Nr. 2 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 26. Oktober 1908 Der Reformschwindel der Strafprozeßordnungsentwürfe. I. Von H. B. Die Frau im 18. Jahrhundert. II. Von Hermann Wendel. Die Gewerbeaufsichtsbeamten in Sachsen über die Frauenarbeit in den Fabriken. Von gh. Der Bund deutscher Frauenvereine und die Dienstboten frage. Fortschritte der sozialistischen Frauenbewegung in Österreich. Von A. P. Strife und Frauenarbeit. Von W. D. Serenglauben und Herenprozesse. Eine kulturhistorische Skizze von Anna Blos. Resolutionen und Beschlüsse des Parteitags zu Nürnberg. Aus der Bewegung: Von den Organisationen. person der Genossinnen Leipzigs. Sozialdemokratie. Bericht der Vertrauens Parteitag der niederrheinischen Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaft liche Rundschau. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. Fl. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Frauenstimmrecht.- Frauenbewegung. Quittung. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Reform weit mehr als das Reichsamt bestimmt, ist noch nicht zu der Erkenntnis vorgedrungen, daß die Mitwirkung der Laien an der Rechtspflege Stückwerk bleibt, solange die Hälfte der Erwachsenen von ihr ausgeschlossen ist. dings sehr kräftig. Auch die Straffammer erhält Schöffen; statt der bisherigen fünf Berufsrichter soll sie künftig aus drei Laien und zwei Berufsrichtern zusammengesetzt sein. Die lang geforderte Berufung gegen die Urteile der Straffammer und die Diätenzahlung an die Schöffen und Geschworenen wird ebenfalls gleichzeitig eingeführt. Große Zugeständnisse, große Fortschritte! verkündet begeistert der Blockfreisinn. Mit der Laienrechtsprechung kokettieren die Entwürfe allerAber gemach- die Reaktion gibt nichts umsonst und nichts ohne Kompensationen. So auch hier. Zunächst ist das Schöffengericht schon eine Verballhornung der Idee des Volksgerichts. Der Reformschwindel der Strafprozeß- Die konsequente Durchführung dieser Idee fordert, daß die ordnungsentwürfe. I. In der Politischen Rundschau von Nr. 1 ist der Entwurf der Strafprozeßreform( im wesentlichen ein Entwurf zu einer neuen Strafprozeßordnung und ein anderer zu einer Novelle zum Gerichtsverfassungsgesetz) bereits furz als ein raffinierter Versuch gekennzeichnet worden, gefährliche Verschlechterungen des gelten den Rechts unter dem Schein der Erfüllung langjähriger Volksforderungen durchzusetzen. Jede nähere Prüfung der Entwürfe fann dieses Urteil nur verschärfen. Zwar sollen künftig den Schöffen und Geschworenen Diäten gewährt werden, allein diese Neuerung kann die Ausgestaltung der Gerichte zu Volksgerichten so lange nicht gewährleisten, als die Volksrichter nicht vom Volke gewählt, sondern von der Bureaukratie ausgesiebt werden. Davon abgesehen, ist keine der als Paradestücke her ausgehängten Reformen, die nicht durch halbe, zaghafte Durchführung, durch Ausnahme- und Kautschukbestimmungen entwertet oder gar durch angehängte Verschlechterungen mehr als wettgemacht würde. Ganz und unzweideutig sind nur die Rückschritte der Entwürfe. Bemerkenswert ist vor allem die Feindschaft, welche die Entwürfe gegen die Forderung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts zeigen. Der Frau wird keinerlei Mitwirkung bei der Rechtspflege zugestanden. Sie soll weder Geschworener noch Schöffe werden können. Sie wird nicht einmal als Richter bei den Jugendgerichten zugelassen, wo doch zu Schöffen solche Bersonen bestellt werden sollen, die in der Jugenderziehung besondere Erfahrung haben. All das, obgleich es selbstver ständlich ist, daß die Beurteilung von angeklagten Frauen ausschließlich durch Männer die Gefahr von Justizmorden vergrößern muß, und daß Frauen von Herz und Lebenserfahrung wertvolle Mitglieder des Richterkollegiums sein würden, wenn es sich um eine Anklage gegen eine Frau in verwickelten Fällen handelt, wo die Beantwortung der Schuldfrage oder die Bes meffung der Schwere der Schuld von der Kenntnis der ſeeli schen Vorgänge im Täter abhängen. Aber das Reichsjustizamt beziehungsweise das preußische Justizministerium, das ja dieſe Laien über Schuldfrage und Strafmaß allein entscheiden. Dem gelehrten Richter bleibt lediglich die Aufgabe, das Verfahren vorzubereiten und die Verhandlung zu leiten, so daß die Laienrichter dadurch ein möglichst erschöpfendes Bild der Tat erhalten, das alle in Betracht kommenden Seiten zur Erscheinung bringt. Außerdem hat der gelehrte Berufsrichter den Laien eine furze objektive Darstellung zu geben von den rechtlichen Bestimmungen, die für den Fall in Frage kommen, und von den Grenzen des Strafmaßes nach oben und nach unten. Selbst unsere Schwurgerichte erfüllen diese Forderungen nicht, da sie den Geschworenen nur die Entscheidung über die Schuldfrage zugestehen, die Bemessung der Strafe aber den gelehrten Richtern zuweisen, einen Mangel, dem abzuhelfen die Entwürfe sich sorgfältig hüten. Die Schöffengerichte aber stellen eine noch weit schlimmere Verfälschung der Idee des Volks gerichts dar. Hier müssen die Schöffen in Gemeinschaft mit einem gelehrten Richter( beim Amtsgericht) oder mit zwei ge lehrten Richtern( fünftig bei den Straffammern) entscheiden. Daß aber bei den Beratungen im allgemeinen die rechts. gelehrten, formal geschulten und redegewandteren Richter auf die Schöffen einen großen Einfluß auszuüben vermögen, ist nicht nur wahrscheinlich, sondern auch durch die Praxis der bis. herigen Schöffengerichte erwiesen. Im allgemeinen entscheidet in ihnen der Wille des Vorsitzenden ist er zu hohen Strafen geneigt, stimmen die Schöffen zu, beliebt er im Gegenteil mildere Strafmaße, so sind sie nicht dagegen. Das ist ja auch nicht zu verwundern, da dem deutschen Normalbürger ein tiefer Respekt vor jeder beamteten Person von Jugend auf anerzogen wird. Dazu kommt, daß der gelehrte Jurist in der Mehrzahl der Fälle als der geistig überlegene den Männern des Kleinbürgertums entgegentreten wird, deffen enger geistiger Horizont, dessen geringes Interesse für öffentliche Angelegenheiten genugsam bekannt sind. Der Klassenbewußte Proletarier hat allerdings den Spießbürgerrespekt vor der Amtsperson abgestreift und vermag seine geistige Selbständigkeit auch gegen den formal Gebildeteren zu behaupten, den er an Einsicht in die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, an politischen und sozialpolitischen Kenntnissen oft weit übertrifft. 18 Die Gleichheit Aber das Proletariat wird immer nur einen Teil der Laienrichter stellen wie groß dieser Teil ist, das hängt ganz von der Willkür der Bureaukratie ab, und die wirklich flafsen bewußten Proletarier sind außerdem leider nur erst ein mehr oder minder großer Teil des Proletariats. So bleibt für den Einfluß der gelehrten Richter auf die Schöffen ein großer Raum. Die Jdee des Voltsgerichts geht aber gerade von der Erkennt nis aus, daß der gelehrte Richter fein geeignetes Instrument zur Entscheidung der Tatfrage und des Strafmaßes ist. Durch das ewige Einerlei des Gerichtsbetriebs muß er ja notwendig abgeſtumpft werden, muß er leicht dazu neigen, in jedem Angeflagten einen Schuldigen zu erblicken, da er so viele leugnende Schuldige gesehen hat. Ferner wird er der unmittelbaren, aus der Anschauung geschöpften Kenntnis des Lebens großer Boltsfreise entbehren, wird er viel mehr als der Volfsrichter geneigt sein, gewissen von den politischen Behörden versuchten Einwirkungen auf die Rechtsprechung nachzugeben. Obgleich ihm seine Unabhängigkeit angeblich durch die Bestimmung garantiert ist, daß er nur durch Richterspruch abgesetzt werden fann, bleibt er doch von diesen politischen Behörden in der Beförderung abhängig. Endlich tritt noch hinzu, daß der gelehrte Nichter durch die Aktenkenntnis, die er bei der Vorbereitung des Verfahrens erwirbt der Vorsitzende bedarf ihrer schon, um den Prozeß sachgemäß leiten zu können, direkt in Versuchung geführt wird, fich bereits vor der Verhandlung ein Urteil in der Sache zu bilden. Deshalb ist zu fordern, daß der gelehrte Richter die Verhandlung vorbereite und leite, daß er jedoch nicht urteile. Jm Schöffengericht aber wirft der gelehrte Richter nicht nur seine Stimme mit in die Wagschale, sondern es werden ihm auch noch obendrein die Boltsrichter direkt zur Beeinflussung ausgeliefert. Selbst dieses Surrogat einer wirklichen Laienrechtsprechung wird aber nur dem Scheine nach gegeben, und außerdem nicht ohne einen kompensierenden Rückschritt. Die Berufungsinstanzen ( die Berufungsstraffammern, an die die Amtsgerichtssachen, und die Berufungssenate, an die die Straffammerfachen gehen) sollen reine Berufsrichterfollegien sein, in denen Laien nicht mitwirken. So hat die Staatsanwaltschaft allezeit die Mög lichkeit, durch die Berufung jede Strafsache vor Instanzen zu bringen, in welchen nur gelehrte Richter entscheiden. Die Berufung gegen Straffammerurteile, äußerlich die Erfüllung einer langjährigen Volksforderung, erweist sich so als ein wohl gelegter Hinterhalt der Reaktion. Schließlich aber soll für die Bagatellsachen", die übertretungen und einige leichte Vergehen, die Mitwirkung der Schöffen ganz beseitigt werden. Die Reform" überweist sie dem Amtsrichter allein zur Verhandlung. Er soll Strafen bis zu 6 Wochen Haft und 200 Mr. Geldstrafe verhängen fönnen in Sachen, die oft genug keine Bagatellen sind, sondern einen politischen Hintergrund haben und die Klassenvorurteile des Richters reizen, wie Anklagen wegen unerlaubten öffentlichen Flugblattverbreitens, wegen Streit poftenstehens, wegen Vereinsgefeßübertretungen, wegen Boykotts ( grober Unfug!) und anderes mehr. Obgleich das Schöffengericht gewiß feine ideale Instanz bedeutet, so ist doch im Vergleich zu ihm die Einführung des Einzelrichters eine ganz erhebliche, absolut unannehmbare Verminderung der Rechtsgarantien. Der oben angeführte Mangel des Schwurgerichts wird nicht beseitigt, dagegen wird seine Zuständigkeit eingeschränkt. Einige Fälle der Urkundenfälschung, des betrügerischen Bankerotts, der Depotunterschlagung und gewiße Amtsverbrechen werden den Straffammern überwiesen. Keine Rede ist von einer Ausdehnung der Schwurgerichtskompetenz auf alle politischen und Preßvergehen, die seit langem gefordert wurde. Dafür gibt's einige Scheinreformen beim Vorverfahren beziehungsweise der Voruntersuchung und den Bestimmungen über die Untersuchungshaft. Jetzt hat weder der Beschuldigte noch sein Verteidiger ein Recht darauf zu erfahren, was im Borverfahren, in der Voruntersuchung gegen ihn zusammengetragen worden ist. Er steht den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, des Untersuchungsrichters ganz hilflos gegenüber Nr. 2 und erfährt meist erst kurz vor der Verhandlung, wessen er alles angeklagt wird, und kann daher seine Verteidigung und seine Gegenbeweise nur mangelhaft vorbereiten. Das soll nun anders werden. Beschuldigter und Verteidiger erhalten das Recht, bei den Zeugenvernehmungen im vorbereitenden Verfahren zugegen zu sein und Fragen zu stellen, der Verteidiger darf die Aften einsehen wenn der Untersuchungsrichter es nicht anders beliebt! Denn dieser Herr kann all diese neuen Rechte aufheben, wenn ihm das nötig erscheint, damit der Untersuchungszweck nicht gefährdet wird. Damit ist gerade für die schwierigsten und für den Beschuldigten gefährlichsten Fälle der alte Zustand wiederhergestellt und der Wert der Reform auf Null reduziert. Ebenso steht es mit den Vorschriften über die Untersuchungshaft. Der Kreis der Sachen wird etwas erweitert, die so geringfügig find, daß Untersuchungshaft wegen des Verdachts, der Beschuldigte werde Zeugen zu beeinflussen suchen und Beweisstücke verschwinden lassen, nicht verhängt werden darf. Ferner soll auch bei Verbrechen nicht ohne weiteres Fluchtverdacht als vorliegend angenommen werden dürfen, sondern nur, wenn der Richter glaubt, die Strafe werde mehr als ein Jahr Gefängnis betragen. Richtern, die zur schablonenhaften Verhängung der Untersuchungshaft neigen, wird es keine großen Schwierigkeiten bereiten, an das Jahr Gefängnis als Strafe zu glauben, so daß keine erhebliche Besserung in der Lage der Beschuldigten zu erwarten ist. Das sind die wesentlichsten der Reformen", die die Entwürfe bringen. Sehen wir uns im nächsten Artikel die offenen Verschlechterungen an, die nicht in Scheinreformen eingewickelt sind. Die Frau im 18. Jahrhundert. II. H. B. Der Zahl nach macht der Feudaladel in Frankreich noch nicht ein Hundertstel der Nation aus, und die großen Damen dieser Klaffe, deren Neize die Briefe und Memoiren der Zeit aufbewahrt haben, bi'den einen verschwindend geringen Bruchteil der weiblichen Gesamtbevölkerung. Hinter ihnen steht die Masse der Frauen der bürgerlichen Klasse: der Großbourgeoisie wie des Kleinbürgertums. In der Großbourgeoisie müht man sich, mit der verkommenden Aristokratie an Glanz der Lebensführung zu wetteifern. In dem Salon des Finanzjuden Samuel Bernard, des Patriarchen des Geldes, drängen sich die Prinzen, Marschälle und Marquis als in einem der ihren, wie ganz natürlich, denn sogar ein Ludwig XIV., der stolze Sonnenfönig, zieht vor dem sechzigfachen Millionär oder vielmehr vor seinen Millionen den Hut. Nicht minder macht der Salon des Schotten John Law, des ganz modernen Geldmenschen und Erfinders großzügiger Finanzoperationen, von sich reden. Auch eheliche Verbindungen zwischen Geburtsaristokratie und Geldaristokratie gehen aus diesem Verkehr hervor, denn wenn der geistreiche Nicolas Chamfort sagt:„ Das Bürgertum sucht eine närrische Ehre darin, seine Töchter als Dünger für die Ländereien der hohen Herrschaften herzugeben", so haben auf der anderen Seite die hohen Herrschaften diesen Dünger sehr nötig. In vielen solchen Ehen tritt allerdings die seelische Brutalität der Feudaljunker kraß zutage, denn wenn ein Mann von Geburt der Tochter eines Geldmannes die Hand gereicht hat, glaubt er sich durch dieses Opfer seines Namens von allem entbunden, was ein Gatte seiner Frau am Morgen nach der Hochzeit und sogar noch am Hochzeitsabend selbst schuldet, jedes Beweises der Liebe und sogar jedes Zeichens der Rücksicht". In der äußeren Haltung ahmt die Frau der Großbourgeoisie sflavisch die Dame der feudalen Gesellschaft nach. Die Zeit, da die Bürgerfrauen und ihre Töchter sich mit den abgelegten Sachen der vornehmen Welt fleiden, ist vorüber; wer es irgend möglich machen kann, besonders die Gattinnen der Finanzmenschen und hohen Beamten, hält sich eine Kammerfrau, trägt Diamanten und wechselt wie die Herzoginnen dreimal am Tage Nr. 2 Die Gleichheit die Toilette. Nach und nach steigen die Ausdrücke, die Sprache, die Mode, das Benehmen, der gezierte Dünkel des Adels in die gesamte Bourgeoisie hinunter und machen hier ihren Weg von oben bis unten. Am Ende des Jahrhunderts unters scheidet man kaum noch die Bürgerliche von der großen Dame." Mit den Sitten der Feudalsippe nistet sich bei den Frauen der Großbourgeoisie auch schon hier und da die Ge wohnheit des Ehebruchs ein: in dieser Zeit des frivolen Amüsements zitiert man mit Staunen die Geschichte der Frau des Parlamentspräsidenten Portail, mit der sich, als sie an den Bocken erkrankt ist, ihr Liebhaber einschließt und im Hause des Präsidenten stirbt. Anders bei der Frau des Mittelstandes und des Klein bürgertums, des Kerns der bürgerlichen Klasse, die das ganze 18. Jahrhundert hindurch ihren großen Waffengang mit den Feudalmächten vorbereitet. Die Erziehung des Mädchens liegt hier noch zum größten Teil der Mutter ob. Zwar sucht auch der Bürgerstand seine Töchter auf einige Jahre in einer Erziehungsanstalt unterzubringen, aber es sind ruhige, bescheidene Klöster, in denen der Aufenthalt jährlich zwischen 250 und 350 Livres fostet, oder auch bürgerliche Pensionen, die in fünf Jahren lesen, schreiben, rechnen, nähen, sticken, stricken lehren. Nach der Rückkehr ins Elternhaus, die meist schon mit dem zwölften Jahre erfolgt, wird die Erziehung fortgesetzt, die das junge Mädchen gleichzeitig für die Pflichten des Haushalts und für die Vergnügungen der Gesellschaft heranbildet. Auch die Eheschließung und die Ehe selbst ist in dieser Klasse anderen Wesens als in der Aristokratie. Da hier die eheliche Gemeinschaft noch kein Luxus, sondern eine wirtschaft liche Notwendigkeit ist, werden Persönlichkeit und Charakter des Freiers weit mehr gewogen und viel genauer geprüft als anderswo. Es gilt sich vorher zu überzeugen, ob der Mann, dem die Frau der bürgerlichen Klasse beigesellt wird, sparsam ist, das Geld nicht vergeudet und das Brot seiner Kinder nicht in Gefahr bringt.„ Ein Fehler solcher Art würde in den oberen Gesellschaftsklassen höchstens etwas Unordnung, hier jedoch geradezu Unheil und Elend stiften." Mag in der bürgerlichen Klasse ebenfalls das Machtwort der Eltern nicht der letzte der für die Eheschließung entscheidenden Faktoren sein, da die wirtschaftliche Grundlage des Bürgertums, die kapitalistische Produktion, alle überkommenen altherkömmlichen Verhältnisse auflöst und die ererbte Sitte und das historische Recht durch den„ freien Bertrag" ersetzt, so ist doch die Ehe auch ein Vertrag, der bei beiden Beteiligten wenigstens die formelle Freiheit der Eheschließung bedingt. Deshalb bedarf es hier einer gewissen Sympathie des jungen Mädchens für den Freier und umgefehrt. Die Tochter der bürgerlichen Familie versagt es sich nicht, den Mann, dessen Bewerbungsbrief ihr der Vater gezeigt, zu prüfen, zu sprechen und warten zu lassen, und er mußte eine lange Reihe von Visiten absolvieren, ihr tüchtig die Cour schneiden, bis sie ihm erlaubte, am Quai des Orfèvres den Ehering und die Hochzeitsmedaille zu kaufen". Daß die Ehemoral im Bürgertum weit strengere und starrere Formen aufweist als in der Feudalklasse, ist seinen ökonomischen Existenzbedingungen geschuldet. Die Liebe der Ehegatten ist geradezu die bürgerliche Form der Liebe, solange wenigstens nicht die kapitalistische Entwicklung auch in der bürgerlichen Klasse den Keim der Zersehung zur Entfaltung bringt. Die Interessen des Mannes in der Ehe sind die Interessen der Frau. Im zünftigen Handwerk, der im Bürgertum des 18. Jahrhunderts fast ausschließlich vorherrschenden Betriebsform, ist die Frau die Seele der Wirtschaft. Sie sorgt für das Hauswesen und muß in gewissem Sinne die Mutter der Gesellen sein, die im Hause wohnen, schlafen und essen. Macht sie Seitensprünge, so werden die Interessen der Familie gefährdet und der ganze Wirtschaftsbetrieb gerät ins Wanten: ihre Untreue ist deshalb eine soziale Gefahr, ihre Treue eine soziale Pflicht. Auch in den großen, reichen und eleganten Geschäftshäusern hat die Frau ihre ökonomische Aufgabe, denn sie muß unnachahmlich sein im Anpreisen und Zureden zum Einkauf, im Besitz eines Wortschwalls und einer Liebenswürdigkeit, mit 19 denen sie nach einem Ausdruck der Zeit„ das Interesse be täubt, wie die Chirurgen, die, bevor sie zur Ader lassen, mit der Hand über den Arm streichen, um ihn einzuschläfern". So ist im Mittelstand der Ehebruch genau so eine Seltenheit, wie er in der Aristokratie eine Regel ist, und wenn er kommt, fährt er im Gewitter der Leidenschaft dahin und zieht Stürme nach sich, die oft das ganze häusliche Leben verwüsten. Abseits und unterhalb von den sauberen und molligen Frauen des honetten Bürgertums vegetiert aber noch eine ganze Welt von Frauen in Stumpfheit und einem Dunkel dahin, daß sie von der Zeit kaum bemerkt werden und auch das für die Menschenrechte schwärmende Schrifttum leicht über sie hinwegsieht. Neben den Frauen der bis aufs Blut ausgesaugten bäuerlichen Bevölkerung, die gleich Zugtieren mit gekrümmtem Rücken über die Felder schleichen, sind es keine Proletarie rinnen im modernen Sinne, feine Industriearbeiterinnen, deren noch der Ausbruch der Revolution nur wenige antrifft, sondern Frauen jener gesellschaftlichen Schicht, die zwischen Kleinbürgertum und Proletariat steht. In Paris gibt es Tausende dieser der Wesen, die, während die elegante Dame der feudalen Gesellschaft alles auf ihren Geschlechtsberuf zuspitzt, in ihrem Außeren kaum etwas von ihrem Geschlecht verraten, Frauen, die zu harten Arbeiten ihre Kräfte nach Mannesart anspannen müssen und so Mannweiber geworden sind, von der Marktfrau und Hallenverkäuferin bis zu dem erbarmungswürdigen Geschöpf, das den ganzen Tag am Quai Saint- Bernard seine Holzfuhre zum Verkauf ausschreit. Ein Maler der Zeit, Bouchardon, " hat ihre derbe Silhouette, das Breite, Bierschrötige dieses Mannweibes in den„ Cris de Paris" festgehalten; seine kraftvollen Skizzen zeigen unter den haltbaren, rauhen Wollstoffen die männliche Grobheit, schlechtweg die Mannheit aller dieser Arbeitsfrauen". Unter Schlägen wachsen sie auf, lernen kaum lesen und schreiben, ihr Leben ist ein unerbittliches Einerlei des Elends, auch die Ehe zeigt sich ihnen, bedingt durch die Verhältnisse, selten anders als in ihrer abstoßendsten Gestalt, als ein von Schimpfereien und Schlägen widerhallendes Zusammenleben, und ihre ganzen Freuden drehen sich um die Zinnkanne mit Schnaps, aus der die Mütter, die großen Töchter, ja selbst die kleinen Kinder an Ruhe- und Erholungstagen derbe Lustigkeit trinken oder zänkische Laune schöpfen. Mit Naturnotwendigkeit macht die soziale Not diese weib liche Schicht zum Sammelbecken der Prostitution, denn die Frauenlöhne reichen gerade zum Verhungern: zehn bis zwölf Sous, in manchen Berufszweigen bis acht Sous herabsteigend, also zwischen 25 und 50 Pf., beträgt der Taglohn, während die Kosten des Lebensunterhaltes mindestens auf zwanzig Sous berechnet werden. Zudem wird die Frauenarbeit immer mehr eingeschränkt durch das Eindringen des Mannes in viele Be rufe, die vordem der Frau vorbehalten waren. Die Mode schafft Damenschuhmacher, Damenschneider, Damenfriseure. " Welch ein Brotverdienst blieb denn noch der Frau, als Linguet der Stickerei, dieser hauptsächlich weiblichen Arbeit, die Kon kurrenz ankündigte durch die in der Antichambre stickenden Lakaien, durch die auf der Wache Filet anfertigenden Grena diere?" Kein Wunder, daß die Zahl der Prostituierten zu ungeheurem Umfang anschwillt und man vor der Revolution ihrer 60000 bis 70000 in Paris zählt. Bei der unerbittlichen Konkurrenz im Gewerbe der Schmach steigen nur wenige zu dem Rang großer Kurtisanen auf; von Glück reden können schon die, denen es gelingt, als Balletteusen oder Statiſtinnen in den Verband eines Theaters aufgenommen zu werden, denn in die Mitgliederlisten der Oper oder der Comédie Française eingetragen werden, heißt bis zum Jahre 1774 der Willkür der Polizei entrückt sein. Über die anderen aber schwingt diese Polizeiwillkür desto grausamer ihre Fuchtel: sie drückt zwar angesichts des Dirnenunwesens gern beide Augen zu, aber wenn es ihr einfällt, läßt sie ein paar Mädchen aufheben und in das Hospital der Salpêtrière schaffen, in dem ihnen die Haare geschoren und wo sie im Wiederholungsfall mit Beitschenhieben gezüchtigt werden. Und das Ende ist meist in der Gosse. Aber dieselbe unterste Schicht der weiblichen Bevölkerung, 20 20 Die Gleichheit aus der sich das Heer der Prostituierten ergänzt, ist es, in die zündend zuerst ein Funte der großen Revolution hineinspringt. Diese Schicht, die immer im Dunkel geblieben, tritt mit einem Schlage an jenem 6. Oktober 1789 an das blendende Licht des öffentlichen Lebens, als, von eines jungen Mädchens Händen gerührt, eine Trommel durch die Straßen geht und sich Tausende von kleinbürgerlichen Frauen, Weibern der Markthallen und Arbeiterinnen der Vorstädte, von Verzweiflung und Hunger gespornt, unter dem Schrei nach Brot nach Versailles wälzen, um den König wie einen Gefangenen in die Hauptstadt, unter die Augen der Massen, zu führen. So seht gerade die verachterste Schicht der weiblichen Bevölkerung Frankreichs der Geschichte der Frau im 18. Jahrhundert ihren heldenhaftesten Afzent auf. Hermann Wendel. Die Gewerbeaufsichtsbeamten in Sachsen über die Frauenarbeit in den Fabriken. gh. In den Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen des Königreichs Sachsen waren am 1. Mai 1907 im ganzen 685 377 Arbeiter beschäftigt. Davon waren 231911 Arbeiterinnen, und zwar: 732 Mädchen unter 14 Jahren 22859 79490 = von 14 bis 16 = 5 1621 21 128830 Frauen über Leider ist im Königreich Sachsen die Gewerbeaufsicht so ungenügend, daß die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten nur sehr wenig Material zur Würdigung der Frauenarbeit ents halten. In jeder der fünf Kreishauptmannschaften ist eine Gewerbeaufsichtsbeamtin tätig. Aber auch ihr Wirken ist offenbar durch die„ sächsische Wirtschaft" sehr beengt. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß die Unternehmer in Sachsen herzlich wenig Rücksicht auf die Arbeiterschutzbestimmungen nehmen. Die Behörden aber sind ihrerseits oft genug sehr entgegenkommend gegenüber den Wünschen der Unternehmer auf überarbeit der Arbeiterinnen. Der Berichterstatter über die Kreishauptmannschaft Bauzen zum Beispiel teilt mit, daß im Berichtsjahr 1528 Überstunden mehr als im Vorjahr für die Wochentage außer Sonnabend den Unternehmern bewilligt worden sind. Der Grund für die Überarbeit war durchgängig außergewöhnliche Häufung der Arbeit." Das ist alles, was der Beamte zur Rechtfertigung der bewilligten Überarbeit zu sagen hat. Der Herr versucht gar nicht erst den Nachweis dafür zu liefern, daß ohne die Überarbeit außergewöhnlich großer und nicht von den Unternehmern etwa selbstverschuldeter Schaden hätte entstehen müssen. " Auch die Fälle find häufig, in denen Arbeiterinnen zu ganz unpassenden Arbeiten gezwungen werden. Im Auffichtsbezirk Meißen wurden Arbeiterinnen beim Transport der Steine aus den Steinbrüchen nach den Elbfähnen und bei der Herstellung von Steinknack beschäftigt. Um das gesetzliche Verbot einer solchen Beschäftigung der Arbeiterinnen zu umgehen, trat als Arbeitgeber jener Arbeiterinnen der Steuermann des jeweilig vor Anker liegenden Kahnes auf, und die Herstellung des Steinknacks verlegten die Unternehmer auf die den Steinbrüchen benachbarten Grundstücke, wo die Arbeiterinnen nunmehr angeblich für ihre eigene Rechnung als selbständige Unternehmerinnen arbeiteten. Auf diese Zuwider handlungen gegen die gefeßlichen Vorschriften mußte die Gewerbeaufsichtsbehörde erst durch die beteiligte Gewerkschaft aufmerksam gemacht werden. Die Steinbruchbefizer bestanden aber darauf, daß sie sich diese Umgehung des gesetzlichen Arbeiterschutzes erlauben dürfen, und ließen es zum Prozeß tommen. Sie wurden schon im Jahre 1906 vor der ersten Instanz verurteilt, brachten aber im letzten Jahre ihr Recht" vor die zweite und sogar dritte Instanz. Selbstverständlich mußten sie auch hier verurteilt werden. " Nr. 2 Bezeichnend dafür, was eine gewisse Sorte von Unters nehmern sich gegen ihre" Arbeiterinnen herausnimmt, ist die Berechnung" in einer Schuhfabrik des Aufsichtsbezirks Wurzen. In dieser Fabrik zogen die Unternehmer, wie sie es in der Arbeitsordnung ausdrücklich bestimmt hatten, seit Anschluß der Nähmaschinen an die Dampfkraft den Stepperinnen 5 Prozent von dem verdienten Lohne ab. Die Gewerbeaufsichtsbeamten zeigten die Unternehmer bei der Staatsanwaltschaft an, doch diese sah in dem Abzug nicht einen Verstoß gegen die Arbeiterschutzgesetze. Trotzdem wäre eine solche Ausbeutung der Arbeiterinnen unmöglich, wenn diese sich ihren Organisationen anschließen und sich mit gemeinsamen Kräften gegen solche Zumutungen wehren würden. Im Aufsichtsbezirk Döbeln wollte ein Wäschereibesitzer in die Arbeitsordnung die Bestimmung aufnehmen, daß er berechtigt sei, im Falle des Vertragsbruchs einer Arbeiterin einen Teil des verdienten Arbeitslohnes bis zu 5 Mt. einzubehalten. Der Unternehmer mußte aber von diesem Vorhaben Abstand nehmen, weil seine Arbeiterinnen sofort die Arbeit niederlegten. In einem Falle konnten die Gewerbeaufsichtsbeamten etwas Erfreuliches berichten: Der Betriebsleiter einer Gewürzmüllerei im Aufsichtsbezirk Dresden sieht darauf, daß die verheirateten Arbeiterinnen vier Wochen vor ihrer Niederfunft die Arbeit einstellen. Für diese Zeit erhalten die Frauen den halben Lohn. Zum Schlusse die Ausführungen der Gewerbeaufsichtsbeamten über die Tätigkeit der sogenannten Vertrauensdamen. Jm Bericht über das Jahr 1905 teilte die Gewerbeaufsichtsbehörde mit, daß die Firma Villeroy& Boch, die be tannte Steingutfabrit in Dresden, sich mit der Bitte an die Gewerbeaufsichtsbeamtin gewendet habe, eine geeignete Persönlichkeit für den Posten einer sogenannten„ Vertrauensdame" bei ihren Arbeiterinnen in Vorschlag zu bringen. Nachdem die Beamtin sich mit den Verhältnissen des großen Betriebs, in dem 600 Arbeiterinnen arbeiten, vertraut gemacht hatte, schlug sie für den Posten die Tochter eines ehemaligen Fabritdirektors vor und verständigte sich mit ihr über die Aufgaben einer " Vertrauensdame". Die Dame soll sich, wie jetzt der Berichts erstatter über die Kreishauptmannschaft Dresden versichert, bisher gut bewährt haben. Obwohl sie anfangs viel mit dem Mißtrauen der Arbeiterinnen zu kämpfen hatte, sei es ihr doch durch Geschick und unermüdlichen Eifer allmählich gelungen, sich mehr und mehr deren Vertrauen zu erwerben. Die Vertrauensdame sei täglich während der Arbeitspausen in einem besonderen Zimmer der Fabrik für jede Arbeiterin zu sprechen und bereit, Rat in dienstlichen und häuslichen Angelegenheiten zu erteilen. An mehreren Abenden der Woche leite sie einen Koch- und Handarbeitsunterricht, und jetzt sei diesen Abenden noch ein geselliger Abend als Familienabend hinzugefügt. An den Familienabenden beschäftigten sich die Teilnehmerinnen mit Handarbeiten, während die Vertrauensdame vorliest, oder es wird gemeinschaftlich musiziert. Die erforderlichen Räume für die Veranstaltungen gewähre die Fabrit. Jm Berichtsjahr hätten 50 ledige Arbeiterinnen an den Familienabenden teilgenommen. Jedoch seien so viel Neuanmeldungen eingegangen, daß vom Januar 1908 ab zwei derartige Abende ein gerichtet werden sollten. Im Sommer unternahm die Vertrauensdame mit den Mädchen öfters Ausflüge, und im legten Winter habe sie auf Wunsch der Mädchen mit ihnen zweimal die Gemäldegalerie besucht. Während der Arbeitszeit be sichtige die Dame die Arbeitsräume, in denen Arbeiterinnen beschäftigt werden, um mit diesen immer in Fühlung zu bleiben. Auch bei dieser Gelegenheit nehme sie Wünsche und Anfragen aller Art entgegen, und soweit Erleichterungen in der Arbeit nach ihrem Dafürhalten im Interesse der Wohlfahrt erreichbar seien, berichte sie darüber dem Direktor der Fabrit. Die Firma unterstütze die Vertrauensdame in wohlwollendster und weitestgehender Weise. Aus dem Aufsichtsbezirk Wurzen berichtet die Gewerbeaufsichtsbeamtin: Eine größere Kammgarnspinnerei stellte im Oktober 1906 eine Fabrikpflegerin" ein. Die Dame führt die Aufsicht über die jugend" Nr. 2 Die Gleichheit lichen und minderjährigen Arbeiterinnen und steht jeder Arbeiterin auf Wunsch mit Rat bei. Während der Arbeitszeit ist sie ständig anwesend und sucht die Arbeiterinnen in den Arbeitsräumen auf oder hält sich bei Eintritt der Ruhepausen im Aufenthaltsraum der jugendlichen Mädchen auf. Auf letztere wirkt sie durch Unterhaltung, Pflege des Gesangs, Ausleihen geeigneter Druckschriften usw. belehrend und erbauend ein. Die erwachsenen Arbeiterinnen läßt sie an sich herantommen und erteilt ihnen auf Wunsch Rat und Beistand in allen persönlichen Angelegenheiten. Zu diesem Zwecke sucht sie die Arbeiterinnen in ihren Wohnungen auf. Die Fabril leitung hat ihre Zustimmung gegeben, daß die Pflegerin Nähabende abhält, und eine Handarbeitslehrerin angestellt, die bei reger Beteiligung der Arbeiterinnen an zwei Wochentagen Unterricht erteilt.- So die Mitteilungen der Gewerbeauf fichtsbeamten. Zu wünschen wäre, daß die beteiligten Arbeiterinnen selbst Auskunft darüber geben, wie sich die Auffichtsdame" und die Fabrikpflegerin" bewähren. H Der Bund deutscher Frauenvereine und die Dienstbotenfrage. - Wenn man das ebenso billige als geschwollene Gerede bürgerlicher Frauenrechtelei von dem sozialen Verständnis und dem sozialen Pflichtgefühl bürgerlicher Damen in seiner Bedeutungslosigkeit erkennen will, so braucht man nur die Dienstbotenfrage aufzurollen. Sobald man die gnädige Frau", die Dienstherrin tratt, erscheint die Nuznießerin proletarischer Arbeitskraft in ihrer nackten Eigensucht. In der Tat: der Apparat fozialer" Redensarten, welcher in unseren Tagen zur zeitgemäßen geistigen Ausstattung des modernen Weibes" gehört, flappert höchst mißtönig und versagt, wenn es darum geht, soziales Fühlen, Denken und vor allem Handeln auf dem Gebiet zu betätigen, wo die Frau der Frau, die Dame der besitzenden Klassen der Tochter der ausgebeuteten Massen unmittelbar als Arbeitgeberin, das heißt im letzten Grunde als Ausbeuterin gegenübersteht. Bei der Behandlung der Dienstbotenfrage durch bürgerliche Kreise die frauenrechtlerischen davon nicht ausgenommen zeigt sich augenscheinlich die Tat sache, welche die nämlichen Damen und Herren gern leugnen. Der Abgrund zwischen den Interessen der Ausbeuter und Ausgebeuteten tann zwar verschleiert, aber er fann nicht ausgefüllt, nicht überbrückt werden. Zum Greifen deutlich trat das hervor, als 1896 der von den radikalen" Frauenrechtlerinnen nach Berlin einbe rufene Internationale Frauentongreß nicht die Zeit, weil nicht den Willen aufbrachte, die Ausführungen des verdienstvollen Sozialpolitikers Dr. Schnapper- Arndt über die Dienstbotenfrage zu hören. lind wenn man seither in der bürgerlichen Frauenbewegung der gemäßigten wie der radikalen Richtung begonnen hat, mit zartem Patschhändchen an die harte Nuß dieser Frage zu rühren, so wahrlich nur der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb. Dazu gezwungen hat das Erwachen der Dienstboten selbst, die vom Hauch der sozialistischen Jdeen ergriffen sich auf den Boden des Klassenlampfes zu stellen und in solchen eigenen Organisationen zu fammeln beginnen, die konsequent die Intereffen der häuslichen Lohnarbeiterinnen schützen. Es ist die Ausdehnung des proleta rischen Befreiungstampfes auf die Dienenden, die zur Erörterung der Dienstbotenfrage im frauenrechtlerischen Lager treibt. Ausschlaggebend dafür ist weit weniger der ernste Wille, enthüllter geistiger und leiblicher Not abzuhelfen, als vielmehr der heiße Wunsch, die Dienstboten nicht zum flaren Bewußtsein ihrer Lage als Ausgebeutete tommen zu lassen, sie in der Meinung einer Interessenharmonie zwischen Dienstgebern und Dienstnehmern au erhalten. Um die Hauptsache zu retten: das Abhängigkeits- und Ausnutzungsverhältnis selbst, sind die Damen zu einigem Entgegentommen an die Forderungen der aufgeklärten und organisierten Dienstboten bereit. Allein sie müßten aus ihrer bürgerlichen Haut fahren oder über ihren eigenen Schatten springen tönnen, sollten sie aufhören, danach zu trachten, so wenig als nur möglich von dem Vorrecht und der Macht der Herrschaften preiszugeben. Mit anderen Worten: die Verhältnisse der Dienenden wollen sie nicht in dem Maße bessern, als es deren Interesse gebietet, sondern nur soweit sich das mit der Rücksicht auf die Anschauung, den Vorteil der Dienstgeber verträgt. Das alles hat die Behandlung der Dienstbotenfrage durch die achte Generalversammlung des Bundes deutscher " 21 Frauenvereine recht sinnenfällig bestätigt, die vom 6. bis 9. Oftober in Breslau getagt hat. Die Bundeskommission für Arbeiterinnenschutz berichtete dort über eine Enquete zur Diensts botenfrage, welche sie mittels Fragebogen in zwanzig deutschen Städten vorgenommen hatte. Richtiger gesagt: welche sie vorzunehmen versucht hatte, denn die Erhebung muß als gescheitert gelten. Nur aus Königsberg und Frankfurt a. M. find eine„ befriedigende Bahl" beantworteter Bogen eingelaufen. Gar zu unvollständig, zu dürftig sind sonst die Auskünfte eingegangen. Warum? Weil ,, leider hier die Bundesvereine... fast durchweg in bedauerlicher Weise versagt haben, ein bedenkliches Zeichen dafür, wie Frauen als Arbeitgeberinnen in sozialer Hinsicht handeln!" So erklärt nicht etwa eine der verheßenden"+++ sozialdemokratischen„ Agitatorinnen" in gehässiger Übertreibung". Nein, das schreibt in der gut bürgerlichen Frauenbewegung" das gut bürgerliche Fräulein Lüders, deren soziale Erkenntnis von einem jener Lichtblicke erhellt wurde, die bei ihr ebenso selten als ohne praktische beiterinnenschutzkommission sind an„ Dienstgeber und Dienstboten“ Konsequenzen sind. Die Fragebogen der frauenrechtlerischen Ardurch Vermittlung der Bundesvereine ausgegeben worden. Allem Anschein nach haben die Mädchen ein leicht begreifliches Mißtrauen gehabt, die ihnen von der„ Gnädigen" zugestellten Formus lare zu beantworten. Die Frauenrechtlerinnen selbst aber haben es offenbar an Eifer fehlen lassen, ihr Hauspersonal über die Wichtigkeit der Erhebung aufzuklären und diese durch eine ausgiebige Auskunftserteilung ihrerseits zu fördern. Wie manche der Damen mag wohl auch davor gezittert haben, daß die Enquete mit ihren Fragen in die Domäne ihrer eigenen Launen, ihrer rücksichtslosen Ausnutzungspraktiken hineinleuchten und ihre Haussflavin" zum Nachdenken über ihre Lage anregen könnte, so daß dadurch die " Bescheidenheit, Fügsamkeit und Willigkeit" untergraben würde, die in den Augen der Herrschaften die größten Tugenden der Dienenden sind. Angesichts der unzulänglichen Ergebnisse der Erhebung könnte es einigermaßen überraschen, daß diese zur Grundlage eines Referates gemacht wurde, in dem Fräulein Dr. Else ConradMünchen allgemeine Schlußfolgerungen zog. Aber man weiß, mit welcher Unerschrockenheit und Ungeniertheit die bürgerliche Frauenrechtelei frei aus dem Handgelenk darauf los stümpert, sobald es sich um proletarische Interessen handelt. Besonderen Wert schien die Referentin der Feststellung" zuzuschreiben, daß die Dienstmädchen nicht aus der untersten Schicht der Bevölkerung stammten und sich beleidigt fühlen würden, wollte man sie als Proletarierfinder" ansprechen. Ihre Väter seien meist kleine Bauern und Handwerker auf dem Lande, Post- und Bahnbeamte usw., aber feine eigentlichen Arbetter". Fräulein Dr. Conrad schob das, was vom Standpunkt der Herrschaften aus als„ Dienstbotennot" erscheint, in den Vordergrund ihrer Ausführungen. Das ist aber nicht etwa die Not, welche die Dienstboten leiden, sondern die Not, welche die Dienstgeber haben, unter den von ihnen beliebten Be dingungen ein Hauspersonal zu bekommen, das ihren Ansprüchen genügt. Die Referentin sah davon ab, die Frage zu beantworten, ob ein Mangel an Dienstboten überhaupt bestehe, dagegen bejahte fie, daß es an befriedigend geschulten Mädchen fehle. Als Grund dafür hob sie lediglich die ungenügende Vorbereitung auf den Dienstbotenberuf hervor. Die meisten Dienstmädchen machen feine „ Lehrzeit" durch. Diesem Mangel müsse abgeholfen werden, ver allem im Interesse der notleidenden Herrschaften und der bürgerlichen Gesellschaft im allgemeinen, nebenbei auch im Interesse der Dienstmädchen selbst. Das erhellt aus den Mitteln, welche Fräulein Gonrad zur hauswirtschaftlichen Ausbildung der Dienenden vorschlug. Nach dem Beispiel dessen, was in München schon praktiziert wird, sollen die jungen, schulentlassenen Mädchen tüchtigen Hausfrauen des Mittelstands zur systematischen Unterweisung in den Haushaltungsgeschäften übergeben werden. Des weiteren müffe die Gründung besonderer, politisch und religiös neutraler Anstalten für hauswirtschaftlichen Unterricht erfolgen, die sich durch angeschlossene Herberge und Mittagstisch für Damen einigermaßen selbst erhalten könnten. Armen Mädchen solle die Beteiligung an den Kursen dadurch ermöglicht werden, daß ihre Eltern eine kleine Summe pro Monat erhielten, andererseits seien die Lernenden zu verpflichten, drei Jahre als Dienstboten beruflich tätig zu bleiben! Unter welchen Bedingungen sonst noch die hauswirtschaftlichen Lehrlinge sich ausbilden und arbeiten sollen insbesondere auch in den fleinbürgerlichen Familien, darüber schwieg nach den vorliegenden Berichten der Sängerin Höflichkeit. Und doch wäre es nötig gewesen, von vornherein start zu betonen, daß wirtschaftlich bedrängten bürgerlichen Kreisen und bürgerlichen Institutionen auf keinen Fall eine neue Spielart der meist bedauernswerten„ Stützen 22 Die Gleichheit der Hausfrau" zu schrankenloser Ausnutzung gestellt werden dürfen, für welche das Lernenwollen hinter das Arbeitenmüssen zurückgedrängt wird. An zweiter Stelle beschäftigte sich Fräulein Dr. Conrad auch mit den Klagen der Dienstboten über ihre Arbeitsbedingungen. Ihr Verständnis dafür scheint weit weniger fein entwickelt, als ihr Mitgefühl mit den Klagen der Hausfrauen. Wie wäre es sonst möglich, daß die Referentin den Lohn der Dienstmädchen im allgemeinen als„ hoch" bezeichnete, daß sie die Dienenden ausdrücklich davor warnte, ihre Lohnforderungen zu überspannen". Natürlich nur im eigenen Interesse, beileibe nicht in dem habgieriger, unverständiger Herrschaften! Hohe Löhne könnten ja die Dienst geber veranlassen, nach amerikanischem Muster ihr Hauspersonal während der Reisezeit zu entlassen; auch sonstiger Vorzüge" seiner Stellung würde dieses verlustig gehen. Die Forderung der Extrabezahlung für Überstunden sei unangemessen", da die Mädchen für solche durch Trinkgelder reichlich entschädigt würden". Was die Schlaf und Wohnräume der Dienenden anbelangt, so mußte Fräulein Dr. Conrad zugeben, daß fie zum großen Teil nicht einmal den bescheidensten Ansprüchen genügen. Die Umfrage hat zum Beispiel ergeben, daß in Königsberg 3000 Schlafraume für Dienstboten fensterlos find, weder belichtet, noch ordentlich gelüftet werden können. In Breslau müssen die meisten Mädchen in der Küche schlafen. Solchen Übelständen muß nach der Referentin durch gesetzliche Vorschriften und eine strenge Wohnungsinspektion abgeholfen werden. Dagegen lehnte sie die Forderung eines eigenen Schlafraumes für jedes Dienstmädchen ab, wie fie von den Genossinnen in Mannheim und von den organisierten Dienstboten selbst erhoben worden ist. Auch die nötige gesetzliche Begrenzung der regelmäßigen täglichen Arbeitszeit hat die Dame nicht befürwortet, sie ließ es damit genug sein, eine kontraktliche Sicherstellung einer bestimmten Ruhezeit für die Dienenden zu empfehlen. Mit dem Eintreten für die Beseitigung der privaten Stellenvermittlung und der Gründung von tleinen Arbeitsnachweisen, die sich nehartig über das ganze Reich erstrecken sollen, ist erschöpft, was Fräulein Dr. Conrad zur Verbesserung der Lage der Dienenden forderte. Bemerkenswert ist, daß sie nach den vorliegenden Berichten keine Stellung gegen die Gesindeordnungen genommen hat, diesem mittelalterlichen Bollwerk der schlimmsten Ausbeutungs- und Herrschaftsgewalt seitens der Dienstgeber. Die Verwirklichung der geheischten Halb- und Viertelsreformen erwartete die Referentin von der Gründung eines deutschen Hausfrauenbundes, der in allen deutschen Städten vertreten und durch lokale Hausdienstausschüsse, aus Hausfrauen und Dienstboten zusammengesezt, arbeiten soll. Dieser Bund hat die erwähnten, ganz individuell zu führenden Arbeitsnachweise zu organisieren, sich die Dienstbotenausbildung in der mitgeteilten Weise angelegen sein zu lassen, die kleinbürgerlichen Lehrhausfrauen zu kontrollieren, ferner Kontratte auszuarbeiten, die Dienstgeber und Dienstnehmer verpflichten. Auch auf die Erleichterung und Verbesserung der Hauswirtschaft in jeder Weise solle die neue Hausfrauenorganisation hinwirken. Es versteht sich am Rande, daß die tagenden Damen reichen Beifall für das vorgetragene Rezept hatten, den Pelz des Dienstverhältnisses zu waschen, ohne ihn naß zu machen. Was noch in der Diskussion geredet ward, bestätigte in der Hauptsache, was wir zur Kritik der Verhandlungen bereits bemerkt haben. Frau Julie Eichholz Hamburg sang das Loblied der Einrichtungen ihrer Baterstadt, welche vom Standpunkt der bürgerlichen Damen aus an der Dienstbotenfrage herumturpfuschen. So die Dienstboten schule, die gemeinnüßige Stellenvermittlung, der Hausfrauenverein und viele ähnliche Institutionen". Von der Hamburger Organisation der Dienstmädchen und häuslichen Taglöhnerinnen wie ihrem Stellennachweis scheint Frau Eichholz nicht gesprochen zu haben. Diese Gründung und ihre segensreiche Tätigkeit fällt den guten deutschen Hausfrauen auch wenn sie als Frauenrechtlerinnen von der Würde und dem Recht des weiblichen Geschlechts ein Vieles reden gar unsanft auf die Nerven, weil sie die Interessen der Dienenden ohne Rücksicht auf den Egoismus der Herrschaften vertritt. Fräulein Paula Müller- Hannover, die Führerin der ,, Evangelischen Schwestern", deren Organisationen dem ,, Bund deutscher Frauenvereine" beigetreten sind, möchte überall interfon fessionelle Hausfrauenvereine gegründet wissen. Für das Zusammenarbeiten von Hausfrauen und Hausangestellten in gemeinsamen Organisationen schwärmte Fräulein Anna Pappriz- Berlin. Sie will die schönsten Erfolge" solcher Zusammenarbeit in der Reichshauptstadt gesehen haben. Etwa in bem dortigen Verein der Hausangestellten, der von den„ schönsten Nr. 2 Erfolgen" derart überwältigt war, daß er sich der bürgerlichen Leitung entledigt und auf den grundsätzlichen Boden aller modernen Gewerkschaften gestellt hat? Ü. A. w. g. Inmitten des weiten Flachlands der Einsichtslosigkeit, über das die Verhandlungen einen Blick tun ließen, muteten Fräulein Lüders' Ausführungen faft als hochragende Gipfel sozialen Ver ständnisses an. ständnisses an. Sie wendete sich gegen die gröbsten Schiefheiten des Referats und verurteilte scharf die Entlohnung der überarbeit durch Trinkgelder, wie die befürwortete Gründung konfessioneller Hausfrauenvereine. Von den Hausfrauen forderte sie, daß sie das Koalitionsrecht ihrer Dienstboten respektieren und diese ihrer Gewerkschaftsbewegung nicht fernhalten sollten. Wie wenig das auch weniger noch, wenn man weiß, wie unkonsequent und widerspruchsvoll Fräulein Lüders selbst in der Praxis zu der Ges werkschaftsbewegung steht-, den tagenden Damen war es zu viel. Von dieser Seite hat die junge Dienstbotenbewegung nicht auf eine fraftvolle und treue Förderung ihrer Ziele zu hoffen. Nur ihrer eigenen Einsicht und Energie, nur dem Kampfe der Arbeiterklasse wird sie die Erfolge verdanken, die sie erstrebt, und die sie zum Wohle der Dienenden erringen muß. war Fortschritte der sozialistischen Frauenbewegung in Desterreich. I. K. Es war im April, als die dritte österreichische Frauenkonferenz die Gründung freier politischer Frauenorganis sationen beschloß. Die Genossinnen haben seither fleißig gearbeitet. In Niederösterreich, Böhmen und Mähren sind schöne Erfolge erzielt worden. In zehn Orten Niederösterreichs bestehen zurzeit lokale politische Frauenorganisationen, darunter befinden sich Drte, wo bisher die Arbeiterbewegung überhaupt schwer Boden gewinnen konnte. Maßlose Ausbeutung, lange Arbeitszeit und Niederhaltung jeder freien Regung wirkten dort zusammen, um das Eindringen der Sozialdemokratie aufzuhalten. Dennoch ist es gelungen, in solchen Orten politische Frauenorganisationen zu gründen, und die Genosfinnen arbeiten mit Luft und Liebe, um Fortschritte zu erzielen. Ihr Erfolg, der Arbeiterinnenbewegung Bahn gebrochen zu haben, kommt überall der gesamten sozialdemokratischen Bewegung zugute. Da auch der Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen in Wien neues Gebiet erobert hat, kann man von einem wenn auch langsamen, so doch steten Fortschreiten der Arbeiterinnenbewes gung Niederösterreichs überhaupt sprechen. Da wir gegenwärtig in Niederösterreich in einer Landtagswahlbewegung stehen und die Genofsinnen an der Wahlagitation lebhaften Anteil nehmen, so wird uns auch die dadurch hervorgerufene Aufrüttelung der Massen zugute kommen. In Böhmen sind die Genossinnen besonders eifrig an der Arbeit, die politische Frauenorganisation auszubauen. Die Agitation ist dort, wo geeignete Kräfte vorhanden sind, eine sehr rege. Um fie planmäßig durch hierzu bestimmte Personen leiten zu lassen, wird für den 22. November eine Landesfrauenfonferenz für Deutsch- Böhmen vorbereitet, die in Bodenbach tagen soll. Ein Komitee tüchtiger, erprobter Genossinnen ist an der Arbeit, die Vorarbeiten zu treffen, und da auch die Landesexekutive der deutsch- böhmischen Sozialdemokratie der Konferenz zugestimmt hat, so versprechen wir uns von ihren Arbeiten besten Erfolg. In Schlesien fand am 10. Oktober eine interne Frauenkonferenz statt. Schlesien war auf der britten allgemeinen Frauenkonferenz zu Wien nicht vertreten, da dort noch gar keine Ansäge für eine politische Frauenorgani sation vorhanden waren. Die schlesische Landesexekutive der Partei ist aber nun gewillt, selbst die Entstehung einer solchen zu fördern. Sie hatte für den Landesparteitag, der am 10. und 11. Oktober stattgefunden hat, die Frage der Frauenorganisation auf die Tagesordnung gesetzt. Genoffin Popp hat das Referat dazu erstattet. Anwesend waren 17 weibliche Delegierte. Auch in Steiermark wird eine Frauenkonferenz vorbereitet, damit neben den Ortsgruppen des Vereins der Heimarbeiterinnen, der heute auch die Aufgaben einer politischen Frauenorganisation erfüllen muß, eigene politische Franken Nr. 2 Die Gleichheit organisationen entstehen. Steiermark ist kein schlechter Boden für die sozialdemokratische Frauenbewegung. Wenn dort auch die industrielle Frauenarbeit selbst keine so bedeutende Rolle spielt wie in Böhmen, Mähren oder Schlesien, so sind doch andere Bedingungen vorhanden, die ihr Emporblühen sichern. Steiermark hat eine große Eisenindustrie. Die Männer arbeiten in den Hüttenwerken, an den Hochöfen, und die Frauen führen daheim die Hauswirtschaft. Die klerikale Agitation hat hier ein gutes Feld vor sich und gebärdet sich sehr aufdringlich. Kann der Klerikalismus den Mann nicht haben, so versucht er auf die Frauen einzuwirken und durch sie die Männer ins Schlepptau zu bekommen. Da ist es von großer Wichtigkeit, daß die Frauen aufgeklärt werden, damit sie ihre Männer nicht den Schwarzen" zutreiben und ihnen wegen der Beiträge für die Gewerkschaftsorganisation und die Partei nicht das Leben sauer machen. Bis jetzt hat der Verein der Heimarbeiterinnen allein die nötige Aufklärungsarbeit unter den Frauen in Steiermark geleistet, in Zukunft soll er dabei in der politischen Frauenorganisation eine Helferin finden. Vor allem ist es in Graz, in der Hauptstadt, möglich, eine gute politische Frauenorganisation zu schaffen, und ihre Gründung soll in nächster Zeit von einer Konferenz eingeleitet werden. In ganz erfreulicher Weise entwickelt sich auch in Oberöster reich die Frauenorganisation. Der rührige Arbeiterinnenverein in Linz hält in den reaktionärsten, verpfafftesten Gegenden Wanderversammlungen ab, um neue Zweigvereine zu errichten. Ebenso geht es in Tirol, in dem schwarzen heiligen Land Tirol, mit der Frauenbewegung vorwärts. Wie hat man dort versucht, die Arbeiterinnenorganisation zu verhindern! Auf der Straße ließ man in Innsbruck die Genossinnen vom Wachmann anhalten und auf die Polizeistube führen, weil sie ihre Bekannten auf forderten, Mitglieder für die Frauenorganisation zu werden. Zur Gründungsversammlung des Arbeiterinnenvereins fam ein Jesuitenpater mit einem ganzen Troß von katholischen Frauen, Jungfrauen, Männern und Jünglingen, die er in den Kirchen aufgeboten hatte. Dennoch! Heute hat der Inns brucker Verein in den wichtigsten Städten Tirols Zweigorgani sationen, und selbst bis nach den Kurstädten der reichen Leute, nach Bozen und Meran, erstreckt er seine Tätigkeit. Und so geht es langsam zwar, aber stetig vorwärts. Der kommende Winter soll eine arbeitsreiche, fruchtbare Zeit für unsere Bewegung werden. Müssen wir doch die Frauen aufflären nicht nur, um ihnen die Ursachen ihres sozialen Elends flar zu machen, sondern auch, um ihnen die Erkenntnis bei zubringen, daß ihre Rechtlosigkeit fein„ gottgewolltes" ewiges Schicksal ist, daß sie nur so lange dauern kann, als sie selber nicht den Mut finden, dagegen anzukämpfen. Daß diese Erkenntnis, dieser Mut sich verbreite, soll das Ziel unserer Tätig feit sein. A. P. Krise und Frauenarbeit. Bei der Erhebung über die Frauenarbeit in Fabriken im Jahre 1899 machten verschiedene Gewerbeinspektoren die fol gende Feststellung: In vielen Familien wurde der Lohnausfall infolge der regelmäßigen Arbeitslosigkeit der Männer- Saisonarbeiter wenigstens teilweise ausgeglichen durch die gewerbliche Tätigkeit der Frau. War der Mann beschäftigungslos, strebte die Frau in die Fabrik. In den Fällen solcher Art " Arbeitsteilung" zwischen den Geschlechtern tritt die Frau nicht als Lohndrückerin auf, sie verdrängt nicht die teurere Männerarbeit. Anders in Perioden der Krise! Wenn die Nachfrage auf dem Warenmarkt hinter dem Angebot, hinter den Produktionsmöglichkeiten zurückbleibt, so werden viele Nichtsaisonarbeiter ebenfalls beschäftigungslos und Saisonarbeiter bleiben auch während der Saison ohne Arbeit. Schon bei früheren Krisen wurde konstatiert, daß die Freisetzung männlicher Arbeitskräfte über den Grad der Produktionseinschränkung hinausging. Die Abstoßung weiblicher Arbeitsfräfte von den Gesamtbelegschaften der Unternehmungen war 23 dagegen verhältnismäßig geringer als die Entlassung männlicher Arbeiter. Oft ging sogar mit einer Abnahme der Zahl der beschäftigten Arbeiter eine Mehreinstellung von Arbeiterinnen Hand in Hand; Männer wurden entlassen, Frauen besetzten ihre Plätze. Solche Verschiebungen ergeben zum Beispiel die Feststellungen der preußischen Gewerbeinspektoren für die Jahre 1900 und 1902. Danach sank die Zahl der beschäftigten männlichen Ar beiter von 2021 256 im Jahre 1900 auf 1946 624 im Jahre 1902; dagegen stieg in derselben Zeit die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte von 443718 auf 450317; bei den männlichen Arbeitskräften eine Abnahme um 74632, bei den weiblichen eine Zunahme um 6599. In Bayern ging die Zahl der in Fabriken beschäftigten Arbeiter von 253957 auf 234847, also um 19110 zurück; die Zahl der Arbeiterinnen dagegen erhöhte sich von 76733 auf 78734, also um 2001. Dieselbe Bewegung läßt sich auch jezt nachweisen, und zwar an den Ergebnissen der Statistik der Krankenkassen, die im ,, Reichsarbeitsblatt" veröffentlicht wird, und die ungefähr 20 Prozent aller Krankenkassen Deutschlands umfaßt. Stellt man die Schlußzahlen für die beiden letzten Jahre am 1. September in Vergleich, so gewinnt man folgendes Bild. Es betrug die Zahl der Beschäftigten: Männliche. Weibliche 1907 1908 . • • 3 303 051 1363 061 3 223 654 1407 290 1908 gegen 1907 +( Bunahme) ( Abnahme) 79397 +44229 Ganz erheblich ist die Verschiebung zuungunsten der Männerarbeit im August d. J. gewesen. Bei den Betriebskassen ging die Zahl der beschäftigten Männer um 2716, die der weiblichen Arbeitskräfte um 442 zurück; die Ortskrankenkassen verzeichnen einen Rückgang der männlichen Beschäftigten um 7705, eine Zunahme der angemeldeten Arbeiterinnen um 6357. Diese Zahlen lassen unzweifelhaft erkennen, daß vielfach an Stelle der entlassenen männlichen Arbeitskräfte Arbeiterinnen eingestellt worden sind. Über den Grund solcher Maßnahmen fann faum ein Zweifel bestehen. Die Ausgaben für die menschliche Arbeitskraft sollen vermindert werden. Dieses Bestreben ist jetzt, in der Periode wirtschaftlichen Niederganges, besonders start, und es stehen genügend weibliche Arbeitskräfte zur Verfügung, um allen Ansprüchen der Profithascherei zu genügen. Die Arbeitslosigkeit der Männer und deren verminderter Verdienst treiben eine Menge Frauen auf den Arbeitsmarkt, die sonst nicht das Angebot der Arbeitskräfte vermehren würden. Die Sucht, die Ausgaben für die Löhne zu senken, macht sich jetzt bei den Unternehmern besonders geltend, weil sie hoffen, durch Preisherabsetzungen den Absatz ihrer Waren stabil zu halten. Preisreduktionen auf Kosten des eigenen Profits wollen sie nach Möglichkeit vermeiden, und die Gestehungskosten für Rohmaterialien usw. werden von den Syndikaten und Ringen auf dem Niveau der Hochkonjunktur gehalten. So suchen die Herren Kapitalisten vornehmlich an den Löhnen zu knapsen, und da winft als rettendes Mittel die billige weibliche Arbeitskraft! Jezt dringt die Frau in Gewerbe und Spezialberufe ein, die ihr bisher meist noch verschlossen waren. So wird aus der Elektrizitätsindustrie berichtet, daß in letzter Zeit in größerer Zahl Mädchen und Frauen an Arbeitsmaschinen Stanzen und Pressen eingestellt worden sind, selbstverständlich zu viel geringeren Löhnen, als bisher die Männer für dieselbe Arbeit erhalten haben. Vielfach werden in der Bekleidungsbranche die Arbeiterinnen als sogenannte Lehrfräulein eingestellt; eine raffinierte Praxis der Ausbeutung, die kaum noch übertroffen werden kann. In den geschilderten Verhältnissen spiegelt sich das Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise. In seiner Sucht, die menschliche Arbeitskraft auszunuzen, läßt das Kapital sich durch keine ethischen Erwägungen beeinflussen. Die Verteidiger der kapitalistischen Gesellschaftsordnung beschuldigen die Sozialdemokratie, die Familie zerstören zu wollen, hier sehen wir das Kapital an der Arbeit, die Männer aufs Straßenpflaster zu werfen, während es die Frauen aus dem Hause, von der Seite 24 Die Gleichheit der Kinder fort, in die Fabriken hineinholt. Die weibliche Arbeitskraft wird ja schlechter bezahlt als die männliche, das Fleisch der Töchter des Volkes ist billiger als das der Männer; das ist das Entscheidende! Mit moralischer Entrüstung ist gegen diese Erscheinung nichts auszurichten. Schwinden wird sie erst mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Aber ihre schlimmsten Auswüchse fönnen beschnitten werden, wenn in der Arbeiterbewegung immer mehr für die Verwirklichung des grundsätzlichen Standpunktes gefämpft wird: Gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit! Herenglauben und Herenprozesse. Eine kulturhistorische Stizze von Anna Blos. W. D. " Die Wissenschaften blühen, es ist eine Freude zu leben!" Zum geflügelten Wort ist dieser Ausspruch Ulrich v. Huttens geworden, der als einer der aufgeklärtesten Männer seiner Zeit galt und ein eifriger Kämpfer gegen die Macht der geistigen Finsternis im Mittelalter war. Und doch vermochte es ein solcher Mann von ritterlichem Geiste und wissenschaftlicher Bedeutung über sich, als Richter einem Prozeß gegen einen Bauberer beizuwohnen, ohne Einspruch zu tun gegen die furchts baren Anflagen, die gegen schwache unschuldige Geschöpfe erhoben werden konnten.* Er ließ das Urteil aussprechen und vollstrecken, wie es vor ihm so unzählige Ritter und Herren getan, die noch heute hoch gepriesen werden als Beschützer der Schwachen, namentlich aber als Beschützer und Verherrlicher des weiblichen Geschlechtes. In den Herenprozessen, wo ihre Ritterlichkeit wahrlich angebracht gewesen wäre, schwiegen die Ritter, teils weil sie selbst in den Banden des Aberglaubens lagen, teils wohl auch, weil das Eintreten für die armen verfolgten Opfer mit eigener großer Gefahr verbunden war. Versenken wir uns in die Zeit, wo Herenprozesse und der Glaube an Zauberei in Blüte standen, so überkommt uns ein Gefühl der Erleichterung darüber, daß die Mächte, die die furchtbaren Erscheinungen ermöglichten, gebrochen sind, daß der einzelne nicht mehr schutzlos dem Wüten des Aberglaubens preisgegeben ist. Und doch liegt jene Zeit nicht gar so weit hinter uns, und so ganz befreit von Furcht vor überirdischen Mächten und Bauberglauben, wie wir gern annehmen möchten, sind leider auch viele Menschen im zwanzigsten Jahrhundert noch nicht. Nicht lange ist es her, da wurde aus Amerika berichtet, daß eine alte Frau von ihren eigenen Angehörigen in der schreck lichsten Weise gequält und dann getötet worden war, da diese, von religiösem Wahnsinn befallen, die Dämonen austreiben wollten, die angeblich in der Greisin wohnten. Mitleidslos hatten die Kinder das Jammergeschrei der Mutter gehört, das ihrer Meinung nach von den Dämonen ausgestoßen wurde. Sie sollen sehr erstaunt gewesen sein, daß nach der endlich gelungenen Austreibung der bösen Geister die Mutter nicht wieder zum Leben zurückkehrte! Heutzutage wird eine derartige Tat als Verbrechen gestraft, aber alle Strafen sind nicht imstande, den Geist des Aberglaubens zu vernichten, der solche Taten hervorruft. Gegen ihn hilft nur Aufklärung, Erziehung zur gei ftigen Freiheit. Nicht nur in Amerika, auch bei uns herrscht der Aberglauben noch viel stärker, als manche glauben. Wenn es zu viel oder zu wenig regnet, wenn das Vieh nicht fressen will oder die Hühner feine Eier legen, so wird in weiten Kreisen, namentlich der ländlichen Bevölkerung, nicht nach den natürlichen Ursachen geforscht, sondern die Schuld daran irgend einer alten Frau beigemessen, häufig einer Zigeunerin, die dann von dem ganzen Dorf gefürchtet und verfolgt wird. Wie oft sieht man auf dem Lande davon ab, bei Krankheitsfällen den Arzt zuzuziehen! Man wendet sich an eine Persönlichkeit, die sich die Dummheit der lieben Mitmenschen zunuze macht oder auch ohne eigenes Butun in den Ruf übernatürlicher Macht ge* Nach David Strauß: Ulrich v. Hutten. Seite 78. 胃 ・ Nr. 2 kommen ist, und läßt durch fie die Krankheit besprechen" oder Geheimmittel geben, die mit 3auberformeln" hergestellt sind. Und nicht nur die Landbevölkerung steckt noch im Aberglauben. Auch in den sogenannten„ gebildeten Kreisen" der Städte findet man ihn in erschreckendem Maße. Wie wäre es sonst möglich, daß dort die Wahrsagerinnen einen starten Zulauf haben, daß an Liebestränke usw. geglaubt wird, daß die Gesundbeterei in Mode gekommen ist? Auch die Gesundbeterei wird meist von Frauen ausgeübt unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß der Kranke sich nicht von einem Arzte behandeln lassen darf. Und steckt in dem Spiritismus nicht ein großer Rest des Glaubens der früheren Geschlechter an allerhand Dämonen und Geister! Heute wird das Überlebſel dieses Glaubens oder vielmehr Aberglaubens mit wissenschaftlichem Namen belegt und übt bis in die höchsten, einflußreichsten gesellschaftlichen Kreise hinein seine Macht. Mancher Entschluß, der das öffent liche Leben berührte, ist durch die„ Geister" beeinflußt worden, die ein geschicktes Medium zitiert hat. Daß der Wille des Stärkeren den Willen des Schwächeren unterworfen hat durch Vorspiegelung übernatürlicher Kräfte, wie Geister zitieren usw., darüber werden die Opfer des Aberglaubens wohl felten klar. Es gibt eben auch heute noch viel zu wenig Menschen, die einen so tiefen und klaren Einblick in das natürliche und gesellschaftliche Geschehen haben, daß sie auch das anscheinend Unerklärliche und Geheimnisvolle zu verstehen vermögen, die in sich so gefestigt oder von den Umständen begünstigt sind, daß sie sich mit eigener Kraft durchsetzen und mit den äußeren und inneren Kämpfen des Lebens fertig werden. Solange die Völker auf einer niedrigeren Kulturstufe standen, suchten sie die Mächte, die das Leben des einzelnen und der Gesamtheit beeinflußten, in den Naturkräften, die ihnen gegenständlich in den Naturerscheinungen vor Augen traten. Später vergeistigten sie diese Kräfte und nannten sie Götter, Teufel, Dämonen, Heren usw. Alles, was die Menschen sich nicht erklären konnten, hielten sie für Zauberei, in der sich irgendwelche übernatürliche Macht offenbarte. Vieles von dem, was ehemals als Zauberei und Teufelswerk galt, ist heute durch die wissenschaftlichen Forschungen und Feststellungen über Elektrizität, Magnetismus, Hypnose usw. erklärt. Aber wie viele Entdecker wissenschaftlicher Wahrheiten, wie viele Erfinder von Neuerungen, welche auf der Erkenntnis der Naturkräfte beruhen, wurden von ihren Zeitgenossen als Zauberer verfolgt und gequält. In unseren Tagen der Erfolge des Grafen Zeppelin und anderer, in unseren Tagen der chauvinistischen Träume von einer Kriegsluftschiffflotte ist es interessant, daran zu erinnern, wie frühere Geschlechter über die Aeronautik dachten. Ein Bahnbrecher der Luftschiffahrt, Bartholomen- Laurenço de Gusmao, im Jahre 1685 in Portugal geboren, konstruierte eine Hohlkugel, in der er sich schwebend zu halten vermochte. Er reiste nach Lissabon und baute mit der Unterstützung des Königs Johann VI. einen riesigen Flugapparat, der vor dem Königsschloß aufstieg. Das Volk jubelte dem Erfinder zu, die Regierung unterstützte ihn, aber die Inquisition nannte ihn Magier und Betrüger, forderte ihn vor ihr Tribunal, und nach langer Verhandlung mit der üblichen Tortur wurde er zu einer durch strenges Fasten verschärften Haft verurteilt. Alle seine Zeichnungen und Papiere wurden verbrannt. Damit war die Erfindung vernichtet, denn als es Peter Gusmao gelang, nach Spanien zu entfliehen, war er ein gebrochener Mann, der früh starb. Aus einigen geretteten Dokumenten konnte festgestellt werden, daß er wirklich eine brauchbare Flugmaschine erdacht hatte, doch waren die Aufzeichnungen zu lückenhaft, um danach die Erfindung zu rekonstruieren. Bekanntlich wurden in den früheren Zeiten gerade die Frauen häufig der Verbindung mit überirdischen Gewalten, mit dem Teufel und der Kenntnis besonderer Zauberfünfte beschuldigt. Es erklärt sich das aus mancherlei Ursachen, denen die Stellung der Frau als Priesterin, Weissagerin und Ärztin bei manchen Völkern, denen die Unkenntnis des natürlichen, geheimnisvoll erscheinenden Entwicklungsprozesses der Leibess frucht, die Macht des erotischen Gefühls und anderes noch zu Nr. 2 Die Gleichheit grunde liegt. Das Wort Here stammt von Hag gleich Hain, Wald und bedeutet ursprünglich die weise, das heißt die weisfagende Frau, die im heiligen Hain wohnte. Der Glaube an Heren hat sich bei den germanischen Völkern nach ihrer Befehrung zum Christentum aus der Lehre vom Teufel entwickelt. Er gewann im Mittelalter einen gewaltigen Umfang. Jedoch begegnen wir dem Glauben an Heren und Zauberei zu allen Zeiten und bei allen Völfern. In den um 1300 vor Christus entstandenen indischen heiligen Gesetzbüchern der Weda, wohl der ältesten schriftlichen überlieferung, die wir haben, findet sich ein Verbot der Zauberei. Das Alte Testament ist voll von Erzählungen von Heren und bösen Geistern. Die bekannteste Here des Alten Testaments ist die Here von Endor, die von dem König Saul aufgesucht wurde, um ihm den Geist des Samuel erscheinen zu lassen. Das mosaische Gesetz will mit dem Tode sowohl die Zauberer bestraft wissen als auch diejenigen, die sich ihrer bedienen. Die Hinrichtung der Sünder erfolgte durch Steinigung. Straffrei blieben die Zaubereien im Namen Jehovas. Auch bei einem Volf, das auf einer so hohen Stufe der Kultur stand, wie die Griechen, finden wir den Glauben an zauberische Mächte außerordentlich verbreitet. Durch Homer hören wir von der Zauberin Circe, die später als Königin aller Zauberinnen galt. Wen sie mit ihrem Zauberstab berührte, der wurde in irgend ein Tier verwandelt, aber durch ein gewisses Kraut fonnte der Zauber aufgehoben werden. überhaupt find Jlias und Odyssee reich an Erzählungen von Frauen, die im Besitz von Zauberkünften standen. Die schöne Helena, um deren Besitz der Kampf um Troja entbrannt war, verstand aus ägyptischen Kräutern einen Trank zu mischen, der das Herz gegen alle Schicksalschläge stählte. Die Sirenen Lockten durch ihren zauberischen Gesang die vorüberfahrenden Schiffer ans Ufer, um sie dann ins Verderben zu stürzen. Auch der Gürtel der Aphrodite, der der Trägerin unwiderstehlichen Liebreiz verlieh, gehört zu den Machtmitteln der Zauberinnen. Eine andere griechische Sage:" Jason und der Argonauten zug" berichtet von der Zauberin Medea. Sie stammte aus dem Volke der Kolchier, die, wie alle Stammesfremden, von den Griechen als Barbaren bezeichnet wurden. Ihre Königstochter Medea entbrannte in heißer Liebe zu Jason, der nach Rolchis tam, um dort das Goldene Vlies, das sagenhafte Fell eines Widders zu rauben. Medea tötete all ihre Angehörigen aus Liebe zu Jason unter der Bedingung, daß er fie als seine Gattin mit nach Griechenland nehmen würde. Jason ließ sich durch die Schönheit und die Künfte der Bauberin betören und vermählte sich mit ihr. In der Heimat kam ihm jedoch der Gegensatz zwischen der Tochter des wilden Barbarenvolkes und der sanften Anmut und Bildung seiner Stammesgenoffinnen zum Bewußtsein. Ihm graute vor den Zauberkünften der Frau, die um ihn alles verraten und gemordet hatte, was ihr lieb war. Ein nützliches Werkzeug war fie ihm gewesen, dann warf er's weg, und niemand hob es auf", wie Grillparzer in dem gleichnamigen Tranerspiel seine Medea flagen läßt. Sein Herz wandte sich der schönen sanften Kröusa zu. Da fannte Medeas Haß und Zorn feine Grenzen mehr. Um ihre Nebenbuhlerin zu verderben, fertigte sie ein herrliches Gewand, in das sie all ihre Zauberkünfte hinein wob, und schickte es ihr. Als Kröusa das Gewand anlegte, verwandelte sich das Kleid in feurige Flammen, die sie verzehrten. Ihre beiden Kinder tötete Medea ebenfalls und fuhr dann zum Entsetzen des versammelten Griechenvolkes in einem mit Drachen bespannten Wagen durch die Lüfte davon. In den griechischen Sagen find Geschichte und Dichtung so verschmolzen, daß man in den Erzählungen von Zauberei und Hererei mehr sehen muß als bloße Märchen. Der Glaube, die geistige Kultur der Vergangenheit spiegelt sich in ihnen wider. Wurden doch auch in Griechenland die Ärzte allgemein als Zauberer angesehen. Die Heilkunde galt nicht als Wissenschaft, sondern als Zauberei. Erst der berühmte Arzt Hippofrates erhob die Arzneifunde auf Grund des Studiums der menschlichen Natur zu einer allgemein zugänglichen Wissenschaft. Es ist nicht bekannt, daß in Griechenland die Zau25 berei strafbar war. Nur Plato beantragt in feinen Gesetzen, daß eine schwere Gefängnisstrafe für die trügerischen Gaukler angesetzt werden solle. In Rom stand der Glaube an Zauberei ebenfalls in voller Blüte. Wie die Griechen, so ließen sich die Römer ihre Zukunft aus dem Zug der Vögel, durch Beschwörung von Geistern usw. weissagen. Es waren hauptsächlich die Chaldäer, Ägypter usw., die sich diesen Aberglauben zunuze machten. Wohl gab es aufgeklärte Geifter, wie Cicero, Tacitus und andere, die die Nichtigkeit solcher Künste durchschauten, aber Männer wie Sulla, Julius Cäsar, Vespasian standen ganz im Banne des Aberglaubens. Cicero berichtet von einem Redner, den sein Gedächtnis häufig im Stich ließ. Als er einst eine Angeklagte verteidigen sollte und sein Gedächtnis wieder versagte, behauptete er, daß seine Klientin dieses Unglück durch Zauberei über ihn gebracht habe. Die Zaubermittel, die in Rom angewendet wurden, waren unzählig. Sie dienten nicht selten zu furchtbaren Verbrechen, aber es gab nichtsdestoweniger kein Gesetz, das die bestrafte, welche Bauberkünfte ausübten. Im Nachlaß des Kaisers Julian fand man Zaubergeräte, ferner auch den Leichnam eines an den Haaren aufgehängten Weibes, dessen Leib geöffnet worden. war, um aus der Leber den Erfolg eines Feldzugs zu bestimmen.* Das Christentum räumte mit dem Glauben an Hererei und Zauberkünfte feineswegs auf. Im Gegenteil finden wir, daß mit seiner Entwicklung und Herrschaft der Glaube an Teufel und Dämonen üppig in die Halme schießt. Strafgesetze der Raiser und Warnungen der Kirchenväter erwiesen sich als ohn mächtig, dem erschreckenden überhandnehmen des Aberglaubens zu steuern. In einem der ältesten Gesetzbücher wird den Bischöfen zur Pflicht gemacht, insbesondere auf gewisse gottlose Weiber zu achten, welche, vom Teufel und Dämonen verblendet, sich einbilden und behaupten, daß sie zur Nachtzeit mit der heidnischen Göttin Diana, mit Herodias und anderen Weibern, auf gewissen Tieren reitend, große Länderstrecken durchfliegen und in bestimmten Nächten der Befehle ihrer Herrin gewärtig sein müssen. Dieses alles sei heidnischer Unsinn und werde vom bösen Geist nur ihrer Phantasie vorgegaufelt." Da gerade die Nachtfahrten in den späteren Herenprozessen eine große Rolle spielten, so ist es nicht wunderbar, daß die Inquifitoren und Herenrichter dieses Gesetz in jeder möglichen Weise zu beseitigen suchten, indem sie seine Echtheit leugneten. Übrigens ist der Glaube an die Fahrten der Heren durch die Luft heidnischen Ursprungs. Ich erwähnte schon, daß Medea auf einem mit Drachen bespannten Wagen durch die Lüfte davonflog. Auch bei den alten Germanen hören wir von diesen Fahrten. Es sei an die Sage vom wilden Heer erinnert, das in gewissen Nächten unter Anführung der Frau Hotte oder Holde durch die Lüfte braust. Überhaupt glaubten auch die alten Germanen an Zauberei. Ihre Priesterinnen verstanden die Zukunft zu deuten; sie kannten die Kunst, Zaubertränke zu brauen und Heilmittel herzustellen. In der ältesten Nibelungensage spielt ein Ring eine Rolle, der den Träger unsichtbar machte, Drachenblut, das dem ganzen Körper Unverleßlichkeit verlieh, ein Trant, der Vergessen brachte. Die Königin Brunhild besaß einen Gürtel, der ihr fast unbesiegbare Kraft vermittelte. Das Hufeisen, das wir auch heute noch häufig an den Türschwellen befestigt sehen, sollte vor dem Huf des Pferdes schützen, auf dem der Donnergott Wodan durch die Luft dahinsauste.( Fortsetzung folgt.) Resolutionen und Beschlüsse des Parteitags zu Nürnberg. VII. Reichsfinanzreform. Die den materiellen Interessen der besitzenden und herrschenden Klaffen dienende, die Arbeiterklasse schwer schädigende und den И * Wir schöpfen hier und an anderen Stellen aus Soldan, Geschichte der Herenprozesse". 26 Die Gleichheit Weltfrieden bedrohende Militär-, Marine- und Kolonialpolitik des Deutschen Reiches führt zu ununterbrochenen, steigenden Ausgaben, deren Deckung bei dem jetzt geltenden Steuersystem nicht zu erlangen ist. Trotzdem seit dem Jahre 1888, dem Regierungsantritt des jetzigen Kaisers, die eigenen Einnahmen des Reiches von 821 Millionen Markt auf 1732 Millionen im Jahre 1907 gestiegen sind, ist in dem gleichen Zeitraum die Schuldenlast des Reiches von 720 Millionen Mart auf 4300 Millionen angewachsen. Die Steuern des Reiches sind ungerecht und unwirtschaftlich. Durch die Zölle und Verbrauchsabgaben werden die ärmsten Klassen der Bevölkerung am schärfsten betroffen. Dabei kommt nur ein geringer Bruchteil der Millionen, die die Steuerzahler ausgeben, in die Reichstaffe. Der größte Teil der durch Getreide, Vieh- und Fleischzölle, Garn-, Eisen- und andere sogenannte Schutzölle auf Gebrauchsartikel der breiten Maffen dem Volle abgenommenen Summen fließt in die Taschen der Großgrundbesitzer und Großkapitalisten, die nur eine verhältnismäßig geringe Steuerquote für die Reichskasse leisten. Gesunde Finanzverhältnisse können nur geschaffen werden, wenn die Ausgaben für Militär, Marine und Kolonien herabgesetzt und die Steuern der Zahlungsfähigkeit der Steuerzahler angepaßt werden. Der Parteitag protestiert gegen bie Erhöhung bereits bestehender sowie die Einführung neuer Steuern auf Massenverbrauchsartikel. Insbesondere protestiert der Parteitag gegen die dem russischen Steuersystem entlehnte Bandecolesteuer auf Bigarren und Tabat sowie gegen die Erhöhung der Biersteuer. Ferner protestiert der Parteitag gegen Steuern auf Licht und Kraft( Petroleum, Gas, Elektrizität usw.). Der Partei. tag fordert die Abschaffung aller indirekten Steuern, Zölle und sonstigen steuerpolitischen Maßnahmen, welche die Interessen der Allgemeinheit den Interessen einer bevorzugten Minderheit opfern. Er fordert die Einführung einer stufenweise steigenden Reichseinkommen und Vermögenssteuer, die Reform der Erbschaftssteuer durch Heranziehung aller größeren Erbschaften und Erhöhung der Steuersätze nach dem Umfang des Erbgutes und nach dem Grade der Verwandtschaft, insbesondere die erbschaftssteuerliche Heranziehung des Erbgutes für Ehegatten und Kinder. VIII. Jugendorganisation. Die Förderung der Bildungsbestrebungen der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen ist eine wichtige Aufgabe im Emanzipationstampf der Arbeiterklasse. Der Parteitag verpflichtet die Organisationen, dafür zu sorgen, daß die Arbeiterjugend im Sinne der proletarischen Weltanschauung erzogen werde. Um dieses Ziel zu erreichen, sind Vorträge zu veranstalten, die dem Erkennungsvermögen der Jugend angepaßt sind. Daneben ist durch Veranstaltungen ernsten und heiteren Inhaltes sowie durch Sport und Spiel und Unterhaltung die Geselligkeit zu pflegen. Zu diesem Zwecke sind in den einzelnen Orten besondere Kommiss fionen zu bilden. Die Kommissionen werden aus Vertretern der örtlichen Parteiorganisation und der Gewerkschaftskartelle unter Hinzuziehung von Vertrauenspersonen der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen zusammengesetzt. Der Kommission soll mindestens eine Genossin angehören. Die Teilnahme an den Vorträgen und soweit es möglich ist - auch an den Veranstaltungen ist unentgeltlich. Die Kommissionen sollen dahin wirken, daß die Gewerkschaftsfartelle für den Lehrlingsschutz eintreten. Der Parteitag beauftragt den Parteivorstand mit der Herausgabe eines Organs zur Aufklärung der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen. Die wirtschaftliche Interessenvertretung und die Entscheidung über politische Parteifragen bleibt nach wie vor lediglich Aufgabe der gewerkschaftlichen und politischen Organisation. Deklaration. Diese Resolution ist so aufzufassen, daß der Betätigung von lokalen Jugendorganisationen unpolitischen Charafters, die unter Mitbestimmung Erwachsener ihre Verwaltung selbst führen, nichts im Wege steht. IX. Kriegshehe. Das gemeingefährliche und verbrecherische Treiben bestimmter Kreise, zwei Kulturvölker, wie das englische und deutsche, gegenseitig zu verheten und zum Kriege aufzustacheln, dient nur den engherzigsten und furzsichtigsten Interessen der ausbeutenden und herrschenden Klassen. Es steht im schroffsten Gegensatz zu der Gesinnung internationaler Brüderlichkeit der ausgebeuteten Massen aller Nationalitäten, welche durch die engste Solidarität der Interessen miteinander verbunden sind. Nr. 2 Angesichts der Opfer an Gut und Blut, welche jeder Krieg gerade in erster Linie den werktätigen Massen auferlegt, und der ungeheuren materiellen wie kulturellen Schädigungen, welche er für die Gesamtheit des Volkes mit sich bringt; angesichts der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Zusammenhänge, denen zufolge jeder Konflikt zwischen zwei Kulturnationen die Gefahr eines Weltfrieges in fich birgt: macht es der Parteitag dem Proletariat Deutschlands zur besonderen Pflicht, gemäß der Resolution des internationalen Kongresses in Stuttgart mit allen in Betracht kommenden Mitteln für die überwindung des chauvinistischen Geistes und die Sicherung des Friedens einzutreten. Aus der Bewegung. Von den Organisationen. Von dem Werden und Wachsen der Frauenbewegung in Wald im Rheinland sei einmal den Genossinnen Mitteilung gemacht. Im Jahre 1905 schloß sich eine Anzahl Frauen in einem Frauen und Mädchenbildungsverein zusammen. In Solingen, Ohligs und Grafrath taten die Genossinnen das gleiche. Die Polizei schenkte den neuen Vereinen ihre Aufmerksamkeit, und der Gräfrather Verein fiel ihr bald zum Opfer. Die Genossinnen von Solingen und Ohligs lösten daraufhin ihren Verein auf, ebenso die Genossinnen von Wald, die aber weiter im Zusammenhang untereinander blieben. Nachdem die Mitgliederzahl ihrer losen Organisation schon auf 170 gestiegen war, wurde im Januar 1908 beschlossen, eine Vereinigung der Leserinnen der„ Gleichheit" zu bilden und die letztere obligatorisch einzuführen. Diesem Beschluß und der herrschenden Krise ist es zuzuschreiben, daß der Verein heute nur noch 70 Mitglieder hat. Auch der Umstand, daß sich in Zeiten der Krise solche Mitglieder von der Organisation loslösen, die aus Interesselosigteit ihr schon längst gern den Rücken gekehrt hätten, aber nicht den wahren Grund dafür angeben möchten, hat zu dem Rückgang beigetragen. Bedauerlich ist es, daß Frauen von Genossen, die an der Spitze der Bewegung stehen, die Fahnenflucht mitmachen. Durch Vorträge, Lehrkurse und Diskussionsabende ist versucht worden, die Bildung der organisierten Proletarierinnen zu heben. Viel hatten die Genossinnen von dem Lehrkursus erhofft, den Genoffin Kähler Düsseldorf abhielt. Aber sie wurden bitter getäuscht; nur 5 Genossinnen nahmen bis zum Schlusse an der Veranstaltung teil. Um so mehr mußte seitens der Genossinnen agi tatorische Kleinarbeit geleistet werden. Dabei machten sie die Erfahrung, daß die Genossen- mit rühmlichen Ausnahmen natürlich der proletarischen Frauenbewegung noch indifferent gegenüberstanden. In diese Gleichgültigkeit immer mehr Bresche zu legen, war ein Ziel ihres Strebens. Am 15. Oktober find die organi fierten Genoffinnen mit einem Vermögen von zirka 160 Mt. dem Volksverein beigetreten. Sie halten es für selbstverständlich, daß es die Genossen für ihre Pflicht erachten, ihre Frauen in die Ver sammlungen und Vereinsabende mitzubringen und die Genossinnen bei dem Bestreben zu unterstüßen, immer mehr Proletarierinnen aufzuklären und als überzeugte Mitglieder der Partei zuzuführen. Frau Kr. Bericht der Vertrauensperson der Genoffinnen Leipzigs. Zu der erheblichen Mitgliederzunahme der Parteiorganisation in Leipzig stellen die Frauen einen großen Prozentsaz. Vor zwei Jahren fam auf 11 männliche Mitglieder eine Frau, heute kommt schon auf 6 Genossen eine Genossin. Dieses günstige Resultat ist einesteils dem Entgegenkommen der Genossen zu danken, andernteils aber auch der segensreichen Wirkung der Diskussionsabende. In diesen sind eine Anzahl von Genossinnen so weit herangebildet worden, daß sie selbst imstande sind, Frauendiskussionsabende zu leiten, die im Einverständnis mit den Vorständen der Ortsvereine in einzelnen Bezirken abgehalten werden und der sozialistischen Schulung der neugewonnenen weiblichen Mitglieder dienen. Neben der Arbeit für Partei und Gewerkschaft haben eine Anzahl Genossinnen ihre Kraft und Zeit der Dienstbotenorganisation gewidmet. Was die Kinderschuhkommission geleistet hat, ist schon in der vorigen Nummer in einem besonderen Bericht mit geteilt worden. Mittwoch und Sonnabend nachmittags sind Ge nossinnen in der Bibliothek des sozialdemokratischen Vereins Leipzig- Plagwig tätig, um die liebe Schuljugend mit passender Lektüre zu versorgen. An der Leitung der Ferienausflüge für Kinder, die verschiedene Ortsvereine veranstalteten, haben sich auch Genossinnen beteiligt. Das System der Vertrauenspersonen ist aufgehoben worden. Dem Vorstand der Kreisvereine des 12. und des 13. Reichstagswahlkreises gehören jetzt zwei Genossinnen an. Ihr ständiges Teilnehmen an den Sizungen wird das Zusammenarbeiten Nr. 2 Die Gleichheit von Genossen und Genofsinnen im Interesse unserer Bewegung be deutend fördern. Die Aufgaben, deren Lösung im laufenden Jahre der organisierten Frauen harrt, erfordert deren ganze Kraft. Es gilt, das Reichsvereinsgesetz auszunutzen und die jugendlichen Proletarierinnen von 18 Jahren an zu organisieren. Wir hoffen, daß sich in Zukunft noch weit mehr Genossinnen als seither an der so notwendigen Kleinarbeit beteiligen. T. Fr. Neumünster. In Nr. 18 der Gleichheit" erschien aus unserer Stadt eine mit C. D. unterzeichnete Korrespondenz, die nicht unwidersprochen bleiben soll. Von Ausnahmefällen abgesehen ist es unzutreffend, daß wie in der Zuschrift behauptet wurde Partei und Gewerkschaftsführer ihre Frauen der Organisation fernhalten. Wenn es dann weiter hieß, daß die organisierten Genoffinnen, um mehr Fühlung miteinander zu haben, einen Bildungsverein der Frauen und Mädchen gründeten, so stimmt das ebenfalls nicht. Der Bildungsverein besteht nahezu 17 Jahre, und es ist der rührigen Agitation seiner Mitglieder zu danken, daß eine lose Organisation der politisch tätigen Frauen entstand. Für den Wunsch, den Bildungsverein aufzulösen, um einer Kräftezersplitterung vorzubeugen, hat die Mehrzahl seiner Mitglieder keine Sympathie. Diese sind von der Hoffnung beseelt, daß regelmäßige Zusammenkünfte die Werbekraft des Vereins und seine Leistungen auf dem Gebiet sozialistischer Bildungsarbeit erhöhen werden, so daß sein Fortbestehen im Interesse der proletarischen Frauen berechtigt wäre. In den Versammlungen ist nie davon die Rede gewesen, den Bildungsverein in einen Vergnügungsverein umzuwandeln. In dieser Beziehung handelt es sich lediglich um Vermutungen einzelner Personen. J. Kramper Vorsitzende des Bildungsverein der Frauen und Mädchen von Neumünster. Parteitag der niederrheinischen Sozialdemokratie. In Solingen fand am 11. und 12. Oftober der Parteitag der niederrheinischen Sozialdemokratie statt. Besucht war er von 93 Delegierten, darunter 19 Frauen, außerdem waren anwesend 14 Kreisleiter, 8 Parteisekretäre, 6 Vertreter der Presse des Bezirks, 2 Reichstagsabgeordnete und das Agitationskomitee. Der Parteivorstand hatte Genossen Ebert entsandt. Zunächst beschloß der Parteitag einige Änderungen der Organisation. Die Zahl der Delegierten wurde für die Zukunft in etwas beschränkt. Jeder Wahlkreis hat das Recht, 8 Delegierte zu entsenden, außerdem auf je 8000 or ganisierte Genossen noch einen Vertreter mehr. Weiter wurde der Beschluß gefaßt, den Beitrag der Wahlkreise an das Agitationskomitee von 15 auf 10 Prozent herabzusetzen. Die Agitationsschrift Morgenrot" müssen die Wahlkreise den Mitgliedern gratis liefern. Der Beschluß tritt am 1. Juli 1909 in Kraft. Die Resolution des Nürnberger Parteitags zur Jugendorganisation wurde gutgeheißen. Der Vertreter des Parteivorstandes erklärte, daß dieser behufs Ausführung des Nürnberger Beschlusses mit den in Betracht kommenden Instanzen in Verbindung getreten sei, und daß schon Verhandlungen stattgefunden haben. Er ersuchte deshalb, vorläufig in der Sache nichts zu unternehmen, sondern die demnächst erfolgenden Anregungen des Parteivorstandes abzuwarten. In bezug auf die Frauenorganisation wurde beschlossen, daß den Genossinnen für einen monatlichen Beitrag von 30 Pf. die„ Gleichheit" gratis durch die Parteiorganisation geliefert wird, wie das bereits seit Jahresfrist im Agitationsgebiet geschieht. Genossinnen, die gewerkschaftlich organisiert sind und die„ Gleichheit" von ihrem Verband erhalten, sollen nur einen Parteibeitrag von 15 Pf. für vier Wochen entrichten. Reichstagsabgeordneter Scheidemann hielt darauf einen Vortrag über die politische Lage, unter besonderer Berücksichtigung der Reichsfinanzreform. Bei einem Rückblick auf die verflossenen Landtagswahlen kam es zu einer Auseinandersetzung über die Frage, ob es tattisch richtig war, das Zentrum in den Stichwahlen zu unterstüßen, wie es in einigen Wahlkreisen geschehen ist. Eine Abstimmung erfolgte nicht, doch konnte konstatiert werden, daß die Delegierten es in ihrer Majorität für einen Fehler hielten, daß unsere Wahlmänner für die Kandidaten des Zentrums stimmten. Eine ziemlich heftige Debatte entspann sich bei dem Punkte Presse. Die Haltung des Solinger Parteiblattes gab Anlaß zu ihr. Genosse HaberlandBarmen erklärte mit Bezug auf die Haltung dieses Organs, daß fich die Parteigenossen den Beschlüssen des Parteitags zu fügen hätten; wer das nicht könne oder wolle, müsse die Konsequenzen ziehen. Der Redakteur des Solinger Parteiblatts gab zu, daß er einen anderen Standpunkt vertrete als die übrigen Delegierten, betonte aber auch, daß er sich der Resolution der Solinger Genossen fügen werde, welche die Nürnberger Beschlüsse gebilligt habe. Die Genossinnen des niederrheinischen Agitationsbezirks 27 werden opferfreudig und energisch weiter daran arbeiten, ihr Wissen und ihre Schulung als Sozialdemokratinnen zu vertiefen, um immer besser ihre Aufgabe erfüllen zu können: dem Befreiungskampf der Arbeiterklasse aus den Massen der noch indifferenten proletarischen Frauen Mitstreiterinnen zu werben. Sie sind überzeugt, daß sie wie bisher so auch weiterhin seitens der Genossen Verständnis und Unterstützung für ihre Bestrebungen finden werden. W. K. Politische Rundschau. Der Friede Europas ist wieder einmal nicht unbedenklich bedroht. Am Balkan züngeln die Kriegsflammen nahe am Pulverfaß. Osterreich- Ungarns Regierung hat die schon in der vorigen Rundschau vermerkte Absicht ausgeführt, die von ihm seit rund 30 Jahren unbestritten besessenen, dem Namen nach aber noch türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina zu annektieren. Vorher noch hat Bulgarien offiziell die Unabhängigkeit erklärt, die es trotz seiner formellen Stellung als Vasallenstaat der Türkei seit Jahrzehnten tatsächlich schon besigt. Fürst Ferdinand hat sich zum Zaren der Bulgaren befördert und damit die Unabhängigkeit der höheren Ehre des monarchischen Prinzips dienstbar gemacht. Einige Tage darauf proklamierte die Insel Kreta, die auch nur noch dem Namen nach ein Bestandteil der Türkei war, den Anschluß an Griechenland. Durch alle diese Vorgänge hat die Türkei keinerlei reellen Besiz, sondern nur wertlose Besigtitel verloren. Nichtsdestoweniger reizen sie das Nationalgefühl der Türken, und die Feinde der Verfassung nutzen diese Gelegenheit, um die Sache der Reaktion zu fördern und die jungtürkische Partei wie die neue Regierung beim Volte als schwächlich in Mißkredit zu bringen. Das Verbrechen Österreich- Ungarns und seiner Kumpane und Mitwisser besteht zu einem großen Teil darin, daß sie durch ihr Handeln die Gefahr einer Gegenrevolution in der Türkei verstärken oder die Jungtürken in einen Krieg treiben, der unabsehbare Folgen haben kann. Allerdings find die Jungtürken bisher in der Lage gewesen, den Reaktionären und der von ihnen geschürten Bewegung, die den Krieg fordert, standzuhalten. Aber nachdem das durch zwei Wochen gelungen ist, scheint die famose Diplomatie der Großmächte die schon verglimmende Glut aufs neue anfachen zu wollen. Diese Diplomatie hat sich in der Affäre wieder einmal in ihrer ganzen Gemeingefährlichkeit gezeigt. Ihre Künste haben sich entpuppt als ein frivoles Spiel mit dem Frieden Europas und dem Wohl der Völker, als ein Spiel, bei dem die Spieler jeden Betrug, jede Lüge zur Übertölpelung ihrer Gegner für erlaubt halten. Es ist die Methode, die der skrupellosen Machtpolitik entspricht, welche die Bourgeoisie von ihren Beauftragten, den Regierungen, fordert, um neue Märkte, neue Gelegenheiten zur Profitvermehrung zu erlangen. Um dieses edlen Zweckes willen werden alle offiziell zur Schau getragenen, gegen den Umsturz" verteidigten Grundsäße der Moral und der Menschlichkeit mit Füßen getreten, werden unglückliche Völker blutigen Unterdrückern preisgegeben, werden Nationen gehindert, sich aus eigener Kraft von unerträglicher Knechtung und Ausbeutung zu befreien, werden Millionen Menschen faltblütig in Gefahr gebracht, auf blutgedrängten Schlachtfeldern umzukommen. Und da die Weltpolitik der Bours geoisie den Interessen der großen Voltsmasse entschieden widerspricht, so wird die auswärtige Politik dem Einfluß der Parlamente, in denen auch Volksvertreter sitzen, möglichst entzogen, was der Diplomatie das lichtscheue Handwerk sehr erleichtert. Jetzt ist aus ihrem gefährlichen Spiel der Gedanke einer europäischen Konferenz erwachsen, die angeblich die Wirren schlichten, den Frieden sichern soll. Es heißt, die Konferenz fei nötig, weil nicht zugelassen werden könne, daß internationale Verträge die Verhältnisse auf dem Balkan beruhten auf dem Berliner Vertrag von 1878 ohne Zustimmung aller Unterzeichner abgeändert würden. Diese Erklärung gehört zu den Grimassen, mit denen die Diplomatie ihrem Handwerk einen ehrwürdigen Anstrich zu geben versucht. In der kapitalistischen Gesellschaft haben Verträge wie der genannte stets den meist gewaltsamen Bruch früherer Rechtszustände sanktioniert, und in neunzig von hundert Fällen sind sie nur durch gewaltsamen Bruch zu ändern. Der tapitalistischen Ordnung gebricht es an einer über den Staaten stehenden Instanz, die die Autorität der gesamten Kulturwelt repräsentiert. Eine solche Instanz vermag erst die sozialistische Gesellschaft zu schaffen, in der die Nationen nicht mehr durch beutegierige herrschende Klassen gegeneinander getrieben. werden. Die Balfankonferenz, wie sie jetzt zunächst zwischen England und Rußland vereinbart worden ist, wird natürlich mehr ein 23 " Die Gleichheit Rampf der Balkaninteressenten um Sonbervorteile fein als ein Unternehmen zum Wohle der Balkanvölker. Rußland und Italien werden Kompenfationen", Entschädigungen fordern, weil ihr Ballankonkurrent Osterreich zwet Provinzen annettiert hat. Ebenso wirb Serbien entschädigt" sein wollen, in dem zu einem wahn fanigen Kriege wider Österreich gehetzt wird, weil die von diesem anneftierten Provinzen wegen ihrer zum großen Teil serbischen Bes volferung als serbisches Land zu betrachten seien. Das Konferenz programm sagt ihm dies auch zu, allerdings mit dem Borbehalt, baß es nicht auf Kosten der Türkei geschieht. Da aber nicht abaufehen ist, wo die Entschädigungen denn anders hergeholt werden follen, so fühlt sich die Türkei durch das Konferenzprojekt aufs Außerste bedroht. Türkische Regierungsblätter erklären, anstatt einer Ronferenz würde die türkische Armee die Antwort auf die Tagesfragen geben. Die Situation hat sich also bedenklich verschärft. Für Deutschland hat die Affäre bisher die Folge gehabt, daß bie Abneigung der Türken gegen den ehemaligen Freund und Be schützer des Abdul Hamidschen Despotismus start gewachsen ist. 68 gilt allgemein als sicher, daß Deutschland um den Plan seines Bundesgenossen Österreich gewußt und ihn gefördert haben müsse. Alle Beteuerungen der deutschen Regierung, daß dem nicht so sei, Tönnen diese Meinung nicht erschüttern. Und wäre es doch wahr, so bezeugte das eine geradezu mitleidserregende- Ungeschicklichfeit der deutschen Diplomatie. Sie vor allen Dingen mußte unterrichtet sein und mußte allen ihren Einfluß aufbieten, um Österreich von seinem bedenklichen Schritte zurückzuhalten. Daß sie es nicht getan, wird Deutschlands Handel und Industrie im nahen Orient auszubaden haben. Das deutsche Volt hat von der Reichsregierung mit allem Nachdruck zu fordern, daß sie wenigstens jetzt nach Möglichkeit durch geeignete Vermittlung der Kriegsgefahr entgegenwirkt und auf alle Fälle sich selbst aus den Verwicklungen fernhält. Wie Bismard in einer lichten Stunde sehr richtig gesagt hat, sind die orientalischen Dinge nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert. Der preußische Landtag wird am 20. Oktober zusammen. treten eine Wahlrechtsreform wird unter den Vorlagen, die ihm zugehen, nicht sein. Nur feine Überstürzung die preußi fche Regierung arbeitet gewissenhaft. Sie läßt Erhebungen über bie verflossenen Landtagswahlen vornehmen, die vielleicht schon im Jahre 1910 beendet sein werden. Dann wird sich die Regierung barüber schlüffig werden können, was für eine Flickerei am Dreiflassenwahlunrecht sie dem preußischen Volte als Wahlreform zumuten will. Weshalb soll sie sich genieren, da sie doch die Einwilli gung des Blockfreisinns zu solcher Verschleppung in der Tasche hat. Denn dieser edle Freiheitskämpe hat ja aus Angst vor der Zentrumsfonkurrenz längst erklärt, daß er seine Mitarbeit an der Reich 3finanzreform beileibe nicht von Zugeständnissen in der Wahlrechtsfrage abhängig machen werde. So mag er denn 1911 über die einzureichende Wahlrechtsvorlage ein weniges råsonieren, wenn er nur jetzt einwilligt, daß rund vier Fünftel der halben Milliarde, die die Reichsregierung jährlich an Einnahmen mehr haben will, durch indirekte Steuern aufgebracht werden, welche die Genußmittel der großen arbeitenden Masse verteuern oder die industrielle Entwicklung hemimen. Übrigens ist das eine Fünftel direkter Steuern, womit die Regierung anstandshalber die Vorlage deforiert, den Junkern noch viel zu viel. Ihre Blätter führen einen wütenden Feldzug gegen die Nachlaßsteuer, die die großen Erbschaften treffen soll. Die„ Deutsche Tageszeitung", das Landbündlerblatt, will nicht einmal die von der Kreuzzeitung" allenfalls zugestandene Steuer auf die großen Vermögen zugeben. Die Besitzenden zeigen wieder einmal, daß sie die Opfer fürs teure Vaterland am liebsten den Besitzlofen allein überlassen möchten. Zur Maßregelungsaffäre des Husumer Bürgermeisters Schücking hat sich der Fall seines Bruders gesellt, des Hochschule lehrers Professor Schücking- Marburg. Da dieser das Enteignungsgesetz gegen die Polen öffentlich zu fritisieren gewagt hat, so ift ihm die Mitwirkung bei den Staatsprüfungen entzogen worden. In seine Vorlesungen werden Regierungsspitzel geschickt, um die Lehrfreiheit in Preußen zu illustrieren. Herr Schücking ist Freisinniger und war Kandidat seiner Partei. Der gedämpfte Protest, den sein Fall in der freisinnigen Fraktionspresse hervorruft, tann Herrn Bülow die Garantie geben, daß die konservative Bureaukratie sich in der Blockära alles erlauben darf. Das hat auch der Partei tag der Deutschen Volkspartei in Tübingen erwiesen. Der Führer dieser sogenannten Demokraten konnte dort unter lebhaftem Beifall den Sprachenparagraphen des Vereinsgesetzes mit dem Hinweis rechtfertigen, daß die Polen so frech sind, sich nicht germanifieren zu lassen. Nachdem so einer der obersten Grundsäge der Demokratie über Bord geworfen worden war: daß gleiches Recht Nr. 2 für alle zu gelten hat, und daß Gesinnungen nicht mit Ausnahmegesetzen verfolgt werden dürfen, konnte den Herren die Zustimmung zu einigen Resolutionen nicht mehr schwer fallen, worin sie sich mit der die Massen belastenden und schädigenden Reichsfinanzreform abfinden und erklären, daß sie so lange im Block bleiben werden, als es nur eben angeht. Eine verdiente Abfuhr hat die regierende Bureaukratie mit ihrem Verlangen erlitten, daß Genosse Dr. Karl Liebknecht, der wegen angeblichen Hochverrats Verurteilte, für unwürdig erklärt werde, den Beruf des Rechtsanwalts weiter auszuüben. Der Ehrengerichtshof der Rechtsanwälte zu Leipzig hat troß seiner Zusammensetzung aus vier Reichsgerichtsräten und drei Reichsgerichtsanwälten das freisprechende Urteil des Ehrengerichts der Berliner Anwaltskammer bestätigt. Der Freispruch von solchem Richterkollegium beleuchtet hell die Barbarei, die die Forderung der Staatsanwaltschaft und der hinter ihr stehenden Regierungen des Reichs und Preußens enthielt. In Anhalt hatte die Sozialdemokratie bei den Landtagswahlmännerwahlen die sichere Aussicht auf drei Landtagssitze gewonnen( bisher hatte sie nur zwei im Besitz). Ein strupelloses Manöver der Bürgerlichen, die Ungültigkeitserklärung mehrerer sozialdemokratischer Wahlmännermandate aus ganz nichtigem Grunde, hat jedoch die sozialdemokratische Mehrheit im Wahlkreis Bernburg in die Minderheit verwandelt. Dadurch gelang es, der Sozialdemokratie zwei ihr zukommende Mandate zu entreißen. Daz will schlecht zu der Lehre der Revisionisten passen, daß die Klassengegenfäße sich mildern. In England hat die Arbeitslosigkeit einen erschreckenden Grad erreicht. Arbeitslosendemonstrationen sind an der Tagesordnung. Einer der wenigen entschiedenen Sozialisten des Parlaments, Genosse Grayson, machte im Parlament den Versuch, die sofortige Beratung von Maßregeln zur Linderung der Not zu er zwingen. Er ist dafür aus dem Unterhause gewiesen worden. Bedauerlicherweise hat die Arbeiterpartei diese Maßregelung stillschweigend hingenommen. Die ungarische Sozialdemokratie hat den Kampf gegen die Pluralwahlrechtsinfamte entschloffen aufgenommen. Die Regie rung antwortet mit fosakischer Brutalität und hat den Eisen. H. B. bahnerverband aufgelöst. Der Kampf dauert fort. Gewerkschaftliche Rundschau. Nicht nur die deutschen Arbeiter haben unter der verheerenb wirkenden Krise zu leiden, welche das ureigenste Kind der kapitalistischen Produktion ist, sondern die wirtschaftliche Depression hat so gut wie alle Industrieländer ergriffen. Bösartiger als eine Seuche hält sie ihren Einzug in allen Industriezweigen und Industriedistrikten. Während sonst mit dem Eintritt des Herbstes die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt sich allgemein bessern, zeigt in diesem Jahr der deutsche wie der internationale Arbeitsmarkt fast durchweg eine stetige Verschlechterung der Lage. In der Roheisen- und Maschinenindustrie und dem Schiffbau ist die Arbeitslosigkeit mertlich ge= wachsen. In England und in Deutschland ist nach der amtlichen Berichterstattung die Arbeitslosigkeit gestiegen, während Frankreich bis jetzt anscheinend nicht so empfindlich von der Krise berührt worden ist. Eine starke Zunahme der Arbeitslosigkeit ist für Belgien zu verzeichnen. In den Vereinigten Staaten Nordamrifas dagegen soll eine geringe Belebung der start daniederliegenden Industrie eingetreten sein. Gerade die größten Industrien sind es, die von der Krise heimgesucht werden, so daß deren niederdrückenden Begleiterscheinungen auf die Geschäftstätigkeit der anderen Gewerbe in starkem Maße zurückwirken. Im Bergbau und in der Eisenindustrie ist bei uns die Arbeitsgelegenheit in den letzten Monaten noch schlechter geworden, in der Textilindustrie macht sich die Krise immer empfindlicher fühlbar, in der Glasindustrie hält sie in gleicher Stärke an. Wie verlautet, haben sämtliche Glasschleif- und Bolierwerke Bayerns auf vier Wochen den Betrieb eingestellt, da das vorhandene Glaslager der vereinigten Schleif- und Polierwerksbefizer einen Wert von 600 000 Mart übersteigen soll. Schlechte Aussichten für den Winter! In dieser schweren Zeit wirtschaftlichen Niedergangs tritt der große Wert der Gewerkschaftsorganisationen augenscheinlich zutage. Die Gewerkschaft wehrt die vielfachen Versuche der Unternehmer zur Lohndrückerei ab, zahlt dem Arbeitslosen Unterstügung, die ihn vor der schwärzesten Not schüßt, stärkt damit sein Solidaritätsempfinden und hält ihn von Lohnunterbietungen zurück. Die Er fenntnis von dem Segen der gewerkschaftlichen Leistungen ist denn auch bereits so fest in der deutschen Arbeiterklasse eingewurzelt, daß Nr. 2 Die Gleichheit die Gewerkschaften in der Zeit der Krise nicht mehr so erheblich an Mitgliedern abnehmen wie in früheren Jahren. Aber das darf uns noch nicht genügen. Es gilt dazu zu tun, daß auch in diesen harten Monaten die Gewerkschaften an Mitgliedern zunehmen. Dazu müssen auch unsere Leserinnen helfen und ihr Bestes dafür einsetzen. Den Frauen gerade wird ja vielfach der Vorwurf gemacht, daß sie als Arbeiterinnen in Zeiten der Krise der Gewerkschaft den Rücken kehren, daß fie als Hausmütter ihre Männer veranlassen, dies zu tun. Sie müssen durch Taten beweisen, daß dieser Vorwurf nicht berechtigt ist. Der Organisation treu bleiben, ihr neue Mitglieder werben, das muß die Parole sein. Begünstigt durch den schlechten Geschäftsgang, gelingt es hie und da den Unternehmern, den Arbeitern Lohnreduktionen aufzuzwingen. In der Textilindustrie werden wohl die meisten Versuche nach dieser Richtung hin gemacht. Die Textilwerke in Barmstedt sollen für sämtliche Weber und Weberinnen eine zehnprozentige Lohnreduktion vorgenommen haben. Manche Unternehmer brechen Streitigkeiten über die Arbeitsverhältnisse vom Zaune und nehmen sie zum willkommenen Anlaß, um ihre Betriebe zu schließen oder einen Teil des Arbeitspersonals zu entlassen, wobei sie selbstredend die gefügigsten Arbeitskräfte behalten. In der München Gladbacher Wollindustrie weigerten sich die Arbeiter mit Recht, das Zweistuhlsystem anzuerkennen. Die„ Chriftlichen" beabsichtigten, unter besonderen Bedingungen das Zweistuhlsystem gelten zu lassen, wollen sich nun aber doch mit ihren gekündigten Arbeitskameraden solidarisch erklären. In der Glasindustrie drohte für den 1. Oktober eine allgemeine Aussperrung der Arbeiter. Die bayerischen Unternehmer hatten nämlich den Arbeitern einen Tarif vorgelegt, den diese nicht akzeptieren konnten. Im letzten Augenblick ist es jedoch zu einer Einigung und zum Abschluß eines Tarifs gekommen. Verhandlungen zwischen Unternehmer- und Arbeiterorganisationen haben im Schneidergewerbe stattgefunden, um die Anbahnung eines nationalen Tarifes in die Wege zu leiten. In der Tuttlinger Schuhindustrie hat die Einigkeit der in den Ausstand getretenen Zwicker und Stepperinnen zu einer kleinen Lohnaufbesserung geführt. Die Chemigraphen und Kupferdrucker haben auf die Dauer von fünf Jahren einen neuen Tarif abgeschlossen, der in seinen Positionen für die Arbeiter annehmbar ist. Die 8% stündige Arbeitszeit ist auf eine achtstündige verkürzt worden. Das Lohnminimum soll 27 bezw. 30 Mt. pro Woche betragen, für Gehilsen im ersten Jahre nach beendigter Lehre 21 bezw. 24 Mt., im zweiten 24 bezw. 27 Mt. Der Satz für Überstunden und Sonntagsarbeit wurde um 5 Pf. pro Stunde erhöht und die Kündigungszeit auf 14 Tage festgesetzt. Die Arbeitsverhältnisse im Gewerbe werden des weiteren durch eine Reihe anderer Bestimmungen geregelt, auf bie wir hier nicht besonders einzugehen brauchen. Der Vertrag ist der guten Organisation der Chemigraphen und Kupserdrucker zu verdanken, sie verbürgt auch eine strikte Durchführung des Tarifes. Nur 97 Gehilfen von über 2200 beschäftigten sind nicht organisiert. Der Schneiderverband blickte am 1. Oktober auf ein awanzigjähriges Bestehen zurück. Im Jahre 1894 zählte er 7921 männliche und 458 weibliche Witglieder, im ersten Quartal 1908 gehörten ihm dagegen 32 803 Arbeiter und 7941 Arbeiterinnen an. Von der opfer- und erfolgreichen Tätigkeit der Organisation spricht schon allein die Tatsache, daß sie nach zahlreichen Lohnlämpfen mit den Unternehmern 276 Tarifverträge vereinbart hat, die für zirka 60 000 Berufsangehörige Geltung haben. Auf Grund einer Urabstimmung wird sich der Verband der Formstecher am Jahresschluß mit dem Verband der Lithographen und Steindrucker verschmelzen. Der Schuh macherverband wird noch in diesem Wionat eine Urabstimmung vornehmen über die Gründung eines Industrieverbandes der Lederarbeiter. Gegen die beabsichtigte Ausdehnung und Erhöhung der bis herigen Besteuerung des Tabats wird die Zentralfommission der Tabatarbeiter durch Protestversammlungen mobil machen, zu denen auch die Abgeordneten der Wahltreise eingeladen werden sollen. Mögen unsere Leserinnen allerorten die Frauen über die Bedeutung dieser Versammlungen aufklären und für einen guten Besuch derselben Sorge tragen. Die Solidarität", das Organ der Buchdruckereihilfs arbeiterschaft, erscheint seit dem 1. Oktober statt vierzehntägig wöchentlich. Der bisherige Redakteur, Genosse Pucher, der die Redaktion früher mit Opferfreudigkeit im Nebenamt geführt hat, ist nun als Leiter des Blattes angestellt worden. Es ist das ein Beweis für die größere finanzielle Leistungsfähigkeit des Ver 29 bandes, gleichzeitig aber auch eine erfüllte Vorbedingung für die reichere Ausgestaltung seines Organs. Ein herzliches Glückauf dem Verband und seinem Blatte! Genossenschaftliche Rundschau. # Nach dem kürzlich erschienenen Jahrbuch des Allgemeinen Verbandes deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften gab es am 1. Januar 1908 in Deutschland 26851 eingetragene Ge= nossenschaften mit 4105 594 Mitgliedern. Von den 18 verschiedenen Gruppen stehen an erster Stelle die Kreditvereine mit 16 022 Genossenschaften und 2202 949 Mitgliedern. Dann folgen die 2110 Konfumvereine mit 1131 453 Mitgliedern; ferner 3480 landwirtschaftliche Produktivgenossenschaften mit 271612, 1845 landwirtschaftliche Rohstoffgenossenschaften mit 160 242 und 747 Wohnungs- und Baugenossenschaften mit 140 278 Mitgliedern. Die übrigen Gruppen variieren zwischen 6115( Wareneinfaufsvereine) und 42 996 Mitgliedern. Man ersieht aus den Zahlen, daß sich weite bürgerliche Kreise Deutschlands zur Förderung ihrer materiellen Interessen des Genossenschaftswesens bedienen. Sie tun das in viel größerem Maße als die Arbeiter, denen aus ihrer Zugehörigkeit zu Konsumvereinen ein schwerer Vorwurf gemacht wird. Der Allgemeine Verband, in dem alle genossenschaftlichen Gruppen vertreten sind, zählte 1340 Genossenschaften mit 841 630 Mitgliedern. Der Zentralverband deutscher Konsum vereine, der erst fünf Jahre und nur aus dieser einen Gattung von Genossenschaften besteht, hatte am 1. Januar des laufenden Jahres 959 Vereine mit 979 221 Mitgliedern. Der Zentralverband hat also bereits den Allgemeinen Verband beträchtlich überflügelt, der in Kreuznach im Jahre 1902 den Gewaltatt des Ausschlusses der modernen Konsumvereine beging. Soweit die Konsumvereine des Allgemeinen Verbandes in Betracht kommen, unterscheiden sie sich auffällig von denen des Zentralverbandes, die zu etwa 90 Prozent aus Arbeitern bestehen, während beim Allgemeinen Verband nur 48 Prozent Arbeiter zu verzeichnen sind. Die Ge= samt mitgliederzahl der letzteren besteht zu 50 Prozent aus Landwirten und Handwerkern. Sachsen bietet ein markantes Beispiel dafür, wie die Agrarier, große und kleine, die die Arbeiterfonsumvereine in der schofelsten Weise bekämpfen, ihren eigenen Interessen doch das Genossenschaftswesen stark nutzbar machen. Nach dem Jahresbericht des Verbandes der landwirtschaftlichen Genossenschaften für 1907 bis 1908 sind im Berichtsjahr 28 Genossenschaftsgründungen zu verzeichnen, so daß dem Verband 370 Genossenschatten mit 19053 Mitgliedern gegen 342 Genossenschaften mit 17 211 Witgliedern im vorigen Jahre angehören. Die erste Stelle nehmen die Kreditgenossenschaften ein. Der Verband zählt 77 Darlehens- und Sparkassenvereine, die im Jahre 1907 einen Umsatz von 27 Millionen Mark erzielten. Er hat 182 Spar, Kredit- und Bezugsvereine, die einen Umsay von 51'/ Millionen Mart aufwiesen. Der Umsatz der Landesgenossenschaftstaffe ist 1907 um beinahe 14 Millionen Mark höher gewesen als im Jahre vorher und hat 66 880 000 Mt. erreicht. Die Landwirtschaftliche Zentralgenossenschaft hat im Jahre 1907 Waren im Werte von 6 101 000 Wt. abgesetzt, das sind 1880 000 f. mehr als im Jahre 1906; hieran ist die Getreideabteilung mit 1211000 Mart beteiligt. Die Bezugs und Absaŋgenossenschaften und Spar-, Kredit- und Bezugsvereine yaben im Jahre 1907 insgesamt für ungefähr 11 Millionen Mark abgesetzt. Von den Molkereigenossenschaften wird ausgeführt, daß sie im Jahre 1907 fast durch gängig eine günstige Weiterentwicklung erfahren haben. Nähere finanzielle Angaben werden nicht gemacht. Die fünfte Gruppe umfaßt die verschiedensten Arten von Genossenschaften, so die Wasserleitungsgenossenschaften, die Dresch genossenschaften und die Weidegenossenschaften. Alle diese Genossenschaften sind für bestimmte örtliche Verhältnisse gegründet. In den gefeßgebenden Körperschaften suchen die Vertreter der Landwirtschaft die Konsumvereine nach Herzenslust zu brangialieren. Die„ Konsumgenossenschaftliche Rundschau" schreibt: Die empörende Ungerechtigkeit, die der Unterstellung der Konsumvereine unter das preußische Warenhaussteuergeset innewohnt, tritt nirgends so fraß zutage wie in Langenbielau. Arme Weber, deren Durchschnittsverdienst amtlich auf 500 wt. veranschlagt wird, bilden dort den Hauptbestandteil der 3350 Mitglieder des Konsumvereins Selbsthilfe, und sie müssen für das Jahr 1908 nicht weniger wie 11 000 Mt. Umfaß steuer bezahlen, pro Stopf also rund 3,30 Mt., die den Gewerbesteuerpflichtigen zugute tommen. In Langenbielau ist die Verwendung des Umsag= 30 Die Gleichheit steuerertrags in folgender Weise geregelt: Die Gewerbesteuerpflichtigen der 3. und 4. Klasse zahlen zu den festgesetzten Terminen ihre Gewerbesteuer. Im April jedes Jahres wird sie ihnen aber ganz oder zum Teil wieder ausgezahlt. Das geschieht durch die Gemeindediener, die den einzelnen Steuerpflichtigen den auf sie entfallenden Betrag mit den Worten aushändigen: Das ist die Umsatzsteuer vom Konsumverein, auf die Sie An= spruch haben! Die Folge davon ist, daß in diesem Jahre in Langenbielau die Gastwirte zirka 50 bis 70 Mart Konsumvereinsgelder ausgehändigt erhielten, obgleich der Konsumverein alkoholische Getränke überhaupt nicht führt, den Gastwirten also auch keine Konkurrenz machen kann. Selbst der Schornsteinfeger, für den doch gewiß keine Konsumvereinsgefahr" besteht, erhielt 60 Mt. Nuznießer dieser ungeheuerlichen Steuer sind auch eine Anzahl Fabrikanten. Alle diese Herren stecken schmunzelnd das Geld armer Weber in ihre Tasche, nur einem einzigen Empfänger brannte in diesem Frühjahr das Geld in der Hand. Er war taktvoll genug, es dem Verein sofort wieder zurückzuerstatten. Als sich der Langenbielauer Gemeinderat lehthin mit der Verteilung der Umsatzsteuer beschäftigte, beantragte der Obermeister der Schuhmacherinnung, mit dem Gelde des Konsumvereins die Straßen und Bachufer auszubessern. Am 22. Juli beschloß dann der Gemeinderat, mit den Erträgnissen der Umsatzsteuer die Beiträge der Handwerker zur Handwerkskammer zu bezahlen! Derartiger Steuerwiderfinn steht unter aller Kritik. In Hessen tritt die Zentrumspartei ganz offen für scharfe Besteuerung der Arbeiterkonsumvereine ein. In einem Wahlauf ruf für die Landtagswahl verlangt es eine energische Besteuerung der Warenhäuser, der Konsumvereine mit offenen Verkaufsläden und der Filialgeschäfte nichthessischer Firmen, Berücksichtigung des hessischen Gewerbes bei Vergebung staatlicher Arbeiten und Liefe rungen und Ausdehnung der staatlichen Fürsorge auf den Bauernund Winzerstand. Also weitgehende staatliche Förderung des Kleingewerbes und der Landwirtschaft und gleichzeitig staatliche Bedrückung der Konsumvereine, und wieder nur der städtischen Konsumvereine. Das ist rücksichtsloseste Agrarier und Kleinbürgerpolitik, die ihre Spitze gegen die Arbeiter kehrt. Das sollten sich auch die Arbeiterfrauen merken, welche die Vorteile der Konsumgenossenschaft wohltuend empfinden. Der Konsumverein Leipzig- Plagwiß, der größte Sachsens und des Zentralverbandes, erzielte im Jahre 1907/08 einen Umsatz von 16 664 590 Mt., über 2 Millionen mehr als im Vorjahr. Der Durchschnittsumsatz pro Mitglied stieg von 384 auf 411 Mt. Der Verein hatte 40 508 Mitglieder. Er beabsichtigt, auch die letzte im Stadtgebiet domizilierende Genossenschaft, den Konsumverein L.- Eutrißsch, in sich aufzunehmen. Die Genossenschaft erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Reingewinn von 1514 030,23 Mt. gegen 1375 342,85 Mt. im Vorjahr. An Dividende beabsichtigt die Verwaltung wie bisher 10 Prozent zu verteilen. Die Bäckerei und die Fleischerei haben ihre Produktion ganz bedeutend steigern müssen, um die Bedürfnisse der Mitglieder zu befriedigen. Das Gesamtpersonal, das Ende vorigen Jahres 993 Köpfe zählte, ist auf 1093 gestiegen. An Gehältern und Löhnen sind 1076 390,18 Mt. gezahlt worden. Die Vereinigung der Berliner Konsumvereine ist nun zur Tatsache geworden. Eine Urabstimmung durch Stimmzettel hat eine übergroße Mehrheit für die Verschmelzung ergeben. Hoffentlich geht es nun in Berlin, das bisher in der Konsumvereinsbewegung noch sehr rückständig war, etwas schneller vorwärts. An der Friedensdemonstration englischer Arbeitervertreter, die vor einiger Zeit in Berlin stattfand, waren unter anderen auch die englischen Genossenschaften vertreten. Der Generalsekretär des Genossenschaftsbundes hatte in dieser Eigenschaft die Adresse mit unterschrieben, und der Präsident des englischen Genossenschaftstags hat in Berlin vom Standpunkt des Genossenschafters aus eine beachtenswerte Rede für den Weltfrieden gehalten. Das österreichische Konsumvereinsorgan bemerkt dazu: " Dieser ganze Vorgang zeigt, daß die britischen Genossenschafter nicht ängstlich an der absoluten Neutralitätstheorie festhalten, was manche bürgerliche Fanatiker, die sich die Genossenschaftsbewegung nur unpolitisch" und sozial geschlechtslos vorstellen können, höchst unangenehm berühren dürfte." Auch noch andere Leute innerhalb der deutschen Konsumvereinsbewegung dürfte der Vorgang unangenehm berührt haben. Vierundzwanzig österreichische Genossenschafter haben vor einiger Zeit unter Führung des Genossen Dr. Rarpeles eine Reise nach England zur Besichtigung der dortigen Genossenschaftseinrichtungen unternommen. In heller Begeisterung über das Gesehene sind die Genossen in ihre Heimat zurückgetehrt. Sie Nr. 2 haben sich vorgenommen, die Reiseeindrücke praktisch zu verwerten. Bemerkenswert ist eine Rede, die der Vertreter des Oberbürger meisters von Glasgow an die österreichischen Genossen hielt, als er sie im Rathause( im Rathause!) empfing. Er meinte: Kein Gedanke durchdringe das Volt so tief wie der genossenschaftliche Gedanke, und nichts sei von wohltätigeren Folgen für die allge meine Wohlfahrt begleitet als die genossenschaftliche Praxis. Er sei seit langem ein überzeugter Anhänger und Mitarbeiter der Kooperativbewegung und könne bei beharrlicher Geduld und furchtlofem Ausharren im Kampfe wider die verschiedenen Gegner glän zende Erfolge prophezeien." Wie weit steht England doch hinter Deutschland zurück! Der Zentralverband finnischer Konsumvereine zählte am Ende des Jahres 1907 80 Konsumvereine als Mitglieder. An Umsägen mit diesen Vereinen erzielte der Verband 7 107 886 Mt., das ist gegen 1906 eine Vermehrung um 120 Prozent. Das Kapital des Zentralverbandes, das am Schlusse des ersten Geschäftsjahrs 78 520 Mt. betrug, ist in zwei Jahren auf 459 040 Mt. angewachsen. Das vom Zentralverband herausgegebene Genossenschaftsblatt Yhteishyvä" wird von 176 Konsumvereinen in einer Gesamtauflage von 4186 Exemplaren bezogen. " In den letzten Tagen des August fand im Haag eine Ron. ferenz des Internationalen Genossenschaftsbundes statt. Dort wurde über die vom Bundeskongreß in Cremona be schlossene Statutenänderung, ferner über internationalen Großeinkauf und anderes beraten. Die Verhandlungen hatten keinen abschließenden Charakter. H. Fl. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Die angebliche Harmonie der Interessen zwischen Dienstgebern und Dienstnehmern will der Evangelische Frauenbund in Hamburg zusammen mit dem dortigen Hausfrauenbund pflegen. Zu diesem Zwecke bemühen sich die Damen, die Dienstmädchen mitsamt ihren Müttern in einer Dienstbotenvereinigung zu organi fieren. Daß auch die Mütter in die Organisation aufgenommen werden, soll so heißt es sowohl den Mädchen wie den Dienst gebern zum Nutzen gereichen. In Wirklichkeit aber ist es den Herrschaften darum zu tun, Mädchen und Mütter dem„ religionsfeindlichen, verheßenden" Einfluß der Sozialdemokratie zu ent ziehen. Man weiß, was darunter zu verstehen ist. Mütter und Töchter sollen in einer Gesinnung der Gedankenlosigkeit und Unters würfigkeit erhalten werden, welche die Dienstmädchen zu geduldigen Objekten der herrschaftlichen Launen und Ausbeutung macht. Für diesen„ guten" Zweck zahlen die Mütter pro Jahr mindestens 1 Mt. Beitrag an den Hausfrauenbund. In den Stellennachweisen des letzteren werden die Mädchen an die herrschaftlichen Mitglieder unter Bedingungen vermietet, die uns nichts weniger als vorteilhaft erscheinen. Ein Arbeitsvertrag, den der Hausfrauenbund heraus gegeben hat, will beileibe nicht etwa die Gesindeordnung gegen standslos machen, er verschlechtert sie vielmehr noch durch die Jeft legung der monatlichen respektive vierteljährlichen Bezahlung und vierwöchentlichen oder sechswöchentlichen Kündigung. Die Herr schaft soll nach ihm nicht nur für das leibliche Wohl der Dienen den sorgen, sondern auch ihrem Geiste Erquickung bieten durch fleißigen Kirchenbesuch. Ein Beispiel dafür, wie den Mädchen geistige Erquicfung" geboten wird, ist der folgende Fall: Zwei Mädchen waren bei einer sehr frommen Herrschaft in Stellung. Nach dem sie die ganze Woche täglich 18 Stunden streng gearbeitet hatten und angetrieben worden waren, mußten sie auch Sonntags von 6 Uhr morgens an schaffen. Es wurde ihnen kaum Zeit zum Ankleiden für den Kirchenbesuch gelassen, ohne Kaffee und Frühstück mußten sie den Weg zur Kirche antreten. Vor Schwäche und Abspannung fielen dort beide in Ohnmacht. Eine der beiden ging, nachdem sie sich etwas erholt hatte, zu ihrer in der Nähe wohnenden Mutter und frühstückte dort, um sich soweit zu fräftigen, daß sie zu der Herrschaft zurückkehren und die inzwischen angehäufte Sonntags. arbeit verrichten konnte. Der Fall zeigt den Dienenden, daß ihr Platz in dem Verem der Dienstmädchen, Wasch- und Scheuerfrauen ist, nicht aber in der bürgerlichen Organisation, die auch Herr schaften aufnimmt und deshalb die Interessen der Mädchen nicht vertreten fann. Berta Mangels. Der Verein der Dienstmädchen, Wasch- und Scheuerfrauen von Hamburg und Umgegend hielt am 8. Oktober eine Whitgliederversammlung im Gewerkschaftshaus ab. Die Kassiererin, Genossin Kuhlmann, erstattete den Kassenbericht, nach dem die Einnahmen 3772,67 Wt. betrugen, die Ausgaben 2107,70 Mt. und Nr. 2 Die Gleichheit der Kassenbestand sich auf 1664,97 Mt. beläuft. Genoffin Sieg referierte über das Thema:„ Die bürgerlichen Damen und die Dienstmädchen". Sie betonte den unversöhnlichen Gegensatz zwischen Herrschaft und Dienstmädchen und ermahnte die letzteren, ihre Pflichten gewissenhaft zu erfüllen, aber auch ihre Rechte in achtungsvoller, doch bestimmter Weise zu vertreten. Lebhafter Beifall wurde ihr für ihren Vortrag zuteil, den sie mit der Aufforderung an die Mitglieder schloß, treu zum Verein zu halten, neue Anhängerinnen zu werben und den schwesterlichen Geist zu pflegen. Die Vorsitzende machte bekannt, daß die Sekretärin wegen Verheiratung vom 1. Oftober an nur noch sechs Stunden täglich im Stellennachweis arbeiten fönne. Genossin Kähler werde dafür acht Stunden am Tag im Bureau tätig sein. Einstimmig wurde ein Antrag der letzteren angenommen, ihr Gehalt, das bisher 30 Pfg. pro Stunde betragen hat, dem der Sekretärin gleich auf 50 Pfg. festzusetzen. Nach Er ledigung einiger interner Angelegenheiten wurde die Versammlung geschlossen, in der dem Verein zwei neue Mitglieder beitraten. B. Mangels. Frauenstimmrecht. 115 I. K. Genoffinnen als Landtagsabgeordnete in Finnland. Dem gegenwärtigen finnischen Landtag gehören die folgenden 18 Genofsinnen an: Jda Sofia Aalle( Ahlstedt), geboren am 6. Mai 1875, war früher Bäckerin, ging nach ihrem Anschluß an die fozialdemokratische Bewegung nach Schweden und Dänemark, um die dortigen Arbeiterinnenvereine zu studieren, und wirkte unermüdlich als Rednerin der Partei. Sie bekleidet mancherlei Vertrauensämter in den Organisationen und gehörte bereits dem ersten Landtag an. Hilda Herrala war besonders eifrig in der Or ganisation ihres Berufes tätig. Sie ist Schneiderin und wurde zum erstenmal in das Parlament entfendet. Sie ist am 4. April 1881 geboren.-Anna Huotari, geboren am 18. Juni 1874, wurde nach Absolvierung der Volksschule Schneiderin. Sie ges hört zu den eifrigsten Pflegerinnen der Organisation ihrer Berufsgenoffinnen und hat diese wiederholt auf sozialdemokratischen Parteitagen vertreten. Von 1902 bis 1905 war Genossin Huotari Sekretärin der Zentralstelle für die Organisation der Arbeiterinnen, 1906 ward fie deren Vorsitzende. Sie ist organisatorisch und schriftstellerisch tätig und war auch schon in den ersten Landtag gewählt. Alma Jokinen( sprich Joginen), unter ihrem Mädchennamen Malandra als rührige sozialdemokratische Agitatorin bekannt, wurde am 28. April 1882 geboren und ist die jüngste Genossin, welche der sozialdemokratischen Landtagsfraktion angehört. Sie war Dienstmädchen, dann Fabrikarbeiterin und begann schon mit 21 Jahren eifrig im Dienste der sozialdemokratischen Ziele zu wirken. Mit ihr zusammen erhielt ihr Mann, der Redakteur ist, Sitz und Stimme in der finnischen Boltsvertretung.- Olga Karolina Jokijalo( sprich Jogijalo), die am 12. Dezember 1879 das Licht der Welt erblickt hat, war ebenfalls früher Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin und hat nur Volksschulbildung genossen. 1899 trat sie der sozialdemokratischen Partei bei und ist als eine ihrer eifrigsten Arbeiterinnen und Kämpferinnen geschäßt.- Mimmi Kanervo, die schon dem ersten Landtag angehört hat, wurde am 26. Mai 1870 geboren. Vor ihrer Verheiratung war sie Dienstmädchen. Sie ist eine bekannte und angesehene Agitatorin, die fich großes Verdienst um die Erweckung und Organisierung der Frauen des arbeitenden Volkes erworben hat. Aura Kiis Ninen erarbeitete, nachdem sie die Volksschule besucht hatte, als Dienst mädchen und Schneiderin ihr Brot. Sie zeichnete sich als Rednerin der sozialdemokratischen Arbeiterinnenorganisationen aus und bekleidete in ihnen die Posten als Sekretärin und Kassiererin. Sie wurde am 10. März 1878 geboren. Sandra Lehtinen, sprich Lechtinen,( Reinholdson), die früher Dienstmädchen und Schneiderin war, erhielt von den Wählern bereits ein Mandat zum ersten finnischen Landtag. Am 1. Juli 1873 geboren, nahm sie von den ersten Anfängen der Arbeiterinnenbewegung an tätig Anteil an dieser. Fiina Pietikäinen( sprich Piediläinen) beschrie die Wände zuerst am 8. Februar 1870, und niemand hätte dem Kindlein damals zu prophezeien gewagt, daß es eines Tages als Abgeordnete das Geschick der arbeitenden Massen gestalten helfen würde. Denn die fleine Fiina wurde in den ärmlichsten Verhältnissen geboren. Vom 11. Lebensjahr an mußte sie als Dienstmädchen auf eigenen Füßen stehen, später aß sie als Wäscherin ihr Brot. Obgleich sie sich verheiratete und Mutter von 9 Kindern wurde, entfaltete sie in der sozialdemokratischen Arbeiterinnenbewegung eine eifrige Tätigkeit, die anfangs in organisatorischer Kleinarbeit bestand. In der letzten Zeit ist sie auch als diednerin unter die Massen getreten. Hilja Pärs31 sinen, unseren deutschen Genoffinnen als Delegierte zur Inter nationalen Konferenz Sozialistischer Frauen und als Mitarbeiterin der„ Gleichheit" bekannt und lieb geworden, wurde vom Vertrauen der Wähler bereits auch in den ersten Landtag entfendet. Sie hat die Töchterschule und das Lehrerinnenseminar absolviert und wirkte von 1895 bis 1900 als Lehrerin. Als Schriftstellerin wie als Dichterin hat sie das geistige Erbe ihres Vaterlandes gemehrt. Sie ist verheiratet und hat ihr Wissen und Können, wie ihre ganze Persönlichkeit, restlos in den Befreiungskampf der Arbeitertlaffe eingefeßt. Genoffin Pärssinen ist am 18. Juli 1876 geboren. Maria Raunio, die am 26. Juni 1872 in diefe ,, beste aller Welten" gekommen ist, hat nur die Volksschule besucht und war Schneiderin. Sie lebte einige Zeit in Amerika, wo ihr der Gatte starb. Da sie ihrer Ansichten wegen von ihrer bürgerlichen Kundschaft bald geboykottet wurde, fehrte sie 1905 in die Heimat zurück. Wie tapfer und erfolgreich sie hier für die sozialdemokratische Bewegung gearbeitet hat, erweist der Umstand, daß die Wähler bei den Wahlen zum zweiten Landtage das Mandat erneuerten, das fie ihr zu dessen Vorgänger übertragen hatten. Anna Savolainen wurde am 29. Januar 1875 geboren. Ihr Lebensgang spiegelt ein typisches Proletarierlos wieder. Nur drei Wochen lang fonnte unsere Genossin die Volksschule besuchen, da sie von dem achten Lebensjahre an ihres Lebens Notdurft auf die eigene Arbeit angewiesen war. Als Dienstmädchen und Schneiderin hat sie ihr Brot verdient. Ihre Betätigung in der sozialdemokratischen Arbeiterinnenbewegung begann mit organisatorischer Kleinarbeit, seit dem Generalstreit von 1905 ist Genossin Savolainen auch als Rednerin tätig. Miina Sillanpää, welche zum zweitenmal in den Landtag entfendet wurde, ist mit ihren 42 Jahren die„ Seniorin" der Genossinnen, welche die Abgeordnetenwürde schmückt. Sie ist am 4. Juni 1866 geboren und war Fabrikarbeiterin und Dienstmädchen und entwickelte sich dant eiser. nem Fleiß und großen Fähigkeiten zur Organisatorin der Dienstboten von Helsingfors, zur Leiterin des Stellennachweises ihrer Organisation und zur Redakteurin ihres Organs. Genoffin Sillanpää bekleidete viele Vertrauensämter in der sozialdemocratischen Arbeiterbewegung und gehört unter anderem dem Vorstand der sozialdemokratischen Partei an. Es ist ein erhebendes Gefühl, das die vorstehenden trockenen Angaben auslösen. Fast ausnahmslos entstammen die dem finnischen Landtag angehörenden Genofsinnen dem Proletariat. Aus den Niederungen des sozialen Lebens find fie emporgeftiegen und haben sich selbst ihres Lebens Wert geschaffen. Was sie geworden sind, was sie für die Befreiung ihrer Klasse leisten, das danken sie der unbezwingbaren Energie und opferfreudigen Hingabe, mit welcher sie mit dem Pfund gewuchert haben, das ihnen die Natur zu ihrer Armut in die Wiege gelegt hat; das danken sie auch der lebenerweckenden Kraft des Sozialismus, der, indem er die Proletarier zum bewußt geführten Klassenkampf ruft, die wertvollsten geistigen und fittlichen Fähigkeiten entwickelt. Der Klassenkampf, der in dem Zeichen des Sozialismus steht und um das Endziel geht, ist der fruchtbare Mutterboden, aus dem die geistige Entwicklung der Männer und Frauen der werktätigen Massen ihre Nahrung zieht, von dem sie Tiefe und Kraft empfängt Wer da weiß, über welche Steine und durch welches Dornengestrüpp der Weg der Proletarier zur Selbstbildung und Selbsterziehung führt: für den lesen sich die einfachen biographischen Angaben über unsere weiblichen Parlamentarier in Finnland wie ein packendes, stolzes Heldengedicht, das mehr ist als Darstellung von Einzelschicksalen: ein Stück Zeitgeschichte, ein Stück proletarische Klaffengeschichte. Unsere Genoffinnen werden das würdigen, denn im Ringen für das eine große Ziel des Weltproletariats mit den finnischen Schwestern verbunden, wissen sie, daß deren Kampf ihr Kampf, deren Sieg ihr Sieg, deren Ehre ihre Ehre ist. Mit einem Achselzucken der Berachtung tun sie es ab, daß über die„ Dienstmädchen, Wäscherinnen und Schneiderinnen" im finnischen Parlament Damen die Nase rümpfen, an beren landläufiger bürgerlicher Bildung keine eigene Mühe, fein eigenes Opfer hängt, wohl aber die leibliche und geistige Not der ausgebeuteten Massen. Vom Kampfe um das Frauenwahlrecht in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. In Kalifornien, wie auch in anderen Teilen der nordamerikanischen Union, haben die Frauenrechtlerinnen versucht, die bevorstehenden Wahlen zu den gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten wie zur Präsidentschaft der großen Republik der Forderung des Frauenstimmrechts nutbar zu machen. Sie verlangten von den beiden großen bürgerlichen Parteien, die einander in den Vereinigten Staaten gegenüberstehen den Republikanern und Demokraten, in ihre Programme eine Erklärung zugunsten des Frauenwahlrechts au zunehmen. Die Forderung wurde durch eine eigene Frauendelegation auf dem 32 Die Gleichheit Nr. 2 Parteitag der Republikaner vertreten, die sich jedoch nur zu einem eng begrenzten Frauenwahlrecht verstehen wollten, das von der Delegation zurückgewiesen wurde. Die Demokraten ihrerseits be- schlössen auf die nämliche frauenrechtlerische Anregung hin, ihre Kandidaten bei den im November bevorstehenden Wahlen zu ver- pflichten, für eine Volksabstimmung über die Einführung des all- gemeinen Frauenwahlrechts einzutreten. DaS ist ebenfalls herzlich wenig! Die letzte solche Volksabstimmung, die vor etwa acht Jahren stattgefunden hat, entschied gegen das Frauenwahlrecht. Auch in Kalifornien tritt nur die sozialdeniokratische Partei rück- sichtslos für die volle politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ein. In ihrem Programm für die kommenden Wahlen heißt es:„Wir befürworten das allgemeine, gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen und verpflichten uns zu einer eifrigen Agitation dafür." Die Gründung der ersten FraurnstimmrechtSorgauisation ans Kuba ist erfolgt. Sie hat ihren Sitz in Santiago de las Vegas, der Hauptstadt der Insel. Sie will die Einführung des Frauen- Wahlrechts dadurch vorbereiten, daß sie zunächst den Einfluß der Frauen auf die Politik zu fördern sucht. Frauenbewegung. Di« achte Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine hat vom 6. bis 9. Oktober in Breslau getagt. Nach dem Tätigkeitsbericht umfaßt die genannte Organisation 28 frauenrechtlerische Verbände und 281 direkt angeschlossene einzelne Vereine und Ortsgruppen. Die Generalversammlung hatte Stel- lungzur Frage einer Neuorganisation des Bundes zu nehmen, die insbesondere von dem„Verband fortschrittlicher Frauenvereine" gefordert wird und der numerisch schwachen„radikalen" Richtung ein höheres Maß des Einflusses auf die gemeinsamen Aktionen sichern soll. Der entsprechende Antrag ward jedoch abgelehnt, die tagenden Frauenrechtlerinnen begnügten sich damit, den Gesamt- vorstand mit der Einsetzung einer Kommission zu beauftragen, welche der nächsten Generalversammlung neue Vorschläge zur Neu- organisation unterbreiten soll. Die Tagung hörte und diskutierte des weiteren die Berichte der Kommissionen, unter welche die Arbeit des Bundes auf verschiedenen Gebiete» verteilt ist. Es sind das folgende Arbeitsgebiete: Rechtsschutz, Arbeite- rinnenschutz, Sittlichkeilsfrage, Bekämpfung des Alkoholismus, Kinderschutz, Propaganda für die Ziele des Bundes. Auch die Leiterin der Auskunftsstell« für Fraueninteressen erstattete Bericht über ihre Tätigkeit. Den breitesten Raum der einschlägigen Verhandlungen nahmen Referat und Diskussion über die D i e n st b o t e n s r a g e ein, über die wir an anderer Stelle berichtet haben.— Besonders eingehend wurde von der Generalversammlung die Frage der Strafrechtsreform erörtert. Zu ihr wurden»ach einer allgemeinen Einleitung durch die Bundesvorsitzende» Frau Stritt, Einzelreferate gehalten und debattiert, die sich in zwei groß« Gruppen gliederten, von denen die erste die Strafrechtsreform und die Frauen behandelte. Verhandlungsgegenstände waren hier: Verminderte Zurech- uungSfähigkeit(Frau vr. jur. Raschle); Sittlichkeits- ö e likte(Frau B a n n e w i tz und Frau Scheven); Prostitution und Kuppelei(Fräulein Papp ritz). Die zweite Gruppe der Vorträge galt der Strafrechtsreform und der BeHand- lung der Jugendlichen. Folgende Themata wurden er- ortert: Die geistig Minderwertige«(Fräulein Schreiber); d>e Erhöhung des Strafmündigkeitsalters; das Pro- bationssystem und Jugendgerichte(beide Referate er- stattet von Fräulein v. W e l c z e ck). In einer geschlossenen Mit- gliederversammlung befaßten sich die Delegierten mit den§§ 217, 218 und 219 des Strafgesetzbuchs, welche von dem k ü n st l i ch e n Abortus, der Abtreibung der Leibesfrucht handeln; sie nahmen des weiteren Stellung zu den Paragraphen, welche sich auf den k'6 Strafbarkeit venerischer Ansteckung, die Schweige- Pflicht des Arztes im Falle von behandelter Geschlechtskrankheit eziehen. Den verschiedensten Bestimmungen des Strafrechts zu en erörterten Fragen wurden die Reformforderungen der Frauen entgegengestellt. Von anderen Verhandlungsgegenständen seien er- wähnt: das Gemeindewahlrecht der Frauen, das die Generalversammlung forderte, indem sie einem Antrag des„Bundes mr Frauen, timmrecht" debattelos ihre Zusli.n.nung gab. Ferner: dieReform derpreußischen Mädchenschulen- worunter die Resorm der höheren Mädchenschulen zu verstehen ist zu der L hl rc 0,emeinfame Erziehung von Knaben und Mädchen in den Realschulen. Gymnasien usw. gefordert wurde. In Ver- tindung m.t der Generalversammlung fanden mehrere öffentliche Agitationsversammlungen statt. So sprach Frau Eichholz über „Strafvollzug und Gefängniswesen in bezug auf die Frauen". Eine andere Versammlung galt der Forderung des Frauen- Wahlrechts. Frau Krukenberg referierte in ihr über„Das Interesse der Frauen am Frauenstimmrecht"; Fräulein Lüders über„Das Interesse des Staats am Frauenstimmrecht". Besonder? gedacht muß einer Versammlung für junge Mädchen werden, in der Fräulein vr. Bäum er und Fräulein vr. Salomon über „Neue Lebensziele" sprachen. Wir werden auf die Verhandlungen der Generalversammlung über die Strafrechtsreform noch zurück- kommen, wenn die angekündigte Broschüre darüber vorliegt. Frauen als Verteidiger in Strafprozessen gegen Jugend- lich«. Eine bayerische Ministerialverordnung hat eine wichtig« Neuerung gebracht. Sie verfügt, daß künfttg Frauen als Ver- teidiger in Strafverfahren gegen Jugendliche zugelassen werden, um von diesen die Gefahren einer Hauptverhandlung abzuwenden. Nach, der Strafprozeßordnung können übrigens schon jetzt Frauen vor Gericht als Verteidiger fungieren. Damit ist jedoch nicht ge- sagt, daß die Frauen zur Praxis der Rechtsanwaltschast zugelassen seien. Ihr steht§ 1 der Rechtsanwaltsordnung entgegen. Dort heißt es nämlich:„Zur Rechtsanwaltschaft kann nur zugelassen werden, wer die Fähigkeit zum Richteramt erlangt hat." Da in Deutschland die Frau noch immer— im Gegensatz zum Ausland— vom Richteramt ausgeschlossen ist, so versagt ihr diese Fassung der Ordnung auch die Rechtsanwaltschaft. Ein russischer Frauenkongreß, der in Petersburg statt- finden und zur Gründung eines nationalen Frauenbünde? führen sollte, wurde von der russischen Regierung verboten. Eine der führenden Frauenrechtlerinnen, Frau Philosophoff, wandte sich daraufhin mit einer Eingabe an den Minister Stolypin und suchte ihn von der gut bürgerlichen Gesinnung der Damen zu überzeugen. Sie betonte, daß die nationalen Organisationen der Frauenrechtlerinnen in keiner Weise revolutionär wirken. Trotz dieser Beteuerung erhielt die Bittstellerin erst nach langer Zeit eine Antwort, welche besagte, daß der Kongreß stattfinden dürfe, voraus- gesetzt, daß er die Hand von der beabsichtigten Gründung de? nationalen Frauenbundes lassen, und daß kein Ausländer an ihm teilnehmen würde. Die Frauenrechtlerinnen wollen offenbar unter das kaudinische Joch des bluttriefenden Despotismus kriechen, den» der Kongreß soll im Dezember stattfinden. Quittung. Bei der Unterzeichneten gingen für den Agitationsfonds der Genossinnen im Monat August folgende Beiträge ein: Augsburg 122,88 Mk.; Berlin durch Genossin Jung 6 ML; Bremen durch Genossin Holz 8 Mk.; Bromberg durch Genossin Stössel v. Lissa 8 ML; Düsseldorf durch Genossin Klett 84.66 ML; Essen-West durch Genossin Zalisch 13,16 ML; Frankfurt a.O. 9,32 ML; Grabow-Stettin durch Genossin Kuschet 88 ML; Heeren bei Kamen durch Genossin Pätzold 86 ML; Karlsruhe 8. Dz. 10 ML; Kiel durch Genossin Studier 20 ML; Königsberg i. P. durch Genossin Nowagrotzki 14,13 ML; Ungenannt 30 ML; Mülheims. Rh. durch Genossin Kuhs 12,42 ML; Neumünster durch Genossin Pries 30,18 ML; Senftenberg durch Genossin Barth 48 ML; Stettin durch Genossin Stein« müller 34,02 ML; Waltershausen durch Genossin Bach 14,74 Mark; Zeitz durch Genossin Leopold 124,02 ML Summa: 658,25 Mk. Im Monat September gingen ein: Für Bayern durch Ge» nossin Greifenberg 223,40 ML; Groß-Berlin durch Genossi» Wulff 280 ML; Bucher Mauerblümchen 2 ML; Danzig durch Genossin Güth 17,80 ML; Döbeln 8 ML; Forst i. L. durch Genossin Richter 17,20 Mk.; Frankfurt a. O. 6,16 Mk.; Hirsch« berg i. Schl. durch Genossin Gottwald 10 ML; für Rheinland durch Genossin Kähler 86,64 ML; Bad Salzbrunn durch Genossin Teichert 1,60 ML; Sude bei Itzehoe 10 ML; Teuchern durch Genossin Schröder 10 ML; Wolgast i. P. 4 ML Summa: S1S,50 Mk. Aus Versehen sind folgend« Beiträge für den Monat Juni bisher nicht quittiert worden: Altona-Oltensen durch Genossi» Schönfelder 28,48 ML; Sude bei Itzehoe durch Genossin B.I»-0« mmiü: Ottilie Baader, Berlin SW68, Lindenstr. 3, Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Teutschlands. «eranlworUtch für dt« Redaktion: Frau«lara ZelNn(Zündet», WilhelmShöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer In Stuttgart.