Nr. 8 Die Gleichheit eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder. Die Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. botennot und ihre Ursachen. Von P. Eisenstädt- Berlin. Vom Stuttgart den 17. April 1907 e 17. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichbett" find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Die deutschen Genossinnen nennen an erster Stelle und zur politischen Reife erzogen. Andererseits aber sinkt Ignaz Auer.Antrag der deutschen Genosfinnen zur Tagesordnung der zu erhebenden grundsätzlichen Forderungen selbst mit der steigenden Intensität der Ausbeutung das durchbes Internationalen Kongresses zu Stuttgart. Aussperrungen verständlich die auf Einführung des allgemeinen, gleichen, schnittliche Lebensalter der Proletarier erschreckend. Die und Arbeiterinneninteresse. Von W. D. Das Leben einer geheimen und direkten Wahlrechts für alle großjährigen Berichte der Gewerbeinspektoren, statistische Dokumente usw. Idealistin. Bon Anna Blos.( Schluß.)- Die Bekämpfung der Staatsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts lassen über beide Tatsachen keinen Zweifel. Der frühe Säuglingssterblichkeit. Bon E. Burm. Die Frau im Auf- und die Einführung des Proporzes. Beginn der wirtschaftlichen Mündigkeit der Proletarier, fichtsrat der Konsumvereine. Von Marg. Hüttner. Die Dienst Wenn sie dabei die darin enthaltene Forderung des wie das vorzeitige Ende ihrer politischen Betätigung beholländischen Arbeiterschustongreß. Von M. Wibaut. Fürsorge- Frauenwahlrechts besonders betonen und mit dem gründen gleich eindringlich die Notwendigkeit, den Kampf erziehung in einem ,, Kulturstaat". Von Carl Marchionini.- gebührenden Nachdruck vertreten wissen wollen, so werden für ihre frühere politische Mündigkeit mit aller EntBur Lage der Arbeiterinnen in Zeit und Umgegend. Von A. G. sie von folgenden Gesichtspunkten geleitet: schiedenheit zu führen. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Organisationen. Mit der fortschreitenden Einbeziehung der Proletarie- Von immer größerer Tragweite wird die Einführung Jahresbericht der Vertrauensperson der Genosfinnen Mann- rinnen in die Industrie und der Verschärfung des Klassen- der Proportionalwahlen für das Proletariat. Je mehr heims. Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen fampfes wächst für das Proletariat die Notwendigkeit, die Industrie aus ihren bisherigen Zentren hinauswandert Frauen. Politische Rundschau. Von H. B.- Gewerkschaftliche auch seine weiblichen Glieder gleich gerüstet und gleich in bäuerliche Gegenden, je mehr flaffenbewußte ProleRundschau. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. Fl. Notizenteil: Dienfibotenfrage.- Frauenstimmrecht.- Fürsorge für mehrtüchtig wie die Männer in seine Heere einzugliedern tarier ihr dadurch aus den bisherigen Hochburgen des Mutter und Kind. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts lähmt die politische wegung dorthin folgen müssen, desto mehr der früher Fürsorge für und gegen den Feind führen zu können. Die politische modernen Wirtschaftslebens und der sozialistischen BeFeuilleton: Frühlingsbotschaft. Von Gottfried Keller.( Gedicht.)- Kampfesaktion der Hälfte des Proletariats und setzt wirksamen sozialistischen Stimmen werden zersplittert und Ein Stelldichein. Bon Jwan Turgenjeff.( Schluß.) außerdem durch ihre unvermeidliche Begleiterscheinung verlieren ihre unmittelbar wirkende Kraft zur Sicherung die politische Rückständigkeit die Kampfestüchtigkeit von Mandaten, solange der Proporz nicht eingeführt ist. desselben herab, davon zu schweigen, daß diese Rück- Das gleiche gilt von den Stimmen, die die sozialistische ständigkeit breite Schichten proletarischer Frauen im Lager Partei in den sich neu entwickelnden industriellen Zentren ihrer und unserer Feinde festhält. Mit der Verschärfung und unter dem ländlichen Proletariat gewinnt. des Klaffentampfes steigt aber auch in allen Ländern die Die deutschen Genossinnen sehen davon ab, alle übrigen Neigung der befizenden und herrschenden Klassen, ein bekannten Gründe darzulegen, welche für die Einführung beschränktes Frauenwahlrecht einzuführen und durch des Proporzes sprechen, ebenso wie von einer Aufzählung feine reaktionären Wirkungen die Erfolge des von dem und Begründung weiterer Forderungen, welche die soziamännlichen Proletariat richtig benutzten Wahlrechts zu- listischen Parteien behufs voller Demokratisierung des nichte zu machen oder wenigstens aufzuhalten. Es sei Wahlrechts erheben müssen: Neueinteilung der Wahlan die Einführung des beschränkten Frauenwahlrechts treise, Festsetzung des Sonntags als Wahltag, Aufhebung zu den kommunalen Verwaltungskörpern in Norwegen der politischen Achtung beim Bezug sogenannter Armenerinnert, an die Erklärungen flerifaler und konservativer unterstützung" usw. -Frauenbewegung. Berichtigung. Ignaz Auer. In letter Stunde ereilt uns die schmerzliche Runde von dem Sinscheiden Auers. Mit ihm sinkt eine der eigenartigften, fraftvollsten Persönlichkeiten der internationalen Arbeiterbewegung ins Grab. Aus den Niederungen des Lebens emporgestiegen, erschuf er sich selbst seinen Wert. Wie Auer für die deutsche Arbeiterschaft geftritten und gelitten hat, wollen wir in nächster Nummer darlegen. Antrag der deutschen Genossinnen zur Tagesordnung des Internationalen Kongresses zu Stuttgart. Im Auftrag der deutschen Genossinnen beantragt die Unterzeichnete, auf die Tagesordnung des internationalen Sozialisten und Gewerkschaftsfongresses den folgenden Bunft zu setzen: " Politiker in Belgien und Deutschland, an die Verhand- Ihrer Ansicht nach kann es sich nicht darum handeln, lungen über das Frauenwahlrecht in der italienischen daß der internationale Kongreß zu Stuttgart betreffs der Kammer, an die sehr starke Frauenstimmrechtsbewegung Demokratisierung des Wahlrechts Prinzipien ausspricht, in England, die sich im wesentlichen um die Einführung über welche in der ganzen sozialistischen Welt keine eines beschränkten Frauenwahlrechts dreht und sich Meinungsverschiedenheit bestehen dürfte. Sie erwarten sicherlich mit einem solchen zufrieden geben würde. Die vielmehr, daß der Kongreß der gegenwärtigen geschichtEinführung eines Zensus- Frauenwahlrechts bedeutet aber lichen Situation und dem Interesse des Proletariats nicht die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, gemäß das Seine dazu tut, die Prinzipien aus der sondern nur die Gleichberechtigung des weiblichen Besizes Theorie in die Praxis umzusetzen durch den zielbewußten und in der Wirkung mithin eine Stärkung der Macht der einheitlichen Kampf, der von unserer grundsätzlichen Aufbesigenden Klassen, eine Stärkung, die eine weitere Demo- fassung getragen und geleitet wird. fratisierung des Wahlrechts zugunsten der proletarischen Ottilie Baader, Frauen und Männer in die Ferne rücken würde. Den Vertrauensperson der sozialdemokr. Frauen Deutschlands. Gefahren, welche die Einführung eines beschränkten Frauenwahlrechts für den proletarischen Klassenkampf in sich Der Kampf des Proletariats für die volle schließt, kann am erfolgreichsten begegnet werden durch Aussperrungen und Arbeiterinneninteresse. Demokratisierung des Wahlrechts." eine traftvolle Agitation für das allgemeine Wahlrecht Begründung: Der Kampf für die volle Demo- aller großjährigen Staatsangehörigen ohne Unterschied Auf dem Unterbau der kapitalistischen Gesellschaftsordfratifierung des Wahlrechts wird für die sozialistischen des Geschlechts. Davon abgesehen, ist auf der gegen- nung vollziehen sich im Flusse der Entwicklung fortgesetzt beziehungsweise Arbeiterparteien der weitaus meisten wärtigen Stufe der sozialen Entwicklung, welche durch Verschiebungen und Umformungen. Als Begleiterscheinung Länder immer mehr in den Mittelpunkt ihrer gegen ausgedehnte und stetig zunehmende Frauenarbeit auf allen der technischen Revolution in der Gütererzeugung sehen wärtigen praktischen politischen Aufgaben gerückt. Mit Gebieten charakteristisch wird, die Zuerkennung vollen wir die Kluft der Klassengegensätze sich stetig vertiefen und der Entwicklung und Zuspizung des Kampfes der Klassen Bürgerrechts an das weibliche Geschlecht ein Aft geschicht erweitern. All das sozialpolitische Getue, das Emporschießen empfindet das Proletariat in einer Reihe von Staaten licher Einsicht und selbstverständlicher Gerechtigkeit, ein charitativer und humanitärer Vereine und Vereinchen, die immer schärfer die Notwendigkeit, durch die vollste Demo- Aft der Berücksichtigung sozialer Lebensnotwendigkeit für find nicht Zeichen des Verblaffens der Klaffengegenfäße, Erweiterung des Komplexes öffentlicher Wohlfahrtspflege kratisierung des Wahlrechts die Beseitigung aller recht- Millionen erwerbstätiger Frauen. Die an Umfang und sondern nur Reflege seiner Verschärfung. Und diese Verlichen Bestimmungen herbeizuführen, die einen bedeuten- Bedeutung wachsende bürgerliche Frauenbewegung in schärfung findet ihren prägnanten Ausdruck in den wirtden Teil seiner großjährigen Mitglieder des Wahlrechts allen Kulturländern beweist dies. Nach der Auffassung schaftlichen Kämpfen. Diese werden heute ausgefochten nach berauben oder die proletarischen Stimmen in ihrer der deutschen Genossinnen aber gebieten prinzipielle und wohlüberlegten Plänen. Gesamtheit nicht zu ihrer vollen unmittelbaren Wirkung taftische Gründe den Sozialisten aller Länder, in dem Die Verschärfung der Klassengegenfäße hat auch die kommen lassen. In anderen Staaten wieder steigt mit Kampfe für die Gleichberechtigung des weiblichen Ge- Technik der wirtschaftlichen Kriege befruchtet, hat auch hier der Entwicklung und Zuspigung des Klassenkampfes schlechts wie für irgend eine andere Schicht politisch Mittel finden lassen, die dem Feinde tiefere Wunden schlagen, für das Proletariat die Notwendigkeit, Verschlechte und sozial Entrechteter sich nicht von einer bürger- In jeder Hinsicht sind die Angriffs- und Verteidigungsmittel größere Verwüstungen in seinen Verteidigungsmitteln anrichten. rungen des Wahlrechts abwehren zu müssen. An- lichen Partei übertreffen zu lassen, auch von der bürger gewaltig gewachsen. Die Zeit der kleinen Gepläntel, wo gesichts dieser Situation scheint es den deutschen Ge- lichen Frauenbewegung nicht, die im letzten Grunde weit die Arbeiter eines Betriebes mit ihrem alleinstehenden Unternoffinnen geboten, daß der internationale Kongreß zu weniger für allgemeines Frauenrecht als für Damenrecht nehmer kämpften, wird bald ganz der Vergangenheit ange Stuttgart sich mit der Frage des proletarischen Wahl- kämpft. hören, und was früher in der Regel die Angriffswaffe der rechtskampfes beschäftigt als mit einer der wichtigsten Außerst wichtig ist es außerdem, daß das Proletariat Arbeiter war, die Lahmlegung der Produktion, das ist heute praktischen Fragen für das sozialistische Proletariat aller überall den Kampf für die Herabsetzung des Wahl oft das gefürchtete Kampfinstrument in der Hand des or= Länder, Finnland ausgenommen. Dadurch würde dieser mündigkeitsalters auf das einundzwanzigste Lebensjahr ganisierten Unternehmertums. Um den Arbeiter zur AnerStampf nicht nur neue fräftige Impulse erhalten, son aufnimmt. Zwei Umstände begründen das. Die Proles fennung der ihnen beliebten Arbeitsbedingungen zu zwingen, dern auch bei aller Berücksichtigung der verschiedenen tarier werden in sehr jugendlichem Alter zur Erwerbs rungen, ja sie gehen mit solchen zur Offensive vor. beantworten die Unternehmer Angriffftreits mit Ausspergeschichtlichen Lage in den einzelnen Ländern, betreffs arbeit, zur wirtschaftlichen Selbständigkeit gezwungen, Die Unternehmer, obwohl sie die Klaffengegensätze leug der grundsäglichen Forderungen, um die es geht, eine weit früher als der bourgeoise Nachwuchs werden sie als nen und den Arbeiter gern von der Harmonie der InterEinheitlichkeit herbeiführen, die seine Wucht vergrößern Selbständige allen Wirkungen des politischen Lebens effen überzeugen möchten, haben doch einen feinen Lunterworfen und dadurch auch zum politischen Interesse Instinkt für ihre eigenen Klasseninteressen. Auf der Jagd würde. 60 Die Gleichheit Nr. 8 nach Gewinn, im wilden Konkurrenzkampf, da werden mit kalter Berechnung die Klasiengenossen vernichtet, die Großen zermalmen die Kleinen, aber im Kampf gegen die Arbeiter- schaft wird Solidarität geübt. Früher half man sich, indem der Unternehmer, bei dem gestreikt wurde, seine Arbeiten in anderen Betrieben fertigstellen ließ, in neuerer Zeit wird eS aber immer mehr Praxis, Streiks in einem Betriebe mit Schließung der Betriebe gleicher Branche an dem Kampfort, oder gar noch darüber hinaus, zu beantworten. Und was sonst oft dem heißen Verlangen der Arbeiter entspricht, einen Tarif mit den Unternehmern abzuschließen, das ist heute schon in seinem Gegenteil Ursache eines.Konfliktes. Am 12. Januar 1907 brach in Berlin' zwischen den Ar- beitern und Unternehmern ein Kampf aus, bei dem das grundsätzliche Verlangen nach einem Tarifabschluh mit der Arbeiterorganisation die Unternehmer den Krieg erklären ließ. Während in anderen Fällen das Verlangen der Ar- beiter, die Arbeitsverhältnisse tariflich zu regeln, als ein mit allen Mitteln zu bekämpfender Machtversuch der Arbeiter- organisationen denunziert wird, schreien jetzt die Holzindu- striellen über Machtproben und Machtgelüste des Holz- arbeiterverbandes, weil dieser kein Verlangen nach der Ver- längerung des bisher gültigen Tarifes bekundete. Die Unternehmer stellten die Bedingung: Verlängerung des bis- herigen Tarifs, oder Kampf! Die Arbeiter wollten sich ohne Verbesserungen nicht tariflich festlegen, erklärten sich aber bereit, zu den bisherigen Bedingungen ohne Tarif weiter zu arbeiten. Weil die Arbeiter auf diesem Standpunkt ver- harrten, beschlossen die Unternehmer, mit Aussperrungen vorzugehen. So kam es zu einem Kampf, der dann auch noch auf eine Reihe andere Städte übersprang. Bezeich- nenderweise sind von dem Aussperrungsbeschluß die— Hirsch- Dunckerianer ausgenommen, während die frei Organisierten, die Christlichen und Unorganisierten davon betroffen wurden. Dieser Erfolg stellt wohl ein besonderes Ruhmesblatt dar im Kranze Hirsch-Dunckerianer Heldentaten. Ein anderer, mit großer Erbitterung geführter Kampf, bei dem das Unternehmertum ebenfalls mit der Aussperrung vorging, hatte die Verweigerung von Nachtarbeit und die Ablehnung, einem von dem betreffenden Unternehmer ge- gründeten gelben Verein beizutreten, als äußeren Anlaß. Der Reederkönig Ballin hat eine sogenannte Unterstützungs- kasse gegründet, die ganz offensichtlich dem edlen Zwecke der Streikbrecher dienen soll. Weil die Arbeiter sich weigerten, der Kasse beizutreten, weil sie die Einstellung der Nacht- arbeit für Schauerleute verlangten, kam es in Hamburg zu der großen Aussperrung, die mit ihren verschiedenen sen- sationellen Begleiterscheinungen ganz besondere Aufmerksam- keit erregte. Die Hanrburger Reeder holten sich von Eng- land den Abschaum des Pöbels, den Ausfluß der Hefe des Volkes, den in der göttlich-kapitalistischen Ordnung völlig demoralisierten, jeder sittlichen Würde entkleideten scair.p — Lumpen— als Streikbrecher heran. Diese Stützen der „nationalen" Arbeit, die sich ihre Bedeutung als nützliche Elemente durch die rührende Fürsorge, die die Polizei ihnen erwies, bewußt wurden, traten den Streikenden und Aus- gesperrten frech, höhnend gegenüber, so daß es einigemal zu Zusammenstößen kam. Und in der Generalversammlung der Hamburg-Amerika-Linie feierte die Brutalität des Kapitals noch einen besonderen Triumph. In Beantwortung der Interpellation eines Aktionärs, des Genossen Müller, Vor- sitzender des Hafenarbeiterverbandes, wegen des Verhaltens der Direktion bei dem schwebenden Konflikt, erklärte General- direktor Ballin kategorisch: Hier sind Arbeiterinteressen nicht diskutabel! Fürwahr, treffender, schärfer, unver- hüllter wie in diesem Bekenntnis läßt sich die„Harmonie" der Interessen zwischen Kapital und Arbeit nicht illustrieren. Bei Gründung von Streikbrecherorganisationen kann man allenfalls über Arbeiterinteressen leutselig, herablassend plaudern; aber zum Kuckuck, bleibt mit solchen Sentimcnts zu Hause, wenn es heißt die Beute verteilen. Dieses wich- tige Geschäft laßt man sich durch Rührseligkeitcn, die als Dekoration bei Festreden usw. sich ja ganz hübsch machen, nicht gern stören. Die Arbeiter sollen sich unterwerfen, nnt einem:„Küß die Hand, Euer Gnaden!" die vom„Herrn iin Hause" diktierten Bedingungen ohne Widerrede aktzeptieren; damit basta! Berlin war der Ausgangspunkt der sich über eine Reihe Städte erstreckenden Schneideraussperrung. Zum Ausbruch kamen die Streitigkeiten Ende Februar. Die Herrenmaß- schneider stellten Forderungen, die von den Unternehmern nicht grundsätzlich abgelehnt wurden, aber, und da liegt der Hase im Pfeffer, die erforderlichen Vereinbarungen und Verhandlungen sollten vorläufig noch zurückgestellt werden. Nach der Saison hätten die llntsniehmer natürlich noch weniger Eile gehabt. Die Arbeiter sielen auf solche tak- tischen Manöver nicht herein; ihre Forderungen wurden denn auch von einem Teile der Unternehmer anerkannt, während die im Arbeitgeberverbande organisierten Konfck- tionäre und Schneidermeister den Kampf aufnahmen und durch Aussperrungen die Arbeiter niederzuzwingen suchten. Zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen ist in den ange- zogenen Fällen der Kampf noch nirgends beendet. Ob es im Baugewerbe— Maurer und Zimmerer— in diesem Sommer zu einem Ringen zwischen Unternehmern und Ar- beitern kommt, ist noch nicht entschieden. Die Unternehmer haben daS Ultimatum gestellt, daß die Arbeiter bis Mitte April mit bestimmten Erklärungen an die Arbeitgeberorgani- sation herantreten, eventuell will man sofort die Aussper- rungswaffe in Anwendung bringen. In der Metallindustrie stehen anscheinend auch große Kämpfe bevor. In Bremen ' Siehe den Artikel des Genossen Deinhardt in der letzten Nummer der„Gleichheit". hat die Werft„Weser", weil sie mit einigen Schmieden Lohn« Differenzen hatte, alle Arbeiter ausgesperrt. Mit solcher Taktik will man Unzufriedenheit in die Reihen der Arbeiter hineintragen, die Arbeiter gegeneinander ausspielen und die Verbandskassen leeren. Es ist bereits von anderen Werften gedroht worden, sie würden auch aussperren, wenn der Kon- flikt bei der„Weser" nicht bald beigelegt würde. Das ist das Ultimatum der bedingungslosen Unterwerfung für die Arbeiter. Ein anderer großer Konflikt ist in Dresden aus- gebrochen. Zirka L000 Metallarbeiter der Firma Seidel& Naumann haben wegen Lohnreduktionen und Maßregelung von Vertrauensleuten am Sonnabend den 6. April die Ar- beit eingestellt. Bei der augenblicklichen Stimmung kann dieser Streik leicht größere Kreise ziehen. Es weht scharfer Wind, das unterliegt keinem Zweifel. Der Ausschuß des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller hat in einer Sitzung am 20. März beschlossen, daß in keinem Falle bei Streitfragen einzelne Unternehmer mit der Arbeiterorgani- sation verhandeln dürfen. Da glücklicherweise die Arbeiter ihre Organisationen kräf- tig ausgebaut haben, werden sie sich natürlich durch protziges Auftreten der Unternehmer nicht einschüchtern lassen; sie werden den Kampf aufnehmen, wenn es nötig ist, und nach wie vor mit aller Entschiedenheit ihre Interessen vertreten. Und wenn durch die vor unseren Augen sich vollziehenden Umivertungen dem Arbeiter nachdrücklich klar gemacht wird, daß er Selbstmord begeht, daß er gegen das eigene Fleisch wütet, wenn er nicht durch Zusammenfassung aller Kräfte seine Position stärkt, so muß aus den Vorgängen die Ar- beiterin ganz sicher lernen, daß JndifferentiSmus gegenüber der Konzentration der Kräfte des Unternehmertums die Selbstvcrnichtung, die Selbstentwaffnung, Niederlage, verschärfte Ausbeutung und Unterdrückung bedeutet. Das organisierte Unternehmertum erstrebt die volle un- eingeschränkte Macht über die Arbeiterschaft. Kann es seine Pläne durchsetzen, so wird die Arbeiterin noch mehr geknechtet. Heute schon ist sie minderen Rechtes, heute schon wird sie noch mehr ausgebeutet als der Mann. Es wäre verbrecherischer Optimismus, anzunehmen, das zur absoluten Herrschaft gelangte Unternehmertum würde die Sklaven- ketten für die Arbeiterin lockern, aus Dankbarkeit dafür, daß sie ihm durch Gefügigkeit die Unterjochung der gesamten Arbeiterschaft erleichtert hat. Die gefügigsten Arbeiter waren auch immer die am brutalsten Ausgebeuteten. In dem Maße, wie die Überlegenheit des Unternehmertums wächst, verschlechtert sich auch die Lage der Arbeiterin. Und die Arbeiterfrau, die nicht selbst gewerblich tätig ist, muß endlich erkennen, daß sie eine Feindin ihrer Familie. ihrer Kinder ist, wenn sie aus kleinlichen Erwägungen ihrem Manne die Erfüllung der aus den proletarischen Interessen sich ergebenden Pflichten erschwert. Nicht fernhalten von der Gewerkschaft, sondern hineinstoßen in die gewerkschaft- liche Bewegung soll die Arbeiterfrau den Mann. Aber bei allen Kämpfen wirtschaftlicher Natur darf der Blick für die treibenden Kräfte und Mächte nicht verloren gehen. DaS Unternehmertum kämpft für die Existenz der kapitalistischen Ordnung. In diesem Kampfe ist das oberste Prinzip: Herrschaft des Kapitals, Knechtschaft der Arbeit. Dieses Prinzip enthüllt als hohle Phrase, was dem Volke sonst zu seiner Beschwindelung als Ideale vorgegaukelt wird. Die„Schützer" der nationalen Arbeit und der natio- nalen Ehre verbinden sich international mit ihren Klassen- genossen zur Niederknüppelung der eigenen Volksgenossen, sie holen das Gesindel des Auslandes herbei, um den Söhnen und Töchtern des eigenen Vaterlandes den Fuß auf den Nacken setzen zu können. Hochauf jauchzt das Kapitals wenn es, über Blut und Leichen stampfend, seinen Profit wachsen sieht. Mit wirtschaftlichen Kämpfen, so unbedingt notwendig und unerläßlich sie sind, wird die kapitalistische Ordnung nicht gesprengt. Aus dem Jammertal der Ausbeutung und Unterdrückung hinaus, hinauf zur lichten Höhe der Freiheit, zur höchsten Stufe kultureller Entwicklung führt der Sozia- lismus. Die vom Unternehmertum inszenierten Macht- kämpfe, das Streben nach despotischer Gewalt kann und muß bei der Proletarierin die Einsicht von der Notwendig- keit der Umgestaltung der Gesellschaftsordnung fördern und damit auch in erhöhtem Maße das Wollen auslösen, im Kampfe für den Sieg des Sozialismus alle Kräfte einzu- setzen. W. D. Das Leben einer Idealistin. Von Anna Bios.(Schluß.) Verschiedene interessante Persönlichkeiten traten ihr in der Zeit näher. Louis Alane war ein häufiger Gast des Herzen- schen Kreises. Sie schildert ihn als eitel, aber sehr liebens- würdig. Sympathischer als Blanc war ihr Barthölemy, ein französischer Arbeiter, der in den Junitagen 1848 mit Löwenmut auf den Barrikaden gekämpft hatte und dafür im Exil büßte. Sie bewunderte seine harmonische Durchbildung, sein taktvolles Benehmen. Dieser Barthölemy hatte übrigens einen anderen Junikämpfer, den ehemaligen Marinelentnant Cournct, de» Vater des späteren Kommunemitglieds des Konvent, im Duell getötet. Er ward später wegen eines Mordes hingerichtet, was Malvida qualvolle Stunden be- reitete. Von den italienischen Emigranten sah sie häufig Saffi, den Genoffen Mazzinis, den sie als literarisch hoch- gebildeten, poetischen, träumerisch-melancholischen Menschen hochschätzte. Weit tieferen Eindruck aber machte Garibaldi aus sie, der, noch von dem Glänze seiner heldenmütigen Ver- teidigung von Rom 1349 umgeben, in London wieder als einfacher Schiffskapitän erschiem„Seine Erscheinuna ww- wie der stille Zauber eines schönen Tages", schreibt sie. Er flößte das tiefe Vertrauen eines Menschen ein, bei dem nie zwischen Rede und Tat ein Zwiespalt obwalten konnte, und obgleich sein Name schon damals neben dem Mazzinis der berühmteste war in Italien, war sein Auftreten einfach und anspruchslos. Sie besuchte ihn auch auf seinem Schiffe, das einer kleinen schwimmenden Republik glich. Auch Freunde aus der Heimat suchten Malvida auf, und durch die schöngeistige Entwicklung ihrer Zöglinge, das harmonische Leben, das sie zu führen imstande war, empfand sie, daß sich ihr im Exil eine neue liebe Heimat aufgetan hatte. Von größtem Interesse war für sie die Ankunft Richard Wagners, der nach London kam, um dort einige Konzerte zu leiten. Sie hatte schon in Deutschland ver- schiedene seiner Schriften studiert, auch die Texte zu Lohen- grin, Tannhäuser und dem Ring der Nibelungen gelesen. Die„Vollendung und Erlösung durch die Kunst" schien ihr in Wagners Genie ermöglicht, und sein Konzert schloß ihr die geheimnisvolle Sprache der Tonwelt auf. Wagner zeigte sich bei seiner ersten Begegnung mit Malvida kühl und zurückhaltend. Die warme Freundschaft, die sie mit ihm verband, datiert aus späteren Jahren. Aber sie lernte bei dem Zusammentreffen in London durch Wagner die Grund- gedanken des Philosophen kennen, dessen Richtung ihr Leben beeinflußte. Sie hatte Schopenhauer in Frankfurt gesehen, aber seine Werke noch nicht gelesen. Der Satz von der Ver- neinung des Willens zum Leben traf sie mit besonderer Macht, wie ein Rätsel, vor dessen Lösung sie nicht zurück- schrecken dürfe und dessen Verständnis in ihr vorbereitet läge. Ihre philosophischen Anschauungen standen von da ab im Banne Schopenhauers. Im ersten Jahrgang der „Neuen Zeit"(1833) hat Malvida v. Meysenbug in einem� interessanten Artikel ihr Zusammentreffen mit Richard Wagner und ihre Beziehungen zu ihm geschildert. Die innere und äußere 5ilärung verlieh Malvidas Wesen einen so unendlichen Zauber, eine so edle Harmonie, daß es nicht übertrieben war, wenn Johanna Kinkel nach einem Besuch bei ihr, bei dem sie Zeuge ihres segenspendenden Waltens war, ihrem Empfinden mit den Worten Ausdruck gab:„Es war mir ganz, als träte ich in ein kleines Himmel- reich." Aber die Wolken sollten diesem Himmelreich nicht fern bleiben, Malvidas bewegtes Leben sich noch nicht ruhig gestalten. Ihre Beziehungen zu Herzen waren durch das enge Zusammenleben, durch die Liebe zu seinen Kindern, durch die gemeinsamen Interessen immer inniger geworden. Sie spricht es nie aus, daß sie ihn geliebt hat, aber ihr reiches, großes Herz hat sich wohl ganz dem Manne zu- gewandt, der ihr so viel Bewunderung einflößte und der ihr sein höchstes Gut, seine Kinder, anvertraut hatte. Ihre Stellung in'seinem Hause blieb aber nicht unangefeindet, und es drängten sich Fremde zwischen sie und Herzen, der eine eigentümliche Scheu vor energischem Auftreten besaß. Man mischte sich in ihre Erziehungsprinzipien, in die von ihr eingeführte Hausordnung, und gerade weil Malvida ihre Pflichten nicht als.geschäftliche, sondern als innerste Herzens- fache betrachtete, konnte sie diese Einmischung auf die Dauer nicht ertragen. Sie mußte wieder einmal zu ihrem Schmerz erkennen, daß das Geben nicht vollkommen gegenseitig, daß Herzen nicht der Mann war, ihr seine Freunde zu opfern, um ihre Stellung dadurch erträglich zu machen. Die be- wundernswerte Energie, die ihr immer eigen war, verließ sie auch jetzt nicht. Mit blutendem Herzest riß sie sich los von dem Hause, das ihr eine zweite Heimat geworden, von dem Freunde, von den so heiß geliebten Kindern, da sie ein- sah, daß ihre Stellung unhaltbar geworden, und von neuem begann der harte Kampf um die Existenz, doppelt hart, da sie wieder einsam geworden, nachdem sie das Glück der Heimat kennen gelernt. Die Bitterkeit, daß es von der anderen Seite zu dieser Trennung hatte kommen können, kämpfte mit dem Schmerz um das verlorene Glück, aber mit aller Macht suchte sie in der Arbeit Trost zu finden und wandte sich der schriftstellerischen Tätigkeit zu.„Dem Reichen, auch wenn er das Geliebteste verloren, bleibt noch der Trost, dem Verlorenen einen Tempel zu bauen," schreibt sie re- signiert in dieser Zeit,„ihm bleibt die Macht, fremde Tränen zu trocknen; dem Armen, dessen Herz blutet, was bleibt ihm als die innere Arbeil der Resignation, die unter dem Druck des äußeren Taglöhnertums nur zu oft zur Tantalusarbeit wird." Das Benennen des Herrn Herzen, den Malvida weit überschätzt hat, kommt bei ihr mit einem allzu leichten Tadel davon. Andere haben diese Persönlichkeit in ein richtigeres Licht gerückt. Auch die traurige Erfahrung, daß sich manche ihrer Freunde von ihr abwandten, um den Vor- teil des gastfreien Herzenschen Hauses weiter zu genießen, blieb ihr nicht erspart. Andererseits erleichterte aber gerade treue Freundschaft ihr die Zeit der Einsamkeit. Große, be- deutende Menschen können nicht in unser Leben eintreten, ohne eine Spur zu hinterlassen, das erfuhr auch Malvida, und der innige Verkehr mit Kinkels, Mazzini, dem Kunst- Historiker Professor Springer, mit Mrs. Gnskell, der Ver- fasserin des vielgelesenen Romans„Mary Barton", halfen ihr, das schöne Gleichgewicht ihrer Seele wiederzufinden und innerlich immer mehr zu wachsen und sich zu veredeln. Mazzini namentlich zeigte sich ihr von einer Seite, die man an diesem Manne wenig kannte. In zarter, freundschaft- sicher Weise nahm er sich der Verlassenen an, ihren Freund und Berater nannte er sich und in all seine Pläne weihte er sie ein. Sie war eine fleißige Mitarbeiterin seines revolu- ttonären Journals. Durch ihre Vermittlung schrieb auch Lothar Bucher, damals noch radikaler Demokrat, später die rechte Hand Bismarcks, für dieses Journal. Mazzinis Einfluß bewog Malvida zu dem Versuch, unter den deutschen Arbeitern in London für die Ideen des republikanischen Verschwörers zu agitieren. Damit erlebte sie, wie sie selbst Nr.S wehmütig schildert, einen vollkommenen Mißerfolg. Ei« be» hauptete, von den Arbeitern nicht verstanden worden zu sein, aber eS war umgelehrt; die Arbeiterwelt war ihr fremd. Mazzini verwarf bekanntlich den Klassenkampf und seine Republik war eben eine Bourgeoisrepublit, die man den Arbeitern nach der Junischlacht von l34S, in der sie von der Bourgeoisrepublik so blutig niedergeworfen worden waren, nicht als das Ziel einer sozialen Bewegung hinstellen konnte. Mit dem modernen Sozialismus und seiner Fort- entwicklung hatte sie sich wohl noch weniger als Mazzini selbst beschäftigt. Sie gab die politische Propaganda unter den Arbeitern auf, und sie tat wohl daran. Eine empfindliche, nicht auszufüllende Lücke riß in diesen Freundeskreis der so unerwartete Tod Johanna Kinkels. Malvida war eine der ersten, die dafür eintraten, daß Johanna ihrem Leben nicht freiwillig ein Ende gemacht haben könne. Sie war mit unter den vielen Leidtragenden, die Johanna Kinkel auf ihrem letzten Wege geleiteten, auch eine jener Versprengten, die die deutsche Frau im fremden Land« begruben. Inzwischen kam das Jahr 1859 heran, und die italie- nischen Patrioten kehtten in ihr Vaterland zurück, um sich an dem Unabhängigkeitskampf Italiens zu beteiligen. Dadurch kamen bitlere Trennungen für Malvida. Auch von Herzen trennte sie sich ein zweites Mal, nachdem sie einen vergeblichen Versuch gemacht, ihre frühere Stellung in seinem Hause und bei seinen Kindern wieder auszufüllen. Dazu kam die Sorge um ihre immer schwächer werdenden Augen, die eine Erblindung fürchten ließen. Wie furchtbar wirkte diese Herzensöde auf sie, um so furchtbarer, da ihr körper- liches Gebrechen den Geist hinderte, seiner Arbeil zu leben und so das erschütterte Gleichgewicht wieder herzustellen. DaS Anerbieten einer Freundin, mit dieser gemeinschaftlich in Paris die Erziehung ihrer Kinder zu leiten, erschien ihr wie eine Befreiung. Und doch wurde ihr der Abschied von England, wo sie eine zweite Heimal gefunden, wo sie sieben Jahre des Exils voll schwerer Entbehrungen, voll Arbeit, tiefen Leiden, Verlusten und Kämpfen verbracht, aber wo sie auch treue aufopfernde Freundschaft gefunden, wo sie innerlich gewachsen und stark geworden, unsäglich schwer- Aber mit Freuden begrüßte sie auch das Land, von dem einst der Gedanke der Freiheit ausgegangen war, jenes Er- wachen der Menschhett zum Gefühl ihrer Rechte, jenes Zer- sprengen der Fesseln, in die ein despotischer Wille Millionen von Geschöpfen geschlagen. Ihre Jugendträume und Schwärmereien erwachten in ihr, aber auch die Trauer dar- über, wie wenig und wie ander? sich die Träume erfüllt hatten, als sie einst gehofft. Auch in Paris sammelte sich bald ein Kreis interessanter, geistig bedeutender Menschen um Malvida. Ernest Renan trat ihr bald näher, und sie prophezeite dem Verfasser des„Leben Jesu" seine bedeutende Stellung in der französischen Literatur zu einer Zeit, da er noch ein junger, unbekannter Schriftsteller war. Innig be- freundet wurde sie mit dem Geschichtschreiber Michelet und seiner Gattin und Mitarbeiterin, die so bescheiden von ihrer gemeinschaftlichen Arbeit sagte:„Ich sammelte die Bau- steine, er fügte das Gebäude." Mit Eifer studierte die Jdealiftin alles, was Paris an Kunst bot. Von höchster Be- deutung war wieder eine zweite Begegnung mit Richard Wagner. Seit dem ersten Zusammentreffen in London hatte sie sich in das Studium seiner Schriften, in die Texte seiner damals vollendeten Opern vertieft. Sie war eine der ersten, die zu jener Zeit, da die Kunst Wagners noch von allen Seiten angegriffen und umstritten wurde, sie rückhalt- los anerkannte und bewunderte, voll überzeugten Glaubens, daß Wagners Genie sich Bahn brechen müsse. Für Malvida sollte nun nach den langen Jahren der Kämpfe und Entsagungen der Augenblick kommen, da ihr Lebensschiff in den Hafen der Ruhe einlief. Noch einmal kam Herzen zu ihr und bat sie, die Erziehung seiner Töchter dauernd zu übernehmen. So war ihr denn das erfüllt, was ihr höchster Wunsch gewesen, denen etwas zu sein, die richtig zu leiten, die den schmalen Weg der Einsamen auf Erden gehen,„die mehr nach den Sternen sahen als nach den Kronleuchtern des Ballsaals, die den Offenbarungen des Genius mehr verttauen als der offiziellen Moral". Nun konnte sie beweisen, daß auch die unverheiratete Frau den ausschließlich sogenannten weiblichen Beruf ausüben, daß sie die Walterin des häuslichen Lebens, die Mutter aufblühender Jugend sein kann. Damit tritt sie dem Gedanken entgegen, daß die Ehe als Ziel des Lebens von klein auf der Frau hingestellt werden muß. Ihr Ziel geht dahin, dem Mädchen wie dem Knaben die größtmögliche Entwicklung seiner Fähigkeilen zu geben, das Streben, aus sich selbst ein mög- lichst vollendetes Wesen zu machen, in jedem Kinde zu wecken. Wie auch die äußeren Verhältnisse sein mögen, jedes Mäd- chen sollte eine Spezialität haben, durch die es selbständig oder anderen nützlich sein könne. Wie viel leichtsinnig ge- schlossene Ehen würden dann vermieden, auf eine wie viel höhere Stufe würde dann die Frau kommen. Hinter„allem Regen, allem Treiben" sah Malvida nun „den geliebten Zweck, der endlich lohnt". Auch der Pfad des Alters war für sie nicht dornenlos. Stunden schweren körperlichen Leidens, vielen und tiefen Seelenschmerzes blieben ihr bis zuletzt nicht erspart; aber auch Momente inniger Freude und reinen Genusses wurden ihr zuteil. Ihre Familie hatte sich ihr liebend wieder zugewendet, nachdem sie erkannt hatte, daß Malvida nicht phantasttschen Im- pulsen gefolgt war, sondern einer großen Idee gedient hatte. Sie durfte ihre letzten Lebensstunden an einem Orte ver- bringen, wo große Erinnerungen in bleibenden Zeugen hehrer Momente einen Kranz der Unsterblichkeit schlingen, und wo die ewig gütige Natur auch die Trümmer stets von neuem mit holdem Jugendschmuck umgibt, in ihrem geliebten Vt« vletchy«« Rom. Ms ihr achtzigster Geburtstag herankam, trafen von allen Seiten so viel Freundschaftsbeweise und Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit ein, daß Malvida sich gerührt sagen durfte:„Du hast nicht umsonst gelebt; nicht nur, daß du dir selbst Treue gehalten Haft, du bist auch anderen etwas gewesen, und Besseres kann ja der Mensch nicht verlangen, als mit diesem Doppelzeugnis an der Schwelle der Ewig- keit stehen und warten, bis sich ihm die Pforte öffnet, aus der es keine Wiederkehr gibt." Nun hat sich ihr diese Pforte geöffnet, die Stunde des Abschieds fand sie bereit, als ihr langes reiches Leben zu Ende ging. Sie starb am LS. April 1993. Eine Jdealiftin war sie im schönsten Sinne des Wortes, erfüllt von einem reinen Wollen und dem unablässigen Bemühen» dieses Wollen zur Tat werden zu lassen. Es ist kaum nötig, nochmals zu betonen, daß sie nicht zu den Unsrigen gehört hat. Aber die E»alt dieser Jdealiftin wird immer eine neue lebendige Anklage gegen die herrschen- den Klassen bilden, die sich zwar für ihre Persönlichkeit schließlich interessierten, die aber ihre Bestrebungen nicht verstanden und demgemäß auch nicht zu würdigen wußten. Die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. Die Sterblichkeit der Säuglinge wächst in einer für die Regierung wie für die bürgerliche Welt erschreckenden Weise. Zwar sind es größtenteils die Kinder der ärmeren Be- völkerung, die, kaum geboren, dahingerafft werden. Aber gerade diese arbeitende Armut hat durch ihre bisher stetige und große Zunahme dem Deutschen Reiche ermöglicht, ein so gewaltiger Militär- und Industriestaat zu werden. Des- halb haben Regierung und Unternehmertum das gleiche Interesse, einen Bevölkerungsrückgang, wie ihn jetzt die stets wachsend« große Säuglingssterblichkeit befürchten läßt, zu verhindern. Selbstverständlich aber nicht mit großen„Opfern" — in Geldsachen hört die Gemütlichkeit wie das Gemüt rasch auf!— Die wichtigsten Maßnahmen zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit werden daher bei dem geplanten Kampfe nicht berücksichtigt. Daß ein wirksamer Säuglings- schütz bereits vor der Geburt des Kindes bei dessenMutter beginnen muß und der bisherige gesetzliche Mutler- schütz völlig unzureichend ist, hat zwar die Sozial- demokratie bereits vor zwei Jahrzehnten bei Beratung der Krankenversicherung und Gewerbeordnung be- tont— aber bis Heuligen Tages kennt ß 137 der Gewerbe- ordnung nur ein Arbeitsverbot von vier bis sechs Wochen nach der Niederkunft, während unsere Reichstagsfraktion acht Wochen forderte und außerdem für schwangere Arbeiterinnen eine Arbeitspause von mindestens vierWochen vor der Niederkunft, wobei ihnen für diese Zeit von einer Krankenkasse mindestens der ortsübliche Taglohn gezahlt werden müßte. Und noch immer erstrecken sich Gewerbe- ordnung und Krankenversicherung nur aus die in F a b r i k e n beschäftigten Arbeiterinnen, und schütz- und hilflos sind die Frauen und Mädchen in der Landwirtschaft, in häuslichen Diensten, in nichtsabrikmäßigerLohnarbeit und in der Heimarbeit. Alle diese Anträge, die, wie die Zunahme der Verelendung der Arbeiterinnen und ihrer Kinder zeigt, vollkommen be- rechtigt und schon vor zwei Jahrzehnten zeitgemäß waren, wurden von den Verttetern der kapitalistischen Interessen abgelehnt, weil solche Schutzbestimmungen die Ausbeutung der Arbeiterinnen schmälern könnten. Ja sie werden von der bürgerlichen Welt und von der Regierung auch noch totgeschwiegen," damit ein Bülow und der Reichslügen- verband über„die negative Tätigkeit der Sozial- demokratie" zetern können! Und auch aus dem Gebiet der Mutter- und Säuglings- fürsorge durch Wohlfahrtseinrichtungen war es die Sozial- demokratie, die bahnbrechend voranging. Unser leider viel zu früh verstorbener Genosse Or. Kurt Freudenberg wies schon vor sechs Jahren darauf hin, daß die private Fürsorge durch wohttätige Vereine nicht im geringsten ge- nüge und es eine Pflicht der Gemeinde sei, helfend einzugreifen. Aus Freudenbergs Veranlassung beantragte im Jahre 1901 die sozialdemokratische Fraktion der Berliner Stadtverordneten, daß von der Stadt Maßnahmen zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit gettoffen werden. Der Magisttat wie die Mehrheit der Versammlung leistete längere Zeit Widerstand, bis schließlich doch die Frage in einer Deputatton beraten wurde. Unsere Genossen forderten: Verpflegung hilfsbedürftiger Mütter schon vor der Nieder- kunft in Heimstätten, unentgeltlichen ärztlichen Rat und Hilfe in Säuglingsfürsorgestellen, unentgeltliche Abgabe sorgfältigst gewonnener Säuglingsmilch, ohne daß dies als eine Armen- Unterstützung angerechnet werden darf. Einer der bürger- lichen Stadtverordneten meinte ganz entsetzt:„Das werde ja der reine Zukunftsstaat!" Und der(fteisinnige!) * DaS vom Ka serlich Statistischen Amt herausgegebene Reichs« ArbeitSblatt(Nr. 5 von 1906) brachte zwar in einem Attikel über Mutterschutz und MuttcrschastSvcrsichcrung die Petitionen und Beschlüsse bürgerlicher Fraucnvereine wörtlich zum Abdruck, aber die weit älteren Forderungen der deusschen Genossinnen, die bis aus das Jahr 1892 zurückgehen, sowie die Anträge der sozialdemokra- tischen NeichStagsftaktion zu der Motette im Jahr 1900 sind mit keiner Silbe erwähnt. In folgenden Publikationen haben die deutschen Genossinnen ihre Ansichten und Forderungen zu der Frage nieder« gelegt:„Gleichheit" 1892, Nr. 7, Nr. 13; 1893, Nr. 2. Protokoll des Parteitags und der Fraucnkonferenz zu Mainz 1900.„Gleich« heit" 1900, Nr. 20; 1901 Nr. 2 und Nr. 3 Petition an dm Reichstag im Januar 1901. Protokoll des Parteitags und der Frauenkonferenz zu München 1902.„Gleichheit" 1902, Nr. 20. Protokoll des Parteitags und der Fraumkonfcrenz zu Mannheim. «! Magistrat erklärte, eine Fürsorge für die Schwangeren und Wöchnerinnen könne er„nicht als eine Aufgabe der Stadt- gemeinde erachten". Nach jahrelangen Verhandlungen drangen endlich unsere Forderungen durch, und der„nie positiv tätigen Sozialdemokratie" ist es zu danken, daß Berlin seit vorigem Jahre sich stets erweiternde Maßnahmen zum Schutze der Säuglinge trifft: Unentgeltliche ärztliche Beratung unbemittelter Mütter und Pflegemütter von Säuglingen über Wartung und Pflege der Kinder, unentgeltliche Abgabe von Milch bis zur Dauer von acht Tagen, Gewährung von Still- Prämien. Gegenwärtig beträgt die Zahl der Säuglings- fürsorgestellen siebe», der Zuschuß der Stadt 287 000 Ml. Dem Beispiel Berlins folgten einige andere Städte, und jetzt ist endlich auch die Regierung mit einer Vorlage zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit an den Reichstag herangettelen, nachdem im vorigen Jahre ein Komitee unter dem Protektorat der Kaiserin beschloß, ein« Anstalt für Säuglingsschutz ins Leben zu rufen. Nun schenkte Charlottenburg schleunigst 1'/, Hektar Baugrund im Werte von 400000 Mk. zum Bau, der 1 Million Mark kosten wird, spendeten Pttvatleute bereits'/« Millionen und werden auch den Rest sowie die 200000 Mk. für die innere Ein- richtung noch hergeben, denn unsere Bourgeoisie ist nie knausettg, wenn man„Allerhöchst" die Schenkungen bemertt. Zur Deckung der Betriebskosten, die auf jährlich 100 000 Mk. geschätzt werden, gibt Preußen aus dem Fonds der Medizinal- Verwaltung 20 000 Mk. und das Reich soll 40000 AU. geben, den Rest Gemeinden und Vereine decken. Dem Reichstag ging jetzt wegen dieses Reichszuschusses eine Denkschrift zu, in der über die geplante„Anstalt zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche" folgendes mitgeteilt wird: „Die Anstalt soll den Umfang und die Ursachen der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche und in den anderen Kulturstaaten wissenschaftlich erforschen und die geeigneten Unterlagen für die zu ergreifenden Abhilfe- maßnahmen beschassen. Namentlich sollen alle Fragen, welche aus die Behandlung der Säuglinge unter ge- wöhnlichen und außergewöhnlichen Verhältnissen Bezug haben, wissenschaftlich und praktisch ergründet, die best- mögliche Pflege und Ernährung der Säuglinge, die Mittel und Wege, um die natürliche Ernährung der Säuglinge durch das Stillgeschäft der Mütter wieder zur all- gemeinen Gepflogenheit werden zu lassen, sowie die im Notfall als Ersatz zu benützende künstliche Ernährung zum Gegenstand der Forschung gemacht werden." „Die Anstalt soll ferner die Ergebnisse ihrer wissen- schafllichen und praktischen Forschungen, sowie ihrer Sammel- tätigkeit auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge und des Mutterschutzes zur allgemeinen Ausnutzung durch Veröffentlichungen zugängig machen, auch Behörden, öffentlichen und Privatverbänden, sowie Einzelpersonen auf Wunsch Auskunft und Rat erteilen. Die Behörden und Organe der Gesetzgebung und Verwaltung sollen sich dort nach den verschiedenen Richtungen der Säuglingsfür- sorge hin unterrichten und Ratschläge für ihr Vorgehen gegen die Säuglingssterblichkeit erholen können." „Für die Bevölkerung ist die Abhaltung ösfent- licher Vorträge der Anstaltsärzte, für die Arzte die Veranstaltung von Kursen zur Weiterausbildung in der Säuglings- und Wöchnerinnenbehandlung in Ausficht genommen. Auch soll eine Schule für Wochen- und Säuglingspflegerinnen mit der Anstalt verbunden werden. Auf solche Weise hofft man, einen tüchtigen Stamm von Ärzten und Pflegerinnen zu gewinnen, die wiederum in den zum Teil bereits bestehenden, zum Teil in der Ent- stehung begriffenen oder geplanten Musteranstalten zur praktischen Betätigung der Säuglingsfürsorge in den Etnzelstaaten segensreich würden wirken können." Zur Erfüllung dieser Ausgaben soll die Reichsanstalt folgende Einrichtungen umfassen: eine Schule für Wochen- und Säuglingspflegerinnen, Unterkunftsräume für Schwangere, eine Entbindungs- und Wöchnerinnenabtellung, ein Mütlerheim, ein Säuglingsheim, eine Abteilung für kranke Säuglinge, eine Fürsorgestelle zur Beratung von Müttern und Pflege- müttern, von Schwangeren und Wöchnerinnen, in geeigneten Fällen auch zur Gewährung von Unter- stützungen in Form von Stillprämien und zur Ber- abreichung einwandfreier Kindermilch, chemische und bafteriologische Laboratorien, eine Stallung für Milchvieh, sowie Räume zur tadel- losen Gewinnung, Keimfreimachung, Abkühlung und Aufbewahrung der MUch. Das ist gewiß ein sehr reichhalttges und den hygieni- schen Anforderungen in weitester Weise Rechnung tragendes Programm. Und da die Anstalt als eine Zentralstelle für ganz Deutschland hinsichtlich der wissenschaftlichen und praktischen Erforschung alles dessen dienen soll, was in bezug auf Säuglingsfürsorge sowie Schutz und Pflege für Schwangere, Wöchnerinnen und Mütter geschehen kann, so ist ihr hygienisches Wirkungsgebiet ein recht umfangreiches. Die Verwaltung der Anstalt soll, wie die Denkschrift mitteilt, durch ein Kuratorium erfolgen,„das in seiner durch die Statuten zu regelnden Zusammensetzung eine Ge- währ dafür zu bieten hätte, daß die Interessen der Gesamtbevölkerung und aller Landesteile im Reiche bei dem Wirken dieser Anstatt ihre Berücksichtigung finden". Dazn würde aber gehören, daß auch die Arbeiter in Stadt und Land im Kuratorium durch die Vertreter ihrer Interessen Sitz und Stimme bekommen; davon verlautet bis jetzt aber noch nichts' ! 62 Die Gleichheit Und so lobenswert es ist, daß endlich dieser Teil der von unserer Partei im Reichstag, wie in den Gemeinden schon seit so langer Zeit erhobenen Forderungen zur Durch- führung gelangen soll, so müssen wir doch, selbst auf die Gefahr hin, daß man wieder unsere negative Haltung schmäht, darauf hinweisen, daß die geplante Anstalt mit all ihre» vortrefflichen Absichten und Einrichtungen nur ein Teil- chen ihrer Aufgabe lösen kann, wenn nicht gleichzeitig für den gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen ge- sorgt wird: Verkürzung der Arbeitszeit, verbot der Arbeit in gesundheitsschädlichen Betrieben, ausreichendes Arbeits- verbot für Schwangere und Wöchnerinnen und ausreichende Unterstützung durch die Krankenkasse. Ja— ein ganzer Teil der Tätigkeit jener Anstalt würde überflüssig werden, wenn solch gesetzlicher Schutz der Arbeiterinnen gegen die verelendende Wirkung der kapi- talistischen Ausbeutung jetzt schon genügend vorhanden wäre und energisch durchgeführt würde. Die Statistik zeigt, daß es vor allem die erwerbs- tätigen Frauen sind, deren Säuglinge zugrunde gehen — daraus folgt, daß es die Erwerbstätigkeit ist, die dieses Elend veranlaßt. Die Denkschrift sagt davon nichts. Sie küm- wert sich nicht um die sozialen Ursachen, sondern be- trachtet nur deren Wirkungen, ohne auf jene Bezug zu nehmen.„Obenan unter den Ursachen der Säuglings- sterblichkeit", heißt es in der Denkschrift,„stehen Mängel der Ernährung und der Pflege der jungen Kinder". Daß dies nicht die wirkliche Ursache, sondern bereits eine Folge sozialer Not ist, bekräftigt die Denkschrift selbst, indem sie fortfährt:„Dies zeigt sich unter anderem besonders darin, daß die Sterblichkeit der außerehe- lichen Säuglinge(im Deutschen Reiche 1904: 31,4 auf je 100 außerehelich Lebendgeborcne) erheblich höher ist als die der ehelichen(13,6 auf je 106 ehelich Lebendgeborene)." Die außereheliche Mutter befindet sich eben zumeist in einer noch größeren Notlage als die eheliche, infolgedessen ist auch die Ernährung und Pflege der außerehelichen Säug- linge ein schlechtere. Mit dem Einkommen der Mutter hängt auch die ferner in der Denkschrift angeführte Tatsache zusammen, daß die Säuglingssterblichkeit in der heißen Jahreszeit, in welcher die Milch leicht verdirbt, außerordentlich ansteigt (in den etwa 300 größten deutschen Orten kamen 1900 bis 1904 nahezu 40 von je 100 Säuglingstodesfällen auf die drei Monate Juli bis September). Wenn auch der Hitze zahlreiche Kinder der besitzenden Klasse zum Opfer fallen, so fehlt doch den besitzlosen Müttern weit mehr noch als den wohlhabenden und reichen die Möglichkeit, die Milch durch geeignete Kühlvorrichtung gegen das Verderben zu schützen und unverdorbene, bestgepflegte und daher teure Milch zu kaufen. Ebenso steht es mit den in der Denkschrift angeführten Ernährungsstörungen der Säuglinge, die unter den Todesursachen weitaus an erster Stelle stehen(1902 bis 1903 gingen in den deutschen Großstädten allein an Magen- und Darmkatarrh einschließ- lich Atrophie fAuszehrungj der Kinder über vier Zehntel aller dort gestorbenen Säuglinge zugrunde). Denn die billige Milch der ärmeren Mütter stammt von billig und daher schlecht ernährten Kühen, während die reicheren Mütter durch teure, aber gute Milch ihre Säuglinge vor Ernährungsstörungen schützen können. Und ebenso hängt es mit der zunehmenden sozialen Not der Mutter zusammen, daß, wie die Denkschrift sagt,„die natürliche Kinderernährung, die Ernährung an der Brust, erheblich seltener geworden ist", übrigens wieder ein Beweis für die Richtigkeit der von jener Seite so heiß bestrittenen Verelendungstheorie! Die Not der Mütter ist die Hauptursache, daneben erst, sagt selbst die Denkschrift,„kommen Nachlässigkeiten und Unkenntnis hinsichtlich der Ernährung und Pflege junger Kinder in weiten Kreisen in Betracht". Gewiß, da läßt sich bis in die reichsten Quartiere hinein durch Aufklärung manches bessern und auch die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Säuglingsernährung bedarf noch weiteren Ausbaues, wie auch die Denkschrift erwähnt. Aber für die Masse der Mütter und die Masse der dem Tode geweihten Säuglinge kommen in erster Linie die sozialen Verhältnisse in Betracht, und all die Maßnahmen, n-.I/e die Neichsanstalt plant und einige städtische An- ,.u bereits ausführen, können gegenüber der verheeren- l Wirkung der überlangen Arbeitszeit, des zels an Schonzeit für Schwangere, der un- genügenden Entlohnung der Arbeiterinnen und ihrer Männer nicht genügend durchgreifende Wirkung ausüben. Die in der Denkschrift mitgeteilte Statistik über die Säuglingssterblichkeit zeigt, daß Deutschland wieder ein- mal voran ist: seine Säuglingssterblichkeit ist erheblich höher als in den meisten anderen Kulturstaaten! Mehr als der dritte Teil aller in Deutschland überhaupt gestorbenen Personen entfällt auf das erste Lebensjahr! Im Verhältnis zu hundert Lebendgeborenen starben im ersten Lebensjahr im Durchschnitt des Reiches 19,8, das ist fast ein Fünftel der Geborenen! Dagegen starben in Italien 17,2, in Luxemburg 16,0, in Belgien 15,5, in England 14,6, in der Schweiz 14,0, in Frankreich 13,2, in den Niederlanden 13,2, in Dänemark 11,6, in Irland 10,0, in Schottland 8,6 und in Norwegen 7,9. Von ausschlaggebender Wirkung bei diesen Unterschieden in der Säuglingssterblichkeit ist erstens der Stand der all- gemeinen Lebenshaltung der Bevölkerung und zweitens der Umfang der Erwerbstätigkeit der Frauen, nament- lich der industriellen, die ja den Müttern das Stillen ihrer Kinder unmöglich macht. Italien ist zwar durchschnitt- lich ärmer als Deutschland, aber noch nicht so industriell entwickelt und hat inch nicht solch große Armeen der Fabrik- arbciterinnen; Frau. reich und England haben eine durch- schnittlich wohlhabendere Bevölkerung, Norwegen ist noch fast ganz frei von iiidustvielier Frauenarbeit. Deutlicher tritt dieser Zusammenhang zwischen Lebens- läge und Beruf der Mütter mit der Säuglingssterblichkeit hervor, wenn man nicht große Länder, sondern kleinere Be- zirke eingehender betrachtet. Die Denkschrift gibt nur an, daß die Säuglingssterblichkeit im Jahre 1903(und 1904) betrug im Durchschnitt des Reiches 20,4(19,6), in Preußen 19,4(13,5), in Württemberg sogar 22,2(22,1), im Königreich Sachsen 24,7(24,4) und in Bayern 25,0(23,9). Weit deutlicher weisen die Sterblichkeitsziffern auf die sozialen Ursachen hin, wenn man nur die Sterblichkeit der ehelichen miteinander vergleicht, da bei den unehe- lichen Säuglingen noch besondere Ursachen in Betracht kommen. Im Jahre 1904 hatte die größte Säuglingssterb- lichkeit der ehelichen Kinder Reuß jüngere Linie 25,2; hier betrug die Zahl der Fabrikarbeiterinnen an 40 Prozent der gesamten Arbeiterschaft. Die größte Sterblichkeit der unehelichen hatte die Provinz Posen mit 35,9 Prozent, während die der ehelichen dort nur 17,1, also die Hälfte betrug— in Reuß jüngere Linie dagegen war die der un- ehelichen 27,0, also nur um wenig höher als die der ehe- lichen. Die uneheliche Mutter in der Provinz Posen ist zumeist Landarbeiterin! Nächst Reuß jüngere Linie hat die größte Sterblichkeitsziffer der ehelichen Säuglinge Sachsen- Altenburg mit 25, Reuß ältere Linie mit 23,4 und das Königreich Sachsen mit 23,2 Prozent. Bayern hat im Durchschnitt nur 22,7(uneheliche 31,9), aber das industrielle Bayern rechts des Rheins hat 23,9, das mehr agrarische linksrheinische nur 16,1 Prozent, Württemberg hat 21,4, Anhalt 21,1, Baden 20,0. Auf die größeren Städte verteilt sich im Jahre 1904 die Säuglingssterblichkeit der ehelichen und unehelichen auf je 100 Lebendgeborene wie folgt: es starben in Görlitz 45,6, Chemnitz 33,7, Augsburg 31,7, Frankfurt a. O. 31,4, Nürn- berg 29,5, Stettin 28,3, Zwickau 23,6, Spandau 27,7, Metz 27,6, Magdeburg 27,4, Leipzig 27,2, Plauen 27,0, Rixdorf 26,8, Breslau 26,6, Mannheim 26,3, München 25,3, Köln 25,1, Halle 25,0, Mainz 24,4, Posen 24,1, Mülhausen i. E. 23,6, Karlsruhe 23,4, Berlin 23,0, Königsberg 22,8, Straß- bürg i. E. 22,5, Hannover 20,5, Kiel 20,4. Bremen, Hamburg und Lübeck haben unter 20 Prozent (19,3, 19,7, 16,9); Frankfurt a. M. hat die niedrigste Säug- lingssterblichkeit aller deutschen Städte, nämlich nur 6,1 Pro- zent auf 100 Lebeudgeborene, wie es überhaupt die geringste Sterblichkeit aufweist(0,7 Prozent), dagegen Posen mit 2,5 Prozent der Bevölkerung die größte.— In Berlin war im Jahre 1904 die Säuglingssterblich- keit(auf 100 Lebendgeborene) am größten im armen Wedding, Gesundbrunnen und einem Teil der Luisenstadl (27,4 und 27,3 Prozent), am g e r i n g st e n in der reichen Friedrichstadt(15,7) und dem reichen Tiergartenvierlel (15,9). Im allgemeinen sind die industriereichsten Städte auch die mit der größten Säuglings- sterblichkeit, und wie man sieht, übersteigt sie die auf dem flachen Lande und dadurch die des Reichsdurchschnitts ganz bedeutend. Da aber in den Jndustrieorten die Mehr- zahl der deutschen Bevölkerung angehäuft ist, so ist damit bewiesen, daß die wichtigsten Ataßnahmen zur Be- kämpfung der Säuglingssterblichkeit nur der Arbeite- rinnen schütz ist, im Vergleich zu dem alle anderen Für- sorgebeftrebungen nur in geringem Umfang Nutzen stiften können. Und da allein die Sozialdemokratie diesen Arbeite- rinnenfchutz in ausreichendem Maße fordert, so ist auch sie es allein, die im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit den richtigen Weg zeigt. Der kapitalistische Staat jedoch will ihn nicht gehen— und die paar Millionen Mark, die er jetzt für den Säug- lingsschutz auszugeben sich anschickt, werden an dem Massenelend, das er in immer stärkerem Maße heraufbeschwört, je mehr er sich entwickelt, nur wenig ändern. So bleibt daher auch auf diesem Gebiet den Arbeiterinnen nur das eine wirksame Mittel: klassenbewußte Organisation zur Eroberung der politischen Macht und dadurch die Er- ringung ausreichenden gesetzlichen Schutzes und Wirtschaft- licher Borteile. Die Denkschrift der Regierung wie die Maß- nahmen der herrschenden Klasse gegen die Däuglingssterblich- keit können uns dabei als ein gutes Agilationsmaterial dienen. Emanuel Wurm. Die Frau im Aufsichtsrat der Konsum- vereine. Die Mühlheimer Genossinnen hatten seinerzeit beschlossen, eine Frau als Aufsichtsralsmitglied für den dorttgen Konsum- verein in Vorschlag zu bringen; das regt mich an, zu diesem wichtigen Thema einiges zu schreiben. In den Generalversammlungsberichten, die in der„Konsum- genossenschaftlichen Rundschau", dem Organ der deutschen Konsumvereipe, veröffentlicht werden, findet man sehr selten, daß bei den alljährlichen Ersatzwahlen eine Frau mit in den Aufsichtsrat gewählt wird. Und doch nehmen Frauen in immer wachsender Zahl an den Generalversammlungen teil, ein Zeichen, daß sie sich mehr und mehr dafür interessieren. Allem Anschein nach wissen aber die meisten Genossinnen gar nicht, daß sie innerhalb der Genossenschaft ein sehr wichtiges Recht ihr eigen nennen, nämlich das Recht zu wählen und gewählt zu werden. Die Voraussetzung dafür ist freilich, daß die Frau sich selbst als Mitglied beim Konsumverein anmeldet und fleißig die Generalversamm- lungen besucht, um einen Einblick in das Genossenschafts- wesen zu bekommen. Meines Erachtens ist doch für die Konsumgenossenschaft die Frau der Hauptfaktor, von ihrer Einsicht hängt das Gedeihen der Genossenschaft ab. Um so weniger ist ihre Zurücksetzung bei den Wahlen der Aufsichts- ratsmitglieder gerechtfertigt. Die männlichen Genossen, die in den Aufsichtsrat gewählt werden, haben gewöhnlich doch auch noch nicht die nötigen Vorkenntnisse. Sie müssen sich auch erst allmählich einleben, und es dauert eine ganze Welle, bis sie alles beherrschen. Warum soll die Frau das alles nicht auch lernen können, wo es sich doch um ihre ureigen- sten Interessen handelt? Die AuSrede, daß die Frau als Gattin und Mutter nicht die nötige Zeit zur Verfügung habe, ist nicht stichhaltig; eine verständige Frau wird ihre Zeit haushälterisch einteilen und so ihrer Pflicht als Ge- nossin nachkommen können, zumal in den meisten Vereinen eine kleine Entschädigung für die versäumte Zeit geleistet wird. Soweit die Schreiberin dieser Zeilen orientiert ist, sind in den von der Statistik umfaßten Vereinen des Zenttal- Verbandes deutscher Konsumvereine ungefähr 68000 Frauen selbständige Mitglieder. Es ist das freilich nur ein klemer Prozentsatz, doch immerhin eine Zahl, mit der gerechnet werden kann und muß. Der Erlanger Verein, der zum süd- deutschen Unlerverband gehört, hat 43 Prozent Frauen unter seinen Mitgliedern. Dieser war auch bis vor ungefähr einem Jahre der einzige Verein in Süddeutschland, der seit der Gründung(1901) eine Frau im Aufstchtsrat hat. Zu- erst waren es sogar zwei, doch hat eine durch Aufgeben der Mitgliedschaft ihren Posten freiwillig verlassen. Dem Erlanger Beispiel folgten die Vereine in Nürnberg und Fürth, die jetzt auch je eine Frau im Aufsichtsrat haben. Das sind also drei Frauen unter ungefähr 1300 männlichen Aufsichtsräteu im süddeutschen Verband. In den anderen Unterverbänden ivird es auch nicht anders sein. Da nun der Konsumverein sowieso fast die einzige Körper- schast ist, wo die Frau ihr Stimmrecht ausüben kann, sollte sie sich auch dieses Rechtes immer mehr bewußt werden. Besonders bei Neugründungen sollte es nie versäumt werden, eine oder mehrere Frauen mit in den Aufsichtsrat zu nehmen. Sie können, was in der Natur der Sache liegt, manchen guten Rat geben, und die kaufende Frau wendet sich immer lieber mit ihren Klagen an eine Frau, weil diese besser im- stände ist, sie zu verstehen. Darum, Genossinnen, werdet selbst Mitglieder der Konsumvereine, besucht die General- Versammlungen fleißig, lest euer Frauengenossenschastsblatt, das fast in allen Vereinen umsonst zu haben ist, und be- kümmert euch mehr als bisher um das, was im Verein vor- geht. Selbstverständlich müßt ihr dann auch selbst Vor- schlüge zu den Wahlen machen und eine auf euch fallende Wahl annehmen. Wenn auch das Einarbeiten etwas schwer ist, es geht schon, wenn man den guten Willen dazu hat. Auch an die Genossen richte ich das Ersuchen, ihr Teil dazu beizutragen, daß den Frauen auf diesem Gebiet ihr Recht wird, denn es ist nichts damit getan, daß man nur in der Theorie für das allgemeine Stimmrecht der Frauen eintritt, man muß es auch da, wo es heute schon möglich ist, praktisch zur Durchführung bringen. Mar g. Hüttner. Die Dienstbotennot und ihre Ursachen. Allgemein bekannt sind die Klagen der Dienstgeber über die Mängel und Fehler unserer Dienstboten. Die Annahme. daß diese Fehler eine Eigentümlichkell unserer Zeit und früher nicht vorhanden gewesen seien, ist weit verbreitet. Sie beruht indessen auf einem Irrtum. Es mag ja wohl zutreffen, daß einige Züge in dem Wesen der Dienstboten von heute durchaus das Gepräge eines erwachenden Selbst- bewußtseins zeigen, das in dieser allgemeinen Form nur in der Gegenwart möglich ist, und das wir auch aus anderen Gebieten des sozialen Lebens wahrnehmen, viele freilich nur mit großer Entrüstung. Aber dieses Selbstbeivußtsein, das sich vom Standpunkt der Dienstgeber aus als Frechheit, Übermut, Anmaßung und dergleichen äußert, ist doch eben nur der Inhalt einer Klage. Sehen wir von ihr ab, so ergibt sich, daß über diejenigen Eigenschaften, welche die Dienstgeber an den Dienstboten am meisten tadeln zu nmffen glauben, wie Faulheit, Unsauberkeit, Unehrlichkeit» Un- moral usw., schon in früheren Zeiten geklagt wurde, wenn den bemängelten Eigenschaften auch damals die selbstbewußte moderne Note fehlte. Sehr interessante Aufschlüsse über die historische Seite der Frage, die uns einen kulturgeschichtlich lehrreichen B.ick in die Vergangenheit unserer HauSioirt- schaft tun lassen, finden wir in einem demnächst erscheinen- den Buche', in daS uns durch die Liebenswürdigkeit des Verfassers schon jetzt ein Einblick gestattet worden ist. Diese wertvolle Arbeit enthält außer den historischen Rückblicken eine Enquete über die Lage der Dienstboten in Nürnberg, die der Verfasser dort im Sommer dieses Jahres veranstaltet hat. Es will uns scheinen, als wenn gerade der subjektive Charakter dieser Enquete ihren eigen- tümlichen, durch nichts anderes zu ersetzenden Wert aus- macht, insofern er uns nämlich an die sozial-psychologischen Quellen des Leben selbst heranführt, mehr als die roten und kalten Zahlen der Statistik dies zu tun imstande sind. Wir sind aber außerdem im Gegensatz zu dem Verfasser auch der Ansicht, daß trotz des geringen Umfanges, den eine ohne amtlichen Apparat unternommene Privatenquete naturgemäß haben muß, doch aus den eingegangenen Ant- * Dr. Oskar Süllich: Nürnberger DienstbotenverhälMisse in Vergangenheit und Gegenwart. 4 Nr. 8 Die Gleichheit " " 63 worten Analogieschlüsse auf die Allgemeinheit zulässig seien, haglichkeit und Wohnlichkeit nicht. Sie treiben die Mädchen| mal unterstellt. Ebenso ist das Gesetz über Frauenarbeit volldie sich von der Wirklichkeit nicht allzuweit entfernen dürften. in ihrer Freizeit geradezu hinaus. tommen ungenügend. Wir glauben, daß die Stillichschen Untersuchungen Resultate Was endlich noch die Behandlung anlangt, so lauten die Sehr bescheiden waren die Forderungen des Rongresses: aufweisen, die auch außerhalb der Nürnberger Stadtmauern Aussagen der Mädchen übereinstimmend dahin, daß sie in zehn Stunden Arbeit für Erwachsene am Tage, und nachts auf Geltung Anspruch erheben können. vielen Fällen zu wünschen übrig lasse; in jeder dritten Aus- nur, wenn es unbedingt notwendig ist; ein wenig Schuh für Was an den Antworten der Herrschaften ganz besonders sage stoßen wir auf Bemerkungen wie zum Beispiel diese: die Kinder gegen die schrankenloseste Ausbeutung. Bu beauffällt und wie mit einem grellen Schlaglicht die innere" Das habe ich doch nicht nötig, mich wie einen Hund oder scheiden in der Tat! Dennoch wäre es für die holländische Schwäche der oberen Kreise gegenüber der sozialen Frage- Menschen zweiter Klasse behandeln zu laffen, dann gehe ich Arbeiterschaft von großer Bedeutung, wenn die Forderungen und dazu gehört die Dienstbotenfrage- beleuchtet, das ist lieber in die Fabrit." Und in die Fabrik gehen die Mädchen, des Kongresses Gesetz würden, denn der Arbeitstag ist in die ungeheure Verschiedenartigkeit ihrer Ansichten, die aller- nur um frei zu sein, um zu wissen, daß sie von abends 6 bis Holland entsetzlich lang. dings nur der Verschiedenartigkeit des Besizes, der Bildung morgens 6 Uhr feinem anderen Herrn zu dienen haben als Referate wurden gehalten vom Genossen Troelstra: und der sozialen Stellung entspricht und die Zerrissenheit sich selbst, um den Sonntag für sich zu haben, mit einem Der Behnstundentag und seine gesellschaftliche Bedeutung"; der Dienstboten haltenden Klassen widerspiegelt. Das ist Worte, um sich als Mensch zu fühlen. vom Genossen Wibaut: Verkürzung der Arbeitszeit und ferner die mangelnde Erkenntnis dessen, worauf es eigent- So liegen die Verhältnisse: die Not der Dienstboten ist Unternehmerinteresse"; vom Genossen Henri Polat:„ Ge lich ankommt, das übersehen der einfachsten sozialen Zu- die letzte Ursache der Not, des Mangels an Dienstboten, das wertschaftsbewegung und Verkürzung der Arbeitszeit"; vom sammenhänge und endlich die zum Teil gerade damit zu geht aus der übereinstimmenden Befundung aller Dienenden Genossen Dr. med. 2. Heyermans: Die sozialhygienische sammenhängende Art der Reformvorschläge. Nur wenige hervor, auch derjenigen, die sich der allgemeinen Fahnenflucht Seite der Verkürzung der Arbeitszeit und der Abschaffung Aussagen erweisen sich als Ausnahmen von dieser Regel. zu den Fabriken noch nicht angeschlossen haben. beziehungsweise der Einschränkung der Nacht- und KinderDem gegenüber stehen die Aussagen der Dienenden, die Es soll nun feineswegs verfannt werden, daß die Ver- arbeit"; vom Genossen Ondegeeft:„ Die Nachtarbeit"; vom trotz aller Verschiedenartigkeit des Ausbruckes Zeugnis ab- hältnisse der Hauswirtschaft sehr komplizierte sind und eine Genossen Spietman:„ Kinderarbeit". legen von der Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Ge- Lösung der Schwierigkeiten, die allen Seiten gerecht wird, finnung, die diese Kreise beseelen. nicht einfach ist. Auch das soll nicht übersehen werden, daß selbst die besten gefeßlichen Bestimmungen nicht genügen, um das Zusammenleben von Menschen unter allen Um- Von den Tatsachen, die festgestellt wurden, folgende: Der ständen harmonisch zu gestalten; dazu sind die Individuali Arbeitstag beträgt für die Hälfte der Fabrikarbeiter mehr täten der Menschen, der Dienenden sowohl wie auch der als 11 Stunden; für die Transportarbeiter, Bäcker, SchuhDienstgeber, zu verschieden. Aber es muß andererseits auch macher, Kleidermacher, Fleischer, Maurer, Tapezierer, Ladengesagt werden, daß die Wurzel vieler übel im Dienstverhält diener usw. 12, 13, 14 bis 15 Stunden. In Brennereien nis, in dem Umstand zu suchen ist, daß viele Dienstgeber für wird gearbeitet von 2 Uhr nachts bis 4 Uhr nachmittags, ihre Verhältnisse und für die zu leistende Arbeit zu wenig zuweilen bis gegen 9 Uhr abends. In den Torfgräbereien Dienstboten halten, und dieser Fall ist die Regel. Dem- beginnen die Frauen schon um 3 Uhr morgens und arbeiten zufolge stellen die meisten viel zu große Ansprüche an die bis 4 Uhr nachmittags. In Bierbrauereien, bei der BinnenArbeitskraft des einzelnen, und da viele Frauen ich schiffahrt bleibt man 36 Stunden bei der Arbeit. In Papiermeine die Salondamen nicht arbeiten, so fehlt ihnen auch und Glasfabriken ist das Verbot der Nachtarbeit für Knaben jedes Verständnis für die Psychologie, die Laft und den unter 16 Jahren aufgehoben. Vom Verband der Kutscher Wert der Arbeit. wurde dem Kongreß zugerufen: Sag doch auch für uns ein Wort! Wir haben den 17 stündigen Arbeitstag als Minimum, zuweilen dauert unser Arbeitstag zwei Tage und zwei Nächte nacheinander. Wir haben keine Essenszeit, keinen Ruhetag, oft fehlt uns die Zeit, ein Bad zu nehmen. Familienleben fennen wir nicht. Die Jungen unter uns müssen leben mit Prostituierten. Es geht nicht an, von jedem der interessanten Referate einen Bericht zu geben. Im ganzen waren sie eine fortwährende Anklage gegen unsere Gesellschaft. Gine Lumpenfortiererin erzählte von ihrem elenden, ungefunden Betrieb. In diesem dauert die Arbeitszeit elf Stunden, und dann wird noch Arbeit mit nach Hause gegeben. Dort müssen Vater, Mutter und Kinder bis tief in die Nacht mithelfen, um die ungefäuberten, oft aus Kehrichtfässern stammenden Lumpen zu sortieren und zu zerreißen, und das in einer engen Wohnung, die so zu einem Herd infektiöser Krankheiten wird. Nirgends treten diese Verhältnisse schärfer zutage als bei den Antworten auf die Frage nach den Ursachen und der Beseitigung der Dienstbotennot. Dienstbotennot ist ein doppelsinniges Wort. Es kann sowohl Not an Dienstboten wie auch Not der Dienstboten bedeuten. Es ist nicht un wesentlich, das ausdrücklich festzustellen, wie wir sogleich sehen werden; denn es kann eigentlich gar nicht wundernehmen, wenn die überwiegende Mehrzahl der Dienstgeber von einer Not der Dienstboten nichts wissen will und nur eine Not, einen Mangel an Dienstboten fennt und konstatiert. Ja noch mehr, die meisten Dienstgeber kommen gar nicht auf den Gedanken, daß dieses Wort einen anderen Sinn haben könne; sie können sich gar nicht vorstellen, daß Not und Elend bei den Dienstboten, die unter ihren Augen leben und bei ihnen wohnen, überhaupt vorhanden und mög- Die Lage ist eine sehr ernste und traurige und würde lich sei. Für sie ist es selbstverständlich, daß Dienstbotennot eines jeden Lichtpunktes entbehren, wenn die Dienenden nicht gleichbedeutend ist, ja nur sein kann mit der Not, die sie ein Mittel gefunden hätten, das geeignet sein dürfte, sie von selbst mit ihren Dienstboten haben. In bezug auf die Lage dem gegenwärtigen Glend, von dem Drucke ihrer traurigen der letzteren aber erscheint ihnen alles in befter Ordnung. Ar- Lage zu befreien. Dieses Mittel ist die gewerkschaftliche beitszeit, Löhnung, Wohngelegenheit, Behandlung, Beköstigung Organisation, die zweifellos mit den im vorigen Jahre( 1906) lassen nach ihrer Meinung nichts zu wünschen übrig. Wenn erfolgten Vereinsgründungen in Nürnberg, München, Hamnur die Mädchen ehrlicher, fleißiger, sauberer, fügsamer burg, Frankfurt a. M. einen Martstein in der Entwicklung wären, wenn vor allem nur nicht ihr Sinn so dahin ginge, der Dienstbotenfrage bedeutet und voraussichtlich eine Andefrei zu sein und die Fabrikarbeit dem häuslichen Dienst rung der gegenwärtigen Verhältnisse herbeizuführen in der vorzuziehen! In diesen Punkten erblicken die Damen der Lage sein wird. Wenn die Dienstgeber nicht freiwillig eine besitzenden Klasse die Hauptsache ihrer Not. Aus dem wesentliche Besserung der Lage der Dienstboten herbeiführen Leichtsinn erklären sie sich das Abströmen der Mädchen in was nach allen bisherigen Erfahrungen, nach der durch die gewerblichen Berufe. Es ist eigentlich nur selbstver- diese Enquete wieder erwiesenen Eigenart und Zerrissenheit ständlich, wenn die Damen auch meinen, daß die Mädchen der Anschauungen der Dienstgeber ziemlich ausgeschlossen Nun zur schrecklichen Ausbeutung der kindlichen Arbeitsdurch diesen Wechsel das schlechtere Teil gewählt haben und ist dann kann es unseres Erachtens nicht ausbleiben, daß fraft. Knaben und Mädchen von 12 und 13 Jahren arbeiten in der Fabrik sittlich verwahrlosen. Allein in diesem Urteil unter dem Drucke der Verhältnisse und der gewerkschaft in Fabriken und Werkstätten elf Stunden täglich. Ganz liegt eine schematische und deshalb unzulässige Verallgemeine- lichen Agitation die Reichsgesetzgebung wird einschreiten traurig sieht es in den Glasfabriken aus. Der Glasfabrikant rung, zudem aber auch eine völlige Ignorierung der sittlichen müssen, um das Dienstverhältnis zu regeln. Die wichtigsten Regout braucht Jungen für seinen Betrieb. Weil er fie in Gefahren, in die die Mädchen in vielen Dienststellen durch die von ihr zu berücksichtigenden Forderungen sind unserer der Stadt, in der er wohnt, nicht bekommen kann- wahrmännlichen Familienmitglieder gebracht werden. Fast keine Meinung nach:* scheinlich wissen die Eltern dort noch gesündere Arbeit für der Damen kommt auf den Gedanken, daß auf ihrer, der ihre Knaben als die in der Glasfabrik-, holt er sie vom Herrschaften Seite die Hauptschuld an den bestehenden BerLande und läßt sie in einem„ Kinderhaus" wohnen. Morgens hältnissen liegt; fast keine hat das Gefühl, daß dieses Hingehen die Kinder aus ihrer Kaserne durch einen Tunnel in ausstreben, dieses Ganzfreiseinwollen wenn auch nur für 2. Schlafgelegenheiten, die den gesundheitlichen Anforde- die Fabrik, abends denselben Weg zurück. Die Kinder stehen einige Stunden eine bei einem erwachsenen Menschen rungen genügen, gleichzeitige Aufnahme diesbezüglicher Be- unter der Aufsicht eines Geistlichen, der auch das Werben ganz natürliche Sache ist und die gegenwärtige Gebunden- ftimmungen in die Baupolizeiordnungen, der Kinder besorgt. Ein ähnliches Kindergefängnis besteht heit fast wie Freiheitsberaubung wirkt; daß auch Dienst- 3. Last not least Aufhebung der Gefindeordnungen, bei dem deutschen Fabrikanten Stolberg, dem die Kinder mädchen Menschen sind, die ein gleiches Anrecht wie die deren Geist der des Mittelalters ist und unbewußt heute noch aus Limburg geliefert werden. Bei der Kinderarbeit wird Herrschaft auf freie Zeit, auf Vergnügen und dergleichen bas Denken und die Haltung der Dienstgeber bestimmt. nicht acht darauf gegeben, daß der Körper des Kindes für haben, und daß auch die Freiheit eine erziehliche Wirkung Treten doch jest sogar schon die Juristen- ich verweise Vergiftungen viel empfänglicher ist als der des Erwachsenen. nur auf einen Aufsatz von Professor Hedemann in der Man beschäftigt vielmehr Kinder bei der ungefunden Flachs Deutschen Juristenzeitung" vom 15. Dezember 1906- für breche, läßt sie in den Schriftfeßereien die Setzkästen ausbie Beseitigung der 40 bis 50 Gefindeordnungen ein, die wir blasen, läßt sie Tabakblätter abstreifen usw. heute noch in Deutschland haben. ausüben kann. www. 1. Einschränkung der Arbeitszeit auf ein den eigentümlichen Bedingungen der Hauswirtschaft entsprechendes Maß durch Festsetzung eines Wochenminimums. " Erst wenn diese wichtigsten Punkte gefeßlich geregelt sind, tönnen die Verhältnisse gefunden. Paul Eisenstädt- Berlin. Über die Nachtarbeit wurde unter anderem folgendes gesagt: Nachtarbeit ist die elendefte Form der Arbeit. Der Schlaf bei Tag ist nie so erquickend als bei Nacht. Wegen des engen Wohnraums können die Arbeiter nie genug Ruhe am Tage genießen, um richtig zu schlafen. Der Mann nimmt das Mittagsmahl öfters im Bette ein. Der Arbeiter, der immer nachts arbeitet, bekommt eine krankhafte GesichtsEs Bie liegen nun die Dinge? Sind in der Tat die Löhne auch nur ausreichend, die Arbeitszeit eine angemessene, Betöftigung, Behandlung und Schlafgelegenheit eine menschenwürdige? Wir hatten oben gesehen, daß die Herrschaften dieser Meinung sind. Ganz anders dagegen lauten die Antworten der Mädchen. Die Enquete ergibt, daß die Mädchen eine mittlere Arbeitszeit von 14 bis 16 Stunden haben. Dies bezieht sich auf 69 Prozent der herrschaftlichen Angaben und 63 Brozent der Fälle nach Angaben der Mädchen, Vom holländischen Arbeiterschutzkongreß. farbe. und der Mensch braucht doch das Tageslicht. G3 im Mittel auf 66 Prozent, das heißt zwei Drittel der an der Gnquete beteiligten Personen. Aber damit ist der Be- Der Rongreß, von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei wirft anregend auf die Blutbildung und den Stoffwechsel, griff der Arbeitszeit nicht erschöpft. Das Mädchen ist zu und dem neuen Gewerkschaftsverband einberufen, tagte am aber es ist störend für den Schlaf. Kein Wunder, daß die jeder Tageszeit zur Arbeit verpflichtet und muß oft auch 2. März zu Amsterdam. Er sollte zur Propaganda dienen Nachtarbeit eine allgemeine Demoralisterung der Arbeiter inmitten der Nacht zur Verfügung ihrer Herrschaft stehen. für die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit Erwachsener, zur Folge hat. Es liegt hier eine Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft für den Ausbau der Kinderschußgesetzgebung und für das Auf dem Kongreß wurden auch die Richtlinien angegeben, schlimmster Art vor, und man sollte sich billigerweise nicht gesetzliche Berbot oder Einschränkung der Nachtarbeit. Die die die Arbeiter einzunehmen haben gegenüber ben Unterwundern, wenn und das ist ein unbedingtes Berdienst Berhandlungen trugen weniger den Charakter einer theoreti nehmern, die im Interesse des Profits eine Verkürzung ber des Verfassers, auf diesen wichtigen Umstand hingewiesen zu schen Diskussion über den Wert der Verkürzung der Arbeits- Arbeitszeit durchführen. Durch verschiedene Beispiele wurde haben dann mit der zunehmenden Arbeitszeit die Intenzeit, fie gestalteten sich vielmehr zu einer machtvollen Demon- bewiesen, daß die Verkürzung der Arbeitszeit die Produktion sität der Arbeit nachläßt. Das ist ein physisch- psychisches stration gegen unerträglichen Druck und Ausbeutung des nicht vermindert, sondern meist steigert, während die ProGesetz, dessen Erscheinungsform dann freilich von seiten der holländischen Proletariats. Es war ein Schrei von 60 000 Ar- buftionstoften abnehmen. So hat ein ganz schlauer Fabrikant Hausfrauen mit einem anderen Werturteil bedacht wird. beitern und Arbeiterinnen, ein Schrei nach Luft von denen, seine Produktion sehr gefteigert durch Einführung von zwei Sie flagen über die Faulheit ihrer Mädchen. Auch kann die fast ersticken im Sumpfe unserer Gesellschaft! Schichten, die der Reihe nach zweimal vier Stunden arbeiten man füglich nicht erwarten, daß die Arbeitslust durch eine Um den geseglichen Arbeiterschutz sieht es in Holland mit einer Ruhepause von vier Stunden dazwischen für jede derartige Inanspruchnahme gefördert wird. Wenn dann noch recht traurig aus. Sieht man von einigen wenigen Schicht; diese Maßregel ist außerordentlich vorteilhaft für für ein solches übermaß an Arbeit außer den üblichen Natu- Vorschriften über die Arbeitszeit in sehr gefährlichen Ge- den Unternehmer. ralien in Nürnberg zum Beispiel ein Lohn von 150 Mt. werben ab, so steht der männliche erwachsene Arbeiter in Doch eine derartige Verkürzung der Arbeitszeit ist grundjährlich, das heißt zirka 40 Pf. pro Tag gezahlt wird, so Holland dem Unternehmer gesetzlich vollkommen schutzlos verschieden von der, die von den Arbeitern erstrebt wird. muß er als ganz unangemessen bezeichnet werden. Der Schwer- gegenüber. Ganz unbedeutend ist das Kinderschutzgesetz, und Gewiß ist es dem Arbeiter angenehmer, nur 8 Stunden anpunkt der Löhne in Nürnberg liegt zwischen 150 und 200 dabei sind noch viele Betriebe der Gewerbeordnung nicht ein- ftatt 18 zu arbeiten. Wer 18 Stunden für den Unternehmer Mart. Hierher zählen 35 Prozent der Fälle im Mittel nach schuften muß, ist ein Stlave, aber wer in zweimal vier Stunden sich so überanstrengen muß, daß er vier andere von den Angaben der Herrschaften und Dienstboten. Bei* Wir verweisen darauf, daß die organisierten Dienstboten ebenso Stunden braucht, um frische Kräfte für seine Arbeit im girta einem Viertel der Befragten betragen die Löhne 100 wie die Genoffinnen weitgehende und präzise gefaßte Forderungen bis 150 Mt. und bei ungefähr demselben Teil 200 bis 250 Mt. an die Gesetzgebung erheben. Siehe die Beschlüsse der Mannheimer Dienste des Unternehmerprofits zu sammeln, der ist trotz Ebenso entsprechen die Schlaf- und Wohngelegenheiten Frauenkonferenz und die Eingabe der Dienstbotenvereine an den seines Achtstundentags nicht weniger Slave. in vielen Fällen auch den bescheidensten Ansprüchen an Be Reichstag. Nr. 6 der ,, Gleichheit" d. 3. Die Redaktion. Ob die Produktion au oder abnimmt, kann dem Arbeiter 64 Die Gleichheit Nr.» gleich sein, solange das Produkt nicht zu seiner Verfügung steht. Verkürzung der Arbeitszeit fordert er in dem Sinne, daß er frische Kräfte für sich erhält. Die Unternehmer ver- stehen auch sehr gut. daß diese Forderung der Verkürzung der Arbeitszeit eine Klassenforderung ist; darum wehren sie stch so sehr dagegen, selbst in den Fällen, wo die Verkürzung der Arbeitszeit für sie selbst von Vorteil wäre. Lieber opfern die Herren den Augenblieksprofit, um ja nicht die Macht der Arbeiterklasie für die Zukunft zu stärken. Der Kongreß faßte seine Arbeit in einer Resolution zu- sammen, in der mit allem Nachdruck der Zehnstundentag von der Regierung und dem Parlament gefordert wird. Weiter gelangten noch drei Resolutionen zur Annahme. Die beiden ersten verlangen das Arbeitsverbot für Männer, Frauen und Kinder zwischen lv Uhr abends und S Uhr morgens. Ferner die Nachtarbeit in Gewerben, in denen sie unentbehrlich ist, nur erwachsenen Männern zu gestatten in der Höchstdauer von acht Stunden. Die dritte Resolution fordert die holländischen Arbeiter auf, durch ihre gewerk- schaftlichen und politischen Organisationen ihre Klassenlage so zu verbessern, daß sie der Kinderarbeit ganz entbehren können. Einstweilen sollen die Arbeiter energisch auf das Parlament einwirken, danrit folgende sehr bescheidene Kinder- schutzbestimmungen baldigst erlassen werden: „Verbot aller Kinderarbeit unter 14 Jahren, neunstündiger Arbeitstag für Kinder zwischen 14 bis 17 Jahren. Obliga- torischer Besuch der öffentlichen Fortbildungsschulen." Mit der Annahme der letzten Resolution war die Arbeit des Kongresses zu Ende. Er soll der Anfang einer groß- zügigen Agitation sein, die mit Aufbietung aller Kräfte ge- führt werden soll, um die geforderten Reformen gesetzlich festzulegen. Mit wie viel Mühe muß doch das kleinste Stückchen Freiheit für die Arbeiter erobert werden! Amsterdam. M. Wibaut. Fürsorgeerziehung in einem„Kulturstaat". Nach einer Berechnung, die die„Soziale Praxis" im Januar aufstellte, gab es am 1. April 1906 in Preußen rund 37 000 Minderjährige, die der Fürsorgeerziehung über- wiesen worden waren; das macht auf je 10000 Einwohner beinahe 10 Zöglinge. 37000 junge Menschenkinder mußten als verwahrlost oder als in Gefahr der Verwahrlosung der elterlichen Erziehung entzogen und in staatliche„Fürsorge" genommen werden. Fürsorge! das Wort klingt so ivarm und menschenfreundlich. Vor unserem geistigen Auge steigt ein freundliches Haus auf, wo tüchtige und warmherzige Menschen jenen armen Enterbten die Liebe und Sorgfalt der Eltern ersetzen. In Wirklichkeit schaut es freilich anders aus.„Hohe Mauern mit Glasspitzen. Die Fenster vergittert. Das Tor hinter mir fällt knarrend ins Schloß. Auf dem Hofe mehrere Personen in Beinkleidern und Jacken derart, daß die linke Jacken- und rechte Hosenhälfte aus blauem, die rechte Jacken- und linke Hosenhälfte aus weißem Zeuge hergestellt war... Im Karzer niit schlechter Beleuchtung ein halbwüchsiger Mensch, der, als der Führer die Tür öffnet, halb erschreckt, halb blöde aufspringt. Mein Innerstes zittert... der Mensch dort vor mir soll hier-- erzogen werden. Ich befinde mich in einer Erziehungsanstalt!" So schildert der preußische Schuldirektor Konrad Agahd* seine Eindrücke von solch einer— Fürsorgeanstalt. Von dem, was hinter den dicken Mauern dieser„christ- lichen" Erziehungshäuser vorgeht, erfährt man selten etwas. Nur hie und da hört man, daß ein Fürsorgezögling aus der Anstalt entlaufen ist. Und man kann auch öfters lesen, daß Fürsorgezöglinge vor Gericht abgeurteilt werden, weil sie Vergehen oder Verbrechen verübt haben, nur um ins Ge- fängnis zu kominen. Diesen Unglücklichen erscheint das preußische Gefängnis ein weit besserer Aufenthaltsort als die Zwangserziehungsanstalt. Hier gibt es Prügel und Gefängniskost dort wird das Essen ohne Schläge verab- folgt. Nur aus diesem Grunde sehnen sich viele nach dem Gefängnis. Ja, es kommt sogar vor, daß sie sich eines Ver- brechens bezichtigen, das sie gar nicht begangen haben. So lief durch die ostelbische Presse folgende Notiz: „Der Dienstjunge Neumann, der sich vor kurzem der Brandstiftung an dem Schmulschen Speicher be- zichtigte, hat sein Geständnis zurückgezogen. Durch die Untersuchung ist festgestellt worden, daß der Taugenichts sich an dem betreffenden Tage gar nicht in Marienburg aufgehalten hat. Neumann war aus der Besserungs- anstatt in Könitz entsprungen und wollte durch sein Geständnis nur Aufnahme im Elbinger Ge- fängnis erlangen, wo er es bedeutend besser habe als in der Besserungsanstalt. Der Junge ist wieder nach Könitz zurückgebracht worden." Diese Notiz, die, wie man ihr schon ansieht, aus einem bürgerlichen Blatte stammt, spricht Bände von den Zu- ständen in den preußischen„Besserungs"anstalten. Ein weiterer Fall! Durch die bürgerliche Presse ging folgende Notiz: „Ein vor einiger Zeit von Memel entflohener Für- sorgezögling namens Hans Tobias ist jetzt von der Polizei in Steglitz bei seiner dort ansässigen Schwester ermittelt worden. Der Vierzehnjährige hat die weile Reise vom äußersten Nordosten des Reiches bis nach Berlin im Gepäckwagen gemacht, und zwar war er in einer Tonne verborgen. Er äußerte, die Fahrt wäre trotz * Konrad Agahd, Gewerbliche Kinderarbeit in Erziehungsanstalten, Vorwort. der Enge seines Behältnisses ganz gemütlich gewesen, nur hätte er sehr gehungert. Der Durchbrenner wird aufs neue der Fürsorgeerziehung zugewiesen werden." Wie müssen solche Kinder behandelt worden sein, wenn sie unter solchen Umständen die Freiheit zu erlangen suchen! Nun werden derartige„Durchbrenner", wenn sie wieder hinter den Mauern der Zwangserziehungsanstalt sind, in der unerhörtesten Weise geprügelt. Vor einiger Zeit wurde bekannt, wie man in Köln solche Opfer behandelt hat, und vor mir liegt der Brief eines Fürsorgezöglings an seine Mutter, in dem in herzzerreißender und erschütternder Weise geschildert wird, wie man in einer christlichen An- stall die jungen Menschen zurichtet, wenn sie nach dem Entweichen wieder zurückgebracht werden. Das Schreiben lautet nach Fortlaffung einiger Stellen: Liebe Mutter! Ich bin, wie du weißt, laut Beschluß vom Winter v. I. der Fürsorgeanstalt... überwiesen, wohin ich denn auch am... gebracht wurde. In der Verzweiflung habe ich mich selbst befreit. Ich war nunmehr bestrebt, Arbeit zu er- halten. Ich habe zusammengearbeitet mit meinem Bruder in K..... Beweis: Die in der Erziehungsanstalt befind- liche Arbeitsbescheinigung. Von K..... begaben wir uns nach M..... und arbeiteten da bei... 14 Wochen und bei der Firma... 14 Tage. Beweis: Die in der Anstalt befindliche Arbeitsbescheinigung. Von M..... begaben wir uns nach H..... und arbeiteten daselbst 14 Tage. Beweis: Die Arbeitsbescheinigung. Von H..... gingen wir nach S...., wo- wir Winterbeschäfttgung suchten. Im städtischen Asyl wurden wir jedoch festgenommen, und bereits am folgenden Tage wurde ich nach der Erziehungsanstalt transportiert, und zwar gefesselt wie ein schwerer Ver- brecher. In der Anstalt angekommen, wurde ich aller Kleidungs- stücke vom Rückgrat bis zu den Unterschenkeln entledigt und auf einen Tisch geworfen. Ich erhielt nun mit einem zwei Zentimeter dicken und einem Meter langen Rohrstock in Zwischenräumen von einer Viertelminute 60 Hiebe auf den nackten Körper, so daß mir das Blut längst an den Beinen herunterlief. Als der Hausvater müde war mit dem Prügeln, übergab er den Stock noch den beiden barmherzigen(!) Brüdern, damit diese mich noch peinigen sollten, was von ihnen auch prompt besorgt wurde. Ich wurde dann in eine kalte Zelle eingesperrt. An Kleidern hatte ich nur an: ein Hemd, ein Paar Hosen und eine Weste. ES war November und sehr kalt. Die Zelle war nicht geheizt. Keine Decke oder sonst was erhielt ich. Die erste Nacht konnte ich mich vor Schmerzen fast gar nicht bewegen. Ich fror am ganzen Leibe, so daß ich dachte, der Tod ist nahe. Die Zelle wurde außerdem noch verdunkelt, was bei Gefangenen unter 18 Jahren in den Gefängnissen nicht gestattet ist. Nach vier Tagen wurde ich aus der Zelle gelassen, aber in welchem Zustand? Kopfschmerzen wechselten mit Schwindel» anfüllen und Zittern am ganzen Körper ab. Die' Füße waren dick geschwollen, so daß ich fast gar nicht stehen, noch gehen konnte. Nun trieb man mich hinaus zur Arbeit. Als ich auf allen vieren kriechen mußte, um nicht liegen zu bleiben, ließ man mich auf dem Hofe arbeiten. Ich werde voraussichtlich lebenslänglich kranke Füße behalten. Nicht ich allein, sondern auch andere Zöglinge sind auf ähnliche Weise behandelt worden. Der Zögling..... entlief mir mir zusammen unter Mitnahme einer Axt; er erklärte, daß er jeden totschlage, der ihm nachlaufe. Lieber wolle er im Gefängnis oder Zuchthaus sein oder, was noch viel besser sei, hingerichtet werden, als in solch einer Anstalt bleiben. Beweis für alles: Die Fürsorgezöglinge...(Folgen sechs Namen). Ich habe inich während der fünf Monate Frei- heil gut geführt und habe keine strafbare Handlung be- gangen..." Soweit das Schreiben. Was mag die Mutter beim Lesen dieser Schilderung empfunden haben! Mag sein, daß ein- zelnes übertrieben ist, wahr bleibt, daß die Zöglinge in der unmenschlichsten Weise behandelt werden. Fraglich ist es noch, ob bei einer solchen Prügelei ein Arzt zur Stelle ist, der darauf achtet, daß keine Krüppel gezüchtet werden. Nach dem Brief zu urteilen, scheint dem Zögling keine ärztliche Hilfe geleistet worden zu sein. Im Zuchthaus werden selbst die schwersten Verbrecher humaner behandelt, da hier die ärztliche Hilfe eintritt, wenn man daS Opfer zu barbarisch behandelt hat. Ebenso gibt der Arzt hier erst sein Gut- achten über den zu prügelnden Delinquenten ab. In den Erziehungsanstalten besorgt das alles der„HauSvater". Selbst„Mädchen" werden in der härtesten Weise be- handelt, wenn sie einer Zwangserziehungsanstalt entlaufen sind. Wird solch ein Opfer zurückgebracht, so setzt eS eben- alls fürchterliche Prügel ab. Der Leiter einer Mädchen- zwangserziehungsanstalt, Herr Pfarrer Braun in Augsburg, schrieb der„Königsberger Volkszeitung", als diese eine 'chwere körperliche Züchtigung eines Mädchens zur Sprache brachte, daß der Landeshauptmann der Provinz Ostpreußen angeordnet habe, Mädchen, die der Anstalt entlausen, auf das Gesäß mit einem Stock zu prügeln. Dem Opfer, von dem hier die Rede ist, hatte man zwanzig Hiebe versetzt! Das ist die Erziehungsmethode in christlichen Anstallen! Dabei handell es sich meist um Geschöpfe, die bisher keine Erziehung genossen haben. Viel Liebe, Nachsicht, Geduld und Ausdauer ist nötig, um auf diese durch rauhe BeHand- lung verhärteten oder durch Mangel an Aufsicht verwahr- losten Gemüter einzuwirken. Statt dessen behandelt man sie hart und roh» um sie zu unterwürfigen, willenlosen Ge- chöpsen zu machen. Versteht sich, daß zu diesem Zweck neben dem Stock auch das Gebe. buch eine große Rolle spielt.— Was bei einer derartigen Erziehung herauskommt, ist jedem Einsichtigen klar. Ein Hund, den man mit Schlägen aufzieht, wird bissig; ein Pferd, das man mit Peitschenhieben trakttert, wird ein Schläger. Ebenso wird ein Mensch, der sich mit Roheit und Härte behandelt sieht, roh und verstockt werden. Man braucht nur einige Wochen den Stra ftämm ersitz ungen beizuwohnen, wenn Diebe, Ein- brecher, Sittlichkeitsverbrecher usw. abgeurtellt werden. Sehr oft hört man da bei Verlesung der Personalien, daß es sich um Leute handelt, die in einer Fürsorgeerziehungs- an st alt„zu Menschen gemacht" worden sind. Und welchen Kindern wird solch eine Erziehung zuteil? — Den Kindern des arbeitenden Volkes. Bielfach handelt es sich um uneheliche Kinder armer Mädchen. Sterben diese Kinder nicht als Säuglinge fort, so droht ihnen meist die Zwangserziehungsanstalt mit all ihren Schrecken. Die Mutter kann sich um das Kind nicht be- künimern, sie ist arm— sie muß arbeiten. Heiratet sie, so will der Mann von dem„Kind der Sünde" nichts wissen- Es muß sich bei fremden Leuten herumstoßen lassen oder kommt in die Fürsorgeerziehungsanstalt, besonders wenn es sich herausstellt, daß es in der„Freiheit" der Verwahrlosung anheimfallen kann. Aber nicht nur uneheliche, nein, auch eheliche Kinder werden häufig der Fürsorgeerziehung überwiesen. Und auch hier handelt es sich wiederum nur um die Kinder der Armen. Ein Kind aus der desitzenden kc lasse ist wohl noch nie in eine Zwangserziehungsanstalt gekommen. Verivahr- lost hier ein Kind, so schreitet der Staat nicht ein, da der Vater des Kindes Geld genug hat, um seinem Sprößlmg einen Erzieher zur Seite zu stellen. Anders ist es mit den Kindern des arbeitenden Volkes. Auf ihnen lastet der Fluch des Kapitalismus. Und zwar ist es vor allem die Frauen» arbeit, die den Kindern zum Fluche wird. Die Mutter muß hinaus ins Erwerbsleben, da der Lohn des Vaters nicht ausreicht, alle hungrigen Mäuler zu stopfen. Die Kinder bleiben zu Hause, allein, ohne jede Aufsicht. Von irgend welcher Erziehung kann kaum die Rede sein. Ist es da ein Wunder, wenn ein Kind der Verwahrlosung anheim- fällt? Nein! Wundern muß man sich nur, daß es vielen Eltern trotzdem gelingt, ihre Kinder wenigstens einigermaßen zu erziehen. Aber der Charakter der Kinder ist sehr ver- schieden, und es ist nur zu begreiflich, wenn Arbeiterkinder auf Abwege geraten. Tritt das«in, dann kommt der Staat, greift in die heiligsten Rechte der Eltern ein und steckt die Kinder gegendenelterlichenWillenin eine Zwangs- erziehungsanstalt. Wenn der Mann genug verdiente, um seine Familie zu ernähren, so daß die Frau nicht zum Mit- verdienen gezwungen wäre, oder wenn öffentliche Ein- richtungen geschaffen würden, wo die Kinder in der schul- freien Zeit unter der Aufsicht pädagogisch gebildeter Per- sonen Unterhaltung und geeignete Beschäftigung finden könnten, dann würden die Zwangserziehungsanstalten nicht so bevölkert sein wie jetzt. Die kapitalistische Gesellschaft — nicht die böse Sozialdemokratie— hat die Familie zer- stört, in der das heranwachsende Geschlecht bisher Aufsicht und Erziehung fand; und wenn dann die Kinder des arbeitenden Volkes verwahrlosen, dann ergeht sich dieselbe kapitalistische Gesellschaft in heuchlerischer Entrüstung und sperrt die Armen in die Zwangserziehungsanstallen. Bor allen Dingen heißt es jetzt das Verlangen stellen, daß die Kinder in den Erziehungsanstalten menschlich be- handelt und gut erzogen werden. Durch das Bürgerliche Gesetzbuch ist die Sorge für die Erziehung verwahrloster Ltinder der Landesgesetzgebung überlassen, ein Zustand, der die bedauerliche Folge hat, daß die buntesten Bestimmungen in den verschiedenen Bundes- staaten bestehen. In Preußen bestand bis zum Jahre 1901 „das Gesetz, betreffend die Unterbringung verwahrloster Kinder". Am 1. April 1901 trat das„Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger" in Kraft. Nach diesem Gesetz kann die Behörde einen Minderjährigen, der das 13. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, der Fürsorge- eiziehung überweisen, um seine weitere Verwahrlosung oder fern völliges sitttiches Verderben zu verhüten. Das Vor- mundschaftsgericht muß die Überweisung beschließen. Die Begehung einer strafbaren Handlung ist. entgegen ven Bestimmungen des früheren Gesetzes, zur Unterbringung eines Minderjährigen in Fürsorgeerziehung nicht er- forderlich. Das preußische Zwangserziehungswesen ist anders zu regeln. Das dürfte jedem Arbeiter, jeder Arbeiterfrau klar sein. Der Ort, wo das geschehen kann, ist freilich der preußische Landtag, in dem kein Vertreter der arbeiten- den Klasse ist. Die Vertreter der besitzenden Klaffe, die Junker und Pfaffen sind mit dein jetzigen durchaus ver- werslichen System sehr zufrieden. Sie können stch keine andere Erziehungsmethode denken. Auch aus diesem Grunde muß das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für den preußischen Landtag erkämpft werden. Sitzen in diesem Parlament erst Arbeilervertreter, dann setzt auch die Kritik ein, und solche Barbareien, die jetzt in den Zwangs- erziehungsanstalten zuweilen vorkommen, würden bald un- möglich sein. Vor allem aber würde auf Beseitigung des gegenwärtigen Dressursystems hingearbeitet werden. Arbeiter- srauen! ihr habt deshalb eine heilige Pflicht zu erfüllen. Ihr müßt euch in die Reihen der Wahlrechlskämpfer stellen und alles daran setzen, damit Kultur, Menschlichkeit und Sitte in die„christlichen" Erziehungsanstalten einziehen. Das ist ein hohes Ziel; es muß erstrebt werden um unserer Kinder und um der ganzen Menschheit willen. Carl Marchionini-Königsberg. Nr. 8 Die Gleichheit SS Zur Lage der Arbeiterinnen in Zeitz und Amgegend. In unserem industriereichen Orte, wo die Zahl der Proletarierinnen in Fabrik- und Heimarbeit weit über tau- send beträgt, kann man leider immer wieder die Erfahrung machen, daß sich die Frauen sehr wenig für die Wirtschaft- lichen Kampfe der Arbeiter interessieren. Es ist das um so verwunderlicher und beklagenswerter, als die Zeitzer Ar- beiterinnenverhältnisse durchaus nicht befriedigend zu nennen sind. Nur wenige Arbeiterinnen erfreuen sich eines halb- wegs auskömmlichen Lohnes. Auch hört man häufige Klagen darüber, daß dieser oder jener Meister oder sonstige Vor- gesetzte die Frauen und Mädchen protzig behandelt oder ggr Zumutungen an sie stellt, die jeder ehrlichen Arbeiterin die Zornesröte ins Gesicht treiben muß. Wir erinnern nur an das unwürdige Kontrollsystem in der Seifen- und Schoko- ladensabrik von Ohmig&. Weidlich, dann wollen wir noch die Firma Opel& Kühne herausgreisen. Wie steht es da zum Beispiel in der Schleiferei aus? Da müssen die Ar- beiterinnen den schädlichen Staub einatmen, weil jede Ben- tilation fehlt. Es ist ein Skandal, wie wenig Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeiterinnen genommen wird. Völlig unbrauchbar ist auch der Umkleideraum. Will man ihn be- nützen, so ist man gezwungen, erst drei Etagen hoch zu steigen, dabei dürfen die Arbeiterinnen nicht riskieren, etwa einige Augenblicke vor dem Signal von der Maschine weg- zugehen, wen» sie sich nicht derb anfahren lassen wollen. Unter diesen Umständen kleidet man sich eben an, wo es gerade paßt.— Am drückendsten und ungerechtesten sind aber die Lohnverhältnisse. Wie lange wollen es sich die Arbeite- rinnen noch gefallen lassen, daß sie für Arbeiten, die von Männern und Frauen im Akkord hergestellt werden, 20 bis 30 Prozent weniger erhalten als ihre männlichen Kollegen? Hauptsächlich in der Kinderwagenbranche und hier speziell in der Korbmacherei werden die Männer nach dem allge- mein geltenden Tarif bezahlt, die Frauen jedoch erhalten für dieselbe Arbeit bedeutend weniger. Die Folge davon ist natürlich, daß die Fabrikanten bestrebt sind, die Löhne der Männer ebenfalls herabzudrücken, oder aber die männ- liche Arbeit ganz auszuschalten. Das können und dürfen die Arbeiterinnen nicht zulassen. Sie müssen bestrebt sein, den gleichen Lohn zu erhalten wie ihre männlichen Kollegen. Zu diesem Zwecke müssen sich die Frauen gleich ihren Mit- arbeitern den am Orte bestehenden Organisationen anschließen. Daß dadurch auch für die Arbeiterinnen etwas erreicht werden kann, beweist die letzte Lohnbewegung der Korb- macher am hiesigen Orte. Diese Bewegung konnte ohne Streik zugunsten der Arbeiter zu Ende geführt werden, weil die Unternehmer wußten, daß die Korbmacher und Korb- macherinnen fast alle dem Holzarbeiterverband angehörten. Sie zogen es deshalb vor, sich auf Verhandlungen mit den Führern der Organisation einzulassen; und wenn dabei auch nicht alle unsere Wünsche erfüllt worden sind, so sind wir doch ein gutes Stück vorwärts gekommen.— Das soll uns ein Ansporn sein, fleißig für den Holzarbeiterverband zu agitieren; ungefähr 70 Arbeiterinnen gehören ihm ja schon an, aber eine große Zahl steht noch abseits. Wir ersuchen alle Kolleginnen, fleißig die speziell für weibliche Mitglieder veranstalteten Versammlungen zu besuchen, wo ihnen Ge- legenheit geboten wird, sich aufzuklären und sich unter- einander über ihre Lage auszusprechen. Sehr vorteilhaft wäre es, wenn die Arbeiterinnen in jeder Fabrik eine Kol- legin bestimmten, die die Wünsche und Beschwerden ent- gegenzunehmen und an die richtige Stelle weiterzugeben hat. Eine derartige Einrichtung ist nicht nur für die Holz- industrie, sondern ebensosehr für jeden anderen Beruf zu empfehlen. Die Unternehmer haben einen großen Respekt vor der öffentlichen Kritik. Als zum Beispiel vor einiger Zeit Mißstände aus der Firma Ohmig& Weidlich im hiesigen Volksblatt zur Sprache gebracht worden waren, geriet der Besitzer in großen Zorn und soll sogar 10 Mk. für denjenigen ausgesetzt haben, der ihm den Schreiber des Artikels nennt— aber die Übel stände wurden doch sofort beseitigt! Die Arbeiterinnen sind meist selbst schuld an ihrer schlechten Lage und an der unwürdigen Behandlung, die ihnen häufig zuteil wird. Wenn sie sich nicht alles ruhig gefallen ließen und wenn sie den Gedanken der Or- ganisation richtig begreifen möchten, dann würde vieles besser sein. Darum ergeht an alle Arbeiterinnen in Zeitz und Umgegend der Ruf: Wacht auf! Schließt euch der Organi- sation an und seid bestrebt, ihr immer neue Mitkämpferinnen zuzuführen— uns zu Nutz, den Unternehmern zum Trutz! A. G. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Wie schon in der vorigen Num- mer mitgeteilt worden ist. begann im Februar in Düffel- dorf, Köln, Kalk und Ehrenfeld auf Anregung der Unterzeichneten je ein Diskussionskursus über das Par- teiprogramm. Jeder Kursus umfaßte 6 Vorttäge. die zusammenhängend die Teilnehmerinnen mit dem Jdeengang der Sozialdemokratie bekanntmachen sollten, über den ersten Diskussionsabend in Köln schrieb die„Rheinische Zeitung": ,,Es hatte sich eine ansehnliche Zahl von Frauen und Mädchen eingesunden. Die Aufmerksamkeit, mit der die Anwesenden den einleitenden dreiviertelstündigen Vortrag der Genossin Kähler aus Düsseldorf entgegennahmen, war mustergültig. Genossin Kähler gab eine gedrängte, aber klare und verständliche Darstellung der verschiedenen Ent- wicklungsepochen des Menschengeschlechts, wobei sie sich aus die Forschungen Morgans und anderer, sowie auf die Er- gebnisse der modernen Naturwissenschaft stützte. Dann trat man in eine halbstündige Diskusston ein. Von der üblichen Form der Diskussion abweichend, stellte die Vortragende an ihre ZuHörerinnen Fragen, die auf den Inhalt ihrer ein- leitenden Ausführungen Bezug hatten und von den Ge- fragten in kurzen, zusammenhängenden Sätzen beantwortet ivurden. Diese Art der Diskusston ist außerordentlich för- derlich für die Zwecke der Veranstaltung. Einerseits werden dadurch die Hauptgedanken des Vortrags kurz der Reihe nach wiederholt und so dem Gedächtnis eingeprägt, anderer- seits werden die Zuhörer an die größte Aufmerksamkeit und an ein zusammenhängendes Denken gewöhnt." Die Kurse dürften dazu beigetragen haben, daß die Genossinnen wenig- stens wissen, warum sie Sozialdemokratinnen sind.— Des weiteren sprach die Unterzeichnete im Monat März bei den Metallarbeitern in Bielefeld und Gevelsberg und bei den Fabrikarbeitern in Benrath und Bielefeld, in Ratingen in einer Volksversammlung und in Rem- scheid und Essen in gutbesuchten öffentlichen Frauen- Versammlungen. Sämtliche Veranstaltungen brachten uns neue Leser der„Gleichheit" und neue Parteimitglieder. W. Kähler. Im März fanden in der Umgegend von Frankfurt a.M. mehrere öffentliche Frauenversammlungen statt, in denen über das Thema:„Die Frau in Beruf, Politik und Haus" referiert wurde. In Heddernheim, Oberrad, Bockenheim und Höchst wurden Bildungsvereine ins Leben gerufen, die zunächst als Zweige des Frankfurter Vereins bestehen, sich später bei genügender Entwicklung aber selbständig machen sollen. Das Interesse der Frauen war überall sehr erfreulich, in sämtlichen Versammlungen traten fast alle Besücherinnen sofort den neuen Vereinen bei. Die in den Vorstand ge- wählten Genossinnen bewiesen einen großen Eifer, und es ist zu hoffen, daß es ihrer fleißigen Agitation gelingen wird, die Vereine zu Nutz und Frommen unserer Bewegung in die Höhe zu bringen und dadurch Aufklärung in weitere Kreise zu tragen. öl. It. In mehreren Versammlungen zu Luckenwalde referierte die Unterzeichnete über:„Die kulturelle Bedeutung der modernen Gewerkschaften". Die Versammlungen waren vom Hutarbeiterverband arrangiert; sie hätten besser besucht sein können— es fehlten, wie immer, die Heimarbeiterinnen. Das gleiche Thema wurde in Spandau, Adlershof, Woltersdorf und Weißensee in Versammlungen des Fabrikarbeiterverbandes behandelt. Diese Versamm- lungen waren gut besucht. M. Zeetze. Ende März tagte in Oberramstadt eine öffentliche Frauenversammlung, in der Genosse Braband einen Vor- trag hielt über den Programmsatz„Religion ist Privatsache". Es war sehr nötig, daß die Genossinnen über diesen Punkt aufgeklärt wurden, da in letzter Zeit die Kinderschulschwester allwöchentlich an S0 Frauen um sich sammelt, um Bet- stunde abzuhalten. Dabei vergißt sie auch nicht, über die Sozialdemokraten zu schimpfen und sich über die Frauen aufzuhalten, die sich dem Frauenverein Gleichheit ange- schlössen haben. Durch die Versammlung ist die Abonnenten- zahl der„Gleichheit" auf 30 erhöht worden. Es wäre sehr wünschenswert, daß die Mitglieder in den nächsten Ver- fammlungen des Vereins vollzählig erscheinen würden, da sich mehrere Genossen bereit erklärt haben, in denselben aufklärende Vorträge zu halten. Es ist beschlossen worden, nach Ostern eine öffentliche Volksversammlung einzuberufen, in welcher eine Genossin referieren soll. Das hiesige Ge- werkschaftskartell hat sich bereit erklärt, die Kosten zu tragen, da der Verein erst kurze Zeit besteht und infolgedessen noch keine Mittel besitzt. Kath. Hofmann. In Altwasser fand Ende März eine Frauenversamm- lung statt, die ziemlich gut besucht war, und in der Genosse Bergmann referierte. Er schllderte das Elend der arbei- tenden Bevölkerung, besonders das der Arbeiterinnen, ihre Ausbeutung durch die Fabrikbesitzer, ihre niedrigen Löhne usw. Die miserablen Wohnungsverhältnisse, unter denen die Arbeiter zu leiden haben, seien häufig die Ursache von ver- heerenden Epidemien. Der Referent forderte zum Kampfe auf gegen diese menschenunwürdigen Zustände. Seine Worte wurden mit Beifall aufgenommen. Am Schlüsse der Ver- sammlung meldeten sich neue Mitglieder. Selma Geistert. Von den Organisationen. Der Verein der Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse zu Erlangen ver- anftaltete im vorigen Monat einen Vortragsabend, der gut besucht war. Herr vr. Peters, der Sprecher der freien Gemeinden von Nürnberg, Fürth und Erlangen, referierte über:„Erziehung ohne Glaubenszwang". Im Laufe seiner Ausführungen wieS der Referent auf die großen Gegensätze hin, die innerhalb der christlichen Kirche zwischen den ein- zelnen Konfessionen bestehen, und ergänzte seine Ausführungen noch durch Zitate hervorragender Männer der Kirche. An dem Auswendiglernen des religiösen Stoffes in den Schulen übte er scharfe Kritik; es sei völlig nutzlos, da die Kinder im praktischen Leben nichts damit anfangen könnten. Der Geistlichkeit wäre eS ja aber auch nur darum zu tun, daS Volk hübsch dumm und unwissend zu erhalten, damit eS sich tüchtig und ohne Murren ausbeuten ließe. Darum sei der freireligiöse Unterricht erforderlich, der freie Menschen aus den Kindern machen wolle. Die Kinder sollten den unüber- brückbaren Gegensatz zwischen Religion und Naturlehre kennen lernen, damit es ihnen später leichter werde, zu begreifen, wo die Wahrheit ist. vr. Peters bedauerte, daß die große Arbeiterbewegung so wenig Fühlung mit den freien Ge- meinden hat; er ist aber überzeugt, daß sich das bald ändern wird. Ein Gedicht von Jacoby schloß den interessanten Vortrag. Marz. Hüttner. Jahresbericht der Vertranensperson der Genvssinnen Mannheims. Am 1. April 1906 wurde die hiesige prole- tarische Frauenbewegung an den sozialdemokratischen Verein' Mannheims angeschlossen. Die Befürchtungen, daß dadurch der innige Zusammenhalt der Frauen gestört werden würde, haben sich als unbegründet erwiesen. Trotz aller Schikanen ist es gelungen, den Verein langsam in die Höhe zu bringen. Es wurde stets darauf geachtet, für die Frauenversamm- lungen geeignete Referenten heranzuziehen. So hatten wir das Glück, in acht großen Versammlungen interessante Vor- träge zu hören, unter anderem zwei über„Säuglingspflege und Kindererziehung" von Herrn vr. Neter, einen über die damals bevorstehende Frauenkonferenz von Genossen Reichs- tagsabgeordneten Frank, einen über das Thema:„Religion ist Privatsache" von Genossen Reichstagsabgeordneten Leh- mann und einen über„.Heimarbeit" von Arbeitersekretär Böttger. Auch die Vertrauensperson hielt zwei Vorttäge. In zwei großen öffentlichen Frauenversammlungen referierten die Genossinnen Zietz und Plum. Auch sonst war das Vereinsleben sehr rege. Dursten wir doch dieses Jahr die sozialdemokratische Frauenkonferenz in unseren Mauern be- grüßen. Wieviel haben wir da nicht gelernt, und wie muster- Haft haben sich die Mannheimer Genossinnen gegenüber den auswärtigen Delegierten gezeigt! Die Opferwilligkeit der Genossinnen ist sehr groß. Abgesehen von den finanziellen Opfern, die sie bringen, sind sie auch stets bereit, hilfreich einzuspringen, wenn es gilt, eine Not zu lindern. Bei den Reichstagswahlen haben die Genossinnen ihre ganzen Kräfte in den Dienst der Partei gestellt. Während die bürgerlichen Damen erst vierzehn Tage vor der Wahl um prakttsche Winke und Ratschläge zur Wahlarbeit baten, waren die proletari- schen Frauen schon viel früher mitten in der Arbeit.— Ge- sundheitsrücksichten zwangen die Unterzeichnete leider, am Schlüsse des Jahres ihr Amt als Vertrauensperson nieder- zulegen. An ihrer Stelle wurde von der Generalversammlung fast einstimmig Genossin Blase gewählt. Die Unterzeichnete scheidet aus ihrer Stellung mit dem Wunsche und der Hoff- nung, daß die Genossinnen mehr und mehr selbständig werden. Möge es dem neuen Vorstand respektive der neuen Vertrauensperson gelingen, die Masse der sozialdemottatischen Frauen immer fest zusammenzuhalten. Möge sie in ihrer Kraft nicht erlahmen, sondern stets neuen Mut schöpfen, da- mit sie der Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung Mannheims, der Ausbreitung der sozialisttschen Ideen ihre ganze Aufmerksamkeit schenken kann. Stefanie Hoffmann. Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Fraue»». Die Unterzeichnete referierte während der Wahlbewegung in Eisenach-Dermbach. In insgesamt U Versammlungen konnte sie ungestört zu den Wählern sprechen. In verschie- denen Orten jedoch wurde ihr das Reden von der weisen Behörde verboten. Sie hatte schon in drei Orten referiert, da ging im vierten, in Madelungen, der Spuk los. Der Bürgermeister gestattete das Reden nur unter der Beding- ung, daß das Thema geändert wurde.„Frauen haben kein Wahlrecht, infolgedessen können sie auch nicht vom Wählen reden," so meinte der weise Herr. Um die für den kleinen Ort sehr gut besuchte Versammlung nicht illusorisch zu machen, sprach Genossin Jeetze über„Jugenderziehung". In KlingS machte der Bürgermeister die einberufene Versamm- lung noch eine Stunde vor ihrem Beginn unmöglich; der Gemeindedicner mußte durch Ausschellen bekanntgeben, daß die Versammlung nicht stattfinden dürfe. In der Ver- sammlung zu Kaltensundheim sangen die anwesenden Anttsemiten der Referenttn zum Empfang die Lieder:„Frei- heit, die ich meine" und„Es braust ein Ruf wie Donnerhall". Jedoch konnte sie ihren Vorttag hallen; es kam nicht so well, wie in vielen anderen Orten, wo die Antisemiten unsere Referenten überhaupt nicht sprechen ließen, wobei sie von der Polizei meist nach Kräften unterstützt wurden.— Im Oberland fing es an, schriftliche Verfügungen zu regnen. Nr. 1 besagte, daß Frau Zieh aus Hamburg im Kreise nicht reden dürfe. Die Unterzeichnete konnte nachweisen, daß ihr Name Jeetze und nicht Zieh sei, und so ging's wieder für ein paar Versammlungen. Dann kamen die Verfügungen Nr. 2 und Nr. 3. Nach Nr. 2 dürfen gemäß Paragraph soundso Frauen an den Versammlungen nicht teilnehmen, nach Nr. 3 dürfen alle nicht wahlberechtigten Personen nicht an Versammlungen teilnehmen, in denen über die Reichstags- wähl gesprochen werden soll. Da Genossin Jeetze aber schon im Herbst in Eisenach tätig war, berief Genosse Runknagel für Eisenach eine öffentliche Versammlung ein. Plakate, Annonce, alles war schon besorgt, da wurde Verfügung Nr. 4 gebracht. Sie hatte folgenden Wortlaut: Eisenach, 21. Januar 1907. Die von Ihnen für den 22. d. M. abends im Bellevue angemeldete Versammlung, in welcher die Frau Jeetze aus Berlin als Rednerin bezeichnet worden ist, wird hiermit auf Verfügung des Großherzogl. Herrn Bezirks- direktors verboten, well dies« Dame höheren OrtS als eine von den Rednerinnen bekannt ist, von welchen eine die verschiedenen Bevölkerungstiassen gegeneinander aufhetzende agitatorische Tätigkeit zu befürchten ist. Der Oberbürgermeister fName unleserlichf. Es ward nun ein Genosse beaufttagt, daS Referat zu halten. AlS die Versammlung eröffnet wurde, verlangte der überwachende, daß die Frauen hinauSgewiesen würden. Man beschloß, sich dem Ansinnen des Beamten nicht zu fügen. Die Folge davon war die Auflösung der Ver- sammlung. M. J. WaS alles als öffentliche Nngelegrnheiten angesehen wird! In Nr. 2S der„Gleichhell" vom vorigen Jahre haben wir berichtet, daß die Vorsitzende des Rem- scheider Bildungsvereins für Arbeiterfrauen und -mädchen, Genossin Sttewinski, wegen Ntchtanmeldung «6 Die Gleichheit Nr. 8 eines Vortrags über„Erdbeben und feuerspeiende Berge* zu 16 Mk. Geldstrafe verurteilt worden war. Der Referent, Genosse Markus, hatte nämlich in seinen Ausführungen bei- läufig bemerkt, daß in der Volksschule zu wenig Naturwissen- schaft gelehrt werde, und daß die Schule verweltlicht werden müsse; und er hatte seinen Vortrag mit den Worten ge- schloffen:„Fort mit der Geistessklaverei! Wir tragen hier Bausteine einer befferen Zukunft zusammen*. Darin sah das Gericht eine„Erörterung öffentlicher Angelegenheiten", für die eine Anmeldung nötig gewesen wäre.— Das Land- gericht Elberfeld, als Berufungsinstanz, hatte jedoch seiner- zeit die Angeklagte freigesprochen. Sie habe den Redner beaustragt, einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, und es sei nicht erwiesen, daß sie während des Vortrags seine wahre Tendenz erkannt habe. Es sei ihr deshalb auch kein Vorwurf daraus zu machen, daß sie den Redner nicht an den erwähnten Ausführungen gehindert habe. Darauf legte die Staatsanwaltschaft Revision ein; das Kammergericht hob Mitte März das freisprechende Urteil wieder auf und verwies die Angelegenheit an das Landgericht Elberfeld zurück. Das Kammergericht kam nämlich zu einem höchst geistvollen Entscheid, das aus dem Juristendeutsch unser geliebtes Hochdeutsch über- tragen ungefähr folgendermaßen lautet: ES genügt nicht, daß«ine Versammlung nach Programm und Absicht der Veranstalter einen nichtöffentlichen Charakter trage. Auch dadurch, daß mitten in der Verhandlung über nichtöffentliche Angelegenheiten irgend ein Versammlungsteilnehmer irgend eine össenttiche Angelegenheit streife, werde die Versammlung sofort anmeldepflichtig, und jeder, der in ihr als Leiter oder Redner auftrete, mache sich strafbar. Eine wunderbar aus- dehnungsfreudige Auslegung des z 1 des Vereinsgesetzes, nach dem nur anmeldepflichtig sind„solche Versammlungen, in denen öffentliche Angelegenheiten erörtert oder beraten werden sollen"! Nachdem man schon den Begriff der öffentlichen Angelegenheit auf das kunstvollste„er- weitert* hat, dehnt man jetzt noch viel kunstvoller den Be- griff der„beabsichtigten Erörterung" öffentlicher An- gelegenheiten auf jede beiläufige Bemerkung aus! Wahrhaftig, es gibt noch Richter in Berlin!— Am 4. April ist nun der Verein von der Strafkammer zu Elberfeld geschlossen worden. Zu der Verhandlung waren zwei Polizeikommissare und zwei Polizeiwachtmeister als Belastungszeugen zuge- zogen worden. Sie sollten den Nachweis erdringen, daß d«r Verein politische Tendenzen verfolgt habe. Die letzteren sollt»» ersichtlich sein aus den Reden, die in öffentlichen Frauen- und in Mitgliederversammlungen gehalten worden waren. Die Entlastungszeugen— Redner der betreffenden Versammlungen— gaben zu, wohl in den öffentlichen, aber nicht in den Mitgliederversammlungen für die Sozialdemo- kratie Propaganda gemacht zu haben. Der Verein treibe keine Polttik, sondern fördere Wissen und Bildung unter seinen Mitgliedern. Aber den Richtern hatten es gerade die Reden in öffentlichen Versamnilungen angetan, und es wurde hervorgehoben, daß es sozialdemokratische Führer gewesen seien, die in den Versammlungen gesprochen hätten. Auch sei für das sozialdemokrattsche Blatt„Gleichheit" agi- tiert worden. Des weiteren sollen sich die Mitglieder am Gewerkschaftsfest beteiligt haben— nach Ansicht der Richter auch eine sozialdemokratische Tendenz. Und schließlich hätten die Leiterinnen„Frauenspersonen" als Mitglieder auf- genommen. Der Staatsanwalt beantragte für die Vor- sitzende 60 Mk. Geldstrafe und für die drei weiteren Vor- standsmitglieder 30 Mk. Das Gericht erkannte nach längerer Beratung auf 40 beziehungsweise 20 Mk. Geldstrafe und, da die Vorsitzende schon wegen Übertretung des Vereins- gesetzes vorbestraft sei, auch auf Schließung des Vereins. Eine Versammlung des Paukower Frauen- und MädchenbildungövereiuS, in der Schriftsteller Eichler über:„Die Schule, wie sie war und ist" referierte, war von dem Borstand nicht bei der Polizei gemeldet worden. Da- gegen hatte der Gastwirt Ebersbach, bei dem sie tagte, „mindestens 24 Stunden vorher"(§ 1 des preußischen 33 et- einsgesetzes) der Polizei Meldung gemacht, und zwar in der Form, daß er anzeigte:„eine Sitzung des Pankow« Frauen- und JungfrauenvereinS". Bei einer zufälligen Anwesenheit auf dem Amtsbureau hatte er nämlich die Gelegenheit he- nutzt, sich wegen der Rechtslage zu befragen, und vom Amts- sekretär den Rat erhalten, die Vetsanimlung anzumelden. Der Amtssekretär schickte auch einen Gendarm zur über- wachung, da ihm ein Frauen- und Jungfrauenverein unbe- kannt war und er gleich annahm, es handle sich um den Frauen- und Mädchenbildungsverein zu Pankow. Trotzdem wurde in zweiter Instanz die Genossin Meißner alS Bor- steherin, Leiterin und Rednerin, Genossin Tum an n als Rednerin und Ebersbach als Inhaber des Lokals auf Grund der ZZ 1 und 12 des preußischen Vereinsgesetzes zu Geldstrafen unter der Annahme verurteilt, daß es sich um eine nach§ 1 anmeldepflichtige, aber nicht ordnungsmäßig angemeldete Versanimlung zur Erörterung öffentlicher An- gelegenheiten handle.— Das Kammergericht als Revisions- instanz, vor dem Rechtsanwalt Th. Liebknecht die Angeklagten vertrat, sprach zwar Genossin Sumann wegen Verjährung frei, verwarf aber die Revision der beiden anderen Ange- klagten mit folgender Begründung: Nicht zu entscheiden nötig wäre hier die Frage, wie ein zwischen den§§ 1 und 12 des Vereinsgesetzes bestehender Widerspruch zu lösen wäre: ob nämlich die Anmeldung durchaus vom Unter- nehmer einer Versammlung im Sinne des§ 1 erfolgen müsse (§ 1), oder ob es genüge(§ 12), daß die Versammlung über- Haupt angemeldet sei. Denn hier liege eine unrichtige An- Meldung vor, und es sei selbstverständlich, daß die Bcnach- richtigung der Polizei eine richlige sein müsse, weil das Gesetz für Versammlungen zur Erörterung öffentlicher An- gelegenheiten der Polizei gewisse Berechtigungen gewähre und die Unternehmer zu einer Benachrichtigung verpflichte. Ebersbach habe gar keine„Versammlung", sondern eine „Sitzung* angmeldet. Eine Sitzung und eine Versamm- lung seien aber etivas Verschiedenes, wie unter anderem auch das Reichsgericht anerkannt habe. Und auch einen anderen Verein habe EberSbach bezeichnet als den, der wirklich tagte. Es sei deshalb vom Landgericht ohne Rechts« irrtum festgestellt, daß keine Anmeldung einer Versamm- lung erfolgt sei. Politische Rundschau. Zum 16. Juni lädt Rußlands Zar— sicherlich d« Berufenste— die Regierungen der Kulturstaaten zur zweiten Friedenskonferenz nach dem Haag. Würdig eingeleitet wird ihre Tagung durch eine Häkelei zwischen England und Deutschland. England wünscht— und es wird von Spanien und Nordamerika unterstützt—, daß die Konserenz versuche, eine Beschränkung der Rüstungen unter den Mächten zu vereinbaren. Nicht aus idealer Friedensliebe, sondern weil es zurzeit kein Bedürfnis nach kriegerischer Expansion hat. Es ist weltpolitisch gesättigt und möchte verdauen und sparen. Seine Flotte ist stark genug, um es mit zwei Mächten zugleich aufnehmen zu können, und das Bündnis mit Japan, das gute Einvernehmen mit Frankreich und die Schwäche Rußlands geben dem britischen Reich eine ver- gleichsweise gesicherte Stellung. Es könnte also an Kriegs- rüstungen sparen, wenn Deutschland nicht wäre. Deutsch- lands— oder richtiger seiner herrschenden Klasse— weit- politischer Hunger ist noch nicht gestillt, und deshalb will die deutsche Regierung von Stillstand der Rüstungen nichts hören. Vor allem nicht von Stillstand der Flottenrüstung, alldieweil nach einem bekannten Kaiserwort Deutschlands Zukunft auf dem Wasser liegen soll. Sehr unangenehm war es daher für die deutsche Regi«ung, daß eine der Drei- bundsmächte, Italien, Neigung zeigte, sich dem englischen Standpunkt anzuschließen, anstatt dem verbündeten Deutsch- land bei seiner Forderung zu sekundieren, daß die Haager Konferenz die Abrüstungsfrage nicht erörtern dürfe. Auf einer Zusammenkunft Bülows mit dem italienischen Minister des Auswärtigen Tittoni zu Rapallo ist dieser neueste Drei- bundsriß notdürftig verkittet worden. Man hat den famosen Kompromiß geschlossen, daß Deutschland der Erörterung der Abrüstungsfrage kein Hindernis in den Weg legen wird, unter der Bedingung, daß diese Erörterung kein praktisches Ergebnis haben darf. Eine Bedingung, die die ganze Arbeit dieser famosen Friedenskonferenz charakterisiert, soweit sie über die Vereinbarung gewisser kleiner Verbesserungen des Kriegsrechts hinausgeht. Und selbst auf diesem beschränkten Gebiet, das mit dem eigentlichen Ziel einer Friedenskonferenz nur sehr mittelbar zusammenhängt, sind erhebliche Fort- schritte ausgeschlossen. England und Japan wollen keiner Einschränkung des Kaperrechts zustimmen, da sie als über- wiegende Seemächte Vorteil erwarten von dem Zustand, daß das Privateigentum im Seekrieg nicht geschützt ist. So sorgt schon die Vorgeschichte der zweiten Friedens- konferenz dafür, daß die Unfähigkeit der kapitalistischen Ordnung, den Völkerfrieden zu sichern, den Krieg zu be- seitigen, wieder einmal den Völkern deutlich demonsttiert wird. Die Friedensbestrebungen werden in den Händen der Regierungen zu Vorwänden diplomatischer Ränke— die Friedenskonferenz zum Anlaß eines papiernen Diplo- matenkriegs. Es ist schon so, daß erst die sozialistische Ge- sellschaft, die die Klaffen aufhebt und damit den Streit um die Absatz- und Ausbeutungsgebiete unter den herrschenden Klassen der verschiedenen Nationen beseitigt, imstande ist, den Krieg zu überwinden. Selbst eine internattonale Be- schränkung der Rüstungen ist unter den heutigen Zuständen nicht zu erreichen. Daß es im wahren Jntereffe Deutsch- lands läge, die Vorschläge Englands anzunehmen, liegt auf der Hand— die Eigennützigkeit der Motive Englands änd«t daran nicht?. Die weitere Vermehrung der deutschen Flotte verschiebt ja daS Kräfteverhältnis der beiden Staaten in keiner Weise, da England st« mit Verstärkung seiner Flotte beantwortet. Vorteil haben von diesem Drehen der end- losen Schrauben lediglich die Panzerplatten- und Kanonen- fabrikanten, die sonstigen KriegSmatertallieseranten und schließlich die Junker und Bourgeois, die ihre Söhne in Heer und Marine versorgen. Diese Schichten sind fteilich auch die einflußreichsten in Deutschland und ihr Wunsch ist der Regierung Befehl. Zeigt also die Borgeschichte der Friedenskonferenz ledig- lich, auf welch unsicheren Füßen der Friede in der kapita- listischen Welt steht, so erinnert gleichzeitig die neueste Wendung der Marokkoaffäre daran, wieviel weltpolitischer Zündstoff angehäuft ist. Frankreich hat— die Ermordung eines Franzosen ist der Vorwand— die marokkanische Grenzstadt lldschda besetzt. Wie immer in solchen Fällen, wird die Besetzung als eine vorübergehende bezeichnet. Ganz gleich, ob's wahr ist oder nicht, die Besetzung bringt jeden- falls die Lunte näher ans Pulverfaß, und nur ein wenig böser Wille oder Ungeschick gehört dazu, eine Explosion herbeizuführen. Das deutsche und französische Volk, vor allem die klassenbewußten Arbeiter beider Völker haben jetzt allen Anlaß, ihren beiderseitigen herrschenden Klassen scharf auf die Finger zu sehen. Um der fragwürdigen Profite willen, die besagte Klassen aus der Ausbeutung und Unter- drückung Marokkos ziehen könnten, dürfen zwei große Völker nicht in einen furchtbaren Krieg getrieben werden. Zeigt uns so die internationale Politik mit erschreckender Deutlichkeit, wie weit die kapitalistische Ordnung noch von wahrer Kultur entfernt ist, so werden uns auf Wirtschaft- lichem Gebiete darüber in naher Zukunft ebensalls schmerz- liche Lektionen zuteil werden. Die Krise zieht herauf, die unvermeidliche Wirtschaftskrise, die in der kapitalistischen Produktionsweise in stetiger Wiederkehr die Zett der guten Konjunktur ablöst. Schon haben die Börsen der alten und der neuen Welt die ersten schwachen Anzeichen des drohen- den Unheils verspürt und mit wilden Kursstürzen quittiert. Nicht lange mehr, und die Krise ist da— schwächere Be- triebe brechen zusammen, die stärkeren schränken den Betrieb ein, Arbeiterentlassungen erfolgen, die Zahl der Arbeitslosen wächst und mit ihr die Neigung der Unternehmer, den Lohn zu kürzen, den Arbeitern wieder zu nehmen, was sie in der besseren Zeit durch ihre Gewerkschaften errungen haben. Eine Zeit gesteigerter Entbehrungen und gesteigerter Kämpfe steht der Arbeiterschaft bevor. Die planlose Produttion des kapitalistischen Systems gebiert die„Lberproduttion*- grau- samer Hohn auf die Tatsache, daß die Proletarier an allem Mangel leiden und den Überfluß nicht erlangen können, d« eben deshalb die Kanäle der Wirtschast verstopft— und erst wenn diese„llberproduktion" durch Betriebseinschrän» kungen vermindert ist, kann wieder der Aufstieg beginnen. So liefert die Krise den Beweis,„daß die Produttionskräste der heutigen Gesellschaft über den Kopf gewachsen sind, daß das Privateigentum an Produktionsmitteln unvereinbar ge- worden ist mit deren zweckentsprechender Anwendung und vollen Entwicklung*, wie eS im Programm der Sozialdemo- kratie heißt. Was die großen Vorkämpfer der Arheiterttasse, was Marx und Engels als die Gesetze der wirtschaftlichen Entwicklung ergründet haben, sehen wir vom Leben imm« wieder bestätigt. Wie die deutschen Richter ihre Zeit verstehen, davon reden uns jetzt mancherlei Entscheidungen, die in engem Zu- sammenhang mit den verflossenen Reichstagswahlen stehen. Während Staatsanwälte und Nicht« eifrig dabei sind, arme Teufel zu verfolgen, die auf den Namen eine? kranken oder verhinderten Arbeitsgenossen einen Stimmzettel abgaben, werden Strafanträge gegen Wahlvorsteher, die daS Geheimnis der Wahl durch Aufschichten d« WahlkuvertS und Führen einer Nebenliste verletzt haben, zurückgewiesen, da keine straf- bare Handlung vorliegen soll! Bestrast aber werden dafür Wähler, die solche Verletzung des Wahlgeheimnisses durch „unbefugtes" Schütteln der Urne verhindert haben! Ord- nungsparteilern. die zu Nöbdenitz(Sachsen-Altenburg) eine sozialdemokrattsche Versammlung sprengten, wurden vom Staatsanwalt gegen einen sozialdemokratischen Strafantrag damit v«teidigt, sie hätten nicht das Bewußtsein gehabt, die strafbare Tat des Hausfriedensbruch» zu begehen. Der sozialdemokratische Kandidat deS sächsischen Wahlkreises Kirchbach-Auerbach, Genosse Hoffmann-Berlin, wird zu drei Wochen Gefängnis verurteilt, weil er den Insassen einer Lungenheilanstalt auf ihren Wunsch einen kurzen Besuch ab- gestattet hat, ohne den Arzt um Erlaubnis zu fragen, wie so mancher andere Besucher. Das Singen patriotischer Lieder — in einer sozialdemokrattschen Versammlung!— ist kein ruhestörend« Lärm, erklärt der Altenburger Staatsanwalt in der Nöbdenitzer Affäre. Das ist die Gerechtigkeit d« Klassenjusttz! Der Bauernaufstand in Rumänien ist mit Flinten und Kanonen niedergeschmettert worden. Erreicht haben die Bauern bis jetzt einen Ministerwechsel— das heißt nichts. Die einzige positive Leistung, die das Parlament der Bojaren und der Bourgeoisie, das dieses unglückliche Land beherrscht, für die Bauern zustande brachte, war ein Gesetz über— den Belagerungszustand. Daß eine wirtliche Reform der Bauerngesetzgebung zustande kommt, die die Kontraktsklaverei des Bauern beseitigt und ihn vor wucherischen Pachtbedingungen schützt, ist ebensowenig wahrscheinlich wie eine Aufhebung der Ausnahmegesetze, unter denen das jüdische Proletariat Rumäniens leidet, das bei diesen Verzweiflungsausbrüchen unschuldig«weise für die Profitgi« der jüdischen Landpächter mit büßen mußte. Die Duma Rußlands steht vor d« Auflösung od« vor dem Umfall der bürgerlichen Opposition. Die Regierung will vor allen Dingen die Annahme des Budgets, um neuen Kredit für Anleihen zu finden. Die Kadetten(konstitutionelle Demokraten), die Vertreter d« Bourgeoisie, sind schon zum Umfallen bereit. Das Schicksal der Vortage hängt ab von den Entschlüssen der kleinbürgerlich-bäuerlichen Fraktionen der Linken. Die Regierung nimmt eine herausfordernde Haltung ein, konzentriert Truppen in Petersburg und er- mutigt die Schwarzen Banden, die sich stech« als je gebärden und in der Ermordung des Kadettenführers Dr. Jollos zu Moskau wieder ein Zeichen ihrer Tätigkeit gegeben haben. Das neue steie Wahlrecht im bestecken Finnland— allgemeines gleiches Stimmrecht für beide Geschlechter, auch Proportionalsystem und Gleichheit der Geschlechter beim passiven Wahlrecht— hat für die Sozialdemokratie ein sehr erfreuliches Ergebnis gezeckigt, über das an anderer Stelle dieser Numm« berichtet wird. H. B Gewerkschaftliche Rundschau. Während 1906 ein Jahr der(leinen wirtschaftlichen Kämpfe und mancher errungenen Lohnv«beff«ungen war, cheint 1907 wieder ein Jahr der großen Kämpfe und Macht- proben zu werden. Der Kampf der Holzarbeiter hat sich längst zur Machtprobe ausgewachsen, indem die Unternehm« danach trachten, einen vernichtenden Streich gegen die moderne Arbeiterorganisation zu führen. Das kommt am deutlichsten darin zum Ausdruck, daß die Holzindustriellen mit dem Hirsch-Dunckerschen Gewerkv«ein einen Tarifvertrag ab- schließen wollen, von dem die Mitglied« des Deutschen Äolz- Nr. 8 Die Gleichheit " 67 arbeiterverbandes ausdrücklich ausgeschlossen werden sollen. Jahre 1900 erklärten die Befizer der Kleinen Plättereien,| Hier ist vorläufig nur ein unter anderem auch die MankoEs ist selbstverständlich, daß die Hirsch- Dunckerschen Muster- mit ihren Konkurrenten, den Besitzern der Dampfwasch vergütung regelnder Dienstvertrag zustande gekommen, der fnaben sich gern zu diesem arbeiterfeindlichen, unsolidarischen anstalten, nicht zusammenzugehen. Im vorigen Jahre aber dem Genossenschaftstag vorgelegt werden wird. Die Ver Vorgehen bereit erklären. Dafür winkt ihnen ja dann auch schlossen sie sich auf einem Kongreß mit diesen zusammen, handlungen über einen einheitlichen Tarif haben noch nicht hoher Lohn. Die Unternehmer wollen nach Zustandekommen einerseits, um das Publikum ausnutzen zu können, und anderer: zu positiven Ergebnissen geführt, so daß dem Genossenschafsdieses Tarifvertrags nur noch Mitglieder des Gewerkvereins feits, um eine Waffe gegen die Arbeiter und Arbeiterinnen tag 1907 nicht, wie beabsichtigt war, eine Vorlage gemacht in ihre Betriebe einstellen. Ein turzsichtiges, um nicht zu sagen in Händen zu haben. Der Kongreß wurde sich darüber einig, werden kann. findliches Bemühen! Glauben die Unternehmer wirklich, daß vom Publikum höhere Preise gefordert werden sollen. Die Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsummit den wenigen frommen und getreuen Knechten ihre Vor einigen Wochen hielten nun die Besitzer in Köpenick vereine erzielte im verflossenen Geschäftsjahr einen Umsatz Fabrikation aufrecht erhalten zu können? Sie werden mit eine Versammlung ab, in welcher sie beschlossen, die Preise von 46503 237 Mt. gegen 38 780199 Mt. im Vorjahr Der diesem Vorhaben nicht weit fommen, um so weniger, als die um 15 bis 50 Prozent zu erhöhen. Sie begründeten die Mehrumfag betrug somit 7728 088 Mt. ober 19,9 Prozent. Scharfmacher unter ihnen jetzt die traurige Erfahrung Forderung mit der Erhöhung der Materialpreise und den Im Jahre 1904 erzielte die Großeinkaufsgesellschaft einen machen müssen, daß ihr Plan einer Generalaussperrung der angeblich erhöhten Löhnen. In den Wasch- und Plättanstalten Umsatz von 38929 405 Mr. Somit wurden 1905 4850793 Mt. Holzarbeiter über ganz Deutschland in der Hauptsache ge- ist aber seit 3 bis 4 Jahren keine Lohnerhöhung eingetreten. oder 14 Prozent mehr umgesetzt als im Jahre 1904. scheitert ist. Dazu scheint in ihrer Kriegskasse ziemliche Gbbe Im Gegenteil, die Vorteile, die die im Jahre 1900 errungenen Außer über die Berichte vom Stand des Zentralverbandes zu sein, denn wie verlautet will der Unternehmerverband Lohnaufbesserungen brachten, genießen die Arbeiterinnen usw. wird der Genossenschaftstag in Düsseldorf noch einen Pump bis zu einer Million aufnehmen. Da die Zahl schon nicht mehr. Der Anfangslohn in Dampfwäschereien verhandeln über den Ausbau der Organisation, die Tätigkeit der Ausgesperrten lange nicht so groß ist, als die Scharf- beträgt 7 Mt. wöchentlich, der Durchschnittslohn 11 bis des Tarifamtes, die Entwicklung der Unterstüßungskasse des macher im Unternehmerlager kalkulierten, so wird es dem 12 Mt.; ausnahmsweise bringt es eine tüchtige Blätterin Zentralverbandes, den gemeinschaftlichen Einkauf der KonsumHolzarbeiterverband sehr wohl möglich sein, die Aus- auf 18 Mt. Nach Angabe der Besitzer werden in Köpenick vereine. Eine große Versammlung in Dessau, die sich gesperrten wochenlang zu unterstützen, zumal die nicht aus Tagelöhne von 2,50 bis 4 Mt. gezahlt. In Wirklichkeit be- mit der Milchverteuerung beschäftigte, nahm eine Resolution gesperrten Mitglieder des Verbandes selbst wie auch die trägt der Höchstlohn in Köpenick 1,75 Mt. Die Agitation an, in der der dortige Konfumverein ersucht wird, die Milchübrige Arbeiterschaft auf finanzielle Unterstützung der Aus- unter den Arbeiterinnen hat gute Fortschritte gemacht; das versorgung der Mitglieder in die Wege zu leiten. Die gesperrten bedacht sein werden. veranlaßt die Arbeitgeber, gegen die Organisation der Arbeite- Produktiogenossenschaft für Konditorei- und ZuckerAuch der Kampf der Schneider um Anerkennung rinnen vorzugehen. So hat der Inhaber der Firma Fiegner waren Fortschritt" in Altona, die im März 1904 gegründet des Tarifs hat sich zu einer Machtprobe größeren Stils ent- den organisierten Arbeiterinnen eine Lohnerhöhung von 1 Mt. wurde, sette im Jahre 1906 für 181850 mt. Waren um, wickelt, wenn auch hier ebensowenig in der von einigen und einen Aufschlag von 10 Pfg. für Überstunden versprochen, davon an Konsumvereine für 30 888 Mt. Beschäftigt wurden Scharfmachern gewünschten Weise. Nicht alle Unternehmer wenn sie schriftlich ihren Austritt aus der Organisation er im Berichtsjahr durchschnittlich 36 Personen. Die Arbeitszeit sind dem Alarmsignal zur allgemeinen Aussperrung der flären. Das hat bei den erst turze Zeit organisierten Ar- beträgt täglich neun Stunden, und die Fabrik ist die einzige Arbeiter und Arbeiterinnen gefolgt. Viele von ihnen unter- beiterinnen leider den beabsichtigten Erfolg gehabt. Am Tage in Deutschland, welche die gewerkschaftlichen Forderungen zeichnen den vom Arbeiterverband vorgelegten Tarif, ob der Versammlung ließen verschiedene Arbeitgeber bis spät in der Branche in vollem Umfang zur Durchführung bringt. gleich die Scharfmacher bei den fortgesetzten Lohnforde- abends arbeiten, um den Besuch der Versammlung zu hinter Außerdem werden die Beiträge zur Kranken- und Invalidirungen" der Arbeiter das Gewerbe für gefährdet erklären, treiben. Der Referent übte an diesen Vorgängen Kritik und täts- und Altersversicherung von der Genossenschaft geund heuchlerisch geben sie vor, ihre Abwehrmaßnahmen nur sprach die Meinung aus, daß, wenn die Unternehmer ihre tragen; für Feiertage und für die ersten drei Krankheitsim Interesse des taufenden Publikums getroffen zu haben. Preise erhöhen, auch die Arbeiterinnen berechtigt sind, bessere tage wird der Lohn nicht in Abzug gebracht. Die Selbstlosen! In München haben die Unternehmer Löhne zu verlangen. Wenn jetzt Forderungen gestellt würden, so In Bremen ist vor einiger Zeit ein Konsumverein geden Versuch gemacht, die Ausständigen zu bewegen, am Tage würden sie über die von 1900 hinausgehen. Dem Referat gründet worden, der noch vor der Gröffnung des ersten Streifposten zu stehen, von der Organisation Streifunter folgte eine längere Diskussion. Mehrere Inhaber fleiner Ladens bereits über 6000 Mitglieder zählte. Der Fall dürfte stüßung in Empfang zu nehmen und nachts für sie zu ar- Blättereien vertraten ihren Standpunkt als Arbeitgeber; in der deutschen Konsumvereinsbewegung einzig dastehen! beiten. Dieser Plan ist weniger schlau als infam und eine einige Verbandsmitglieder und der Referent entgegneten über eine Schildbürgerei der Krämer berichtet die konsum empörende Zumutung an die Arbeiter, die denn auch als ihnen. Die Versammelten nahmen einstimmig eine Reso- genossenschaftliche Rundschau": In Schwartau bei Lübeck solche gebührend zurückgewiesen worden ist. Die Lohn- lution an, in der sie ihrer Entrüstung Ausdruck geben über wurde ein Konsumverein gegründet. Das veranlaßte die bewegung kann als für die Ausständigen aussichtsvoll be- die Eingriffe der Unternehmer in das Koalitionsrecht der Lübeckischen Anzeigen", die Geschäftsleute von Schwartau zeichnet werden, zumal wenn die ausständigen Arbeiter und Arbeiter. Sie erklären sich gewillt, diesen übergriffen der aufzufordern, fortan nicht mehr im„ Lübecker Boltsboten" Arbeiterinnen weiter einmütig im Kampfe ausharren. Arbeitgeber energisch entgegenzutreten, und verpflichten sich, zu inserieren, weil der dem Konsumverein freundlich gegenEndlich qualifiziert sich auch die Aussperrung der unter den Kolleginnen zu agitieren und sie dem Wäsche überstehe. Hamburger Hafenarbeiter als eine Machtprobe der arbeiterverband zuzuführen, da nur durch die Organisation Der größte Konsumverein der Welt ist die InUnternehmer gegen die Organisation. Durch Anwerben eine Ausbesserung der Löhne und eine Verkürzung der Ar- duftrial Cooperative Society Ltd. in Leeds, einer za. 450 000 einer größeren Anzahl ausländischer„ Arbeitswilliger" find beitszeit erzielt werden könne. Die Versammlung beauf- Einwohner zählenden bedeutenden Industriestadt im mittleren die Sicherheitszustände im Hamburger Hafen geradezu un tragt den Verband, die weiteren notwendigen Schritte zu England. Die Genossenschaft umfaßte am 30. Juni 1906 heimliche geworden. Die zirka 4500 englischen Streitbrecher, gunsten der Arbeiterschaft zu tun, falls die geplante Preis- 49 186 Mitglieder. Der Umfaß betrug im ersten Halbjahr die schon durch ihre dem deutschen Kapital geleistete Judas- erhöhung Tatsache wird. 1906 15 716 000 Mt., das ist pro Mitglied durchschnittlich dienste dem Vaterlande der Gewerkschaftsbewegung feine 320 Mt., also auf das ganze Jahr berechnet 640 mt. Kein Ehre machen, gehen nach getaner Arbeit in der Absicht an deutscher Konsumverein hat einen auch nur annähernd so Land, ihre Borerkünste an den für ihre Lebensinteressen großen Durchschnittsumfaß aufzuweisen. Um ihn zu er tämpfenden deutschen Arbeitern zu probieren. Die geringste Ein agrarisches Genossenschaftsunternehmen, zielen, beschränkt sich die Genossenschaft selbstverständlich Beleidigung oder gar Bedrohung irgend eines vagabondieren- die vielgenannte Berliner Milchzentrale, steht vor dem Ban- nicht nur auf den Vertrieb von Kolonialwaren, sie verkauft den Streitbrechers wird von unseren Behörden und Ge- ferott. Wie mehr als einmal, auch durch Gerichtsurteile, in ihren 94 Spezialläden auch die Produkte einer eigenen richten schwer geahndet, die arbeitswilligen Rowdies aber festgestellt wurde, ist diese Genossenschaft durch total un- Bäckerei, einer Bürstenfabrit, einer Klempnerei usw. Außers können ungeniert ihre Belästigungen fortsezen. Nette Bu- fähige Geschäftsleitung nicht nur zum Bankerott gebracht, dem besitzt sie 75 Fleischläden, die aus einem eigenen stände! sondern in der Öffentlichkeit auch start kompromittiert wor- Schlachthaus versorgt werden und die einen Umsatz von Die Landschaftsgärtner Berlins haben an 165 Unter den. Es wurden Dinge ans Tageslicht gezogen, die sehr nahezu 4 Millionen Mark jährlich aufweisen, ferner 19 Schuhnehmer Forderungen eingereicht und sind, da dieselben nicht leckeres Futter für den Reichsschwindelverband wären, läden, deren Waren zur Hälfte einer eigenen airta 160 Ar bewilligt wurden, in Streit getreten. Anscheinend ist die wenn sie in einem Arbeiterkonsumverein sich ereignet beiter beschäftigenden Schuhfabrik entstammen, 81 Läden für nicht geringe Anzahl der in diesem Gewerbe beschäftigten hätten. So änderte man die Bilanzen früherer Geschäfts- Kurz, Schnitt- und Modewaren, fertige Konfektion und Arbeiterinnen bei der Stellung von Forderungen leer aus- jahre, um Gelder, die der Genossenschaft gar nicht gehören, Maßarbeit, in denen ein Gesamtumsatz von über 2 Millionen gegangen. Auch in einer Reihe anderer Städte stehen zu erhalten, beziehungsweise deren Auszahlung an die Mit- Mart erzielt wird, und außerdem 15 große Rohlendepots. Lohnbewegungen bevor. glieder zu umgehen. Das Reichsgericht hat in einem Urteil In ihren beiden großen Warenhäusern verkauft die Ges Jm Berliner Baugewerbe haben Einigungsverhand- vom 20. Januar 1906 ausgesprochen, daß zirka sieben nossenschaft Hausgerät, Möbel, die gleichfalls aus eigenen lungen vor dem Ginigungsamt des Berliner Gewerbegerichts Millionen Mart zu unrecht abgenommene, beziehungs- Fabriken stammen, und sonstige Bedarfsartikel der großen stattgefunden. Die Arbeiter verlangen die achtstündige weise zurückbehaltene Gelder auszuzahlen feten. Durch Masse. Endlich besitzt der Leeder Konsumverein noch eine Arbeitszeit. Beide Parteien haben die Verhandlungen bis dieses Urteil des höchsten deutschen Gerichtshofes sind die Abteilung für den Bau von Wohn- und Geschäftshäusern, zum 15. April vertagt. Manipulationen der Milchzentrale, die den Bankerott aus der bis zum Jahre 1897 bereits 650 Häufer hervor hintanhalten sollen, als ungefeßlich gekennzeichnet. Das gegangen waren, die teils vermietet, teils in den Besitz der Kammergericht in Berlin hat in einem Urteil festgestellt: Mitglieder übergegangen waren. Um alle diese Geschäfts„ Das ganze Genossenschaftswesen, das doch der wirtschaft. zweige zu bewältigen, beschäftigt die Genossenschaft rund lichen Förderung der Genossen dienen soll, müßte die nach 2000 Angestellte, von denen 1800 in der Warenverteilung, teiligsten Folgen für die Genossen haben", wenn 700 in der Produktion tätig sind. Auf einer in London solche Wirtschaft gutgeheißen würde, wie fie in der Milch- abgehaltenen Delegiertenversammlung der Südsektion des zentrale betrieben worden sei! Das sollte wie gesagt Britischen Genossenschaftsverbandes wurde einstimmig folgende einem von Sozialdemokraten verwalteten Konsumverein vom Generalsekretär des Verbandes genossenschaftlicher Anpassieren! Die Leiter und Macher der Milchzentrale sind gestellter und Arbeiter, Mr. A. Hewitt, eingebrachte und bes alle gut konservativ- agrarisch gesinnte Herren! gründete Resolution angenommen:" Für die Genossenschaftsüber den Abschluß eines Lohn- und Arbettstarifes für bewegung ist die Zeit gekommen, für die verschiedenen die in Ronsumvereinen beschäftigten Handelsangestellten Klaffen der Beschäftigten einen Minimallohn festzusetzen, wurden Mitte März zwischen Vertretern des Verbandes der unter welchen die Genossenschaften bei Bezahlung der Be Handlungsgehilfen und des Zentralverbandes deutscher schäftigten nicht gehen dürfen. Die Versammlung ersucht Konsumvereine verhandelt. Das Ergebnis war folgende deshalb den Bereinigten Rat, die nötigen Schritte vor gemeinsame Erklärung:„ Nach dem Stande der gepflogenen zunehmen, damit dem kommenden Genossenschaftstongreß in In Wien haben die Damenschneiderinnen nach Berhandlungen erscheint es nicht möglich, daß es auf dem Preston ein diesbezüglicher Antrag unterbreitet wird." furzem energischem Kampfe unter Führung des Schneiders diesjährigen Genossenschaftstage zu einer allgemeinen Tarif- Die Schlächterei des Allgemeinen Konsumvereins für perbandes einen großartigen Sieg errungen. Wir werden vereinbarung kommen wird. Hinsichtlich der Regelung der Basel macht trotz aller Angriffe von außen hocherfreu in nächster Nummer eingehender über die Bewegung berichten. Lohn- und Arbeitsverhältnisse bei den Verkäufern und Ver- liche Fortschritte. Der Umfaß für 1906 beziffert sich auf Das für unsere Leserinnen Wichtige von den zu Ostern fäuferinnen und der Arbeitsverhältnisse der Kontoristen, Kon. 3132000 t. gegen 2794400 mt. im Jahre 1905. abgehaltenen Generalversammlungen einiger Verbände werden toriſtinnen und Hauptlagerverwalter wird gesucht werden, Eine der größten Fachgenossenschaften ist die Kredit- und mir in nächster Rundschau im Zusammenhang bringen. durch weitere Verhandlungen einer in Hamburg dazu einzusetzen- Produktivgenossenschaft der Budapester Schneider, welche den Kommission bis zu dem nächstjährigen Genossenschaftstage zugleich als eine Mustergenossenschaft dargestellt wird. Der eine Tarifvereinbarung herheizuführen. Dahingegen find Verkehr des letzten Geschäftsjahres betrug 2208991 Kronen. Zu der von den Besitzern der Dampfwaschanstalten bezüglich der Regelung der Lohnverhältnisse der in den Als Arbeitslohn wurden 48070 Kronen ausgezahlt. Zu und Plättereien Berlins beschlossenen Preiserhöhung Kontoren und Bentrallagern beschäftigten Handlungsgehilfen erwähnen ist, daß die Genossenschaft immer höhere Löhne nahmen die organisierten Arbeiterinnen dieser Betriebe am vorläufig örtliche Abmachungen zu empfehlen, welche zu zahlen imftande war als die Privatunternehmer. 20. März Stellung in einer Versammlung, in der Genosse später als Grundlagen für eine entsprechende Tarifverein. Die Federation der belgischen Genossenschaften Keller, der Vorsitzende des Verbandes der Wäsches und barung dienen tönnen." Ahnlich stehen die Verhandlungen hat fürzlich ihren Jahreskongreß in Gent abgehalten. Aus Krawattenarbeiter und arbeiterinnen, referierte. Noch im mit dem Lagerhalterverband in derselben Angelegenheit. Frankreich und der Schweiz waren Vertreter anwesend, Vorstand und Ausschuß des Tabatarbeiterverbandes fordern in einer Befanntmachung zur Erhebung eines Extrabeitrages auf. Dieser Beitrag soll neun Monate lang er hoben werden und 20 beziehungsweise 30 Pf. pro Monat betragen. Zweck dieser Maßregel soll sein, dem Verband die Möglichkeit zu geben, nachdrücklicher als bisher die berechtigten Interessen der Kollegenschaft in Gegenden mit niedrigen und unzureichenden Lohn- und Arbeitsverhältnissen zu fördern". Recht so, der wirtschaftliche Kampf erfordert große materielle Opfer, ohne diese ist fein Erfolg zu er warten. Mögen unsere Leserinnen, auch soweit sie nicht selbst in der Tabatindustrie beschäftigt sind, durch Auf flärung in ihrem Kreise dahin wirken, daß nicht etwa die Arbeiterinnen wegen dieser fleinen vorübergehenden Mehrleistung der Organisation den Rücken tehren, weil sie die Wichtigkeit der Sache nicht verstehen. Genossenschaftliche Rundschau. # 68 Die Gleichheit Deutschland und Holland hatten sich entschuldigen lassen. Der Genossenschaftsbund ist im Jahre 1900 gegründet wor- den; er umfaßt die(sozialistischen) Konsumvereine und hat die Aufgabe, den Wareneinkauf zu organisieren. Der vor- liegende Bericht zeigt, daß der Geschäftsumfang der Ge- nossenschaft von Jahr zu Jahr rasch gestiegen ist. Nach einer Mitteilung des Genossen Bertrand bestehen jetzt in den Kulturländern insgesamt zirka 100000 Genossen- schaften, die einen Umsatz von etwa 3 Milliarden Frank er- zielen.— Der Sitz der Genossenschaft wurde nach Antwerpen verlegt. Zur Errichtung der notwendigen Lagerräume wurde eine Anleihe von 300000 Fr. beschlossen. Eine eingehende Diskussion entspann sich über die Gründung von Produktiv- genossenschaften. Es wurde im ganzen die Meinung ver- treten, daß diese in der Regel nur im Anschluß an die Konsumgenossenschaften gegründet werden sollen. Hierbei regte Anseele die Gründung von Papierfabriken und -mühlen an. Im Anschluß hieran beschließt man, einem Projekt Anseeles näher zu treten, nämlich der Gründung einer Arbeiterkreditbank. In diesem Institut sollen in Zu- kunft die großen Genossenschaften ihre Kapitalien und auch die Arbeiter ihre Spargelder anlegen. 11. Fl. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Dt« Gründung eines Vereins für Hausangestellte in Leipzig wurde in einer Dienstmädchenversammlung beschlossen, die am 17. März stattfand. Lange vor Beginn der Versammlung waren die Räume überfüllt. An Stelle der Genossin Zietz, die leider in„Staatspension" gehen mußte, sprach Genosse Lüttich. Er sagte, daß die Dienst« botenorganisation nichts Neues fei. Schon 1S48 habe eine resolute Köchin in öffentlicher Versammlung Forderungen an die Dienstgeber gestellt, und auch in den sechziger Jahren habe die Dienstbotenbewegung von sich reden gemacht. Die Dienstbotennot, von der jetzt so viel gesprochen werde, ent- springe aus dem Dienstbotenelend. Die unbeschränkte Aus- beutung der Arbeiterschaft im häuslichen Dienst veranlasse viele Mädchen, lieber in eine Fabrik zu gehen, weil ihnen hier neben gesetzlich geregelter Arbeitszeit, die ihnen den Abend und den Sonntag frei läßt, auch ein besserer Lohn gezahlt wird. Ein Dienstmädchen erhalte zum Beispiel bei einem Monatslohn von 20 Mk.— der aber nur wenigen Glücklichen gezahlt wird— unter Anrechnung von 30 Mk. für Unterhalt und Wohnung bei zehnstündiger Arbeit 16 Pf. pro Stunde, bei fünfzehnstündiger 11 Pf. und bei achtzehn- stündiger nur 9 Pf. Bei Erkrankungen seien die Mädchen oft der bittersten Not ausgesetzt. Die Krankenversicherung des Leipziger Dienstherrschaftenvereins versage in den meisten Fällen. Die Anzahl der Dienstmädchen in Leipzig sei abso- lut gewachsen— 1906 betrug sie zirka 18000—, aber im Verhältnis zu den Haushaltungen sei sie gesunken. 1890 kamen 33, 1900 nur 33 Dienstmädchen auf 1000 Haushal- tungen. Der Referent geißelte das Stellenvermittlersystem in seiner heutigen Gestalt, das Dienstbuch, das einem Steck- bries gleiche, und die veraltete Gesindeordnung, nach der den Herrschaften heute noch das Züchtigungsrecht zusteht. Die Dienenden hätten nur Pflichten, aber keine Rechte. Gestützt auf Beweise bringt der Referent einige drastische Fälle von„Herrschastswillkür" zum Vortrag und erläutert die Borzüge, die ein Dienstbotenverein habe. Einsichtige Herrschaften würden ihren Mädchen sicher nicht verwehren, einem solchen beizutreten. Lebhafter Beifall lohnte den Redner, dessen Ausführungen von der Zustimmung der Zuhörer begleitet worden war. Einige Mädchen gaben ihre traurigen Erfahrungen zum besten, und eine beantragte sogar, die Namen rücksichtsloser Herrschasten auf einer schwarzen Tafel zu führen und eventuell in den stattsinden- den Versammlungen zur Kenntnis zu bringen. Mit großer Majorität wurde die Gründung eines„Vereins für Haus- angestellte" beschlossen, auch gleich ein provisorischer Vor- stand gewählt und beauftragt, die weiteren Schritte zu tun. Ungefähr 100 der Anwesenden erklärten ihren Beitritt zur Organisation. In der Debatte versuchte ein Herr Müller für einen christlichen Verein Propaganda zu machen, während ein anderer Redner für die„ollen ehrlichen und gutherzigen Siellenvermittler" eine Lanze brach, ohne jedoch Zustimmung zu finden. Die meisten Mädchen glaubten gewiß aus Er- fahrung den völlig„kostenlosen" Versprechungen nicht mehr. Der Versuch von gegnerischer Seite, die Versammlung zu sprengen, wurde im Keime erstickt. Genossin Frenze! forderte die Dienenden zu reger Agitation unter den Kol- leginnen auf und schloß die Versammlung mit einem kräs- tigen Hoch auf den neuen Verein, in das die Mädchen ganz begeistert einstimmten. F. Seiffert. Eine Dienstbotcnbcwcgung in Königsberg i. Pr. ist eingeleitet worden. Schon vor einigen Jahren brachte das Königsberger Parteiorgan Zuschriften aus Dienstbotenkreiscn, welche die Gründung einer Dienstbotenorganisation ver- langten, um das Dienstbotenelend bekämpfen zu können. Verschiedener Umstände wegen mußte die Verwirklichung dieses Wunsches leider immer hinausgeschoben werden. Zwar besteht auch heute noch keine Dienstbotenorgani- sation, aber die Sache ist so weit gediehen, daß es sich nur um den Tag handelt, an dem die Dienstboten die Grün- dung einer solchen in aller Form beschließen. Am 24. März fand eine sehr gute besuchte Dienstbotenversammlung statt, für die die Genossinnen vorzüglich agitiert hatten. Sie waren in die„herrschaftlichen" Häuser gegangen, hatten sich mit den Dienstboten in Verbindung gesetzt und sie zur Ver- "an?ml'!nz eingeladen. Außerdem waren am Sonntag vorher auf den Tanzböden Handzettel verteilt worden. In der Versammlung referierte Genoffe Marchion ini über die „Pflichten und Rechte der Dienstboten". Er besprach die Forderungen der modernen Dienstbotenorganisation und kritisierte die Gcsindeordnungen, insbesondere die für Ost- und Westpreußen in Betracht kommende vom 3. November 1810. An der Hand reichen Materials wies der Referent nach, wie in Ostelbien die Dienstboten behandelt werden. Wiederholt gaben hierbei die Versammelten ihrer Entrüstung Ausdruck. Genosse Marchionini ging dann zu der Erörterung der jammervollen Lohn-, Arbeits- und Wohnungsverhältnisse über. Er rechnete aus, daß der Lohn bei vierzehnstündiger Arbeitszeit an Wochentagen und achtstündiger an Sonntagen oft nicht mehr als 9 Pf. pro Stunde beträgt, die Beköstigung mit eingerechnet. Als Schlafkammern müßten den Mädchen häufig ungeheizte, zugige Löcher ohne Luft und Licht dienen; den schlechtesten, für nichts sonst brauchbaren Ort erachte man als gerade gut genug für sie. Charakteristisch für das „menschenfreundliche" Empfinden gewisser„Herrschaften" ist der folgende Vorfall, der sich in Königsberg zugetragen hat: Ein Mädchen mußte in einer engen ungeheizten Kammer schlafen, wo zum Überfluß auch das Fenster nicht schloß, so daß es hineinregnete. Die Mutter des Mädchens machte deshalb den„Herrn" darauf aufmerksam, daß ihr Kind sich dadurch Rheumatismus holen werde. Doch den Herrn rührte das nicht; er erklärte:„Ach, was macht das, dann kommt das Mädchen ins Krankenhaus!" Der Referent empfahl schließlich die Gründung eines Dienstbotenvereins, damit auf dem Wege der Stellenvermittlung und des Ver- tragsabschlusses vorgegangen und dadurch das Los der Dienen- den erleichtert werden könne. Er machte auch auf das städtische Arbeitsamt aufmerksam, das kostenlos Stellen ver- mittelt, und forderte die Mädchen auf, Klagen und Be- schwerden über Herrschaften der„Königsberger Volkszeitung" zur Veröffentlichung mitzuteilen. In der Diskussion sprachen mehrere Anwesenden im Sinne des Referenten. Von einzelnen wurden noch Mißstände des Berufs geschildert. Zahlreiche Mädchen gaben ihre Adressen an und erklärten sich bereit, einem Verein beizutreten. Zur Gründung desselben soll in nächster Zeit eine zweite Versammlung stattsinden. M. u. W> Eine austerordentlich stark besucht« Dienstboteuver- sammlung in Nürnberg tagte am 17. März. Genossin Grünberg rechnete in ihrem Referat kräftig ab mit den christlichen Organisationszersplitterern, die sich jetzt plötzlich für die Dienenden interessieren, nachdem schon in einer ganzen Anzahl von Städten steie Dienstbotenorganisationen gegründet worden sind. In ganz Bayern sollen jetzt katholische Dienstbotenorganisationen ins Leben gerufen werden In München ist ein derartiger Versuch schon an der Klug- heit der Mädchen gescheitert. In Nürnberg würde es nicht anders gehen. Genossin Grünberg hielt den fromme» Christen vor, daß sie, obwohl sie schon seit Jahrhunderten die Macht dazu hätten, noch nichts für das Wohl der Unter- drückten getan haben, das ihnen angeblich so sehr am Herzen liegt. Unter stürmischem Beifall schloß sie ihre Ausführungen mit dem Hinweis darauf, daß unter dem Einfluß der Kirche die kulturwidrigen Gesindeordnungen geschaffen wurden, die zu beseitigen die schwere Aufgabe der freien Dienstboten- vereine sei. Darauf wurden die traurigen Zustände in den Arbeitsverhältnissen der Hausangestellten erörtert, die in der Regel die Ursache dafür sind, daß sich so oft Mädchen das Leben nehmen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Dienstmädchen geradezu der Blitzableiter der schlechten Launen der„Gnädigen" und der Angehörigen des ganzen Hauses sind. Daß dies auf ihren Gemütszustand einwirkt, ist selbst- verständlich. Ein Beispiel dafür bietet der folgende Fall: Frau Oberingenieur Flüggen in Nürnberg, Sulzbacherstr. 46 hat innerhalb eines Vierteljahres nicht weniger als 26 Mäd- chen gehabt. Einem davon erging es folgendermaßen: Es ging eines Abends um 9 Uhr ins Waschhaus; als es zurück- kehrte, wurde es mit den geiv ähnlichsten Redensarten trak- tiert, da die„Gnädige" sehr schlechter Laune war. Das Mädchen erklärte, jetzt habe es genug, das könne es nicht mehr ertragen, es wolle fort, sonst werde es noch wahn- sinnig. Wenn jemand geschlagen würde, so könne das nicht schlimmer sein, als wenn er immer diese Redensarten hören müsse. Darauf wurde das Mädchen eingesperrt, und in seiner Verzweiflung sprang es in den gepflasterten Hof hinab, wo es bewußtlos liegen blieb. Es hatte sich das Bein gebrochen und am Unterkiefer sämtliche Zähne einge- schlagen. Früh gegen 2 Uhr wurde das Mädchen gesunden und von der Polizei ins Krankenhaus gebracht, wo es erst nach 10 Uhr morgens aus seiner Ohnmacht erwachte. Wenn die Ärmste das Krankenhaus verläßt, ist sie ein Krüppel, und zeitlebens wird sie darüber nachdenken können, was die Ge- sindeordnung an ihr und vielen ihrer Arbeitsschwestern ge- sündigt hat. Die Referentin forderte alle Mädchen auf, denen es gleich schlecht geht, sich der Organisation anzu- schließen, die für die Abschaffung dieser Zustände kämpft, anstatt sich von den Schikanierungen niederdrücken zu lassen oder sich gar mit dem Gedanken zu tragen, durch den Tod den Qualen zu entgehen. Es wurde noch bekanntgegeben, daß der kostenlose Arbeitsnachweis des Vereins bei Frau Rummel, Bergstraße 511, sehr viele steie Stellen zu vergeben hat. 33 Mädchen traten dem Verein bei.+ In einer öffentlichen Versammlung der Dienst- mädchen. Wasch- und Scheuerfrauen zn Altona am 14. März referierte Genossin Zietz über das Thema„Dienst- botenlos". Sie teilte unter anderem mit, daß in den um- liegenden Ortschaften ein Aufruf verbreitet worden sei, der die Mädchen, die in einen Dienst gehen wollen, auf unsere Organisation hinweist, und bezeichnete es als Pflicht der Genossen, ihre Frauen und Töchter, soweit sie Hausarbeite- rinnen sind, dem Verein zuzuführen. Dann machte die Re- ferentin die Anwesenden mit den Bestimmungen deS Stadt- hagenschen Arbeitsvertrags bekannt, der unter anderem auch fesllegt, daß Wasch- und Scheuerfrauen täglich nicht mehr als 10 Stunden arbeiten dürfen und 26 Pf. für die Stunde bei guter Kost und Behandlung erhalten müssen. Was dem einzelnen nicht möglich sei, das werde der vom Geiste der Solidarität getragenen starken Organisation gelingen: näm- lich den Grund zu legen zu einer besseren Lebenslage für eine Arbeiterinnenkategorie, die bisher von allen unter- drückten Schichten am meisten ausgebeutet werde. Genossin Baumann bemerkte, daß die Mädchen sich kaum in einen Zustand hineindenken könnten, wo sie als gleichberechtigte Menschen behandelt werden. Auch sie betonte, was schon die Referentin erklärt hatte: daß unser Kampf den Gesinde- Ordnungen gelte und daß an ihm teilzunehmen alle berufen seien, die unter diesen Ausnahmebestimmungen leiden. Mehrere Mädchen und Frauen erzählten ihre Erlebnisse unter Angabe von Name und Adresse der betreffenden Herrschasten. Ein junges Mädchen berichtete, daß es gegen seinen Willen auf offener Straße Pferdemist habe sammeln müssen. In ihrem Schlußwort wies Genossin Zieh darauf hin, daß sich in Hamburg allein 29 000 Dienstmädchen befänden, für deren Organisierung noch viel Arbeit zu leisten wäre. Wenn sich jetzt bürgerliche Preßstimmen dahin vernehmen ließen, daß wir die Lage der Dienenden grau in grau mallen, so be- weise das nur, daß die Herrschaften das Bloßlegen der Miß- stände und das Erwachen der Dienstboten zur Erkenntnis ihrer Klassenlage fürchten. 40 neue Mitglieder wurden auf- genommen. Eine Tellersammlung ergab annähernd 13 Mk. Berta Mangels. Die Organisation der Dienstboten zu Frankfurt a.M. hielt am 17. März eine Mitgliederversammlung im Gewerk- schaftshaus ab, um die Einführung des Stadthagenschen Dienstvertrags vorzubereiten. Die Versammlung war sehr gut besucht; Genosse Arbeiterselretär Gr äs referierte. Er ver- suchte, das Selbstbewußtsein der Mädchen zu heben, indem er ihnen vor Augen führte, wie unwürdig die meisten Herr- schaften ihre Dienstboten behandeln, von denen sie doch An- stand und Höflichkeit verlangen. Die Mehrzahl der Mädchen sei schon so sehr an die Nichtachtung gewöhnt, daß sie sich alles gefallen lasse. Kürzlich hätte eine Hausangestellte von ihrer Arbeitgeberin geäußert:„ES gibt kein Tier im Zoologischen Garten, das sie mich nicht schon genannt hat." Wo bleibt da die Menschenwürde? Auch müsse die große Ehrfurcht vor den Titeln der Herrschaften weichen; die letzteren hielten es oft nicht für nötig, bei Briefen an ihre Mädchen„Fräulein" ans die Adresse zu setzen. Der Re- ferent ging dann auf die ungeregelte Arbeitszeit, den un- zureichenden Lohn und die skandalösen Zustände ein, die oft in bezug auf Behausung und Ernährung der Hausangestellten herrschen. Der Mangel einer Krankenversicherung mache sich sehr fühlbar, da die Herrschaften sich meist durch sofortige Kündigung im Krankheitsfall ihrer Fürsorgepflicht für das Mädchen entziehen. Die häufigen Unfälle, denen es aus- gesetzt ist, machen auch eine Unfallversicherung dringend not- wendig. Unterstellung unter das Gewerbegericht für alle Hausangestellten müsse gefordert werden, ebenso die Ab- schaffung der Dienstbücher, die schon oft zum Unglück für die Mädchen geworden sind. Er forderte die Versammlung auf, gegen die menschenunwürdigen Zustände Front zu machen und durch die Abschließung eines Vertrags die Mittelalter- liche Gesindeordnung außer Kraft zu setzen. Er verlas die auf der Mannheimer Frauenkonferenz gefaßte Resolutton, welche einen Sturm bei den besitzenden Klassen hervor- gerufen habe, und ging dann auf den Stadthagenschen Ver- ttag über. Daß in letzter Zeit wiederholt in sehr höhnischer Weise auf die Dienstbotenbewegung hingewiesen worden sei, um unsere Forderungen herabzuwürdigen, dürfe uns nicht irre machen. Auch der Arbeiterbewegung sei eS im Anfang so gegangen, und so wie sie müßten sich auch die Dienst- boten durchringen. Er wandte sich gegen die bürgerliche Frauenbewegung, die die Frau emanzipieren wolle, den Mädchen aber keine Organisation zugestehe. Zum Schlüsse seiner mit großem Beifall aufgenommenen Rede machte er nochmals darauf aufmerksam, wie man durch festes, treues Zusammenhalten den Kampf mutig aufnehmen könne, und daß dieser um so leichter würde, je mehr die Aufklärung vorwärts schreite. Wegen vorgerückter Zeit konnte eine Be- sprechung des Vertrags selbst nicht mehr stattfinden und wurde daher für die nächste Versammlung vertagt. Genossin Fesch gab bekannt, daß im Sommerhalbjahr jeden dritten Sonntag, nachmittags 4'/- Uhr, eine Mitgliederversammlung im großen Saale des Gewerkschaftshauses stattfindet, und zwar am 28. April, 9. Juni. 30. Juni, 21. Juli, 11. August. Am zweiten Pfingsttag hält der Verein im Tiooligarten sein Sommerfest ab._ U. K. Fraumstimmrccht. DaS aktive und passive Franenwahlrecht in Finn- land hat sich bei den dortigen Landtagöwahlen glänzend bewährt. Die Sozialdemokratie hat mit seiner Unter- stützung einen herrlichen Sieg errungen. Von 200 Mandaten fielen ihr 80 zu. Unter den gewählten Sozialisten befinden sich 9 Frauen; die Namen derselben sind: Redaktrice Mina Sillanpaa, Frau Maria Laine, Frau Mimmi Kanervo» Fräulein Ida Aalle, Näherin Alexandra Reinholdssou, Lehrerin Frau Hilja Parssinen, Weberin Jenny Kilpiainen, Frau Anna Hnornri, Agitatorin Maria Rauuio. Str. 8 Die Gleichheft 69 Unsere Genossinnen haben mit den Genossen zusammen er als Bedingung für die Ausübung des Wahlrechts ein- Der preußische Staat muß sich doch recht wackelig auf eine riesige Arbeit geleistet. Ein Artifel über ihre Teil- jährigen Aufenthalt in der Kommune, und zwar während den Beinen fühlen, wenn er von drei- und vierjährigen nahme am Wahlkampf, der nach Schluß der Redaktion ein- bes dem jeweiligen Steuerjahr voraufgehenden Jahres. Er Kindern staatsgefährliche Umtriebe" befürchtet. Und worin traf, wird in der nächsten Nummer erscheinen. fah ferner bei größeren Steuererhöhungen ein Referendum haben denn die sozialdemokratischen Bestrebungen" bestanden, " " Unter den Anträgen der sozialdemokratischen Reichs- der Gemeindewähler vor. Auch die Wahlmethode zu den um derentwillen man diese Staatsaltion veranlaßt hat? Die tagsfraktion, die dem neuen Reichstag gleich am Anfang Amtsräten sollte nach ihm dahin abgeändert werden, daß Kinder haben im Freien Kindergarten nicht die der Form seiner ersten Session vorgelegt worden sind, befindet sich die größeren Gutsbesitzer, die bisher die Hälfte der Amts- nach fürchterlichen und dem Inhalt nach unverständlichen auch der Antrag auf Einführung des Frauenwahlrechtes, ratsmitglieder wählen fonnten, nur mehr ein Drittel der frommen Verslein und Sprüche gelernt, die in anderen des Proportionalwahlsystems und dreijährige Wahlperioden, Plätze sollten besezen dürfen. Am 9. April schloß der Aus- Kindergärten üblich sind, und auch dem Byzantinismus, der sowie auf eine Neueinteilung der Wahlkreise. Bei der Beschuß seine Verhandlungen ergebnislos. Die Reformpartet sich allenthalben breit macht, sind keine Konzeffionen gemacht ratung dieser Anträge wird die bürgerliche Werlogenheit und die Freikonservativen zogen ihre während der Beratung worden; beides in Befolgung des Statuts, welches dem dem Frauenwahlrecht gegenüber wieder ihre Fee feiern gestellten Abänderungsanträge zurück. Bei der Wortführer Kindergarten völlige politische und religiöse Neutralität zur beim Souper Toaste auf die Damen, im Reichstag schnobbrige wahl stimmten die Freikonservativen für den Kandidaten Pflicht macht. Doch der preußische Staat läßt sich nicht unWitze über die Weiber. Die Wahrung jedes wahrhaften der Rechten, während sie bisher bei der gleichen Wahl mit gestraft ignorieren. Die Eltern hatten ihre Kinder mit Frauenrechts liegt einzig und allein in den Händen der der Regierungspartei zusammengestanden hatten. Freuden dieser Einrichtung anvertraut, die Kinder waren Bertreter der flaffenbewußten Arbeiterschaft. Zum Kampfe um das Franenwahlrecht in England. dort froh und glücklich gewesen, die Leiterin hatte sich ihrer ,, Was erwarten die Frauen vom Liberalismus?" Der Antrag Dickinson zugunsten des Frauenwahlrechts, Aufgabe mit Begeisterung gewidmet jezt stehen die über dieses Thema sprach Dr. Anita Augspurg am 25. März über den fürzlich im englischen Parlament verhandelt wurde, Kleinen weinend vor ihrem verschlossenen Paradies und als in einer vom Berliner sozialliberalen Verein veranstalteten forderte tein allgemeines Frauenwahlrecht, sondern Gabriel mit dem blizenden Schwert steht der preußische Versammlung. Ihre Ausführungen gipfelten in folgenden nur ein Damenwahlrecht. Er hatte folgenden Wortlaut: Schußmann da und macht es den Kindern beizeiten flar, Worten: In allen diesen Fragen und vor allem in der 1. In allen Gesezen, welche sich auf die Berechtigung der welch ein Glück es ist, in Preußen zu leben! Wir sind gespannt, was für Begründungsausflüchte die Kardinalfrage des Stimmrechtes setzen die Frauen ihre Zu- Personen beziehen, bei der Erwählung der Parlamentsmit versicht auf den Liberalismus und verlangen nunmehr eine glieder eine Stimme abzugeben und in die Wählerlisten ein- eingelegte Beschwerde hervorlocken wird. Wie aber auch definitive Zu- oder Absage. Der Liberalismus muß die getragen zu werden, sollen alle Worte, die für das männ- die Entscheidung der oberen Instanz ausfallen möge, die Forderung des Frauenwahlrechtes in sein Programm auf- liche Geschlecht gelten, auch für die Frauen gelten. 2. Eine Frauen des Proletariats können aus diesem Beispiel er nehmen; versagt er, dann werden die Frauen die Konse Frau soll nicht durch ihre Verheiratung des Rechts beraubt fennen, wie sehr der kapitalistische Staat eine Generation quenzen daraus ziehen." An den Vortrag schloß sich eine werden, diesen Bestimmungen entsprechend in die Wähler- fürchtet, die frei von frömmelnder und hurrapatriotischer sehr erregte Diskussion. Nur die liberalen Herrn v. Gerlach lifte eingetragen zu werden oder an der Abstimmung teil- Gehirnverkleifterung aufwächst. Und die Mütter mögen und Dr. Breitscheid traten den Ausführungen der Referentin zunehmen, ungeachtet eines etwa entgegenstehenden Gesetzes daraus lernen, wie notwendig es ist, dem staatlichen Unterbei, die übrigen anwesenden Liberalen nahmen eine durch- oder Gebrauchs." Da in England das geltende Männer- tanendrill durch eine freiheitliche, vom sozialistiaus ablehnende Haltung ein. Der Liberalismus habe mit wahlrecht zum Parlament fein allgemeines ist, wäre diesem schen Gedanken getragene häusliche Erziehung den Forderungen der Frauen nicht das geringste zu tun; die Antrag entsprechend auch das Frauenwahlrecht kein all- ein fräftiges Gegengewicht zu schaffen. Frauen seien in politischer Beziehung noch außerordentlich gemeines gewesen, sondern in der Hauptsache nur den be- Die Einführung von Stillprämien zur Bekämpfung unreif usw. Es bleibt nun abzuwarten, ob und wie die sitzenden Damen zugute gekommen. Der Premierminister der Säuglingssterblichkeit beabsichtigt die Stadtgemeinde liberalen Parteileitungen sich zu der Frage äußern werden. wies mit Recht auf seinen undemokratischen Charakter hin, München. Vor kurzem ist ihr ein Legat von 100000 r. Bis dahin mögen sich die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen darauf, daß er die meisten Arbeiterinnen rechtlos belaffe. zugefallen, dessen Zinsen für diesen Zweck angelegt werden noch in der Rolle von Jbsens Nora gefallen und auf das Der Antrag war aber auch insofern halb und undemokratisch, sollen. In erster Linie sollen unbemittelte Mütter, gleich" Wunderbare" harren wir fürchten freilich, ihnen wird als er bloß das aktive und nicht auch das passive Wahl viel ob verheiratet oder nicht, die ihre Kinder stillen, Prämien dieselbe bittere Enttäuschung zuteil werden wie jener. Daß recht forderte, das heißt den Frauen das Recht vorenthielt, erhalten. Wenn sich diese Bestimmung nach der Ansicht des sie aber aus dieser Enttäuschung auch mit derselben herben selbst in das Parlament gewählt zu werden. Magistrats als undurchführbar erweist, so beabsichtigt man, Energie die Konsequenzen ziehen" werden, wie es Nora In Wirklichkeit demokratisch ist dagegen der Antrag, den die Zinsen des Kapitals zur Gründung oder Unterstügung tut, wagen wir zu bezweifeln. Was wollten sie denn auch Sir Charles Dilke für die Zuerkennung des Wahlrechts an städtischer Krippenanstalten zu verwenden. Die Stiftung soll anfangen! Etwa samt und sonders zur Sozialdemokratie alle großjährigen Staatsangehörigen ohne Unter- den Namen„ Stiftung zur Bekämpfung der Kindersterblichübergehen, falls der Liberalismus versagt"? Das glaubt schied des Geschlechts eingebracht hat. Er lautet: feit in München" tragen. doch kein vernünftiger Mensch, obgleich es vielleicht die 1. Jeder großjährige Mann und jede großjährige Frau, ob einzige Konsequenz" wäre, die den liberalen Helden noch verheiratet oder ledig, soll das Wahlrecht zu der Parlamentseinigen Respekt abgewinnen würde. Für die bürgerlichen und Gemeindewahl des Kreises besitzen, wo er beziehungsFrauenrechtlerinnen ist aber ein solcher Schritt eine soziale weise sie wohnt, und gebührend in die Wählerlisten eingeEine Konferenz des sozialdemokratischen Frauenund psychologische Unmöglichkeit, und sie werden daher nach tragen werden, es sei denn, daß er beziehungsweise fte( durch klubs Hollands fand am 30. März in Haarlem statt. wie vor im politischen Puppenheim" verharren. andere Gründe als Geschlecht oder Berehelichung) auf Grund Auf ihrer Tagesordnung standen die folgenden Punkte: Allgemeines, gleiches Wahlrecht für Frauen und des gemeinen Rechts oder eines Barlamentsgesetzes des 1. Zweck und Einrichtung des sozialdemokratischen FrauenMänner in Dänemart. Seit dem Jahre 1857 bestehen in Wahlrechts verlustig gehe. 2. Niemand kann als Parlaments flubs; 2.„ Die proletarische Frau" als Organ aller Klubs; Männer in Dänemark. Seit dem Jahre 1857 bestehen in mitglied von einer Universität oder Bereinigung von Uni- 8 die Propaganda für das politische Frauenwahlrecht. Dänemark gesetzlich anerkannte Freie Armentassen, verjitäten gewählt werden. 3. Niemand soll durch Geschlecht Wir werden in der nächsten Nummer einen ausführlichen welche in Not befindlichen Personen Unterstüßung gewähren, oder Berehelichung das Recht verlieren, als Mitglied jedes Bericht über die Konferenz bringen. ohne daß damit die üblen Folgen verbunden sind, die sonst Barlaments( das heißt bei Fortbestand des Oberhauses auch der Armenunterstützung anhaften. Ursprünglich waren diese bes Oberhauses) oder eines Gemeinde- oder GrafschaftsFreien Armenfassen eine halb firchliche Einrichtung. Die rats gewählt zu werden oder sonst irgend welches öffentliche Geistlichen waren die Vorsitzenden, und die Gelder flossen Amt auszuüben." Dieser Antrag ist außer von Sir hauptsächlich aus den Sammelbüchsen der Kirchen. Das Charles Diffe auch von Keir Hardie und anderen Mit hat sich inzwischen verändert. Während der großen Periode gliedern der Arbeiterpartei unterzeichnet. Seine Annahme der Arbeitslosigkeit um die Zeit der Jahrhundertwende würde die Demokratisierung des Parlaments- und des Gebrachte die Sozialdemokratie einen Vorschlag auf Staatsmeindewahlrechts bedeuten. Wenn es der englischen Regieunterstützung der Freien Armentassen und einen auf Staatsunterstützung zu den Arbeitslosenkassen der Gewerkschaften Charakters des bürgerlich- frauenrechtlerischen Antrags Didinrung ernst ist mit ihrer Bemängelung des undemokratischen ein. Der letztere ist, wenn auch in etwas veränderter Form, son, so braucht sie sich nur für den Antrag Dilke zu erklären. vor kurzem endgültig angenommen worden. Im Frühjahr Ob sie das tut, ist billig zu bezweifeln. 1904 wurde die Staatsunterstützung zu den Freien Armentassen beschlossen, und zwar in einem Gesetz, das nach Verlauf von drei Jahren revidiert werden sollte. Dies ist nun geschehen. Das neue Gesetz über die Freien Armenfassen, Der Parteitag der holländischen Sozialdemokratie die in Zukunft„ Hilfskassen" genannt werden, ist am 25. März beschloß, an den Internationalen Sozialistentongreß zu vom Folkething in dritter Lesung endgültig angenommen Stuttgart den Antrag zu stellen, die Frage des Frauenwahl worden. Die Kommunen fönnen nach ihm ohne Genehmi- rechts auf seine Tagesordnung zu setzen. gung der höheren Behörden bis zu 30 Ore pro Einwohner für die Hilfskassen aufwenden. Sie erhalten ein Drittel der Ausgaben aus der Staatskasse ersetzt. Im ganzen ist der Staatszuschuß auf 250 000 Kronen jährlich bemessen. Ge" In Paris haben zwei sozialistische Demonstrationen für das Frauenwahlrecht im März stattgefunden. Fürsorge für Mutter und Kind. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenbewegung. Ginrichtung bewährt hat, die weiblichen Sträflinge und HäftWeibliche Gefängnisauffcher. Da sich in Wien die linge durch Frauen beaufsichtigen zu lassen, sollen nunmehr auch an anderen Gefängnissen Österreichs Aufseherinnen ver wendet werden. Berichtigung. „ Erfte Zu dem Artikel von Genossin Zieh über die deutsche Konferenz zur Förderung der Arbeiterinneninteressen" in Nummer 6 der„ Gleichheit" sendet uns Fräulein Dr. Margarete Bernhard eine Berichtigung. Sie bezeichnet darin die Angabe, daß sie am Schlusse ihres Referats über das Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Krankenkassen die Erwartung ausgesprochen habe, daß die Arbeitgeber die Arbeiterinnen darüber aufklären würden, wie wentvoll für sie die Ausübung ihres Wahlrechtes zu den Krankentassen sei, als einen Irrtum. Sie habe sich vielmehr in folDer preußische Staat im Kampfe gegen Kinder- gendem Sinne geäußert:" Daß Unterstüßung von seiten braucht eine Kommune nicht ihren vollen Anteil, so kann sie gärten. Es ist erreicht! In Preußisch- Polen führt man einen außenstehender Frauen Hilfe bringen kann, zeigt die letzte im folgenden Jahre einen um so viel höheren Zuschuß be- erbitterten Krieg mit Schulfindern, in der preußischen Re- Delegiertenwahl zur Ortskrankenkasse der Schneider in Breslau. ziehen. Das wichtigste an dem neuen Gesetz ist jedoch eine fibena muß man sogar gegen Kindergartenzöglinge zu Felbe Die Agitation des Vereins Frauenwohl unter den weiblichen gründliche Demokratisierung der Verwaltung der Hilfstassen, siehen!- Seit ungefähr einem Jahre besteht in Berlin- Mitgliedern, die Einberufung vor zwei Versammlungen mit Sie sind die erste öffentliche Institution in Dänemark, für Charlottenburg ein Verein„ Freier Kindergarten", der für Referaten über die Bedeutung der Wahlen und anschließender die das gleiche allgemeine Wahlrecht für Männer und die Einrichtung von Kindergärten auf dem Boden moderner Diskussion, sorgsame Aufstellung geeigneter Kandidatinnen Frauen, verheiratete wie ledige, Dienstleute nicht aus Pädagogik und Kinderpsychologie und unter strenger Ber- zeitigten die Wahl einer beträchtlichen Anzahl weiblicher geschlossen, eingeführt wird, und zwar das aktive und meidung jeder politischen und religiösen Beeinflussung ein- Delegierter." Genoſſin ziet befindet sich leider, wie unsere Das Gesetz gilt vorläufig noch nicht tritt. Der Verein umfaßt mehrere hundert Personen ver- Leserinnen wiffen, zurzeit im Gefängnis; fie fann sich des= für Kopenhagen, weil hier eine Freie Armentaffe nicht schiebener Barteirichtungen, neben einer Reihe Sozialdemo- halb zu der Berichtigung nicht äußern. Aus dem von besteht, sondern nur eine Unterstützungsvereinigung, die traten zum Beispiel auch Pfarrer Naumann, Professor Förster der Preßkommission der Konferenz versandten Bericht über allerdings auch in Zukunft noch Staatszuschuß nach dem und andere mehr. Der erste derartige Kindergarten wurde die Verhandlungen ist über die betreffenden Ausführungen Gesetz von 1904 genießt. Voraussichtlich werden aber auch vor elf Monaten ins Leben gerufen und hatte sich zahlreiche Fräulein Dr. Bernhards auch nichts Genaueres ersichtlich. für die Hauptstadt bereits im nächsten Jahre Hilfstassen nach Freunde unter Eltern und Kindern erworben. Am 28. März dem neuen Gesetz mit der vom Volke gewählten Verwaltung erhielt die Leiterin des Kindergartens, Frau Toni Sußmann, eingeführt. Gattin des Augenarztes Dr. Sußmann in Charlottenburg, Über den Gesetzentwurf der dänischen Negierung, eine Verfügung der Regierung in Potsdam, wonach ihr die betreffend die Einführung des allgemeinen Kommunal wahlrechts für Männer und Franen unter Anwendung der Proportionalwahlmethode, verhandelte seit längerem eine aus Mitgliedern des Follethings und Landthings zu fammengefeßte Rommission. Am 8. April legten die Leiter er Regierungspartei und die Wortführer der gemäßigten inken der Kommission einen Vorschlag zu einem übereinommen vor. Dieser Vorschlag fam in einzelnen Bunften den Wünschen der Freikonservativen entgegen; so forderte passive Wahlrecht. Kongeffion für die Weiterführung des Kindergartens und des angeschlossenen Kinderhorts entzogen und für jeden Tag des Weiterbetriebs eine Strafe von 20 Mt. angedroht wurde. Die Verfügung begründet diesen sogar für Preußen unerhörten Gewaltaft mit den Worten: Zur Beachtung! Wir machen die Genossinnen auf den außerordentlich reichhaltigen Inhalt dieser Nummer aufmerksam. Nicht nur ist die Kinderbeilage doppelt so start als im Vorjahr, auch das Hauptblatt erscheint diesmal um vier Seiten stärker als gewöhnlich. Hoffentlich ist dies den Genoffinnen ein Ansporn, noch mehr wie bisher für ihre Zeitung zu agitieren. „ Die Schließung erfolgt, weil nach dem Ergebnis der Wir weisen gleichzeitig darauf hin, daß Nr. 9 als Mainummer angestellten Erhebungen beide Einrichtungen( Kindergarten erscheint. Die Bertrauenspersonen wollen ihren Bedarf an und Kinderhort) sozialdemokratischen Bestrebungen Agitationsexemplaren rechtzeitig beim Verlag ber, Gleichheit", dienen." Paul Singer, Stuttgart, Furtbachstr. 12, bestellen. 70 Me Gleichheit Nr. 8 Frühlingsbotschast. Don Gottfried Keller. Zum Gerichte rief der Frühling. Denn mit Strenge zu verfahren Gegen ketzerisch verstockte ltbelsinnige Verzweiflung, Haben seine Heiligkeit Bei der Sonne Glanz geschworen. Und in grünem Feuer flammen Alle Bäume nun auf Erden, Jeder Baum ist eine Flamme! Und geschürt sind alle Gluten, Angesacht glühn alle Rosen, Während die schismatisch grauen Aufgelösten Nebelflocken Klagend durch die Lüfte flattern, Gleich verbrannter Ketzer Asche; Doch der heilig ernste Himmel Läßt sie ohne Spur verschwinden, Und er schaut ins grüne Feuer Mit erbarmungsloser Bläue. Habt ihr jetzo unter euch Einen schlimmen und verschraubten Heuchlerischen und verstockten Und verbohrten Hypochonder, Der da zwischen Gut und Böse Eigensinnig schwankt und zweifelt, Weder warm noch kalt kann werden, Oder zu gerechtem Argwohn Grund gibt, daß sein schwarzes Innres Wohl ein ungeheures hohles Aufgeblas'nes SchiSma berge: Diesen legt nun auf die Folter, Diesen lasset nun bekennen! Bindet ihn mit jungem Efeu, Werft ihn nieder auf die Rosen, Gießt ihm Wein auf seine Zunge, Tropfen flüssig heißen Goldes, DaS den Mann zum Beichten zwingt, Glas auf GlaS, bis er bekennt! Zeiget sich ein Hoffnungsfunke, Nur ein Fünklein heitern Glaubens» Nur ein Strahl des guten Geistes, O so stellt ihn auf zur Linken, Zur Belehrung und zur Vessrung! O so stellt ihn, wo das Herz schlägt, Auf der Menschheit frohe Linke, Auf des Frühlings große Seite! Sollt' eS sich jedoch ereignen, Daß das peinliche Verfahren Nichts enthüllte, nichts ergäbe, Was da nur der Rede wert, Das Delirium des Rausches Selbst nur eine dunkle Leere Vor den Richtern offenbarte: Schleunig laßt den Sünder laufen, Jagt ihn stracks zur schnöden Rechten, Wo Geheul und Zähneklappern Dummheit und Verdaminnis wohnen! Em Stelldichein. Von Iwan Turgenjeff.(Schluß) „Nun/ begann der Mann, noch immer mit dem Blick seitwärts, den Fuß bewegend und gähnend,„bist du schon lange hier?" Das Mädchen vermochte ihm nicht sogleich zu ant- worten. „Schon lange, Viktor Alexandritsch," sagte sie endlich mit kaum vernehmbarer Stimme. „Ah"— er nahm seine Mütze ab, fuhr sich vornehm mit der Hand durch das dichte, aufgekämmte Haar, welches fast unmittelbar bei den Schläfen begann, und blickte dann würdevoll um sich, worauf er nachlässig sein teures Haupt wieder bedeckte—„ah, ich habe das doch ganz und gar vergessen. Es hat ja übrigens auch ge- regnet." Er gähnte wiederum.„Es gibt ungeheuer viel zu tun, und alles kann man nicht im Kopfe behalten, und selbst dabei wird noch vom Herrn gescholten. Wir fahren morgen"— „Morgen?" wiederholte das Mädchen und heftete einen erschreckten Blick auf den Sprecher. „Morgen. Nun, nun," fuhr er eifrig auf, und mit Verdruß, als er bemerkte, daß sie zitterte und das Haupt schüttelte,„Akuliua, weine nur nicht; du weißt wohl, daß ich dies nicht leiden mag;" er rümpfte dabei seine stumpfe Nase.„Ich gehe sonst sofort wieder; was das für eine Torheit ist, zu weinen"— „Nein, ich will nicht weinen," stammelte Akulina betrübt, mit Anstrengung ihre Tränen hinunterschluckend. „Also morgen fahrt Ihr?" fügte sie nach kurzer Pause hinni;„wenn wird Gott geben, daß wir uns wiedersehen, Tttor Alexandritsch?" Mr werden uns schon wiedersehen. Wenn nicht im nächsten Jahre, so doch— später. Der Herr scheint in Pereesburg ins Am» eintreten zu wollen," fuhr er fort, nachlässig und etwas durch die Nase sprechend,„es kann aber auch sein, daß wir ins Ausland gehen." „Ihr werdet mich vergessen, Viktor Alexandritsch?" sprach Akulina trübe. „Nein, weshalb auch? Ich werde dich nicht vergessen, aber bleibe du nur verständig, sei keine Törin und ge- horche deinem Vater. Dich werde ich nicht vergessen, nein"— er dehnte sich ruhig und gähnte von neuem. „Vergeht mich nicht, Viktor Alexandritsch," wieder- holte sie mit beschwörender Stimme,„wie habe ich Euch geliebt, alles, alles für Euch— Ihr sagt, ich solle meinem Vater gehorchen, Viktor Alexandritsch; aber wie soll ich das?" „Wie?" Er brachte dieses Wort hervor, als käme es aus seinem Magen, legte sich auf den Rücken und stemmte die Hände unter den Nacken. „Ja, Viktor, Ihr wißt doch selbst"— Sie schwieg, Viktor aber spielte mit seiner stählernen Uhrkette. „Akulina, du bist doch kein dummes Mädchen," Hub er endlich an,„deshalb schwatze kein dummes Zeug. Ich will dein Bestes, verstehst du mich? Gewiß, du bist nicht ohne Verstand, nicht so ganz Bäuerin, so zu sagen, und deine Mutter war es ja auch nicht ganz; du hast etwas Bildung und mußt daher gehorchen, wie dir gesagt wird." „Aber es ist doch furchtbar, Viktor Alexandritsch." „Ach, Dummheit, Kind. Wo ist denn etwas Furcht- bares?— Was hast du denn da?" fügte er plötzlich hinzu, sich zu ihr hinbeugcnd,„Blumen?" „Blumen," versetzte Akulina traurig;„es sind Vogel- beerblüten," fuhr sie fort, etivas lebendiger sprechend, „ich habe sie für die jungen Kälber gepflückt, denen be- kommen sie sehr gut, und dieses da ist Wasserhanf, der ist gegen Skrofeln. Seht Ihr da die seltsame Blüte, ich habe eine solche mein Lebtag noch nicht gesehen. Hier ist Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen. Dies aber habe ach für Euch gepflückt," fügte sie hinzu, aus den Blumen ein kleines Sträußchen blauer Kornblumen nehmend, das sie mit einem dünnen Grashalm zusammengebunden hatte, „wollt Ihr es?" Viktor streckte nachlässig die Hand ans, ergriff die Blumen und roch daran mit gleichgültiger Miene, dann drehte er den Strauß zwischen den Fingern, in Gedanken verloren ins Weite starrend. Akulina blickte ihn an, es lag so viel zarte Hingebung in diesem traurigen Blick, so viel Neigung und Liebe! Sie sah lieblich aus in diesem Augenblick; sie war so zutraulich, so ganz hingebend für ihn, sie schmiegte sich an ihn und schmeichelte, und er— er warf die Kornblumen auf den Boden und holte dann aus seiner Paletottasche ein rundes Monokel mit Bronzeeinfaffung hervor, welches er in das Auge klemmte; indessen wie sehr er sich auch bemühte, es im eingeklemmten Auge zu be- halten, und sogar die Nase dabei zu Hilfe nahm— das Glas entglitt ihm immer wieder und fiel ihm in die Hand. „Was ist denn das?" fragte ihn Akulina erstaunt. „Eine Lorgnette," antwortete er wichtig. „Wozu dient sie?" „Damit man besser sehen kann." „Ach, zeig doch einmal her!" Viktor runzelte die Stirn, aber er gab ihr das Monokel. „Zerbrich mir es nicht," sagte er. „O, ich werde es nicht zerbrechen." „Die Augen, die Augen mußt du zusanimendrücken," sagte er mit dem Tone eines unzufriedenen Schulmeisters. Sie drückte das Auge zusammen, vor welches sie das Glas hielt. „Nicht dies, nicht dies, Dummkopf! Das andere Auge!" rief Viktor, und ohne ihr Zeit zu geben, ihren Irrtum zu verbessern, entriß er ihr das Glas wieder. Akulina errötete, lächelte ein wenig und wandte sich ab. „Das ist nichts siir uns," sagte sie, schwieg dann und seufzte. „Ach Viktor, wie schwer wird es mir werden, ohne Euch zu sein," Hub sie plötzlich wieder an. „Ja ja, anfangs wird es dir schon etwas schwer an- kommen," sagte er, sie herablassend auf die Schulter klopfend; Akulina nahm behutsam seine Hand von ihrer Schulter und küßte sie sanft.„Ja ja, du bist ein gutes Kind," fuhr er fort, eingebildet lächelnd,„aber was kann ich dafür? Urteile selbst! Hier kann ich mit dem Herni nicht bleiben, der Winter kommt bald, und ein Winter aus dem Dorfe, du weißt das ja am besten, ist schrecklich! Hingegen in Petersburg, ja, da gibt es Wunderdinge, wie sie dein dummes Köpfchen sich im Schlafe nicht zu träumen vennag. Was für Häuser, die Straßen, die Gesellschaft, diese Bildung— es ist wunderbar!"— Akulina lauschte seinen Worten mit lebendigem Interesse, ihre Lippen waren halb geöffnet, sie erschien wie ein Kind.„Aber wozu erzähle ich dir doch das alles," sagte er, aus den Erdboden stampfend,„du kannst es ja doch nicht verstehen!" „Warum, Viktor Alexandritsch? Ich habe Euch ver- standen, ich verstehe alles." „Sieh nur an!" Akulina senkle das Köpfchen.„Ihr habt früher doch gar nicht so mit mir gesprochen, Viktor," sagte sie, ohne die Augen zu erheben. „Früher? Was soll das.früher'?" antwortete er, gleichsam unwillig. Sie schwiegen beide. „Indessen ich muß jetzt gehen," Hub er wieder an und stemmte sich auf den Ellbogen. „Ach, wartet doch noch ein wenig," antwortete Akulina in flehenden: Tone. „Wozu warten? Ich habe mich ja von dir schon verabschiedet." „Noch ein wenig," wiederholte das Mädchen. Viktor legte sich wieder hin und begann zu pfeifen, Akulina verwandte kein Auge von ihm. „Viktor Alexandritsch," begann sie endlich mit fliegen- der Stimme,„es ist nicht schön von Euch, bei Gott'— „Was ist nicht schön von mir?" antwortete er, die Brauen ziehend, hob leicht den Kopf und wandte sich zu ihr. „Es ist nicht schön von Euch. Hättet Ihr zum Ab- schied nur ein freundliches Wörtchen zu mir gesagt; nur ein Wörtchen zu der armen Waise." „Aber was soll ich zu dir sagen?" „Ich weiß es nicht, Ihr müßt das besser wissen, Viktor Alexandritsch. Ihr wollt von hier wegreisen, und kein liebes Wort habt Ihr. Womit habeich das verdient?" „Du bist doch recht seltsam! Was soll ich tun?" „Ein einziges liebes Wort!" „Ach, du willst immer nur ein und dasselbe," sagte er mit Verdruß und stand auf. „Seid mir nicht böse. Viktor Alexandritsch," rief sie hastig aus, kaum noch die Tränen haltend. „Ich bin nicht böse, aber du bist so töricht. Was willst du denn? Ich kann dich ja doch nicht heiraten, ich kann ja nicht. Also, was willst du noch? Wie?" „Nichts— nichts will ich," antwortete Akulina schluchzend und es kaum wagend, die dargebotene Hand zu ergreifen;„ach, ich wollte ja nur ein freundliches Wort zum Abschied von Euch haben!« Ihre Tränen rannen in Strömen. „So ist es schon, sie kam, um zu weinen," sagte Viktor Alexandritsch kalt und zog sich seine Mütze über die Augen. „Ich will gar nichts," fuhr das Mädchen fort, schluchzend und das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, „aber was habe ich nun noch auf der Welt, was habe ich nun noch? Und wie wird es mir ergehen, was wird mein Schicksal sein? Sie werden mich einem Ungeliebten verheiraten." „Du mußt singen, singen," ermunterte sie halblaut Viktor, ungeduldig auf seinem Platze hin und her tretend. „Ach, hättet Ihr nur ein einziges freundliches Wört- chen für mich gehabt, nur eines; hättet Ihr gesagt: „Akulina"— Ein plötzlicher Schmerzensausbruch ließ sie ihre Rede nicht vollenden, sie warf sich mit dem Gesicht ins Gras und weinte bitterlich. Ihr ganzer Körper bebte unter ihrem Schmerz, ihr Nacken hob sich hoch empor. Der langverhattene Schmerz hatte sich endlich Bahn gebrochen. Viktor stand neben ihr, er zuckte die Schultern, wandte sich und ging mit großen Schritten davon. Es vergingen einige Augenblicke; sie ward ruhiger, hob den Kopf und sprang empor. Sie schaute um sich und gestikulierte mit den Armen; sie wollte ihm nach- eilen, aber die Füße zitterten unter ihr, und sie brach in die Knie. Ich konnte mich jetzt nicht mehr halten und eilte ihr zu Hilfe, aber kaum war sie meiner ansichtig geworden, als sie ihre Kräfte zusammenraffte und mit einem schwachen Schrei sich erhob, um zwischen den Bäumen zu verschwinden. Nur die verstreut umherliegenden Blumen blieben zurück. Ich blieb stehen und hob das Kornblumensträußchen aus, dann verließ ich den Wald und trat hinaus aufs Feld. Die Sonne stand bereits niedrig am Himmel, und ihre Strahlen waren blaß und kalt; sie glänzten nicht, sondern schienen sich in einem gleichmäßigen, fast wässrigen Lichte zu ergießen. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Einbruch des Abends, und das Abendrot begann kaum merklich aufzusteigen. Ein scharfer Wind wehte mir über die gelben dürren Stoppeln entgegen und trieb rings um mich über Weg und Steg kleine Blätter vor sich her; der Rand des Waldes, welcher an das Feld grenzte, rauschte bewegt und glitzerte, aber nicht mehr so hell. An den Grashalmen blinkten und wogten zahllose Spinnefäden. Ich ging heimwärts; das Bild der armen Akulina wollte mich lange nicht verlassen, und ihre Kornblumen, die schon längst verwelkt sind, bewahre ich noch heute bei mir auf. virantworMch für dt« R«da!i.... Kl«r«»«Mn(tzundel), WtI»«lmZ»ö», ?»st Degawch Vit emnaan. Druck und Verlag von Paul Singer tn Stuttgart.