Nr. 9 Die Gleichheit e Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ero Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. www Inhalts- Verzeichnis. Schutz den des Proletariats und die Frauen. Von Angelica Balabanoff. Die Maiforderungen der Dienstmädchen. Von Helene Grünberg. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Ein Sieg der Wiener Schneiderinnen. Dienstbotenfrage. Die Maifeier. Stuttgart den 1. Mai 1907 17. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Ignaz Auer. Freund an ihn herangetreten. Ein schleichendes, unaufhaltfames Leiden hatte in den letzten Jahren seine riesige Kraft für die Sache seiner Klasse im dichtesten Kugelregen gestanden, gebrochen, und der Mann, der länger als ein Menschenalter empfand voll die Schwere des Geschicks, weiter zu leben, ohne weiterkämpfen zu können. In den letzten Jahren tritt nun eine merkliche VerDie Maifeier. Ignaz Auer. Der internationale Charakter des schiebung in der Situation der Arbeiterbewegung ein. ersten Mai. Von H. Roland- Holft. Die Bedeutung des Acht- Ein scharfer Wind weht wieder über dem Kampffeld. ftundentags für die Arbeiterin als Gattin und Mutter. Bon Ottiliem Osten die große russische Revolution. In DeutschBaader. Beteiligung der Frauen an den Wahlen in Finnland. land eine Verschärfung und Zuspitzung des wirtschaftVon Hilja Barffinen, deutsch von Adelaide Burjam. Das tämpfende Proletariat hat einen seiner bedeutend Müttern. Von Käte Dunder. Die Bedeutung der Maifeier für lichen wie politischen Kampfes: eine umfassende Aus- sten und treuesten Söhne in Berlin zu Grabe getragen. den Kampf um das Wahlrecht in Österreich. Von Adelheid Popp. Sperrungsaktion gegen die Arbeiterschaft in der Industrie Ignaz Auer ist am 10. April verschieden. Der Tod hat ihn Berkürzung der Arbeitszeit, Förderung der gewerkschaftlichen und ein Zusammenschluß aller bürgerlichen Parteien zur nicht als tückischen Würger überfallen, er ist als erlöfender Arbeiterinnenorganisation. Bon Frida Wulff Die Weltfeier parlamentarischen Aussperrung der Arbeiterklasse. In Frankreich ein brutaler Feldzug der„ radikalen" Regierung gegen die Gewerkschaften und eine Reihe er bitterter Lohnkämpfe. Erregt durch das machtvolle Wachstum der proletarischen Organisationen in den letzten 15 Jahren, erschrocken durch die russische Revolution, wird Der Tote gehörte zu den großen Rämpfern des deutschen verder internationale Kapitalismus nervös, wild, aggressiv. Proletariats, für welche das Werden und Wachsen der geDie Maifeier ist ein lebendiges historisches Stück des Und damit beginnt auch für die Maifeier eine neue einten Sozialdemokratie persönliches Lebenswert und persön internationalen proletarischen Klassentampfes, und des- Phase. Von Hause aus, dem Gedanken nach eine un- licher Lebenswert gewesen ist. Auers Entwicklung und Sein halb spiegelt sie in sich seit bald 20 Jahren getreu alle mittelbare Kundgebung der Masse ihre einzige direkte ist auf das innigste mit der Geschichte der Partei verknüpft, Phasen, alle Momente dieses Kampfes wider. Außer- politische Aktion bisher, außer den Wahlen füllt sie Talenten als mit höchster Hingabe und überzeugungstreue deren Erstarken und Reifen er mit ebenso bedeutenden lich genommen ist es immer dieselbe monotone Wieder sich mit neuem Inhalt, mit neuem Geiſt in dem Maße, gefördert hat. In dem aber, was er geworden und was holung gleichlautender Reden und Artikel, gleichlautender wie die Verschärfung des Klassenkampfes immer mehr er Unvergängliches und Unvergeßliches geleistet hat, ist er Forderungen und Resolutionen. Deshalb glauben auch die Rolle der proletarischen Massen wieder in den Vorder- eine typische Verkörperung der reichen natürlichen Gaben, diejenigen, deren Blicke nur an der starren Oberfläche grund schiebt. Je mehr die Reaktion, die nackte Gewalt die in den Massen des Volkes schlummern und mit urder Dinge haften, und die das innere unmerkliche Werden herrschaft der Bourgeoisie auf wirtschaftlichem wie auf wüchsiger Kraft nach Entfaltung drängen; ist er eine der Verhältnisse nicht herausfühlen, die Maifeier hätte politischem Gebiet den proletarischen Interessen jede typische Berkörperung herrlicher Kampfestugenden, in denen durch die Wiederholung ihre Bedeutung verloren, fie sei Handbreit streitig macht, um so mehr nähern wir uns sich die historische Wesenheit des aufsteigenden Proletariats beinahe eine leere Demonstration" geworden. Allein der Zeit, wo die Massen selbst das Heft in die Hände tündet. Aus den Niederungen der Gesellschaft ist Auer geunter der äußerlich gleichen Erscheinungsform birgt die nehmen, wo sie in eigener Person die Interessen ihrer sozialen Verhältnisse der persönlichen Entwicklung nährendes kommen. Von dorther, wo die Ungunst und Unbill der Maifeier in sich den wechselnden Puls des proletarischen Klassenbefreiung verfechten müssen. Diesen früher oder Erdreich, Luft, Licht und Wärme vorenthält. Er hat sich Kampfes, fie lebt zusammen mit der Arbeiterbewegung und später unvermeidlichen Zeiten entgegenzureifen, sich für nicht von Glückszufällen emportragen lassen- das Sichverändert sich daher mit ihr, gibt in dem eigenen Ideen- diese Zeiten mit dem Bewußtsein der eigenen Pflicht und tragenlassen war überhaupt mit seinem ganzen auf die Tat gehalt, in der eigenen Stimmung, in der eigenen Spannung der eigenen Macht zu rüsten, das ist gegenwärtig die gestimmten Wesen unvereinbar, ein heiß Ringender und die wechselnden Situationen des Klassenkampfes wieder. Aufgabe des Proletariats, und hierzu ist die Maifeier, Schaffender ist er selbsttätig emporgestiegen. Der prole Drei große Phasen hat die Maifeier in ihrer inneren als eine direkte Kundgebung der Maffe, ein Mittel. tarische Klaffentampf wurde der Mutterboden, auf dem seine Geschichte durchgemacht. In den ersten Jahren, wo sie Namentlich in Deutschland muß die Antwort auf die großen Talente emporsproßten, der proletarische Klassen sich die Bahn brechen mußte, wurde sie mit gespannten parlamentarische Niederlage der Sozialdemokratie vom fampf gab ihnen fruchtbaren Sonnenschein und erquickenErwartungen und gehobener Stimmung von dem Prole- 25. Januar eine imposante, gewaltige Feier des 1. Mai ben Tau und ließ sie in ihrer start geprägten martigen tariat aller Länder begrüßt. Die Arbeiterklasse reihte geben. Die Arbeitermasse muß der vereinigten reaktionären Eigenart reifen. Aber was Auer von dem geschichtlichen Sein seiner Klasse empfangen hat, das hat er ihm in uneine neue Waffe ihrem Rüstzeug ein, und die ersten Masse der Bourgeoisie zurufen: Ihr wolltet unsere Ver- verbrüchlicher Treue mit Zins und Binseszins zurückerstattet. Versuche mit dieser Waffe spannten das Kraftgefühl und tretung aus eurer Gesetzgebung hinausdrängen nun Gein eigenes persönliches Leben ist in dem Leben der Sozialdie Kampffreude der Millionen Ausgebeuteter und Unter- wohl, hier sind wir selbst, ihr seht uns entschlossener, demokratie, der klassenbewußten Arbeiterbewegung aufdrückter hoch. Auf der anderen Seite begegnete aber die geschlossener und kampffroher wie je! gegangen, und mehr als einer wichtigen Etappe ihrer Ent Bourgeoisie aller Länder der neuen Kundgebung des Zugleich tritt das andere Moment der Maifeier mit wicklung ist er wegweisend, führend vorangeschritten. Klaffenkampfes mit höchster Angst und tiefstem Haffe. neuer Macht in den Vordergrund die Internationalität Der arme bayerische Kleinbauernbub und der junge Der Gedanke der internationalen sozialistischen Demon- der Arbeiterfache. Solange der Klassenkampf in jedem Sattlergeselle hat es weniger hart empfunden, daß das stration erschien ihr als das wiedererstehende Gespenst Lande ein Mindestmaß demokratischer Ellbogenfreiheit Brot manchmal farg geschnitten war, als daß die bildungssehnsüchtigen Kräfte nicht genügend Nahrung fanden. Das der alten verhaßten Internationale, der fühne Anlauf hat und solange der parlamentarische Werktag der posi sitterte schmerzlich, von köstlichem Humor verklärt, in den zu einer gleichzeitigen Weltarbeitsfeier als das Toten tiven Arbeit währt, wird die Arbeiterbewegung von dem Erzählungen aus Kinder- und Jugendzeit nach, die Auer geläute der ganzen kapitalistischen Herrlichkeit. Daher besonderen jedes Staatsmilieus, von der nationalen Ber- gelegentlich im kleinen Freundeskreise zum besten gab. Und die wahnwißigsten Vorbereitungen der ersten Jahre, um splitterung beherrscht. Sobald jedoch die Grundgewalten wie fonnte er erzählen! Mit ungesuchter und darum um so den Gefahren der Maifeier mit brutaler Polizei und des Klaffenkampfes aus der Tiefe der kapitalistischen vollendeterer Meisterschaft, welche die Situationen und PerMilitärgewalt zu begegnen. Und als Avantgarde dieser Gesellschaft an die Oberfläche emporsteigen, sobald der sonen in greifbar plastischer Lebendigkeit vor den Zuhörer waffenftarrenden Kolonne der erschrockenen Bourgeoisie Kampf scharf an den Zusammenprall der Massen mit den stellte. In der Form der Schilderung offenbarte sich dann stürzte sich die„ freie Republik" Frankreich in den Kampf, herrschenden Mächten grenzt, da wird die Idee des einen der glänzende Rebner, dessen Wig und Sarkasmus im Parteierft hinter ihr der zarische Absolutismus. Das erste und unteilbaren Weltproletariats mit verstärkter Kraft leben wie im Parlament feffelte, in der Charakterisierung Proletarierblut um die Sache der Maifeier floß im lebendig. Die Vorbereitungen der Bourgeoisie auf ben der Menschen und Dinge aber der große Tattiker und Stratege, der scharfen Blickes gegebene Verhältnisse und Jahre 1891 in Fourmies; im Jahre 1892 gab es eine 1. Mai in allen Ländern erinnern das Proletariat in diesem Bersönlichkeiten wertete und die einen wie die anderen dem blutige Maischlacht in Russisch- Polen, in Lodz. Jahre wieder mit Macht daran, daß sein Befreiungskampf erstrebten Ziele nutzbar zu machen verstand. Aber bald beruhigten sich die herrschenden Klassen ein und derselbe in allen Ländern ist. Heute steht aber an In sehr jungen Jahren fand Auer durch den Anschluß und erkannten den rein demonstrativen Charakter der der Spitze der Arbeiterarmee aller Länder das russische an die sozialdemokratische Bewegung Bildungsmöglichkeit Maifeier. Andererseits sollte in der Arbeiterbewegung Proletariat, das Proletariat im Reiche der Revolution. und Betätigungsfeld. Kaum dreiundzwanzigjährig, stürzte er ein langer Abschnitt des vorwiegend parlamentarischen und die revolutionären Rämpfe dieses Proletariats, seine sich 1869 in großen Wahlversammlungen zu München Kampfes und des ruhigen Ausbaus der politischen und Erfahrungen, seine Probleme sind die große geschichtliche und Augsburg in den Kampf für sein Ideal. Und nun gewerkschaftlichen Organisation folgen. Das Geburts- Schule für unsere eigenen fünftigen Schlachten. jahr der Maifeier brachte in Deutschland den Fall des So zieht der 1. Mai in diesem Jahre herauf, von Sozialistengeſeges, 1893 eroberte sich das Proletariat in neuem fräftigen Hauch umwittert, wieder wie im AnBelgien, 1896 in Osterreich den Zutritt zum Parlament. fang von der Bourgeoisie mit Haß und Furcht, von den In Berlin organisierte er seine Berufskollegen und wurde Allenthalben bringen die neunziger Jahre eine Periode Arbeitermassen mit entschlossener Kampffreude begrüßt. Der Borsigende ihres Vereins, gleichzeitig wirkte er eifrigst emfiger gewerkschaftlicher Arbeit und eines unaufhalt- Von Anfang an eine proletarische Demonstration für für die sozialdemokratische Eisenacher Partei und nahm leidensamen Wachstums der parlamentarischen Vertretung der den Achtstundentag und für den Weltfrieden, geschaftlichen Anteil an den Kämpfen zwischen dieser und den Arbeiterklasse. Vor dem Kampfe vermittels der Arbeiter staltet sie sich allmählich zu einer Demonstration für die Lassalleanern, die damals noch in hohen Wogen gingen. vertretung in den Parlamenten tritt die Demonstration proletarische Revolution. Nicht einem Niedergang Der gemaßregelte Sattlergeselle, der 1873 in Dresden in der Arbeitermassen selbst, vor der positiven Betätigung einem ungeahnten Aufschwung geht die Maifeier ent- der Expedition des„ Boltsboten" sein erstes Parteiamt er hielt, bewährte als Wahlorganisator und Wahlagitator im und dem Ausbau der Arbeiterparteien in jedem Lande gegen, denn fie wird getragen und emporgehoben von Grzgebirge für das tassierte Bebelsche Mandat seine Kraft. für sich tritt der Gedanke der internationalen Gemein- demselben Sturmwind, der bereits über die Oberfläche Seine rührige Tätigkeit brachte ihm bald eine Geld- beschaft des Proletariats in den Schatten. Die Maifeier der bürgerlichen Gesellschaft streift, und der uns in die ziehungsweise Gefängnisstrafe und dann als einem bewird allmählich zu einem friedlichen Volksfest, dem die heftigsten Kämpfe, aber auch zu den endgültigen Siegen straften Individuum" die Ausweisung aus Sachsen. Auer bürgerliche Gesellschaft mit ziemlicher Seelenruhe zuschaut. führen wird. Rosa Luxemburg. ging nach Berlin zurück, wohnte 1874 als Delegierter hebt das Leben eines Kämpfers, eines Eroberers an, der sein Belt bald hier, bald dort aufschlägt, je nachdem es für en Sozialismus Neuland zu erringen galt und wohin ihn der bald heiß entbrennende Kampf verschlug. 72 Me Gleichheit Nr. 9 dem Kongreß der Eisenacher zu Koburg bei und siedelte noch in dem gleichen Jahre nach Hamburg über. Als Parteisekretär hat er hier sein gut Teil zu dem Erfolg der Vorberatungen zwischen Eisenachern und Lassalleanern bei- getragen, welche zu dem Gothaer Einigungskongreß von 1876 führten. Daß die Einigung zustande kam und dauernd wurde, daran hatte Auers Talent mit hervorragendes Verdienst. Mit Most zusammen trat er 1877 in die Redaktion der „Freien Presse" in Berlin ein, und er stand auf diesem Posten seinen ganzen Mann in den äußerlich und seelisch gleich schweren Tagen, als die Attentatshetze losbrach und ihre wilde Wut zunächst zügellos gegen das Berliner Partei- organ kehrte. Das Sozialistengesetz schandbaren Angedenkens erdrosselte bald die Organisation und die Presse, und der kleine Belagerungszustand zwang Auer und mehr als sechzig der bravsten Genossen als Ausgewiesene den Staub Berlins von den Füßen zu schütteln. Er ging nach Hamburg, wo es geglückt war, für das verbotene Ham- burg-Altonaer„Volksblatt" in der„Gerichtszeitung" einen Notersatz zu schaffen. Jedoch sein Weilen und Wirken in der Hansastadt war nicht von langer Dauer: der kleine Be- lagerungszustand brachte auch hier Auer die Ausweisung. Der Versuch, sich in Harburg zu halten, scheiterte, und eine Zeit schwerster materieller Bedrängnis hob für den wackeren Streiter an. Schließlich mußte er als Gehilfe in die Alt- möbelhandlung seiner Schwiegermutter in Schwerin ein- treten— Auer hatte in Hamburg die Frau kennen gelernt und geehelicht, die bis zu seinem letzten Atemzug liebevolle Fürsorge und herzensfrische Heiterkeit in sein Leben ge- tragen hat. Weit bitterer als unter aller harten materiellen Not — die nicht selten die Sorge um das Brot im buchstäb- lichsten Sinne des Wortes war— hat Auer in jener Zeit unter der Unmöglichkeit gelitten, seine ganze Kraft in den Dienst seiner Überzeugung stellen zu können. Ein Aufatmen ist durch seine starke Seele gegangen, als nicht zum minde- sten dank seines treuen Aushaltens bei der Partei und seines unermüdlichen Mühens, allen Rücken und Tücken des Ausnahmegesetzes zum Trotz die Parteiorganisation so weit neu aufgebaut war, daß er Mitte der achtziger Jahre in München einen Wirkungskreis finden konnte. Der Neuaufbau ging natürlich nicht ohne zähen Kampf und schmerzliche Opfer vonstatten. Die Kongresse, welche die Partei organisatorisch aufrichten, ihr eine klare, einheitliche, prinzipielle Grundlage und eine feste, zielbewußte Taktik geben sollten, mußten unter allerlei Schwierigkeiten und Gefahren im Ausland tagen. Der zweite dieser Kongresse fand 1883 in Kopenhagen statt, und Auer war unter den acht Delegierten, die bei der Rückkehr von dort an der Grenze verhaftet wurden. Die Sünder wurden wegen Teilnahme an einer geheimen„Verbindung zu ungesetzlichen Zwecken" vor Gericht gestellt und verurteilt, und Auer bezog in der Folge für 9 Monate das Gefängnis zu Zwickau. Der Prozeß der acht hatte die Ära der fluch- würdigen großen Geheimbundsprozesse eingeleitet, die mittels der korruptesten Spitzelwirtschaft und der schamlosesten Deh- nung und Beugung der Gesetzestexte Hunderte von Jahren Gefängnis und Zuchthaus über das kämpfende Proletariat brachten. Bereits 1888 war der„schlaue" Auer wieder in einen solchen Geheimbundsprozeß verwickelt, und seinem überlegenen Verhalten ist es vor allem zu verdanken, daß dieser in der Hauptsache ausging wie das Hornberger Schießen, und Besseres noch: daß er die schmähliche Spitzel- wirtschaft bloßstellte in Gestalt der Machenschaften des Polizeikommissars Gehret, der„Meineidmichel" genannt. Es versteht sich, daß die Partei einen Mann von der Fähigkeit und Charakterfestigkeit Auers zu den Berufensten rechnete, welche im Kampfe um Reichstagsmandate ihr Banner tragen sollten. 1877 eroberte Auer den Parlaments- sitz für den Wahlkreis Reichenbach-Auerbach, den er aber bereits 1878 in dem Wirbelsturm der Attentatswahlen wieder verlor. 1830 wurde er vom Wahlkreis Glauchau-Meerane in den Reichstag gesendet, und ihn hat er mit Ausnahme der beiden Wahlen von 1881 und 1387 bis zu seinem Tode behauptet. Der erste Parteitag der Sozialdemokratie, der nach dem Fall des Ausnahmegesetzes 1890 in Halle wieder auf hei- matlicher Erde stattfinden konnte, wußte, was die Partei der rastlosen, klugen und opferreichen Arbeit Auers ver- dankte, und wie Wertvolles sie noch von seiner Tätigkeit zu erwarten hatte. Er stellte den rechten Mann auf den rechten Platz, er wählte ihn zum Parteisekretär. Von Parteitag zu Parteitag in diesem verantwortungsschweren und bedeu- tungsvollen Ehrenamte bestätigt, hat Auer es bis zu seinem Tode verwaltet, hat er, bis tückisches Leiden seinen Willen brach, sich ganz der ihm anvertrauten Aufgabe hingegeben. Auer war ein glänzender Redner, der mit überzeugender Eindringlichkeit und scharfer Logik sprach. Er verstand in den Volksversammlungen als Agitator die Mafien zu fesseln und zu belehren; im Parlament versetzte er als reisiger proletarischer Klassenkämpfer den Gegnern die wuchtigsten Hiebe; auf den Parteitagen folgte man seinen Worten mit gespanntester Aufmerksamkeit. Der Witz seiner Rede, der sich bald zu sprudelndem Humor milderte, bald zu bitterem Sarkasmus verschärfte, war unübertroffen in der Partei, gefürchtet und geliebt zugleich und sprichwörtlich wie seine kernige Grobheit. Während des Münchener Parteitags ver- wahrte er sich scherzhaft dagegen,„an der Tinteritis zu leiden". Und in der Tat hat er der Partei nur wenig lite- rarische Veröffentlichungen geschenkt. Aber was er geschrieben hat— wir nennen an erster Stelle„Nach zehn Jahren, Material und Glossen zur Geschichte des Sozialistengesetzes" — bezeugt ebenso wie seine sehr umfangreiche Korrespondenz als Parteisekretär, daß er die Feder ebenso geschickt meisterte wie das Wort. Auer stand vielfach in dem Rufe, ein grundsätzlicher Gegner der proletarischen Frauenbewegung zu sein. Unseres Dafürhaltens zu Unrecht. Wohl hat er sich gelegentlich früher scharf gegen manche Lebensäußerung der proletarischen Frauenbewegung gewendet, in welcher der Kampf der Ge- nossinnen um gleiches Recht der Mitarbeit und der Wertung ihrer Tätigkeit zum Ausdruck kam und zum Ausdruck kommen mußte. Er erachtete besorgt als Ansatz zu frauenrechtlerischer Quertreiberei, was geschichtlich bedingt war nicht bloß durch die unvermeidlichen Kinderkrankheiten der aufsttebenden jungen Bewegung, sondern auch durch die Tatsache, daß erst der Klassenkampf dem deutschen Proletariat stückweise den Philisterzopf des Vorurteils gegen die Frauen abschneiden muß. Wohl hat Auer auch im Unmut über sachliche Gegnerschaft in Parteifragen Genossinnen als Frauen mit der Lauge seines Spottes überschüttet. Aber dies weniger aus eingefleischter Spießbürgerei, als weil er es stets mit dem Spruche hielt:„Die Regel, die den Feind schlägt, ist die höchste." Er wußte, daß er dank des oben hervorgehobenen Umstandes mit derartigen Witz- chen die Lacher und leicht den Erfolg auf seine Seite be- kam, und er trug es nicht nach, wenn ihm entsprechend gedient wurde. Wer hinter den Schein von Auers gelegent- lichen Scharmützeln mit den Genossinnen blickte, der erfuhr, daß er durchaus kein Gegner der proletarischen Frauen- bewegung als Teil des proletarischen Klassenkampfes war. Umgekehrt: er hat sie von ihren ersten Anfängen an prak- tisch gefördert. Wie Geib, so unterstützte er durch Vorträge eine der ältesten sozialdemokratischen Frauenorganisationen: den Frauen- und Mädchenverein in Hamburg, der dort im Anfang der siebziger Jahre entstand und an den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein angeschlossen war. Und Auers Verständnis für unsere Frauenbewegung ist in dem Maße gewachsen, als sie zu grundsätzlicher Klarheit gelangte und sich kraft innerer Notwendigkeit auch äußerlich immer mehr durchsetzte. Auf dem Parteitag zu Mainz 1900 ist er bei Beratung des neuen Organisationsstatuts in wärmster Weise für das Recht der Frauen eingetreten. Den führenden Ge- nossinnen war er jederzeit aus dem Schatz seiner reichen praktischen Erfahrung ein freundlicher Berater. Als Mit- glied des Parteivorstands war er ein Befürworter aller Maßregeln, ein Bewilliger aller materiellen Mittel gewor- den, deren die proletarische Frauenbewegung zu ihrer Eni- Wicklung bedurfte. Und er erwies sich ihr gegenüber auch darin als der kluge, erfahrene Prattiker, daß er— bei allem Festhalten an dem einheitlichen Charakter der gesamten modernen Arbeiterbewegung— die Notwendigkeit von Be- wegungsfreiheit und Selbständigkeit ihrerseits anerkannte- Nicht nur der große Vorkämpfer des einen revolutionären Proletariats, der aufrichtige Förderer der proletarischen Frauenbewegung hat den Kranz verdient, den Genossin Baader im Namen der deutschen Genossinnen an Auers Grabe niederlegte. Was Auer gewesen ist, was er für die Sozialdemokratie bedeutet und geleistet hat, das melden die Parteitagsproto- kolle, das steht aus allen wichtigen Blättern der Parteige- schichte von vierzig inhaltsreichen Jahren. Er ist einer der großen Baumeister, welche aus bescheidenen Anfängen heraus unter schwersten Fährnissen mit fester Hand und kühnem Blick das stolze Gebäude der einen sozialdemokratischen Partei aufgerichtet haben. Er ist einer der verdienstvollen Steuermänner, die unbeirrt durch tobende Ungewitter und lockende friedliche Küsten den Kurs der Sozialdemokratie gradaus ihrem geschichtlichen Ziele zuzuhalten sich bemühen. Noch ehe er sein müdes' Haupt zum letzten Schlummer niederlegte, hat er das Denkmal geschaut, das er sich selbst initgeschaffen, dauerhafter als Erz, verkörpert in dem kraft- vollen Leben und Weben der Partei. Freilich: auch ihm ist nicht erspart geblieben, was das Schicksal der starken, zeitlich und individuell gebundenen Persönlichkeit ist. Seine überragenden Vorzüge als Organi- sator und praktischer Politiker trugen in sich die Schranken ihrer Wirksamkeit, und sein Streben mußte in der Folge dort scheitern, wo er ihm am glühendsten Erfolg ersehnt hatte. Das erfuhr er bei den Auseinandersetzungen, welche in den letzten Jahren die Partei bewegten. Für Auer, dem die Theorie wenig, die Praxis alles war, verkleinerten sich die geschichtlich begründeten sachlichen Meinungsunterschiede zu akademischen Doktorfragen und persönlichen Gegensätzen. Seine auf irrigen Voraussetzungen aufgebauten Bemühungen, die Gegensätze nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, ver- schärften daher diese mehr, als daß sie sie aufzuheben ver- mochten. Es trifft gewiß zu, was Genosse Mehring in seiner eindringenden Würdigung des Toten hervorhebt: Auers Stellungnahme zu den umstrittenen Parteifragen wurzelte in den persönlichen Erfahrungen der Zeit, wo er in der Partei zur Meisterschaft heranreifte. Es waren das die Jahre, in denen der tiefste Gegensatz zwischen Lassalleanern und Eisenachern durch die Gründung des Deutschen Reiches sachlich gegenstandslos geworden war, und die alte Feindschaft sich nur noch in theoretischen Haar- spaltereien und persönlichen Zänkereien austobte. Es war das die Zeit,„als die Partei vor einer Fülle neuer praktischer Aufgaben stand, als die eifrige Propaganda für die sozia- listische Gedankenwelt allein nicht genügte, als es hieß, sich zurechtzufinden in allen politischen und sozialen Tages- fragen". Allein das geschichtliche Milieu konnte nur so be- stimmend und nachhaltig auf seine Persönlichkeit tinwirken, weil es seiner eigenen tiefsten Natur entsprach. Auer war der geborene Realpolitiker und Praktiker, welcher vor allem bestrebt war, die zersplitterten Kräfte zu vereinigen und zusammenzuhalten. Macht war es, deren das Prole- tariat zur Erfüllung seiner geschichtlichen Mission bedurfte, und die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Partei, der re- volutionären Arbeiterbewegung sollte ihm diese Macht ver- leihen. Ein Frevel gegen das oberste Gebot praktischer Lebensnotwendigkeit der känipfenden Arbeiterklasse war ihm daher alles, was an dem festen Gefüge der Partei zu rütteln schien, mochte es sich nun um theoretische Aus- einandersetzungen handeln oder um taktische Streitfragen oder aber um Tendenzen zur Lockerung der zentralisttschen Organisation. Daß dabei die Dinge und Menschen nicht immer zu ihrem Rechte kamen, war sein Verhängnis, kein Makel; ein Verhängnis, das aus den lautersten und stärksten Quellen feines Seins Nahrung saugte. Auer hatte nichts vom Propheten an sich, der in schimmernden Sternen wundervolle Kunde liest; nichts vom Gesetzgeber, der das vielgestaltige, schäumende Leben in feste Formeln bannen will. Er war Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch der gewalligen Recken, welche in Zeiten der Hungersnot ihrem Volke durch Wildnisse und Feinde voranzogcn, Pfadfinder, Führer und Schützer zugleich. Im schlichten Proletarierrock schritt er seiner befreiungshungrigen Klasse voran den Weg in das gelobte Land. Die Härten seiner Jugendzeit hatten ihm das Eindringen in die Welt der sogenannten schönen Wissenschaften und Künste ver- wehrt, und das ausreibende Kampfesleben der späteren Jahre gönnte ihm nicht die Muße, dort heimisch zu werden. Um aber parvenuhaft mit den Trotteln bürgerlicher Bil- dungsbrocken zu prunken, dazu war der Mann zu echt und zu stolz. An seiner Seite blintte das gute Schwert proleta- rischer Klaffenkampfbildung, und dieses Schwert, das er sich selbst mit eisernem Fleiß geschmiedet, schnitt scharf. Das kämpfende Proletariat hat einen vollen Lorbeer- kränz am Grabe seines Bannerträgers niedergelegt, ge- flochten hat ihn Auer selbst, Blatt für Blatt in der Arbeit eines ganzen Lebens. Daß dem Proletariat auch fürder Persönlichkeiten erwachsen von der Größe und Treue eines Auer, Persönlichkeiten, die gleich ihm in heiligem Drange nach Dornenzweig und Lorbeer greifen, ist eine Vorbedingung seines Sieges. Und solche Persönlichkeiten werden ihm in großer Zeit erstehen,„'s ist der Geschichte ew'ges Muß." Der internationale Charakter des ersten Mai. Das Proletariat wird eins, eins über die ganze Well. Es leidet unter einem Drucke, es ergreift ein Rettungsmittel, es zieht verschiedene Wege entlang, einem Ziele zu. Sein Einheitsdrang reißt alle Grenzen nieder, durchbricht alle Schranken, die die Vergangenheit aufrichtete: Menschen vom Menschen scheidende Schranken der Rasse, Ratio- nalität, Religion und Sprache. Die deutlichste, unmittelbarste Offenbarung der prole- tarischen Einheit— das ist der Maitag. Er ist der schönste und freudigste Tag im Jahr. Am 1. Mai empfindet jeder einzelne Arbeiter, wie sich die Kraft von Millionen gleich- wollender Brüder in seine Seele ergießt, er empfindet sich selbst als einen Teil der Millionenkrast. Am 1. Mai wird dem Proletariat die Gewißheit seines Sieges am tiefsten bewußt: es weiß den Sozialismus nah. Denn unaufhörlich wächst die Zahl von denen, die den Sozialismus wollen, ihn wollen müssen, und wenn alle Arbeiter ihn wollen— ist er da. Dieser Charatter des Maitags, die deutlichste Offen- barung der wachsenden proletarischen Einheit zu sein, ist un- zertrennlich mit seiner Losung verbunden: dem Achtstundentag. Nicht in der Art der Feier, sehr verschieden in den ver- schiedenen Ländern, sondern in der Parole: da blitzt die proletarische Einheit auf. Der Achtstundentag, er ist an jenem Tag das Ziel, weithin wie ein Stern glänzend für Millionen Augen. In diesem gemeinschaftlichen Ziele liegt die Einheit. In der Forderung des Achtstundentags sind die beiden Seiten der Arbeiterbewegung— die ideale und die praktische— gänzlich vereinigt. Daher die gewaltige Kraft, mit der sie leuchtet. In ihr ist die strahlende Flamme eins geworden mit der wohltuend warmen Glut. Zuerst die ideale Bedeutung. Der Achtstundentag liegt an jener Seite der Grenze, wo der sozialreformerisch gesinnte Teil der Bourgeoisie sich vom Proletariat lossagt. Den Zehnstundentag: ihn kann auch eine vernünftige, aufgeklärte, das Gesamtinteresse des kapitalistischen Systems erkennende Bourgeoisie wollen.(Freilich gibt es heutzutage eine solche Bourgeoisie nicht mehr.) Er verbessert die Ge- ündheit des Proletariats, vermehrt seine Kräfte, macht die Arbeiter fähig zu größerer Anstrengung und Aufmerksamkeit. Er paßt zum entwickelten und verfeinerten Kapitalismus. er ist eine der Vorbedingungen dafür. Den Achtstundentag— kann nur das Proletariat wollen. Die ganze Bourgeoisie haßt ihn, bekämpft ihn, fürchtet ihn als eine Gefahr, als einen Vorboten der Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Im Achtstundentag bekommt die ökonomische Verbesserung politische Bedeutung: schägt die Reform um und wird revolutionär. Denn der Acht- stundentag, vom Proletariat erobert, ist auf die Dauer un- vereinbar, nicht mit den technischen Bedingungen der kapi- talistischen Produktion, sondern mit der Herrschaft der bürgerlichen Klasse. Beim Zehnstundentag wird im all- gemeinen der Kräfteverbrauch des Arbeiters durch Ruhe und Erholung kompensiert: der Verschleiß seiner Lebenskraft vollzieht sich innerhalb normaler Grenzen. Beim Achtstun- dentag bleibt ihm ein Überschuß von Kraft, den er ver- wenden kann zu seinem eigenen Nutzen. Beim Zehnftunden- tag fängt, nach dem Worte Marx', die physische und geistige Wiedergeburt des Proletariats an: die Auferstehung seiner Menschlichkeit. Und gleichzeitig vermehrt sich seine Brauch- barkeit für die kapitmistische Ausbeutung. Der Achtstunden- Die Gleichheit 73 tag führt die Menschlichkeit des Proletariats zu einer Stufe empor, wo sie dem Kapitalismus gefährlich wird. Seine Brauchbarkeit für den Kapitalismus nimmt gewissermaßen ab. Beim Achtstundentag beginnt durch das Dunkel der Sklaverei die goldene Morgenröte der Freiheit zu spielen. Dort liegt die Innigkeit des Familienlebens, das Belauschen der ersten Laute des Kindes durch Vater und Mutter, das herrliche Miterleben der Entfaltung der heranwachsenden Knaben und Mädchen. Dort liegt der zarte Schimmer des Umgangs mit Freunden, der heitere Glanz des geselligen Lebens. Dort liegt die Möglichkeit, im durchsichtigen Strom der Schönheit unterzutauchen, in den ernsten Äugen der Wissenschaft ihren Problemen nachzuforschen. Dort liegt der Genuß, das Leben der Natur durch allen Wechsel der Jahreszeiten als einen Teil seines eigenen Lebens zu empfinden. Dort eröffnet sich die Aussicht auf das Beste im gibt es wohl kaum ein Land, wo er für die Arbeiter des einen oder anderen Gewerbes nicht erreicht wäre. Daß er noch innerhalb des Kapitalismus verwirklicht werden kann. ergibt sich am deutlichsten aus der Tatsache, daß er schon teilweise verwirklicht worden ist. Schon ist er Wahrheit ge- worden für Hunderttausende Arbeiter, und große Gruppen befinden sich auf dem Wege zu ihm bei der letzten Etappe: dem Neunstundentag. Diese am weitesten vorgeschrittenen Gruppen rufen ihren Brüdern zu:„Wo wir stehen, könnt ihr hinkommen!" Sie sind die Vorhut der Riesenarmee, die sich auf dem Marsche zum Achtstundentag befindet. Jedoch ändern sich die Stellungen der verschiedenen Truppenteile jener Armee fortwährend. Die gestern am weitesten zurück waren, holen heute in Sprüngen ihre Käme- raden ein und stürmen sogar an ihnen vorbei. So hat der russische Flügel der internationalen proletarischen Armee, der Proletarier, verkündet es weit sichtbar über alle Länder: Eine Weltenwende bereitet sich vor, eine neue Epoche der Menschheit steigt herauf, die alten Schranken fallen, die alten Grenzen werden niedergerissen: die Arbeiterklaffe aller Länder, die Trägerin der Zukunft wird eins. Die Einigkeit des gesamten Proletariats erhebt sich auf der Gleichheit seiner Lebenslage, seiner Interessen, seiner Ziele. Diese Einheit kann durch die wirtschaftlichen und politischen Gegensätze nicht mehr gestört werden, die vom Kapitalismus unzertrennlich sind und die herrschenden Klassen aller Länder zwingen, einander in endlosen Rüstungen zu überbieten. Der Kampf um Absatzgebiet für Waren und Anlagegebiet für Kapital, der Kampf um die Aufteilung der Erde unter den wirtschaftlich und politisch voranstehenden Staaten ist in der kapitalistischen Gesellschaft unvermeidlich. In einem finnischen Wahlbureau. 1 Der Vorsitzende de« Wahllomit-es. 2 Die Schriftführerin de» WahlkomiteeS. Z Mitglieder de« WahlfoiniteeS. 4 Ordner. 5 Wähler, die ihr- Stimme schon abgegeben haben.« Wähler. « Abstempelung de« Stimmzettels. 9 Jsolterschirme für die Wähler. 10 Ratgeber für Stimmberechtigte, die nicht wissen, wie sie mit dem Stimmzettel umzugehen haben. 7 Die Wahlurne. heutigen Leben: auf Kampf und Vorbereitung zum Kampfe nicht mit erschöpftem Körper und dumpfem oder überan- strengtem Hirn, sondern mit frischer Kraft, mit ungebrochener Energie. Dort klinget das Glück! Dort singet die Freiheit! Dort erschallt schon ganz nahe ihre süße Stimme! Millionen Proletarier sehen am 1. Mai den Achtstundentag leuchten wie einen Stern. Die Losung des Achtstundentags aber ist nicht wie ein himmlischer Stern: schimmernd, doch unerreichbar. Sie ist ein irdisches Licht, dem wir immer näher kommen; sie ist ebenso praktisch als ideal. Der Achtstundentag ist erreichbar in der kapitalistischen Gesellschaft, erreichbar, sobald die Ar- beiterklaffe start genug ist, ihn der Bourgeoisie abzuzwingen. Selbswerständlich nicht erreichbar an einem Tage, in allen Ländern, für alle Gewerbe: Wo in der Welt vollzog sich jemals auf solche Art eine eingreifende Reform? Aber die Technik ist so weit vorgeschritten, daß in den wich- tigsten, am stärksten konzentrierten Gewerben— B ergwerken, Verkehrs- und Transportwesen, Groß- industrie— seine Einführung unmittelbar oder mit kurzen Übergangsfristen ohne Störung der Pro- duktion möglich ist. Damit wird er zur Norm, die auf alle andere Gewerbe bestimmend einwirkt. Noch ist in einer Reihe von Ländern die Mehrzahl der Arbeiter weit vom Achtstundentag entfernt. Aber dagegen der sich bis in den letzten Jahren weit zurück befand, im gewaltigen Ringen der Revolutionszeit teilweise eine be- trächtliche Kürzung der Arbeitszeit erobert und den Acht- stundentag zur Kampfparole erhoben, nicht nur bei der fest- lichen Demonstration an einem Tage im Jahre, sondern beim täglichen Kampfe gegen die Ausbeuter. Und im Oktober 1905 gelang es sogar dem heldenhaften Petersburger Prole- tariat, auf revolutionärem Wege den Achtstundentag in sämtlichen Fabriken und Werkstätten durchzusetzen. Wenn ihm auch noch die Kraft fehlte, seine Errungenschaft festzu- halten, so ist doch dieses grandiose Experiment ein glor- reicher Vorbote künftiger Siege. Dem Proletariat aller Länder mögen die russischen Ereigniffe ein leuchtendes Zeichen sein, wie Forderungen, deren Erfüllung in Zeiten ruhig- normaler Entwicklung trotz langer fleißiger Agitations- und Organisationsarbeit noch in weiter Ferne zu liegen scheint, in der sturmdurchpeitschten Atmosphäre einer revolutionäre» Periode plötzlich dastehen als Ziel des unmittelbaren Kampfes. So ist die Losung des Ächtstundentags der gewaltige Schrei nach Befreiung, nach Kultur, nach Lebensgenuß, nach Menschlichkeit, der sich den Herzen von Millionen Unter- drückten und Gekneckteten entringt. Einer Feuersäule gleich steigt er am Mailag in die FrüKlingsluft empor. Ihre Glut, geschürt von dem heißen Begehren, der unendlichen Sehn- sucht, der tatkräftigen Liebe und dem leidenschaftlichen Hasse Unvermeidlich der Militarismus zu Lande und zu Wasser, unvermeidlich der Imperialismus und die kolonialen Ex- peditionen, unvermeidlich die schädlichen Folgeerscheinungen dieser Übel, die schändliche Brut eines schändlichen Vaters: Soldatenmißhandlungen, Verrohung, Barbarei. Unvermeid- lich auch die diplomatischen Konflikte und Verwicklungen, die immer wieder auftauchende Kriegsgefahr, das stetige Drohen einer furchtbaren Katastrophe. Weder die herrschenden Klassen, noch die Regierungen, wederdie aufrichtigen konfusen bürgerlichenFriedensschwärmer, noch die vollendeten Komödianten der Friedenskonferenzen können mit diesen Unvermeidlichkeiten fertig werden, können die Rüstungen herabsetzen, die Kriegsgefahr verringern. Sie sind der gesellschaftlichen Kräfte nicht Herr, sondern deren Gefangene. Nur die breite Brust des Proletariats stemmt sich mit aller Macht Militarismus, Kolonialpolitik, kriegeri- schem Geiste entgegen, nur seine Hand hütel und schirmt den Frieden. Nur die Arbeiterklasse kann ihn hüten, weil sie die Elemente in sich trägt, den Kapitalismus mit seiner Grundlage von Interessengegensätzen durch die sozialistische Gesellschaft mit ihrer Grundlage von Jntereffenharmonie abzulösen. Der Kapitalismus bedingt Kriegsrüstung und Krieg; der Sozialismus ermöglicht und verbürgt den Völker- frieden. Erst der Endsieg des Proletariats setzt die Elements der Harmonie völlig frei, jedoch schon die steigende Macht 74 Die Gleichheit Nr. 9 des Proletariats in der heutigen Gesellschaft verstärkt die Faktoren, welche der Kriegsgefahr entgegenwirken. Es sind dies: die Politik eines jeden Proletariats, seine Gesinnung, seine internationalen Kundgebungen der Solidarität und der Brüderlichkeit, seine internationalen gewerkschaftlichen und politischen Beziehungen. Die Friedensliebe des Proletariats ist weder Dogma noch ausschließliche Sache des Gemüts. Aus seiner Weltanschauung heraus verherrlicht das Proletariat weder den Krieg, noch ver- dämmt es ihn. Seine reale Auffassung der Gesellschaft, seine Wissenschaft der Geschichte lehrt ihn manchen Krieg als einen Förderer des politischen und sozialen Fortschritts begreifen. Aber dieselbe Wissenschaft lehrt ihn auch, daß es mit dieser Rolle des Krieges in der jetzigen Epoche der menschlichen Entwicklung zu Ende geht. Im Proletariat sind die Gegen- sätze des Kapitalismus überwunden, die Konkurrenz ist durch Solidarität ersetzt; in seiner Welt, der Welt, für die es kämpft, die das Ziel ist seines Trachtens, wird sich der Fort- schritt nicht länger durch Konkurrenz und Krieg, durch Be- trug und Grausamkeit, durch den Appell an Selbstsucht, Herrschsucht!und Habsucht vollziehen. Das Proletariat ist friedliebend, weil es die kapitalistische Gedankenwelt über- wunden hat, weil es den Kapitalismus zu überwinden, eine neue Welt zu gründen strebt, in der die Kriegsursachen ver- schwinden wie finstere Nachtgeschöpfe beim Sonnenaufgang. Seine Friedensliebe entspringt aus seinem Gegensatz zum Kapitalismus, aus seiner sozialistischen Überzeugung, aus dem Bewußtsein seiner Einheit. Deshalb ist die internationale proletarische Kundgebung am 1. Mai schon von selbst eine Kundgebung für den Frieden. Das Proletariat hat es an jenem Tage kaum nötig, seine Friedensliebe besonders hervorzuheben: seine einmütig sich erhebenden Scharen, von einem Gedanken beseelt, eine Hoffnung im Herzen, einem leuchtenden Banner folgend, bilden gegen die Schrecken des Krieges einen lebenden Damm. H. Roland-Holst, Laren i. Holland. Die Bedeutung des Achtstundentags für die Arbeiterin als Gattin und Mutter. Der Maitag, den die Arbeiterklasse aller Länder feiert, läßt stets aufs neue die Hoffnung auf Erlösung aus den Banden des Kapitalismus erstrahlen und kräftigt die sichere Zuversicht auf den Sieg des Sozialismus. Als in Frankreich 1839 zur Jahrhunderlfeier der großen segensreichen Revolution der erste internationale Sozialisten- kongreß tagte, auf dem die Schöpfer des Reichtums, die Arbeiter, von 29 Kulturnationen vertreten waren, wurde beschloffen, alljährlich am 1. Mai eine einheitliche Kund- gebung des Proletariats aller Länder zu veranstalten und die herrschenden Gewalten aufzufordern, die gesetzliche Dauer der Arbeitszeit auf. 8 Stunden täglich zu beschränken. In allen Kulturländsrn zeitigt der Kapitalismus die gleiche übermäßige Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft. Er zerstört die Familie und vernichtet in ganz besonders hohem Maße die Gesundheit des Weibes und damit auch die des nachkommenden Geschlechtes. Denn er hat auch die Frau in sein Joch gezwungen und nutzt ihre Arbeitskraft gewissenlos, ohne Rücksicht auf die schwersten, ja auf ge- radezu mörderische Folgen aus. Er raubt der Mutter die Möglichkeit, ihre Kinder zu pflegen, von der Möglichkeit, sie zu erziehen, gar nicht erst zu reden. Tun wir zum Beweis dafür einen Blick in das Leben der Arbeiterklasse. Ein Strahl der lebenweckenden Sonne verirrt sich hier und da in das Fenster von Arbeiterwohnungen. Er will die Bewohner herauslocken in die Maienpracht. Doch scheint er in öde, häßliche, von Menschen verlassene Räume. Den ganzen schönen hellen Tag, jahraus jahrein, arbeitet der Hausvater in der einen, die Mutter in der anderen Fabrik. Die Kinder sind auf der Straße, sich selbst überlassen. 1V, 12, oft 14 und mehr Stunden sind die Gatten voneinander getrennt, sehen die Kinder weder Vater noch Mutter. Das ist proletarisches„Familienleben"! Nicht aber alle Arbeiter- Wohnungen sind ausgestorben. Hier, in den von der Sonne recht hell beleuchteten Dachstübchen ist Leben und Be- wegung. In dem einen sitzt die Mutter an der Näh- Maschine, in dem anderen vielleicht an der Strickmaschine, in noch anderen ärmlichen Wohnungen sticken und haspeln und schaffen die Frauen noch vielerlei schöne Dinge; wie rühren sich alle die fleißigen Hände— für den 5lapitalisten! Für den Haushalt und die Kinder hat Mutter keine Zeit. Sie stößt die wißbegierigen Frager von sich; sie muß ja hasten, muß liefern. Die Kinder bleiben unversorgt, denn die Gewalt der Not zur Arbeit geht vor dem Rechte der Kinder. Die Mutter muß in harter Fron Brot schaffen helfen von morgens bis abends. Sie erkauft das Stück Brot mit der Fürsorge und Zärtlichkeit für die Kinder. Die treu- sorgende Mutterhand ist dem Kapitalisten ausgeliefert. Ob- gleich räumlich vereinigt, sind sich Mutter und Kinder fern und werden sich fremd und fremder. Doch was schert die herrschenden Klassen, die heutigen Machthaber, das Weib, die Mutter, die Kinder? Sie tragen Verlangen nach Mehr- wert, mag darüber alles Menschliche in den ausgebeuteten Arbeitskräften zugrunde gerichtet werden.— Wie die Prole- tarier, so erwarten auch die Gutsbesitzer den Mai. Kartoffeln, die am 1. Mai gelegt sind, gedeihen gut, so heißt es. Frauen sind es, die auf den Acker hinaus müssen, um in die frisch- gepflügten Furchen den Samen zu legen; die Ernte gedeiht — für den Herrn. Manche der Frauen birgt wohl in ihrem Schöße einen Keim neuen Lebens. Ein Mensch soll werden! Die ihm Mutter ist, hat nicht Zeit, hat nicht die Mittel, dem werdenden Menschen unter ihrem Herzen Rücksicht an- gedeihen zu lassen, und wenn ihre Seele noch so bitter dar- unter leidet. Eine andere Mutter wieder zieht mit ihren Kindern hinaus in die Maienpracht— zur Landarbeit. Im Wägelchen das kleine, kaum zwei Monate alte Kindchen, querüber gesetzt das dreijährige Kerlchen, und das fünf- jährige Mädchen hilft den Wagen schieben. Wie viel oder richtiger wie wenig kann sich die Mutter um die Kleinen kümmern. Sie muh angestrengt schuften, um bei einer Arbeitszeit, die 19 bis 12 Stunden währt, den Verdienst von S9 Pf. bis 1 Mk. zu erzielen. Müde, freudlos und be- schmutzt kehrt abends die kleine Karawane heim. Was kann die geplagte Mutter nun noch für die Pflege und Erziehung ihrer Kinder tun? Andere Mütter gehen Waschen und Putzen. Noch andere gibt's, von denen gilt, was das Lied sagt: „Junges Weib, wie trägst du rüstig Sand und Steine zu dem Bau, Staub im Haare— auf den Lippen— Und die Hände hart und rauh." Die Kinder all dieser Mütter sind indessen auf die Straße angewiesen. Verängstigt, mit erstarrten Gliedern sitzen die kleinen Geschöpfchen vor den Häusern oder irren in den Straßen umher, allen körperlichen und sittlichen Gefahren preisgegeben. Tausenden und aber Tausenden Kleinen fehlt es an Pflege, selbst im zartesten Alter. Die unwider- leglichsten Dokumente dafür sind die Kindergräber. 34,2 Prozent aller Gestorbenen waren im Deutschen Reiche im Jahre 1994 Kinder vor vollendetem ersten Lebens- jähr. 397 781 Leichen von Säuglingen in einem Jahre, zum großen Teil Opfer, die durch überlange Arbeitszeit und un- menschliche Ausbeutung der Mütter dem Kapitalismus dar- gebracht wurden. Von den etwa anderthalb Millionen ver- heirateten Arbeiterinnen, die es im Deutschen Reiche gibt, sind gegen 79 Prozent Mütter. In den Schulen erzählt man den Kindern von der alles überwindenden Mutterliebe, von der Mutter, die ihr Kind dem Rachen des Löwen ent- riß. Die Bestie Kapitalismus verschlingt aber Mutter und Kind. Ihr-Millionen proletarischen Frauen und Mütter, wehrt euch gegen die Vernichtung eures Lebens und des Lebens eurer Kinder, gegen die Vernichtung eures Menschenglücks. Tretet mit auf den Plan, kämpft für den Achtstundentag, für die Freigabe des Sonnabendnachmittag und alle anderen Reformen, welche die Sozialdemokratie zum Schutze der Arbeit fordert! Der Kapitalist legt die Hand möglichst auf jede Stunde, die gearbeitet werden kann, denn sie hilft ihm zu Reichtum. Der Arbeiterin, dem Weibe aber bedeutet jede Stunde der Erlösung von der Erwerbsarbeit ein er- obertes Stück Leben, ein Neuerstehen als Mensch, ein Wieder- aufblühen der unterdrückten, oft verkrüppelten Mutterliebe. Die lange Arbeitszeit der Frau ist nicht nur ein Fluch für die Kinder, sondern auch der Mann hat unter ihr zu leiden. Die kurzen Stunden daheim muß die Arbeiterfrau dem Haushalt und den Kindern widmen. Zu einem Ge- dankenaustausch mit dem Manne bleibt ihr weder Zeit noch Frische und Spannkraft der Seele. Nicht nur die Körper- kraft wird aufgebraucht in der langen, schweren Fron, auch der Geist wird stumpf, die Fröhlichkeit getötet. Was wird in wenigen Jahren der steten Plage aus dem jungen über- mütigen Mädchen, dem der Himmel voller Geigen zu hängen schien? Ein bleiches, müdes, abgehärmtes, früh gealtertes Weib. Wie groß ist das Elend der Arbeiterin, die dem Manne nicht so Gattin sein kann, wie sie beide es sich in den kurzen Wochen ihrer hoffnungsfrohen Maien- liebe ausgemalt hatten. Beide sind nicht so ineinander auf- gegangen, wie sie es sehnlichst gewünscht hatten. Die lange Arbeitszeit hat die trauliche Aussprache verwehrt, hat ihnen die Stunden geraubt, in denen sie ein gemeinsames ideales Leben aufbauen wollten. Der Maitag, an dem die Proletarier der ganzen Welt das Recht der Arbeit fordern und dem Kapitalismus un- versöhnlichen Kampf ansagen, muß der Arbeiterfrau, der Mutter den Mut geben, für den Achtstundentag zu kämpfen. Der gesetzlich festgelegte Achtstundentag bedeutet für die Proletarierin die Anerkennung ihres Menschenrechtes, ihres Rechtes als Gattin und Mutter; bedeutet für sie erhöhte Kraft, dem Gatten eine verständnisvolle Lebens- und Kampfesgefährtin zu sein, die Kinder zu Freiheitskämpfern zu erziehen. So muß sie am 1. Mai zusammen mit ihren kämpfenden Brüdern das Versprechen erneuern, nicht zu ruhen und zu rasten, bis der Achtstundentag für alle Aus- gebeuteten errungen ist, nicht als das„Endziel" des prole- tarischen Klassenkampfes, wohl aber als eine der wichtigsten Etappen desselben, von der aus die Massen mit größter Wucht für die sozialdemokratische Gesellschaft weiter kämpfen können. Gestärkt durch das gleiche Wollen Millionen gleich Bedrückter muß die Proletarierin eine tapfere Kämpferin in diesem Kampfe sein. Treu und energisch muß sie für den Sozialismus ringen, der ihr volles Menschentum bringt. Auf, ihr Proletarierinnen, feiert den 1. Mai! „Der Lenz ist da! Die Zeit der Not versinkt. Wir kämpfen heiß, und rot der Freiheit Maienmorgen tagt!" Ottilie Baader. Beteiligung der Frauen an den Wahlen in Finnland. Mit besonderer Freude und Begeisterung kann die finnische Sozialdemokratie dieses Jahr sich mit dem sozialistischen Proletariat der ganzen Welt zur Maifeier vereinigen. Sie hat eine Schlacht hinter sich, in der sie einen glänzenden Sieg errungen hat. Zum erstenmal hat im März das 'innische Volk den Landtag auf Grund des allgemeinen, aleichen. direkten Wahlrechts gewählt, das für beide Ge- schlechter gilt. Und wie dieses Wahlrecht in der Hauptsache die Frucht langjährigen sozialdemokratischen Kampfes war, so ist die Sozialdemokratie auch in der Wahlkampagne im heißesten Treffen gestanden. Die ganze Sozialdemokratie, ohne Unterschied des Geschlechtes. Die Genossinnen haben im Verein mit den Genossen den Wahlkampf als eine Schlacht im Klassenkampf mitschlagen helfen, den die ausgebeutete Arbeit wider das ausbeutende Kapital führt. Kaum war die neue Verfassung in Kraft getreten, so finge» alle politischen Parteien an, sich für den Wahlkampf zu rüsten. So auch die sozialdemokratische Partei, die bereits auf ihrem Parteitag im August vorigen Jahres ihr Wahlprogramm formuliert hatte. An dieser Arbeit hatten auch viele sozialdemokratische Frauen teilgenommen, die als Vertreterinnen verschiedener Organisationen dem Parteitag beiwohnte». Das Wahlprogramm enthielt als erste Forde- rung die Erweiterung der Rechte des finnischen Landtags und die Einschränkung der Vorrechte der Krone. Weitere wichtige Punkte waren: Zuerkennung des passiven Wahl- rechts vom 21. Jahre an; Abschaffung der geheimen Ab- stimmung in der Kammer; Verleihung des allgemeinen kom- munalen Wahlrechts vom 29. Jahre an; Regelung der Agrarverhältnisse durch den Bebauungszwang, durch Zwangs- enteignung und durch ein zeit- und zweckgemäßes Arron- dierungsgesetz; gründliche Ausgestaltung der Arbeiterschutz- gesetze gemäß der Forderungen des internationalen Prole- tariats; Verbot, Alkohol in irgend welcher Form her- zustellen, zu verkaufen oder zu importieren; Reform der Dienstbotengesetzgebung, der Schulgesetzgebung und des Steuerwesens. Die erste Aufgabe der organisierten Genossinnen im Wahlkampf bestand darin, die sozialdemokratischen Forde- rungen durch regste Agitation unter die Volksmassen zu tragen und für bestimmte Wahlkreise Kandidatinnen vor- zuschlagen, die von der sozialdemokratischen Gesamtpartei als die ihrigen aufgestellt und unterstützt würden. Ein planmäßiges und gut vorbereitetes Vorgehen sollte den Genossinnen nach beiden Richtungen hin den Erfolg sichern. Am 8., 9. und 19. November hielten die Vertrete- rinnen der verschiedenen sozialdemokratischen Frauenorgani- sationen zu diesem Zwecke eine Zusammenkunft ab. Bei dieser wurde unter anderem beschloffen, daß die Frauen sich den allgemeinen sozialdemokratischen Komitees anschließen sollten, welche die Wahlagitation zu betreiben hatten, und zwar sowohl den Wahlkreiskomitees wie auch den Kommunal- komitees. In jeder Gemeinde waren solche sozialdemo- kratischen Kommunalkomitees gebildet worden, die in jedem Wahlkreis unter der Leitung des von ihnen gewählten Wahl- kreiskomitees arbeiteten. Auch allen übrigen Vertrauens- körperschaften der sozialdemokratischen Partei gehörten Frauen an. Um die Arbeit der Genossinnen anzuregen, zu fördern und zu leiten, wählte der sozialdemokratische Frauenverband bei seiner Zusammenkunft im November für jeden Wahl- kreis eine Bertrauensperson, zu deren Unterstützung noch einige Genossinnen aus der nächsten Umgebung ernannt wurden. Auf diese Weise entstand in jedem einzelnen Wahl- kreis ein Zentralkomitee der sozialdemokratischen Frauen. Eine allgemeine Zusammenkunft von Vertreterinnen der Wahl- kreise nominierte die Genossinnen, welche als Kandidatinnen der sozialdemokratischen Partei in Vorschlag kommen sollten. Die Betreffenden wurden durch die Kommunal- komitees wie die übrigen Kandidaten unserer Partei den einzelnen Wahlkreiskomitees vorgeschlagen. Eine Abstimmung in der Partei entschied dann über die definitive Nominierung der Kandidaten— Männer wie Frauen—, die auf die sozialdemokratische Kandidatenliste kamen. Da die Ge- nossinnen ihrerseits nur eine oder höchstens zwei Kan- didatinnen pro Wahlkreis in Vorschlag gebracht hatten, er- hielten dieselben viele Stimmen und deshalb gute Plätze auf der Kandidatenliste, was bei der Proportionalwahl von Wichtigkeit ist. Natürlich waren die Kandidatinnen der ozialdemokratischen Partei in der gleichen Weise wie die Kandidaten tätig. Sie trieben fleißige Wahlagitation, hielten Versammlung über Versammlung ab, in der sie das sozial- demokratische Programm erläuterten usw. Der Wahlkampf war außerordentlich heiß und ergriff überall die Frauen wie die Männer mit gleicher Gewalt. In den verschiedenen Wahlkreisen waren die Genossinnen mit der höchsten Energie und Begeisterung an der Arbeit. Ihre langjährige Betättgung im sozialen Leben hatte sie nr den politischen Kampf vorbereitet und geschult. Der Aufschwung der sozialdemokratischen Frauenbewegung und Frauenorganisation kam der Wahllampagne zugute. Und dieser Aufschwung war gerade in den letzten Jahren be- deutend gewesen. Dem sozialdemokratischen Frauenverband hatten jm Jahre 1995 nur 39 Organisationen angehört, am Ende des Jahres 1996 zählte er deren III. Eine große Zahl von Näherinnen, Dienstmädchen, Fabrikarbetterinnen sind außerdem in gewerkschaftlichen Fachvereinen organisiert. Von besonders großer Bedeutung für die geisttge Schulung waren die sogenannten Frauenzirkel. Einem solchen Zirkel gehörten gewöhnlich 19 bis 39 Frauen an, die sich öfter ver- ämmclten, um zu lesen und über verschiedene Fragen zu diskutieren. Einige Zirkel zählten jedoch bis zu 1999 Teil- nehmerinnen. In den Zirkeln wurden die Frauen mit den wichtigsten Zielen der sozialistischen Bewegung vertraut ge- macht, sie wurden hier zu Sozialistinnen erzogen. Die Leite- rinnen der Zirkel hatten ihre eigenen Zusammenkünfte, in denen sie sich auf ihre Aufgaben vorbereiteten. So konnte die sozialdemokratische Frauenbewegung dem Wahlkampf eine große Zahl tüchtiger Kerntruppen zuführen, die befähigt waren, den sozialistischen Kandidaten ohne Unterschied des Geschlechtes Stimmen zu werben und gerade unter den Frauen des Volkes mit ibrer Agitation besten Erfolg hatten. Nr. 9 Die Gleichheit Schutz den Müttern! 75 Tatsachen beweisen, daß die Agitation der Genofsinnen auf| Jahren in geduldiger Arbeit durch mündliche und schriftliche dem Hause leidet eine solche Verteilung nicht. Hier heißt guten Boden fiel. Die Schreiberin dieser Zeilen hatte eine kleine Agitation die Frauen des Volkes aufgeklärt und für die es:„ Alles oder nichts" entweder die Arbeit aufgeben Broschüre verfaßt:„ Arbeiterfrauen, auf zum Wahlkampf!" sozialdemokratischen Jbeen gewonnen hat. Es wird dem oder fie in vollem Umfang verrichten. Die Arbeit aufgeben, Binnen fürzester Frist war die Auflage von 20000 Exemplaren gewählten Landtag in der gegenwärtigen Zeit, angesichts der das geht nur in den seltensten Fällen. Der Verdienstausfall verkauft. Die sozialdemokratische Parteileitung hatte alle Arbeit Gefahren, die ihm von der russischen Reaktion drohen, ge- ist um so weniger zu ertragen, als ja die Entbindung und geber ersucht, den Wahltag freizugeben. Die Arbeiter selbst wiß nicht leicht sein, das Banner des Fortschritts, der das Wochenbett zahlreiche Unkosten mit sich bringen und es hatten beschlossen, daß überall gefeiert werden sollte, nur für Demokratie voran zu tragen. Aber die sozialdemokratische dann auch heißt, einen Mund mehr zu füllen, einen Leib die Buchdrucker galt der Beschluß nicht in seinem ganzen Um- Partei wird ihre ganze Energie, Kraft und Begeisterung in mehr zu fleiden. Bleibt also nur, die Arbeit trop der Be fang, damit die Wahlagitation nicht beeinträchtigt würde. Die dem Kampfe für Volkswohl und Wolfsfreiheit einsetzen. Sie schwerden der Schwangerschaft und womöglich bis zum Arbeiterinnen haben so gut wie die Männer den Beschluß durch wird tapfer vorwärts schreiten in dem festen Glauben an legten Tage in vollem Umfang zu verrichten und auch nach geführt. Die Wahlbeteiligung war sehr groß. Schon um 9 Uhr den Erfolg des russischen Freiheitskampfes und an das der Entbindung möglichst bald wieder zur Arbeit zurückmorgens, wo die Wahl begann, waren Hunderte von Wahl- wachsende Klassenbewußtsein, die zunehmende Bildung, Reife zukehren, damit der Arbeitsplatz nicht anderweitig besetzt berechtigten vor den Wahllokalen, die sich meistens in den und Macht des finnischen Proletariats. Wie in der Ver- wird. Schulgebäuden befanden. In langen wohlgeordneten Reihen gangenheit, so werden auch in der Zukunft die finnischen Die unheilvollen Folgen, die diese Sachlage für Mutter standen die Wähler, bis sie an das Wahllokal gelangen Genoffinnen in Reih und Glied der allgemeinen sozialdemo- und Kind hat, werden noch dadurch erschwert, daß an die fonnten: Männer und Frauen jeden Alters und Standes fratischen Bewegung ihres Vaterlandes und des Proletariats übergroße Mehrzahl der Frauen die Berufsarbeit in der in buntem Gemisch. Nicht wenige Ehepaare tamen zu der ganzen Welt weiterkämpfen für die volle Befreiung der Form der Lohnarbeit herantritt. Es ist aber das Bestreben sammen zur Wahl, und in der Mehrzahl der Fälle dürften Arbeiterklasse von Ausbeutung und Knechtschaft. Mit diesem der Lohnarbeit, gegen möglichst geringes Entgelt den Mens der Ehemann und die Ehefrau für den gleichen Kandidaten Gelöbnis reichen sie am Weltfeiertag der Arbeit ihren schen möglichst lange in ihr Joch zu zwingen, unbekümmert gestimmt haben, der Klassenlage entsprechend, wie dies auch deutschen Schwestern, ihren Schwestern aller Länder die Hand. darum, ob ihm aus der Einseitigkeit oder Schwere der Arin Australien beobachtet worden ist. Die Beteiligung des Hilja Parssinen, deutsch von Adelaide Burjam. beit, aus dem Aufenthalt in geschlossenen, staub- oder dunftweiblichen Geschlechtes an den Wahlen war im allgemeinen erfüllten Räumen, aus der Beschäftigung mit giftigen Mate eine große. Die Behauptung der Philister aller Länder, rialien usw. ernste Gefahren für seine Gesundheit erwachsen. daß die Frauen kein Interesse an der Politik haben, daß fie Birgt so die Lohnarbeit für den weiblichen Organismus das Wahlrecht nicht wollen und nicht benutzen werden, ist schon in normalen Zeiten mancherlei Schädigungen, so ist in Finnland glänzend Lügen gestraft worden. Nach den In den alten bäuerlichen Rechtssagungen des Mittel- das natürlich noch viel mehr der Fall, wenn dieser Orga ersten Nachrichten sollen 60 Prozent der abgegebenen Stimmen alters, die Jakob Grimm in seiner Weistümersammlung der nismus der Entwicklung und Ernährung eines neuen Wesens von Frauen herrühren, aber auch spätere Nachrichten erklärten, Bergessenheit entriffen hat, finden sich mehrfach Bestimmungen, zu dienen hat, in der Periode der Schwangerschaft und des daß in manchen Orten die Frauen ein lebhafteres politisches die dem Markgenoffen für den Fall der Niederkunft seiner Stillens. Daher das überhandnehmen der FrauenkrankInteresse als die Männer bekundeten und zahlreicher ihr Frau eine außergewöhnliche Nuhung von Markeigentum ge- heiten, der schweren Entbindungen, der Fehl- und TotgeWahlrecht ausübten als diese. Auffallend groß war die statten. So erhielt zum Beispiel der Martgenosse bei Ge- burten, daher auch die Zunahme der Säuglingssterblichkeit Zahl der älteren Leute, die sich an der Wahl beteiligten. burt eines Knaben zwei, bei Geburt eines Mädchens einen(!) überall da, wo Frauen in das Erwerbsleben übergegangen Es erschienen achtzig-, ja neunzigjährige Greifinnen und Wagen Holz aus dem Gemeindewald, und während sonst, sind. Greise an der Urne, die nur mühsam noch aus eigenen um einer Verwüstung der Markwaldungen vorzubeugen, der Die Einsicht in diese Folgen der Frauenerwerbsarbeit Kräften vorwärts tamen. Sie faßten ihr Bürgerrecht ganz Verkauf von Holz streng verboten war es sollte nur dem hat allerhand wohlmeinende Leute der verschiedensten Parrichtig auch als eine Bürgerpflicht auf, die sie nicht ver- Eigenbedarf der Markgenossen dienen, so wurde in dem teirichtungen veranlaßt, ein Berbot der eheweiblichen Fabriks fäumen wollten. Ihr Anblick war rührend und erhebend. angeführten Falle eine Ausnahme gemacht: der Markgenoffe arbeit zu fordern. Die Sozialdemokratie kann sich dieser Gine ernste, feierliche Stimmung beherrschte die Wähler, in durfte das Holz verkaufen und„ sal der Frauen davon Forderung nicht anschließen. Nachdem die hauswirtschaftihrer großen Mehrzahl waren sie sich der Bedeutung der taufen win( Wein) und schone Brot". Die Würdigung der liche Tätigkeit der Frau durch die Industrie entwertet wor Wahl und ihrer eigenen persönlichen Verantwortlichkeit klar Mutterschaft, die in derartigen Bestimmungen zum Ausdruck den ist, kann kein Gesetz der Welt die Ehefrau wieder ins bewußt. Die Wahlhandlung selbst ging in würdiger, feier- tommt, finden wir im Mittelalter wie auch im Altertum Haus zurückbannen. Ein Verbot der Fabrikarbeit würde licher Weise vor sich. allgemein. Es sei nur an die zahlreichen Stellen des Alten nur eine vermehrte Abwanderung der Frauen in die ungeDer Wahlkampf der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Testaments erinnert, wo die finderreiche Frau vor der schützten Gebiete der Heimarbeit zur Folge haben. Außer wurde auf das kräftigste durch die in letzter Zeit empor- tinderlosen gepriesen wird, wo Kinderreichtum als ein be- dem sehen wir in der Berufstätigkeit der Frau einen Hebel geblühten sozialistischen Zeitungen unterstüßt. Unser Zentral- fonderer Segen Gottes, Rinderlosigkeit dagegen als eine zu ihrer geistigen, politischen und sozialen Befreiung. Nicht organ ist in 22000 Exemplaren verbreitet, und die kleineren Strafe gilt. Und auch in den Sagen des klassischen Alter- zu verbieten gilt es daher die Frauenarbeit, sondern sie Beitungen haben ebenfalls einen ansehnlichen Lesertreis. tums finden sich vielfache Beweise für die hohe Wertung der auf gesetzlichem und gewerkschaftlichem Wege so umzuges Natürlich tat auch das Organ der sozialistischen Frauen: Mutterschaft. stalten, daß sie die Arbeiterinnen nicht törperlich schädigt „ Die Arbeiterin", seine Schuldigkeit im Wahlkampf, wie es Diese Tatsache ist unschwer wirtschaftlich zu erklären. und sie daran hindert, gesunde Kinder zur Welt zu bringen. feit seinem Erscheinen die Aufklärung und Organisierung Auf der Stufe der Eigenproduktion innerhalb der patriarcha- Eines der Hauptmittel zu einer solchen Umgestaltung der der proletarischen Frauen mit Erfolg zu fördern bestrebt ist. lischen Großfamilie wie auch der auf Gemeineigentum auf Frauenarbeit das sei am Vorabend des 1. Mai ganz Die Zeitschrift erscheint einmal wöchentlich, verantwortliche gebauten Dorfgemeinde bedeutete jedes neugeborene Rind besonders betont- ist die Einführung des AchtstundenRedakteurin ist Miina Sillanpaa, die leitende Redakteurin einen Zuwachs an Arbeitskraft und damit an Reichtum, und tags. Denn mit der Beschränkung der Arbeitsdauer würdie Unterzeichnete. falls es ein Knabe war, auch einen Zuwachs an Wehrkraft den viele Schädigungen in Wegfall kommen, und es bliebe Auch bei den bürgerlichen Parteien arbeiteten die Frauen und damit an Macht und Ansehen. Daß in dem Neu- den Müttern auch die Möglichkeit zu einer geeigneten Pflege Hand in Hand mit den Männern und mit großer Rührig- geborenen auch ein neuer Konsument erwuchs, m neben und Ernährung ihrer Kinder. Hand in Hand mit der Verkeit. Es waren ihnen einem allgemeinen Abkommen gemäß jenen Vorteilen für die Gesamtheit gar nicht in Betracht. Das fürzung der Arbeitszeit auf allen Arbeitsgebieten müßte ebenfalls Kandidaturen zugestanden worden, doch war die Wort„ Viel Kinder, viel Segen" war damals eine rein wirt- aber auch ein Verbot der Frauenarbeit in solchen Betrieben Zahl der bürgerlichen Kandidatinnen fleiner und ihre Wahl schaftliche Wahrheit. gehen, wo gesundheitsgefährliche Stoffe, wie zum Beispiel weniger gesichert als bei der Sozialdemokratie. Das demo- Mit dem Übergang zur Warenproduktion vollzog sich Blei, Quecksilber, Phosphor usw. verarbeitet werden, oder kratische Wahlrecht, nach dem zum erstenmal gewählt wurde, hierin ein völliger Umschwung. Zwar in der ersten Zeit, wo die Arbeit durch ihre Schwere ſich nicht für die geveranlaßte die bürgerlichen Parteien, ihre Programme zu als noch jeder Produzent zugleich auch Besitzer seines Pro- ringeren Körperkräfte der Frauen eignet, wie zum Beispiel flicken und radikal aufzupuzen. Sie entfalteten eine fieber buttionsmittels war, tam das noch nicht so sehr zur Geltung: auf Bauten, in Ziegeleien usw. hafte Tätigkeit, um die Sozialdemokratie aus dem Felde zu der städtische Handwerker konnte noch in seinen Kindern eine Ferner aber gilt es, Einrichtungen zu schaffen, die den schlagen, ein großer Stab gut gelohnter Agitatoren war für Vermehrung seiner Produktivkraft sehen. Je mehr aber mit Frauen die Lasten der Mutterschaft erleichtern helfen. sie tätig. In ihrem Kampfe gegen die Sozialdemokratie dem Aufkommen der kapitalistischen Produktionsweise der Hierher gehört vor allem die Sicherung einer Ruhespielte auch die Religion eine große Rolle, ganz besonders Arbeiter von seinem Produktionsmittel getrennt wurde, je pause vor und nach der Entbindung. Dazu genügt war dies seitens der sogenannten suometarianischen Partei mehr sich diese Produktionsmittel in den Händen einer freilich nicht etwa nur ein Verbot der Arbeit für diese Zeit, der Fall. Jedoch der Appell an die religiöse Empfindung immer geringeren Zahl von Personen konzentrierten, desto sondern es ist vor allem notwendig, der Frau einen vollen der Wähler erwies sich als erfolglos, der Sozialdemokratie mehr verwandelte sich für die Familie eine große Kinder- Ersatz für den Lohnausfall zu gewährleisten. Daß der Frau Stimmen zu entziehen; auch auf die älteren Leute versagte zahl aus einem Segen in eine schwere Laft. Die Familie die Möglichkeit verschafft werden muß, sich in den letzten er seine Wirkung, sobald sie Angehörige der Arbeiterklasse ist keine Produktionsgemeinschaft mehr, sie ist nur noch eine Wochen der Schwangerschaft zu schonen, ist nicht nur gewaren. Trotz aller bürgerlichen Beschwörungen stimmten Konsumtionsgemeinschaft; jedes neue Kind ist nur ein Effer boten, weil die Leistungsfähigkeit in dieser Zeit herabgefeßt die älteren Angehörigen der arbeitenden Massen nicht nur mehr, und wenn es zur Arbeitskraft heranwächst, dann schafft ist und durch überanstrengung oft Tot- oder Schwergebur für die Sozialdemokratie, sondern sie agitierten auch sehr es Mehrwert für den Unternehmer, nicht für die Familie. ten veranlaßt werden, sondern auch weil die Arbeit in der eifrig für sie. Und der Unternehmer, der so den eigentlichen Vorteil von letzten Zeit der Schwangerschaft offenbar einen ungünstigen Der Sieg der Sozialdemokratie war ein glänzender, und dem Kinderreichtum des Arbeiters genießt, hat doch so lange Einfluß auf die Qualität der Nachkommen hat. So haben er war wohlverdient. Der Sozialdemokratie vor allem ver- tein Interesse, irgend etwas für ihn zu opfern, als die in- französische Ärzte statistisch nachgewiesen, daß die Kinder dankt ja das finnische Volt das demokratische Wahlrecht, das dustrielle Reservearmee ihn mit genügend Arbeitsträften der während der Schwangerschaft durcharbeitenden Frauen es zum erstenmal gebrauchte. Von allen Parteien er- versieht, um so mehr, als mit den Fortschritten der Technit zu früh geboren werden und zarter find, als der Durchschnitt hielt die Sozialdemokratie die größte Stimmenzahl, für die persönlichen Eigenschaften des Arbeiters, seine Körper- der Arbeiterkinder.- Die Forderung einer Ruhezeit nach ihre Kandidaten und Kandidatinnen wurden insgesamt traft und seine Intelligenz fast völlig in den Hintergrund der Entbindung findet ihre Begründung vor allem in der 328 569 Stimmen abgegeben. Sie errang damit mehr als gedrängt sind." Hände" braucht der Unternehmer, feine Erfahrung, daß eine verfrühte Arbeitsaufnahme seitens der ein Drittel aller Mandate, 80 von 200. Neun der sozial- denkenden Menschen. Wöchnerin in den allermeisten Fällen mit schweren Gesunddemokratischen Erwählten sind Frauen, es sind dies die Aus all diesen Gründen ist die Produktion lebendiger beitsschädigungen gebüßt wird. Aber auch die Rücksicht Genoffinnen Miina Sillanpaa, Redakteurin der Arbeiterinnen- Menschen in der persönlichen und gesellschaftlichen Wertung auf den Säugling muß hier maßgebend sein: ihm möglichst Zeitung und Vorsitzende der Dienstbotenorganisation; Maria zurückgegangen. Kinderreichtum ist kein Segen mehr, sondern lange die mütterliche Pflege und die naturgemäße Ernäh Laine; Mimmi Kanervo; Jda Aalle; Alexandra Reinholds- gilt als ein Unglück, was sich traß, aber deutlich in dem rung zu sichern, das hat uns veranlaßt, über die jetzt be son, Näherin; Hilja Parssinen, Lehrerin; Jenny Kilpiainen, Ausspruch eines Arbeiters ausdrückt:„ Ich habe neun Kinder stehende sechswöchige Ruhezeit und WöchnerinnenunterWeberin; Anna Huotari und Maria Raunio, beide Agita- gehabt, aber glücklicherweise sind fünfe gestorben." Dieselben stüßung hinauszugehen. torinnen der Arbeiterpartei. Ursachen, die zu dieser Umwandlung der Mutterschaft in eine-Die große Kindersterblichkeit in den Induſtriebezirken, Die bürgerlichen Parteien zählen zehn weibliche Parla- für die Familie, unwirtschaftliche Produktivität" geführt haben, wo die Frauen in großer Bahl erwerbstätig sind, ist ja mentsmitglieder, von denen auf die schwedische Volkspartei haben zugleich auch die Entwertung der Hausfrauentätigkeit neben der Schwächung des mütterlichen Körpers durch überund die agrarische Partei je 1, auf die jungfinnische Partei 2, bewirkt; die Industrie hat der Frau ein häusliches Pro- anstrengung vor allem in dem Rückgang des Stillens be auf die altfinnische Partei 6 entfallen. Die meisten von ihnen duktionsgebiet nach dem anderen entrissen und zu einem„ Be- gründet. In Leipzig wurden zum Beispiel 1904 von 100 sind Lehrerinnen beziehungsweise Schulvorsteherinnen. ruf" verselbständigt. Dadurch und durch die Rückwirkung Kindern nur noch 69 gestillt, in Berlin 1900 sogar von Die Genossinnen haben redlich das Ihrige zu dem großen der niedrigen Entlohnung des Mannes ist die Frau ge- 100 nur noch 33. Dieser traurigen Tatsache gegenüber ist Siege der Sozialdemokratie beigetragen. Gs unterliegt zwungen worden, in das Berufsleben einzutreten. Solange zu betonen, daß Brustkinder nicht nur im ersten Lebensjahr teinem weifel, daß die Einführung des sie innerhalb der Familie für deren Bedarf produktiv tätig eine viel größere Widerstandstraft gegenüber Krankheit und Frauenstimmrechts die Zahl der sozialdemo- war, war es ihr noch möglich, sich in der Zeit der Schwanger Tod aufweisen, sondern daß sie auch für den späteren kratischen Wähler zum Nachteil der bürgerlichen schaft und des Wochenbettes eine gewisse Schonung zu Lebenskampf in der Regel besser ausgerüstet sind als künftParteien bedeutend anschwellen ließ. Daß aber gönnen. Manche Arbeiten ließen sich im voraus erledigen, lich ernährte Kinder. Das rechtfertigt es wohl, wenn wir diese Wirkung eintrat, ist nicht zum wenigsten das Verdienst andere auf später aufschieben, für Dritte bei Verwandten wenigstens einen Teil der Stillungsperiode noch in die der sozialdemokratischen Frauenbewegung, die seit langen oder Freunden ein Ersatz finden. Die Erwerbsarbeit außer Schußzeit" einbezogen wissen möchten. 76 Die Gleichheit Nr. 9 Im einzelnen auf das„Was" und„Wie" unserer Forde- rungen einzugehen, das ist heute nicht am Platze. Wir ver- weisen dafür auf die in Mannheim angenommene Reso- lution. Es ist selbstverständlich, daß die von uns geforderten Er- leichterungen der Mutterschaft nicht nur den industriell tätigen, sondern überhaupt allen lohnarbeitenden Frauen zugute kommen müssen. Die schwere körperliche Arbeit der Landarbeiterin bedingt ebenso sehr eine Schutz- frist wie die Fabrikarbeit, um so mehr als sie meist durch langfristige Kontrakte daran gehindert ist, sich den durch keine Schutzgesetzgebung beschränkten Ansprüchen des Guts- Herrn rasch zu entziehen.— Und vergegenwärtigen wir uns die Lage der Heimarbeiterin, die Mutterfreuden ent- gegensieht. Vorher wird bis zum letzten Augenblick erst recht geschafft und gehastet. Drohen doch die Tage der Arbeits- Unfähigkeit mit einem empfindlichen Lohnausfall und mit Unkosten obendrein, für die man Vorsorgen muß! Und wenige Tage nach der Entbindung heißt es: wieder heraus und an die Arbeit— wenn die Arbeit der armen Frau nicht etwa sogar ins Wochenbett gefolgt ist, wie es in der Zigarettenfabrikation, Blumenmacherei usw. nicht selten ge- schieht.— Und wie elend ist die Lage des Dienstmädchens, das Mutter werden soll oder geworden ist! Wenn fie nicht noch Eltern hat, die sie aufnehmen können und wollen, steht sie— meist schon lange vor der Entbindung aus dem Dienst gejagt— völlig mittellos und hilflos da. Mag fie sehen, wo sie bleibt, ehe die Entbindungsanstalt ihr die Pforten öffnet! Und 9 Tage später steht sie wieder vor der Tür, das Kind im Arm. Was nun anfangen? In diesem letzten Falle genügt eine Unterstützung in der Höhe des Lohnes für einige Wochen vor und nach der Ent- bindung freilich nicht. Der unehelichen Mutter muß in Schwangeren- und Wöchnerinnenheimen ein Unterkommen geschaffen werden. Das mittelalterliche Vorurteil, das in jeder unehelichen Mutter eine Gefallene sieht und dem un- schuldigen Kinde sogar seine Geburt als Verbrechen an- rechnet, sollte doch nun endlich überwunden sein. Jede Mutter als Trägerin und Bildnerin neuen Lebens leistet der Gesamtheit einen wichtigen Dienst, und darum gebührt ihr Schutz und Achtung! Freilich, wir wissen, die bürgerliche Gesellschaft ist von solcher Anschauungsweise noch recht weit entfernt. Ehe ihr nicht die Arbeitskräste zur Ausbeutung und die Soldaten zur Aufrechterhaltung ihrer Macht mangeln, wird sie eine Verpflichtung zum Schutze der Mutterschaft nicht anerkennen. Ein umfassender und gründlicher Mutterschutz kann erst auf dem Boden einer Gesellschaftsordnung erwachsen, in der Menschengüter über Sachgütern stehen, die ihren Reichtum im Besitz gesunder, kräftiger und intelligenter Bürger sieht. In einer solchen Gesellschaftsordnung wird die Produktion lebendiger Menschen nicht mehr hinter der Produktion toter Waren zurückstehen und unter ihr verkümmern, sie wird vielmehr als die höchste gesellschaftliche Leistung ge- wertet werden. Käte Duncker. Die Bedeutung der Maifeier für den Kampf um das Wahlrecht in Oesterreich. Wenn ich mich das Eindrucks entsinne, den seinerzeit die Proklamierung der Arbeitsruhe am 1. Mai in Osterreich hervorgerufen hat, dann sehe ich vor mir einen beispiellosen Enthusiasmus, eine lodernde Begeisterung und nicht zu beschreibende Hoffnungsfreudigkeit. Wahrhaftig Hoffnungs- fteudigkeit. Tausende, und ich mit ihnen, sahen in der Mai- feier ein Vorspiel für bevorstehende große Ereignisse, die einen gründlichen Umschwung der bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen herbeiführen mußten. Wir sahen den Acht- stundentag in greifbarer Nähe, und die Vorhersagung eines 17jährigen Kampfes ums gleiche Wahlrecht hätte uns als Torheit gegolten. Ich erinnere mich, daß ich es am letzten Abend vor der ersten Maifeier in meiner Kammer nicht aushielt. Ich mußte hinaus, mußte auf die Straße und Menschen sehen, mußte in ihren Gesichtern lesen, was sie fühlten, was sie dachten. Das Herz war mir zum Zer- springen voll, so schön, so herrlich schön erschien mir die Zukunft. So ging es vielen. Das Bewußtsein eines außer- ordentlichen Ereignisses erfüllte alle, und so mußte die Mai- feier jenen grandiosen Umfang und Charakter annehmen, der sich fortdauernd erhalten hat. Die Bourgeois waren wie gelähmt, starr in Erwartung dessen, was ihnen entsetzlich, den Proletariern aber.schön dünkte. Als die erste Maiseier vorüber war, als der Staat noch fest stand in alter gewohnter Ordnung, da ging es wie ein Aufatmen durch die Reihen der Drohnen. Sie griffen zu ihren Machtmitteln und bestraften die Arbeitsruhe am 1. Mai, sie bestraften mit Hunger und Entbehrung, sie ver- trieben Familien von der lieb gewordenen Scholle, sie hetzten die Not hinter den Ausgesperrten her. Die Proletarier erwachten auch. Es kam die Erkenntnis. Man begriff, daß die Erlösung nicht das Werk eines einzigen Tages sein könne, man lernte verstehen, daß die Proletarier die Vor- bedingungen schaffen müssen, die zur Erreichung eines besseren Menschenloses unerläßlich sind. Der Achtstundentag und das a l l g e n> e i n e W a h l r e ch t wurden in d en Vordergrund der proletarischen Kampfesziele gestellt, Organisationen entstanden und blühten empor, und gar mancher Proletarier, der heute als Wortführer seiner Berufskollegen in den ersten Reihen steht, ist durch die Maifeier zum klassenbewußten Kämpfer geworden. Brüderlichkeit ging von der Maiseier aus und stolzes Klassenbewußtsein. Gedrückte Arbeitssklaven, die früher nicht gewagt hätten, dem Arbeitgeber mit Forderungen zu nahen, wurden von der allgemeinen Begeisterung ergriffen. Obwohl noch unvertraut mit der Bedeutung des Wortes „Solidarität" konnten sie sich doch ihrer Betätigung nicht entziehen. Ungemein befruchtend hat die Maifeier auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Osterreich gewirkt! Wie viele Anhänger hat sie uns zugeführt! Und nicht nur für den Achtstundentag gewann die Maifeier so große Be- deutung, auch für den Kampf ums Wahlrecht erwarb fie sich bei uns in Osterreich unvergänglichen Lorbeer. 1893 war es, da erklangen in den Versammlungen am 1. Mai die Worte vom„belgisch reden". Der General- streik, den unsere belgischen Brüder im Kampfe ums Wahl- recht angewendet hatten, erweckte unbeschreiblichen Jubel. „Man holt das Recht sich von der Straße, das hat uns Belgien gelehrt", so beginnt ein Kampflied für das Wahlrecht, das nach der Melodie der„Marseillaise" ge- sungen wird. Am 1. Mai und bei allen Demonstrationen klang es Jahre hindurch aus vielen Tausenden Kehlen. An einem 1. Mai— ich glaube 1895— zogen wir in unüber- sehbaren Massen am Parlament vorüber, in dem die Herren Privilegienvertreter eben Sitzung hielten. Hochrufe auf das Wahlrecht, revolutionäre Lieder erklangen, solange der Zug vor dem„hohen Haus" vorüberinarschierte.— Nicht immer ging es am Parlament vorüber, nicht immer war die Demonstration geräuschvoll. Das richtete sich ganz danach, ob es die sozial- demokratische Partei für notwendig hielt, der Wahlrechts- bewegung eine schärfere Tonart zu geben. Der Weg in den Prater, dem Ziele der Demonstration, führt auch an einer Kaserne vorüber. Die„Brüder im Waffenrock" haben am 1. Mai keinen Ausgang. Vielleicht wird der Staat zu stützen sein, die„Vaterlandsverteidiger" müssen bereit sein, nicht das Vaterland vor dem Feinde, aber die Grund- festen des Staates vor den Brüdern und Schwestern in der Bluse zu schützen. Zwischen den Soldaten am Fenstergitter und den Demonstranten auf der Straße gibt es immer Begrüßungen, die Frauen schwingen Tücher, die Männer Hüte zum Gruße. Keine Feindseligkeit hat Platz.— Es gab manchen gewitterschwülen 1. Mai, aber was immer auch vorhergegangen war, die Maifeier konnte von den Feinden des Proletariats nicht tödlich ge- troffen werden. Als 1897 bei den ersten Wahlen der fünften Kurie die Wiener Sozialdemokraten kein einziges Mandat erobert hatten, da war die Maifeier wenn möglich noch imposanter, überwältigender als in früheren Jahren. Die Arbeiter zeigten sich in ihrer ganzen Macht und Größe, wohl besiegt— durch Raub und Betrug—, aber nicht zer- schmettert— das Niederreiten war damals noch nicht modern.— Die letzte Maifeier 190« sah die Arbeiter Österreichs schon als die baldigen Sieger im Kampfe um das Wahlrecht. Wohl gab es damals gerade eine Regierungskrise. Der zum Wahlreformminister bekehrte Gautsch tauschte mit dem Prinzen Hohenlohe. Aber das Proletariat wußte: was immer auch kommen sollte, es gab kein Zurück, es gab kein Warten mehr. Das drückte der Maifeier die Signatur auf. Die Schlacht ist gewonnen. Die Maifeier war uns eine der besten Helferinnen im Kampf ums Wahlrecht aber sie ist uns jetzt nicht weniger teuer als vordem. Es trennen uns nur noch wenige Tage von dem 1. Mai. Nirgends noch Vorbereitungen, fast kein Hinweis auf die Maifeier. Wir stehen ja mitten in der Wahlbewegung. Am 14. Mai wird die Schlacht geschlagen, zum erstenmal im Zeichen deS allgemeinen gleichen Wahlrechtes. Aber es ist sicher: die Arbeitsruhe am 1. Mai wird trotzdem keinen Abbruch erleiden. Der 1. Mai ist uns zu teuer geworden, und wohl wenige Proletarier Österreichs könnten sich mit dem Ge- danken befreunden, die Arbeitsruhe am 1. Mai aufzugeben. Beim Streik der Wiener Schneiderinnen, der so sieg- reich geendet hat, war die Freigabe des I. Mai eine der bestimmtesten Forderungen; ohne diese Forderung gibt es überhaupt beinahe keine Lohnbewegung in Osterreich. Wir Frauen aber wollen hoffen, daß die Tage des Maien auch uns unseren Forderungen näher bringen, daß der 1. Mai nicht mehr ferne ist, an dem es nicht nur ein gleiches Wahlrecht für alle Männer gibt, sondern wo die Frauen als Gleiche unter Gleichen das politische Bürgerrecht er- obert haben werden. Adelheid Popp-Wien. Verkürzung der Arbeitszeit, Förderung der gewerkschastlichenArbeiterinnenorganisation. Wenn die Natur zu neuem Leben erwacht, wenn alle Knospen springen, so rüsten sich die aufgeklärten, zielbe- wußten Lohnsklavinnen, um mit ihren Brüdern der Arbeit und der Armut zusammen, um vereint mit dem kämpfenden Proletariat der ganzen Welt die Maifeier zu begehen. Auch sie wollen ihrem Sehnen Ausdruck geben nach Freiheit und Menschenwürde, nach Bildung und allem Schönen, was die Erde bietet. Auch sie wollen ihren Willen kundtun, dem knechtenden Ausbeutertum und seiner Gesellschaftsordnung Reformen zu entreißen, welche die Arbeiterklasse Wirtschaft- lich, geistig und politisch heben und sie dadurch besser für den Kampf um ihre volle Befreiung befähigen. Der Kernpunkt der Forderungen zum Schutze der aus- gebeuteten Arbeit, welche die Männer und Frauen der werktätigen Massen am 1. Mai erheben, ist der gesetzliche Achtstundentag. Acht Stunden Arbeit am Tage im Dienste fremden Reichtums, das ist genug, so erklären sie. Wir verlangen acht Stunden für Schlaf und Ruhe, um die Kraft und Gesundheit unseres Körpers zu erhalten. Wir begehren acht Stunden, um den Bedürfnissen unseres Geistes und Gemütes zu genügen, um unsere Pflichten in Familie und Gesellschaft zu erfüllen, um zu wirken und zu genießen, kurz um als Menschen zu leben. Es ist nur natürlich, daß der aufgeklärten Proletarierin die Berechtigung dieser Forderung besonders scharf vor Augen tritt. Sie ist gewerkschaftlich organisiert, well sie die Not- wendigkeit und den Segen der Organisation erkannt hat. Sie hat im eigenen Leben erfahren, daß sie als Arme, als wirtschaftlich Schwache, das heißt als Ausgebeutete dem Reichen gegenübersteht, welcher als wirtschaftlich Starker der Nutznießer ihrer Arbeit ist. Und mag sein Reichtum noch so riesig wachsen, ihr, der Arbeiterin, aus deren wunden, müden Händen Gold für ihn quillt, wird er freiwillig darum auch nicht einen Deut Lohn mehr zahlen, nicht eine Stunde weniger Arbeitspein abverlangen. Sie selbst aber ist allein ohn- mächtig, den Arbeitgeber zu bestimmen, ihr etwas an Lohn zuzulegen, die Arbeitsbedingungen überhaupt besser zu ge- stalten. Jedoch was die Arbeiterin als einzelne nicht zu erreichen vermag, das kann ihr die Gewerkschaft erringen, in welcher die Berufsangehörigen vereinigt sind. Sie faßt die zer- splitterten und darum schwachen Kräfte zu einer einzigen starken Kraft zusammen, welche die Interessen der ausge- beuteten Arbeiterinnen und Arbeiter gegen die Profitwut des Unternehmertums verteidigen kann. Wie wichtig ist nicht für die Arbeiterin jeder Pfennig mehr Lohn, jede Stunde früherer Heimkehr von der Arbeit, jede Ver- längerung der Ruhepause, jede Abwehr gesundheitlicher Gefahren und Schädigungen im Betrieb! Und könnte die Proletarierin es vergessen, daß sie in schweren Nöten des Lebens auf die Hilfe, die Unterstützung der Gewerkschaft rechnen kann! Die Organisation ist es, welche der gemäß- regelten und verfolgten Lohnftlavin treu zur Seite steht, welche die arbeitslose vor dem quälenden Hunger schützt, der kranken eine bessere Pflege und Kost ermöglicht. Aber nicht Brot des Leibes allein ist es, was die Ge- werkschaft der Arbeiterin reicht. Sie läßt sich auch ange- legen sein, diese geistig und sittlich auf eine höhere Stufe emporzuheben. Was die elende Armeleutebildung, welche die Klassengesellschaft den Kindern des Volkes gewährt, an der geisttgen Entwicklung dieser gesündigt hat, das sucht die Organisation durch das gesprochene und geschriebene Wort gut zu machen. Sie entfaltet und schult die geistigen Kräfte ihrer Mitglieder, sie bereichert ihr Wissen, sie macht sie geschickter und tüchtiger, den Kampf mit dem„feindlichen Leben" zu bestehen. Sie zeigt ihnen da? feste Band der Interessen- gemeinschaft, das alle Berufsangehörigen, alle Ausgebeu- teten, alle für das Recht der Arbeit und das Ende der Ausbeutung Kämpfenden verbindet. Damit lehrt sie ihnen den Sinn und die Praxis des Satzes: einer für alle, alle für einen und erzieht sie zu den Tugenden der Solidarität, des Kampfesmutes, der überzeugungstreue, der Opferfteu- digkeit. Angesichts der reichen Borteile, welche die Gewerkschaft ihren Mitgliedern gewährt, müßten ihr die Arbeiterinnen in hellen Haufen zuströmen, müßten alle gewerkschaftlich organi- sierten Lohnftlavinnen mit der höchsten Begeisterung in der Organisation und für die Organisation tätig sein. So sollte man wenigstens meinen, und so sollt« es auch sein, aber so ist es leider nicht. Niemand weiß da? besser, alt gerade die aufgeklärte, die organisierte Proletarierin selbst, welche der Gewerkschaft alle Arbeitsschwestern zuführen möchte. Wohl seufzen alle ihre Berufsgenossinnen und darüber hinaus die Arbeiterinnen überhaupt über das drückende Joch der Ausbeutung, das ihren Nacken wund scheuert, aber die wenigsten von ihnen ftagen nach der Ursache davon, die wenigsten von ihnen gehören ihrer Gewerkschaft an. Allerdings ist die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen zumal in den letzten Jahren erfreulich in die Höhe gegangen. 1906 waren 74411 Arbeiterinnen gewerk- schaftlich organisiert. Doch sind dies erst sieben vom Hundert der in Betracht kommenden weiblichen Berufsangehörigen, also ein verhältnismäßig winziger Teil von ihnen. Und ist etwa jede der organisierten Arbeiterinnen auch eine gute, pflichttreue Gewerkschafterin, welche an dem Leben ihrer Organisation fleißigen und verständnisvollen Anteil nimmt, durch Rat und Tat ihre Entwicklung fördert, ihr neue Mitglieder wirbt? Hand aufs Herz: in vielen Fällen, nein. Woran liegt das? Mancherlei Verhältnisse wirken dazu zusammen, aber ein Umstand ist es, der einen besonders großen Teil der Schuld daran trägt. Das ist der Mangel an Zeit. Der Mangel an Zeit! Brauchen wir der Proletarierin erst zu schildern, was er gegen ihren Körper und ihren Geist sündigt! Sie fühlt es schmerzlich in ihrem Leben, sie sieht es tausendfältig rings um sich. Da ist das kleine Proletarier- mädchen, das lange, ehe es die Schulbank verläßt, der Mutter zur Hand gehen, vielleicht selbst daS Hausmütterchen sein muß, das die jüngeren Geschwister versorgt und für die Eltern kocht, das in taufenden Fällen zu verdienen ge- zwungen ist. Die junge Arbeiterin, die nach Feierabend von der Fabrik nach Hause hastet, um dort durch überzeitarbeit den kargen Lohn zu erhöhen; um der Mutter oder einer Verwandten zu helfen; um für sich das Stübchen zu richten, das Mahl zu bereiten, Wäsche und Kleidung instand zu bringen. Da ist die Geplagteste der Geplagten: die Arbeiter- frau, für welche die Tage vorüber sind, wo ihre Haupt- aufgäbe war,„weise im häuslichen Kreise" zu schalten: die hinaus muß in die Fabrik, oder in deren Häuslichkeit sich die Heimarbeit eingenistet hat, und die trotzdem noch dem Gatten und den Kindern gegenüber die Pflichten der Haus- mutter erfüllen soll und erfüllen will! Die Natur hat sicher- lich auch in die Brust der Hunderttausende und Hundert- tausende Frauen und Mädchen, deren Leben sich von zartester Jugend an in Arbeit verzehrt, Wissensdurst, Schönheitssinn, Drang nach Bildung und Betätigung von Geist und Cha- ralter gelegt, kurz Eigenschaften, die zum Kampfe für eine Die Gleichheit 77 kulturwürdige Existenz und damit in die Gewerkschaft treiben. Aber die kapitalistische Ordnung läßt diese Eigenschaften nicht zur Entfaltung und Wirkung kommen. Abgesehen von den übrigen Verbrechen, deren sie sich in dieser Beziehung schuldig macht, bringt sie die Proletarierinnen als Lohn- sklavinnen unter die Fuchtel einer Ausbeutung, die den besten Teil ihrer Zeit und Kraft in Anspruch nimmt. Durch Hungerlöhne für Mann wie Weib trägt sie bittere Not in die Arbeiterfamilie und zwingt dazu, daß die Proletarierin als Berufsarbeiterin und Hausfrau zugleich tätig ist, den Arbeitstag bis in die Nacht, den Werktag über den Sonn- tag ausdehnt; daß die Kinder und zumal die Mädchen jede Minute Zeit der Arbeit opfern müssen. Ist es da noch ein Wunder, wenn die Triebe geistigen Lebens vielfach schon im Kinde verkümmern und sterben, wenn die erwachsene Proletarierin, gebeugt unter die Doppellast des Mühens und Plagens, keine Zeit findet, ihren Geist zu bilden und zu be- tätigen, sich um Dinge zu bekümmern, die wohl ihre ur- eigensten Interessen sind, aber außerhalb ihres engen Gesichts- kreises liegen und nicht verstanden und richtig gewürdigt werden; wenn in ihrer Brust schließlich das Sehnen nach einem höheren Leben erlischt und sie gleichgültig, stumpf- sinnig in hoffnungslosem Jammer ihr trauriges Dasein weiterschleppt! Sollen die Massen der Arbeiterinnen von dem kulturell hebenden Einfluß der Gewerkschaftsbewegung, des proletari- schen Klassenkampfes überhaupt ergriffen werden, so muß der Auswucherung der weiblichen Arbeitskrast durch den Kapitalismus Grenzen gezogen werden. Die gesetzliche Be- schränkung des normalen Arbeitstags muß das Unternehmer- tum daran hindern, zur Beftiedigung seiner Habsucht skrupel- los die Frauen und Töchter des Volkes ausbeuten zu können. Sie muß es zum Respekt davor zwingen, daß die Arbeiterin mehr ist als eine lebendige Maschine: ein fühlender, denken- der Mensch. Nur in der Zeit, welche nicht dem Arbeitgeber gehört, vermag die Arbeiterin als Mensch, als Weib und Mutter zu leben, denn die Arbeitskraft, welche sie diesem zur Ausbeutung verkauft, ist nicht von ihrer Person zu trennen. Daher müssen die Stunden beschränkt werden, in welchen der Unternehmer als Herr über die Lohnftlavin verfügt. Um so viel Stunden der Arbeitstag verkürzt wird, um so viel Stunden wird es dem Ausbeuter unmöglich gemacht, die Muskel- und Nervenkräfte der Arbeiterin rück- sichtslos zu erschöpfen, um Gold aus ihnen zu pressen. Die Verkürzung des Arbeitstags gibt daher der Arbeiterin mehr zurück als bloß freie Zeit: nämlich körperliche Frische und Gesundheit, geistige Energie und Charakterkraft, mit einem Worte: mehr Möglichkeit, Mensch zu sein. Und was sie dadurch gewinnt, wird dazu beitragen, sie zur guten Ge- werkschafterin und Klassenkämpferin zu machen. Die Ar- beiterin, die sich nicht bis zur Erschöpfung und Zermürbung von Körper und Geist abplagen muß, in deren Seele regen sich Kräfte, die nach Entwicklung und Befriedigung ver- langen. Eine solche Arbeiterin beginnt„begehrlich" zu werden und denkt über ihre Lage nach. Sie lernt die Ausbeutungs- gemalt des Kapitals als die Ursache ihrer Leiden kennen und begreift, daß die Ausgebeuteten sich ihr nicht willenlos fügen dürfen, sondern gegen sie kämpfen müssen. Der Zu- sammenschluß, die Organisation der Ausgebeuteten erscheint ihr als Mittel, den Kampf gegen die knechtende Macht auf- zunehmen. Werkstattbesprechungen, Versammlungen, Dis- kussionen, das Studium der Arbeiterpresse und der sozialisti- schen Broschüren hält sie nun nicht mehr für überflüssig, ja für schädlich, umgekehrt, sie weiß ihren Wert für die Be- reicherung ihres Geistes und die Verbesserung ihrer wirt- schaftlichen Lage zu schätzen. Sie schließt sich der Gewerk- schaft an, aber sie begnügt sich nicht damit, ihren Beitrag zu zahlen, nein, sie arbeitet eifrig in der Gewerkschaft und wird nicht müde, ihre Arbeitsgenossinnen und Freundinnen auf die Notwendigkeit der Organisation hinzuweisen. Kurz, die Herabsetzung des Arbeitstags ist das erfolg- reichste Mittel, die Arbeiterinnen der Gewerkschaft zuzuführen und aus flauen in rührige und pflichttreue Gewerkschafte- rinnen zu verwandeln. Hand in Hand mit ihrer gewerk- schaftlichen Organisierung und Schulung wird ihre politische Aufklärung gehen. Das Leben und der Kampf der Gewerk- schaft weisen auf die Ergänzung durch den politischen Klassen- kämpf der werktätigen Massen hin und predigen eindringlich, daß diese über Verbesserungen in der Gegenwart hinaus ihre volle Befreiung durch den Sturz der bürgerlichen Aus- beutungsordnung erkämpfen müssen. Könnte gerade die lohn- frondende, gedrückte Proletarierin die Notwendigkeit des Kampfes für das sozialistische Endziel nicht einsehen? Nein und tausendmal nein! Ihre Lebensverhältnisse von den Jugendjahren bis in das Greisenalter hämniern ihr die Frage in die Seele: Muß es denn sein, daß die Arbeitsbienen der menschlichen Gesellschaft in Mühsal, leiblicher und geistiger Not sich verzehren, während die Drohnen, die sie mit ihrem Fleiße ernähren, genießen, was die freigebige Natur beut, was menschliches Talent und Mühen zu schaffen vermögen? Und mit der wachsenden Bildung, welche ihr die moderne Arbeiterbewegung vermittelt, wird ihr immer klarer und be- stimmter zur Antwort: nicht unabänderlich, nicht von ewiger Dauer ist die heutige Teilung der Arbeitslasten und Arbeits- früchte, die auf die Seite der Arbeitenden Plagen ohne Genuß und auf die Seite der Besitzenden und Ausbeutenden Genuß ohne Arbeit legt. In ihrem Geiste wird der Sinn des Verses lebendig:„Es gilt die Arbeit zu befreien, es gilt der Freiheit Auferstehen." Und der lebendige Sinn treibt zu fruchtbarer Tat, zu opferfreudiger Arbeit für das sozia- listische Ideal von der Befreiung und Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenantlitz trägt. Darum: Hoch der Achtstundentag? Frida Wulff. Die Weltfeier des Proletariats und die Frauen. Unter allen Tagen, die der Kalender als Feiertage be- zeichnet, gibt es keinen einzigen, den die klassenbewußten Proletarier wirklich als Fest- und Feiertag betrachten können. Mit um so mehr Stolz und Begeisterung feiert die revolutionäre Arbeiterklasse der ganzen Welt den 1. Mai. Das ist ihr Feiertag, der Feiertag, den sie sich selbst erringt und erzwingt, der einzige Tag, an dem die Arbeiter seiern, weil sie feiern wollen, und nicht etwa, weil Kirche oder Staat es ihnen befehlen. Das Proletariat ist der Träger der Zu- kunft, und sein Fest, der 1. Mai, gilt der Zukunft, nicht etwa wie die Feiertage der bürgerlichen Welt der Vergangenheit. Der 1. Mai ist ein Tag, an dem das Proletariat seine Kraft und sein Selbstbewußtsein bekundet, im schärfsten Gegensatz zu den Festen religiösen und patriotischen Ur- sprungs, bei denen den Menschen Demut und ihre Abhängig- keit von himmlischen und irdischen Mächten gepredigt wird. Am 1. Mai erklärt die Arbeiterklasse, daß sie fühlt, wie schwer und erniedrigend das Joch des Kapitalismus ist, und daß sie weiß, welchen Weg sie einzuschlagen hat, um aller Ketten ledig zu werden. Darum hat ihr selbstgeschaffenes Fest eine so tiefe revolutionäre Bedeutung. Der Befreiung der Arbeit gilt es, durch die Arbeiter selbst. Nicht ein mysti- scher Glaube an eine Erlösung, die von„oben" kommt, so tönt es am 1. Mai, sondern eine Erlösung durch die eigene Kraft. Kein passives Verhalten in Erwartung auf Gnade, vielmehr ein aktives Ringen für ein stolzes Ziel: die Freiheit. Für die Eroberung der Freiheit rüstet sich das Proletariat der ganzen Welt. Es weiß, daß nur der Kampf der Prole- tarier aller Länder den Todfeind der Freiheit, den Kapita- lismus zu überwinden vermag. Nur zusammen mit der Ordnung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen fällt auch die Unterdrückung, die Entrechtung und Knechtung des Menschen durch den Menschen, welche Form sie immer angenommen hat. Nur mit ihr verschwinden auch die Ur- fachen jener Geißel der Völker, jenes Schreckens der Frauen und Mütter: des Krieges. Der proletarische Klassenkampf gegen die kapitalistische Gesellschaft bereitet den Völkerfrieden vor, und die klassenbewußten, kämpfenden Ausgebeuteten sind es, die heute schon, in treuer Solidarität der Interessen ver- Kunden, mit Energie den Militarismus und seine Geschwister: Marinismus und Kolonialpolitik bekämpfen und damit für die Sicherung des Friedens wirken. Daher ist die Maifeier, durch welche das Proletariat der kapitalistischen Ordnung den Krieg erklärt, gleichzeitig stets auch eine gewaltige Kund- gebung für den Völkerfrieden von ganz anderem Ernste und viel größerer Bedeutung als die zynischen Friedenskonferenz- komödien, als die Friedenspsalmodien der„besseren Herren und Damen". Nicht als Untertanen gekrönter und ungekrönter Herrscher, nicht als Landsknechte engbegrenzter Länderstrecken, als Bürger der neuaufgehenden Welt des Sozialismus trete» die Proletarier bei der Maifeier auf den Plan. Die Männer nicht allein, die Frauen mit ihnen, denn ihnen geziemt es vor allem, im Kampfe für Freiheit, Menschenrecht und Frieden in den ersten Reihen zu stehen. Daß die Frauen das Bedürfnis und die Pflicht empfinden, ihrerseits ebenfalls als Weltbürgerinnen für Freiheit und Recht zu kämpfen, das kann allerdings die Philistermoral nicht verstehen. Ihr gilt die Freiheitsliebe als ein Wahn, den sie mitleidig von oben herab belächelt. Die Abhängigkeit, die Knechtung der Millionen Proletarier hält sie für ganz natürlich. Wie sollte sie da Verständnis und Wertschätzung für die Freiheitsliebe der Frauen besitzen? Was haben ihrer Auffassung nach die Frauen mit der Freiheit, mit dem sozialen Leben zu tun? Allein die liebe Spießbürgermoral übersieht oder will nicht sehen, daß Millionen von Frauen der werktätigen Massen als wertschaffende, Reichtum er- zeugende Arbeiterinnen, als Hausfrauen und Mütter Großes und Schweres leistend mitten im sozialen Leben stehen. Auch auf ihre Kosten und die ihrer Kinder leben die nicht- arbeitenden und genießenden Bevölkerungsschichten. Und da sollten die proletarischen Frauen kein Recht, nicht die Pflicht haben, am 1. Mai und jederzeit in den Reihen der kämpfenden Arbeiterklasse zu stehen? Die proletarische Frau — was ist sie eigentlich— ist sie nicht eine doppelte Sklavin, muß sie sich nicht ihrem Ausbeuter, dem Arbeitgeber, unter- werfen und trägt sie nicht die Ketten der Geschlechtssklaverei? Der bürgerlichen Ordnung genügt es nicht, daß die Prole- tarierin wirtschaftlich durch das Unternehmertum unterjocht ist, sie erniedrigt sie noch in den meisten sogenannten„Kultur- ländern" zu einer politisch Unmündigen, die geringeren Rechtes ist als der Mann und diesem„Untertan und gehorsam" sein soll. Lange, viel zu lange sind die Frauen des Volkes ge- duldige und bedürfnislose Kreuzesträgerinnen geblieben, die sich in ihr Schicksal oer doppelt Enterbten und Erniedrigten fügten. Nun aber beginnen sie zu erwachen und sich mit den ausgebeuteten Männern ihrer Klasse zusammen zum Kampfe für Freiheit und Menschenwürde zu stellen. Derselbe Kapitalismus, der sie in das tiefste leibliche und geistige Elend stößt, der hat wider Willen sie zum Kampfe auf- gerufen und in die Schlacht gepeitscht. Seitdem Proletarierinnen in die Fabrik müssen, seitdem sie ihre Kinder im zartesten Alter für Brot ftonden sehen, seitdem wollen sie wissen, warum sie trotz schwerer Arbeit darben, während Mchtarbeitende schwelgen; seitdem beginnen sie sich um das öffentliche, das politische Leben zu kümmern. Und seitdem sie wissen, daß dank unserer„göttlichen Welt- ordnung" der Reiche nicht der„Brotgeber", sondern der Brotnehmer der Armen ist; seitdem sie wissen, wer die Kosten des Zollwuchers, der Flotten- und Armeeausgaben tragen muß; seitdem sie wissen, in welcher Bevölkerungs- klaffe und aus welchen Gründen die schrecklichsten Krank- heiten erbarmungslos wüten und der Tod seine Ernte hält; seitdem in ihrer Seele das Bewußtsein lebendig geworden ist, daß sie als Glieder des armen und ausgebeuteten Volkes das meiste und schwerste leiden: seitdem kämpfen die prole- tarischen Frauen immer zahlreicher unter dem roten Banner, in dem einen Heer der Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechtes. An dem heurigen 1. Mai ist es aber natürlich, daß die Blicke der proletarischen Freiheitskämpfer und Freiheits- kämpferinnen sich wieder mit begeisterter Sympathie dem Lande zuwenden, wo in den letzten Jahren am heißesten für die Freiheit gestritten wird, wo die Revolution in immer höheren, machtvolleren Wogen heranbrandet gegen den ver- witterten, zerbröckelnden Felsen des Absolutismus: nach Rußland. Die Geschichte Rußlands zeigt mehr als die jedes anderen Landes, was Frauen als Heldinnen und Märtyre- rinnen im Kampfe für die Freiheit zu leisten vermögen. Noch ehe in Rußland von einer revolutionären Massen- erhebung die Rede sein konnte, als nur kleine Kreise der Gebildeten mit dem Despotismus rangen, kämpften die russischen Revolutionärinnen als Gleiche unter Gleichen. In einem Lande, wo die elementarsten Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wo auch der einzelne aus den privi- legierten Ständen nicht die Lust des modernen Kulturlebens zu atmen vermag, wo die despotischen Gewalten das Recht von Mann und Weib gleich brutal und verbrecherisch zer- stampfen: da müssen sich Mann und Frau zu dem Kampfe gegen den einen Feind und für die eine Freiheit zusammen- finden. Mit ganzer Seele, ohne nach den Opfern zu fragen, dienten der Freiheit die friedlichen Propagandistinnen, welche das Volk für einen utopistischen Sozialismus gewinnen wollten, wie die Terroristinnen, welche an dem Kampfe teil- nahmen, der das System des Absolutismus in den Personen zu vernichten glaubte, die seine Träger und Werkzeuge sind. Von der nämlichen Lieb« zur Freiheit sind heute ebenso die Sozialrevolutionärinnen beseelt, welche wähnen, durch die individuelle Tat das Volk befreien zu können, wie die Sozialdemokratinnen, welche in zäher, oft unter- irdischer Arbeit die Köpfe des jungen russischen Prole- tariats revolutionieren, welche durch theoretische und prak- tische Arbeit unter den schrecklichsten Verhältnissen die Massen aufklären und organisieren, sie für die sozial- demokratischen Ideale gewinnen, zum Handeln vorbereiten und aufrufen und durch ihre Tätigkeit dazu helfen, daß heute die russische Arbeiterklaffe als die vornehmste revo- lutionäre Macht im Kampfe gegen den Absolutismus steht. Zahllose russische Heldinnen haben bewiesen, daß die FreiheitS- liebe auch die Frauen zu den größten Opfern fähig macht, daß sie die Kraft gibt, für die Überzeugung zu sterben und für sie unter den furchtbarsten Verhältnissen zu leben. Wir sehen davon ab, dies durch die Aufzählung einzelner zu er- Härten. Die Liste würde allzu lang werden, und Namen nennen hieße all den Unzähligen ein Unrecht antun, die un- genannt und unbekannt in der jetzigen Massenbewegung, in den Streiks und blutigen Zusammenstößen mit dem Zaris- mus Freiheit und Leben auf das Spiel gesetzt und geopfert haben, um dem Sozialismus eine Gasse zu bahnen. Die klassenbewußten Proletarier feiern ihre Helden und Heldinnen ganz anders als durch persönliche Huldigungen. Sie eifern ihnen nach. Am 1. Mai werden die Genossen und Genossinnen der ganzen Welt der russischen, jüdi- schen, polnischen, lettischen Genossen und Genossinnen ge- denken, die alles für die Sache der Revolution in die Schanze schlagen. Sie staunen sie und die im Ringen Ge- fallenen nicht als Wunder an, sie bemitleiden sie nicht weh- leidig sentimental als Opfer. Sie grüßen sie mit stolzem Solidaritätsgefühl als Kämpfer in dem gleichen Kampfe für das Wohl der Völker, und in dem Bewußtsein, daß es keinen Sieg gibt ohne Schlacht und kein menschenwürdiges Leben ohne Freiheit. Angelica Balabanoff. Die Maiforderungen der Dienstmädchen. Seit einem Jahre sind die deutschen Dienstmädchen in die Reihen der organisierten Arbeiterklasse eingetreten, lauschen sie den ihnen so neuen Worten von Freiheit und Gerechtigkeit, fangen sie an, nachzudenken über all die un- zähligen Härten und Ungerechtigkeiten ihrer Lage. Seit einem Jahre sagen sie laut und deutlich in Versammlungen, daß sie sich geknechtet und in ihrer Menschenwürde gekränkt fühlen, erheben sie Forderungen zum Entsetzen aller Reaktionäre. Mit eleinenlarer Gewalt ist unter den Mädchen das Streben nach einer Hebung ihrer Lage lebendig geworden. Und nun fordern sie teils in leidenschaftlichen Worten, teils mit rührend kindlicher Naivität, die Bedingungen ihrer Arbeit und ihrer Existenz sollen geändert werden, so daß auch im einfachen Dienstmädchen der Mensch geachtet werde und zu seinem Rechte komme. Und wie die gesamte Arbeiter- klaffe, so verlangen auch sie, daß der Staat, daß die Gesetz- gebung zu ihrem Nutz und Frommen eingreife und die schier unbegrenzte Macht ihrer Dienstgeber einschränke. Ge- meinsam mit den Ausgebeuteten aller Berufe erheben die Dienstmädchen am 1. Mai ihre Stimme, um ihren Forde- rungen an die Gesetzgebung Ausdruck zu geben. Was sie von ihr verlangen, ist: I.Abschaffung der Gesindeordnungen und Gesindedienst- bücher. 2. Unterstellung der Dienenden unter die Gewerbeordnung, Ausdehnung aller Versicherungsgesetze auf sie, Gewäh- rung eines gesetzlich gesicherten vollen Koalitionsrechtes. g. Sinngemäße Anwendung der Bestimmungen über Ar- beitszeit und Arbeitsdauer, Sonntags- und Nachtarbeit usw. auf die Dienenden: im besonderen und zunächst 78 Die Gleichheit Nr. 9 als Mindestmaß an gesetzlichem Schutz Einführung eines gesetzlich geregelten Arbeitstags, eines vollen freien Sonntagnachmittags alle acht Tage, und alle 14 Tage einen vollen freien Tag. 4. Gesetzliche Vorschriften, betreffend gesunde, den hygie- nischen Verhältnissen entsprechende Schlafräume, welche von innen verschließbar sein müssen, und die ständige Kontrolle derselben durch die Behörden. Aufhebung der Verpflichtung, mit ansteckenden Krankheiten behaftete Hausangehörige zu pflegen. S.Einführung des obligatorischen Fortbildungsschulunter- richtes auch für die Dienenden bis zum 18. Lebensjahr. 6. Abschaffung der privaten Stellenvermittlungsbureaus und Einführung von paritätischen Stellennachweisen. Die organisierten Dienstmädchen haben die vorstehenden Forderungen dem deutschen Reichstag übermittelt und die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ersucht, für dieselben einzutreten. Daß sie baldigst Gesetzeskraft erlangen, tut bitter not. Wie viel Unheil haben die Gesindeordnungen nicht schon über viele Tausende Dienstmädchen gebracht. Unter dem Vor- wand, daß die Dienende zur Familie gehört, wird sie tyranni- siert und ausgebeutet. Das gesunde, blühende Mädchen verwandelt sich nach und nach in ein blasses, bleichsüchtiges Geschöpf, dem kaum Erholung und Freude lächelt. Die Ge- sindeordnung kennt nur ein sklavisches Unterordnen der Dienstboten unter den Willen und die Launen der Herr- schaft. Und mag eine Stellung noch so schlecht, die Herrschaft noch so roh und gewalttätig sein: die Gesindeordnung ver- bietet es dem Mädchen, ihren Dienst sofort zu verlassen, wenn es sich in seiner Gesundheit bedroht, in seiner Ehre schwer verletzt fühlt. Während die Gesindeordnungen, die im Deutschen Reiche gelten, den Herrschaften das Recht zugestehen, wegen wahrer Kleinigkeiten die Dienenden kündigungslos zu entlassen, ja geradezu vor die Tür zu setzen, anerkennen sie nur wenige ganz schwere Fälle, in denen die Mädchen ihre Stellung ohne Kündi- gung verlassen dürfen. Schon die betreffenden Bestimmungen allein zeigen deutlichst, daß die Gesindeordnungen nicht ein gleiches Recht für beide Teile festlegen. Auch in punkto der Pflichten kennen sie zweierlei Maß für Dienstgeber und Dienst- nehmer. Mit den Verpflichtungen der ersteren sind sie bald fertig, dagegen enthalten sie eine lange Liste von obendrein recht dehnbaren Pflichten, zu denen die Mädchen gehalten sein sollen. Die Gesindeordnungen stellen auch sonst die Mäd- chen weit schlechter, als freie Lohnarbeiterinnen daran sind. Den Herrschaften ist es zum Beispiel in vielen Gesinde- Ordnungen gestattet, den Lohn aufzurechnen für zerschlagene Gegenstände usw. Sie machen von diesem Recht weidlich Gebrauch, so daß manches Mädchen am Monatsschluß noch daraufzahlen muß. Und selbst wenn zu Unrecht Abzüge ge- macht worden sind, fällt es ihm außerordentlich schwer, Recht zu erlangen, denn der Klageweg vor dem Amtsgericht ist langwierig und umständlich. Auch die Gesindedienstbücher müssen fort. Sie müßten von Rechts wegen„schwarze Bücher" oder„Stammbücher der verlogenen und rachsüchtigen Damen" genannt werden. Sie verstärken und befestigen nur die Vorrechtstellung der Herrschaften und geben die Dienenden schweren Schädigungen preis. Die Dienenden müssen der Gewerbeordnung unter- stellt werden, wie es die gewerbliche Arbeiterschaft ist, da- mit sie dieser gleich über ihre Person und ihre Arbeitskraft verfügen können und wenigstens juristisch, dem formalen Recht nach, den Dienstgebern gleichgestellt sind. Die Ge- sindeordnungen mit ihrem Anhängsel der Dienst- bücher sind Überreste der Leibeigenschaft. Die Forderung:'Ausdehnung aller Versicherungs- gesetze auf die Dienstboten, ist nur zu gerechtfertigt. Die Anstrengung und Überanstrengung der Kräfte durch den Dienst läßt manches Mädchen krank und invalid werden. Der karge Lohn erlaubt aber nicht, für die Tage der Not und Für- sorgebedürftigkeit zu sparen. Und das Mädchen wäre wirk- lich verlassen, das sich für solche Zeiten auf„das gute Herz" der Herrschaft verlassen wollte. Da ist denn Beistand und Unterstützung durch die obligatorischen staatlichen Versiche- rungen ein Recht, auf welches die Dienenden kraft ihrer Arbeit Anspruch haben müssen. Die Gewährung des vollen Koalitionsrechtes ist für die Dienenden ebenfalls eine Lebensnotwendigkeit. Das un- beschränkte Recht muß ihnen gesetzlich gesichert sein, eventuell durch planmäßiges gemeinsames Vorgehen, auch durch die gemeinsame Niederlegung der Arbeit ihren Forderungen Nachdruck geben zu können. Heute dürfen sie nicht einmal an eine gemeinsame Arbeitsruhe am 1. Mai denken, und der Streik ist für sie erst recht verpönt. Heute ist die Ausbeutung der Dienenden eine schranken- lose. Die Mädchen sind verpflichtet, der Herrschaft täglich 24 Stunden lang ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Sie haben nicht das Recht zu sagen: jetzt ist meine Ruhe- zeit, jetzt brauche ich nicht mehr zu arbeiten und mich allen Launen zu fügen. Eine derartige Ausbeutung und Recht- losigkeit ist empörend. Das ist die moderne Sklaverei des 20. Jahrhunderts. Darum her mit gesetzlich geregelter Arbeitszeit: einem normalen, fest begrenzten Ar- beitstag, festen Ruhepausen und regelmäßiger Sonntagsruhe. Was die Schlafräume anbelangt, so gibt es keine gesetz- lichen Vorschriften, welche in hygienischer und sittlicher Be- ziehung die Interessen der Dienstboten wahren. Die Mädchen sind dem Unverständnis, der Sparwut und der Willkür der Herrschaften preisgegeben, sowie oft genug den sinnlichen Begierden des Hausherrn und seiner Söhne. In den Ge- fängnissen ist für die Zellen, welche nur zum Aufenthalt bei Nacht dienen, der Luftraum vorgeschrieben, der winde- stens 15 bis IS Kubikmeter betragen muß. Jede Zelle muß ein Fenster haben, das mindestens einen Quadrat- meter groß ist und ins Freie führt, damit dem Räume reine, gesunde Luft zugeführt wird. Wie viele der elenden Löcher, die Dienstmädchen als Schlafstätte dienen, entsprechen nicht diesen Vorschriften. Kein Wunder darum, daß der kurze Schlaf keine Erholung bringt, und Schlimmeres noch: daß die Stunden, die zur Stärkung der angestrengten Kräfte dienen sollen, geradezu mörderisch auf die Gesundheit einwirken. Wenn Kost- und Logiszwang im Hause der Dienstgeber weiterbesteht, so muß die Gesetzgebung zum Wohle der Töchter des Volkes eingreifen, Verordnungen über die Beschaffenheit der Schlafräume schaffen und eine wirksame Kontrolle derselben. Mit gutem Fug und Recht fordern die Dienstboten ferner von der Gesetzgebung, daß sie den Zwang aufhebt, Haus- angehörige zu pflegen, die an einer ansteckenden Krankheit leiden. Die diesbezügliche Verpflichtung setzt die Mädchen der Gefahr aus, durch Nachtwachen oder tückische Leiden selbst aufs Krankenlager geworfen zu werden. Und die Ärmsten finden dann nur in den allerseltensten Fällen liebe- volle, geivissenhafte Pflege im Hause. Jedermann fürchtet sich vor der Ansteckung, das Mädchen muß ins Krankenhaus und bekommt meist die Kündigung gleich mit. Viel Geschrei erheben die„guten Hausfrauen" über die schlechte Bildung der Dienstmädchen, über ihre Ursachen oder gar über Mittel zur Abhilfe nachzudenken, fällt den Damen aber gar nicht ein. Die Forderung des obligatorischen Fortbildungsschulunterrichts bis zum 18. Lebens- jähr ist eminent notwendig. Die„goldene Jugendzeit" der Kinder des Volkes gehört leider nicht allein der Erziehung und Bildung, sie wird von harter Arbeit mit Beschlag belegt. Die Volksschule bietet dem Geiste nur dürftige Nahrung. Mangelhafte Bildungsgelegenheit und Zwang zur Arbeit durch die Not der Eltern, so sieht die Kindheit der meisten Dienstmädchen aus. Die letzte der von den Dienstmädchen gestellten Forderungen ist: Abschaffung der privaten Stellenvermittlungs- bureausund Einführung von paritätischen Stellen- nachweisen. Die privaten Stellenvermittler gehören zu den schlimmsten Plagen der Dienstboten. Es gibt in Deutschland über 7000 dieser sogenannten„Seelenverkäufer"; ihre Zahl ist in den letzten 10 bis 20 Jahren enorm gestiegen, ein Zeichen, daß das Dienstmädchenverschachern außerordentlich rentabel ist. Gewissenlos vermieten Stellenvermittler Mädchen in Dienste, wo Arbeit für drei vorhanden ist. Die betreffenden Herr- schaffen zahlen ruhig ein gutes Verdinggeld, denn das „dumme Ding" von Dienstmädchen bringt das ja dreifach wie- der ein. Andererseits ziehen diese Blutegel hohe Einnahmen von Dienstmädchen, die gute Stellen haben wollen und da- für mit 20 bis 100 Mk.„spicken" müssen. Zu den alltäg- lichen Kniffen des Geschäftes gehört, Mädchen dorthin zu vermieten, wo es keine lang aushalten kann, damit der Stellenwechsel recht häufig ist. Je öfter die Mädchen ihr Bündel schnüren, desto reicher sind ja die Einnahmen der Stellenvermittler. Da muß Wandel geschaffen werden! 4000 Dienstmädchen haben sich seit einem Jahre in Deutsch- land organisiert und fordern von der Gesetzgebung Berück- sichtigung ihrer Lebensinteressen. Den langen Winterschlaf der Gleichgültigkeit haben sie abgeschüttelt, ein Frühlings- ahnen von Freiheit und Gerechtigkeit erfüllt und erhebt ihre Seele. Sie haben den Weg zur Organisation gefunden, die auch die Schwachen stark und mächtig macht. Sie fordern in Gestalt der oben angeführten Reformen zunächst von der Gesetzgebung nur Abschlagszahlungen auf ihr gutes Recht, Abschlagszahlungen, die ebenso dringend notwendig wie so- fort praktisch durchführbar sind. Und für sie werden sie in ihren Vereinen arbeiten und wirken in der festen Hoffnung, daß der Tag kommt, wo sie mehr fordern können, wo auch sie das Verlangen erheben: Acht Stunden der Arbeit! Acht Stunden der Muße! Acht Stunden dem Schlaf! Nürnberg. Helene Grünberg. Politische Rundschau. Wieviel eifrige Arbeiterfreunde im deutschen Reichstag sitzen, das hat die Arbeiterklasse wieder einmal mit be- rechtigtem Staunen aus den Debatten dieses Parlaments über den Etat des Innern ersehen können. Da ist— mit alleiniger Ausnahme der Konservativen, die so was nicht nötig haben— keine bürgerliche Partei, die nicht mit einigen Forderungen nach— allerdings stets sehr unzureichenden— sozialreformerischen Pflästerchen anrückte, keine, die den Still- stand der Sozialreform nicht beklagt hätte. Besonders be- zeichnend war in dieser Hinsicht die Rede, mit der der einstige national-soziale Führer Naumann als Sprecher der Frei- sinnigen Vereinigung debütierte. Er klagte die verbündeten Regierungen an, daß ihr Widerstand den guten Willen der sozialpolitischen Mehrheit lahmlege, die schon der verflossene Reichstag aufgewiesen habe, und die wieder im jetzigen vor- handen sei. Wie dieser betrübliche Zustand zu bessern ist, weiß Naumann freilich nicht. Wenn sich der Bundesrat durch die schönen Reden der Sozialreformer nicht über- zeugen läßt, so muß man schon geduldig abwarten, bis ihn die Zeit bekehrt. Ernsthaften Konflikt mit der Regierung zu wagen wegen ihrer sozialpolitischen Untätigkeit, das kommt der sozialpolitischen Mehrheit nicht in den Sinn. Dieser Regierung das Vertrauen zu entziehen, ihre Forderungen nur Zug um Zug gegen sozialpolitische Zugeständnisse zu bewilligen: daran denken die bürgerlichen Sozialreformer nicht entfernt, obgleich die Erfolge der trotzigen Junker sie lehren könnten, wie man sich Respekt an Reg'erungstischen verschafft, über sozialpolitische Forderungen redet man; aber um sie kämpfen? Dazu sind sie den bürgerlichen Par- teien doch nicht bedeutsam genug. Denn es handelt sich ja nur um Arbeiterinteressen, die man— von wenigen Aus- nahmen abgesehen— nur notgedrungen, aus Sorge um die Arbeiterstimmen vertritt, um der ständig drängenden Sozial- demokratie einigermaßen Konkurrenz zu bieten! Wenn Herr Naumann den mangelnden Ernst und Eiser der bürgerlichen Parteien in Sachen Sozialpolitik vor der �Arbeiterschaft recht gründlich aufdecken wollte, so hätte er's nicht besser tun können als mit seiner Konstatierung der Lage. Seit Jahren haben die bürgerlichen Parteien, die da vorgeben, Sozialpolitik treiben zu wollen, die Mehrheit im Reichstag, und trotz alledem kommt nichts zustande, ihr„ein- heitlicher, fester" Wille scheitert einfach am Bundesrat. Die kleine Schicht der Junker und Großindustriellen, die den Bundesrat beherrscht, setzt die sozialpolitische Mehrheit matt. Verwunderlich ist das freilich nur für den, der noch nicht weiß, daß alle bürgerlichen Parteien nur mit halbem Herzen bei der Sache sind, daß ihnen bei allem, was sie für die Arbeiter fordern, die Furcht vor der Schädigung der Be- sitzenden im Nacken sitzt, daß sie außerdem über das kärg- liche Maß dessen, was sie den Arbeitern gewähren wollen, untereinander und in sich selbst uneins sind. Mit einem Worte, daß sie samt und sonders kapitalistische Parteien sind und deshalb ihr sozialpolitischer Eifer— von einzelnen Ideologen wie Naumann abgesehen— genau so echt ist wie der des Herrn v. Heyl, der im Parlament gegen die Konkurrenzklausel wettert, die er selbst aufs rücksichtsloseste gegen die von ihm ausgebeuteten Proletarier in Anwendung bringt. Nimmt man hinzu, daß die Vorschläge der bürger- lichen Sozialreformer schwächliche Halbheiten sind, daß sie nach wie vor durchgreifenden Maßregeln, wie der gesetzlichen Verkürzung der Arbeitszeit, scheu aus dem Wege gehen, so erkennt man zur Genüge, was die gepriesene sozialpolitische Mehrheit ans sich hat und weshalb aus diesem Parlament, das seine Arbeiterfreundlichkeit immer wieder beteuert, so gut wie nichts für die Arbeiter herauskommt. Aber es soll doch etwas herauskommen. Ein neues Ver- eins- und Versammlungsrecht! Es ist die einzige sozial- politische Maßregel von Belang, die Staatssekretär Graf Posadowsky für die nächste Zukunft ankündigen konnte- Aber dafür soll sie auch um so besser werden. Ein modernes Gesetz soll's sein. Graf Posadowsky fühlt sich weit erhaben über den kleinlichen Polizeigeist der fünfziger Jahre, der die jetzigen Vereinsgesetze Preußens und der meisten anderen Bundesstaaten erfüllt. Als weitsichtiger Staatsmann weiß Posadowsky geistreich über die Polizeischikanen zu spotten, weist er mit überlegener Gebärde den subalternen Polizei- geist zur Vordertür hinaus, um ihn dann— zur Hintertür wieder hereinzulassen„zur Wahrung von Ruhe und Ord- nung". Denn ohne das geht's nun einmal bei aller Mo- dernität im Reiche der Gottes- und Polizeifurcht nicht. Aber das kann die Arbeiterschaft gar nicht genieren, meint Posadowsky, denn selbst die Sozialdemokratie behauptet ja, daß sie den gesetzlichen Weg gehen will. Wenn der Staats- sekretär die ständig wiederkehrenden Anklagen unserer Redner gegen die Polizeipraktcken aufmerksam angehört hätte, die wider die Arbeiterbewegung beliebt werden, so würde er die wahre Bedeutung des ironischen Lachens der Sozialdemokratie bei dieser Stelle seiner Rede nicht verkannt haben. So würde er wissen, daß es einer fürsorglichen und im Auslegen ge- schickten Polizei— und wann würd' es daran in Deutsch- land mangeln— nimmer schwer fallen wird, eine Ge- fährdung der Ruhe und Ordnung durch Arbeiterorganisationen zu entdecken. Und wäre selbst das harmlose Turnen der einzige Zweck solcher Vereine. Posadowskys Ankündigung schmeckt bedenklich nach Ausnahmerecht für die Arbeiter- bewegung. Dabei wird das kommende„freiheitliche" Vereinsgesetz nicht nur die einzige Tat auf sozialpolitischem Gebiet sein, es stellt auch zugleich die erste Belohnung dar, die den Liberalen für ihre„nationale" Haltung bei und nach den Wahlen gegeben wird. Sie werden sich der Gabe würdig erweisen. Auf der Tagung der liberalsten der liberalen Fraktionen, der Freisinnigen Vereinigung, hat Herr Naumann zwar verkündet, daß der Endkampf des Liberalismus nach rechts gerichtet sein müsse. Aber der steht noch in weitem Felde; vorläufig geht auch der entschiedenste Liberalismus mit der Reaktion, zieht er den aus der konservativ-liberalen Paarung zu erhoffenden Sperling in der Hand der Taube auf dem Dache vor, die der prinzipiell gehaltene Liberalis- mus erjagen könnte. Herr Naumann hat recht, wenn er es als eine schwierige Ausgabe bezeichnet, bei solchem Spatzen- fang liberal zu bleiben. Oder vielmehr er hat unrecht. Es ist nicht schwierig, es ist unmöglich. Den besten Beweis hat Herr Naumann auf jener Tagung gleich selbst geliefert, als er die unliberale Haltung des Freisinns bei der Jnter- pellation der Sozialdemokratie wegen der behördlichen Wahl- beeinflussungen mit höheren politischen Rücksichten entschul- digte. Würdig schließt sich dem das Verhalten des Freisinns bei den Wahlprüfungen im Reichstag an. Die ffeisinnige Presse wollte fast in Ohnmacht fallen, als sie hören mußte, daß ein Freisinniger in der Wahlprüfungskommission eine unzweifelhafte Wahlbeeinflussung des Reichskanzlers in einer programmwidrigen prinzipiellen Anwandlung als Grund zur Kassation der Wahl des Freiherrn von Richthofen im Kreise Schweidnitz-Striegau angesehen hatte. Den mit einer Stimme Mehrheit zustande gekommenen Ungülligkeits- beschluß der Wahlprüfungskommission hätte man am liebsten noch in der Kommission wieder umgestoßen. Da das nicht anging, wird der Freisinn im Plenum Buße tun wegen dieses Verstoßes gegen die Pflichten der Mitglieder des „nationalen" Blocks. In der vierten Abteilung des Reichs- Nr.S Die Gleichheit 79 tags(den Abteilungen liegen die Vorprüfungen der Wahlen ob) haben sieben Freisinnige gegen die Beanstandung der Wahl des Reichslügenverbandesgenerals v. Liebert wegen des bekannten Silvesterbriefes des Reichskanzlers gestimmt. Wie sollten die armen Schlucker denn auch anders, da ihnen die konservative Presse mit Recht höhnisch vorgehalten hatte, daß sie andernfalls ihre eigenen Mandate für ungültig er- klären müßten. So wird der Grundsatz proklamiert, daß amtliche Wahlbeeinflussung gegen die Sozialdemokratie Regierungspflicht ist. Um des Sperlings in der Hand willen wirft der Freisinn die letzten seiner Grundsätze auf den Schindanger. Immer mehr konsolidiert sich die eine reak- tionäre Masse gegen das klassenbewußte Proletariat. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Die Generalkommission erstattet Bericht über ihre Tätigkeit vom 1. Mai 1305 bis 31. Dezember 1906. Da- nach dürften Ende 1906 die der Generalkommission ange- schlossenen Gewerkschaften 1800000 Mitglieder zählen; im Jahre 1904 betrug die Mitgliederzahl im Jahresdurchschnitt erst 1344805. Als wichtigstes Vorkommnis wird im Bericht das Einbringen der Gesetzesvorlage im Reichstag über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine erwähnt, deren Wiederkehr in alter Gestalt als Ausnahmegesetz gegen die Gewerkschaften von diesen mit allem Nachdruck bekämpft werden würde. Die Heimarbeitausstellung hat den be- teiligten Gewerkschaften 10364 Mk. gekostet. Ihre Wirkung war wohl momentan eine gute, aber das geweckte Interesse ist bald wieder eingeschlafen und praktische Wirkungen sind bis jetzt leider nicht eingetreten. Dem llberschuß von 1612 Mk., welcher auf die Generalkommission entfiel, hat diese 10000 Mk. hinzugefügt und die Summe zur Agitation gegen die Heim- arbeit verwandt. Nach der Kontrolle der Streikgelder- sammlungen, die auf dem letzten Gewerkschaftskongreß beschlossen worden ist, haben neun deutsche und zwei aus- ländische Gewerkschaften die Unterstützung der gesamten Ver- bände angerufen. Außer 377000 Mk. für die Tabakarbeiter, Steindrucker und Buchbinder leisteten die Verbände direkt an die kämpfenden Bruderverbände in Deutschland 69000 Mk., an die Maschinenbauer in Schweden und die Weber in Ver- viers 16500 Mk. Am 1. Oktober 1905 wurde zur Förderung der Agitation unter den Arbeiterinnen das Arbeiterinnen- sekretariat errichtet, über dessen Tätigkeit Genossin Altmann berichtet. Die Zahl der organisierten Arbeite- rinnen ist von 48604 im Jahre 1904 auf 74411 im Jahre 1905 gestiegen, also um 53 Prozent. Trotz dieses erfreu- lichen Aufschwunges sind nur zirka 7 Prozent der in Be- tracht kommenden deutschen Jndustriearbeiterinnen organisiert. Die Berichterstatterin führt das auf die bekannten politischen und wirtschaftlichen Hemmnisse zurück, die gerade für die Frauen bestehen. Vom Sekretariat wurden 242 Versamm- lungen mit Referentinnen versorgt, in denen die Genossinnen Ihrer(1 Versammlung), Thiede(3), Hanna(4), Schaub(5), Steinbach(8), Hoppe!(14), Tietz(32), Altmann(36), Heide- mann(40) und Kadeit(99) sprachen. In einer solchen Ver- sammlung waren über 100 Neuaufnahmen von Mitgliedern zu verzeichnen, in einigen anderen zusammen über 900. Textilarbeiter, Metallarbeiter, Handschuhmacher, Porzellan- arbeiter und Hutmacher hatten hier den größten Anteil. Das Sekretariat ließ sich die Schulung jüngerer agitatorischer Kräfte angelegen sein, indem es Sitzungen abhielt, in denen diese über den Aufbau der Referate usw. belehrt wurden. Einige der also Ausgebildeten sollen Vorzügliches in der Agitation geleistet haben. Es heißt daher in dem Bericht sehr zutreffend: „Hieraus dürften die Organisationen erkennen, wie wert- voll es ist, aus ihrer eigenen Mitte weibliche Kräfte zur Agitation und Organisation heranzuziehen, solche als Ver- bandsbeamte, Bezirks- und Gruppenvertrauenspersonen, Vorstandsmitglieder usw. zu wählen und dort, wo Be- gabung und Energie vorhanden, aber noch einige Schulung fehlt, diese den betreffenden Kolleginnen angedeihen zu lassen durch die von der Generalkommission geschaffenen Unterrichts- kurse, zu deren jedem mindestens einige in den Gewerkschaften tätige Arbeiterinnen von ihren Verbänden entsendet werden sollten." Zwei der größten Ausstände, die im Vordergrund des gewerkschaftlichen Lebens standen, sind beigelegt worden. Die Generalaussperrung der Schneider ist durch Verständi- gung der Vorstände der Unternehmer und der Arbeiter be- endet. Die Vereinbarung neuer Lohn- und Arbeitstarife erfolgt von Ort zu Ort. Auch die Aussperrung der Ham- burger Hafenarbeiter ist durch einen Vergleich beendet. Er bedeutet für die Schauerleute einen ehrenvollen Ab- schluß des langen und erbitterten Kämpfes, in dem sie vor allem durch den schimpfliche Verrat der Arbeiterinteressen durch englische Streikbrecher um den wohlverdienten Sieg gebracht worden ist. Dagegen geht der Kampf in der Holz- Industrie weiter. D,e ausgesperrten Arbeiter denken nicht an Nachgeben, ihr Kampfesmut ist ungebrochen. Im Ver- ttner Baugewerbe hat das angerufene Einigungsamt des Gewerbegerichtes einen Schiedsspruch dahingehend gefällt. daß den Arbeitern eine Stundenlohnerhöhung, aber nicht der Achtstundentag zu gewähren sei. Ein bedeutender Kampf steht höchst wahrscheinlich wieder dem Textilarbeiterverband bevor. Und zwar im Eulengebirge, einer Hochburg des Textilelends. Dort ist dw Arbeiterschaft der beiden Färbereien� von Suckert und Liebe„begehrlich" genug gewesen, ganze 15 Pf. mehr an Lohn pro Tag zu fordern. Auf Veranlassung des Verbandes schlesischer Textilindustrieller, wie es heißt, lehnten die Herren die Forderung glatt ab. Im Liebeschen Betrieb wurde außerdem drei Arbeitern gekündigt, alias sie wurden gemäß- regelt. Daraufhin reichte die Arbeiterschaft der Färberei einmütig die Kündigung ein. Die organisierten Unternehmer beantworteten diese Tat brüderlicher Solidarität mit der Drohung, alle organisierten Textilarbeiter und Textilarbeite- rinnen des Bezirkes Reichenbach i. Schl. auszusperren. Auf Veranlassung des Textilarbeiterverbandes hat sich der Ge- werberat Föpert von Reichenbach um eine Verständigung bemüht. Jedoch vergeblich. Die Unternehmer fordern be- dingungslose Rücknahme der Kündigung seitens der Arbeiter, das heißt blinde Unterwerfung. Die Arbeiter lehnen diese herrische Zumutung ab. In Riesenversammlungen hat sich die Textilarbeiterschast des Bezirkes mit den Färberei- arbeitern solidarisch erklärt. Sie macht unter anderem geltend, daß sogar nach offiziellen Statistiken der Lohn in der Reichenbacher Textilindustrie um 1 Mk. wöchentlich niedriger sei als in anderen Gegenden. Sollte das protzige Unternehmertum seine Drohung wahr machen, so wird die „Gleichheit" eingehend auf diesen Kampf zurückkommen. Laut Jahresabrechnung des Metallarbeiterverbandes stieg dessen Mitgliederzahl um 75383, von 259692 im Jahre 1905 auf 335075 im Jahre 1906. Darunter befinden sich 14 972 weibliche Mitglieder, die um 4737 zugenommen haben. Das Vermögen des Verbandes beträgt 2'/- Millionen. Diese Zahlen sind gute Vorboten für das laufende Jahr, über dem allerdings die ersten drohenden Wolken eines wirt- schaftlichen Niedergangs aufzusteigen scheinen. Um so mehr Grund für die Arbeiter und Arbeiterinnen, durch den Ein- tritt in ihre Gewerkschaften, auf die sie vertrauen können, sich gegen die traurigen Wechselsälle schlechten Geschäfts- ganges zu schützen.# Ein Sieg der Wiener Schneiderinnen. Durch einen Lohnkampf, der nach kaum zweiwöchiger Dauer mit einem Sieg der Arbeiterschaft endigte, haben die Wiener Damenschneider und-schneiderinnen ihre Lage sehr erheblich verbessert. Wichtiger noch als die allgemeine Lohn- erhöhung, die erreicht wurde, erscheint es uns, daß es ge- lungen ist, mit den ganz verlotterten Zuständen aufzuräumen, die in der Damenschneiderei und ganz besonders in den Arbeitsverhältnissen der in dieser Branche beschäftigten Frauen bisher geherrscht haben, und die Unternehmer zur Schließung eines Vertrags mit der Arbeiterorganisation zu zwingen. Wien ist die klassische Stadt der niedrigen Löhne und hohen Lebensmittel- und Wohnungspreise. Selbst eine so außerordentlich hochqualifizierte Arbeit wie die der männ- lichen Arbeitskräfte in der Wiener Damenschneiderei wird durchaus nicht in entsprechender Weise entlohnt. Als ge- radezu schändlich aber müssen die Löhne bezeichnet werden, die selbst die allerersten Firmen, Hoflieferanten und Liefe- rantcn des allerhöchsten Geburts- und Geldadels bisher einem großen Teil ihrer Arbeiterinnen zu bezahlen wagten. Eine Krone und zwanzig oder eine Krone und vierzig Heller (— 1,02 Mk. bezw. 1,19 Mk.) Tagelohn zahlte nicht selten ein Atelier, das für viele der von ihm gelieferten.Toiletten eine Summe fordert, von der manche Arbeiterfamilie ein Jahr hindurch leben muß. Bedenkt man aber, daß es sich hier um Saisonarbeit handelt, die nach wahnsinniger Hetzerei durch mehrere Monate des Jahres ganz aussetzt, so erscheint der elende Lohn noch elender. Daß die niederen Frauen- löhne dahin führten, auch die Männerlöhne in der Damen- schneideret herabzudrücken und Männerarbeit immer mehr zu verdrängen, ist selbstverständlich. Wird doch sogar das berühmte„Wiener Schneiderkleid" schon vielfach durch Frauenhände hergestellt. Immer wieder hat die Gewerk- schaft der Schneider es versucht, die Arbeiterinnen in die Fachorganisation zu ziehen, aber bis vor etiva einem Jahre haben solche Versuche keinen erheblichen Erfolg gehabt. Rekrutieren sich doch die Arbeiterinnen der Schneiderbranche vorwiegend aus kleinbürgerlichen Kreisen, in welchen der Erwerb der Frau und Tochter zumeist noch als ein bloßer Zuschuß oder ein Durchgangsstadium betrachtet wird, und in denen man seine wankende soziale Stellung am besten dadurch zu behaupten meint, daß man jede Gemeinschaft mit der Masse des Handwerks- und Jndustrieproletariats zu leugnen sucht. Vor etwa einem Jahre endlich ist es der Gewerkschaft der Damenschneider trotz alledem gelungen, eine kleine Kern- truppe von Schneiderinnen zusammenzubringen, die was ihr an Zahl noch fehlte durch Arbeitseifer und Kampfesfreudig- keit wettzumachen suchte. Sie war es, die zum Kampfe an- feuerte, und der es nun auch wirklich gelungen ist, die große Masse ihrer Wiener Kolleginnen und Kollegen mit fortzu- reißen. Die Bewegung nahm alsbald jenes Gepräge an, das man schon lange als charakteristisch für die Kämpfe der österreichischen Arbeiterschaft kennt: aus den Streiklokalen erstreckte sie sich auf die Straße. Junge Mädchen, die es sicher bei früheren Arbeiterdemonstrationen vermieden haben, sich auf der Straße zu zeigen, zogen nun in hellen Scharen über die Ringstraße. Das ungewöhnliche Bild des nach Tausenden zählenden Aufmarsches junger Mädchen und Frauen erregte großes Aufsehen und wurde vom Publikum sehr sympathisch begrüßt. Den Unternehmern kam der Mut und die Ausdauer der Arbeiterinnen offenbar ganz unerwartet. Sie hatten darauf gezählt, den Streik nach wenigen Tagen zusammenbrechen zu sehen. Je mehr aber die Solidarität der Arbeiter und Arbeiterinnen sich bewährte, um so mehr versagte die der Arbeitgeber. Der Zeitpunkt des Ausstandes war von der Arbeiterschaft sehr geschickt gewählt worden. In täglich wachsender Zahl meldeten sich beim Streillomitee Geschäfts- inhaber, die bereit waren, die Forderungen der Arbeiterschaft zu erfüllen. Unter diesem Drucke wich die Unternehmer- organisation von ihrem ursprünglichen Standpunkt des starren Versagens zurück und trat in Verhandlungen mit der Arbeiterorganisation ein, die zur allgemeinen Wiederaufnahme der Arbeit durch 6000 Gehilfinnen und 1000 Gehilfen führte, nachdem 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen schon früher bei jenen Geschäftsinhabern wieder eingetreten waren, die sich vor Abschluß des Gesamtvertrages zur Bewilligung der Forderungen bereit erklärt hatten. Der Vertrag, der an» 27. März für die Dauer von vier Jahren zwischen den Unternehmern und Arbeiterinnen ab- geschlossen wurde, setzt Minimallöhne für die ausgelernten Arbeiterinnen wie für die Gehilfinnen fest. Alle Arbeiterinnen beziehungsweise Gehilfinnen, die bisher den nun festgesetzten Minimallohn oder mehr bezogen haben, erhalten eine 15 pro- zentige Lohnerhöhung. Nach neunstündiger Arbeitszeit be- ginnen die Überstunden, die um 90 Prozent höher bezahlt werden müssen als die normalen Arbeitsstunden. An Feier- tagen wird von 8 bis 2 Uhr mit einer viertelstündigen Paus« gearbeitet und der ganze Tag bezahlt. Der 1. Mai ist frei, ivird aber nicht bezahlt. Streitigkeiten aus dem Lohn- und Arbeitsverhältnis werden durch eine einzusetzende paritätische Kommission geschlichtet. Wegen der Lohnbewegung darf niemand entlassen werden. Wenn dieser Arbeitsvertrag auch noch sehr viel zu wünschen und zu erkämpfen übrig läßt(wir vermissen insbesondere eine energische Beschränkung der Überstunden), so ist er doch ganz respektabel als erste Errungenschaft einer jungen Organisation und läßt uns hoffen, daß unsere Genossinnen der Schneiderbranche, die sich in diesem Kampfe so mutig gezeigt haben, auch verstehen werden, ihre Organisation auszubauen, um das Errungene nicht nur festhalten, sondern bald vermehren zu können. Therese Schlesinger-Wien. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Eine sehr gut besuchte Versammlung der Frank- furter Dienstbotenorganisation am 7. April, in der die Beratung des Stadthagenschen Arbeitsvertrags vorgenommen wurde, nahm einen glänzenden und würdigen Verlauf. Ge- nossin Rudolph griff kurz auf den Vortrag des Genossen Gräf in der letzten Versammlung zurück, welcher die Gründe für die Schaffung eines freien Vertrags dargelegt hatte, und appellierte nochmals an das Ehrgefühl und die Selbst- achtung der Mitglieder. Sie betonte, daß die Zeit zur Durchführung eines Vertrags für Frankfurt niemals günstiger gewesen sei wie jetzt, da die Dienstbotennot groß und die Nachfrage nicht annähernd zu befriedigen sei. Seitdem die Absicht des Vereins, die Gesindeordnung durch einen freien Arbeitsvertrag auszuschalten, in die Öffentlichkeit gedrungen wäre, seien wiederholt Damen aus dem Bureau der Organi- sation gewesen, die sich den Vertrag vorlegen ließen und sich bereit erklärten, ihn zu akzeptieren, wenn sie ein zuverlässiges, ordentliches Mädchen bekämen; es läge nun an den Mit- gliedern, diese Situation auszunutzen und für die Durch- führung der so wichtigen Forderungen vereint und geschlossen zu kämpfen. Genossin Rudolph nahm sodann einen Absatz nach dem anderen vor, erläuterte ihn und forderte die Kol- leginnen auf, ihre Meinungen und Wünsche darüber zu äußern. Eine große Anzahl Mädchen beteiligte sich an der Diskussion und sprach sich für den Vertrag aus. Jubelnde Zu- stimmung fand der zweite Abschnitt desselben, der jede Woche einen fteien Nachmittag und Sonntagsruhe von 2 bis 10 Uhr für Mädchen unter 18 Jahren, für ältere von 3 Uhr an unter Gewährung des Hausschlüssels fordert. In Frankfurt kommen die Mädchen meist erst zwischen 4 und 6 Uhr fort und müssen bereits um 8 Uhr wieder zu Hause sein, so daß von einer genügenden Ausspannung und Erholung nicht die Rede sein kann. Abgelehnt wurde die Aufnahme des vierten Absatzes, welcher die Hausangestellte berechtigt, den Dienst jederzeit ohne Grund gegen Zahlung von 3 Mk. zu ver- lassen, da hierauf keine Herrschaft eingehen würde. Den vier Gründen, welche die Hausangestellte berechtigen, den Dienst sofort zu verlassen, wurde noch angefügt: wenn der Hausangestellten zugemutet wird, mit an- steckenden Krankheiten behaftete Familien- Mitglieder zu pflegen. Nach der Beratung der Gründe, welche den Herrschaften das Recht zur sofortigen Entlassung des Mädchens geben, wurde beschlossen, unter Nr. 4 da- zwischenzusetzen: wenn es Tätlichkeiten oder grober Be- leidigungen gegen die Herrschast oder deren erwachsene Familienmitglieder sich schuldig macht. In warmen Worten wurde von verschiedenen Seiten der Nutzen der Organi- sation gepriesen und zu solidarischem Zusammengehen aufge- fordert, da ohne dasselbe nichts erreicht werden kann. Das große Interesse und der Eifer, mit dem sich unsere Mitglieder der Sache annahmen, läßt erwarten, daß die Frankfurter Organisation alles daran setzen wird, um dem Ver- trag Geltung zu verschaffen. Nach einigen Schlußworten teilte die Vorsitzende mit, daß der Verttag, init den ge- wünschten Abänderungen versehen, gedruckt sämtlichen Mit- gliedern bis zur nächsten Versammlung zugestellt werden würde. Die an Stelle der nach Berlin übergesiedelten Ge- nossin Mirus vom Vorstand als zweite Vorsitzende und Sekretärin bestimmte Kollegin Prag er wurde von der Ver- sammlung bestätigt. In sehr gehobener, angeregter Stimmung verbrachten die Mädchen noch einige gemülliche Stunden, öl. kl. Zur Beachtung! Des besonderen Charakters dieser Nummer wegen mußte der Teil„Aus der Bewegung" zurückgestellt werden, ebenso verschiedene Notizen zur Dienstbotenfrage. 00 80 Aus fauft. Zweiter Teil. Don Wolfgang Goethe. Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig, Ather'sche Dämmrung milde zu begrüßen; Du Erde warst auch diese Nacht beständig, Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen, Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben, Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen, 3um höchsten Dasein immerfort zu streben. Jn Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen, Der Wald ertönt von tausendstimm'gem Leben, Talaus Talein ist Rebelstreif ergossen; Doch fenkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen, Und Zweig und Äste, frisch erquickt, entsprossen Dem duft'gen Abgrund, wo versenkt sie schliefen; Auch farb' an farbe klärt sich los vom Grunde, Wo Blum' und Blatt von Zitterperle triefen, Ein Paradies wird um mich her die Runde. doyp · Hinaufgeschaut! Der Berge Gipfelriesen Verkünden schon die feierlichste Stunde; Sie dürfen früh des er'gen Lichts genießen, Das später sich zu uns hernieder wendet. Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet, Und stufenweis herab ist es gelungen; Sie tritt hervor! und, leider schon geblendet, Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen. So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen din Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen, Erfüllungspforten findet flügeloffen; Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen, Des Lebens Fackel wollten wir entzünden, Ein feuermeer umschlingt uns, welch ein feuer! Jst's Lieb? Jst's Haß? die glühend uns umwinden, Mit Schmerz und freuden wechselnd ungeheuer, So daß wir wieder nach der Erde blicken, 3u bergen uns in jugendlichstem Schleier. So bleibe denn die Sonne mir im Rücken! Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend, Jhn schau' ich an mit wachsendem Entzücken. Don Sturz zu Stürzen wälzt er jetzt in tausend Dann aber tausend Strömen sich ergießend, sid do Hoch in die Lafte Schaum an Schäume faufend. bar Allein wie herrlich diesem Sturm ersprießend, wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer, Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend, Umher verbreitend duftig kühle Schauer. Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. Jhm finne nach, und du begreifft genauer: Am farb'gen Abglanz haben wir das Leben. 2 sid hymnus.* Don Franz Diederich. Erde, nun werde d Freudegrün! Photo Die Hände zucken, Die Schläfen glühn! rada über die Erde Amboßentsprungen, e Hämmerumklungen of 196 Die Gleichheit Zerblies die feuer, Zerriß die Flammen, Sprengte über die heilige Glut 3u tausend Malen Des Verderbens zischende flut,... Hat die Gluten er ausgelöscht? Rein! Siehe, es dampfen die Schalen Stolz auf hohen Altären! Siehe, schon schlagen, Sinnbild der Tatkraft in wachsendem Wagen, Höher und höher die Flammenähren! Roter, lodernder Feuerschein Strahlt in des Himmels Wölbung hinein, Volk, du bist groß! Du bist die Sehnsucht der neuen Zeit, Sehnsucht emporter Gerechtigkeit: Packe der Hämmer Schaft! Schwinge die Hämmer der Kraft! Das Eisen glüht Jn heiliger Glut, Wer es bewältigen kann, Das bist du! Neben dir keiner, nur du! 8 So schlag dröhnend es an! Schlag bezwingend zu! Dir in den Händen ruht, Dir aus den Händen erblüht, Was retten kann! Lichtempor Trägst du die Furchenstirn, Denkend bereitet dein Hirn is# 13 Glücklichste Zukunft vor. Nicht zum Murmelgebet, Dumpfer Entfagung voll, Neigst du dein Haupt! Dir vor dem Geist erwachsen steht, Hoch im lichtblau- schimmernden Raum, Deiner Pflege geweiht Der Zukunft Baum, Dicht überlaubt, Blütenbereit, und ist kein Traum! Deines Schicksals drückendes Joch, Schicksal der Welt, Nimmt von des frondiensts Schultern dir chil Kein Gott! Auf dich selber bist du gestellt, Auf dich allein! Werde dir selber nicht zum Spott! Eigenen Schwertschlags Ringend, bezwing Das Dräun der Gewalt, ' Das dich entfriedet! Eigenen Schwertschlags Sprenge den Ring, Der an den Felsen der Not dich geschmiedet! Werde frei! sal Das ist die Losung, dir gestellt. Pod of Strömt gewaltiges funkensprühn! 914 Ich sah die Herzen Der Not verzagen Und dennoch wieder Schon verglimmende Kerzen 1:30 Lodernd empor 2890 mojim Flammen leuchtender Hoffnung schlagen... Jah sah die Arme der Not, Bist du frei, Siehe, so ist es die Welt! Du bist berufen und auserwählt! Du sollst werden der Heiland- Gott, 3um Opfergang, dard3um Todesgang Ringend im Wirbel hungrig niederreißender Flut Gierig schäumender Wogenmeute, Mutgebrochen sinken schon, Endlos wälzender Qualenrout Verzweifelnde Beute,... Und doch griffen sie wieder empor! Sieghaft blitzend durch dunkelsten flor, Neuer Sterne verheißendes Blinken, plus Riß sie wieder empor! Sie stemmen den Nacken, fie recken den Arm wider des Elends drückende Faust. Troßgebärend verjüngtes Mark, Willensstark Ringen sie weiter wogenumgraust.. du Volk, das Paläste baut Und in dunstigen Höhlen haust, Du, trotz Retten ein kämpfendes Volk, Ja, du bist groß, Bist ein Koloß an Kraft, Schöpferhaft, Für die Menschheit gestählt! Werden sollst du der Gott Seligster Zukunftszeit, Dem, von blutigen Qualen kafteit, Gläubig Millionen vertraun, Den voll brennender Jnbrunst heiß Jhre sehnenden Sinne rufen, Dem mit schimmerndem Palmengrün Sie des Weges Dornengeleis Herrlich bestreun, das Heiligste gebend! Jn Erlösungsschauern erbebend, Werden sie auf dich schaun, Freudezitternd die Hände hebend! Jauchzend den Hosiannagruß, Werden sie Mantel dir küssen und Fuß, Schreitest du endlich hinan die Stufen, floxy Neu den Tempel der Menschheit zu baun, Riesengroß 20 Jn erschütterndem Lost Sturmwind umheulte Die Opferschalen, * Aus„ Die Hämmer dröhnen", Werbestimmen. Dresden, Verlag und Druck bei Kaden& Co. AEM Kampfgefestet und schaffenskühn Großes aufzusonnen zum Blühn, Größer, als die Größten es schufen! Volk, das am Amboß steht der Zeit, Armnackt, schlagbereit, Wissendes Volk, das sich selbst befreit: Leuchtend von deines Wirkens Stätten Dringt ein wuchtig zuckender Schein Bliggroß- mächtig In die Höhlen der mitternächtigWolkendüsteren Not hinein! Augen spannen sich weit, Tausende fahren empor.. Jst schon Wachenszeit? Sprang des Kerkers Tor?... Erde, ja, werde Freudegrün! dod Die Hände zucken, Die Schläfen glühn! Über die Erde Amboßentsprungen, Hämmerumklungen Strömt gewaltiges funkensprühn! Der Schönheitfucher.* Don Otto Krille. Nr. 9 Als Kind schon suchte ich der Schönheit Spur, Gläubiger Sehnsucht meine Seele weihend, Und im Gebet ist ihr mein Herz genaht. Wie klang aus Tempeltiefen da ihr Ruf, 3u heil'gen Schauern meine Kindheit weckend, Die frierend auf den Marmorstufen stand. Aus dumpfer Enge flohen meine Träume Hinaus aufs meer des uferlosen Hoffens. Da faßte mich die Welt mit Herrenhänden und hinter mir verfank in blauer ferne Ein Götterreich, mit weißen Säulen grüßend Noch durch die Nacht trostloser Erdenqual. Jch ging gesenkten Haupts in Reih und Glied, Sah hier Gefährten stürzen, sterben, schwinden, Jn namenlosem Weh sich dort verzehren Und da vertiert im Staub zufrieden sein. Mit leisen Geistes fingern pochte ich An halbverschüttet' rauhe Herzenstore, Mit stillem Sehnen, daß mir hinter ihnen Ein Land der Schönheit strahlend sich erschließe Mit blauen Blumen, schlanken Götterleibern Und warmer Luft um griechisch heitren Himmel. Wohl sah ich manche Zeichen, manche Stege Jn grüner Wildnis Gärten, die noch zeugten, Daß segnend drin die Schönheit war geschritten, Und aus der Tiefe kam es wie ein Leuchten Versunkner Herrlichkeit, des Spatens harrend, Der sie empor zum frohen Leben hebt, Doch weinend stahl von der Verwüstung Gram Mein Herz sich fort zu eigner Luftentfaltung. Da wurde Stein um Stein zum Bau getürmt. Jn edler Größe strebte Säul' an Säule. Natur und Kunst versöhnten sich im Kusse Ewiger Liebe, fruchtbar stolzen Schaffens. Wenn aus der Arbeit Banden ich entflohn, Der Tag sein Tor gleichgültig zugeschlagen, Dann wusch ich ab der füße Wanderstaub, Der nagend von des Leibes Jugend zehrt, Und trat in mein verstecktes Träumerreich. Jn klarer Welle grottenneckisch Spielen Ward Reinheit mir und köstlich reiche Schöne. Des Flusses Kraft durchbrach mein starker Arm. Durch weite bildgeschmückte Hallen tönte Das Echo meiner Lieder, freuderufend, Und Echo gab mir selbst der große Pan. Doch als ich nun aus meines Gartens Frieden Jns Leben schaute, das noch um die Mauern Sich regte gleich des Meeres stilster Brandung, Da ward mir, ach, so seelenheimlich weh, So unerklärlich schmerzlich weich im Sinn; Wie Herzen weinen in der Sommerstille, Wenn weder Sturm noch Regen sie bedroht, Als ob verfunkne Glocken plötzlich klingen, Daß sich das Auge rasch mit Tränen fält. Mir war's, als müßten aus dem Lebensreigen Sich freundliche Gestalten grüßend lösen Und feierstill an meine Pforte klopfen, In meinen Reichtum ihre Armut tragen. Ich aber stand und schaute seelentief Sum Jn ihre Augen. Mit verhaltner Glut Sprach ich: Da, Brüder, Schwestern, nehmt Best! Nehmt, was ihr seht! Nehmt alle früchte, nehmt Die Rosen und die Statuen. Was noch Jn meinem Reich ersteht, nehmt! Alle Freude, Die sich von euren Lippen ringt, ist mein. Jn eurem Jubel werd' ich immer reicher." Da bannt' ich länger meine Liebe nicht Und ging, die Pforten erdenweit zu öffnen, Und wie ein Strom lenzwarmer Sonnenfäue Umbraufte mich des Lebens Melodie. Nun ist die Welt auch meiner Schönheit Garten. Nicht Götterbilder mehr, nein, Menschenleiber Erfreuen meiner Augen trunknes Sehnen. Der Erde Glanz faut die kristalnen Becher, Woraus die Seele Lebensruhe trinkt. Aus meinem Herzen schlingt ein golones Band Sich in die Welt und wiederum zurück Zu den geheimsten Quellen meines Seins Und Wollens. Purpurn fließt die ew'ge Welle Der Erdenluft durch mein erweitert Leben. Was mich erfüllt mit monnig edler 3ler, Geb' ich der Erde, mit erhobnen Händen Den vollsten Segen ihres Glücks empfangend. So leb' ich ihr, so trägt sie mich dem Ziel Des Lebens zu, und selbst im Schmerz noch beug' Jch meine Knie vor dieser Erde Schönheit. " * ,, Aus Welt und Einsamkeit", Gedichte. Verlag von Johann Saffenbach. Berlin 1906. Berantwortlich für die Sebaftion: Fr. Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe Poft Degerloch bei Stuttgart. Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.