t t Nr. 3 Die Gleichheit CONNEMONEN Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen e juliada usia milaMit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die„ Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. -w Wir pfeifen darauf!- Der Reichsvereinsgesetzentwurf. Von Luise Biet. Die heutige Kinderfürsorge in Staat und Gemeinde. Von Mathilde Wurm. Gegen die Ausnahmewirtschaft. II. Von Gustav Hoch.. Das Ausland im Jahre 1907. Bon H. B. - Schularztberichte. VII. Von Dr. Babet. 3um Reichsvereinsgesetz. Von G. L. Feuilleton: Sturm am Morgen. Von Herman Lingg.( Gedicht.) Nährikele. Von Gottlieb Schnapper- Arndt.( Forts.) Wir pfeifen darauf! Die Behandlung, welche die sozialdemokratische Interpellation, das Wahlrecht und die Konfignierung des Militärs gegen die Demonstrationen betreffend, im Reichstag gefunden, hat dick unterstrichen, was die bekannten Vorgänge im preußischen Abgeordnetenhaus dem Proletariat bereits unzweideutig ins Bewußtsein geschrieben haben. Nur seine eigene Kraft und seine eigene Kraft allein wird es sein, welche das allgemeine, gleiche Wahl cecht für Preußen erobert. Stuttgart den 3. Februar 1908 Hohn war die Antwort auf seine Forderung. Unter dem Drucke der Situation geht es zum Gebrauch anderer Rampfesmittel über, muß es zu deren Gebrauch übergehen, wenn es nicht von vornherein das Kampfesziel selbst preisgeben will. ee 18. Jahrgang but Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zeffin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. gefeßes hat bekanntlich bereits oie erste Lesung passtert und ist jetzt einer Kommission zu weiterer Beratung überwiesen. Falls der Entwurf Gesetz werden sollte, wird das Vereins- und Versammlungsrecht in Deutschland wohl einheitlich werden, feineswegs jedoch freiheitlich. Es ist An dieser Sachlage, an der„ Geschichte er'gem Muß" Entwurf durchweht, das geltende Recht verschiedener Bundesder Geift des preußischen Polizeiftaats, melcher den ganzen gewertet, haben daher die freisinnigen und zentrümlichen staaten wie Baden, Württemberg, Hessen, Gotha usw. Aus der Bewegung: Bon der Agitation. Von den Organisationen. Eidesschwüre auf das allgemeine Wahlrecht für den proles wesentlich verschlechtert und bestehendes Unrecht anderer Halbjahresbericht der Vertrauensperson der Genossinnen von Frankfurt a. M.- Jahresbericht des Frauen- und Mädchen- tarifchen Wahlrechtskampf in Wirklichkeit nur papierne Bundesstaaten aufrecht erhält. bildungsvereins Schreudig. Ein Wort zu den Frauengesang- Bedeutung. Angesichts der Preisgabe des DemonstrationsNach dem freisinnigen Abgeordneten Müller- Meiningen bereinen. Ein Opfer des Crimmitschauer Streits. Genossin rechts der Massen und der Billigung der Säbeldiktatur follen die Frauen besondere Ursache haben, Jubelhymnen Anna Noad Dresden+ Politische Rundschau. Von H. B. über die Straße charakterisieren sie sich als bloße Schein anzustimmen ob der„ liberalen Errungenschaft", die ihnen in Gewerkschaftliche Rundschau.- Richtigstellung. gefechte, bestimmt, das arbeitende Volk zu täuschen. Denn Gestalt des Entwurfs als die erste Frucht der Blockpolitik Notizenteil: Dienstbotenfrage. Frauenstimmrecht. Sozialistische wenn je einen Kampf, so muß das Proletariat den um in den Schoß gefallen" sei. Wir anerkennen, daß der EntFrauenbewegung im Ausland.- Kinderschutz.- Fürsorge für das freie Wahlrecht für Preußen unter der Losung führen: wurf einen Fortschritt bedeutet, insofern er die AusnahmeMutter und Kind. Frauenbewegung. Endgültige Klar wer nicht für mich ist, ist wider mich! Es weiß, daß staaten, so in Bayern, Preußen, Braunschweig, Reuß usw., bestimmungen aufhebt, die bisher in verschiedenen Bundesfstellung. Bon J. Eichholz. Frau Eichholz zur Erwiderung. Sein Kampf wahrscheinlich von langer Dauer sein wird. den Frauen verbieten, Mitglieder politischer Vereine zu wer Von Luise Zietz. Es verhehlt sich nicht, daß er durch schwere Gefahren den und an politischen Vereinsversammlungen teilzunehmen, führt und die größten Opfer heischt. Es rechnet damit, die ihnen in manchen Ländern nicht einmal gestatten, Verdaß er nicht immer geradlinig von Sieg zu Sieg führen sammlungen, die sich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäf= wird, daß er vielmehr vorübergehende Niederlagen bringen tigen, oder öffentliche Versammlungen überhaupt zu besuchen. kann. Aber diese Niederlagen hemmen nur, sie bezwingen Wir betonen aber gleichzeitig, daß damit lediglich etwas nicht, sie sind fruchtbar, denn auch aus ihnen erwächst ganz Selbstverständliches geschaffen wird, etwas, das. die immer größere Vereinigung der Arbeiter im Kampfe worden ist. Zudem ist dieser Fortschritt gegenwärtig nichts durch die ökonomische Entwicklung längst notwendig geum ihr Recht und damit die Macht, welche endgültig fiegt. weiter als die Kapitulation der Regierung vor dem In der Kampfestaftif, welche die Umstände ihm auf Bestehenden, vor der Bewegungsfreiheit im öffentlichen nötigen, läßt es sich ebensowenig durch das Angstgefreisch Leben, die sich die Frauen als Ersatz für ihr fehlendes zaghafter oder verräterischer bürgerlicher Wahlrechtsfreunde Vereins- und Versammlungsrecht längst genommen haben. beirren, wie durch das drohende Säbelrasseln Bülows, Die Aufhebung der Ausnahmebestimmungen, die für die des Mannes, der die Stirn hat, von seinem Wohlwollen Frauen, sowie jener, die für die Minderjährigen gelten und für die Arbeiter zu sprechen, obgleich er die goldene der Fortfall der Verpflichtung, die Mitgliederliste der VerFürstenkette für die Leistung trägt den werftätigen Massen eine der Polizeibehörde einzureichen, sind aber auch die Der Reichstanzler lehnte zwar unter den nichtigsten die eiserne Kette der Bucherzölle angelegt zu haben. Das einzigen Verbesserungen, e der Entwurf enthält. Ihnen formellen Gründen die Beantwortung der Interpellation fämpfende Proletariat weiß, daß es nicht einmal des stehen jedoch schlimme Berböserungen gegenüber. ab, gab jedoch gleichwohl die Antwort in seinen Aus- glühenden Odems der Revolution bedarf, um diesen als Angehörige ihrer Klasse, als daß sie, von frauenrechtUnsere Genossinnen fühlen sich viel zu sehr als Glied, laffungen gegen die Demonstrationen der Arbeitslosen und historischen Zwerg zu verwehen, der sich vermißt, mit lerischen Erwägungen angetränkelt, sich für den Entwurf erder Wahlrechtstämpfer. Die Antwort war eine Provokation, herausfordernden Worten und drohenden Geberden den tlären tönnten, weil er ihnen einige Verbesserungen beschert, wie sie dreister dem kämpfenden deutschen Proletariat Gang der Geschichte aufzuhalten. ihrer ganzen Klasse dagegen schlimme Nachteile bringt. Sie faum je ins Gesicht geschleudert worden ist, eine Provo- Als politischer Sachwalter der herrschenden Klaffen werden daher in den vordersten Reihen tämpfen, um fation, die in der Drohung ausklang, eine pflichterfüllte hat der Kanzler für sein Auftreten unstreitig die Note: ganzes Recht an Stelle des gebotenen Quentchens Reform Regierung werde sich in Deutschland nie und niemals sehr eifrig! verdient. Aber wenn er in dieser Eigen zu erobern. von einer irregeleiteten Maffe etwas abtrogen lassen." schaft den anrollenden Wogen einer proletarischen Massen- Es gilt Sturm zu laufen gegen die Polizeiherrschaft Mit dürren Worten: der Reichskanzler eröffnet den nach bewegung mit hohlem Bathos: Nie, niemals! entgegen im Bereins- und Versammlungsleben, die der Entwurf Brot und Recht hungernden Proletariermassen den Aus donnert, so antworten wir darauf: Geschichte miserabel. gesetzlich sanktionieren will. Diese Polizeiherrschaft wird blick auf jene gezogenen Kanonen", mit denen die Re- Wenn nicht als Kanzler, so doch als Preuße müßte eingesetzt durch die vorgesehene Verpflichtung, die Versamm gierenden und Herrschenden die ungezogenen Nationen" Bülow wissen, daß Friedrich Wilhelm IV. feierlich ge- anzuweisen und ihm alle möglichen Ausfünfte zu erteilen; lungen anzumelden, dem überwachenden Beamten einen Platz über die Eitelkeit ihrer Forderungen so gern zu belehren lobte, nie dürfe sich ein Blatt Papier zwischen ihn und sie tritt ferner in Erscheinung in der Auflösungsbefugnis pflegen. sein Volt drängen. Die revolutionären Märzenstürme und dem Rechte des Präventivverbots; sie führt ein frischDie bürgerlichen Parteien aber haben sich mit Pro- des Jahres 1848 brausten durchs Land. Und siehe, der fröhliches Dasein in den vielen Verordnungen, wonach ookation und Drohung durch Schweigen oder Reden Monarch mußte in der historischen Nacht nach den Barri Versammlungen verboten werden können, weil angeblich solidarisiert. Auch die Parteien, die mit füßsaurem Munde tadenkämpfen im Schloßhof auf Befehl der Massen den Gefahr für die öffentliche Ordnung, Sittlichkeit und Gesundein theoretisches Bekenntnis zum allgemeinen Wahlrecht Hut vor den erschlagenen Freiheitshelden ziehen, die im heit vorliegt. G3 ist eine elende Heuchelei, von einem stammelten oder zu einem Wahlrecht, das sich dem siegreichen Kampfe für das Stück Papier gefallen waren. freiheitlichen Vereins- und VersammlungsReichstagswahlrecht annähert", um des dekorierten Frei- Der Prinz Wilhelm von Preußen, der gläubigste Be- echt zu reden, solange diese Berordnungen weiter in Kraft finnigen Schraders Redewendung zu gebrauchen, die mit tenner des Nie, niemals! mußte bei Nacht und Nebel Entwurf alle Bestimmungen entfernt werden, aller gebührenden Vorsicht einen Umfall vorbereiten kann. als simpler Kaufmann Lehmann nach England flüchten. die der Polizei die erwähnten großen Machtbefugnisse einLauter und bedeutsamer als alle freisinnigen Beteuerungen 1848 aber stand den reaktionären Rechtsverweigerern räumen. Denn nach wie vor hätte die Polizei die Möglichkeit, von der heißen Liebe zum Prinzip des allgemeinen Wahl- fein geschlossenes Heer geschulter, zielflarer Klaffenkämpfer Versammlungen zu verbieten auf Grund obiger Berordnungen, rechts redet die Tatsache, daß der schwäbische Bolts- gegenüber, wie es heute zum Sturm wider das Drei- weil die Maul- und Klauenseuche an einem Drte herrscht, parteiler Bayer die Konsignierung des Militärs in den flassenparlament ausmarschiert. Die ganze Geschichte ist weil in dem Lokal, wo die Versammlung tagen soll, vor Kasernen anläßlich der Wahlrechtsdemonstrationen aus eine Rette von Triumphen der Macht der Straße" über einigen Wochen die Leiche einer an Kopfrose gestorbenen Frau drücklich gebilligt hat. Wenn das am grünen Holze der die Gewalt der Regierenden und Herrschenden. füddeutschen Demokratie geschieht, die aus lokalpatrio- Die Unabänderlichkeit der geschichtlichen Entwicklung tischer Reichsverdroffenheit" noch immerhin etwas oppo- hat noch stets das Nie, niemals! der Regierenden fitioneller aufzutreten pflegt als ihr norddeutsches Ge- mit verächtlichem Achselzucken unter die Füße gestampft. schwister, was ist dann von dem dürren Stecken der Die proletarischen Klassenfämpfer, welche ausziehen, um Freifinnigen Vereinigung und der Freisinnigen Bolts- das politische Zwinguri der Herrschenden von Geburts partei zu erwarten! und von Geldsacksgnaden zu schleifen, haben daher für Wer das Kampfesziel ernstlich will, der muß auch Bülows Drohung nur die klassische Antwort, mit der die Kampfesmittel wollen. Die Tatsachen lehren uns, Bracke das Sozialistengesetz begrüßte: Wir pfeifen darauf! daß in dem erreichten Stadium der gesellschaftlichen Ent wicklung der Kampf für die Eroberung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts in Preußen zu einem Kampfe zwischen der Klasse der Ausgebeuteten und den Klassen der Ausbeutenden geworden ist, für deren Geldsacksinteressen die gekämpft haben: daß an Stelle der buntscheckigen Vereins Wofür jahrzehntelang die Arbeiter und Arbeiterinnen Dreiflaffenschmach einen politischen Schußwall bildet. Die und Versammlungsgesetze, die in Deutschland geltendes vom Proletariat seither im Ringen um sein Recht ge- Recht" find, ein einheitliches Reichsgesetz trete, das soll jest brauchten Mittel haben sich als wirkungslos erwiesen. zur Wirklichkeit werden. Der Entwurf eines Reichsvereins Der Reichsvereinsgefeßentwurf. bleiben. Es bleibt selbst dann Heuchelei, wenn aus dem aufgebahrt war, oder weil über das Thema:„ Liebe deinen material türmt sich bergehoch, welches beweist, daß die Be Nächsten wie dich selbst" geredet werden soll usw. Das hörden nicht nur auf Grund der reaktionären Vereinsgesetze, sondern ebenso auf Grund solcher Verordnungen jede Bersammlung illuforisch machen können. Zu alledem will aber noch die vom Polizeigeist durchtränkte Vorlage die Polizeiherrschaft, wie sie dank der Vereinsgefeße in verschiedenen Bundesstaaten besteht, auf das ganze Reich ausdehnen, das mit erweitern, fester fundieren und aufs neue santtionieren. Die Machtfülle, die der Polizei in Zu funft im ganzen Reiche eingeräumt werden soll, sie reizt geradezu zu übergriffen, zur Willkür, zu Schifanierungen, namentlich seitens der Subalternbeamten, die meist 6 bis Feindes" gedrillt worden sind. 12 Jahre in der Kaserne zur Bekämpfung des inneren Fort mit dem ganzen Wust von Polizeibestimmungen und her mit Bestimmungen, die uns davor sichern, daß irgendwelche Behörden im 20 Die Gleichheit Nr.Z Verwaltungsweg sich Bevormundung und Schikanierung erlauben, das muß deshalb unsere Losung sein! Wir haben, um mit dem Exminister Posadowsky zu reden, wahrlich lange genug unter„den kleinen Gesichtspunkten zu leiden gehabt, die aus dem alten, kleinen Polizeistaat mit in unsere Zeit hinübergenommen sind", wohin sie wahrlich nicht mehr passen. Wir sind lange genug im Vereinsleben als politische Kinder und als Untertanen behandelt worden, wir wollen uns endlich als freie Staatsbürger betätigen können. Zum schärfsten Protest fordert ferner der Z 7 des Entwurfes heraus, der den Fremdsprachigen das Abhalten von Versammlungen in anderer als der deutschen Sprache untersagen will. Diese Bestimmung charakterisiert sich als schlimmstes Ausnahmerecht nicht bloß gegen nichtdeutsche Reichsangehörige, sondern vor allem auch gegen die einwandernden Proletarier und die Gewerkschaften. Die Solidarität aller Arbeiter und Arbeiterinnen ist gegeben durch die kapitalistische Ausbeutung, der alle anHeim fallen, aber diese Jnteressensolidarität ist noch nicht allen Proletariern, einheimischen wie fremden, klar geworden. Sie ihnen zum Bewußtsein zu bringen, ist eine der vornehmsten Aufgaben der Arbeiterbewegung. In diesem Sinne war die Resolution zur Frage der Ein- und Auswanderung, wie sie der letzte Internationale Kongreß angenommen hat, nicht nur ein sittliches Gebot, sondern vor allem erne wirtschaftliche und politische Notwendigkeit, um die Solidarität aller Ausgebeuteten zur Tat reifen zu lassen. Der Z 7 würde uns die Möglichkeit der Aufklärung und Organisierung der Fremdsprachigen nehmen, sie mindestens stark einschränken. Und zweifellos ist eS auch die Absicht, durch die betteffende Bestimmung zu verhüten, daß die bedürfnislosen Fremden, die, als Lohndrucker und Streikbrecher ins Land geholt, das ganze Kulturniveau der Einheimischen drücken, zielklare Klassenkämpfer werden. Zum Beweise dafür, wie die„Fremden" dem Kapital fronden und Mehrwert erschanzen müssen, sei nur an die elende Lage der italienischen Ziegeleiarbeiterinnen, der gali- zischen Textilarbeiterinnen sowie an die vielen ausländischen Bau- und Bergarbeiter erinnert. Gestattet man, daß das Kapital diese Arbeitermassen in seinen Dienst nimmt, ohne daß sie Deutsch können, so muß man ihnen auch schon gestatten, in Vereinen und Versammlungen in ihrer Zunge zu reden, ohne daß sie vorher erst dazu die gnädige Erlaubnis der Landeszentralbehörde einzuholen brauchen. Dabei kann es unS gleichgültig sein, ob die Fremdsprachigen, als Mußpreußen, aus Liebe zur Muttersprache sich gegen die Erlernung des Deutschen sträuben, oder ob sie als Lohn- sklaven, die zur Brotfron nach Deutschland kamen, keine Zeit zum Erlernen unserer Sprache finden. Als Politiker und Gewerkschafter verlangen wir:„Fort mit diesem Ausnahmerecht!" Noch gegen«in weiteres Ausnahmerecht, das heute besteht, gilt es den Kampf zu führen, ein Ausnahmerecht, das, wie es in der Vorlage heißt, unberührt bleiben, also ausdrücklich konserviert werden soll. Wir meinen die mehr als hundert Gesindeordnungen sowie die landesgesetzlichen Ausnahmebestimmungen gegen die Land- arbeiterschaft. Es sind das Rudimente von Rechtsverhältnissen aus einer weit hinter uns liegenden Wirt- schaftsperiode, Rechtsverhältnissen, die geschaffen wurden zur Zeit der Erbuntertänigkeit und feudalen Gliederung der Gesellschaft. Sie sind in der gegenwärtigen Zeit zu einem blutigen Unrecht gegen Dienstboten und Landarbeiter geworden und erschweren den kulturellen Aufstieg ungemein, wenn sie ihn nicht gar unmöglich machen. Mit flammender Empörung nur kann man es lesen, daß Dienstboten durch den Gendarm zwangsweise wieder zurückgebracht werden zu der Herrschaft, der sie vor Ablauf der Kündigungsfrist entlaufen sind, weil die Behandlung unerträglich ward; daß Landarbeiterinnen mit 14 Tagen und mehr Gefängnis bestraft werden, well— sie ihren jammervollen Taglohn durch gemeinsames Borgehen von bv auf 60 Pf. erhöhen wollten usw. Ist erst einmal das Vereins- und Versammlungsrecht reichsgesetzlich geregelt, ohne daß die Dienenden und die Lohnsklaven der Landwirtschaft von ihren ausnahmegesetzlichen Fesseln befreit sind, so wird es sehr schwer halten, diesen Arbeiterkategorien das Recht freier, den gewerblichen Proletariern gleichgestellter Menschen zu erringen. Deshalb heißt es die Gelegenheit nutzen, um Gesindeordnungen und Landarbeiterknebelung, diesen ganzen mittelalterlichen Wust von Ausnahmerecht durch eine gewaltige Volksbewegung fortzuschwemmen. Von den bürgerlichen Parteien ist nicht viel zu erwarten. Schwelgen doch die Blockbrüder in Wonne ob des„wohlgelungenen" Sprößlings auS konservativ-liberaler Ehe, und im Zentrum ist der agrarische und aristokratische Einfluß viel zu stark, als daß es für die Grundlage des ArbeiterschutzeS, für ein freiheitliches VereinSrecht, ein gesichertes Koalitionsrecht der Arbeiterklasse im Ernste eintreten würde. Es heißt deshalb wiederum für das Proletariat:„Hilf dir selber!" In der Erkenntnis der Tatsache, daß alles, was an wirklicher Freiheit, an Waffen für den Emanzipationskamps der Arbeiterschaft vonnöten ist, von dieser selbst dank ihrer wachsenden Macht erobert werden muß: hat sich jetzt daS Proletarierheer, Männer wie Frauen, in einer Massenbewegung zu erheben, um den Kampf unserer Abgeordneten im Parlament auf das wirksamste zu unterstützen. Es gilt, alle Kräfte einzusetzen, damit das einheitliche Recht zu einem freiheitlichen wird. LuiseZietz. Die heutige Kinderfürsorge in Staat und Gemeinde. Bon Malhilde Wurm. Der vierten deutschen Frauenkonferenz, die im September 1906 in Mannheim tagte, lag folgender Antrag aus Berlin vor: „Den Verttauenspersonen der industriell entwickelten Orte wird zur Pflicht gemacht, an die Gemeindevertreter Anträge zu stellen zur Schaffung von Krippen und Kindergärten." Ein durch Genosse Katzenstein vertretener Zusatzanttag aus Frankfurt a. M. verlangte: „Erforderlichenfalls sind im Geiste moderner sozialer Pädagogik geleitete Einrichtungen selbst ins Leben zu rufen oder zu unterstützen." Nach sehr eingehender Diskussion, in der Genossin Zieh und Genosse Schulz für die Schaffung kommunaler Kindergärten eintraten, gelangte obiger Antrag mit dem Zusatzantrag Frankfurt zur Annahme. Zur praktischen Durchführung dieses Beschlusses konnte inzwischen nur wenig getan werden. Es kam die unerwartete ReichstagSauflösung; der Wahlkampf absorbierte alle zur Verfügung stehenden Kräfte der Partei. Zum Parteitag der Sozialdemokratie Preußens im November v. I. hatten die Berliner Genossinnen, entsprechend dem Beschluß der Mannheimer Frauenkonferenz, wiederum beanttagt, daß unsere Genossen in den Stadtverwaltungen die Errichtung kommunaler Krippen und Kindergärten fordern sollten. Der Parteitag hat den Antrag der Berliner Genossinnen einstimmig angenommen. Im Januar d. I. brachte unsere Stadtverordnetenfraktion in Berlin den Anttag ein, die Versammlung möge den Magistrat ersuchen, mit ihr in gemischler Depulatton über die Errichtung städtischer Krippen und Kindergärten zu beraten. Die bürgerliche Mehrheit trat dem Antrag nicht schroff ablehnend gegenüber, aber man merkte ihr die Unlust an, sich darauf einzulassen. Er wurde vorläufig einem Ausschuß überwiesen, der darüber entscheiden wird, ob eine Beratung in gemischter Deputation stattfinden soll. Die Einrichtung kommunaler Krippen und Kindergärten ist eine dringende Notwendigkeit. Der dreifache Beruf der Frau als Hausfrau, Mutter und Arbeiterin zwingt sie, die Ansprüche ihrer Kinder an körperliche und geistige Pflege hintanzusetzen, um in erster Linie Brot für sie zu schaffen. Di« fortschreitende industrielle Entwicklung treibt immer mehr Frauen in die Fabrik, entzieht täglich mehr und mehr dem Kinde die Mutter, die natürliche Pflegerin und Erzieherin. Und auch die Heimarbeit, bei der za jede Minute ausgenutzt werden muß, läßt der Frau keine Zeit, sich ihren Kindern genügend zu widmen. Bei der Berufszählung im Jahr« 1382 gab es in Deutschland 4'/, Millionen erwerbstätige Frauen, 1895 waren es schon 6'/» Millionen, und zweifellos wird die letzte Berufszählung von 1907 beweisen, daß ihre Zahl noch ganz beträchtlich zugenommen hat. Der Steigerung der Löhne in einigen Berufen steht gegenüber eine ungeheure Steigerung im Preise aller Lebensmittel, der Wohnungsmieten, der Brennmaterialien. Alle Kullurerrungenschaften, all« Fortschritte der Wissenschast und der Technik haben ja nur dazu beigetragen, immer größere Schichten zu proletarisieren. Ein Beweis dafür ist auch das Sinken der Geburtenziffer. Die schlecht genährte, überarbeitete Frau wird unfähig, Kinder zur Welt zu bringen, und so sinkt die Zahl der Geburten ständig. Es kamen im Jahre 1S88 auf 10000 Einwohner 384 Geburten, 1895- 10000- 373- 1905- 10000- 340- Noch bedeutsamer als daS Sinken der Geburtenziffer ist die Zunahme der SSuglingsterblichkeit. Es starben im ersten Lebensjahr 1902 17,3°/» der ehelich, 29,3°/, der unehelich Lebendgeborenen 1905 19,4°/,-- 32,6°/,- Diesen betrübenden Tatsachen konnte man sich an„höchster" Stelle nicht länger verschließen. Mutterschutz und Säuglingsfürsorge wurden in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Dem Reichstag ging im Jahre 1906 eine Denkschrift zu wegen eines Reichszuschusses zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. Da hierüber in der „Gleichheit" schon ausführlich berichtet wurde, erübrigt es sich, nochmals darauf zurückzukommen.' Soll aber die geplante Säuglingsfürsorge nicht halbe Arbeit bleiben, so müssen sich an die Säuglingsfürsorgestellen Krippen und an diese wiederum Kindergärten anschließen. Vom Tage seiner Geburt an ist das Proletarierkind von Gefahren umgeben, die für das Kind der Wohlhabenden nicht vorhanden sind. Allxin gelassen bleibt es schon als Säugling in der Wiege stundenlang ohne Nahrung, ohne die bei einem Säugling so ganz besonders notwendige körperliche Reinballung. Kaum kann der kleine Mensch seine Gliedmaßen gebrauchen, so nehmen die Gefahren für das unbeaufsichtigte Kind noch zu. Es verwickelt sich ifl den Betten, fällt heraus und leidet Schäden, deren Folgen oft erst viel später zum Vorschein kommen. Stundenlang eingeschlossen oder sich selbst überlassen wird das Kind aus dem ihm angeborenen Tätigkeirstrieb heraus zum Zerstörer, zum Unfugstifter, oder es verblödet aus Mangel an ' Siehe„Gleichheit" Nr. S vom 17. April 1S07.„Die Be- kämvfung der Saimlingtsterblichkeit" von Emanuel Wurm. Beschäftigung. Frühreif, in einem Alter, in dem das Kind der besitzenden Klasse noch das wohlbehülete und gehegte Baby ist, geht das Proletarierkind bereits auf die Straße, wo es, besonders in der Großstadt, allen Verführungen und Gefahren preisgegeben ist. Selbst noch nicht den Kinderschuhen entwachsen, muß es schon auf jüngere Geschwister aufpassen, eine Verantwortung tragen, der es weder geistig noch körperlich gewachsen ist. Als im Sommer 1907 in Berlin kleine Mädchen vergewaltigt wurden, erließ der„Verein für Volkskindergärten" einen Aufruf, in welchem„die Gesellschaft an ihre Pflicht gemahnt wurde, Anstalten zu schaffen und zu erhalten, in denen die Kinder Pflege und Aufsicht genießen und so den sie bedrohenden Gefahren und Verbrechen entzogen sind!" Selbstverständlich hatte dieser Aufruf geringen Erfolg. Die Privatwohltätigkeit kann eben soziale Fragen nicht lösen.— Alle Säuglingsfürsorgeanstalten, die übrigens bis jetzt noch in ganz unzureichender Zahl vorhanden sind, helfen nichts, wenn das dem Säuglingsalter entwachsene Kind mitleidlos hinausgestoßen wird, wenn dem zwei- und dreijährigen Menschenkinde sich keine Stätte bietet, die es vor körperlichem und geistigem Verkommen schützt. Soll also wirklich Wandel geschaffen werden in der ungeheuren Kiiiderverelendung, so muß in die Säuglingsfürsorge einbegriffen sein auch die Fürsorge für das Kind bis zum dritten Lebensjahr und hieran anschließend der Kindergarten bis zum schulpflichtigen Alter. Was aber haben Staat und bürgerliche Gesellschaft bis heute getan, um diese Not der Kinder zu lindern? Zu einer durchgreifenden Abhilfe sind sie unfähig; sie können die Ursachen des Kinderelends nicht beseitigen, ohne die bestehende Wirtschaftsordnung und damit sich selbst aufzuheben. Und was sie taten, um der Not der heranwachsenden und der kommenden Generatton zu begegnen, ist eben so unzureichend, wie es das ungeeignetste ist, was zu diesem Zweck getan werden konnte. Der Staat war bisher nur zur ZwangS- und Fürsorgeerziehung bereit. Die Gesetze vom 13. März 1878 beziehungsweise vom 2. Juli 1900 erstrecken sich nur auf Kinder, deren Ellern die Erziehungsrechte gerichtlich aberkannt sind, und auf sittlich verwahrloste Kinder. In beiden Fällen wird das Verfahren meist erst auf Antrag der Armen- oder Waisenpflege eingeleitet. Die Zwangs- und Fürsorgeerziehung tritt also meistens erst ein, nachdem das Kind bereits sittlich verkommen ist, oder in größter Gefahr steht, es zu werden. Zwar existiert in Berlin ein sich über ganz Deutschland erstreckender Verein, der sich ein„Vorsorge-ErziehungS- v er ein" nennt. Sein offizieller Titel lautet:„Berein zum Schutze der Kinder vor Ausnutzung und Mißhandlung". Dieser Verein tut sein möglichstes, Kinder frühzeitig auS einer sie schädigenden Umgebung zu entfernen. Doch wie schwach sind die Kräfte eines solchen Vereins! Im Jahre 1903 hat er 200 Fälle mit 275 Kindern behandelt, davon 185 Fälle in Berlin und Vororten. Sein Tun bleibt«..< Tropfen im Meere des Elends, in dem unsere Proletarierkinder untergehen. Der preußische Staat und die Kommunalverbände zahlten im Jahre 1904 zusammen rund 6 Millionen Mark für 6458 Minderjährige, die im Jahre 1904 auf Grund des Gesetzes vom 2. Juli 1900 ent Mtig der Fürsorgeerziehung überwiesen wurden. Es waren unter 6 Jahren 168 Kinder, 6 bis 12 Jahren 1937 Kinder, 12 bis 14 Jahren 1529 Kinder, 14 bis 18 Jahren 2864 Kinder. Di« Zahl der Jugendlichen, die auf Grund deS Gesetzes vom 13. März 1878 in Zwangserziehung überwiesen worden waren, betrug 9073 im Jahre 1904/05. Der größte Teil der Summen, die in Preußen Staat und Gemeinden alljährlich für die ZwangS- und Fürsorgeerziehung ausgeben, wäre wahrlich nutzbringender angelegt, wenn dafür Krippen, Kindergärten und Kinderhorte errichtet und so statt der nachträglich strafenden und im Grunde ganz zwecklosen Maßnahmen vorbeugende ergriffen würden; Maßnahmen, die daS Kind von seinem ersten Lebenstage an vor all der Unbill, vor all den Gefahre« schützen, denen gegenüber die Eltern durch ihre wirtschaftlich« Notlage zur Machtlosigkeit, zur Hilflosigkeit verurteilt sind. Unter allen strafbaren Handlungen, wegen derer Jugendliche vom 12. bis zum 18. Lebensjahre verurteilt werden, steht der Diebstahl an erster Stelle. Im Jahre 1395 wurden verurtellt 44384 Jugendliche, davon wegen Diebstahl 31568, im Jahre 1907 51498, davon wegen Diebstahl 36462. Auf die Verurteilung Jugendlicher überhaupt soll hie« nicht näher eingegangen werden. Die angeführten Zahle« sollen nur zeigen, wie traurig es mit der„Fürsorge" fü« unsere Jugend bestellt ist. Wo bleibt da der vielgerühmte oftangerusene„Schutzengel der Kinder", der sie behütet uni bewahrt vor Bösem? Für das Proletarierkind gelten nui Margarete Beutlers traurig-wahre Worte: „Sein Engel schläft und Engel schlafen fest. Kein Aindcrjammer, der sie wachen läßt."--- Sind die strafenden Maßnahmen, die der Elaat gegenüber dem schuldig-unschuldigen Kind« ergreift, mangelhaft, so sind seine vorbeugenden Maßnahmen, die ei bis jetzt zum Schutze des Kindes gettoffen hat, noch weil unzureichender. Die kommunal« Säuglingsfürsorge ist, wie scho« in Nummer 8 der„Gleichheit" vom 12. April 1907 eingehend dargelegt wurde, noch in den Anfängen und entwickelt. sich recht langsam. Zu der Musteranstalt fü« Säuglingsschutz, die in Charlottenburg errichtet wird, ist am 3. Dezember v. I. der Grundstein gelegt worden. In Sachsen ist infolge seiner zahlreichen Fabrik- un» Heimarbeiterinnen die Säuglingssterblichkeit noch größel Nr.Z Die Gleichheir 21 als im übrigen Deutschland, es stirbt dort mehr als ein Viertel aller Kinder im ersten Lebensjahr, im übrigen Deutschland ein Fünftel. Der sächsische Minister Hohenthal erließ deshalb vor kurzem einen Aufruf zur Gründung einer Musteranstalt in Sachsen, ähnlich der in Charlottenburg geplanten. In diesem Aufruf wendet er sich nicht etwa an die Regierung, o nein, von der weiß er, daß sie für solche Zwecke kein Geld hat,— sondern„an alle, die ein Herz für ihr Volk haben und an dieser großen Aufgabe zum Segen unserer Nachkommen mitwirken wollen, der Stiftung, (Kaiserin-Augusta-Viktoria-Haus), die auch das kleinste Scherslein mit Dank annimmt, recht viele Gaben nach Interesse und Vermögen zufließen zu lassen". All diese privaten wie staatlichen Almosen zum Schutz der Säuglinge beweisen nnr die ganze Hilflosigkeit der heutigen Gesellschaft gegenüber der Größe des Elends, vor dem sie jetzt selber zu erschrecken beginnt. Die Kleinkinderfürsorge entspricht ebenfalls auch nicht im geringsten dem stetig wachsenden Bedürfnis. Eine gesetzliche Regelung derselben gibt es bis jetzt im Deutschen Reiche nicht. Nur Kirche und private Wohltätigkeit haben einige Kleinkinderbewahranstalten, Kleinkinderschulen, Spielschulen und Kindergärten geschaffen. Sie alle stellen sich in erster Linie die Aufgabe, das arme, unbeaufsichtigte Kind zu hüten. Pädagogisch geleitet sind nur die wenigen Kindergärten der Wohlhabenden, die ihres hohen Schulgeldes wegen für die Masse der Kinder nicht in Betracht kommen, und die nicht große Zahl der„Volkskindergärten" der Fröbel- vereine. Alle übrigen Kleinkinderbewahranstalten, mögen sie heißen wie sie wollen, begnügen sich je nach ihrer Tendenz mit der religiösen oder„vaterländischen" Erziehung der Kinder und wollen sie an Ordnung und Reinlichkeit gewöhnen, soweit ihnen das bei den oft unzureichenden Hilfskrästen und engen Räumlichkeiten möglich ist. Eine umfassende, zuverlässige Statistik überdieimDeutschen Reich verhandenen Krippen und Kindergärten besteht bis jetzt nicht, denn die meisten Vereine geben, sozusagen unter Ausschluß der Öffentlichkeit, nur für ihre Mitglieder und„Gönner" Jahresberichte heraus, und diese oftmals auch noch ohne genaue statistische Angaben. Nur einige wenige große Vereine, die sich allerhöchster Protektion erfreuen oder mit städtischem Zuschuß arbeiten, berichten in den Tagesblättern über ihre Tätigkeit, um das öffentliche Interesse wachzurufen. Es fehlt vollständig an jeder Zentralisierung in der Berichterstattung. Auch das Statistische Jahrbuch deutscher Städte(12. Jahrgang) führt darüber Klag«. Der vorletzte Jahrgang desselben enthält eine Tabelle für das Jahr I9V2, die auch nur ungefähr Zahl, Besuchsziffer und städtische Zuschüsse der zu dieser Zeit bestehenden Kinderbewahranstalten, Kleinkinderschulen und Kindergärten in 47 deutschen Städten angibt.' In der Rubrik„Städtische Zuschüsse" ist nicht mitgerechnet der Staat Hamburg, der keine Anstalten unmittelbar unterstützt, sondern durch die Armenverwaltung das Pflegegeld für unbemittelte Kinder bezahlt. Ebenso gibt die Sladt Lübeck keinen direkten Zuschuß, sondern nur eine Anzahl Speiseportionen durch seine Armenanstalten. Aus der Tabelle des Statistischen Jahrbuchs deutscher Städte ist leider nicht ersichtlich, wie weit in beiden Städten diese Hilfe als Armenunterstützung gilt, durch deren Annahme die Väter der Kinder das Wahlrecht verlieren. In einigen Landgemeinden mögen noch etliche im Statistischen Jahrbuch nicht aufgeführte Kinderbewahranstalten bestehen, aber ihre Zahl wird nicht erheblich sein, so daß angenommen werden darf, daß rund 90000 Kinder etwa 900 Anstalten besuchen. Die Gesamtkosten vermag keine statistische Quelle anzugeben. Nur die städtischen Zuschüsse, und auch diese unvollständig, sind in dem Statistischen Jahrbuch deutscher Städte zusammengestellt." Sie betrugen im Jahre 1902 im ganzen Deutschen Reich 400000 Mk. einschließlich der von den.Armenverwaltungen für Kinder gewährten Unterstützungen. Danach kommt aus den Kopf des Kindes jährlich ein städtischer Zuschuß von 4'/» Mark. * Die Zahlen von Berlin auf Grund eigener Nachforschungen ergänzt. " Im Statistischen Jahrbuch deutscher Städte, 12. Jahrgang von 1S04, schreibt vr. M. Mendclson-Aachen:„Der Umstand, daß die Fürsorge für Aleinkinderschulen fast ganz der freiwilligen Tätigkeit überlasten bleibt, bringt eS mit sich, daß im gesamten Äleinkinderschulwesen eine außerordentliche Vielgesialtigkeit herrscht und)>aß dasselbe insolgedestcn der statistischen Ersaffung sehr schwer zugänglich ist. Dies ist bei den angestellten Erhebungen deutlich in die Erscheinung getrtten. Eine groß? Anzahl der gestellten Fragen, wie zum Beispiel über das Gehalt der Kindergärtnennnen, die Kosten der Anstalt, die Art der Aufbringung derselben, ist für viele Anstalten so mangelhaft beantwortet worden, daß die Antworten für die Statistik sich als unverwertbar erwiesen. Eine Anzahl Städte(Braunschwcig, Bremen, Potsdam, M.-Gladbach, Königsberg, Münster i. W., Stettin) haben überhaupt keine Angaben zur Verfügung gestellt, während Berlin aus die Angaben im Statistischen Jahrbuch verwies, welche leider nur über die Anzahl der vorhandenen Anstalten, ihre Besuchsziffer und die Lehrerzahl Auskunft gaben"» Über die Gesamtunkosten von Kindergärten gibt am ausführlichsten der Bericht des Berliner Fröbelvereins Auskunft. Im Jahre 1906 unterhielt dieser Verein drei Kindergärten für Kinder bemittelter Familien und drei Volkskindergärten. Die drei crstercn wurden durchschnittlich im Monat von 39 Kindern besucht, die von drei Lehrerinnen, zwei bezahlten und einer freiwilligen Hilfskraft beaufsichtigt wurden. Die Kosten betrugen pro Kind und Jahr ö4'/- Mark. Die drei Volkskindergärten waren im Durchschnitt monatlich von 2S6 Kindern besucht, die von drei Lehrerinnen, drei bezahlten und fünf freiwilligen Gehilfinnen, beaufsichtigt wuroen. Tie Kosten betrugen, obwohl hier die Kinder noch für 10 Pf. MitjGgcssen und für ö Pf. Milch erhielten, pro Kind und Jahr 32'/- Mark. Rechnet man hiernach die Unkosten bei genügenden Lehr- und Hilfskräften pro Kind und Jahr mit 5ö Mk., so würden freilich den Gemeinden im Deutschen Reiche Ausgaben von vielen Millionen erwachsen, denn es werden jährlich 3'/« Millionen Kinder eingeschult, davon in Preußen 2 Millionen. Wie wir sahen, betragen in Berlin die Unkosten für ein Kind in Krippe und Kindergarten jährlich rund 35 Mk., das ist etwa die Hälfte dessen, was für ein Volksschulkind verausgabt wird. Nimmt man dasselbe Verhältnis für das ganze Reich an, so würden die Kosten für die Kleinkinderfürsorge im Reiche rund 210 Millionen Mark betragen, eine Ausgabe, die sich reichlich bezahlt machen würde durch höhere Lebenskraft und Lebensfreude unserer heranwachsenden Jugend. Doch freilich ist im Militärstaat hierfür kein Geld übrig— und die Gemeinden zeigen ja schon durch die meist nur kärglichen Zuwendungen, die sie den Wohltäligkeitsanstalten machen, wie wenig sie sich zur Kleinkinderfürsorge verpflichtet fühlen. Berlin gab den Kinderfürsorgeanstalten im Jahre 1907 23 300 Mk. Zuschuß, Straßburg dagegen, das kaum den zehnten Teil der Bevölkerung Berlins besitzt, gab bereits im Jahre 1902 für 22 Anstalten 80397 Mk., das kleine Mülhausen im Elsaß 47222, Metz 23333, Dortmund 19000 Mk., während Köln 16148, Stuttgart 13300, Düsseldorf 12493, Leipzig 10323, Augsburg 7000, Wiesbaden 8347 und das reiche Frankfurt nur 7140 Mk. ausgibt. Die Städte Frankfurt a. M., Freiburg i. Br., Görlitz, Dortmund, Dresden, Plauen und Wiesbaden unterhalten in sehr bescheidenem Umfang Anstalten auf städtische Kosten; in größerem Umfang tun dies nur die elsaß-lothringischen Städte, sowie Köln und Düsseldorf. München ist die erste deutsche Stadt, welche Kindergärten aus städtische Kosten eingerichtet hat. Am 1. April v. I. übernahm die Gemeinde die dort vorhandenen 20 Vereinskindergärten. Sie erhöhte ihre Zahl inzwischen auf 23 und beabsichtigt, sie für den Besuch von 9000 Kindern zu erweitern. Vorläufig sind 71303 Mk. in den Etat dafür eingestellt. Jedes Kind zahlt monatlich 1 bis 3 Mk; ungefähr 26 Prozent der Kinder hat Freistellen, die nicht alsArmen- unterstützung gelten. Bedürftige Kinder erhalten mittags Suppe. Die Kindergärten unterstehen der Lokalschulkommission. Sehr groß ist die Zahl der Anstalten, die von der inneren Mission der evangelischen Kirche errichtet und unterhalten werden. Nicht weniger als 2700 Anstalten mit 187 817 Kindern weiß die im Jahre 1899 erschienene Statistik der inneren Mission aufzuführen. Dem Statistischen Jahrbuch deutscher Städte scheint dies unbekannt geblieben zu sein, denn es zählt im ganzen 900 private, städtische und ürchliche Anstalten im Deutschen Reiche auf! Sicher sind katholische Anstalten noch zahlreicher vorhanden wie evangelische— doch auch über sie ist keine Statistik zu erhalten. Den christlichen Anstalten gegenüber verhält sich der Staat anders als im vorigen Jahre gegen den„Verein freier Kindergärten" in Charlottenburg, der, wie allen wohl noch in frischer Erinnerung sein wird, seiner„Staatsgefährlichkeit" wegen nach wenigen Monaten seiner Existenz behördlich geschlossen wurde. Mit dieser Tat hat sich Minister Studt ein unvergeßliches Denkmal gesetzt, das seinesgleichen nur bei seinem Amtskollegen Raumer im Jahre 1831 findet, zur Zeit der schlimmsten Reaktion in Preußen, als sämtliche Kindergärten verboten wurden, weil man an höchster Stelle den frommen Nicht- politiker Friedrich Fröbel verwechselt hatte mit seinem Neffen, dem Demokraten Julius Fröbel, dem Freunde des Kommunisten Weitling.(Schluß folgt.) Gegen die Ausnahmewirtschast. II.(Schluß., Sehr häufig ist die Überarbeit für Saisonarbeiten gestattet worden. Bezeichnend ist beispielsweise die Mitteilung in dem Bericht der Gewerbeaufsichtsbeamten für den Regierungsbezirk Merseburg, daß von den 23 633 Überstunden, die in dem Bezirk wegen„außergewöhnlicher Häufung" der Arbeit gemacht worden sind, nahezu 19000 Stunden auf die Honigkuchen-, Zuckerwaren- und Schokoladefabriken entfallen. Hierzu heißt es in dem Bericht:„Diese Fabriken gehören zu den Saisonindustrien, die regelmäßig in den letzten Monaten vor dem Weihnachtsfest zu einer außerordentlichen Verstärkung des Betriebs gezwungen sind, da es wegen des zu befürchtenden Verderbens der Waren nicht angängig ist, schon in der stillen Zeit des Jahres auf Vorrat zu arbeiten.... An zweiter Stelle steht das Bekleidungs- und Reimgungsgewerbe mit 7232 Stunden, die auf zwei chemische Waschanstalten und eine Rauchwarenzurichterei entfallen.... Auch diese Gewerbe sind den Saisonindustrien zuzurechnen, in denen ganz stille Zeiten mit Überhäufung von Aufträgen abwechseln." Ahnliche Mitteilungen finden wir auch in mehreren der anderen Berichte. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, daß auch die Saisonarbeiten— wenn ernstlich versucht— zu einem guten Teil der gesetzlich festgelegten Maximalarbeitszeit angepaßt werden können. So hebt der Berichterstatter für das Großherzogtum Baden ausdrücklich hervor, daß in der Pforzheimer Schmuckwarenindustrie, die sehr mit der„Saison" zu rechnen hat. ein auffallender Umschwung eingetreten ist. „Durch tarifliche Vereinbarung wurden für die zehnte und elfte Stunde ein Lohnzuschlag von 20 Prozent, für jede Stunde darüber hinaus ein solcher von 30 Prozent festgesetzt. Das Ergebnis dieser Vereinbarung ist, daß die Zahl der Überarbeitstage von 3038 im Jahre 1903 auf 2864 im Jahre 1906 herabging, die Zahl der beteiligten Arbeiterinneu von 16638 auf 3293, die Zahl der Qberarbeitsstundcn von 218302 auf 68202.—„Auch in der Textilindustrie und in der Industrie derNahrungs- und Genußmittel sind Abnahmen der Überstunden festgestellt worden, die nicht auf ein geringeres Bedarfsmaß, sonoern auf geeignete Dispositionen, wie wir sie seit Jahren empfohlen haben, zurückzuführen sind."— Aus dem Bericht über Sachsen- Weimar ergibt sich ein„erfreulicher Rückgang" der Überarbeit in der dortigen P.ippenfabrikation.„In einem Betrieb war die Anregung von Anwohnern ausgegangen, welche die Balg- stopfsrinnen häufig abends bis 9 Uhr in staubersüllten Räumen sitzen sahen und wegen einer Beschränkung der Arbeitszeit bei der Behörde vorstellig wurden. Die Arbeitgeber trugen dem Wunsche dadurch Rechnung, daß sie das Personal vermehrten und auf Vorrat arbeiten ließen, ein Versahren, mit dem allerdings ein größeres Risiko infolge des Schwankens der Rohmaterialpreise verbunden ist." Freilich sind die Unternehmer nur zu oft für ihr„größeres Risiko" mehr besorgt als für die Gesundheit ihrer Arbeiterinnen. Deshalb darf die Beseitigung der Überarbeit nicht dem Profitinteresse der Unternehmer geopfert, sondern muß durch die Arbeiterschutzgesetzgebung erzwungen werden. Das wird aber bei der jetzigen Ausnahmcwirtschast nicht erreicht— und soll auch nach dem Willen der bürgerlichen „Arbeiterfreunde", die trotz des Widerspruchs der Sozialdemokraten vor 17 Jahren die Ausnahmen beschloffen haben, nicht erreicht werden. Die Arbeiterinnen sollen, so werden die Gründe der bürgerlichen„Arbeiterfreunde" im Land- mannschen Kommentar zusammengefaßt,„die Zeit der Saison mit höchster Anspannung ihrer Kräfte ausnutzen. Dieses sei auch um so unbedenklicher, als zu anderen Zeiten des Jahres weniger zu tun sei.... Wenn in solchen„flotten Zeiten" die gesetzliche Arbeitszeit innegehalten werden müsse» so werde dies entweder den Verlust zahlreicher Aufträge oder aber die Neueinstellung von Arbeitern nach sich ziehen, welche demnächst wieder, da in der stillen Zeit keine hinreichende Beschäftigung vorhanden sei, entlassen werden müßten. Letztere„Lösung" sei erst recht bedenklich, da hierbei die sogenannte„industrielle Reservearmee" noch eine Vermehrung erfahre." In der Praxis jedoch besteht nicht die geringste Garantte dafür, daß diejenigen Arbeiterinnen, die während der Saison„mit höchster Anspannung ihrer Kräfte" gearbeitet haben, in der ruhigen Geschäftszeit sich so schön erholen können, wie es die bürgerlichen Arbeiterfreunde ausgemalt haben. Vielmehr wird so manche dieser Arbeiterinnen in der stillen Zeit entweder entlassen, oder sie tritt freiwillig aus dem Betrieb aus und muß dann andere Arbeit annehmen, bei der von einer Erholung gar nicht die Rede sein kann. Diejenigen Arbeiterinnen aber, die wirklich in dem Betrieb bleiben, müssen in der Regel nach der Saison ihre Kräfte noch mehr als genug„anspannen"— wie sollen sie sich dann erholen? Wenn aber Arbeiterinnen nach der Saison bei erheblich verkürzter Arbeitszeit arbeiten, dann ist ihr Verdienst so minimal, daß sie sich die schlimmsten Entbehrungen auferlegen müssen. Die Hungerkur ist aber eine sehr schlechte Erholung. Die Furcht vor der„Vermehrung" der„industriellen Reservearmee"— der zweite Grund der bürgerlichen Arbeiterfreunde— sollte gerade ein Ansporn sein, die Überstunden ganz, auch in der Saison, zu beseitigen. Geschieht daS, dann müssen mehr Arbeiter eingestellt werden. Dadurch sinkt die Zahl der arbeitslosen Arbeiter. Nach der Saison werden allerdings die nur zur Aushilfe eingestellten Arbeiter entlassen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt aber doch auch jetzt nicht höher, als es dann der Fall gewesen wäre, wenn die Unternehmer dank der länger ausgedehnten Arbeitszeit der Arbeiterinnen während der Saison von der Einstellung weiterer Arbeitskräfte Abstand genommen hätten. Nach der Saison würde also in beiden Fällen die Zahl der arbeitslosen Arbeiter gleich groß sei, während der Saison aber wird die Zahl der arbeitslosen Arbeiter vermindert. Wir können also die Frage der überarbeit betrachten, von welcher Seite wir wollen, stets gelangen wir zu dem Resultat, daß im Interesse der beteiligten Arbeiterinnen mit der Ausnahmewirtschaft so schnell wie möglich ein Ende gemacht werden muß. Die Forderung, die der sozialdemokratische Parteitag in Dresden 1903 angenommen hat:„Für alle Arbeiterinnen die Abschaffung der Überstundenarbeit", ist durchaus berechtigt und, wie die Erfahrung zeigt, sehr dringend. Schließlich noch ein Wort zu den Ausnahmen, die im allgemeinen Interesse nach Unglücksfällen notwendig sein können. In dieser Beziehung besagt das geltende Gesetz:„Wenn Naturereignisse oder Unglücksfälle den regelmäßigen Betrieb ein Fabrik unterbrochen haben, so können Ausnahmen... zugelassen werden." Als Erläuterung dazu mögen die folgenden Fälle aus dem Bericht über den Regierungsbezirk Düffeldorf dienen. Auf Grund der angeführten Bestimmung wurden Ausnahmen genehmigt: einer Metallwarenfabrik wegen plötzlicher Betriebsstörung infolge von Schäden an der Betriebsmaschine, einer Baumwollspinnerei 22 Die Gleichheit Nr.Z auS Anlaß technischer Änderungen an mehreren Maschinen der Vorspinnerei und Spinnerei und wegen gleichzeitiger, länger dauernder Erkrankung einer größeren Zahl von Arbeiterinnen, einer Baumwollspinnerei wegen Bruches an der Betriebsmaschine. In allen diesen Fällen ist nicht abzusehen, inwieweit die llberarbeit durch das allgemeine Interesse geboten war. Auch hier ist offenbar durchweg einzig und allein das Profitinteresse des Unternehmers maßgebend zum Schaden der Arbeiterinnen. Daher sind auch diese Ausnahmen nicht länger zuzulaffen. Unter allen Umständen muß dafür gesorgt sein, daß nach Unglücksfällen nur so weit Ausnahmen zugelaflen werden, wie dies im allgemeinen Interesse unerläßlich ist. Diese Sicherheit erfordert zunächst eine klare und bestimmte Fassung des Gesetzes, dann aber auch— was genau so wichtig ist— die maßgebende Mitwirkung der Arbeiter bei der Beantwortung der Frage, ob das allgemeine Interesse die llberarbeit notwendig macht. Gustav Hoch-Hanau a. M. Das Ausland im Jahre 1907. Der mächtigste Eindruck, den das deutsche Proletariat im Jahre ISO? aus dem Ausland erhielt, war der glänzende Wahlsieg der österreichischen Sozialdemokratie. Dem Meisterstück des Wahlrechtsseldzuges, der an der Schwelle deS Jahres die Wahlreform als die Frucht festen, zum äußersten entschloffenen Kampfmutes bescherte, hatte sich eine Wahlkampagne angeschlossen, in der das klassenbewußte Proletariat nicht minder alle Kräfte einsetzte. Und der Lohn war der Sieg des 14. Mai, ein Sieg, wie er in den Annalen der roten Internationale fast einzig dasteht. Bei einer starken Wahlbeteiligung, zum Teil unter dem Gesetz der Wahlpflicht eroberte die österreichische Sozialdemokratie S7 Mandate, die sich auf fast alle Nationen und Länder des bunt zusammengestückelten Staates verteilen. Als stärkste aller Parteien wäre die der Arbeiter in das neue Parlament eingezogen, wenn sich nicht noch in letzter Stunde klerikale Reaktionäre verschiedener Kouleuren zu einem antisozialisti. schen Block zusammengefunden hätten. Diese Wahlen lieferten den schlüssigen Beweis, daß sich die Arbeiterklasse Österreichs— das Proletariat all der verschiedenen Nationen, die dort zusammengewürfelt sind— sammelt in der einen, internationalen Sozialdemokratie. Sie waren ein kräfttger Dämpfer für die Hoffnungen der internationalen Bourgeoisie, die nach der parlamentarischen Niederlage der deutschen Sozialdemokratie schon vom großen Niedergang der proletarischen Bewegung geträumt hatte. Für Oesterreich bedeuten sie den Anfang einer neuen Ära; das allgemeine Wahlrecht hat sich als wirksames Verjüngungsmittel für den unter dem Privilegienwahlrecht in allen Fugen krachenden Staat erwiesen. Eine neue Entwicklung hebt an, in die die österreichische Sozialdemokratie kräftig und fruchtbar eingreift. In den einzelnen Kronländern hat diese«inen neuen Feldzug um die Demokratisierung der Landtagswahlrechte begonnen. In Rußland sah daS Jahr 1907 die Reaktion wieder obenauf kommen. Die Gegenrevolution wütete in furchtbarer Weise. Aber alle Greuel der Bluthunde des Selbstherrschers haben die Ruhe des Kirchhofes nicht herstellen können. Das Schreckensregiment Stolypins, das je länger je mehr die schlimmsten Leistungen PlehweS überbietet, hat den Willen des Volkes, vor allem des Proletariats nach Sturz der Knutenherrschaft nicht zu brechen vermocht. Unter den schwierigsten Verhältnissen, unter zahllosen Opfern an Freiheit und Leben setzte die russische Sozialdemokratie ihr Werk der Aufklärung und Organisierung der arbeitenden Massen fort. Die Wahlen zur zweiten Duma brachten der Regierung trotz der schamlosesten Vergewaltigungen der oppositionellen Wähler eine eklatante Niederlage? die am 7. März eröffnete Duma wies eine starke bürgerliche Opposition und eine starke revolutionäre Linke aus, so daß die Rechte kaum ein Drittel des Parlaments ausmachte. Die grausam verfolgte Sozialdemokratie hatte 50 Mandate erobert, weitere bl) wurden von Vertretem ihr nahestehender revolutionärer Parteien(Sozial-Revolutionäre, Volkssozialisten, Arbeitsgruppe) errungen. Eine angebliche Verschwörung der Sozialdemokratie gegen den Zaren diente der Regierung als Vorwand zur Sprengung der Duma. Die Bereitwilligkeit der bürgerlichen Opposition, vornehmlich der Kadetten, mit den: Zarismus zu paktieren, ihre „weise Mäßigung" gingen der Reaktion nicht weit genug. Ein Staatsstreich oktroyierte ein verschlechtertes Wahlrecht, das eine willfährige Duma zusammenbringen sollte. Das Experiment gelang. Im November trat die dritte Duma, die der schwarzen Hundert, zusammen. Die bürgerliche Opposition wurde auf IIISitze reduziert. Die wütenden Hasser jeder Verfassung, die Junker der Siechten erlangten aufGrund des Privilegienwahlrechtes ISSMandate, das ausschlaggebendeZentrum wird durch die 107 Sitze zählenden Oktobristen, Scheinkonstitutionelle, eingenommen, die im Anschluß an die Rechte, in der Unterwerfung unter den Willen des Zaren ihre Aufgabe sehen. So ist die dritte Duma das Zerrbild eines Parlaments geworden. Die Sozialdemokratie hatte trotz der niederträchtigen Wahlentrechtung und trotz eines beispiellosen Terrorismus der Regierungsgcwalt 18 Mandate erobert— eine Leistung, die alle Erwartungen übertraf und ein schönes Zeugnis von der ungebrochenen Energie unserer russischen Genoffen ablegt. Indessen wurde der Boden des unglücklichen Landes mit Strömen BluteS getränkt— die Gefängnisse sind überfüllt, ins riesenhafte wachsen die Züge der nach Sibirien Verbannten an. Am furchtbarsten hatten Rnssisch-Polen und die Ostseeprovinzen zu leiden? in Riga dauerten die scheußlichsten Folterungen politischer Gefangener das ganz« Jahr hindurch an. Im übrigen Rußland betätigte sich der Verband der echtrussischen Leute unter dem ermunternden Schutz des Zaren und seiner Schergen in mehrfachen Judenhetzen und der Brutalisierung oppositioneller Wähler. Am Schlüsse des Jahres stehen zwei große politische Prozeffe, die nichts weiter als Gewaltakte waren. Vor dem Ausnahmegericht des Senats, hinter hermetisch geschlossenen Türen, wurden die angeblichen sozialdemokratischen Verschwörer„gerichtet", zu denen auch die sozialdemokratischen Vertreter in der zweiten Duma gehörten. Ungeheuerliche Strafen wurden über die Vorkämpfer des Proletariats verhängt, die so unschädlich gemacht werden sollen. Gleich darauf folgte der Hochverratsprozeß gegen die Abgeordneten der ersten Duma, die seinerzeit den Wyborger Aufruf unterschrieben. Eine juristische Komödie, die den einzigen Zweck hatte, den Erwählten des Volkes das passive Wahlrecht zu nehmen, ein Zweck, der schließlich, da eine Verurteilung zu Zuchthaus denn doch unmöglich war, durch die Verhängung von drei Monaten Gefängnis über jeden der Angeklagten erreicht wurde. Ein jämmerlicher Scheinerfolg der Reaktion, wie denn die ganze Gegenrevolution ein Scheinerfolg ist. Noch ist die russische Revolution nicht beendet, und die grenzenlose Mißwirtschast der Verbrecherbande, die sich russische Regierung nennt, das Finanzelend, die Hungersnot in weiten Landgebieten erinnern das russische Volk eindringlich daran, daß unter der zarischen Knute ein menschenwürdiges Dasein nicht möglich ist. Einen Wahlsieg, der nicht minder glänzend als der der österreichischen Genossen ist, hat die Sozialdemokratie im April in Finnland erfochten unter dem freiheitlichsten aller europäischen Wahlrechte— allgemeines gleiches Wahlrecht für beide Geschlechter. Sie eroberte 80 Mandate von 200. Das politische Frauenwahlrecht ward hier auf europäischem Boden zum erstenmal prakttsch erprobt. Und es bestand die Probe vortrefflich. Im finnischen Parlament sitzen neun sozial- demokrattsche und zehn bürgerliche Frauen. Das Schicksal dieses eigenartigen kleinen Landes, das in vieler Beziehung den Großstaaten Europas voraus ist, hängt von der Entwicklung der Dinge in Rußland ab— je stärker sich die Reaktion dort fühlt, um so mehr wächst die Neigung der russischen Regierung, die jung« finnische Freiheit zu meucheln. In Frankreich hat im verflossenen Jahre die Entwicklung der bürgerlichen Parteien zum antisozialistischen Block erhebliche Fortschritte gemacht. Die Regierung des Radikalen Clemenceau und des„Sozialisten" Briand bewies ihre Stärke in der Verfolgung der Koalitionen der Lehrer und Beamten und ersetzte fehlende sozialpolittsche Taten durch Verfolgungen von Gewerkschaftsführern, die Soldaten aufgefordert hatten, nicht auf Streikende zu schießen. Die einzige Reform, die zu nennen ist, war die Durchführung des Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat— die Gesetzentwürfe betreffend die Einkommensteuer und die Alterspensionen für Arbeiter blieben Projekte, die Durchführung der Sonntagsruhe erwies sich als eine Halbheit. Einer im Ziele unklaren Bewegung der Winzer des Südens, die die Folgen der anarchischen kapitalistischen Produktionsweise in einer Weinkrise des Überflusses bitter empfanden, wußte die Regierung zunächst nur mit Gewaltmaßregeln zu begegnen. Sie führten zu einem schrecklichen Blutbad in Narbonne, das bald darauf ein Gegenstück in der Schlächterei fand, die unter friedlichen Streikenden zu Raon l'Etape angerichtet ward. Die Winzerbewegnng erzielte nichts als einige gesetzliche Schutzmaßregeln gegen Weinsälscher.— Die„friedliche Durchdringung" Marokkos führte im März zu der Besetzung Udschdas und im August zum grauenvollen Bombardement von Casablanca mit anschließenden Kämpfen. Die Kolonialintereffenten, vornehmlich Teile der Finanzaristokratie, die die Diplomatie zu ihrer Agentin und Geschäststeilhaberin gemacht haben, drängen auf einen Feldzug in größerem Stile, als dessen Endziel das Protektorat über Maroklo gedacht ist. Die Regierung hat sich Schritt für Schritt vorwärts schieben lassen. Deutschland hat gute Miene zu diesem bösen Spiele gemacht, das auf Kosten des französischen und des marokkanischen Volkes einen kleinen Kapitalistenring bereichern wird— und den Weltfrieden gefährden kann. Tüchtige Fortschritte machte der Gedanke des Sozialismus in England, wie mehrere Nachwahlen, vor allem die Siege der Arbeiterpartei in Jarrow und Colne Valley zeigten. Während die liberale Regierung durch die Gewährung freier Verfassungen für Transvaal und Oranje eine Versöhnung mit den Buren herbeiführte, wußte sie angesichts der anschwellenden Autonomiebewegung in Indien und Ägypten nichts als Gewattmaßregeln zu ergreifen. Größer noch als in den genannten beiden Ländern ist die Unzufriedenheit mit der englischen Herrschast in Irland. Die Schweiz lieferte den Beweis, daß auch die demokratische bürgerliche Republik ein Klassenstaat ist. In zwei Kantonen, Bern und Zürich, wurden Antistreikgesetze vorbereitet, die das Koalitionsrecht der Arbeiter schwer gefährden durch schlimme Kautschukbestimmungen, die schier den berüchtigten Z 153 der deutschen Gewerbeordnung übertreffen. Das neue Jahr bringt die Volksabstimmungen über diese Arbeitertrutzgesetze. Die Sozialdemokratie hat emen energischen Feldzug gegen die Annahme unternommen. Nicht weniger als sieben Militäraufgebote gegen streikende Arbetter fanden statt! In Holland ist die Einbringung einer Wahlreformvorlage zu verzeichnen, die das allgemeine gleiche Wahlrecht bringen sollte, aber infolge des Sturzes der Regierung hinfällig geworden ist. Im benachbarten Belgien erwies sich Leopold II. als ein wahrer König der Kapitalisten, indem er einen Gesetzentwurf zurückzog, in den das Parlament den Achtstundentag für Bergleute hineingebracht hatte. Seit Monaten drehen sich die politischen Interessen Belgiens um die Kongovorlage; Leopold hat die Bedingungen, unter denen er den Kongostaat an Belgien überlassen will, derartig gefaßt, daß selbst ein Teil der klerikalen Regierungspartei sich weigert, die Vorlage anzunehmen. Die Entscheidung muß das neue Jahr bringen. Italien sah im Oktober einen Generalstreik zu Mailand und in einigen anderen Städten. Er brachte den Protest des Proletariats zum Ausdruck gegen eine der üblichen Schlächtereien der Gendarmen unter friedlichen Arbeitern.' Dieser Generalstreik hatte den Erfolg, daß die Mörder ver- haftet wurden. In Ungarn hat die Sozialdemokratte am 10. Oktober � durch eine gewaltige Demonstration— in Budapest zogen 200 000 Arbeiter durch die Straßen— die korrupte Koalitions- regierung daran erinnert, daß es sich das gleiche Wahlrecht � nicht vorenthalten lassen will. Die Regierung hat darauf und abermals zum Schlüsse des Jahres versprochen, daß die � Wahlreform in Kürze kommen wird.— Die Flammen eines Bauernaufstandes loderten in Rumänien auf. Mit Flinte. und Säbel wurden die verzweifelten, verelendeten Bauern wieder zur Ruhe gebracht. Die junge Arbeiterbewegung hatte die wilde Wut der Bojarenregierung auszukosten, die � in geradezu schamloser Weise daS Gesetz brach, um die verhaßte Sozialdemokratie umzubringen. Was ihr natürlich nicht gelang. Eine gewaltige Auftüttelung des Proletariats der Nord- amerikanischen Union hat der Prozeß gegen die Berg-' arbeiterführer Haywood, Mojer und Pettibone zu Denver in Colorado wegen angeblicher Verschwörung und Ermordung � des Gouverneurs Steunenberg bewirkt. Dieser freche Versuch der Bergwerksbesitzer des Westens, die Justiz zum Werk-! zeug ihrer Rachegelüste gegen die Leiter der Bergarbeiter- � organisatton zu machen, scheiterte trotz der schamlosen Be-! � reitwilligkeit der gelehrten Richter an dem Nein der Ge- � schworenen, dank der energischen Protestbewegung, die die i amerikanische Sozialdemokratie eingeleitet hatte. Haywood!. und Pettibone wurden freigesprochen— das Klassenbewußt- � sein großer Scharen von Proletariem geweckt. Die revolutionären Bewegungen Europas zitterten in � Persien nach. Der Schah mußte eine Verfassung be- f willigen, die er gern wieder befestigen möchte— bisher ist' � das durch entschlossene Gegenwehr der Nation verhindert- worden. � Auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen ist die zweite Friedenskonferenz im Haag zu vermerken, � die ebenso wie die erste absolut nichts von einigem Belang � bewirkte und lediglich die totale Unfähigkeit der kapitalisttschen � Gesellschaft illustrierte, einen wirklichen Friedenszustand an � die Stelle der ständigen Kriegsgefahr und der am Marke der Völker zehrenden Rüstungen zu setzen. DaS englisch-? französisch-spanische A b k o m m e n über die Erhaltung- des Status quo im Mittelmeer, das japanisch- fr an-.- zösische Abkommen und der russisch-englische � Ausgleich über die beiderseitigen Interessen in Asien haben die Isolierung des Deutschen Reiches vermehrt, die � Macht Englands gesteigert., Der Rückblick zeigt uns in den meisten Ländern ein er-, freuliches Fortschreiten der Arbeiterbewegung. Das Gegen- � stück fehlt nicht— die bürgerliche Demokratie schwenkt mehr, und mehr nach rechts und wird zur offenen Feindin des> Emanzipationskampfes der Arbeiterklaffe. Besonders charakle- risttsch dafür ist die Entwicklung in den drei Republiken, in der Schweiz, in Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Diese Entwicklung zeigt die fortschreitende Verschärfung der Klassengegensätze und der Klassenkämpfe als wesentliches Merkmal der kapitalistischen Gesellschaft. II. ö. Schularztberichte. Von vr. Zadel. VII. Ist die Untersuchung der Schulanfänger auf ihren Gesundheitszustand, die Zurückstellung der noch nicht genügend entwickelten oder zu schwachen Kinder, die fortlaufende Überwachung und Förderung der mit Fehlern und Gebrechen behafteten kränklichen und weniger widerstandsfähigen Eingeschulten während der ganzen Schulzeit die erste und vornehmste Tätigkeit des Schularztes, so sind damit seine Aufgaben bei weitem noch nicht erschöpft. Ein großer Teil der bleibenden Gesundheitsstörungen im Kindesaller kommt auf Rechnung der ansteckenden Krankheiten, die sehr häufig durch die Schule übertragen werden. Die rechtzeitige Erkennung der in die Schule eingeschleppten Fälle und damit die Verhütung von Schulepidemien ist eine westere wichtige Aufgabe für den Schularzt. Auch in dieser Beziehung enthalten die Berichte einige Angaben, die den Nutzen der Einrichtung bezeugen. Von einem Berliner Schularzt konnte bei 5 neu eingeschulten Kindern Keuchhusten festgestellt werden. Die Erkrankten wurden aus der Schule entfernt und so lange zu Hause gehasten, bis der Husten gänzlich geheilt war; denn man hat die Erfahrung gemacht, daß auch noch Ansteckungen vorkommen können, wenn der Husten den krampfartigen Charakter verloren hat. Die Zahl der wegen gehäufter Erkrankungen notwendig werdenden Schließungen einzelner Klassen betrug in Berlin 1902/03 noch 30, ISOI/05 17, 1905/03 13. Auch in der Abnahme der Klasfenschlüsse dürfen wir wohl einen Erfolg der schulärztlichen Überwachung erblicken. Bei Masern wurde vielfach vom Klassenschluß abgesehen, da die große Mehrzahl der Kinder bei dem Eintritt in die Schule die Masern bereits überstanden hat, nach den Feststellungen eines Schularztes von 290 Schulanfängern 207— 71 Pro- Nr.Z Die Gleichheit 25 Bülow unter Berufung auf den abgestandenen KompetenH- sinwaiG, mißbrauchte aber darauf seine Redefreiheit zu einer herausfordernden Moralpredigt an die Sozialdemokratie, worin er, der in der Wahlnacht 1907 eine feierliche Ansprache an die oemonstrierenden Ordnungsparteiler gehalten hatte, sich über len„Straßenterrorismus" der Sozialdemokratie entrüstete. Zum Schlüsse richtete er an die„verführte" Arbeiterschaft eine unverblümte Drohung, die ebenso unverfroren als lächerlich war.(Solange es Herrschende gibt, sind die Massen, die ihnen opponieren, stets verführt gewesen.) Dann verschwand der Tapfere. Der sozialdemokratische Redner, Genosse Fischer, hat dem Kanzler zur Antwort in scharfer Weise die brutale Wahlrechtsverweigerung und die Polizeiheldentaten des 12. und des 21. Januar gegeißelt. Der Freisinn benahm sich ebenso mutig wie in der Wahlrechtssitzung des Landtags. Er hatte Worte für das gleiche Wahlrecht, aber nicht nur keine Taten, sondern vielmehr Verurteilung der proletarischen Tat, der Straßendemonstrationen. Keiner seiner Redner, selbst der schwäbische„Demokrat" Payer nicht, wagte das Recht des Volkes zu verleidigen, seinen Willen auf der Straße kundzugeben, keiner das zweierlei Maß der Polizei und des Kanzlers für demonstrierende Ordnungsleute und demonstrierende Sozialisten zu verurteilen. Und alle jammerten das Sprüchlein herunter, das ihnen die freisinnige Presse vorgebetet hatte, daß nämlich durch den „Straßenlärm" der ruhige Bürger erschreckt und der Löwenmut geknickt werde, den er gegen das Dreiklassensystem mühsam gesammelt hat. Von einem Austritt auS dem Block, von einem Mißtrauensvotum gegen den Kanzler, wie es sieben Mann der Freisinnigen Vereinigung im weiteren Kreise gefordert haben, war keine Rede, und die Außenreiter fanden auch nicht den Mut, sich gegen die feige Taktik der Mehrheit aufzulehnen. Am Schlüsse der Sitzung waren es sogar nur vier von der Vereinigung und zwei süddeutsche Demokraten, die für die Fortsetzung der Debatte am nächsten Tage stimmten. Die übrigen Abgeordneten dieser Fraktionen (darunter auch die Wahlrechtskämpfer Naumann und Payer) sowie die gesamte Freisinnige Bolkspartei beeilten sich, für die Vertagung auf unbestimmte Zeit zu stimmen, das heißt für die Vertagung auf den St. Nimmerleinstag. Es bedeutete das die Mundtotmachung der von allen Seiten angegriffenen Sozialdemokratie, als deren zweiter Redner Genosse Bebel auf der Rednerliste stand. Daß daS„wahlreform- freundliche" Zentrum nicht weniger jämmerlich heuchelte als der Freisinn, versteht sich am Rande. Nationalliberale, Antisemiten und Konservative bestritten natürlich die Kompetenz des Reichstags im Bülowstil; die letzteren ließen durch einen verjunkerten Bürgerlichen, den Kreth, die Wahlrechtskämpfer mit einer Jauche niedriger Verleumdungen und alberner Verhöhnungen überschütten. De» Dank Bülows hatte der Freisinn schon vor der ! Jnterpellalionsberatung erhalten. Am Tage des OrdenS- fests waren unter anderen Parlamentariern auch dir Freisinnigen Kämpf, Wiemer, Mugdan, Gyßling, Fischbeck und Schräder zu Ordensrittern gemacht worden. Und am 24. Januar waren Wiemer und Schräder im Kanzlerpalais bei einem Mahle zu Gaste, das nach den„Hamburger Nachrichten" die persönlichen Beziehungen zwischen Bülow und , den Abgeordneten des Blocks„wärmer" gestalten sollte. So hat die Blockpolitik also doch einige unbestreitbare liberale Errungenschaften gezeitigt. Den schneidigen Berliner Schutzleuten aber ward der Dank des Kaisers und der Kaiserin für ihr„energisches" Auftreten. In der bayerischen Kammer verhinderten Liberale und Zentrum in schönein Bunde die Verhandlung einer Wahlrechtsinterpellation, die von den Sozialdemokraten eingebracht morden war und sich gegen Bülow richtete. Vom Zentrum l splitterten sich dabei ganz« sechs Mann ab, die Liberalen aber blieben geschlossen, auch der„unentwegte" Demokrat Quidde half mutig mit, die Sozialdemokratie mundtot zu machen. Vernünftiger als die herrschenden Klassen und ihre Regierung in Preußen haben sich die bürgerlichen Parteien Braunschweigs erwiesen. Der Landtag wählte eine Kommission zur Vorbereitung einer Wahlreform. Tags vorher hatten die Braunschweiger Arbeiter in einer imposanten Strahendemonstration zur Mittagszeit ihre Forderung nach Gleichberechtigung im Staate energisch kundgegeben. In den Abendstunden trat auch hier der Polizeisäbel in Aktion, doch traf er die Demonstranten nicht mehr. Die unzulängliche Reform des Majestätsbeleidi- gungsparagraphen, die auf die Statuierung eines Ausnahmerechts für Sozialdemokraten hinausläuft, ist inzwischen im Reichstag perfekt geworden. Das zweite Ausnahmegesetz, das Reichsvereinsgesetz, befindet sich noch m erster Lesung in de� Kommission, wo die Konservativen heftige Vorstöße gegen die Gewährung voller Versammlungsfreiheit an die Frauen und Jugendlichen unternehmen. Der Freisinn hat seine Geneigtheit bekzmdet, ihnen die Rechte der Jugendlichen abzuliefern. Im Reiche hat eine kräftig« Protestaktion der Arbeiterschaft gegen den Entwurf eingesetzt. Das preußische Dreiklassenhaus hat der Regierung das schändliche Ausnahmegesetz gegen die Polen bewilligt, das Enteignungsgesetz. General Keim vom Flottenverein hat den„Dank vom Hause Habsburg" empfangen. Seine ihm einst von Bülow und höherer Stelle gedankte Anti-Zentrums-Wahlmache hat ihm jetzt den Hals gebrochen, weil die ungewisse Zukunft des Blocks zur Rücksicht auf das Zentrum mahnt. Auf der Tagung des Flottenvereins mußte das Präsidium, da der Kaiser sich gegen Keim erklärt hatte, zurücktreten. Die„nationale" Mehrheit hat indes die Bayern durch ein Vertrauens- votum für das abtretende Präsidium aufs neue gereizt und zum Austritt aus dem Verein veranlaßt. Die Krise wird »öglicherweise mit einer Spaltung endigen. In Köln wurde eine bergebliche Mohrenwäsche an Peters vorgenommen. Sein Prozeß gegen den Gouverneur a. D. von Bennigsen hat das Charakterbild des„Kulturpioniers" nur noch abstoßender gestaltet. Abgründe von Verrohung und Brutalität wurden aufgedeckt. Es verschlägt angesichts des Beweismaterials wenig, daß das Kölner Schöffengericht den Beklagten zu Ivo Mk. Geldstrafe verurteilte und„feststellte", daß dem Peters nichts bewiesen sei. Vor dem Kriegsgericht zu Potsdam wurde bei hermetischem Ausschluß der Öffentlichkeit der ehemalige Besitzer der Adlcrvilla, Major a. D. Graf Lynar wegen mehrfachen Mißbrauchs der Dienstgewalt und Vergehens gegen den Z 175, begangen mit Untergebenen. zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Mitangeklagte ehemalige Generaladjutant des Kaisers, Generalleutnant z. D. Graf WUHelm von Hohenau, ein Seitensproß des Hohenzollernhauses, wurde freigesprochen. Das Kriegsgericht fand, daß ihm Verfehlungen zur Last fallen, die widernatürlich sind, doch mangle der Beweis, daß der Tatbestand deS Z 175 erfüllt sei. In Rußland grassieren Hungersnot und Arbeitslosigkeit in furchtbarem Maße. Auf dem Lande ist ein Gebiet mit 40 Millionen Menschen von Hungerkrankheiten, Skorbut und Typhus, betroffen, in Petersburg und anderen Städten schwillt die Zahl der Arbeitslosen drohend an. Die Regierung behindert in gewohnter Weise die Hilfsaktionen, läßt dafür aber mit einem Aufwand von S Millionen Rubel 14 neue Gefängnisse bauen. Die bestehenden Kerker sind sämtlich überfüllt. In Kutais unternahmen 700 Gefangene einen Hungerstreik wegen der unerträglichen Verhältnisse, die zu Massenerkrankungen geführt haben. Ungarns klassenbewußtes Proletariat droht in den Massenstreik einzutreten, falls die Regierung es wagen wird, statt des versprochenen gleichen Wahlrechts ein Pluralwahlrecht vorzuschlagen. In England hat der Sozialismus einen Schritt vorwärts getan. Auf der Konferenz der Arbeiterpartei nahm die Mehrheit eine sozialistische Resolution an, welche sich für die Vergesellschaftung der Produktionsmittel erklärt. Die Annahme erfolgte mit 514000 gegen 469000 Stiminen. Es wird nämlich nach der Zahl der vertretenen Organisationsangehörigen abgestimmt. Wenn auch frühere böse Erfahrungen vor einer Überschätzung des Beschlusses warnen, so darf er doch auch nicht unterschätzt werden. Als Symptom der Entwicklung bleibt er bedeutsam. Ob eine Erklärung für den Sozialismus, die hundert christliche Geistliche des Landes abgegeben haben, wirklich dem proletarischen Sozialismus in allen seinen Konsequenzen gilt, bleibt mit großer Vorsicht abzuwarten. In Marokko ist eine für die Franzosen sehr unerfreuliche Wendung eingetreten. In der Hauptstadt Fez gab's einen Umsturz, die Bevölkerung erklärte sich für den Gegensultan Mulay Hafid. Der„rechtmäßige" Herrscher Abdul Asis, den Frankreich durch das Versprechen einer Anleihe in der Tasche hatte, wird immer mehr zu einem Herrscher ohne Land und Geld. Mulay Hafid hat den heiligen Krieg gegen die Eindringlinge erklärt. Die französische Regierung gibt sich den Anschein, als werde sie sich in den Kampf zwischen den Sultanen nicht einmischen, doch widersprechen dem die Operationen des neu ernannten Kommandeurs der Expeditionstruppe General d'Amade, der inzwischen bei Setlat schon die erste Niederlage von hafidischen Truppen erlitten hat. Die Sozialisten versuchen durch eine Interpellation Jaures, deren Beratung am 24. Januar begann, der gefährlichen Abenteuerpolitik entgegenzuarbeiten. L. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Die wirtschaftliche Krise in Deutschland hat gegenwärtig schon einen für die arbeitende Bevölkerung recht bedenklichen Grad erreicht, obgleich wir anscheinend erst am Anfang derselben stehen. Nach den Jahren industrieller Hochkonjunktur wirkt dieser wirtschaftliche Niedergang ganz besonders empfindlich auf die Arbeiterschaft. Auch für die Gewerkschaften werden seine Begleiterscheinungen bereits fühlbar. Arbeitslosigkeit, verkürzte Arbeitszeit, Lohnabzüge, rigorose Arbeiterentlassungen, besonders„unliebsamer" und „unbotmäßiger" Proletarier sind das Kennzeichen der gegenwärtigen Zeit. In kleineren und mittleren Städten ruhte die Bautätigkeit schon im Herbst. Diese arbeitslosen Bauarbeiter wie auch die aus den industriellen Betrieben Entlassenen ziehen nach den Großstädten, in der Hoffnung, dort leichter Arbeit zu finden. So kommt es, daß in Berlin an die 40000 Arbeitslose gezählt wurden, eine Zahl, die sicher nicht zu hoch gefaßt ist— die„Tägl. Rundschau" beziffert die Zahl der Arbeitslosen in Groß-Berlin sogar auf 60000. Die Arbeitslosigkeit wird noch verstärkt durch eine starke Rückwanderung von Arbeitern aus dem Ausland, besonders aus den Vereinigten Staaten, wo infolge einer finanziellen und industriellen Krise ebenfalls ein großer Arbeitsmangel eingetreten ist. Im vergangenen Jahre sollen rund 100000 solche Rückwanderer nach Deutschland gekommen sein. Di« Regierung des größten deutschen Bundesstaates beweist gegenüber der wachsenden Not wieder ihre sozialpolitische Ein- sichtslosigkeit: den Schrei nach Arbeit und Brot weiß sie nur mit Säbelhieben zu beantworten. Hoffentlich öffnet dieses Vorgehen den zahlreichen noch rückständigen Elementen unter der Arbeiterschaft die Augen und lehrt sie, daß sie ihre einzige Hilfe, ihren einzigen Schutz in der politischen und gewerkschaftlichen Organisation zu suchen haben. Die Unternehmer sind natürlich eifrigst darauf bedacht, die Krise zu Lohnkürzungen auszunützen. Die Tabakindustriellen in Nordhaufen scheinen es besonders gut zu verstehen, will doch die bekannte Firma Hanewacker Lohnreduzierungen bis zu 26 Prozent vornehmen. Dabei haben die Unternehmer, nachdem die Arbeiter im Sommer durch eine Lohnbewegung eine geringe Lohnerhöhung erzwungen hatten, ihre Fabrikate bis um 40 Prozent im Preis erhöht. Die wirtschaftliche Krise verkehrt sich also für die Unternehmer unter Umständen in klingenden Segen. Von der Tarifbewegung der Holzarbeiter ist zu berichtigen, daß der Tarifabschluß in Stuttgart nicht— wie es nach unserer letzten Notiz erscheinen mochte— durch einen Verzicht der Arbeiter auf ihre Forderungen zustande gekommen ist; vielmehr haben die Arbeiter einen auf drei Jahre lautenden Vertrag abgeschlossen, der ihnen einige Vorteile zusichert. Die Leipziger Konferenz für die Holzindustrie, die Ende Januar stattfinden sollte, ist auf Anfang März verschoben worden, da die örtlichen Verhandlungen über den Inhalt der abzuschließenden Verträge zum Teil noch nicht weit genug gediehen sind. In der Leipziger Damenschneider- und Wäschebranche ist eine Lohnbewegung im Gange. Als Hauptforderung ist die Beseitigung der Heimarbeit aufgestellt wegen der durch sie verursachten Lohndrückerei. Es kommen ungefähr 5000 Arbeiter und Arbeiterinnen in Frage. Eine erhebliche Einschränkung des Koalitionsrechtes bedeutet ein letzthin gegen den Hafenarbeiterverband gefälltes Gerichtsurteil. In diesem Urteil wird dem Verband beziehungsweise seinen Hauplvorstandsmitgliedern bei einer Geldstrafe von 1500 Mk. in jedem llbertretungs- falle verboten, den Zuzug von Hafenarbeitern nach Hamburg irgendwie, sei es unmittelbar oder mittelbar, zu stören. Insbesondere soll von nun an untersagt sein, öffentliche Warnungen vor solchem Zuzug zu erlassen, ferner die Zuziehenden als„Streikbrecher" zu bezeichnen, oder sie verächtlich zu machen, oder zu versuchen, sie zur Aufgabe ihres Kontraktes zu bewegen. Und da schreien die verehrlichen Schleifsteindreher noch nach Ausnahmegesetzen gegen die Gewerkschaften! Der Textilarbeiterverband hat durch den Tod des bisherigen Hauptkassierers Georg Treue einen schweren Verlust erlitten. Treue gehörte dem Zentralvorstand seit seinen» Bestehen an und führte die Kassengeschäfte, anfänglich nn Nebenamte. Bis zu seinem Tode hat er diesen Posten mit Fleiß und Umsicht versehen, bis eine schleichende Krankheit den erst 47 Jahre alten Kämpfer aus der Mitte seiner Kollegen riß. Bürgerliche Preßkosaken frohlocken bereits darüber, daß das Jahr 1907 den freien Gewerkschaften nicht den Mit- gliederjortschritt gebracht habe, der erwartet wurde. Sie führen diesen„Mißerfolg" auf die Konkurrenz der„gelben Gewerkschaften" zurück. Wir gönnen ihnen das billige, von keiner Sachkenntnis getrübte Vergnügen. Es geht eher ein Kamel durchs Nadelöhr, als daß ein den gelben Gewerkschaften Beigetretener für die freien Verbände zu gewinnen wäre. Vielen von ihnen würde schon ihre anrüchige Vergangenheit den Weg zu uns verlegen. Es ist nicht uninteressant, zu erfahren, wie diese„nützlichen Elemente" auch von einsichtiger bürgerlicher Seite eingeschätzt werden. Ein Erlanger Professor gab solgenves Urteil über die gelben Gewerkschaften ab:„Diese Arbeitervereini- gungen können nicht Anspruch erheben auf die Bezeichnung Gewerkschaften. Sie sind nicht gebildet auf Grund des Koalitionsparagraphen der Gewerbeordnung zu gemeinsamer Beratung und Durchsetzung von Arbeiterforderungen; es sind Vereine von Arbeitswilligen, es sind, um es deutlich auszusprechen: Streikbrecherorganisationen von Unternehmers Gnaden. Darüber können alle Sophistereien der gelben Presse nicht hinwegtäuschen. Bezeichnend ist auch der Umstand, daß diesen Bund der Streikbrecher der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie unter seine Fittiche genominen hat; dabei ist nicht zu vergessen, daß die Väter des Reichsverbandes auch die Väter der— Zuchthansvorlage »varen. Aber nicht nur wirtschaftlich, auch politisch sollen sich die Arbeiter durch den Eintritt in die gelben Vereinigungen entmannen. Vom sozialpolitischen Standpunkt aus betrachtet, bedeutet diese Arbeiterbewegung einen ungeheuren Rückschritt; die Ansätze, daß der Arbeiter mehr und inehr zum gleichberechtigten Mitfaktor der nationalen Produktion wird, daß er vom Jndustrieunlertan zum Jndustriebürger aufsteigt. sollen durch die neue Beivegung vernichtet werden. Das bedeutet nicht nur einen großen Schaden für die Arbeiter, sondern auch eine große Gefahr für die Konkurrenzfähigkeit unserer nationalen Produktion auf dem Weltmarkt. Statt Fabrikkonstitutionalismus ein neues Hörigkeitsverhältnis, unter das sich Arbeiter bringen, die vergessen, daß Gewerkschaftsfrage nicht bloß Magenfrage ist, daß die Persönlichkeitswerte dabei zum mindesten die gleiche Rolle spielen, und die, geblendet durch augenblickliche materielle Vorteile, Verrar an ihrer Standesehre und an ihrem Standesinteresse begehen. Gegen dieses Rückwärtsdrehen unserer wirtschaftlichen Entwicklung muß die öffentliche Meinung— soweit wir in Deutschland von einer solchen sprechen können— mobil gemacht werden."_ � Richtigstellung. Vom Vorstand des Holzarbeiterverbandes ist uns folgende Berichtigung zugegangen: „In Nr. 2 der„Gleichheit" vom 20. Januar d. I. wird unter„Gewerkschaftliche Rundschau" über die Differenzen in der deutschen Holzindustrie und die in Aussicht stehenden Verhandlungen in Leipzig berichtet. Zunächst wird dort gesagt, daß die Leipziger Verhandlungen zur Anbahnung eines Einheitstarifs gedacht seien. Dieses trifft nicht zu- In Leipzig soll nur über die Dauer der Arbeitszeit in 23 Städten verhandelt und entschieden werden. Im weiteren heißt es:„Um der Unternehmerschaft jeden Vorwand zum Abbruch der Verhandlungen zu vehmen, 26 Die Gleichheit Nr.Z haben Vre Stuttgarter Holzarbeiter im Interesse ihrer gesamten Kollegen von ihren Forderungen Abstand genommen." Dieser Passus ist vollständig unrichtig. Die Stuttgarter Kollegen haben zunächst die Zugeständnisse der Arbeitgeber zweimal abgelehnt. Erst als diese die Erhöhung des Mindsst- lohnes um 5 Pf., der Akkordpreise um ö Prozent» der Stundenlöhne um S Pf. sowie Sicherung des Lohnes bei Akkordarbeiten, solange bei dem Akkordsatz der Stundenlohn nicht erreicht ist, ferner eventuelle Festsetzung des Akkordpreises durch die Schlichtungskommission zugestanden hatten, haben unsere Kollegen in geheimer Abstimmung mit Zwei- drittelmehrheit den Bedingungen zugestimnrt. Die Stuttgarter Holzarbeiter haben also nicht„im Interesse ihrer gesainten Kollegen von ihren Forderungen Abstand genommen", sondern haben in ihrem eigenen Interesse den vorstehenden, von ihrer eigenen Kommission vereinbarten Bedingungen zugestimmt, weil dieselben eine wesentliche Besierung bedeuten."_ Wir bedauern außerordentlich, daß die unrichtige Mitteilung, die in der heutigen Rundschan bereits ihre Korrektur gefunden hat, uns unterlaufen ist. Wir glaubten annehmen zu dürfen, daß unser Rundschauer über die Bewegung auf das genaueste informiert sei. Demnächst wird die„Gleichheit" auS berufener Feder eine Darstellung der gesamten Holzarbeiterbewcgung in den letzten Monaten bringen. Die Redaktion. Notizenteil. Dienstdotensrage. Prolog zum ersten Stiftungsfest des Vereins der Hamburger Dienstmädchen, Wasch- und Scheuerfrauen am 13. November 1907. Ihr werten Freunde, herzlich seid willkommen! Die ihr erschienen in so großer Zahl. Ihr alle habet unfern Ruf vernommen, Froh grüß' ich euch im festgeschmüctten Saal! Heut wollen unser Stiftungsfest wir feiern, Die Stunden sind geweiht der Freud', dem Glück. Auch gilt es heut, aufs neue zu beteuern: Wir schaffen selbst uns freundliches Geschick! Berechtigt ist die Hoffnung, die vorhanden, Ein Jahr erst und so mächtig schon an Zahl. Die ihr euch wehret eurer Sklavenbanden, Hinausstrebt aus der Knechtschaft engem Tal. Jahrtausende das Weib geauält, entrechtet— Und als die Vroletarierin endlich sich erhebt, Noch immer als„Gesinde" ihr geächtet, Das mindern Rechts und jeden Schutz entbehrt. Ihr trüget still ergeben eure Leiden, Ihr trugt in Demut lebe Tyrann«, Geduldig mußtet ihr euch stets bescheiden— Da ging der Ruf an euch:„Auf, macht euch frei!" Beherzte Frauen bahnten euch die Wege, Gewaltig wuchs die Zahl der Kämpfer an; Voll mut'ger Zuversicht und froh und rege Geht's rüstig vorwärts auf der neuen Bahn. Dort, wo das Volk zur Freiheit sich erhebet, Da fehlt es immer auch an Feinden nicht. Sie möchten hemmen, was es kühn erstrebet, Verlegen ihm den Weg empor zum Licht. Doch fürchtet nicht ihr klägliches Beginnen, Verlachet, was sie gegen euch erdacht; Wie Nebel vor der Sonne Strahl zerrinnen, Ist's aus mit ihrem Drohn, habt ihr die Macht! Geschlossen sollt ihr stehn! Und euch zur Seiten Steht kampsbereit der Arbeitsbrüder Heer, Gewillt, zn Schutz und Trutz mit euch, für euch zu streiten, Dem Feind ein Grausen blitzt die blanke Wehr. Getrost könnt nun ihr in die Zukunft schauen! Ein frohes Vorwärts euch auf neuen Wegen! Nur rüstig weiter und voll Selbstvertrauen, Was ihr begonnen, führt dem Licht entgegen. Stolz sollet sürder eure Bahn ihr ziehen, Zu freien Menschen sollt auch ihr erblühen. Marie Heeren. Der Verein der Dienstmädchen, Wasch- und Scheuerfrauen von Hamburg und Umgegend hielt am 9. Januar eine Mitgliederversammlung ab, in der Genossin Rolfs über das Thema referierte:„Die Frau als häusliche Arbeiterin". Ihre Ausführungen wurden mit Beifall aufgenommen. Genossin Golthusen sprach in der Diskussion im Sinne der Referentin. Verschiedene Mädchen berichteten über das letzte Weihnachtfest. Mehrere Damen hätten sich mit ihren Mädchen dahin geeinigt, anstatt ein Geschenk zu geben, den Lohn um 3 Mk. pro Monat aufzubessern. Infolge eine Erbschaft wurde dem Verein eine Zuwendung von 20 Mk. gemacht, die dankend angenommen wird. Die Versitzende machte auf das am 19. Februar im Gewerk- schaftshaus stattfindende Kostümfest aufmerksam und forderte zu eifriger Agitation im neuen Jahre auf. BertaMangels. Wie findige Köpfe dem Dienstbotenmangrl abzuhelfen suchen. In den letzten Wochen brachte das„Hamburger Fremdenblatt" wiederholt folgende Annonce:„Ein junger Mann, Sohn achtbarer Eltern, wird bei hohem Lohn gesucht für alle Hausarbeiten an Stelle eines Dienstmädchens." Offerten sollten unter bestimmter Adresse eingereicht werden. Die Idee ist gar nicht so übel; wenn sie zur Durchführung gelangt, das heißt wenn sich junge Männer finden, würden wir bald männliche Dienstboten auch in den Städten in größerer Anzahl bekommen und in diesen hoffentlich auch alsbald gute Kampfesgenossen, die tatkräftig mitarbeiten an der Hebung„ihres Standes". 1,. Fort mit den Dienstbüchern! Diese von uns schon so oft erhobene Forderung kann nicht eindringlich genug immer wiederholt werden. Beim Metzgermeister Heinrich Pfeiffer in Frankfurt a. M. hatte ein Mädchen 1'/» Jahre zur vollsten Zufriedenheit des Arbeitgebers gearbeitet. Als es aber seinen Zumutungen, auch für seine Schwägerin die grobe Arbeit mitzufchaffen, Widerstand entgegensetzte, überhäufte er es mit Grobheiten. Daraufhin kündigte das Mädchen im November verg. Jahres. Bis zur Zeit seines Austritts wurde ihm das Leben zur Hölle gemacht; es wurde auf alle erdenkliche Weise schikaniert und schließlich bezeichnete der edle Herr das arme Mädchen noch aus lauter Zorn als Diebin. Daraufhin forderte dieses energisch die Durchsuchung seiner Sachen. Herr Pfeiffer aber gab dem Verlangen, von der Grundlosigkeit seiner Beschuldigung überzeugt, nicht nach und schrieb dem Mädchen bei seinem Abgang ins Buch:„Sie war fleißig und treu, über alles Weitere gebe ich gern persönlich Auskunft." Die Bemerkung„und treu" hatte er so dazwischen geflickt, daß es den Anschein erwecken mußte, als ob das Mädchen das Zeugnis gefälscht hatte. Und wirklich nahmen daran ebenso wie an dem Schlußsatz die Herrschaften allgemein Anstoß. Bei Erkundigungen machte Herr Pfeiffer das Mädchen in allen Tonarten schlecht;„sie sei frech und patzig, weiteres wolle er nicht sagen", meinte er mit bedeutungsvoller Miene, so daß es dem Mädchen fast unmöglich wurde, eine Stellung zu erhalten. Die Vorsitzende des hiesigen Dienftbotenvereins nahm nun Rücksprache mit Herrn Pfeiffer, um ihn zur Änderung des Zeugnisses, zu bewegen, damit dem Mädchen, das auf seiner Hände Arbeit.angewiesen ist, nicht die ganze Zukunft verdorben und seine Existenz in Frage gestellt wird. Sie predigte aber tauben Ohren. Obgleich der Herr zugab, die Bemerkung„und treu" selbst geschrieben zuhaben, und auf ihren Einwurf,„daß er das wohl nicht grundlos getan", nichts erwidern konnte, erklärte er, daß er dafür sorgen wolle, daß dem Mädchen das Weiterkommen unmöglich gemacht wird.„Ich schwöre Ihnen," rief er mir erhobener Stimme,„daß sie in Frankfurt keine Stelle mehr bekommt!" Also dazu sind die Dienstbücher da, daß die Herrschaften ihre üble Laune und ihre Rache an den armen Haussklavinnen kühlen können! Trotzdem das Mädchen in seinem ganzen Buche nur langjährige, gute Zeugnisse hat, soll es schließlich auf die Straße gelrieben werden, nur weil es einer übelwollenden, brutalen Herrschaft so gefällt. Darum fort mit diesem verdammungswürdigen System der Dienstbücher!. öl. ki. Ultramontanr Dicnstbotenfreundlichkeit. Seit die Sozialdemokratie mit so viel Elfer und Erfolg daran gegangen ist, auch in den Reihen der Haussklaven aufklärend und organisierend zu wirken, bevölkern sich auf einmal die Hintertreppen„für Dienstboten und Lieferanten" mit allerlei Gestalten, die sonst nur die„Aufgänge für Herrschaften" zu benützen pflegten. Neben den glattgescheitelten Damen der„inneren Mission" und der evangelischen Frauenvereine rauscht daS Resormkleid der bürgerlichen Frauenrechtlerin einher, allen voran aber sieht man die Diener der alleinseligmachenden Kirche die steilen Stufen emporeilen. Sie alle, alle haben jetzt auf einmal ihr gutes Herz entdeckt, ein Herz, das überläuft von Wohlwollen und Vorsorglichkeit für das„geistige und leibliche Wohl" der Dienstboten. Ganz besonders eifrig ist— wie schon angedeutet— in dieser Beziehung die katholische Geistlichkeit, zusammen mit den von ihr beeinflußten Frauenvereinen, überall sehen wir unter ihrer Einwirkung katholische Dienstbotenvereine wie Pilze aus der Erde schießen. Woher auf einmal diese rührende Sorge für die„armen, verlassenen Mädchen"? „Wir müssen aus religiösen, sittlichen und sozialen Gründen die Dienstboten organisieren," so führte kürzlich der Herr Pfarrkurat Stumpf in Karlsruhe in einem Referat über die Dienstbotenfrage aus. Aus religiösen Gründen ist die katholische Dienstbolenorganisation notwendig, um die„immer größere Zunahme der— Mischehen zu verhindern". In sittlicher Beziehung, um die Mädchen aufzuklären gegenüber drohenden Gefahren. Besonders sollen sie darauf aufmerksam gemacht werden, „daß der Dienstbote gesetzlich berechtigt ist, ohne Kündigung den Dienstverlrag sofort zu lösen, wenn ihm durch die Herrschaft ein unsilttiches Ansinnen gestellt wird, oder wenn dieselbe ihn gegen derartige Zumutungen anderer, die zur Familie gehören oder im Hause regelmäßig verkehren, nicht schützen konnte oder wollte". Daß derartige Fälle vorkommen, ist bisher gewöhnlich besttitten und als sozialdemokratische Verleumdung hingestellt worden. Ihre Bestätigung auS dem Munde eines geistlichen Herrn, der als Beichtvater gewiß manches Menfchliche-Allzumenschliche erfährt, ist daher als Zeugnis nicht zu unterschätzen. Aber darin erschöpft sich auch die Fürsorge für die Dienstmädchen. Kein Wort von der Notwendigkeit, auch ihre wirtschaftliche Lage zu bessern. Eine deutlichere und offenherzigere Antwort auf die Frage nach dem Grund der plötzlichen Dienstbotenfreundlichkeit hat Frau Justizrat Trimborn in Bochum gegeben. Diese Dame, wie die„Kölnische VolkSzeitung" sagt: Gemahlin des in der Sozialpolitik führenden Zentrumsabgeordneten Karl Trimborn, hat in einer Rede ausgeführt, es sei für die Katholiken dringend notwendig, sich mit der Dienstbotenfrage zu beschäftigen, da seitens der Sozialdemokratie die Ideen der Unzufriedenheit auch unter die Dienstboten getragen würden. Das ist des Pudels Kern: wenn die Sozialdemokratie nicht angefangen hätte, die Proletarierinnen am Kochherd, am Scheuereimer und Waschfaß aufzurütteln, dann hätten auch die katholischen Herren und Damen die Finger davon gelassen, unbeschadet ihrer christlichen Nächstenliebe. Aber nun arbeiten sie mit Stacht, und die Behörden unterstützen sie dabei getteulich. In Baden werden zum Beispiel jetzt in den größeren Städten die Namen und Adressen der zuziehenden Dienstboten der katholischen Organisationsleitung vom polizeilichen Hllelde- bureau gegen Vergütung mitgeteilt. Unsere Organisationen würden wohl schwerlich dasselbe Entgegenkommen finden. Frauenstimmrecht. sä de A ni di Frauenrechtlcrischer Protest gegen den liberale» Verrat des Wahlrechts. Folgende Meinungsäußerung zum Wahlrechtskampf in Preußen liegt seitens der Ortsgruppe Berlin des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht vor. Die Organisation„erklärt das Verhalten der Vertreter der freisinnigen Parteien im Abgeordnetenhaus bei der Debatte über die Reform des Land- tagSwahlrechts als unwürdig. Sie spricht den Abgeordneten, die nicht«in energisches Wort der Absage an den Fürsten Bülow fanden, das Recht ab, sich Voltsvertreter zu nennen, da sie durch ihr Verhalten Verrat an dem höchsten Rechte des Volkes geübt haben. Gleichzeitig erklärt sich d e Ortsgruppe gemäß der auf der Frankfurter Tagung des Verbandes angenommenen Resolution bereit, jede ernsthafte Agitation zugunsten des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts in Preußen zu unterstützen, gleichviel von welchen Parteien oder Personen sie ausgeht." Diese Resolution hört sich wohl an; ehe die proletarischen Wahlrechtskämpfer aber ihre Bedeutung werten, wollen sie die Taten der Organisation abwarten. Das gebieten die Erfahrungen; die nämlichen Damen, welche die obenstehende Resolution beschloffen haben, trugen redlich das Ihrige zu der Wahl der Männer bei, denen sie jetzt das Recht absprechen, sich Volksvertreter zu nennen. I. X. Die erste Kandidatin zum böhmischen Landtag ist von der tschechischen sozialdemokratischen Partei aufgestellt worden. Ende Februar finden in Böhmen Neuwahlen zum Landtag statt, und zwar auf Grund des alten Kurienwahlrechts, das die Arbeiterklasse von der Vertretung ausschließt. Die Sozialdemokratie will die Wahlagitation vor allem als Kampf für ihre Forderungen zu« durchgreifenden Reform des Landtagswahlrechts führen. Zu diesen Forderungen gehört auch die des Frauenwahlrechts. Um zu zeigen, wie ernst eS ihr mit dieser Forderung ist, hat sie auch eine Kandidatin für den Landtag aufgestellt. Nach dem geltenden Wahlgesetz sind alle Personen wahlberechtigt, welche 16 Kronen Steuer zahlen, mithin auch die Frauen. Was die Wählbarkeit anbetrifft, so spricht das Gesetz ebenfalls nicht von dem Rechte deS männlichen Geschlechts, sondern es besagt, daß alle Personen wählbar sind, welche Steuer zahlen und das Wahlalter von 36 Jahren erreicht haben. Auf diese Bestimmungen stützt sich die tschechische Sozialdemokratie. Auf ihrer letzten Landeskonferenz, die am 12. Januar in Prag tagte, beschloß sie. Genossen Or. Sokup und Genossin Karla Mach als Kandidaten für den lV., VI. und VII. Wahlkreis aufzustellen. Genossin Mach ist Redakteurin der tschechischen sozialdemokratischen Frauenzeitung. Die Meldung mehrerer Parteiblätter, Genossin Steiner sei die Parteikandidatin, ist unrichtig. Von ihrer Ausstellung mußte abgesehen werden, well Genossin Steiner nicht steuerpflichtig ist und ihre Kandidatur daher von vornherein ungültig gewesen wäre. Die Sozialdemokratte ist die einzige Partei in Böhmen, welche ein« Kandidattn zum Landtag aufgestellt hat, um für das Frauenwahlrecht Propaganda zu machen, doch hat die„Realistische Partei" versprochen, für die weibliche Kandidatur einzutreten. Die Junker- wie die Bourgeoispresse toben entrüstet über das Vorgehen der Sozialdemokratie, doch ist kein Zweifel, daß es dieser zumal unter den Proletarierinnen viele neue Anhängerinnen werben wird. Die tschechische und deutsche Sozialdemokratie sind durch einen gemeinsamen Wahlausruf, bekundend, daß die Solidarität des Proletariats über die nationalen Unterschiede geht, in den Wahlkampf eingetreten. Genossin Mach wird in ihm mit in den vordersten Reihen kämpfen. Sie hat bereits mit dem Abhalten von Wählerversammlungen begonnen. Sind Frauen zum böhmischen Landtag wählbar? Unter diesem Titel bringt unser Wiener Parteiorgan „Die Arbeiterzeitung" einen höchst interessanten Artikel. Veranlaßt wurde er durch die Kandidatur der Genossin Mach, von der wir weiter oben berichteten. Die Kandidatur ist nicht bloß als Demonsttation gedacht, sondern ernst gemeint, was schon daraus folgt, daß der vierte Wahlbezirk in Prag, wo Genossin Mach kandidiert, einer der bedeutendsten Jndustriebezirke ist. Der Z 15 des Gesetzes vom 9. Januar 1373 über die Wählbarkeit für den böhmischen Landtag hat folgenden Wortlaut:„Als Landtagsabgeordnete« ist jeder wählbar, welcher keinen der im H 3 des Gesetzes vom 17. Januar 1870 bezeichneten Ausschließungsgründ« gegen sich hat und u. österreichischer Staatsbürger ist, d. das dreißigste Lebensjahr zurückgelegt hat, e. eigenberechtigt und ä. in einer der Wählerklassen des Landes, nämlich in jene« des großen Grundbesitzes oder in jener der Städte und Jndustrieorte oder in jener der Landgemeinden zur Wahl der Landtagsabgeordneten wahlberechtigt ist." Die„Arbeiterzeitung" wirft nun die Frage auf: 1. Bedeutet die Bezeichnung„österreichischer Staatsbürger" eine EinschränkungaufdasmännlicheGeschlecht? 2. Sind Frauen zur Wahl der Landtagsabgeordneten wahlberechtigt? Sie beantwortet diese Fragen logisch im bejahenden Sinn in längeren Ausführungen an der Hand des Bürgerlichen Gesetzbuches, des Reichsgemeindegesetzes und der Gemeindewahlordnung, die immer nur von Staatsbürgern sprechen zum Unterschied vom Grundgesetz über die Reichsverttetung, das in seinem Z 7 ausdrücklich bemerkt:„Wahlberechtigt zur Wahl eines Abaeordneten ist jede Person männlichen Ge- di Lc ze Lc g« ao G dr re S F ist di G ih be ho ur kr ge ih ui w ur br bi L° G kr sä Nl O ei n, m p dl Ii> sä le cu Nr. 3 Die Gleichheit 27 er 11 1. t g r 3 schlechts, welche... die Staatsbürgerschaft besitzt." Nach darin geäußerten Wunsch nicht mehr erfüllen könne, da die im„ Lotsen" hat Frau Zieh nicht gelesen, da er unter der Landtagswahlordnung für Böhmen wäre also die Erlaubnisscheine für den Christmarkthandel schon ausgegeben anderem von Arbeiterinnen in Kates-, Sprit-, Zigarren- und Wählbarkeit der Frauen als Abgeordnete für den Landtag worden seien. Der Stadtrat wolle aber die Resolution im Konservenfabriken handelte und sie mir dafür kein nicht ausgeschlossen, sofern sie die übrigen Bedingungen für Auge behalten und Anfang November 1908 darüber beraten. Material gegeben hatte! Dieser Satz mit dem die Wählbarkeit besitzen. L. W. Ausrufungszeichen am Schlusse soll doch für den, der Es handelt sich nun noch um die zweite allgemeine Belesen kann, nichts anderes heißen als folgendes: Weil dingung: die Wahlberechtigung in einer Wählerklasse des Fürsorge für Mutter und Kind. ich zu dem Artikel kein Material gegeben hatte, habe Landes.( Siehe oben Absatz d des§ 15.) Die„ Arbeiter- Für die Speisung der Schulkinder entfalten in Eng- ich ihn nicht gelesen, oder gebe ich an, ihn nicht zeitung" weist nach, daß es für Böhmen eine mittelbare land unsere Genofsinnen und Genossen von der Sozial gelesen zu haben. Solche Unterstellungen sind meine Landtagswahlberechtigung gibt, die aus der Wahlberechti- demokratischen Föderation jetzt eine rührige Pro- Genoffinnen mögen mir den Ausdruck verzeihen- eine gung in der Gemeinde folgt, und eine unmittelbare, die sich paganda. Letzte Woche wurde eine große Versammlung in Gemeinheit. Die Bemerkung in meiner ersten Entaus einer bestimmten Steuerleistung ergibt. Nun sieht die der Queens Hall abgehalten, wo unter anderen der neu- gegnung:„ Den Artikel im„ Lotsen" habe ich nicht gelesen", Gemeindewahlordnung für Böhmen unter ihrem§ 5 ausgewählte sozialistische Abgeordnete Grayson, Genossin bezog sich auf die„ Berichtigung" der Frau Julie Eichholz, 0 drücklich das Wahlrecht der Frauen vor, indem sie es dahin Bridges- Adams und der Parteiveteran Hyndman in der sie behauptete, in diesem Artikel habe sie die regelt, daß sie es durch einen Bevollmächtigten ausüben. Sprachen. Grayson bemerkte, daß die richtige Antwort Quelle angegeben, aus der sie ihr Material geschöpft, Mithin ist die in der Gemeinde wahlberechtigte auf die schnoddrige Weise, in welcher der Londoner Graf- diese Angabe fehle in dem stark gekürzten Artikel ber 11 Frau auch zum Landtag wahlberechtigt. Hier aber schaftsrat es abgelehnt hat, die Befugnisse zu gebrauchen, Frauenrundschau". Meine Beschuldigung des litera die ihm das neue Gesetz zuerkennt, um die Speisung durch- rischen Diebstahls bezieht sich jedoch auf den Rundzuführen, eine Revolution wäre. Die Versammelten sprangen schauartikel, und der Redakteurin der Frauenbei diesen Worten auf und spendeten dem Redner tosenden rundschau", Fräulein Dr. Stöder, habe ich den Beifall. Hyndman wendete sich mit scharfem Sarkasmus Beweis für meine Behauptung erbracht. gegen den Versuch, die Kinder geistig zu erziehen, während ihr Magen leer ist. Natürlich haben die bürgerlichen Blätter diese Riesenversammlung fast vollständig totgeschwiegen. J. B. A. 11 e 23 Te Iist zugleich der strittige Punkt der ganzen Sache, denn die Landeswahlordnung wieder kennt( mit Ausnahme des Großgrundbesitzes) die Bevollmächtigung nicht, sondern nach ihr(§ 9 des Gesetzes vom 9. Januar 1873) fann der Wahl berechtigte sein Wahlrecht in der Regel nur persönlich ausüben". Trotz aller dieser juristischen und logischen Widersprüche haben die Genossen in Böhmen Genossin Mach aufgestellt, und wenn im vierten Prager Wahlbezirk die sozialdemo kratische Liste die Majorität erhält, so können die auf sie gefallenen Stimmen beim Strutinium nicht fassiert werden; ihr Mandat ist, weil gesetzmäßig, völlig unanfechtbar, und niemand wird es ihr streitig machen können. Hoffen wir also, schließt die Arbeiterzeitung", daß fie gewählt wird und durch ihre Wahl dem politischen Rechte der Frau Bahn gbricht. L. K. ie T De 11 en 23 r " Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenbewegung. " " Um den Sachverhalt zu verdunkeln, hebt Frau Eichholz nochmals hervor, daß ich ihr das Material über die Kaffeeverlesereien selbst gegeben hätte. Ich habe nie bestritten, daß ich ihr die betreffenden Nummern der„ Gleichheit" gab, in denen mein Artikel enthalten war. Darum handelt es sich aber gar nicht, sondern darum, daß Frau Eichhols Im fernen Often wird es helle, und zwar sind es die als Ergebnis der Enquete hinstellt und mit bürgerlichen Damen, die im finstersten Winkel Vorrußlands ihrem Namen zeichnet, was wort für Wort, bis von nun an ihr Licht leuchten lassen wollen. Am 18. De auf die 18 Beilen über das Verlesen des gebrannten Kaffees, zember v. J. hat man in Posen nach einem Vortrag von meine Arbeit war. Und just das Material über HeimFräulein Lischnewska einen„ Verein für Fraueninteressen" arbeit ist einem zweiten Artikel meinerseits entnommen. gegründet. Das Licht ist freilich auch danach! In einer in Meine Veröffentlichung über die Heimarbeit hat damals der bürgerlichen Presse Posens veröffentlichten Erklärung sehr viel Aufsehen gemacht, und unter anderen hat die Das nengegründete englische Sozialistische Frauen- des neugegründeten Vereins heißt es unter anderem: Der Soziale Praxis" die Darlegungen im Auszug gebracht, bureau hat neulich seine monatliche Versammlung ab- Verein wolle sich nicht, wie es nach dem Vortrag etwa natürlich unter Quellenangabe, wie das unter anständigen gehalten. Vertreterinnen der Gesellschaft der Fabier, der scheinen fönnte, mit Gewalt auf das Frauenstimmrecht 2euten üblich ist. Frau Eichholz behauptet, der von mir Adult suffrage Society( Verein für das Wahlrecht aller stürzen", sondern er wolle zunächst seine Mitglieder über durch Fettdruck hervorgehobene Satz existiere nur in meiner 3. Großjährigen) und der Frauenkreisverein der Sozialdemo- allerhand Fragen unterrichten, ohne vorläufig zu Phantasie. O nein! In dem Artikel der Frauenrundschau", der st, fratischen Föderation nahmen an ihr teil. Es wurde be- irgend einer Stellung zu nehmen"." Verleiht dann mit: Julie Eichholz- Hamburg gezeichnet ist, heißt es einch schlossen, einstweilen das Drgan der amerikanischen Ge- der Staat in absehbarer Zeit der Frau das Stimmrecht, leitend wörtlich:„ Unter den deutschen Fabritarbeiterinnen gibt t, nofsinnen„ The Socialist Woman"(" Die Sozialistin") als dann soll er geschulte Kräfte finden"- als ob man mit es eine bestimmte Gruppe, welche gewissermaßen als Hamm. Organ zu benutzen. Die Versammlung nahm des weiteren einerseits" und andererseits" Kräfte schulen könnte, burger Spezialität gelten tann"( ein Satz, der die riesige einen Bericht entgegen über den Erfolg der dänischen Ge- die zu beurteilen wissen, was ihnen geboten wird, und Unkenntnis der Frau Eichholz zeigt; ich kann ihr ein Duzend 3, nossinnen, das allgemeine Wahlrecht betreffend. J. B. A. nicht unwissend wie eine große Anzahl der männlichen Städte herrechnen, wo es gleichfalls zahlreiche Verleserinnen he Die Jahreskonferenz der englischen Liga für Frauen- Wähler zur Urne geschleppt werden müssen."„ Besonderes gibt. 2. 3.); es sind dies die Kaffeeverleserinnen für rohe ht arbeit fand in Verbindung mit der Konferenz der Arbeiter Interesse will der Verein der Arbeiterinnen und und geröstete Ware, von deren Leben und Treiben man sich Se partei in Hull ftatt. Eine lebhafte Diskussion wurde Dienstbotenfrage zuwenden, die in unserer Provinz im übrigen Deutschland einen ganz falschen Begriff gemacht m durch die Frage hervorgerufen, ob die Tattit der bürger- besonders brennend ist." Die Damen hoffen also, in dem hat, bis eine gründliche Enquete der Hamburger aplichen Frauenrechtlerinnen vereinbar wäre mit der Mitglied weiblichen Proletariat Posens, das bisher von der sozia Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenschaft in der Liga. Die betreffenden Frauenrechtlerinnen listischen Gedankenwelt leider noch wenig berührt ist, fruchtvereins Licht und Klarheit über die bis dahin st lehnen es nämlich ab, die Arbeiterpartei bei Wahlen aktiv bares Brachland für ihre Agitation zu finden. Wir haben dunklen Verhältnisse verbreitet hat."( Der Sperrzu unterstützen, außer in den Fällen, wo ihr Gegenkandidat nichts dagegen, wenn sie dort ein wenig pflügen und eggen brud ist durch mich veranlaßt, um hervorzuheben, worauf in ein Mitglied der Liberalen Partei ist, gegen welche als re- wollen. Unsere Genossen und Genossinnen werden schon es ankommt. 2. 3.) So also in der Einleitung, und da er gierende Partei, die das beschränkte Frauenwahlrecht ver- für die richtige Saat sorgen, und die Sozialdemokratie wird der Artikel mit vollem Namen gezeichnet war, erklärte ich weigert, die Frauenrechtlerinnen einen speziellen Krieg er- die Ernte einheimfen. Dafür bürgt uns einmal die Unflärt haben. Die Vorsitzende erklärte unter dem Protest geschicklichkeit der bürgerlichen Damen; dafür bürgt uns ie einiger anwesenden Frauenrechtlerinnen mit Zustimmung der m Konferenz, daß jedes Mitglied der Liga verpflichtet sei, für as die Kandidaten der Arbeiterpartei einzutreten. Genossin Margaret Bondfield hielt ein Referat über das Armenie gesetz, dessen Abschaffung in seiner jetzigen Gestalt fie as empfahl. Die Konferenz forderte das Verbot der Heimasarbeit und die gesetzliche Regulierung der Löhne. J. B. A. er n た he Kinderschutz. aber vor allem der sichere proletarische Klasseninstinkt, der überall dort erwacht, wo nur erst die hemmende Kruste der Stumpfheit und Gleichgültigkeit gesprengt worden ist. nun:„ Und deren Ergebnis( das der Enquete) im nachfolgenden von ihr, Frau Eichholz, bearbeitet sei." Daß ich damit sagte, dieser Satz habe in dem Rundschauartikel gestanden, hat niemand herausgelesen, auch Sie nicht, Frau Eichholz! Ihre Namensunterschrift besagte aber das, was ich in jenem Saz aussprach. Haben Sie Endgültige Klarstellung. Da Frau Biet als Antwort übrigens vergessen, Frau Eichholz, daß Sie mich brieflich auf meine fachliche Berichtigung wieder verschiedene- Un- um Entschuldigung baten, nachdem ich mich bei richtigkeiten behauptet hat, bitte ich als Angegriffene die Frl. Stöcker über Ihren literarischen Diebstahl beschwerte? Redaktion, mir ein letztes Wort zu gestatten. Den Artikel Hätten Sie damals der Wahrheit die Ehre gegeben, Ihr im Lotsen" hat Frau Zieh nicht gelesen, da er unter Unrecht unumwunden eingestanden, wäre für mich die anderem von den Arbeiterinnen in Kates, Sprit, Zigarren- Sache abgetan gewesen. Jedoch schrieben Sie schon f Die sozialdemokratische Kinderschuhkommission in und Konservenfabriken handelte und sie mir dafür fein damals die unwahrheit, indem Sie erklärten, durch den ie Dresden hielt am 10. Dezember v. J. eine- leider nur Material gegeben hatte! Ich wiederhole, daß Frau Zieh Umzug der Redaktion sei der Hinweis auf meine schwach besuchte Versammlung in den Reichshallen ab, mir das Material für die Schilderung der Kaffees Autorschaft verloren gegangen, während doch die en in der Herr Lehrer Heinicke über das Thema:„ Weihnachts- perlefereien felbst gegeben hatte, daß jedoch die Er- oben zitierte Einleitung bewies, daß Sie als Ergebnis der rarbeit, Weihnachtskreuz" einen Vortrag hielt. Er entrollte gebnisse der Enquete sowie die ausführliche Mit- Enquete darstellten was meine Arbeit war: Also es ein Bild des Jammerdaseins der Heimarbeiter und Hausierer teilung über Berlesereien von gebranntem Raffee so- bleibt beim literarischen Diebstahl. Das Be? und schilderte namentlich das Glend der proletarischen Kinder, wie besonders über die Heimarbeit in der Kaffeeindustrie, weismaterial, auch Ihr Brief, kann jederzeit an die gezwungen sind, in den letzten Wochen vor Weihnachten das allein Bemerkenswerte in dem Artikel, nichts mit Frau vorgelegt werden. el durch Handeln mit allerlei fleinen Gegenständen zu dem Bieß zu tun hatte. Auch befindet sich in dem ganzen Artikel Auf das übrige Geschwät von den großen Taten" der in tärglichen Verdienst der Eltern beizutragen. Der Vortrag der Passus nicht, den Frau Bieg sett gedruckt gebracht hat, Frau Eichholz einzugehen, dazu halte ich den Raum der„ Gleichur wurde mit reichem Beifall aufgenommen. In einer ein- deren Ergebnis in nachfolgendem von ihr, Frau Eichholz, heit" für zu schade. Frau Eichholz hält es ja sehr oft für estimmig angenommenen Resolution wurde das Schulamt bearbeitet sei". Dieser Satz existiert nur in der Phantasie.nötig, ihre soziale Arbeit" in empfehlende Erinnerung zu rf ersucht, die Schuldirektoren anzuweisen, anläßlich des bevor- Daß ich eine wütende Gegnerin der Sozialdemokratie sein bringen. Vor einigen Wochen wurde im Fremdenblattt" ein d stehenden Christmarktes nicht jedem nachsuchenden Kinde soll, weil mir das„ Echo" einen Artikel zurückgegeben hätte, Mädchen H.( jedenfalls Frl. Holländer, die Vorsitzende des von meinen Erlaubnisschein zum Handeln zu erteilen; es solle hat mich sehr amüsiert. Frau zieh kann sich beruhigen; Frau Eichholz aus der Taufe gehobenen Dienstmädchenvereins en vielmehr jedesmal geprüft werden, ob eine durch Arbeits- ich habe für die paar Artikel, die ich aus Mangel an Zeit mit den vielen" Mitgliedern) derb abgefanzelt, weil sie in er losigkeit oder Krankheit hervorgerufene Notlage der Eltern nur schreiben kann, mehr Abnehmer unter den allerersten aller Bescheidenheit ausgeführt, daß es Herrschaften gebe, es ein solches Mitverdienen der Kinder notwendig macht. Nach Beitungen, wie ich gebrauchen kann. Ich wollte nur zu die ihren Mädchen keine Ruhe gönnen, und ferner sich da de den Erfahrungen der Kommission werden die Erlaubnis: meinen Rechtsschuhklientinnen, die sich zu Tausenden unter gegen gewandt hatte, daß Frau Julie Eichholz die as scheine bisweilen erteilt, ohne daß eine solche Prüfung statt- den Hamburger Proletarierinnen befinden, in ihrem eigenen Hamburger Gesindeordnung eine freiheitliche, nd gefunden hat. Dadurch werde den erwachsenen Arbeitslosen, Blatte sprechen. In dem„ Rechtsschutz für Frauen", den ich der Neuzeit entsprechende genannt. Dabei wurde er die die Gelegenheit benußen wollen, zum Christmartt etwas seit 11 Jahren leite, holten sich im vorigen Jahre 1885 von der Einsenderin auch hervorgehoben, was Frau Eichholz and zu verdienen, die Arbeitsgelegenheit genommen. Die Ver- Frauen und Mädchen Rat und Auskunft. Zum Schlusse alles für die undankbaren Dienstmädchen getan. Eigenlob hl sammlung stehe grundsäßlich auf dem Standpunkt, daß Er erkläre ich noch, daß ich keine politische, sondern nur eine stinkt! sagt man bei uns. Frl. H. wurde in jenem Artikel laubnisscheine an Kinder überhaupt nicht mehr zu erteilen sozial arbeitende Frau bin, die sich niemals gegen die Sozial- schon fast ebenso als„ Hegerin" verschrieen, wie wir von e seien, da durch den Straßenhandel die Kinder vielfach demokratie als solche gewendet hat, sondern nur gegen die Frau Eichholz. Darüber mit ihr zu streiten wäre müßig. me moralisch gefährdet werden. Das Schulamt wird deshalb er häßlichen Schmäh- und Hetversammlungen. Um Frau Daß ich ihr so ausführlich geantwortet, geschah lediglich nd sucht, dahin zu wirken, daß die Bestimmung in der Markt Biet noch einen Beweis von Größenwahn zu geben, erfläre um jener Mädchen willen, die in dem Zersplitterungsverein e ordnung, wonach die Schuldirektoren das Recht haben, Er- ich noch, daß ich außer der weiblichen Gewerbeinspektion sind, und von denen verschiedene die Gleichheit" lesen. Ich laubnisscheine zu erteilen, beseitigt wird. In der Diskussion weibliche Krankenbesucherinnen bei der Gemeindefranken- wollte ihnen zeigen, wer die Dame ist, die in dieser Orgas an sprachen einige Genossen im Sinne des Referenten. Darauf versicherung erreicht, die Fachschule für weibliches Haus- nisation das große Wort führt. Zu diesem Zwed sei es en erstattete Genossin Lewinsohn den Bericht über die Tätig- personal gegründet habe usw. J. Eichholz. auch festgenagelt, daß Frau Eichholz nicht mehr abzustreiten e feit der Kinderschußkommission im Jahr 1907.- Etwa 14 Frau Julie Eichholz zur Erwiderung. Soviel Un- wagt, sondern stillschweigend zugibt, daß seitens der Damen en Tage später, am 23. Dezember, wurde die Einberuferin der verfrorenheit und Ünwahrhaftigkeit ist mir selten vorge- zum Abonnement der verkrachten„ Dienstpersonal- Beitung" g, Versammlung, Genoffin Wiegand, auf das Schulamt ge- tommen, als jetzt Frau Eichholz entwickelt. Folgen wir der angeregt ward. Die Damen tragen daher die moralische ur laden. Es ward ihr mitgeteilt, daß der Stadtrat Kenntnis Dame" auf ihren Pfaden, um das zu beweisen: Zu An Verantwortung dafür, daß die Mädchen um ihr Geld es von der Resolution genommen habe, aber für 1907 den fang ihrer„ Endgültigen Klarstellung" heißt es: Den Artikel geprellt wurden. Luise Zieg. 28 Die Gleichheit Nr.Z 2� Sturm am Morgen. Von �ermann Lwgg. AlleS drängt und rückt zusammen, Zell' an Zelle, Stein an Stein, Doch der Sturmwind und die Flammen Reißen alles wieder ein; Alles zu gewisfrer Dauer Schließt sich aneinander fest, Doch das Feuer sprengt die Mauer, Und der Sturm zerstört daS Nest. Was Gewohnheit eng verbündet, Hundertjähriges Bestehn, Satzung noch so fest gegründet, Stürzt zuletzt des Geistes Wehn; Unaufhörlich durch die Lande Braust gewaltig seine Macht, Löst und lockert alte Bande, Zagt durch Wolken, scheucht die Nacht. Wen'ge nur sind, die ihn hören, Aber sie begrüßen laut Und bejubeln sein Zerstören, Wenn der blinden Menge graut. Für die Menschheit, ihr zum Helle, Richtet trüg'risches Bestehn Und entwurzelt Vorurtelle Und bricht morschen Bau sein Wehn. Harr« mit Geduld des Tage?, Wo das Recht die Höhn ersteigt, Wo sich nicht mehr als ein ZageS, Als ein Feind die Wahrheit zeigt. Aus dem Traum die Trägen rüttle» Hossart brich und Eigensucht, Sturm am Morgen, brause, schüttle Welkes Laub und reife Frucht! Nährikele. «n sozialstatistisches Kleingemälde aus dem schwäbischen Volksleben. Von Gottlieb Schnapper-Arndt. (FortseSung.) Ich berechnete, daß Rikele sich, bei ihren Kunden arbeitend, immer noch besser stand, als bei dem Stücklohn ohne Kost im eigenen Haushalt. Für ein feines Herrenhemd erhielt sie zum Beispiel 1 Mk.; daran arbeitete sie, wenn sie sich der Maschine bediente, einen Tag. Man könnte vermuten, daß sie vielleicht an den Zutaten regelmäßigen Profit gemacht habe, aber sie war ehrlich, ängstlich und kein Finanzgenie. Lange Jahre hat mich ein Nähgarnröllchen, das ich mir verwahrte, an die großartigste Spekulation erinnert, welche Rikele jemals unternommen hatte. Es entstammte einem Ankauf von drei Dutzend Rollen, zu dem sie ein reisender Handelsmann veranlaßt hatte.„Da habe er etwas für sie, da könne sie ein Geschäftle machen." Sie zauderte zunächst; sie dachte,„es würde ihr bleiben". Aber sie hat bei einem raschen Absatz an 1b obigen Rollen 7S Pf. verdient.„Das ischt aber auch ein besonderer Treffer gewä." An den Zutaten zu einem einer„Pfarrmagd" gefertigten Rock wollte sie, und ich halte es für glaubhast, nur b Pf. verdient haben. Sie hatte sich überhaupt erst spät in ihrer Laufbahn dazu entschlossen, solche aus Rabatten entspringende kleine Verdienste sich anzueignen.„Ein ungerechter Heller," hatte ihr Vater gesagt,„frißt zehn gerechte Gulden aus." Leider war die Zahl ihrer auswärtigen, also lukrativen Arbeitstage in den letzten Jahren äsoroveonäo gegangen. Ursache, wie das Rikele meinte, daß ihre Familien sich immer mehr an das Einkaufen fertiger Waren gewöhnt hätten; auch hätten sich viele von ihnen Maschinen angeschafft und würden demnach, selbst wenn man sie zu deren Bedienung annehme, in weniger Arbeitstagen mit ihrem Bedarf fertig als vorher. Für die Unterhaltung und Ergänzung ihres Inventars an Arbeitsgerätschaften hatte das Rikele keinen großen Aufwand zu machen. Sie würde für Nadeln jährlich etwa 1 Mk. gebraucht haben, wenn sie dieselben nicht meist zum Geschenk erhalten hätte. Sie bevorzugte die englischen Nadeln und tat sich etwas zugut darauf, daß sie dies, der Wahrheit zuliebe, obschon eine Deutsche, unverhohlen gestehe.„Die englischen laufet, aber die deutschen krachet, weil sie nicht schlupfet, und selbige werden bloß krumm." Trennmesser und Scheren sollten jedes Jahr regelmäßig geschliffen werden, wurden es aber nicht.„Man schleift nichts hinzu," meinte Rikele, „ich versprech's ihnen immer denen Scheren, dann schneiden sie allemal wieder." Aus gute persönliche Behandlung durch ihre Kunden legte sie großes Gewicht, von einem ihrer Häuser rühmte sie es, daß man sich dort immer wieder ganz erhoben fühle und empfinde, daß man ein Mensch sei. Den Dienstboten wollte sie nicht gern unterstellt sein. Die Lohnarbeit war Rikeles Haupteinnahmequelle. Nebenher spielten die Gratiszuwendungen, die ihr von einigen Kunden zuteil wurden, eine kleine Rolle; ein, größere die Eigenproduktton in ihrem Kleiderbudgct. Der Sohn hatte die Mutter gern unterstützt, hatte ihr öfters zu ihrem Geburtstag Geld geschickt und bei Besuchen zuweilen einige Mark unter den Teppich gelegt. Öffentliche Unterstützung außer der Gewährung billigeren Bezugs von Brennholz war dem Rikele nie zuteil geworden. Von Vortell war ihr die Aufnahme des Sohnes in ein Internat, steilich in der Zeit, die vor unserer Untersuchung liegt. „Kinder, schafft euch nur ein kleines Mägele an", hatte ihr Vater oft gesagt. Rikeles schmächtige Konstitution und ihre fabelhafte Bedürfnislosigkeit machten es ihr möglich, sich zu nähren, als ob des Vaters seltsame physiologische Vorstellungen berechtigt gewesen wären. Das ist einer der Umstände, deren man sich erinnern muß, wenn man sich staunend stagt, wie mit einem Einkommen, wie demjenigen Rikeles, ohne gänzlichen ökonomischen Schiffbruch überhaupt auszukommen war. Daß sie ein kleines Mägele habe, glaubte sie selbst, und es steute sie. Die Tage, an welchen sie bei ihren Kunden arbeitete, waren gleichsam ihre fetten Tage, an denen sie sich für die mageren einigermaßen mit hinüber aß, teils indem sie aus dem Genossenen Kraft für diese schöpfte, teils indem sie Ungenossenes mit nach Hause nahm. Geschenktes oder„Erspartes", wie sie zu sagen pflegte. Man gab ihr zuweilen ein wenig Mehl, ein wenig Gemüse.... Am planvollsten waren ihre Weckersparnisse angelegt. Je nachdem es bei den Kunden morgens, zum Vesper oder abends mehr Wecken gab, als das kleine Mägelchen bedurfte, trug sie das Zuviel nach Hause— ein Vögelchen, das sich seinen Proviant zusammenpickt. Wie vorsorglich konnte man sie verwenden, wenn man sie in Scheibchen schnitt, in ein leinenes Säckchen hing und trocknen ließ! Im Bedarfsfall eine Greifhand(1'/, Wecke) dem Säckchen entnommen, mit so viel Wasser gekocht, daß es zwei Teller gab, dazu Butterschmalz für höchstens 3 Pfennig, auch wohl Kümmel, Peterling" und,„wenn man will", etwas Zwiebel—, so hatte sie eine„Brotsuppe". Den Kümmel hatte sie sich selbst auf den Wiesen gesucht, wie man denn bei dem Rikele, wenn man sein Gesicht in streng wissenschaftliche Falten legen wollte, sehr wohl von einem okkupatorischen Erwerb neben dem Erwerb aus der Näharbeit und dem„karitativen" sprechen könnte. Sie wußte, wo Sauerampfer wuchs, wo Schmalzblumenblätter, holte Brunnenkresse aus einem„Grüble" an den Herrmberger Wiesen; Majoran säte sie in einem Blumentopf aus. Hier ungefähr Rikeles häusliches Küchenprogramm, wie sie es darlegte: Morgens: Eine große Tasse Kaffee oder Milch(gut '/, Schoppen) nebst Brot oder einem 3-Pfennig-Weck. Um 10 Uhr:'/« Liter Milch und für 3 Pfennig Brot. Butterbrot nur, wenn sie solches„erspart" hat. Manchmal überhaupt nichts. Mittägliche Kombinationen: Die geschilderte Brotsuppe, dazu allenfalls Kartoffeln oder sonst eine „ersparte" Kleinigkeit, die gewöhnlichste Mahlzeit. Gebrannte Mehlsuppe mit eingeschnittenem Brot. „Riebele"-(Eiergerst-) Suppe, eine Fleischbrühe, nebst dem für deren Bereitung gebrauchten'/» Pfund Fleisch oder aber ein in Fleischbrühe gekochtes Gemüse, ebenfalls mit dem zubehörigen'/« Pfund. Wenn das Rikele Fleisch kochte, so folgten sich allemal zwei Fleischmahlzeiten, denn weniger als'/« Pfund konnte sie nicht wohl kaufen, und das halbe Pfund zehrte sie nicht auf einmal aus. Spätzle aus geschenktem Mehl, wozu allenfalls ein Salat oder ein saures„Sösle", ein„Zwiebelsösle" ('/i, Pfund Mehl und 2 Eier auf das Gericht Spätzle). Zwetschgengemüs und ein„Pfannküchle"(Eierkuchen). Kaffee und Brot(wenn sie gar zu schlecht„bei Kasse" war). Vesper: Eine Tasse Milch oder Kaffee und um 3 Pfennig Brot. In Ausnahmefällen Dickmilch, wenn Milch übrig geblieben war. Abends: Meist Kaffee. Hie und da ein Schüssele Milch. Im kleinen Städtchen, in welchem das Rikele lebte und wirkte, wurde auch von den unbemittetteren Klassen immer noch etwaS Wein als Haustrunk genossen,* auf den grünen Hügeln ringsumher wuchs ein leichter billiger Stoff. Der Weinbau bildete sogar den Hauptnahrungszweig eines erheblichen Teils der Bevölkerung: der „Gogers". Wer es irgendwie konnte, sorgte sich für seinen Vorrat. Ich ließ in T. einmal das Manuskript zum Budget einer blutarmen Familie Mitteldeutschlands kopieren; als der eingeborene Kopist dazu kam, den Grundriß der Hütte meiner Familie nachzuzeichnen, rief skeptisch aus:„Ja, abber wo tun denn die ihren er Moscht hin?'** Das Rikele partizipierte an dem Weingenuß seiner Landsleute nur in den Frühstücksgläschen, * In den Jahren 1SS0/81 bis 1834/85 wurden in Württem- berg jährlich durchschnittlich 20, S Liter pro Kopf der Bevölkerung verbraucht(Württembergische Jahrbücher, Jahrgang 1SS4). '* Hier ist wohl„Apfelmost" gemeint. welche sie bei ihren Kunden bekam; bei sich trank sie nur höchst selten ein Gläschen, wenn sie sich schwach fühlte. Ab und zu wurde ein Glas Bier zu ihrer Zimmernachbarin, der Kleidernäherin, getragen.„Mag sie als Bier trinke, i bin au zufridde", sagte dazu das Rikele etwas bitter; bitter nicht aus Lüsternheit, sondern aus einem verzeihlichen Gefühl der Eifersucht, das sie der ökonomische stärkeren Nachbarin gegenüber beschleichen mußte. Rikeles Gettänk und ihr Hauptnahrungsmittel bei sich zu Hause war, wie wir gesehen, Milch: das kindliche Wesen erhielt sich auch wie ein Kind. Von den 20 Pfennig Geldauslagen, mit denen sie ihrem Buch zufolge während der vier Jahre pro zu Hause verbrachtem Tag ungefähr ausgekommen ist, entfiel auf Milch rund der dritte Teil; dies stimmt damit, daß sie ihren gewöhnlichen Milchverbrauch für Morgen-, Vesper- und Abendimbiß auf durchschnittlich einen Schoppen('/, Liter, 1 Liter kostete 14 Pf.) angab. 60 Kaffeebohnen gingen im ganzen bei diesen Mahlzeiten auf, ungefähr 5 bis 6 Gramm dem Gewicht nach. Ein Quantum Bohnen, wie das Rikele sie pro Tasse abzumessen pflegte, hat das Rikele selber überlebt; in einem Tütchen liegt es noch bei meinen „Akten". Dem Kaffee setzte das Rikele etwas Zichorie zu, obschon sie deren Geschmack nicht liebte, aber sie mochte als Schwäbin auf die für unerläßlich gehaltene „schöne Farbe" nicht verzichten. Ein altes, düsteres, aber solid gebautes Bürgerhaus: in den unteren Stockwerken wohlhabendere Familien, im Mansardenstock das Rikele, eine Kleidermacherin, mehrere Studenten. Hauptbestandteil von Rikeles Wohnung: eine Kammer von 5,04 Meter lang, 3,05 Meter breit und im Maximum— die Decke fiel schräg ab— 2,04 Meter, hoch. Ganz freundlicher Anblick, wenn man die Türe öffnete und den Raum überschaute. Auf der gegenüber«? liegenden Schmalseite das Fenster, welches ein reichliches Licht einließ, mit Mullvorhängen versehen; ein Efeu- stöckchen draußen. An den beiden Langseiten Möbel an Möbel. Links Bett, Tisch, Pfeilerschränkchen; rechts Nachtttsch, Schrank, Kommode, Nähmaschine; Nippsachen auf Schränkchen und Kommode, Schildereien und Zieraten verschiedenster Art an den Wänden. Auf dem Boden zwei Stücke alten Läuferstoffes als Teppiche. Nirgends Unordnung trotz des Platzmangels, trotz des Umstandes, daß die Insassin die Küche mit der Kleidernähcrin, welche ebenfalls auf der Etage wohnte, zu teilen hatte. Aber was sie von Küchensachen und Gerümpel im Stübchen unterbringen mußte, hatte sie durch einen gelben Vorbanq dem Blick entzogen. Auch war nichts schadhaft an dem Hausrat... In einem reizenden Schriftchen„Der Kanzlei« s rat" stellen Hausvater und Hausmutter am Ende des Jahres ihr Budget auf, und da es sich zeigt, daß mancherlei Unkosten durch Fahrlässigkeit der Kinder veranlaßt worden waren, wird alles Zerbrechen fürderhin„zur Unmöglich« keit" erklärt. Rikele scheint die Kraft besessen zu haben, eine ähnliche Deklaration tatsächlich durchzuführen: sie nimmt von all ihrem Tischgeschirr eigentlich nur zwei Kaffeetassen, zwei Suppenteller und das geringste Wasserglas in Gebrauch, hatte in den ganzen vier Jahren, über welche ihre Buchführung vorlag, nichts Neues derart anschaffen müssen, ja innerhalb derselben noch nicht einmal einen einzigen Lampenzylinder zerplatzt! Mit welcher Genugtuung ruhte aber auch ihr Blick auf uns, als mir an die Durchmusterung ihres Hausrats gingen, vollends. dann, als wir ihr Bett inventarisierten. In der Tat, welch ein Bettwerk! Zusammengekommen aus Erbschaften, Gelegenheitskäufen und-erwerbungen. reichte es fast bis an die hier schief abfallende Decke hinauf. An seiner Zusammensetzung hatte Rikele wie an dem Erwerb einer Künstsammlung gearbeitet: es enthielt nicht nur das, dessen es selbst bedurste, sondern auch das Ehebett in naes für den Sohn. In der Sorgfalt, welche auf es gewendet worden war, erkannte man gewiß auch noch den Einfluß der bäuerlichen Tradttionen, unter denen Rikele auf« gewachsen war. An Miete hatte das Rikele für das Stübchen, den Küchenanteil und einen Speicheranteil(4 Quadratmeter) für Unterbringung von Holz 69 Mark pro Jahr zu be< zahlen. Ebensoviel hatte sie für eine bis vor kurzem innegehabte, etwas geräumigere Wohnung bezahlt. Und pünktlich bezahlt hatte sie immer.„Der Hauszins ist bei mir das allererst, dann komm' erst i." Brauche ich zu sagen, daß das Rikele sehr sauber, aber höchst einfach gekleidet ging? An den Wochentagen meist barhäuptig mit glatt gescheitelten: Haar; sie rühmt es diesem Haar nach, daß es anspruchslos sei uitt» der Pomade nicht bedürfe. Des Sonntags trägt sie Hüte: auf einem derselben prangt sogar eine Feder. Freilich eine geschenkte Feder.„Das ziert den Mann und loscht nit viel, ich tu' mich immer mit fremde Federn schmücke." (Fortseyung folgt.)_ «lieranttvorUtlh für die Redaliton- Ar Klara Zellin«Zündelt, WUHelinSHSH« Post Degerloch det Smttgart. Druck und«erlag von Paul«tngn t»«tuttgart.