Nr. 21 Die Gleichheit eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ee Mit den Beilagen: Für unsere Kinder und Frauen- Beilage Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. Die Ergebnisse des Mannheimer Parteitags.- Die neuesten Leistungen des bürgerlichen internationalen Arbeiterschutzes. Von Gustav Hoch. - Der Wahlrechtskampf in Österreich. Von Adelheid Popp. Kongreß für Kinderforschung und Jugendfürsorge. Bon n. dt. - Die sozialdemokratische und sozialistische Jugendbewegung in Schweden. Von Kata Dalſtröm. Die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland. Von Klara Zetkin.( Forts.) Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Die Beteiligung der Genoffinnen am Parteitag. Lea Heiden- Deutschmann+ Politische Rundschau. Von G. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Notizenteil: Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handelsund Bekehrswesens. Dienstbotenfrage. Frauenstimmrecht. Feuilleton: Ein Mann, den Gott lieb hat. Von Ludwig Anzengruber. Phantasus. Von Arno Holz.( Gedicht.) Die Ergebnisse des Mannheimer Parteitags. Stuttgart den 17. Oftober 1906 16. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. feit der Aktion beider proletarischer Kampfesorganisationen| Vorwürfe gegen die Parteileitung erhoben, daß sie in zu formulieren. Es sprach vielmehr noch aus, daß die dem preußischen und sächsischen Wahlrechtskampf hinter Sozialdemokratie die höchste und umfassendste Form des die großen Worte" nicht die große Tat" des Massenproletarischen Klassenkampfes darstellt, und daß keine streifs gesetzt. Daß mit den Mannheimer Verhandlungen proletarische Organisation, keine proletarische Bewegung die Frage des politischen Massenstreiks gründlich und endihrer Aufgabe vollständig gerecht werden kann, wenn sie gültig erörtert sei, wird niemand behaupten, der tiefer nicht vom Geiste der Sozialdemokratie erfüllt ist. Als in die Natur dieses proletarischen Kampfesmittels einpraktische Konsequenz dieser grundsätzlichen Auffassung gedrungen ist. Um nur eins herauszugreifen: Dieselben forderte es, daß jeder Parteigenosse sich bei der gewerk Wesenseigentümlichkeiten, die sich dem Massenstreit auf schaftlichen Tätigkeit wie bei jeder öffentlichen Betätigung Kommando widersetzen, schließen unseres Erachtens ebenso an die Beschlüsse des Parteitags gebunden fühlen müsse. aus, daß er von vornherein ein und für allemal lediglich Es faßte damit den Kern des aufgerollten Problems. als Verteidigungswaffe zum Schute des Wahlrechts ins So lebhaft auch der zweite Teil des Amendements Auge gefaßt werden kann. Bestimmte geschichtliche umstritten wurde: kein Redner hat die grundsätzliche Situationen können eintreten, die ihn zur Abwehr anderer Auffassung angefochten, die es vertrat, und Bömelburg, Attentate als eines Wahlrechtsraubs herausfordern, die der ersten und besten Gewerkschaftsführer einer, stellte ihn als Angriffswaffe im Kampf für Rechte und Reformen sich im wesentlichen auf den gleichen Boden wie Kautsky, heischen. Wie die Dinge augenblicklich gelagert sind, indem er erklärte, daß die Beschlüsse der Partei selbst verzeichnen wir mit Genugtuung den wichtigen Schritt Ein Rückblick auf die Arbeiten des letzten sozial- verständlich für jeden einzelnen Parteigenossen maßgebend zum theoretischen Verständnis des Massenstreiks, den der demokratischen Parteitags wird im allgemeinen ein Gefühl find". Was gegen die beanstandeten Sätze geltend ge- Mannheimer Parteitag getan hat. Andere werden folgen. der Befriedigung auslösen. Wohl kann man an mancher macht wurde, war ihre„ Selbstverständlichkeit", waren Wie viele Jahre hat es nicht gedauert, welch leidenschaftEinzelheit mäkeln, diese und jene Ausführung zu wichtigen im Hinblick auf die vereinsgesetzliche Praxis der Behörden licher Auseinandersetzungen hat es nicht bedurft, bis sich ftrittigen Fragen schärfer umrissen und tiefer erfaßt Zweckmäßigkeitsrücksichten. Ausschlaggebender als all das die Sozialdemokratie zur prinzipiellen Erkenntnis von wünschen. Nimmt man jedoch die Verhandlungen und mag jedoch wohl der Wunsch gewesen sein, auch den dem Wert und den Schranken des Parlamentarismus die Stimmung, von der sie getragen waren, als Ganzes Schein zu vermeiden, als wolle man eine Unterwerfung durchgerungen hat. Die Materie der„ Boltserziehung" ist auf dem Parteizusammen, so erweist sich, daß der Parteitag, von stolzem der Gewerkschaften unter die Partei, statt der Festigung flaffenbewußtem Leben des Proletariats beseelt, ein des Bewußtseins innerer Zusammengehörigkeit beider und tag angeschnitten, aber nicht erledigt worden. Immerhin reiches Maß trefflicher, fruchtverheißender Arbeit ge- ihres planmäßigen Zusammenarbeitens. Wie die Dinge liegt als praktisch wertvolles Ergebnis bereits der Beleistet hat. Wir gedenken dieses Lebens an erster Stelle, lagen, wäre die Entscheidung in Wirklichkeit nicht über schluß vor, einen siebengliedrigen Bildungsausschnß zu weil es die Kraft ist, welche der positiven Arbeit ihre die Hauptfrage der grundsätzlichen Auffassung gefallen, konstituieren. Entsprechend den Bedingungen, die für geschichtliche Bedeutung, ihren praktischen Wert für den sondern über das Nebenmoment der Zweckmäßigkeit ihrer sein Wirken in den Leitsätzen vorgesehen sind, wird er proletarischen Emanzipationskampf verleiht. Stark und Proflamierung. In der Folge zog Kautsky den zweiten im Laufe des neuen Tätigkeitsjahres der Partei an die gesund hat es in den Mannheimer Verhandlungen pul- Teil des Amendements zurück, den ersten Teil gliederte Erfüllung seiner Aufgaben gehen. Was den theoretischen siert, wenn es auch- infolge von mancherlei Umständen der Parteitag der Resolution Bebel- Legien an, die mit Teil der Leitsäze anbelangt, so ist die Beschlußfassung erklärlich genug- nicht so elementar und temperament- 386 gegen 5 Stimmen zum Beschluß erhoben wurde. darüber ausgesetzt worden. Mit manchen anderen Parteivoll zum Ausdruck gekommen ist, wie in Jena. Was die verschiedene Stellungnahme von Gewerk- organen sind wir der Ansicht, daß trotz des abgebrochenen Die Hauptleistung des Parteitags ist unstreitig die schaften und Sozialdemokratie zur Frage des politischen Referats Zetkin diese Beschlußfassung erfolgen konnte. Klärung des Verhältnisses zwischen der Sozialdemokratie| Massenstreiks anbelangt, so ist sie durch die in die Reso- Die Leitsäze hatten lange genug zur öffentlichen Disund den Gewerkschaften, die in Verbindung mit der lution eingefügte" Feststellung" beseitigt worden, daß der fussion gestanden, daß die Delegierten sich mit ihnen Behandlung der Frage des politischen Massenstreits er einschlägige Beschluß des Kölner Gewerkschaftskongresses auseinanderzusehen vermocht, und prinzipieller Widerfolgte. Ihre Grundlage bildet die Anerkennung, daß nicht im Widerspruch steht zu dem Beschluß des Jenaer spruch gegen sie war nur in letter Stunde und obendie Sozialdemokratie und die Gewerkschaften gleich nötig Parteitags. Es liegt auf der Hand, daß diese Fest- drein in einem journalistischen Privatunternehmen erfolgt, und unentbehrlich für den proletarischen Klassenkampf stellung" nicht auf ihre Logif geprüft werden darf, son- von dem Genosse Wels erklärte, daß die Partei ihm nun sind und daß beide sich in ihrer Gegenwartsarbeit zur dern als Versicherung der inneren Solidarität gelten und nimmer Heimatsrecht gewähren dürfe. Indes beallseitigen Hebung der proletarischen Klassenlage ergänzen muß, die Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie dauern wir die verschobene Beschlußfassung nicht. Wir und fördern müssen. Das über den Rahmen der bürger- angesichts aller großen Probleme und Aufgaben ver- erhoffen von der Verbreitung der einschlägigen Referate lichen Ordnung hinausreichende Endziel der Sozialdemo- bindet, welche aus dem Kampf der Klassen für das als Broschüren und der Wirksamkeit des Bildungsausfratie der Sturz dieser Ordnung und die Aufrichtung Proletariat hervorwachsen. Unseres Erachtens fönnen schusses eine um so gründlichere Diskussion des bedeutder sozialistischen Gesellschaft- ist auch das Ziel, das sich Gewerkschaften und Sozialdemokratie der erfolgreichen samen Bildungsproblems und der Aufgaben, welche es der klassenbewußte Gewerkschafter erstrebt. Es ist daher Klärung freuen. Gewiß, daß auch sie nicht für alle der Partei stellt. selbstverständlich, daß er, von flarer Erkenntnis der Zukunft die Reibungen verhindert, welche in den ver- Die Resolution zu Strafrecht, Strafprozeß und Strafinneren Zusammenhänge zwischen Zukunftsziel und schiedenen Aufgaben der beiden Organisationen begründet vollzug, welche der Parteitag im Anschluß an das glänGegenwartsarbeit geleitet, mit dem gleichen Eifer für sind. Aber sie hat mit aller Deutlichkeit auf das Mittel zende Referat Haases debattelos annahm, formuliert die das sozialistische Jdeal wie für die Tagesaufgaben der hingewiesen, das ihre Überwindung sichert: es ist der wach- diesbezüglichen Reformforderungen des Proletariats. Gewerkschaftsbewegung wirkt. Die besonderen Funktionen, sende Einfluß der sozialdemokratischen Erkenntnis. In Was Genosse Haase zu ihrer Begründung darlegte, führte welche Sozialdemokratie und Gewerkschaften im prole- dieser Beziehung erwarten wir das meiste von dem starken auf der Grundlage des geschichtlichen Materialismus tief tarischen Klassenkampf zu erfüllen haben, bedingen wohl anspornenden Nachhall, den die Mannheimer Diskussionen in das Wesen der Frage ein und ließ damit den Zus für beide Bewegungsfreiheit, aber diese Bewegungsfreiheit in den Massen der gewerkschaftlich und politisch Organi- sammenhang zwischen Ökonomie und Recht, zwischen darf nicht zu Gegensätzlichkeit und Entfremdung werden. sierten finden werden, so hoch auch immer wir die ge- dem wirtschaftlichen Unterbau und dem juristischen ÜberDie proletarischen Interessen, die Sozialdemokratie und faßten Beschlüsse über das harmonische Hand in Hand bau der Gesellschaft klar hervortreten. Abgesehen von Gewerkschaften im Kampfe gegen die ausbeutenden Klassen arbeiten der beiden Organisationen werten, insbesondere ihrer speziellen Bedeutung sind seine Ausführungen und ihren Staat zu wahren haben, stellen beiden eine aber die beschlossene Verständigung ihrer Zentralleitungen. trefflich geeignet, dem Proletariat das Recht der bürgergroße Reihe gemeinsamer Aufgaben, die am besten erfüllt Die Behandlung der Frage des politischen Massen- lichen Ordnung im allgemeinen als Recht der besitzenden werden können durch das einheitliche Vorgehen auf Grund streiks stand im Zeichen des Bibelwortes:" Ihr sollt und ausbeutenden Klaffen zum Bewußtsein zu bringen. einer Verständigung zwischen den Zentralleitungen beider nicht sorgen für den andern Morgen, ein jeglicher Tag Zum Schluß sei noch vermerkt, daß durch die DeOrganisationen. Unerläßliche Voraussetzung für die er wird für das Seine sorgen; es ist genug, daß ein jeg- batten über den Vorstandsbericht, den parlamentarischen forderliche Einheitlichkeit des Denkens und Handelns ist licher Tag seine eigene Mühe und Plage habe." Sie Tätigkeitsbericht und über Anträge verschiedener Natur die Durchtränkung der Gewerkschaftsbewegung mit dem erfüllte ihren hauptsächlichsten Augenblickszweck: scharf ein frischer Zug gesunder Kritik und drängender Arbeitssozialdemokratischen Geiste. Jedem Parteigenossen er- hervorzuheben, daß der politische Massenstreit nicht der freudigkeit wehte. Letzteres gilt besonders in hohem Maße wächst die Pflicht, sein Teil dazu beizutragen, diese alleinseligmachende geschichtliche Homunkulus ist, der jeder von den trefflichen Ausführungen zur Frage der JugendVoraussetzung schaffen und sichern zu helfen. zeit in der Retorte eines Beschlusses der proletarischen bewegung. Das sind, kurz zusammengefaßt, die Richtlinien für Kampfesorganisationen fabriziert werden kann. Es ge- Nach den verschiedensten Richtungen hin ist der Manndas Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschah dies, ohne daß der Parteitag von einem Hauch heimer Parteitag reich an fruchtbaren Anregungen geschaften, welche der Parteitag festgelegt hat. Schärfer jener Entrüftung gekräuselt wurde, die kurz vorher gewesen, wie er andererseits mit ruhiger Bestimmtheit den noch als in der angenommenen Resolution wurden sie waltig in dem Tintenfaß einiger revisionistischer Revo- alten revolutionären Kampfesgeist der Sozialdemokratie in den Debatten gezogen. Und das vor allem dank demt lutionsromantifer" gestürmt hatte, die kaum vor Jahres- bekundet hat. Diese kann daher mit verächtlichem AchselAmendement Kautsky. Dieses begnügte sich nicht damit, frist sogar die bloße Diskussion des politischen Massen zucken sich von der Zeichendeuterei des bürgerlichen Zei die oben wiedergegebene Voraussetzung für die Einheitlich- ftreifs verfemt wissen wollten, nun aber die heftigsten tungsgeschwisters abwenden, daß am Grabe seiner Prophe" 144 Die Gleichheit Nr. 21 zeiungen von der wachsenden Entfremdung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung und der sicheren Verbürgerlichung der letzteren die verschämte Hoffnung auf eine„Mauserung" der ersteren aufpflanzt. Sie weiß, daß der Mannheimer Parteitag der einen revolutionären Arbeiterbewegung unzweideutig die Losung zugerufen hat: mehr rüsten, besser rüsten auf der ganzen Linie zum Kampfe gegen die kapitalistische Ordnung. Die neuesten Leistungen des bürgerlichen internationalen Arbeiterschutzes. In den letzten Wochen hat der bürgerliche Arbeiterschuy zwei Haupt- und Staatsaktionen fertig gebracht. Vom 17. bis 26. September tagte in Bern die„Internationale Regierungskonferenz für Arbeiterschuh", die dazu führte, daß zwei Übereinkünfte unterzeichnet wurden: die eine betreffend das Verbot des weißen(gelben) Phosphors in der Zündholz- industrie, von Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, den Niederlanden und der Schweiz; die zweite, betreffend das Verbot der industriellen Nachtarbeit von Frauen, von denselben Staaten, sowie von Belgien, Großbritan- nie», Osterreich-Ungarn, Portugal, Spanien und Schweden. Am Tage, nachdem die internationale Regierungskonferenz in Bern ihre Arbeit vollendet hatte, trat in Genf die vierte Generalversammlung der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz zusammen. Der Vereinigung ge- hören jetzt die Regierungen und eigene Sektionen folgender Länder an: Deutsches Reich, Osterreich, Belgien, Dänemark, Spanien, Vereinigte Staaten von Amerika, Frankreich, Groß- britannien, Ungarn, Italien, Luxemburg, Norwegen, Nieder- lande, Schweden, Schweiz. Auf der Generalversammlung waren im ganzen etwa 90 Regieningsvertreter, Sektions- delegierte und Sachverständige erschienen. Von den Be- schlüssen der Generalversammlung sind die folgenden ganz besonders beachtenswert: Berichte sollen erstattet werden über die Maßnahmen, die in jedem Lande durch Gesetz oder Verordnung zur Sicherung der Durchführung der Arbeiter- schutzgesetzgebung ergriffen worden sind; über Umfang und Art der gewerblichen Kinderarbeit und die bestehenden gesetz- lichen Bestimmungen zum Schutze der gewerblich tätigen Kinder; über die Gefahren bei der Herstellung und der Anwendung der Bleifarben, sowie in der keramischen und polygraphischen In- dustrie; über die Dauer der täglichen Arbeitszeit der er- wachsenen Arbeiter und Angestellten, sowie über die Wir- kungen der bereits durch Gesetz, Verwaltungsmaßnahmen oder die Initiative der Arbeitgeber und Arbeiterorganisationen erzielten Beschränkung des Maximalarbeitstages, insbesondere in bezug auf die Steigerung der Arbeitsleistung der Arbeiter und den Fortschritt der Technik; endlich über die für den Export arbeitenden Hausindustrien, ihre Ausfuhr- und Kon- kurrenzgebiete sowie über die für diese Konkurrenz in Be- tracht kommenden Betriebsformen. Im weiteren sprach sich die Versammlung dafür aus, daß die Nachtarbeit für jugend- liche Arbeiter bis zum 18. Altersjahre im allgemeinen ver- boten sein soll; daß die gesetzliche Festlegung eines Maximal- arbeitstages von hohem Interesse für die Erhaltung und Förderung der physischen und geistigen Kräfte der Arbeiter und Angestellten ist; daß die in der Hausindustrie bereits nachgewiesenen Übelstände ein Eingreifen der Staatsgewalt notwendig machen; daß durch eine Verständigung der Staaten der Grundsatz der Gleichberechtigung der Ausländer und Inländer in bezug aus die Leistungen der Arbeiterverstche- rungen durchgeführt werden kann. Die Ergebnisse dieser beiden internationalen Beratungen haben die bürgerlichen Arbeiterfreunde mit großer Genug- tuung erfüllt.„Die Internationale Vereinigung für gesetz- lichen Arbeiterschutz," schreibt einer ihrer berufensten Wort- sichrer, Professor Dr. Francke, in der Sozialen Praxis,„darf sich rühmen, zu dieser Tat(dem in Bern vollzogenen Ab- schluß der beiden Übereinkünfte zwischen den Regierungen) nicht nur die nützlichsten Vorarbeiten, sondern auch geradezu' den entscheidenden Anstoß gegeben zu haben.... Auf dem bisher beschrittenen Wege wird die Internationale Vereini- gung weitergehen.... Sie geht an ihre Lösung heran ohne Überstürzung und ohne einseitigen Radikalismus, aber mit jenem Ernst und jenem Eifer, die redlicher Überzeugung, aufrichtiger Arbeiterfreundschast und wissenschaftlicher Sach- lichkeit entspringen." Wir sind die letzten, welche die bürgerlichen Arbeiter- freunde darin stören möchten, nach ihrer Überzeugung für den Ausbau des gesetzlichen Arbeiterschutzes zu wirken. Ja wir erkennen an, daß sie durch die Sammlung des für den Arbeiterschutz in Betracht kommenden Materials und durch die Herausgabe wirklich gediegener Berichte nützlich wirken können. Ganz verfehlt aber ist von den Herren die An- maßung, mit der sie sich brüsten: sie seien von„Überstürzung" und„einseitigem Radikalismus" frei. Damit wollen sie be- künden, daß sie besser als die— Sozialdemokraten seien. In Wahrheit besteht der Unterschied zwischen den sozialdemo- kratischen und den bürgerlichen Sozialpolitikern darin: Die sozialdemokratischen Sozialpolitiker sind sich darüber klar, daß die wirtschaftliche Entwickelung zur Umwandlung der jetzigen kapitalistischen Ausbeutungsivirtschaft in die sozia- listische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion führen muß, und daß der durch den Druck der Arbeiterbewegung dem Unternehmertum abgerungene Arbeiterschutz die Wege für diese Entwickelung ebnet. Sie sind demnach von der Überzeugung erfüllt, daß durch bessere Arbeiterschutzgesetze die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft erhöht, nicht ver- mindert wird, selbst wenn der Unternehmerprofit darunter leiden sollte, eine Überzeugung, die noch stets durch die Er- fahrung als richtig bestätigt worden ist. Die bürgerlichen Sozialpolitiker dagegen wollen in erster Linie die„bürger- liche", das heißt die jetzt herrschende kapitalistische Wirt- schastsordnung aufrecht erhalten. Sie können daher nichts wagen, was dem Unternehmerprofit und der gegen- wärligen Produktionsweise gefährlich werden könnte. Des- halb fragen sie bei jedem Schritt, den sie tun sollen, ob sie nicht etwa mit dem Uuternehmerprofit in Konflikt kommen. Sie untersuchen, berichten, erwägen, zweifeln, deuteln, kurz sie kommen aus dem Wenn und Aber nicht heraus. Selbst wenn sie durch den Druck der Arbeiterorganisationen dazu gelangt sind, eine Arbeiterforderung„im allgemeinen" als berechtigt anzuerkennen, kommen sie„im besonderen" mit so viel Ausnahmen, daß schließlich doch so gut wie gar kein Fortschritt erreicht wäre, wenn es nach dem Rezept der bürgerlichen Arbeiterfreunde ginge. Dies zeichnet auch die Beschlüsse der Versammlung in Genf aus. Nachdem der Satz„Verbot der Nachtarbeit für jugendliche Arbeiter bis zum 18. Altersjahr im allgemeinen" angenommen war, wurde für jugendliche Arbeiter über 14 Jahre die Nachtarbeit gestattet: a. in Fällen höherer Gewalt oder ausnahmsweiser Ver- Hältnisse; b. in Industrien, deren Rohprodukte leicht dem Verderben unterworfen sind, und zur Vermeidung großen Schadens. Hiernach wäre einem findigen Unternehmer stets die Möglichkeit geboten, sobald es Wert für ihn hat, Arbeiter- linder sogar während der Nacht ausbeuten zu können. Zur Forderung von Maßnahmen aber, um endlich mit der Durch- führung eines gesetzlich festgelegten Maximalarbeitstages für alle Arbeiter und mit der Beseitigung der Heimarbeit vor- zugehen, konnten sich die Herren noch immer nicht ent- schließen; sie müssen noch weiter untersuchen nnd erwägen. Vorläufig begnügen sie sich mit Vorschlägen, welche allein die schlimmsten Mißstände zum Beispiel der Heimarbeit kaum berühren. Die Arbeitgeber sollen verpflichtet werden: 1. ein Verzeichnis der von ihnen beschäftigten Heimarbeiter und-arbeiterinnen zu führen und den Behörden auf Verlangen jederzeit vorzulegen; 2. jeder der beschäftigten Personen bei der Auftrags- erteilung einen Zettel mit genauer Angabe des Stück- lohnes auszuhändigen und in den Räumen, wo die Auszahlung des Lohnes stattfindet, den im Geschäft in Gebrauch bestehenden Lohntarif und ein Verzeichnis der Preise für gelieferte Materialien anzuschlagen. Selbst der Beschluß:„Die Ausdehnung der Gewerbe- und Fabrikinspektion sowie der sozialen Versicherungen auf die Heimarbeiter anzustteben", ist bei den Herren nichts als ein Spiel mit Worten. Denn die bürgerlichen Parteien ver- sagen stets bei derartigen Anregungen, sofern solche wirklich ernst gemeint sind. Ebenso steht es mit den Übereinkünften der Versammlung in Bern. Sogar ein Mann wie Prof. Dr. Francke schreibt darüber: „Mag das zunächst Erreichte, der materielle Inhalt der ersten Verträge, geringfügig erscheinen und für viele der unterzeichnenden Staaten keinen direkten Fort- schritt der nationalen Sozialpolitik be- deuten",... Der gute Herr tröstet sich über diesen Mangel der Ver- ttäge damit, daß jetzt wenigstens„der erste Schritt" gemacht sei— „der schwerste Schritt! Nachdem er aber einmal getan, wird die Entwicklung sich mit naturnotwendiger Folge auf der Bahn weiter vollziehen, genau wie im Rahmen der nationalen Sozialpolitik die Verteilung der sozialen Ver- günstigungen und Rechtsfortschritte von Gruppe zu Gruppe der Bedrängten ausgleichend fortschreitet." Der„erste Schritt" ist aber getan wahrlich nicht von wegen der Wenn und Aber der bürgerlichen Arbeiterfreunde, sondern unter dem Drucke der Arbeiterbewegung in den maßgebenden Ländern— genau so, wie die wenigen Fort- schritte der„nationalen Sozialpolitik" demselben Drucke zu verdanken sind. Demgemäß hängen die weiteren Schritte auf der Bahn zu einem besseren Arbeiterschutz von dem Er- starken der Arbeiterbewegung ab und damit auch von der sozialdemokratischen Sozialpolitik, die mit ihrer wissenschaftlichen Sachlichkeit die nöttge ZieMarheit ver- bindet und deshalb ihren Forderungen den entscheidenden Nachdruck zu geben vermag. Den bürgerlichen Sozial- Politikern aber würde etwas mehr Bescheidenheit gegenüber der Sozialdemokratie recht gut stehen. Hanaua. M. Gustav Hoch. Der Wahlrechtskampf in Österreich. Was ich hier zu sagen habe, sollte eigentlich auf der Mannheimer Frauenkonferenz gesagt werden. Die Ge- nossinnen, welche der Konferenz beiwohnten, wissen, warum ich es dort nicht sagen konnte. Ich folge der Einladung der Genossin Zetkin und sage hier in kurzen Umrissen das, was ich auf der Konferenz weit deutlicher, überzeugender, weil auch ausführlicher hätte sagen können.— Die deutschen Genossinnen fanden unsere Haltung in der Wahlrechtsbewegung nicht in Ordnung, und Genossin Zetkin als Referentin über das Frauenstimmrecht sprach davon, daß man in Osterreich das Frauenwahlrecht„zurückgestellt" habe. Sie versuchte, alle Gründe, die ein solches Vorgehen begreiflich machen, aber nicht entschuldigen, anzuführen. Nun, ich stimme ganz mit Genossin Zetkin überein, daß sich die sozialdemokratische Politik von solchen Gründen nicht be- einflussen lassen darf. Tatsächlich trifft keines auf Oster- reich zu. Wir hatten nicht Angst vor der Rückständigkeit der Frauen, wir nahmen keine Rücksicht auf eine bürgerliche Partei, weil alles das für uns nicht in Betracht kam. Wir haben auch keine bürgerliche Partei, die schon so weit wäre, für die Frauen das Wahlrecht zu verlangen; die einzige Partei in Osterreich, die außer der Sozialdemokratie eine Werbekraft unter den Frauen besitzt, ist die Christlich-Soziale. Diese Partei verdankt einen großen Teil ihrer Erfolge der Agitation der Frauen. Dennoch hat sie nie ein Hehl dar- aus gemacht, daß sie gegen das Frauenwahlrecht ist, und die christlich-sozialen Frauen sind damit zufrieden. Sollte es anders werden, uns wird es recht sein. Die bürgerlichen Frauen Wiens sind für das Frauenwahlrecht, sie sind ehr- lich und wahrhaftig dafür, nicht für ein„Damenwahl- recht", sondern für das allgemeine, gleiche und direkte Wahl- recht für Männer und Frauen. Diese bürgerlichen Frauen Wiens haben über unsere Haltung so geurteilt, wie die deutschen Genossinnen durch Genossin Zeckin und Genossen Bebel. Wir haben uns in einigen Versammlungen darüber auseinandergesetzt, und voll Anerkennung und rückhaltloser Bewunderung haben die Frauenrechtlerinnen Wiens des Genossen Bebels als konsequenten Vorkämpfers für die Rechte der Frauen gedacht. Aber so nahe diese Frauen auch der Wahlrechtsbewegung standen, Verständnis für unsere Haltung konnten sie doch nicht aufbringen.„Das Frauen- st immrecht auf alle Fälle", war ihre Meinung. Was sie zur Propaganda für diese Forderung tun konnten, haben sie gemacht, und sie haben es nicht schlecht gemacht. Und doch verlief ihre ganze Bewegung eindruckslos, weil aller Augen auf die Wahlrechtsbewegung der Sozialdemokraten gerichtet waren. Warum wir aber das Frauenwahlrecht nicht in den Vordergrund gerückt haben? Genossinnen! Jede einzelne von uns hätte es als Verbrechen empfunden, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Regierung durch irgend etwas von dem Kampfe ums Wahlrecht der Männer abzulenken, sei es auch durch die uns allen am Herzen liegende Forderung nach dem Frauenwahlrecht. Nein, Ge- nossinnen, wir alle wußten, denn wir hatten den Willen dazu, dieser Kampf ums gleiche Recht darf nur mit einem Siege enden. Und hätte es gegolten, das Äußerste zu wagen, die Arbeiter waren dazu entschlossen. Und weil es so stand, mußte alles auf diesen einen Punkt konzentriert werden. Nie und nirgends hat die österreichische sozial- demokratische Partei beschloffen, das Frauenwahlrecht „zurückzustellen", die Genossinnen haben aber in einem geschichtlich ewig denkwürdigen Moment erklärt, in diesem Wahlrechtskamps mit allen Kräften mitzuhelfen, daß die „Kurienschande" beseitigt werde, daß Osterreich endlich das gleiche politische Recht für die Männer zur Tatfache mache. Die Genossinnen haben weiter unter enthusiastischer Zu- stimmung des Parteitags erklärt, daß sie die Überzeugung haben, die von politischer Ungleichheit befreiten Männer werden die entschlossensten Kämpfer für die gleichen politischen Rechte der Frauen werden. Grundsätzlich fordem wir ja das Wahlrecht für alle Staatsangehörigen vom 21. Lebensjahr an für beide Geschlechter, wir ver- langen das Proportionalwahlrecht, und doch haben wir in dem entscheidenden Wahlrechtskampf auch davon nicht gesprochen. Es mußte eben allen Machtfaktoren in Öfter- reich eindringlichst eingeschärft werden, daß es uns Ernst ist, bis ans Ende zu gehen, nicht mehr ohne vollen Er- folg den Kampf zu beenden. Daher ließen wir alles, was gegenwärtig keine Aussicht auf Erfolg hatte, unausgesprochen. Genossin Zetkin hat zwar gemeint, wir hätten das Frauen- Wahlrecht fordern sollen, später wäre immer noch Zeit ge- wesen, es zurückzuziehen. Das wäre direkt eine Gefahr ge- wesen. Warum sollten wir Zweifel an dem Ernst unseres Kampfes auflommen lassen? Das Frauenwahlrecht aber hätte niemand ernst genommen. Sollten wir den Anschein erwecken, daß wir schließlich auch am allgemeinen gleichen Wahlrecht der Männer werden herummäkeln lassen? Und an Lust dazu hat es wahrhaftig nicht gefehlt. Die Nutz- nießer des Privilegienwahlrechts haben heiß genug um ihr Privileg gekämpft. Durch den konsequenten, jahrelangen Kampfder„Arb eiter-Zeitung", unseres Zentralorgans, aber waren schließlich alle Kreise der Bevöckerung von der Erkenntnis durchdrungen worden, daß das allgemeine gleiche Wahlrecht der einzige Ausweg aus den schweren Wirren des österreichischen Staates ist. Auf der Frauenkonferenz wäre es mir gewiß gelungen, diese Tatsachen den Genossinnen lebendig darzustellen und ihnen etwas von der tiefinnersten Begeisterung mitzuteilen, die uns alle beseelte. Vielleicht hätte ich es auch vermocht, den deutschen Genossinnen den Stolz verständlich zu machen, den die österreichischen Genossinnen auf ihre Haltung im Wahlrechtskampfe empfinden. Keine von uns hätte es in jenen ernsten schweren Tagen vom November 1905 bis Februar 1906— am 28. Februar d. I. wurde von der Re- gierung Gautsch dem Parlament das Gesetz auf Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts vorgelegt — vermocht,iue Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, als auf das gleiche Recht der Männer. Wer unsere Wahlrechtskämpfe von 1893 an verfolgt hat, muß dies be- greiflich finden. Zahllose Verwundungen, Jahre von Kerker und Gefängnis waren die Begleiterscheinungen unserer Wahlrechtskämpfe von 1893 an. Mit der V. Kurie 1896 wurde dieser Kampf abgeschlossen. 72 Mandate von 42S hatte man für die Arbeiterschaft ganz Österreichs gnädigst bewilligt. Ein Schandwahlrecht, eingerichtet und zuge- schnitten, den Willen der Arbeiterschaft nicht zum Ausdruck kommen zu lassen. Zwei Wahltage in der V. Kurie haben wir mitgemacht, den 8. März 1897 und den 3. Jänner 1901. Und an diesem 3. Jänner da gelobten die Arbeiter Oster- Nr. 21 Die Gleichheit 14b reichs: Keine Wahl mehr in der V. Kurie. Und das wurde allen, die mit ihrem Denken und Empfinden in der Sozialdemokratie wurzeln, zu einem förmlichen Glaubenssatz. Es würde über den Raum dieses Artikels gehen, von unseren Wahlrechtslämpfen zu erzählen; nach manchen Vorstößen aber waren im Herbste 190tz die Vorbedingungen zum End- kämpf vorhanden. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, die österreichische Regierung wollte die Wahlreform.— Nein, es mußte ihr erst durch einen entschlossenen Kampf klar ge- macht werden, daß die Wahlreform nicht mehr aufzuhalten ist. Noch im Oktober 1905 erklärte der Ministerpräsident Baron Gautsch, daß die Zeit für das allgemeine gleiche Wahlrecht noch nicht vorhanden ist. Am 28. November desselben Jahres aber war die Einsicht von der Unauf- schiebbarkeit des allgemeinen gleichen Wahlrechts beim Mi- Nisterpräsidenten so weit gediehen, daß er feierlich er- klärte, er werde eine Regierungsvorlage einbringen, die das allgemeine gleiche Wahlrecht enthält. Zwischen diesen zwei Erklärungen lag allerdings ein Monat leidenschaftlichsten, zielbewußt geführten Wahlrechtskampfes. Der Parteitag anfangs November hatte beschlossen, zur Erreichung des Wahlrechts als eines der äußersten Mittel den Mas- senstreik anzuwenden. Die Führer der Gewerkschaften, die Vertreter der Nation alitäten hatten in feierlichen Erklärungen zugestimmt. Da war es, wo auch die Genoß sinnen ihre oben besprochene Erklärung abgaben. Nun kam Aktion auf Aktion. Die Vorbereitungen für die Arbeitsruhe am 23. November wurden getroffen und hielten die Partei in unaufhörlicher Tätigkeit. Am 28. Februar d. I. endlich trat die Regierung Gautsch mit der Wahlreformvorlage vor das Abgeordnetenhaus. Am I.Mai war das Ministerium Gautsch nicht mehr vorhanden. Die Wahlreformfeinde hatten es gestürzt. Das Ministerium, das folgte, war einen Monat im Amte, und die Wahlreform stockte im Ausschuß; Komplikationen mit Ungarn führten dazu, daß auch diese Regierung ging, an deren Spitze der ob seiner demokratischen Gesinnung bekannte Prinz Hohen- lohe stand. Nun kam Baron Beck, der gegenwärtige Premier. Und die Wahlreform stockte noch immer. Die Feinde des gleichen Wahlrechtes, die im Wahlreformausschuß Sitz und Stimme haben, scheuten kein Mittel, die Wahlreform zu Fall zu bringen. Da beschloß die Parteivertretung im Einvernehmen mit der G e w e rks ch afts ko m mis s i o n, den Massenstreik für die allernächste Zeit vorzubereiten. Als Warnungssignal sollte eine dreitägige Arbeits- einst ellung in Wien vorangehen. Am 10. Juni erschien das Manifest an die Sozialdemokraten Österreichs, und schon am nächsten Tage begannen die Vorbereitungen der Branchen. Das Frauenreichskomitee gab ein Flugblatt an die Frauen heraus, das in einer Anzahl von 150000 in Wien ver- breitet wurde. Es wendete sich an die Frauen, erörterte ihnen die Bedeutung des Wahlrechtes und forderte sie aus, ihren Männern den Kampf nicht schwer zu machen, wenn in den nächsten Tagen alle Arbeit eingestellt werde. Das Flugblatt wirkte. Zu Hunderten drängten sich die Frauen, um das in den Verschleißstellen der„Arbeiter-Zeitung" ausgehängte Flugblatt zu lesen. Ganz Wien war getragen von der Über- zeugung, daß die nächsten Tage Schweres bringen werden. Der arbeitende Teil der Bevölkerung war entschlossen, für sein Recht zum Äußersten zu greifen, die anderen waren von Furcht beherrscht. Nie werden wir den Ernst jener Tage vergessen, nie aber auch die Begeisterung für den Kampf ums Recht, der alle erfüllte. Der Wahlreformausschuß be- gann rechtzeitig zu arbeiten. Das Warnungssignal war nicht umsonst ergangen. Das Parlament wird in wenigen Tagen das letzte Wort zu sprechen haben. Das allgemeine gleiche Wahlrecht wird aller Voraussicht nach Gesetz werden, und die Arbeiterschaft Österreichs wird am Abschluß eines großen, an erschütternden, von echt revolutionärer Be- geisterung getragenen Momenten, reichen Kampfes stehen. In kurzen Umrissen habe ich versucht, den Genossinnen ein Bild unserer Wahlrechtsbewegung zu geben. Das Frauen- Wahlrecht stand nicht im Bordergrunde des Kampfes. Trotz- dem ist es nicht übertrieben, wenn ich ausspreche, daß die Genossinnen Österreichs durch ihre Haltung und Taktik in diesem Kampfe dem Frauenwahlrecht mehr genützt haben, als wenn es so nebenbei mitgefordert worden wäre. Die Frauen haben— und da spreche ich von der großen Masse der Genossinnen— für diese Taktik volles Verständnis be- weisen, und keine einzige, auch nicht die enthusiastischsten Vorkämpferinnen des Frauenwahlrechts hätten anders han- deln mögen. Die Genossinnen können versichert sein: gilt es für das Frauenwahlrecht zu kämpfen, dann werden die österreichischen Frauen für diesen Kampf dieselbe Energie, dieselbe Be- geisterung aufwenden, die sie im Kampf für das Recht der Männer gezeigt haben. Wien. Adelheid Popp. Vorläufige Antwort. Die deutschen Genossinnen wer- den es sicher der Genossin Popp Dank wissen, daß sie an dieser Stelle darlegt, was mündlich zu sagen der Schluß der Diskussion ihr leider verwehrte. Zur Sache selbst läßt sie mich meine Ausführungen über die Haltung der österreichi- schen Sozialdemokratie dem Frauenstimmrecht gegenüber auf Gründe stützen, die ich wohl zur Charakterisierung des Kampfes ums Wahlrecht in Belgien und Schweden ange- führt habe, aber mit keiner Silbe in Verbindung mit der Taktik der österreichischen Genossinnen und Genossen in ihrem letzten Wahlrechtskampf brachte. Genossin Popp ist dagegen nicht äff die Argumente eingegangen, mit welchen ich begründete, daß die deutschen Genossinnen bei aller An- erkennung der von den österreichischen Genossinnen geübten Disziplin den Standpunkt derselben in der Frage des Frauen- stimmrechtes nicht zu teilen vermögen. Das wird in nächster Nummer der Abdruck der einschlägigen Stelle meines Referats erweisen. Im Anschluß daran werde ich mich auch mit den Gründen auseinandersetzen, die Genossin Popp für die Hal- tung der österreichischen Genossinnen ins Feld führt. Klara Zetkin. Kongreß für Kinderforschung und Zugend- fürsorge. In den ersten Tagen des Oktober hat zu Berlin ein Kongreß für Kinderforschung und Jugendfürsorge statt- gefunden. Man darf es als ein charakteristisches Zeichen der Zeit ansehen, daß dieser Kongreß, der das schlechthin wichtigste Thema behandelte, das der Menschheit gestellt werden kann, von der großen Tagespresse fast un- bemerkt geblieben ist. Welch wichtigere Aufgabe kann der Menschheit obliegen, als die Fürsorge für das werdende Geschlecht, das heißt für ihre eigene Zukunft? Was nutzt die stolzeste Kultur, wenn vielleicht schon die nächste Ge- neration nicht mehr imstande ist, sie auf ihrer Höhe zu er- halten? Wer aber die hauptstädtische Presse durchmustert, der findet allerdings Berichte über den Kongreß— aber was für welche! Der Leser der Tageszeitungen— und wie- viel Menschen lesen mehr als diese?— erfährt eigentlich nur eine knappe Aufzählung der Themata, über welche auf dem Kongreß Vorträge gehalten worden sind. Die paar Brocken, die dann noch über den Inhalt der Vorträge mitgeteilt werden, wären besser ungedruckt geblieben. Denn. soweit sie nicht direkt sinnlos sind, kann man ihnen ansehen, daß sie nur ein verzerrtes Bild dessen geben, was die Referenten auf dem Kongreß in Wirklichkeit gesagt haben. Wahrlich, nachdem im allgemeinen in der Tagespresse ein nicht zu leugnender Fortschritt in bezug auf Berichterstattung von Kongressen zu konstatteren ist, hätten wir ein so geringes Verständnis für das wichtige Problem der Kinderfürsorge nicht erwartet. So hat man denn im ganzen wenig von dem Kongreß erfahren, und falls ein stenographisches Protokoll erscheinen sollte— wir wissen nicht, ob ein solches geplant ist—, dürfte es sich empfehlen, auf die einzelnen dort behandelten Fragen nochmals ausführlich zurückzukommen. Jedoch auch aus dem wenigen schon, das bisher vorliegt, lassen sich einige und nicht uninteressante Fingerzeige schöpfen. Das grundlegende Werk des großen Forschers Preyer über„Die Seele des Kindes" ist zum erstenmal im Jahre 1881 erschienen. Doch in dem seither verflossenen halben Menschen- alter ist die 5kinderforschung recht wenig gefördert worden— das ist eigentlich die wesentlichste Lehre des Kongresses. Sicherlich sind unsere Kenntnisse über die Beschaffenheit des Nordpols und des Südpols seit 1881 mehr bereichert worden, als die Kenntnis von dem, was uns am nächsten liegt, von unserem eigenen und unserer Kinder Geistesleben. Als Preyer 1695 die Vorrede zur vierten Auflage seines Werkes schrieb, hatte er auf seinem Wege noch ivenig Nachfolger ge funden; ja auf einem sehr wichtigen Gebiet, nämlich bei den Beobachtungen und Versuchen an eben geborenen Tieren, noch gar keine. Und doch ist„das geisttge Leben des Menschen in seiner ersten Entwicklung so verborgen, daß viele zusammen arbeiten müssen, um es zu entschleiern; der einzelne kann nur wenig davon übersehen". Noch im Jahre 1900, als nach Preyers Tode sein Schüler Schäfer die fünfte Auflage herausgab, mußte er in der Vorrede bemerken „Fast 20 Jahre sind seit dem ersten Erscheinen der„Seele des Kindes" vergangen, aber noch immer ist dieses Buch die reich fließende Quelle, aus der andere Autoren Tatsachen und Probleme zu schöpfen pflegen, während ich umgekehrt nur weniges in den neueren und neuesten Arbeiten auf dem Gebiet der Psychogenesis(Lehre von der Entstehung der Seele) zu finden vermochte, das geeignet war, als wesentlich ergänzend in die neue Auflage aufgenommen zu werden." Das gleiche lehrt denn wohl auch die Tatsache, daß es volle 25 Jahre gedauert hat, bis zum erstenmal ein Kongreß für Kinderforschung zusammentrat. Bedenkt man dies, so ist wohl klar, daß das Schweigen der haupfftädtischen Presse kein zufälliges ist. Vielmehr ist in den Kreisen derer von„Bildung" und Besitz offenbar recht wenig Interesse an den Fragen der Kinderforschung vor- Händen. Vermutlich ist ihnen zum großen Teil schleierhaft, was es an Kindern überhaupt zu erforschen gibt. Das Werden und die Zukunft ihrer Kinder ist nämlich auch ohnedies gesichert. Und damit sind wir an den Kern der Frage herangerückt. Der Kinderforschung stellen sich zwei Probleme: Erstens die Frage, welche geistigen Fähigkeiten das Kind mit auf die Welt bringt und wie es demzufolge auf die Einwirkungen der Außenwelt zu reagieren in der Lage ist; zweitens aber die Frage, welche Einflüsse die äußere Umgebung auf des Kindes Seelenentwicklung ausübt. Bei der zweiten Frage sieht man ganz deutlich, daß es sich um ein soziales Pro- blem handelt, und die Erforschung der ersten Frage dient ebenfalls nur als Hilfsmittel dazu. Näherer Einblick in die sozialen Probleme unserer Zeit ist aber geeignet, Appetit und Verdauung zu stören, deshalb liebt der ehrsame Bürgers- mann dergleichen nicht. Preyers Buch behandelt— nach dem Grundsatz ver- nünftiger Arbeitsteilung— nur den ersten Teil des Pro- blems. Bemerkenswert, daß er schon hierbei zu. einer voll- ständigen Verdammung des üblichen Erziehungswesens kommt. „Zuerst Natur ohne Dressur, dann Kultur," lautet der Erziehungsgrundsatz, zu dem er gelangt.„Die Kunst, das kleine Kind werden zu lassen, ist viel schwerer als die, es vorzeitig zu dressieren." Mit dieser Seite der Frage hat sich der Kongreß nur wenig beschäftigt. Zu einem Vortrag(nicht im Plenum, sondern in einer Sektion) des Dr. Stern- Breslau über „Psychogenesis" kam noch ein Bortrag über die„Reakttons- zeit im Kindesalter", das heißt über die Zeit, die es dauert, bis äußere Anrcizungen den Weg durch das Nervensystem der Kinder nehmen und sich in Tätigkeit umsetzen. Im übrigen wurden Vorträge gehalten über den Einfluß des Milieus (der Umgebung) ans die Seele des Kindes, über Fröbelsche Kindergärten, über Fürsorge für die schulentlassene Jugend, über Ferienkolonien, über das Wohnungselend in seinem Einfluß auf die Kinderseele und über die Behandlung der Kinder vor Gericht. Daneben fanden einige Vorträge über Fragen mehr ärztlichen Inhaltes statt, wie über stotternde und über idiotische Kinder. Man sieht, den größten Teil seiner Arbeit widmete der Kongreß den sozialen Einwirkungen, denen die Kinder ausgesetzt sind. Es versteht sich, daß wir diese Arbeit des Kongresses nur gutheißen können. Die Vorträge haben durch interessante Einzelheiten Zustände beleuchtet, die jedem Leser sozialdemo- kratischer Schriften ohne weiteres bekannt sind. Gewiß ist es von Interesse, daß zum Beispiel in Berlin fast zwei Drittel aller Kinder(63 Prozent) kein Bett für sich allein haben, uuo daß sogar die Zahl derer nicht gering ist, die zu dreien und vieren in ein Bett sich teilen müssen. Gewiß hat es Wert, daß nun schon ein Landgerichtsrat, und sei es auch nur der als Sozialreformer bekannte Herr Kulemann, zu der Einsicht gekommen ist, daß die strafrechtliche Behandlung der Kinder und der Jugendlichen— sei es als Ange- klagte, als Zeugen oder als Verurteilte— nur ein einziger grober Verstoß gegen die elementarsten Regeln Wissenschaft- licher Seelenkunde ist. Aber welchem Proletarier wird da- mit etwas Neues gesagt? So liegt denn die Bedeutung des Kongresses weniger in seiner positiven Arbeit, als vielmehr darin, daß er dokumen- tiert, wie die soziale Frage immer gewaltiger den Besitzenden auf den Leib rückt. Man kann nicht mehr ganz die Augen verschließen gegen Dinge, die vor 20 Jahren auch schon vor- handen waren, aber damals hochmütig ignoriert wurden. Und noch eins ist bedeutungsvoll für den Kongreß. Auf Grund vorurteilsloser Forschung kommt der eine— und zwar handelt es sich ausnahmslos um bürgerliche Ge- lehrte— zu dem Schlüsse, daß das ganze Erziehungswesen auf neue Grundlagen gestellt werden muß; der andere zu der Erkenntnis, daß die Behausung der Arbeiter eine ganz andere werden muß; der dritte zu der Einsicht, daß die ge- samte Behandlung der Jugendlichen vor Gericht eine grund- verkehrte ist. Aber hat sich einer der gelehrten Herren die Frage vorgelegt, ob die von ihm für nötig befundenen Änderungen innerhalb der Klassengesellschaft überhaupt mög- lich sind? Wir glauben kaum. Es ist ja doch schließlich kein Zufall, daß wir in diese verrotteten Zustände hinein- gekommen sind. Sie sind historisch geworden. Und deshalb kommt man aus ihnen auch nicht heraus durch bloßes Wünschen, noch durch Aufdecken schlimmer llbelstände. Man muß vielmehr die soziale Frage im ganzen zu er- fassen suchen. So große Wichtigkeit der ungeschminkten Erkenntnis des gegenwärtig Vorhandenen auch zukommt, nicht minder wichtig ist die Erkenntnis, wie es geworden ist. Der Kongreß hat diese Frage nicht angeschnitten, deshalb ist seine Arbeit nur eine halbe. Nur im Zusammenhang mit der Erforschung des geschichtlichen und wirtschaftlichen Unter- grundes, auf dem die festgestellten Greuel erwachsen sind, kann nach Mitteln zur Heilung gesucht werden; denn die Heilung besteht eben in der geschichtlichen Umwandlung des wirtschaftlichen Untergrundes. Das heißt mit anderen Worten: die Arbeit des Kongresses hat Wert und Bedeutung nur als Beitrag zur Arbeit der Sozialdemokratie. n, dt. Die sozialdemokratische und sozialistische Zugendbewegung in Schweden. Die sozialistische Jugendbewegung in Schweden existtert so ziemlich seit den ersten Tagen der sozialdemokratischen Partei. Ende der achtziger Jahre wurden in Stockholm wie in mehreren anderen Orten Sonntagsschulen errichtet, an denen die Parteigenossen mit großem Eifer wirkten. In diesen Sonntagsschulen wurde Unterricht erteilt in Ge- schichte, Naturwissenschaft, Geographie usw., und zwar nach einer einfachen und anregenden Unterrichtsmethode. Außer- dem wurde Gewicht darauf gelegt, die Kinder in rein hu- manitärem Sinne zu erziehen und zu leiten; auch der Ge- sang wurde gepflegt. Leider gingen diese nützlichen Schulen bald ein, da wichtige Akttonen der Partei das Interesse und die Kräfte beanspruchten. Mitte der neunziger Jahre entstand sodann die sozialisttsche Jugendbewegung, die sich anfangs die Aufgabe stellte, auf der Basis des Parteiprogramms sowohl die weibliche als männliche Arbeiterjugend zusammenzuschließen. Dies geschah in den„Sozialistischen Jugendklubs", welche wiederum in dem Sozialistischen Jugendverband vereinigt waren. In der ersten Zeit wurde eine erfolgverheißende Tätigkeit ent- faltet, und eine Anzahl guter Kräfte erhielten hier ihre erste Schulung. Unter diesen sind besonders zu nennen: Karl Börjesson, jetzt Verleger; Kronow, der allzufrüh ins Grab sank, und schließlich Emil Rosen, jetzt Redakteur des täglich erscheinenden Parteiorgans in Gesle,„Arbetarebladet". Die Aufgabe der Jugendbewegung war: Auf der Grundlage der sozialdemokratischen Auffassung die Jugend zu sammeln, ihr Interesse zu wecken für kulturelle und soziale Fragen und sie zu schulen für die kommende politische und gewerk- chaftliche Arbeit innerhalb der betreffenden Organisationen. Es wurdm Versammlungen, Diskussionen, Vorlesungen und 146 Die Gleichheit Nr. 21 Vorträge veranstaltet, daneben auch Vergnügungen und Be- sind gemacht worden. Seitdem wir die sogenannten Maul-| schnittsalter von 38 Jahren; die hohe Kindersterblichkeit lustigungen. Leider fand diese Jugendbewegung bei den forbgesetze im letzten Frühling erhielten, haben die beiden schrie zum Himmel; das überlebende Geschlecht war strofu älteren Parteigenossen die Unterstützung nicht, die sie in Organisationen sich in der antimilitaristischen Agitation ein lös verseucht; mit der wirtschaftlichen Not ging der Verfall Wirklichkeit verdient hätte, und deren sie bedürftig war. wenig genähert. Die Verschmelzungsvorschläge dürften jedoch des Familienlebens, mit dem physischen das geistige und Man sah im Gegenteil mit argwöhnischen Blicken auf die wahrscheinlich an der Haltung der sozialistischen Gruppe sittliche Verkommen Hand in Hand. Arbeit der Jungen, und die Folge war, daß auf beiden scheitern, und zwar wegen ihrer rücksichtslosen Agitations- So hatte die wirtschaftliche Entwicklung unter den niederSeiten Mißtrauen gegeneinander entstand. weise und ihrer Beschimpfungen der Sozialdemokratie. erzgebirgischen Textilarbeitern den Boden bereitet, auf dem So glitt die Jugendbewegung in andere Bahnen hinüber." Brand", das Organ der sozialistischen Gruppe, hat zurzeit die Ideensaat der Internationale rasch und üppig in die Das Preßorgan der Jugend„ Brand"( zu deuten etwa:" Die eine Auflage von zirka 10 bis 12000; die Mitgliederzahl Halme schießen konnte. Die Arbeiterbildungsvereine waren, Fackel". Anm. des übersetzers), das mit großen ökonomischen dürfte höchstens 10000 betragen. Die„ sozialistischen Jungen" um mit Motteler zu reden, die„ Vorfrucht" der verschieden Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, war von Anfang an in wirken energisch für ihre Ideen, aber doch nicht mit der- fartigsten Organisationen, die binnen weniger Jahre ent Konflitt geraten mit den leitenden älteren Kräften der Partei, felben Kraft wie der sozialdemokratische Zweig der Jugend- standen. Als ihre geistige und propagandistische Zentrale und bald war der Kampf in vollem Gange. Nachdem dann bewegung. darf die im Juli 1867 gegründete Spinn- und WebAnfang 1900 Herr Hinke Bergegren von einem langen An Stelle der früheren Sonntagsschulen haben die sozial genossenschaft E. Stehfest& Cie. in Crimmitschau Aufenthalt im Auslande nach Schweden zurückfam und die demokratischen Jugendklubs jetzt die Jdee der„ Märchen- angesehen werden. Sie war das feste Rückgrat der InterLeitung der sozialistischen Jugendbewegung übernahm, wurde stunden" aufgenommen. Die Kinder sammeln sich an den nationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrikdiese nahezu vollständig in das anarchistische Fahrwasser gelenkt. Sonntagvormittagen in diesen„ Märchenstunden", hören hier und Handarbeiter mit ihrer Kranken- und Sterbefasse; an ste Die heftigsten und hämischsten Angriffe wurden ihrerseits gegen Musit, Märchen und Gesang, im Sommer werden außerdem war die Druckerei des sozialistischen„ Crimmitschauer Bürgerdie Parteileitung, besonders gegen den Redakteur Branting Festlichkeiten im Freien und Ausfahrten arrangiert; im und Bauernfreund" angegliedert; sie stand in enger Fühlung geschleudert. Die Jungsozialisten", wie sie nunmehr genannt Winter wird ebenfalls dann und wann ein größeres Fest mit den Konsumvereinen, Vorschuß- und Bildungsvereinen usw. wurden, hielten Skandalversammlungen im Stockholmer veranstaltet. Die Einrichtung ist sehr populär geworden, von Sachsen, mit den sechs Schneidergenossenschaften der Volkshaus ab. Aber auch in Lund, Helsingborg und Lands- und besonders in Malmö, Lund und Eskilstuna ist der Schweiz usw. Die Organisationen, welche ihr Netz über frona war der Kampf bald in vollem Gange. Die„ Alteren" Anschluß an die„ Märchenstunden" ein sehr großer. Sachsen, das Erzgebirge im besonderen, spannten, waren der versuchten zunächst die ganze Bewegung„ totzuschweigen" In furzen Zügen habe ich in vorstehendem die Arbeit Internationale nicht angegliedert, ja standen nur in losester aber das gelang nicht. Die heftigen Angriffe in Ver- unter den Jugendlichen seitens der Jugendlichen selbst Fühlung mit ihr. Nichtsdestoweniger waren sie Bein von sammlungen und in" Brand" nahmen zu, und besonders in stizziert. Kata Dalström- Stockholm. ihrem Bein und Fleisch von ihrem Fleisch. Ihre hervor Stockholm gelang es Herrn Hinke Bergegren, durch seine ragendsten Organisatoren, Agitatoren und Leiter, die Bebel, flegelhaften Angriffe gegen die Parteileitung eine MißstimMotteler, Germann, Franz, Karl Hirsch, Robert Seidel, Wilmung gegen diese zu erzeugen, die sich recht unangenehm helm Stolle usw., wirkten im Zeichen der großzügigen Gezweck auch immer eine Organisation hervorkehrte, sie diente Von Klara Zetkin. dem Ziele, das die Internationale gesteckt: der Zusammenschweißung des Proletariats als revolutionäre Klasse, deren Kein Zufall, die wuchtende Logik der geschichtlichen Entsoziale Erkenntnis sich in soziale Macht" umsetzen sollte. wicklung, der sozialen Zusammenhänge bedingte das. Um Als Grundzug war ihnen in der Folge gemeinsam: Mitteldie Zeit, als die Internationale den Schlachtruf des Kommu- punkte, Stützpunkte für alle sozialen und politischen Benistenbundes erneuerte, befand sich die sächsische Textilindustrie wegungen" der Arbeiterklasse schaffen, alle schlummernden in einem übergangsstadium vom handwerksmäßigen Klein Kräfte wecken und zur Betätigung rufen zu wollen für den betrieb zum großen mechanischen Fabrikbetrieb. Alle Furien materiellen und kulturellen Aufstieg des Proletariats. All leiblichen und geistigen Elends, welche die siegestrunken- dies aber zu dem Zwecke, unter den Lohnarbeitenden die fühllos vorwärtsstürmende, fapitalistische Entwicklung Jdee auszubreiten und zu fördern, die genossenschaftliche König Dampf voran" entfesselte, zerfleischten die erz- Arbeit an die Stelle der Lohnarbeit zu setzen, um statt des gebirgische Bevölkerung. Gleich entsetzlich war das Los der Arbeitslohnes den Arbeitsertrag zu erringen". absterbenden Schicht selbständiger Kleinmeister und der sich rasch bildenden Klasse der Fabrikarbeiter. Die Verhandlungen der Webertage zu Glauchau, Mai 1871, und zu Berlin, Mai 1872, sowie der Weberinnungskonferenzen zu Chemniz, März 1872 und März 1873, spiegeln das erschütternd wider. Eindringlichst reden davon die Angaben in den Berichten der„ Zirkulare", welche das Zentralfomitee der deutschen Manufakturarbeiter laut Beschluß des Webertages zu Glauchau von 1871 bis 1873 herausgab. Was sie feststellen und für jeden Sachvertrauten über die nackten Ziffern hinaus mit tödlicher Sicherheit bekunden, das bestätigten später vollauf die offiziellen Erhebungen, welche nach den Wahlerfolgen der Sozialdemokratie in Sachsen die Furcht dem Reichstag abpreßte. fühlbar machte. Die ganze Jugendbewegung war schwer Die Anfänge der proletarischen Frauen- bankenwelt des internationalen Sozialismus. Welchen Sonderbewegung in Deutschland. ausgeartet und von dem richtigen Wege abgekommen. In der Folge sah es sehr bedenklich für alle diejenigen aus, die auf der gleichen Grundlage, auf der die sozialdemokratische Partei steht, eine starke Jugendbewegung wünschten. Es tauchte nun der Gedanke auf, eine neue Jugendorganisation zu gründen, und es wurden Vorschläge zu einer solchen Organisation gemacht, die nicht gegen, sondern für die Partei arbeiten sollte. Die Reibungen zwischen den beiden verschiedenen Strömungen in den " Jugendklubs" wurden immer heftiger, und schließlich endete jede Diskussion in einer Schimpferei. Nach dem Jugendfongreß in Stockholm trat endlich der unvermeidliche und nötige Bruch ein. Auf diesem Kongreß hatte Herr Bergegren seinen Willen vollständig durchgesetzt. Der Programmpunkt betreffend die Religion war dahin abgeändert worden, daß die Religion zu bekämpfen sei; desgleichen war in der Frage der Landesverteidigung eine andere Stellung eingenommen worden, als die Partei sie einnahm; außerdem sollte der Parlamentarismus bekämpft werden. Kurz die Jugendbewegung hatte sich ein rein anarcho- sozialistisches Programm gegeben. Am 11. März 1903, nach einer stürmischen Versammlung des sozialdemokratischen Jugendklubs in Malmö, wurde der Bruch perfekt. Bereits am 24. März konstituierte sich der " Sozialdemokratische Jugendverband". Es ward die Gründung eines neuen Organs Fram"( Borwärts") beschlossen, das bald darauf sein Erscheinen begann. Die neue Jugendorganisation ist von großem Nutzen für die Verbreitung der sozialdemokratischen Ideen im ganzen Lande gewesen. Die Jugend hat mit einer großen Energie und Begeisterung, die nicht genug zu bewundern ist, ihre Aufgaben zu lösen gesucht. ( Fortsetzung.) Eine so weit und tief zielende Bewegung, die in alle Seiten der proletarischen Existenz hineingriff, konnte sich angesichts der aufgezeigten Situation nicht durchsetzen, ohne auch die Proletarierin in ihren Bannkreis zu ziehen. Die Proletarierin, die als Hausfrau und Mutter wie als Arbeiterin unter der Sündenlast des Kapitals feuchte. Mit zwingender Gebärde wiesen die Verhältnisse auf sie als Schutzbedürftige und als Mitkämpferin hin. Die überlieferten Anschauungen von den Unterschieden des Geschlechtes, von dem, was dem Weibe ziemt und nicht ziemt, wurden von starrnackigen Tatsachen niedergekämpft. Die international gerichtete Arbeiterbewegung des Erzgebirges sah vor sich nur weibliche Sklaven des Kapitals, die den männlichen gleich ausgebeutet wurden, litten und dem proletarischen Rampfesheer eingereiht werden mußten. So ging sie bewußt daran, die Konkurrentin des Mannes auf dem Markte, die Feindin seiner Ideale im Heim zu verwandeln in seine gleichberechtigte und gleichverpflichtete Streitgenossin auf dem Blachfelde des Klassenfampfes. Sie richtete ihre Propaganda an die Proletarier „ beiderlei Geschlechtes", wie es damals hieß, und rief sie unterschiedslos zum Zusammenschluß auf. Für die Werktätigen der fächsischen Textilindustrie hatte der Triumph der kapitalistischen Produktion eine Hölle geschaffen, wie sie furchtbarer nicht den Anfängen der englischen Manufaktur eigentümlich gewesen war. Mehring führte in seiner Geschichte der deutschen Sozialdemokratie" an:" In Von den Genossen, die in der sozialdemokratischen Jugend- der Glauchau- Meeraner Handweberei arbeiteten im Jahre bewegung besonders tätig waren, sind zu nennen: Der Dichter 1863 30 900, im Jahre 1880 nur noch 3194 Handstühle zur R. G. Ossian- Nilsson- Malmö, der den Vorsitz übernahm, Musterweberei; mindestens 40000 Personen hatten die mecha- Auf dem ersten Verbandstag der sächsischen Konnachdem Tapezierer A. Lindquist zurückgetreten war. So- nischen Webstühle in diesem einen Kreise innerhalb eines sumvereine zu Chemnitz, Ende März 1869, fand ein wohl der Redakteur Fredrik Ström wie Beth Höglund, halben Menschenalters überflüssig" gemacht." In Wald- Trinkspruch begeistertes Echo„ auf unsere Frauen, als die beide damals Studenten an der Universität, warfen sich in heim war 1871 die Zahl der Meister von 200 auf 110 ge- wichtigsten Faktoren unseres Vereinslebens". Kurz vorher, die Jugendbewegung und kämpften dafür, daß sie wieder sunken, von denen obendrein die Hälfte auf Handarbeit ging am 28. Februar, beim Stiftungsfest des Arbeitererstarkte und in richtige Bahnen einlenkte.( Beth Höglund( 3irkular 3). Die mechanische Produktion schleuderte den fortbildungsvereins Glauchau, hatte sich Motteler mit verbüßt zurzeit eine Strafe von neun Monaten Gefängnis Handwebstuhl in die Rumpelkammer, jagte Meister und Ge- geradezu programmatischer Klarheit und Bestimmtheit, über für den bedeutungsvollen Aufruf des sozialdemokratischen sellen brotlos auf die Straße und bevölkerte die dumpfigen, die Frau und ihre Stellung im Hause und in der Jugendverbandes" Die Waffen nieder!", der während geräuschvollen Fabriksäle mit Frauen und Kindern. Aus Offentlichkeit" ausgesprochen. In einer Rede, deren der Unionskrise von 1905 erschien.) An der Seite dieser Ge- Werdau meldet ein Bericht( Zirkular 2) den Rückgang der schwungvolle Rhetorik an die Zeiten der großen französischen nossen standen eine große Anzahl junger Kräfte aus Arbeiter- Meister von 400 auf 200, der Gesellen von 180 auf 15; Revolution erinnert und auch sonst charakteristisch für die treisen, von denen hier genannt werden sollen: Fabian 200 mechanische Webstühle am Orte wurden ausschließlich liebevolle Vertiefung in ihre Geschichte ist, verlangte er die Mansson, Per Albin Hansson, der junge energische Re- von Mädchen bedient. Ausschließlich Mädchen sind zu gleicher volle soziale und staatsbürgerliche Gleichberechtigung der dakteur des Fram", der in diesem Jahre seine Wehrpflicht Beit in Meerane an mehr als 600 mechanischen Webstühlen Frau und ihre Beteiligung an der Arbeiterbewegung. Wir erfüllt hat, Einar Ljungberg, Holzarbeiter und Agitator, beschäftigt. Mehr als 1200 Kinder fronden dem Kapital in fordern für die Frauen eine in vernunftgemäßer Ordnung auf den Ellen Key in ihrem Werke ,, Die Voltsbildungsarbeit" den Reichenbacher Textilfabriken, über 700 davon sind noch wurzelnde Freiheit des Erwerbes und die volle Entfaltung Bezug nimmt wegen seiner umfangreichen Tätigkeit in Gothen- nicht zwölf Jahre alt. Fast Seite auf Seite steht in den ihrer natürlichen Fähigkeiten fürs Haus wie für die Öffentburg, wo er die oft ganz verwilderten Jungen" zu sammeln Zirkularen die widergesetzliche Verwendung proletarischer lichkeit. Keine Haussflaven für Tisch und Herd, keine Entverstand; Hjalmar Gustafsson, der in Stockholm Bahn- Kinder in den Fabriken verzeichnet. Wie hätten ,, die rohen erbten an Rechten und Pflichten nach außen..."" Die brecher war, verdient ebenfalls genannt zu werden. und halbgebildeten Parvenus", welche die sächsische Textil- wirtschaftliche Freiheit des Individuums bedingt und ist " Das Resultat unserer Arbeit ist ein glänzendes. Lasset industrie beherrschten, nicht hohnlachend über die Buchstaben dessen politische Freiheit. Das Ideal der Emanzipation des uns das Land erobern" schrieb Fredrik Ström in jugend- des Gesetzes wegschreiten sollen, sie, die fühllos und skrupel- weiblichen Geschlechtes kann aber nur verwirklicht werden licher Begeisterung, und das haben die Jungen" getan, los alle Gebote der Menschlichkeit unter die Füße traten! in der sozialistischen Ordnung der freien Arbeit. Daher indem sie nach den kleinsten Dörfern den Samen des Sozialis- Mit Schaudern liest man die Mitteilungen über Lohnhöhe, Kampf gegen die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältmus trugen und ihre Jugendklubs dort gründeten. Im Arbeits- und Existenzbedingungen. In Glauchau verdiente nisse, gebrandmarkt durch die bitterste förperliche und geistige April bis Juni 1903 existierten nur 7 Klubs mit 445 Mit ein Weber auf Stapelware vorausgesetzt, daß Frau und Massenarmut, Kampf, der die Pflicht der Frau wie des gliedern. Im September 1906 zählen wir 300 bis 400 Klubs zwei Kinder mitarbeiteten wöchentlich 4 Taler, 212 Taler Mannes ist. Und Sie ganz besonders, meine werten Zumit 14000 bis 15 000 Mitgliedern. Die Auflage des„ Fram" im Jahre bei stetiger, voller Beschäftigung, die fast nie vor- hörerinnen, ob jung, ob alt, frei oder gebunden, Sie sind ist von 3000 auf 35 000 Gremplare gestiegen. handen war. Nach einem Flugblatt der Internationalen dazu berufen, Hand ans Werk zu legen... Wir brauchen Die sozialdemokratische Jugendbewegung hat sich leider Gewerksgenossenschaft der Maurer und Zimmerer, Kampfgenossen, wenn auch nicht, wie unsere Ahnen, zu gleich der sozialistischen nicht der Unterstützung der das detaillierte Aufstellungen enthält, bedurfte in der da blutiger Schlacht. Ein Kampf ist es aber darum nicht minder älteren Genossen zu erfreuen gehabt. Wenn ich Redakteur maligen Zeit eine fünfföpfige Arbeiterfamilie bei den behart und ernst, ein Kampf gegen Anmaßung und Vorrecht, Aug. Nilsson von Arbetet" und Anders Lindblad von„ Ny scheidensten Ansprüchen für ihren Lebensunterhalt 464 Taler ein Kampf der Enterbten gegen die Erbschleicher." Tid" ausnehme, so haben sonst die meisten unserer Jugend- 10 Ngr. 3 Pf. Die niedrigen Arbeiterinnenlöhne, welche alle Diese Rede stellt unseren roten Postmeister" in die organisation entgegengewirkt, sowohl innerhalb als außer Berichte anführen, erscheinen direkt als eine Prämie auf die vordersten Reihen der ersten Vorfämpfer für die Gleichhalb der Presse. Dank der Klugheit und Kraft ihrer Träger hat Prostitution oder eine Anweisung auf langsames Verhungern. berechtigung des weiblichen Geschlechtes innerhalb der Sozialdie sozialdemokratische Jugendbewegung dennoch nunmehr eine Sie betragen von 1 Taler 5 Sgr. bis 2½½ Taler wöchentlich demokratie. Sie ist ein glänzendes Zeugnis für die Schärfe, Stabilität erreicht, die nicht mehr erschüttert werden dürfte. bei 13 stündiger täglicher Arbeitszeit und Verpflichtung zu mit welcher er bereits damals vom Standpunkt des ProleVorschläge, die beiden Jugendorganisationen auf der überzeit- wie Sonntagsarbeit. Der erzgebirgische Weber tariats aus die Frauenfrage erfaßte. Ihr Um und Auf läßt Grundlage der sozialdemokratischen Auffassung zu verschmelzen, erreichte nach der Untersuchung von Dr. Michaelis ein Durch aber gleichzeitig einen Rückschluß zu auf das Verständnis, " Nr. 21 Die Gleichheit 147 welches ihr die zum Klassenbewußtsein erwachenden Arbeiter- Schließgesellschaft entdeckt. Dieselben dienen als Trans- und Proletarierinnen allerorts mehr und mehr auf und Freise des Erzgebirges entgegenbrachten. Denn Motteler porteure von Streifbrecherinnen. Ein Trupp von 15 Mäd- treibt sie zur Organisation. Die Stimmung war in fast behandelte gerade die Stellung der Frau, weil der Arbeiter- chen wird von sieben dieser Angestellten, zwei Gendarmen allen Versammlungen vorzüglich. Mit großer Begeisterung fortbildungsverein Glauchau es für seine Pflicht hielt, diese und dem Ortsbüttel hin zur Arbeit und auch heim nach wurden Resolutionen angenommen, welche die Genossen und wichtigste der offenen Zeitfragen mit zur Sprache zu bringen". Hause geführt. Man sieht, die Herren im Hause" wissen Genossinnen verpflichten, für die Förderung der politischen Unter seiner Zuhörerschaft befanden sich viele Frauen und sich zu helfen. In Kaiserslautern gelang es, nach und gewerkschaftlichen Organisationen Sorge zu tragen und die Mädchen, die er größtenteils so gespannt und sinnend" vor der gut besuchten Versammlung noch eine Sigung mit den Arbeiterpresse zu lesen. Die Erkenntnis von der Notwendigsich sah. Und die Rede wurde als Flugblatt verbreitet, Frauen und Parteigenossen abzuhalten. Das Ergebnis feit und dem Ziele des proletarischen Klassenkampfes wächst Marie Wackwit. allerdings leider nicht in ihrem vollen und wesentlichen Ge- war die Wahl zweier Genossinnen als Vertrauenspersonen, und wurzelt immer fester ein. dankeninhalt. Zufolge eines stadträtlichen Winkens mit preß die in Zukunft dort für unsere Bewegung wirken wollen. In Neustadt a. d. Hardt fand Anfang Oktober eine gesetzlichen Bedenten gegenüber dem Drucker mußte in dem Von Raiserslautern ging es über Neustadt nach dem öffentliche Gewerkschaftsversammlung statt, in welcher Flugblatt wie vorher in dem Bericht eines Lokalblattes die Elsaß. Hier fanden Versammlungen in Markirch, Genossin Baumann- Altona über„ Rechte und Pflichten Stelle geopfert werden, wo Motteler den Gegensatz geschildert Colmar, Mülhausen und Gebweiler statt. Sämtliche der Frau im Kampf ums Dasein" referierte. Die zahlreich hatte zwischen der Verhimmelung der Frau in der Poesie Versammlungen waren sehr gut besucht, so daß das Reden Versammelten, insbesondere die vielen anwesenden Frauen, und ihrer Versklavung als Arbeitstier und Haustier inner- eine Freude war. In Colmar fand die Versammlung in nahmen das Referat mit Interesse und Beifall entgegen. halb der modernen Kultur. Die stadträtliche Weisheit er- der Kirche des früheren Katharinenklosters statt. Mit be- Genoffin Baumann ermahnte die Anwesenden, nur die achtete damals schon wie heute noch die Aufklärung der sonderer Freude habe ich in diesem Raume den zahlreich sozialdemokratische Presse zu lesen, und empfahl den Frauen Proletarierinnen über ihre Lage als„ ordnungsgefährlich". Erschienenen das Evangelium der proletarischen Solidarität das eifrige Studium der„ Gleichheit", welche sofort von Tatsachen bestätigten ja, daß unter den Frauen und Mädchen, gepredigt und an praktischen Beispielen die Unhaltbarkeit 23 Genoffinnen abonniert wurde. Lina Horn. über„ Die Schäden der Lebensmittelverteuerung für die welche dem Textilfapital zinsten und frondeten, die Auf- der heutigen Weltordnung bewiesen. In Markirch, das forderung nicht ungehört verhallte, mit den Brüdern gemein- in einem engen Tal der Vogesen liegt, schaffen die Appretur- Familie" referierte in der Mitte September Genossin sam für das Recht der Arbeit, das Recht des Menschentums arbeiter bei 40 bis 50 Grad Celsius zehn Stunden täglich Baader- Berlin in einer Versammlung zu Hof, die sowohl der Arbeitenden zu kämpfen. Die Proletarierinnen hatten für einen Wochenlohn von 13,90 bis 16 Mt. Bei flottem von Männern als insbesondere von Frauen massenhaft bedurch ihre Betätigung an der international gerichteten Ar- Geschäftsgang blüht das Überstundenunwesen in riesigem sucht war. Nach Schluß der Veranstaltung hielt Genossin beiterbewegung ihre soziale Reife und Mündigkeit erwiesen, Maße. Von einem Arbeiter sind schon in zwölf Arbeits- Baader eine Besprechung mit den Genossinnen ab. Sie gab sie standen mit in den vordersten Reihen der sich sammelnden tagen 60 bis 80 Überstunden gemacht worden. Es ist gar ihnen verschiedene Winte für die Förderung der proletarischen proletarischen Klassenkämpfer. nichts Seltenes, daß Arbeiter in der Fabrik auf Säcken oder Frauenbewegung, welche dankbar afzeptiert wurden und die In Crimmitschau war am 10. Februar 1869 in innerer sonstigen Lumpen kampieren, weil sie vor Müdigkeit die sehr hoffentlich beherzigt werden. Es tut not, daß die Frauen Verbindung mit der Spinn- und Webgenossenschaft von 300 weiten Wege nach Hause scheuen. An die Agitation im der Arbeit in dem industriereichen Oberfranken beginnen, Genossen eine Internationale Gewerksgenossenschaft der Manu- Elsaß schlossen sich Versammlungen im badischen Wiesen- an dem Emanzipationsringen ihrer Klasse teilzunehmen. In fattur, Fabrik- und Handarbeiter gegründet worden. Sie tal. Die Agitation erfaßte folgende Orte: Lörrach, Brom- der Versammlung wurden eine größere Anzahl Fünfpfennigsetzte ein Komitee ein, welches mit den Vorarbeiten für die bach, Schopfheim, Hausen, Bell und Schönau. In bons für die Partei verkauft und 40 Neuanmeldungen zur Einberufung eines allgemeinen Kongresses der Manufaktur, Rötteln sollte ebenfalls Versammlung sein, doch waren 3ahlung freiwilliger Beiträge an die Partei aufgenommen, Fabrik- und Handarbeiter betraut wurde. Diesem Organi nur drei Arbeiter der Einladung gefolgt. Im Wiesental so daß die Zahl der Genossinnen in Hof, welche sich auf sationskomitee, in dem alle Arten der Textilarbeiter vertreten sind die Verhältnisse, unter denen die Textilarbeiter leben, diese Weise zur Partei bekennen, jetzt 237 beträgt. Dieser waren, gehörten zwei Proletarierinnen an: Frau Wilhelmine ganz miserabel; farger Lohn und lange Arbeitszeit sind vor- vielverheißende Anfang beweist, daß die sozialistischen Jdeer Weber und Frau Peuschel, Handarbeiterinnen. Am 10. April herrschend. Die Arbeitszeit beträgt noch 11, ja zum Teil unter den Proletarierinnen mehr und mehr Eingang finden berief es für die Pfingstfeiertage den geplanten Kongreß nach noch 11 Stunden, dazu fügen sich häufig überstunden. Vom Joh. Völkel Leipzig ein. Es wendete sich an alle Manufaktur-, Fabrik- 1. Oktober an soll der Zehnstundentag eingeführt werden Die Beteiligung der Genoffinnen am letzten sozialund Handarbeiter: als Weber, Tuch, Buckstin- und Beug- und eine 8prozentige Lohnerhöhung eintreten. Diese Er- demokratischen Parteitag war bei weitem größer als bei macher, Wirker und Posamentiere, Spinnerei-, Appretur- und rungenschaften sind dem Vorgehen des Deutschen Textil- irgend einem seiner Vorgänger. 31 weibliche Delegierte Wir geben in folgendem die Färbereiarbeiter, sowie Fachverwandte jeglicher Stellung und arbeiterverbandes zu danken. In Schopfheim gelang es, nahmen an ihm teil. beiderlei Geschlechtes". Im Auftrag von mehr als nach der Versammlung eine Frau zu finden, die unter den Namen der Delegierten und der Wahlkreise beziehungs800 Köpfen der benannten Berufsarten" in Crimmitschau Proletarierinnen für unsere Sache agitieren und werben will. weise der Organisationen, die sie vertraten: Baader- Berlin, - bezeichnete es als Zweck des Kongresses, eine Internationale Auch in Württemberg sind grauenhafte Berhältnisse Baumann Altona Stormann, Bäumler- Teltow- Beskow, Gewerksgenossenschaft der Manufaktur, Fabrik- und Hand- unter dem Proletariat der Textilindustrie zu finden. Ver- Bosse- Bremen, Braun- Frankfurt- Lebus, Deuper- Essen, arbeiter beiderlei Geschlechtes" zu bilden, mit anderen sammlungen fanden statt in Salach, Hohenstaufen, Klein- Geck- Offenburg, Greifenberg Augsburg, GrünbergHagen Regensburg, Worten: die bereits bestehende Organisation auf breitere als Eislingen, Holzheim, Uhingen, Göppingen, Reichen- Nürnberg, Hernowsky Wittendie lokale Basis zu stellen, zum Verband zu erweitern. Der bach, Ebersbach, Kuchen, Jebenhausen, Albers- berge, Hoffmann- Mannheim, Horn- Neustadt a. d. Hardt, starke, frische Odem des proletarischen Klassenbewußtseins hausen, Pfullingen, Wannweil, Reutlingen und Kähler- Bromberg, Luxemburg- Bromberg, Posen Stadt und durchwehte den Aufruf des Komitees, dem Stehfest, Motteler, Schwäb. Hall. Eine rege agitatorische und organisatorische Land, Mahn- Magdeburg, Matschke- Berlin, Müller- Köln L. Mehlhorn, H. Albert, Franz in Glauchau und andere an- Arbeit muß hier der Tertilarbeiterverband noch entfalten, Stadt und Land, Neumann- Niederbarnim, Niendorf- VII. gehörten. Und nicht eine leere Formel, der Ausdruck ziel- damit die ausgebeuteten Arbeitermassen zum klassenbewußten Schleswig- Holsteinscher Wahlkreis, Nowagrozki- Königsflaren Wissens und Wollens war es, daß Proletarierinnen Leben erweckt werden. Ein großer Teil von ihnen gehört berg i. Pr., Plum- Gelsenkirchen- Hesseln, Schönfelder- VI. in ihm Siz und Stimme hatten, und daß an die Textil- zu der Kategorie jener Proletarier, von denen Lassalle sagt, Schleswig- Holsteinscher Wahlkreis, Schradin- Cannstatt- Ludarbeiter ,, beiderleiGeschlechtes" die Mahnung zum geschlossenen daß ihnen erst flar gemacht werden muß, daß es ihnen wigsburg- Vaihingen, Schulze- Frankfurt a. M., Stuck- JüterbockAufmarsch erging. Denn," so erklärte das Komitee, auch wirklich schlecht geht. Die entfaltete Agitation hat dem Luckenwalde, Voigt- Elberfeld, Wengels- Berlin, Wehmann- XI., unsere Frauen und unsere Töchter sind hineingerissen und Textilarbeiterverband wie der Parteiorganisation Mitglieder XII., XIII. und XIV. sächsischer Wahlkreis, Zetkin- Stuttgart, als eine zwiefach schmachvolle Beute schmachvoll preis- und der Arbeiterpresse Leser gewonnen. Außerdem dürfte Mitglied der Kontrollkommission, Ziez- Hamburg I. Unter gegeben in diesem Kriege aller gegen alle." fie die schläfrigen, wankelmütigen und fleingläubigen Mit den ausländischen Gästen des Parteitags befanden sich drei Aus der Erkenntnis, daß die Proletarierin der kapita- glieder wachgerüttelt und mit neuer Energie und Begeisterung Gonossinnen, Genossin Popp- Wien als Vertreterin der solistischen Ordnung schußbedürftig und tampfesfähig zugleich erfüllt haben. So hat auch sie den Kampf gefördert, den zialdemokratischen Frauen Österreichs, Genossin Balabanoff gegenübersteht, wurde das Streben geboren, die Frauen als das organisierte Proletariat zum Wohle der ausgebeuteten als Delegierte der russischen sozialdemokratischen Arbeitergleichberechtigte und gleich verpflichtete Mitglieder der Inter- Massen gegen das organisierte Kapital führt. Durch Kampf partei und Genoffin Wibaut- Amsterdam als Beauftragte der nationalen Gewerksgenossenschaft einzugliedern. Bei ihrer und Ausdauer zum Sieg! Das muß die Parole der Textil- holländischen Sozialdemokratie. An den hochwichtigen DeGründung, welche auf der Leipziger Tagung am 15., 16. und arbeiter sein. W. Kähler. batten über die Frage des Massenstreits und des Ver17. Mai erfolgte, erhob der Delegierte Szymanowski die Beauftragt von den Verbänden der Fabrik, Holz, hältnisses zwischen Partei und Gewerkschaften beteiligten Frage, ob auch die Frauen gleiches Stimmrecht haben sollten. Tabat, Textil- und Blumen- und Federnarbeiter sich mit vortrefflichen Ausführungen die Genossinnen ziet Aus den Berichten über die Verhandlungen des Kongresses und arbeiterinnen wie von der Kreisleitung des 14. und Luxemburg. Genossin Zieß begründete außerdem die erhellt nur indirekt die bejahende Antwort auf diese Frage. sächsischen Wahlkreises referierte die Unterzeichnete in Fürth, von der Frauenkonferenz angenommene Resolution betreffend Direkt liegt sie in dem Statut der Organisation vor. Nach Nürnberg, Schwabbach, Altenburg, Lauf, München, Kinderschutz und Kinderfürsorge. Genoffin Zetkin referierte § 3 war als gleichberechtigtes Mitglied zuzulassen:„ jeder Kayna, Schmölln, Altenburg, Pölzig, Großröhrs- mit Genossen Schulz zusammen zum Punkt„ Voltserziehung Arbeiter der obenbenannten Gewerbe ohne Unterschied dorf bei Pulsnig, Dresden, Geithain, Borna, und Sozialdemokratie". Die Genossinnen Wibaut und des Alters, Geschlechtes und der Verrichtung, sowie jeder Pegau, Groitsch, Lausigt und Froburg. Auf der Tages- Balabanoff begrüßten den Parteitag im Namen der ausKleinmeister und jede Kleinmeisterin."§ 4 setzte fest: ordnung stand in den verschiedenen Versammlungen„ Die ländischen sozialdemokratischen Parteien, welche sie vertraten. „ Jedes Mitglied ist zu jedem Amte der Genossenschaft wähl- Kämpfe mit dem Unternehmertum"," Die Solidarität im München. Am 29. September starb im Josefinium zu bar." Die weiblichen Mitglieder besaßen also zum Stimm- Lohnkampfe"," Freie oder christliche Organisation"," Die München unser Mitglied Frau Lea Heiden im Alter von recht auch das Recht der Wählbarkeit. Bezüglich der mate- schlechten Löhne in der Textilindustrie und wie sind sie zu 29 Jahren. Genossin Heiden war Mitbegründerin und eifriellen Verpflichtungen gegen die Gewerksgenossenschaft, wie beseitigen?"" Die politischen und sozialen Kämpfe". Fast riges Mitglied unseres Vereins. Sie ließ sich besonders die der Vorteile, welche sie gewährte, waren sie den männlichen in allen Veranstaltungen schloß sich an den Vortrag eine Verbreitung der„ Gleichheit" recht angelegen sein, aber auch Mitgliedern völlig gleichgestellt. Sie zahlten wie diese oft recht lebhafte Diskussion, in welcher Genossen die mise- sonst hat sie eifrig die Entwickelung der Organisation zu 2 Sgr. Eintrittsgeld und 2 Sgr. Monatsbeitrag und bezogen fördern gesucht. Die Genossinnen werden ihrem Wirken ein im Falle unverschuldeter Arbeits- oder Erwerbslosigkeit vom ehrenvolles Gedächtnis bewahren. ersten Tage an eine Unterstützung von täglich 12 Sgr. Der Gesamtausschuß des Frauen und Mädchen( Forts. folgt.) bildungsvereins für München und Umgebung. Lea Heiden- Deutschmann. In tiefer Bewegung " rablen Arbeitsbedingungen und das herrische Gebaren der Unternehmer geißelten. Gegner griffen in die Debatten nicht ein, obwohl sie mancherorts zahlreich vertreten waren. Der Besuch der Versammlungen war im allgemeinen gut, doch hätte er hier und dort angesichts der traurigen LebensAus der Bewegung. lage der Arbeiter noch besser sein können; so in Dresden, fügen wir der Nachricht von dem frühen Hinscheiden unserer Von der Agitation. Im Auftrag des Deutschen wo die Ortsverwaltung des Verbandes der Blumen- und Genossin Heiden- Deutschmann in München einige Worte Teptilarbeiterverbandes( süddeutscher Gau) unternahm Federnarbeiter und-arbeiterinnen fein Opfer für die Vor- zu ihrem Gedächtnis hinzu. Mit ihr sind uns viel liebe und die Unterzeichnete eine Vortragstournee. Das Thema lautete bereitung der Versammlung gescheut und allein Taufende stolze Hoffnungen zu Grabe getragen worden. Genossin in allen Versammlungen: Wer verzehrt den Mehrwert in von Handzetteln an die Arbeiter und Arbeiterinnen der Ge- Heiden zählte zu den fähigsten, geschultesten und charakterder Textilindustrie?" In der Pfalz fanden Versammlungen werbe verteilt hatte. Besonders erfolgreich waren ein vollsten jungen Vertreterinnen der proletarischen Frauenstatt in Sandhofen, Lambrecht und Kaiserslautern. Stiftungsfest in Pölzig, an dem Hunderte von Arbeite- bewegung. Sie hat sich ihr mit selbstloser unermüdlichkeit In Sandhofen befanden sich die Arbeiter der Jutespinn- rinnen teilnahmen, und eine Versammlung für Textilarbeiter gewidmet und würde ihr noch viel mehr gegeben haben. und-weberei im Ausstand. Arbeiter und vornehmlich Ar- in Großröhrsdorf bei Pulsnit, die erste, welche der Seit Genoffin Heiden als junge Handelsangestellte vor unbeiterinnen aus aller Herren Länder sind hier zusammen- Textilarbeiterverband dort abhielt, wo die Textilarbeiter- gefähr zehn Jahren in den Bannkreis des sozialistischen gewürfelt; aber trotz der Sprachverschiedenheit war es möglich, schaft unter den denkbar schlechtesten Verhältnissen lebt. Ideals geriet, hat sie rastlos um Läuterung ihrer Erkennteinheitliche Lohnforderungen zu stellen. Die Versammlung Berheiratete Arbeiter erhalten 8, 9, 10 und 14 Mt. die nis gerungen, ist sie, ohne nach den Opfern zu fragen, für gab einen neuen Beweis von der Solidarität der inter- Woche, Arbeiterinnen 4,50 bis 10 mt., ein Wochenlohn von ihre Überzeugung eingetreten. Ihre Betätigung in deren nationalen Arbeiterbewegung. In Lambrecht standen 12 Mt. ist eine Seltenheit. Ein altes Ehepaar, das in der Dienst begann in München und endete in München, dadie Militärtuchweber im Streit. Alte weißbärtige Männer Heimarbeit frondet, kommt auf einen Gesamtverdienst von zwischen liegt ein verdienstvolles Wirken in Frankfurt a. M. und junge Leute kämpften gemeinsam um minimale Lohn- sage und schreibe 3 bis 4 Mt. die Woche. In Borna und Berlin. In beiden Städten, wie zuletzt auch in München, aufbesserungen. Eine neue Verwendung haben die Textil- erhalten die Arbeiterinnen wöchentlich 4,50 bis höchstens ist Genossin Heiden in den Frauenbildungsvereinen hervor gewaltigen des Ortes für die Angestellten der Wach- und 19 Mt. Die furchtbare Ausbeutung veitscht die Proletarier ragend tätig gewesen, sie hat außerdem in Frankfurt a. M. 148 Die Gleichheit Nr. 21 daS Amt der Vertrauensperson bekleidet, überall ließ sie sich zusammen mit der Verbreitung allgemeiner Bildung und politischer Schulung unter den Proletarierinnen die gewerk- schaftliche Organisierung der Arbeiterinnen angelegen sein, besonders suchte sie den gewerkschaftlichen Znsammenschluß der Lohnsklavinnen des Handelsgewerbes zu fördern. Sie hat für das sozialistische Ideal in Vorträgen gekämpft wi» mit der Feder:„Vorwärts",„Neue Zeit" und„Gleichheit" haben manchen tresslichen Beitrag von ihr veröffentlicht, und noch harrt eine fertige Arbeit von ihr des Abdrucks in unserem Blatte. Aber um die Schwere des Verlustes zu er- messen, die ihr Tod für die proletarische Frauenbewegung bedeutet, genügt es nicht zu wissen, was Genossin Heiden gewirkt hat. Dazu muß man ihr persönlich nahe gestanden sein und die Lauterkeit der Gesinnung gekannt haben, mit der sie ihre Überzeugung vertrat, die leidenschaftliche Hingabe, die eiserne Willenskraft, mit der sie ihr diente. In heißen äußeren und inneren Kämpfen hat sie sich selbst finden müssen. Aber sie hatte das Glück, zugleich eine feste, in sich geschlossene Welt- anschauung im Sozialismus gefunden zu haben, und so ist sie über Steine und durch Dornen gewandert— oft müden Fußes und blutenden Herzens, aber nie mutlos, nie rückwärts, sondern mit stettg wachsenden geistigen und sittlichen Kräften aufwärts. Mit seltener Energie hatte sie sich in ihren kargen Mußestunden eine gute Allgemeinbildung, ein großes Maß Wissen und theoretische Schulung auf dem Gebiet der sozialen Wissenschaften errungen. Es wäre ihr ein leichtes gewesen, sich eine bürgerlich angesehene, einträgliche Stellung zu schaffen, sie aber ließ die Rücksicht auf eine solche hinter dem glühenden Drange zurücktreten, den Emanzipationskampf des Proletariats immer besser gerüstet mitkämpfen zu können. Der Tod hat sie aus einer Fülle begonnener Arbeiten ge- rissen, durch die sie unsere Bewegung zu fördern hoffte. Die leidenschaftliche Kämpferin war eine zärtliche, treu- besorgte und einsichtsvolle Mutter. Wie leuchteten ihre Augen, wenn sie von ihrem Knaben sprach, welche echte Wärme des Gefühls wehte aus ihren Zeilen, wenn sie von seiner Entwicklung schrieb. In ausrichtiger Trauer fühlen wir uns mit Genossen Heiden und den Freunden der Ver- storbenen verbunden, die ihr ftühes Grab umstehen. Als Persönlichkeit und als Kampfesgenossin wird uns Genossin Heiden unvergeßlich bleiben. Politische Rundschau. Das deutsche Volk bekommt heute schon alle Süßigkeiten der Politik der Lebensmittelverteuerung und der Grenzsperre bis auf die Neige zu kosten. Die Fleischpreise sind abermals gestiegen. Allerhand Körperschaften haben schon dagegen remonstriert, aber die Regierung rührt sich nicht, um durch Öffnung der Grenzen mehr fremdes Vieh herein- zulassen. Immer wieder wird von den Agrariern die Seuchen- gesahr vorgeschützt, trotzdem es nachgewiesen ist, daß das Deutsche Reich mindestens ebenso verseucht ist wie die Nachbar- länder. Den Herrn Landwirtschaftsminister v. Podbielski fechten die Klagen des Volkes nicht an. Sein Widerstands- fähiger Bauch hat schon ganz anderen Stößen widerstanden. Aber selbst dann, wenn er auf Grund seiner kolonialwirt- schastlichen Geschäftsbetätigung durch das Medium seiner geschäftskundigen Frau in nächster Zeit veranlaßt werden sollte, sich ausschließlich denjenigen Privatbeschäftigungen zu widmen, in denen er unbestrittene Meisterschaft erlangt hat. nämlich der Schweinezucht und dem höfischen Skatspiel, so wird nur ein anderer Agrarier an seine Stelle gesetzt werden, der die nämliche volksfeindliche agrarische Politik der Lebens- mittelverteuerung weiter betteiben wird mit oder ohne Grazie. Großer Jubel erdröhnt fortgesetzt in bürgerlichen Kreisen wegen der Ernennung des Bankdirektors Dernburg zum Direktor des Kolonialamts an Stelle des abgetretenen Erb- prinzen v. Hohenlohe. Sicher ist von der gepriesenen Ge- schäftskundigkeit dieses Mannes zu erwarten, daß er der unglaublichen Schlamperei in der Verwaltung des Kolonial- wesens ein Ende machen, an Stelle einiger unfähiger Bureau- kraten andere Kräfte berufen, den Lieferanten besser auf die Finger passen und so dem Reiche jährlich ein paar Millionen ersparen wird. Aber wird denn deshalb mit dem bisherigen Kolonialsystem ausgeräumt werden? Wird deshalb die Knechtung und Ausbeutung der Eingeborenen, jene Quelle aller Kolonialgreuel, beseitigt werden? Sicher nicht! Darin beruht ja das Wesen des kapitalistischen Kolonialsystems überhaupt. Und im Grunde ihres Herzens sind die bür- gerlichen Kolonialkritiker mit dieser Knechtung und Aus- beutung durchaus einverstanden. Profite machen in den Kolonien, ohne daß die Ausgebeuteten durch viel Wehgeschrei die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Prozeß lenken, das ist ihr Programm, auf dessen Humanität und Christlichkeit sie sich nicht wenig zugute tun. Dafür ist Herr Dernburg ihrer Ausfasiung nach der richtige Mann, deshalb jubeln sie ihm zu, deshalb wird aber auch die Sozialdemokratie um so schärfer und energischer das kapitalistische Kolonial- system bekämpfen müssen gegen den Bankdirektor a. D. und die Bureaukratie, wie gegen deren Bundesgenossen in den bürgerlichen Parteien. Der reiche Schatz klassenstaatlicher Urteile gegen Arbeiter ist jetzt durch den Ausgang des Prozesses wegen des so- genannten Breslauer Krawalls um eine bemerkens- werte Nummer bereichert worden. Der Gerichtshof hat es wirklich fertig gebracht, eine Anzahl Arbeiter nicht nur wegen „Auflaufs", sondern sogar wegen Vergehens gegen den§ 1ö3 der Gewerbeordnung zu Gefängnisstrafen bis zu 6 Monaten zu verurteilen, trotzdem der§ 153 nur zur Bestrafung wegen Vergehen zur Erringung günstiger Lohnbedingungen handelt. In Breslau lag aber den Streitigkeiten eine Aussperrung zugrunde. Durch welche künstliche Interpretation nun diese Aussperrung in einen Streik umgedeutet ist, wird man erst aus der Begründung des Urteils ersehen können. Nur auf Grund eines Streiks könnte aber der§ 153 zur Anwendung gebracht werden, sofern natürlich überhaupt irgend welche „Vergehen" nachweisbar sind. Also wegen des zweifellosen Sinnes des Z 153 kann jene richterliche Interpretation un- möglich einer objektiven Prüfung standhalten. Es mag bei der Gelegenheit nochmals konstatiert werden, daß unsere in Auffpürung von Arbeitervergehen so überaus rührigen und findigen Behörden den Schutzmann, der dem Arbeiter Biewald die Hand abgehackt hat, noch immer nicht haben ausfindig machen können. Es hat abermals eine staatsmännische Kraft es für zeit- gemäß gehalten, gegen das allgemeine, gleiche und direkte Reichstagswahlrecht vorzugehen. Es ist diesmal niemand anderes als der betriebsame Oktavio, Freih err v. Zedlitz und Neukirch, der im Scherlschen „Tag" erörterte, was wohl zu geschehen hätte, wenn bei den kommenden allgemeinen Reichstagswahlen die Sozialdemo- kratie abermals große Fortschritte machen sollte. Oktavio kommt zu dem Schluß, daß dann alle ordnungsliebenden, wohlgesinnten und ehrenhaften Männer im Reich der Gottes- furcht und guten Sitte sich zu der Abschaffung des gegen- wärtigen Reichstagswahlrechts zusammenschließen müssen. Es ist ja gar nicht ausgeschlossen, daß Oktavio mit Recht auf die Feigheit und Beschränktheit des Bürgertums zur Durch- setzung seiner Reaktionspläne spekuliert. Das wird natürlich die Sozialdemokratie nicht abhalten, mit aller Macht auf die Erringung des von Oktavio befürchteten Sieges hinzuarbeiten. Will dann der Freiherr sein Heldenstückchen versuchen, so wird er die deutsche Sozialdemokratie gerüstet finden, um seine und seiner Kumpane Pläne zuschanden zu machen. In seiner neuesten Rede— oder war es die letzte oder vorletzte?— hat Kaiser Wilhelm U. den aufhorchenden Offi- zieren und Hofleuten verkündet:„Schwarzseher dulde ich nicht!" Besorgt fragt man in bürgerlichen Kreisen, welche Sorte von Schwarzsehern damit gemeint sei. Nahezu von allen Seiten wird protestiert, daß man ihnen doch die Schwarzseherei nicht verwehren könne. Uns Sozialdemokraten beirrt das ja nicht im geringsten, was Kaiser Wilhelm II. duldet oder nicht. Das hat für unser Staatsleben gar keine Bedeutung. Und nur insofern Wilhelm II. auf Grund staats- rechtlicher Bestimmungen sich in Ausübung irgend welcher ihm in Staat oder Reich zugewiesener Funktion befindet, kommt das, was er sagt oder tut, in Betracht. Seine sonstige Lebensbetätigungen mögen Interesse haben für Leute, die sich psychologischen Studien hingeben, in unserem poli- tischen Leben haben solche Notierungen aber keinen Kurs. Wenigstens ist das die sozialdemokratische Auffassung. Die Nationalliberalen haben in Goslar ihren Parteitag abgehalten. Diesmal erregte diese Veranstaltung außerhalb des Kreises der Bassermannschen Gestalten etwas mehr Interesse als sonst, weil kurze Zeit vorher im Lager der nationalliberalen Partei selbst sich lärmender Unwille über die antiliberale Politik der Fraktion Drehscheibe hörbar gemacht hatte. Die sogenannten Jungliberalen hatten sich gegen die Politik der Schulverpfaffung, der Lebensmittel- und Verkehrsverteuerung gar mächtiglich erdreistet. In Goslar gaben denn auch einzelne Junge diesem Mißbehagen Worte. Der Widerhall, den sie bei den 700 Teilnehmern fanden, war aber äußerst schwach. Donnernden Beifall er- zielten dagegen die Hieber, Paaschs, Baffermann und Friede- berg mit ihrer Verherrlichung der schwammigen„National- Politik" dieses dekadenten Bürgertums. Von Liberalismus war kaum noch die Rede. Die sächsischen„Jungen" leisteten demütig Abbitte für ihre Unbegehrlichkeit, und dann wurde gegen 20 Stimmen eine Resolution angenommen, die sich nach den gegebenen Aufllärungen mit der Haltung der Fraktion im Reichstage und preußischen Landtage völlig einverstanden erklärt. Das Resultat ist die Festlegung der nationalliberalen Partei auf die agrarische Jntereffenpolittk. In den westdeutschen Bauern evangelischer Konfession suchen sich die Nattonalliberalen die reale Grundlage ihrer Partei zu sichern, wie das Zenttum in der katholischen, die Konser- vativen in der ostelbischen verjunkerten Landbevölkerung die Stütze ihrer Macht haben. Nebenbei ward auf Emp- fehlung des löschpapiernen Reaktionärs Patzig hin noch ein bißchen Kleinbürgerköderei durch Befürwortung zünft- lerischer Bestrebungen gettieben. In ihrer praktischen Politik werden sich die Nationalliberalen aber auch künftig von den Freikonservativen und Deutschkonservativen nur durch Nuancen, nicht durch Grundsätze unterscheiden. So etwas gestehen diese Mannesseelen natürlich nicht gern offen ein. Deshalb ging ein verzweifelter Angstschrei durch ihre Reihen, als einem Herrn Kremer-Hagen das'Ein- geständnis entfuhr:„Die Wähler sind für die konfessio- nelle Schule.(Stürmische Unterbrechung.) Wenn wir eine andere Politik trieben, dann würden wir den städtischen Mittelstand und die Landbevölkerung verlieren. Letztere ist hocherfreut, daß wir teure Lebensmittel, insbesondere hohe Fleischpreise haben."(Stürmische Unterbrechung. Ruf: Li tacuissss!) Das: Litacuisses!(O, hättest du doch geschwiegen!) das sich dem angstgepreßten Herzen der Zu- Hörer entrang, ist das Eingeständnis der Richtigkeit der Kremerschen Behauptung mit der gleichzeittgen Verwahrung gegen die öffentliche Kundmachung dieses Eingeständnisses. Aber in der Presse und in Volksversammlungen wird man es hoffentlich noch oft genug den heuchlerischen Brotwucherern um die Ohren schlagen, auf daß sich auch bei den Wahlen 1908 die Prophezeiung bewahrheiten möge, die ein anderer Teilnehmer des Parteitags, Dr. Koch- Mannheim, für den Fall sofortiger Neuwahlen wagte, daß nämlich dann die nationalliberale Partei ihre meisten Mandate ver- lieren würde. Eine so jammerselige Partei, die sich an keinerlei Grundsätze gebunden hält, hat tatsächlich jede Existenzberechtigung verwirkt. Sie ist in dem Getriebe der deutschen Politik nur noch die bürgerliche Schutztruppe der Reaktion. Sind ihre Bundesbrüder, die konservativen Junker, Reaktionäre ohne Phrase, so sind die Nationalliberalen Reaktionäre mit Phrase. Sie übergießen noch dazu ihr reaktionäres Getue nur noch mit einer Phrasenbrühe seich- tester Art. G. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Der kräftige wirtschaftliche Kampf, den die deutschen Ge- werkschaften im Jahre 1905 geführt haben, ist durch Zahlen in der Reichsstatistik veranschaulicht worden, die nunmehr vorliegt. Bekanntlich weicht die von Reichs wegen aufge- nommene Streikstatistik von derjenigen der Gewerkschaften immer erheblich ab. Indessen ist doch das Gesamtbild, das sie gibt, annähernd zutreffend. Nach dieser Statistik haben im letzten Jahre die Arbeitseinstellungen in Deutschland an Zahl sowohl wie an Umfang bedeutend zugenommen. Jnter- essant ist ein Vergleich mit den Vorjahren. Nach den Er- mittlungen des Statistischen Amtes fanden im ganzen 2448 Streiks(1904 1908) statt; 45 Streiks waren schon vor dem 1. Januar 1905 begonnen worden, 2403 wurden vor dem 31. Dezember 1905 beendet. Eine Gegenüberstellung der Ausstände in den fünf Jahren 1901 bis 1905 zeigt folgen- des Bild: Von den 2403 Streiks, die im Jahre 1905 beendigt wurden, waren 2212(1904 1638) Angriffstreiks und 191(1904 232) Abwehrstreiks. 3665 Betriebe wurden durch Streik zu völligem Stillstand gebracht, und in 12 820 Unternehmen er- streckte sich die Streikbewegung auf den ganzen Betrieb. Von den 2403 Streiks hatten 22 Prozent vollen, 40,4 Pro- zent teilweisen Erfolg und erfolglos verliefen 37,6 Prozent. In 424 Fällen haben die Arbeitsstteittgkeiten zur Anrufung der Staatsanwaltschaft geführt, in 544 Fällen ist die Polizei zu Hilfe gerufen worden. Die von den Arbeitgebern ver- fügten Aussperrungen haben zugenommen. Im Jahre 1905 wurden ihrer 263 gezählt(1904 132), die 118 605 Arbeiter und Arbeiterinnen(1904 23 760) bettafen. Als Gesamt- resultat ergibt die Statistik, daß in 18 340 Betrieben 526 810 Arbeiter und Arbeiterinnen infolge von Streiks und Aus- sperrungen gefeiert haben. Die deutsche Scharfmacherpresse heulmeiert natürlich in beweglichen Tönen über den Schaden, den die deutsche Industrie(soll heißen: die deutschen Kapi- talisten) durch die wirtschaftlichen Kämpfe erlitten hat. Daß die deutsche Industrie trotz aller Kämpfe recht wohl gefahren ist, dafür spricht, daß der Wirtschaftsmarkt 1905 wahrlich nicht schlechter belebt war als im Vorjahr und daß die deutsche Industrie nach wie vor namhafte Aufträge hat. Aus dem ewigen Schüren und Hetzen gegen die aufwärts- strebende Arbeiterklasse spricht nur Haß und Furcht ob deren Heranwachsen zu wirtschaftlicher und politischer Selbständig- keit und Reife. Die Kapitalistenklasse und ihre Wissenschaft- lichen wie journalisttschen Söldlinge können nicht vermeiden, daß das kämpfende Proletariat der kapitalistischen Aus- beutung Schranken zu ziehen beginnt und zur Aufhebung der Ausbeutung selbst auf dem geschichttichen Blachfelde steht.— Die Unternehmer haben es einstweilen, solange die kapitalisttsche Ordnung besteht, nicht nötig, über ihren Ruin zu jammern. Sie haben vom wirtschaftlichen Aufschwung mehr profitiert als die Arbeiter, das beweisen unter anderem die vielfach geradezu fabelhaft gestiegenen Dividenden. Die Arbeiterklasse erblickt in diesen Dividenden mit Recht die Frucht ihrer mühevollen Arbeit, eine Frucht, die ihr die kapitalistische Ordnung entreißt, um sie tagdiebenden Coupon- schneidern in den Schoß zu werfen. Sie fühlt sich daher durch den Hinblick auf sie angestachelt zum kraftvollen Kampfe für materielle und kulturelle Hebung ihrer Lage in der Gegenwart und volle Befreiung von Ausbeutung und Knech- tung in der Zukunft. Beschämt müssen die der Organisatton Fernstehenden angesichts des Kampfes und seiner Erfolge zur Seite tteten. Sie können sich nicht rühmen, ihr be- scheiden Teil zu dieser Kulturarbeit mit beigetragen zu haben. Wie in Deutschland, so findet auch im Ausland eine be- sonders lebhaste Lohnbewegung unter den Textil- arbeitern statt. Es seien einige der betreffenden Riesen- stteiks erwähnt. 26000 organisierte Textstarbeiter und-ar- beiterinnen haben in Massachusetts(Vereinigte Staaten von Nordamerika) eine Bewegung mit vollem Erfolg durch- geführt. In Belgien streiken 20000 und in Holland 7000 Textilarbeiter. In dem italienischen Textilbezirk Legnano haben 12000 Arbeiter und Arbeiterinnen eine Arbeitszeitverkürzung von 11 auf 10 Stunden ohne Streik errungen. In Nordmähren erzielte eine größere Be- wegung, an der 1700 Personen beteiligt waren, Lohn- erhöhungen bis zu 18 Prozent. Wir gehen gewiß mst der Annahme nicht fehl, daß der Internationale Textilarbeiter- kongreß aneifernd auf die Lohnsklaven der einschlägigen In- dustrie gewirkt hat, sich bessere Existenzbedingungen zu er- kämpfen. Lebhaften Kampfesmut zeigen auch die deutschen Textilarbeiter wetter, wenn auch an ihren einzelneu Be- Nr. 21 Die Gleichheit 149 wegungen nicht so große Massen von Arbeitern und Ar- leinzuräumende Zimmer steht zu seiner alleinigen Verfügung,| Männer geboren war, erwiesen die Ausführungen des Abbeiterinnen beteiligt sind. In Augsburg und Elms- muß ein nach außen gehendes Fenster haben und mit geordneten Hruby. Er erklärte, es sei merkwürdig, daß man horn, in Werdau, Schmölln, in der Wirkwaren- Kleiderschrank und Kommode versehen sein. Dem Mädchen mit Einführung des allgemeinen Wahlrechtes auf der einen branche des Erzgebirges, in Pößneck, Sagan, ist eine Nachtruhe von mindestens acht aufeinanderfolgen- Seite einen bedeutenden Schritt nach vorwärts machen wolle, Braunschweig, im Elsaß usw., überall tatkräftige, meist den Stunden sowie ferner je eine Stunde zum Einnehmen während auf der anderen Seite das Wahlrecht jenen Frauen erfolgreiche Vorstöße gegen das Unternehmertum um Lohn- der Mittag- und Abend- und je eine halbe Stunde zum entzogen werde, die es bisher in den Reichsrat, in den verbesserungen und um den Zehnstundentag. Der Vorstand Ginnehmen der Frühstücks- und Vespermahlzeiten zu ge- Landtag sowie in die Gemeindeverwaltung besessen hätten. des Textilarbeiterverbandes hat ein Verzeichnis aller redne- währen. Die Arbeitszeit darf zwölf Stunden nicht über- Unsere Leserinnen wissen, daß das die Großgrundbesize= risch- agitatorisch tätigen Verbandsmitglieder herausgegeben, schreiten, in der Regel nicht vor 7 beginnen und nicht nach rinnen beziehungsweise bestimmte Steuerzahlerinnen sind. das die Agitation sicherlich fördern wird. Auch der 9 Uhr stattfinden. Daß das Wahlrecht den Millionen proletarischer Frauen ge= christliche Verband der Zertilarbeiter hat, wie Mädchen unter 18 Jahren ist mindestens alle 14 Tage bührt, die sich als Arbeiterinnen und Mütter um Gesellschaft das seine kürzlich abgehaltene Generalversammlung zeigte, am Sonntag für die Zeit von 2 bis 10 Uhr nachmittags, und Staat verdient machen, dafür fehlte dem Wortführer verhältnismäßig gut an Mitgliedern zugenommen. Er zählte Mädchen über 18 Jahren alle 14 Tage am Sonntag für der befizenden Frauen das Verständnis. An reaktionärer 33 598 Mitglieder gegen 23 037 im Vorjahr. Zu den be- die Beit von 3 Uhr nachmittags ab freie Zeit zu gewähren, Gesinnung wurde der Herr noch durch den Abgeordneten reits angestellten 16 befoldeten Beamten wird sich eine weib- und der Hausschlüssel ist dem Mädchen einzuhändigen. Jede Kaiser übertrumpft. Er wollte nur Frauen das Wahlrecht liche Kraft gesellen, welche die Agitation unter den Arbeite- Woche ist dem Mädchen ein freier Nachmittag von zubilligen, die ein Gewerbe betreiben oder einem landwirtrinnen betreiben soll. Der Beschluß sei vielen unserer Ge- mindestens vier aufeinanderfolgenden, vor 8 Uhr abends schaftlichen Grundbesitz vorstehen. Genosse Dr. Adler verwerkschaften zur Nachahmung empfohlen. liegenden Stunden für seine persönlichen Einkäufe oder Ar- trat diesen reaktionären Vorstößen gegenüber die Forderung beiten zu gewähren." des allgemeinen Frauenwahlrechtes. Er sagte, in der Frage des Frauenwahlrechtes stehe die Partei auf dem prinzipiellen Standpunkt, daß der Frau unbedingt das gleiche politische Wahlrecht wie dem Manne gebührt. Er gebe sich aber teiner Täuschung darüber hin, daß der Antrag, das Wahlrecht auf die Frauen auszudehnen, hier sehr wenige Stimmen Dem Mädchen steht außerdem das Recht frei, finden würde, und daß es aussichtslos wäre, dafür heute jederzeit den Dienst zu verlassen. Doch ist es verpflichtet, einen prinzipiellen Kampf zu führen. Selbstverständlich einen Schadenersatz von 3 Mt. zu zahlen, falls kein Grund werde er für den Antrag Choc stimmen. Merkwürdig anvorliegt, der es nach dem Nachstehenden berechtigt, den Ver- gemutet habe aber der Antrag Hruby und insbesondere trag ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist aufzuheben. seine Ergänzung und Begründung durch den Abgeordneten Ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist fann die Kaiser. Man habe sehr viel zarte Empfindung dafür, daß Herrschaft den Vertrag nur in folgenden Fällen aufheben: einer sehr kleinen Anzahl von Frauen ein sehr verdünntes 1. Wenn das Gesinde eines Diebstahls, einer Unter- Wahlrecht heute zukommt, das ihnen genommen werden soll, schlagung, eines Betrugs oder eines unsittlichen Lebens- und jenes Vorrecht wolle man jenen Frauen konservieren. wandels sich schuldig macht. Man vergesse aber an die Hunderttausende von Frauen, welche selbständig erwerbende Arbeiterinnen sind, zu denken. Die gestellten Anträge haben mehr den Anschein einer freisinnigen Auffassung, als daß sie eine solche wirklich betätigen. Der Fabrikarbeiterverband veranstaltete unter den Glühstrumpfarbeiterinnen eine energische Agitation, um eine einheitliche Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erzielen. In dieser Industrie, die in den letzten Jahren stark emporblühte, werden allein in Berlin schäzungsweise 3000 Arbeiterinnen beschäftigt. Es steht also ein ergiebiges Agitationsfeld offen. Im Buchbindergewerbe sind nach den großen Kämpfen in Berlin, Stuttgart und Leipzig nun Lohnbewegungen in vielen anderen Orten im Gange, so in München, Nürnberg, Hannover und Pforzheim. Soweit diese Bewegungen ihren Abschluß gefunden haben, sind sie leider nicht von besonderem Erfolg begünstigt gewesen. Die Buchdrucker haben ihre Tarifverhandlungen abgeschlossen. Die Minimallöhne find um etwa 10( statt der geforderten 15) Prozent erhöht worden, die geheischte Verkürzung der Arbeitszeit lehnten die Prinzipale ab, sie gestanden nur für den Sonnabend einen um eine halbe Stunde früheren Arbeitsschluß zu. Der Vertrag soll auf unbestimmte Zeit gelten, und es soll jedem Teil jederzeit freistehen, den Vertrag spätestens am 15. jeden Monats zum 1. des folgenden Monats( oder spätestens sechs Wochen vor dem Quartals ersten zum Quartalsersten) zu kündigen. 2. Wenn es trotz wiederholter Ermahnung ohne Grund sich beharrlich weigert, den Dienstverpflichtungen nachzutommen. 3. Wenn es mit Feuer und Licht trotz Verwarnung wiederholt unvorsichtig umgeht. Ein großer Erfolg russischer Arbeiterinnen darf zum Schlusse nicht unerwähnt bleiben. In Odessa haben 1600 Arbeiterinnen durch einmütigen Ausstand einen vollen 4. Wenn es Tätlichkeiten oder grober Beleidigungen gegen Sieg errungen. Dort besteht eine große Korfindustrie, die die Herrschaft oder deren Familienmitglieder sich schuldig vorwiegend Arbeiterinnen beschäftigt. Die Arbeiterinnen macht. verlangten nun eine Erhöhung der sehr niedrigen Löhne, 5. Wenn es auf länger als die Kündigungsfrist durch Verkürzung der Arbeitszeit, Abschaffung der Strafabzüge Krankheit, Freiheitsstrafe oder andere Gründe zur Ausübung und Beseitigung verschiedener anderer Mißstände. Nach des Dienstes unfähig wird. sechswöchigem Streit, in dem jugendliche Mädchen neben Greifinnen treu zur Fahne hielten, wurde der Sieg errungen. Das gab einen Anstoß zur Gründung einer Gewerkschaft und eines Gewerkschaftsblattes. überall Kampf und Erfolg! Es ist eine Lust zu leben in dieser kampfes frohen Zeit des Klassenbewußten Proletariats! Notizenteil. Ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist kann das Gesinde aus folgenden Gründen den Vertrag aufheben: 1. Wenn die Dienstherrschaft, deren Angestellte oder deren Familienmitglieder sich Tätlichkeiten oder Ghrverlegungen gegen das Gesinde oder Mitglieder ihrer Familie zuschulden #kommen läßt. Die jährliche Demonstration des holländischen Proletariats für das allgemeine Wahlrecht hat am 16. September in Amsterdam stattgefunden. Die Demonstration ist die größte politische Kundgebung für das allgemeine Wahlrecht, die Holland je gesehen, und hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Aus allen Teilen der Provinz waren Teilnehmer erschienen. Mehr als 700 Vereine hatten Abgeordnete entsandt, die 1100 an der Zahl- insgesamt 60000 Arbeiter vertraten. Nachmittags 1 Uhr fand auf dem in größerer Entfernung von Amsterdam liegenden Terrain Dud Rosenburgh" ein Meeting statt, dem. 15 000 Personen beiwohnten. Über die Bedeutung des Tages sprachen die Genossen von Zutphen, Spietmann, Bergmeyer, Gorter, Tylof, Gerhard, Troelstra, Mendel3, van Hinte, Eichelsheim, Genossin Ro land- Holst sowie die Frauenrechtlerin Frau Haves, welche besonderen Nachdruck auf die Forderung des Frauenwahlrechtes legte. Nach Beendigung des Meetings, welches tros eines Regenschauers großartig verlief, veranstalteten die 3. Wenn die Herrschaft dem Gesinde den Barlohn nicht Demonstranten unter flingendem Spiele einen Umzug durch in bar oder nicht voll auszahlt oder über die Verfallzeit Amsterdam, an dem unter anderen 65 Vertreter der Verbände hinaus vorenthält oder anständigen Unterhalt verweigert. der Marinesoldaten und-matrosen in Uniform teilnahmen. 4. Wenn durch die Fortsetzung des Vertrags die Gesund- Der Zug, in welchem über 400 Fahnen und Banner mit heit, die Sittlichkeit oder der gute Ruf des Gesindes be- Inschriften getragen wurden, wurde auf seinem Wege von droht wird. Tausenden begrüßt. 2. Wenn die Herrschaft das Gesinde zu Handlungen verleitet oder zu verleiten sucht, welche wider die Gefeße oder die guten Sitten laufen, oder das Gesinde vor solchen Zumutungen anderer, die zur Familie gehören oder im Hause Frauenarbeit auf dem Gebiet der Jndustrie, des Handels- regelmäßig Zutritt haben, nicht schüßen kann oder will. und Verkehrswesens. Im Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart Die zugunsten der Herrschaft unter Nr. 1 bis 4 sowie die zugunsten des Gesindes unter Nr. 1 bis 3 aufgeführten Gründe müssen spätestens innerhalb einer Woche geltend ge= macht sein, nachdem sie zur Kenntnis des zur Aufhebung iſt ſoeben erschienen: Berechtigten gekommen sind. Die Kinderarbeit und ihre Bekämpfung. Eine weitere Zunahme der Induſtriearbeiterinnen weisen die Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für 1904 aus. In diesem Jahre waren der Gewerbeaufsicht im Deutschen Reiche unterstellt 215 279 Fabriken und Werk stätten. In diesen Betrieben waren beschäftigt 4100 Mädchen unter 14 Jahren, 127 484 Mädchen zwischen 14 bis 16 Jahren, 379 179 Arbeiterinnen von 16 bis 21 Jahren, 608 929 Arbeiterinnen über 21 Jahren, im ganzen 1119 692 weibliche Arbeitskräfte, also über eine Million. Von einzelnen Industrien, in denen die Frauenarbeit besonders Die Parteien vereinbaren ferner: Für diesen Vertrag dominiert, führen wir an: In der Textilindustrie und für etwaige Streitigkeiten aus demselben sollen neben waren beschäftigt 377 773 Arbeiterinnen über 16 Jahre, den Bestimmungen dieses Vertrags selbst lediglich die Vor44 296 zwischen 14 und 16 Jahren, 1701 Mädchen unter schriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs über den Dienstver14 Jahren. Die entsprechenden Zahlen sind für die Papier- trag insbesondere auch da zur Anwendung gelangen, wo sie industrie: 49116, 7532, 187; 3igarrenbranche: von den Vorschriften der Gesindeordnung abweichen. Die 75 759, 9880, 367; Bekleidungs- und Reinigungs- Vorschriften der Gesindeordnung gelten für dies Vertragsgewerbe: 82453, 10324, 244; Kleider- und Wäsche- verhältnis nicht. Der( Dienstherr) erklärt ausdrücklich, daß tonfettion: 91377, 19 030, 475. Es sei ausdrücklich ver- er auf ein etwa ihm zustehendes Recht, Bestrafung wegen merkt, daß die in nichtinspektionspflichtigen Betrieben be- Verlegung des Vertrags anzutragen, verzichtet. Ebenso anschäftigten gewerblichen Arbeiterinnen, ebenso die vielen Heim- erkennt er, daß ihm kein Recht auf die Stellung eines Anarbeiterinnen in den vorstehenden Zahlen nicht mit inbegriffen trags auf zurückführung oder Zuführung des Gesindes zum fasserin die Kinderarbeit als Begleiterscheinung der kapitaIn einer kurzen historischen Einleitung bespricht die Verfind. Immerhin sind sie groß genug, um zu zeigen, wie wichtig Dienst zusteht. der weitere Ausbau des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes und die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen ist Dienstbotenfrage. Ein Dienstvertrag zum Schutze der Dienstmädchen. Auf Veranlassung der Berliner Genossinnen hat Genosse Stadthagen einen Dienstvertrag ausgearbeitet, der geeignet ist, die Interessen der Dienenden soweit zu schüßen, als sie angesichts ihrer rechtlichen Ausnahmestellung gewahrt wer den können. Alle Organisationen von Dienenden sollten ihren Mitgliedern empfehlen, nur auf Grund dieses Vertrags ein Dienstverhältnis einzugehen. Wir lassen den Vertrag im Wortlaut folgen: Gesindevertrag. Zwischen( Herrschaft) und( Mädchen) • Von Räte Duncker. Serausgegeben von der Redaktion der„ Gleichheit", Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Für Streitigkeiten aus diesem Vertrag sowie aus dem listischen Wirtschaftsweise und anschließend daran die KinderVertragsverhältnis ist nach Aufhebung desselben das Amts- schußgesetzgebung in Deutschland bis 1891, die Erhebungen gericht zuständig. Keine von beiden Parteien ist verpflichtet, von 1898 und endlich das Kinderschutzgesetz von 1903. In vor Beschreitung des Rechtsweges sich an die Polizeibehörde zu wenden. Entstehen während des Vertragsverhältnisses zwischen den Parteien Streitigkeiten, so sind diese von einem Schiedsgericht zu entscheiden, das aus drei Mitgliedern des Vereins für die Interessen der Hausangestellten besteht. Frauenstimmrecht. einem Schlußkapitel wird der bisherige Erfolg des Kinderschußgeseges beurteilt und ein vortrefflicher Ausblick auf Kinderarbeit und Kindererziehung, wie beides sein sollte, gegeben. Im Anhang findet die Leserin das Gesetz selbst und ein Verzeichnis derjenigen Werkstätten, in deren Betrieb Kinder nicht beschäftigt werden dürfen. Schließlich ist auch die Bekanntmachung hinzugefügt betreffend Ausnahmen von dem Verbot der Beschäftigung eigener Rinder unter 10 Jahren. Das Büchlein sollte in keinem Arbeiterhaushalt fehlen; Das Frauenwahlrecht vor dem österreichischen Wahlreformansschußt. In dem Ausschuß des österreichischen fede Mutter muß Kenntnis haben von dem derzeitigen Stand Reichsrats, welcher die Frage der Wahlreform behandelt, der Kinderschutzgesetzgebung in Deutschland, damit sie der wurde neulich auch über das Frauenwahlrecht debattiert. Ausbeutung ihrer eigenen Kinder zielbewußt entgegentreten, Der Abgeordnete Choc beantragte, auch den Frauen das sie mildern und womöglich hindern kann. wird unter ausdrücklicher Genehmigung des Vaters( der allgemeine Wahlrecht zu geben. Der Abgeordnete Hruby Mutter, des Vormundes) der Minderjährigen... dagegen forderte das Wahlrecht nur für den weiblichen folgender Vertrag geschlossen: Geldbeutel. Er beantragte das Wahlrecht für alle ſelbEs tritt die... vom 1. April 1907 ab als Dienstmädchen ständigen Frauen, die ein Einkommen von mindestens 1000 ( Köchin, Stubenmädchen) bei dem... in Stellung. As Ent: Kronen haben, sowie für alle Frauen, die selbständig ein Geschädigung wird vereinbart: Freie Wohnung, freie Kost werbe oder eine Landwirtschaft betreiben. Daß der Antrag und ein wöchentlich( monatlich) am Ende jeder Woche( jeden nur ein Vorrecht für den Besitz schaffen sollte und aus Haß Monats) zahlbarer Barlohn von Das dem Mädchen gegen die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für die Der Preis der Broschüre ist auf 40 Pf. festgesetzt. Für die Abonnenten der„ Gleichheit", die sich zum gemeinsamen Bezug vereinigen, ist ein wesentlich niedrigerer Eintaufspreis festgesetzt. Bestellungen nehmen entgegen alle Vertrauenspersonen, Ottilie Baader, Berlin S 53, Blücher- Straße 49, Sof II und die Expedition der„ Gleichheit" in Stuttgart, FurtbachStraße 12. 150 Ein Mann, den Gott liebt. Von Ludwig Anzengruber. Die Gleichheit Nr. 21 geleitet wurde, damit er sich dort in vollen Zügen tränke,| letteren, um unliebsamen Begegnungen auszuweichen, und dann bekam er die reichste Bauerntochter im Dorfe einfach zu, steckte den Schlüffel ein und verlor ihn aus zum Weibe, und nach zwei Jahren, eben als es all- der Tasche, Florian Traidmann hieß das kleine, schwächliche mählich den Anschein gewann, als hätt' er sich mit dieser Einmal hätte er sich nahezu einem fabulierenden FreiBäuerlein, das so flink auf den Wegen dahinschusselte, seiner Bäuerin selbst eine Rute auf den Rücken gebunden, geift gefangen gegeben, der sehr einleuchtend davon zu wie einst vor Jahren, aber nimmer so gerade, denn das brach die böse Seuche aus, die in jedem Hause zusprach, reden wußte, daß die Seelen der Verstorbenen auf den Alter hatte ihm nach und nach mit schwerer Hand den und nahm ihm die Marie- Lies' hinweg, doch nicht, ohne Sternen sich ansiedelten und daher eine Gefahr des Rücken ganz vornüber gedrückt; dabei geschah es auch, daß diese gerade zuvor in die Wochen gekommen war Wiederfindens ziemlich ausgeschlossen erscheine, aber der daß es ihm über seinen dunkelbraunen, wirren Schopf und ein Kind hinterlassen hatte, so daß ihm der qual- fluge Traidmann erklärte bald, daß er auch davon nichts strich und alle Haare wegfegte, bis auf einen dünnen volle Wunsch erspart blieb, sie oehalten zu wollen, um wissen wolle, denn was möcht' mer denn a af so van Kranz, der um den Hinterkopf herum von einer Schläfe ihr Heimgebrachtes nicht zu verlieren; er konnte sie ver- Stern onfonga, worauf mer sich doch gar koan kloan zur anderen lief; durch seinen spitzen Schädel bekam sein lieren und dieses behalten, ja, es blieb ihm bald ganz bissel auskenna finna funnt'?" Gesicht das Ansehen eines Eies, das mit dem breiten zu freier Verfügung, als das Kind kurz darauf seiner So blieb er denn auf seinem Wunsche bestehen, so Ende nach unten stand; über dem derben Kinn und Mutter in den Tod folgte. Betrachtete er, wie sich alles a zwanz's Jahrln halt noch", und wird darauf bestehen zwischen den beiden mächtigen, ganz gefräßig und zer- immer und rechtzeit, und stets zu seinem Besten geschickt bleiben, und wenn er hundert alt würde; das ist auch malmig aussehenden Kinnladen befand sich das große und gefügt hatte, so mußte er das Einsehen gewinnen, gar nicht so unbescheiden für einen Mann, den Gott wulstlippige Maul, ober dem die kurze, plattgedrückte daß Gott ihn gern habe, und danach sich auch gegen gern hat, wofür ja auch diesem der Traidmann, soviel Nase und beidseitig an deren Wurzel blinzten zwei Grau- Gott verhalten; er betrachtete diesen als seinen himm- nur möglich, zu Gefallen lebt und oft genug vor den äuglein ohne Wimpern, doch fast ganz von den buschigen lischen Vater und hielt es mit ihm, wie alle braven Pfarrer erklärt:„ Er wär' sein' Tag' mit toan'm Menschen Brauen verdeckt. Söhne es mit ihren irdischen Vätern zu halten pflegen, ieber umgangen, als mit' m lieben Herrgott'n, und der er erwies ihm alle gebotene Aufmerksamkeit, und was wär' völlig ihm gleich, wie er selber!" denselben etwa zu ärgern vermocht hätte, das tat er ihm nicht unter den Augen, und was nicht zu verheimlichen angehen wollte, das fühnte er durch nachträgliche Zerknirschung und laut fundgegebene Reue. Der Alte kannte keinen anderen Gruß als„ Gelobt sei Jesus Christus"; Beicht-, Bitt- und Kirchgänge, sowie das„ Kirfürten" schienen ihm gleichermaßen zur Leidenschaft wie zum Bedürfnis geworden zu sein, und das nicht erst in seinen alten Tagen. Leute, die mit ihm alterten, besannen sich gar wohl, daß der TraidmannFlorl eine wilde Bubenzeit verbrachte. Daß man ihn damals durchaus nicht in dem Stande der Gnade" befindlich erachtete, erhellt wohl deutlich genug aus dem Umstand, daß man ihn verdächtigte, einem Burschen, der ihm zuerst bei einer Dirne, dann bei einer Bäuerin ins Gäu gegangen war", auf einer Kirchtagrauferei das Meffer in den Leib gerannt zu haben. Der Verletzte ftarb, ohne das Bewußtsein zu erlangen, und gegen den mutmaßlichen Täter fehlte jeder Beweis. Er war nicht lange Witwer geblieben, denn er fühlte sich nicht stark genug, dem Saul über Damaskus hinaus als ein anderer Paulus zu folgen und ehelos zu bleiben, und da für diesen Fall der Apostel selbst den Schwachen zur Ehe rät, so war Traidmann der letzte, der solchen guten Rat zurückgewiesen hätte. Er heiratete also zum zweitenmal, zur Buß' seiner Sünden", wie er sagte, die Leute meinten aber, er fasse das gar sehr vom umgekehrten Ende an; die neue Traidmannin war ein bildsauberes Geschöpf, zwar blutarm, aber dafür ganz unvernünftig unterwürfig, und sie war es eigentlich, die alle ihre Sünden in solchem Ehestand mit dem rechthaberischen alten Gottesliebling abbüßte, während er es wohl zufrieden sein konnte, nach der Reichsten nun auch die Schönste im Dorfe zu eigen zu haben, die noch dazu auf den Wink ging und auf den Pfiff fam. Die Kinder, welche sie zur Welt brachte, arteten leiblich und geistig nach ihr, und der Traidmann mußte sich seiner Häuslichfeit mit Recht berühmen. Des Traidmann- Florl Ein- und Umkehr erfolgte erst, als er selbständig wurde. Von seinem Vater, der ein großer Scharrer und Sparer war, erbte er allerdings nur ein kleines Anwesen, aber eine große Anzahl von Schuldscheinen; der Mann half als guter Chrift allen und jedem im Drte, wenn auch zu unchristlichen Berzenten. Hatte es den Traidmann- Florl, als er sich zum Militär abstellen sollte, schon einigermaßen stuzzig gemacht, daß Engbrüftigkeit und Plattfüße eine Gabe und Gnade von Gott seien, um wieviel mehr mußte er befangen Der unsaubere, höckerige Alte, der jetzt auf den Wegen werden, nachdem er sein eigener Herr geworden, als einherschusselt, mit Gebetbuch und Rosenkranz als steten Mißjahre eintraten; Mißjahre, die bei seinem geringen Begleiter, ist in seinem Hause der Gegenstand der Pflege Besitzstand keinen Ausschlag gaben, aber seine Schuldner und Sorge von seiten einer fast fürchtenden Gattin und so gründlich ruinierten, daß er deren Grund und Boden ein paar gutmütiger, braver Burschen und Dirnen. Diese billig an sich bringen konnte; faum aber hatte er die fünfe laffen ihm alles gerade sein. fremden Acker und Wiesen im Besiz, so kamen die er- Dem Alten ist es daher nicht schwer gefallen, bei der giebigsten Zeiten, und er hatte drei und vierfachen überzeugung zu beharren, daß ihm von Geburt an Gott Gewinn. As reicher Bauer heiratete er eine reiche gut gewesen sei und auch bis zum Ende bleiben werde, Bauerndirne, und nach zweijähriger Ehe, nachdem ihm und die Frist bis zu diesem Ende wünschte er immer ein Kind geboren ward, kam die Cholera ins Land; nur um so a zwanz'g Jahrln halt noch" verlängert; nicht ihn nahm die Epidemie hinweg, sondern sein Weib; das äußerte er an seinem fünfzigsten und sechzigsten nach der Mutter erbte das Kind, und ein Jahr danach Geburtstag, er wird es demnächst an seinem siebzigsten starb auch dieses, und nach dem Kinde erbte er das tun und am achtzigsten, wenn er ihn erlebt, nicht unterganze Besitztum; das war ja doch lauter Gnade von lassen; denn das Ende ist seiner Anschauung nach wirkGott, denn wie leicht wäre es diesem gefallen, ihn sterben lich das Ende und kann daher nicht leicht für lange zu lassen; von da an wurde der Traidmann- Florl nach- genug hinausgeschoben werden. denklich; er fühlte sich als den Mann, den Gott liebt, Wenn er in allen anderen Punkten der ganz unterund sich demnach verpflichtet, Gott auch alles, was möglich, tänigste und gläubigste Diener des Herrn Pfarrers ist, zu Gefallen zu tun, daher kennt er keinen anderen Gruß, in dieser Beziehung hat er seine eigene Meinung, und als„ Gelobt sei Jesus Christus", und darum fehlt er bei feinem Kirchgang, läuft bei allen Bittgängen, möge es sich um Sonnenschein oder Regen handeln, mit, und geht alle Ostern zur Beichte, und ist an der Kirchtür die Aufforderung zu einer Wallfahrt angeschlagen, so schließt er sich derselben an. wenn er ihr auch nur durch Kopfschütteln und Achselzucken Ausdruck gibt. Er läßt sich von einem anderen Leben viertelstundenlang vorreden, ohne eine Miene zu verziehen, dann aber, am Schlusse der Rede des Hochwürdigen, reckt er die Rechte mit einer ganz unnachahmlichen Gebärde von sich, als wäre sie der ausgereckte Arm eines verfallenen Wegzeigers, der ins Blaue weist, und dabei sieht der alte Sünder selber wie der fleischgewordene Zweifel aus. Phantasus.* Von Arno Holz. Die Nacht verrinnt, der Morgen dämmert, Vom Hof her poltert die Fabrik Und walft und stampft und pocht und hämmert, Ein hirnzermarterndes Gequit! Die Nacht verrinnt, der Traumgott ruht nun, Die Welt geht wieder ihren Lauf, Zum Himmel sprißt der Tag sein Blut nun, Die Nacht verrinnt und seufzend tut nun Das Elend seine Augen auf. Die Schläfen zittern mir und zucken, Dent' ich, o Volt, an deine Not, Wie du dich winden mußt und ducken, Dich ducken um ein Stückchen Brot! Du wälzft vertiert dich in der Gosse Und baust dir selbst dein Blutgerüft, Indes in goldener Rarosse Bor seinem sandsteingelben Schlosse Der Dandy seine Dirne füßt! Die Ritter von der engen Taille, Das sind die schlimmsten aus dem Chor, Sie schimpfen hündisch dich„ Kanaille"! Und haun dich schamlos übers Dhr. Was fümmert sie's, wenn Millionen Verreckt sind hinterm Hungerzaun? Noch gibt's ja lachende Dublonen, Kasernen, Kirchen und Kanonen, Und köstlich mundet ein Kapaun! O sprich, wie lang noch soll es dauern, Das alte Reich der Barbarei! Noch stützen tausend dunkle Mauern Die feste Burg der Tyrannei. Doch ach, dein Herz ward zur Ruine, Du lächelst nur und nickst dazu! Denn auch der Mensch wird zur Maschine, Wenn er mit hungerbleicher Miene Das alte Tretrad schwingt wie du! * ,, laßt mir meine Himmelsleiter! Und fragt mich nicht: Woher wohin? Nur weiter, weiter, immer weiter... Ihr wißt ja doch nicht, wer ich bin! Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Noch grub kein leuchtender Gedanke Sich tief in eines Denkers Stirn, Der nicht schon, stolz auf seine Schranke, Gelodert hier durch dies Gehirn! Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Die Länder mein und mein die Meere, So weit die Sonne ste bescheint, und ich bin's, dem die Bajadere Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Daß ihn Gott vor vielen anderen bevorzuge, galt dem Traidmann- Florl für ausgemacht, und er war nicht der Mann, über so ausgemachte Dinge zu grübeln und etwa der Veranlassung nachzufragen, welche er dafür Was hat es sich der gute Seelenhirte für Zeit und gegeben oder Gott dazu genommen habe, daß sich ein Mühe kosten lassen, bei diesem sonst so gefügigen Stücke derart erfreuliches Verhältnis zwischen ihnen beiden ent- seiner Herde den Unglauben an ein Hauptstück christlicher spann; es genügte ihm die Tatsache, daß ihn Gott gern Lehre zu bekämpfen. Es hat nichts gefruchtet. Einmal hatte und es nie an ersichtlichen Beweisen daran hatte faßte er den alten Traidmann, dessen dankbare Emp- Im Tanz noch blut'ge Tränen weint. fehlen lassen. Als er damals vom Notar mit den Papieren findungen gegen den himmlischen Wohltäter nicht zu bezurückkehrte, die ihm das Erbe seines verstorbenen Kindes streiten waren, bei der Gefühlsseite an, und fragte ihn, einantworteten, hatte er, wie bereits bemerkt, seine nach- ob er denn nicht das Verlangen verspüre, seinen gütigen denkliche Stunde; da war er, wie er sich ausdrückte, Saul überirdischen Vater von Angesicht zu Angesicht zu sehen? auf dem Wege nach Damaskus, denn an biblischer Sprech- Dös schon," meinte der Fromme, wann's leicht sein weise und Spruchanwendung fand er großes Behagen. funnt' und möglich war, daß mer dabei mit ihm alloan Ihrer neun lebende Kinder waren im Hause seiner sein tät' und bleib'n möcht'! Aber so kam ja all das Eltern gewesen, keinem außer ihm gönnte der liebe Gott Menschweri( Menschenwerk), mit dem mer im Leb'n das Dasein, alle verstarben, er allein blieb aufbehalten, z' tun g'habt hat, a dazua, und ich mag koau solch's zu verzehren, was die Alten zusammengerafft und er- begegnen, ich!" wuchert; frei ging er vom Militärdienst aus; nicht ihm, Was ihm ein solches Begegnen unangenehm machen sondern dem Preisler- Franzl war es bestimmt, bei der konnte, oder was es ihn fürchten ließ, darüber sprach er Kirchtagrauferei die Messerklinge in den Leib zu kriegen, sich nicht aus; da er aber doch nicht vermessen genug und die Mißjahre, durch welche Gott mit dem Stabe war, zu hoffen, Gott werde in einer Ewigkeit unter drei " Wehe" die anderen züchtigte, waren für ihn der Stab Augen Got hat nur eines, wie man oft aufgemalt Sanft", mit dem er zur hellen Duelle des Reichtums sieht den Himmel mit ihm teilen, so schloß er den | Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Wohl fraß die Zeit mit ihren Zähnen Schon manchen goldnen Heil'genschein, Jch aber schüttle meine Mähnen Und war und bin und werde sein. Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland!" * Aus„ Buch der Freiheit". Gesammelt und herausgegeben von Karl Hendel. Berlin 1893, Verlag„ Vorwärts". Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundet), Wilhelmshöhe Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.