Nr. 15 Eigentum des Vorstandes der SPD" 16. Jahrgang Die Gleichheit 270276 2770 Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen e Mit den Beilagen: Für unsere Kinder und Frauen- Beilage Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Juhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 25. Juli 1906 Ehe und Sittlichkeit. IV. Aufruf der Bertrauensperson der Genoffinnen Deutschlands. Ehe und Sittlichkeit. IV.( Forts.) Ein Bild aus der Agitation ( Fortsetzung.) für das aktive und passive Wahlrecht in Finnland. Von Hilja In den vorausgegangenen Ausführungen haben wir in Parssinen. Deutsch von Adele Burjam. Agitatorin und Staats- Inappen Umrissen stizziert, wie es mit der Ehe in dem Zeitanwalt. Bon Brutus. Aus der Bewegung: Von der Agitation. alter bestellt war, in welchem die jung aufstrebende kapita-Bon den Organisationen. Die Polizei im Kampfe gegen die liftische Produktionsweise sich gegen den Feudalismus durch proletarischen Frauen. Politische Rundschau. Bon G. L.- zusetzen begann. Wir legten die wichtigsten treibenden Kräfte Gewerkschaftliche Rundschau. bloß, welche in den verschiedenen Klassen der Gesellschaft Sozialistische auf eine Reform der Ehe hindrängten. Der Protestantismus führte dieselbe durch. totizenteil: Dienstbotenfrage.- Frauenstimmrecht. Frauenbewegung im Ausland. Quittung. Feuilleton: Dienstbotenschlaf. Von Moritz Hartmann.( Gedicht.) Der Besuch. Von A. R.- Eigentumsrecht. Von Aug. Strindberg. Spruch. Von Friedrich Bodenstedt. Genossinnen! Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichhett" find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. lich unanstößigen Formen auftreten. Die Literatur hat getreulich diese sozialen Entwicklungsergebnisse verzeichnet, sie gelangen besonders scharf umrissen in Roman' und Drama der Franzosen zum Ausdruck. Die katholische Kirche mußte sich mit ihnen abfinden. Ihrer Macht, für die Ehe eine ewig gültige Norm zu schmieden, hat die Geschichte jedoch ein weiteres Armutszeugnis ausgestellt. Der äußerliche Sieg des Katholizismus über die Ehereform im Reformationszeitalter war später durch eine lang andauernde, fast völlige Stagnation des wirtschaftlichen Lebens Damit ist bereits gesagt, daß die Reform der Ehe zu- in den wichtigsten Ländern seiner Herrschaft gesichert worden. nächst auf die germanischen Länder beschränkt blieb. Die Aus Gründen, die mit dem Scheitern der Reformation nichts romanischen Länder verschlossen ihr die Tore, obgleich da- zu tun haben, entfaltete sich zumal in Italien und Spanien mals allen voran in Italien die Verhältnisse unstreitig am die kapitalistische Produktionsweise ungemein langsam und reifften für eine Ehereform waren. Den Ausschlag für diesen schwach. Die Entwicklungstendenzen, welche die Ehereform widerspruchsvollen Gang der Entwicklung gab die innige trugen, verloren in der Folge an Stoßkraft und verlangAber die Notwendigkeit, in diesem Jahre wiederum Berquickung der Ehereform mit der kirchlichen Reform. Wie famten ihr Tempo. Sie begnügten sich damit, dem Sakraeine Frauenkonferenz abzuhalten, herrscht unter den tätigen wenig religiösen, kirchlichen Ursprungs und Wesens auch die ment der unlösbaren Ehe den Ehebruch und die wilde Ehe Genossinnen keine Meinungsverschiedenheit. Jede der bis Kräfte waren, welche an der Zersehung und Umwandlung zur Seite zu stellen. jetzt stattgefundenen Konferenzen hat fördernd und be- der Ehe arbeiteten: der vorherrschenden theologischen Denk- Mit verstärkter Wucht machten sie sich jedoch aufs neue lebend auf die Frauenbewegung eingewirft; ganz besonders form der Menschen entsprechend wurde die Frage der Ghe- in dem Maße geltend, als die moderne Großindustrie feit der letzten Konferenz in Bremen 1904 find bedeutende reform, wie alle sozialen Forderungen der Zeit, zu einem ihren Einzug hielt und die kapitalistische, die bürgerliche Fortschritte zu verzeichnen. Mit dem Erfolg sind aber religiösen Problem gestempelt. Je geringer die Einsicht in Entwicklung der Gesellschaft wieder in fräftigeren Fluß die ökonomische Grundlage des geschichtlichen Entwicklungs- brachte. Naturgemäß errangen sie ihre ersten und größten auch die Aufgaben für die Agitation mannigfaltiger ge- prozesses, welcher die Ehe langsam umgestaltete, um so mehr Erfolge in dem katholischen Lande, in welchem der Kapitalisworden. Zu Fragen, die uns wiederholt auf Konferenzen erschien das kirchliche Dogma als die schöpferische historische mus die Verhältnisse am tiefsten umgepflügt hatte: in Frankbeschäftigt haben, gesellen sich neue, die unabweisbar zur Macht, die vernichten und beleben konnte. Das von der reich. Der kapitalistische Staat war hier robust genug geVerhandlung kommen müssen. Kirche„ lauter und rein gelehrte Wort Gottes" sollte auch worden, die Ehereform ohne den Segen der Kirche, ja im Als Beauftragte der Genossinnen Deutschlands beruft für die Ehe entscheidend sein. Der Kampf für die Reform zähen Kampfe gegen sie zu verwirklichen. Er zog das Fazit die Unterzeichnete eine Frauenkonferenz nach Mannheim der Ehe wurde zu einem integrierenden Bestandteil des der fortschreitenden Revolutionierung der Zustände und ein, wo der nächste Parteitag stattfinden wird. Die Kampfes für die Reform der Kirche. Er gliederte sich diesem Köpfe, indem er Zivilehe, Ghetrennung und Ehescheidung Konferenz soll Sonnabend, den 22. September, morgens um so fester ein, als er naturgemäß Hand in Hand ging einführte. Die Entwicklung übersprang dabei die Stufe, auf 9 Uhr in den Zentralhallen, C. 2, 16, zusammentreten mit dem Kampfe gegen das Zölibat der Geistlichen, gegen welcher die Ehe im protestantischen Deutschland so lange Mönchs- und Nonnentum, und damit nicht bloß die dogma- verharrt ist. Der Staat schaltete die Legitimierung der Ehe und nötigenfalls noch Sonntagnachmittag tagen. tische und religiös- moralische Autorität der Kirche antastete, Als provisorische Tagesordnung schlage ich vor: vielmehr sehr reale Stüßen ihrer Herrschaft. 1. Bericht der Zentralvertrauensperson. a. Agitation, b. Presse. 2. Frauenftimmrecht. Berichterstatterin Genossin Zetkin. 3. Agitation unter den Landarbeiterinnen. Berichterstatterin Genossin Zieg. 4. Die Dienstbotenbewegung. durch die Kirche aus. Die Zivilehe tam als tonsequenter Ausdruck der bürgerlichen Anschauungsweise, daß die Ehe Der Kampf gegen die Kirche, gegen das Papsttum war ein weltlicher Vertrag sei. Die Kirche selbst aber half ihr aber dank vielverschlungener geschichtlicher Zusammenhänge die Wege bereiten. Die Hartnäckigkeit, mit welcher site auf in seinen Ronsequenzen gleichbedeutend mit einem Kampfe ihrem dogmatischen Schein bestand, ließ den rein bürgergegen die wirtschaftliche, die kulturelle Hegemonie Italiens. lichen Eheschluß zu einer unerläßlichen Voraussetzung werden Busammen mit der Herrschaft des Papsttums über die für die weltliche Ehetrennung und vor allem die Ehes Christenheit erhielt auch die Ausbeutung der Christenheit scheidung. In allen fatholischen Ländern, in denen sich die Tiburch Italien einen tödlichen Stoß. Das reich empor- gefeßliche Ehereform noch nicht oder nur unvollständig durchBerichterstatterin Genoffin Grünberg. blühende ökonomische Leben des Landes ließ daher die päpft- gesetzt hat, geht der Kampf um Zivilehe, Ehetrennung und 5. Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen. liche Gesinnung immer fester Wurzel schlagen, immer üppiger Ehescheidung. Die Kirche unterliegt in ihm nach und nach ins Kraut schießen. Es fehrte sich schließlich gegen sein der stärkeren Macht der kapitalistischen Produktion und der Berichterstatterin Genoffin Dunder. Damit die Konferenz gut vorbereitet werden kann, eigenes Geschöpf: gegen die revolutionäre, weltliche An- von ihr erzeugten modernen Dentweise. schauungsweise, die sich im Gegensatz zu der feudalen und Wir haben bereits auf die Gründe hingewiesen, welche müssen sich die tätigen Genossinnen so bald wie möglich tirchlichen Gedankenwelt am frühesten und am träftigsten in in den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft die Sache der beraten, und etwaige Anträge sind bis spätestens zum Italien entwickelt hatte. Nicht die Rückständigkeit, die höhere Ghereform mit der kirchlichen Reformation verknüpften. Die 30. Juli an die Unterzeichnete einzusenden. doökonomische Entwicklung wurde zum Damm, an dem sich die Reformation fand eine Formel, welche gleichzeitig dem In Orten, in denen ein Zusammenarbeiten mit den Wellen der Reformation vor Italien und den Ländern Bedürfnis der revolutionären oberen Klassen nach größerer Genossen stattgefunden hat, ist es wohl selbstverständlich, brachen, die am innigften mit seiner Kultur verbunden waren. Freiheit des Liebeslebens, nach Lockerung und Lösbarkeit der daß die Genossinnen sich mit diesen baldigst über die Das von ihnen getragene Schifflein der Ehereform kam Ehe gerecht wurde, wie dem Bedürfnis der revolutionären Wahl einer Delegierten verständigen. Dort, wo die Ver- nicht vorwärts. Die Ehe blieb ein Sakrament und unlös- unteren Klassen nach geschlechtlicher Sittenstrenge und Festihältnisse nicht so günstig liegen, haben die Genossinnen bar gerade dort, wo das historische Vergehen und Werden gung der Ghe. Sie formulierte das Recht auf Ehescheidung, welches die Anerkennung des Rechtes auf freie Gattenwahl laut§ 11 Absatz 1 der Organisationsstatuts der sozialdemo- ihrer Reform zuerst am weitesten vorgearbeitet hatte. Allein die geschichtliche Entwicklung läßt ihrer nicht in sich schloß und die Umwandlung der Ehe aus einem tratischen Partei Deutschlands das Recht, in öffentlicher Frauenversammlung nicht nur eigene Delegierte für die fpotten, läßt auf die Dauer ihrem Walten nicht wehren. Sakrament in ein„ weltliches Geschäft" um mit Luther Die katholische Kirche konnte äußerlich über die Forderung zu reden zur Voraussetzung hatte. Indem sie Fesseln Frauenkonferenz zu wählen, sondern auch für den Parteitag. Der Ghereform triumphieren, in Wirklichkeit unterlag sie ihr. löfte, die je länger je mehr als unerträglich empfunden Wünschenswert ist, daß die Delegierten zur Frauen was fie rettete, das war nur die äußerliche Weiterherrschaft wurden, eröffnete sie die Aussicht auf eine Veredelung der fonferenz auch zugleich ein Mandat für den Parteitag der alten dogmatischen Sagung von der Ghe. Sie ver- Ghe, des Geschlechtslebens dank der Freiheit der Entscheidung erhalten. Den vorliegenden Erfahrungen gemäß sollten mochte aber nicht, dieser Satzung lebendigen geschichtlichen bei Eheschluß und Ehelösung. Die geheischte Ehereform entsprach durchaus tragenden wie bisher so auch zu dieser Konferenz die Delegierten Odem einzuhauchen und sie zu einer Macht zu erheben, die aus den Reihen der tätigen Genoffinnen gewählt werden. im Ringen gegen die gesellschaftlichen Kräfte bestehen konnte, Grundprinzipien der Reformation. Diese proklamierte gegenüber Dort, wo die Bewegung noch ganz jungen Datums ist welche die Ehe umbildeten. Troy des feierlich proflamierten dem firchlichen Dogma die Willensfreiheit der Persönlichkeit, und aus diesem Grunde eine Delegierung nicht stattfindet, fakramentalen und unlösbaren Charakters der Ehe konnte ihr Recht zur Prüfung aller Institutionen und Autoritäten das Dogma nicht heiligen, was das gewandelte Bewußtsein und zur Auflehnung wider allen Zwang; sie erklärte den bleibt es den Genoſſinnen selbstverständlich unbenommen, als unfittlich empfand, konnte es nicht halten, was ökono- Menschen der Verantwortlichkeit für Taten ledig, die ihre Wünsche und Anregungen, ganz besonders die Agi- mische und geistig- fittliche Entwicklungstendenzen im Bunde nicht die Frucht seiner freien Entschließung waren. Sie tation betreffend, der Konferenz zu unterbreiten und sie brachen. Die Macht des Lebens schritt siegreich über den führte die freie Prüfung und Entscheidung als sittliche Pflicht zu diesem Zwecke der Unterzeichneten mitzuteilen. Zwang des Buchstabens hinweg. Sie sprengte Bande, die nicht bis in die Domäne des religiösen Lebens ein. Das VerUm die Kosten der Delegierung decken zu können, sollten gelöst wurden, fie fügte Ghen zusammen, denen die firch- hältnis zu Gott verwandelte sie im letzten Grunde in einen die Genosfinnen alsbald mit den Sammlungen beginnen. liche, die gesetzliche Sanktion mangelte. Die katholische freien Vertrag, den der einzelne jederzeit auf Grund seiner Erfolgte Wahlen von Delegierten sind der Unter- Kirche hatte aus ihrem Herrschaftsbereich die Ehereform, die Forschung und überzeugung revidieren kann, ja revidieren Lösbarkeit der Ehe verbannt, fie öffnete jedoch damit dem muß. Sie handelte folglich nur konsequent mit sich selber, zeichneten zu melden. Ghebruch, den Konkubinat Tür und Tor. Die historische als sie der Ehe den Charakter eines Vertrags gab, welchen Notwendigkeit der Ehereform setzte sich in der Form illegi- der freie Wille von Mann und Weib schließen und lösen kann. timer Vereinigungen von Mann und Weib durch. Zumal In der Theorie bedeutete das einen gewaltigen Fortbei den Romanen, wo die Liebesleidenschaft das Blut schritt. Die Liebe war bis dahin als objektive Pflicht der stürmischer durch die Adern treibt als bei den kühleren Ehegatten gewertet worden, nicht als subjektive Voraus Germanen, find Ehebruch und Konkubinat quafi zu„ offiziösen" segung für die Ehe selbst. Die Liebe konnte mit der Che fozialen Institutionen geworden. Die Gesellschaft ignoriert sie kommen oder auch nicht. Die Reformation brachte die theoBerlin S 53, Blücherstraße 49, Hof II. und duldet sie, solanae sie möglichst unauffällig, in bürger- retische Anerkennung der Liebe als der natürlich- sittlichen Bibliothek der Friedrich- Ebert- Stiftung Die Frauenkonferenz zu Mannheim muß nicht nur ein Beweis für die Fortschritte der proletarischen Frauenbewegung werden, sondern auch der Ausgangspunkt weiterer großer Erfolge. Mit Parteigruß Ottilie Baader, 100 Die Gleichheit Nr. 15 Grundlage der Ehe. Sie hob das Recht der Liebe auf den Schild, und zwar als gleiches Recht für Mann und Weib. Das von ihr proklamierte Recht>var Menschenrecht. nicht blos Männerrecht. Der Geist der Zeit begehrte die Rechtfertigung alles sozialen Geschehens durch eine theologische Ideologie. Die Reformation berief sich daher für ihren„Umsturz" der Ehe auf die Bibel. Sie deutete als Gottes Stimme, was das unwiderstehliche Gebot der aufkommenden kapitalistischen Produktion und bürgerlichen Gesellschaft war. Unsere Aus- führungen in letzter Nummer haben Helles Licht darauf ge- warfen. Indem die kapitalistische Produktion alle Dinge in Waren verwandelte, löste sie alle überkommenen festen Ver- Hältnisse zwischen den Menschen auf, schlug sie die altehr- würdigen Gebote der Tradition, der Sitte und Sittlichkeit, der Religion zu Boden. So schuf sie die„freien und gleichen" Kontrahenten für den„freien" Vertrag, dessen sie für ihre Entfaltung und Herrschaft bedurfte, und der zu ihren charakteristischenWesenszügen gehört. AlsWillensvollstreckerin der kapitalistischen Entwicklungstendenzen hat die Reformation das Prinzip des„freien Vertrags" für die Ehe durchgesetzt. Eine Tatsache läßt sinnenfällig den inneren Zusammen- hang zwischen Wirtschaft und Ehe, zwischen Kapitalismus und Ehereform hervortreten. Die nämliche Periode der kapitalistischen Großindustrie, welcher wir in Deutschland die„nationale Einheit" unter preußischer Pickelhaube ver- danken, zeugte als legitime Drillingsgeschwister Gewerbe- ordnung, Freizügigkeit und Zivilehe. Die gescheitelte Orthodoxie vergaß, wessen Geschöpf und Werkzeug die protestantische Kirche war, sie verhöhnte die großen ideolo- gischen Prinzipien ihrer Vergangenheit, als sie den„Satans- spuk" der Zivilehe bekämpfte. Die„liberale" deutsche Bourgeoisie handelte übrigens bald darauf gleich einsichts- und charakterlos. Von der Furcht vor dem„roten Gespenst" nach rückwärts gepeitscht, ging sie bei der Schastung des neuen bürgerlichen Gesetzbuchs in punkto des Ehe- und Familienrechts auch den reifsten Konsequenzen der kapita- listischen Entwicklung aus dem Wege. Und Schlimmeres noch! Sie fand sich mit den Reaktionären jeder religiösen und politischen Couleur zur Erschwerung der Ehescheidung zusammen— ein schimpflicher Bankerott ohnegleichen. Die Ehereform, welche die bürgerliche Gesellschaft in allen Ländern mehr oder minder konsequent durchgeführt hat oder noch durchführen muß, findet geschichtlich bedingt ihre Schranken in dem Wesen der kapitalistischen Ordnung selbst, deren Ergebnis sie ist. Sie steht unter der Herrschaft der in ihr geltenden Eigentumsordnung und der in dieser wurzelnden Klassengegensätze. So bedeutsam die grund- sätzliche Anerkennung des Rechts der Persönlichkeit, des Rechts der Liebe in der Ehe ist, so unvollkommen setzt sie sich in der Praxis durch. Im allgemeinen sichert sie günstigsten- falls den einzelnen die Freiheit der Liebeswahl nur inner- halb der Klasse, welcher sie angehören. Die bürgerliche Ehe bleibt außerdem bei den Besitzenden ihrem Wesen nach, was sie früher gewesen: Kauf- und Konvenienzehe. Die Reform hat einen verhüllenden Mantel über die sittlichen Makel ge- morsen, welche aus dem Widerspruch zwischen dem eigentums- rechtlichen Charakter der Ehe und ihren natürlich-moralischen Voraussetzungen resultieren, sie hat aber diese Mak nicht zu tilgen vermocht. Das Recht der Liebe gewinnt noch am meisten in der Ehe der besitzlosen und wenig besitzenden Klassen Leben und Gestalt, weil bei ihnen die Macht des Eigentums schwindet. Jedoch inmitten der vielgestaltigen Einflüsse der kapitalistischen Eigentumsordnung tritt es nicht einmal hier immer wesensrein in Erscheinung. Wie die Prinzipien der bürgerlichen Freiheit und Gleichheit, so triumphieren auch die Prinzipien der bürgerlichen Ehereform nur vollkommen im luftleeren Räume der philosophischen Abstraktion; wie jene, so haben sie die juristischen Formeln und nicht die wichtigsten sozialen Verhältnisse revolutioniert, an welche ihre Durchführung geknüpft ist. Die Reform der Ehe hat in der Folge nicht den glänzenden Traum von einer durchgreifenden Versittlichung des Geschlechtslebens zu ver- wirklichen vermocht, den ihre idealsten Vorkämpfer geträumt. Die Befreiung der Liebe von Zwang und Schmutz, die nicht das Werk der bürgerlichen Reform sein kann, muß die Tat der sozialen Revolution sein. Das wird der letzte Abschnitt dieser Abhandlung nachweisen. Ein Bild aus der Agitation für das aktive und passive Frauenwahlrecht in Finnland. Durch die Wahlrechtsreform, die kürzlich fast einstimmig vom finnischen Landtag angenommen worden ist, erhält in Finnland auch die Frau das aktive und passive Wahlrecht. Zu diesem glänzenden Resultat hat hauptsächlich die mehr als zehnjährige energische Arbeit der finnischen Frau bei- getragen. So veranstalteten zum Beispiel die sozialdemo- kratischen Frauenvereine am 17. Dezember 190S im ganzen Lande Frauenversammlungen, bei denen mehr als 25000 Teilnehmerinnen folgender Denkschrift zustimmten, die dem Landtag eingereicht worden ist: „Als im Altertum Ansiedler in unser Land vordrangen, um eine zähe, schwere Arbeit zur Bestellung des Bodens in Ein- öden und Wäldern aufzunehmen, stand die Frau dem Manne im Kainpfe gegen die strenge Natur zur Seite, und wenn der Frost die Ernte vernichtete, der Bär das Vieh bedrängte, so teilte die finnische Frau die Härte des Schicksals mit ihren Angehörigen. Wenn es im Schneesturm oder im heißen Sommer für das tägliche Brot zu arbeiten galt, sparte das „schwächere Geschlecht" nie seine Kräfte. Die Frau nahm teil an allen Alltagssorgen; im Unglück tröstete sie den Mann, ihn zum ü»»«i«t»in(ife begeisternd. Oft kam auch der Krieg. Unbarmherzig vernichtete und zerstörte er die mühsam errungenen Erfolge der Friedens- tage, und dabei erlitt die Frau so manchen Verlust, so manchen Schmerz. Von den Dichtungen aus diesen Zeiten wird einer Perle gleich„die Tochter des Heuerlings" fortleben, und die Heldin war nicht die einzige ihrer Art. Nach und nach fing unser Land an, den Spuren der großen Kulturländer zu folgen. Lehranstalten wurden er- öffnet, und die Kunst hielt ihren Einzug im hohen Norden. Verhielt die Frau sich diesem neuen Leben gegenüber gleich- gültig? Keineswegs. Sie hat sich in ihm gebildet, sie hat die Kulturentwicklung- mit tragen helfen, sosern nicht äußer- liche Hindernisse ihren heißen Drang heminten, an der Quelle des Wissens zu trinken. Am bedeutungsvollsten sind ihre Leistungen auf dem Gebiet des Schulwesens, und auch in der Kunst, Literatur und Journalistik ist ihre Arbeit einfluß- reich geworden. Bei der Entwicklung zum Kulturstaat entstanden in Finn- land neben Ackerbau und Viehzucht Industrie und Handel, durch die, wie überhaupt durch die Fortschritte in der Be- schaffung der Existenzmittel, das geistige Leben des Landes gesichert wurde. Wenn wir über diese Dinge sprechen, dürfen wir nicht vergessen, daß das Los der Frau war, die längste und härteste Arbeit zu leisten. Tausende, Zehntausend« von Frauen, die in den Fabriken arbeiten, haben unennüdlich „das Weltrad" mit weitergedreht. Ein jeder von uns muß bedenken, wie viele verschiedene Aufgaben die Frau im Laufe der Zeit außerhalb des Fa- milienlebens erfüllt. Wenn wir noch dazu an die Schmerzen der Mutter denken, an ihre schlaflosen Nächte, an ihre liebe- volle Sorge um die Kinder, an das Erziehungswerk, durch das sie die jungen Seelen bereichert: so erwacht in uns die Anerkennung der Frau und ihrer Leistungen sowohl im Heim wie im sozialen Leben. Unzählige Beispiele könnten wir aus Vergangenheit und Gegenwart anziehen, um zu zeigen, welch ein wichtiger Faktor die Frau für die Mensch- heit ist. Aber es bleibe bei den angeführten, die wohl keiner als unzutreffend bezeichnen kann. Indem wir uns die Pflichten der Frau vergegenwärtigen, fragen wir uns unwillkürlich: Welche Rechte hat sie im Laufe der Zeit erworben? Und da stoßen wir auf einen schreienden Widerspruch. Unser soziales Leben zeigt ein trauriges Bild der Frauenrechte. Das politische Wahlrecht fehlt der finnischen Frau vollständig. Ist das nicht ein Stand der Dinge, welcher besser in das Mittelalter, als in das 20. Jahrhundert paßt? Unsere Abgeordneten werden nicht nach ihrem persön- lichen Wert als Menschen gewählt, sondern nach ihrem Ge- schlecht. Dank der Herkunft, dank gut bezahlter Ämter, dank Grund- und Geldbesitz wählen die Männer die Abgeordneten, die Frauen dürfen unter keiner Bedingung wählen, noch weniger sind sie selbst in den Landtag zugelassen. Das ist eine persönliche Kränkung für alle Frauen, es ist der Aus- druck der Verachtung der Frau, es ist eine Zurücksetzung des ganzen weiblichen Geschlechtes. Außerdem ist es eine Un- gerechligkeit, die tadelnswerte, weitwirkende Folgen zeitigt. Wir könnten hier eine lange Reihe aufzählen von Lug und Trug, Schlechtigkeiten, Genieinheiten und Grausamkeiten, welche tiefe Wurzeln in dem Leben des finnischen Volkes geschlagen haben, üppig wuchernden giftigen Gewächsen gleich, ihre Zweige weit ausbreitend und die Luft um uns verpestend. Wir erkennen dies alles mit Schmerz darüber, daß wir jeglicher Möglichkeit beraubt sind, kräftig zur Besse- rung der Verhältnisse eingreifen zu können, denn uns fehlt jeder soziale Einfluß— wir haben weder das aktive noch das passive Wahlrecht. Ganz besonders freudlos ist das Leben der Frau der unteren Volksschichten. Die Gespenster der Arbeitslosigkeit, des harten Schicksals der Witwe, der Hilflosigkeit des Alters, des Hungers der Kinder, des Mannes, der zum Trunken- bold wird, des Untergangs der Töchter durch die Prostitution in den großen Städten stehen immer drohend vor ihrem inneren Auge. Sie fühlt sich wie eine schwache, treibende Planke auf dem weiten Meere des Elends, und nur durch die größten Anstrengungen kann sie sich retten. So sieht in kurzen Zügen die Lage der Frau in Finn- land aus, dessen Töchter wir alle sind; so sieht sie aus bei dem Volke, zu dessen Besten wir unsere Pflichten erfüllen, im Lande, dessen Schicksal uns, ebenso nahe geht wie den Männern. Ist es denn da ein Wunder, daß wir uns zu Zehn- lausenden erheben, um nach unseren Rechten zu fragen, um die Gleichstellung mit den Männern zu fordern? Durch unser ganzes Vaterland, in den Städten wie im abgelegen- sten Dorfe erschallt heute ein mächtiger Ruf, welcher dem innersten Wunsche der volljährigen Frau Ausdruck verleiht: Her mit dem Frauenwahlrecht! Das ist unsere Losung, die wir erst fallen lassen, wenn unsere Forderung erfüllt worden ist. Das Wahlrecht ist für uns ein Mittel, den Strom des Alkoholis- mus aufzuhalten, den ökonomischen Wohlstand und das geistige Niveau des Proletariats zu heben, ihm den Weg zur Freiheit und zum Lichte zu bahnen. Das Wahlrecht gleicht einer Zauberkraft, mittels deren kluger Benutzung wir Wärme und Glück in viele Tausende Familien tragen, die Pflege und die Erziehung der Kleinen, die Moral und Ehre unseres Volkes sichern. Im Besitze der politischen Rechte fühlen wir uns als Milbürgerinnen, deren Gemüt nicht durch Erbitterung ver- giftet, nicht durch das Gefühl, unterdrückt zu sein, belastet wird. Zu immer nützlicheren Kräften für das Heim und unser Land wollen wir uns dann entwickeln, denn wir glauben fest, daß die Ausübung unserer neuen Rechte unseren Gesichtskreis bedeutend erweitern wird, ohne daß wir dabei Einbuße an der Tiefe des Gemüts leiden, die unser Beruf als Erzieherin verlangt. Wir— Frauen der unteren Schichten des finnischen Volkes, die wir diesen Tag der Forderung des aktiven und passiven Wahlrechts geweiht haben— wir erklären gleichzeitig, daß wir mit der größten Spannung die Wahlrechts- reform in der Hoffnung verfolgen, daß das Einkammer- system die alte Klassenvertretung ersetzt, die nur aufreizend wirkt, keine Gesehe geben kann, welche das ganze Volk zufrieden stellen, und die auch nicht einen feindlichen Druck von außenher so abzuwehren vermag, wie ein Parlament, hinter dem alle Schichten des Volkes stehen. Unsere Zeit ist eine Übergangszeit. Noch vor kurzem standen wir in heißem Kampf für die Idee der nationalen Freiheit, wir vernichteten die gemeine Macht der Spione, wir untergruben de» Boden der Bureaukratenherrschaft. In welchem Maße wir Frauen an diesem Kampfe teilgenommen haben, welchen Erfolg die von uns gegen das verhaßte �Regime geführten Schläge hatten— das wollen wir selbst 'nicht beurteilen. Eins wagen wir aber zu behaupten: guier Wille hat uns nie gefehlt und wird uns auch in der Zukunft nie fehlen. Mit aller Kraft werden wir für unser Vaterland arbeiten, dessen Glück erst dann voll sein wird, wenn nicht nur die Freiheit nach außen gesichert ist. sondern die arbeitenden Klassen sich vom Druck ihrer Herren frei gemacht haben. Mit diesem Ziele vor unseren Augen stehen wir ernst in dieser unruhigen Zeit und warten, wie die machthabenden Klassen sich zu unseren berechtigten For- derungen stellen werden. Die Agitation, die jetzt ihren Höhe- punkt erreicht hat, und die starke Erregung der Gemüter werden sich legen, das Gefühl der nationalen Einheit und inneren Sicherheit wird wachsen, sobald die Frage des Frauenstimmrechts in einer der ernsten Lage entsprechenden würdigen Weise gelöst worden ist. Das Einkammersystem ist ein Abbild des einen Vater- landeZ, und das allgemeine Simmrecht ist eine Bürgschaft für die Gleichheit aller. Gebt uns beides, ihr hinterlaßt damit ein Erbteil für das Finnland der Zukunft, von dem wir alle träumen. Das sind die Gedanken, die sich in dieser Stunde in uns regen. Zu Zehntausenden versammelt, erklären wir Frauen des Volkes einstimmig: Wir anerkennen nur das Einkam- mersystem und eine demokratisch zusammengesetzte Volksver- tretung. Wir fordern für jede 21jährige Frau, ob verheiratet oder ledig, das aktive und passive Wahlrecht. Wir finden, daß es eine moralische und vaterländische Pflicht der machthabenden Klassen ist, uns die geforderten Rechte zu gewähren, und wir versichern, daß die Verweigerung derselben eine neue Veranlassung für uns zum weiteren Kampfe sein wird." Hilja Parssinen. Deutsch von Adele Burjam. Agitatorin und Staatsanwalt. Am 30. Juni stand unsere Genossin Zieh vor dem Landgericht in Hamburg, um sich gegen die Anklage zu verteidigen, in drei Versammlungen zu strafbaren Hand- lungen aufgefordert und verschiedene Bevölkerungsklassen gegeneinander aufgereizt zu haben. Die Angeklagte hatte im Januar dieses Jahres über das Thema gesprochen:„Der deutschenArbeiterinWeihnachtsgeschenk" und dabei speziell die Flottenvorlage, die neuen Steuern und die Ham- burger Wahlentrechtung kritisiert. Selbstverständlich hatte sie die„Schönheiten" dieser Weihnachtsgeschenke gebührend hervorgehoben und den Frauen die„Borteile" auseinander- gesetzt, welche die Vorlagen für ihren Geldbeutel haben. Der Staatsanwalt war sittlich entrüstet darüber, daß die Red- nerin nur die„Schaltenseiten" der neuen Erzeugnisse des Klassenstaates erwähnt, dagegen die„Lichtseilen" verschwiegen habe. Die staatsanwaltliche Ansicht zeugt von einer rühren- den Naivität, denn es ist ein merkwürdiges Verlangen, daß eine Sozialdemokratin ihren Klassengenossinnen vorreden soll, die Vorteile, die anderen Leuten aus den erwähnten Weih- nachlsgeschenken erwachsen, seien auch ihr Nutzen, übrigens ist der Staatsanwalt selbst in den von ihm getadelten Fehler verfallen. In seiner Anklagerede hat er nämlich nur die „Schattenseiten" der Angeklagten herausgestrichen und von den„Lichtseiten" kein Wort gesagt. Und daß unsere Freun- diu kein pechrabenschwarzes Schaf ohne jeden weißen Fleck ist, wird auch der Staatsanwalt wohl nicht behaupten wollen. Warum will er aber der Angeklagten etwas zum Vorwurf machen, was er selbst gewerbs- und gewohnheitsmäßig, ohne sich etwas Argesdabei zu denken, tagtäglich übt? Denkt er denn nicht an das Sprichwort, daß man nicht mit Steinen werfen soll, wenn man selbst im Glashause sitzt, oder an das Bibelwort von dem Balken und dem Splitter? Die Gerichtsverhandlung bot manche intereffante Mo- mente. Zunächst müssen wir sagen, daß die Hauptperson bei der Sache, die Angeklagte, sich ganz vorzüglich gehalten hat. Es war fürwahr keine leichte Aufgabe, einen ganzen Tag hindurch auf der Wacht zu stehen und dem Kreuzfeuer von Fragen und Angriffen Stand zu halten. Aber Genossin Zieh war dieser Aufgabe gewachsen, und es war eine Freude zu beobachten, welche Stärke eine auf Wissen und sozialem Empfinden begründete Überzeugung verleiht. Ruhig und klar machte die Angeklagte ihre Aussagen, und es fehlte ihr auch nicht an Mut, ihre Meinung energisch zu vertreten.„Wenn ich in dem Sinne gesprochen hätte, wie es die Anklage annimmt," erkärte sie einfach,„so würde ich auch den Mut besitzen, diese Meinung hier vor Gericht zu vertreten". Dieser Behauptung gegenüber läßt sich allerdings nichts einwenden, zumal da es Genossin Zieh meisterhaft verstand, Nr.lS Die Gleichheit 101 die Anklage Punkt für Punkt zu widerlegen. Die Herren Polizisten, welche die Versammlungen überwacht hatten, wurden vollständig in die Enge getrieben. Sie hatten alle Kraftausdrücke aus den Reden— wie die Rosinen aus einem Kuchen— herausgesucht und fein säuberlich zu Protokoll gebracht. Daher kam es dann, daß es in den Reden von „Aufreizungen" wimmelte. Wenn Genossin Zieh auf den Idealismus, die Begeisterung und die Opferfreudigkeit der russischen Proletarierinnen hingewiesen, wenn sie von dem Heldenmut erzählt hatte, mit dem sie auf die Barrikade ge- stiegen, sich den Kugeln der Schergen und Henkersknechte entgegengeworfen haben: so hatte es vor den Augen der Volizeileute von Revolvern und Barrikaden und blanken Säbeln geflimmert, und die schönste„Aufreizung" war fertig. Daß die Rednerin zugleich gesagt hatte:„Wir in Deutsch- land kämpfen auf gesetzlichem Wege, mit der Waffe der Or- ganisation!", daß sie den Unterschied zwischen deutschen und russischen Verhältnissen und die Verschiedenheit der Kampfes- weise hervorgehoben hatte— davon stand nichts in den Protokollen, das hatten dieHerren„überhört." Tragi- komisch wirkte es, wenn sie einer nach dem andern einräumen mußten, daß ihre Protokolle Lücken enthiellen, und daß nur „die wichtigsten Punkte" laha!) darin aufgenommen seien. Dafür meinten sie aber auch, der ganze Eindruck der Reden sei aufreizend gewesen; Frau Zieh sei eine sehr temperamentvolle Rednerin, die ihre ZuHörerinnen hinzureißen verstehe. Das ist unserer Meinung nach gar kein Fehler und bedeutend besser, als wenn eine Rede einschläfernd wirkt. Eine Zeu- gin gab dieser Auffassung Ausdruck, indem sie meinte, die Angeklagte wisse, wie es einer Arbeiterfrau zu- mute sei und sie rede auch zu Herzen, weil ihre Worte aus dem Herzen kämen. Und dann die Anklagerede des Staatsanwalts! Bekannt- lich hat ein Staatsanwalt in Deutschland das ausgedehnteste Beleidigungsrecht; er darf die Angeklagten angreifen und seelisch auf die Folter spannen, ohne daß es seinen Opfern erlaubt ist, sich entsprechend zu verteidigen. Von diesem Rechte machte der Herr Staatsanwalt Dr. Schön den ausgiebigsten Gebrauch. Der Herr ist bekannt als ein objektiver, milde urteilender Ankläger, aber wenn es sich um die poli- tischen und sozialen Gegensätze handelt, so geht die Objektivi- tät in die Brüche. Und so redete er, daß es nicht mehr schön war:„Die Angeklagte stiftet nur Unheil an und vcr- wirrt die Köpfe; sie maßt sich ein Urteil an über Sachen, von denen sie absolut nichts versteht; sie hat durch ihre Hetzereien viele Leute ins Unglück gestürzt und zu Aus- schreitungen verführt; sie ist eine gewissenlose, ge- fährliche und unehrliche Person, die sich nicht scheut, die schlechtesten Mittel anzuwenden." Es sind dies harte Ausdrücke, die unstteitig schwere Be- leidigungen enthalten, und man darf wohl fragen, woher der Staatsanwalt das Recht für sich in Anspruch nimmt, eine Frau derartig anzugreifen, die wie Genossin Zieh mit tiefem sittlichen Ernste für ihre ehrliche Überzeugung kämpft. Leider haben wir uns in Deutschland beinahe schon daran gewöhnt, daß bei politischen Prozessen die Anklagebehörden als Scharfmacher fungieren und daß die Angeklagton im Gerichtssaal gewissermaßen vogelfrei sind. Mag ein Sozial- demokrat noch so ideal veranlagt sein, und mag er seiner Überzeugung noch so große Opfer gebracht haben— in den Augen des Staatsanwalts ist er ein Mensch, der von den Arbeitergroschen lebt; mag er noch so sehr von der Wahr- heit und Gerechtigkeit seiner Sache überzeugt sein— für den Staatsanwalt ist er lediglich ein bezahlter Agitator, der um des schnöden Mammons willen das Volk betrügt; mag er noch so sehr gegen die Revolution im Heugabelsinn auf- treten und den Kampf mit geistigen Waffen predigen— der Staatsanwalt nennt ihn einen Aufhetzer, Umstürzler, Volks- Verführer. Und nebenbei fallen dann noch Seitenhiebe aus die Umsturzpartei, die Ehe und Familie zerstören will, die vor Meineiden nicht zurückschreckt, die zu jeder Schandtat fähig und bereit ist. Der Verteidiger, Dr. Herz-Altona, charakterisierte die Angriffsweise des Staatsanwalts als durchaus ungehörig: der Staatsanwalt habe sich nicht gescheut, eine geistig so hochstehende Frau, wie die Angeklagte sei, herabzusetzen und zu verunglimpfen; die Angeklagte habe sich durch Fleiß und Eifer auf ein hohes geisttges Niveau emporgearbeitet; sie kenne als Arbeiterin die Lage des arbeitenden Volkes, und mit Feuereifer kämpft sie für eine Hebung des Volkes und besonders der Frauen. Wie komme der Staatsanwalt dazu, die Angeklagte als eine Volksverführcrin hinzustellen und ihr die Schuld an den Hamburger Strahenkrawallen in die Schuhe zu schieben? Es sei doch durch das Zeugnis der Polizei erwiesen, daß von den wegen der Teilnahme an den Krawallen Angeklagten nicht ein einziger die Versamm- lungen besucht habe, in denen Frau Zieh redete. In seiner Antwort wußte der Staatsanwalt nichts hierauf zu erwidern. Und dann nahm unsere Genossin das Schlußwort. In schlichter, aber um so eindrucksvollerer Weise wies sie die Angriffe des Staatsanwalts zurück.„Mag meine politische Ansicht auch falsch sein, so habe ich sie mir doch durch ehr- liches Bemühen erivorben," so sprach sie.„Mag meine über- zeugung dem Staatsanwalt nicht passen, so ist sie doch eben so achtbar wie die seinige. Ich bestreite dem Staats- anwalt das Recht, mich in meiner Ehre zu kränken und meine Ehrlichkeit anzuzweifeln. Die Behauptungen des Staatsanwalts sind unwahr und seine Angriffsweise ist unfein. Die Zukunft wird lehren, wer Recht hat, der Herr Staatsanwalt oder ich." Damit schloß die Angeklagte, deren Worte unter tiefer Stille im Saale verhallten. Das Resultat ist bekannt. Das Urteil lautete wegen Auf- reizung auf drei Monate Gefängnis. Es ist eine ehrenvolle Wunde, die unsere Genossin aus dem Kampfe davonträgt. Sie ging als Siegerin aus dem Gerichtssaal mit dem Bewußtsein, für die Sache des Prole- tariats, für die proletarische Frauenbewegung gekämpftzuhaben. Und wenn die Vertteter des Klassen- staats glauben, mit ihrem Vorgehen gegen„die gefährliche Agitatorin" etwas erreicht zu haben, so irren sie— eine ge- rechte Sache läßt sich durch drakonische Urteile nicht aus der Welt schaffen, und die Idee des Sozialismus kann man mit Polizeiknüppeln nicht totschlagen. Brutus. Aus der Bewegung. Von der Agitation. JnLandsberga.W., Schwerin, Birnbaum, Posen, Hohensalza, Schneidemühl, Bromberg, Thorn, Jastrow, Schönlanke und Görlitz behandelte Genossin Lungwitz-Berlin in öffent- lichen Frauenversammlungen die Themata:„Unsere Waffen im Klassenkampf",„Die Frauen und die Wirtschaft- lichen Verhältnisse." Besuch und Verlauf der Veranstaltungen übertrafen alle Erwartungen und berechtigen zu den besten Hoffnungen für die Entivicklung einer kräftigen Frauen- bewegung in jener Gegend, überall erstanden der Sache des Proletariats neue Kämpfer und Kämpferinnen, die sich zum großen Teil dem Leserkreis der„Gleichheit" anschlössen. In Ra witsch fand an Stelle einer Versammlung eine Be- sprechung statt, da der Partei kein Saal zur Verfügung steht. Die Versammlung in Hohensalza verfiel der Auf- lösung durch die Polizei. Obgleich der zuständigen Behörde die Anmeldung rechtzeitig und vorschriftsmäßig zugegangen war, hatte der Einderufer kurz vor dem angesetzten Beginn der Versammlung noch keine Anmeldebescheinigung in Händen. In letzter Stunde wurde er deshalb noch auf dem Polizei- blweau vorstellig, wo er die Erklärung erhielt, daß die Be- scheinigung bereits in seiner Wohnung sein müsse. Da man dieselbe jedoch dort nicht vorfand, eröffnete der Genosse kurzerhand die Versammlung. Genossin Lungwitz referierte schon eine volle Stunde, als plötzlich der Hüter des Gesetzes erschien und die Anmeldebcscheinigung forderte. Seinem Verlangen konnte nicht entsprochen werden; die Auflösung der Versammlung war die Folge. Um jedem unangenehmen Zwischenfall vorzubeugen, ermahnte die Unterzeichnete die verwunderten Besucher, sich ruhig zu verhalten. Zum Dank dafür wurde sie von dem Beamten aus dem Lokal verwiesen. Später soll sich der Herr den Kops darüber zerbrochen haben, welchen Weg die Referentin eingeschlagen haben könnte. Der Vorfall wirft helles Licht auf die kleinlichen Mittel, mit denen mancherorts die Behörden die moderne Arbeiter- bewegung bekämpfen. Das muß uns anspornen, die Auf- klärungsarbeit unter den proletarischen Massen zu verdoppeln. Betrachte es jeder als seine Pflicht, an dieser Aufgabe nach besten Kräften mitzuarbeiten. Berta Lungwitz. Die Proletarierinnen dem politischen Kampfe zuzuführen, war der Zweck einer größeren Anzahl von Agitations- Versammlungen, welche die Unterzeichnete in folgenden Orten abhielt: Dessau, Coswig, Zerbst, Raguhn, Jeß- nitze, Jonitz, Roßlau, Oranienbaum, Gommern, Burg, Stettin, Stargard, Köslin, Stolp, Kol- berg, Frauendorf, Pommernsdorf, Podejna, Nemitz, Grabow, Swinemünde, Falkenburg, Danzig und Elbing. Zur Behandlung standen folgende Themata:„Die Frauen und die Politik",„Der Wert der verkürzten Arbeitszeit",„Der Kampf um kulturwürdige Menschenexistenz",„Moderne Weltanschauung." In Anhalt wurden der„Gleichheit", trotzdem der Versammlungsbesuch hier und dort zu wünschen übrig ließ, 100 Abonnentinnen gewonnen, in Pommern deren sogar 294. Hier war die Beteiligung an den Versammlungen großartig, meist sprach die Unterzeichnete in überfüllten Sälen. Zur Leitung der politischen Agitation unter den Frauen fand sich fast an allen Orten eine Genossin, die die übernommene Pflicht nach bestem Wissen zu erfüllen gelobte.— Die Unterzeichnete re- ferierte des weiteren in den Frauenbildung so ereinen zu Britz, Wilhelmsruh, Rixdorf und Weißensee. Ein Vortrag, den sie in Friedrichshagen hielt, führte zur Gründung eines Bildungsvereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse, zu dem sofort2ö Frauen ihren Beitritt erklärten. M. I e e tz e. Wahlagitation. Anläßlich der ReichstagSnachwahl in den Wahlkreisen Hagen-Schwelm und Altena-Jserlohn sprach die Unterzeichnete in folgenden Orten: Lüdenscheid, einem kleinen Orte bei Lüdenscheid, Plettenberg, Iserlohn, Hagen, Schwelm, Haspe, Gevelsberg. Mi lspe.V oge lsan g.Langerfe ld, Wetter und einigen kleinen Orten, überall ward nicht nur die Wichtigkeit und Bedeutung der bevorstehenden Wahl erörtert, sondern stets daneben betont, daß es gelte, weitere Siege vorzu- bereiten durch den Ausbau der Organisation, sowie die Verbreitung unserer Presse. Neben der erreichten Revo- luttonierung der Köpfe ward denn auch ein guter greifbarer Erfolg nach dieser Richtung hin erzielt. In Gevelsberg und Schwelm erfolgte außerdem die Wahl einer weiblichen Vertrauensperson. Seither hat die Stichwahl in Iserlohn uns den Sieg in einem Wahlkreise gebracht, der bisher zu den festesten Burgen des Freisinns gehörte. Hoffentlich wird die Eroberung von Hagen folgen, überall haben die Frauen sich fleißig an der Agitationsarbeit beteiligt. In Milspe und Haspe hatten wir ein Rekontre mit der Poli- zei, worüber wir an anderer Stelle berichten, ebenso wie über die Versammlung in Velbert. Eine prächtig besuchte Versammlung tagte in Elberfeld, in der unsere Genosinnen, besonders die Genossinnen Seyfert, Voigt und Becker eine lebhafte Agitation entfalteten und zirka 70 Aufnahmen für den Frauenverein erzielten. Luise Zietz. Im ersten Hamburger Wahlkreis tagten kürzlich fünf öffentliche Frauenversammlungen, die sich eines guten, zum Teil sogar eines glänzenden Besuches erfreuten. Da wir zurzeit noch eines großen Lokales ermangeln, waren die Versammlungen distrittsweise in kleineren Lokalen einberufen worden. Es waren die ersten, die nach der Re- organisation der Hamburger Partei stattfanden. Die Genossen hatten Lauszettel zu den Versammlungen verbreitet, und der Erfolg war ein äußerst befriedigender. In einer Versammlung wurden zum Beispiel SO Neuaufnahmen für die Partei erziell und zirka ebensoviel Abonnenten für die Gleichheit gewonnen. Auch für die anderen Versammlungen war ein gutes Ergebnis zu verzeichnen, so daß insgesamt der Partei weit über 100 neue Mitglieder zugeführt wurden. Die Versammlungen, die vor allem die Frauen aufrufen sollten zum Protest gegen die gegenwärtige Zollpolitik, gestalteten sich gleichzeitig zu Protestversammlungen gegen dieGrau- samkeiten und Bestialitäten, die in Rußland vor allem gegen Frauen und Kinder verübt werden. Zwei Versammlungen, die in Wandsbek und Tönning stattfanden, erfreuten sich eines guten Besuches und brachten uns eine Anzahl neuer Mitkämpfer. In Tönning ward eine Verttauensperson gewählt und die ersten zwanzig Gleich- heitsabonnenten gewonnen. Damit hat die politische Frauen- bewegung auch hoch oben im Norden an der Wasserkante Fuß gefaßt. Luise Zietz. Eine gut besuchte öffentliche Frauenversammlung tagte Ende Juni in Wittenberge. Genossin Baader- Berlin referierte über:„Die Frau im Kampfe gegen Not und Knechtung." Sie kennzeichnete die kapitalistische Gesell- schaft, der nur ein klassenbewußtes Proletariat die Macht entwinden könne. Die Referenttn ermahnte deshalb die an- wesenden Proletarierinnen, dem Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse beizutreten, der ihr Bildungs- bedürfnis zu befriedigen bestrebt sei und sie zu Streiterinnen im Befreiungskampf ihrer Klasse erzöge. Als eine der ersten Aufgaben jeder Arbeiterfrau bezeichnete sie es, für Ver- bannung aller bürgerlichen Zeitungen aus der Familie des Arbeiters Sorge zu tragen. Es sei beschämend, daß selbst Mitglieder des Frauenbildungsvereins, statt sich durch die Arbeiterpresse weiterzubilden und frischen Mut zum Kampfe aus ihr zu schöpfen, sich mit den bürgerlichen Klatsch blättern begnügten. Die Worte Genossin Baaders waren nicht in den Wind gesprochen. 10 Frauen traten der Organisation bei, und die gleiche Zahl meldete sich zum Abonnement der „Gleichheit". Marie Hernowski. Von den Organisationen. DerFrauen- und Mädchen- bildungsvereinTrier hielt Mitte Juni eine öffentliche Versammlung ab. Das Referat des Genossen Hofrichter- Köln über„Die Frauenfrage" fand reichen Beifall. In der Diskussion sprachen mehrere Genossen im Sinne des Re- ferenten. Genosse Müller- Saarbrücken forderte zur inten- sivsten Agitation unter den Arbeiterinnen auf, damit die junge Frauenbewegung bald festen Boden gewinne und durch ihr Emporblühen die gesamte Arbeiterbewegung Triers fördere. Die Vorsitzende, Genossin Wierteloosch, schloß die Versammlung mit einem Slppell an die Anwesenden, für die Frauenorganisation noch mehr wie bisher zu wirken. Margarete Gutgesell. Die Polizei im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Anläßlich der Wahlagitation im Kreise Hagen schien es, als ob die Polizei in einzelnen Orten es sich zur Aufgabe gemacht hätte, den Wählern aÄ ocuIus zu demonstrieren, wie recht wir haben mit unserer Kritsk der preußisch- deutschen Reaktion, mit unserer Kritik der jämmerlich feigen Haltung des„freisinnigen" Bürgertums. Zwei Wahlver- sammlungen verfielen der Auflösung. Die eine in Haspe, — weil Frauen anwesend waren, die andere in Milspe, weil— es 11 Uhr geworden und Polizeistunde eingetteten war. Die einige Tage später einberufenen Protestversamm- lungen, die beide überfüllt waren, gaben uns Gelegenheit, den ganzen Jammer unserer reaktionären Vereins- und Ver- sammlungsgesetze, sowie die„Allmacht" der Polizei einer herben Kritik zu unterziehen und den Versammelten zu zeigen, was sie vom Bürgertum, speziell vom Freisinn zu envarten haben in punkto Erkämpfung von Staatsbürgerrechten. Die bürgerlich Liberalen ließen die Vertreter des Proletariats allein den Kampf für die Eroberung von Freiheiten führen, oder sie sind diesen gar dabei in den Rücken gefallen. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß just in der bis- herigen Hochburg des Freisinns, im Wahlkreis Hagen, das passieren mußte. Als in Milspe die Versammlung der Auflösung verfiel, weil— es 11 Uhr geworden, da wurde man unwillkürlich an die Tage der Kindheit erinnert, in denen aus Fürsorge für Gesundheit und Wohlergehen der Dorfbewohner der Nachtwächter um 11 Uhr mit der Knarre durch die Straßen zog, knarrte und dazu sang: „Hört ihr Leute und laßt euch sagen, Die Glock' hat elf geschlagen! Und wer noch bei den Karten sitzt, Und wer noch bei der Arbeit schwitzt, Er höre aus und geh' zur Ruh' ES wird Zeit, er schließ die Augen zu." Es geht doch nichts über die polizeiliche Fürsorge! Nur chade, daß wir, undankbaren Gemütes wie wir sind, diese Fürsorge nicht zu würdigen wissen, sie vielmehr als eine arge Bevormundung oder gar als eine Forteskainotierung unserer ohnehin allzu kargen Rechte empfinden. Bezüglich der Ausweisung der Frauen aus der Versamm- lung in Haspe führten die Genossen mündlich Beschwerde beim Regierungspräsidenten. Zweck dieses Vorgehens war, die zweite Versammlung gegen eine etwa beliebte Auflösung zu sichern. Das ivard infolge entsprechender Anweisung des Regierungspräsidenten erreicht. Die übervollen Protestver- 102 Die Gleichheit Nr. 15 sammlungm bewiesen, daß sich die Polizei alS unfreiwilliger Wahlagitator betätigt hatte.— In Velbert fand eine stark issuchte Protestversammlung gegen die polizeilicherseits er- olgte Schließung des dortigen Frauenvereins tatt. Dieser hat eine Vereinstätigkeit entfaltet, die sich enau im Rahmen der Statuten gehalten hat, die von der Polizei genehmigt worden sind. Trotzdem war die für- frrgliche Polizei nicht um Gründe für die Schließung ver- legen, die billig wie Brombeeren sind. In öffentlichen Versammlungen, die von der Vertrauensperson einberufen wurden, hatte eine Frau über Politik gesprochen. Personen, die als Sozialdemokraten bekannt sind, hatten im Verein -fi rochen, zwar über vollständig unpolitische Fragen, aber rrauf kam es offenbar nicht an. In der Proteftversamm- ag übten wir eingehende Kritik an der Velberter Polizei- ttion und erörterten die Frage der wetteren Betätigung 'er proletarischen Frauen. Diese hatten, so wurde aus- geführt, in strikter Beobachtung deS reaktionären Vereins- rechtS sich in einer durchaus unpolittschen Organisation zu- kammengeschlossen. Trotzdem verfiel diese der Auflösung. Die Frauen handeln dabei am zweckmäßigsten, wenn sie urzeit von einer festen Vereinigung Abstand nehmen, dafür der sich jetzt als Einzelpersonen in den Dienst der Partei stellen und besten? in derenJnteressewirken- Sie müssen die„Gleichheit" als das geistige Band be- trachten, da? sie alle umschlingt und zusammenhält. Jede Zenosstn könne ihre Wünsche und Anregungen bezüglich Agitation und Aufklärung der Bertrauensperson melden, welche dieselben zur Ausführung bringe. Die bisher an den Verein geleisteten Beiträge sollten die Frauen in Zukunft alS freiwillige Beiträge an die Parteikasse abführen. Geschieht das in zunehmendem Maße, so können wir unS de? Vorgehen? der Polizei freuen, welche die Frauen on der unpolitischen Vereinstätigkeit auf das große Sebiet des politischen Kampfes getrieben hat. Die ftauen haben es in der Hand, so zu handeln, daß der Vor- oß der Polizei sich erweift alS„ein Teil von jener Kraft, .tie stets daS Böse will und stets das Gute schafft". Luise Zieh. Politische Rundschau. Die Stichwahl in Altena-Jserlohn hat zu einem für unsere Partei sehr erfteulichen Resultat geführt. Der Genosse Haberland wurde mit 1800 Stimmen Mehrheit gegen den Zentrumskandidaten Klocke gewählt. Der Sieg an sich, der Gewinn eine? neuen Mandats, das bisher noch nicht in unserem Besitz war. ist schon eine erfreuliche Tatsache. Noch erfreulicher sind die begleitenden Umstände, die unS den Erfolg verschafften. Daß die Nationalliberalen und die Christlich-Sozialen unter Führung des marktschreie- rischen ReichSverbandeS zur Bekämpfung der Sozialdemo- kratte sich für den klerikalen Bureaukraten als staatserhaltende Kraft erklären würden, stand von vornherein fest. Nicht so klar war die Haltung der freisinnigen Parteileitung vor- gezeichnet. Sie hat sich für daS Dümmste entschieden, was sie hm konnte. Sie forderte ihre Anhänger zur Wahl des klerikalen Bureaukraten gegen den Sozialdemokraten auf. DaS tat die Leitung einer Partei, die fortgesetzt behauptet, für die Abwehr klerikaler Einflüsse auf die Schule, für liberale und demokrattsche Reformen jeder Art und gegen die reakttonäre Steuerpolitik einzutreten! Die erleuchteten Freistnnsführer empfahlen die Wahl eines Mannes, der im Reichstag in nahezu allen den wichttgsten Tagesftagen dem freisinnigen Programm direkt entgegengewirkt hätte. Die freisinnigen Wähler quittierten denn auch für diesen politi- schen Unfähigkeitsnachweis ihrer Führer dadurch, daß sie in Scharen für den Sozialdemokraten stimmten oder sich doch der Abstimmung enthielten. Die Beweggründe der frei- sinnigen Führer für ihre selbstmörderische Wahlparole waren eingegeben von der engherzigsten Wahltaktik ohne die ge- ringst« Rücksichtnahme auf die sachlichen Zwecke der Politik. Sie kalkulierten: Wählen wir in Iserlohn den Zentrums- mann, so wählen die Zentrumsleute bei der voraussichtlichen Sttchwahl in Hagen den Freisinnigen, wie sie auch in Jser- lohn demnächst unserem Kandidaten ihre Stimme geben werden, wenn wir wieder einmal in die Stichwahl kommen sollten. Eine solche blöde Schacherpolitik geht von der Vor- aussetzung aus, daß die parlamentarische Politik betrieben wird von einer Anzahl Jnteressentengruppen, die unter ver- schiedenen Flaggen einander bekämpfen, begaunern oder auch mtteinander mogeln, je nachdem, wie der meiste Vorteil für die einzelne Jnteressentengruppe damit herauszuschlagen ist. Völlig außer acht ist dabei gelassen, daß die Wähler zur Erreichung bestimmter sachlicher Zwecke sich einer bestimmten Partei anschließen und deren Kandidaten wählen. Ver- leugnet eine Partei die sachlichen Ziele, deren Erstrebung hr die Existenzberechtigung verschafft, so wird sie von >«» Wählern im Stiche gelassen. Diese Erkenntnis ist so naheliegend, daß blind gegen sie nur eine Partei verden kann, die da? Zutrauen zu ihrer eigenen Sache ver- ivren hat und sich nur noch durch allerhand Diplomaten- kllnste zu halten sucht. Einen stärkeren Beweis für ihren Niedergang als die Wahlparole von Iserlohn hat die frei- sinnige Volkspartei überhaupt noch nicht geliefert. Für die Sozialdemokratie bringt aber der Wahlausfall, abgesehen von dem Siege, an sich, noch die erfreuliche Tatsache in Er- scheinung, daß die freisinnigen Wähler, die entgegen der Stichwahlparole ihrer Führer für unseren Kandidaten ein- traten, damit, ohne selbst Sozialdemokrat zu werden, doch unserer Partei daS Vertrauen ausdrückten, daß es unS ernst ist mit den Bestrebungen, zu denen wir uns bekennen, daß wir also uns wett über die Reihen der Sozialdemokratie Hinaus Anerkennung für unsere anttklerttale, demo- kratische und antireaktionäre Politik erworben haben. Es ist wichtig, das zu betonen, da es sogar in unseren Reihen Leute und Zeitungen gibt, die seit einiger Zeit, ver- leitet von dem Gezeter der Gegner, von einem Rückgänge des Ansehens der Sozialdemokratte zu faseln wagen. Was es übrigens mit der demokratischen Maske auf sich hat, mtt der die Zentrumspartei die Volksmassen zu düpieren sucht, dafür hat der jetzt beendete Kampf um die württem- bergische Wahlreform einmal wieder einen einleuchtenden Beweis erbracht. Es handelt sich da um die endliche Aus- merzung der„Privilegierten", Ritter und Prälaten auD der Abgeordnetenkammer und deren Umgestaltung zu einer reinen Volkskammer. Dagegen leistete bis zuletzt die Zentrums- partei den hartnäckigsten Widerstand, die nämliche Partei, die im Reichstag sich nicht genug tun kann in Versicherungen ihrer unentwegten Anhänglichkeit an das allgemeine, gleiche und direkte Reichstagswahlrecht; die nämliche Partei, die in Bayern mit den Sozialdemokraten zusammen gegen den Liberalismus eine demokrattsche Wahlreform durchgesetzt hat. DeS Rätsels Lösung ist sehr einfach. In Württemberg, dem zu dreiviertel protestantischen Lande, wo der Hochadel fast durch- weg katholisch ist, kommt die Begünsttgung der Adelsprivi- legten naturgemäß in erster Reihe dem klerikalen Einfluß zugute. Da pfeifen natürlich die Gröber und Konsorten auf ihre im Reichstag so laut betätigten demokratischen Grundsätze. Sie fühlen sich als Schutztruppe der Papstkirche zunächst und allermeist. Polittsche Grundsätze sind ihnen nur Mittel, deren Verleugnung durch das Papfttircheninteresse jederzett ge- heiligt wird. Schließlich ist ihr höhnender Widerstand aber doch mit der erforderlichen Zweidttttelmehrheit unter Bei- Hilfe unserer Parteigenossen überwunden worden. Jetzt ist auch in Württemberg wie in Baden und Bayern die Landes- Verfassung demokratischer gestallet worden, zum bittersten Grimm der junkerlichen und bureaukratischen Reaktionäre in Preußen und Sachsen, die ihre Macht im Deutschen Reiche schwinden fühlen. Die junkerlich-bureaukrattsche Reaktton in Preußen-Deutsch- land wirft währenddes in altgewohnter Weise weiter, blind für alle Zeichen der Zeit. Es stört sie nicht in ihrer bös- arttgen Beschränkthett, daß in Rußland das geistesverwandte System des Tschin in ekelerregenden Greueln seinen Todes- kämpf austobt. Es stört sie auch nicht in ihrer dünkelhaften Beschränttheit, daß in Deutschland selbst ihre innere Ver- morschtheit durch Enthüllungen an allen Ecken und Kanten auch kurzsichttgen Augen offenbart wird. So ist jetzt wieder einmal eine charatteristische Eigenart der Reaktton in einem Einzelfall zutage getteten, nämlich die verruchte Nieder- tracht der Werkzeuge, die die reaktionären Machthaber zur Knebelung des Volkes und zur Unterdrückung der Freiheitsbestrebungen gebrauchen. Da ist in Ober- schlesien ein Mann namens Gußner verhaftet worden, weil er sein anderthalbjähriges Stiestind auf scheußlich« Weise umgebracht hat, um sich dessen Geld aneignen zu können. Dieser Gußner war aber ein berüchtigter Handlanger der preußischen Regierung im Kampfe gegen die Sozial- demokratte. So hatte er unseren Genossen Morawski und die Genossin Golde in Kattowitz wegen angeblichen Ver- kaufs eines aufrührerischen Liederbuches denunziert. Nach seinen eigenen Angaben hatte er nach bewährter Lockspitzel- Methode jene Genossen selbst zum Verkauf des Buches ver- leitet. Morawski und Golde bestritten obendrein, daß sie ihm das Buch verkauft hatten. Der Gerichtshof schenfte aber dem Schuft, der sein eigenes schuftiges Verfahren ein- gestand, mehr Glauben als zwei ehrlichen Leuten und ver- urteilte sie zu den horrenden Strafen von zwei und einem Jahre Gefängnis. Morawsfts Gesundheit wurde durch die zweijährigen Gefängnisqualen unheilbar gebrochen. Er ist vor kurzem gestorben. Daß Gußner ein Schurke schlimmster Sorte ist, muß durch sein jüngstes Verbrechen auch einem staatserhaltendm Jntelleft klar geworden sein. Deshalb werden die staatserhaltenden Kräfte allenfalls den Gußner preisgeben, aber an dem System werden sie nichts ändern. Beileibe nicht! Den Gußner sind wir loS, die Gußner sind geblieben. Im Lichte aller solcher Erscheinungen im Reiche der Gottesfurcht und guten Sitte hat für uns der Ausgang der Dreyfus-Affäre ein besonders lehrreiches Interesse. Die Wahrheit hat sich endlich völlig Bahn gebrochen. Das Unrecht, das an Dreyfus und seinen Verteidigern begangen wurde, ist gesühnt worden, soweit sich ein solches Unrecht sühnen läßt. Die gegen Dreyfus und gegen seinen Ver- teidiger Picquart ergangenen Urteile wurden aufgehoben. Beide Offiziere wurden in die Armee wieder aufgenommen und in höhere Stellen befördert. Fraglich ist nur noch, ob die jesuittschen Generalstäbler wegen ihres Lügengewebes zur Verantwortung gezogen werden. Aber auch so gereicht der Ausgang der Affäre den Franzosen zu hoher Ehre. Daß in Deutschland ein solcher Ausgang zu erwarten wäre, ist leider nicht anzunehmen. Bei uns gilt in den herrschenden Klassen als Hauptstaatsgrundsatz, daß dem„System" nie Un- recht gegeben werden darf, damit die„Autotttät" nicht an Kraft verliere. Die Leute an der Klinke der preußisch- deutschen Gesetzgebung und Verwaltung verrechnen sich aber glücklicherweise gründlich in der Wirkung ihres Treiben?. G. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Die langwährende Aussperrung der Lithographen und Steindrucker geht voraussichtlich ihrem Ende ent- gegen. Es ist einem Mitglied der t�eneralkommisfion gelungen, Einigungsverhandlungen zwischen den Steindruckerei- besitzern und den Arbeitern einzuleiten. Diese haben zu dem Ergebnis geführt, daß drei der Hauptforderungen ein« ein- heitliche Regelung für ganz Deutschland erfahren fallen. Der Arbeitstag wird für Stemdrucker auf 9 Stunden, für Lithographen auf 8 Stunden, der Zuschlag für Sonntags- arbeit auf 60 Prozent, für Qberzeitarbeit auf 26 Prozent festgesetzt; ferner sollen alle Feiertage bezahlt werden. Die Regelung der Lohnbedingungen und der anderen Forderungen sollen dagegen lokal erfolgen. Die errungenen Zugeständ- niste bedeuten immerhin den Anfang zur Einführung eines Tarifs für das ganze Reich. Die Gehilfenvertreter gaben ihre Zustimmung zu dem Vorschlag nicht ohne weiteres. Sie wollen ihm erst näher treten, nachdem die örtlichen Ver- Handlungen zum Abschluß gekommen sind, die an allen Streik- orten vor Aufnahme der Arbeit stattfinden sollen. Der Verband der Buch- und Steindruckereihilfs- arbeiter und-arbeiterinnen mußte, weil durch diesen Kampf in Mitleidenschast gezogen, einen Exttabeitrag von wöchentlich 10 Pf. auf die Dauer von ö Wochen aus- schreiben. � Für die Aussperrung der Buchbinder hat sich die Situation wenig verändert. Letzthin haben die Berliner Jnnungsmeister angedroht, daß auch sie ihr gesamtes Per- sonal aussperren würden, wenn nicht die Arbeiter und Ar- beiterinnen die Arbeit in Kürze aufnehnien. Sollte dieser Androhung die Tat folgen, so würde die Zahl der Aus- ständigen um 100 bis höchstens ISO vennehrt, was den Kohl des Unternehmertums auch nicht fett machen würde. Die Textilarbeiter in Forst errangen dank an- erkennenswerter Einmüttgkeit einen glänzenden Sieg. Eine dortige Firma wollte den Arbeitern ihres Betriebs eine gänzlich unannehmbare Arbeitsordnung aufzwingen. 6S00 Arbeiter und Arbeiterinnen traten daraufhin in den Aus- stand. Nach kurzer Zeit gab die Firma nach.— Die Zehn- stundenbewegung der Texttlarbetter macht muntere Fort- schritte. In der Niederlausitz haben die Unternehmer den Zehneinhalbstundentag und vielerorts vom 1. Juli ab den Zehnstundentag bewilligt; auch aus anderen Gegenden ist ein Gleiches zu melden, die Arbeiter und Arbeiterinnen sind in namhafter Zahl wegen Verkürzung der Arbeitszeit vorstellig geworden. Wenn die Reichsregierung sich aus den „Erwägungen" und„Erhebungen" über die gesetzliche Ein- fiihrung des zehnstündigen Arbeitstags für die Arbetterinnen endlich einmal zur gesetzlichen Einführung des Zehnstunden- tags aufraffen sollte, so wird sie einen guten Posttag zu spät kommen, denn nur wenigen Arbeiterinnen noch würde ihre „soziale Tat" eine Verkürzung der Arbeitszeit bringen. Trotz- dem aber: Deutschland allezeit voran! Die Friseure nehmen in vielen Orten einen lebhaften Kampf aus für bessere Lohnverhältnisse, zeitigen Geschäftsschluß und Abschaffung des Kost- und L o g i s z w a n g e s. Da die Organisatton in ihrer Agitations- und Organisationsarbeit vielen Schwierigkeiten begegnet, so ist diese Bewegung von wechselndem Erfolg begleitet. Abermals ist einGewerkschaftsjublläum zu verzeichnen:„Der Grundstein", das Organ des Maurerverbandes, erreichte mit Ende Juni eine Auflage von 200000. Ein Artikel der Jubiläumsnummer spiegelt die gewaltige Entwicklung dieses Verbandes wieder und seine Erfolge in der Ver- besserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen seiner Mit- glieder. Vor fünfzehn Jahren zählte der Verband rund 12 000 Mitglieder. 1902 hatte das Verbandsorgan hingegen eine Auflage von 91000, 1903 109000, 1904 142000, 190S 170700 und 1906 über 200000. Der Durchschnittslohn für Maurer im gesamten Deutschen Reiche betrug 1890 noch SS'/» Pf. pro Stunde, 1900 schon 41'/. Pf. und 190S 48 Pf. Der Verband hat ein gutes Stück Organisattonsarbeit ge- leistet und darf mtt Genugtuung auf das Erziette zurück- blicken. Die sächsische Gerichtspraxis haben bis jetzt die Redak- teure der Parteipresse im reichsten Maße zu kosten bekommen. Man denke allein nur an die geradezu haarsträubenden Urteile der Klassenjustiz, welche in Leipzig gefällt worden sind. Nun hat auch ein Gewerkschastsredakteur die Schneidig- keit der sächsischen Rechtsprechung und ihre berühmte Kunst des Schlußsolgerns erfahren. Genosse Staudinger, der Redatteur des„Steinarbeiter", hatte in seinem Blatte einen Unternehmer darauf hingewiesen, daß die Organisation Gegenmaßnahmen ergreifen müßte, falls er einen, von ihm wegen sozialistischer Umtriebe entlassenen Arbeiter nicht wieder einstelle. Das Landgericht zu Leipzig erblickte darin eine Streikandrohung, die bezweckte, den enttassenen Arbeiter wieder in seine Stelle zu bringen und ihm auf diese Weise einen„rechtswidrigen Vermögensvorteil" zu verschaffen- Staudinger muß seine Vergehen mit sechs Wochen Gefängnis büßen. Diese Gerichtsentscheidung eröffnet für die Ge- werkschaftsprefle nette Perspekttven. Als der Gesetzgeber den betreffenden Paragraphen schuf, hat er sich nicht träumen lassen, daß er eines Tages eine solche Auslegung finden würde. Es geht doch nichts über den juristtschen Scharfsinn der hellen Sachsen! Der letzte Gewerkschaftskongreß beschloß bekanntlich, zwecks systemattscher Durchbildung der Gewerkschaftsan- gestellten, Arbeitersekretäre usw. Unterrichtskurse einzurichten. Diese sollen nun im August dieses Jahres eröffnet werden. Damit dürfte manche Lücke ausgefüllt werden, welche die jammervolle Schulbildung des Klassenstaats im Wissen der Arbeiterführer gelassen hat. Die Kurse werden aber auch die theorettsche Erkenntnis über das große Gebiet der modernen Arbeiterbewegung vertiefen. Eine Hebung de? geistigen Niveaus der gesamten Bewegung muß die Folge davon sein. Bekanntlich wird die sozialdemoftatische Partei ebenfalls ein«„Kriegsschule" einrichten, welche ihren Teil- nehmern ein erweitertes und vertieftes theorettsche? Wissen vermitteln soll._ � Nr. 15 Die Gleichheit 103 Notizenteil. Dienstbotenfrage. Gründung einer Dicnstbotcnorganisation in Köln. Das weibliche Dienstpersonal Kölns ist dem Beispiel der Dienstboten von Nürnberg, Fürth und München gefolgt. In einer öffentlichen Versammlung, die am 1. Juli im Volks- Hause tagte, hat es sich eine Bereinigung zum Schutze seiner Interessen' geschaffen. Die Initiative dazu ging von dem Frauen- und Mädchen-Bildungsverein aus. Er hatte sich, um eine Dienstboienbewegung in Fluß zu bringen, mit der Nürnberger Dienstbotenorganisation einerseits und dem Kölner Gewerkschafskartell andererseits in Verbindung gesetzt und die Agitationsarbeiten für die erwähnte Ver- sammlung auf sich genommen. Die Bemühungen der Ge- nossinnen wurden durch den guten Besuch und Erfolg der Versammlung gelohnt. Arbeitersekretär Bartels hielt einen Vortrag über das Dienstbotenelend, der sich auf die reichen Erfahrungen stützte, die er in seinem Amte gesammelt hat. Er unterzog besonders die rheinische Gesindeordnung einer scharfen Kritik, die gleich allen deutschen Gesindeordnungen die Mädchen so gut wie vollkommen entrechtet und der Willkür der Herrschaften preisgibt. Rücksichtslos stellte er die skrupellose Ausbeutung der Mädchen durch die Stellen- Vermittlerinnen an den Pranger und empfahl die Gründung eines Dienstbotenvereins zum Kampf gegen die unzähligen Mißstände, unter denen die Dienstboten leiden. Die Aus- führungen, vor allem aber der angeführte Vorschlag, wurden von den Teilnehmerinnen mit dem lebhaftesten Beifall begrüßt. Das Referat zeitigte eine sehr interessante Diskussion. Viele der anwesenden Mädchen schilderten in schlichten, aber um so eindrucksvolleren Worten ihre unglaub- lichen Leiden. Ein Mädchen erzählte, daß es seit einigen Wochen den Dienst mit der Fabrikarbeit vertauscht habe. Wenn es auch in der Fabrik nicht auf Rosen gebettet sei, so wäre die Arbeitszeit doch kürzer und die Behandlung beffer. Von mehreren Seiten wurde darüber Beschwerde geführt, daß viele Herrschasten gerade jetzt ihre Mädchen rücksichtslos auf die Straße setzen, weil sie während ihrer Reisen die Auslagen für das Dienstpersonal sparen wollen. Wie nobel sich die Herrschaften vielfach ihren Mädchen gegenüber zeigen, illustrierte die Mitteilung einer Rednerin, die ihrem Dienstherrn anläßlich des letzten Automobilwett- fahrens, an dem er sich als eleganter Mann beteiligen muhte, einen Geldbetrag lieh, den sie nur mit großer Mühe zurückerhalten kann. Die Darstellungen der Diskussionsred- nerinnen, insbesondere die mehrfach vorgebrachte Klage über schikanöse Behandlung während der Kündigungszeit fanden bei den Teilnehmerinnen ein lebhaftes Echo. Die Ver- sammlung beschloß die Gründung einer Organisation. Dreißig Mädchen erklärten schriftlich ihren Beitritt. In den provisorischen Borstand wurden drei Dienstmädchen gewählt, die in der Diskussion gesprochen hatten. Der Verein bildet eine Filiale der Nürnberger Dienstbotenorganisation. Für ein Eintrittsgeld von 20 Pf. und einen monatlichen Beitrag von 2ö Pf. gewährt er seinen Mitgliedern kosten- lose Stellenvermittlung und Krankenunterstützung. Da viele Mädchen am Versammlungstage keine Erlaubnis zum Aus. gang hatten, so wurde für Sonntag den 8. Juli eine zweite Versammlung einberufen. Der gute Verlauf der ersten und die rührige Vorarbeit der Genossinnen hatten zur Folge, daß die Veranstaltung außerordentlich gut besucht war. Das Referat des Genossen Bartels fand wiederum begeisterte Zu- stiinmung und wurde durch Einzelheiten ergänzt, welche die Mädchen aus eigener Erfahrung berichteten. Den 30 Mit- gliedern des Vereins gesellten sich 40 neue hinzu. In der ersten Mitgliederversammlung, welche die Vorstandswahl vornahm, waren zirka 80 bis 90 Mädchen erschienen. Die ordentlichen Mitgliederversammlungen finden an jedem dritten Sonntag im Monat statt. Als erfreuliche Tatsache wurde festgestellt, daß die Organisation trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens schon 100 Mitglieder zählt. Hoffentlich schreitet die Entwicklung des jungen Vereins im gleichen Tempo weiter vorwärts. Frau Zeise. Für die Dienstmädchen, Waschfrauen usw. in Fürth fand am 8. Juli eine Versammlung statt, die sich eines guten Besuchs erfreute. Genosse Segitz referierte über «Rechte und Pflichten der Dienstboten". Trotzdem ausdrück- lich bekannt gemacht worden war, daß zu dieser Versamm- lung die Stellenvermittlerinnen keinen Zutritt erhalten sollten, erschienen doch einige derselben und baten um die Erlaub- nis, der Veranstaltung beiwohnen zu dürfen. Man gewährte ihnen die Bitte, nachdem sie versprochen hatten, sich ruhig zu verhalten. Mit der Aufmerksamkeit, die für die Dienst- mädchen charakteristisch ist, welche von der Bewegung erfaßt worden sind, verfolgten die Teilnehmerinnen den Vortrag. Mit einem wahren Heißhunger verschlangen sie jedes Wort desselben, gerade als ob sie nachholen wollten, was ihnen so lange an Aufklärung vorenthalten worden war. Da wir erst vor kurzem skizziert haben, was der Genoffe Segitz zu deni gleichen Thema in einer Dienstbotenversammlung zu Nürnberg darlegte, so heben wir aus seinem lehrreichen Referat nur folgende Punkte� hervor. Genosse Segitz stellte fest, wer überhaupt zum Gesinde gehört. Eine Magd zum Beispiel, die bei einem Gastwirt in Stellung ist, aber neben der Hausarbeit regelmäßig am Tage auch kleine Arbeiten im Lokal verrichtet, wie Bier einschenken oder Gäste bedienen, ist kein Dienstmädchen, sondern eine gewerbliche Arbeiterin. Sie untersteht mithin nicht der Gesindeordnung, sondern der Gewerbeordnung, und ist krankenversicherungspflichtig. Weiter machte der Redner darauf aufmerksam, daß jedem Dienst- mädchen in Bayern ein gesetzliches Anrecht auf gute und ausreichende Kost, wie auf eine Schlafstätte zusteht, die ein ins Freie führendes Fenster besitzt und von innen so ver- schloffen werden kann, daß es ohne Einwilligung des Dienst- boten niemand möglich ist, den Raum zu betreten. Falls eine Herrschaft diesen gesetzlichen Vorschriften nicht genügt, so ist das Dienstmädchen zur Lösung des Dienswerhältnisses berechtigt. Genosse Segitz unterzog sodann die Kündigungs- bedingungen einer eingehenden Erörterung und brandmarkte das gewissenlose Treiben vieler Stellenvermittlerinnen. Um demselben zu steuern, enipfahl der Referent, bei der Polizei- behörde jede Stellenvermittlerin zur Anzeige zu bringen, welche zu hohe Vermittlungsgebühren erhebt. Wird ihr nachgewiesen, daß sie über die gesetzlich festgelegten Sätze hinausgegangen ist, so kann ihr von der Polizeibehörde die Konzession zur weiteren Ausübung ihres Gewerbes entzogen werden. Festen Zusammenschluß, gegenseitige Aufklärung, unbarmherziges Festnageln aller Mißstände in der Offent- lichkeit empfahl der Referent als Mittel, die jammervolle Lage der Dienstboten zu heben und die Gesetzgebung zu zwingen, sie den gewerblichen Arbeitern gleichzustellen. Dankbar nahmen die Mädchen den anregenden Vortrag ent- gegen. Die Stellenvermittlerinnen verließen stillschweigend den Saal. Hoffentlich beherzigen die Mädchen die Worte des Genossen Segitz, denn gerade in Fürth schreit ihr Elend zum Himmel. Helene Grünberg. Frauenstimmrecht. Vom Kampfe um das Frauenwahlrecht in England. Im letzten Bericht wurde die Verurteilung der Genossin Billington gemeldet. Infolge von Anfragen und Dis- kussionen im Parlament setzte der Minister des Innern die ihr zuerkannte Strafe auf die Hälfte herab, worauf ein Freund des Fraucnwahlrcchtes die Geldstrafe gegen Wissen und Willen der Verurteilten erlegte. Genossin Billington wurde sodann aufgefordert, das Gefängnis zu verlassen; da sie aber freiwillig nicht gehen wollte, wurde sie mit Gewalt in Freiheit gesetzt.— Am 4. Juli wurde gegen die übrigen drei Genossinnen Kenney, Knight und Sparborough ver- handelt. Der Richter verlangte nur, daß sich die Angeklagten verpflichteten, vor dem Hause des Finanzministers nicht mehr zu demonstrieren. Gäben sie die entsprechende Zusicherung, so würde er sie alle freisprechen. Die Angeklagten weigerten sich indes, das geforderte Versprechen abzugeben. Der Pro- zeß nahm sodann seinen Anfang. Alle Angeklagten hielten sich sehr tapfer und gaben durch ihre Haltung ein Beispiel, wie man seine Rechte in würdevoller Weise verteidigt. Be- sonders lehrreich ist die Vernehmung der Genossin Spar- borough, einer Frau von 64 Jahren. Sie erklärte:«Ich bin Mitglied der„Sozialen und Politischen Union"(eine Zweigverbindung der Arbeiterpartei). Ich war mit der Demonstration in Cavendisch-Square vor dem Hause des Ministers. Als Genossin Kenney von der Polizei verhaftet wurde, sah ich, wie die Damen auf dem Balkon des Hauses von Asquith Beifall klatschten. Darauf rief ich ihnen zu, sie sollten sich schämen, darüber zujubeln; es bekunde dasselbe Gefühl, das Mr. Asquith veranlaßte, Soldaten gegen die Bergleute nach Feathcrstone zu schicken. Ich wurde sodann in rauher Weise von der Polizei vom Trottoir getrieben." Der Staats- anmalt sagte:„Warum mischen Sie sich denn, Sie als ältere Frau, in diese Angelegenheit?" Genossin Spar- borough:„Weil wir das Wahlrecht wollen. Wir sehen das Elend, das ihr Männer anrichtet, und wir wollen es beseitigen." Der Staatsanwalt:„Aber auf diese Weise könnt ihr das nicht tun." Genossin Sparborough:„Sie würden anders sprechen, wenn Sie in dem Stadtteil wohnten, von wo ich komme. Was wissen Sie vom Elend der Ar- beiterfrauen! Ich glaube, daß wir Frauen den Knäuel auf- lösen können, den ihr Männer verwirrt habt." Der Richter fragte sodann die Angeklagten, ob sie die schriftliche Ver- pflichtung abgeben wollten, den Finanzminister nicht mehr persönlich zu belästigen. Die Angeklagten erklärten indes, daß sie um nichts in der Welt auf ihre Bewegungsfreiheit verzichten möchten. Der Richter gab darauf sein Urteil in folgenden Worten ab:„Die Verhandlung hat vollständig die Richtigkeit der Anklage bewiesen, daß die genannten Frauen den öffentlichen Frieden gebrochen haben. Als Richter kann ich es nicht gestatten, daß man den Arm des Gesetzes paraly- siert. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß die Angeklagten mich nicht als parteiischen Gegner ihrer Bewegung betrachten, denn ich bin weit davon entfernt, ihr Gegner zu sein. Tausende englischer Bürger glauben an die Richtigkeit ihres Prinzips und würden sich freuen, wenn es verwirklicht würde, aber die Angeklagten scheinen sich so zu benehmen, als ob es ihnen darum gelegen wäre, die Verwirklichung ihres Programms hinauszuschieben. Ich bin gezwungen, die Eingeklagten aufzufordern, eine Kaution von je 100 Pfund Sterling zu stellen als Garantie ihres guten Benehmens, und den Frieden zu wahren in den nächsten zwölf Monaten. Wird die Kaution nicht gestellt, so müssen die Angeklagten auf sechs Wochen ins Gefängnis gehen." Die Angeklagten gaben auf dieses Urteil keine Antwort und wurden nach dem Gefängnis abgeführt.— Man fühlt es heute dem Publikum nach, daß es ihm bei diesem Urteil gar nicht wohl ist. Man betrachtet die Genossinnen als Märtyrerinnen. M. Beer-London. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Die erste Jahreskonfereuz der englische» Frauenliga hat am 21. und 22. Juni in Leicester(lies: Lester) getagt. Die Organisation ist, wie unsere Leserinnen wissen, vor einigen Monaten gegründet worden, um die Frauen und Töchter von Sozialisten und Trade-Unionisten(lies: Treed- Junionisten— Gewerkschafter) sowie die Arbesterinnen poli- tisch zu erziehen und sie zu Mitkämpferinnen und Mithelfe- rinnen der Männer zu nmchen. Die Konferenz war von über 100 Frauen besucht, teils Delegierte, teils einfache Mitglieder. Den Vorsitz führte Mrs.(lies: Missis— Frau) Mac Donald, deren Mann der Sekretär der Arbeiterpartei und Parlamentsabgeordneter für Leicester ist. Die Mit- glieder und Delegierten erstatteten Bericht über ihre Tätig- keit. Sie hielten in ihren Städten zahlreiche Meetings(lies: Mietings— Versammlungen) ab, meistens unter freiem Himmel in den Parks und an den Straßenecken. In den Parks versammelten sie sich gewöhnlich zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags, wenn die Kindermädchen und Mütter ihre Kinder und Schützlinge in die frische Luft bringen. Die Mitglieder wechselten im Vorsitz ab, um jeder Frau Gelegenheit zu geben, sich in der Leitung von Meetings zu üben. Als bestes Propagandamittel betrachteten die Rednerinnen das Frauen- Wahlrecht und den gesetzlichen Schutz der weiblichen Ar- beiter, als Ziel der Betätigung bezeichneten sie, der Arbeiter- partei zu dienen und ihr bei Wahlen zu helfen. Es wurden folgende Resoluttonen angenommen: 1. Der Kongreß tritt ein für weitere Gesetze, welche die Arbeitszeit und die Ar- beilsbedingungen in Werkstätten, Waschanstalten und in der Heimarbeit zugunsten der weiblichen und jugendlichen Arbeiter regeln. Entschädigung für Unfälle und Berufskrankheiten soll von Staats wegen gezahlt werden; ebenso wichtig ist die Abschaffung von Strafen und Abzügen. 2. Die Re- gierung wird aufgefordert, die Gesetzgebung über Behausung, Arbeitslosigkeit und Altersrenten nicht auf die lange Bank zu schieben. 3. Die Zentral- und Lokalregierung(das heißt: Staat und Gemeinde) werden aufgefordert, Musterarbeit- geber zu sein und ihre Arbeiten direkt ausführen zu lassen, ohne Vergebung derselben an Lieferanten und Mittelsmännner. 4. Der Kongreß unterstützt in kräftigster Weise die Jnittativ- antrüge betreffend Beköstigung der Schulkinder aus öffent- lichen Mitteln, b. Der Kongreß empfiehlt, daß die Schul- linder ärztlich untersucht werden und daß die ärztlichen Be- richte dem Unterrichtsministerium einzuschicken sind, schließ- lich, daß im Unterrichtsministerium eine Abteilung für Schulmedizin eingerichtet wird. 6. Der Kongreß tritt ein für unentgeltlichen und obligatorischen Unterricht, für die Erhöhung des Schulalters auf 16 Jahre und für die Ver- weltlichung der Schule. 7. Der Kongreß verlangt von der Regierung, daß sie die Eingeboreneil von Natal und den übrigen Kolonien human behandelt und sie nicht— durch den Raub ihres Grund und Bodens— zu Proletariern inacht.— Zu diesen Resolutionen sprachen: Miß(Fräulein) Mac Ar- thur, Sekretärin der Frauengewerkschaften; Mrs. Moore, Lehrerin; Mrs. Gardner, Frau eines der Führer der Eisen- bahner; Miß Bell, Armenrätin von Leicester; Mrs.Snowdon, Frau eines Arb eiterabgeordneten; Miß Ford, Mitglied des Vorstandes der Unabhängigen Arbeiterpartei; Mrs. Mitchell. Frau des Sekretärs des Allgemeinen Verbandes der Gewerk- schaften; Mrs. Duncan, Frau eines Arbeiterabgeordneten; Mrs. Pete Curran, Frau des Organisators der Gasarbeiter; Miß Hope, Sekretärin der Gewerkschaft der iveiblichen Post- und Telegraphenbeamten. Wir führten diese Namen an, damit die Leser sehen, daß in England die Frauen der Ar- beiterführer sich lebhaft an der Arbeiterbewegung und im allgemeinen am öffentlichen Leben beteiligen. M. Beer-London. Fortschritte der sozialdemokratischen Fraueuorgaui- sation in Holland. In Rotterdam ist von Genossinnen ein sozialdemokratischer Frauenklub gegründet worden. Er verfolgt die Aufgabe, die Proletarierinnen mit den Be- strebungen der Sozialdemokratie bekannt zu machen, und zwar durch Hausagitation, Verbreitung leicht faßlicher Lektüre und Veranstaltung von Zusaiilmenkünften. Quittung. Für den Agitationsfonds der Genossinnen gingen im Monat Mai und Juni ein: Aus Berlin, gesammelt am I.Mai, 2. Kreis 65,15 Mk., 6. Kreis durch Genossin Bauschte 100, von Genossin E. St. 100, auf Liste 1626 gesammelt 8,60, M.-G lad dach durch Genossin Panhuis 6,66, Karlsruhe, stille Genossin D z. 10, für die Frauenkonferenz von Dz. 10, Danzig durch Genossin G ü t h 25, Vegesack durch Genossin Sternitzki 10, Burg b. Magdeb. durch Genossin Suchy 15, Magdeburg durch Genossin Chmie- lewski 10, Itzehoe durch Genossin Fietz 20, Frank- furt a. M. durch Genossin Schulze 20, Ottensen durch Genossin Schönfelder 10, Kiel durch Genossin Nien- dorf 40, Nürnberg durch Genossin Grünberg 100, Oberschlema durch Genossin Müller 6, Neumünster durch Genossin Wulff 6, Thorn durch Genossin Finger 6, Hecklingen durch Genossin Huth 12,30, Ellerbek durch Genossin Uhrbahn 5, Hamburg durch Genossin Fahrenwald 70, Apolda durch Genossin Leutert 2,50, Augsburg durch Genossin Greifenberg 50, Coburg durch Genossin Wöhner 15, Bant durch Genossin Buchardt 10, Crefeld durch Genossin Jserloh 30, Lägerdorf durch Genossin Frenze! 5,80, Schkeuditz durch Genossin Deineke 2, Weida durch Genossin Roh- land 5, Wetzlar durch Genossin Fauth 5, Reichenau i. Sachs, durch Genossin Zettlitz5, Hagen 20 Prozent der freiwilligen Beittäge durch Genossin Klein 6,83, C ö t h e n, auf Liste 1611 gesammelt 7,98, für Fünfpfennigbons durch Genossin Reichenbach 15, Straßburgi.Els.durch Genossin Felme 15 Mk. Summa: 829,81 Mk. Dankend quittiert: Ottilie Baader, Berlin 8 53, Blücherstr. 49, Hof II. Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands. 104 Dienstbotenschlaf. Bon Moris Hartmann. D, weckt sie nicht, ihr kommt vom Trinkgelage, Sie haben sich gemüht für euch bei Tage; Ihr leertet aus den Becher süßer Lust, Sie stellten hin den bittern Kelch der Plage. Legt Sanftmut auf die ungerechte Wage, Daß euch nicht einst ihr blasses stummes Aug' Und ihrer Wangen Blässe furchtbar frage: Wer gab in eure Hand das Recht der Plage? Für euch nur raffen sie die Kraft so eilig Im kurzen Schlaf zusammen stört sie nicht! Auf ihren Stirnen steht es hundertzeilig: Dienstbotenschlaf ist heilig, dreimal heilig! So heilig wie das Schwert des müden Kriegers, So heilig wie das Zelt ruhmvollen Siegers Und wie der Stab, daran zusammenbricht Vom letzten Kampf die Kraft des Unterliegers. Legt Sanftmut auf die ungerechte Wage! ihr kommt vom Trinkgelage, D, weckt sie nicht Geht leisen Schritts, reißt an der Glocke nicht Wer gab in eure Hand das Recht der Plage? Der Besuch. Von A. R.* Die Gleichheit zu Nr. 15 Deine Nüffe!" grinfte das Eichhörnchen und machte genieren. zu besuchen. Endlich war Schluß der Arbeitszeit; die| große Möbelfabrik mit dem hohen Schornstein pfiff zu fich, was es nur konnte, über die Nüffe her, ohne sich erst, der Ton war laut und hart; dann folgten die anderen Fabriken, und die schrillen Töne hingen um die riefigen Schornsteine und riefen von den Wänden und famen bis tief in die Kohlenkeller und riefen müden Menschen zu: Freiheit! Ruhe, Frei- heit!" ,, Laß sein, Dieb da!" Mit welchem Recht, wenn ich fragen darf, gehört dieser Busch dir?" ,, Kraft des jus primi venientis, fraft des Rechts des Der junge Maschinist eilte durch die Straßen nach Zuerstkommenden, wenn du so willst." des Mädchens Wohnung. Er mußte mehrmals nach" Sehr gut, mein Herr, und ich eigne mir ihn an der Straße fragen und wurde jedesmal rot dabei. fraft des jus primi occupantis, fraft des Rechts des zuerst Einmal fragte er eine Zeitungsfrau und dann einen in Besitz Nehmenden. Gewalt geht vor Recht. Ich bin fleinen Jungen, der lief ein Stück mit ihm und zeigte der Stärkere, also habe ich den Vortritt vor dir, siehst du?" ihm das Haus. Dann mußte er fünf Treppen in die" Was habt ihr da zu tun?" plapperte der EichelHöhe steigen. Es waren dunkle und schmale Treppen. häher, durch den Lärm herbeigelockt. Laß meine Nüsse An der Tür der Dachstube links stand des Mädchens sein, sonst sollst du mal sehen." Name. Er las ihn, wie man die Schrift auf einem bedeutenden Denkmal liest. Das waren dieselben Buchstaben wie in dem Brief. Sie waren auf ein Blatt aus einem Notizbuch geschrieben, das hatte sie mit einer Stecknadel festgemacht, und es hing ein wenig schief. " " Entschuldigen Sie, mein Herr," antwortete das Eichhörnchen sofort, aber ich habe eben diesen Busch entdeckt." " ,, Daß du meinen Busch entdeckt hast, glaube ich schon, aber mit welchem Recht hast du dich seiner bemächtigt?" " Ich habe ihn genommen kraft des..." " Du hast ihn ganz einfach genommen. Und nun komme ich und nehme ihn wieder." Im selben Augenblick, wie der Eichelhäher auf das Eichhörnchen losstürzen will, fällt ein dichter Steinregen auf die Streitenden nieder, die sich schleunigst aus dem Staube machen. " Ich glaube, man amüsiert sich da hinter den Büschen," brummte der Pächter, der jetzt den Schauplatz betrat. Gestattet, ihr Herren Diebe, daß ich euch bei den Ohren nehme, auf daß eure Ansichten über das private Eigentumsrecht nicht auf Jrrwege geraten." " „ Schöne Gerten, die," unterbrach ihn der Korporal, der mit der Patrouille daherkam, und zog seinen Säbel, gerade wie wir sie zu den Faschinen gebrauchen." " Halt," wandte der Pächter ein. Nun trat er ein. Die beiden Menschen sahen sich in die heißen, jungen Augen und vergaßen, Guten Tag" zu sagen. Das Mädchen war gefallen, und der Fuß tat ihm weh, und es lag auf dem niedrigen Bett. Es stand auf und wurde verlegen, und Freude glänzte in seinen Augen. Das Mädchen hinkte nach dem Tisch. Dort standen zwei Stühle; einer war ein Gartenstuhl und war von Eisen. Die jungen Menschen setzten sich ,, Solche Racker," schrien die Jungen, die zu NüsseZwei junge Menschen trafen sich jeden Morgen auf und legten die harten Hände auf den Tisch und sprachen sammeln hergekommen waren, jetzt friegen sie nichts dem Wege zur Arbeit. Sie wußten, wie sie hießen und nichts. Die Nachbarin rasselte mit der Nähmaschine, für ihre Mühe." wo sie wohnten, das hatten sie sich gesagt; und sie wußten, dann hustete sie sehr, und die Maschine stand ein Weilchen Und die Jungen fingen an, die Nüsse in ihre Mützen daß sie sich gern hatten, und das hatten sie sich nicht still. Das Mädchen erzählte, daß die Näherin oft bis zu pflücken. gesagt. Wozu sollten sie sich das sagen? Sie gingen Mitternacht arbeite, und daß sie wenig verdiene und Langsam eine Strecke weit zusammen und sahen sich neulich eine Mark zu Kaffee bei ihr geborgt habe. Nun zuweilen an. Wenn ihre jungen Augen sich fanden, redeten sie wie zwei alte, fluge Leute von ernsten Dingen dann blickten sie schnell auf den Weg oder in einen und von der Arbeit und merkten nicht, daß die Zeit Laden und sprachen etwas Gleichgültiges: etwa, daß rasch verrann und ein letzter Abendsonnenstrahl durch dieses oder jenes billig sei, oder daß die Straße lang die kleinen, sauberen Gardinen schimmerte. sei. Darüber redeten sie dann eifrig. Bei dem Zigarren- Du sollst noch meinen Garten sehen." Sie ging laden an der Ecke mußten sie sich trennen und sahen zu- zum Fenster und hatte dabei große Schmerzen. Er hätte sammen noch ein Weilchen nach den Bildern, die der sie gern mit seinen starken Armen um den Leib gefaßt Händler zwischen die hellbraunen Risten gestellt hatte, und getragen; aber darf man ein so feines, gutes Mädoder nach dem Mohren, der eine dicke Zigarre in den chen anfassen? Er stand verlegen in der Stube und fah schwarzen Händen hielt; sie schauten sich in dem blanken eine Träne des Schmerzes in ihren Augen, doch sie lächelte. Glas und gingen rasch auseinander. So war es jeden Tag. Die Träne lief über die Wange, und sie wischte sie mit der Heute mußte der junge Mann den Weg allein gehen. Hand weg und lächelte. Beide sahen den Garten. Das Er trug einen Mädchenbrief in der Tasche. Sie schrieb, waren Nelten auf dem Fensterbrett, weiße und rote, und daß sie frank sei und in der Stube bleiben müsse. Solch Geranien und noch eine andere Blume; die kannte er nicht ein Brief! Es war ein kurzer Brief mit Kinderbuch- und fragte nach dem Namen. Sie erzählte von ihren Liebstaben, und die Tinte war blaß. Er konnte sich gut lingen und lobte sie. Und er sah glücklich in diese kleine, vorstellen, wie das Mädchen mit seinen flaren Augen stille Welt und versprach dem Mädchen einen Rosenstock der spizzen, schwarzen Feder gefolgt war, und wie es zum Geburtstag. Sie sah nach seinen Augen und nickte zulegt mit seiner roten Zunge am Umschlag geleckt hatte. und sagte:„ Da soll er stehen", und rückte die beiden Gewiß hatte die Nachbarin, die Näherin, den Brief zur Nelkenstöcke auseinander, als ob der Rosenstock schon da Post getragen. So dachte er und kam an den Eckladen sei. Dann sahen beide noch ein wenig über die Dächer; und fah in das Fenster, als ob er etwas suche und griff die Straße fonnte man nicht sehen. Es war eine enge mit den Händen in die Tasche und griff den Brief. Da Straße. Die Sonne sant. Nur die Schornsteine standen ging er rasch in die Fabrik, ins Maschinenhaus. Was noch im Licht. " war das für ein merkwürdiger Weg heute. Die Vögel" Jeßt mußt du fortgehen; jetzt wird es Nacht, gelt." sangen nicht, und die Blumen hinter den starken Gittern Sie pflückte eine rote, halboffene Nelke und steckte sie hatten einen matten Schein, und alle Menschen machten ihm ins Knopfloch und nahm seine Hand in ihre Hände: traurige Gesichter. Der Maschinist hing seine Überkleider Das ist lieb, daß du gekommen bist; aber nun darfst neben die Betriebsordnung an einen eisernen Haken, den du nicht wieder kommen; ich will's nicht, und bald bin hatte er einmal auf der Straße gefunden. Die Maschine ich wieder gesund; dann gehen wir wieder zusammen zur lag besonders ernst und schwer da, wie ein mächtiges Arbeit." Raubtier. Der junge Mann lehnte nicht wie sonst an Sie sahen sich noch ein wenig offen und lieb an und dem schmalen Fenster und sah, wie Arbeiter in schwarze, füßten sich mit den Augen und schieden. ernste Tore gingen, und wie auf dem Güterbahnhof die Die Straßen waren voll Lärm. Aus einer Kneipe Wagen zu Zügen vereinigt wurden. Er stand nach- tönte ein Orchestrion. Und die vielen Wagen. Und die nach- tönte denklich vor dem Feuerloch, als ob er die Aufschrift der Menschen. Wie still war es in dem Mädchenzimmer, Feuertür auswendig lernen wollte. Die wußte er längst. und wie schön waren die Blumen auf dem Fensterbrett! Da schlug die Uhr; die Arbeitsstunde begann, und Wie blank alles, und wie lieb das Mädchen. So ein er griff an ein kleines, blankes Rad. Die Maschine sing liebes Mädchen; daß es solch ein Mädchen geben konnte! an zu leben, und das Schwungrad drehte sich schneller Der Maschinist ging in die stillen Anlagen und trug den und schneller und summte und sang das heilige Lied Hut in der Hand. Der Kopf war ihm heiß, und er der Arbeit. Der rote, starke Riemen lief durch eine strich leise und liebevoll über die rote Nelke. Öffnung in der Wand in die Fabrikräume, zog mit starker Kraft das Gold aus der Welt und führte es in das stille Haus des Fabrikbesizers, vor dem rote, leichte Bänke unter Rosen stehen und der Springbrunnen den lauschenden Blumen Märchen erzählt. Aber von dem Schwungrad erzählt der Brunnen nichts. Das gehört zu einer anderen Welt. Eigentumsrecht. Von August Strindberg. Ein schöner Haselstrauch stand im Hag. Die Nüsse waren reif, als ein Eichhörnchen daherkam, eines strahlenHeute wollte die Arbeitszeit kein Ende nehmen. Der den Augusttages. Maschinist ging wohl zehnmal mit der Olfanne zu den Dies ist mein Haselbusch," sagte es zu sich selbst Lagern; die Schmierbüchsen waren jedesmal noch fast und sprang auf einen Zweig hinauf, um seine Zähne voll; freilich, sonst brauchte man nur zweimal zu ölen. an den leckeren Früchten zu prüfen. Oder er legte die braune Hand auf eine blanke Schutz-" Fort von hier, du Dieb!" war eine schwache Stimme stange und sah, wie der Rolben spielend auf und nieder aus dem Innern des Busches zu hören. ging. Er lauschte auf das regelmäßige Pochen der" Wer da?" rief das Eichhörnchen und guckte bald Maschine und dachte: Nun ist sie frant, nun ist sie hierhin, bald dorthin. Schließlich hatte es an dem Fuße frant; was fehlt ihr denn? Und er nahm sich vor, sie des Strauches eine Haselmaus entdeckt. * Nachdruck nur mit Erlaubnis des Verfassers. Willst du deinen Weg trotten und meine Nüffe Frieden lassen," nahm die Haselmaus wieder das wort " Sind Sie etwa der Eigentümer?" fragte der Korporal. Nein, das sind Sie nicht! Halten Sie also den Mund!" „ Aber ich bin der Bächter." " Nun also! Sie haben selbst nicht das Recht, diesen Haselbusch abzuschneiden, aber ich habe es." Sollten die Gesetze über Eigentumsrecht vielleicht aufgehoben sein?" fragte der Pächter. " Für dieses Mal, mein guter Mann; unter den Waffen schweigen die Geseze, und wenn Sie mich zum Eigentümer begleiten wollen, will ich ihm die Requisitionsorder zeigen. Hier ist sie." Sie gehen; doch kaum sind sie fort, als ein Eisenbahnnivelleur an der Spize eines Trupps Arbeiter auftritt. Er stellt seine Wasserwage auf, macht Berechnungen, nimmt Visier, macht Aufzeichnungen und verteilt die Arbeiter. " Haut den Busch dort fort, um damit anzufangen," sagt er. Gesagt, getan. " Mit welchem Recht unterstehen Sie sich, Waldfrevel zu verüben?" fragte der Eigentümer, der auf den Platz gekommen ist. „ Kraft des Expropriationsgesetzes." ,, Gut, mein Herr. Bitte." frieden. Und der Eigentümer geht, mit dieser Erklärung zu„ Gesetzlicher Eingriff ins private Eigentumsrecht," sagt der Korporal. Mit dem Recht des Zulehtkommenden," bricht der Pächter aus. " Jetzt wollen wir uns beeilen, die Nüsse zu expropriieren," murmeln die Jungen. " „ Ich mache Requisition," plappert der Eichelhäher. Kommt mir jegt und sagt, daß es ein Eigentumsrecht gibt," piept die Haselmaus. Spruch. Bon Friedrich Bodenstedt. Ich stand einst hoch in Gnade bei dem Schach, Der oftmals bitter sich bei mir beklagte, Daß ihm tein Mensch so recht die Wahrheit sagte. Ich dachte ob dem Sinn der Worte nach, und fand, daß er mit gutem Grunde flagte. Doch als ich ihm so recht die Wahrheit sagte, Verbannte mich von seinem Hof der Schach. Wohl giebt es Fürsten, Die nach Wahrheit dürsten, Doch wenigen ward ein so gesunder Magen Sie zu vertragen. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshögs Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.