Nr. 16 exe Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen E Mit den Beilagen: Für unsere Kinder und Frauen- Beilage Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Juhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 8. August 1906 e 16. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Die Genossen, die Anträge einreichen, werden darauf in dem sie lebendig sind. Die von ihnen vorwärtsgetragene Aufruf des Parteivorstandes zum Parteitag. Aufruf der Ver- aufmerksam gemacht, daß etwaige den Anträgen bei- Entwicklung treibt aber über den Rahmen der bürgerlichen trauensperson der Genoffinnen Deutschlands. Ehe und Sittlich gegebene Motive weder im Vorwärts" noch in der den Ordnung hinaus. Was sie schafft, ist mehr als eine bloße teit. V. Der proletarische Klaſſenkampf um die Boltsbildung. Delegierten zugehenden Vorlage Aufnahme finden können. Reform, es ist eine Revolution der Ghe. Indem sie diese Bon Gerhard Hildebrand. Mehr Wöchnerinnenschutz durch die Es steht den Genossen das Recht zu, ihre Anträge selbst sie auch ihren Charakter und setzt sie ihr neue, höhere Swede. in ihrer ökonomischen Grundlage radital umwälzt, verändert Krankentassen. Von Fr. Kleeis.- Frauenstimmrecht. Von a. br. Lohn- und Arbeitsbedingungen der Tabatarbeiterinnen in Elbing. oder durch befreundete Genossen auf dem Parteitag Die Ehe verwandelt sich aus einer vermögensrechtlichen Bon W. Kähler.- Sechster Kongreß der christlichen Gewerkschaften. mündlich zu begründen. Ein Abdruck der Motive ver- in eine sittliche Institution, an Stelle des in ihr geltenden Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Halbjahresbericht der Ver- bietet sich aber aus räumlichen Gründen und um Wieder- Vaterrechts tritt die Gleichberechtigung von Mann und trauensperson für Leipzig. Erste Generalversammlung des Ver- holungen zu vermeiden. Weib, die Monogamie wird aus einem Gebot, dessen strenge bandes junger Arbeiter Deutschlands. Berlin, den 23. Juli 1906. Praxis nur für die Frau allein gilt, zu frei gewollter sittBon G. L.- Genossenschaftliche Rundschau. Von Sim. Katzenstein.rar Mit sozialdemokratischem Gruß licher Erfüllung für beide Geschlechter. Notizenteil: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation.- Dienstbotenfrage.Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.- Frauenftimmrecht. Politische Rundschau. Feuilleton: Das Werdende. Von Franz Diederich.( Gedicht.) Flammen. Von Lu Märten. Lied eines Sklaven. Von Sw. Cech.( Gedicht.) Parteigenossen! Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Mannheim statt. Auf Grund der Bestimmungen der§§ 11, 12, 13, 14 und 15 der Parteiorganisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 23. September, abends 7 Uhr, nach Mannheim in das Lokal Apollotheater", G. 6, 3 ein. Ms provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag, den 23. September, abends 7 Uhr: Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Festsetzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungskommission. Montag, den 24. September und die folgenden Tage: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. 2. Bericht der Kotrollkommission. Berichterstatter: A. Raden. 3. Parlamentarischer Bericht. Berichterstatter: G. Schöpflin. 4. Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. 5. Der politische Massenstreik. Berichterstatter: A. Bebel. 6. Der internationale Kongreß 1907. Berichterstatter: P. Singer. 7. Sozialdemokratie und Volkserziehung. Berichterstatter: K. Zetkin und H. Schulz. 8. Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug. Berichterstatter: H. Haase. 9. Sonstige Anträge. 10. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommiffion und des Ortes, an dem der nächste Parteitag stattfinden soll. Barteigenossen! Der Parteivorstand richtet an euch die Aufforderung, die Vorarbeiten für den Parteitag also die Wahl von Delegierten wie die Stellung von Anträgen rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens am 27. August im Besitze des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin SW 68, Lindenstr. 69, sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 14 Absatz 2 der Parteiorganisation im Vorwärts" veröffentlicht und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegenzeichnung der Vertrauensperson oder des Vorstandes der örtlichen beziehungsweise Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Die Parteigenossen, die zum Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstand und dem Lokalkomitee rechtzeitig Mitteilung zu machen, damit ihnen die Vorlagen und eventuell weitere Mitteilungen zugesandt werden können. Die Adresse des Lokalfomitees lautet: August Dreesbach, Mannheim, R. 3, 14. Mandatsformulare sind durch das Parteibureau J. Auer, Berlin SW 68, Lindenstraße 69, zu beziehen. Der Versand erfolgt vom 21. August an. Genossinnen! Der Parteivorstand. Ms Beauftragte der Genossinnen Deutschlands beruft die Unterzeichnete eine Frauenkonferenz nach Mannheim ein, wo der nächste Parteitag stattfinden wird. Die Konferenz soll Sonnabend, den 22. September, morgens 9 Uhr, in der Bentralhalle Q. 2, 16, zusammentreten und nötigenfalls noch Sonntagnachmittag tagen. Als provisorische Tagesordnung schlage ich vor: 1. Bericht der Zentralvertrauensperson. a. Agitation, b. Presse. 2. Frauenstimmrecht. Berichterstatterin: Genossin Zetkin. 3. Agitation unter den Landarbeiterinnen. Berichterstatterin: Genossin Bieb. Die Dienstbotenbewegung. Berichterstatterin: Genossin Grünberg. 5. Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen. Berichterstatterin: Genoffin Dunder. Für eine Ehe mit diesen Wesenszügen ist jedoch innerhalb der kapitalistischen Ordnung weder Boden, noch Nahrung, Luft und Licht vorhanden. Die Revolution der Ehe kann daher nicht aus den leichten, sonnbeglänzten Wolfen geistigfittlicher Spekulationen zu den armen Menschenkindern niedersteigen, deren mißhandelte Sinne und Seelen in glühender Sehnsucht nach Reinheit des Geschlechtslebens rufen. Sie bleibt vielmehr an die Revolution der gesamten sozialen Ordnung gebunden, wie das Entstehen und die Entwicklung der monogamischen Ehe von je mit dem allgemeinen sozialen Werden verknüpft gewesen ist. Die Revolution der Ehe fann nur auftreten im Zusammenhang mit einer Revolution der Gesellschaft, welche das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufhebt und damit auch die Ehe auf eine andere, auf ihre sittlich- natürliche Grundlage stellt. Das Menschenrecht auf Liebe in der Ehe vermag nur zu trium phieren, wenn auf der ganzen sozialen Linie die Macht des Besizes über das Recht des Menschen gebrochen worden ist. Wie der wissenschaftliche Forschungstrieb und der künftlerische Schöpfungsdrang, so wird auch die Liebe des Mannes zum Weibe und des Weibes zum Manne erst in Freiheit ihre weißen starken Schwingen entfalten, die emportragen, wenn die menschliche Arbeit ihre Befreiung errungen In Orten, in denen ein Zusammenarbeiten mit den bat; die Arbeit, in deren Bedingungen die sozialen Bedaß die Genossinnen sich mit diesen baldigst über die Es fragt sich nun, ob zusammen mit der allgemeinen Genoffen stattgefunden hat, ist es wohl selbstverständlich, siehungen zwischen den Menschen ihre lehte Wurzel Wahl einer Delegierten verständigen. Dort, wo die Ver- geschichtlichen Bewegung auch der Umwandlungsprozeß der hältnisse nicht so günstig liegen, haben die Genossinnen laut§ 11 Absatz 1 des Organisationsstatuts der sozialdemokratischen Partei Deutschlands das Recht, in öffent licher Frauenversammlung nicht nur eigene Delegierte für die Frauenkonferenz zu wählen, sondern auch für den Parteitag. haben. Ehe in der Richtung auf dieses Ziel vor sich geht. Deutlich wahrnehmbare Entwicklungslinien sprechen dafür. Aber nicht in unvermittelten Sprüngen schreitet die Umwertung der Ehe vorwärts, das ist schon in den vorausge gangenen Abschnitten flar hervorgetreten. Sie reift in langfamem, ununterbrochenem organischem Werdegang heran. Wünschenswert ist, daß die Delegierten zur Frauen- tate langer Entwicklungsreihen erreicht schließlich einen Die Summe oft unscheinbarer äußerer und innerer ResulKonferenz auch zugleich ein Mandat für den Parteitag Höhepunkt, an dem sie allen Augen sichtbar als etwas erhalten. Die Verhandlungsgegenstände, die auf seiner Neues in Erscheinung tritt, das altüberkommene Formen Tagesordnung stehen, sind alle von größter Wichtigkeit für sozialer Verhältnisse ummodelt und sprengt. Der Gipfeldie proletarische Frauenwelt. In erster Linie sei auf die punkt wird zum Ausgang weiterer Entwicklungen, die ge Frage der Volkserziehung hingewiesen, an welcher die schichtliche Erfüllung trägt wieder neues Treiben und Keimen Proletarierin als Bildungsbedürftige wie als Mutter in ihrem Schoß, gleichwie Blüte, Frucht und junges Pflanzdas höchste Interesse hat. Der Aufruf des Parteivor- lein sich in ewigem Kreislauf, eins das andere in ſich, standes wendet sich an die gesamte Genossenschaft, er gilt bergend, zur unendlichen Kette aneinanderreihen. für die Genossinnen wie die Genossen. Möchten daher die Genosfinnen überall dafür sorgen, daß dem ihnen zustehenden Rechte gemäß an dem diesjährigen Parteitag als Delegierte Frauen teilnehmen, die in treuer Pflicht erfüllung alle Arbeiten und Kämpfe der Sozialdemokratie teilen. Anträge zur Frauenkonferenz sind spätestens bis zum 31. August einzusenden. Erfolgte Wahlen von Delegierten find der Unterzeichneten zu melden. Die Adresse des Lokalfomitees ift: August Dreesbach, Mannheim R. 3, 14. Die Frauenkonferenz zu Mannheim muß nicht nur ein Beweis für die Fortschritte der proletarischen Frauenbewegung werden, sondern auch der Ausgangspunkt weiterer großer Erfolge. Mit Parteigruß In der feudalen Gesellschaft und unter der handwerks mäßigen Produktion begannen sich bereits die wirtschaft lichen und geistigen Kräfte zu regen, welche in der bürger lichen Ordnung die Ehe zerfetzten und ummodelten und zur bourgeoisen Ghereform führten. In konsequenter Fort entwicklung sind wiederum in der bürgerlichen Gesellschaft unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktion geschicht liche Mächte am Werke, welche die überlieferte bürgerliche Monogamie umbilden und die zukünftige Revolution der Ehe vorbereiten, die sich erst in der sozialistischen Ordnung ganz durchsetzen kann, deren Geburtswehen bereits den kapitalistischen Mutterleib durchzucken. Die gesellschaftlichen Kräfte, welche die Entwicklung in dieser Richtung vorwärts treiben, sind in der Hauptsache die nämlichen, die uns bereits in den Anfängen der kapitalistifchen Produktion in ihrer dialektischen Doppeleigenschaft als Ghezerstörer und Ehereformer entgegengetreten sind. Allein ihr Walten von einst und jetzt verhält sich zu einander wie Kinderspiel zur Leistung des Erwachsenen. Die kapitalistische Ottilie Baader, Berlin S 53, Blücherstr. 49, Hof II. Produktion, welche die Ehe umbildende Kräfte entfesselt, Ehe und Sittlichkeit. V. Mit der Entfaltung der kapitalistischen Produktion, dem Emporblühen und der Befestigung der bürgerlichen Gesell: schaft haben die objektiven wie subjektiven Triebfräfte, welche an der Umgestaltung der Ehe arbeiten, an Stärke gewonnen, hat sich das Tempo des geschichtlichen Prozesses beschleunigt, hat ja längst schon die Kinderschuhe abgelegt, die sie in den Zeiten der Renaissance und der Reformation trug; sie hat auch das Entwicklungsstadium hinter sich, in welchem sie in martigem Jugendmut durch bürgerliche Revolutionen die politischen und sozialen Schranken zertrümmerte, die ihre freie Entfaltung hemmten, in welcher sie den bürgerlichen Staat schuf, dessen sie für das freie Spiel ihrer Kräfte bedurfte. Sie ist zur Reife gekommen. Die tiefftfurchendste revolutionärste Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen hat sich seither vollzogen, welche die Ges 106 Die Gleichheit Nr. 16 schichte kennt. Diefrüher angestaunte Manufakturhat derFabrik weichen müssen, der fabrikmäßige Klein- und Mittelbetrieb ver- schwindet vor den modernen industriellen Riesenunternehmen. Kraftmaschinen stellen die Stärke bergewälzender Titanen, maschinelle Werkzeuge und�' sinnreiche technische Arbeitsver- fahren die Geschicklichkeit und Behendigkeit, die Erfindungs- gäbe von Heinzelmännchen in dsk Dienst der Produktion; Wissenschaft und Kunst sind ihre Handlangerinnen; der Dampf ist wie der Blitz, die Elektrizität, ihr Sklave geworden. Die Berkehrsmittel haben eine ungeahnte Entwicklung er- fahren, die aus dem gesellschaftlichen Wirtschaftsleben bis in den Familienhaushalt hineingreift. Mit Warenproduktion und Geldwirtschaft dehnte sich der Handel gewaltig aus, dem„königlichen Kaufmann" aber erstand in dem listenreichen und verwegenen Börsenspekulanten ein gefährlicher Kon- kurrent: Kredit und Börse entwickelten sich und zogen ihre Kreise über die Welt. Nachdem es keine neuen Erdteile mehr zu entdecken und zu plündern gab, trieb der Kapita- lismus zur„Erschließung" und Industrialisierung der Länder, die noch außerhalb seines Bannes standen. Er regte auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet Erfindungen und Entdeckungen an, welche die geheimnisvollsten und mächtigsten Naturkräfte enthüllten, bändigten und der menschlichen Arbeit untertänig machten.' In erhöhtem Maße trifft heute zu, was das„Kommunistische Manifest" vor mehr als einem halben Jahrhundert aussprach. Der Kapitalismus hat„massen- haftere und Kolossalere Produktionskräste geschaffen als alle vergangeneft Generationen zusammen". Der wirtschaftlichen Revolutionierung entsprechend hat er die sozialen Verhält- nisse tief umgepflügt. Er degrgdierte die absoluten Fürsten zu konstitutionellen und verwandelte die ungekrönten Könige der Industrie, des Handels Und der Hochfinanz in absolute Herren. Er schuf die Plutokratte, an welche die alteinge- sessene Aristokratie Wappenschilder, Söhne und Töchter ver- kauft, der die Nachfahren der Kreuzfahrer als„blutige Grün- der" Hand- und Spanndienste leistet. Er hob die Stände auf und setzte an die Stelle der zahllosen verbrieften Freiheiten der Feudalordnung die eine gewissenlose Handelsfreiheit; zwischen Menschen und Menschen ließ er kein anderes Band übrig als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung, um mit dem oben zitierten Dokument zu reden. Er verschärfte alte soziale Gegensätze und schuf neue soziale Schichten, neue soziale Gegensätze, die er rasch auf die Spitze trieb. Er bewirkte, daß alle sozialen Gliederungen hinter der Klassenscheidung zurücktraten, alle sozialen Gegensätze vor dem einen großen Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten ver- blaßten. Im Lichte der allgemeinen riesigen und rapiden Umwälzung der Produktionsbedingungen und sozialen Ver- hältniffe wird es begreiflich, daß die bürgerliche Ehe in großem Umfang und mit wachsender Schnelligkeit der Zer- setzung anheimfällt, seitdem die bürgerliche Gesellschafts- ordnung die herrschende geworden ist. Die entfaltete kapita- listische Produktion und die von ihr getragene kulturelle Entwicklung haben die Gewalt der Faktoren erhöht, welche den Charakter und die Aufgaben des Haushalts verändern; das Bedürfnis der Menschen nach Einheit von Liebe und Ehe steigern; das Bewußtsein für die Gegensätze schärfen, welches die Ehe in sich birgt: den Antagonismus zwischen dem eigentumsrechtlichen Zwecke der bürgerlichen Mono- gamie und dem natürlich-sittlichen Liebesrecht des modernen Menschen; den Gegensatz zwischen denr�Hevrenrecht des Mannes und der Unfreiheit des Weibes.(Schluß folgt.) Der proletarische Klassenkampf um die Volksbildung.* Solange die Arbeiterklasse nicht die politische Macht hat, die sie in den Stand setzt, den öffentlichen Volksschulunter- richt nach ihren Bedürfnissen zu organisieren, wird ihr Kampf um die Volksbildung zum nicht geringen Teil ein Kampf gegen die Schule sein müssen. So unbestritten es auch aller pädagogischen Weisheit letzter Schluß ist, daß die wichtigste Voraussetzung für allen gedeihlichen Unterricht die moralische Autoritär des Lehrers ist: Wir kommen aus die Dauer um die Frage doch nicht herum: Sollen wir unter den gegenwärtigen Umständen die Autorität des Volksschul- lehrers bei den Kindern des Volkes stützen helfen, oder sollen wir sie angreifen? Was ist uns wichtiger: den ver- dummenden Religions- und Geschichtsunterricht der heutigen Volksschule unter allen Umständen unwirksam zu machen, oder im Interesse der übrigen Unterrichtsfächer die Autori- tät des Lehrers für die Dauer der Schulzeit unangetastet zu lassen? Die Entscheidung dieser Frage richtet sich nach der Be- antwortung der anderen: Hat es die Arbeiterbewegung ver- mocht, in ihren Reihen die Wirkung des Volksschulunter- richtes, soweit er religiös-patriotischer Gesinnungsunterricht gewesen ist, gänzlich aufzuheben oder nicht? Bei der Be- antwortung dieser Frage darf man natürlich weder den relativ engen Kreis der in der Bewegung intensiv tätigen Genossen proletarischer Herkunft, noch die ganz breite Masse der locker organisierten ins Auge fassen. Im elfteren Falle würde die Antwort unbedingt bejahend, im letzteren unbe- dingt verneinend ausfallen. Aber auch wenn man den Mittelweg geht und in der Hauptsache die regelmäßigen Besucher der Wahlvereinsversammlungen, für seine Antwort in Betracht zieht, so muß man meines Erachtens leider immer noch zu dem Schlüsse kommen, daß die Folgen des Volksschulunterrichtes in ihrem vollen Umfang durch die * Wir veröffentlichen diesen Artikel als einen Bdilrag zu der Diskussion über das Problem„Jugend und Sozialismus". sozialistische Aufklärung heute noch nicht beseittgt werden können. Und zwar aus dem Grunde: Die Volksschule hat in den Köpfen derer, die ihren Unterricht genossen, eine zusammen- hängende, in sich abgeschlossene Vorstellungsreihe über die Religion und die vaterländische Geschichte hinterlassen. Die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfall, der Berufung Abrahams, der Erlösung durch Jesu Tod und Auferstehung, der Kirchengründung, dem jüngsten Gericht ist etwas, das trotz aller Widersprüche, Dunkelheiten und Unmöglichkeiten in den Quellen selber als etwas Einheitliches in die Köpfe eingegangen ist. Genau so ist es mit der vaterländischen Geschichte. Wenn man sich so ein Realienbuch mit seinen hundert Seiten vaterländischer Geschichte ansieht, davon 50 auf die Zeit nach dem sieben- jährigen Kriege fallen(Kahnmeyer& Schulze), so folgt dem Gefühl der Empörung darüber, was auf diesen Seiten den Kindern alles unterschlagen wird, die Bewunderung über das Raffinement, mit dem sich unsere Pädagogik in den Dienst des dynastischen Patriotismus gestellt hat. Da ist vom alten Fritzen bis zu Wilhelm II. und seiner Familie herunter alle? an den Fürsten gut, tapfer, edel, schlicht, leut- selig usw.(Selbst an dem dicken Friedrich Wilhelm II. wird gerühmt, daß er„viel Heldenmut" besaß,„gütig und wohl- wollend gegen jedermann" gewesen sei und den Wahlspruch „Aufrichtig und standhast" gehabt habe.) Die vaterländische Geschichte setzt sich also in den Kinderköpfen als eine zahr- hundertlange, ununterbrochene Segenswirksamkeit tapferer und kluger Monarchen fest. Dieses Einheitliche in Religion und Geschichte wird wohl späterhin durch die Vorträge im Wahlverein und in den Volks- Versammlungen zerrissen, aber es wird keine andere zusammen- hängende Geschichtsvorstellung dafür an die Stelle gesetzt. Der Kopf muß sich bei einzelnen Sätzen beruhigen, wie:„Alle mensch- liche Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen" oder: „Unsere naturwissenschaftliche Erkenntnis verbietet uns den Glauben an willkürliche Eingriffe in den Verlauf des Natur- Prozesses, also muffen die biblischen Geschichten Alten wie Neuen Testamentes eine Fülle von Sage und Aberglaube enthalten." Aber wie nun in Wirklichkeit die vaterländische Geschichte und die Weltgeschichte verlaufen ist, was an die Stelle der Moses, Abraham, Jesus, Luther, Friedrich der Große zu setzen ist, wie der leer gewordene Raum nun aus- zufüllen ist, das wird auch denen nicht genügend deutlich, welche die Parteiveranstaltungen Jahre hindurch regel- mäßig besuchen. Auch als Lesern der Parteipresse wird es ihnen nicht klar, aus dem einfachen Grunde, well die politische Aufklärung immer an Gegenwartsereigniffe anknüpft und Gegenwartszustände behandelt. Ein einzelner historischer Artikel oder Vortrag kommt zwischenein mal vor, genügt aber nicht.dem Bedürfnis. Systematische, zusammenhängende Arbeit ist nötig. Nun gibt es freilich zusammenhängende Darstellungen über die Geschichte des Sozialismus, über die preußische Ge- schichte, über die Weltanschauungsprobleme, die au? der Naturwissenschaft hervorwachsen. Aber da setzt der große Mangel unserer Volksschulbildung ein: die Ungewandtheit, größere Bücher zu lesen und ihren wesentlichen Gehalt zu erskssen. Selbst wer sich mit redlichem Eifer bemüht, in diese Werke einzudringen, bleibt nur zu leicht am Anekdo- tischen, am Anschauungsmaterial haften, ohne sich den Ge- dankengehalt aneignen und die großen durchgehenden und verbindenden Linien herausfinden zu können. Dazu kommt, daß das Lesen zusammenhängender Darstellungen an sich eine Arbeit ist, der die Masse auch der bildungsdursttgen Arbeiter nach dem Tagewerk nicht mehr gewachsen ist. Es muß zum mindesten noch eine Übergangsstufe zwischen den Einzelvorträgen und Einzelartikeln und dem Selbstunterricht durch Bücherstudium geschaffen werden: der Vortragskursus. Er besteht bisher immer noch nur als Ausnahme in großen Städten. Er muß zur festen Regel jeder Aufllärungstätig- keit gemacht werden. Es müssen systematisch alle Gebiete, die sich dem Zwecke entsprechend für Vortragskurse eignen, festgestellt und ausgesondert sowie die entsprechenden Vor- tragenden dafür gewonnen werden. Und das ist nicht so leicht, wie es bei der Fülle von rednerisch gewandten und geübten Kräften auf den ersten Blick aussehen mag. Zum erfolgreichen Abhalten eines Vorttagszyklus von fünf bis zehn und mehr Stunden über ein zusammenhängendes Ge- biet'gehört ein so selbständiges Durcharbeiten des ganzen Stoffes, wie es nur wenigen Parteigenossen möglich gewesen ist, die aus der Jndustriearbeit heraus in die rednerische Be- tätigung hineingekommen sind. Für uns wesentlich ist jedoch im Augenblick lediglich die Tatsachenfeststellung: Im Mittelpunkt der geschichtlichen Vor- stellungen steht selbst bei den regelmäßigen Besuchern der Wahlvereinsveranstaltungen für das 16. Jahrhundert Luther, für das 17. der„Große Kurfürst", für das 18. der„Alte Fritz". Darin ist die Wirkung des Volksschulunterrichtes, soweit der wirklich vorhandene Bewußtseinsinhalt in Frage kommt, noch ungebrochen. Nur theorettsch sagen sich die Ge- nossen: Die Geschichte wird wohl erheblich anders gewesen sein. Praktisch können sie sich nicht die geringste Vorstellung davon niachen, wie sie denn nun eigentlich in Wirklichkeit gewesen ist. Und darum erhebt sich die Frage: Gibt es eine Möglich- keit, von Anfang an zu verhindern, daß sich der Komplex christlich-patriotischer Welt- und Geschichtsbetrachtung in den Kinderköpfen einnistet? Von der Möglichkeit eines Schul- streiks will ich nicht reden. Unter keinen Umständen darf den Kindern die Borstellung beigebracht werden, daß es nütz- lich sei, die Schule zu schwänzen. Aber sollte es nicht denk- bar sein, daß die bisherige Art, den Kindern. Geschichte und Religion beizubringen, eine einfache pädagogische Unmöglich- keit wird, weil die Kinder aus anderweitig bezog w besserer Kenntnis heraus dagegen rebellieren? Bereits heute werden von den Wanderpredigern der Stadtmission, um die Ent- sittlichung und Entkirchlichung der sozialdemokratisch durch- feuchten Großstadtjugend anschaulich zu machen, Anekdoten erzählt, wonach bald bei diesem, bald bei jenem Anlaß die Schulkinder dem Lehrer gesagt haben:„Mein Vater hat aber gesagt, es gibt keinen Gott", oder:„Mein Vater hat gesagt. es sei nur ein Märchen, daß Jesus vom Tode auferstanden und gen Himmel gefahren sei." Hat der Lehrer es erst ein- mal mit einer größeren Anzahl von Kindern zu tun. die sich in dieser Weise gegen den biblischen oder vaterländischen Geschichtsunterricht wehren, so muß er mit der Zeit zur Verzweiflung über die Erfolglosigkeit seines„Gesinnungs- Unterrichtes" gebracht werden. Auch hier gilt der Satz, daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung schließlich an ihren eigenen Widersprüchen zugrunde geht, indem ihr Schulunter- richt sich in keiner Weise mehr mit dem Bewußtseinsinhalt der Masse vereinigen läßt. Wie aber gelangt man dahin? Es ist ausgeschloffen, daß die Eltern von sich aus die Vorstellungswelt der Kinder so gegen die Verdummungseinflüffe der Schule immun machen, wie es notwendig ist. Die oben besprochene Tatsache, daß sie selber noch unter den Wirkungen des Schulunterrichtes leiden, hindert sie daran. Sie können in negativer Richtung Kritik üben, indem sie das, was der Lehrer den Kindern beibringt, als falsch hinstellen. Aber sie können den Kindern keinen positiven Ersatz bieten, und darum tun sie heute in- stinkttv das durchaus Richtige, wenn sie sich überhaupt nicht um das bekümmern, was ihre Kinder im Re- ligions- und Geschichtsunterricht lernen. Aber wenn sie die Möglichkeit hätten, durch besondere Veranstaltungen den Kindern ein Gegengewicht gegen den falschen Schulunterricht zu verschaffen, würden sie ohne Zweifel von dieser Möglich- keit Gebrauch machen. Die Möglichkeit besteht aber darin, daß man einmal das Lesebedürfnis der Kinder, zweitens ihre Aufsichtsbedürftigkeit ausnutzt. Es müssen für die des Lesens kundigen Kinder Weihnachtsbücher geschaffen werden, durch die man die von der Schule gepflegte geschichtliche Vorstellungswelt umkrempelt, so daß jeder Junge im letzten Schuljahr dem Lehrer entgegenhalten kann: In meinem Weihnachtsbuch steht aber nicht wie im Realienbuch, daß dem König Friedrich Wilhelm II. der Freih. v. Stein der geeignete Mann zu sein schien, um Abhilfe zu schaffen. Da steht im Gegenteil, daß der König den Freiherrn v. Stein mit Schimpf und Schande davongejagt hatte, und daß Napoleon den König erst zwingen mußte, den Freiherrn wieder anzustellen, weil Napoleon die Unfähigkeit des Königs erkannt hatte, sein Land zu regieren. Oder: In meinem Lesebuch steht aber nicht, daß in den Märztagen 1848 aus den Vorstädten Berlins allerlei Gesindel zusammengeströmt ist, und daß ehr- lose Wühler in Kellern und Wirtshäusern zum Kampfe reizten, sondern es steht da, daß der König und seine Um- gebung das Volk mit Gewalt unterdrücken wollten, und daß darum das Volk sein Blut für die Freiheit vergossen hat. Oder: In meinem Lesebuch steht nicht, daß unser Kaiser die Abgeordneten der Arbeiter ebenso freundlich empfängt wie die der Fabrikbesitzer, und daß er sehr bemüht ist, die Not der ärmeren Volksschichten zu mildern, sondern im Gegenteil, daß der Kaiser die Partei der Arbeiter Vaterlands- lose Gesellen genannt hat, mit denen kein ehrlicher Mann etwas gemein haben dürfe, und daß unter seiner Regierung die Steuern, die das Volk bezahlen mußte, fortgesetzt ge- wachsen sind. So sollte die Leselust der Kinder von früh auf benützt werden, um in ihnen die Keime des dynastischen Patriotis- mus, Vorstellungen wie die von dem„Erbfeind" Frankreich und viele andere, die in der Schule gepflegt werden, wieder zu zerstören. Aber darüber hinaus müßten Kinderpflegeorganisationen geschaffen werden(man denke dabei an die Wirksamkeit der bürgerlichen und christlichen Kinderhorte), in denen eine lebendige persönliche Beeinflussung der Kinder möglich ist. Hier ist ein wichtiges Feld für die Frauenvereine. Nicht nur als Proletarierinnen, sondern gerade auch als proletarische Mütter müssen die Frauen organisiert werden, um die not- wendigen Einrichtungen für die Kinderbeaufsichtigung und Kindererziehung zu schaffen. Es ist besonders unter den gelernten Arbeiterschichten nicht immer der Fall, daß die Arbeiterfrau neben der Haus- und Erziehungsarbeit noch Erwerbsarbeit zu leisten hat. Diese, für die Erziehung ver- sügbarcn Kräfte sollten durch die Organisationen für den Gedanken gewonnen werden, sich zu gemeinsamer Erzieh- ungsarbeit zu vereinen und zu schulen. Jüngere Arbeiter- frauen mit nur wenigen Kindern, oder Mütter mit solchen Kindern, die der ständigen Wartung nicht mehr bedürfen, haben oft eher zu viel als zu wenig Zeit übrig, das heißt, sie wissen mit ihrer Zeit nicht immer das wirklich Notwen- dige anzufangen. Wäre es möglich, sie für gemeinschaft- liche pädagogische Bestrebungen zu interessieren, so würden sich langsam die Stätten und die Menschen für eine plan- mäßige geistige Leitung der Kinder außer der Schule heran- bilden. Wenn man die Kräfte hat, muß man den Feind dort angreifen, wo man ihn findet. Es nützt nichts, mit der Durchführung der sozialistischen Jugenderziehungsideale zU warten, bis die Arbeiterklasse die politische Macht hat. Ge- rade um die politische Macht zu erlangen, muß man die proletarische Jugend von früh auf gegen den Klassenstaat, wo immer sie ihn erkennen lernen kann, mobil machen. Man revolutioniere die Köpfe der Kinder gegen den christ- lich-patriotischen Gesinnungsunterricht der Schule, dann ent- windet man dem Staat eins seiner heute noch wichtigsten Machtmittel. Gerhard Hildebrand Nr. 16 Die Gleichheit �107 Mehr Wöchnerinnenschutz durch die Krankenkassen. Die Forderungen auf Ausbau des Mutterschafts- und Säuglingsschutzes, um den es gegenwärtig noch äußerst schlecht bestellt ist, werden in unserer Zeit mit Recht immer nachdrücklicher erhoben. Nach den sozialistischen Frauen sind auch die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen mit entsprechen- dem Reformverlangen auf den Plan getreten. Während die proletarische Frauenbewegung aber zum Schutze der Mutter das Krankenversicherungsgesetz zweckentsprechend ausgestaltet haben will, treten sehr viele Wortführerinnen der bürger- lichen Frauenbewegung für die Gründung einer besonderen Mutterschaftsverstcherung ein. Auch in Veranstaltungen des bürgerlichen„Bundes für Mutterschutz", der, aus einer bunt- gemischten Gesellschaft zusammengesetzt, zum Teil soziale Re- formen propagiert, zum Teil bourgeoisen Wohlfahrtsbestre- bungen huldigt, wurde eine besondere Mutterschaftskasse ge- fordert. Unserer Meinung nach kann der Einführung einer Mutter- schaftsversicherung als eines selbständigenZweiges derArbeiler- Versicherung, von anderen Gründen abgesehen, schon daher nicht das Wort geredet werden, weil dadurch die Zersplitterung der Versicherungseinrichtungen noch weiter vergrößert würde. Es ist aber bekannt, daß diese Zersplitterung eine bedeutende Erhöhung der Verwaltungskosten und damit eine Herab- drückung der Leistungen der Versicherungsanstalten bedingt, von weiteren Nachteilen zu schweigen. Sehen wir von den Einrichtungen ab, welche die Gemeinde zur Fürsorge für Schwangere, Wöchnerinnen und Säuglinge schaffen kann und schaffen muß, so erscheinen die Krankenkassen als die berufenen Trägerinnen des Mutterschaftsschutzes. Sie müssen im Hinblick auf die Schwangeren- und Wöchnerinnenunter- stützung zweckentsprechend ausgestaltet werden. Das kann selbstverständlich in allgemeiner und in recht wirksamer Weise nur aus gesetzgeberischem Wege geschehen. Eine größere Zen- tralisation der Krankenkassen und damit eine Erhöhung ihrer Leistungsfähigkeit ist Voraussetzung der Ausgestaltung. Bis zu einschneidenden gesetzgeberischen Änderungen muß es sich aber darum handeln, den Murterschaftsschutz nach den Mög- lichkeiten auszubauen, welche der Gesetzgeber geschaffen hat. Sie müssen geschützt werden! Und dazu müssen wir alle mithelfen, ganz besonders natürlich die Frauen. Der Wöchnerinnenfürsorge ist seither durch die Kranken- Versicherung zweifellos viel zu wenig Beachtung geschenkt worden. Die Gemeindekrankenversicherungen(bekannt- lich die rückständigste Form der Versicherung, weil die Ver- sicherten auf diese Kassen keinen direkten Einfluß haben), die immer noch zirka ein Sechstel sämtlicher krankenversicherungs- Pflichtiger Personen umfassen, und der größte Teil der freien Hilfs lassen kennen eine Wöchnerinnenunterstützung in irgend einer Form überhaupt nicht. Bei den übrigen Kassen- arten ist dieselbe noch recht unzulänglich. Das ursprüng- Ii che Krankenversicherungsgesetz bestimmte nur, daß die organisierten Kassen(zu denen die Gemeindekrankenversiche- rungen nicht gehören) eine dem Krankengeld gleiche Unter- stützung den Wöchnerinnen auf die Dauer von drei Wochen nach ihrer Niederkunft zu gewähren hatten. Die Gesetzes- änderung von 1392 sicherte den Unterstützungsanspruch der Wöchnerinnen„auf die Dauer von mindestens vier Wochen nach ihrer Niederkunft, und soweit ihre Bcschäfttgung nach den Bestimmungen der Gewerbeordnung für eine längere Zeit untersagt ist, für diese Zeit". Die Novelle von 1903 endlich setzte die Unterstützungsdauer allgemein auf sechs Wochen fest. Der Anspruch auf die Unterstützung ist nach wie vor an eine Bedingung geknüpft geblieben. Die Wöchnerin muß nämlich innerhalb des letzten Jahres, vom Tage der Entbindung an gerechnet, mindestens sechs Monate hin- durch einer(also auch eventuell einer anderen) Kasse an- gehört haben, die auf Grund des Krankenverstcherungsgesetzes errichtet ist, oder aber einer Gemeindekranlenversicherung. Die erwähnte letzte Novelle zum Krankenversicherungsgesetz hat jedoch den Kassen die Möglichkeit gegeben, die Wöchnerinnenfürsorge weiter auszubauen. Der Entwurf der Novelle enthielt diese Möglichkeit nicht; sie ist vielmehr erst durch die Kommissionsberatungen hinein- gebracht worden. Die sozialdemokratischen Mitglieder der Kommisston hatten den Antrag gestellt, die Pflichten der Kassen dahin zu eriveitern, daß die Wöchnerinnenunterstützung für mindestens zwölf Wochen zu zahlen sei, von denen sechs vor und sechs unmittelbar nach der Niederkunft liegen müssen; ferner daß die Kassen�freie Hebammendienste und freie ärztliche Behandlung der Schwangerschaftsbeschwerden zu gewähren hätten. Für den Fall der Ablehnung stellten die erwähnten Kommissionsmitglieder den Eventualantrag, die Forderungen wenigstens im§ 21 unter die Leistungen aufzunehmen, die von den Kassen eingeführt werden können. Bei der Begründung ihrer Forderungen betonten sie, daß es sich nur um den ersten Schritt zur Mutterschaftssürsorge handle, und daß zu erwägen sei. ob in Zukunft der Anfang Nicht durch Zuschüsse vom Reich weiter ausgestaltet werden müsse. Der Grundgedanke der Anträge begegnete fast allseitiger Sympathie. Trotzdem konnte die Mehrzahl der Kommissionsmitglieder sich nicht entschließen, diese Bestim- Mungen unter die gesetzlichen Mindestleistungen(Z 20) aufzunehmen. Würde das der Fall sein, so meinten sie, so müßten sich die bisherigen Ausgaben für Wöchnerinnen- Unterstützung verdreifachen. Die Bundesratsvertreter äußerten eine Reihe formaler Bedenken gegen die Fassung der Anträge. Sie bemängelten, daß der Wortlaut derselben die Unter- stützung für sechs Wochen vor der Entbindung obligatorisch mache, ohne Rücksicht darauf, ob eine Erwerbsunfähigkeit vorhanden sei oder nicht. Die Unterstützung vor der Eut- bindung könne doch nicht als eine Wöchnerinnenunierstützung bezeichnet werden. Da der Zeitpunkt der Niederkunft stets unsicher sei, könne nicht festgestellt werden, wenn die Unter- stützungspflicht beginne und die Zahlung der Unterstützung zu erfolgen habe. Diesen Erwägungen zufolge gab die Kommission der Ziffer 4 des Z 21 nachfolgende Fassung: „Schwangeren, welche mindestens sechs Monate der Kasse angehören, kann eine der Wöchnerinnenunterstützung gleiche Unterstützung wegen der durch die Schwangerschaft ver- ursachten Erwerbsunfähigkeit bis zur Gesamtdauer von sechs Wochen gewährt werden. Auch kann freie Gewährung der erforderlichen Hebammendienste und freie ärztliche Behand- lung der Schwangerschaftsbeschwerden beschlossen werden." Diese Bestimmungen haben Gesetzeskraft erhalten, und es steht somit den itassen frei, s!z in das Statut aufzunehmen und zur Durchführung zu bringen. Bis jetzt haben das leider nur sehr wenige Kassen getan. Von denen, die von dem Rechte erweiterter Mutterschafts- fürsorge Gebrauch gemacht haben, seien folgende erwähnt: die Allgemeine Ortskrankenkasse Magdeburg ge- währt eine Schwangerschastsunterstützung für vier Wochen in der Höhe des Wöchnerinnengeldes sowie freie ärztliche Behandlung der Schwangerschaftsbeschwerden, die von manchen Kassen nicht als„Krankheit" angesehen werden und für deren Behandlungskosten sie deshalb nicht auflommen. Die Kasse zahlt außerdem noch ein Enlbindungsgeld von 6 Mk. Diese Leistungen sind ein guter Anfang. Die Ortskrankenkasse für Kaufleute in Magdeburg ge- währt ebenfalls ein Entbindungsgeld. Die Allgemeine Ortskrankenkasse Halberstadt gewährt eine Schwanger- schaftsunrerstützung für vier Wochen und freie ärztliche Be- Handlung der Schwangerschaftsbeschwerden. Die Orts- krankenkasse der Kaufleute in Berlin gewährt eine Schwangerschaftsunterstützung für sechs Wochen. Zur rechtlichen Seite der Neuerungen sei einiges bemerkt: Die Worte im Gesetz, die Mutterschaftsunterstützung be- treffend, bedeuten, daß die Einführung der genannten Art von Unterstützung im Statut allgemein, also für alle Schwangeren beziehungsweise Wöchnerinnen vorgesehen werden muß, daß es daher nicht angängig ist, die Gewährung nur in einzelnen Fällen eintreten zu lassen, über welche die Entscheidung vielleicht in das Ermessen des Kassenvorstandes gelegt wäre. Ist die Gewährung der Unterstützung in das Statut ausgenommen, so hat jede Schwangere, die der Kasse angehört, gegebenenfalls einen Rechtsanspruch auf die Unterstützung. Wie bei der Wöchnerinnenunterstützung über- Haupt, so darf auch bei der Schwangerschaftsunterstützung kein Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Müttern gemacht werden. Betont sei aber, daß die in Geld bestehende Schwangerschaftsunterstützung nur für Zeiten wirklicher Erwerbsunfähigkeit gewährt werden darf, und zwar auf Grund eines Nachweises, also durch ein Zeugnis eines Arztes oder einer Hebamme. Hier liegt ein Gegensatz zu der Wöchnerinnenuntersttitzung vor, die auf znindestens sechs Wochen, vom Tage der Entbindung an, gewährt werden muß, auch wenn keine Erwerbsun- fähigkeit vorhanden ist. Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Kassenverwal- tungen bei gutem Willen sehr wohl in der Lage sind, einen Anfang mit der Mutterschaftsfürsorge zu machen. Leioer fehlt es aber oft in den Kassenvenvaltungen an dem nötigen sozialpolitischen Verständnis, um die Wichtigkeit der dies- bezüglichen Aufgabe zu begreifen. In dieser Beziehung aufklärend zu wirken, muß mit Ausgabe der prole- tarischen Frauenbewegung sein. Sie muß die Kassen anspornen, den Mutterschaftsschutz nach der Möglichkeit aus- zubauen, welche der Gesetzgeber geschaffen hat. Wir geben gern zu, daß die Schwangerschaftsunterstützung in Geld nach den gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen kompliziert und schwer durchführbar ist. Dazu kommt, daß sie den Kassen Lasten auferlegt, die zwar an sich keineswegs unerschwinglich sind, die aber doch unter dem gegenwärtigen System der Zersplitterung und der Konkurrenz der Kassen untereinander unter Umständen fühlbar sein können. Daß trotzdem bei gutem Willen Leistungen möglich sind, enveisen die angeführten Beispiele. Was aber ohne besondere Schwierigkeit von allen Kassen eingeführt werden kann, das ist die Bezahlung der Hebammendienste. Die unentgeltliche Geburtshilfe ist ein unabweisbares Erfordernis der Mensch- lichkeit und der gesellschaftlichen Einsicht. Es ist ein großer Mangel des Krankenverstcherungsgesetzes, daß die Hebammen- dienste noch nicht unter die obligatorischen Kassenleistungen aufgenommen worden sind. Führen die Krankenkassen die Bezahlung der Hebammen- gebühren ein, so brauchen die Wöchnerinnen nicht selbst Bar- mittel zu dem Zwecke aufzubringen, und sie erhalten die Möglichkeit, den Betrag für bessere Ernährung, Pflege usw. auswenden zu können. Wie schwer es oft den Wöchnerinnen wird, die Gebühren zu erschwingen, geht schon daraus her- vor, daß die Hebammen in manchen Gegenden genötigt sind, sich bis zu 10 Prozent der Fälle die Gebühren von der Armenkasse auszahlen zu lassen. Die Kosten, die einer Kasse durch die Übernahme der Hebammengebühren entstehen, sind keineswegs unerschwingliche. Die Statistiken der Krankenversicherung ergeben, daß durchschnittlich die Frauen rund ein Drittel der Gesamt- mitgliederzahl der Krankenkassen bilden. Von 100 weib- lichen Mitgliedern einer Krankenkasse werden durchschnittlich jährlich 8 bis 9 entbunden. Bei normalen Verhältnissen wird also eine Kasse von 0000 Mitgliedern etwa 2000 weibliche Mitglieder aufweisen, und die Zahl der Entbindungs- fälle wird jährlich zirka 180 betrage«. Rechnet man etwa 12 Mk. für den Fall, so ergibt das für eine solche Kasse erst eine Ausgabe von zirka 2160 Mk. pro Jahr. Es ist das ein Betrag, der leicht aufzubringen ist.•- ES ist dm Kassen unbenommen, die Hebammendienste durch bestimmt« Hebammen leisten zu lassen, also solche nach Art der Kassenärzte selbst anzustellen. Dadurch würden sich die einer Kasse erwachsen- den Aufwendungen vielleicht noch herabmindern lassen. Für größere Kassen ist der Weg jedenfalls gangbar. Die Kassenvorstände sollten nicht müde werden, die Kassen- leistungen immer mehr zum Segen der Versicherten auszu- bauen. Sie werden dieser Pflicht um so einsichtsvoller und energischer nachkommen, je öfter sie von den Versicherten selbst darauf hingewiesen werden. Die Fraum müssen die ihnen in der Krankenversicherung zustehenden Rechte aus- nützen, um die Verivaltungen in der Richtung eines besseren Mutterschaftsschutzes vorwärts zu treiben. Darum Hand ans Werk, Genossinnen, um euren Forderungen entsprechend auch in dieser Hinsicht praktische Arbeit zu leisten. _ Fr. Kleeis-Wurzen. Frauenstimmrecht.* I. Allgemeines und gleiches Wahlrecht. Der Ausdruck„Allgemeines und gleiches Wahlrecht" wird in der mißbräuchlichsten Weise angewandt. Wenn wir in die Nachschlagebücher blicken, so finden wir dort berichtet, daß das allgemeine Wahlrecht unter anderem besteht bei den Wahlen zum deutschen Reichstag, bei den Wahlen zum Landtag in Baden, in Bayern, in Oldenburg, in Sachsen- Meiningen, in Anhalt, in Württemberg, dann zur Wahl eines größeren Teiles der Abgeordneten in Schaumburg-Lippe, in Sachsen-Weimar; daß es im Ausland die Grundlage des Wahlsystems bildet in Frankreich, in der Schweiz und in Norwegen, dann mit gewissen Beschränkungen in Belgien, ferner in Spanien, Griechenland, der Argentinischen Republik, den übrigen amerikanischen Republiken, wobei zu bemerken ist, daß in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Brasilien gewisse Ausnahmen, wie der des Ausschlusses der Analphabeten usw., vorliegen. In Osterreich hat der Kampf des Proletariats die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes gesichert. Nahezu allgemeines Wahlrecht besitzen England, Dänemark, die Niederlande, Sachsen-Koburg-Gotha, die beiden Schwarzburg und die beiden Reuß. Das Wahlrecht, wie es in all diesen Ländem besteht, ent- hält eine Reihe von Beschränkungen, so zum Beispiel einen Ausschluß der Personen, die nicht im vollen Besitz der bürger- lichen Ehrenrechte sind, gegen die das Konkursverfahren er- öffnet ist, die wegen geistiger Mängel unter Vormundschaft stehen, die Armenunterstützung beziehen und dergleichen. Die Gesetzgebung einzelner Länder kennt auch noch den Ausschluß der Analphabeten(des Schreibens und Lesens Unkundiger), der Geistlichen, der Soldaten, der Neger usw. von dem Wahl- recht. Aber keine einzige dieser Gesetzgebungen hält es für notwendig, ausdrücklich zu erklären, daß mehr wie die Hälfte der erwachsenen Personen, aus die vorstehende Ausnahmen nicht zutreffen, vom Wahlrecht ausgeschlossen sind. Es wird einfach als selbstverständlich betrachtet, daß bloß das männ- liche Geschlecht bei der Behandlung öffentlicher Angelegen- heilen mitsprechen, über den Inhalt der Gesetze, über die Art und Höhe der Steuer usw. zu beschließen habe, daß der weibliche Teil der Bevölkerung sich dem Beschlossenen einfach, fügen müsse. Aus dieser allgemein herrschenden Anschauung ergab sich dann weiter, daß in manchen Ländern ein relativ freies Vereins- und Versammlungsrecht für die Männer be- steht und ein aufs äußerste verkrüppeltes, wertloses für das weibliche Geschlecht. Es hieße eine Geschichte der sozialen Beziehungen der beiden Geschlechter schreiben, wollte man die Ursachen des Mißverhältnisses zwischen dem Rechte des einen und der Rechtlosigkeit des anderen aufdecken. Dies kann aber nicht im Rahmen dieser Ausführungen geschehen, es muß genügen, darauf hinzuweisen, daß die polittsche Recht- losigkeit der Frau eines der interessantesten Probleme der Menschheitsgeschichte ist. Wir wollen hier nur zeigen, wann das Frauenstimmrecht im Lause der neueren Geschichte aus- getaucht ist, und welche Ausdehnung es in der Gegenwart errungen hat. Bevor wir aber diese Darlegungen beginnen, sei auf eine merkwürdige Erscheinung hingewiesen, die im schärfsten Gegensatz steht zu der politischen Rechtlosigkeit der Frau, auf die Tatsache, daß in einer Reihe von Monarchien schon vor vielen Jahrhunderten, auch zur Zeit des starrsten Absolutismus, der Frau das Erbsolgerecht auf den Thron eingeräumt wurde, also auf die höchste, verantwortungsvollste Beamtung. Diese Tatsache steht im schärfsten Widerspruch zur politischen Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechtes. In Spanien, Portugal, England und Holland ist das Recht der Frauen an der Thronfolge nur wenig beschränkt, außerdem besteht es in Osterreich, Rußland und Griechenland beim Fehlen männlicher Erben im regierenden Hause. Welche Machtfülle in den Händen von Frauen gelegen hat, lehrt schon der Hinweis auf Namen, wie Maria und Elisabeth von England, die beiden so verschieden gearteten Töchter Heinrichs VIII.; auf Maria Theresia von Osterreich, die viel- leicht die hervorragendste Gestalt im Hause der Habsburger * Im Jahrgang 1902 der„Gleichheit" begannen wir die Ver- öffentlichung einer Artikelserie über das Frauenstimmrecht, die infolge des Zusammentreffens verschiedener Umstände nicht zu Ende geführt werden konnte. Die Tagesordnung der bevorstehenden Frauenkonferenz läßt unS geboten erscheinen, einen möglichst voll- ständigen Überblick über den Stand deS FrauenstimmrcchtcS in den verschiedenen Ländern zu geben. Da sich aber unser Leserkreis in- zwischen bedeutend vergrößert hat, setzen wir die Artikelserie nicht bloß fort, sondern veröffentlichen nochmals die bereits früher er- schienenen Abschnitte derselben. Selbstverständlich sind in ihnen die Siege nachgetragen worden, welche das Frauenstimmrecht seither in einigen Ländern errungen hat. 108 war, auf Katharina II. von Rußland, die bei allen ihren Fehlern eine der glänzendsten Gestalten in der Reihe der russischen Herrscher gewesen ist. Man kann ohne über- treibung sagen, daß unter den Frauen, die Kronen getragen haben, lange nicht so viel Mittelmäßigkeiten und unbedeutende Gestalten vorhanden waren, als uuter den männlichen Ver- tretern des Gottesgnadentums. II. Die Entwicklung de» Frauenstimmrechtes.» A. Frankreich. Ms die Neu-Englandstaaten sich vom Mutterland in zähen Kämpfen befreiten, als sich die neuen Vereinigten Staaten von Zlmerika eine Verfassung gaben, deren frei- heitliche Grundsätze eine Insel im Ozean des Absolutismus bildeten, da war wenigstens einer der 13 Staaten so konse- quent, auch das Frauenstimmrccht einzuführen. Der Staat New Jersy hatte im Jahre 1776 den Frauen das Stimm- recht verfassungsmäßig zuerkannt. Das Frauenwahlrecht be- stand aber dort bloß bis zum Jahre 1307. Der sehr bedeutende Einfluß, den die Vereinigten Staaten auf die Revolution der Geister ausgeübt haben, die der großen französischen Revolution vorangegangen ist, äußert sich auch in der Frage des Frauenstimmrechtes. Der bc- rühmte französische Nationalökonom und Politiker Condorcet vertrat ng Jahre 1787 in seinen„Briefen eines Bürgers von New Häven an einen Bürger von Virzinien" das Frauenstimmrecht. Aber in der französischen Revolution spielte diese Frage eine sehr wenig beachtete Rolle. Wohl erschienen 1789 mehrere Flugblätter, welche die Zulassung der Frauen zu den Nationalständen forderten und gegen eine Nationalversammlung protestierten, von der die Hälfte der Nation ausgeschlossen wäre. Wohl wurde bei den In- struktionen, welche die Abgeordneten von den Wahlkörper- schaften zu den Generalstaaten von 1789 erhielten, in ganz wenigen Fällen auch die Verleihung der politischen Rechte an die Frauen verlangt. Wohl erschien in jener Zeit eine Schrift der' Olymps de Gouges, welche die Forderung der Frauen an die Nationalversammlung formulierte, die Ergänzung der Däclaration des droits de Thomme, der Grundrechte der französischen Bürger. Hier hieß es:„Die Frau ist frei geboren, sie soll gleichen Rechtes sein, wie der Mann, da8 Prinzip der Souveränität ist in der Nation verkörpert, die die Vereinigung von Mann und Frau ist.... Das Gesetz soll das gleiche sein fßr alle. Alle Bürgerinnen und alle Bürger sind gleich, sie sollen das gleiche Anrecht haben zu allen Würden, Stellen und öffentlichen Amtern, lediglich nach ihren Fähigkeiten, unter ausschließlicher Berücksichtigung ihrer Tugenden und ihrer Talente.... Die Frau hat das Recht, da? Schafott zu besteigen, sie soll in gleicher Weise das Recht haben, auf die Tribüne zu steigen." Aber diese Worte verhallten im Lärmender- inneren Kämpfe und der äußeren Kriege. Die konstituierende Versammlung beschränkte sich auf die schönen Worte, daß sie die Verfassung in den Schutz der Frauen und der Mutter stelle, und kümmerte sich nicht weiter um deren Rechtlosigkeit. Nur bei einer Ge- legenheit zuerkannte der Konvent auch den Frauen das Stimmrecht. Bei den Versammlungen der Einwohner der Landgemeinden, welche laut Beschluß vom 10./11. Juni 1793 «der Aufteilung, Verkauf, Verpachtung oder gemeinsame Be- Nutzung der Gemeindeländereien beraten sollten, waren alle Einwohner ohne Unterschied des Geschlechtes stimmberechtigt, die Anteil an dem gemeinschafttichen Besitz hatten und 21 Jahre zählten. Aber dieser eine Fall wiederholte sich nicht. Erst die utopistischen Sozialisten, die Schulen Saint- Simons und Fouriers, lenkten mit Entschiedenheit die Auf- merksamkeit auf die Rechte der Frauen. Der aus sozia- listischer Schule hervorgegangene Viktor Considsrant dean- tragte im Jahre 1848 in der Versassungskommission, daß die politischen Rechte der Frauen verfassungsmäßig festgelegt würden. Dieser Antrag blieb ebenso wirkungslos wie mehrere Petitionen von Frauen und wie später ein ähnlicher, den der Sozialist Pierre Leroux im Jahre 1851 einbrachte. Erst unter der dritten Republik tauchte die Frage des Frauen- stimmrechtes wieder auf, abermals von dem Sozialismus in die öffentliche Diskussion geworfen und bald auch von Frauen vertreten. Im Jahre 1882 richtete eine Gruppe von Frauen an die französische Deputiertenkammer eine Petition um Zuerkennung des Stimmrechtes für das weibliche Ge- schlecht. Nachdem der Berichterstatter, der nachher als Kriegsminister zu sehr zweifelhafter Berühmtheit gekommene Cavaignac, erklärt hatte, daß diese Frage noch nicht spruch- reif sei, ging die Kammer über die Eingabe zur Tages- ordnung über. Auch eine Reihe weiterer Petitionen dieser Art blieben erfolglos. Hieraus wurde ein ähnliches Ver- fahren versucht, wie es von den Frauenrechtlerinnen in Eng- land angewandt worden ist, und wie es von ganz vereinzelten Frauenrechtlerinnen für die deutschen Gewerbegerichtswahlen empfohlen wurde. Einige Frauen verlangten in die Wähler- listen eingetragen zu werden, mit Berufung darauf, daß ihre Namen in den Steuerliften stünden. Mehrmals wurde dieser Versuch zur Eroberung des Stimmrechtes wiederholt. Gegen die immer wiederkehrenden Ablehnungen wurden alle In- * Quellen: Osirogorski,„Die Frau im öffentlichen Rechte." Leipzig 1897.— Vikley, Edmond, Liögistatur ölectorale corn- paröe des principaux pays d'Europe. Paris 1900,— Pier« storff, Jul., Frauenarbeit und Frauenfrage im III. Bande der 2. Auflage des Handwörterbuchs der Staatswsssenschaften. Jena 1900.— Meyer, Georg, Das parlamentarische Wahlrecht. Berlin 1901.— Handbuch der Frauenbewegung, herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer. Berlin 1901.— Der internationale Frauenlongreß in Berlin 1904. Bericht mir ausgewählten Reseraten. Berlin, Karl Habel.— Die„Gleichheit", alle Jahrgänge. Die Gleichheit stanzen angerufen, und zweimal erklärte der Kassattonshof, der oberste Gerichtshof, daß die erhobene Forderung im Widerspruch zu den Gesetzen stünde. So wurde die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes in Frankreich von den Sozialisten, von Frauen- rechtlerinnen und ganz vereinzelt auch von bürgerlichen Po- litikern gefordert, ohne daß jedoch bisher ein bemerkenswerter Erfolg erzielt worden wäre. Einen kleinen Fortschritt brachte das Gesetz vom 27. Februar 1880. Durch dasselbe wird ein Wahlkörper geschaffen, dem Schulvorsteherinnen, Ober- inspektorinnen, Jnspektorinnen der Asyle angehören. Dieser Wahlkörpcr hat sich mit dem Volksschulwesen zu befassen. Ein weiteres Gesetz vom 23. Januar 1398 gewährt den Handel treibenden Frauen das Recht, an den Wahlen der Handelsgerichte teilzunehmen. Ferner nahm die Kammer im Jahre 1900 ein Gesetz an, welches die Gewerbe- gerichte reformiert und zusammen mit anderen Verbesse- rungen anch den Frauen das aktive und passive Wahlrecht zu dieser Körperschaft verleiht. Erst im März 1904 nahm der Senat den Entwurf an, nachdem er jedoch daraus das Recht der Frauen gestrichen hatte, als Gewerberichter ge- wählt zu werden. Wir konnten leider nicht feststellen, ob sich die Hoffnungen der ftanzösischen Frauenrechtlerinnen erfüllt haben, daß die Kammer die einschlägige Bestimmung wieder herstellen und der Senat ihr bei abermaliger Beratung seine Zustimmung geben würde. Auf Grund eines alten Ge- wohnheitsrechtes in manchen französischen Gemeinden— ländlichen und städtischen— sind alle steuerzahlenden Frauen stimmberechtigt bei einer Art Referendum, mittels dessen die Gemeindeverwaltungen wichtige Fragen zur Ent- scheidung bringen. Es fehlt nicht an Beispielen, daß die Frauen dieses Stimmrecht bis in die neueste Zeit hinaus ausgeübt haben, und zwar auch in großen Gemeinden, so in Bordeaux und Marseille. Im Jahre 1878 lag der ftanzösischen Kammer ein Antrag vor, dieses alte Gewohnheitsrecht in ein gesetzlich festgelegtes Recht zu verwandeln, gleichzeitig aber den Frauen das Stimmrecht bei dem Referendum abzuer- kennen. Für das Recht der Frauen traten nur wenige Ab- geordnete, vor allem aber die Sozialisten ein. Der Anttag erlangte nicht Gesetzeskraft, so daß also in Gemeinden die steuerzahlenden Frauen noch bei einem Referendum ihre Stimme abgeben können.(„Gleichheit" Nr. 18 und 19, 1898.) Wie in dieser Zeitschrift wiederholt berichtet wurde, treten in neuerer Zeit in den klerikalen Kreisen Strömungen zu- gunsten des Frauenstimmrechtes auf, die immer kräftiger wer- den und immer größere Kreise erfassen. Ihre treibende Kraft ist nicht die Einsicht in den geschichtlichen Entwick- lungsprozeß und Gerechtigkeitsgefühl dem weiblichen Ge- schlecht gegenüber, sondern der Wunsch, die weiblichen Wähler als eine Schutztruppe des Klerikalismus, der Kirche gegen die fortschrittlichen Elemente auszuspielen.». br. Lohn- und Arbeitsbedingungen der Tabak- arbeiterinnen in Elbing. Die Weltfirma Wolf& Löffer läßt ihre Zigarren- fabrikate meist in Gegenden herstellen, wo billige und willige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Westpreußen ist ein Feld, wo sie ihrer Ausbeutungsgier die Zügel schießen lassen kann. In Elbing sind zirka 3000 Arbeiterinnen, verheiratete Frauen und junge, kaum der Schule entwachsene Mädchen, in der stolzen Fronburg dieser Firma tätig. Zur höheren Ehre des GeldsackS schuften sie hier für wahre Bettel- Pfennige. Alle Arbeiterinnen, junge und alte, werden von der Firma angelernt. Ihre Lehrzeit dauert 2'/- Jahre. Während derselben erhalten die Wickelmacherinnen pro 100 Stück 17 Pf., die Rollerinnen pro 100 Stück 35 Pf. Nach beendeter Lehrzeit steigt der Lohn der elfteren auf 34 Pf., der letzteren auf 70 Pf. Im Betrieb besteht eine sehr eigenartige Einrichtung. Die Wickelmacherinnen müssen pro 100 Stück drei Wickel, die Rollerinnen pro 100 Stück eine Zigarre ohne Bezahlung anfertigen. Bei dem geringsten Fehler an einer Zigarre wird diese nicht in Berechnung ge- kellt. Es ist vorgekommen, daß einer Arbeiterin 40 Zigarren an einem Tage beanstandet worden sind. Die bemängelten Zigarren werden etwas billiger verkauft, so daß der Firma kein Schaden durch die Verarbeitung des Materials er- wächst. Die Arbeiterinnen erhalten jedoch keinen Pfennig für ihre aufgewendete Zeit und Mühe. Die gekennzeichnete Praxis keigert die Not der Arbeiterinnen. Bei dem Durchschnitts- verdienst der Rollerinnen von 8 bis 9 Mk., der Wickelmache- rinnen von 7 bis 8 Mk. wöchentlich macht jeder Abzug sich bemerkbar. Für Zigarren, die„zu schwer" geraten, das heißt, in welche mehr Tabak als nötig hineingearbeitet wird, er- 'olgt ebenfalls keine Bezahlung, obgleich auch diese Zigarren von der Firma verkaust werden. Für zu viel verbrauchtes Deckblatt werden obendrein Strafen erhoben. Wohin diese Gelder kommen, weiß niemand. Aber es gibt auch Prämien, und zwar für die Arbeiterinnen, welche recht wenig Deck- blatt verbraud)en. Die Rollerinnen erhalten für ihre Spar- amleit pro 1000 Zigarren 10 Pf., die Wickelmacherinnen 8 Pf. Das Abrippen des Tabaks wird in Elbing als Haus- industrie betrieben. Erwachsene und Kinder schädigen bei dieser ungesunden Beschäftigung für geringen Lohn ihre Gesundhett. Per Arbeiterausschuß, welcher sich aus Arbeiterinnen aller Sonderabteilungen des Betriebs zusammensetzt, lebt mit der Direktrice im besten Einverständnis. Die Arbeite- rinnen behaupten, daß zu dieser Vertretung nur berufen und auserwählt sei, wer am besten„ja— ja" sagen könne, wodurch sich auch das gute Einvernehmen mit der Direktrice erkläre. Von der Entlohnung abgesehen, haben auch sonst je. 16 die Arbeiterinnen genug Grund zu Beschwerden. Es ist wohl ein Speiseraum vorhanden, allein er reicht bei weitem nicht für alle Arbeiterinnen aus. Das Frühstück wird in der Folge bei der Arbeit eingenommen. Die Firma hat eine Küd)e eingerichtet und eine eigene Köchin dafür angestellt. Für 20 Pf. erhalten die Arbeiterinnen ein Mittagessen, für 15 Pf. Kaffee für die ganze Woche. Die Beschaffenheit der verabfolgten Nahrungsmittel spottet aber meist auch den be- scheidensten Anforderungen. Dazu werden diese den Arbeite- rinnen obendrein oft genug durch Unreinlichkeit verekelt- Schwaben und andere niedliche Tierchen sollen häufig in dem Kaffee schwimmen. Bei dem jämmerlichen Verdienst der Arbeiterinnen liegt es auf der Hand, daß sie sich jedes Vergnügen, jedes Kleidungsstück abhungern müssen. Und doch sind diese Ausgebeuteten nicht für die Organisation zu gewinnen- Wohl begreifen sie ihre entsetzliche Lage, doch die Hoff- nungslosigkeit hat sich derart in ihrer Brust eingenistet, daß sie nicht an eine Besserung derselben zu glauben wagen. Der Direktion ist diese dumpfe Ergebung in ein elendes Los äußerst angenehm, sie sichert ihr willige und billige Arbeits- kräfte, mit denen sie noch gelegentlich in der Öffentlichkeit prunkt. Beim Besuch des Kaisers im vorigen Jahre mußten zum Beispiel die Arbeiterinnen als Muster der Anspruchs- losigkeit im schwarzen Kleide, mit weißer Schürze und Häub- chen Spalier bilden. Dieselbe Firma, die bei allen möglichen Anlässen mit Strafen und Abzügen bei der Hand ist, be- zahlte die bei dieser Schaustellung verlorene Zeit. Die Elbinger Tabakarbeiterinnen sollten endlich die Not- wendigkeit erkennen, sich gegen das Elend zu wehren, dem sie dank der Ausbeutung preisgegeben sind. Statt sich zu Parade- puppen herzugeben, müßten sie sich in einer Kampfesorgani- sation für ihre Interessen zusammenfinden. In ihr würden sie den Mut und auch die Kraft gewinnen, sich bessere Lebensverhältnisse zu schaffen. Eine solche Organisation ist der Deutsche Tabakarbeiterverband. Ihm müssen sich die Tabakarbeiterinnen von Elbing wie auch von Danzig— die ebenfalls dringend würdigerer Arbeitsbedingungen bedürfen — bis zur letzten anschließen. Der Anschluß an den Verband ist eine Bürgschaft für bessere Tage. W. Kähler. Vom sechsten Kongreß der christlichen Gewerkschaften. Viel Staffage und ein prunkvoller offizieller Aufputz, be- deutend weniger an innerem Gehalt und nutzbringender Ar- beit, das charakterisiert den letzten christlichen Gewerkschafts- kongreß, der am 23. und 24. Juli in Breslau getagt hat. Die deutschen Arbeiter sind gerade nicht gewöhnt, von der Bureaukratie des Kapitalistenstaats bekomplimenttert und be- gönnert zu werden. Dem Kongreß der christlichen Gewerk- schaften wurden aber Höflichkeiten und Begönnerungen in reichem Maße zuteil. Wer gab sich nicht alles„die Ehre", in höchst eigener Person dem Kongreß beizuwohnen oder sich auf ihm vertreten zu lassen! Regierungsräte, simple Räte, Stadträte usw. waren als Vertreter für den Oberprästdenten, den Regierungspräsidenten, den Polizeipräsidenten, für Ober- bürgermeister und Magistrat, für das Konsistorium usw. er- schienen und begrüßten die 71 Delegierten, die laut Angabe 245000 Arbeiter vertraten. Anwesend war selbstverständlich auch der unvermeidliche Professor S o m b a r t, der an jeder Straßenecke des sozialpolittschen und gewerkschaftlichen Lebens sich bemüht, dem Klassenkampf den Stachel auszuziehen und den ungeschlachten Hünen des kämpfenden Proletariats in einen salongemäß frisierten, ethisch parfümierten Reform- parvenu zu verwandeln. Den Clou des offiziellen Schau- gepränges bildete aber die Rede eines leibhaftigen Re- gierungspräsidentcn, desGrafenvonZedlitz-Trützschler. Er feierte die Pflicht der Verwaltungsbeamten,„die lebendigen Strömungen in unserem Volksleben selbst kennen zu lernen", eine Pflicht, die gerade in Breslau durch die brutalste be- hördliche Drangsalierung und Niederbüttelung gewerkschaft- lich organisierter Arbeiter die schönste Illustration er- halten hat. Die Reverenzen, welche staatliche, städtische und kirchliche Behörden den christlichen Gewerkschaften erwiesen, stehen im schärfsten Gegensatz zu der Haltung, welche die Vertreter des Klassenstaats und der Kirche gegenüber den Tagungen der reien Gewerkschaften bekunden. Es sei in dieser Beziehung nur an den Gewerkschaftskongreß zu Stuttgart erinnert, auf dessen Tagesordnung Fragen standen, welche Staats- und Regierungsmänner geradezu herausfordern mußten, die „lebendigen Strömungen im Volksleben kennen zu lernen". Der Gewerkschaftskongreß zu Stuttgart verhandelte unter anderem über die Hausindustrie, die Arbeitslofenstattstik und Arbeitslosenversicherung, das Koalitionsrecht der Eisenbahner, die Anwendung des Erpressungsparagraphen gegen die Ge- werkschaften, den Zolltarif, das Submissionswesen usw. Wir konstatieren, daß die Vertreter des Klassenstaats den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern verschiedener Rich- tungen mit zweierlei Maß und Gewicht messen, wir bedauern es nicht etwa. Es ist im Wesen der kapitalistischen Ord- nung begründet, und die freien Gewerkschaften sind dabei prächtig gediehen. Den hohen und höchsten Freunden der christlichen Ge- werkschaften ist es denn auch um nichts weniger zu tun, als die ausgebeuteten Massen in ihrem stampfe gegen das aus- beutende Kapital tatsächlich zu unterstütze». Umgekehrt, durch ihr wohlwollendes Eiapopeia wähnen sie den„greinenden Lümmel" der„begehrlich" werdenden Arbeiter einzulullen. Es treibt sie im besonderen die Hoffnung— das leuchtete aus allen offiziellen Ansprachen bis zu der des Herrn Som- bart hervor—, daß die christlichen Gewerkschaften sich viel- Nr. 16 " Die Gleichheit Aus der Bewegung. 109 leicht doch noch zu der Aufgabe berufen fühlen, welche die gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten stellt. Wir bei weitem unsere Erwartungen. So die in Penzberg, Unternehmerverbände im Kampfe gegen die freien Gewerk- glauben übrigens, daß die christlichen Gewerkschaften ihre wo sich unter 400 bis 450 Besuchern zirka 200 Frauen beschaften und der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozial- Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Den deutschen fanden und große Begeisterung herrschte. Einstimmig wurde demokratie so ruhmvoll zu lösen sich bestreben. Alle schönen Arbeiterinnen wird es im allgemeinen nicht danach gelüften, Genossin Marie Richernit als Vertrauensperson Freundschaftsversicherungen zerplazen wie Seifenblasen, so- Jungfrauen- und Parochialvereine wie Sonntagsschulen und gewählt. Die noch junge Genossin erfreut sich unter der bald die christlichen Gewerkschaften den Versuch machen, die ähnliche Harmoniekränzchen zu füllen. Dazu ist ihr geistiges Arbeiterschaft allgemeiner Achtung und Beliebtheit. Sie Interessen der Arbeiter ernstlich zu vertreten. Gerade auf Leben bereits zu rege geworden, die Erkenntnis ihrer wirt- verdankt dieselbe hauptsächlich ihrem mutigen Auftreten bei dem Kongreß der christlichen Gewerkschaften wurde gar schaftlichen und sozialen Interessen zu start. Sie lernen einer Bewegung, die unter den Kohlensortiererinnen manche bewegliche Klage darüber geführt. So wurde zum immer mehr, daß ihr Platz in den freien Gewerkschaften des Ortes ausbrach. Diese hatten sich des öfteren bei der Beispiel ein von den„ Christlichen" angestellter italienischer und in der Sozialdemokratie ist, wo sie als gleichberechtigt Direktion durch den Arbeiterausschuß über schlechte BehandJournalist einem Schnorrer und Verschwörer" gleich als und gleichverpflichtet selbst kräftig Hand ans Wert ihrer Be- lung von seiten ihrer Vorgesetzten beklagt. Jedesmal hieß ,, lästiger Ausländer" ausgewiesen, weil er sich unterfing, die freiung legen. es, die Arbeiterinnen sollten selbst kommen. Endlich riß zahlreichen italienischen Arbeiter aufzuklären und zu or Die neuerdings in Fluß gekommene moderne Dienst- ihnen die Geduld und sie gingen selbst zum Direktor. Ba ganisieren, welche das waschecht patriotische Unternehmer- botenbewegung, welche tausenderlei Angste in den gut jedoch sein Bescheid durchaus nicht befriedigend ausfiel, so tum zu Tausenden anwirbt, um sie den„ teuren" deutschen bürgerlichen Gemütern erregt hat, veranlaßte den Kongreß, legten die Kohlenfortiererinnen am 30. April die Arbeit Volksgenossen als Schmutzkonkurrenten in den Rücken zu sich auch mit der Dienstbotenfrage zu beschäftigen. Die nieder und forderten bessere Behandlung wie auch Lohntreiben. Gründung von Dienstmädchenorganisationen wurde emp- erhöhung. Die Arbeiterinnen hielten treu zusammen, am Aus den Verhandlungen des Kongresses ging aber noch fohlen. Auch damit hinkte er schmählich hinter den freien 1. Mai kam keine einzige zur Arbeit. Daraufhin wurden ein anderes hervor, nämlich: daß die christlichen Gewerf Gewerkschaften und der proletarischen Frauenbewegung ihre Forderungen bewilligt und erklärt, daß die Arbeiteschaften auch von den bürgerlichen politischen Parteien ge- her. Der Kongreß beschloß noch, der Ausbildung von rinnen fünftige Beschwerden der Direktion durch den Arnarrt werden. Zentrum und andere christliche Parteien ent- Agitatorinnen ein größeres Augenmerk zuzuwenden, beiterausschuß unterbreiten sollten. Am 2. Mai wurde die schädigen durch ihre gottseligen Sonntagnachmittagspredigten paritätische Arbeitsnachweise zu errichten usw. Er Arbeit wieder aufgenommen. Der kurze Kampf hat die nicht für die Lasten und Leiden, die sie durch den Brot erhob die Forderung eines freiheitlicheren Vereins- Frauen in Penzberg aufgerüttelt und der Erfolg hat große wucher und durch die Bewilligungsfreudigkeit, mit der sie und Versammlungsrechtes, das den Frauen die Be- Begeisterung hinterlassen. Die junge Bewegung des Ortes Millionen in den Rachen des Militarismus werfen, über die teiligung an gewerkschaftlichen und sozialpolitischen Be- berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. In der VersammArbeiter und Arbeiterinnen verhängen, von anderem Verrat strebungen ermöglicht. Wie man sieht, konnte er sich auch lung wurden 57 Abonnentinnen für die„ Gleichheit" gewonnen ihrerseits an den Arbeiterinteressen zu schweigen. Daß unter in dieser Beziehung nicht zu einer ganzen Forderung auf- und die Zahl ihrer Leserinnen ist seither noch bedeutend geden christlichen Arbeitern die Erkenntnis für diesen Stand schwingen. stiegen. An der Versammlung in Traunstein nahmen der Dinge aufdämmert, erwiesen die Kongreßverhandlungen. Die christlichen Gewerkschaften sind durch den Wunsch 500 bis 600 Personen teil, darunter zirka 200 bis 250 Frauen. Die Losung, es müsse eine„ christlich- nationale politische aus der Taufe gehoben worden, den freien Gewerkschaften Zur Wahl einer Vertrauensperson tam es hier noch nicht, Arbeiterpartei" gegründet werden, die von Giesberts und und der Sozialdemokratie entgegenzuarbeiten und das Prole da zum erstenmal Frauen an einer Versammlung teilanderen begründet wurde, fand ein lebhaftes Echo. Die tariat mit der kapitalistischen Ordnung durch Almosen und nahmen, doch versprachen die Besucherinnen bestimmt, zu christlichen Arbeiter beginnen offensichtlich sich zu der Er geringfügige Konzeffionen zu versöhnen. Aber je mehr sie weiteren Veranstaltungen zu kommen, auch fand die„ Gleichfenntnis durchzuringen, daß keine bürgerliche Partei mit durch die Massen ihrer Anhänger gezwungen werden, wirk- heit" eine hübsche Anzahl Abonnentinnen. Auch das ErErnst und Eifer proletarische Interessen vertreten könne. lich proletarische Interessen zu vertreten, um so mehr müssen gebnis in Lindau, Reichenhall, Kirchseeon und Aber noch schlägt der fünstlich genährte, religiöse Fanatis fie auch in Gegensatz geraten zu der kapitalistischen Ordnung Starnberg war befriedigend. Wenn man berücksichtigt, mus ihre Augen mit Blindheit für die Tatsache, daß konse- und allem, was sie stützt. Proletarische Interessen können daß in diesen Orten keine Industrie vorhanden ist, und daß quente und treue Arbeiterpolitik nur sozialdemokratische Politit standhaft und treu nur auf dem Boden des Klassenkampfes die Frauen bis jetzt in feiner Weise zur Bewegung heransein kann und sein muß. durchgesetzt werden. Den Führern und Förderern der christ- gezogen wurden, so daß sie, von zwei bis drei Ausnahmen Auch unter den„ chriftlichen" Arbeitern muß die Macht lichen Gewerkschaftsbewegung muß es schließlich gehen wie abgesehen, noch nie eine Versammlung besuchten, so muß es der religiösen Empfindungen allmählich der Gewalt der Goethes Herenmeister: Die Geister, die sie riefen, werden sie als Fortschritt ausgesprochen werden, daß mir recht zahlrealen Verhältnisse weichen. Schon erwacht, Schon erwacht, ein be- nicht los. Auf Umwegen über Rom und Wittenberg führt reiche Zuhörerinnen hatten, und in allen Versammlungen die merkenswertes Anzeichen, das Verständnis dafür, daß die die christliche Gewerkschaftsagitation schließlich doch ins„ Gleichheit" abonniert wurde. In Ingolstadt wurde Gefonfessionellen Zersplitterungen und Gegensätze die Ge- Lager des Klassenbewußten Proletariats. #nossin Heß als Vertrauensperson gewählt, und die werkschaftsbewegung schädigen. Von verschiedenen Seiten Genossen geben sich dort wie auch in Kempten große wurde mit großer Energie gegen besondere katholische Mühe, die Frauenbewegung zu fördern. Einen schönen Fortschritt können wir von Lechhausen melden. Genossin Fachabteilungen angekämpft, in der ganz richtigen Würdi3eh ist zwar noch nicht öffentlich als Vertrauensperson gegung, daß die Proletarier, die vom Unternehmer ohne Rückficht auf ihre Konfeffion ausgebeutet werden, auch im Kampf Von der Agitation. Im letzten Halbjahr hielt die Unter- wählt, aber sie erfüllt bereits treulich die Aufgaben, die für eine menschenwürdige Existenz ohne Unterschied der zeichnete Versammlungen ab, die teils den Gewerkschaften einer solchen obliegen, und versteht es ausgezeichnet, die Konfession zusammengehören. Was für den wirtschaftlichen weibliche Mitglieder gewinnen, teils der proletarischen Frauen zusammenzuhalten. Auch hier lassen die Genossen Kampf der Arbeiter gilt, das trifft aber auch für ihre poli- Frauenbewegung neue Anhängerinnen zuführen sollten. Die der jungen Frauenbewegung alle Förderung angedeihen. tische Betätigung zu. Auch hier geht die Klassensolidarität Agitation begann mit zirka 20 Versammlungen für den Wir zählen in der Folge bereits zirka 50 Genoffinnen, die über den Konfessions- und Religionsunterschied. Textilarbeiterverband in Württemberg. Ihr Be- freiwillige Beiträge an die Partei leisten. Die proletarische Der Kongreß hat sich auch mit der Agitation unter such entsprach im allgemeinen nicht der Lehre, welche die Frauenbewegung hat nun auch in Südbayern Fuß geden Arbeiterinnen beschäftigt. über die Frage referierten herrschenden schlechten Lohn- und Arbeitsverhältnisse predigen. faßt. Hoffentlich werden sich die neugewonnenen AnhängeRöhling- Düsseldorf und Fräulein Behm- Berlin, eine der Der Grund hierfür ist darin zu suchen, daß in der Württem- rinnen als tüchtige Mitstreiterinnen im Kampfe für Freiheit Führerinnen des christlichen Heimarbeiterinnenvereins. Fräu- berger Textilindustrie Tausende von Arbeitskräften auf dem und Recht erweisen, hoffentlich werden überall die Gelein Behm führte zu der Frage aus, die gewerkschaftliche Lande wohnen, dort noch ein Häuschen, Acker und Wiese nossen einsehen, wie wertvoll die Frauen als KampfesMarie Greifenberg. Organisierung der Arbeiterinnen sei eine der dringendsten besitzen, und deshalb die Not nicht in dem Maße empfinden genossinnen sind. und schwierigsten Aufgaben. Es seien daher alle Wege zu wie die Arbeiter, die ausschließlich von ihrem Lohnerwerb Im Auftrag der Vertrauensperson der Genossinnen sprach beschreiten, die diesem Ziele näher führen, soweit sie nicht leben müssen. Der Indifferentismus dieser halbbäuerlichen die Unterzeichnete in mehreren Orten Vorderpommerns, die Eigenart und Selbständigkeit der Frauen beeinträchtigen. Proletarier ist ein schweres Hindernis für die Bestrebungen um Aufklärung unter die Frauen zu tragen. Versammlungen Der erfolgversprechendste Weg sei die Hausagitation, das der städtischen Arbeiter, ihre Lage zu verbessern. Die ersteren fanden statt in Greifenhagen, Barth, Stralsund, Werben von Person zu Person. Auch die Betriebs- und besuchen kaum Versammlungen, und es hält daher schwer, Greifswald, Antiam, Lessen, Wolgast, UckerWerkstättenagitation sei empfehlenswert. In Betrieben mit fie für die Organisation zu gewinnen. Aber auch ihre Ein- münde, Torgelow, Bredow und Stettin. Das gemischter Arbeiterschaft müsse ein erfahrener Arbeiter sie sichtslosigkeit muß allmählich der Aufklärung weichen, welche Thema lautete überall:„ Warum müssen die Frauen am leiten, in Betrieben mit rein weiblicher Arbeiterschaft eine die Erfahrung des Lebens wie die Agitation bringt. Gegen Kampfe der Männer teilnehmen?" Trotz der herrschenden ältere erfahrene Arbeiterin. Als Vorstufe für die gemert- 40 Versammlungen, ebenfalls für den Textilarbeiter Hundstagshizze, waren die Versammlungen recht gut besucht, schaftliche Organisation aller Arbeiterinnen, besonders aber verband, fanden in der Oberlausit statt, wo nur mit und ihr greifbarer Erfolg war zufriedenstellend. Die Parteider jugendlichen, empfehle sich ihre Sammlung in konfessio- industrieller Bevölkerung zu rechnen ist. Die Versammlungen organisation gewann zirka 50 neue Mitglieder, dem„ Boltsnellen Arbeiterinnenvereinen unter der Mithilfe von Frauen waren mit einigen Ausnahmen sehr gut besucht und führten boten" wurden neue Abonnenten zugeführt, die„ Gleichheit" anderer Stände. Diese konfessionellen Arbeiterinnenvereine dem Verband eine Anzahl neuer Mitglieder zu.. Im Auf- fand 180 Abonnenten. Es gelang ferner, weibliche Versollen die Arbeiterinnen nicht nur sittlich- religiös fördern, trag des Geschäftsführers des Verbandes der nicht trauenspersonen aufzustellen und Verbindungen sondern sie auch über die Entwicklung des deutschen Arbeiter gewerblichen Arbeiter, Genossen Hämel, referierte zu schaffen, mittels deren dauernde Fühlung mit den Ge standes, seine Vertreter in den drei verschiedenen Organi- die Unterzeichnete in mehreren Versammlungen in München nofsinnen der betreffenden Orte unterhalten werden kann, sationsrichtungen aufklären und zur Wahrung ihrer Berufs- und Umgegend, die ebenfalls einen guten Erfolg hatten. Damit die Agitation unter den Frauen auch in dieser Gegend interessen zum Eintritt in die christliche Gewerkschafts- Schließlich wurden dank der Initiative des bayerischen Gau- nicht ins Stocken gerät. Überall fand zur Förderung unserer bewegung reif machen. Diese Ausführungen wie die an beamten des Textilarbeiterverbandes eine Reihe von Bewegung nach der Versammlung noch eine Sigung mit anderer Stelle abgedruckte Resolution zur Frage zeigen Versammlungen im Algäu abgehalten. Im Allgäu hat die den leitenden Genossen statt, die recht ersprießlich wirkte. deutlich eins: Was die Methoden zur gewerkschaftlichen moderne Arbeiterbewegung in der letzten Zeit erfreuliche Mögen die jungen neugeworbenen Kräfte nicht erlahmen, Organisierung der Arbeiterinnen anbetrifft, so haben es die Fortschritte zu verzeichnen, aber trotzdem ist doch noch ein sondern mutig weiter arbeiten. „ Christlichen" den freien Gewerkschaften abgeguckt, wie sie großes Brachfeld zu bearbeiten. Außer den erwähnten Agi- In den letzten Wochen hielt die Unterzeichnete im Aufsich räuspern und wie sie spucken. Aber natürlich legen sie tationstouren fanden noch einzelne Gewerkschaftsversamm- trag verschiedener Gewerkschaften eine Reihe von Versammeinen anderen Geist in diese Methoden hinein: den Geist lungen statt, und zwar in München bei den Tapezierern, lungen ab. Sie referierte in Nürnberg für die Handpfäffischer Demut vor dem Kapital. In erster Linie ist es Maurern, Malern und Chemigraphen. Die Ver- lungsgehilfen und die Dienstmädchen in je zwei Verihnen um die Forderung des„ Seelenheils" der Arbeiterinnen anstaltungen der ersten drei Berufsorganisationen hatten den sammlungen, für die Organisationen der Metallarbeiter, zu tun, so wie Unternehmertum und Geistlichkeit es ver- 3weck, die Frauen der Arbeiter von der Notwendigkeit der Holzarbeiter, Fabrikarbeiter, Textilarbeiter und stehen. Erst daneben kommt die Vertretung der irdischen Organisation zu überzeugen, damit sie ihre Männer nicht der Schneider und Schneiderinnen in je einer VersammInteressen in Betracht, von denen mit dem Leib zusammen hindern, sondern antreiben, der Gewerkschaft anzugehören lung. Der Metallarbeiterverband hatte die Versammdoch auch die arme Seele der Proletarierin abhängig ist. und für dieselbe zu arbeiten. Zu demselben Zwecke sprach lung einberufen für die Arbeiter und Arbeiterinnen der Die Vertretung der irdischen Interessen erfolgt aber dem Kapital die Unterzeichnete bei den Steinarbeitern in Kiefers- Metallkapselfabrik, der Holzarbeiterverband für die gegenüber nach dem schönen Grundsatz:" Wasche den Pelz, felden. Es ist zu begrüßen, daß in allen diesen Versamm- Arbeiterschaft der Zelluloidfabrik, der Textilarbeiter doch mache ihn nicht naß." Daher auch die ungeschichtliche lungen viele Frauen anwesend waren, von denen manch eine verband für die wegen schlechter Behandlung, miserabler Rederei von einem„ Arbeiterstand", statt einer Arbeiterklasse sagte: Jetzt schimpf ich aber nicht mehr auf den Verband", Entlohnung und anderer Mißstände im Streit stehenden und der Wunsch, daß die Frauen anderer Stände als jedenfalls ein guter Erfolg. Auch in Ansbach, Gög- Arbeiter und Arbeiterinnen der chemischen ReinigungsFührerinnen huldvoll zu den Arbeiterinnen herabsteigen gingen, Göppingen fanden Gewerkschaftsversammlungen anstalt von Arnold. Außerdem referierte die Untermöchten. Der Kongreß setzte sich in Widerspruch zu sich statt. Um die Frauen politisch aufzuklären und für die zeichnete noch in Mannheim für die Schneiderinnen, selbst, wenn er die tonfessionellen Arbeiterinnenvereine proletarische Frauenbewegung zu gewinnen, veranstalteten in Erlangen für die Buchbinder, in Vohenstrauß und empfahl, nachdem er die katholischen Fachabteilungen ver- die Genossen Versammlungen in Penzberg, Kempten, Pleinstein für die Glasarbeiter und in Weißenburg femt hatte, aber die Konsequenz war eben in allen Fragen Ingolstadt, Kirchseeon, Traunstein, Lechhausen, für die Textilarbeiter. Die letzteren hatten bei den Unterfeine schwächste Seite und muß die schwächste Seite einer Lindau, Reichenhall und Starnberg. Das Thema nehmern Forderungen eingereicht, was diese auf Rechnung christlichen Gewerkschaftsbewegung bleiben, die religiöse Mei- lautete: Warum müssen sich die Frauen am öffentlichen des gehaßten Textilarbeiterverbandes setzten. Die Herren nungen und Gegensätze im Proletariat über den Klassen- Leben beteiligen?" Manche der Versammlungen übertraf fannen deshalb darauf, die Arbeiter und Arbeiterinnen von W. K. 110 widmen. Die Gleichheit Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: 1. Geschäftsbericht. 2. Der deutsche Parteitag und die Jugendbewegung. 3. Die tapitalistische Ausbeutung der Jugend. 4. Jugend und Alkohol. 5. Militarismus. 6. Beratung der Anträge. 7. Wahl des Vorstandes und des Ortes, an dem die nächste Generalversammlung stattfinden soll. Wir ersuchen die Parteigenossen, auch dort, wo noch keine Jugendorganisation besteht, zu dieser Generalversammlung Stellung zu nehmen und dieselbe zu beschicken. Mannheim, den 25. Juli 1906. Mit sozialdemokratischem Jugendgruß: Verband junger Arbeiter Deutschlands. Der Hauptvorstand. J. A.: Bruno Wagner. Politische Rundschan. .16 ber Organisation fernzuhalten oder sie ihr abspenstig zu Die Genofsinnen beteiligten sich auch an der Agitation, fie deshalb nicht auf ihre Bäter und Brüder schießen sollen, machen. Sie versprachen ihren Arbeitern und Arbeiterinnen welche der Zentralverband der Handlungsgehilfen die für die Befreiung des Volkes in den Kampf tretev eine gemeinschaftliche freie Fahrt nach der Nürnberger und Gehilfinnen zwecks einer Umfrage für den Achtuhr- werden. So bereitet sich in der gegenwärtigen GewitterLandesausstellung und fostenlosen Besuch derselben unter der ladenschluß eingeleitet hatte. Zum Schluß sei noch auf den schwüle der neue revolutionäre Sturm vor, hoffentlich der Bedingung jedoch, daß niemand von ihnen zum Textil- Wert unserer Diskussionsabende hingewiesen, durch lezte, der dem russischen Volke endgültig die Freiheit bringen arbeiterverband halte. Diese Mitteilung wurde von der welche den Genossinnen Anregung, Belehrung und Schulung wird. Versammlung mit Hohngelächter aufgenommen. Gine öffent- geboten wird. Es ist dringend zu wünschen, daß die Ge- Für die deutsche Sozialdemokratie hat die neueste Ents liche Versammlung in Straßburg, in welcher ein gewert nofsinnen zahlreicher als bisher die Abende besuchen, um ihre wicklung der Dinge in Rußland noch eine besondere Beschaftliches Thema zur Erörterung stand, war wie alle sozialistische Auffassung zu flären und zu vertiefen. Unsere deutung. Mitteilungen aus Rußland, die dem Vorwärts" übrigen Veranstaltungen gut besucht. Ende Juni tagte in Beit fordert ganze Menschen, und die Frauen des Prole- zugegangen sind, behaupten mit großer Bestimmtheit, daß Nürnberg eine Volksversammlung, an der sich auch tariats müssen mit glühender Seele danach streben, ganze der Bar und seine Handlanger von Berlin aus die ZuficheFrauen und Mädchen in größerer Anzahl beteiligten. Die Menschen zu werden. A. Frenzel. rung einer bewaffneten deutschen Intervention er Unterzeichnete behandelte ein politisches Thema. Die rege halten hätten, falls ihnen die russische Revolution über den Diskussion wie die vielen Bestellungen auf unsere FrauenKopf zu wachsen drohe. Nun ist zwar diese Mitteilung von zeitung bekundeten die wachsende Teilnahme, welche die Die erste Generalversammlung des Verbandes junger der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" dementiert worden. Proletarier und Proletarierinnen am Befreiungsringen ihrer Arbeiter Deutschlands findet im Anschluß an den deutschen Aber Dementis eines offiziösen Blattes haben bekanntlich Klasse nehmen. Helene Grünberg. Parteitag am Sonntag den 30. September 1906, vor immer nur die Beweiskraft, daß es im Interesse der MachtMitte Juni tagte in Magdeburg eine öffentliche Frauen mittags 8 Uhr, in Mannheim im Lokal von Karl haber liegt, irgend etwas abzuleugnen. Daß etwas Wahres versammlung, die leider nur schwach besucht war. Ge- Theodor" O 6. 2. statt. an der Interventionsgeschichte sein tann, wird durch das nosse Mössinger referierte über„ Die Frau im wirtschaftoffiziöse Dementi nicht aus der Welt geschafft. Nun würde lichen Leben und in der Familie". Der Referent betonte indes noch ein neuer Grund gegen eine solche Möglichkeit unter anderem besonders die Wichtigkeit einer Verkürzung sprechen: Eine Intervention der deutschen Reichsregierung der Arbeitszeit für die Frauen und zog die Ausführungen zugunsten der Barenwirtschaft wäre eine politische Torheit verschiedener Gewerbeinspektoren zu dieser Frage heran. Als ersten Ranges, die unter allen Umständen zum Schaden einzig dastehend bezeichnete er die Ansicht des Magdeburger Deutschlands ausschlagen müßte. Man sollte deshalb halbGewerbeinspektors, nach welcher eine Verkürzung der Arbeitswegs vernünftigen Staatsmännern so etwas nicht zutrauen, zeit die Sittlichkeit der Arbeiterinnen gefährden würde. Gezumal man in Preußen mit der fläglich verlaufenen Internosse Mössinger ermahnte die Proletarierinnen, ihren Bevention gegen die französische Republik schon einmal die rufsorganisationen beizutreten und der politischen Bewegung Der Unterzeichnete richtet an alle Genoffen und Ge- schlimmsten Erfahrungen gemacht hat. Leider aber hat uns mehr Interesse entgegenzubringen. Mit reichem Beifall nofsinnen die Aufforderung, sofort mit den Vorarbeiten zur die Ara der neudeutschen Weltmachtspolitik schon daran gedankten die Genossianen für den interessanten Vortrag. Die ersten Generalversammlung zu beginnen, also die Wahl von wöhnt, das schier Unmögliche für möglich zu halten. In Bersammlung wählte an Stelle der erkrankten Genossin Delegierten und die Stellung von Anträgen rechtzeitig zu dem bisherigen Getriebe der preußisch- deutschen Politik tritt Chmielewski Genossin Mahn zur Vertrauensperson. bewirken. Dort, wo die Entsendung eines Delegierten un- obendrein ein an sich schon höchst blamables Spektakelstück Unter Verschiedenem" forderte die Versammlungsleiterin möglich ist, bitten wir das Mandat einem Delegierten zum hervor, in dem ein direkter Anreiz zur antirevolutionären die Genossinnen auf, im Interesse unserer proletarischen Parteitag zu übertragen. Die Anträge müssen spätestens am Intervention liegt, das ist ihre hakatistische Polenpolitik. Frauenbewegung sich einig und geschlossen unserer Sache zu 15. September im Besitz des Vorsitzenden, Bruno Wagner, Von Leuten, die es im Staatsinteresse für geboten halten, M. Knöfler. Mannheim Q 5 I, sein. die Polen im preußischen Staatsgebiet durch alle Arten In Dortmund fand Anfang Juli eine Frauenverbureaukratischer Verwaltungsschikanen zu, germanisieren", und sammlung statt. Der Besuch war befriedigend. Genossin die es nicht merken, daß sie damit die gesamte polnische BePlum sprach über das Thema:„ Der Kampf der Frau um völkerung nur in eine immer erbittertere Feindseligkeit gegen Recht und Brot". Sie schilderte die Kämpfe der Proletariedas preußisch- deutsche Staatswesen hineintreiben und gerinnen auf wirtschaftlichem wie politischem Gebiet, zu deren radezu gegen die Verbreitung der deutschen Sprache unter fiegreicher Durchführung sie der gewerkschaftlichen und poliden Polen wirken, von Leuten von solch grandioser Eintischen Organisation bedürften. Die Referentin schloß mit fältigkeit ist auch zu erwarten, daß sie sich zu einer Intereinem begeisterten Aufruf, die Jdeen des Sozialismus allvention gegen die russische Revolution verleiten lassen, um überall zu verbreiten, und erntete für ihre trefflichen Worte die Autonomie des russischen Polens oder gar die Errichtung reichen Beifall. In der Versammlung warben die Genoseines selbständigen Polenstaats zu hintertreiben. Noch liegen finnen neue Abonnentinnen für die„ Gleichheit" und neue Die Machthaber in Rußland haben in ihrer taumeln- teine positiven Beweise für solche verderblichen Pläne vor, Mitglieder für den Frauenbildungsverein. T. Lex. den Ratlosigkeit den Barendespotismus zu einem neuen aber mit deren Möglichkeit haben wir zu rechnen. Daraus Halbjahresbericht der Vertrauensperson für Leipzig. Schritte, dem unvermeidlichen Untergang entgegen verleitet. erwächst der deutschen Sozialdemokratie naturgemäß die Der politischen Agitation unter den Frauen haben in Durch Dekret des Baren wurde die Duma aufgelöst mit Aufgabe, auf der Hut zu sein, um dem ersten Versuch der Leipzig eine Reihe von Veranstaltungen gedient. Nach dem der Zusicherung, daß in sieben Monaten auf Grund neuer Interventionspolitik mit allen durch die Umstände gebotenen Parteitag in Jena sprach Genossin Bieg in drei großen Wahlbestimmungen eine neue Duma zusammentreten solle. Mitteln entgegenzuarbeiten. Schlimm genug, daß die Frauenversammlungen über:„ Die Frau als Staats- Ob diesem Staatsstreich ein fein ausgeflügelter Plan zur preußisch- deutsche Regierung im Inland ihr trauriges Reat bürgerin". Diese Versammlungen waren zwar nicht von gründlichen Knebelung der Volksbewegung zugrunde liegt tionsspiel treibt, unter allen Umständen muß verhütet werden, der Vertrauensperson einberufen worden, vereinigten aber und welcher, oder ob das nur das plumpe Dreinfahren einer daß sie auch im Ausland zum Schuße des scheußlichsten De Genofsinnen und Genossen zu gemeinsamer Arbeit. Den Verbrecherbande ist, die in ihrer Verzweiflung, sich an der spotenregiments der Gegenwart Gut und Blut des deutschen ersteren wurde die Leitung der Versammlungen und die Macht zu halten, gerade zu dem dümmsten Mittel gegriffen Wolfes vergeudet. Werbung neuer Mitglieder übertragen, das letztere mit hat, das läßt sich schwer beurteilen. Man traut solchen In Deutschland selbst offenbart fich das Wesen des kapitagutem Erfolg. Der Volksbildungsverein Plagwiß- brutalen Gewaltmenschen, die allenfalls im politischen Leben liftischen Klassenstaates in immer neuen Manifestationen. Lindenau hielt im Februar eine gut besuchte Frauen- die raffinierte Schlauheit eines Falschspielers zu entwickeln Die neueste ist der Borussiaprozeß. Der Grubenbrand versammlung ab, in der Genossin Greifenberg referierte. vermögen, meist noch allzuviel Umsicht zu. In den Reihen auf der Grube Borussia" hatte 39 Bergleuten das Leben Der Abend brachte für die Partei eine schöne Anzahl neuer unserer russischen Parteigenossen wird angenommen, der gekostet. Offenkundig wurde es sofort, daß Mängel des Mitglieder. In einigen Versammlungen des Arbeiter Staatsstreich habe den Zweck, das städtische Proletariat zu Betriebs und der Schutzvorrichtungen an der Katastrophe vereins sprachen die Genossinnen Wehmann und Bözsch, einer Erhebung zu provozieren, um es in allen Großstädten selbst wie an der Ausdehnung des Unglücks schuld seien. erstere über„ Die Frau und ihre Stellung zur Politik" leg- blutig niederzuschlagen. Möglich! Richtig ist es jedenfalls, Aber die Gerechtigkeitsmühle des kapitalistischen Klassentere über die Ernährung". Während der Wahlrechts- daß unsere Genossen es vorziehen, die Gelegenheit zu dem staates mahlte außerordentlich langsam, als es galt, die bewegung fordeten die Genossinnen in allen Demon- unvermeidlichen Kampfe sich selber auszuwählen und des Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Wie es bis heute strationsversammlungen das passive und aktive Wahl- halb dazu eine Zeit abzuwarten, in der sie nicht auf sich in Breslau noch nicht gelungen ist, den Schuhmann zu er recht für die Frauen. Erst am Jahresschluß wird es selbst allein angewiesen, sondern der Unterstützung der mitteln, der dem Arbeiter Biewald die Hand abgehauen hat, möglich sein, genaue Angaben über die Zahl der politisch Bauern sicher sind. Gegenwärtig stecken die jedoch in den so wurde in Westfalen nur ein einziger unterer Beamter organisierten Frauen machen zu können. Sehr gute Erfolge Erntearbeiten. Von einer allgemeinen Bauernerhebung kann schließlich vor Gericht gestellt wegen Verschuldung des Undürften im 13. Wahlkreis zu verzeichnen sein. Hier lassen deshalb augenblicklich nicht die Rede sein. Und das ist glücks, und dieser einzige ist schließlich freigesprochen worden. sich die Genossen besonders angelegen sein, die Frauen zur allerdings wahrscheinlich, daß die Kamarilla, an deren Moralisch gerichtet allerdings ist vor aller Welt das System, Mitarbeit heranzuziehen. Der Beschluß, im Leipziger Agi- Drähten die Zarenpuppe zappelt, gerade der Erntearbeiten das bei der Ausbeutung der Gruben alle Rücksichten auf tationsbezirke, also für den 11., 12., 18. und 14. Reichstags- wegen fich den gegenwärtigen Zeitpunkt zur Dumaauflösung Menschlichkeit in den Wind schlägt. Der Geift, der die wahlkreis den weiblichen Mitgliedern für einen Monats- gewählt hat. Glücklicherweise ist die Dummheit dieser Ver- Kapitalisten und ihre Handlanger, die Grubenbeamten, dabei beitrag von 20 Pf. die„ Gleichheit" zu liefern, ist mit Freuden brecherbande gleich mit ihrer Niedertracht. Was sie zur Be- leitet, wurde trefflich gekennzeichnet durch den Ausspruch zu begrüßen, er wird die Zahl der politisch organisierten gründung des Staatsstreichs in die Welt geschickt hat, ist eines dieser Herren, des Bergwerkdirektors Randebrock, Frauen vermehren, gleichzeitig aber auch zu deren Schulung gerade geeignet, die Bauern völlig auf die Seite der revolu- man wolle doch nicht nur Unfälle verhüten, sondern beitragen. Um die Durchführung des Kinderschutzgesezes tionären Arbeiter zu treiben. Die Duma, heißt es, sei auf schließlich auch Kohlen fördern. Auch dieser Prozeß zu sichern, wurde in einer Parteiversammlung eine neun gelöst, weil sie die Landverteilung unter die Bauern erstrebe und sein Ausgang sind dem Proletariat eine neue Mahnung, gliedrige Kommission von Genossinnen gewählt, die Be- und weil sie die Wirksamkeit der Beamtenschaft durch eine das ganze kapitalistische System zu beseitigen, das notwendiger schwerden betreffs übertretung des Gefeßes entgegennimmt. herabseßende Kritik störe. Obgleich das Hofgefindel die Verweise Früchte zeitigen muß wie die Boruffiatatastrophe. G. L Die Namen der beauftragten Genossinnen werden monatlich handlungen und Beschlüsse der Dumamehrheit durch die ein- bis zweimal in der Leipziger Volkszeitung" bekannt Vergrößerungsbrille der Angst betrachtet hat denn den gegeben, zusammen mit einer furzen Erklärung über die Herren Radetten" tommt es gar nicht auf die Revolutio wichtigsten Bestimmungen des Kinderschutzgesetzes. Auch nierung, sondern auf die Reformierung und Erhaltung der Eine Vereinigung für genossenschaftliche Hausauf gewertschaftlichem Gebiete sind die Genossinnen bestehenden Zustände an-, hat es doch in erfreulicher Ver- pflege hat sich in dem 1. April d. J. bezogenen, 250 Fa nicht müßig gewesen. Sie suchten die Arbeiterinnen der blendung zur Rechtfertigung seines voltsfeindlichen Vor- milienwohnungen umfassenden Barmbecker Block des HamBlumen- und Schmuckfederindustrie ihrem Verbande gehens gerade solche Handlungen der Duma den Bauern burger Konsums, Bau- und Sparvereins, Produktion" zuzuführen. Genoffin Ihrer sprach in einer Versammlung, denunziert, die von diesen auf das sehnlichste erstrebt werden. gebildet. Die von einer Hauspflegekommiffion( 11 Männer, die diesem Zweck diente, über den Wert der Organisation". Aufteilung des Herrenlandes und Vernichtung der Willkür- 2 Frauen) geleitete Vereinigung will, unabhängig von der Wertstubenversammlungen waren vorausgegangen, in denen herrschaft der Beamten- was liegt dem russischen Bauern Geschäftsleitung, die genossenschaftlichen Zwecke durch engeren festgestellt wurde, daß Löhne gezahlt werden, die jeder Be- mehr am Herzen? Indem der neue Premierminister von Busammenschluß der Mitbewohner fördern, Streitigkeiten schreibung spotten. Verdienste von zehn Mart im Monat Trepows Gnaden, Herr Stolypin, im ganzen Lande diefe unter diesen oder mit der Genossenschaft beilegen, Rat und sind nichts Seltenes. Das Resultat der Agitation war die Aufklärung verbreitet, wirft er mächtig zur Revolutionierung Auskunft erteilen, Kinderspiel und Turnen, Gartenbau, GeGründung einer Zahlstelle, als deren Vorsitzende Genossin der Bauernschaft. Unsere Genossen werden nicht müßig fang, Bildung und Geselligkeit pflegen. Die Genossenschaft, Pollender gewählt wurde. Auch die Leitung der Zahl- sein in der Ausnutzung der Situation zur Propaganda unter die ja als vorbildlich in allen gemeinnützigen Bestrebungen stelle des Wäschearbeiterverbandes ruht in den Händen den Bauern. Daß sie auch sonst auf dem Posten sind, be- bekannt ist, hat durch Anlagen verschiedener Art die äußere, einer Genossin. Ein großes und mühereiches Feld harrt weist ein von den sozialistischen Mitgliedern und der Ar- durch den ganzen hochsinnigen Geist, der ihr Streben be unter den Wäschearbeiterinnen der Bestellung. Heimarbeit beitergruppe der Duma gemeinschaftlich unterzeichneter Auf- herrscht, die innerliche Grundlage für derartige, eine weitere ist vorherrschend, ein Umstand, der die Aufklärung und Or- ruf an die Soldaten und Seeleute, in dem sie daran er- Entwicklung und Vertiefung der Genossenschaftsidee in sich ganisation besonders notwendig, aber auch schwierig macht. innert werden, daß auch sie Söhne des Volkes find, und daß schließende Einrichtungen geboten. Genossenschaftliche Rundschan. Nr. 16 Die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumbereine kann auch für das verflossene erste Halbjahr 1906 genossenschaft noch näher einzugehen. Die Gleichheit Dienstbotenfrage. 111 den Arbeiterinnen mitgeteilt, daß es von nun an verboten Zur Frage der Dienstbotenorganisation nahm die sei, während der Pausen zu arbeiten. Die Anordnung wird von einem erfreulichen Wachstum berichten. Der Umsatz be- dritte bayerische Kartellfonferenz, welche in Nürn in der Fabrit respektiert. Nur der Meister Förster, so wird trug rund 19 205 400 Mt. gegen 16 000 400 Mt. in der uns mitgeteilt, soll eine Ausnahme machen und die Arbeitegleichen Zeit des Vorjahres, das ist eine Zunahme um berg stattfand, folgenden von der Unterzeichneten gestellten rinnen trotz allem noch durch arbeiten lassen. Daß die Durch20 Prozent im vorigen Jahre waren es nur 14 Prozent dieser höchst wichtigen Frage ab, weil es an Zeit mangelt, mit sich führt, beweist das Beispiel der Tuchfabrik von Antrag an:„ Die Konferenz sieht von einer Besprechung führung der Mittagspause keinerlei Nachteil für den Betrieb Zuwachs. Da der Hauptumsaz( im Vorjahr rund 23 Mit lionen Mark) in das Spätjahr fällt, so dürfte das dies- um das Thema ausführlich zu behandeln, verpflichtet sich Leopold Schöller& Söhne. Sie hat den verheirateten Arjährige Geschäftsergebnis von 50 Millionen nicht weit ent- aber, darauf hinzuwirken, daß die einzelnen Kastelle in beiterinnen sogar eine Mittagszeit von zwei Stunden gefernt bleiben. Erst der Ausbau des Großeinkaufs und der ihren Bezirken für Organisierung der Dienstmädchen, Wasch währt und floriert dabei. Den Arbeiterinnen fehlte zunächſt auf ihm beruhenden genossenschaftlichen Großproduktion ver- frauen, Putzfrauen, zugeherinnen usw. das Möglichste tun." noch das richtige Verständnis für das Unrecht, das ihnen so Helene Grünberg. lange zugefügt worden war, und für die Verbesserung ihrer mag der konsumgenossenschaftlichen Lebensmittelversorgung die rechte Wirksamkeit und wirtschaftliche Bedeutung zu verfauren Wochen konnten sich die Dienstmädchen Nürnbergs rechneten nur mit den armseligen Pfennigen, die sie in der Von der Nürnberger Dienstbotenorganisation. Nach Lage, welche die gesicherte Mittagspause bedeutet. Sie leihen. Aufgabe jeder einzelnen Vereinsverwaltung und jedes Mitglieds ist es, durch Vereinigung der Bezüge die an einem frohen Feste erfreuen, das die Organisation ihnen Mittagspause mehr verdienten, und übersahen dabei ganz, immer raschere und fräftigere Entwicklung dieser höheren bot. Diese hielt am 15. Juli einen Ball ab, der überaus daß sie diese nur auf Kosten ihrer Gesundheit und Lebensstart besucht war. Fröhliche Feststimmung hielt bis lange fraft erzielten. Die Organisationen des Proletariats und die Form der Organisation des Konsums zu bewirken. Ihr 25jähriges Bestehen hat die berühmte Genoffen nach Mitternacht die Teilnehmer zusammen. Die Unter- Genoffinnen insbesondere haben hier noch unendlich viel zu schaft„ Vooruit" in Gent gefeiert. Wir gedenken, auf zeichnete hob in einer kurzen Ansprache hervor, daß es in arbeiten, um Licht in die Köpfe zu bringen, die ArbeiteDie großen Leistungen diefer musterhaften, allseitigen Arbeiter- nicht zu ferner Zukunft möglich sein werde, mit entsprechenden rinnen zum Bewußtsein ihrer traurigen Lage, aber auch ihrer Forderungen betreffs vollständiger Freigabe des Sonntag Rechte zu erwecken und sie dem Kampfe für bessere Zustände zuzuführen. Frau Heusgen. Einen großen Schlag gegen die Konsumvereinsbewegung nachmittags und angemessener Arbeitszeit vorzugehen. Begedachten die österreichischen„ Greisler", das unter bingung dafür sei allerdings, daß die Dienstmädchen in der Luegerscher Führung marschierende Kleinkrämertum, durch bisherigen Weise fortfahren, für ihre Organisation zu areine Demonstration in Wien zu führen. Man forderte das beiten. Während der Polonaise wurde den FestteilnehmeFür die Einführung des Frauenwahlrechts in RußVerbot der Dividendenzahlung, Ausschluß aller öffentlichen rinnen und Teilnehmern ein Blick in die Zukunft" gewährt, der großen Jubel hervorrief. Die Freiheit, Gleichheit, land haben sich fortgesetzt Mitglieder der Duma erklärt. Die Angestellten von der Mitarbeit usw. und endete mit einem Demonstrationszug zum Parlamentsgebäude, der mit dem Brüderlichkeit hatte den Achtstundentag auch den Dienst Arbeiterabgeordneten, welche dieser Körperschaft angehören, bei den Wiener Christlichsozialen üblichen Radau schloß. mädchen gebracht. Das jüngste Mädchen, welches der Or- haben vor der Auflösung der Duma in einem Aufruf an das Die Antwort der Arbeiter waren 5 Riefenversammlungen ganisation angehört, trug einige Gedichte vor, die mit russische Volt eine vollberechtigte konstituierende VersammDas lung gefordert, die auf Grund des allgemeinen, gleichen in Wien, eine Menge in der Provinz, ein fräftiger, in stürmischer Begeisterung aufgenommen wurden. 170 000 Exemplaren verbreiteter und von der gesamten Ar- prächtig verlaufene Fest bereitete den Mitgliedern einige und direkten Wahlrechts ohne Unterschied des Glaubens, der beiterpresse abgedruckter Aufruf und ein mächtiges Zuströmen frohe Stunden und führte der Kasse der Organisation einen Nationalität und des Geschlechts gewählt werden soll. Der Helene Grünberg. Bauernabgeordnete Aladjin führte zur gleichen Frage in die bestehenden Konsumvereine. Diese haben durch den überschuß von 230 mt. zu. fürzlich aus, man müsse der Frau volle politische Freiheit Ansturm der lieben Feinde wie durch den jüngst in Kraft geben, bevor sie selbst sich ihre Rechte mit Gewalt nehme. getretenen Schußzzolltarif einen mächtigen Anstoß erhalten. Die im Herbst 1905 gegründete österreichische GroßeinAbgeordneter Professor Petraschitky trat bei Beratung des Gesezentwurfes betreffend die Gleichberechtigung aller Taufsgenossenschaft hat schon im ersten Halbjahr einen Bürger für die Rechte der Frauen ein. Umsatz von 2 Millionen Mark erzielt: ein ohnegleichen glänzender Erfolg, der nicht zum wenigsten der treuen Unterstützung der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung, dem hohen Stande der proletarischen Frauenbewegung Österreichs zu danken ist. Notizenteil. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenstimmrecht. Daß die Fabrikanten in Düren fich den Teufel um die Arbeiterschutzgesetzgebung kümmern, ist hier allgemein Die progressive Frauenpartei", eine feste Organi bekannt. Aber wo fein Kläger ist, da ist auch kein Richter. Da sation bürgerlicher Frauenrechtlerinnen, die ihren Sitz in sich die Arbeiterinnen die Gesezwidrigkeiten in den Fabriken zu Petersburg hat, faßte folgende Resolution: Im Namen ihrem eigenen Schaden gefallen ließen, so nahm die Vertrauens des Wohles des russischen Volkes protestiert die progressive person der Genossinnen den Kampf dawider auf. Sie griff Frauenpartei gegen irgendwelche gesetzgeberische Tätigkeit der Von Genossenschaftsliteratur ist zu erwähnen ein aus der Reihe der Firmen, für die das Arbeiterschutzgesetz Reichsduma, solange aus den Reihen ihrer Mitglieder die überaus reichhaltiges Werk des Sekretärs H. Kaufmann nur auf dem Papier existiert, die Ketten- und Nadel- Frauen ausgeschlossen sind. Sie besteht darauf: die Volfsüber die Lohn- und Arbeitsbedingungen im Zentralfabrik von Krafft& Schüll und die Dürener vertreter müssen vor allem dafür Sorge tragen, daß die geverband deutscher Konsumvereine und ein als Heft II Teppich fabrik heraus und wurde wegen der in beiden ſamte Bevölkerung des russisches Reiches, darunter auch die der Berliner Genossenschaftlichen Agitationsbibliothek er- Betrieben herrschenden ungesetzlichen Verhältnisse persönlich Frauen, das Wahlrecht erhalten, und sich erst dann mit der schienener Vortrag des Genossen Mar Hoppe über den bei dem Gewerbeinspektor vorstellig. Zunächst stellte sie fest, schöpferischen Arbeit befassen. Die progressive Frauenpartei Kampf gegen die Lebensmittelverfälschung, der daß die Ketten- und Nadelfabrik von Krafft appelliert an das Gerechtigkeitsgefühl der russischen Volkswegen seiner praktischen Fingerzeige nicht nur für die Ver-& Schüll ihre Arbeiterinnen in der Mittagspause durch- vertreter und spricht die Hoffnung aus, daß die russischen waltungen der Konsumvereine, sondern auch für jede Haus- arbeiten läßt. Die Beschwerde fruchtete jedoch nichts. Zwar Frauen unverzüglich politische Rechte erhalten, aus rechtlosen frau wertvoll ist. Simon Kaßenstein. wurde ein Polizeibeamter in den Betrieb entsandt, aber alles Sklavinnen vollberechtigte Bürgerinnen werden." Fortgesetzt blieb nach wie vor beim alten. Nun geißelte die Vertrauens- erweisen russische Frauen aller Klassen und Nationalitäten person in einer Frauenversammlung die Mißstände bei der durch ihre Beteiligung an der revolutionären Bewegung Firma. Das wirkte. Der Gewerbeinspektor revidierte während ihre politische Mündigkeit. In Riga zum Beispiel der Mittagspause die Fabrik, und kurz darauf gab die Firma verurteilte fürzlich das Kriegsgericht unter anderen zwei durch Plakat bekannt, daß mit 1 Mr. Strafe belegt werde, siebzehnjährige Mädchen als Mitglieder der örtlichen wer die Pausen nicht einhalte. Mit einem Schlage wurden Kampfesorganisation zur Zwangsarbeit. In der Organiaußer der Mittagsstunde auch die übrigen gesetzlichen Pausen sation waren zwei junge Jüdinnen, Ljubowa Neumark eingeführt. Die öffentliche Brandmarkung hatte die Re- und Mündel Finkelstein hervorragend tätig, ebenso eine In Anbetracht dessen, daß die Organisierung der Ar- spektierung des Gesetzes erzwungen. Lettin, Berta Mizit, und eine Deutsche, Lotte Locht. beiterinnen für die Durchführung der gewerkschaftlichen Schwerer hielt es bei der Dürener Teppich fabrik, Bestrebungen von der größten Bedeutung ist, empfiehlt der den gesetzlichen Vorschriften Geltung zu verschaffen. Der Besitzer der Fabrik, Herr Philipp Schöller, ist einer der Rongreß: reichsten Männer in Düren und wegen seinem Patriotismus ist soeben erschienen: und seiner Wohltätigkeit viel gepriesen. Seine Arbeiterinnen merken von seinem Herz" recht wenig, sie kennen ihn nur als rücksichtslosen Arbeitgeber. Die Arbeit in der TeppichDa sich die gewöhnlichen Agitationsversammlungen als druckerei ist die schwerste, schmutzigste und gesundheitsschädwenig geeignet für die Heranziehung der Arbeiterinnen er- lichste, die überhaupt in Dürener Fabriken verrichtet wird. wiesen haben, empfiehlt der Kongreß vor allem die Haus- Viele Mädchen sind daher durchaus nicht zu bewegen, in den agitation. Ferner die Abhaltung besonderer Agitationsver- Betrieb einzutreten, zumal auf die dort beschäftigten Arbeitesammlungen und Werkstattbesprechungen für die Arbeite- rinnen mit einer gewissen Mißachtung herabgesehen wird. rinnen, um deren Verständnis und Interesse für die ge- Die Luft, die im Sommer wie im Winter in vielen Arbeitswerkschaftlichen Bestrebungen zu wecken und dauernd rege zu erhalten. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Zur Frage der Agitation unter den Arbeiterinnen nahm der 6. Christliche Gewerkschaftskongreß zu Breslau folgende Resolution an: 1. Daß in denjenigen Industrien, die mit weiblichen Arbeitskräften zu rechnen haben, eine intensive und planmäßige Agitation unter den Arbeiterinnen entfaltet werden möge. 2. Um eine intensive und planmäßige Agitation unter den Arbeiterinnen zu ermöglichen, ist die Heranbildung und Schulung weiblicher Agitationskräfte sowie die Anstellung von Beamtinnen nach Möglichkeit zu fördern. werde. Jm Verlag von J. H. W. Die Nachf. in Stuttgart Die Kinderarbeit und ihre Bekämpfung. Bon Käte Duncker. Serausgegeben von der Redaktion der„ Gleichheit", Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. räumen der Fabrik herrscht, ist unbeschreiblich. In der Dämpferei verpesten Farben- und Wasserdämpfe die Atmosphäre, und in dem obersten Stockwerk steigt die Temperatur In einer kurzen historischen Einleitung bespricht die Veran heißen Tagen so hoch, daß die Arbeiterinnen in Schweiß gebadet sind. Seit Jahren wird in der Fabrik keine Pause fafferin die Kinderarbeit als Begleiterscheinung der kapitaeingehalten, die Arbeiterinnen müssen den ganzen Tag ohne listischen Wirtschaftsweise und anschließend daran die KinderMehr noch als für die männlichen Arbeiter hält der Unterbrechung schaffen. Die Führer des Christlichen Textil- schutzgesetzgebung in Deutschland bis 1891, die Erhebungen Kongreß ein harmonisches Zusammenwirken zwischen den arbeiterverbandes, die schon seit mehr als 8 Jahren in dem von 1898 und endlich das Kinderschutzgesetz von 1903. In tonfessionellen Arbeiterinnenvereinen und den christlichen Betrieb arbeiten, haben noch nie einen Schritt getan, um einem Schlußtapitel wird der bisherige Erfolg des KinderGewerkschaften für geboten, damit den Arbeiterinnen in der Abhilfe zu schaffen. Die Vertrauensperson machte schließlich schutzgesetzes beurteilt und ein vortrefflicher Ausblick auf tonfessionellen Vereinigung der religiös- sittliche Halt und den Gewerbeinspektor, Herrn Dr. Bender, auf die Mißstände Kinderarbeit und Kindererziehung, wie beides sein sollte, in der Gewerkschaft der nötige wirtschaftliche Schutz zuteil aufmerksam, die jahrelang in der„ Musteranstalt" bestehen gegeben. Im Anhang findet die Leserin das Gesetz selbst als eine solche wird nämlich der Betrieb überall ge- und ein Verzeichnis derjenigen Werkstätten, in deren Betrieb Von allen christlich organisierten männlichen Arbeitern priesen. Bei der Inspektion erklärte die Firma, die Pausen Rinder nicht beschäftigt werden dürfen. Schließlich ist auch erwartet der Kongreß, daß sie es als ihre ernste und wich- müßten durchgearbeitet werden, doch sollten sich künftig die die Bekanntmachung hinzugefügt betreffend Ausnahmen von tige Aufgabe betrachten, ihre erwerbstätigen weiblichen Arbeiterinnen ablösen. Mit diesem Bescheid begnügte sich dem Verbot der Beschäftigung eigener Kinder unter 10 Jahren. Das Büchlein sollte in keinem Arbeiterhaushalt fehlen; Familienangehörigen den christlichen Gewerkschaften zuzu- Herr Dr. Bender, dessen Amt es ist, die Durchführung der führen." gesetzlichen Vorschriften zu überwachen. Die wurden weiter iede Mutter muß Kenntnis haben von dem derzeitigen Stand Frauen in der Leitung des Zentralverbandes der mit Füßen getreten. Die Vertrauensperson erhob deshalb der Kinderschutzgesetzgebung in Deutschland, damit sie der Herr Ausbeutung ihrer eigenen Kinder zielbewußt entgegentreten, Handlungsgehilfen und gehilfinnen Deutschlands. Die abermals Beschwerde bei dem Gewerbebeamten. Versammlung der Hamburger Mitglieder der genannten Dr. Bender erklärte, die Mädchen arbeiteten gegen den Willen sie mildern und womöglich hindern kann. Der Preis der Broschüre ist auf 40 Pf. festgesetzt. Organisation, welche die vier Beisiger zum Verbandsvor- des Chefs, es sei ihnen erlaubt, von 1 bis 2 Uhr MittagsFür die Abonnenten der„ Gleichheit", die sich zum gemeinstand zu wählen hatte, sendete auch eine Handlungsgehilfin, pause zu halten. Diese Behauptung bestritt die UnterGenossin Paula Kretschmer, in die Verbandsleitung. Die zeichnete sehr entschieden, besonders da sie wußte, daß in der famen Bezug vereinigen, ist ein wesentlich niedrigerer Einversammlung der Berliner Mitglieder, welche über die Zu- Fabrik die Maschine bis vor 1 Uhr lief und den so- taufspreis festgesetzt. sammensetzung des Ausschusses zu entscheiden hatte, wählte genannten„ übermädchen" auch die Mittagsstunde bezahlt neben vier Handlungsgehilfen Genoffin Jda Baar in den wurd Gs folgte eine heftige Auseinandersetzung, die zu Ausschuß. nächst resultatlos enc deren Wirkung jedoch nicht lange auf sich warten ließ. Schon am nächsten Morgen wurde Bestellungen nehmen entgegen alle Vertrauenspersonen, Ottilie Baader, Berlin S 53, Blücher- Straße 49, Sof II, und die Expedition der„ Gleichheit" in Stuttgart, FurtbachStraße 12. 112 Die Gleichhelt Nr. 16 Das Werdende.* Von Franz Diederich. Wildrüttelnd pfeift der Sturm, der schrille, Die Schlachtmusik im Werdestreit. Durch alles Graun wühlt sich der Wille Der Sonnenpurpurherrlichkeit. Gigantische Gedanken steigen In Riesenfeuergarben auf, Und lichtdurchwallt im Weltenreigen Siegt kühn der Sonnenbarke Lauf. Flammen. Von Lu Märten. Es ist ganz gleich, ob ich die Geschichte den kleinen oder großen Menschenfindern erzähle; sie ist merkwürdig genug für die einen wie für die anderen, und sie ist wahr, so wahr, daß ich sie erzählen muß. Es war ein Mensch auf der Erde, der sah aus wie andere Menschen auch und tat Gutes und Unnüzes, wie andere auch; nur seine Augen hatten noch niemals etwas Häßliches getan, daher kam es auch wohl, daß seine Augen schön waren und viele Dinge sahen, die andere nicht sahen. Er hat nie viel gesprochen, aber er hat viel lebendige Dinge um ihre Gedanken gefragt und hat sich viel gewundert; er konnte sich über alle Dinge wundern, die auf der Erde blühten und welften. Und er wußte faum, daß er ein Mensch war, denn er liebte die Blumen und die Tiere wie seine Geschwister. Er weinte, wenn er Menschen fand, die er nicht lieben konnte, und wenn die Tiere Leid fühlten. Er war demütig wie eine Blume, wenn die Sonne ihn füßte, und die Sterne nannte er seine Brüder. Und auch die toten Geräte, alles, was Menschen und Tiere bauten und arbeiteten, hat er geliebt. Wo solche Dinge freiwillige Schönheit zeigten, glitt seine Hand liebkosend über sie hin, und wo sie häßlich waren, zu schlimmem Dienst erdacht, da kniete er zu ihnen und fluchte ihren schlimmen Schöpfern. „ So braucht ihr andere Nahrung, als wie eure| wurde und hilflos auf seinem Lager Lag; er gedachte der Brüder und Schwestern sie brauchen?" fragte der Mensch. weißen Flamme und sandte ein Lied über die Welt, das Seltsame Nahrung," sang die Flamme, solche, die allen Menschen von ihr erzählen und sagen sollte, welche den Stempel des Lebens trägt, und Gaben ohne Lohn Nahrung sie brauchte. Aus den Abgründen Klang ihm und Dank! Laß die Lebenden nach den Sternen greifen ein Echo, er selbft aber war einsam wie eine Höhe zur und darum Sünde tun, so will ich ihre Schuld verzehren! Winterszeit. Da stand er auf in der Nacht und schleppte Nur die Sünde, die einen Tod als Echo hat, und die fich zur weißen Flamme, und in ihrem Anblick sang er um blöde Macht das Leben schändet, fann mir nicht ein letztes Lied von ihrer Macht und Helle und von den Nahrung sein unreine Asche!" seltsamen Dingen von Schuld und Herrlichkeit, die in ihrer Glut zu reiner Erde wurden. So Seltsames sang die weiße Flamme. Und der Mensch fragte weiter: Was schläft in deiner Asche?" " Die Ursache aller schuldlosen Schuld und Häßlichkeit; der Zorn eines Weisen und eines Riesen." " Und was lebt darinnen?" ,, Ein Reich ohne Hunger und Kälte; das Lächeln eines Kindes." " Wann wird es auferstehen?" Wenn die Sonne kommt." " 1 Welche Sonne?" Dann war seine Kraft zu Ende, und seine Augen brachen. Er gedachte noch einmal feiner Lieblinge, der Blumen und der Töne und Tiere und Kinder, und des zarten Traums der feinsten Seele. Es war wie Lächeln in seinen Worten, als er stöhnte: " Nun zehre auch mich, daß du lebeft!" Und noch einmal suchten seine Augen das Leben, und er fragte: " Nährtest du mich oder nährte ich dich, wo ist das Tor des Rätsels?" Niemand weiß, ob der Mensch die Antwort hörte, er „ Reiner Wille des Menschen, der uns( die weiße war verstummt und tot. Die weiße Flamme stieg höher Flamme) genährt." " Wo wird der reine Wille geboren?" Wo die Sehnsucht die Erkenntnis findet und Erfenntnis um Sehnsucht weiß; keine von beiden darf allein sein." " Und warum dürfen sie nicht? Was will der reine Wille?" " Reinen hellen Tag ohne Sonne, keine vollen Tafeln ohne Blumen, feine fatten Augen ohne Liebe, keine Liebe ohne Seele, der Sohn der Weisheit und Schönheit will kein Reich ohne Schönheit!" Da dachte der Mensch an die Sehnsucht aller Flammen und an die Not und den Willen der Allerärmsten; ein Strahl von großer Liebe brach aus seinen tiefen Augen, als er sagte:„ Ich will dir Nahrung bringen, solange ich leben kann, ich will dir rechte Nahrung suchen." " Und nun war es, als ob die weiße Flamme sich vor ihm neigte, sie schlang sich wie in einem feurigen Kranz So geschah es einmal, daß er den Flammen, die auf um den Menschen, so daß er mitten in ihrer weißen der Erde glühten, ins Antlik sah, und daß er die Flammen Helle stand, und der Mensch ging, um ihr zu dienen. um ihr Leben fragte. In einem warmen Fruchtgarten Einmal fam er und brachte das Kleid eines toten fand er zwei Flammen nebeneinander. Die eine glühte Kindes. Es ist noch naß von Tränen der Erde," sagte weiß und still zum Himmel, und die andere loderte wild er.„ Niemand hat das Kind geliebt; als es hörte, daß und heiß in dunkelroter Lohe und in wechselndem seine Mutter ins Wasser gegangen sei, schmückte es sein Schimmer. Und die rote Flamme klagte und rief:" Gib armes Kleidchen mit Feldblumen und ging seiner Mutter mir Nahrung,- denn sieh, sonst muß ich sterben!" Und nach. Das Kleid mit den Blumen hat man gefunden. der Mensch ward traurig vor der wilden Flamme und Willst du es brauchen?" Und die weiße Flamme erfaßte fragte:„ Was soll ich dir geben, daß du leben kannst? es und glühte weiter. Und zum andernmal kam der ich habe nichts anderes als dies," und er zog eine Mensch mit einem zerrissenen und zerblätterten Buch.Eine Mutter saugte Trost daraus für ihr grausames Leben. Gib her," sagte die Flamme. Tafel aus seiner Brust, darauf hatte er ein Lied gegraben, ein Lied, das er liebte.„ Willst du das Lied?" fragte er schüchtern die rote Flamme. " Ich verzehre alles," sagte diese, doch gib mir nicht allzu Bartes, gib mir willige, starke Nahrung, daß ich leben kann." " Ich habe nichts anderes," sagte der Mensch. " Sieh vor deine Füße!" rief die Flamme, und gib, was sich verzehren läßt!" " Und einmal im Walde fand der Mensch einen Mann; auf dessen Knien lag ein junger Frauenleib, der war gestorben. Er war schön und weiß wie ein junger, feuscher Frühlingstraum Botticellis. Und der Mann raufte sich das Haar und sprach zum Menschen:„ Sie war der Tempel meiner Kunst und Liebe. Vor dem Da sah der Mensch zur Erde und sah nur Trümmer Anblick ihrer Wunder schloß sich das Tor all meiner und Reste einstiger Bäume und warf sie der roten Flamme Menschensehnsucht, ich zerbrach sie nicht im Leben, zu, daß sie jubelnd aufloderte. Und der Mensch fragte nun die weiße Flamme:" Was willst du zur Nahrung, das ich geben könnte?" Aber die weiße Flamme war stolz, ohne Bitte und sagte:„ Behalte dein Lied, das du liebst, ich höre es auf der Erde fingen, und niemand fann es verzehren." ihre Seele und Schönheit war Einheit, und so viel Augen hat sie hell gemacht, und nun soll sie in die Erde!" " Laß mich dein Leben in die weiße Flamme tragen," bat der Mensch und faßte die Hand des Trauernden. Da gingen sie hin zur weißen Flamme und erzählten, daß ein Frühlingsleib gestorben sei, und was der Mann gesagt. Und die Flamme leuchtete, als ste fang:" O Mensch, o Kunst, in meiner Asche schläft deine Einheit," und verzehrte den jungen Frauenleib. Da ging der Mensch weiter und gedachte immer der weißen Flamme, und er fand viele rote und bunte Flammen, doch selten die stillen weißen. Aber alle die Flammen sehnten sich Tag und Nacht aus tiefverweinten In einer dunklen, feuchten Stube fand der Mensch Nächten, aus stumpfen Lasttagen, hin über die Erde, eines Tages Kinder vom Schlaf übermannt. Ihre kleinen, wie zehrende, sehnende Feuer- sie sehnten sich nach mageren Hände hielten Spielzeug und bunte Dinge, die Gaben der Erde, um Hunger zu töten, den Hunger, fie arbeiten sollten, um essen zu können, aber sie schliefen, der lieblos und blind macht; sie sehnten sich nach duft- und die Tränen starrten auf ihren blassen Wangen. warmer Erde und Treue der Luft und nach Felsen- Da nahm der Mensch die bunten Dinge aus den kleinen wänden und Liedern; sie sehnten sich nach Anbetung Kinderhänden und trug sie zur weißen Flamme, und als sie und Schönheit, denn rechte Anbetung ist in Schönheit; brannten, flagten sie schwere, düftere Dinge, die sie gesehen. fie sehnten sich nach Heimat ihrer Wünsche; sie sehnten Der Mensch seufzte vor der weißen Flamme und sich hinaus über die Einsamkeit ihres eigenen Jchs; sie sagte:„ Du wirst immer mächtiger, und doch sehen dich sehnten sich, Brüder und Schwestern auf der Erde zu nur wenige, wie gut, daß ich dir dienen darf." Aber sein. Das Feuer ihrer Sehnsucht brauste auf in der er ging immer müder über die Erde, und seine Augen Unrast Wünsche, höher und höher, suchend und weiter sahen immer dunkler und immer weiter in die Ferne. Erfüllung suchend, oder in sich selbst verglimmend. So Einmal fand er ein Buch, das war mächtig und schreckfand der Mensch einmal nach vielen Jahren in dunkler lich zugleich, es war, als ob ein Mensch aus schweren Nacht eine mächtige weiße Flamme, die einsam und Wunden blutete und wie ein irres Tasten nach Genuß schweigend auf der Erde glühte. Warum seid ihr so und Seligkeit. Das Leben der Menschen. Da gab felten?" fragte der Mensch und blieb vor der weißen er es der weißen Flamme, und es war wie Zorn in Flamme." Wir sterben leicht und früh, so wir ohne ihrem Brausen, als sie es verschlang. Und wieder einmal Nahrung bleiben," fang die Flamme, und wenig Nah- fand er einen leuchtenden und wunderbaren Plan einer rung wird uns gebracht, die wir brauchen können." " * Aus„ Die Hämmer dröhnen", Werbestimmen. Dresden, Berlag von Kaden& Cie. Wir weisen namentlich auf dies gedanken und stimmungsreiche Bändchen hin. Stadt. Er war von einem, den die Menschen verlacht, und von dem sie sagten, er sei im Wahn; auch ihn verzehrte die Flamme.- Viele seltsame Dinge brachte der Mensch noch zu ihr, so unzählig viele, daß ich nicht alle erzählen kann. Es fam aber, daß der Mensch frant! und feiernd zum Nachthimmel empor, daß die Menschen sie sahen und sich erschreckten, und sang zu dem Menschen: " Mein Feuer in deiner Seele und meine Seele wie du, - ich grüße dich, Bruder, mit gleichem Namen!" Lied eines Sklaven.* Bon Sw. Cech. Seht, auf meiner Hand voll Schwielen Genft die Flügel, hebt sie wieder Ließ ein Falter fect sich nieder, Ist es nicht ein grausam Spielen, Sagt, mit meiner Herzenspein? Hier die Hand, rauh, voller Narben, Drauf die Mühsal steht zu lesen, Dort des Falters leichtes Wesen, Wohl von hundert bunten Farben Ein entzückend Stelldichein! Liebling du der Blumenauen, Darfst mit jedem Lüftchen gaukeln, Darfft auf Blatt und Kelch dich schaukeln, Wenn die Juliwolken tauen. In den Lenzeslüften flar Wiegst du dich behend und leise, Und im Schein der goldnen Sonne, Duftig Ding voll luft'ger Wonne, Ziehst du deine Flatterfreise, Sei's auch taum ein halbes Jahr! Aber ich? In Strick und Kette, Ohne Raft und ohne Weile, Voller Hast und voller Eile, Mit den Brüdern um die Wette, Geh' ich in der Arbeit Joch. Wie das Rind im Pflug des Bauern Kenn' ich in dem Tagsgetriebe Peitschenhiebe, Peitschenhiebe Nur und Schweiß, den bittersauern, Jch, der stets in Fesseln troch. Doch ich will dich nicht beneiden, Falter, weil die Götter strahlend, Wie mit Sonnenfingern malend, Dich in Gold und Purpur fleiden, Leichter Segler auf der Flur! Wer nach allgemeinem Lose Arbeit fand auf seinem Pfade, Dem ward, wahrlich! große Gnade, Ruhen doch in müdem Schoße Müde Hände füßer nur! Holde Luft, in freien Werken Geist und Arme zu erproben, Raftend dann zu schaun nach oben Und zur Tat sich neu zu stärken, Welche aus sich selber sprießt! Aller Rechte höchstes Recht ist Arbeit, die die Freiheit zieret, Arbeit, die sich selbst gebieret Und dem menschlichen Geschlecht ist Flut, die frei und dauernd fließt. Aber unter em'gem Streiten, Ohne inneres Genügen Gines Fremden Acker pflügen Oft vor Zorn die Brust sich weiten Fühlt, wer das manch Jahr vollbracht. Wir, was ernten wir zum Lohne? Während üppig schwelgt der glatte Nimmersatte übersatte, Gönnt er uns die Dornenkrone Ach! als Zeichen seiner Macht! * Aus„ Lieder eines Sklaven" von Swatopluk Tech. Freie Übertragung ins Deutsche von Jan Koutet. Stuttgart, Berlag 3.5. W. Dietz Nachf. Diese prachtvollen Freiheitsgefänge des großen tschechischen Lyrikers sind unserer Meinung nach in Deutschland vier zu wenig bekannt und geschätzt. Sie seien hiermit unserem Leser. treis warm empfohlen. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.