Nr. 10 17. Jahrgang Zeitschrist für die Interessen der Arbeiterinnen tsrnrnsrnsrns Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Kausfrauen und Für unsere Kinder. Dk.«tetchhdt-«scheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer l» Pfennig, durch die Post vterreljährlich ohne Bestellgeld S5 Pfennig; unter Kreuzband 8b Pfennig. JahreS-Abvnnement 2,60 Wart. Stuttgart den 13. Mai 1907 Zuschriften an die Redaktion der.Gleichheit' stnd zu richten an Frau Klara Zettln, Wtlhelmshöhe, Post Degerloch dei Stuttgart. Dt« Expedition befindet fich in Stuttgart, Flirlbach-Straß« 12. Jnhalts-Berzeichnis. Die Frauenbewegung ein politischer Faktor. Bon m. I.— Umsturz und Revolution. III. Bon J. B.— Aus dem Eulcngebirge. Bon Franz Feldmann.— Robert Schwcichel. Bon Marie Kunert.— Die Schwarzen auf dem Arbciterinnenfang in Coblenz. Bon X. V. z. Aus der Bewegung: Aufruf d«S Parteivorstandes, die Parteischule betreffend.— Die Beteiligung der Genossinnen an dem inter natioualm Eozialistenkongreß zu Stuttgart.— Bon der Agitation. — Bon den Organisationen.— Politische Rundschau. Bon Ii. B. — Gewerkschaftliche Rundschau.— Genossenschaftliche Rundschau. Bon H. Fl. Notizenteil: Dienstbotenfrage.— Frauenstimmrecht.— Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.— Fürsorge für Mutter und Kind. — Frauenbewegung.— Quittung.— Druckfehlerberichtigung. Feuilleton: Aus dem Empedokles von F. Hölderlin.(Gedicht.)— Rote Ostern. Historisches Gemälde auS dem Bauernkrieg. Bon Robert Schweichel. Die Frauenbewegung ein Politischer Faktor. Ein besonderes Merkmal des letzten Reichstagswahl- kampfes ist die starke Beteiligung der Frauen an ihm. überall im Reiche haben die Proletarierinnen im Wahl- kämpf begeisterte Hingabe für die Ziele und Ausgaben der Sozialdemokratie bekundet. Das ist im Hinblick auf die Zukunft der sozialistischen Bewegung, auf das Vorwärtsschreiten des Proletariats eine erfreuliche Er- scheinung. Aber die Kraft, welche in dem Streben der Frauen nach aktiver Teilnahme am öffentlichen Leben steckt, kann auch dem proletarischen Emanzipationskampf entgegenwirken und �n hemmen, wenn wir die Frauen der breiten Massen nicht in sozialistischem Sinne erziehen. Die Entwicklung der Frauenbewegung hat für die künftige Gestaltung der politischen Verhältnisse die aller- größte Bedeutung. Daher ist es ein Akt politischer Klugheit, daß die klassenbewußten Männer die sozialistische Frauenbewegung fördern und sich mit aller Energie die sozialistische Schulung der Proletarierinnen angelegen sein lassen. In dieser Beziehung wird aber noch manches gesündigt. Wohl hat das Proletariat als Klasse, soweit es zielbewußt kämpft, das alte Vorurteil betreffs der Wertung und Stellung der Frau überwunden und tritt entschieden für die volle Gleichwertung und Gleichberechti- gung der Geschlechter ein, aber dem einzelnen Proletarier mangelt es oft noch an historischem Verständnis und an Gerechtigkeitssinn; er kann sich nicht immer zu der Er- kenntnis aufschwingen, daß die Frau eine gleichberechtigte und gleichgerüstete Mitkämpferin in den politischen Schlachten sein muß. Weil der Mann gegenwärtig allein das Wahlrecht besitzt, so glauben viele, der Mann könne nun auch allein den politischen Kampf führen. Sie sind dabei von dem Bewußtsein durchdrungen, daß sie die Interessen der proletarischen Frau gerade so gut vertreten wie die eigenen, weil sie Proletarierinteressen, Volks- intereffen wahrnehmen. Aber ihre Schlußfolgerungen treffen nicht zu, so unzweifelhaft richtig es auch ist, daß die Gemeinsamkeit der Interessen zwischen Proletariern und Proletarierinnen weit größer und fester ist, als die Gemeinsamkeit der Interessen zwischen den proletarischen und den bürgerlichen Frauen. Im Grunde steckt der Proletarier, der von der politischen Betätigung der Frau nichts wissen will und die proletarische Frauenbewegung für überflüssig, wenn nicht gar für schädlich hält, noch tief in der bürgerlichen Empfindungs- und Gedanken- weit. Mancher klassenbewußte Arbeiter, mancher Ge- nosse verstößt noch gegen das Gebot der Einsicht, die proletarische Frauenbewegung energisch zu unterstützen. Im allgemeinen allerdings nur durch passives Verhalten ihr gegenüber. Aber auch das ist schädigend genug und heischt dringend Wandel. Aus Klugheitsrücksichten soll der Proletarier, der Sozialdemokrat, die proletarische Frauenbewegung unter- stützen. Heute ist die Frau politisch ja noch rechtlos, flber sie wird es nicht bleiben. Es ist undenkbar, daß ihr das Wahlrecht dauernd vorenthalten werden kann. Sobald die Frauen aber das Wahlrecht haben, wird es als eine Waffe im politischen Kampf wirken. Für oder gegen uns! Wir müssen daher schon jetzt beginnen, die Frau im Gebrauch jener Waffe planmäßig zu unter- richten, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollen, daß die Schneide sich zunächst gegen das eigene Fleisch richtet. Daß das nicht ausgeschlossen ist, lehrt ein Blick auf die Parteiverhältnisse. Seit 40 Jahren führen wir den politischen Kampf. Bei der letzten Wahl wurden von rund 12'/, Millionen Wahlberechtigten 9'/, Millionen Stimmen abgegeben, davon 3'/. Millionen für die Sozial- demokratie. Unter den Wählern, die für die Gegner gestimmt haben, befinden sich mindestens noch 3'/, bis 4 Millionen Proletarier. Es steht uns also, trotz des langen politisch-parlamentarischen Kampfes, noch ein Heer von Indifferenten und bewußten Gegnern gegenüber. Und bei vielen resultiert die Gegnerschaft aus einer Welt- anschauung, deren Grundlage die Trugbalken religiöser Dogmen oder ideologischer Geschichtsklitterung sind. Das sind Kräfte, die heute noch Millionen Arbeiter in die Gefolgschaft bürgerlicher Parteien zwingen. Es wäre politischer Leichtsinn für den Sozialisten, diese Tatsache nicht für sein Verhalten gegenüber der Frauenbewegung bestimmend sein zu lassen. Oder glaubt man etwa, die Frauen seien ihrer Natur nach weniger geneigt als der Mann, sich für die bürgerliche Gefolgschaft einfangen und in ihr festhalten zu lasten? Das Gegenteil ist der Fall. Mehr noch als der Mann ist im allgemeinen die Frau, heute noch infolge verschiedener Umstände, für die ideologische und religiöse Beeinfluffung empfänglich. Und damit wächst die Gefahr, daß die sich im politischen Leben betätigende Frau zunächst ein Hemmnis für die Arbeiterbewegung werde. Die in einzelnen Ländern beob- achtete Zurückhaltung unserer Genossen, in bezug auf Gewährung des Frauenwahlrechts, wurde bekanntlich mit diktiert von der Befürchtung, die Frau sei noch zu rück- ständig, um die Waffe Wahlrecht zum Vorteil der Ar- beiterklasse zu benützen. Durch passives Verhalten wird die Rückständigkeit aber nicht besiegt, und daß auch fleißige Aufklärungsarbeit nur langsam vorwärts bringt, zeigt uns das gegnerische Verhalten noch vieler männlicher Proletarier. Auf der Seite unserer Feinde ist man eifrig bemüht, aus den rückständigen proletarischen Frauen be- wußte Gegnerinnen der Sozialdemokratie zu machen, sie in dieselben Fesseln zu schlagen, die Millionen Proletarier noch nicht abzuschütteln vermochten. Die bürgerliche Frauenbewegung, die wahrlich nicht den Zweck verfolgt, bei den Proletarierinnen das Klassengefühl zu wecken, gewinnt an Boden. Sie hat nicht, wie wir, mit polizeilichen Schikanen zu kämpfen. Im Gegenteil, manche Gruppen der bürgerlichen Frauenbewegung, und gerade die reaktiv- närsten, erfreuen sich hoher und höchster Protektion. Was aber wichtiger ist: die bürgerlichen Frauen haben reichlich Zeit und materielle Mittel, sich der Bewegung widmen zu können. Von den dazu befähigten Proletarierinnen können dagegen verhältnismäßig nur wenige neben ihrer Berufs- arbeit, neben der Erfüllung häuslicher Pflichten auch noch in ausgedehntem Maße agitatorisch und organisatorisch tätig sein. Die materiellen Mittel, welche von ihnen für die Zwecke der proletarischen Frauenbewegung aufgewendet zu werden vermögen, sind knapp. Sie kommen ja vom erbärmlichen Lohn der Arbeiterin, vom bescheidenen Ein- kommen der Arbeiterfamilie und haben den größten Opfermut zur Voraussetzung. Die äußeren Vorteile für eine günstige Entwicklung, welche die bürgerliche Frauenbewegung für sich hat, gilt es auf feiten der proletarischen Frauenbewegung durch erhöhte Anspannung der Kräfte, durch gesteigerte Arbeits- und Kampfesfreudigkeit wett zu machen. Und an ihrer Förderung müssen auch die klassenbewußten Männer des Proletariats tatkräftigen Anteil nehmen. Das gemein- same Interesse der ganzen Klasse verlangt, daß die bürger- liche Frauenbewegung unter den Massen keinen Boden, keinen Einfluß gewinnen darf. So sympathisch uns manche ihrer Forderungen sind, so nachdrücklich gerade wir dieselben verfechten, so unzweifelhaft ist die bürger- liche Frauenbewegung Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch dieser kapitalistischen Ordnung. Wohl will sie diese Ordnung verbessern, und das nicht bloß zugunsten der Frau, sondern auch zugunsten der Arbeiter, aber sie will sie nicht aufheben. Umgekehrt: durch die von ihr geforderten Reformen will sie die bürgerliche Gesellschaft stützen und erhalten. Die bürgerliche Frauenbewegung widersetzt sich daher der Klärung und Entwicklung des proletarischen Klassenbewußtseins bei den Frauen. Schon das bloße Wort proletarisches Klassenbewußtsein ist ihr ein Greuel und Scheuel. Und je mehr sie mit der Zeit von seilen der bürgerlichen Parteien und des bürgerlichen Staats Anerkennung finden, Konzessionen erhalten muß, in um so schrofferen Gegensatz wird sie sich zu dem Be- freiungskampf der Arbeiterklasse stellen. Wir müssen daher sicher damit rechnen, daß sie je länger je mehr im politischen Kampf ihren Einfluß für unsere Gegner in die Wagschale werfen wird, daß sie sich vor allem auch bemühen wird, proletarische Frauenmassen ins Schlepptau bürgerlicher Parteien zu nehmen. So kann zur gegebenen Zeit die Reaktion in der sich politisch betätigenden Frau eine Schutztruppe finden, welche eine Kräfteverschiebung zuungunsten der Sozialdemokratie herbeiführen würde, wenn wir unsererseits unterlassen, dafür zu sorgen, daß nicht ideologische und religiöse Scheuklappen der Wählerin den Ausblick verwehren. Wir dürfen die Proletarierinnen nicht von bürger- lichen Parteien und auch nicht von der bürgerlichen Frauenbewegung gesangen nehmen lassen. Das aber könnte geschehen, wenn wir nicht mit allen Kräften die proletarische Frauenbewegung fördern. Sie muß so stark, so ausreichend unterstützt werden, daß sie auch ohne die Hilfsmittel, die den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen zur Verfügung stehen, trotz der Bekämpfung durch Polizei, Unternehmertum und Unverstand in ausgiebigster Weise allen ihren Aufgaben genügen kann. Die proletarische Frauenbewegung unterstützen, heißt: in eminentem Sinne praktische Politik treiben. Das ist Realpolitik, die mit der „praktische Politik" sich nennenden Sisyphusarbeit nichts zu tun hat, die unter großen Mühen einige Steine zu einem Bau am Flußufer zusammenfügt, aber vollständig vergißt, das Ufer zu schützen vor Überschwemmung, den Damm so zu festigen, daß nicht eines Tages die Sturm- wogen hereinbrechen und in wenigen Augenblicken bis aus den Grund zerstören, was jahrelange Arbeit aus- richtete. Klugheit, das politische Gewissen, macht ebenso wie das Klasseninteresse des Proletariats und geschichtliche Einsicht eine weitgehende Förderung und Unterstützung der proletarischen Frauenbewegung jedem Genossen zur Parteipflicht. Von welcher Bedeutung die Erfüllung dieser Pflicht ist, hat der Wahlausfall in Finnland be- wiesen. Dort übten die Frauen zum erstenmal das Wahl- recht aus, und der glänzende Sieg der Sozialdemokratie ist in hervorragender Weise mit der großen Zahl von Frauenstimmen zu verdanken, die aus ihre Kandidaten fielen. Es ist aber in der Hauptsache das Verdienst der jahrelangen fleißigen Arbeit der sozialdemokratischen Frauenbewegung gewesen, daß die Frauen des Volkes sich überwiegend für die Sozialdemokratie entschieden. So hat sich in Finnland die Frauenbewegung als politischer Faktor bewährt. Lernen wir daraus! m. 1. Amsturz und Revolution. in. Unsere Schilderung des menschlichen Elends" ist außer- ordentlich unvollkommen. Sie greift nur hier und da einige Stichproben aus dem Arbeiterleben heraus. Trotzdem hat sie bereits solch grauenhafte Dinge enthüllt, daß schon hier- aus allein sich die Frage rechtfertigt: Sind solche Zustände der Erhaltung wert? Ist es wirklich ein Verbrechen, nach Änderung zu streben, oder muß nicht vielmehr jeder Mensch, dessen Herz auch nur eine Spur von Gerechtigkeit kennt, solchem Streben sich anschließen? Man sollte es kaum glauben, daß die größte Zahl unserer Gegner trotzdem und alledem am liebsten jede Forderung der Arbeiter mit brutaler Gewalt niederschlagen möchte. Durch Aufgebot von Polizei und Militär, durch arbeiter- feindliche Gesetze und deren noch feindlichere Auslegung möchten sie den Arbeitern jedes Aufwärtsstreben versalzen. * Siehe Nr. 7 der„Gleichheit" 82 Die Gleichheit Nr. 10 Und wenn sie auch oft freundliche Redensarten im Munde führen, so ist ihnen doch jeder unzufriedene Arbeiter im Grunde ihrer Seele verhaßt. Wenn aber die Arbeiter zu frieden sein sollen, so bedeutet das eben nichts anderes, als daß ihre jammervolle Lage gut genug für sie sei. Indessen gibt es in den bürgerlichen Klassen auch eine Anzahl wohlmeinender Politiker, die sich der Einsicht nicht verschließen, daß den Arbeitern geholfen werden muß. Sie kennen all den furchtbaren Jammer, den wir geschildert haben, und geben zu, daß Besserung nötig ist. Aber, meinen sie, wenn schon Besserung nötig ist, so doch nicht Um- stürz. Auch auf dem Boden der bestehenden Zustände könne die Lage der Arbeiter gebessert werden, ja es sei sogar nur auf diese Weise möglich. Gerade die Sozialdemokratie sei schuld daran, daß es mit der Besserung so langsam vor- wärts geht. Berechtigte Wünsche der Arbeiter würden vom Staate und den besitzenden Klassen schon erfüllt werden, wenn nicht die Sozialdemokratie durch übertriebene, maß- lose Forderungen sowie durch Klassenverhetzung, durch ihre auf den Umsturz aller Staats- und Wirtschaftsordnung ge- richtete Wühlarbeit die herrschenden Kreise erbitterte. Im Groll und der Hitze des ihnen ausgezwungenen Kampfes verweigerten die Besitzenden dann halsstarrig alles, auch was sie sonst ivohl selbst als berechtigt anerkennen würden. Nötig sei es deshalb, abzulassen von diesem verwüstenden Kampf, auf alle sozialdemokratischen Umsturzpläne zu verzichten, sich auf„berechtigte" Forderungen zur Besserstellung der Arbeiter zu beschränken und deren Erfüllung auf gütlichem Wege zu suchen, indem man an das Wohlwollen und den Gerechtig- keitssinn des Bürgertums appelliert. Abkehr von der Sozial- demokratie, Versöhnung der Klassen, gegenseitiges freund- williges Verständnis hüben wie drüben, mit einem Wort: Herstellung des sozialen Friedens sei die erste Vor- bedingung, die erfüllt werden müsse, um eine wirkliche Besser- stellung der Arbeiter zu erreichen. Die Leute, die so reden, sammeln sich meist um das Banner der„Gesellschaft für soziale Reform". Die bekanntesten unter ihnen sind der Freiherr von Berlepsch, Pastor Naumann, Professor Sombart und andere. Sie verlangen nun frelich die Herstellung des sozialen Friedens nicht nur von den Bedrückten, sondern auch von den Be- drückern. In jahrelanger Agitation haben sie sich an die besitzenden Klassen gewandt und deren„sozialpolitisches Ver- ständnis zu wecken" gesucht. Sie empfahlen ihre Methode als das beste Mittel zur Bekämpfung der Sozialdeinokratie. Die Massen— so argumentieren sie— wollen weiter nichts als eine Besserung ihrer Lage; nur weil der Staat ihnen die nicht von selbst gewährt, folgen sie der Fahne der Sozial- demokratie; sie sind erbittert; sie hoffen, durch das energische und rücksichtslose Auftreten der Sozialdemokratie wenigstens einiges ertrotzen zu können; aber die wettergehenden Be- strebungen der Sozialdemokratie, deren Endziel, der nebel- hafte Zukunftsstaat, all das sei den Massen vollkommen gleichgültig. Mithin könne der Staat nichts Klügeres tun, als die berechtigten Forderungen der Arbeiter zu erfüllen; das würde alsbald einen Massenabfall von der Sozialdemokratie zur Folge haben; diese würde sich zu einer kleinen Sekte herabgedrückt sehen, und es wäre ihr die Mög- lichkeit genommen, die Massen für die Umsturzpläne mit fortzureißen. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß dieser Gedanken- gang den einzigen Weg angibt, auf dem die Sozialdemo- kratie überhaupt vernünftigerweise bekämpft werden kann. Die Arbeiter werden sich hüten, mit schweren Opfern einen Kampf zu führen um Dinge, die ihnen von selbst in den Schoß fallen. Welch verlockende Aussicht für alle Stützen von Thron und Altar, für alle Minister und staatserhaltcnden Parteiführer! Man sollte meinen, sobald die Propheten von der„Sozialen Reform" ihr Evangelium bekannt gegeben, hätten sich alle staatserhaltenden Politiker, in amtlicher wie nichtamtlicher Stellung, mit Gier darauf stürzen und es zur Ausführung bringen müssen. Aber sonderbar! Nichts dergleichen geschah. Kühle Ab- Weisung war das einzige, was die Sozialreformer bei den besitzenden Klassen fanden. Sie wundern sich darüber bis auf den heutigen Tag und können sich's nur durch ein blindes Vorurteil der Besitzenden erklären. Der wahre Grund ist indes ein anderer. Erstens durchschauen die poli- tischen Vertreter der besitzenden Klassen die wirtschaftlichen Zusammenhänge besser als die Sozialreformer, und zweitens können sie den von diesen gewiesenen Weg gar nicht gehen, selbst wenn sie wollten. Das wird hoffentlich im weiteren Verlauf unserer Darlegungen noch klar werden. Müde ihres Mißerfolges bei den Besitzenden wenden sich nun die Sozialreformer neuerdings mehr und mehr den Arbeitern zu. Unter ihnen werben sie Anhänger, von ihnen aus suchen sie jetzt„die Brücke zu schlagen", welche die feindlichen Gesellschaftsklassen miteinander verbinden und den sozialen Frieden herstellen soll. Sie kommen damit etwas spät. Denn tatsächlich gibt es im Deutschen Reich weit über 100000 organisierte Arbeiter, welche grundsätzlich den Standpunkt der„Gesellschaft für soziale Reform" teilen. Es sind das alle die zahlreichen Mitglieder der Hirsch-Duncker- fchen, der katholischen und der evangelischen Arbeitervereine. Sie haben das Rezept vom sozialen Frieden bereits jähr- zehntelang praktisch probiert und beginnen gerade in neuester Zeit, es auch einmal mit dem Kampf zu versuchen; man denke nur an den riesigen westfälischen Bergarbeiter- streik. Sie müssen doch wohl aus dem friedlichen Wege keine allzu guten Erfahrungen gemacht haben, was zu dem Schluß berechtigt, daß ihnen die verspätete theoretische An- preisung dessen, was sie seit einem Menschenalter in der Praxis getan haben, jetzt nicht mehr allzusehr imponieren wird. Indessen liegt auf der Hand, daß dies den denkenden Arbeiter nicht von der Pflicht entbindet, den verlockenden Gedankengang der Sozialreformer ernstlich zu prüfen und je nach dem Ergebnis seiner Überlegung zu handeln. Wenn wirklich auf dem Wege gütlichen Zuredens das erreicht werden kann, was die Arbeiter brauchen, so wäre der ein Verbrecher, der noch weiterhin zu opferreichem Kampf auf- rufen wollte.(Schluß folgt.) Aus dem Eulengebirge. Wo man wirkt und spulet Tag und Nacht, Zwei Ellen Ware für einen Kreuzer macht, Baumwollkochtund stärkt, lnüpkt und schert dabei, Tort existiert die wahre Sklaverei. die Verhandlungen einen Er- folg gebracht. Außer einer Lohnzulage von 5 Pf. pro Stunde erhalten die Steinsetzer nach drei Jahren den 8'/, stündigen Arbeitstag.— Im Berliner Bäckergewerbe droht ein größerer Ausstand, der jedenfalls auch mit Boykottmaßnahmen verbunden werden würde. Die Einigungsbemühungen des Oberbürgermeisters zu Berlin haben die Jnnungsmeister nicht zum Nachgeben zu bringen vermocht. Die Kurbelsticker und-stickerinnen in Berlin haben den Unternehmern einen Tarif vorgelegt. Die Arbeiter verlangen 30 Pf. Stundenlohn, für Überstunden und bei Akkordarbeit 1 Mk. Für die Arbeiterinnen sind Stunden- löhne vorgesehen, und zwar für Rahmen st ickerinnen von 80 Pf., Pauserinnen von 50 Pf., Hilfsarbeite- rinnen von 30 bis 40 Pf., für Überstunden 20 Pf. Zu- schlag. Der Arbeitstag soll neunstündig sein. Die Unter- nehmer drohen mit der Aussperrung. Mancher Spießbürger wird sich über die„hohen" Forderungen gewaltig aufregen; er bedenkt nicht, daß die Kurbelstickerei körperlich sehr auf- reibend ist, außerdem aber auch Saisonarbeit, die nur 18 Wochen im Jahre dauert.— In Dresden streiken bei der Nähmaschinen- und Schreibmaschinen- fabrik Seidel& Naumann 1500 Metallarbeiter schon seit Wochen, um 10 Prozent Lohnerhöhung zu erringen. Die Firma, die besonders bei der Fabrikation von Schreib- Maschinen Riesenprostte einheimst, könnte die 10 Prozent Lohnerhöhung gut ertragen. Sie hat übrigens, wie wir aus sicherer Quelle wissen, so kolossal viel Aufträge, daß sie viele schon vor dem Streik nur mit wochenlanger Ver- spätung ausführen konnte. Der Kampf der Arbeiter er- scheint daher noch sehr aussichtsvoll, wenngleich sich Streik- brecher„nützlich" machen und die gut patriotische Firma neuerdings auch englische und galizische Arbeitswillige heran- geholt hat, welche die teuren deutschen„Volksgenossen" zum Kuschen zwingen sollen. Von den neulich abgehaltenen Generalversamm- lungen verschiedener Gewerkschaften ist als überall hervor- stechendes Moment eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung und eine starke Zunahme an männlichen wie auch an weiblichen Mitgliedern zu verzeichnen. Einer der jüngsten und kleinsten Verbände, der der Portefeuiller, konnte zum Beispiel konstatieren, daß in den großen Städten bis zu 90 Prozent der Berufsgenossen organisiert sind. Weibliche Mitglieder zählte der Verband 457. Ihnen soll künftig aus Verbands- Mitteln die„Gleichheit" obligatorisch geliefert werden. Der Verbandstag erklärte sich prinzipiell für einen Zusammen- schluß mit dem Sattlerverband. Die Unterstützungsein- richtungen der Organisation wurden verbessert, und zwar eben- falls zugunsten der Arbeiterinnen. An der Tagung nahmen auch Zwischenmeister teil, die nn Portefeuillerverband or- ganistert sind, eine in der Gewerkschaftsbewegung einzig oastehende Tatsache. Die Glasarbeiter klagten auf ihrem Verbandstag über große Fluktuation der Mitglieder, sie be- trug im letzten Jahre 6215; trotzdem ist die Zahl der Or- ganisierten im letzten Jahre von 7519 auf 15000 gestiegen. Die Betriebszustände in der Glasindustrie des Saargebiets wurden als himmelschreiend bezeichnet. Der Berbandswg beschloß unter anderem, die Fachzeitung in eigene Regie zu übernehmen. Gewünscht wurde eine größere Berücksichti- gung der Frauenbewegung durch den„Fachgenossen". Der Maurerverband zählte nahezu 200000 Mitglieder von etwa 320000 organisationsfähigen Mauren, in Deutsch- land. Der Verbandstag hieß einen Zusammenschluß mit den Stukkateuren gut, erachtete aber einen solchen mit den Bauhilfsarbeitern und etwa auch mit den Zimmerern für inopportun. Die Anträge auf Beitrags- erhöhung wurden mit dem Hinweis darauf abgelehnt, daß die Finanzlage des Verbandes keine höheren Beiträge ver- lange, wenn auch im nächsten Frühjahr einige hundert der 550 Tarifverträge ablaufen, welche der Verband abgeschloffen hat. Die Kupferschmiede lehnten auf ihrem Verbands- tag einen Antrag auf Anschluß an den Metallarbeiter- verband ab. Der Verband der Bauhilfsarbeiter ist eine 86 Die Gleichheit Nr. 10 mb. von den Gewerkschaften, welche die Zahl von 100000 Mit- zember 1906 von 638449 Mitgliedern der Konsumvereine schließt an vier Wochentagen um 18 Uhr abends mit drei gliedern demnächst erreichen werden. Sein Organ hat bereits die unseres Zentralverbandes, über die zur Berufsstatistik be- halbstündigen Pausen für Mahlzeiten und einer Ruhestunde Auflage von 90000 überschritten. Die Verhandlungen und richtet wurde, nur 481039 gegen Gehalt oder Lohn in ge- jeden Nachmittag. 2. An Donnerstagen hört die Arbeit um Beschlüsse der Generalversammlung galten in der Haupt- werblichen Betrieben beschäftigte Personen. Die Zahl der 2 Uhr nachmittags auf. 3. An Sonntagen endigt die Arbeit sache der inneren Ausgestaltung des Verbandes. Die Hotel Mitglieder der Konsumvereine unseres Zentralverbandes, die ebenfalls um 2 Uhr nachmittags. Jedoch ist das Dienstdiener beschlossen auf ihrer Tagung im Prinzip die Ver- einer freien Gewerkschaft angehören, wird schätzungsweise mädchen verpflichtet, jeden zweiten Sonntag zwischen 4 und schmelzung mit dem Gastwirtsgehilfenverband und den 300000 bis höchstens 400000 betragen, während 2500000 5 Uhr nachmittags den Tee zu bereiten. Am Sonntag vorAnschluß an die Generalfommission. Ein Hauptgegen Arbeiter überhaupt und davon über 2000000 in den freien mittag sind 2 Stunden für Kirchenbesuch arbeitsfrei. 4. Am stand der Beratung betraf die Stellen vermittlung, ein Gewerkschaften organisiert sind. Also auch nach dieser Rich Mittwoch dauert die Arbeit bis 10 Uhr nachts, mit den gefür die Angehörigen dieses Berufs ungemein wichtiges Thema. tung noch viel Arbeit! Wenn die Gewerkschaften mit Recht wöhnlichen Pausen. 5. Acht Tage Ferien, außer den gesetzEs ward beschlossen, die Stellenvermittlung durch den Ver Erfüllung gewerkschaftlicher Forderungen von den Konsum lichen Feiertagen. Für Arbeit an Ferientagen soll 1 Mr. band beizubehalten, obgleich diese Einrichtung ein Drittel vereinen verlangen, dann dürfen diese mit allem Nachdruck pro Stunde gezahlt werden. 6. Dienstmädchen haben jeden seiner Einnahmen verschlingt. Im Malerverband ist die daran erinnern, daß die Gewerkschafter auch Mitglieder der Abend, mit Ausnahme von Mittwoch, freien Ausgang bis Mitgliederzahl in den zwei letzten Jahren von 22000 auf Konfumvereine werden sollten. 12 Uhr. 7. Die Schlafzimmer der Dienstmädchen sollen gut 36000 gestiegen. Der Verbandstag bewilligte bis zu 2500 Mt. Ein Riesenbetrieb, einzig in seiner Größe wahrscheinlich, ventiliert sein. 8. Der Wochenlohn soll für Dienstmädchen für die Beteiligung von befähigten Kollegen an den gewerk ist die Genossenschaftsbäckerei der Konsumvereine in 12,50 Mt., für Wirtschafterinnen 25 Mt., für Mädchen für schaftlichen Unterrichtskursen. Er beschäftigte sich unter Glasgow( Schottland). Sie beschäftigt gegen 1000 An- alles 15 Mt. betragen. anderem eingehend mit dem Bleiweißverbot, dessen Bestim- gestellte, liefert zirka 1500 Zentner Backwaren pro Woche Fortschritte der Dienstbotenorganisation in Leipzig. mungen von den Unternehmern sehr oft umgangen werden. und hatte im letzten Geschäftsjahr einen Umsatz von acht Eine zweite Dienstbotenversammlung, die am 7. April stattDie Frage der Tarifverträge wurde eingehend ventiliert. Millionen Mart. Mit 200 Pferden wird das An- und Ab- fand, war wie die erste überaus stark besucht. Auch diesmal Die Generalversammlung des Senefelderbundes, der fahren der Produkte besorgt. Natürlich hat dieser Betrieb referierte Genosse Lüttich, und zwar über das Thema: Organisation der Steindrucker und Lithographen, stand eigene Werkstätten für Tischlerei, Schlosserei, Emballagen usw. Was will der neue Verein?" 50 Aufnahmen wurden geim Zeichen des Reichsgerichtsurteils, gegen das sehr lebhaft Ein Gegenstück, ein Beispiel findischer Spießerei und macht, so daß der Organisation jetzt schon 160 Dienstmädchen protestiert wurde. Um die Organisation nicht wieder in die Mittelstandsfeyerei, bietet zurzeit die Stadt Wien. Dort angehören. Die erste Mitgliederversammlung des Situation zu bringen, daß ihr die Kasse für Streitunter will die Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Vereins fand am 21. April statt; in ihr erfolgte die Vorstützung gerichtlich gesperrt werden kann, wurde eine Tren- Konsumvereine eine große moderne Genossenschafts- standswahl und Statutenberatung. Ein Mädchen schilderte nung der vereinten Verbände vorgenommen und ein Kartell- bäckerei errichten. Stadt- und Gemeinderat, deren Mehrheit darauf die mißliche Lage der Dienstmädchen in Krankheitsvertrag zwischen beiden abgeschlossen. Er soll juristisch so bekanntlich christlich- sozial ist( eine Spielart der reichs- fällen und forderte dringend die obligatorische Kranken= vorsichtig formuliert werden, daß eine gerichtliche Anfechtung deutschen Antisemiten), suchen die Ausführung dieses Projekts versicherung. Die Vorsitzende gab bekannt, daß sich das unmöglich ist. Der Verband hat in der schweren Zeit dennoch mit allen möglichen Kniffen zu hintertreiben. Im Wiener Bureau der kostenlosen Stellenvermittlung im 39 Kämpfe bestanden, darunter die große Aussperrung, und Gemeindeparlament gab es bereits lebhafte Erörterungen Volkshaus befindet und täglich von 4 bis 6 Uhr geöffnet seine Mitgliederzahl ist von 9000 auf 16000 gestiegen. In darüber. Das tollste ist, daß diese Herren zur Begründung ist. Den Bürgerlichen ist, wie nur zu erklärlich, die Grünzirka 20 Städten bestehen mit 160 Unternehmern Tarif ihre Gegnerschaft das sanitäre Moment anführen. dung der Organisation nicht willkommen. In spaltenverträge, die für 1600 Berufsangehörige Geltung haben. Eine Bäckerei, die den Konsumenten appetitlich hergestellte langen Artikeln gibt die bürgerliche Presse ihrem Ärger Den Machtgelüften des organisierten Unternehmertums zum Backwaren, den Bäckergesellen aber gute Lohn- und Arbeits über die Dienstbotenbewegung Ausdruck. So schreibt das Troy, den Nücken und Tücken des kapitalistischen Staats verhältnisse bringt, soll den Wiener Einwohnern sanitär Leipziger Tageblatt" unter anderem: Die Dienstmädchen und seiner Gewalten zum Trotz geht es vorwärts auf der nachteilig sein. Das glaubt natürlich auch der beschränkteste sind genußsüchtiger, anspruchsvoller und schlechter geworden." ganzen Linie der deutschen Gewerkschaftsbewegung.# Spießbürger nicht. Das Ganze scheint zum guten Teil mittel- Das größte Entsetzen aber herrscht im Lager der Stellenständlerische Wahlmache zu sein, wie die„ Wiener Arbeiter- vermittler. Sie sind so voller Wut, daß sie sich in einer zeitung" und das österreichische Konsumvereins- Fachblatt"" Entgegnung", die sie nach der ersten Versammlung in den behaupten. Am 25. Mai wollen die Mittelständler in Leipziger Neuesten Nachrichten" veröffentlichten, in den größten Eine der gemeinnüßlichen Wirkungen gut fundierter Wien übrigens eine große Demonstration veranstalten. Sie Herabſegungen unseres Referenten, des Genossen Lüttich, und gut verwalteter Konsumvereine besteht bekanntlich beabsichtigen, vor das Parlament und Rathaus zu ziehen. ergingen. Sie faselten darin davon, daß die Dienstmädchen darin, daß die Konsumgenossenschaft weit über ihre Mit- Jm vorigen Jahre holten sich die Herren bei einer ähn- durch die neue Organisation verhetzt und aufgewiegelt gliederkreise hinaus als Preisregulator wirkt. Besonders lichen Aktion eine fräftige Blamage. würden, aber im Grunde ist ihnen nur um ihren Profit in der Provinz, wo die private Konkurrenz nicht so wie In einer in Glasgow abgehaltenen Delegiertenverfamm- bange, da der neue Verein den Dienstmädchen neben vielen in den Großstädten durch leistungsfähige Kauf- und Waren- lung des schottischen Großeinkaufsverbandes wurde anderen Vergünstigungen auch die des kostenlosen Stellenhäuser, Spezialgeschäfte usw. zugunsten der Käufer be- von den Vertretern des Konsumvereins in Cathcart folgender nachweises bieten wird. Die Gründung des Dienstboteneinflußt wird. Das kann wieder einmal an einigen Bei- Antrag eingebracht:„ Es seien in Zukunft in den Produk vereins hat aber noch ein anderes Echo wachgerufen. spielen positiv festgestellt werden. In einer Publikation des tionsabteilungen sowohl wie auch in den Distributivabtei Nationale" Leute haben auf einmal ihr menschenfreundStädtischen Statistischen Amtes zu Stuttgart über die Lebens- lungen der Wholesale Society nur noch gewerkschaftlich liches Herz entdeckt und Anfang April eine Versammlung haltung der dortigen Einwohner wird in bezug auf das organisierte Arbeiter und Angestellte zu beschäf der Kochmamsells und verwandten Berufsgenossen" abSteigen der Brotpreise ausgeführt, dieselben wären noch tigen, ausgenommen in Fällen, wo für die Arbeiter ein gehalten. Außer drei Damen und zwei Herren waren, abhöher gestiegen, wenn nicht der Spar- und Konsum zelner Berufe noch keine Gewerkschaften oder ähnliche Dr gesehen von acht unserer Genossinnen, zwei Zuhörerinnen verein, der in seiner Dampfbäckerei 1905 4000 000 Rilo- ganisationen existieren." Dieser Antrag wurde mit großer erschienen, von denen eine sich in unseren freien Verein gramm Brotware herstellte, den Preis bis ins Früh- Mehrheit abgelehnt, da ein derartiger Zwang weder den aufnehmen ließ. Der eine der anwesenden Herren hielt ein jahr hinein für sein Brot auf dem alten niedrigen Genossenschaften, noch den Gewerkschaften dienlich sei. Ganz sehr lahmes Referat, nach welchem die Gründung eines Fuße gehalten hätte". In Düren a. Rhein steigerte unsere Meinung! ,, Nationalen Vereins für Kochmamsells, Büfettdamen und verwandte Berufe" beschlossen wurde. Die anwesenden Damen und Herren wählten sich selbst in dessen Vorstand, was äußerst glatt von statten ging, da niemand dafür noch dagegen war. Sehr charakteristisch ist, daß die Leute, die nach der Gründung unseres Vereins davon sprachen, daß die Dienstboten durch ihn nur ausgebeutet würden, für ihren Verein ein Eintrittsgeld von 2 Mt. und einen monatlichen Beitrag von 1 Mt. erheben, während in unserer Organisation das Eintrittsgeld nur 20 Pf. und der monatliche Beitrag 30 Pf. beträgt. Marie Seifert. Genossenschaftliche Rundschau. -" Genossenschaften. Die Angestellten werden aufgefordert, sich den Gewerkschaften anzuschließen. Notizenteil. Dienstbotenfrage. H. Fl. die Bäckerinnung den Preis des Vierpfundbrotes von Der fünfte allgemeine Kongreß der französischen 40 auf 44 Pf. Der Konsumverein verkaufte dasselbe Brot sozialistischen Genossenschaften hat vom 31. März zum alten Preise weiter. Das erregte bei der gesamten bis 3. April in Troyes stattgefunden. Der Kongreß betonte Bevölkerung gewaltiges Aufsehen, aber ein noch größeres die notwendige Übereinstimmung der Gewerkschaften und bei der ehrsamen Zunft der Bäcker. Ein Teil ging, den Innungsbeschluß verachtend, dazu über, das Brot zum alten Preise von 40 Pf. zu verkaufen. Endlich trat auch die Die Industriearbeiter Ungarns haben im vorigen Jahre Innung den Rückzug offiziell an und ging mit dem Preise ein Agitationskomitee zu dem Zweck gewählt, eine Konsuwieder um zwei Pfennig herunter. Ohne den Konsumverein mentenorganisation zu schaffen, welche sich über das ganze würden die Einwohner Dürens gegen die Schröpferei durch Land ausdehnen soll. In Budapest besteht schon eine Ardie Bäckerinnung wehrlos gewesen sein! Als man vor beiterkonsumgenossenschaft, sie gehört der Internationalen Ein ,, Verein für Hausangestellte" in Königsberg einiger Zeit in einer Schweizer Stadt einen Konsumverein Genossenschaftsalliance an. Der Ausschuß befaßte sich be- ist in einer zweiten Dienstbotenversammlung am 7. April gründete, gingen die fünf größten Produktengeschäfte mit sonders mit der Frage, wie man die Arbeitermassen für die gegründet worden. Genosse Linde referierte über„ Zweck den Preisen mehrerer Artikel herunter. Indessen wurde Genossenschaftsidee gewinnen könne. und Nutzen einer Dienstbotenorganisation". In der Diseine von Moltereien und Händlern geplante Erhöhung des Die Konsumgenossenschaftsbewegung macht auch in fussion schilderten mehrere Mädchen das Dienstbotenelend, Milchpreises von 18 auf 20 Pf. pro Liter schon dadurch ver- Spanien Fortschritte. Man schätzt die in einigen Pro- und eins stellte die Forderung auf, daß auch die Herrschaften hindert, daß man den Vertrieb von Milch durch den Kon- vinzen existierenden Konsumvereine auf 300; es bestehen für verpflichtet werden sollten, Zeugnisbücher zu führen, damit sumverein in Aussicht stellte. Es blieb infolgedessen beim diese Konsumvereine zwei Provinzverbände. Außerdem be- die Mädchen ihr Urteil über die Dienstgeber in dieselben einalten Preise. Diese Vorgänge, die ja nur einzelne Bei- steht für Valencia ein Verband katholischer Konsumvereine. tragen könnten und ihre Nachfolgerinnen bei ihrem Eintritt spiele von vielen sind, zeigen ganz deutlich, wie notwendig fofort über die Herrschaft informiert seien. Wenn eine solche es für die Arbeiter, besonders aber für die auf knappes Einrichtung bestände, dann hätte es sich nicht ereignen Koftgeld angewiesenen Arbeiterfrauen ist, rege für den können, daß, wie Genossin Now agrotti mitteilte, bei dem Konsumverein zu agitieren. föniglichen Baumeister Rinderknecht in Königsberg in der Die Freisinnige Vereinigung( weibliche Linie des Zeit vom 1. Oftober 1906 bis jetzt schon zehn Dienst" Freisinns") hat auf einem Parteitag unter anderem auch mädchen in Stellung waren. Die„ gnädige" Frau soll nervös Stellung zu den behördlichen Schikanen gegen die Genossen- Die Dienstmädchen und die Maifeier. In Ham sein, und kein Mädchen kann es deshalb dort aushalten. schaften genommen. In der Hauptsache werden davon ja burg haben die organisierten Dienstmädchen entsetzt euch, Der neugegründete Verein will die Gesamtlage der nur Arbeiterkonsumvereine betroffen. Durch eine Resolution ihr guten" Hausfrauen! an dem Maifest zug teil dienenden weiblichen Personen in rechtlicher, wirtschaftlicher ersucht dieser Parteitag feine Parteigenoffen im preußischen genommen. Ihre Organisation war die erste ihrer Art, die und sozialer Hinsicht heben und diesen Zweck erreichen durch Abgeordnetenhaus, dahin zu wirken, daß der genossenschaft- unter flingendem Spiele dem wehenden roten Banner der aufklärende Vorträge in Versammlungen über die jetzige lichen, insbesondere der konsumgenossenschaftlichen Arbeiter- internationalen Sozialdemokratie im Zuge folgte. Mehrere Lage und die anzustrebenden Ziele der Dienenden; durch bewegung weder auf gesetzgeberischem, noch auf verwaltungs- junge Dienstmädchen trugen ein Schild mit der Aufschrift: kostenlose Auskunftserteilung; Pflege der Geselligkeit; toftenmäßigem Wege Hindernisse bereitet werden". Als solche" Nieder mit der Gesindeordnung!" Von den Festgenossen lose Stellenvermittlung und obligatorische Einführung der Hindernisse kommen vor allem die Umsatzsteuer und das wie von den Zuschauern wurden die Dienstmädchen, Wasch-„ Gleichheit". Der Beitrag beträgt 25 Pf. monatlich, die Verbot des Beitritts für Staatsangestellte in Betracht. Das und Scheuerfrauen zirka 150 an der Zahl lebhaft be- Aufnahmegebühr 10 Pf. In den Vorstand wurden gewählt: ist sicher ganz schön. Besser und ebenso nötig aber wäre es grüßt. Sehnsüchtig blickten mehrere unserer Mitglieder dem Frau Döbler, Fräulein Dreyer, Frau Lukat, Fräulein gewesen, wenn der Parteitag der Freifinnigen Vereinigung Zuge von Dach- und Kellerfenstern der herrschaftlichen Ney, Fräulein Salomon, Fräulein Dombrowski, Frau Stellung gegen das konsumvereinsfeindliche Treiben des Häuser aus nach. Eine starte Organisation wird sicherlich Hartmann, Fräulein Wark und Frau Rehse. Eine Anfreifinnigen Landtagsabgeordneten und Genossenschafts- auch ihnen die Möglichkeit geben, bald den ersten Mai als zahl Mädchen trat dem Verein bei. Möge er ein Merkstein anwalte" Dr. Grüger genommen hätte. Dieser Mann hat Feiertag zu begehen. Berta Mangels. auf dem Wege zum Ziele sein! fich nahezu zum Kronzeugen für Regierungen und Behörden Dienstmädchenorganisation in Australien und Neugegen die sozialdemokratischen" Konsumvereine entwickelt. feeland. Wie aus Melbourne berichtet wird, wurde im Das Kapitel Gewerkschaften und Konsumvereine Februar in Australien und Neuseeland eine Gewerkschaft illustriert die„ Konsumgenossenschaftliche Rundschau" durch von Dienstmädchen gegründet. Sie stellt folgende For folgende Zahlen: Während die Zahl der gewerkschaftlich derungen: 1. Eine Arbeitswoche soll aus 68 Stunden beorganisierten Arbeiter Millionen zählt, waren am 31. De- ftehen. Die Arbeit beginnt jeden Morgen um 17 Uhr und W. In einer Mitgliederversammlung des Nürnberger Dienstbotenvereins am 7. April gab die Kassiererin der Organisation die Abrechnung für das erfte Quartal und die Berwaltung den Jahresbericht. 18. März 1906 gegründet. Im ersten Jahre seines Bestehens traten ihm insgesamt 660 Mitglieder bei, und zwar im ersten 9. 10 Die Gleichheit Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. 87 Bierteljahr 348, im zweiten 115, im dritten 86 und im die norwegischen Frauenrechtlerinnen den Kampf für das 316 Frauenbewegung. med bul? vierten 111. Bon diesen 660 schieden 228 wieder aus, so politische Bürgerrecht ihrer„ ärmeren Schwestern" aufgenom Der Liberalismus und die radikale bürgerliche daß dem Verein am Schlusse seines ersten Geschäftsjahres men haben. Auch in Norwegen wird es der zielbewußten Frauenbewegung. In der Versammlung des sozial482 Mitglieder angehörten. Die Fluktuation war im ersten Arbeiterklasse vorbehalten sein, das Recht dieser zu erringen liberalen Vereins Berlin, über welche die„ Gleichheit" Quartal am größten; in ihm traten 156 Mitglieder aus, in in einem Kampfe, der nicht der Vorrechtsstellung des männ bereits berichtet hat, verlangte Fräulein Dr. Aug3den drei weiteren Quartalen dagegen nur 32, 15 und 25. lichen Geschlechts gilt, sondern der Herrschaftsgewalt des purg im Namen der radikalen bürgerlichen Frauenrichte Daß gerade in den ersten drei Monaten so viele der Organi- ausbeutenden Kapitals. bewegung vom Liberalismus eine flare und entscheidende sation wieder den Rücken kehrten, erklärt sich einesteils Antwort darauf, ob er bereit sei, die wichtigste Forderung daraus, daß es den Herrschaften damals noch eher gelang, d der bürgerlichen Frauen, das Frauenstimmrecht programdie Mädchen dem Verein abspenstig zu machen, andernteils matisch zu vertreten. Wenn nicht, so drohte die Dame, würden. aber auch daraus, daß die Mitglieder damals noch zu unDie erste sozialdemokratische Frauenkonferenz in die Frauen die Konsequenz dieser Weigerung ziehen. Die geschult waren, um bei Stellenwechsel sofort ihre neuen Adressen anzugeben oder die Beiträge selbst zu zahlen. Die Holland. Seit zwei Jahren haben einige Frauen der sozial- Redner der liberalen Parteien beantworteten die Frage teils Einnahmen der Organisation betrugen insgesamt 1642,36 Mr.; demokratischen Arbeiterpartei in Holland angefangen, sich in bejahend, teils verneinend, feiner indes im Namen feiner Ginnahmen der Organisation betrugen insgesamt 1642,36 M.; Vereinen zu organisieren zu- dem Zwecke, für den Sozialis Partei, sondern jeder sprach nur für seine Person. davon kommen 878,45 Mt. auf Eintrittsgeld und Beiträge - Es davon kommen 878,45 Mt. auf Gintrittsgeld und Beiträge mus unter den Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse Pro- ist so gut wie gewiß, daß abgesehen von allem anderen und 763,91 m. auf Extraeinnahmen und überschuß von Bergnügungen. Ausgegeben wurden für Agitation, Stellen- paganda zu treiben, sowie die Aufklärung und Schulung der der Liberalismus jetzt nicht daran denkt, durch Eintreten für vermittlung usw. 910,74 m., für die„ Gleichheit" 367,15 Mt., Mitglieder zu fördern. Am 30. März traten die Delegierten das Frauenwahlrecht eine Ehescheidung mit der Rechten zusammen 1277,89 Mr. Es bleibt somit ein Bestand von der bis jetzt bestehenden zehn Vereine zur ersten Konferenz vorzunehmen, um dafür eine neue Verbindung mit Fräulein 364,47 Mt. übrig. Jm Berichtsjahr fanden 9 öffentliche und in Haarlem zusammen, wo gleichzeitig der Parteitag statt- Augspurg einzugehen. Die Anfrage in der Versammlung 4 Mitgliederversammlungen, 22 Vorstandssitzungen, 4 Ber- fand. Die Vorsitzende wies auf den Zweck und die Be- darf nicht allzu ernst genommen werden. Der Liberalismus gnügungen und ein Sommerausflug statt. Zwei der öffent- deutung der Frauenorganisationen in der Partei hin. Es hätte ruhig" nein" sagen können, er hätte damit nichts gelichen Versammlungen tagten in Fürth. Die foſtenloſe ſei nicht Zufall, sagte sie, daß die sozialdemokratischen Frauen fagt, was den radikalen Fragerinnen nicht schon vorher beStellenvermittlung des Vereins nahmen 658 Herrschaften in mehr und mehr sich organisieren. Das sei vielmehr ein Be- tannt gewesen wäre, jedenfalls bekannt gewesen ist von der Anspruch, dagegen meldeten sich nur 217 Dienstmädchen, die meis für das Wachstum und die Ausbreitung der sozial radikalsten Gruppe des bürgerlichen Liberalismus, der füdStellen fuchten. Die Nachfrage nach Dienstmädchen war demokratischen Ideen, die auch das Leben der Frauen zu deutschen Volkspartei. Jeder Politiker weiß, daß diese also dreimal so hoch als die nach neuen Stellungen. In durchbringen beginnen. Die Sozialdemokratie müsse die voll- Partei in ihr vor kurzem neuredigiertes Kommunalpro180 Fällen tam eine Stellenvermittlung zustande. Die Verſtändige Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen gramm das Frauenwahlrecht nicht aufgenommen hat. fammlung wählte die bisherige Berwaltung wieder bis auf verlangen, obwohl sie dafür scharf geschieden von der bürgerlich aber nicht nur für die Kommune, nein für den Staat erſt ein Mädchen, das verzogen ist. An seiner Stelle wurde ein frauenrechtlerischen Bewegung kämpfen müsse, die die Frau nur recht haben die um Payer und Haußmann vor nicht zu Mitglied der Fürther Organisation in den Vorstand gewählt, im Konkurrenzkampf mit dem Manne ganz gleich stellen wolle. langer Zeit eine bündige Antwort gegeben und das Frauendamit auch Fürth in der Verwaltung vertreten ist, der neun Die sozialdemokratische Emanzipation der Frauen sei eine stimmrecht abgelehnt. Während der Landtagswahl Personen angehören. Hoffentlich arbeiten die Dienstmädchen ganz verschiedene von der bürgerlichen Emanzipation und tompagne in Württemberg hat die Volkspartei einen offiauch in Zukunft mit der gleichen Energie und Ausdauer an vor allem darauf gerichtet, die Mutterschaft zu befreien, ziellen Aufruf erlassen( er ist unter anderem von Payer, der Entwicklung ihres Verbandes wie bisher. Das erste welche gerade durch die Wirtschaftsordnung der kapitalistischen Storz, Liefching, Augft, Wieland, Konrad und Friedrich Stiftungsfest der Organisation, das am 14. April stattfand, Konkurrenz die schwersten Bürden und Fesseln trägt. Weil Haußmann unterzeichnet) in dem es, gegen die Sozialdemo verlief sehr schön; die Teilnahme an ihm war außerordent- die Frau, die Mutter vom Kapitalismus noch härter ge- fratie, wörtlich heißt:„ Die Sozialdemokratie fordert in verlief sehr schön; die Teilnahme an ihm war außerordent drückt und tiefer erniedrigt wird als der Mann, müsse auch ihrem Programm das Frauenstimmrecht und die lich groß. In einer Versammlung des Hausangestellten die Agitation unter den Frauen wenigstens vorläufig noch Abschaffung des Bürgerausschusses. Solche blinde überverbandes für München und Umgebung sprach unlängst auf besondere Weise betrieben werden. Die Frauenvereine stürzung kann die Volkspartei nicht mitmachen." Rann man deutlicher gegen das Frauenstimmrecht auftreten? Aber Herr Dr. Weigl über„ Gesundheitspflege im Beruf". In wollen fich dieser Aufgabe widmen. Die Konferenz beschäftigte sich mit dem Organ des die radikale bürgerliche Frauenbewegung wird nicht die der Diskussion, an der sich außer anderen Genossin Mauerer Amsterdamer Vereins„ De Proletarische Vrouw", Konsequenzen aus diesen und anderen Tatsachen ziehen, so und der Vorsitzende beteiligten, wurden an den Referenten verschiedene Fragen gestellt und der Wunsch ausgedrückt, dessen Umwandlung zum Organ aller sozialdemokratischen wenig wie es die bürgerlichen Frauen Frankfurts getan Herr Dr. Weigl möchte den Herrschaften Münchens einmal Frauenvereine vorbereitet werden soll. Sie behandelte des haben, denen der Unterzeichnete in einer Reichstagswählerin einem Vortrag sagen, was sie der Gesundheit ihrer in einem Vortrag sagen, was sie der Gesundheit ihrer weiteren die Agitation für das Frauenwahlrecht. Diese versammlung die betreffende Stelle des Aufrufes vorlas, Dienstmädchen schuldig sind. Die meisten Hausangestellten soll intensiv betrieben werden durch Verbreitung Kleiner und die dennoch für den Volksparteiler Defer gegen den in München müssen zum Beispiel das Essen während der Flugschriften und öffentliche Versammlungen. Die Mitglieder Sozialdemokraten Quard mit wahrem Fanatismus eingeArbeit hinunterwürgen, wie die aufgenommene Enquete be- der Vereine sollen dafür wirken, daß die Genossen und Ge- treten sind. Natürlicherweise! Viel wichtiger, als das wiesen hat. Bei der Erörterung der Vereinsangelegenheiten nofsinnen die Frage des Frauenwahlrechts gründlich studieren, Stimmrecht muß den bürgerlichen Frauen die Solidarität wurde beschloffen, an der Maifeier der organisierten Arbeiter- damit in den Parteitreisen allgemein Einsicht darüber ge- mit ihren männlichen Klaſſengenossen sein. Wohl möchten schaft Münchens teilzunehmen. Ein Antrag, das Berliner schaffen wird, daß die volle politische Gleichberechtigung der sie soziale Ungleichheiten und üngerechtigkeiten beseitigt Drgan für die Interessen der Hausangestellten in Zukunft proletarischen Frauen nicht allein im Interesse des weib- wiffen, die der heutige Staat dem weiblichen Geschlecht obligatorisch einzuführen, wurde nach eingehender Beratung lichen Geschlechtes, sondern auch im Interesse der Arbeiter- gegenüber aufrecht erhält, jene allergrößte soziale Ungerecheinstimmig angenommen. Es wurde den Mitgliedern aber laffe liegt und gefordert werden muß. Die Bildungsabende tigkeit aber: die furchtbare Fron der Arbeiterin jahraus vom Vorsitzenden dringend ans Herz gelegt, soweit es ihnen sollen besonders benutzt werden, um die Gleichgültigkeit jahrein im Dienste des Kapitals, die wollen die bürgerlichen nur irgend möglich sei, auch die„ Gleichheit" zu abonnieren. gegen die politische Rechtlosigkeit der Frauen zu überwinden. Frauen nicht abschaffen. Dafür zu wirken, das hieße ja für Das sollten namentlich diejenigen tun, die sich in die Lehren Was die Frage der Frauenorganisation anbelangt, den Sozialismus gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung der sozialistischen Arbeiterbewegung vertiefen wollten. Die so wurde es am besten erachtet, daß die Mitglieder der eintreten, und das kann in der bürgerlichen Frauenwelt Bersammlung war sehr gut besucht, und es wurden 12 Auf- Frauenvereine auch Mitglieder der Partei sind. Auf diese wohl einmal eine einzelne Frau tun, nie aber die bürgernahmen für die Organisation gemacht. ud J. G. Weiſe bleibt der Verband der Frauenorganisationen mit der liche Frauenwelt in ihrer Gesamtheit. Partei unlöslich verbunden. Zu den Versammlungen der Vereine haben natürlich Gäste Zutritt und die Mitglieder fönnen allerlei Arten Bildungs- und Unterhaltungsabende für die Arbeiterfrauen arrangieren. 250 + Die erste sozialdemokratische Frauenkonferenz war ein Beweis, daß auch in Holland unter den proletarischen Frauen das heiße Verlangen erwacht ist, selbständigen Anteil am großen Befreiungskampf des Proletariats zu nehmen. Math. Wibaut. and dog od Fürsorge für Mutter und Kind. May Cohen- Frankfurt a. M. Quittung.mis Jm Monat März gingen für den Agitationsfonds der Genossinnen ein: Altona für Wahlflugblätter 101,05 m., Berliner Genofsinnen durch Marie Kl. 200 Mt., Bielefeld durch Genossin Zenter für Wahlflugblätter 57,50 Mt., Chemnitz durch Alma Müller für Bons gesammelt 55 Mt., Eisenach durch Genossin Bomberg 10 mt., Er langen durch Genossin Ruppenstein 10 M., Frankfurt a. M. durch Genossin Rudolph 50 Mt., Halberstabt durch E. Schulze für Flugblätter 20 Mt., Hagen i. W. durch Genossin Malet 20 Prozent des ersten Quartals ソ Frauenstimmrecht. Die Einführung eines beschränkten Frauenwahl rechts zum norwegischen Parlament steht in Aussicht. Im Ronstitutionsfomitee des Storthings ist jetzt eine absolute Mehrheit für die Einführung des politischen Frauenwahl rechts vorhanden. Acht von den neun Mitgliedern dieses parlamentarischen Ausschusses sind prinzipiell für das Frauenwahlrecht. Aber freilich aus verschiedenen Gründen, venn nur drei von den acht fordern das allgemeine Frauenwahlrecht zu dem Storthing, die fünf übrigen dagegen bedu fürworten nur ein beschränktes politisches Frauenwahl- Auf das Vorgehen der Potsdamer Regierung gegen recht, das an die gleichen Bedingungen geknüpft sein soll Kindergärten hat der Verein„ Freier Kindergarten" 5,60 Mt., Jastrow durch Genoffin Brokopp für Bons 5 Mt., Königsberg i. Pr. durch Genossin Nowagrozki wie das Frauenwahlrecht zu den Kommunalräten. Das zu Charlottenburg eine so würdige als fachlich treffliche Ant- 38,80 mt., Luckenwalde durch Genossin Hube für Wahlletztere steht bekanntlich nur den Frauen zu, die ein eigenes wort gegeben. In der letzten Generalversammlung brachte flugblätter 21,15 Mt., Mügeln, Bezirk Dresden, 5. Mr., oder ein Steuereinkommen des Ehemannes von mindestens eine sehr lebhafte und eingehende Diskussion den einmütigen merscheid b. Ohligs durch Genossin Lohmar 10 M., 400 Kronen in den Städten oder 300 Kronen auf dem Lande Willen der Mitglieder zum Ausdruck, nach der behördlichen Mülheim( Ruhr) für Bons 20 Mt., Ottensen durch Gehaben. Mit anderen Worten: das Wahlrecht ist der Frau Schließung des ersten freien Kindergartens die Tätigkeit der nossin Schönfelder für Bons 20 mt., Spandau durch nicht als Persönlichkeit gewährt, sondern als Trägerin von Organisation nicht als beendet zu betrachten. Der Verein Genossin Köppen 10 Mt., Teuchern durch Genoffin Besitz, ein sehr großer Teil der Proletarierinnen ist daher wird sich vielmehr mit größter Entschiedenheit einer Reihe Schroeder 15 Mt., Thale a. Harz 5 Mt., Wandsbed nach wie vor in der Gemeinde rechtlos und würde nach wichtiger Aufgaben widmen, welche in der Richtung seiner durch Genoffin Rabenstein 33,65 M., Werdau i. S. Einführung des Zensuswahlrechts auch im Staate weiter allgemeinen Grundsätze liegen. Durch Wort und Schrift durch Genoffin Henschke 2,40 Mt., Wolgast i. Pommern rechtlos bleiben. Zu dem Storthing besteht so gut wie zu wird er die Bedeutung des Kindergartenwesens der deutschen durch Genossin Freese 10 Mt., Zerbst durch Genossin den Gemeinderäten das allgemeine Männerwahlrecht. Der Arbeiterklasse zum Bewußtsein zu bringen suchen. Besondere Fräßdorf 3,40 Mt. Summa 708,55 Mt. Zweck der befürworteten Einführung des beschränkten Frauen- Aufmerksamkeit soll die Pflege des gemeinsamen Spiels wahlrechts zum Parlament ist daher durchsichtig genug. Wie der Kinder auf Arbeiterfesten erfahren. Der Verein in der Gemeinde, so soll auch im Staat durch das Wahlrecht wird sich angelegen sein laffen, sich zu diesem Zwecke eines der befizenden oder wenigstens der materiell günstiger gestellten Stammes geschulter Kindergärtnerinnen zu versichern, welche Frauen die Macht der besitzenden Klassen gegenüber den er den Arbeiterorganisationen für ihre Feste und Ausflüge werttätigen Maffen gestärkt werden, die ihren Einfluß durch zur Verfügung stellen will. Endlich wird er bestrebt sein, das allgemeine Männerwahlrecht geltend machen. Das be- durch Vorträge und Mütterkurse die Proletarierinnen als schränkte Frauenwahlrecht soll die„ Korrektur" zum allge- Pflegerinnen und Erzieherinnen für ihre Aufgaben als Mütter meinen Männerwahlrecht sein. Es entspricht dies durchaus tüchtig zu machen. Ein verdienstvolles Programm, dessen der Strömung, die überall dort auftritt, wo das allgemeine Berwirklichung in weiteste Kreise trägt, was die Reaktion verMännerwahlrecht den besitzenden und ausbeutenden Klaffen hindern wollte: die Erziehung der Kinder zur Freiheit. unbequem zu werden beginnt. Den Gefahren dieser Situation Stillprämien an bedürftige Mütter zahlt seit längerer für den proletarischen Befreiungskampf tann aber nun und Zeit die Stadt Freiburg i. B. Jm letzten Jahre wurden nimmer durch Gegnerschaft gegen das Frauenwahlrecht be- gegen 9000 mt. ausgegeben. Die Sterblichkeit unter den gegnet werden, vielmehr nur durch den energischen Kampf Kindern der unterstüßten Mütter war nur etwa halb so oftpreußische Stadt handeln müsse, allwo der Herr Pfarrer des Proletariats für das allgemeine Frauenwahlrecht, für groß wie unter den übrigen Rindern. 300 die vollkommenfte Demokratifierung des Wahlrechte überhaupt. Bis jetzt haben wir noch nichts davon gehört, daß sille moto) Dantend quittiert: Ottilie Baader, Berlin SW 68, Lindenstr. 3. Bertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands. Druckfehlerberichtigung. Der Druckfehlerteufel hat uns einen schlimmen Streich gespielt. In dem Artikel„ Fürsorge erziehung in einem„ Kulturstaat" von Karl Marchionini ( Nr. 8 der„ Gleichheit") heißt die Stadt, wo der Geist brutaler Prügelpädagogif eine Mädchenzwangserziehungsanstalt beherrscht, Angerburg und nicht Augsburg. Der wiederholte Hinweis auf Ostpreußen in den betreffenden Außführungen hat wohl die Leserinnen genügend deutlich darauf hingewiesen, daß ein Fehler vorliegen und es sich um eine Braun in Seelengemeinschaft mit dem Landeshauptmann den ludert der heutigen Fürsorgeerziehung durch Stockprügel er härtet aid u nog.. nsfundur 88 Die Gleichheit Nr.w Aus dem Empedokles von F. Hölderlin. Wirken soll der Mensch, Der sinnende, soll entfaltend Das Leben um ihn fördern und heitern. Denn hoher Bedeutung voll, Voll schweigender Kraft umfängt Den Ahnenden, daß er bilde Die große Natur. Daß ihren Geist hervor Er rufe, trägt die Sorg' im Busen und die Hoffnung Der Mensch. Tiefwurzelnd strebt Das gewaltige Sehnen in ihm auf, Und viel vermag er; und herrlich ist Sein Wort, er wandelt die Welt Unter den Händen. ? Note Ostern. Kistorisches Gemälde aus dem Bauernkriege. Von Robert Schweichel. Karfreitagmorgen war's. Eben aus der Messe zurück- gekehrt, stand die Gräfin von Helfenstein an einem der Fenster des Schlosses Weinsberg, im Volksmunde„die Weibertreu' genannt. Die Gräsin war eine junge, schöne Frau und noch stolzer als schön. Ihr Einzug vor wenigen Wochen durch das Städtchen in das Schloß hatte dem einer Königin geglichen, und es rollte auch sürstliches Blut in ihren Adern. Margarete war eine Tochter des vor sieben Jahren gestorbenen Kaisers Maximilian L, zwar nur eine uneheliche Tochter, jedoch der väterlichen Abstammung gemäß erzogen und von jenem Hochmut erfüllt, welcher den Zufall der Geburt als ein Verdienst sich anrechnet. Schweifwedler aller Art wetteiferten, sie hierin zu bestärken. Der junge Adel trug ihre Farben im Kampfspiele, hungrige Poeten besangen ihre Schönheit, die Armen priesen ihre fteigiebige Hand. Sie war schon einmal verheiratet gewesen, allein der Tod hatte ihre Ehe sehr bald wieder gelöst, und strahlender war sie aus dem schwarzen Witwenschleier hervorgetteten, als sie vor nun fünf Jahren dem Grafen Ludwig Helfrich von Helfenstein die Hand gereicht. Der Graf, welcher seit seinem fünfzehnten Jahre in deutschen und französischen Kriegsdiensten gebildet worden, war ein Liebling des Erzherzogs Ferdinand von Osterreich, und dessen Gunst hatte ihn in diesen schweren Zeitläuften, die einen ganzen Mann forderten, zum Obervogt des Amtes Weinsberg erwählt. Herzog Ulrich war aus seinen Landen vertrieben und geächtet, und in Stuttgart herrschte österreichisches Regiment. Wegen des Karfreitags trug die Gräfin schwarzes Gewand. Es war von kostbarem venetianischen Samt und schleppte lang aus dem Boden nach. Die Schleppe ließ die blühende Gestalt noch majestätischer erscheinen, und blendender hob der schwarze Stoff die Weiße der Hände und des Halses hervor. Eine schwarze Samt- Haube, welche mit Perlen gestickt war, ruhte auf den dicken Flechten des goldblonden Haares. Wie Frau Margarete gern im Sonnenlicht des Lebens badete, so liebte sie es, sich mit kostbarem Geschmeide zu zieren; heute bestand ihr Schmuck aber nur in einem Ringe mit vielen dunkelroten Rubinen, die auf das Blut deuteten, das Christus an diesem Tage für die Erlösung der Menschheit vergossen hatte. Die Erlösung war aber schon längst zu einem Privilegium der Vornehmen und Reichen geworden. Die Zeit war prachtliebend. Indien und Amerika überschütteten Europa mit ihren Schätzen, und Luxus- gesetze mußten der Verschwendung steuern. Das Zimmer, in welchem die Gräfin am Fenster stand, war prächtig ausgestattet. Morgensonnig, im ersten Frühlingsgrün, lag das Weinsberger Tal zu Füßen der stolzen Kaisers- tochter, und nur das süße Singen der Lerchen tönte in der feiertäglichen Stille. Die blauen Augen der Gräfin aber waren nicht heiter wie der Frühlingshimmel. Trübe richteten sie sich über das Städtchen hinweg auf eine schwache Rauchsäule, welche am südöstlichen Horizonte, links von Schloß Löwenstein, das vor dem Walde wie Silber in der Sonne glänzte, kerzengerade aufftieg. Der Rauch kam von einem erlöschenden Brande, der in der Nacht vom Mittwoch zum Gründonnerstag den Himmel mit seinem Gleische schrecklich gerötet hatte. Dort lag, zwei Stunden von Weinsberg entferitt, das Frauenkloster Lichtenstern. Die ausgestandenen Bauern hatten es ge- plündert und mit Feuer angestoßen. Die Nonnen waren zuvor nach Löwenstein entflohen, und vor diesem Schlöffe lagen nun die Bauernhausen. Da wirbelte in der Ferne Staub auf. Der Türmer stieß dreimal schnell hintereinander in das Horn. Die blühenden Wangen der Gräfin erbleichten bei den un- heimlichen Tönen. Einige Sekunden später trat Graf Ludwig von Helfenstein in voller Rüstung in das Zimmer, ein wohlgebildeter, stattlicher Mann, in der blühenden Kraft seiner siebenundzwanzig Jahre. „Sie kommen?' fragte ihn Margarete besorgt, wäh- rend doch ihre Augen in freudigem Stolze aufleuchteten über die prächtige Erscheinung des Grafen, der seine blinkende Rüstung so leicht trug, als befände er sich in seiner gewöhnlichen Kleidung. „Mögen sie kommen," beruhigte er seine Gemahlin. „Sie werden schwerlich Lust verspüren, sich die dicken Schädel an den Mauern von Weinsberg einzurennen. Haben sie doch auch gegen Löwenstein nichts unter- nommen, sondern sich begnügt, die entflohenen Grafen Ludwig und Friedrich unter Androhung, ihre Ländereien zu verwüsten, aufzufordern, in ihrem Lager sich zu stellen, um in ihre Gemeinschaft einzutreten. Rat und Bürgerschaft von Weinsberg stehen treu zu mir, und wo das Bauernpack Ernst sieht, hält es sich weislich fern.' Lachend erzählte er, wie er vorgestern, als er mit seinen Rittern und Reisigen von Stuttgart herunter- gekommen, unter den Bauern, die ihm begegnet wären, eine Hasenjagd abgehalten hätte.„Es war gar kurz- weilig, die Kerle über die Wiesen springen zu sehen, bevor sie erritten und erstochen worden. Freund Dietrich von Weiler wäre fast vor. Lachen vom Pferde gefallen über ein Bäuerlein, das Haken schlug, wie's kein Hase besser gekonnt hätte. Vor Lachen könnt' es der Die- trich nicht erretten, und so entrann es zuletzt in einen Weinberg." Auch die rosigen Lippen der Gräfin lächelten, statt sich über solche Bluttat an Unschuldigen und Wehrlosen zu entsetzen. Was galt aber auch in jenen Zeiten, wo der Mensch erst mit dem Adel begann, das Leben eines Bauern, ob frei oder leibeigen, und vollends, da sich zur Verachtung die Erbitterung gesellte, daß sich der ge- tretene Wurm zu krümmen wagte? Jahrhundertelang hatte der arme Mann mit seinem Antlitz im Staube gelegen, auf seinem Nacken den Fuß der großen und kleinen weltlichen und geistlichen Herren. Steuern und Fronden, bei deren Auflage nur. das Bedürfnis der Herren den Maßstab gab, hatten ihm das Mark erbar- mungslos aus den Knochen gepreßt. Wahrlich, das Wild im Walde genoß mehr Schonung, Recht und Freiheit als er. Das Maß seines Elends war ftbon längst gerüttelt voll. Dennoch hätte er die materielle und mora- tische Mißhandlung von feiten des Adels, der Geist- lichkeit und des Patriziats der Städter wohl noch länger widerstandslos forterttagen, wenn Luthers Lehre, seinen sittlichen Mut nicht gehoben und entflammt hätte. Die Verzweiflung hatte wohl schon ftüher die Bauern hier und dort zur Empörung gegen ihre Dränger getrieben; allein diese vereinzelten Aufstände aus Notwehr waren rasch wieder erstickt worden. Jetzt, wo Luther seinen Fehdehrief gegen die höchste Autorität, gegen den Papst, an die Kirchtüre zu Wittenberg genagelt; wo er zu Augsburg vor Kaiser und Reich unwiderlegt mit seiner Lehre gestanden hatte; wo das Evangelium, von dem pfäffischen Unrat gereinigt, durch reisende Prediger und Prädikanten allerorten in Deutschland verkündet wurde, da verlieh der neue Glauben dem Gemüt der armen Leute in Stadt und Land jenen Schwung und jene Be- geisterung, welche keine Menschenfurcht kennt. Da wurden sie der schmählich in ihnen geschändeten Menschenwürde inne, erhoben ihr Antlitz aus dem Staube und, ihr Recht auf die Heilige Schrift stützend, zerbrachen sie das Joch, in welches Adel und Geistlichkeit sie geschmiedet hatten. Noch hätten diese, als schon der Hammer zur zwölften Sttrnde ausgehoben, es in der Hand gehabt, den Sturm zu beschwichtigen, den ihr Mißregiment her- aufbeschworen. Denn überall, ehe sie zum letzten Mittel griffen, erboten sich die Bauern gegen ihre Blutsauger zu Recht. Aber die Herren hätten lieber ihr Leben ge- lassen, als die unerttäglich gewordenen Lasten der armen Leute erleichtert, und wo sie wirklich auf Unterhandlungen eingingen, geschah es nur, um Zeit zu gewinnen, und die heut geschlossenen Verträge wurden morgen wieder von ihnen gebrochen. Da brach in den ersten Tagen des Jahres 1525 der Sturm los, und so weit die deutsche Zunge klang, schlug aus den längst glühenden Kohlen der helle Brand auf. Im Weinsberger Tale waren alle Dörfer des Amtes mit Ausnahme von Eberstadt dem„evangelischen Heere" zugefallen. Diesen Namen hatte sich der helle Haufen beigelegt, dessen Kern aus den Bauern des Odenwaldes und denen der Landwehr der freien Reichsstadt Rothenburg an der Tauber bestand. Zu seinem obersten Haupt- manne hatte er Jörg Mezler, welcher Gastwirt zu Ballenberg war, gewählt; sein Kanzler war Herr Wendel Hippler. Wie das„evangelische Heer", welches das Wort Gottes, namentlich die Lehre Pauli handhaben «wollte, aus dem Schüpfergrunde im Odenwalde, wo eZ sich in den letzten Tagen des März gesammelt hatte, gegen den Neckar heraufzog, stießen überall die Bauern zu ihm: aus dem Deutschherrischen, dem Limburgischen, dem Hohenlohischen und wie die Herrschaften, in welch« damals Württemberg zerfetzt war, alle heißen mochten, und jetzt hatte bei dem Kloster Lichtenstern die Vereini- gung mit den Bauern des unteren Neckartales statt« gefunden. Hier war's Jäcklein Rohrbach, ein junger Weinschenke aus dem schönen Dorfe Böckingen, eine halbe Stunde oberhalb Heilbronn gewesen, welcher ringsum die Landschaft aufgemahnt hatte und mtt vier- hundert Bauern vor das Kloster gezogen war. Graf Ludivig von Helfenstein war in Stuttgart ge-, wesen, um Hilfe zu holen. Etwa siebenzig Ritter und Reisige waren alles gewesen, was man ihm hatte mit- geben können. Daß er mit seinen wenigen Leuten dem Bauemheere in der Länge nicht würde widerstehen können, verhehlte er sich nicht, und er hatte auch in diesem Sinne gleich am Gründonnerstag, den 13. Zftml, an die Regierung in Stuttgart geschrieben«nd die Verantwort- lichkeit für allen Nachteil und Schaden von sich abge- lehnt, wenn ihm nicht mit Reisigen oder anderen Knechten Hilfe oder Zusatz käme. Dennoch war er als Edel- mann und Berufssoldat weit davon entfernt, den Feind nach seinem wahren Werte zu schätzen. Die Bauern waren in seinen Augen eine zusammengelaufene Rotte feigen, mordbrennerischen Gesindels,«nd mit einer ge- ringschätzigen Handbewegung gegen die Staubwolke, welche sich immer dichter gegen Weinsberg heranwälzte, sagte er:„Noch eine kleine Weile Geduld, und der so lustig begonnene Fastnachtsscherz hat einen Ausgang mit Schrecken! Haben sich die Bauern vollgesoffen an Klosterwein, wir wollen ihnen Blut zu trinken geben, daß sie daran sticken. Der Truchseß, Georg von Wald- bürg, des Schwäbischen Bundes Feldhauptman», hat es ihnen an der Donau schon in Strömen zu kosten gegeben. — Doch ich muß hinunter in die Stadt. Der Rat hat mich beschickt; es ist ein Brief von den Bauern hereingekommen." „Und was schreiben sie? Was verlangen sie?' ftagte die Gräfin gespannt. „Vermutlich ist'S eine Aufforderung, in ihre christ- liche Gemeinschaft einzutreten," entgegnete ihr Gemahl mit einem Achselzucken. „Aber du wirst nicht zugeben, daß die Stadt einem so schmachvollen Ansinnen Folge leistet?" rief die schöne Frau lebhaft. „Eher soll mir mein Wappenschild zerbrochen vor die Füße geworfen werden," versetzte er. Er stieg den Abhang gegen das Städtchen hinunter, welches, in starke Mauern und Türme gegürtet, bis zur schmalen Talsohle sich hinabstteckte. Zu höchst lag die Kirche und durch die Aussvllpforte bei derselben erhielt der Graf Einlaß. Als das Pförtchen hinter ihm zufiel. streckte sich durch das Eisengitter, welches das schmale Luftloch über dem Burgtore verwahrte, eine geballte Faust ihm drohend nach. Semmelhans, ein Salzsührer aus Neuenstein, saß dort seit Mittfasten gefangen. Der Mann hatte in der Schenke des Hans Schocher zu Weinsberg gegen einen reisigen Knecht verfängliche Reden geführt, wie: er sei an einem Ort gewesen, da hätte man den Herren zu Werk geschnitten, daran sie dies Jahr zu arbeiten haben würden. Während Graf Ludivig die steile Gasse von dem Kirchhofe nach dem Rathause hinunterstieg, begann Semmelhans laut zu singen. Es geschah nicht aus Fröhlichkeit, sondern um das leise Kreischen seiner Feile an den Gitterstäben zu verdecken. In Weinsberg wurde die Lärmttommel umgeschlagen und die Bürger eilten mit ihren Wehren durch die schmalen steilen Gassen der unteren Mauer zu, vor der aus der Staubwolke Waffen blitzten, Fahnen wehten. War es auch dem Grafen gelungen, seine eigene Zuversicht seiner Gattin mitzuteilen, so zog sich doch das Herz der schönen stolzen Frau bang zusammen, als sie die Massen vor dem Städtchen sich aufftauen sah. So weit ihr Auge reichte, flimmerte das grüne Tal von Waffen. Aber die Bauern unternahmen nichts Feind- seliges, und nach kurzer Stockung setzte sich die Maffe wieder in Bewegung und wälzte sich die Talenge entlang, durch welche der Weg nach Heilbronn führt. Es war ein endlos scheinender Sttom, der brausend in der Tiefe dahinflutete. Waffenklirren, Gesang, Gelächter, Trommelwirbel, Brüllen des Viehs schlug an das Ohr der Gräfin. Jäcklein Rohrbach bildete mit seinen Niederschwaben, den Böckingern und den Bauern des Weinsberger Tales den Vorttab. Ein Bundschuh im weißen Felde war sein Banner, und der Träger desselben hatte sich aus einer kostbar gestickten Altardecke einen Mantel gemacht, der weit hinter ihm her durch den Staub der Landstraße schleifte.(Forlsetzunz folgt.) ver-mrworM« für»U RedoM-n- Fr.«ara Z-Mn(Zundev, Wllhilmthöh, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und oerlag oen Paal Swger t» fHirttstiwt.