprecherischen Forderungen, die auf die Befestigung der magyarischen Junkerherrschaft gegenüber dem höfischen Einfluß sowohl wie gegenüber dem Proletariat der ver- schiedenen Völker Ungarns abzielten, auf der ganzen Linie zurückgewichen. Als Lohn für ihre löbliche Unterwerfung haben die Kossuth und Konsorten einige Ministerposten ein- geheimst. Der neue Ministerpräsident Weckerle, der an die Stelle des Generals Fejervary getreten ist, hat auch schon in einer Rede über die Wahlrechtsfrage durchblicken lassen, daß den Kossuthleuten als Preis für ihre Unterwerfung die Verschlechterung der von Fejervary angekündigten Wahl- rechtsreform gezahlt werden soll. So wird auch in Ungarn das Proletariat die Kosten zu zahlen haben für die Ver- ständigung seiner höfischen und junkerlichen Feinde. Es wird aber darin auch einen neuen Ansporn sehen, mit allen Kräften weiter zu arbeiten für die Erweiterung seiner Rechte. Aber auch in Preußen hat die Wahlrechtsbewegung einen neuen Anstoß erhalten. Die amtterende Bureaukratie hat sich nicht gescheut, im DreMassenparlament eine Wahlrechts- reform zu inszenieren, die auf das Proletariat nur wie eine dreiste Verhöhnung wirken kann. Während das bestehende Wahlsystem in jeder Faser vermorscht ist, vermeiden es Regierung und herrschende Parteien sorgfältig, in ihrer so- genannten Reform den Wählern eine Rechtserweiterung zu- zugestehen. Sie begnügen sich vielmehr damit, das Ab- stimmungsverfahren zu vereinfachen und einige der Wahl- kreise mit übermäßig angewachsener Bevölkerung so zu zer- legen, daß im ganzen eine Vermehrung um 10 Sitze dabei herauskommt. Die Dreiklassenteilung mit dem Zensus, der das Proletariat machtlos macht gegen das Zusammengehen der beiden oberen Klassen, bleibt, wie sie war, und damit bleibt auch unvermindert die Schmach einer Geldsacksver- tretung für das preußische Volk. Die preußische Regierung läßt es sich aber auch sonst eifrig angelegen sein, ihr Schuldkonto zu belasten. Plötzlich hat das Polizeipräsidium in Berlin wieder mit einer Massen- ausweisung russischer Untertanen seine staatserhalten- den Talente bewiesen. An die dreihundert Russen und Russinnen haben plötzlich die Aufforderung erhalten, den gastlichen Boden des preußischen Staates binnen drei Tagen zu verlassen. Die freiwilligen wie die besoldeten Helfershelfer der Polizei in der bürgerlichen Presse haben sich bemüht, mit Gründen der„Volkswohlfahrt", nämlich wegen angeb- licher Gefährdung des preußischen Geldbeutels durch mittel- lose Einwanderer, diese große Tat zu rechtfertigen. Das wäre an sich schon eine schäbige Verleugnung der Pflichten des Gasttechtes gegen politisch Verfolgte. Der wahre Grund ist aber durchgesickert in der Mitteilung, daß die Russen sich lästig gemacht haben durch die Teilnahme an den Versamm- lungen am 18. März zur Gedenkfeier der achtundvierziger Revolution. Die politische Polizei hat unter den Besuchern jener Versammlungen durch Spitzel die Ausländer heraus- schnüffeln lassen. Ihrer dreihundert wurden zur Strecke ge- bracht. Hindern läßt sich bei unseren herrlichen Rechtszu- ständen diese neueste Aktion der Bülow-Regierung gegen die „Schnorrer und Verschwörer" nicht. Aber um so eher wird die Empörung über diese Betätigung einer volksfeindlichen Bureaukratenregierung im Proletariat die Kraft zur Reife bringen, die den unwürdigen Zuständen in Deutschland ein Ende macht. Wie ein Echo der Natur zu dem Grollen der Völker muten uns die gewaltigen vulkanischen Ausbrüche an, die jüngst in zwei Weltteilen Schrecken und Entsetzen unter den Menschen verbreitet haben. In Italien zuerst sandte der alte Vesuv seine glühenden Lavamassen über blühende Ort- schasten an seinem Fuße und streute in weiterem Umkreise den verderbenbringenden Aschenregen aus bis nach Neapel hin. Kaum war dieser Ausbruch zu Ende, als ein Erdbeben die große Stadt San Francisco an der Westküste Nord- ainerikas zum Teil in Trümmer legte, den übrigen Teil der Stadt aber einer verheerenden Feuersbrunst aussetzte, gegen die Menschenhand kein Abwehrmittel mehr hatte, da alle Wasserleitungen durch das Erdbeben zerstört waren. Man sollte denken, daß im Angesicht solcher furchtbarer Unglücks- fälle alle Menschen einmütig vom Mitgefühl mit den Opfern der Katastrophen ergriffen werden müßten. Aber selbst da weiß der neue reichsdeutsche Radaupatriotismus seine Gefühlsroheit zum Ausdruck zu bringen. Es war aufgefallen, daß in der Reihe der üblichen Glückwunsch- und Beileidstelegramme, die aus Potsdam in alle Welt hinaus- zugehen pflegen, ein Telegramm nach Italien wegen der Vesuvkatastrophe fehlte. Patriotische Zeitungen vom Schlage des börsentiberalen„Berliner Tageblatts" ebenso wie der klerikalen„Germania" beeilten sich, das so auszulegen, als ob auf solche Weise die italienische Regierung wegen ihres Verhallens in der Marokkoftage abgestraft werden sollte. Der italienischen Regierung kann das ziemlich gleichgültig sein, aber die Radaupatrioten, die jener Auslegung zujubelten, haben sich selber ein Brandmal aufgedrückt, das sie der Ver- achtung aller anständigen Menschen im Inland und Ausland preisgibt. tlbrigcns hat ja auch der Marokkorummel, abgesehen von der Blamage, die er der deutschen Diplomatie eintrug, auch noch die Wirkung gehabt, den Dreibund aus dem Leim zu bringen. Kaiser Wilhelm II. hielt es nämlich für angezeigt, dem österreichischen Minister, Grafen Goluchowski, ein Telegramm zu senden, in dem er ihn als seinen„bril- lanten Sekundanten" auf der Mensur von Algeciras be- lobigte, über den Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten, also auch nicht mit Wilhelm II über den tele- graphierten Vergleich; aber so viel an ernsthafter Bedeutung liegt jedenfalls in jenem Telegramm, daß nur noch Oster- reich als Bundesgenosse des Deutschen Reiches in unseren Regierungskreisen ästinnert wird. Italien ist ihnen Lust. Ja, eine Wendung jenes Telegramms, daß nämlich der Ab- sender zu Gegendiensten gerne bereit sei, wird auf die Aspirationen der Wiener Regierung nach Machterweiterungen auf der Balkanhalbinsel gedeutet. Damit würde sie aber in einen offenen Jnteressenkampf zu der italienischen Regierung geraten. Das Mensurtelegramm kündigt also neue diplo- matische Wirrnisse an, gegen die von vornherein Front zu machen die Völker Deutschlands nicht nur, sondern auch Österreichs und Italiens alle Ursache haben. Denn schließlich sind sie es, die mit Gut und Blut für die Sünden der Diplomatie zu büßen haben. Hohe Zeit ist es, daß die Völker diesem verhängnisvollen Diplomatenspiel ein Ende machen und ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. G. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Gegenwärtig sind die Unternehmer wieder einmal vom Aussperrungsfieber ergriffen. Sie beantworten kleinere par- tielle Streiks sofort mit größeren Aussperrungen. Auf den Metallarbeiterverband haben es die Scharfmacher besonders abgesehen, wähnen sie doch, diese große, 300000 Mitglieder zählende Organisation finanziell zum Ver- bluten bringen zu können. Die Toren! Eine ganze Reihe anderer Verbände noch hat in den letzten Wochen mit Aus- sperrungen zu kämpfen. Ganz besonders stürmen die Fabri- kanten an allen Ecken gegen den Textila rbeiterv erb and an. Sobald ein Streik bei einer einzelnen Firma ausbricht, folgen Massenaussperrungen. Es ist bezeichnend, daß die großen Kämpfe im Textilgewerbe immer wieder in der Haupt- fache aus der Forderung des Zehnstundentags entspringen. In der Niederlausitz wird, wie schon mitgeteilt worden ist, um den Zehnstu.ndentag gekämpft; in Hannover- Linden kam es nach erfolgter Aussperrung zu einem Ver- gleich, wonach den Streikenden auch eine durchschnittlich 10prozentige Lohnerhöhung zugebilligt wurde. In Mül- hausen i. E. erlangte die Textilarbeiterschaft außer dem Zehnstundentag eine löprozenlige Lohnerhöhung. Die an- fänglich durchaus ablehnende Haltung der Textilprotzen wurde dadurch ftiriert, daß dank der sozialdemokratischen Mehrheit in der Stadtverwaltung der Beschluß zustande kam, die Ausgesperrten mit städtischen Arbeiten bei einem Tage- lohn von 2,60 Mk. zu beschästigen. In Eisenach endete die Bewegung ebenfalls mit der Erringung des Zehnstunden- tags und eines tariflich festgesetzten Lohnes. In Aachen wollen die Textilmagnaten der Forderung der Arbeiter eine große Aussperrung entgegenstellen, doch auch hier steht die Sache für die Ausständigen günstig, da die Arbeitgeber wegen der Erledigung vieler Aufträge in arger Bedrängnis sind. Freiwillig erkennt der Kapitalist auch die geringfügigsten Forderungen der Arbeiter nicht an, er muß durch die Macht der Organisation zum Nachgeben gezwungen werden. Die angedrohte Aussperrung würde 12 000 Arbeiter und 30000 Hilfsarbeiter und-arbeiterinnen betreffen. Von den vielen gegenwärtigen Aussperrungen und Lohn- kämpfen seien noch die der Schneider und Schneiderinnen in Berlin und Hamburg erwähnt, weil dabei Arbeiterinnen in größerer Anzahl in Frage kommen. In Hamburg wollen die Unternehmer die Arbeiter und Arbeiterinnen auf vor- läufig zwei Wochen aussperren, falls nicht in allen Werk- stätten die Arbeit wieder aufgenommen wird. In Berlin dagegen sind Aussichten auf die Anbahnung eines Tarifs vorhanden. Die„Gleichheit" hat bereits eingehend die gedeihliche Entwicklung des Fabrikarbeiterverbandes gewürdigt, dessen Mitgliederzahl über 100000 gestiegen ist. Wir haben nun in Deutschland fünf Gewerkschaften, die sich eines Mit- gliederstandes von mehr als 100000 rühmen können. Die betreffenden Organisationen haben zusammen annähernd 800000 Mitglieder. Es geht gewaltig vorwärts auf dem Felde der wirtschaftlichen Organisation des Proletariats. Die Gewerkschaftsbewegung ist ernstlich bemüht, auch solche Arbeiterkategorien zu heben, welche die traurigsten Arbeits- und Existenzverhältnisse haben und in der Folge zu den niedrigsten sozialen Schichten zu rechne» sind. Das ivird neuerlich wieder einmal dadurch bestätigt, daß die Generalkommission ernstliche Versuche macht, die Ziege- leiarbeiter und-arbeiterinnen zu organisieren. Für Anfang Juni ist zu diesem Zweck eine Konferenz der Ziegeleiarbeiter und-arbeiterinnen nach Magdeburg ein- berufen, woselbst die ersten Schritte zur Gründung eincr größeren Organisation unternommen werden sollen. In den Ziegeleien sind bekanntlich auch viele Frauen bei schwerer Tagesfron beschäftigt, die dringend des Schutzes der Organi- 'alion bedürfen und für deren Anschluß an die moderne Arbeiterbewegung hoffentlich mit allem Nachdruck gearbeitet werden wird. Einen kurzen Überblick über die an Ostern stattgefundenen Generalversammlungen mancher Verbände werden wir wegen Platzmangel erst in nächster Nummer geben. Zur Beachtung. Des besonderen Charakters dieser Nummer halber mußten Aus der Bewegung und der Notiz enteil zurückgestellt werden. 62 Die Gleichheit Nr. 9 4 Rot. Don Klara müller. Die rote fahne wieder heb' ich in heller Glut, ein Strom jungfrischer Lieder geht brausend durch mein Blut. Zerrissene Ketten fallen mir klirrend von Hand und Fuß: euch, meinen Brüdern allen, biet' ich den Freiheitsgruß. Jch hab' ihn selbst durchrungen, den harten Kampf der Zeit; meine Laute war zersprungen von rauhem Stoß und Streit. Mit schwielenfesten Händen hab' ich sie neu bespannt mein Volk, nun will ich senden dir meinen Gruß ins Land: Jch knie an deinem Lager, zertretner Proletar, dein Antlitz fahl und hager, stell' ich den Sternen dar. Freiluft in deine Stuben! geh' lachend in den Tod ich hebe deinen Buben ins leuchtende Morgenrot! Durch schweigende Wälder schreit' ich, ich lausche der Wogen Gebraus; über schwangere felder breit' ich die Hände segnend aus. Jn Gärten, die zertreten, führt mich der flüchtige Lauf da blühen auf allen Beeten die roten Nelken auf. Al, wo ich Samen streue, grüßt mich das heilige Rot, das durch des Himmels Blaue als Flammenzeichen droht, das tief im Menschenherzen, ein heißer Blutstrom, bebt, und über dem Heer der Schmerzen als loderndes Banner schwebt! Die rote Sahne wieder faff ich mit festem mut: wildtrotzige Freiheitslieder brausen durch mein Blut. Ein Hallen und ein Dröhnen kommt weither über Landder Freiheit starken Söhnen reich' ich die Schwesterhand. Maifriede. Von Otto Krille. Schafe, das jederzeit als Opferlamm dienen könne. Dem Sie gingen beide fast stumm nach Hause. Beim widersprach jedoch sein Nachbar. Dieser hatte nämlich Mittagessen blickte Karl Echtermann seine Frau so pfiffig ein zänkisches Weib, und um sie fromm zu kriegen, und voll unverhohlener Freude an, daß sie beinahe verhatte er es verstanden, sie zum Kirchgang zu bewegen. schämt sagte:„ Also, kommt es auch auf mich an?" Bald aber erklärte er mit Entsetzen, die Frau sei in der" Ja, gerade auf dich kommt es an!" erwiderte er Kirche noch wortgerechter geworden, und der Pfaff' habe und füßte sie herzhaft. Und nun wollen wir Frieden jedenfalls noch ein gottloseres Maul wie sie. schließen!" „ Maifrieden!" 23 ,, Und da werde ich stärker sein als in dem ehelichen," gelobte Frau Ernestine. Von diesem Christentum war nun Frau Ernestine nicht. Sie hatte vielmehr von ihm gelernt, die Menschen Jetzt führen wir nur noch Krieg gegen den gemeins gering zu schäßen und sich selbst am meisten. Sie glaubte schaftlichen Feind!" fest, außer im eigenen Haushalt komme es auf sie nicht an. Einmütigkeit ist aber besonders in der Ehe eine schöne Sache. Wenn man zwei Pferde an einen Wagen spanne, meinte Karl Echtermann, und jedes ziehe nach einer anderen Seite, so fomme der Karren nicht vom Fleck. Das Bild war nun freilich nicht schön, aber der Maler erklärte, es sei um so zutreffender. So waren sie beide noch nicht in einen Zug gekommen und arbeiteten an der gegenseitigen Befehrung. Nur in einem Punkte waren sie einig, wohin auch die Reise führen möge, die Liebe sollte die Zügel führen. " J" dachte Karl Echtermann,„ du mußt den Kutscher bestechen," und von der Zeit an sprach er nicht mehr mit Ernestine über Politik. Er ward um einen Grad zärtlicher, als es sonst seine Art war. Wenn sie ihm ihre kleinen und großen Sorgen flagte, ließ er ganz schlau in seine Worte die sozialistische Anschauung einfließen, ohne daß Frau Ernestine es auch nur merkte, denn sie war an den offenen Krieg gewöhnt. Ob es sich nun um das teure Fleisch oder um des ersten Sprößlings Zukunft handelte, Karl Echtermann war auf dem Posten. Seine Frau aber sagte oft treuherzig:„ Du bist doch der beste Mann!" „ Aber nicht der Gescheiteste, was?" entgegnete er mit Augenblinzeln. „ Das wird schon werden," meinte sie lachend. Sie verstand die Anspielung, hütete sich aber, etwas zu sagen, um nicht seinen Widerspruch herauszufordern, denn sie glaubte ihn fest auf ihrem Geleise. Am Ende war sie so überzeugt von der Wahrheit und Richtigkeit seiner Anschauungen, daß ihr der sozialdemokratische Teufel im Nacken saß und ihr im Gespräch ganz herzhaft soufflierte. Jett pfeift's, da ist der Kessel voll!" triumphierte Karl. Etwas überrascht war Frau Ernestine allerdings, als ihr Mann sie mit dem gleichmütigsten Gesichte aufforderte, mit ihm die Maifeier zu besuchen. Es bedurfte schon edes Hinweises auf seine in letzter Zeit so herrlich be= stätigte Liebe, um sie zu gewinnen. Sie fürchtete freilich weniger für sich, als um Karls Rückfall. Verschone mich mit deinen brotlosen Künsten!" " Ihr Weibsvolt seid doch zu nichts nüz auf der Welt!" Alus„ Der entfesselte Prometheus". Von P. B. Shelley. Bald als der Ton verklungen war, Des Donner alle Tiefen rings erfüllt Des Himmels und der weiten Erde, seht, Da trat urplöglich eine Wandlung ein: Der dünne Äther und das Sonnenlicht, Das umstrahlende, sie wurden da Verwandelt, als ob das Gefühl der Liebe, In ihnen aufgelöst, sich mälich um Die runde Welt geschmiegt. Und mein Gesicht Ward klarer, und ich durfte blicken tief In die Geheimnisse des Universums. Doch balde sah Ich näher zu, und königlose Throne Ward ich alsbald gewahr, und daß die Menschen Nun friedlich einer mit dem andern gingen, So wie's die Geister tun. Und keiner kroch, Und keiner trat den andern; weder Haß, Noch Furcht, noch Stolz, noch eitel Eigensucht, Noch Selbstverachtung standen mehr geschrieben Auf Menschenstirnen sowie über'm Tor Der Hölle steht in Flammenschrift zu lesen: " Der du hier eintrittst, laß die Hoffnung fahren!" Und keiner zürnte, keiner bebte, keiner... sprach Die hohle, falte und gemeine Sprache, Die unser Herz verleugnen läßt das„ Ja“, Das unsre heuchlerische Lippe spricht Mit jener Falschheit, welche, andre täuschend, Uns endlich zwingt, uns selber mißzutraun. Auch schöne Frauen wallen, rein und gut, Sowie der freie Himmel, der herab Auf unsre Erde streuet Licht und Tau, Gestalten, hold und glänzend, die noch nicht Berührt der Mode widerliche Schminke und Weisheit sprach ihr Mund, die sie zuvor Zu denken nicht vermocht, und es verrieten Gefühle ihre Blicke, die vorher Sie zu empfinden bangten.... Altäre, Throne, Tribunale, Kerker, Von unglücksel'gen Menschen einst besetzt, Die Zepter trugen, Tiaras, Schwerter, Ketten Und Folianten voll verdrehten Rechtes, Bewundert stets vom blöden Unverstand, Sie glichen nun den ungeschlachten Bildern, Da saß nun Frau Ernestine in dem großen Saal, mitten unter den Tausenden, halb ärgerlich, halb neugierig und voll Andacht. Es ging ein großer Zug von der Menge aus, die, von gleichen Gedanken bewegt, den Worten eines Redners lauschte. Und was er sprach, feffelte die Frau noch mehr. Das waren vertraute Ge- Gespenstern eines längst verschollnen Ruhms, danken, schon zu ihrem Eigentum geworden. Je weiter der Redner sprach, um so größer ward Ernestines Teilnahme. Unbewußt faltete sie die Hände, als säße sie in der Kirche. Das war der Refrain, mit dem das Gespräch schloß, wenn Karl Echtermann wieder einmal versucht hatte, Da fing der Redner an, von den Vielen zu sprechen, seiner Frau die Anfangsgründe seiner sozialdemokratischen die da meinen, auf sie komme es nicht an. Und er Gesinnung beizubringen. Dann pflegte er zum Schluß schilderte, wie gerade der Wille dieser Geringen, Unauf die Tischplatte zu schlagen und eine Viertelstunde gezählten, die ihre Persönlichkeit so niedrig schätzen, daß zu schweigen. Er war ein gerader Kerl, hatte zuweilen man sie entbehren könne, zu einer gewaltigen Macht ein grobes Maul, verstand auch seinen Teil Politik, aber werde. Eine Auferstehung ist es, so sprach er, die der in der Diplomatie war ihm seine Frau sicher überlegen. Arme feiert. Unbeachtet lebt er dahin, ein Verwaister Von Politik wolle sie nichts hören, erklärte sie, wenn er in der Gesellschaft. Da aber kommt ihm die Erkenntnis. von der Sozialdemokratie zu sprechen anfing. Dabei Er stößt zum Heer seiner kämpfenden Brüder und verstand sie vortrefflich, ihres Mannes gutes Herz gegen Schwestern, geht unter in ihrer Masse und taucht wieder seinen Verstand zu Felde zu führen, so daß sie stets empor als Glied des Ganzen, als eine Persönlichkeit Siegerin blieb, das heißt, er gab ihr zuliebe nach. Trotz durch die Kraft der Gesamtheit. Hier wird er Mensch, aller guten Vorfäße, die er faßte, endete noch jeder Feldzug schaffender, wirkender Mensch und wertvoller Teil der so, wie oft ihm auch sein Freund, ein alter Praktikus Gesellschaft. Da erhält das Dasein die Weihe in der in diesen Dingen, mit dem Sprichwort gedient hatte, Mitwirkung am Fortschritt der Menschheit. daß sich zwischen eines Weibes Ja und Nein keine Nadelspizze stecken lasse. Der letzte Trumpf, den Frau Ernestine ausspielte, war die sichere Bemerkung:" Was nüßt uns Da ging Frau Ernestine das Herz auf. Da war armen Leuten die Politik. Wir müssen arbeiten." Und es ja, was sie gesucht hatte, als sie sprach:„ Der Mensch damit war's ihr ernst, wie mit ihrer Seligkeit. Denn muß an etwas glauben." Glauben an ihre und ihres fromm war sie auch." Der Mensch muß an etwas Kindes Erlösung, an die Befreiung ihrer Klasse. Da glauben!" Das war teine Redensart. Sie empfand im erhielt das Leben Wert über persönliche Liebe und engen Grunde ihres Herzens die Leere eines Lebens, das nur Haß hinaus. Ihr Herz pochte stärker, und ihre Wangen zwischen Arbeit, Essen und Schlafen pendelte und mit glühten. Verstohlen blickte sie auf ihren Mann. Der ein bißchen Liebe gewürzt war. Darüber hinaus erschien aber schaute ganz ernst nach der Rednertribüne und tat, ihr die Religion als der Inbegriff eines höheren sittlichen als bemerkte er ihre Veränderung nicht. Strebens, in Wahrheit nur deshalb, weil sie keine anderen Als nun des Redners Worte von der Aufgabe der Ideale kennen gelernt hatte, als dieses in der Schule proletarischen Frau durch den Saal schallten, mußte eingeimpfte der christlichen Entsagung. Das machte Karl Ernestine des häuslichen Krieges gedenken und sich still Echtermann nicht wenig Kummer, und er knurrte manch- bekennen, daß die List ihres Mannes gefiegt hatte, und mal, diese ewige zufriedene Geduld sei mehr vom Teufel daß es bei allen Dingen in der Welt nur auf den ersten als von Gott. Die Kirche mache den Menschen zu einem Schritt ankomme. Und der Redner rief die einzelnen mit trefflichen Worten zur proletarischen Gemeinschaft. Die im Triumph von ihren Obelisken Auf Gräber und Paläste jener schauen, Die da vor Zeiten ihre Sieger waren. Und so wie jene, die da einst der Hochmut Der Priester und der Könige geschaffen, Ein finstrer, mächt'ger Glaube, eine Macht, So groß wie jene Welt, die sie verheert, Und jetzt doch nichts sind, als ein Gegenstand Befremdeten Erstaunens ebenso Stehn die Geräte und Symbole noch Der letzten Sklaverei der Menschheit da, Zwar nicht vernichtet, aber unbeachtet. Nun modern auf verlassenen Altären Die Bilder all und der bemalte Schleier, Den Leben" nannten jene, die da waren, Und der mit schillernd buntem Farbenspiel Der Menschen Lieben und ihr Hoffen äffte, Er ist für immer nun hinweggezogen. Die ekelhafte Larve ist gefallen! Befreit nun bleibt der Mensch und zepterlos, Beengt durch keine Schranke, jeder gleich Dem andern, ohne Rang und Stamm, gebunden An keine Scholle Bürger nur der Welt, Befreit von Furcht und huldigender Demut, Sein eigner König, mild, gerecht und weiſe; Nicht ohne Leidenschaft, doch ohne Schuld Und Schmerz, die einstmals seine Seele drückten, Weil er sie selbst geschaffen und geduldet. Und kann der Mensch sich auch dem Tode nicht, Dem Zufall, der Verändrung nicht entziehn, Er weiß sie doch wie Sklaven zu beherrschen, Sie, die sich wie Gewichte an ihn hängen, Der sonst sich schwänge auf den höchsten Stern, Der oben glänzt am unerstiegnen Himmel Im Atherraume der Unendlichkeit. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe Post Degerloch bet Stuttgart. Druckt und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.