w 6 Ca ce chi a ht e a ch he , Te Die as Se in te vig Ju ets gei ft ben Nr. 26 Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen esa Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die„ Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft viertelfährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. JO Дел ug De Einladung zum Abonnement. Cet en al al b De τα b eil te 그대 b 11 t tel 10 Juhaltsverzeichnis. O Von E. U. © Stuttgart den 23. Dezember 1907 17. Jahrgang 3ufchriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Betfin( Sundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. bu fröhliche, o du felige, du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Meihnachtszeit! Bot Brule in bor Fertility Gnadenbringende Weihnachtszeit! afritanischer Stämme durch die nicht minder christlichen" Das Budget armen Frau. Von Ed. Gräf. Notsignale der Textilindustrie. Ulenbrook. Von Elisabeth Hartmann- Harder.. Bon H. Jäckel. Wahlreformen und Frauenstimmrecht in Oldenburg. Bon d. r. Die Frauen und die Presse. Von E. Lüdke. Friede auf Erden! Die Marottokampagne der„ christlichen" Franzosen, die Ausplünderung und Unterwerfung Deutschen erzählen von dem Frieden auf Erden. WaffenMit dröhnendem Schall verkünden die Glocken sie ftarrend, mißtrauisch stehen die Kulturnationen einander in diesen Tagen wieder aller Welt: die fröhliche, selige gegenüber. Die der arbeitenden Bevölkerung abgepreßten Aus der Bewegung: Von der Agitation. Jahresberichte der Ge- Weihnachtszeit. Von ihren Gnaden flingt und singt es Steuergroschen werden für die unsinnigsten, endlosen nofsinnen des vierten sächsischen Reichstagswahlkreises und des in den Kirchen und in der„ christlichen" Presse. Leidende, Rüstungen zu Lande und zu Wasser, werden für KolonialWahlvereins Bant- Wilhelmshaven. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau.- Genossenschaftliche Rund- sehnsuchtsvolle, hoffende Menschen, euch ist der Heiland abenteuer vergeudet, die nur einem kleinen Klüngel von schau. Von H. FI. geboren, zu Bethlehem, auf Stroh, eines Zimmermanns Besitzenden frommen und die Kriegsgefahr steigern. GeNonzenteil: Dienstbotenfrage. Soziale Gesetzgebung.-Frauen Sohn! Liebe, Brüderlichkeit und Frieden hat er euch lehrte, Erfinder mühen sich um die Herstellung der vollstimmrecht. Eheschließungen und Ehefcheidungen. Kinder gepredigt, und für eure Erlösung ist er bitteren Kreuzes tommensten Mordwerkzeuge, die erste praktische Verfterblichkeit. Zufchrift von Julie Eichholz. Entgegnung von tod gestorben. Glaubt, und in seinem Blute werdet ihr wendung des lenkbaren Luftschiffes soll der Vernichtung Feuilleton: Gegenwart. Bon Ludwig Pfau.( Gedicht.)- Über Bul felig. Und die Pfaffen in der Stutte und ohne Kutte von Menschenleben und Menschenwerk dienen. Im tanen. Von Leon Holly.-Mene Telel. Bon Emanuel Geibel. reben ein langes und breites von der Lehre, welche mit Osten Europas der Bürgerkrieg zwischen einem Volke, ( Gedicht.) dem Namen des Nazareners verknüpft ist, und die cin das sein Recht zu ahnen, für seine Freiheit zu kämpfen Gemisch heidnischer Philosophien und jüdischer Dogmen begonnen hat und einer herrschenden Minderheit, die ein verrottetes, mit Verbrechen und Fluch beladenes Regierungssystem um den Preis der blutigsten Gewalttaten, der ungeheuerlichsten Frevel aufrecht erhalten will, weil es ihr Reichtum und Macht verleiht. Luise Zietz. Einladung zum Abonnement. auf dem Boden wirtschaftlicher und geistiger Nöte emporgewachsen ist, welche der Verfall des römischen Weltreichs schuf. Die„ Gleichheit", das Organ der deutschen Genossinnen, schließt mit dieser Nummer ihren 17. Jahrgang. Wie in den vergangenen Jahren, so wird die Zeitschrift auch fürderhin die treue Beraterin der Prole heiligen Borne tarierinnen für ihre Beteiligung am Befreiungskampf und die ihrer Klasse sein. Sie wird wie seither mit aller danr Energie und Schärfe kämpfen für die volle soziale ge Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie sie einzig und allein möglich ist in einer sozialistischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigentums- und Wirtschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaftTiden Unterdrückung und Unfreiheit: die whtschaftliche Christentum im Anfang einen starten sozialrevolutionären Das aber verschweigen die eifrigen Prediger, daß das Den Menschen ein Wohlgefallen! In allen Staaten, Einschlag hatte. Die fromme Sage berichtet, das Jesus die sich mit Stolz chriftliche und zivilisierte nennen, stehen Tempel die Wechseltische umstieß sich zwei Klassen in unversöhnlicher Gegnerschaft kämpfend bler mit Geißelhieben von gegenüber: Reiche und Arme, Ausbeuter und Ausgebeutete, ie Worte in den Mund Herren und Knechte. Und die Enterbten und Unterdrückten altigen vom Stuhl und zählen nach Millionen, während die Genießenden und en füllet er mit Gütern Herrschenden nur ein kleines Häuflein sind. Der kapiChristentum wendete talistische Befit aber legt in die Hand der wenigen die an die sozial Ent- Macht, die vielen in ihren Dienst zu zwingen und sich, te ihnen Erlösung auch ohne zu arbeiten, den Löwenanteil an den Früchten rlicher Gesinnung der Arbeit jener anzueignen. Eine Minderheit vermag im Überfluß zu leben, Behntausende und Zehntausende Das Coripentum budete juht etwa sunt zote hungern, frieren, haben nicht, um ihre Blöße zu decken, Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen Wien- licher Inspiration, sondern unter den Drucke sehr irdischer Millionen entbehren und darben, werden vorzeitig an schen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den geschichtlicher Einflüsse. Aus dem hoffnungsschweren Leib und Geist in der Tretmühle der kapitalistischen jetzt herrschenden Eigentums- und Wirtschaftsverhält Glauben der Armen und Elenden vurde es zur Religion Ausbeutung zermürbt. Die Reichtum schaffende Arbeit, nissen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Nicht- der Reichen und Mächtigen, wurde es zur Staatsreligion. die Trägerin aller Kultur ist die Gefangene, die Sklavin besitzenden, der soziale Gegensatz zwischen, Mann und Es predigte den Massen Denut, Ent agung, Unterwerfung, des ausbeutenden Kapitals. Aus einer Freude wird Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Die Auf- an die Stelle des Kommunismus jezte es die Charitas, sie zur Dual, aus einer Ehre zur Erniedrigung, aus hebung dieser Gegensätze kann jedoch nur erfolgen durch die christliche Barmherzigkeit, das Recht gab es für das einem Segen zu einem Fluche für die werktätigen den Klaffenkampf: die Befreiung des Proletariats Almosen preis. Die Speisung der Hungrigen, die Er Klassen. Und wo diese sich gegen die knechtende Gewalt fann nur das Werk des Proletariats selbst sein. höhung der Niedrigen, kurz die ausgleichende Gerechtigkeit des kapitalistischen Geldsacks auflehnen, da lassen die Will die proletarische Frau frei werden, so muß sie verwies es von dem festen Boden dieser Erde in die Herren die Hungerpeitsche auf ihre Rücken niedersausen, luftigen Wolken des Himmels. da brauchen sie rücksichtslos das Schwert der politischen sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung Weil das Christentum sich als ohumächtig erweisen Macht. anschließen. Und nur ihr, keineswegs aber der bürger- mußte, die Gesellschaft umzugestalten, die wirtschaftliche Frieden auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen! lichen Frauenrechtelei, die zwar zugunsten des weib- Grundlage für Frieden auf Erden und allen Menschen Die Arbeiterklasse Deutschlands kann ein Lied davon Lichen Geschlechtes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ein Wohlgefallen zu schaffen, konnte es auch die sittlichen fingen. Die wirtschaftliche Krise beginnt hereinzubrechen, reformieren will, aber grundsätzlich eine Revolution Ideale nicht verwirklichen, die es lehrte. Zweitausend geringerer und unsicherer Verdienst, ja Arbeitslosigkeit der Gesellschaft zugunsten der ausgebeuteten Klaffe Jahre dauert seine Predigt, weit über tausend Jahre verschärft die gewöhnliche Dürftigkeit der Lage und steizurückweist. Die proletarischen Frauen zum Klaffen ist es her, daß seine Herrschaft über die sogenannten gert sie oft genug zur härtesten Not. Eine unerhörte kampf zu rufen und für den Klassenkampf zu schulen, Kulturvölfer fest begritudet ist. In der Zeit feiner Herr Lebensmittelteuerung hat die gleichen bösen Folgen und was wird wie bisher so in Zukunft die vornehmste Auf- schaft haben sich die größten geschichtlichen Umwälzungen dreifache Schmach des christlichen Reiches und der vollzogen. Nicht nur Reiche wurden gegründet und christlichen Herrschenden!-die Teuerungspreise sind gabe der„ Gleichheit" bleiben. Ihrem alten Programm zerstört, der Kapitalismus entwickelte sich und begann fünftlich entstanden, sind das Werk der Regierung und getreu wird sie auch im kommenden Jahre werben für die Erde umzupflügen. Die wirtschaftliche Grundlage der bürgerlichen Parteien, die Wucherzölle festgelegt den Streit, in dem„ ein Hüben und Drüben nur gilt". der Staaten, alles gesellschaftlichen Lebens ist revolus haben, welche nicht bloß die Staatskasse, sondern auch Daneben will jedoch die„ Gleichheit" noch wei- tioniert worden. Die Wissenschaft hat dem Menschen die Taschen schwerreicher Großgrundbesitzer und Indutere Aufgaben erfüllen. Jede Nummer hat eine eine wachsende Herrschaft über die Natur verliehen: in strieller auf Kosten der kleinen Leute füllen. Lockender Beilage, welche, abwechselnd in der Reihe des Er- steigendem Maße vermag er sich ihre Kräfte dienstbar, als sonst türmen sich in der Weihnachtszeit hinter den scheinens, der allgemeinen Bildung der prole- ihre Schäze nutzbar zu machen. Dampf, Elektrizität und glänzenden Schaufenstern nützliche und schöne Sachen tarischen Frau, ihrer besseren Ausrüstung für wirtschaftliche Arbeitsverfahren verringern die Mühe auf. Aber schleicht nicht von dem Laden, in den die die Pflichten als Mutter und Hausfrau ge- feines Schaffens und vermehren dessen Ertrag. Die pelzgeschmückte Dame hineinrauscht, vergrämt die Arwidmet ist und Kinderlektüre bringt, die in Erde ist fruchtbarer geworden. Eisenbahnen und Riesen- beiterfrau weg, der es nicht langt, ihren Lieblingen die schiffe vermitteln den Verkehr und tragen die Früchte nötigen wärmenden Kleider, die ersehnten Spielsachen zu dem stisches Fühlen und Denken fördern soll. Das Blatt der Natur und der Arbeit in fürzester Frist von Land faufen, weil der Verdienst gar schmal und die Lebens zu Land, von Erdteil zu Erdteil. Früher ungekannte, notdurft so teuer ist? Und tauchen nicht hinter dem hat im Laufe des letzten Jahres seinen Leserkreis um ja ungeahnte Reichtümer haben sich angehäuft und prächtigen Kostüm, den reizenden Spielsachen die Gestalten viele Tausende vermehrt. Wir hoffen, daß es sich 1908 nehmen täglich zu. Kurz, die materiellen Vorbedingungen bleicher, ausgemergelter, nach Brot und Schlaf hungerndie alten Sympathien erhält und neue Freunde erwirbt. für das Wohlgefallen der Menschen auf Erden sind heute der Frauen und Kinder auf, deren zitternde, müde Finger Der Preis der„ Gleichheit" beträgt vierteljährlich vorhanden. Alle Hungrigen könnten mit Gütern gefüllt, in der Heimarbeit diese Dinge schufen? Wo ist für sie, ohne Bestellgeld 55 Pfennig. allen nach geistiger Erhebung, nach sozialer Gerechtigkeit wo für alle Ausgebeuteten die Gnade, welche die WeihDürstenden die Sehnsucht gestillt werden. Nichtsdesto- nachtsbotschaft seit langen Jahrhunderten verheißt? Ms weniger scheinen die Verhältnisse um uns herum ein Weihnachtsgabe legen ihnen die herrschenden Brüder blutiger Hohn auf die fröhliche, sel ge Weihnachtsbotschaft in Christo" drohende Aussperrungen auf den Tisch, von der Erlösung der Menschheit welche das Christen welche die bescheidensten Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, vor allem aber die schützenden GewerkProbe- und Agitationsnummern werden jederzeit gratis abgegeben. Eine recht weite Verbreitung der Gleichheit" hofft Die Redaktion und der Verlag. tum verkündet. 226 Die Gleichbett Nr. 26 schaftsorganisationen niederzwingen sollen, dazu noch neue Ausgaben für Flotte und Kolonien, das heißt größere Steuerlasten, ein Vereins- und Versammlungsrecht, in dem die Reaktion weit mehr als der Fortschritt zu Wort gekommen ist; eine Verschärfung der Klassenjustiz, wie sie sich im Prozeß Liebknecht besonders kraß offenbart hat, und andere„Herrlichkeiten" noch. Welch würdige Jünger und Nachfolger des göttlich verehrten Nazareners sind nicht die kapitalistischen Klassen! Dem Proletariat tönt die fromme Verheißung der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit als eitel Lüge und Heuchelei in das Ohr. Es weiß, daß kein Flehen, kein Bitten und Beten seine Erlösung vom Himmel herabbringt, daß es selbst diese auf der Erde erkämpfen muß. Nicht im Ringen gegen die„Sündhaftigkeit der menschlichen Natur" wird es unter dem Kreuzeszeichen des Christentums sich vom Übel erlösen, sondern im Kampfe gegen die kapitalistische Ordnung, geschart um das rote Banner des internattonalen revolutionären Sozialismus. In des Klassenkampfs„Wettern und Flammen" wird sein Heiland geboren: die klare Erkenntnis des sozialistischen Endziels, das nimmerwankende Vertrauen in seine eigene Kraft, der eiserne Wille, seine Ketten zu brechen und eine Welt zu erobern. L. v. Das Budget einer armen Frau. In Gottlieb Schnapper-Arndts wissenschaftlichem Nachlaß fand Or. Zeitlin ein sorgfältig geführtes Haushaltungsbuch einer armen Frau. Der bekannte Sozialpolittker und Wirtschaftshistoriker hatte die Absicht gehabt, es als ergreifende Schilderung des Lebens einer armen Person zu veröffentlichen, gleich dem„Nährikele",* das nach seinem Tode erschienen ist. Or. Zeitlin hat in der„Zukunft" die Arbeit der Öffentlichkeit übergeben. Einleitend bemerkt er dazu:„Frau B. ist eine arme alte Frau, die ein langes Leben der Arbeit hinter sich hat, und die jetzt Armenunter st ützung empfängt. Kein wechselvolles Schicksal. Wir kennen ihr Leben und Erleben, wenn wir einen Tag ihres Lebens kennen; keine interessante Persönlichkeit, keine Proletarierphilosophin: ein schlichtes Frauchen, zäh und gescheit, wie man es eben sein muß, um bis ins Greisenalter den Kampf ums tägliche Brot immer und immer wieder ausfechten zu können." Der verstorbene Gelehrte besuchte die alte Frau fast täglich und konnte sich so von der Richtigkeit der Angaben über ihre Ernährung überzeugen. Nach seiner Schilderung war Frau B. ein Mütterlein im Alter von 74 Jahren. Keine Menschenseele sorgte für die Alte, deren Mann und Kinder schon vor vielen Jahren gestorben waren. Ein langes Leben harter Arbeit lag hinter ihr, als sie vor 18 Jahren die öffentliche Armenunterstützung in Anspruch nehmen mußte. Die Augen wurden trüber und trüber, Nähen und Stricken lohnten nicht mehr! Ende der achtziger Jahre begann die Armenunterstützung mit„wöchentlich 1,50 Mark und einer monatlichen Brotspende"! Als die Augenschwäche zunahm, der Verdienst der alten Frau karger wurde, erhöhte das Armenamt Frankfurt a. M. die Unterstützung„erst auf 2, später auf 3, dann auf 4 Mk., heute sind es wöchentlich 5 Mark"! Die„Brotspende" wurde im Laufe der Zeit durch„Barunterstützung" ersetzt, jetzt erhält die alte Frau dafür„monatlich 2 Mark vom Armenverein"! Nach den genauen Feststellungen Schnapper-Arndts betrug das Totaleinkommen der alten Frau: „vom Juli 1901 bis Juni 1902 238,72 Mark"! „All das, was die Frau zu ihrem Unterhalt braucht, kauft sie sich selbst ein, und sie scheut nicht den weiten, für die Greisin beschwerlichen Weg nach der Markthalle, um durch billigen Einkauf einige Pfennige zu ersparen. Wenn die Armen ausruhen dürfen von den Mühen des Kampfes ums Dasein, müssen sie sich immer noch tüchtig rühren." Dem wackeren Gelehrten war es unklar, ob die alte Frau „ohne ihr Wissen einen kleinen Zuschuß erhält, denn der Mietpreis von monatlich 5 Mark scheint ein auffallend geringer für ihr Zimmerchen, das sie im ersten Stockwerk eines Vorstadthäusleins(Frankfurts) bewohnt, und das verhältnismäßig geräumig und luftig ist". Dem Einkommen der alten Frau steht nun„nach ebenso genauen Ermittlungen 231,59 Mk. an Ausgaben gegenüber. Also noch eine Ersparnis von etwa 7 Mk.? Ach nein: die 7 Mk. fehlen;„eine böse Differenz"! 30 Prozent der Ausgaben entfallen auf Nahrung, 25 Prozent aus Wohnung, 8,5 Prozent auf Heizung und Beleuchtung!—„Daß diesen Ziffern gegenüber die Ausgaben für Kleidung recht niedrig sind, erklärt sich dadurch, daß dieses Konto durch Geschenke einigermaßen entlastet wird; dasselbe gilt vom Mobiliarkonto!" Die arme Alte hat„Gönnerinnen", die ihr zu„Ostern und Weihnachten" Geschenke geben, auch kann sie„etwa IS Mahlzeiten in einer Familie einnehmen, für die sie damals noch strickte". Sehr richtig bemerkt der Verfasser:„Die Zusammensetzung der Ausgaben bestätigt nur aufs neue, daß bei kleinen und kleinsten Einkommen ein verhältnismäßig hoher Bruchteil auf Befriedigung der absolut notwendigen Bedürfnisse verwendet werden muß!" Das alle Mütterchen muß ja 60 Prozent » G. Schnapper-Arndt.„Vorträge und Aussätze". Herausgegeben von Or. Zeitlin. Tübingen 1S0S. ihres Einkommens für Nahrungsmittel aufwenden, obgleich sie noch beschenkt wird und so billig einkauft. Da„sie sich nicht um die hohe Politik kümmert," wie sie erzählte, so weiß die Alte sicher nichts vom Brotwucher, der ihr die notwendigsten Lebensmittel verteuert, in der Zeitung(jedenfalls„General-Anzeiger"), die„ihr die Nachbarn leihen" liest sie hauptsächlich das„Lokale", das„Vermischte";„auch in dem religiösen Sonntagsblättchen, das sie gratis erhält, liest sie fleißig, denn Frau B. ist eine fromme Frau"! Sehr treffend bemerkt der Gelehrte weiter:„Mit einem Jahresbudget von 133,34 Mk. für Nahrung auszukommen und dabei satt zu werden, ist gewiß keine Kleinigkeit!" Doch etwas von dem„langen" Küchenzettel der alten Frau:„17. August 1901: Kaffee und 1 Brötchen. Gekochte Kartoffeln und Reineclauden. 4 Uhr: Brötchen. Abends: Kaffee, 1 Brötchen, Brot mit Reineclauden."—„15. September 1901: Kaffee, 1 Brölchen. Suppe von Mehlkloßbrühe mit Brölchen, Schmalzzwiebeln, Mehlklöße und Zwetschgen, Kaffee. 4 Uhr: Zwetschgenbrot und gewärmten Kaffee. Abends: Kaffee, 1 Brötchen."—„23. Oktober 1901: Kaffee, 1 Brötchen. Gewärmte Erbsensuppe, Kaffee, Butterbrot. 4 Uhr: Brötchen. Abends: Tee und Butterbrot." So geht es fort. Sorgsam wird jede Tagesausgabe auch im„Gewicht" registriert! Halt, ein Feiertag!„25. Dezember 1901(Weihnachten!): Kaffee und Kuchen(geschenkt!). Mittags: Suppe von Kalbsfuß mit Brötchen, Schweinebraten und Kartoffeln. 2 Uhr: Kaffee und Kuchen. Abends: Kaffee und Kuchen!"— So mußte die alte Frau leben, da sie ja mit 138,34 Mk. im Jahre ihre Nahrung zu bestreiten hatte! Der Verfasser wirft mit Recht die Frage auf:„Ist es möglich, daß ein Mensch bei solcher Ernährung überhaupt leben kann?" Und er antwortet:„Man kann bei einer solchen Ernährung nicht leben!" Und doch mußte die Alte davon leben! Hochinteressant ist die folgende Ausführung des Gelehrten: „Aus einer Tabelle, die ich mit der gehörigen Vorsicht aufgestellt habe, geht hervor, daß Frau B. an nutzbaren Nährstoffen pro Tag durchschnittlich zu sich nahm: Eiweiß 39, Fett 43, Kohlenhydrate 227 Gramm; was insgesamt etwa 1491 Kalorien" entspricht." „Da das Gewicht der Frau kurz nach Beginn der Beobachtung 49'/« Kilo(also nur 99 Pfund) betrug, und da nach neueren, sehr gründlichen Untersuchungen(Neumann: Archiv für Hygiene, Band 45) pro K'>-(eicht arbeitenden Person täglich erforderlich'" Fett 1,21, Kohlenhydrate 4,29 Gramm' ausreichende Nahrung aus'»t- halten: Eiweiß 53, s 1 Gramm, was ungefä" „Chronische U in dürren Worten l c Frau B.!„Lebt si s, das Nur wenigen I s Alters durchaus"ich Das ider soa uns nii c Wenn nnr auch oft und gern das Leben gegen die Theorie ausspielen, diesmal wollen wir doch lieber glauber. daß die Theorie im Recht ist, wenn sie die Überzeugung, n�an könne sich das Essen. gänzlich abgewöhnen, licht teilen will!" Bei den öfteren Bäuchen—„das alte Frauchen freute sich auf diese Plauders! mdchen"— erfuhr der Gelehrte auch Frau Bs. Lebensgeschi te. In der ehemaligen freien Reichsstadt Frankfurt a. M. ist sie als Tochter eines kleinen Beamten ihrer Vaterstadt geboren. Hier hat sie auch ihr ganzes Leben zugebracht. Sie war noch ein junges Ding, als der Vater starb; nun hieß es: Verdienen! Die zu Hause erworbene Geschicklichkeit im Nähen und Stricken erleichterte die Berufswahl—„sie wurde Näherin".„Nähen war und blieb ihre Hauptbeschäftigung, die während ihrer zehnjährigen Ehe manchmal ruhen mußte. Die Pflege der vier kranken Kinder(sie alle sind früh gestorben) und des leidenden Mannes ließ ihr wohl kaum viel freie Zeit." Als Witwe mußte sie wieder fleißig nähen, und„erst als die alten Augen sich zu trüben begannen, legte sie Nadel und Faden nieder". Sie übernahm gelegentlich Aufwartedienste und war auch als Zeitungsttägerin tätig. Und welchen Lohn empfing sie„bei einer meist elf- stündigen Arbeitszeit" als Näherin? In den ersten Jahren arbeitete sie in den Häusern der Kunden gegen einen Taglohn„von 30 Kreuzern und Beköstigung". Später arbeitete sie im Stücklohn für ein Geschäft und stieg„bis zum Wochenlohn von etwa K Gulden".„Aber mehr als 10 Mk. wöchentlich hat sie auch nach 1870 nie verdient, und um nur leben zu können, mußte sie schon den Sonntag zu Hilfe nehmen!" Als Zeitungsträgerin verdiente sie monatlich 15 Mk.—„doch da das vornehmste Viertel der Stadt ihren Bezirk bildete, so hatte sie aus Meß- und Neujahrsgeld eine ansehnliche Nebeneinnahme". Sie konnte dieses Geld„damals besonders gut gebrauchen, denn ihr Mann war schon so leidend, daß er nichts mehr verdienen konnte". * Eine Kalorie ist die Wärmemenge, die imstande ist, die Temperatur von einem Liter Wasser um einen Grad Celsius zu erhShen. Die Nahrungsmittel gehe» im Körper eine Verbindung mit Sauerstoff ein, sie verbrennen und erzeugen dadurch Wärinc, die Körperwärme. Man kann deshalb den Nährwert eines Nahrungsmittels nach der Wärmemenge berechnen, die es beim Verbrennen erzeugt, und so alle die vcrschieivnen Nährstoffe gewissermaßen auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Dieser gemeinsame Nenner ist eben die Kalorie. Ein Gramux Fett zum Beispiel genügt, um einen Liter Wasser um ungcsa r neun Grad Celsius oder neun Liter Wasser um einen Grad elfiuS wärmer zu machen. Ein Gramm Fett stellt daher zirka n- � Kalorien dar. el Jetzt lebt Frau B. von Armenunterstützung, auf die sie völlig angewiesen ist. Die Eisenbahn hat sie nur einmal in ihrem Leben benutzt,„nur einmal fuhr sie zu kurzem Besuch von Verwandten nach Hanau, das mit der Eisenbahn in Dreiviertelstunden bequem zu erreichen ist".„Ganz in der Nähe ihrer Vaterstadt liegen Deutschlands schönste Gaue; sie hat sie nie durchwandert. Nur eine Stunde braucht man, um an den Rhein zu gelangen, sie hat ihn nie gesehen!" Aber auch von dem, was die Stadtmauern umschließen, hat sie wenig gesehen. Auf alle Fragen des Gelehrten stets ein„Nein" als Antwort! Nur einmal war Frau B.„im Theater"!—„Konzerte und Museen, Palmengarten und Zoologischer Garten sind ihr fremd!" Das war ihr Leben! Arbeit! Arbeit! Jetzt ist sie meist an das Zimmer gefesselt.„Im Winter geht sie bald nach, Eintritt der Dunkelheit ins Bett, um Licht und Heizung zu sparen!" Die großen Dichter unseres Volkes kennt Frau B.„nur dem Namen nach", sie las gerne— Romane,„die aus dem Leben gegriffen sind". So lebt sie dahin! Im Eingang seiner Schilderung bemerkt der Gelehrte: „Die Zahl derer, diedasselbeLebensührenwie diese Frau, ist Legion! Frau B. repräsentiert einen Typus; und das Typische interessiert immer!" Und zum Schlüsse des interessanten Artikels heißt es:„Ich nahm Abschied von der Greisin und ging.— Doch als ich dann kurz nach Feierabend die endlos lange Vorstadtstraße wieder zurückfuhr und von der Arbeit erschöpfte Männer und Frauen mit schweren Schritten an mir vorüberzogen, da wurde mir klar: Ein anderes ist es, in beschaulicher Ruhe zurückzublicken auf ein Leben, das uns zu wünschen nur wenig übrig ließ!" Sehr wahr! Frau B. führte bis ins Greisenalter den schweren Kampf ums Dasein! Freudlos war ihre Jugend, ihre Ehe, ihr ganzes Leben. Hunger und Arbeit! Das Budget einer armen Frau spiegelt das harte, trostlose Schicksal von Millionen wieder. Ed. Gräf. Notsignale in der Textilindustrie. Die Not klopft an die Türen des Textilproletariats. Bald wird sie in die dürftigen Wohnungen einziehen und unsagbares Herzeleid verursachen. Die letzten Jahre waren Jahre der Hochkonjunktur. Seit zwei Jahrzehnten hatte die deutsche Textilindustrie einen gleich guten Geschäftsgang nicht gekannt. Alle Zweige der Industrie partizipierten an dem Aufschwung. Neue Fabriken wurden gebaut, alte wurden vergrößert. Millionen neuer Spindeln wurden in Betrieb gesetzt. Die Zahl der in den Textilfabriken beschäftigten Personen steigerte sich um viele Zehntausende, die Zahl der Arbeitslosen ging zurück. Ganze Scharen polnischer Landarbeiter, ungarischer, italienischer, tschechischer und holländischer Proletarier wurden durch Agenten in divJndustrie- gegenden transportiert, um an sausenden Maschinen dem industriellen Kapital dienstbar gemacht zu werden. Aber all diese Scharen genügten noch nicht. Trotz des gewaltigen Zuzugs schaffensbereiter Hände waren die Blätter der Unternehmer, die Berichte der Gewerbeinspettoren und der Handelskammern voll von Klagen über„Arbeitermangel". Diese„goldene" Periode geht ihrem Ende entgegen. Aufs neue wird der industrielle Zyklus abschließen mit einer Periode des Niederganges, der Krisis. Seit Monaten schon meldeten die Fabrikantenblätter ein Nachlassen des Einganges neuer Aufttäge. Das stürmische Verlangen der Käufer nach Lieferung der bestellten Waren, welches die Unternehmer sich in den letzten Jahren kaum erwehren konnten, flaute ab. Aber noch dachte niemand an eine Krisis. Die Unternehmer glaubten im Gegenteil aus jenen Symptomen erkennen zu dürfen, daß jetzt erst wirklich gesunde Verhätt- nisse in der Industrie sich entwickeln würden. Da kam der Krach in Amerika, die Vorgänge auf dem dortigen Geldmarkt, der Zusammenbruch vieler Geldinstitute und die Rückwirkung dieser Ereignisse auf das deutsche Wirtschaftsleben. Jetzt erst erkannten die Unternehmer, daß die Krisis bevorsteht. Wenn ihre Fachpresse noch vor wenigen Wochen schrieb:„Bricht's auch, bricht's nicht mit uns!" so bezeichnet sie jetzt die Situation als„Hochernst" und fordert auf, sich auf die„stille Periode" vorzubereiten. Ganz besonders wirkt naturgemäß die amerikanische Finanzkrisis zunächst auf jene Zweige der deutschen Textilindustrie ungünstig zurück, welche in den Vereinigten Staaten ein wichtiges Absatzgebiet besitzen. Das ist vor allem in der Wir kerb ran che der Fall. Vom Januar bis September 1907 wurden aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika 31017 Doppelzentner baumwollene Strümpfe exportiert. Diesem Quantum stehen 30 541 Doppelzentner gegenüber, welche nach den übrigen Ländern ausgeführt wurden. Die Vorgänge in Amerika konnten die deutsche Wirkerei nicht unberührt lassen. Die Wirkungen zeigen sich zunächst im sächsischen Erzgebirge, dem größten Produktionsgebiet der deutschen Wirkerbranche. Wohl wird noch immer fieberhaft gearbeitet. Trotzdem sieht es sehr bedenklich aus, vor allem in der Strumpfbranche; Nachfrage gibt es fast gar nicht mehr. Es sind alte Aufträge, deren Ausführung die Unternehmer noch auf Monate hinaus beschäftigen wird. Aber die Abnehmer bereuen, sich so weit eingedeckt zu haben. Jede Unpünktlich- keit in der Lieferung, jeder sonstige kleine Mangel führt zur Annullierung der Aufträge unv zur Zurücksendung der Waren. Die Folge ist eme recht emsige Tätigkeit in der Wirkwarenfabrikation. Man drängt und treibt, um nur ja die gewonnenen Aufträge rechtzeitig zum Versand zu bringen. Nr. 26 Die Gleichkeit 227 Die Unternekmerpresse täuscht sich nicht mehr über die Situation. Sie saqt offen, daß die Zeit nicht mehr fern sei, in welcher die Arbeit nicht mehr Hände brauche, sondern die Hände Arbeit suchen. Und schon tritt das um seinen Profit besorgte Unternehmertum an die Arbeiterschaft heran und will ihr Reduzierung der Löhne anbieten. Die Löhne der erzgebirgischen Wirker sollen bis zu 20 Prozent herabgesetzt werden! Es gehört die ganze der Kapitaliitenklasfe eigene Menschenverachtung dazu, um in einer Zeit skandalöser Lebensmittelteuerung einer gedrückten Arbeiterschaft ein solches Ansinnen zu stellen. Im Erzgebirge werden in der Wirkerei gegen 30 Ovo Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. In früheren Jahren wurde die Arbeit zumeist im Hause verrichtet. Heute ist das zum größten Teil anders geworden. Große Fabriken wurden gebaut. Aus den schön gelegenen Gebirgsdörfern ragen mächtige Schlote empor. Wie alle Industrien ist auch die Wirkerei dem Wechsel der Konjunktur unterworfen. Aber wenige Industrien dürsten durch die infolge der Zollpolitik heraufbeschworenen Störungen so außerordentlich in Mitleidenschaft gezogen worden sein wie die erzgebirgischen Wirkereien. Furchtbar waren die durch die Mac Kinley-Bill verursachten Leiden. Erst das letzte Jahrzehnt brachte Besserung. Rastlos, in fieberhafter Tätigkeit schanzen jetzt die bleichen Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Unternehmer heimsten hohe Gewinne ein, und ihre Fachpresse war voll des Jubels über die„goldene Zeit". Man braucht nur in die sonst so einfachen Gebirgsorte Thalheim, Neukirchen usw. zu gehen, und man erkennt an den prächtigen Villen und den mächtigen Fabriken, daß hier viel Geld verdient worden ist. Was Wunder, wenn auch im Arbeiter das Verlangen rege wurde, ein wenig mehr vom Ertrag seines Schaffens zu erlangen. Dieses Verlangen führte ihn schließlich in die Organisation. Die erzgebirgischen Arbeiterinnen und Ar- bester, welche so lange abseits gestanden hatten, kamen in großen Scharen, stellten sich in Reih und Glied und erlangten schließlich Lohnerhöhung und den Zehnstundentag. Es war wenig, was die Arbeiter erreicht halten. Aber sie wußten: alles, auch daS kleinste Zugeständnis muß erkämpft werden und stärkt zu neuem Kampfe. Dieses wenige soll jetzt wieder genommen werden. Die Unternehmer, welche im Verkehr mit den Arbeitern vielfach noch das trauliche „Du" anwenden, wie es umgekehrt auch der Arbeiter tut, glauben, so wie es in früheren Jahren der Krise war, werde es auch jetzt wieder sein. Der„vertrauensselige" Arbeiter werde sich alles ruhig bieten lassen. Aber die vertrauensseligen Lohnsklaven sind jetzt selbstbewußte Menschen geworden. Sie sind erwacht zum Klassenbewußtsein und werden ihre ganze Kraft aufbieten, um das Unheil abzuwenden. Das Vorgehen der Wirkereibesitzer muß die Textilarbeiter mahnen, sich fester um das Banner ihrer Organisation zu scharen. Die Arbeiterschaft geht ernsten Zeiten entgegen. Die Baumwollspinnereien, einer der wichtigsten Zweige der Textilindustrie, haben schon seit Monaten neue Eingänge von Aufträgen nicht zu verzeichnen. Sonst ist von einer Krisis hier noch nichts zu spüren. Die Fabriken sind mit alten Aufträgen bis ins vierte Quartal ISO« versehen. Ahnlich sieht es in den meisten übrigen Zweigen der Baumwollbranche aus. Trotzdem ist die Lage sehr unsicher. Vor allem fürchten die Unternehmer seit dem vor kurzem erfolgten Rückgang der Rohstoffpreise einen weiteren Preissturz. Hier zeigt sich so recht, welch eine„verkehrte Welt" doch die Welt des Kapitalismus ist. Seit Jahren jammern die Unternehmer über die hohen Baumwollpreise. Jede Lohnforderung der Arbeiter glaubten sie mit dem Hinweis auf die hohen Rohstoffpreise ablehnen zu können. Tausende Mütter, die nicht wissen, wie sie das Geld für die benötigten Hemden, Schürzen, Jacken und Strümpfe ihrer Kinderchen austreiben sollen, sehnen die Zeit herbei, wo die Baumwollstoffe wieder billiger werden— die Unternehmer aber sehen mit Grauen dieser Zeit entgegen, weil ein weiterer Preisrückgang den Bankerott zahlreicher Unternehmungen zur Folge haben und den Hereinbruch der Krise beschleunigen müßte. Sehr schlimm sieht es in der Tuchindustrie der Lausitz aus. Hunderte Webstühle stehen still. Hunderte Arbeiter wurden entlassen, andere Hunderte arbeiten„kurze Zeit". Glücklich, wer in der Zeit der guten Konjunktur einige Mark zurücklegen konnte. Aber schnell werden sie aufgezehrt sein, und der Mangel wird den gedrückten Proletariern den letzten Rest von Lebensfreude rauben. In dieser Zeit der hereinbrechenden Krisis wird es doppelte Pflicht der Arbeiterinnen und Arbeiter, fest zu ihrer Organisation zu stehen, ihr neue Streiter zuzuführen, sie zu stärken und zu kräftigen. Wenn erst die Krisis in voller Schärfe eingesetzt hat, wenn der Hunger den brutalen Krieg der Konkurrenz unter den Arbeitern entfesselt, wenn der Kapitalist die Konkurrenz unter den Arbeitern in seinem Interesse auszunützen, die Arbeitsbedingungen zu diktieren und den Lohn zu kürzen sucht: dann wird sich zeigen, daß die Berufsorganisation inst ihren Unterstützungseinrichtungen und ihren Kampsfonds sehr wohl den Proletarier einigermaßen zu schützen vermag. Auch in der Zeit der Krisis muß der Gedanke der Solidarität aller Ausgebeuteten und Unterdrückten sich durchsetzen. Die Tausenden neugewonnenen Mitglieder müssen erfüllt werden vom Geiste des Sozialismus. Sie müssen erzogen werden zu bewußten Gliedern der großen Armee, welche eine Ordnung erstrebt die die Krisen mit ihrem Jammer und Elend unmöglich macht. Mögen besonders unsere Frauen und Mädchen ihre ganze Kraft für dieses Ziel einsetzen. Die Arbeiterinnen der Textilindustrie haben bewiesen, daß sie auch unter den mißlichsten Verhältnissen, im Kampfe gegen einen brutalen, vor keinem Mittel zurückschreckenden Feind die Organisation zu halten und zu kräftigen imstande sind. Der Name Crimmitschau ist Beweis. In den kommenden Tagen darf es kein Rasten geben. Schließen wir unsere Reihen! Gebrauchen wir die Schwerter, die unsere großen Vorkämpfer uns geschmiedet haben. Arbesten wir, lernen wir, kämpfen wir! Wer eine Zung' hat und spricht nicht, Wer eine Kling' hat und ficht nicht, Was ist der wohl, wenn ein Wicht nicht? H. Jäckel-Berlin. Alenbrook.* Unser Freund Brand— so dürfen wir ihn wohl nennen, da wir seine Briefe in der Kinderbeilage gelesen und ihn daraus liebgewonnen haben— legt uns eine prächtige Weihnachtsgabe auf den Tisch.„Ulenbrook" nennt er das Büchlein, denn in Ulenbrook,„wo Wald und Heide aneinander grenzt", hat er sich ein stilles Plätzchen erworben, an dem er„ungestört der Natur in ihre Rätselaugen sehen und in aller Stille ihrer rastlosen Entwicklung folgen kann". Dort hat er sich ein schlichtes Häuslein erbaut, dem er als Leitwort gab:„Lat mi tofreden!" Ringsherum wurde dies und jenes angepflanzt, um entweder zur genaueren Beobachtung zu dienen oder, wie die hellen Laubbäume, einen bestimmten Ton in die Landschaft zu bringen. Was er in Ulenbrook der Natur ablauschte, was er oft mit unsäglicher Geduld beobachtete, davon erzählt er seinen Freunden in einer Reihe von Briefen. Er beginnt im Februar mit den Vorbereitungen zu seiner Anlage, mit Pflanzen, Graben und Bauen, und in den kommenden Frühlingsmonden weist er uns auf das Knospen und Werden hin, er zeigt uns im Sommer gleichsam den Höhepunkt des Kreislaufs, wenn selbst die schlichte Heide in königlichem Purpur prangt, wir beobachten mit ihm, wie die Fülle der Früchte reift, und wie dann gegen Anfang des Winters das Sterben beginnt, bis wir ihn endlich im Rauhfrost und im tiefen Schnee nach seinem Ulenbrook begleiten. Jeden seiner zwölf Briefe weiß ver Verfasser zu einem Kapitel zu gestalten, aus dem wir, seine jungen und alten Freunde, irgend ein besonderes Gebiet der Naturbeschreibung näher kennen lernen. Die Art, in der Brand zu uns spricht, ist nicht die ermüdende, im schlechte» Sinne schulmeisterliche, das heißt langweilige, wie wir sie leider in einer großen Anzahl belehrender Bücher finden; nein, Ulenbrook ist mit dem Herzen geschrieben und geht zu Herzen. Gibt uns der Verfasser doch weit mehr als eine Reihe zoologischer und botanischer Kenntnisse. Gewiß, solche Kenntnisse gibt er uns auch, aber seine Gedanken suchen die äußeren Geschehnisse zu durchdringen, wollen die Jugend, für die das Buch in erster Reihe geichrieben ist, zum Nachdenken über die sie umgebende Welt führen und bieten ihr so in der Tat eine große Reihe von Anregungen, die ihr not tun. Wie gut weiß er uns die Torheit des Aberglaubens vors Auge zu stellen, zum Beispiel wo ev von. Sleinkäuzchen(Tstenhuhni erzählt; wie nimmt er sich der Unbedeutendsten, der Geächteten unter den Lebewesen an(siehe S. 31 unten oder S. 42 von den Schlangen); ernst und tadelnd äußert er sich über das Sammeln der Kibitzeier, über die Sammelwut der Kinder, das„Schießen" und„Knallen" ohne Sinn. Weit ist auch seine Auffassung, wo er darüber spricht, wie die Menschen so töricht den Wert der einzelnen Geschöpfe nur danach messen, inwiefern sie ihnen nützlich oder schädlich sind. Solche köstlichen Abschweifungen finden wir in dem Buche oft, und wenn wir das Ganze durchgelesen haben, wissen wir, warum sie gemacht worden sind, und daß uns Freund Brand seinen ganz bestimmten Weg gehen heißt. Im Kreislaufe des Jahres schließt sich an die Zeit des Knospcns der Pflanzen und des Liebeswerbens der Vögel die Zeit, da aus der Blüte die Frucht, da aus dem Ei das Vöglein wird. Ernst und innig spricht da der ältere Freund zu der Jugend von dem„Werden", von dein tiefen Sinn der Fortpflanzung der Arten, er beginnt mit dem Nußstrauch, wo aus Blütenstaub und Fruchtboden, gleichsam aus Vater und Mutter, die kleine Nuß entsteht, er geht zu dem Tierreich über, wo dem Kinde das Ei und das Kücklein bekannt wird, so daß es gerne wissen möchte, wie und woraus das kleine Lebendige wird; Brand sagt es dem Kinde, daß auch beim Säugetier und beim Menschen ein ähnliches Werden vorliegt. Wieder und wieder, bei Pflanze, bei Tier und Mensch läßt er es ehrfürchtig stillstehen vor dem, was als großes Rätsel erscheint, vor dem Leben. Das alles ist so rein und groß dargestellt, daß zedes unverdorbene Kind die betreffenden Ausführungen mit Ehrfurcht lesen wird. Neben diesem sehr bedeutenden Kapitel(S. 2V— 26„Als alle Knospen sprangen") hebe ich noch besonders hervor„Ter Kampf ums Dasein"(S. 4S ff.) und„Natürliche Zuchtwahl"(S. SS ff.). Beide Kapitel stehen in innerem Zusammenhang; denn durch den harten Kampf ums Dasein werden von den Millionen und Milliarden Keimen zu Lebewesen nur die lebenstüchtigsten ausgewählt. In dem Kapitel über die Zuchtwahl werden die Hauptgedanken der natürlichen Schöpfungsgeschichte und der Entwicklungslehre soweit kurz behandelt, als Kinder befähigt sind, sie aufzunehmen. Das sind nur einige Beispiele aus dem reichen Schatz der Anregungen, die in„Ulenbrook" geboten sind, und vieles gleich Gute muß unerwähnt bleiben. Das Lesen der Brandschen Briefe sei allen empfohlen, die, ob alt ob jung, Freude an der Beobachtung der Natur haben, und wenn von den Lesern das Buch mit dem Wunsche aus der Hand gelegt wird:„Wir wollen auch solch ein Ulenbrook haben", so wird das dem Verfasser der beste Dank und zugleich Aufforderung sein, seinen Freunden auch weiterhin beratende Briefe zu schreiben. __ Elisabeth Hartmann-Harder. * Brand, Ulenbrook, Verlag der Buchhandlung Vorwärts, Berlin. Preis 1,50 Mk. Wahlreformen und Frauenstimmrecht in Oldenburg. Das Großherzogtum Oldenburg steht in dem keineswegs wohlverdienten Rufe, liberal regiert zu werden. Denn nur die schwärzeste preußische Reaktion, die sich in der nächsten Nachbarschaft des Landes gar zu aufdringlich bemerkbar macht, läßt die Oldenburger Verhältnisse relativ rosig erscheinen, viel rosiger, als sie in Wirklichkeit sind. So kennt Oldenburg allerdings kein Herrenhaus und kein Zweikammersystem; aber wenn es auch im Lande keine herrschenden Junker gibt, so sind die das Regiment führenden Großbauern nicht weniger waschechte Agrarier und Reaktionäre als diese, wenn sie sich auch zum Teil liberal nennen. Gewiß ist das oldenburgische Landtagswahlrecht besser als das preußische, da es kein Klassensystem kennt und allen Staatsbürgern gleiches Stimmrecht gewährt. Aber bei den wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes und dem auf lange Zeit hinaus festgelegten Überwiegen der großagrarischen, sehr gut situierten Bauernschaft ist der Regierung auch ohne Dreiklassensystem eine agrarische Landtagsmajorität sicher- Das aber selbst dann, wenn an die Stelle des indirekten Wahlrechts das direkte treten sollte, wie es der Gesehentwurf vorsieht, der von der Regierung der Kammer vorgelegt worden ist. Dieser Gesetzentwurf darf nicht zu hoch eingeschätzt werden. Das indirekte Wahlrecht bietet nämlich der oldenburgischen Reaktion keinen besonderen Vorteil mehr. Auch bei seinem Fortbestand ist die Eroberung der fünf Delmenhorster Mandate durch die Sozialdemokratie bestimmt zu erwarten. Ebenso droht besonders in Delmenhorst das bestehende Gemeindewahlrecht der Regierung gefährlich zu werden, indem ein Sieg der sozialdemokratischen Stadtverordnetenliste bei der nächsten Wahl in sicherer Aussicht steht. Es hat also die oldenburgische Regierung keine große Überwindung gekostet, dem Landtage zwei Gesetzentwürfe vorzulegen, deren erster das direkte Landtagswahlrecht bringt, während der zweite das Proportionalsystem bei den Kommunalwahlen einführen will. Die Absicht, die bei der Einbringung des letzteren Gesetzentwurfs die Regierung leitete, verrät sich darin, daß in Delmenhorst die Stadtverordnetenwahlen bis zur Einführung des Proportionalsystems verschoben worden sind, um einen durchschlagenden Sieg der Sozialdemokratie unter dem bestehenden Wahlsystem zu vereiteln. Daß man auch mit der Einführung des direkten Landtagswahlrechts reaktionäre Geschäfte machen will, geht daraus hervor, daß das Wahlrecht von einem mindestens dreijährigen Aufenthalt im Großherzogtum Oldenburg abhängig gemacht werden soll. Bei der geringen räumlichen Ausdehnung des Landes und der Fluktuation der Arbeiterschaft zwischen Bremen, Delmenhorst, Bant, Wilhelmshaven, Nordenham und Emden bedeutet das eine umfangreiche Rechtlosmachung der Industriearbeiter und eine Bevorzugung der Agrarier und Kapitalisten. Bisher war der Besitz des Wahlrechts nur an die oldenburgische Staatsbürgerschaft gebunden, deren Erlangung von der klassenbewußten Arbeiterschaft natürlich nicht versäumt wurde. Auch die Wahlkreisgeometrie, welche die Agrarier in unerhörter Weise begünstigte, macht sich in dem neuen Gesetzentwurf fast noch krasser breit, als unter dem bisherigen Wahlsystem. Daß unter diesen Verhältnissen die fälschlich liberal titulierte Oldenburger Regierung gar nicht daran denkt, das Frauenstimmrecht bei den Landtags- und Kommunalwahlen einzuführen, liegt auf der Hand. Nichtsdestoweniger haben die Frauen— und man kann ruhig sagen, nur die Frauen des Proletariats— eine rege Agitation für das Frauenstimmrecht anläßlich der Wahlreform entfaltet. Diese Bewegung ging aus von dem Frauenbund Rüstringen— Rüstringen ist die Gesamtbezeichnung der oldenburgischen Vororte von Wilhelmshaven—, dem vornehmlich Arbeiterfrauen angehören, und der sonst nur lokale und wirtschaftliche Zwecke verfolgt. In der bürgerlichen Presse wird dieser Frauenbund gewöhnlich als sozialdemokratisch bezeichnet, weil die Männer der ihm angehörenden Frauen der Mehrzahl nach in der modernen Arbeiterbewegung stehen. Der Frauenbund ist jedoch keine sozialdemokratische Organisation, er ist vielmehr dem bürgerlichen Verband für Frauenstimmrecht angeschlossen und hatte sich mit der Bitte um Überweisung tüchtiger Rednerinnen und Übernahme der Agitation an dessen Vorstand gewandt. Der Frauenbund wollte dadurch auch die bürgerlichen Frauen zur Bewegung heranziehen und namentlich der von„liberaler" Seite zu erwartenden Ausred« die Spitze abbrechen, daß es sich „nur" um sozialdemokratische Parteiintereffen handele. Der Verband sandte die Damen Lida Gustav« Heymann und Martha Zietz aus Hamburg, die in den größeren Städten und Orten Oldenburgs in bürgerlichem Sinne für die Einführung des Frauenstimmrcchts sprachen. In den Versammlungen wurde eine Resolution angenommen, die den Landtag aufforderte, für die beiden Petitionen der Frauen um Einführung des Frauenstimmrechts für Landtags- und Kommunalwahlen einzutreten. Obwohl die Rednerinnen es an Ausfällen gegen die Sozialdemokratie nicht fehlen ließen, stempelten doch die wenigen„liberalen" Politiker, die zu den Versammlungen kamen, die Bewegung zu einer rein sozialdemokratischen, um sie dadurch bei der indifferenten Masse anzuschwärzen. In Jever erklärten sich zwei Blockbrüder direkt gegen das Frauenstimmrecht, und in Oldenburg-Stadt äußerte der freisinnig-volksparteiliche Reichsverbändlsr Reyersbach, daß die Agitation für das Frauenstimmrecht schon dadurch eine» sozialdemokratischen Beiaeschmack erhalten habe, daß sie sich eines Saales 228 Di« Gleichheit Nr. 26 bediene, in dem sonst Sozialdemokraten verkehrten. All das und nicht zum wenigsten die ganz geringe Beteiligung der bürgerlichen Frauen an den Versammlungen zeigt, daß von bürgerlicher Seite aus dem Frauenstimmrecht in Oldenburg kaum ein Interesse entgegengebracht wird. Bezeichnend hierfür ist, daß ein vielgelesenes liberales Blatt die für die Forderung eintretenden Frauen als«verschrobene Frauenzimmer" bezeichnete. Mit dem Hinweis auf den„sozialdemokratischen Beigeschmack" wollen die Liberalen nur ihre Lauheit bemänteln oder ihre direkte Gegnerschaft gegen das Frauenstimmrecht, die sie nur nicht öffentlich auszusprechen wagen. Angesichts der Situation und dem ganzen geschichtlichen Untergrund der Frage entsprechend wäre es richtiger gewesen, wenn die Agitation für das Franenstimmrecht, als eine Forderung, die doch nur von der Sozialdemokratie ernst genommen wird, auch direkt von der Sozialdemokratie geführt worden wäre. Wie verkehrt das Segeln im bügerlichen Fahrwasser war, zeigte sich besonders offensichtlich am 26. November in Heppens in einer Versammlung, die nicht nur als Demonstration für das Frauenwahlrecht, sondern auch für die Einführung des direkten, geheimen, gleichen und allgemeinen Wahlrechts in Preußen gedacht war. In dieser Versammlung wandte sich die Referentin, Fräulein Martha Zieh, direkt gegen die Sozialdemokratie, obwohl die Versammlung fast nur von Anhängerinnen und Anhängern der Sozialdemokratie besucht war! Die oldenburgische Regierung hat zwar bis jetzt noch nicht Stellung zu den Petitionen betreffend Einführung des Frauenstimmrechts genommen, welche dem Landtag eingereicht worden sind. Jedenfalls steht aber schon jetzt so viel fest, daß sie für die Forderung nicht zu haben ist. Auch die agrarische Landtagsmajoritäl steht ihr ablehnend gegenüber. Die in der Presse kursierenden optimistischen Nachrichten über eine bevorstehende weitgehende Wahlrechtsreform rühren daher, daß man außerhalb Oldenburgs die Regierung und die bürgerlichen Parteien des Landes für viel liberaler einschätzt, als sie in Wirklichkeit sind. Bei näherem Zusehen enthüllt sich der ganze oldenburgische Liberalismus als ein fadenscheiniger Scheinliberatismus, hinter dem sich eine kapitalistisch-agrarische Reaktion verbirgt, die kaum weniger schwarz ist als die preußische. Auch in Oldenburg wird es das Proletariat sein, das den Herrschenden eine wirklich demokratische Wahlresorm abtrotzen muß. ck. r. Nachschrift der Redaktion: Wir brauchen angesichts der Tatsachen, welche der Artikel mitteilt, kaum noch besonders zu betonen, daß der„Frauenbund" außerhalb der proletarischen Frauenbewegung steht. Was aber eine Organisation, die sich vornehmlich aus Arbeiterfrauen zusammensetzt, in dem bürgerlichen„Verband für Frauenstimmrecht" zu suchen hat, ist uns unerfindlich. Noch unbegreiflicher wird uns die bürgerliche Hausgenossenschaft des „Frauenbundes", wenn seine Mitglieder tatsächlich die Frauen von Männern sind, die der Mehrzahl nach in der modernen Arbeiterbewegung stehen. Die moderne Arbeiterbewegung — die gewerkschaftliche wie die politische— bekennt sich zu dem Grundsatz deS Klassenkampfes. Nach diesem Grundsatz sollten aber Proletaricrinnen ebensowenig Mitglieder des bürgerlichen Verbandes für Frauenstimmrecht sein, als Proletarier Mitglieder einer bürgerlichen Partei, auch wenn sie sich liberal oder freisinnig betitelt. Uns bedünkt, daß Träger der modernen Arbeiterbewegung die Pflicht hätten, das ihren weiblichen Angehörigen klar zu machen und ihnen nachzuweisen, daß in Deutschland die Sozialdemokratie die zuverlässigste Organisation für Erkämpfung des Wahlrechts aller Frauen ist. Das um so mehr» als erst vor wenig Monaten die Vertreter der politischen und der gewerkschaftlichen Organisationen des kämpfenden Proletariats auf dem Internationalen Sozialistischen Kongreß zu Stuttgart so gut wie einstimmig beschlossen haben, daß auch der Kampf um das Frauenwahlrecht als ein Teil des proletarischen Klassenkampfes für die Demokratisierung des Wahlrechts ohne Bundesgenossenschast mit den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen geführt werden muß. Hoffentlich lassen die Genossen in Oldenburg sich angelegen sein, in betreff der Erweckung und der Schulung des Klassenbewußtseins der Proletarierinnen nachzuholen, was allem Anschem nach bis jetzt versäumt worden ist. Der eifrigsten Mitwirkung der proletarischen Frauenbewegung bei diesem Bestreben dürfen sie versichert sein. Die Bemühungen zur reinlichen Scheidung zwischen bürgerlicher und sozialistischer Frauenbewegung dürften im Lichte der Lehren der Frauenstimmrechtskampagne besonders rasch Erfolg haben. Der Sache des Frauenwahlrechts hat das„unpolitische" Kuddelmuddel nichts genützt, dagegen hat es unter den Massen der Frauen einer Trübung des Klaffen- bewußtseins Vorschub geleistet, statt dessen Klärung zu fördern. Und damit ist die Ehre zu teuer bezahlt, Versammlungen füllen zu dürfen, in denen bürgerliche Damen die Sozialdemokratie schwer anbellen. Die Frauen und die Presse. Überall in d«n Kreisen der klassenbewußten Arbeiter macht sich das Bestreben geltend, noch rühriger wie bisher für die Aufklärung der Massen zu sorgen. Zu diesem Zwecke soll die sozialistische Literatur eine größere Verbreitung finden. Daß neben Büchern und Broschüren vor allem auch die Tagesliteratur, die Zeitschrift und Zeitung, mehr gelesen werden müßte, ist einleuchtend. Die Tagesliteratur leistet ja ebenfalls ein großes und unentbehrliches Stück Aufklärungsarbeit, und das um so mehr, je mehr sie Tagesereignisse und Tagesfragen nicht bloß verzeichnet, sondern vom Standpunkt der sozialistischen Auffassung aus betrachtet, prüft und erklärt. Wie viel auch schon über die Notwendigkeit und Bedeutung geschrieben und gesprochen worden ist, die sozialistische Tageslektüre zu pflegen, bei den Frauen der Arbeiterklaffe stoßen wir leider immer noch auf mangelndes Verständnis für diese Forderung. Viele Frauen bekämpfen die sozialistische Presse, obwohl sie vielleicht noch mehr wie der Mann den Ernst des Lebens kennen lernen und unter dem Drucke zu leiden haben, der dank der kapitalistischen Ordnung auf der arbeitenden Klasse lasiet. Sie haben keinen Sinn für ernste, aufklärende Lektüre, sondern finden mehr Freude an den Klatsch- und Tratschgeschichten der bürgerlichen und der sogenannten unparteiischen Presse. Wenn gar die betreffenden Blätter billiger sind wie die sozialdemokratische Zeitung und noch dazu mehr — Papier liefern als diese, dann sind das für manche Frauen durchschlagende Gründe, dem Manne dafür zuzusetzen, daß er das sozialdemokratische Blatt abonniert hat. Und zu oft noch siegt im Streite der Meinungen darüber die Frau. Die sozialistische Zeitung kommt nicht in das Haus oder kommt wieder aus dem Hause. Das ist gewiß sehr betrüblich, aber ist stets nur die Frau dabei die Schuldige? Meiner Ansicht nach trägt meist wohl auch der Mann eine» großen Teil Schuld daran, daß dem so ist. Er hat verabsäumt, sein Weib aufzuklären. Viele Frauen sind noch in rückständigen Anschauungen aufgewachsen, denken nur über die häuslichen Sorgen nach und können nicht die Wurzel der Übel erkennen, unter denen sie seufzen. So komnit es, daß ihnen auch der Blick dafür fehlt, daß die sozialdemokratische Tagespresse ein Erziehungsmittel der Massen ist und eine Waffe im stampfe für ihre bessere Existenz, wie ihre einstige Befreiung. Der Mann, der eher darüber aufgeklärt wird, muß der Frau die Bedeutung der sozialistischen Presse klarzulegen suchen. Oft kann man aber hören, daß, wenn hierauf das Gespräch kommt, der Mann kurz und barsch seinem Weibe erklärt:«Das verstehst du nicht!" Ist es da noch ein Wunder, daß viele Frauen so wenig Interesse und Sympathie für die sozialdemokratische Presse zeigen? Wer nicht versteht, seine Frau aufzuklären, so daß auch sie politisch denken lernt, der überläßt ihr auch meist die Wahl der Zeitung— um des lieben Friedens willen! Wäre dem nicht so, so würde es ja unmöglich sein, daß in so vielen Arbeiterfamilien noch Zeitungen gelesen werden, die unter dem Deckmantel der„Unparteilichkeit" und des«unpolitischen Charakters" den Arbeiterinteressen feindlich gegenüberstehen und das geistige Leben der Massen verdummen und vergiften.— Gewiß ist es nicht immer leicht, die Frau zum politischen Verständnis zu erwecken. In recht vielen Fällen hält das aber auch gar nicht so schwer, wie der Mann denkt. Es gehört nur vor allem seinerseits der gute Wille und liebevolle Geduld dazu. Notwendig ist auch, daß der Mann den Idealen, für die er Verständnis und Sympathie erwecken will, selbst konsequent dient und seine Handlungen mit seinen Worten in Einklang bringt! Angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen und poliüschen Verhältnisse tut die weiteste Verbreitung der sozialdemokratischen Presse dringend not. Die protzenhafte Kapitalistenklasse, unterstützt durch die gesamte bürgerliche Presse und die behördlichen Organe, sucht jedes Vorwärtsstreben der Arbeiterklasse niederzuhalten. Ihr Profit soll nicht geschmälert, ihre Herrschaft nicht bedroht werden. Große Aussperrungen und Streiks lassen die Schärfe des wirtschaftlichen Klassenkampfes erkennen, die Existenz des«Hottentottenblocks" und seine reaktionären Leistungen beleuchten, ebenso wie der Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, wie sehr sich das politische Ringen zwischen der ausbeutenden und den ausgebeuteten Klassen zugespitzt hat. Mit allen Mitteln und auf allen Gebieten suchen die herrschenden Klassen das Proletariat an seinem Vorwärtsdrängen zu hindern. Und da sollte dieses ruhig, tatenlos zusehen?! Nein! Es muß Waffen schmieden, damit es seinen Befreiungskampf siegreich durchfechte. Es muß die alten, bewährten Waffen neu schärfen und besser gebrauchen.— Eine unserer wichtigsten Waffen ist die Presse! Die sozialdemokratische Presse ist für ihre Verbreitung, wie wir zeigten, zum großen Teil auf das Verständnis der Frauen angewiesen. Genossen, klärt die Frauen politisch auf, damit es ihnen nicht am Verständnis und Sympathie für die sozialdemokratische Zeitung mangle. Und ihr Frauen, die ihr unter der heutigen Gesellschaftsordnung am meisten zu leiden habt, an euch richten wir die Mahnung: Leset keine andere Zeitung als die sozialdemokratische, lest die sozialdemokratische Presse, das heißt eure Presse! E. Lüdke. Aus der Bewegung. Bon der Agitation. Ende November und Anfang Dezember referierte Genossin Wackwitz-Dresden in zwei öffentlichen Versammlungen zu Jllkirch-Grafenstaden und Schiltigheim, die beide sehr gut besucht waren. In der Versammlung zu Jllkirch-Grafenstaden, die für die Arbeiter und Arbeiterinnen der Elsässischen Maschinenbaugesellschaft stattfand, waren die Frauen in so großer Zahl vertreten, wie noch in keiner Versammlung vorher. Genossin Wackwitz hielt ein Referat über die kulturelle Bedeutung der Gewerkschaften für die Arbeiterklasse, das mit großem Beifall aufgenoinmen wurde. In der Debatte schloß sich Genosse Schulenburg den Ausführungen der Reserentin an und teilte unter anderem mit, daß die Arbeiter der Elsässischen Maschinenfabrik einen großen Prozentsatz zu den Lungenkranken stellen. Nachdem noch Genossin Wackwitz die Anwesenden aufgefordert hatte, die Arbeiterpresse zu lesen und sich zu organisieren, verpflichteten sich die Anwesenden einstimmig durch eine Resolution, der Organisation beizutreten und mit aller Energie für sie zu werben. Die Resolution fordert ferner die Verwaltungsstelle des Deutschen Metallarbeiterverbandes auf, unverzüglich mit der Direktion der Elsässischen Maschinenbaugesellschaft in Verbindung zu treten, damit in kürzester Zeit die jetzt herrschende langfristige Lohnzahlung in die mindestens vicrzehntägige umgewandelt wird. Der Versammlung wohnten auch Gegner bei, jedoch meldete sich keiner zum Wort.— In Schiltigheim waren die Frauen gleichfalls zahlreich in die Versammlung gekommen. Genossin Wackwitz referierte hier über«Die Berelendung der Massen und die Jnteressenpolitik der herrschenden Kapitalistenklassen". Ihre Ausführungen machten auf die Versammelten großen Eindruck und lösten wohlverdienten Beifall aus. In der Diskussion wurden Mißstände in den einheimischen Fabriken zur Sprache gebracht. Genosse Ziegler machte auf die mißlichen Lohnverhältnisse in der Elsässischen Konservenfabrik aufmerksam, und ein anderer Diskussionsredner meinte, daß diese Fabrik nicht umsonst stetig in den Zeitungen nach Arbeiterinnen annonciere. Man suche die Arbeiter mit„Wohltaten", wie„Gewinnbeteiligung" oder Arbeiterwohnungen, über ihre Lage hinwegzutäuschen, aber sie würden sich nicht für die Dauer von der Organisation abhalten lassen. Weiter wurde mitgeteilt, daß sich ein Vorarbeiter der Stärkefabrik Schaub Sohn nicht scheut, dann und wann eine Arbeiterin zu verprügeln, und daß in der Farbenfabrik Osinger der Betrieb über Mittag nicht oerlassen werden darf. In allen diesen Fabriken, sowie in der Steinfabrik Hensch müßten trotz der enormen Lebensmittelverteuerung Familienväter für Löhne von 2,6V Mk. bis höchstens 3,5V Mk. pro Tag ihre Kräfte überanstrengen. Die Diskussion förderte noch weitere abscheuliche Mißstände in Schiltigheimer Betrieben zutage. Hoffentlich haben die Versammlungsteilnehmer und Teilnehmerinnen angesichts dieser Zustände den Appell der Referentin beachtet, sich der politischen und gewerkschaftlichen Organisation anzuschließen und die„Freie Presse" zu abonnieren.?. Jahresbericht der Genossinnen des vierten sächsischen Reichstagswahlkreises. Die Genossinnen des vierten sächsischen Reichstagswahlkreises sind mit den Genoffen zusammen organisiert. Sie arbeiten mit ihnen Hand in Hand und sind verpflichtet, alle Veranstaltungen der Organisation zu besuchen. Außer den letzteren fanden im Berichtsjahr 6 öffentliche Frauenversammlungen statt. In den wichtigsten davon wurde über das Kinderschutzgesetz, das Kranken-, Jnvalidi- täts- und Altersversicherungsgesey sowie über das Unfallversicherungsgesetz referiert. Über die erste Hilfe bei Unglücksfällen hielt Herr Or. Kretzschmann einen belehrenden Vortrag. Alle Versammlungen waren gut besucht. Die Genossinnen unterzogen sich sämtlichen Parteiarbeiten. Bei den Vorarbeiten zur Reichstagswahl waren sie tüchtig mit tätig; während der Stichwahl im fünften Kreis verteilten sie auf Straßen und Plätzen Tausende von Flugblätrern. Während die Gegner Schullinder beschäftigten, agitierten für den sozialdemokratischen Kandidaten Frauen. Das wurde allgemein als großer Fortschritt der Partei begrüßt. Zur theoretischen Schulung der Genossinnen hielt Genossin Duncker mehrere Unterrichtskurse über die Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie ab. Die Unterrichtskurse fanden aller 14 Tage in verschiedenen Stadtteilen des vierten Kreises statt- Die organisierten Genossinnen unternahmen einen Ausflug nach dem Konsuniverein„Vorwärts" und einen nach dem Frauengenesungsheim der Ortskrankenkasse Dresden„Alt-Wettins- höhe" in Zitschewig. Die Kinderschutzkommission, die sich aus Genossinnen der drei Dresdener Kreise zusammensetzt, hatte außerordentlich viel Arbeit zu leisten, wird doch das Kinderschutzgesetz in dem industriereichen Sachsen sehr oft umgangen. Ein ausführlicherer Bericht über die Tätigkeit der Kommission wird demnächst in der„Gleichheil" veröffentlicht werden. Als die Milch im Preise stieg, bildete sich eine Kommission von Frauen, die Milchlieferanten ausfindig machten, welche zum alten Preis verkauften. Die Bestrebungen der Genossinnen, die Dienstboten zu organisieren, haben mittlerweile zum Erfolg geführt, wie die„Gleichheit" schon berichtet hat. Zum Schluß sei Genossin Duncker, die jetzt nicht mehr in Dresden weilt, für ihre aufopferungsfreudige Tätigkeit in unserem Kreise gedankt. Sie hat durch ihre lehrreichen Unterrichtskurse so manche Proletarierin zur Genossin erzogen. Frau Lutze. Jahresbericht der Genossinnen des Wahlvereins Bant-Wilhelmshaven. Die Zahl der organisierten Genossinnen hat gegen das Vorjahr leider keine Steigerung erfahren. Schuld daran trägt neben der wirtschaftlichen Depression die sehr große Gleichgültigkeit, die die Genossen der Frauenbewegumg gegenüber an den Tag legen. Hoffentlich schaffen die Beschlüsse und Anregungen des Essener Parteitags hierin gründlich Wandel. Im Berichtsjahr fanden vier Versammlungen für die Genossinnen statt. Eine davon war öffentlich; Genossin Lungwitz behandelte in derselben das Thema:„Die Frau und ihre Stellung zum Staat und zur Gesellschaft". In den anderen wurde referiert über„Die Unfallversicherung",„Die Frau in der Geschichte" und über „Kolonialpolitik". Die„Gleichheit" hatte am Anfang des Berichtsjahres 120 Abonnenten, am Schluß 17v. Sie ist für das neue Jahr obligatorisch eingeführt worden. Die Einnahmen der organisierten Genossinnen, die eine gesonderte Kasse haben, betrugen 463,38 Mk. und die Ausgaben 424,69 Mark, so daß ein Bestand von 38,69 Mk. verbleibt. Wenn wir auch keinen sofort in die Augen springenden Forlschritt erzielt haben, so ist doch kein Anlaß zur Resignation vorhanden. Wir werden weiter rege für die proletarische Frauenbewegung agitieren und hoffen bei unserer Arbeit auf die größtmöglichste Unterstützung der agitatorisch tätigen Genossen am Orte. Dina Buchard t. Nr. 2ki Die Gleichheit 229 Politische Rnndscha«. Mit einer schimpflichen Blamage des Liberalismus, einer beispiellosen Selbstentwürdigung der Blockmehrheit und einer brutalen Vergewaltigung der Minderheit hat die erste Lesung des Etats im Reichstag geschlossen. Auf Befehl Bülows hat der Liberalismus gekuscht und ist über den Stock gesprungen wie ein dressierter Pudel. Und wie der Lakai zu tun pflegt, hat er die Kriecherei vor dem Herrn auszugleichen versucht durch brutale Gewalt gegen die Opposition. Die ersten Tage der Etatsverhandlungen waren wenig geeignet, dem Schöpfer des Blocks Freude zu bereiten. Die Verhandlungen lesen sich wie eine Spottschrift ans das Blockprogramm des Reichskanzlers. Sie sind ein einziges Schauspiel der Uneinigkeit der Blockparteien. Gerade in der wichtigsten Frage, vor welche die Blockpolitik gestellt werden wird, in der Steuerfrage, trat der Liberalismus schroff gegen Konservative und Regierung auf. Und dazu kamen seinerseits Angriffe gegen die preußische Militärbureaukratie wegen ihrer Rolle in der Moltke-Harden-Affäre und was damit zusammenhängt. Es scheint, als ob die National- liberalen sich in gewisser llbereinsiimmung mit Bülow glaubten. So viel ist sicher, daß diese gruudsatzlosen Ge- schästspolitiker nicht aus tugendsamer Entrüstung über die wohlwollend-nachsichtige Behandlung der hochgestellten Homosexuellen des Gardekorps Herrn Paaschs gegen den Kriegsminister v. Einem vorstoßen ließen, der im schönsten Biedermannston immer wieder versichert, daß er von nichts gewußt hat, und daß auch heute noch nichts erwiesen ist. Offenbar handelte es sich um einen Vorstoß gegen die preußische Bureaukratie, die der Blockpolitik abgeneigt ist und lieber mit dem Zentrum rein-reaktionäre Politik machen will, als mit dem Liberalismus reaktionäre Politik, der ein Tröpfchen liberalen Oles beigemischt ist. Der preußische Finanzminister v. Rheinbaben ist längst als das Haupt dieser gegen Bülows Blockpolitik fron- dierenden Bureaukratenkamarilla bekannt. Die plötzliche Begeisterung der Nationalliberalen für direkte Reichssteuern erscheint im Lichte dieser Tatsache als ein taktischer Zug, um den„Vater aller Hindernisse" unmöglich zu machen, wie ein nationalliberales Blatt dieser Tage Herrn v. Rheinbaben genannt hat. Der Liberalismus wollte die Bülow und ihm selbst unbequemen preußischen Minister stürzen, um selbst einige Ministerportefeuillcs, etwas greifbaren Anteil an der Macht zu erlangen. Aber Bülow hat abwinken müssen. Offenbar fühlt er sich nicht stark genug, seine Rivalen und geheimen Gegner aus der Gunst des Kaisers zu verdrängen, nicht stark genug, um mit den Konservativen anzubinden und sie zu einer Blockpolitik zu zwingen, bei welcher der Liberalismus mehr als ein paar" armselige Trinkgelder gegen neue Ausnahmegesetze einlauscht. Der Dienst, den ihm der Liberalismus zu erweisen gedachte, wäre ihm zum Bärendienst geworden, der Stein hätte anstatt die Ministerfronde den Herrn selbst zerschmettert. Wie sehr Bülow in einer Zwangslage war, gehl aus der Meldung eines Wiener Blattes hervor, daß die Herren v. Rheinbaben und v. Einem den Kanzler durch den Chef der Reichskanzlei höchst formell um seinen Schutz gegen die Angriffe der Liberalen ersucht und ihm ihre Portefeuilles zur Verfügung gestellt haben. Wollte Bülow sich nicht der Bezichtigung geheimen Einverständnisses mit den Liberalen aussetzen, war er nicht stark genug, um trotz solcher Beschuldigung über die Fronde zu siegen, so mußte er nun gegen den Liberalismus auftreten. Und nachdem es sich als aussichtslos erwiesen hatte, mit den Liberalen das Spiel zu machen, war die einzige Möglichkeit, die Bank zu halten, die, den Liberalismus recht kräftig einzuschüchtern, so daß er für geraume Zeit jedes Gelüst fahren ließ, im Block mehr zu sein, als der getreue Lakai der Regierung und der von den Konservativen, die an der Schüssel sitzen, gnädigst Geduldete. Tank der Charakterlosigkeit und unsagbaren Feigheit der Liberalen ist diese Spekulation geglückt. Der Liberalismus hat Kotau gemacht vor dem Sessel des Kanzlers und feierlichst aus alle Macht- und Selbständigkeitsgelüste Verzicht geleistet. Er hat anerkannt, daß die Regierung und nicht die Parlamentsmehrheit die Politik zu bestimmen hat. Er hat sich zum geborenen Knecht der konservativen Regierung erklärt und selbst aus das Recht der Kritik an der Verwaltung Verzicht geleistet. Es ist eine Selbstentwürdigung die in der Geschichte ihresgleichen sucht, und daher rst es schließlich begreiflich, daß der Block es nicht über sich brachte, diese Leistung im Parlament durch die Sozialdemokratie rücksichtslos kennzeichnen zu lassen. So wurde denn mit Hilfe eines unentwegten deutschen Freisinns. der die Blockpolitik unter Wahrung seiner Grundsätze mitmachen will— so sagte Herr Wiemer unter unauslöschlichem Gelächter der Minderheit—, die in den Zolltarif- käinpsen geschändete Geschäftsordnung dazu mißbraucht, um der Sozialdemokratie das Wort abzuschneiden. Das Zentrum aber, das Gelegenheit hatte, die Blockbrüder abzustrafen, begnügte sich mit einem wohlfeilen Witz— damit wieder einmal den Beweis liefernd, daß ihm die Möglichkeit einer Versöhnung mit Regierung und Konservativen höher steht als das Interesse des Volkes. Sonst ist aus dieser Etatsdebatte noch die Programmrede des neuen Staatssekretars des �nnern v. Bethmann-Hollweg zu erwähnen. Der gewesene preußische Polizeiminister suchte den Befähigungsnachweis zum Nach- lolger Posadowskys durch Ausführungen zu erbringen, die diplomatisch um alle wichtigen Fragen der Sozialpolitik herumgingen, von dem bekannten nichtssagenden Wohlwollen für die Arbeiterklasse trieften und anstatt konkreter Angaben wohlfeile philosophisch aufgeputzte Gemeinplätze gaben. Wo er deutlicber wurde trat soiort der reaktionäre Kern der offiziellen Sozialpolitik in Erscheinung. Die Regierung plant eine Aktion gegen die Selbstverwaltung der Krankenkassen, die sie schönklingend„Sicherung der Kassen gegen politische Bestrebungen" benamst. Genosse David als Sprecher der Sozialdemokratie stellte diese„Sozialpolitik" ins rechte Licht und brachte sodann einige der schillernden Seifenblasen zum Zerstieben, die Bülow in seiner Antwort auf Bebels Anklagerede zur Erheiterung eines genügsamen Publikums produziert hatte. Die erste Lesung des Neichsvereinsgesetzes hat die Annahme bestätigt, daß der Freisinn voller Blocktreue sich anschickt, die Ausnahmebestimmung gegen Polen, Dänen und Gewerkschaftsbewegung zu schlucken, die der Sprachenparagraph darstellt. Der Redner der Volkspartei, Müller-Meiningen, erklärte, daß seine Partei in der Kommission eine andere, mildere Fassung des tz 7 suchen wolle. Ganz beseitigen lasse der Paragraph sich nicht, denn die Polizei muffe die Möglichkeit haben, polnische Versammlungen zu überwachen. Der Freisinn ist also bereit, seinen Grundsatz: Keine Ausnahmegesetze! aufzugeben. Und er erklärt es für notwendig, daß der Bürger beim Gebrauch des Vereinsrechts unter Polizeiaufsicht gestellt werde, damit er vor Mißbrauch der Freiheit bewahrt bleibe! Der Sprecher der Regierung, Herr Bethmann-Hollweg, ließ seinerseits erkennen, daß diese gar nichts dawider hat, wenn der Entwurf vom Reichstag revidiert wird— natürlich nach rechts! Er forderte indirekt, aber darum doch deutlich genug, die Konservativen auf, den Entwurf durch Beschränkungen des Vereins- und Versammlungsrechts für die Jugendlichen zu verschlechtern. Was denn die Konservativen auch pronipt zugesagt haben. Um so mehr Veranlassung ist für die Arbeiterklasse, in eine energische Protestbewegung gegen den Bastard der Blockpolitik einzutreten. Bemerkenswert ist übrigens, daß außer einem gleichgültigen Antisemiten keine Partei gegen die Gleichstellung der Frauen mit den Männern im Vereinsrecht aufzutreten wagte. Die miserable Finanzlage deS Reichs hindert die nationalliberalen Flottentreiber nicht daran, in der Budgetkommission die Flo ttenv orlage für unzureichend zu erklären und die Regierung aufzufordern, noch um einige hundert Millionen mehr für Schiffsbauten anzusetzen zu Nutz und Frommen der Panzerplatten- und Kanonenfabrikanten. Tirpitz ist natürlich gern bereit dazu, wenn ihm nur die nötige Mehrheit garantiert wird. Im preußischen Landtag ist der Freisinn bereitwilligst auf den Vorschlag eingegangen, seinen Wahlrechtsantrag bis nach Neujahr zu vertagen; die Regierung ist nämlich noch immer nicht mit der Erklärung zu Rande, die sie dazu abgeben will.— In S a ch s e n ist die erste Lesung der Wahlrechtsvorlage der Regierung in der Zweiten Kammer vorgenommen worden. Für die Vorlage ist keine der Parteien, anscheinend soll in der Kommission in der Hauptsache ein vielstufiges Pluralw ahlrecht zusammengeschmiedet werden. Die Sozialdemokratie hat am Sonntag den S. Dezember in einer imposanten Zahl von überfüllten Massenversammlungen gegen diesen Plan protestiert und das gleiche Wahlrecht für alle Großjährigen gefordert. Vor dem Schwurgericht zu Meiningen brach die von der Ordnungspresse gezüchtete Lüge von der sozialdemokratischen Lokalrevolution im Dörfchen Steinbach kläglich zusammen. Der Prozeß gegen 1l„Landfriedensbrecher" ergab klärlich, daß es sich um einen ganz unpolitischen und ziemlich harmlosen Kirmesradau handelte, den der stellvertretende Ortsschulze zudem provoziert hat. Allen Angeklagten wurden mildernde Umstände bewilligt. Hätte die Ordnungspresse, die nun ganz still geworden ist, der Anklagebehörde nicht den Gedanken suggeriert, daß die Vorgänge mit der Sozialdemokratie in Verbindung zu bringen seien, es wäre wahrscheinlich nicht einmal ein Landfriedensbruchprozeß herausgekommen, in dem bei aller verhältnismäßigen Milde der Richter immerhin Strafen verhängt werden mußten, die für die Taten der Angeklagten hart erscheinen. Nicht besser als um die Legende von der Steinbacher Revolution steht's um die Affäre, die Ordnungspresse und Berliner Polizei im holden Verein aus der Auffindung eines Schriftenlagers russischer Revolutionäre in der Pankstraße zu Berlin zu machen versuchten, in dem auch einige Para- bellum-Pistolen nebst Munition lagerten. Das krampfhafte Bestreben, die deutsche Sozialdemokratie beziehungsweise den Parteivorstand in die Sache zu verwickeln, ist in jeder Richtung mißglückt, und die redseligen, von der gefälligen Polizei stets auf dem laufenden erhaltenen Ordnungsblätter sind bereits wieder verstummt. In England hat als Antwort auf die deutsche Flottenvorlage eine Agitation auf Vergrößerung der Flotte eingesetzt— die bekannte Schraube beginnt sich wieder unendlich zu drehen. Die Regierung hat zunächst eine Vorlage auf Ausbau des nach der Nordsee gelegenen Hafens Rosyth zum Kriegshafen eingebracht. In der russischen Duma hat eine Mehrheit von Kadetten und Oktobristen eine Ergebenheitsadresse an den Zaren beschlossen, in der gegen den Willen der Rechten das Wort Selbstherrscher nicht vorkommt. Der Prozeß gegen die SS Mitglieder der sozialdemokratischen Frattion der zweiten Duma wegen angeblicher Verschwörung gegen den Zaren ist auf unbestimnite Zeit vertagt worden, kaum daß er vor dem Ausnahmegericht des Senats unter Ausschluß der Öffentlichkeit begonnen hatte. II. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Kurz vor dem„christlichen Friedenfestc" kommt die Kunde, daß der Arbeiterschaft wiederum ein Riosenkampf bevorsteht. Und ,war sind" die Textilarbeiter, die vor vier Jahren in Crimmitschau in heißem Kampfe ihr Weihnachten feierten, die jetzt wieder hartem Ringen entgegengehen. In Krefeld haben die Arbeiter und Arbeiterinnen der Krawattenbranche angesichts der Lebensmittelteuerung eine zehn- prozentige Lohnerhöhung gefordert, und da diese Forderung von den Unternehmern kurzerhand abgewiesen wurde, sind die Arbeiter von vier Betrieben, ungefähr 380 Personen, in den Ausstand getreten. Darauf hat die Krefelder Unternehmerschaft am 9. Dezember 11000 Weber und Weberinnen ausgesperrt. Das Knallprotzentum der Seidenbarone und ihr Terrorismus geht so weit, daß sie drohen, die Aussperrung auch auf die Arbeiter und Arbeiterinnen der Hilss- industrie, auf Färbereien, Appreturen und Druckereien auszudehnen, falls die Arbeit innerhalb 14 Tagen nicht wieder aufgenommen wird. Und das alles wegen 10 Prozent Lohnerhöhung, die doch wahrlich bei dem Preise der Krefelder Samt- und Seidenwaren so gut wie nichts bedeutet! Vermittlungsversuche des Zentralvorsitzenden des Textilarbeiterverbandes waren erfolglos; nur eine Firma hat eine Lohnaufbesserung bewilligt, für Arbeiter 3 Mk., für Arbeiterinnen 1 Mk. pro Woche. Auch die von uns schon gemeldete Lohnbewegung im Greiz-Geraer Textilbezirk scheint sich zu einem großen Ausstand auszuwachsen. Die Arbeitgeber haben die Forderungen abgelehnt mit der Mottvierung, daß die gegenwärtige ungünstige Geschäftslage es den Verbandsfirmen zurzeit nicht gestatte, eine Lohnerhöhung eintreten zu lassen, zumal erst Anfang des Jahres eine Aufbesserung der Weberlöhne stattgefunden habe. Die Bewegung erstteckt sich auch auf Leipzig, woselbst 10 Prozent Lohnaufschlag und ein Mindestwochenlohn von 2S Mk. für Spinner und von 2S beziehungsweise IS Mk. für Sortierer und Sortiererinnen gefordert wird. Die Unternehmerorgane wimmern, daß die Arbeiter des Greiz-Geraer Bezirkes durch das unsägliche Elend, das der Streik vor zirka 2 Jahren verursacht habe — damals waren 80000 Webstühle außer Betneb gesetzt—, nichts gelernt hätten. Wer in seinem kapitalistischen ttber- mut das„unsägliche Elend" verschuldet hat, davon ist nicht die Rede. Mit dem Erstarken der Organisation beginnen auch Lohnarbeiter, die bisher wenig oder gar nicht von der Waffe des Streiks Gebrauch machen konnten, sich dieses Mittels zu bedienen. So die Gastwirtsgehilfen. In Hamburg haben in einem Hotel die Hoteldiener und in Berlin in einem Cafö die Kellner die Arbeit eingestellt, um den Arbeitgeber zum Verzicht auf die hohen Abgaben zu bewegen, die sie von ihren Trinkgeldern zu leisten hatten. In dem Berliner Cafö mußten die Kellner täglich 3,10 Mk. von ihren Trinkgeldern an den Wirt abgeben, also anstatt Lohn zu erhalten, hatten sie noch einen Betrag abzuliefern, der einem Lohne beinahe gleich kommt. Und was ihnen zugemutet wurde, das ist in vielen Wirtschaften die Regel. Es ist wirklich hohe Zeit, daß sich die Gastwirtsgehilfen und auch die Gehilfinnen gegen solche schmachvollen Zustände in ihrem Arbeitsverhältnis auflehnen. Eine Folge der verzeichneten Lohnbewegung ist es wahrscheinlich, daß der Verband der Caföangestellten seinen übertritt zum Verbände der Gastwirtsgehilfen vollzogen hat. Der Fleischerverband sucht nun auch auf dem Wege des Ausstandes eine Verkürzung der Arbeitszeit für seine Mitglieder zu erwirken. Bei dem Beruf, der in dieser Hinsicht hinter anderen Gewerben weit zurückgeblieben ist, muß der Anfang mit der Festlegung einer 11 stündigen Arbeitszeit gemacht werden. In Lübeck und Geestemünde ist es gelungen, diese Forderung sowie Bezahlung der Überstunden mit 40 bezw. SO Pf. durchzusetzen. Das Schuhmacherfachblatt hat eine Auflage von 40000 Exemplaren erreicht. Danach hat der Verband im laufenden Jahre eine Zunahme von rund 10000 Mitgliedern zu verzeichnen. Ein guter Fortschritt! Die Verbände der in der Nahrungsmittelindustrie beschäftigten Arbeiter streben die Gründung eines Jn- dustrieverbandes an. Vertreter der Bäcker, Brauer, Fleischer und Müller haben letzthin eine Konferenz abgehalten, uni zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Im Prinzip wurde dem Plane der Vereinigung zugestimmt. Die Mitglieder der vier Verbände sollen nun diese Frage in ihren Mitgliederversammlungen diskutieren. Danach wird sich eine weitere Konferenz mit der Sache beschäftigen. In Dresden war es nach dem großen Zigarettenarbeiterinnen streik durch die Gründung einer Lokalorganisation zu einer Zersplitterung der betreffenden Arbeiter und Arbeiterinnen gekommen. Wiederholte Bemühungen des Gewerkschastskartells und der Parteiorganisation haben es nun dahin gebracht, daß eine Angliederung an den Tabakarbeiterverband stattgefunden hat. Eine kürzlich abgehaltene Generalversammlung hatte freilich die Einigung mit Stimmengleichheit abgelehnt. Eine daraufhin beschlossene Urabstimmung brachte eine Stimme Majorität bei zwei Stimmen- enthaltungen. Hoffentlich hält der mit knapper Not zustande gekommene Friede nun um so besser. G Genossenschaftliche Rundschau. Der siebte Kongreß der Internationalen Genossenschafts-Allianz ist Ende September in Cremona (Italien) abgehalten worden. Es war eine sehr gemischte Gesellschaft, die da zusammengekommen war. Neben Vertretern agrarisch-konservativer landwirtschaftlicher Genossenschaften die Delegierten proletarischer Arbeiterkonsumvereine; offizielle Vertreter von acht europäischen Staaten; Minister, aktive und gegangene, als Referenten und Protektoren des Kongresses— was will man mehr! Ganz der Zusammensetzung dieser illustren Gesellschaft entsprechen auch ihre Debatten und Beschlüsse.„Sozialismus" beherrschte zwar 230 Die Gleichhei! Nr. 26 zum guten Teil den Kongreß, aber ein recht eigenartiger. Der Sozialismus nämlich, der von den Wirtschaftsgenossen- schaften die Erlösung der darbenden Menschheit, die Überwindung der kapitalistischen Kultur erwartet. So klang es gleich zu Beginn, als der Bürgermeister des Kongreßortes die Delegierten willkommen hieß. Und der ehemalige italienische Finanzminister Luzzatti sprach den großartigen Gedanken aus, daß Gott und der Staat den Arbeitern helfen müssen. Aber selbst demjenigen, der diese Hilfe verschmähe, bleibe doch immer mit den anderen das „Ziel gemeinsam": die Genossenschaftsbewegung. Und der leibhaftige Minister Tittoni stellte die Kooperation in Gegensatz zum Klassenkampf; aus ihr solle der„soziale Frieden geboren" werden. Man sieht, die Leute hatten schöne Worts auf der Zunge. Der bisherige Präsident der Genossenschafts- Allianz, Herr Henry Wolff aus London, aber betrat realeren Boden, als er davon sprach, daß in dem internationalen Genossenschaftsbund landwirtschaftliche und Konsnmgenossen- schaften einträchtig beieinander wohnen könnten, weil— die Konsumvereine den Großgrundbesitzern„ebensogut Vorteile bieten" wie den Kleinbauern.(In der Praxis liegen in Deutschland die Dinge so, daß die landwirtschaftlichen Genossenschaften, die meist im konservativen Fahrwasser segeln, von den Arbeiterkonsumvereinen nichts wissen wollen.) Man muß schon sehr bescheidene Ansprüche an die Logik der Tatsachen stellen, um solchen Gedanken ohne Widerspruch passieren zu lassen. Es scheint aber niemand widersprochen zu haben, auch von den Vertretern der deutschen Konsumvereine nicht! Zu lebhaften Debatten führte das Thema:„Die Genossenschaft als Helferin der arbeitenden und Land bauenden Bevölkerung im täglichen Leben". Dem ersten Referenten, Genossen Bertrand-Belgien, schwebten die sozialistischen Genossenschaften seiner Heimat vor, denen von den belgischen Sozialisten offenbar ein bedeutender Einstuß auf die Entwicklung zur sozialistischen Ordnung zugeschrieben wird. Man kann das verstehen, ohne dieser Meinung beizustimmen, da die Genossenschaften der Arbeiter in Belgien ein integrierender Bestandteil der sozialdemokratischen Partei sind. Die Resolution Bertrands zog aber die Konsequenzen nicht; offenbar aus Rücksicht auf die neutralen Tendenzen der Konsumvereinsbewegung in anderen Ländern. Die italienischen Genossen, deren Kooperationen ebenfalls sozialistisch sind, nahmen jedoch diese Rücksichten nicht. Garibotti erklärte, die Arbeiter müßten sich der Genossenschaft auch als eines„Instruments im Klassenkamps" bedienen. Seine Resolution stellte allerdings merkwürdige Grundsätze auf, denn sie forderte, daß Konsumproduktiv- und Kreditgenossenschaften„wirkungsvolle Bande der Solidarität" untereinander knüpfen sollen. Das müßte ein sonderbares„Instrument des Klassenkampfes" werde». Wenigstens in Deutschland. Denn hier verkörpern die Kreditgenossenschaften das rückständigste und arbeiterfeindlichste Kleinbürgertum. In Italien mag das anders sein. Eine dritte Resolution wurde darauf von 29 Vertretern der bedeutendsten sozialistischen Genossenschaften Italiens eingebracht. Sie empfahl die Genossenschaften als Mittel zum Klassenkampf, Verwendung ihrer Finanzen zur Förderung der verschiedenen Formen desselben und zur Agitation für proletarische Politik. Diese Forderungen neigen schon mehr zu syndikalistischen Tendenzen. Sie wurden von Verguanini, Sekretär des Gewerkschaftskartells von Reggio Emilia, vertreten. Nach seiner Meinung ist die Wirtschaftsgenossenschaft nicht nur eine, sondern die„vollkommenste und wirkungsvollste Waffe im proletarischen Klassenkampf". Die italienischen Sozialisten, deren Auffassung in der Sache zum Worte kam, überschätzen offenbar alle miteinander die gesellschafts- umbildenden Wirkungen der Genossenschaften und ihren Anschauungen über den Klassenkampf eignet sicher nicht große Klarheit. Den rechten Instinkt für den proletarischen Charakter der Arbeitergenossenschaften haben sie aber zweifellos. Durch ihre Bestrebungen geht ein gesunder Radikalismus, der einer Verquickung mit bürgerlichen Bestrebungen durchaus abhold ist. Die deutschen Delegierten suchten bezeichnenderweise die Situation im Interesse einer butterweichen Neutralität zu retten. Genosse v. Elm brachte folgende vierte Resolution ein:„Der internationale Genossenschaftskongreß in Cremona empfiehlt der arbeitenden Bevölkerung in Stadt und Land die genossenschaftliche Organisation nicht nur deshalb, weil sie dadurch in materieller Beziehung sich wesentliche Vorteile verschaffen kann, sondern auch als wirksames Mittel, ihren wirtschaftlichen Einfluß innerhalb der Gesellschaft stetig zu mehren, sie immer mehr zur Selbstverwaltung auf demokratischer Grundlage zu besähigen und vor allem durch Eigenproduktion landwirtschaftlicher und industtieller Produkte sie allmählich wieder in den Besitz der Produktionsmittel zu setzen und damit dem genossenschaftlichen Prinzip der Solidarität gegenüber dem heute noch allgemein vorherrschenden Prinzip des Egoismus Anerkennung zu verschaffen, und dadurch gleichzeitig die allgemeine kulturelle Hebung der Völker auf der Basis der Humanität und des Fortschritts zu bewirken. Der Genossenschaftskongreß in Cremona empfiehlt der arbeitenden Bevölkerung in den Industrien aller Länder nicht nur Solidarität unter sich, sondern auch gegenüber den Genossenschaften der arbeitenden Bevölkerung auf dem Lande zu üben, indem sie dieselben, soweit möglich, durch Abnahme ihrer Produkte zu fördern bestrebt sind. Endlich empfiehlt der internationale Genossen- schaststag den internationalen Güteraustausch zwischen konsumgenoffenschaftlichen und landwirtschaftlichen Genossenschaften aller Länder, soweit derselbe nicht durch Zollgesetze und Einfuhrerschwerungen gehindert ist." Und zur Begründung der Resolution führte er aus, jeder könne sie unterschreiben:„sowohl der sozialistische Genossenschaftler, der mit Hilfe der Genossenschaftsbewegung nur seinem Endziel, der Umwandlung der kapitalistischen in eine sozialistische Gesellschaft um ein paar Schritte näher zu kommen suche, als auch derjenige Genossenschaftler, welcher durch die Kooperation gerade eben die Sozialdemokratie bekämpfen wolle." Man traut seinen Ohren nicht, von einem Sozialdemokraten solche„Grundsätze" predigen zu hören. Der Kongreß fand einen bequemen Ausweg aus dem Resolutions- „labyrinth": es wurde über keine Resolution abgestimmt. Dem Präsidenten freilich war die Elmsche Resolution die liebste; er wollte ohne Debatte über sie abstimmen lassen. Dagegen protestierten aber die Italiener. Schade um die Zeit und uni das Geld, das dieser Kongreß gekoster hat. Die Arbeitergenossenschaflsbewegung hat er um keinen Zoll weiter gebracht. Es sei denn, man wolle als Gewinn zwei Mandate ansehen, die deutsche Vertreter bekamen. Es wurden nämlich in den Borstand neugewählt: Herr M. Nadestock-Dresden, Vorsitzender des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine, und Genosse v. Elm. Unerwähnt soll nicht bleiben, daß auch ein Referat über „Die Frau in der Genossenschaft" gehalten wurde. In einer Resolution empfahl der Kongreß die Gründung von„Frauengilden" nach englischem Muster. Wir kommen darauf noch besonders zurück.— Die Maßschneiderei derschottischenGroßeinkaufs- gesellschaft hat von der Stadt Dundee den wertvollen Auftrag der Lieferung der Winterröcke und Sommeruniformen für die Polizeimannschaften erhalten. Damit verzeichnet das Departement in diesem Jahre bereits ihren dritten städtischen Auftrag, da auch die beiden Städte Glasgow und Gavan der schottischen Großeinkaufsgesellschaft die Lieferung der Bekleidung für ihre Polizeimannschaften übertragen haben. Hoffentlich fallen die deutschen Mittelständler nicht in Ohnmacht, wenn sie davon erfahren. In Wien hat sich eine Einkaufsgenossenschaft für Beamte und Offiziere konstituiert. Gegenstand des Unternehmens ist die Förderung der wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder, um insbesondere durch die Vereinigung von Produzenten und Konsumenten der verschiedenen Artikel den Mitgliedern Gelegenheit zu bieten, Bedarfsgegenstände aller Art direkt von den Produzenten und Lieferanten in entsprechenden Qualitäten ohne jede Preiserhöhung zu beziehen und die Bezahlung in Raten vornehmen zu können. Der Geschäftsanteil beträgt 10 Kr. Mitglieder des Vorstandes sind„Edelste und Beste der Nation", Fürsten, Exzellenzen, Freiherren usw., also keine Arbeiter und Sozialdemokralen. Ein fetter Bissen für die Mittelständler! U. Ist. Notizenteil. Dienstbotensrage. Ju einer öffentlichen Dienstbotenversammlung zu Strasburg, die am 1. Dezember staltfand, referierte Genossin Wackwitz-Dresden über das Thema:„Die traurige Lage der Dienstboten, und wie können wir dieselbe verbessern?" Die Versammlung war gut besucht; unter den Anwesenden befanden sich auch Eltern von Dienstmädchen. Die Referentin, welche ein Bild von der Lage der Dienstboten und Aufwartefrauen gab, legte besonders den proletarischen Eltern aus Herz, ihre Kinder mit dem Organisationsgedanken vertraut zu machen. Sie wies unter anderem auch auf die traurige Tatsache hin, daß die Aufwartefrauen sich infolge des großen Angebots häufig zu unterbieten suchen. Als Mittel gegen diesen Mißstand wie gegen andere Übel, unter denen die Mädchen und Aufwartefrauen leiden, empfahl sie nach dem Vorbild anderer Dienstbotenvereine die Errichtung eines eigenen Stellennachweises. Ju der sehr lebhaften Diskussion versuchte eine Rednerin, Frau H a u n s ch i l d, die sich im übrigen milden Ausführungen derReferentin einverstanden erklärte, einen ihr bekannten Fall von Diebstahl eines Dienstmädchens zu verallgemeinern. Genossin Wackwitz wies in ihrer Entgegnung auf den Fall der Fürstin Wrede hin und bemerkte, daß es auch bei Dienstmädchen krankhafte Neigungen geben könne. Herr Or. Jäger wünschte eine eingehendere Darlegung des Zweckes der Dienstbotenorganisatton. Er gab seiner Sympathie mir den Bestrebungen zur Organisierung der Dienenden Ausdruck, sowie der Meinung, daß eine Beeinflussung der Gesetzgebung zugunsten der Dienstboten nur durch diese selbst erfolgen könne. Die Referentin verbreitete sich darauf im einzelnen über die Ziele der Dienstbotenorganisation, besonders auch unter Bezugnahme auf die außerordentliche Frauenkonserenz zu Berlin. Sie zeigte, daß die Dienstbotenvereine gewerkschaftlicheOrganisationen seien, die mittels des Zusammenschlusses der Dienenden, Aufwartefrauen usw. die Arbeitsbedingungen der häuslichen Lohnarbeiterinnen zu bessern bemüht seien. Sie erstteben höhere Löhne, regelmäßige Lohnzahlungen, geregelte Arbeitszeit, gesunde Aufenthalts- beziehungsweise Schlafräume, anständige Behandlung, mit einem Worte: menschenwürdige Existenzverhältnisse, wozu auch, und zwar nicht an letzter Stelle, die Abschaffung der Gesindeordnungen und die Unterstellung der Dienenden unter die Gewerbeordnung und die Arbeiterversicherungsgesetzgebung gehört. Die Ausführungen der Referentin fanden in der Versammlung guten Anklang. Dem bereits bestehenden Dienstbotenverein traten 12 Mädchen als Mitglieder bei.?. Eine öffentliche Versammlung der Dienstboten, Auf- Wärterinnen, Wasch- und Reinemachefrauen von Berlin fand am 24. November statt und war gut besucht. Genossin Fahrenwald sprach über das Thema:„Unser Kampf gegen die Gesindcordnung". Sie schilderte die Lage der Dienstmädchen, kritisierte die unbegrenzte Arbeitszeit, die oft schlechte Behandlung und die niedrige Entlohnung. Wie erbärmlich die letztere ist, könne man erst dann erkennen, wenn man sich den Stundenlohn ausrechne. Erhält ein Mädchen SO Taler im Jahr, so kämen auf den Monat 20 Mk. und auf die Stunde etwa 4 oder S Pf. Das Essen des Mädchens bestehe gewöhnlich in dem, was die Herrschaft übrig läßt. Sellen dürfe ein Mädchen am Tische des Dienstgeber mitessen, selten habe es ein eigenes Zimmer oder einen anständigen Schlafraum. Nachdem die Referentin die Bestimmungen der verschiedenen Gesindeordnungen im allgemeinen besvrochen hatte, empfahl sie den Dienenden warm den Anschluß an den Verein für die Interessen der Hausangestellten, der bemüht ist, die Gesindeordnung durch freie Arbeitsverträge auszuschalten. Berlin umschließe etwa 80000 bis 100 000 Dienstboten; wenn diese sich zusammenschlössen, würde es ihnen leicht möglich sein, ihre Verhältnisse bedeutend zu verbessern. Sticht genug könne vor dem Eintritt in die christlichen Organisationen gewarnt werden, die den Dienstboten nur Zufriedenheit predigen, anstatt für bessere Arbeitsverhältnisse einzutreten. Einige Diskussionsrednerinnen nahmen auf die außerordentliche Frauenkonserenz Bezug und kritisierten, daß der freie Arbeitsvertrag, für den der Verein eintritt, von einigen Genossinnen noch nicht anerkannt worden sei. 20 neue Mitglieder meldeten sich für den Verein. Soziale Gesetzgebung. Für die Aufnahme der weiblichen Hausangestellten, Hansbeamtinnen in die staatliche obligatorischeKrauken- versichcrung liegt dem Reichstag eine Petition verschiedener Vereine(Verband für hauswirtschasttiche Frauenbildung, Allgemeiner Deutscher Verein für Hausbeamtinnen i. A. usw.) sowie Schulvorsteherinnen vor. Es heißt darin zur Begründung:„Den Arbeitgebern ist nach den jetzigen gesetzlichen Bestimmungen eine sechswöchige Krankenfürsorge für ihre weiblichen Hausangestellten vorgeschrieben. Bei längeren chronischen Erkrankungen, wie Bleichsucht, Lungenleiden, Gelenkrheumatismus und dergleichen, wird aber eine längere Krankenbehandlung und in den meisten Fällen ein Aufgeben der Stellung notwendig. In solchen Fällen sind die erkrankten Hausangestellten völlig ungeschützt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, eine baldige Abhilfe zu schaffen." Der Referent in der Petitionskommission, Genosse Geck, beantragte die Anhörung der Regierung über diese Frage. _»g. Frauenstimmrecht. Für die Einführung des kommunalen Franenwahl- rechts in Baden tritt die sozialdemokratische Landtagsfraktion ein. Sie hat die Regierung aufgefordert, zwei Gesetzentwürfe zur Reform der Gemeinde- und der Städteordnung vorzulegen. Was die geheischte neue Gemeindeordnung anbetrifft, so soll sie unter anderem allen 21 Jahre alten deutschen Ortseinwohnern das aktive und passive Wahlrecht zu den direkt zu wählenden Gemeinderäten verleihen, die Bürgermeister sind mittels des gleichen Wahlrechts zu erküren. Die reformierte Städteordnung soll allen deutschen Ortseinwohnern, die bis zum Tage der Wahl das 21. Lebensjahr vollendet haben, das Wahlrecht zuerkennen für die Wahl der Stadtverordneten und Stadträte, des Oberbürgermeisters und der Bürgermeister. Die Sozialdemokratie stellt mit ihrem Antrage die liberalen und klerikalen„Freunde" des Frauenwahlrechts vor die Probe aufs Exempel ihres Eintretens für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Gleichzeitig zwingt sie damit aber auch die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, der sozialdemokratischen Forderung und Haltung gegenüber Farbe zu bekennen. Lio kidoäus, die sslta! Es wird sich zeigen, ob die bürgerlichen Frauenrechtsfreunde ohne Unterschied des Geschlechts nicht bloß in der Theorie vom Frauenwahlrecht schwätzen, sondern auch für dieses unter der Führung der Sozialdemokratie tanzen können. Wie die Sozialdemokratie und wie der bürgerliche Freisinn sich zum Fraurnwahlrecht verhält, das ist kürzlich wieder einmal im oldenburgischen Parlament unzweideutig festgestellt worden. Von feiten der Sozialdemokratie war der Antrag gestellt worden auf Einführung der obligatorischen Verhältniswahl und des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle großjährigen Personen, die mindestens ein Jahr in der Gemeinde wohnen. Von allen bürgerlich-liberalen und freisinnigen Abgeordneten stimmte nur ein einziger— noch nicht einmal für den Antrag selbst, sondern nur für seine Beratung. Ein Fall mehr, der zeigt, mit welchem Recht bürgerliche Frauenrechtlerinnen im Namen der Gleichberechttgung des weiblichen Geschlechts „politische Neutralität" predigen und die Unterstützung des bürgerlichen Liberalismus praktizieren,— ethisch verklärt durch Verleumdungen der Sozialdemokratie. DaS beschränkte Fraurnwahlrecht hat sich bei den Kommunalwahlen in Norwegen— wie wir es gar nicht anders erwartet haben— als ein Bollwerk der Reaktion erwiesen. Tie Frauen haben in ihrer großen Mehrzahl ihre Stimme für die Konservativen abgegeben. In Kristiania haben von rund 70000 Wahlberechtigten 47000 sich an der Wahl beteiligt, darunter ungefähr 20000 Frauen. Während das Wahlrecht für die Männer allgemein ist, ist das der Frauen von einem versteuerten Mindesteinkommen von 400 Kronen auf dem Lande und von 600 Kronen in den Städten abhängig gemacht. Da ist es kein Wunder, wenn das Frauenstimmrecht hauptsächlich den Konservativen zugute kommt. Während diese 189S, das heißt vor Einführung des Frauenwahlrechts, nur 5900 Stimmen auf sich Nr. 26 Die Gleichheit 231 vereinigten, erhielten jie 1901 15017 Stimmen, 1904 18943 der Anteil der einzelnen Altersklassen an der Gesamtzahl Julie Eichholz davon wirklich gar nichts, oder will sie be und in diesem Jahre 24 561 Stimmen und 44 von den der Gestorbenen erweist, daß die Unterfünfjährigen haupten, daß auch die Redakteure aller, anderen Zeitungen, 84 Sigen der Gemeindevertretung. Freilich, ihre Freude mit 42,28 Prozent, die 60jährigen und Alteren mit 29,01 denen der Hausfrauenverein Annoncen gibt", gleichfalls einwird nicht ganz ohne einen bitteren Tropfen sein, denn auch Prozent, beide zusammen mit 71,29 Prozent an der Gesamt- geladen worden sind, und daß auch für die betreffenden Blätter die für die Sozialdemokratie abgegebenen Stimmen sind zahl der Gestorbenen beteiligt sind, das zweite Altersjahr Propaganda gemacht ward? start gewachsen, von 9517 im Jahre 1904 auf 14589 in zehnt lieferte nur 2,99 Prozent, das dritte 5,28 Prozent der diesem Jahre, und ihre Mandate haben sich von 23 auf 27 Gestorbenen. vermehrt. Immerhin werden die günstigen" Erfahrungen, welche die Reaktion in Norwegen mit dem beschränkten Frauenwahlrecht gemacht hat, die herrschenden Klassen in Deutschland jedenfalls seiner Einführung geneigter machen, um so mehr als bei der notorischen Rückständigkeit der deutschen Frauen in den höheren und mittleren Kreisen noch " glänzendere" Erfolge als in Norwegen zu erwarten find. Und daß es den deutschen Damen das Gros der Frauenrechtlerinnen inbegriffen nicht an dem bürgerlichen Klassenegoismus fehlt, haben sie reichlich bewiesen. Die Proletarierinnen können vor derartigen Danaergeschenken gar nicht genug auf der Hut sein. In Stuttgart wollte bekanntlich eine einzige englische Delegierte den Internationalen Rongreß überreden, das beschränkte Frauenwahlrecht nicht als eine Verhöhnung des Prinzips der Gleichberechtigung des Geschlechts zurückzuweisen, da ein halbes Laib Brot besser als kein Brot sei. Der Wahlausfall in Norwegen zeigt, daß Genosse Burrows danach mit Recht entgegnete: Wie aber, wenn das halbe Laib Brot vergiftet ist?" Das beschränkte Frauenwahlrecht trägt das Gift der Reaktion in sich. " Eheschließungen und Ehescheidungen. " ag. Nach all diesen Vorkommnissen erachte ich es als moralische Pflicht des Hausfrauenvereins, Sorge zu tragen, Es ist eine anerkannte Tatsache, daß die steigende kapi- daß die Mädchen nicht um ihr Geld geprellt werden. talistische Ausbeutung der Frau als Lohnarbeiterin von be Vor allem ist Frau J. Eichholz entrüstet, daß ich sie des stimmendem Einfluß auf die wachsende Sterblichkeit der literarischen Diebstahls beschuldigte. Sie will bis heute für Säuglinge und Kinder zarten Alters ist. Aber auch die rück- mich mildernde Umstände gelten lassen, weil sie annimmt, fichtslose Auswucherung der väterlichen Arbeitskraft hat ihr ich könnte die näheren Umstände der Affäre vergessen haben. Teil an der starken Kindersterblichkeit. Hart fronende und Ihre Berichtigung" schließt sie mit einer nicht mißzuverunterernährte Eltern, die obendrein oft mit Berufskrank- stehenden Drohung für den Fall, daß ich in der Zukunft heiten behaftet sind, haben nur zu oft lebensschwache Nach meine Behauptung wiederholen würde. Nun, Frau J. Eichtommen. Die Dürftigkeit der Lebenshaltung in der prole holz, ich halte meine Behauptung voll aufrecht, tarischen Familie, Mangel an Fürsorge und Pflege tragen und es könnte mir nur lieb sein, wenn Sie mir Gelegenheit das ihrige dazu bei, daß der Tod unter den Kleinen in der geben würden, dieselbe vor Gericht zu beweisen. Das Arbeiterklasse reiche Ernte hält. Alle Wechselfälle des wirt- Beweismaterial befindet sich glücklicherweise schaftlichen und sozialen Lebens, welche die Lebensgeftaltung in meinen Händen. Hätte Frau J. Eichholz, wie sie der Arbeiterfamilie berühren, sind daher nachgewiesener- behauptet, aus meiner Arbeit lediglich die Schilderung von der Einrichtung einer Kaffeeverleserei entnommen, würde ich maßen auch von Einfluß auf die Kindersterblichkeit. Die gegenwärtige Lebensmittelteuerung und die mit der dies mit keinem Worte erwähnt haben. Was aber tat Frau wirtschaftlichen Krise zunehmende Arbeitsverminderung ver- Eichholz. Sie schrieb in der Frauenrundschau"( den mehren in bedenklicher Weise die Unterernährung des ar Artikel im Lotsen" kenne ich nicht), die Verhältnisse, beitenden Volkes und damit die Vernichtung der jungen unter denen die Hamburger Kaffeeverlese= Generation des Proletariats. Der Zolltarif gehört zu den rinnen leben, seien der Öffentlichkeit gegenEin Damenwahlrecht nur, kein allgemeines Frauen- Mordwerkzeugen der modernen, privilegierten Engelmacherei. über vollständig unbekannt; Licht in dieses wahlrecht sieht der Entwurf der holländischen ReDunkel habe die Enquete der bürgerlichen Frauen gebracht, deren Ergebnis im nachfolgenden gierung zur Wahlrechtsreform vor, wie wir auf unsere Anfrage von den Genossinnen des Landes erfuhren. Die Tages- Buschrift. Laut§ 11 des Preßgesetzes bitte ich um folgende von ihr, Frau Eichholz, bearbeitet sei, und dann folgte zeitungen hatten also in dieser Beziehung irreführend be- Berichtigung. Es ist unwahr, daß der bürgerliche Dienst- Wort für Wort mein Artikel, den ich in der ,, Gleich: richtet, und der Irrtum war auch in die„ Gleichheit" mädchenverein nur 25 Mitglieder zählt. Es sind immerhin heit über die Lage der Kaffeeverleserinnen veröffent. Nr. 23 übergegangen. Wir werden in der nächsten Nummer einige Hunderte, nur Dienstmädchen, feine Scheuerfrauen. licht hatte. Nur wo ich geschrieben, dies und jenes sei eine Korrespondenz unserer holländischen Genossinnen über In der letzten Versammlung traten 42 neue Mitglieder dem durch den Streit beseitigt worden, hatte Frau J. Eichholz bie Angelegenheit veröffentlichen, die unser besonderes Inter- Verein bei. Es ist unwahr, daß die Dienstpersonal- den Passus dahin abgeändert, daß im Laufe der Zeit die effe verdient. Sie ist ein Beweis mehr für die steigende Zeitung" das Organ des Hamburger Hausfrauenvereins war. Anderung erfolgt sei. Ich habe damals, als der Artikel erTendenz der Reaktion, im Interesse der ausbeutenden Klassen Er stand in keiner anderen Verbindung mit demselben, wie schien, auch sofort an Fräulein Dr. Stöcker, die Redakteurin die Macht der Konservativen, der rückständigen Elemente mit allen anderen Zeitungen, denen er Annoncen gibt. Es der Rundschau", geschrieben und auch ihr das Beweis durch ein beschränktes Frauenwahlrecht zu stärken. ist deshalb unwahr, daß der Hausfrauenverein irgend ein material dafür eingesandt, daß Frau Eichholz Mädchen veranlaßt hat, auf diese Zeitung zu abonnieren. meine Arbeit unter ihrem eigenen Namen verNun zu der ungeheuerlichen Behauptung des literarischen öffentlicht hatte. Wirklich, ich bewundere die Stirn der Diebstahls, die nur entschuldbar erscheint durch die langen Frau Eichholz, die diesen Tatsachen gegenüber es wagt, eine Jahre, die inzwischen verflossen sind, und die es möglich er- Berichtigung" einzusenden, die mit einer Drohung gegen scheinen lassen, daß Frau Zieh sich der Tatsachen nicht mehr mich schließt. genau erinnert. Glücklicherweise existieren jedoch noch Augenund Ohrenzeugen, die die Wahrheit feststellen können. Im Jahre 1899 und 1900 machten Frau v. B. und ich eine Enquete unter den Arbeiterinnen der Nahrungs- und Genußmittelbranche. Um allen Mißständen auf den Grund zu kommen, Zur Charakteristik der Frau J. Eichholz sei zum Schlusse Wird statt der Gesamtbevölkerung nur die im heirats: baten wir unter anderen auch die beiden sozialdemokratischen fähigen Alter( das heißt das männliche Geschlecht vom Führerinnen um Material und Adressen. Beides wurde uns noch folgendes erwähnt. Frau Eichholz, die jetzt die vollendeten 21. und das weibliche vom vollendeten 16. Jahr übergeben mit der strikten Erlaubnis, das Material wütendste Gegnerin der Sozialdemokratie ist, uns angreift an) in Betracht gezogen, so fommen 14,1 Eheschließungen im Interesse der Arbeiterinnen zu verwenden. und als Heyer verschreit, wo sich immer die Gelegenheit auf 1000 Personen im heiratsfähigen Alter. Läßt man Dafür habe ich drei Zeugen. Dies habe ich getan, ich bietet, hat sich vor gar nicht langer Zeit lebhaft bemüht, ferner auch noch die bereits Verheirateten außer Betracht, habe dies Material zusammen mit den 800 Fragebogen, die die Mitarbeiterin des Hamburger Echo" zu werden. so entfallen 31,8 Eheschließungen auf 1000 Köpfe der heirats- wir selbst bei den Arbeiterinnen ausgefüllt hatten, zweimal Das mißlang! Ihre Artikel wurden als nicht konvenierend fähigen ledigen, verwitweten und geschiedenen Bevölkerung. veröffentlicht, viele Mißstände dadurch aufgedeckt und schließ- zurückgesandt und seitdem die Feindschaft! Rommen Luise Zietz. Ehelösungen fanden im Berichtsjahr 10618 statt, nämlich in Hamburg erreicht, daß eine weibliche Gewerbeauf- tar überflüssig! lich 10 338 durch Tod und 280 durch Scheidung. Somit sichtsbeamtin ernannt wurde. Von literarischem Wert konnte vermehrten sich die bestehenden Ehen rechnungsmäßig um bei dem Material von Frau Zieß keine Rede sein; es handelte 5269. Die Zahl der Ehescheidungen ist um 19 höher sich um die Schilderung der Einrichtung einer Kaffeeverleserei. Zur Förderung der Dienstbotenorganisation sind bei der „ Gleichheit" von Genossen J. Erdle= als im Vorjahr. Die Gründe der Scheidung waren recht ver- Die eine Veröffentlichung war im„ Lotsen", und sie handelte Redaktion der schieden. In 109 Fällen wurde die Ehe wegen Ehebruchs von 62 Betrieben; die zweite war in der Frauenrundschau". Chemnitz 5 Mt. eingegangen und dem Agitationsfonds geschieden, und zwar war 45 mal die Frau die Klägerin, 55 mal zum überfluß hatte ich beide Male die sozialdemokratische der Genofsinnen übermittelt worden. der Mann und 9 mal tlagten beide Teile. Wegen böswilligen Quelle angeführt. Der Lotse" erwähnte dies auch; die Verlassens wurden 28 Ghen getrennt; in 6 Fällen war Frauenrundschau" brachte jedoch die Ausführungen in sehr Paul Singer, Verlagsanstalt und Buchdruckerei, Stuttgart. Wahnsinn die Ursache zur Scheidung der Ehe, in 106 Fällen gefürzter Form, und so unterblieb durch die Kürzung ohne unsittliches Verhalten, grobe Mißhandlung und Ver- meine Schuld die Namensnennung von Frau Zieh. Ich unglimpfung. Nichtigerklärung wegen Jrrtum in den per- überlasse es nun den Leserinnen der„ Gleichheit", zu urteilen, sönlichen Eigenschaften des anderen Ehegatten fam ob Frau Zieß zu ihrem Vorwurf berechtigt war, möchte sie zweimal vor. In den übrigen 29 Fällen waren unsittliches aber warnen, denselben weiter zu verbreiten, nachdem sie Verhalten, grobe Mißhandlung und Verunglimpfung in Ver- von nun an nicht mehr vorgeben kann, in gutem Glauben bindung mit anderen Tatsachen Ursache der Scheidung. Im zu handeln. Hochachtend Julie Eichholz. gangen war 89mal der Mann und 165 mal die Frau der flägerische Teil; in 26 Fällen flagten beide Teile. ag. Zur Entgegnung. Frau Julie Eichholz bekundet, gelinde gesagt, eine ziemliche Portion Unverfrorenheit, indem sie die obige sogenannte„ Berichtigung" einsendet. Es ist Vereine, die eine größere Anzahl Exemplare bestellen, erhalten noch nicht allzu lange her, als in der Versammlung des bürgerlichen Dienstmädchenvereins Klage geführt ward, daß zwar ursprünglich von zirka 100 Mädchen der Beitritt an gemeldet worden, daß aber davon nur ungefähr der vierte Teil das Eintrittsgeld und einen Beitrag entrichtet hätten. Nach Adam Riese ist der vierte Teil von hundert 25. Zur Statistik der Eheschließungen und Eheschei dungen in Baden. Der soeben erschienene 22. Jahrgang der„ Statistischen Mitteilungen über das Großherzogtum Baden" behandelt auch die Eheschließungen und Ehelösungen für das Jahr 1904. Es wurden standesamtlich 15 887 Eheschließungen vollzogen, das heißt 8,1 auf 1000 Einwohner. Kindersterblichkeit. Der Kindermord in der kapitalistischen Ordnung bird durch die nachstehenden Zahlen charakterisiert, die wir em 22. Jahrgang der„ Statistischen Mitteilungen über das Broßherzogtum Baden" entnehmen. 1904 beträgt die natüriche Zunahme der badischen Bevölkerung 1,35 Prozent, die Sterblichkeit der kleinen Rinder weist eine Vermehrung gegen das Vorjahr auf. Was Frau Julie Eichholz über die„ DienstpersonalDaß es geradezu an Größenwahn grenzt, wenn die Dame schreibt, infolge ihrer Veröffentlichungen sei in Hamburg eine Fabrifinspektorin angestellt worden, sei nur nebenher erwähnt. Unseren Lesern wird diese Behauptung einen heiteren Augenblick verschaffen. Quittung. Solange der Vorrat reicht, offerieren wir: Für unsere Kinder Weihnachtsbuch der Gleichheit Herausgegeben von Klara Zetkin( 3undel) Preis tartoniert Mt. 1.einen Vorzugspreis. Das Weihnachtsbuch der Gleichheit besteht aus den beiden Jahrgängen 1905 und 1906 der Beilage der Gleichheit Für unsere Kinder". Soeben ist erschienen: Zeitung" berichtet, iſt von mir gar nicht behauptet worden. Die Mutter als Erzieherin Kleine Beiträge zur Praris der proletarischen Hauserziehung von Heinrich Schulz Die Zahl der im ersten Lebensjahr gestorbenen Kinder Mit feinem Wort habe ich davon gesprochen oder geschrieben, betrug 18746( 318 mehr), die der über 1 Jahr alten Per- daß diese Zeitung das Organ des Hamburger Hausfrauensonen 26 468( 263 mehr); die ersteren machten 34,19 Pro- vereins sei. Ich habe lediglich behauptet, daß der Hauszent, die letzteren 65,81 Prozent der Gestorbenen aus( gegen frauenverein darin nicht nur ständig annoncier hat, sondern 33,89 beziehungsweise 66,11 Prozent im Jahr 1903). Die daß auch von Mitgliedern dieser Organisation die Mädchen Säuglingssterblichkeit ist also im Berichtsjahr wieder des bürgerlichen Vereins zum Abonnement aufge- Mitglied des Bildungsausschusses der Partei u. Lehrer an der Parteiſchule. etwas stärker als im Vorjahr. Wie gewöhnlich war bei den fordert wurden. Wenn Frau J. Eichholz, deren GeKnaben die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr erheblich dächtnis zu gewissen Zeiten vollständig zu versagen scheint, größer als bei den Mädchen; von jenen starben 7606 dies vergessen haben sollte, will ich sie an folgendes er ( 22,34 Prozent der lebendgeborenen Knaben) und von diesen innern. Als verschiedene Mädchen des bürgerlichen Ver6142( 18,81 Prozent der lebendgeborenen Mädchen). Ebenso eins( unter anderen, wenn ich mich erinnere, Fräulein Holwar die Sterblichkeit unter den unehelichen Kindern länder) sich über die schreckliche Inhaltlosigkeit und den größer als unter den ehelichen. Von den Gestorbenen hohen Preis des Blattes beklagten, ward der Redakteur des des ersten Lebensjahres waren 12 351 ehelich und 1397 außer- felben eingeladen, und er versprach, nach Kräften für besseren ehelich geboren; erstere machten 19,96 Prozent der ehelichen, Inhalt Sorge zu tragen. Billiger könne er das Blatt nicht letztere 29,04 Prozent der unehelichen Lebendgeborenen aus. hergeben, meinte er, aber er wolle sehen, daß die GeschäftsDie Zahl der in den ersten Lebenszeiten und in fünf, leute, die in dem Blatt annoncieren, den Mädchen bei beziehungsweise zehnjährigen Altersklassen Gestorbenen, sowie ihren Einkäufen Rabatt gewährten. Weiß Frau Nicht gelehrte Abhandlungen über erzieherische Probleme will das Büchlein der proletarischen Mutter darbieten, für die es in erster Linie bestimmt ist, sondern kurze, einfach gehaltene und leichtverständliche Ratschläge und Winte aus der Praxis der häuslichen Kindererziehung für die Praxis. Der Verlag hat zwei Ausgaben herstellen sen, eine kartonierte und eine Ausgabe im Geschenkeinbnd. Die kartonierte Ausgabe kostet 50 Pf., die Ausgabe im Geschenkeinband 75 Pf. Das Büchlein eignet sich ganz vortrefflich als WeihnachtsExpedition der Gleichheit. geschent. 2Z2 Die Gleichheit 9K. 26 öcgcnwatt. von iuliwig ver Wandler sinnt, wohin den Schritt er richte, Das Herz verstummt, weiß nicht, wofür es schlage: Äein Jubel bebt in ihm und keine Klage, Sein Glauben und sein Hoffen ward zunichte. Wo eine Heimat flch die Sehnsucht dichte, Auf jeder Lippe steht die stille Frag«; In jedem Aug' der Durst nach einem Tage, Der diese �stacht mit seiner Klarheit lichte. So brütet Schwüle auf des Lebens Wogen, Wenn eine alte Zeit hinabgegangen Und noch die neu« nicht heraufgezogen. Wann wirst du schwinden, ahnungsschweres Bangen? Man steht ja längst am dunkeln Himmelsbogen Der neuen Sonne erste Strahlen prangen. Lleber Vulkanen. Von Leon Hovy. Weil er»gehetzt" hatte unter den Brüdern und»Aufruhr" gepredigt gegen die Herren, lag der Leitner Johann nun auf der Straße, im klingenden Frost. Sein junges Weib bangte der bittersüßen Stunde entgegen, da es zum erstenmal durch das dunkle Tor der Schmerzen in das stillgeahnte Land der Mutterfreude treten sollte. Eisig wehte der Wind; des Weibes Herz erschauerte und klammerte sich an des Mannes Trotz. Die»Herren der Berge" hatten sich zusammengetan und einander das Versprechen abgenommen, jeden ihrer Heloten aufs Pflaster zu werfen, der es wagen würde, als Rufer im Streit die Kameraden zu tKeschlossenheit und Trotz zu mahnen. Da unten in den Städten tobte der Kampf, daß eS davon hin und wieder einmal bis zu den öden Bergen heraushallte. Aber die Herren hielten die Zügel so straff in der Hand, daß lange kein Begehren in den Gefesielten zum Bewußtsein kam. Zwölf Stunden Arbeit, Kartoffeln und trockenes Brot: die Faust in den Nacken euch dummen Teufeln! Aus der großen Weltesse, unter der Millionen das Feuer schürten, sprühten vereinzelte Funken bis hinauf, wo die Ärmsten über Vulkanen in der Fron verdarben. Unter ihren armseligen Hütten hatte sich vor Jahrtausenden der Schlund der Erde geöffnet und zornig ausgespien, was schlecht und unverdaut im Bauche des Kolosses geruht. Und abermals Jahrtausende hatten mit ihren Umwälzungen das Maul des Riesen verstopft. Auf den Höhen fronte nun ein armes hungerndes Ge- s /echt. Weber und Messerschmiede, Glasbläser und Spielzeugverfertiger plagten sich mit Weib und Kind, so viel zusammenzuscharren, um eine dürftige Maske für die Fratze des Hungers erschwingen zu können, vor dessen Zähnefletschen ihnen graute. Das Wort von der Wohltat der Arbeit war zum Hohn geworden.„Ihr habt zwar nichtst, aber das habt ihr wenigstens regelmäßig!" So der Trost- und Warnspruch der Arbeitgeber,—»darum freut euch der Arbeit, die wir in eure Hände legen!" Wie ein hallendes Hohngelächter fegte der Sturm durch die Bäume, packte die Stämme und prallte sie gegen einander, als wollte er aus umnebelten Hirnen ..> Funken der Erkenntnis schlagen. Klirrend prasselten die Eisbehänge der Aste zu Boden wie alte Satzungen verbrauchter Zeiten. Der götzenzertrümmernde, weg- bahnende Sturm ließ ein fernes Licht erkennen, zu dem der Weg noch weit und mühsam war. Aber es leuchtete doch. Tie Leute oben über den toten Vulkanen waren nicht feig, aber die ewige Knechtschaft hatte eiserne Klammern um ihren Willen geschmiedet und ihr Kraftbewußtsein gelähmt. Wie eine glühende Kohle schwelte es unter dem Wust graublinkender Asche. Manchmal bäumte sich eins der müden Herzen aus und ein brünstiges Stammeln rang sich empor: wenn doch der Sturm käme! Hin und wieder flogen Funken aus der großen Esse der Zeit herauf. Ein Agitator kam und schoß den Pfeil einer glühenden Rede in elendsmorsche Herzen. Die Flamme züngelte und lohte empor und Augen blitzten, doch bald war der Stumpfsinn wieder da mit den Sorgen um die Hungerexistenz. Die Herren waren wie Spürhunde auf dem Posten und warfen jeden auf die Gaffe, der ihnen als Hetzer erschien. Ter Leittier Johann war der erste, der es wagte, sein Menschentum zu bekennen und zu wahren. Ihn hatte die Erkenntnis von seiner Brüder Not so tief getroffen, daß er sein eigenes Wohl und Wehe darüber vergaß. Ein Fieber nach Wissen war über ihn gekommen. Als er zu sehen begann und zu begreifen, hielt keine Macht der Welt ihn davon zurück, das flammende Wort unter die zagenden Kameraden zu werfen: Proletarier, vereinigt euch! Die Schweißhunde der Herren hatten ihn aufs Korn genommen. Erst bellten sie; der Tapfere lackte nur. Dann bissen sie zu, grausam fletschend, die ganze Meute. Er flog aufs Pflaster, keiner gab ihm Arbeit, ihm und seinem jungen Weibe, der blonden Marie. Ter Leitner stieg in grimmigem Trotz durch die Lichtung des Waldes, höher hinauf nach der Ode. Er hatte den letzten Versuch gemacht, Arbeit zu bekommen. Ter Faktor der Weberei halte ihn noch einmal vor die Alternative gestellt: entweder— oder! Mit anderen Worten: heuchelnde Demut oder— Hunger. Die Herren der Berge glaubten ihn in den Staub gedcmütigt zu haben, aber er lachte ihrer. Ihnen ins Gesicht den lachenden Trotz, im Herzen brennende Sorge um Marie. Seit Ansang des Monats hauste er mit seinem Weib im— Armenhaus. Er hatte die Miete nicht bezahlen können, und weil das Haus, in welchem sie gewohnt hatten, dem„Herrn" gehörte, mußten sie die Wohnung räumen. Es gab keinen anderen Ausweg als die elende Hütte abseits des Ortes, die nian das Armenhaus nannte. Hier hatte er seinen Webstuhl aufgestellt, um zu versuchen, auf eigene Rechnung ein»Stück" zu weben; das erforderliche Garn hatte er glücklicherweise noch beschaffen können. Leittier stieg schneller hinan. Eine innere Angst hielt ihn in den letzten Tagen beständig gefangen. Marie lag allein in der elenden Hütte. Sie war leidend, und die schwere Stunde konnte über Tag oder Nacht hereinbrechen. Das Brot war knapp, und wenn es einen Steinivurs abwärts Holz die Hülle und Fülle gab, sie mußten frieren, am Tage in dem halbverfallenen Raum, in der Nacht in den dünnen Betten. Der Mann war unten beim Krämer gewesen und hatte ein bißchen Kaffee und Zucker und andere nützliche Sachen für den Haushalt auf Kredit erhalten. Der Krämer ivar ein guter Kerl und traute dem ins Elend gedrängten Weber und seiner geraden Ehrlichkeit. Ter Schnee knirschte wie frischgeschütteter Kies unter den dicken Sohlen. Ein eisiger Wind verschlug dem Vorwärtsdrängenden den Atem, daß er ab und zu stehen bleiben mußte. Aber bei dem Gedanken an das einsame Weib eilte er aufs neue rasch empor. Als Leitner an der»Teufclskanzcl" augelangt war, lehnte er sich einen Augenblick gegen den Felsen und schaute in der Richtung ins Tal, aus der er gekommen war. Tort unten lag die Villa des„Herrn". Aus den Fenstern der oberen Zimmer flutete eine breite Lichtwelle hinaus auf die Schneeebene. Sie mochten wohl Gesellschaftsabend haben oder so etwas, die da unten. Weiter links die Höhen hinaufsteigend schimmerten verstteute Lichtlein aus den Hütten der Arbeiter. Schüchtern flimmernd schienen sie um Verzeihung zu bitten für die Kühnheit, daß sie brannten. Und es war dem stillen Mann ani Felsen, als verschlänge das große Licht da unten im Tal mit seinem aufdringlichen Schein die Schar der kleinen müden Lichter in der Runde, Stück um Stück. Und doch hatte jedes von seinem kärglichen Glanz das Beste geben müssen, um jenem die Kraft zu seinem hellen Schein zu spenden! Der Leitner ballte die Faust; ein grimmiger Gedanke enttang sich seinem Hirn: Begehrlich? Nein, begehrlich seid ihr nicht, ihr armen, kleinen Lichter dort, die ihr nicht einmal ein einziges Teilchen von eurem Rechte zu leuchten fordert. Ein froher Gedanke stieg mit wärmender Kraft in seiner Seele auf: es niuß gelingen, die dürftigen Lichtlein da drüben, deren jedes nur ein Glühwurm scheint, zu e>. w mächtigen Flamme zu einen, die das gleißende Licht da unten nicht mehr zu fürchten braucht. Es wird, es muß gelingen! Über dem Gedanken an das Glück seiner Brüder hatte er das eigene Unglück ganz vergessen. Gestärkt und innerlich erhoben schritt er dem dürsligen Heim entgegen. Als die Gruppe verkrüppelter Föhren vor ihm ausrauchte, hinter der das Armenhaus wie ein Bettter lag, der seine Blöße mit Lumpen decken will, schlug sein Herz stark und bang. Eine Welle heißer Zärtlichkeit quoll in ihm auf: Marie, du Liebe! Aber wie der Blitz in ein reifes Garbenfeld schlug ein wilder, haßgeborener Gedanke in seine liebeglüheude Seele: Mein Weib, wie haben sie dich geqält und— o, mein Kind! Noch schläft's im Mutterschoß, und schon schüttelt mich Sorge um das Ungeborene! Wie kann aus dem Schöße der Notgepeinigten ein starkes, schicksalbesiegendes Leben sich lösen! Verflucht, die ihr unS schon im Mutterleib in Fesseln schlagt! „Marie!" Angstgefoltert stürmte er mit langen, raschen Schrillen dem Häuschen zu. Als er ihm näher kam, stutzte er und blieb verwundert stehen. Aus dem windschiefen kleinen Schornstein stieg eine blaue Rauchsäule kerzengerade in die frostklare Luft. Was ist das? Liegt Marie nicht mehr zu Bett, oder...! Er sprang mit mächtigen Sätzen zur Hütte hinauf und stieß die Türe aus. Ein dünneS Kindcrstimmchen weinle ihm entgegen. Sein Herz wollte stille stehen. Da hörte er mehrere Stimmen, und aufatmend sagte er:„Wie bin ick kroh!" Als er ins niedere Zimmer trat, sah er zwei Kameraden und die alte Hebamme des Torfes beisammenstehen. Er schob sie wortlos beiseite und stand am Lager seiner Frau. Wachsbleich, mit geschlossenen Augen lag Marie, das Gesicht nach der Wand gekehrt. „Marie!" gurgelte seine rauhe Stimme wie ein unterdrückter Schrei. Da wendete sie den Kopf mit Mühe ein wenig, schlug die Augen auf und ließ sie lange in seinem-Blick ruhen, der zitternde Angst und steigenden Jubel umschloß. Und was ihm aus den großen braunen Augen seines Weibes entgegenschlug, war so keusch und seelenbezwingend, daß er das Haupt in ehrfurchtsvollem Schweigen neigte. Marie löste die müden Arme vom Kissen und hob sie ihm bebend entgegen. Da neigte er den Kopf noch tiefer, daß sie die Arme um seinen Nacken legen konnte. So verharrten sie sekundenlang in tiefem Schweigen. Tie drei auf der anderen Seite des Zimmers wagten kaum zu atmen. Als der Leitner Johann wieder hoch und stark wie sonst vor ihnen stand, reichten die Kameraden ihm die Hände, und er sagte glücklich:„Daß ihr hier seid, das freut mich. Auf euch Hab' ich gebaut— nicht für mich, für uns alle. Ihr müßt mir helfen!" Und die Männer nickten und sagten einfach:»Versteht sich von selbst, Genosse!" Das Wort»Genosse" flog wie ein Sonnensttahl durch den ärmlichen Raum. Dann hielt die alte Hebamme dem jungen Vater ein Bündelchen entgegen, aus dem das weinende Stimmchen drang:„Da Haft du dein Christkind!" Und als er fragend aussah, setzte sie hinzu:»Morgen ist Weihnacht!" „Weihnacht— ich hatte es ganz vergessen," sagte Leiwer nachdenklich,»Weihnacht ist nur für die, die etwas geschenkt bekommen!" Da alte Weiblein sah den jungen Vater mit einem vorwurfsvollen Blicke an, und er beschaute sich das Kind nun erst richtig. Armselig war es schon und, ach, so klein! Aber—! Wie eine schöne Hoffnung blühte es in ihm empor: ein Junge ist's— wenn der einmal ein Heiland würde den Armen und Ärmsten hier oben! Er drückte das kleine Bündel wie eine seltene Kostbarkeit an seine Brust, daß die Alte laut aufschrie und es ihm hastig aus den Händen nahm. Die Männer lachten. Leitner Johann fuhr sich mit der Hand über die Stirne und sagte zu sich selbst:»Nur keine Hirngespinste! Es soll ein ganzer Kerl werden, mein Junge. Wir anderen aber wollen nicht auf den Heiland warten, wir wollen arbeiten und uns selbst erlösen!" Ein neues Christkind ist auf die Berge gestiegen zu den Annen, die über Vulkanen der Erlösung entgegenhungern. Und dieses Christlind wird sie erlösen. Mcne ückel. von emäNllcl Seidel. Hei, wie die Tafeln sind geschmückt, Wie klar die Kerzen erglommen! Wer singt und lacht und Rosen pflückt, Der ist zum Zest willkommen. Musik erklingt den Saal heraus, Schöne Mädchen warten auf In leichten, losen Gewanden. Sie tanzen um das goldene Kalb, Sie fallen ihm gar zu Lützen, Sie rufen: eh' das Laub wird falb, Hilf du die Lust uns dützen! Ucberschäumt im Kelch der Wein— Ich drücke mich stumm in den Winkel hinein. Mir schaudert das Her; im Leibe. Mir ist'», durchsichtig wird die Wand, Und draußen dicht und dichter Da drängen sich bei Lackeldrand Diel tausend Hungergesichter: Durchs Gewühl mit riesigem Leib Herschreitet kampsgeschürzt ein Weib, Sie trägt blutrot eine Mühe. Und sieh, der Boden wird zu Glas, Und drunten seh' ich sitzen Den Tod mit Augen hohl und gratz Und mit der Sense blitzen; Särg' aus Särge ring» getürmt— Doch drüberhin wie rasend stürmt Der Tanz mit pfeifen und Geigen. Sie haben Augen und sehen'» nicht, Sie prassen fort und lachen. Sie hören's nicht, wie zum Gericht Schon Balk' und Säule krachen; Lauter jauchzt der Geige Ton— Ihr Männer, ihr Weiber von Babylon, Mens Tekel, Upharsin! verantworlltch für die SteSaNton: Ar.«lara ZerNn lZuntUl. WUHelmthS»» Post Teg-rloch de> Stuttgart. «rua im» vertag«an Paul Stnger tu Stuttgart.