Nr. 26 Die Gleichheit 16. Jahrgang eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen esaLƏRLƏRLƏR Mit den Beilagen: Für unsere Kinder und Frauen- Beilage Die Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Stuttgart den 26. Dezember 1906 ex D Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Genossinnen! Arbeiterinnen! Arbeiterfrauen! Die Reaktion hat euch ein unerwartetes und wertvolles Weihnachtsgeschenk beschert. Der Reichstag ist aufgelöst worden; am 25. Januar 1907 finden die Neuwahlen statt. Damit ist den ausgebeuteten und geknechteten Klassen die Möglichkeit gegeben, Gerichtstag zu halten über die eine reaktionäre Masse, welche die Regierung mitsamt allen bürgerlichen Parteien umfaßt. Denn unter diesen Parteien ist keine einzige, die nicht auch in dem letzten Reichstag die Interessen der werktätigen Bevölkerung verraten und zertreten hätte. Der äußerliche Anlaß dazu, daß die Reichstagsabgeordneten nach Hause geschickt worden sind, ist euch bekannt. Ihr wißt auch, daß die Auflösung in Wirklichkeit durch die gänzlich verfahrene innere und äußere Politik des Deutschen Reiches gezeitigt worden ist. Und über diese gesamte Politik gilt es am Wahltag zu richten. Genossinnen! Arbeiterinnen! Arbeiterfrauen! Anch ihr müßt an dem Volksurteil über die skrupellose und beschränkte Klassenpolitik des Deutschen Reiches mitwirken. Was sie brutal unter die Füße gestampft hat, auch wenn sie die Maske der Arbeiterfreundlichkeit trug, das sind die Interessen eurer Brüder, das find cure eigenen Interessen und die eurer Kinder! Wie lang und schwer das Sündenregister der Regierung und der bürgerlichen Parteien ist, das habt ihr im Aufruf der sozialdemokratischen Fraktion des aufgelösten Reichstags gelesen. Bergeßt nicht, daß das Sündenregister der Herrschenden und Regierenden das Register eurer Leiden und Nöte ist. Eure Söhne, Brüder und künftige Gatten find es, die der Militarismus der Berufstätigkeit, dem bürgerlichen Leben entreißt; die er leiblich und seelisch durch Gamaschendrill und Kadavergehorsam bedroht; die er den furchtbaren Bluturteilen der Militärjustiz überliefert; die er eines Tages- Schlächter und Opfer zugleich auf das Schlachtfeld treibt oder zwingen will, den„ inneren Feind" niederzumeheln. Den inneren Feind", ihr wißt es, zu dem ihr selbst gehört und die Eurigen! Die Hunderte und Tausende Millionen, welche Heer, Marine und Rolonialpolitik verschlungen haben, find Nickel für Nickel auch aus eurer ärmlichen Wirtschaftskaffe durch Zölle und Steuern auf die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse herausgeholt worden. An den Riesensummen, die Zollwucher, Grenzsperre und andere ,, Liebesgaben" noch durch künstliche Verteuerung von Fleisch, Brot, Milch und fast allen übrigen Mundbedarf in die unergründlichen Taschen der Junker und Junkergenossen stopfen, hängt euer saures Mühen, ener Sparen und Darben, vielleicht sogar der Hunger eurer Kinder. Wo ist die Arbeiterin, die sich bei den lastenden Teuerungspreisen und dem knappen Lohne 365 Tage im Jahre sorglos alles zu beschaffen vermöchte, was auch nur zu des Leibes Nahrung und Notdurft gehört; wo die Arbeiterfrau, die ohne qualvolles Grübeln und gesundheitsschädliches Knapsen den Haushalt führen kann? Und während die Politik der Herrschenden und Regierenden euch Last über Last aufbürdete, hat sie nichts getan, um die Ausbeutung zu mildern, der ihr und die Eurigen zum Nutzen der kapitalistischen Geldsäcke anheimfallt. Nicht einmal die Schutzbedürftigsten eurer Angehörigen, enre Kinder, find durch eine vernünftige Sozialpolitik gegen die Leib und Geist verwüstende Auswucherung ihrer zarten Kräfte sichergestellt worden. Das vielgepriesene Kinderschutzgesetz läßt geschehen, daß die gewissenloseste Profitgier nach wie vor ihre Krallen nach Hunderttausenden schulpflichtiger Kleinen ausstreckt. Gure halbwüchsigen Kinder werden noch immer vom sechzehnten Jahre an als„ erwachsene Arbeiter" vogelfrei für die schrankenlose fapitalistische Ausbeutung. Das Reich, das vorgeblich an der Spitze der Sozialreform marschiert, hat für die erwachsenen Arbeiterinnen noch nicht einmal die winzige Reform des Zehuftundestages gefeblich festgelegt. Ihr Lohnsklavinnen in Stadt und Land, in Fabrik, Bureau und Laden, seid eingedenk, daß die Beutepolitik der herrschenden Klassen euch nicht die Zeit gönnt für Schlaf und Erholung, für Bildung und Freude, für Familienpflichten und Aufgaben des öffentlichen Lebens! Sie pfeift darauf, daß ihr Mütter seid oder eines Tages Mütter werdet. Kein Schutzgesetz mindert das Elend der Heimarbeit, das zum großen Teil Frauen- und Kinderelend ist. Arbeiterinnen, Arbeiterfrauen, merkt euch, daß keine gesetzliche Vorschrift den langen Arbeitstag eurer Väter und Söhne, eurer Gatten und Brüder begrenzt. Der Fluch ihres vorzeitigen Siechens und Alterns trifft über sie selbst hinaus auch euch mit aller Härte. Man verweist euch angesichts dieser Nöte auf die Versicherungsgesetze. Was sie bei Krankheit, Unfall und Invalidität bieten, ist gewiß besser als nichts. Aber wie winzig ist es, gemessen an euren Bedürfnissen in den Tagen der Not. Arbeiterinnen, Arbeiterfrauen, viele von euch haben die" Rentenquetschen" und andere „ Schönheitsfehler" der Versicherungsgesetze zu genau fennen gelernt, als daß ihr mit ihren Leistungen zufrieden sein könntet. Und leidet nicht gerade ihr unter einem der schwersten Mängel der Versicherungsgesetzgebung! Noch immer fehlt es an durchgreifendem Mutterschutz, fehlt es an der unerläßlichsten Fürsorge für Schwangere, Wöchnerinnen und Säuglinge. Die Gesellschaft, deren Reichtum und Kultur auch aus euren abgearbeiteten Händen quillt, versagt euch in eurer schweren Stunde ihren Beistand, sie gibt das noch ungeborene Leben eures Schoßes und den zarten Säugling den schwersten Schädigungen preis. Ist das nicht eine Schmach, ist das nicht ein Verbrechen! Genossinnen! Arbeiterinnen! Arbeiterfrauen! Wie steht es um die Rechte, mittels welcher sich die ausgebeuteten Klassen gegen ihre Feinde und Beiniger zur Wehr setzen können? Der Gesezentwurf zur Knebelung und Zersezung der Gewerkschaftsbewegung hat das kürzlich beleuchtet. Die dürftige Koalitionsfreiheit des deutschen Proletariats wird mit allen Nücken und Tücken zu meucheln gesucht. Was in dieser Beziehung der Vorstoß zu einem modernisierten Buchthausgesetz noch nicht erreicht hat, das soll eine schikanöse Praris des Vereins- und Versammlungsrechts, die Anwendung aller möglichen und unmöglichen Gesetzesparagraphen und Polizeivorschriften durchsetzen. Erinnert euch der Vorgänge und Zuchthausurteile in Breslau, Nürnberg und anderwärts! Ihr Proletarierinnen aber seid in dem Kampfe um menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen mehr als alle anderen Ausgebeuteten gefesselt. Im größten Teile des Denischen Reiches ist ench das freie Vereins- und Versammlungsrecht vorenthalten. Das Recht zum organisierten Kampfe gegen das Unternehmertum, das euch die reichsgesetzliche Roalitionsfreiheit gibt, wird euch von der einzelstaatlichen Vereinsgesetzgebung wieder entrissen. Viele Hunderttausende eurer Schwestern- die Dienstmädchen und Landarbeiterinnen haben aber nicht einmal das bißchen Koalitionsfreiheit. Bon den Krankenkassen abgesehen besitzt ihr zu keiner öffentlichen Körperschaft das Wahlrecht, nicht einmal zu den Gewerbegerichten. Am schwersten seid ihr dadurch benachteiligt, daß euch das politische Wahlrecht mangelt, das heißt die schneidigste Waffe im politischen Alltagstampf gegen die ausbeutenden Klassen und ihre Ordnung. Die Reaktion läßt sich aber an eurer Rechtlosigkeit nicht genügen. Sie steht sprungbereit, um dem Wahlrecht eurer Brüder an die Kehle zu springen. Dem dürft ihr nicht gleichgültig zusehen, Frauen des werftätigen Voltes. Die politische Knebelung eurer Klassengenossen steigert die Macht eurer aller Herren und ihre Ausbeutungsgewalt und verschärft damit euer aller Leiden. Genossinnen! Wo ist ein Gebiet des öffentlichen Lebens, auf dem nicht die Sünden der Herrschenden und Regierenden zum Himmel schreien? Da ist die entsetzliche Wohnungsnot des Proletariats. Die Verpfaffung der Schule und ihre Entwürdigung zur Dressuranstalt für mordspatriotische, fürstendienerische, fapitalfromme Gesinnung. Die Vernachlässigung aller Kulturaufgaben. Die Polenschande. Da ist als unvermeidliche Ergänzung der arbeiterfeindlichen Heimatspolitik eine erzreaktionäre, aberwitzige Auslandspolitik, die Hunderte von Millionen vergeudet, die unsere nationale Ehre mit den namenlosen Rolonialgreueln besudelt hat. Die Kostgänger dieser Politik sind die Tippelskirch, Woermann und andere Plünderer der Reichskasse, ihre Kostenträger sind die ausgebeuteten Massen. Da macht sich ein persönliches Regiment breit, das kaum noch das Feigenblatt der Verfassung trägt und nervös auf allen Gebieten herumzickzackt. Gegen die Schmach dieser Zustände gilt es bei der Reichstagswahl zu kämpfen. An ihr sind mit der Regierung zusammen alle bürgerlichen Parteien schuldig. Denn die volksfeindliche Politik des Reiches ist das echte Kind der Klassenherrschaft der Besitzenden und Ausbeutenden über die Habenichtse und Ausgebeuteten. Wir müssen daher den Kampf mit gleicher Schärfe gegen die Regierung und alle bürgerlichen Parteien aufnehmen und darüber hinaus gegen die kapitalistische Ordnung selbst. Wir tun das, indem wir uns um das rote Vanner der Sozialdemokratie scharen. Sie ist die einzige Partei, welche die kapitalistische Gesellschaft grundsätzlich und unversöhnlich bekämpft; die einzige Partei, welche die materiellen und kulturellen Interessen der mit Hand und Hirn fremdem Reichtum frondenden Bevölkerung mit aller Kraft und Treue vertritt; die einzige Partei, die volles Frauenrecht als Menschenrecht verficht. Proletarierinnen! Helft das sozialdemokratische Banner am Wahltag zum Siege tragen! Ihr seid wohl politisch Rechtlose, aber nicht Machtlose. Geht in die dunkelsten proletarischen Wohnungen, um dort die Schlafenden zu wecken, die Säumigen und Lässigen zum Kampfe zu treiben, die Feigen mit Mut, die Zweifelnden mit starker Überzeugung zu erfüllen. Facht die Empörung über Lebensmittelwucher und Arbeitertruz, über die ganze greuliche Mißwischaft im Deutschen Reiche zu lodernden Flammen an. Weist der Empörung den rechten Weg: den proletarischen Klaffenkampf. Sett opferfreudig alle Kräfte ein, damit der 25. Januar ein Ehren- und Siegestag in diesem Kampfe werde. Sorgt für den Massenbesuch der sozialdemokratischen Versammlungen. Der Wahlkampf foſtet Geld, viel Geld; beschafft Kriegsmunition. Helft bei der Verbreitung von Flugblättern und anderer Agitationsliteratur. Stellt euch den sozialdemokratischen Wahlkomitees zu aller Art Arbeit zur Verfügung. Jede aufgeklärte Proletarierin müßte mindestens zwei indifferente Arbeiter, zwei von dem großen Heer der Nichtwähler und Falschwähler für die Sozialdemokratie an die Urne bringen. Das wäre die beste Quittung über ihre politische Reife, die beste Revanche für ihre eigene Rechtlosigkeit. Frauen des werftätigen Volfes! Das Weihnachtsfest, das Fest der sogenannten christlichen Liebe steht vor der Tür. Euer Bethlehem liegt nicht hinter, es liegt vor euch. In dem Tosen des Klassenkampfes kommt der Heiland, der euch und den Eurigen die Erlösung von dem Fluche der kapitalistischen Ordnung bringt: das klassenbewußt kämpfende Proletariat. Laßt heuer mehr als je die Weihnachtszeit eine fröhliche, selige, gnadenbringende Kampfeszeit sein. Die Weihnachtsglocken läuten Sturm. Er muß der Vorbote des Sieges am Wahltag sein. Auf, in den Kampf! Berlin, den 19. Dezember 1906. Ottilie Baader, Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands. 184 lands. Inhalts- Verzeichnis. Die Gleichheit Aufruf der Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen DeutschDie Auflösung des Reichstags. Von G. L. Endlich heraus mit dem Heimarbeiterschutzgesetz. Von Gustav Hoch. Die Krankenversicherung der Dienstboten. Von Fr. Kleeis. Weihnachten Sonnenvendfest! Von Hanna Dorsch- Lugano. Frauen in der Gemeindeverwaltung. Von M. G. Heimarbeiter elend im Zeitz- Weißenfelser Braunkohlenrevier. Von M. H. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Organisationen. Jahresbericht der Kreisvertrauensperson für Wittenberge und Um gegend. Verurteilung von Rosa Luxemburg.- Politische Rund- mus dazu, um in einem solchen Konzessionsschulze" die schau. Von G. L. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. Fl. Geroähr für eine liberale Ara zu erblicken. Welchen Kalibers Notizenteil: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Dienst diese Dernburgsche Kolonialpolitik war, zeigte sich sofort bei botenfrage. Frauenstimmrecht. Beginn der Verhandlungen. Feuilleton: Botschaft.( Gedicht.)... Arbeiterpack." Skizze von A. Stahn. Weihnachten 1906.( Gedicht) Die Auflösung des Reichstags. Den maßgebenden Faktoren im Reich hat es gefallen, Knall und Fall eine Auflösung des Reichstags herbeizuführen. Den äußeren Anlaß dazu bot die Ablehnung der Forderung von rund 29 Millionen Mark im Nachtragsetat für 1906/07 für die Fortführung des Krieges in Südwestafrita. Die Sozialdemokraten und die Polen wollten gar nichts bewilligen, Konservative, Freisinnige und Nationalliberale alles, das Zentrum bot 20 Millionen Mark. Die Negierung stellte sich auf den Standpunkt: entweder alles oder Auflösung! Mit 11 Stimmen Majorität wurde die Forderung abgelehnt, und dann verkündete unter dem Beifall der Regierungsparteien wie stürmischem Bravo und Händeklatschen der siegenden Sozialdemokratie der Reichsfanzler die kaiserliche Botschaft aus Bückeburg, daß der Reichstag aufgelöst sei. darauf abzielte, das Zentrum zu brüstieren und womöglich von den anderen bürgerlichen Parteien zu isolieren. Nr. 26 Dernburg war als gewiegter Geschäftsmann so vorsichtig, deren Lebensglück durch den Fluch der Heimarbeit zerstört fich den Titel Exzellenz auf Vorschuß geben zu lassen. wird, diese Gelegenheit ausnutzen. Anzuerkennen ist, daß er unfähige und diskreditierte Beamte Dieselben Ursachen aber, die es ermöglichten, daß die aus dem Kolonialamt beseitigte und die Lösung des Ver- Mißstände der Heimarbeit in so unerhörtem Maße die trags mit der Firma Tippelskirch durchsetzte, die Millionen förperliche und geistige Gesundheit eines großen Teiles über Millionen Profite geschluckt hatte. Sonst aber fenn- unseres Voltes untergraben, dieselben Ursachen erschweren zeichnet sich seine Verwaltung nur als eine verschlimmerte es auch aufs äußerste, die Heimarbeiter und HeimarbeiteAusgabe der bekannten auf Ausbeutung und Unterdrückung rinnen zu einer derartigen gemeinsamen Aktion zusammender Eingeborenen abzielenden kapitalistischen Kolonialpolitik. zubringen. Die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen leben Es gehört schon die ganze Kindstöpfigkeit des Liberalis vereinzelt. Sie hausen daheim mit ihren Angehörigen ohne engere Fühlung mit ihren Leidensgenossen. Daher fehlt ihnen die Gelegenheit, sich gegenseitig gründlich aus zusprechen, ihr gemeinsames Leid einander zu klagen und mit gemeinsamen Kräften nach der Beseitigung der sie so Durch ein wunderbares Zahlenspiel suchte Herr Dernburg sehr drückenden Mißstände zu streben. Sie stehen ihren den Reichstag glauben zu machen, daß unsere Kolonien und Leidensgenossen fremd und falt gegenüber. Die Erkenntnis alles, was darin steckt, für uns Werte von einer Milliarde des Zusammenhanges, in dem ihr eigenes Elend mit der Mark bedeuten. Auf diese Dernburgsche Inventur sind nun gegenwärtigen Ausbeutungswirtschaft steht, die Erkenntnis allerdings selbst die gläubigsten Gemüter nicht hereingefallen. des herrschenden Klassengegensatzes und des daraus sich erSchlimmer noch war Dernburgs Verhalten gegenüber den gebenden Klassenkampfes, Klassensolidarität und SiegesKolonialstandalen, die in den Debatten von Bebel, dem zuversicht können unter diesen Arbeitern und Arbeiterinnen freifinnigen Ablaß und dem Zentrumsmann Roeren ent- nur schwer und langsam aufkommen. In ihrem furchtbaren hüllt wurden. Aus der Welt schaffen ließen sie sich nicht. Jammer leben diese doppelt unglücklichen Arbeiter hoffnungsDie von Bebel Klargestellte Tatsache, daß der freikonservative los dahin, vielleicht von dem einzigen Wunsche getrieben, Abgeordnete Arendt mit seinen Freunden für die Be- die Heimarbeit möglichst lange auszudehnen, teine Sekunde gnadigung des wegen Hängens von Eingeborenen aus dem des Tages und der Nacht zu verlieren, um auf diese Weise Dienste entlassenen Dr. Peters gewirkt hatte, konnte nicht einen etwas höheren Verdienst zu erzielen. Eine solche Arbestritten werden. Dafür machte aber Herr Dernburg einen beiterschicht ist naturgemäß nur sehr schwer in unsere Verpersönlichen Angriff schwerster Art auf den Zentrumsmann ſammlungen zu bringen. Roeren, der unfagbare Greuel aus der Kolonie Togo ent- An diese bekannte Tatsache müssen wir erinnern, weil hüllt hatte. Dernburg warf ihm vor, daß er seinen Einfluß sich jeder denkenden Arbeiterin in erster Linie die Frage zugunsten der Missionare und eines Subalternbeamten ver- aufdrängt, weshalb gerade für diese Arbeiterschicht, die wandt hätte. Zweifellos ist solche Hintertreppenpolitik von am schlimmsten ausgebeutet wird, die Gesetzgebung bisunserem Standpunkt aus durchaus verwerflich. Aber sie ist her so gut wie gar nichts geleistet hat. Das Elend der Niemals zuvor ist das neudeutsche System der Plöglich- allgemein üblich bei den bürgerlichen Parteien. Die Re- Heimarbeiter ist doch wahrlich groß genug, daß auch unsere teiten so unvermutet zu einer seiner theatralischen Explo- gierung selbst ermutigt sie dazu. Das Junkertum bringt er- bürgerlichen Arbeiterfreunde hier ihr gutes Herz schon längst sionen gekommen. Bis zum Morgen des entscheidenden fahrungsgemäß auf solchen Wegen seinen großen Einfluß hätten betätigen müssen. Auch sind diese traurigen Verhält Sigungstags herrschte allgemein die Ansicht vor, die Regie zur Geltung. Eine Regierung, die der Peters- Kamarilla zu nisse der herrschenden Klasse schon längst befannt. Seit rung werde mit dem Zentrum sich um die geringfügige Millen ist, hat fein Recht, sich über die weit harmloseren Jahrzehnten haben selbst bürgerliche Forscher und sogar amtDifferenz zwischen Forderung und Angebot zu vereinbaren Machenschaften Roerens zu entrüften. Die Ereignisse haben liche Enqueten immer neue, geradezu erschütternde Mits wissen, wie das Dutzende von Malen vorher geschehen. Da ja auch bewiesen, daß dieses Dernburgsche Manöver nur teilungen von der über alle erträglichen Grenzen getriebenen wurde in der Sitzung der Budgetkommission die Ansicht verAusbeutung in der Heir industrie in die Öffentlichkeit gebracht. breitet, das Zentrum wolle fest bleiben. Damit wurde die Bald bezogen sie sich auf die Ausdehnung der Arbeitszeit vom Sache ernst. Aber noch in der Sigung selbst gab Herr Zunächst wählte indes das Zentrum den wenig rühm frühesten Morgen bis in die späte Nacht, bald auf die klägSpahn zu erkennen, daß ihm und seiner Partei ein über- lichen Weg, Herrn Roeren die Sache allein ausbaden zu lichen Löhne, bald auf die Abhasterei der Familienmutter, stimmtwerden gar nicht unlieb sein würde. Er deutete lassen. Auch in den sachlichen Fragen, derentwegen es nur zu bald auf die Entartung der Kinder, bald auf die schauderdas an, nach dem schon der Reichskanzler in seiner Auseinandersegungen in der Kolonialpolitik tam, trat das hatten Wohnungsverhältnisse. Und stets, wenn von neuem ersten Rede die schärfsten Konfliktsregister gezogen hatte. Zentrum sehr gemäßigt auf. Die Bahn nach Keetmanshoop ein Notschrei über diese Zustände ertönte, war die„ gute Der Vermittlungsantrag Ablaß errang denn auch 171 gegen will es jetzt ebenso wie die Freisinnigen anstandslos be- Gesellschaft" entsegt. Im Reichstag ist es denn auch wieder 175 Stimmen, da vier Zentrumsleute dafür gestimmt hatten. willigen. Da stehen die Sozialdemokraten in der Ablehnung holt zur eingehenden Debatte darüber gekommen. An Die Regierungsvorlage fiel darauf mit 167 gegen 177 allein. Auf Durchführung der Mairesolution bestand das schönen Redensarten und allgemeinen, aber unverbind Stimmen. Die ganze Verhandlung war in vier Stunden Zentrum gleichfalls nicht. Es beschränkte sich darauf, eine lichen Versprechungen haben es die bürgerlichen Parteien vorüber. Dann erfolgte die Auflösung. Kein Zweifel: die beschleunigtere Zurückziehung der Truppen zu fordern. nicht fehlen lassen; das aber, worauf es ankommt, ein Regierung hat es geflissentlich bis zum Konflikt getrieben, Während die Regierung plant, noch auf Jahre hinaus 8000 wirffames Schutzgesetz für die Heimarbeiterschaft, ist bis auf das Zentrum hat ihn vermeiden wollen, hat ihn aber schließ- Mann und schließlich nach Beendigung des sogenannten den heutigen Tag noch nicht zustande gebracht worden. Dies lich notgedrungen aufgenommen. Die anderen bürgerlichen Krieges wenigstens 5000 Mann in Deutsch- Südwestafrika felben bürgerlichen Arbeiterfreunde, denen die Arbeite den Parteien mischen bange Seufzer in ihren offiziellen Kampfes- stehen zu lassen, will das Zentrum die baldige Reduzierung Bollwucher, die steigenden Ausgaben für den Militarismus jubel. Unverhohlene Freude hat an der Situation nur die auf 2500 Mann, aber auch da noch ohne bestimmten Termin, und den Marinismus, die Schmach unserer Kolonialwirts Sozialdemokratie. ganz wie es der Regierung paßte.... Gleichzeitig forderte es schaft zu verdanken haben, die jetzt wieder daran sind, die Um das alles zu verstehen, muß man zurückgreifen auf die oben schon erwähnte Kürzung des Nachtragsetats für freien Hilfskaffen unter die Vormundschaft der Behörden zu die Vorgänge im Mai dieses Jahres vor der Vertagung. dieses Jahr um 9 Millionen Mark. Weiter nachzugeben bringen und die Gewerkschaften der Arbeiter zu tnebeln Damals war die Niederlage der Regierung in der Kolonial- traute sich das Zentrum nicht, um sich nicht unheilbar zu dieselben bürgerlichen Arbeiterfreunde haben trotz ihres anfrage viel wuchtiger, die Mehrheit gegen sie viel größer. fompromittieren. Die Regierung wollte aber offenbar den geblich so großen Eifers noch nicht einmal den ersten Schritt Eine Zweidrittelmehrheit verweigerte ihr die Bahn nach Konflikt und trieb es zum Krach, indem sie die völlige Unter- zu einem wirksamen Heimarbeiterschuß gemacht, weil sich Reetmanshoop, trotz der säbelrasselnden Rede des Obersten werfung des Zentrums forderte, nachdem es ihm die Unter- leider aus den oben angegebenen Gründen die beteiligten v. Deimling. Mit gleicher Mehrheit wurde dann eine fozial- werfung durch den Zusammenstoß Dernburg- Roeren unmög- Arbeiter und Arbeiterinnen selbst nicht genug für ihr eigenes demokratische Resolution angenommen, die eine Beilegung lich gemacht hatte. Interesse rühren. Hier sehen wir es wieder, daß die bürgerdes Krieges auf Grund der Zusicherung von Land an die Daß Konservative und Nationalliberale mit Horrido und liche Arbeiterfreundlichkeit auf dem Gebiet des Arbeiter Eingeborenen forderte. In beiden Fällen hatten auch die Huffassa die Regierungshah mitmachen, ist begreiflich nach schutzes vollständig versagt, solange die betreffende ArbeiterFreifinnigen auf seiten der Mehrheit gestimmt. Sozial- ihrer ganzen Vergangenheit, trotzdem der erst jüngst verhallte schicht selbst nicht durch den Druck ihrer Gewerkschaften und demokraten, Zentrum und Polen lehnten dann auch noch Theaterdonner der nationalliberalen Partei gegen das per- ihrer Parteizugehörigkeit auf das wirtschaftliche und politische den Boften eines Kolonialsekretärs ab. fönliche Regiment diese Mannesseelen, die jetzt dem persön- Leben die herrschende Klasse zu den nötigen Zugeständnissen Die Regierung war zunächst völlig ratlos. Die um lichen Regiment begeisterte Gefolgschaft gegen das Zentrum zwingen kann. Da dieser Druck hier fehlt, stecken die bürgerBülow legten aber auch nicht ihr Amt nieder. Sie machten und die Sozialdemokratie leisten wollen, der Lächerlichkeit lichen Arbeiterfreunde noch immer mitten in dem Wenn es wie ein bureaukratisches Regiment stets nach Niederlagen. preisgibt. Daß aber auch die Freifinnigen auf die Botschaft und Aber, sind sie mit ihren Erwägungen und Bedenken Sie steckten den Kopf in den Sand und taten, als berühre aus Bückeburg hin eingeschwenkt sind in den reaktionären noch lange nicht zu Ende, obgleich der Weg, den die Gesetzsie das offenkundige Mißtrauensvotum des Reichstags nicht. Heerbann, der sich um die bureaukratischen Handlanger des gebung beschreiten muß, wenn sie endlich mit den unerträgSie haben natürlich aber auch nicht die Weisung des Reichs- militaristischen Regimentes schart, das ist ein kläglicher tchen Mißständen in der Heimindustrie aufräumen will, aufs tags befolgt, Maßregeln zu friedlicher Verständigung mit den Beweis politischer Selbstentwürdigung, der den völligen flarste vorgezeichnet ist. Die Heimmdustrie ist für unsere Zeit eine rückständige Hottentotten zu ergreifen. Der Krieg wurde in alter Weise Bankrott des Liberalismus in Deutschland bekräftigt. weitergeführt. Niederhehung der Eingeborenen war die Parole. Uns Sozialdemokraten fann nichts willkommener sein Form der gewerblichen Arbeit. Die neuesten Versuche der So kam die Wintersession heran. Man hätte meinen als dieser Wahlkampf in der Zeit der Fleischnot und an- interessierten Unternehmer, die„ moderne" Heimindustrie als sollen, allen Parteien, die im Mai zum gemeinsamen Vor- gesichts des zunächst vertagten Verfuchs der Gewerkschafts- ein durchaus wohlgeratenes und lebensfähiges Kind unserer gehen in der füdafrikanischen Politit sich zusammengefunden fnebelung. Mit ihrer Politik der Geldvergeudung und des Beit„ wissenschaftlich" herauszupuzen, sind völlig gescheitert. hatten, würde jeht ihre Ehre es gebieten, die Regierung zur Blutvergießens, mit dem Schmutz der Kolonialstandale an Auch die„ moderne" Heimindustrie ist rückständig, weil fie Rechenschaft zu ziehen wegen ihres Verhaltens. Und das den Fingern wird die Regierung herzlich schlechte Geschäfte durch die räumliche Trennung der Arbeitskräfte nicht nur um so mehr, da zwischendurch die wiederholte Ankündigung machen. Und wie mit den Junkern, werden wir auch fertig den Verlust von Zeit und Arbeitskraft, sondern auch noch des Zentrumsabgeordneten Erzberger, er werde in der neuen werden mit den liberalen Bücke- Bürgern. Der 25. Januar eine ganze Reihe anderer Nachteile, je nach der besonderen Session mit großen Enthüllungen über Kolonialstandale vor- 1907 wird ein Tag der Abrechnung werden mit der unver- Art der Arbeit, zur Folge hat. Diese Nachteile hätten der G. L. Heimarbeit auch ohne Eingreifen der Gesetzgebung aus wirtgehen, von der Regierung mit einer Strafverfolgung gegen schämten wie mit der verschämten Reaktion. Beamte beantwortet war, von denen man annahm, sie hätten schaftlichen Gründen schon längst ein Ende gemacht, wenn Material zu diesen Enthüllungen geliefert. Im Verlauf der es den Unternehmern nicht gelungen wäre, die Arbeits: Untersuchung wurde sogar die Abgeordnetenimmunität ver- Endlich heraus mit dem Heimarbeiterschutz- bedingungen der vereinzelten und daher wehrlosen Heim: arbeiter so tief herabzudrücken, daß sich die Heimarbeit für die leht. Schon da zeigte sich die Schwächlichkeit der ZentrumsUnternehmer nicht nur nicht teurer, sondern sogar erheblich opposition. Herr Erzberger führte den Untersuchungsrichter selbst in den Reichstag und lieferte ihm sein Material aus. Mitten in der Agitation, welche von der Generalfommission profitabler als die Fabrifarbeit erweist. Unter diesen Umständen Ginige freifinnige Abgeordnete sagten aus, was sie in Ver- der Gewerkschaften in umfassender Weise für den gesetzlichen muß die Regelung der Arbeitsbedingungen in der Heimindustrie teidigung der Immunität unbedingt hätten unterlassen müssen. Heimarbeiterschutz entfaltet wurde, ist die Auflösung des der übermacht der Unternehmer entzogen und von der GeMittlerweile ergriff dann die Regierung ein Mittel, von Reichstags erfolgt. Um so besser. Denn damit ist den Ar- samtheit durch zweckmäßige Schutzgesetze übernommen werden, dem sie bei der Rückgratlosigkeit des Liberalismus hoffen beiterinnen eine um so günstigere Gelegenheit gegeben, mit Nur auf diese Weise ist es zu erreichen, daß diefe Arbeitsfonnte, deffen Oppositionsstellung abzuschwächen. Sie über- allem Nachdruck dafür einzutreten, daß endlich unsere alte bedingungen allmählich gehoben werden, bis sie denen der trug den Posten eines Kolonialdirektors dem bisherigen Forderung nach einem wirksamen Arbeiterschutzgesetz erfüllt Fabritarbeiter gleich find; dann verliert die Heimarbeit ihren Bankdirektor Dernburg mit der Anwartschaft auf den aber werde. Zu wünschen ist nur, daß wirklich alle die vielen Wert für die Unternehmer, und nach und nach erfolgt ihre mals anzufordernden Posten eines Kolonialsekretärs. Herr Hunderttausende von Heimarbeitern und Heimarbeiterinnen, naturgemäße Ablösung durch die Fabrifarbeit. Die Gesetz. gesetz! Nr. 26 gebung hat also auch hier nur die zur Plage für die Gesamtheit gewordenen Ausbeutungsvorrechte der herrschenden Klasse zu beseitigen und der wirtschaftlichen Entwicklung den Weg zu ebnen. Die Gleichheit 185 ist selbstverständlich, daß bei einer derartigen freiwilligen" Anmeldung die Dienstherrschaften fein Recht haben, etwa die Kassenbeiträge ohne die Einwilligung der Dienstboten vom Lohne abzuziehen. des Dienstvertrags zu sorgen haben. Ist der Dienstbote in die häusliche Gemeinschaft aufgenommen, so erstreckt sich die Verpflichtung der Dienstherrschaft auf die Dauer von mindestens sechs Wochen, sofern nicht vorher die Zeit des Die Sozialdemokraten handelten dementsprechend. Sie Dienstvertrags abläuft. Die Herrschaft kann solchenfalls die Der mangelhafte gesetzliche Zustand hat zu den verschie stellten bei jeder Gelegenheit die nötigen Anträge, die aber bar verwendeten Kosten auf den Lohn und das Kostgeld ver- densten Notbehelfen geführt. In einer Anzahl Gemeinden regelmäßig von den bürgerlichen Parteien niedergestimmt rechnen. find von den Dienstherrschaften selbst Rassen gegründet wors wurden. So verweigerten die bürgerlichen Parteien aus- Diese gesetzliche Fürsorge ist äußerst mangelhaft. Denn den. Derartige Kassen, wie zum Beispiel der„ Verein der drücklich den Heimarbeitern den unentbehrlichen besonderen zunächst gibt es eine große Anzahl Dienstverpflich- Dienstherrschaften in Leipzig", beruhen auf privater, freier Schuß, und sie schlossen sie obendrein noch von den meisten teter, auf welche die erwähnten Bestimmungen gegenseitiger Vereinbarung. Ein 3wang der DienstherrSchutzbestimmungen aus, welche für die Fabrikarbeit erlassen des Bürgerlichen Gesetzbuchs teine Anwendung schaften besteht nicht, ihnen beizutreten und ihr Personal wurden. Damit wurde es von der Gesetzgebung ausdrücklich haben. Hierher gehören diejenigen, welche nicht in einem gegen Krankheit zu versichern. Manche dieser Rassen sind anerkannt, daß die Arbeiter, Arbeiterfrauen und Arbeiter- dauernden Dienstverhältnis stehen, welches die Erwerbs- schon vor dem Inkrafttreten des Krankenversi rungsfinder in der Heimindustrie noch schlimmer ausgebeutet tätigkeit des Verpflichteten vollständig oder hauptsächlich in gefeges gegründet worden. Gleichwohl haben sie keine Entwerden dürfen als in den Fabriken. Die Unternehmer Anspruch nimmt( wie zum Beispiel die Waschfrauen, wicklung durchgemacht, ihre Leistungen sind jetzt noch die nutzten dieses Entgegenkommen der Gesetzgebung natürlich die abwechselnd bei verschiedenen Dienstherrschaften in Bedenkbar geringsten. In manchen Gegenden sind auch auf aus, indem sie ihre Produktion soviel als möglich in die schäftigung sind), und jene Dienstverpflichteten, die nicht in Grund einzelner Bestimmungen der Gesindeordnung KrankenHeimarbeit verlegten und sich so über die Schutzvorschriften die häusliche Gemeinschaft der Dienstherrschaft aufgenommen fassen für die Dienstboten gegründet worden. Sie tamen in hinwegfetten. find( wie zum Beispiel die zahlreichen Aufwartefrauen der Regel durch Gemeindebeschluß und auf Grund eines Unter diesen Umständen dehnten sich die schädlichen Folgen und mädchen). Und dann ist eine große Lücke der be- Ortsstatuts zustande, durch welches den Dienstherrschaften der Heimarbeit auf immer weitere Kreise der Arbeiter aus treffenden gesetzlichen Bestimmung die, daß über den Um die Verpflichtung auferlegt wird, ihr Dienstpersonal bei der - trotz der schönen Worte der bürgerlichen Arbeiterfreunde fang und die Art der Unterstützung nicht das geringste ge- betreffenden Kasse anzumelden. Die Verwaltung der Kassen für den Heimarbeiterschutz. Im Anfang dieses Jahres wurde sagt ist. Die Dienst herrschaften lassen daher die geschieht durch die Gemeindeorgane. Derartige Kassen benun durch die Heimarbeitausstellung in Berlin das Elend Fürsorge in der Regel nur im beschränktesten stehen in Dresden, Chemniz, Plauen und in einer der Heimarbeiter in allen Kreisen der Bevölkerung aufs leb- Maße eintreten. Was wird aus dem Dienstboten, wenn ganzen Reihe anderer Städte. hafteste besprochen. Auch jetzt wieder wollten sich die bürger- sich vielleicht die Dienstherrschaft aus Unkenntnis des Ge- Die Unterstützungen, welche die geschilderten Kassen gelichen Arbeiterfreunde mit ihren üblichen schönen Redens- setzes oder aus„ Sparsamkeit" gar nicht um ihn kümmert, währen, bestehen meist nur in der Gewährung von ärztlicher arten begnügen. Da unterzog sich die sozialdemokratische oder wenn während der Krankheit der Dienstvertrag oder Behandlung und Heilmitteln oder von Krankenhauspflege, beides Reichstagsfrattion einer sehr dankenswerten Arbeit, indem die Höchstdauer der Unterstützung von sechs Wochen abläuft? aber nur in der Längstdauer von 13 Wochen. Krankengeld, sie das leistete, wozu alle die gelehrten und ungelehrten Den Dienstherrschaften sind die einschlägigen Bestimmungen Wöchnerinnenunterstüßung, Sterbegeld usw. sind diesen Kassen bürgerlichen Herren selbst mit Hilfe der Geheimräte der ver- gewöhnlich sehr wohl bekannt, und sie fündigen den unbekannte Dinge. Auf die Verwaltung haben die Dienstschiedenen Regierungen sich als unfähig erwiesen hatten. Dienstboten meist das Dienstverhältnis, wenn eine ernste Gr- boten nicht den geringsten Einfluß, obgleich sie vielfach die Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion arbeitete gemein- frankung eintritt. Ist der Dienstbote mittellos, und das ist vollen Beiträge bezahlen müssen oder vom Lohne abgezogen sam mit den beteiligten Gewerkschaften einen Gesezentwurf er wohl in der Regel, oder hat er keine sonstige Stütze, wie bekommen. Nicht üblich ist bei den Dienstbotenfrankenkassen aus, der alle die Maßnahmen umfaßt, die unter den heutigen Eltern und Verwandte, so ist er der Not und dem Glend eine freiwillige Fortsetzung der Mitgliedschaft der Versicherten, Verhältnissen zum Schuße der Heimarbeiter notwendig und preisgegeben. Allerdings haben solchenfalls die Gemeinde die aus der Beschäftigung ausgeschieden sind, wie sie bei durchführbar sind. So die Sicherung passender Arbeits- und Armenbehörden einzugreifen, und zwar auf Grund allen Kassen möglich ist, die auf Grund des Krankenverräume, das Verbot von Arbeiten, die für die dabei be- der verschiedenen Armenversorgungs- und Untersicherungsgesetzes errichtet sind. schäftigten Arbeiter oder für das Publikum gefährlich werden stützung 3wohnsizgesetze. Es ist aber bekannt, wie In einer Anzahl mittlerer Städte des Königreichs können, die Regelung der Arbeitszeit, die Ausdehnung der schwerhörig die Behörden in solchen Fällen oft sind, ganz Sachsen hat man den Versuch gemacht, die Dienstboten Schutzbestimmungen der Gewerbeordnung sowie der Kranken-, abgesehen davon, daß der Bezug von Armenunterstützung durch ein Ortsstatut( Gemeindebeschluß) bei den bestehenden Unfall- und Invalidenversicherung auf die Heimarbeiter, die entwürdigend und nachteilig ist. Gleichwohl haben manche Ortsfranktentassen versicherungspflichtig zu machen. Diese Festlegung der Lohnfäße auf einen mindestens so hohen Be- Gemeinden für die Krankenbehandlung von Dienstboten ganz Statuten gehen von der Tatsache aus, daß die Ortsfrankentrag, wie er für die entsprechende Fabritarbeit gezahlt wird, erhebliche Aufwendungen zu machen. fassen verpflichtet sind, die Dienstboten als freiwillige Mitferner Kontrollvorschriften zur Überwachung der Betriebe. Höchst ungünstig ist die Stellung der häuslichen glieder aufzunehmen. Die Ortsstatute verpflichten nun die Mit diesem Gesetzentwurf hat unsere Reichstagsfraktion Dienstboten in der reichsgesetzlichen Krankenver- Dienstherrschaften, ihr Personal bei den Ortskrankenkassen es den bürgerlichen Arbeiterfreunden sehr leicht gemacht, sicherung. Sie sind nicht der Versicherungspflicht unter als freiwillige Mitglieder anzumelden. Es scheint, daß ein endlich ihre Versprechungen zu erfüllen und das nötige worfen. Das ist einer der schwersten Mängel des Kranken- derartiges Ortsstatut mit dem Krankenversicherungsgesetz, Schutzgesetz für die Heimarbeiter zu schaffen. Davon jedoch versicherungsgesetzes und rührt daher, daß dasselbe in erster insbesondere mit dessen§ 2 in Widerspruch steht( siehe die hört man immer noch nichts. Unsere Gegner sträuben sich Linie für die gewerblichen Arbeiter berechnet ist. Leiber Ausführungen weiter oben). Indessen hat das sächsische Minivielmehr so lange dagegen, wie sie sehen, daß ein Teil der hat man auch die Dienstboten nicht im§ 2 des betreffenden sterium des Innern bereits eine Anzahl derartiger Ortsbeteiligten Arbeiter und Arbeiterinnen die Notwendigkeit Gesetzes unter jene Personen aufgenommen, auf welche die statute genehmigt, so zum Beispiel für die Städte Nossen, durchgreifender Maßnahmen nicht erkannt haben. Versicherungspflicht durch statutarische Bestimmung einer Hainichen, Mylau usw. Die betreffenden Ortsstatute Gemeinde ausgedehnt werden kann. Man folgert daher, besitzen nur zirka 5 Paragraphen von wenigen Sätzen, durch daß derartige Gemeindebeschlüsse ungültig sind. Diese welche die allgemein bekannten Pflichten, welche den gewerb= Auslegung des Krankenversicherungsgesezes wird dadurch gestützt, daß bei den Beratungen des Gesetzes sowohl im Jahre 1884 als auch im Jahre 1892 alle die Anträge abgelehnt Hier haben unsere Genossinnen eine wichtige Aufgabe zu wurden, auch die Dienstboten unter jene Personen aufzuerfüllen. Bis in die letzte Hütte, aus der das Elend der nehmen, auf welche durch Gemeindebeschluß die Versicherung Heimarbeit herausschaut, müssen sie gehen, um dort die erstreckt werden kann. Zur Begründung dieser sozial Agitation aufzunehmen, ihren Schwestern und Brüdern das politischen Rückständigkeit wurde auf die angebliche Ver Licht der Erkenntnis und das Glück der Hoffnungsfreudigkeit schiedenheit der diesbezüglichen Verhältnisse in den einzelnen zu bringen und sie als neu gewonnene Rampfesgenoffinnen und Orten und Bezirken des Deutschen Reiches verwiesen. Nach Kampfesgenossen unseren Organisationen zuzuführen. Auch den jetzt gültigen Rechtsanschauungen fönnen nur durch Ge- Kaffe weder von der Beibringung eines ärztlichen Zeugnisses in der letzten Hof- und Dachwohnung müssen sie die Heim- seg eines Bundesstaates die Dienstboten krankenver- noch von einer Altersgrenze abhängig gemacht werden; ihre arbeiter und Heimarbeiterinnen zum Wahlkampf aufrufen, ſicherungspflichtig gemacht werden. In Baden, Sachsen- Rechte und Pflichten sind die gleichen wie die der übrigen der ihnen die Möglichkeit verleiht, mit dem Ausbeutertum Weimar, Hamburg usw. folgte man diesen Anschauungen Pflichtmitglieder. In der gegenwärtigen Wahlagitation gilt es nun, die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen aufzurütteln, damit die herrschende Klasse erkennt, daß nicht länger diesen Ausgebeuteten der notwendige gesetzliche Schutz vorenthalten werden kann. lichen Unternehmern durch das Krantenversicherungsgesetz auferlegt worden sind, auch auf die Dienstherrschaften ausgedehnt werden. So sind den Dienstherrschaften für die Versäumnis der Meldepflicht die üblichen Strafen angedroht. Die Herrschaften sind berechtigt, die von ihnen vorschußweise an die Kasse zu entrichtenden Beiträge zu zwei Drittel den Dienstboten bei jeder regelmäßigen Lohnzahlung in Abzug zu bringen. Natürlich darf, wo solche Statuten bestehen, die Aufnahme der Dienstboten als Mitglieder der und seinen Vertretern im Reichstag, den bürgerlichen Barteien, und erließ derartige Geseze. Es wurden dort Kranken- Es sei noch darauf hingewiesen, daß auch die Rechts ins Gericht zu gehen. Der Wahlkampf für die Sozialdemo- tassen für Dienstboten errichtet oder die Dienstboten als sprechung zum Krankenversicherungsgesetz dem gegenwärtigen fratie ist ziemlich ein Kampf für ein Heimarbeiterschutzgesetz. Bwangsmitglieder den bestehenden Ortskrankenkassen zuge- lückenhaften und unhaltbaren Zustand zu steuern versucht Hanau a. M. Gustav Hoch. wiesen. Im Königreich Sachsen wurden vor einigen hat. Sie hat nämlich das Dienstpersonal, welches neben der Jahren Vorbereitungen zu einem derartigen Gesetz getroffen. Beschäftigung im Haushalt auch im Gewerbebetrieb eines Die Beratungen verliefen jedoch im Sande, und zwar mit Unternehmers tätig ist, zu den krankenversicherungsRücksicht auf die seinerzeit in Aussicht stehende Anderung pflichtigen Gewerbegehilfen gerechnet. Das ist zum In mindestens demselben Grade wie die gewerblichen Krankenkassen im Großherzogtum Hessen hat bei der Bäcker, Fleischer usw., auch wenn die Beschäftigung im Arbeiter sind die häuslichen Dienstboten der Krant- hessischen Regierung beantragt, die Dienstboten durch ein Gewerbebetrieb nur ab und zu geschieht und die„ Vermieheitsgefahr ausgesetzt. Es sei nur auf ihre lange Arbeits- Landesgesetz der Versicherungspflicht zu unterwerfen. tung" des Dienstboten auf Grund des Gesindedienstbuches zeit verwiesen, auf die Art ihrer Beschäftigung, auf die ihnen Die einzige Berücksichtigung, welche das Krankenver- erfolgt. Gleiches gilt bezüglich der in anderen Betrieben, oft zugewiesenen mangelhaften Aufenthalts- und Schlaf- ficherungsgesetz den Dienstboten zuteil werden ließ, be- wie zum Beispiel in Privattrantenanstalten, Schülerräume. Und doch ist der Schutz, welcher den Dienstboten steht darin, daß dieselben als beitrittsberechtigte( frei- pensionaten, Handelsgeschäften, Zimmervermie im Falle einer Krankheit zuteil wird, ein äußerst un- willige) Mitglieder zu den bestehenden Kassen zugelassen tern, Anwälten usw. beschäftigten Dienstboten, die neben genügender. sind, indes aber nur dann, wenn diese Möglichkeit im dem Haushalt auch Arbeiten verrichten, die mit dem beDie Fürsorge, die sie erhalten sollen, ist zurzeit reichs- Rassenstatut ausdrücklich festgelegt ist. Bei vielen Kassen treffenden Gewerbebetrieb zusammenhängen, sei es zum Beigesetzlich nur durch das Bürgerliche Gesetzbuch ge- haben aber die freiwilligen Mitglieder geringere Rechte und spiel das Reinigen der Geschäftsräume, das Besorgen von regelt.§ 617 desselben bestimmt folgendes: Falls der in weniger Unterstüßungsansprüche. Die Erfahrung beweist Botengängen usw. In allen diesen Fällen ist die Krankenein dauerndes Dienstverhältnis eingetretene Dienst- denn auch, daß die Dienstboten selbst nur in seltenen Fällen versicherungspflicht vorhanden, wenn die Beschäftigung im verpflichtete( also Dienstbote) in die häusliche Gemeinschaft von dem Beitrittsrechte Gebrauch machen. Vielleicht trägt Gewerbe auch nur nebenher stattfindet. Die betreffenden Peraufgenommen ist, so hat der Dienstberechtigte( die Dienst- dazu auch bei, daß sie vor der Aufnahme einer ärztlichen sonen sind dann nicht nur Dienstboten, sondern zugleich Geherrschaft) ihm im Falle der Erkrankung die erforderliche Untersuchung unterworfen werden können, daß sie die Kassen- werbegehilfen, und sie fallen unter die im§ 1 des KrankenVerpflegung und ärztliche Behandlung bis zur Dauer von beiträge voll aus eigenen Mitteln und selbst an die Kasse versicherungsgesetzes bezeichneten Personen, die versicherungssechs Wochen zu gewähren, jedoch nicht über die Beendigung zu entrichten haben usw. Weit häufiger kommt es vor, daß pflichtig sind. Es läßt sich nicht verkennen, daß diese Gesezesdes Dienstverhältnisses hinaus. Die festgelegte Verpflichtung die Dienstherrschaften, um sich vor Nachteilen zu schützen, auslegung eine Quelle von Streitigkeiten für die Krankender Dienstherrschaft fällt jedoch fort, sofern die Erkrankung die Anmeldung der Dienstboten als freiwillige" Mitglieder tassen ist. Sie gibt den Herrschaften die Möglichkeit, das von dem Dienstverpflichteten vorfäßlich oder durch grobe bei den Krankenkassen vornehmen. Schon des öfteren wurde Beschäftigungsverhältnis je nach Bedarf darzustellen. Handelt Fahrlässigkeit herbeigeführt worden ist. Die Verpflegung bezweifelt, ob ein solches Verfahren aus rechtlichen Gründen es sich darum, einen vielleicht kränklichen Dienstboten der Kasse und ärztliche Behandlung kann durch überweisung in eine zulässig sei. Der freiwillige" Beitritt der Dienstboten zu zuzuführen, so wird seine Beschäftigung im Gewerbe als Krantenanstalt gewährt werden. Ähnliche Bestimmungen einer Krankenkasse, wie er in fast allen Krankenkassenstatuten möglichst umfangreich angegeben; gilt es dagegen, den Dienstfinden sich in den Gesindeordnungen der einzelnen vorgesehen ist, erfordert nach den juristischen Auslegungen boten aus Sparsamkeit" von der Beitragspflicht zu befreien, Länder. So bestimmt zum Beispiel§ 62 der revidierten einen eigenen Willensakt der Beitretenden. Hieraus so wird seine gewerbliche Tätigkeit möglichst geringfügig Gesindeordnung für das Königreich Sachsen, daß die folgt, daß eigentlich die Dienstherrschaften ohne die Zu- dargestellt. Die Krankenversicherung der Dienstboten. des Krankenversicherungsgesetzes. Die freie Vereinigung der Beispiel der Fall bei dem Dienstpersonal der Gastwirte, " Dienstherrschaften im Falle der Erkrankung des Dienstboten stimmung des Dienstboten die Anmeldung nicht bewirken Unsere Forderung muß selbstverständlich dahin gehen, für dessen Kur und Pflege bis zum Zeitpunkt der Aufhebung dürfen, sie können es nur im Auftrag desselben tun. Es die Dienstboten, die jetzt schon allgemein der Invaliden 186 Die Gleichheit Nr. 26 Versicherung unterstehen, ebenso durchgehends wie die qe werblichen Arbeiter der Krankenversicherung zu unter» stellen. Es liegt nicht der geringste sachliche Grund gege» die Verwirklichung der Forderung vor. Die angebliche Ver- schiedenartigkeit der einschlägigen Verhältnisse m dem„geeinten" Deutschen Reiche darf insbesondere kein Grund sein, die notivendige einheitliche Regelung zu unterlassen. Auch um die Zersplitterung der Krankenversicherung einzuschränken, ist es nötig, die Dienstboten demselben Gesetz zu unterstellen und denselben Kassen zuzuführen wie die gewerblichen Arberter Unlängst verlautete, daß das Reichsamt des Innern „eine gleichmäßige Regelung der Vorschriften über die Krankenversicherung der Dienstboten" vorbereite. Damit würde das Reichsamt nur der Anregung nachkommen, die der Reichstag bei der Beratung der letzten Novelle zum Krankenversicherungsgesetz durch eine Resolution gegeben hat. Dieser Anregung entsprechend hat das Neichsamt schon Ende 1903 Erhebungen über die Krankenversicherung der Dienst- boten im Deutschen Reich angestellt. Im vorigen Jahre hat sich eine Kommission von Beamten des Reiches»ach verschiedenen Städten begeben, um die vorhandenen diesbezüglichen Einrichtungen(Dienstbotenkrankenkassen usw.) kennen zu lernen. Seitdem hat nichts weiter ver- lautet auch nur von vorbereitenden Schritten, den kranken Dien st boten ein ig er maßen ausreichende Fürsorge zu sichern. Ein Beweis dafür, in welchem Tempo die Sozialreform marschiert. Benutzen wir daher jede Gelegenheit, für die nötigen Reformen gegen die Herr- schenken Klassen zu kämpfen. Fr. Kleeis-Wurzen. Weihnachten— Sonnenwendfest! Von Äanna Dorsch-Lugano. Solange die Menschheit besteht, hat es Religionen ge- geben. Religiöse Vorstellungen und religiöse Kulte lassen sich in ihren ältesten Spuren zurückführen bis in jene fernen Zeitepochen, da das menschliche Geschlecht sich aus dem Zu- stand völliger Tierheit zu einer höheren Daseinsstufe herauf- gearbeitet hatte. Wir finden die ersten Anfänge von Religion unter der Form von Furcht und Scheu vor solchen Natur- kräften, welche den Menschen als etwas Gewaltiges, sie Be- drohendes und von ihnen nicht Verstandenes gegenüber- traten,— andererseits als Verehrung, die man solchen Naturerscheinungen entgegenbrachte, die dem Menschen- geschlecht Nutzen, Heil und Segen zu spenden pflegten. Von jeher hat es auch Menschen gegeben, welche er- kannten, daß sie in der Religion ein Mittel hatten, ihre Nebenmenschen zu beeinflussen; und von ihnen wurde sehr bald diese eigentümliche, sich in Furcht oder in Verehrung ausdrückende Erscheinung in der Menschheit, die wir als „Religion" bezeichnen, zu bestimmten Zwecken absichtsvoll benutzt. Der Priester nahm das religiöse Leben der Menschheil in die Hand, brachte ein System hinein und bildete es aus. Zunächst geschah dies zum Heile unseres Geschlechtes. Die Priester, von produktiver Arbeit befreit, waren durch viele Jahrhunderte die Träger der Wissenschaft. Sie waren die ersten Asttonomen, die ersten Naturforscher, die ersten Arzte. So war es natürlich, daß alles, was Fortentwick- lung, Weiterstreben, Bildung und Kultur heißt, jahrhunderte- lang mit der Religion verknüpft blieb. Unter dem Schleier tiefsinniger religiöser Mythen hat sich schon bald die mehr oder minder primitive Erklärung von Naturerscheinungen verborgen und die Verehrung derselben, gemäß dem kind- lichen Standpunkt der früheren Zeiten. Gewisse Erkennt- nisse und heilsame Gebräuche hätten in dunkler Vorzeit gar keinen anderen Weg gehabt, sich zu erhalten und von einer Generation zur anderen fortzupflanzen, hätte man sie nicht an religiöse Feierlichkeiten gebunden und einen Kultus(einen Gottesdienst) aus ihnen gemacht. So war es zum Beispiel mit dem Feuer. In ihrem primitivsten Zustand hat die Menschheit natürlich nichts ge- wüßt von der Kunst, Feuer zu entzünden; wahrscheinlich ist dieselbe aber schon in sehr frühen Zeitläuften bekannt ge- worden. Man war sich bald über den Wert dieser Er- findung klar; tatsächlich ist es ja erst durch das Feuer den Menschen möglich geworden, höhere Kulturstufen zu er- klimmen. Daher umflocht man das Feuer mit einem Kranz von religiösen Mythen und knüpfte daran eine Anzahl von religiösen Gebräuchen, die sich zu bestimmten Zeiten und Stunde», unter Beistand und Leitung von Priestern und unter strenger Befolgung der dafür vorgeschriebenen Zeremonien wiederholten. Indem also nnter der Begleitung und dem Deckmantel religiöser Festlichkeiten die Funktion des Feuerentzündens immer von neuem dem Volke vorgeführt wurde, vererbte sich die wichtige Kunst von einer Generation zur anderen. Wir finden den Feuerkultus fast bei allen Nationen, deren Urgeschichte schon einer Erforschung unterzogen worden ist. Ihm zugrunde liegt der noch bedeutend ältere Sonnen- dienst, dessen Spuren bis in vorgeschichtliche Zeiten zurück- gehen. Die Sonne, der Urquell alles Lichtes und aller Wärme— die Sonne, der der Mensch das Leben und das tägliche Brot, die Frucht des Feldes verdankt, ohne die über- Haupt kein Dasein sich denken läßt— diese Sonne spielt eine Hauptrolle in der Religions- und Götterlehre des Menschengeschlechtes. In den uralten Religionsbüchern des Jndervolkes, den„Beden", wird sie sogar der„himmlische Vater" genannt, ebenso in Ägypten, wo man sie unter dem Namen„Ra" als Erzeuger des Weltalls und Schöpfer aller Dinge verehrte. Und wenn nach und nach eine gläubige Heioenwelt ihren„Himmel" mit tausend Gottheiten bevölkerte, so war es doch der Sonnengott und sein Kult, der sie alle überragte und sie gleichsam in sich begriff. Ihm zu Ehret fang man Hymnen und Lieder, zu semem Preise brachte man Opfer und feierte Feste. Als dann das Christentum, diese Religion, die sich aus Bestandteilen und Lehren der verschiedensten anderer Religionen sehr zcitgeniäß aufgebaut hatte, sich zu verbreiten begann und auf seinem Zuge durch die Welt zu den manmg- sachsten Nationen kam, da tat es sehr klug daran, daß es den tief im Völlerleben eingewurzelten Sonnenkultus nicht "infach ignorierte, sondern, während es ihn einerseits be- kämpfte doch anderseits gleichwohl an seine Formen an- knüpfte. Wir finden im Christentum noch jetzt sehr vielfache Anklänge an diesen Sonnendienst, sowohl in Bezeichnungen und Bildern, als auch in Gebräuchen und in Festen. Man könnte hier unendlich vieles erwähnen, was uns die inter essantesten Aufschlüsse über die Zusammenhänge der Religions- formen untereinander zu geben vermag, doch können wir aus Mangel an Raum hier allein auf das Weihnachtsfest eingehen. Mit diesem Feste, das wohl das Lieblingsfest der Christen- heit genannt werden kann, knüpfte die christliche Lehre nur an einen Gebrauch an, den sie fast bei allen Völkern der Erde vorfand, nämlich um die Zeit der Wintersonnenwende (21. Dezember), die Wiederkehr der Sonne, das Wachsen des Lichtes mit Jubelseiern zu begehen. Das taten schon die alten Inder, wie uns die„Veden" erzählen: sie feierten in diesen Tagen die Geburt der Sonne und des Feuers. Auf Bergeshöhen wurde von Priesterhand vor den Augen einer andächtigen Menge durch Aneinanderreihen zweier Holz- stäbchen ein Feuerfunke entzündet und durch Lufthauch (Wind) zu heller Glut entfacht. Die Sonne, der„himm- tische Vater", und das gekreuzte Holzstäbchen, gleichsam die Mutter, ließen den Sohn, den Feuerfunken, entstehen unter dem Beistand des Windes, des Hauches, dessen Bezeichnung das gleiche Wort war wie für„Geist". Der himmlische Vater, die irdische Mutter, der heilige Hauch oder Geist, die Geburt eines Sohnes, der dann als Rauch wieder zum Himmel emporsteigt.— haben wir da nicht ganz deutliche Anklänge an die Dreieinigkeit der Christen- heit und an die Geburt des„Gottessohnes" am Weihnachts- abend?— Auch bei den Römern wurde am 25. Dezember die Geburt des Sonnengottes gefeiert, und man ttug dort den neugeborenen Gott im Bilde, in einer Krippe(Korb oder Wiege) liegend, in feierlicher Prozession umher unter dem Ruf:„Ein Gott ist uns geboren!" Die nordischen germanischen Stämme feierten ebenfalls das Fest der Wintersonnenwende schon lange, bevor ihnen das Christentum verkündet worden war. Sie nannten es Julfest, das Fest der wiederkehrenden Sonne. Jul be- deutet Rad, und unter dem Bilde eines rollenden Rades ist schon früh die Sonne dargestellt worden. Das nordische Julfest galt dem Sonnengott Freyr und seiner Gemahlin Freya, welche um diese Zeit des Jahres wieder ihren Auf- stieg begannen, um neues Licht und Leben in die schlafende, winterliche Welt zu bringen. Die Sonne erwachte wieder! Das Licht ward geboren! Noch jetzt heißt das Weihnachtsfest in Skandinavien Julfest, noch jetzt brennen dort die heiligen Julfeuer auf den Bergen, so wie sie früher am Julabend auch in Westfalen, im Sachsenlande und in anderen deutschen Gegenden von den Höhenzügen leuchteten. Überall Anklänge an altheidnische Gebräuche, an den Kultus der Sonne. In England entzündet man heute noch am Weihnachts- abend den großen, mächtigen Holzblock, Weihnachtsblock, im offenen Kamin,— auch noch ein Überrest des alten Jul- feuers. In Deutschland finden wir Anklänge daran im Weihnachtsbaum, in der Tanne mit den zahllosen Lichtern. Die christliche Kirche, welche an den tief eingewurzelten An- schauungen und Gebräuchen gar nicht achtlos vorübergehen konnte, verchristlichte und verkirchlichle sie sozusagen, um auf diese Art das Eindringen ihrer Lehren in das Volks- leben zu erleichtern und sich selbst die Wege zu ebnen. Wenn sie den neugeborenen Gottessohn„das Licht, das in der Finsternis erscheint", nannte, so griff sie damit nur zurück auf den Sonnengott der alten Heidenwelt, der in der finstersten, winterlichsten Zeit des Jahres neu geboren wurde, und seinen segensvollen Heldenlauf zum Heil und zum Gedeihen einer ganzen Welt aufs neue begann. --- Wir, die wir den Zusammenhang aller Dinge zu erforschen lernen und zu verstehen suchen, wir wissen heute, daß auch die christliche Religionslehre nur eine von den vielen wechselnden Formen ist, die für die Menschheit zur gegebenen Zeit nützlich und kulturfördernd waren,— die aber, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt und sich über- lebt haben, abgestreift werden müssen von allen denen, welche sich nicht durch starres, veraltetes Dogmenwesen hemmen lassen wollen in der freien Fortenttvickluug des Menschengeistes. Wir lehnen die bindende Form überall ab und bekennen uns zu den tiefen Ideen und Naturwahr- heiten, die allen religiösen Mythen und Gebräuchen ursprünglich zugrunde liegen, aber leider vielfach von ihnen überwuchert und fast unkenntlich gemacht worden sind. Die Finsternis soll vergehen, und das Licht soll wachsen, soll stark und mächtig werden in allen Herzen, auf allen Gebieten! Das ist unser Weihnachtswunsch. Untt nicht nur ein Wunsch! Sondern wir wissen, daß das Licht wachsen muß, daß es die Finsternis besiegen wird, daß das Leben emporsteigt allerorten. Fesseln sprengend und Ketten zerbrechend, befreiend und beglückend. Wir sind des in guter Zuversicht. Das ist unsere Weihnachtsfeier! Heil uns, wenn wir Kinder des wachsenden Lichtes, Menschen der strebenden Weiterentwicklung sind—— Heil uns! Frauen in der Gemeindeverwaltung. Der badische Landtag beschloß in seiner letzten Session 1905/06 auf eine Anregung der Regierung hin die Abände- rung der Gemeinde- und Städteordnung. Es handelte sich um die gesetzliche Verallgemeinerung eines bürgerlichen Rechtes, welches sich in einigen der Städteordnung unter- stehenden badischen Städten mit Zustimmung der Regierung unauffällig eingeführt hatte. Die sozialdemottatischen Ver- tretungen auf den Rathäusern leisteten dieser Tendenz eifrigen Vorschub, wenn sie nicht selber die Anregung dazu gaben. Zunächst begann man damit, solche Mitglieder der Frauen- vereine, die bei der städtischen Armenpflege hilfreich gewesen waren, der Kommission des Armenrats als selbständige Funktionäre einzuverleiben; dann zog man auch andere Frauen aus der Einwohnerschaft heran. Den Anfang machte die Stadt Offenburg vor drei Jahren anläßlich ihrer Unter- stellung unter die Städteordnung. Das Ministerium des Innern genehmigte das ihm vorgelegte Offenburger Orts- statut unter der Voraussetzung, daß die Zahl der weiblichen Kommissionsmitglieder des Armenrats die der männlichen nicht überwiege. Es wurden sieben Frauen ernannt, das ist etwa ein Drittel der Gesamtheit. Auch wurde eine Ver- treterin der weiblichen Lehrerschaft zur Schulkommission zu- gezogen. Die Frauen im Armenrat waren stimmberechtigt und verfügten direkt über das Spezialbudget. Dieser Ein- richtung schloß sich— allerdings in bescheidenerem Um- fang— die Stadt Mannheim an; auch Freiburg sprach sich dafür aus, während der nunmehr verstorbene Oberbürger- meister von Karlsruhe verfassungsmäßige Bedenken gegen die Zulassung der Frauen in die Gemeindeverwaltung geltend machte. Es sei in den Gesetzen nur von den Bürgern die Ziede, nicht von den Frauen. Indessen legte die Regierung diese Frage den Land- ständen vor und fand dort keinen prinzipiellen Widerspruch. Im Gegenteil, die meisten Abgeordneten der Zweiten Kammer anerkannten die bisherigen Leistungen der weiblichen Mit- glieder der Kommunalverwaltung und sprachen sich dafür aus, daß auch auf anderen Gebieten der städtischen Politik dem weiblichen Element die Betätigung erschlossen werden möchte. In dem Minister Dr. Schenkel hatte dieser fortschrittliche Gedanke einen Befürworter gefunden. Das Gesetz vom 19. Ottober 1906 ist Mitte November bekanntgegeben worden. In den§ 19 der bisherigen Gemeindeordnung wird als ß 19 a eingeschaltet: „In Gemeinden mit mindestens 2000 Einwohnern können für einzelne Verwaltungszweige zur Unterstützung des Ge- meinderats besondere bleibende Kommissionen gebildet werden, deren Einrichtung und Wirkungskreis durch Gemeindebeschluß' mit Genehmigung des Ministeriums des Innern zu be- stimmen ist. Sämtliche Mitglieder dieser Kommissionen werden vom Gemeinderar ernannt. Jeder Kommission muß ein Mitglied des Gemeinderats als Vorsitzender angehören; im übrigen kann sie aus Mitgliedern des Gemeinderats, des Bürger- ausschusses und aus anderen wahlberechtigten Bürgern und Einwohnern zusammengesetzt werden. Es kann auch be- stimmt werden, daß den Kommissionen für das Armen- wesen, für Unterrichts- und Erziehungs- angelegenheiten, für das öffentliche Gesund- heitswesen und für sonstige Aufgaben, bei denen nach der Art des Gegenstandes die Mit- Wirkung von Frauen wünschenswert ist, bis zu einem Viertel der Mitglieder Frauen mit Sitz und Stimme angehören sollen oderkönnen. Die einer solchen Kommission angehörigen Frauen müssen im übrigen den nach§ 12 Absatz 1' der Gemeindeordnung ver- langten Erfordernissen enlsprechen, mit der Maßgabe, daß bei verheirateten Frauen die Abgabenzahlung seitens des Ehemannes als Erfüllung des Erfordernisses gilt." Die Städteordnungsbestimmung lautet entsprechend. Wie schon bei früheren Erwähnungen dieser gesetz- geberischen Neuerung hier ausgcsührt worden ist, hat dieselbe den schweren Mangel, daß die betreffenden Verwaltungs- Mitglieder nicht durch die Einwohnerschaft gewählt werden. Der Bürgermeister im Einverständnis mit dem hohen Rate ernennt die Frauen nach eigenem Gutdünken. Das bisherige Provisorium ist wohl einerseits erweitert und verbessert worden durch die Zulassung der Frauen zu einer größeren Zahl von Kommissionen; es dürften wohl alle Verwaltungs- zweige jetzt in Betracht kommen. Andererseits aber wurde die Anzahl der Frauen gegen früher beschränkt, um den> „Herren der Schöpfung" ein Dreiviertelregiment einzuräumen und es so zu verhindern, daß sie bei etwaigem schwachen Besuch einer Sitzung von den viel gewissenhafteren Frauen überstimmt werden könnten. Immerhin kann Baden darauf stolz sein, mit der Zu- laffung der Frauen zur kommunalen Verwaltung den An- fang in Deutschland gemacht zu haben. Je mehr unsere Genossen auf die Verwaltung der Gemeinden Einfluß er- halten, desto mehr gewinnen auch die proletarischen Frauen Zulassung zu den kommunalen Kommissionen. M. ü. * Diese Bestimmung sagt nur, daß„wählbar(in den Gemeinde- beziehungsweise Stadtrat) jeder Stadtbürger ist, dessen Bürgerrecht nicht ruht". Da das aktive Wahlrecht an eine selbständige Gebens. stellung(Zahlung einer SlaalSsteuer) und an die Entrichtimg von Umlagen geknüpft ist, können also nur Frauen, die entweder selbst oder deren Ehemänner diesen Anforderungen entsprechen, in die Kommissionen gewählt werden. Nr. 26 Die Gleichheit IL7 Äeimarbeiterelend im Zeitz-Weißenfelser Braunkohlenrevier. Es ist wieder Weihnachten. Die Lagerräume find ge fällt mit Spielwaren und Geschentartikeln; in den Familien beginnt die Zeit geheimnisvollen Webens und Wirkens, um den lieben Nächsten und Angehörigen eine Freude zu bereiten. Weihnachten, selige Zeit der Gaben, des Kinderjubels und des Lichterglanzes! Wohl kaum je wand denkt daran, daß alle jene kleinen Sachen und SSchelchen, die in ihrer bunten Mannigfaltigkeit und Zier lichkeit Auge und Herz erfreuen, meist hergestellt find in überaus harter, langer Fron. In Räumen, dumpf, niedrig und eng fitzen die Männer, Weiber uns Kinder bis in die späte Nacht hinein, pappen, kleistern, schnitzen und malen um kärglichen Verdienst. Es ist nicht Zweck dieser Zeilen eine Darstellung der Frauen- und Kinderarbeit zu geben. wie sie in den landschaftlich so reizvollen, idyllisch gelegenen Thüringer Walddörfern in der Gegend um Sonneberg zum Schaden der Mütter und der heranwachsenden Jugend heute noch gang und gäbe ist, sondern es soll nur hingewiesen werden auf die Lage der Frauen in der Kerzenindustrie wie sie vornehmlich im Zeitz-Weihenfelser Braunkohlenreoier zu Hause ist. Die blauen, roten, weißen und bunten Kerzen, ohne die wir uns einen echten rechten Weihnachtsbaum gar nicht vor- stellen können und die in geschmackvollen Kästchen und Kar- tons verpackt jetzt überall käuflich sind, werden in den Kerzen- gießereien um Webau, Köpfen, Gerstewitz und anderen Orten aus einem Destillat von besonders dazu geeigneter Braunkohle hergestellt. Die zum Verpacken dieser Kerzen nötigen Kartons werden von Frauen und Kindern in den Berg- arbeiterwohnungen angefertigt. Wie das in der rückständigen Form der Hausindustrie üblich, werden die Heimarbcite- rinnen von den schwerreichen Gesellschaften der Montan- industrie für ihre mühevolle Arbeit erbärmlich bezahlt. Da- bei müssen sie es noch als einen Akt besonderen Wohl- wollens ansehen, daß man ihnen überhaupt Beschäftigung gibt. Der Bergbau mit seiner gefährlichen, körperzerrütten- den Berufsarbeit verbraucht nawrgemäß die Menschen weit rascher als die meisten anderen Gewerbe. Wie aus den Stattstiken der Knappschaftsberufsgenossenschaften ersichtlich ist, werden die Bergleute oft schon im besten Mannesalter berg- fertig, das heißt arbeitsunfähig. Sie fallen derJnvalidenunter- stützung anh eim. Aber von der kärglichen Rente kann die Familie weder leben noch sterben. Da heißt es denn für die Gattin und Mutter mitverdienen helfen, wenn die Familie nicht zu- gründe gehen soll. Das Angebot der sich zu der Karton- arbeit meldenden Frauen ist demnach immer größer als die Nachfrage. Die Unternehmerschaft hat die Auswahl, und man läßt es die Frauen fühlen, daß sie gewissermaßen nur aus Gnade und Barmherzigkeit Beschäftigung erhalten. Diesem Umstand entspricht auch die Bezahlung. Für das Tausend Kartons gibt es 1,50 bis 2 Mk., je nach Größe und Quali tät derselben. Davon geht noch ab der Preis für ein Pfund Leim, welches pro Tausend gebraucht wird und selbst an- geschafft werden muß. Es bleibt also 1,20 bis 1,70 Mk. Reinverdienst für ein Tausend solcher Kartons, und dazu be darf es der Tagesarbeit nicht etwa nur einer Person, nein, die ganze Familie bis zum sechsjährigen Kindchen herunter muß mithelfen! Die Räumlichkeiten, die den armen Frauen für die Fabrikation der Kartons zu Gebote stehen, find naturgemäß die Wohnräume der Familie. Betritt man nur die Hausflur solcher Arbeiterwohnungen, in denen Kar- tons gemacht werden, so fällt einem der widerliche Geruch kochenden oder verbrannten Leimes auf. In den Arbeits- räumen selbst verschwindet alles andere vor Bergen halb- fertiger und beklebter Kartons. Der Brodem siedenden Leimes steigt neben dem Dampf kochenden Mittagessens auf, einen Dunst zum Ersticken verbreitend. Der Arbeitsraum dient ja zugleich als Wohnstube, Küche, oft sogar als Wasch- und Schlafraum für die Familie. Die in Betracht kom- wenden Gesellschaften, die Riebeckschen Montanwerke, die Werschen-Weißenfelser NktiengeseUschaft, die Sächsisch- Thüringische Gesellschaft sind schon einmal vor Jahresfrist in der Presse mit der Nase auf diese Zustände gestoßen worden, ohne daß sie merklich darauf reagiert hätten. Bei Gelegenheit des Streiks der mitteldeutschen Braunkohlen- gräber in diesem Frühjahr sind denn stellenweise ganze zehn Pfennig pro Tausend Kartons zugelegt worden. Der bevorstedende Wahlkampf gibt den Braunkohlen- arbcitern wie allen Arbeitern des Bezirkes Gelegenheit, mit ihren Ausbeutern und dem Staat gründlich abzurechnen; nicht bloß für die Auswucherung und Knechtung, die sie selbst erfahren, sondern auch für das Elend, das in ihre Familien hineingetragen und im reichsten Maße Frauen und Kindern aufgebürdet wird. Die Frauen aber dürfen die Abrechnung nicht ihren Männern allein überlassen. Sie dürfen nicht vergessen, daß die Regierung im Bunde mit den bürgerlichen Parteien die Verantwortung für den ver- brecherischen Lebensmittelwucher trägt, ebenso für den Mangel einer Schutzgesetzgebung, welche die schlimmsten Auswüchse des Hcimarbeiterjammers etwas mildern würde. Können sie auch nicht Wählerinnen sein, so mögen sie wenig- stens nach Kräften Wühlerinnen werden. öl. kl. Aus der Bewegung. Ter zweite p�nstische Parteitag, der am S7., 28. und 29. DezembH in Berlin stattfinden sollte, ist der Reichstagswahlen wegen im Auftrag der Berliner Parteigrnossenschaft mit Zustimmung des Partei- Vorstandes von den Einbernfern vertagt worden. Der Termin der Tagung wird später bekanntgegeben. Bon der Agitation. Im November sprach die Unter zeichnete in folgenden Orten: Remscheid, Velbert, Neuß Trier. Kaisers lautern, D olzheim, Wirger, Biebrich� Obcrstein, Worms, Heppenheim über„Die notwendige Anteilnahme der Frauen an dem proletarischen BefreiungS kämpf". Die Versammlungen erfreuten sich durchweg eines guten Besuchs und brachten der Bewegung neue Kämpfer sowie der Presse neue Leser. Einen bedeutenden Erfolg hatten wir in Worms zu verzeichnen. 69 Aufnahmen für den Wahlverein, 54 Abonnenten für die„Gleichheit" und 19 für die„Mainzer Volkszeitung" war die Ernte des Abends. Durchweg fanden vor oder nach der Versammlung Sitzungen mit den Genossen und Genossinnen statt, und es gelang, die Frauenbewegung in allen Orten zu beleben und den Mut der tätigen Genossinnen aufs neue zu entfachen Auf Wunsch des Düsseldorfer Kartells referierte die Unter- zeichnete in einer internen Sitzung über die Frage:„Wie ist das Interesse der Arbeiterinnen für die Gewerkschaftsbewe gung zu wecken?" Nach eingehender Behandlung dieser hochwichtigen Frage gelangten folgende von der Referentin erläuterten Thesen zur Annahme: 1. Die Anerkennung der Arbeiterin als Kollegin seitens des Mannes ist das erste Erfordernis. 2. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit sind die Eltern zu verpflichten, ihre Töchter der Organisation zuzuführen. 3. Das Interesse der Arbeiterinnen an der Gewerkschafts! bewegung muß durch Werkstätten- und Betriebsbesprechungen und durch Hausagitation geweckt werden. 4. Den weiblichen Mitgliedern muß in der Verwaltung ihrer Organisation Sitz und Stimme gegeben werden. Auch dürfte die Heranbildung weiblicher Fabrikvertrauenspersonen praktisch sein. 5. In den Mitgliederversammlungen muß die Wahl der Vortragsthemen wechseln, damit auch dem Geschmack der Frauen Rechnung gelragen wird. Mit Aufstellung solcher Thesen allein ist es natürlich nicht getan; aber bei intensiver, geduldiger Kleinarbeit wird es doch nach und nach gelingen, die ausgebeuteten Arbeite- rinnenscharen von der Notwendigkeit der modernen Arbeiter- bewegung zu überzeugen und sie als zielbewußte Mitkämpfe- rinnen in dem Kampf um Brot und Freiheit zu gewinnen. W. Kahler. Im Harburger Kreis ward endlich auch der Grund stein zu einer planmäßigen Frauenbewegung gelegt durch zwei Agitationsversammlungen, je eine in Harburg und Wilhelms bürg. An beiden Orten erfolgte die Wahl weib- licher Vertrauenspersonen, nachdem Genossin Zieh über„Die Frau als Staatsbürgerin" referiert halte. In Harburg mit seiner großen weiblichen Fabrikarbeiterschaft wurden außer- dem 92 Abonnenten der„Gleichheit" gewonnen. Ms Ver- trauenspersonen wurden hier aufgestellt die Genossinnen Neumann und Eiglmeier. In der Versammlung be fanden sich unter den 359 anwesenden Personen 209 Frauen. In Wilhelmsburg meldeten sich ungefähr 119 Frauen, die Leserinnen der„Gleichheit" werden wollen, unter diesen 75, die freiwillige Beiträge für die Partei zu zahlen gedenken. Ein prächtiger Anfang, dem hoffentlich eine ebenso prächttge Weiterentwicklung folgen wird.— In einer sehr gut besuchten Versammlung in Bargteheide 'prach Genossin Zietz kürzlich über den Lebensmittelwucher. Erfreulicherweise mehrt sich auch hier die Zahl der Frauen, die die Versammlung besuchen. Dem sozialdemokratischen Verein wurde eine Anzahl neuer Mitglieder gewonnen. L. Z. Anfang November referierte Genossin Jeetze in Halle a. d. Saale in einer Versammlung, an der zirka 199 Per- önen teilnahmen. Die Referentin schilderte, wie die kapital listische Produktionsweise das Heim des Arbeiters illusorisch macht, und brandmarkte besonders die Ausbeutung der Proletarierinnen. Sie forderte die Arbeiterinnen auf, sich in ihren Berufsorganisationen zusammenzuschließen und an der Seite der Männer für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. 21 Genossinnen bestellten die„Gleichheit", die in Halle nunmehr 199 Leserinnen hat. Ms Vertrauensperson wurde Genossin Sachse wiedergewählt. Frau Sachse. Ende November fand in Glauchau eine öffentliche Heimarbeiterversammlung statt, in welcher Genossin Heide- mann-Berlin referierte. Eine große Anzahl dieser schutzlos Ausgebeuteten hatte sich eingefunden und folgte den Aus- ührungen der Referentin mit regem Interesse. Sie fühlen wohl, wie elend ihre Lage ist. Wenn irgend eine Arbeit so chlecht ist, daß sie von den Fabrikarbeitern zurückgegeben wird, weil sie nichts dabei verdienen können, dann bekommen sie die Heimarbeiter mit ihrer unbeschränkten Arbeitszeit. Bei der Diskussion zeigte sich, daß die Worte der Referentin ihre Wirkung nicht verfehlt hatten; eS nieldetcn sich Frauen zum Worte, die noch nie den Mut gefunden hatten, öffent- lich zu sprechen. In einfachen, aber von leidenschaftlicher Erregung durchzitterten Worten brachten sie ihre lange zurück- gedrängten Gefühle zum Ausdruck. Mögen sie alle ihr Teil dazu beitragen, daß ihre Lage besser wird. C. T. Für den Fabrikarbeiterverband referierte die Unter- zeichnete kürzlich in Versammlungen zu Hannover, Han- nover- Münden, Hainholz, Limmer/Linden, Seelz e, Sarstett, Riecklingen, Wülfel, Benthe, Mißburg, Kleefeld, Braunschweig, Wolfenbüttel und Leisnig über die folgenden Themata:„Der Kampf der Unternehmer- organisation gegen die Gewerkschaften",„Die Lebensmittel- teuerung und ihre Folgen für die Familie",„Die Wirtschaft- lichen Kämpfe mit dem organisierten Unternehmertum." In Hannover fanden 6 Versammlungen statt, in den übrigen Orten je eine Versammlung Alle waren prächtig besucht, und einigen wohnten auch Unternehmer mit ihren Beamten bei. In Wolfenbüttel wurde dem Einberufer auf dem Polizeiamt bedeutet:„Was braucht ihr Frauen in der Versammlung? Laßt sie Strümpfe stopfen." Als Ant- wort darauf brachten die Genossen die Frauen in um so größerer Zahl mit in die Versammlung. Für den Verband der Porzellanarbeiter und-Arbeiterinnen referierte die Unterzeichnete in einer leidlich gut besuchten Versammlung zu Schedewitz-Zwickau über den„Wert der gewerkschast- lichen Organisation für die Arbeiter und Arbeiterinnen." Das gleiche Thema erörterte sie in einer Besprechung mit den Arbeiterinnen der Gummifabrik in Hainholz, die zahlreich erschienen waren, um sich einmal gründlich über ihre Lage auszusprechen. Die Arbeitsbedingungen de-' Arbeiterinnen sind in den genannten Orten fast durchgehends sehr schlecht, besonders aber in Hannover, über die Zu- stände, die zum Beispiel in einer der dortigen Gummi- fabriken herrschen, werden wir in einer späteren Nummer berichten. Zu verwundern ist es. daß eine Jndustriestadl wie Hannover noch keine proletarische Frauenbewegung hat. Nach dem Parteitag zu Jena hatten die Genossen den Plan gefaßt, im Frühjahr dieses Jahres eine kräftige Agitation unter den Proletarierinnen zu entfalten, um eine solche in Fluß zu bringen. Die durch den Tod Meisters nötig ge- wordene Reichstagsnachwahl nahm jedoch die Kräfte der Genossen''so in Anspruch, daß der Plan nicht ausgeführt werden konnte. Im kommenden Frühjahr soll zu seiner Verwirklichung geschritten werden. Die allgemeine gewerkschaftliche und politische Bewegung würde durch die Auf- klärung und Organisierung der Proletarierinnen eine gute Förderung erhalten. Marie Wackwitz. In einer gut besuchten öffentlichen Frauonversammlung zu Stettin, die Ende November tagte, erstattete Genosse Groth Bericht über den Mannheimer Parteitag. Er ging namentlich auf die Verhandlungen ein, welche für die Frauen besonderes Interesse hatten, und wies die Genossinnen auf das große Tätigkeitsfeld hin, das für sie in der Unterstützung der Jugendbildungssrätten offen steht. Sodann referierte Genosse Horn über den preußischen Parteitag und machte den Genossinnen die Bedeutung klar, welche dieser für sie hat. Die Versammlung beschloß, sich durch eine Delegierte auf dein Parteitag vertreten zu lassen. Als solche wurde Ge- nossin Horn gewählt. Die Vorsitzende richtete an die An- wesenden die Aufforderung, die Jnnehallung der Bestim- mungen des Kinderschutzgeseyes nach Möglichkeit zu überwachen und Qberttetungen der Kinderschutzkommission zu unterbreiten. Genosse Horn ermahnte die Frauen in seinem Schlußwort, an allen Parteiarbeiten eifrig Antell zu nehmen und sich dadurch des Namens Genossin würdig zu erweisen, ö. ll. Mit einem Siege der Sozialdemokratie endete die Stadt- verordnetenwahl zu Iserlohn am 29. und 39. No- vember. Die Freisinnigen erhielten 837 bis 368, die Sozial- demokraten 1988 bis 1199 Stimmen. Zum erstenmal ziehen unsere Genossen in das Stadtparlament ein, in welchem bis- her ejn bis auf die Knochen reaktionärer„Freisinn" herrschte. Die Iserlohner Arbeiterschaft hat es endlich eingesehen, daß keine einzige der vielen bürgerlichen Parteien ihre Interessen vertritt, daß einzig und allein die Sozialdemokratie für das Wohl des arbeitenden Volkes kämpft. Der Freisinn mag aus dem Resultat der diesjährigen Wahlen den Schluß ziehen, daß es mit seiner Herrschaft im Wahlkreis Altena- Iserlohn ein für allemal vorbei ist. Für die Genossen und Genossinnen aber erwächst die Pflicht, nicht nur das Er- oberte zu behaupten, sondern Neues dazu zu gewinnen. Das mögen sich besonders die Frauen zu Herzen nehmen, die unserer Sache leider bisher noch recht gleichgültig und ver- tändnislos gegenüberstanden. Glücklicherweise hat sich in der letzten Zeit ein kleiner Stamm klassenbewußter Ge- nossinnen gebildet, die ihr Alles daran setzen werden, die rückständigen Proletarierinnen aufzurütteln. Möge der Er- olg ihre Mühe belohnen. Frau Varnhagen. In Döbeln in Sachsen fand Anfang dieses Monats eine öffentliche Heimarbeiterversammlung statt, die von 259 Personen, meist Frauen, besucht war. Genossin Hoppe- Berlin referierte über das Thema:„Die Mißstände in der Heimindustrie, und was haben wir zu ihrer Beseitigung zu ordern?" Eine der Versammlung vorgelegte Resolution, die ein Gesetz zum Schutze der Heimarbeiter forderte, wurde einstimmig angenommen. In der Diskussion sprach sich Ge- nossin Schilling über die örtlichen Verhällnisse aus. Zum Schlüsse legte die Referentin ebenso wie Genosse Wünsch- mann den Frauen ans Herz, sich gewerkschaftlich und poli- tisch zu organisieren. Leider herrscht unter den hiesigen Frauen noch zu viel Egoismus und falsche Scham, die zu bekämpfen eine ernste Aufgabe der Genossinnen sein muß. öl. Lok. Bon den Organisationen. Der Frauen- und Mädchenbildungsverein für München und Um- gebung hielt am 15. November seine erste General» versa in mlung ab. Über die Tätigkeit deS Vorstandes berichtete die Vorsitzende Genossin Timm. Die ersten An- regungen für das Zustandekommen des heutigen Vereins zab eine vor einigen Jahren in München abgehaltene Ver- 'ammlung, in der Genossin Zetkin referierte. Es gelang, eine beträchtliche Anzahl Frauen zu einer Vorbesprechung zusammenzubekommen; ein Provisorium, bestehend aus den Genossinnen Sailer, Timm undL ach ermeier, wurde geschaffen, doch gelang es damals nicht, vorwärts zu kom- men. Die Hauptb'tätiguug der Frauen mußte vorerst in die Gewerkschaften verlegt werden. Und erst das Zusammen- treffen verschiedener Momente im öffentlichen Leben bot Gelegenheit, die F-auen für ihre eigenen Angelegenheiten mehr zu interessieren. So wurde dann nach einigen Vor- besprechungen im Herbst des vorigen Jahres zu einer kon- tttuierenden Versammlung geschritten und ein provisorischer Ausschuß gewählt, der in der Versammlung am 3. De- zember, zu der Genossin Greifenberq das Rekerat über- 188 Die Gleichheit Nr. 26 # " Politische Rundschau. die den christlichsozialen Gewerkschaften wie den Hirschen Sicherheit vor Polizei- und Unternehmerschifanen gewährte, aber die freten Gewerkschaften ihnen preisgegeben hätte. Deshalb muß alles aufgeboten werden, um einen Reichstag zusammenzubringen, der auch die wiedererstandene„ neue Zuchthausvorlage" in Trümmer schlagen oder sie jedweder Gefahren für die Arbeiter berauben wird. Genossenschaftliche Rundschau. nommen hatte, seine Bestätigung erhielt. Anfang Februar| erklären, daß der Massenstreit an sich eine gesetzlich erlaubte einem gewissen Grade schloß sich ihm dann der zweite hielt Genosse Nägele einen Vortrag über„ Die Bedeu- und nicht strafbare Tat sei. Der Prozeß trägt alle Merkmale Redner des Zentrums, der Renommierarbeiter Giesberts, tung der Krantenanstalten für die Kassenmitglieder." 14 eines ausgesprochenen politischen Tendenzprozesses. Er wird an. Der Stellung seiner Fraktion gemäß, die zwischen UnterTage später trug Genosse Nimmerfall Wissens das Seinige zur Aufklärung oder, um im Polizeistil zu reden, nehmern und Arbeitern eine Vermittlung sucht, meinte er wertes aus dem Konsumvereinsleben vor. In dieser zur Aufreizung" der Massen gegen die bürgerliche Ordnung aber doch, man müsse versuchen, ob sich nicht in der Kommission Versammlung wurde beschlossen, die Vereinsversammlungen beitragen. Genoffin Luxemburg, die Freiheit und Leben im der Entwurf brauchbar gestalten lasse. Der Hoffnung gaben vorläufig alle vier Wochen stattfinden zu lassen, anstatt wie Kampfe gegen den russischen Absolutismus in die Schanze sich auch die übrigen bürgerlichen Parteien hin, obgleich nur bisher alle 14 Tage. Mitte März sprach Genosse Klement geschlagen hat, wird die zwei Monate Gefängnis mit jenem die allerreaktionärsten, die Konservativen und Antisemiten, an Stelle der verhinderten Genoffin Wimarsty. Im stolzen Gleichmut tragen, den sie vor ihren Richtern in sich auch für diese Spottgeburt begeisterten. Aber die Gefahr April referierte Herr Dr. Oppenheimer über„ Kinderpflege", den Worten bekundete: Gilt es, die uns von der herrschen- bestand, daß schließlich zwischen der Regierung und der im Mai Genosse Mauerer über" Religion, Gottesglaube den Justiz für unsere überzeugungen zudiftierten Gefängnis. Reichstagsmehrheit eine Fassung vereinbart worden wäre, und Kirchenlehre", im Juni Genosse Timm über„ Die strafen zu ertragen, so sagt sich jeder Sozialdemokrat, um Frau und das bürgerliche Recht". Für eine Versammlung in dem Bismarckschen Küchenlatein zu reden: Nescio, quod im Juli hatte Herr Professor Dr. Hahn ein Referat über mihi magis farcimentum, zu deutsch: Ich weiß nicht, was Wohnungspflege vom gesundheitlichen Standpunkt" zuge mir mehr Wurst wäre." sagt. Er verunglückte jedoch einen Tag vor der Versamm lung, sorgte aber in anerkennenswerter Weise für Ersatz Anfang November hielt Genosse Müller einen interessanten Vortrag über„ Die Frau am Ende des 18. Jahrhunderts". Die Reichstagsauflösung, deren Vorgeschichte wir an In der Fleischnotdebatte, die wenige Tage vor der In einer öffentlichen Frauenversammlung, die in demselben anderer Stelle gewürdigt haben, trifft in eine Zeit, in der Schlußkatastrophe stattfand, hat Herr v. Arnim- Griewen der Monat stattfand, sprach Genossin Dr. Adams- Lehmann noch andere Ursachen als nur der Kolonialfrach tiefe Unzu- agrarischen Wünschen entsprechend sich als ein abgemagerter über„ Das Frauenheim" Auch sonst wurde den Mitgliedern friedenheit in den breiten Massen des Volfes, insbesondere Pod erwiesen. Seichter und volksfeindlicher konnte sich auch manches Lehrreiche und Wissenswerte geboten. So fand unter dem organisierten Proletariat, erzeugt haben. So der ehemalige stille Teilhaber der Firma Tippelskirch nicht eine Besichtigung der neuen Bäckerei des Konsumvereins haben auch im Verlauf der beginnenden Reichstagsverhand zur Fleischnot äußern. Nur fehlte der Rede, die Herr Sendling- München statt. Auch wurden fostenlose Unter- lungen die Fleisch not und die Gewerkschaftsvorlage v. Arnim mühsam vom Blatte herunterſtotterte, die Podsche richtskurse über Säuglingspflege abgehalten. Zu Leitern eine wesentliche Rolle gespielt. Beide Fragen werden auch Färbung mit Stallwigen. Bezeichnend für den Gesichtskreis dieser Kurse hatte sich in dankenswerter Weise eine Anzahl in den Wahlkämpfen einen wichtigen Einfluß auf die Ents dieses frischgebackenen Staatsmannes" war die Bemerkung, Arzte bereit gefunden. Weiter nahm die Vorarbeit und so scheidung ausüben, obgleich ja das„ Gesetz betreffend die ge- daß mit der Zulassung eines größeren Kontingentes von mannigfache Kleinarbeit für das Zustandekommen des Dienst- werblichen Berufsvereine" beim Reichstagsschluß mit ein Schweinen, die durch den österreichischen Handelsvertrag bes mädchenvereins einen großen Teil von Zeit und Arbeits: gefargt worden ist. Es kann aber wieder auferstehen. dingt wurde, die Landwirtschaft ein Opfer gebracht" traft in Anspruch. Neben allen diesen ernsten Aufgaben Da die Erörterung der Fleischnotfrage von der Regie- habe. Offener und jedenfalls auch unbedachter ist von einem wurde auch der heiteren Seite Rechnung getragen. Im rung vorsichtig bis auf die letzten Tage vor den Weihnachts- Agrarier noch nie eingestanden worden, daß die Grenzsperre Mai fand das Frauenfrühlingsfest und im November das ferien vertagt war, um Pods Erben, dem Herrn v. Arnim- wegen angeblicher Seuchengefahr nur dem Zwecke dient, im erste Stiftungsfest statt. Beide Veranstaltungen waren gut Griewen, Zeit zum Einarbeiten in sein Ressort und zum Interesse der Agrarier die Fleischpreise in die Höhe zu gelungen und haben auch ihren organisatorischen Wert Ausarbeiten einer agrarischen Antwort zu lassen, tam die treiben. Daß dem Herrn v. Arnim- Griewen, ehemaligen gezeitigt. Jede Veranstaltung, ob Versammlung oder Ver- Gewerkschaftsvorlage zuerst zur Verhandlung Richtiger Marineleutnant, jezigen Staatsminister, dieses Gingeſtändnis gnügen, hat dem Verein neue Mitglieder gebracht. So würde man dieses Machwerk der amtierenden Bureaufratie herausgeplakt ist, wird wohl sein einziges Verdienst um das ist der Verein langsam, aber stetig gewachsen. Gegen- einen Gesetzentwurf zur Köderung und Entnervung Volkswohl bleiben. Bergessen soll es jedenfalls nicht werden, wärtig zählt der Verein 160 Mitglieder. Der Ausschuß er der Gewertschaften nennen. Der vorgebliche Hauptzweck ebensowenig wie die erzagrarische Rede des Zentrümlers ledigte seine Geschäfte in 21 erweiterten und 9 engeren dieses Entwurfes war, den„ eingetragenen Berufsvereinen" Gerstenberg. Beide müssen im Wahlkampf ihre Rolle spielen, Sigungen. An die Mitglieder wurden 290 Broschüren den Charakter einer„ juristischen Person" zu ver- wenn wir daran gehen, dem Junkerregiment samt seinen gratis verteilt. An den Vorstandsbericht schloß sich der leihen, das heißt ihnen alle die vermögensrechtlichen Befug- bürgerlichen Schußtruppen neue Schläge zu versetzen. G. L. Bericht der Kassiererin Genossin Eichhorn. Den Gesamt- nisse zu gewähren betreffs Erwerb und Verwaltung von einnahmen von 551,65 Mt. stehen 336,95 Mt. Gesamtaus- Vermögensobjekten, die eine Einzelperson hat. Das wäre gaben gegenüber, so daß ein Kassenbestand von 214,70 M an sich für alle diese Vereine ein Vorteil. Die amtierende verbleibt. Nach kurzer Debatte wurde dem Ausschuß ein Bureaukratie hatte aber im Interesse, wenn nicht gar auf Nach den Mitteilungen der„ Preußischen Zentralgenossenstimmig Decharge erteilt. Es wurden in ihn gewählt als Betreiben der scharfmacherischen Großindustriellen damit schaftspresse" über deutsche Genossenschaftsstatistik erste Borsitzende Genossin Timm, als zweite Vorsitzende allerhand schädigende Nebenbestimmungen verknüpft, die, gab es am 1. Januar 1904 im Reiche 22 128 eingetragene Genoffin Rotter, als Schriftführerin Genoffin Frey, wenn sie Gesetzestraft erlangt hätten, den Gewerkschaften Genossenschaften mit 3 378 265 Mitgliedern, darunter 6584 als Raffiererin Genoffin Eichhorn. Als Revisorin- Nachteile von schlimmster Wirkung zufügen würden. Vor Genossenschaften( 1 550 520 Mitglieder) mit beschränkter nen wählte die Versammlung die Genossinnen Auer, allem würde die dauernde 3ersplitterung der Gewerk Haftpflicht, eine gefeßliche Form, die die meisten KonsumLeste und 2achermeier. Es wurde beschlossen, die schaften die Folge sein. Denn die Behörden würden das vereine aufweisen. Vereinsversammlungen fortab beständig alle vier Wochen Recht erhalten haben, die Mitgliedschaft einer Gewerk und jährlich nur eine Generalversammlung abzuhalten, so- schaft auf einen ganz engbegrenzten Beruf einzuwie die Einladungen zu den Vereinsversammlungen nicht schränken. Solche große Verbände wie der Metallarbeitermehr wie bisher brieflich, sondern nur durch eine Annonce verband und der Holzarbeiterverband würden unter der in der„ Münchener Post" erfolgen zu lassen. Der neuge Herrschaft eines solchen Gesetzes nicht weiter bestehen können. wählte Ausschuß versprach, nach Möglichkeit dem vielfach Ferner dürfte der Verein sich nur auf die Wahrnehmung geäußerten Wunsche Rechnung zu tragen, die Preffe durch seiner allerengsten Berufsinteressen beschränken. Gemeinsame Einsendung von Versammlungsberichten mehr in Anspruch Aktionen verschiedener Vereine in Betätigung der zu nehmen. allgemeinen Arbeitersolidarität wären ausgeschlossen. Jahresbericht der Kreisvertrauensperson für Witten: Ja, dem eingetragenen Berufsverein kann die Rechtsfähig berge und Umgegend. Unter den Frauen des Proletariats feit entzogen werden, wenn er durch Mittel die Aus: von Wittenberge und Umgegend wurde im letzten Jahre emsig stände gewisser Arbeiterkategorien unterstützt, agitiert. Trotz des Quertreibens mancher Genossen, die die nämlich der Arbeiter an Wasser-, Elektrizitäts- und GasFrau nicht als gleichberechtigte Genofsin anerkennen wollen, ist werken sowie Eisenbahnen und fiskalischen Betrieben; auch die Arbeit segensreich gewesen. Es fanden im Laufe des die Seeleute fallen unter diese Bestimmung, weil auch ihre Jahres in Wittenberge drei öffentliche Versammlungen statt, Tätigkeit als notwendig zur Sicherung von Staat und Ge- Jm Königreich Sachsen. dem Klassischen Land der in denen die Genossinnen 3iet, Weyl und Baader sellschaft angesehen wird. Schließlich wird auch die Haft- deutschen Konsumvereinsbewegung, machen die Mittelständler referierten. Der Frauenbildungsverein hielt 12 Mitglieder pflicht der Vereine für alle angeblich von ihnen selbst oder wieder einmal gegen die Konsums und ähnliche Genossenversammlungen mit wissenschaftlichen und bildenden Vor- ihren Beamten den Unternehmern zugefügten Schäden vor- schaften mobil. Die sächsische Mittelstandsvereinigung, die trägen und Vorlesungen ab, an die sich eine Diskussion an- gesehen. Letztere Bestimmung wird bezeichnenderweise bei stets ganz unpolitisch" sein will, weist in einem geheimen schloß. Seine Mitgliederzahl hat sich mehr als verdoppelt, uns einzuführen versucht zu der nämlichen Zeit, da man in Birkular auf die Landtagswahlen von 1907 hin und fordert sie ist von 50 auf 120 gestiegen, die gleiche Höhe, die auch England nach den üblen Erfahrungen des Taff- Bale: besonders zur Aufstellung von Kandidaten auf, die für Umdie Leserinnenzahl der„ Gleichheit" erreicht hat. Der Ge- Entscheids daran gegangen ist, ihre Anwendung über- satzsteuern gegen Genossenschaften eintreten. Das Ganze ist samteinnahme von 214 Mt. steht eine Ausgabe von 174,89 haupt unmöglich zu machen. Nebenbei mag noch erwähnt nichts weiter als hinterlistig betriebene fonservative Mache Mark gegenüber. In alter Treue werden die Genossinnen werden, daß unter den sonstigen an sich weniger wichtigen Der Konsumverein Leipzig- Plagwig, der größte im neuen Jahr auf ihrem Posten ausharren, damit sich die Knebelbestimmungen sich auch noch die befindet, daß auf Deutschlands und einer der größten der Welt, erzielte in proletarische Frauenbewegung Wittenbergs der fortgeschrit. Verlangen der Polizei der Vereinsvorstand gehalten ist, dem am 30. Juni 1906 abgeschlossenen 22. Geschäftsjahr teneren Schwesterbewegung anderer Städte bald ebenbürtig jederzeit ein Mitgliederverzeichnis einzureichen.( Man dente: einen Umsatz von 14 299 470 mt, der Reingewinn betrug zur Seite stellen kann. Marie Hernowski. von Vereinen, die 100 000 oder mehr Mitglieder haben!) 1 336 643 Mt. Der Verein hat 66 Verkaufsstellen, 2 WarenGenoffin Luxemburg zu zwei Monaten Gefängnis Auch soll sich ein jedes Mitglied jederzeit auf seine Kosten häuser, 38 359 Mitglieder und beschäftigte am Jahresschluß verurteilt, kaum daß sie den russischen Kerkern entronnen, eine Abschrift von dem Verzeichnis machen lassen können. 927 Personen. Er betreibt eine eigene hochmoderne Bäckerei, das ist eine der letzten Taten deutscher Klassenjustiz. Das Eine recht angenehme Bestimmung das! Der Scharfmacher- eine Dampfmühle und eine Fleischerei. An Staat und GeVerbrechen, welches die tapfere Vorkämpferin des revolu- verband hätte es also jederzeit in der Hand, durch einen in meinde zahlt er das schöne Sümmchen von rund 123 500 Mt. tionären Proletariats auf die Anklagebank der Straffammer den Verein eingeschmuggelten Lockspißel sich Schwarze Listen Steuern. Die vier Dresdener Konsumvereine hatten zu Weimar führte, wurde von den Richtern des Klassen- besorgen zu lassen. in dem gleichen Zeitraum zusammen einen Umsatz von staates in ihren Ausführungen über den Massenstreit auf 11 649 915 Mt. in 77 Verkaufsstellen. Sie zahlen den 41 455 Mitgliedern jetzt um die Weihnachtszeit 968 413 mt für die entnommenen Waren zurück. Die vier Vereine beschäf= tigten 610 Personen; Eigenbetriebe Bäckereien- besigen zwei von ihnen. Zurzeit wird in den Kreisen der Dresdener Konsumvereinsmitglieder die Frage der Verschmelzung der vier Vereine lebhaft erörtert Heute würde man natürlich überhaupt nur einen Verein gründen. Bor sirka 20 Jahren aber, als die Vereine entstanden, waren die Gründungsgebiete in sich abgeschlossene, nach jeder Richtung hin selbständige Wirkungskreise. Durch die wesentliche Vergröße rung Alt- Dresdens und die Einverleibung vieler Vororte und deren rapide Entwicklung sind die lokalen Verhältnisse nun Seit dem Vorjahre 1903 ist die Zahl der eingetragenen Genossenschaften um 1873, die der Mitglieder um 238 476 gewachsen. Während die Zahl der Konsumvereine, die dem alten Allgemeinen Verband angehörten, seit der„ reinlichen Scheidung" im Jahre 1902( Kreuznach) zuerst rapid zurückging und jetzt stagniert, entwickelte sich der neue Zentralverband deutscher Konsumvereine sehr rasch nach vorwärts. Wie im Jahrbuch von 1905 zu ersehen ist, stieg die Zahl der im Zentralverband organisierten Konsumvereine von 760 im Jahre 1904 auf 855 im Jahre 1905, die der Mitglieder von 649 588 auf 719 239. Diese Vereine beschäftigten Ende 1905 insgesamt 9585 Personen. Dem Allgemeinen Verband aber gehörten nur noch 276 Vereine an, die 238 097 Mitglieder hatten, um 17 819 weniger als im Vorjahr! Die Sache der modernen Konsumvereine marschiert in Deutschland! Offenbar hatte der Entwurf einen doppelten 3wed: in dem Jenaer Parteitag erblickt. Diese Ausführungen waren den Vereinen, die sich dem Gesetz unterwerfen würden, getheoretischer Natur und erörterten, von tiefer wissenschaft fügige gelbe Gewerkschaften heranzuziehen; diejenigen aber, licher Erkenntnis getragen, das Problem des Massenstreiks. die sich nicht unterwerfen würden, durch die Konkurrenz der Sie gipfelten unter Bezugnahme auf die russische Revolution begünstigten gelben Gewerkschaften allmählich an die Wand in dem Nachweis, daß ein Massenstreit von revolutionärer zu drücken. Bedeutung sich nicht anbefehlen, nicht machen" lasse. Trotz- Dann wird aber auch noch ausdrücklich vorgesehen, daß dem sollte Genoffin Luxemburg in Jena zu Gewalttätigkeiten Bandarbeiter, Seeleute und Eisenbahner aller Art aufgereizt haben. Mit überlegener geschichtlicher Schulung unter keinen Umständen solche Berufsvereine bilden können. und Logit zerpflückte sie in einer lichtvollen Rede die Be- Keinem Arbeiter, der noch, einen Funken Solidaritätsweisführung des Staatsanwalts Die Richter entdeckten, gefühl besitzt, dürfte aus allen diesen Gründen ein solches daß durch die Art und Weise, wie die Angeklagte in Jena Gesez annehmbar sein Als der Entwurf in erster Lesung gesprochen, das Bürgertum beunruhigt worden ist und die zur Verhandlung fam, bemühte sich zunächst namens des besizlosen Klassen in eine Stimmung versetzt worden sind, Zentrums dessen sozialpolitische Leuchte, Herr Trimborn, wesentlich verändert. Die Schwierigkeiten für die Verin der sie Gewalttätigkeiten zuneigen. Als strafverschärfend den bekannten Giertanz zwischen Einerseits und Andererseits schmelzung liegen darin, daß alle vier Vereine durchaus zogen sie die Vorstrafen der Angeklagten und ihre Bedeutung aufzuführen Erst der Redner der Sozialdemokratie, Legien, leistungsfähige Großbetriebe sind, große geschäftliche Vorteile innerhalb der Partei in Betracht. Das Urteil mußte übrigens übte eine vernichtende Kritik an dem Entwurf. Bis zu deshalb bei der Verschmelzung kaum noch herausspringer Nr. 26 Die Gleichheit 189 werden. Auf der anderen Seite ist eine Vereinigung in Zur Statistik der gewerkschaftlichen Arbeiterinnen-| nicht zu. Ein Vertrag könnte also nur auf dem Wege des Rücksicht auf die Fluktuation der Mitglieder wünschenswert. organisation in Deutschland. Die nachfolgenden Tabellen, persönlichen übereinkommens eingeführt werden. Neben der Jedenfalls dürften noch Jahre bis zur Erreichung dieses welche Nr. 31, Jahrgang 1906, des Korrespondenzblattes Anwendung aller nach dieser Richtung zu Gebote stehenden Zieles vergehen. Die Dresdener Arbeiter werden die Frage der Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands" Mittel wird der Vertrag selbst, das heißt die Erfahrung, die so zu behandeln verstehen, daß sie ohne Schaden für die enthält, spiegeln die steigende Beteiligung der Arbeiterinnen die Mädchen mit ihm machen, die wirksamste Agitation für an der gewerkschaftlichen Organisation wider. Die folgenden seine Einführung in immer zahlreichere Dienstverhältnisse Sache gelöst werden kann. In der Schweiz fehen die Kleingewerblichen Genossen- 3iffern geben zunächst neben der Mitgliederzahl der Gewerk- fein. Es wird schwer sein, die Verdingerinnen, die ja ohneschaften ihre vornehmste Aufgabe in der Bekämpfung der schaften insgesamt die Zahl der in ihnen organisierten Ar- hin der Dienstbotenorganisation wegen der Ginführung unentgeltlicher Stellennachweise nicht freundlich gesinnt sind, Konsumvereine. Gine ihrer lezten Hauptaktionen ist gründ- beiterinnen an, und das seit dem Jahre 1891. lich ins Wasser gefallen. Die Leute denunzierten die in der für die Einführung von Verträgen zu gewinnen. Ob die Verwaltung des Konsumvereins Basel sizenden Staatsstädtischen Stellennachweise dafür zu haben sein werden, ist sehr fraglich. Vorläufig werden wir also bei der Empfehlung beamten, daß sie angeblich ihre Dienstzeit verbummelten und dafür die Geschäfte des Konsumvereins besorgten. Darob große des Vertrags auf uns selbst angewiesen sein. Aufregung. Eine sofortige Untersuchung ergab, daß die erhobene Beschuldigung gänzlich unbegründet" war, das heißt, die Denunzianten hatten leichtfertig geschwindelt! Der Verband der schweizerischen Konsumvereine zählte im Sommer 255 Vereine, davon 20 über 1000 Mitglieder mit zusammen 96300 Angehörigen( im Jahr 1896 nur 8 solche mit 29 200 Mitglieder). über 10000 Mitglieder zählten die Bereine in Basel( 27 100), Zürich( 15 900) und Genf ( 11600). 1891. 1892 Jahr Mitgliederzahl im Jahresdurchschnitt davon weibliche Zentral verbände insgesamt 62 277 659 56 237 094 1893 51 223 530 1894 54 246 494 1895 53 259 175 1896. 51 329 230 1897 56 412 359 1898. 57 498 742 1899 55 580 473 1900 58 680 427 4355 5.384 5 251 6 697 15 265 14 644 13 481 19 280 22 844 1901 57 677 510 1902 60 733 206 63 887 698 63 23 699 28 218 40 666 48 604 74 411 1903 1904 1905 PASAKASPERS 64 1052 108 1 344 803 Wie sich der Stand der weiblichen Mitglieder der Zentralverbände seit 1900 entwickelt hat, weist die nachfolgende Die bereits kurz erwähnte Idee eines englischen Genoffenschafters, des Generalsekretärs Gray, sämtliche englischen Konsum- und Produttivgenossenschaften zu einer einzigen großen Volksgenossenschaft zu vereinigen, stößt in den Kreisen der englischen Genossenschafter auf starke Bedenken und zum Teil auch auf scharfen Widerspruch, wie eine Umfrage des Berichterstatters eines englischen Genossenschaftsorgans ergeben hat. Der Jdee Grays scheint weniger ein materieller, geschäftlicher Zwed, als vielmehr der Gedanke einer gesellschaftsumbildenden Wirkung zugrunde Tabelle aus: zu liegen. Von diesem Gesichtspunkt aus aber ist die Graysche Jdee von dem großen nationalen Genossenschaftsstaat blante Utopie, das Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durchaus verkennende soziale Kurpfuscherei. Die Jdee hat auch in den Köpfen einzelner deutscher Genossenschafter schon gespukt. Ihr liegt der Irrtum zugrunde, daß man den Kapitalismus mit Hilfe der Organisation der Konsumenten überwinden oder doch in seinen Grundfesten erschüttern könne. Die genossenschaftliche Massenorganisation auf dem Gebiet der Warenverteilung vermag vieles hier müßte sie jedoch ganz gewiß scheitern. Notizenteil. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. H. Fl. Laufende Nr. 1 Bäder Organisation der 2 Blumenarbeiter 3 Brauereiarbeiter 4 Buchbinder. 5 Buchdruckereihilfsarbeiter. 6 Bureauangestellte 7 Fabrikarbeiter 8 Fleischer. 9 Gastwirtsgehilfen 10 Gemeindearbeiter 11 Glasarbeiter 12 Hafenarbeiter Zahl der weiblichen Mitglieder im Jahre 1900 1904 1905 11 11 27 3 Bon 1904 auf 1905 Sunahme Abnahme 1681 915 39 31 31 www 98 115 17 • 62 133 71 3046 5525 6261 736 698 2092 3773 28 2889 4921 5836 3 2 41 197 406 209 33 18 249 281 8 698 1070 80 1717 2372 872 655 105 33 726 569 1205 121 475 873 15 13 636 398 505 1307 802 46 215 221 6 9. 27 35 8 12 12 12 41 29 5339 9097 3758 87 299 212 357 361 775 414 31 68 150 24 82 24 758 1072 2085 1013 1916 28 2816 3092 3922 7761 11422 37 32 90 5254 13126 20598 78 74 276 3661 58 7472 534 2442 1908 80 125 206 81 6 2693 1 11 Jedenfalls aber können wir nicht mit dem Eintreten für den Vertrag warten, bis wir eine alle Dienstboten umfassende Organisation haben; das ist einfach ausgeschlossen. Bei der Dienstmädchenorganisation liegt die Sache eben nicht ganz so wie bei anderen Gewerkschaften. Der Mitgliederstand der Dienstmädchenvereine wird stets fluttuierend sein und bleiben. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist das Dienen ein Durchgangsstadium, entweder zur Verheiratung oder aber zur Industriearbeit. Dieses Durchgangsstadium für eine ungeheure Anzahl von Töchtern des Proletariats zu erleichtern, das ist die Aufgabe des Vertrags. Streben wir deshalb nach Kräften danach, daß wenigstens unsere eigenen unentgeltlichen Nachweise möglichst nur auf Grund der örtlichen Dienstverträge Stellen vermitteln. Bei Energie und taktvollem Vorgehen muß das gelingen. Und ist erst einmal Bresche gelegt, so wird der immer häufigere Abschluß von Dienstverhältnissen auf Grund eines Vertrags der gesetzlichen Beseitigung der Gesindeordnung wirksam vorarbeiten. Untergraben wir auf diese Weise in der Praxis die Grundpfeiler des mittelalterlichen Baues, während die fozialdemokratischen Abgeordneten dagegen im Parlament anstürmen, dann muß es uns gelingen, dieses Überbleibsel der Hörigkeit in absehbarer Zeit zu zertrümmern. Berta Timm, Basing- München. Frauenstimmrecht. Kommunales Frauenstimmrecht in Dänemark. Die dänische Regierung hat der Wolfsvertretung eine Reform des Kommunalwahlrechtes vorgeschlagen, die schon vor einer Reihe von Jahren einmal diskutiert worden ist, aber damals nicht zur Ausführung fam. Diefe Vorlage bedeutet, wenn sie Gesetz wird, einen großen Fortschritt gegenüber dem bestehenden Recht. Während bisher nur die Männer das Wahlrecht befaßen und die Wähler je nach der Steuerhöhe in zwei Klassen geteilt waren, sollen nun alle Steuerzahler 8 vom 25. Jahre ab das gleiche Wahlrecht erhalten, auch die Frauen, die verheirateten sowohl wie die ledigen. Auch die Dienstboten, Knechte und Mägde, denen die Verfassung und die Gesetzgebung bisher das fommunale sowie das politische Wahlrecht vorenthält, sollen in die Reform eingeschlossen werden. Es ist freilich noch nicht gewiß, ob diese Wahlrechtsreform unverschlechtert Gesetz werden wird. Das hängt von der Haltung der Volfsvertretung ab, in der die Meinungen geteilt sind. Die einen sind aus Furcht vor dem Sozialismus für die Vorlage, um den Sozialdemokraten einen Agitationsstoff zu nehmen", die anderen aus dem nämlichen Grunde dagegen, weil die Kommunen sonst dem Sozialismus ausgeliefert werden". Arbeiter und Arbeiterinnen! Auf zum Wahlkampf! 13 Handels- u. Transportarb. Das Antigewerkschaftsgefeß, das unter dem Schaf 14 Handlungsgehilfen. pelz eines Gesetzes betreffend gewerbliche Berufsvereine" 15 Handschuhmacher daherschlich, hatte die Generalfommission der Gewerkschaften 16 Holzarbeiter. Deutschlands veranlaßt, in Anbetracht der großen Gefahr, die 17 utmacher dem gesamten Gewerkschaftsleben von diesem Gesetze drohte, 18 Konditoren 19 Stürschner einen außerordentlichen Gewerkschaftskongreß für den 25. 20 Lagerhalter und 26. Januar einzuberufen. Da sollte den Gewerkschaften 21 Teberarbeiter Gelegenheit gegeben werden, zu dem Gesetzentwurf Stellung 22 Maler zu nehmen, ehe der Reichstag sein letztes Wort darüber ge- 23 Metallarbeiter sprochen hatte. Die Generalkommission hatte dem Zentral- 24 Portefeuiller rat der Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine und dem Vor- 25 Porzellanarbeiter stand des Verbandes der christlichen Gewerkschaften den Vor- 26 Sattler schlag gemacht, sich an dem Kongreß zu beteiligen. Die 27 Schirmmacher 28 Schneider Christlichen lehnten aber, ab, und die Hirsch- Dunckerschen, 29 Schuhmacher die ihr Einverständnis von dem der Christlichen abhängig 30 Zabatarbeiter gemacht hatten, desgleichen. Wieder ein Beweis, daß nur 31 Tapezierer die freien Gewerkschaften wirklich die Interessen der Arbeiter- 32 Textilarbeiter schaft wahrnehmen. Unterdessen erfolgte am 13. Dezember 33 Vergolder die Auflösung des Reichstags, und mit ihm ver- 34 Wäschearbeiter schwand auch das Antigewerkschaftsgesetz in der Versenkung. 35 3igarrenfortierer Daher ist der außerordentliche Gewerkschaftskongreß nun überflüssig. Aber jetzt gilt es, nach Kräften dafür zu arbeiten, daß die Zusammensetzung des neuen Reichstags der Vorlage falls sie eine unerwünschte Auferstehung feiern sollte ein sang- und flangloses Begräbnis gleich in der * Darunter 48 Mitglieder des jest dem Gemeindearbetterverband ersten Lesung garantiert. Deshalb muß jeder Arbeiter, jede angeschlossenen Verbandes der Masseure. Summa Zunahme. . Das politische Wahlrecht für die englischen Frauen fordert Genosse Keir Hardie in einem Gesetzentwurf, den er im Unterhaus eingebracht hat. In der Begründung wies Hardie darauf hin, daß 420 Mitglieder des Parlaments bei den Wahlen versprochen hätten, für das Frauenwahlrecht einzutreten. Sie hätten aber bisher nicht das geringste dafür getan, ihr Versprechen einzulösen, und trügen so die Verantwortung für die von vielen Seiten so hart verurteilte Agitation der jüngsten Tage. Die Regierung beantwortete 22844 48604 74411 25820 13 bie Anregung Hardies mit Schweigen, und es ist wenig Aussicht vorhanden, daß man ihr Folge leistet. 51567= 225,8% Dienstbotenfrage. 4 25807 = 53,1% Paul Singer, Derlagsanstalt und Buchdruckerei, Stuttgart. Für unsere Kinder Weihnachtsbuch der Gleichheit Herausgegeben von Klara Zetkin( 3undel) Preis tartoniert mr. 1.einen Vorzugspreis. Das Weihnachtsbuch der Gleichheit besteht aus den beiden Jahrgängen 1905 und 1906 der Beilage der Gleichheit Für unsere Kinder". Arbeiterin regen Anteil an den Reichstagswahlen nehmen. Ja, auch die Arbeiterin! Denn wenn sie auch nicht würdig befunden wird, bei der Wahl ihre Stimme abzugeben, so kann sie doch für die Wahl ihre Stimme erheben, kann ihre Zur Frage des Dienstvertrags. Im Hinblick darauf, männlichen Verwandten, Hausgenossen und Kollegen auf daß die Beseitigung der Gesindeordnung sobald nicht Tatihre Pflichten aufmerksam machen. Sie kann ihnen klar fache werden wird, da die Nuznießer dieser Ordnung noch machen, daß nur eine Partei sich jedem Attentat auf Ar- die Macht in Händen haben, ist schon der Gedanke der Einbeiterrechte stets mutig entgegengestellt hat, und das ist die führung eines Dienstvertrags sehr begrüßenswert. Die Ein- Bereine, die eine größere Anzahl Exemplare bestellen, erhalten Sozialdemokratie. Ihr neue Kämpfer zuzuführen, das muß führung eines solchen Vertrags halte ich für einen großen jetzt die Losung jedes Arbeiters, jeder Arbeiterin sein. Es persönlichen Vorteil für die Dienenden, und es sollte desgilt ja nicht nur mit der folonialen Schandwirtschaft auf- halb überall der Versuch dazu mit aller Energie gemacht zuräumen, es gilt nicht nur den Angriff auf das Koalitions- werden. recht abzuwehren, es gilt vor allem auch der Regierung und Es kann sich nun nicht darum handeln, den Dienstverden bürgerlichen Parteien die Quittung auszustellen für ihr trag seinem Wortlaut nach durchsetzen zu wollen. Vielmehr volksverräterisches Tun, für die Verteuerung der Lebens ist es notwendig, ihn eingehend Punkt für Punkt mit den mittel, für die Besteuerung des Verkehrs, für die Schul- Dienstmädchen durchzugehen, um die notwendige Anpaffung verpfaffung in Preußen, für das Festhalten an dem Klassen an die örtlichen Verhältnisse zu vollziehen. Voraussetzung wahlrecht in den Einzelstaaten, für das Begünstigen der ist natürlich, daß den Mädchen der Wert einer solchen Klassenjustiz. Es gilt die Antwort zu geben auf die Blut- kontraktlichen Vereinbarung nachdrücklich flar gemacht wird. taten der Polizei in Dresden und Hamburg, Breslau und In der Münchener Versammlung, in der die Sache zur Nürnberg und die Bluturteile, die ihnen folgten. Es gilt Sprache kam, haben denn auch die Mädchen recht eifriges auch zu zeigen, daß die Arbeiterschaft auf Reinlichkeit hält Interesse an dem Vertrag und seiner baldigen Einführung und es nicht länger dulden will, daß schmutzige Hände Re- befundet und sich einstimmig dafür ausgesprochen, die Sache gierungsgeschäfte betreiben, auch dann noch, nachdem ihre in einer besonderen Versammlung zu behandeln. Unfauberteit längst notorisch festgestellt worden ist. Der Tag Bei den eigenartig liegenden Verhältnissen der Dienst der Abrechnung ist früher gekommen, als wir es zu hoffen mädchen ist eine Massenaktion nicht durchführbar. Das gewagt haben, sorgen wir, daß er mit dem Bankrott des Koalitionsrecht besitzen die Mädchen nicht, ein Recht der bisherigen Regierungssystems endet. Arbeitsverweigerung, ein Recht zum Streifen steht ihnen Die Ausgabe ist erfolgt auf Grund vielfach geäußerter Wünsche aus den Reihen proletarischer Frauen. Wir find überzeugt, daß der reiche Inhalt des Buches den Kindern unserer Proletarier eine nie verfiegende Quelle der Unterhaltung und Belehrung bieten dürfte. Auf die Ausstattung, Papier, Druck usw., ist große Sorgfalt verwendet worden, ebenso auf einen guten dauerhaften Einband. Bei Feststellung des Preises wurde dagegen weiteste Rücksicht genommen auf den Geldbeutel der Arbeiter und Arbeiterinnen. Wir machen hiermit einen erneuten Versuch auf dem Gebiete der Jugendliteratur. Möge der Versuch das Intereffe unserer Genossen und Genosfinnen erregen. Ein Erfolg würde uns den Mut geben, auf diesem Gebiete immer Vollkommeneres zu erstreben. Der Verlag der Gleichheit. 190 Die Gleichheit Nr. 26 Botschaft. Ehre sei Gott in der Höh! Doch mehr noch sei Ehre dem Kaiser, Ehre der geistlichen Macht, Ehre vor allem dem Gold! Friede auf Erden! Jawohl! Drum gebt uns blitzende Schwerter, flinten, Kanonen zumal! Stärker muß werden das Heer! Wohlgefallen dem Volk! Drum häufet Steuern auf Steuern! Teuer werde das Brot, Teurer noch werde das Fleisch! ,, Arbeiterpack." Stizze von A. Stahn. Flimmernder Schnee lag über die Dächer gebreitet und deckte die Wege und Stege. Ein scharfer Frost hatte über Nacht eingesetzt und dichte Eisblumen an die Fenster gemalt. Sie machten das fleine, aber saubere und trauliche Stübchen, das Frau Anna mit ihren drei Kindern und ihrem seit Monaten bettlägerigen Manne bewohnte, in dieser frühen Morgenstunde noch düsterer als gewöhnlich. Viel Sonne und Luft drang freilich auch an hellen Tagen nicht in diesen Hof, der von hohen Mauern, den Rückseiten mächtiger Mietstasernen, eingeschlossen war. Werner geschlossen, der wegen Verhinderung des Re- Mama sagt, man solle euch Arbeiterpack nicht so vers ligionslehrers die Religionsstunde gehalten hatte. Die wöhnen, sonst werdet ihr zu anmaßend." Schüler waren fast alle Kinder wohlhabender Eltern. Eine peinliche Stille folgte diesen Worten. Der ProMit Rücksicht auf das nahe Weihnachtsfest hatte ihnen fessor warf seinem vorlauten Sprößling einen strafenden daher der Lehrer einen erbaulichen Vortrag gehalten über Blick zu und schaute dann verlegen auf seine Frau. Diese das Bibelwort:„ Wohlzutun und mitzuteilen vergesset zuckte nur gleichgültig die Achseln und zog schützend ihren nicht, denn solche Dinge gefallen Gott wohl". Er hatte Knaben an sich, der sich vor dem drohenden Blicke des ihnen ans Herz gelegt, auch der armen Kinder zu ge- Vaters zu ihr geflüchtet hatte. denken, die fein Weihnachten bekämen, und denen sie durch überlassung von Spielsachen oder durch kleine Gaben aus ihrer Sparbüchse auch eine Weihnachtsfreude bereiten sollten. Nun nahm Professor Werner seinen ältesten, der in der Klasse saß und dem Vortrag des Vaters aufmerksam gefolgt war, bei der Hand und machte sich auf den Heimweg. " Ich werde den armen Maurerskindern im Hofe von meinen alten Spielsachen geben", sagte unvermittelt der Kleine, der offenbar bisher über die Worte des Vaters nachgedacht hatte. Arbeiterpack! Das Wort traf Frau Anna wie ein Peitschenhieb. Eine flammende Röte übergoß ihr blasses Gesicht, ihre Lippen bewegten sich, aber sie brachte fein Wort hervor. Hatte man sie nur hierher bestellt, um sie zu beschimpfen?! Da fiel ihr Blick auf ihren Knaben, der verlangend die Hände nach den Sachen ausstreckte, die vor ihm auf dem Tische lagen. Leben kam in die erstarrte Gestalt. Rühre nichts an!" schrie sie fast und riß den Knaben wild zurück. Dann preßte sie ihr Kleinstes an sich, stieß die Alteren vor sich her zur Tür hinaus und lief mehr als sie ging die Treppe hinunter über den Hof ihrer Was?" fragte erstaunt der Profeffor, der längst an Wohnung zu. Während die jäh um ihre Weihnachtsfreude ganz andere Dinge als an seinen Vortrag dachte. Sich gebrachten Kinder sich verschüchtert und leise weinend besinnend, fügte er schnell hinzu: Ja ja, tu das nur!" in eine Ecke drückten, sant sie am Bette ihres Mannes Gleich darauf kam ihm freilich der Gedanke, was seine in die Knie, um ihm in abgerissenen Säßen zu erzählen, Frau wohl dazu sagen würde? Nun, sie würde wohl was ihr begegnet war. zugeben, daß er vor dem eigenen Kinde seine Worte nicht Lügen strafen dürfe. Schweigend hörte der Mann ihr zu, aber die abgezehrte Hand auf der Bettdecke ballte sich ingrimmig zur Faust. Was habe ich dir gesagt?" war alles, was er herausbringen konnte. " Die Frau Professor, der er beim Nachhausekommen die Absicht des Knaben und die Ursache dazu erzählte, Mit sorgenvoller Miene schaute die junge Frau nach war aber nicht so schnell zu überzeugen. Sie geriet vieldem Stückchen Himmel hinauf, das über der grauen mehr zuerst in helle Entrüstung über das„ unbegreifliche"" Nun, was habe ich dir gesagt?" sprach auch die Mauer in harter, stählerner Bläue sichtbar wurde. Der Vorhaben ihres Mannes, Geschenke solchen Leuten zu Frau Professor zu ihrem Gatten, und es flang ein überWinter war bisher so milde gewesen, daß man wenig machen, die eigensinnig", wie sie sich ausdrückte, die legener Spott in ihrer Stimme.„ Das hast du jetzt von an Feuerung gebraucht hatte; der plötzliche Witterungs- Miete schuldig blieben. Schließlich gab sie insofern nach, deiner dummen Gutmütigkeit! Die Leute haben natürumschlag so furz vor Weihnachten- machte neue Holz- als sie ihren Kindern gestattete, den Kindern dieser Leute" lich ein ganz besonderes Ehrgefühl! Wie die Frau davonund Kohlenvorräte nötig, das Geld aber reichte in letter einige Spielsachen, deren sie überdrüssig waren, nebst lief, wie eine beleidigte Prinzessin! Aber du bist nicht Zeit faum für den dürftigsten Lebensunterhalt. Frau einigen älteren Kleidungsstücken zu schenken. Dem schüch zu belehren." Anna arbeitete, was sie fonnte, sie mutete sich fast zu ternen Vorschlag ihres Mannes, ein getragenes Hausviel zu. Es war ihr geglückt, zwei ganz einträgliche Kleid für die Frau als weitere Gabe hinzuzufügen, setzte Aufwarte- und Reinmachestellen zu erhalten, von denen sie aber entschiedenen Widerspruch entgegen. sie die eine vormittags und die andere nachmittags ver- Es war eine große Überraschung, als zwei Tage vor sah; sie hatte sich für die Abendstunden noch Näharbeiten Weihnachten das Dienstmädchen des Professors mit der aus einem Wäschegeschäft verschafft- aber was war Mitteilung zu Frau Anna tam, daß sie und ihre Kinder alles, was ste verdiente, für den Unterhalt von fünf sich am nächsten Tage in der Wohnung des Hausherrn Bersonen! Die Krankenunterstüßung war abgelaufen, einfinden möchten, um einige Weihnachtsgeschenke in die ihr Mann erhalten, weil er sich durch einen Sturz Empfang zu nehmen. eine schwere Hüft- und Fußverlegung zugezogen hatte. Das Wenige, das eine Privatkaffe noch zahlte, tam kaum in Betracht. So lag fast die ganze Last des Unterhalts der Familie auf der Frau allein. Wer hätte das gedacht?" meinte Frau Anna frohgestimmt zu ihrem Manne.„ Wir haben den Leuten doch wohl unrecht getan, wenn wir sie für hart und unfreundlich hielten." " Trotz aller Mühe, die sich der menschenfreundliche Der Mann lächelte trüb. Er konnte die Freude seiner Arzt gab, wollte es mit ihrem Manne nicht besser werden. Frau nicht recht teilen. Aus dem Herzen fommt es Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus schaffen wollen; wohl faum", sagte er nach einer Weile. Ich kenne aber dem hatten sich sowohl der Mann wie die Frau diese Leute besser, besonders die Frau, aus freien Stücken widersetzt. Nun schien es der Frau doch, als wäre es tun die nichts Gutes. Wer weiß, welche Gründe sie dazu besser gewesen, dem Nate des Arztes zu folgen. Im veranlassen." Anfang hatte es ihrem Manne ja an nichts gefehlt, Aber der Kranke wollte den Seinigen die Freude nicht aber als mit der Zeit das Geld knapper wurde, mußte verderben und schwieg daher auf die weiteren Auße manches wegfallen, was vorher zu des Kranken Kräfti- rungen der Frau, daß er zu hart urteile, und daß die gung gedient hatte, und wenn dieser auch nicht klagte, Leute doch besser seien, als es scheine. fie fühlte es doch, er entbehrte, was er vorher nicht hatte zu vermissen brauchen. Am nächsten Abend kleidete Frau Anna ihre Kinder sauber an und machte sich mit ihnen auf den Weg ins Vorderhaus. Bald standen Mutter und Kinder vor der Vorsaaltür des Hochparterre, das der Hausherr bewohnte. Das Dienstmädchen führte sie in das große Wohnzimmer der Familie. ข Die Kinder bedurften auch für den Winter manches an Kleidung und Schuhwerk, und dazu stellte sich noch die Sorge um die Bezahlung der seit zwei Monaten rück ständigen Miete ein. Der Hausherr, der durch die Heirat mit der wenig liebenswürdigen, aber um so vermögen- Der Professor ging Frau Anna entgegen, während deren Tochter eines Häuserspekulanten reich geworden seine Gattin mit hochmütiger und abweisender Miene war, hatte ihr auf ihre Bitte den Mietzins gestundet. in ihrem Lehnsessel sitzen blieb. Jhre Kinder, zwei Knaben Damit hatte jedoch der Herr Professor, der am städtischen und ein Mädchen, standen neben ihr und blickten die Gymnasium seines Amtes waltete, gegen den Willen Eingetretenen neugierig an. Herr Werner erkundigte sich seiner Frau gehandelt. Sie war der Meinung, daß man nach dem Verunglückten. Mit salbungsvollen Worten durch Nachsicht die Leute nur verwöhne und zu weiterem sprach er sein Bedauern aus, daß es dem Herrn noch Schuldenmachen veranlasse. Der Professor war gewohnt, nicht gefallen habe, die Dinge zum guten zu lenken". sich seiner energischen Gattin zu fügen, er hatte sich Schließlich erklärte er in herablassend wohlwollendem schließlich auch in diesem Falle ihrer Ansicht angeschlossen. Tone, daß er und seine liebe Gattin ihrem christlichen Doch wollte er auf den kranken Mann Rücksicht nehmen, und so hatte er Frau Anna nur geschrieben, er hoffe, daß sie am fommenden Ersten ihre Verpflichtungen nicht vergesse". Daran dachte Frau Anna eben, als sie sich fertig machte, ihre Arbeitsstelle aufzusuchen. Sie schärfte noch Frau Anna reichte ihm gerührt die Hand. Die Leute den beiden Altesten ein, ja auf das Kleinste achtzugeben, waren doch nicht so selbstsüchtig und lieblos, wie ihr das etwa ein Jahr alt war, stellte an das Bett ihres Mann in seiner Verbitterung behauptete, dachte sie. Sie Mannes, was er brauchte, und sagte ihm und den Kindern bemerkte nicht, daß die Frau Professor nur mit faum ein herzliches Lebewohl. Für das, was es sonst noch wahrnehmbarem Kopfneigen auf ihren Dank erwiderte für den Mann und die Kinder zu tun gab, würde die und die Hand, die sie ihr bot, nicht zu sehen schien. Sie freundliche„ Schwester" sorgen, die auf Veranlassung des war so froh! Es gab doch noch gute Menschen! Arztes täglich fam, um in Abwesenheit der Frau nach Da trat das sechsjährige Söhnchen des Professors, dem Rechten zu sehen, und die auch meist das einfache Mittagessen bereitete, da Frau Anna gewöhnlich feine Zeit dazu fand. * * Herzen folgen und Frau Annas Kindern eine kleine Weihnachtsfreude bereiten wollten. Mit einladender Handbewegung deutete er auf einen Tisch, wo verschiedene Spielsachen und Kleidungsstücke ausgebreitet lagen. das bisher mit großen Augen der Szene gefolgt war, mit einem Paketchen auf sie zu. Es sprach mit altfluger Miene:" Da, Frau, das soll ich dir geben, der Papa und die Mama haben es gesagt. Aber", fügte der Professor Werner lief erregt und zornig im Zimmer auf und ab. Er ärgerte sich über die Maßen. Mußte der Bube gerade in dem Augenblick mit dem mütterlichen Ausspruch herausplatzen?- Aber die Frau Professor verstand es, ihren Gatten bald umzustimmen. Das Ende vom Liede war wie immer, daß er ihr recht gab. Die Frau hätte das gar nicht so tragisch zu nehmen brauchen. Wenn man in einer Lage war wie diese Leute, durfte man den Kopf nicht so hoch tragen. Nun, lassen wir die Sache ruhen", sagte der Mann mit dem christlichen Herzen, seine Wanderung durch das Zimmer unterbrechend. Und nach einer Bause des Nachdenkens setzte er hinzu:„ Und im übrigen werden wir den Leuten zum Ersten die Wohnung fündigen. Miete fönnen sie doch nicht bezahlen." Er schellte dem Mädchen und befahl ihm, die verschmähten Geschenke der christlichen Kinderbewahranstalt zu überbringen. Weihnachten 1906. Stille Nacht, heilige Nacht! Deutscher Michel, aufgewacht! Zum Jasagen bist Esel du da. Wir brauchen Soldaten für Afrika. Stille Nacht, heilige Nacht! Michel streckt den Arm und lacht: Ei, juckt euch das Fell, wir sind dabei! Ob jetzt oder später, ist einerlei! Stille Nacht, heilige Nacht! Aber nehmt euch nur in acht, Die ihr vorzeitig nach der Zeche schreit, Daß es euch später nicht gereut. Stille Nacht, heilige Nacht! Unsere Rechnung ist gemacht, Für teures Fleisch und teures Brot, Für Steuern und Zölle, Hunger und Not. Stille Nacht, heilige Nacht! Habt ihr nicht daran gedacht? Die Polenschande, Podbielskis Glück, Die Lehren des Hauptmanns von Köpenick? Stille Nacht, heilige Nacht! Gut lacht, wer am letzten lacht. Die Schule den Pfaffen, die waren nicht faul; Dem Arbeiterpack einen Knebel ins Maul! Stille Nacht, heilige Nacht! Habt das Feuer selbst entfacht. Ihr habt es mit Pech und Schwefel genährt, Wundert euch nicht, wenn es euch nun verzehrt. Stille Nacht, heilige Nacht! Michel reckt den Arm und lacht: Ihr wollt den Kampf, ihr wollt das Gericht, Kommt nur heran, wir fürchten euch nicht! Ein Arbeiter. Die Schule war zu Ende. Mit einem salbungsvollen Kleine mit der Harmlosigkeit des Kindes hinzu, das sich verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe Spruche wurde der Unterricht von Herrn Professor der Bedeutung seiner Worte nicht bewußt ist ,,, weißt, die Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Baul Singer in Stuttgart.