Nr. 9 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 1. Februar 1909 Charles Darwin. Von Eugen und Hannah Lewin- Dorsch. Die preußische Fürsorgeerziehung am Pranger.- Zum Arbeitskammergesetz. Von gh. Das Ausland im Jahre 1908. I. Von H. B. Die Prometheussage. Von G. G.( Fortsetzung.) Die Gründung des Zentralverbandes für Hausangestellte. Kongreß der Tabalarbeiter Deutschlands. Von W. K. Bericht Aus der Bewegung: Zur Beachtung! Von der Agitation. der Kinderschutzkommission für Altona- Ottensen. Aus der Jugendbewegung. Gewerkschaftliche Politische Rundschau. Von H. B. Rundschau. Der Zentralverband für Arbeitsnachweis zu Berlin. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Charles Darwin. Zur Feier seines hundertsten Geburtstages. Bon Eugen und Hannah Lewin- Dorsch. Es gibt in der menschlichen Kulturgeschichte nicht viele Gelehrte, die durch ihre Forschungen über das engere Gebiet ihrer Wissenschaft hinaus und in das weitere der allgemeinen menschlichen Interessen und Probleme hineinragen. Zu diesen seltenen, großen Gestalten gehört Charles Darwin. Von den speziellen Untersuchungen, die den Gelehrtenfleiß an die Laboratorien und Bibliotheken fesseln, bis zu den allgemeinſten Gefegmäßigkeiten, die sich in den Bewegungen der ganzen Mensch heit offenbaren, ist es ein weiter Weg. Und dieser Weg wird um so verschlungener und schwieriger, je mehr sich die wissenschaftliche Arbeit verzweigt. Es ist ein Merkmal der herrschenden Kultur, daß diese Verzweigung, diese Teilung der Arbeit auf allen Gebieten, nicht nur im Reiche der Naturwissenschaft, sondern ebenso auch im sozialen Leben bis ins Unendliche fortgetrieben wird. Das unmittelbare Bewußtsein des Zusammenhanges zwischen der einzelnen produktiven Verrichtung des Arbeiters an der Maschine und den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Gemeinschaft, für die er arbeitet, ist verblaßt oder ausgelöscht. Und ebenso fällt von der Einheit der wissenschaftlichen Weltanschauung faum noch ein Lichtschein in viele versteckt und ferne liegenden Betätigungsgebiete der Naturwissenschaften. Die Eins heit der Erkenntnis selber scheint dadurch in Frage gestellt; sie ift zerfallen und zersplittert in eine Unzahl von kleinen Kapiteln und Paragraphen. So wird es verständlich, wie dieser ganze Prozeß der Teilung, so förderlich er für die Produktivität der Arbeit ist, das entgegengesetzte Bedürfnis erweckt: nämlich das Getrennte wieder zusammenzufassen. Diejenigen Männer des neunzehnten Jahrhunderts, die wir als seine führenden Geister verehren, haben dem Bedürfnis nach Einheit und Zusammenhang die Wege gewiesen. Die Namen von Karl Marx und Charles Darwin sind mit der Ge schichte aller fünftigen Kultur unauflöslich verbunden. Beide haben nach den fundamentalen Grundlagen ihrer Wissenschaften gesucht; sie haben ihre Einzeluntersuchungen nur gewertet im Blick auf diese Grundlagen. Indem sie dieselben in ihrer vereinheitlichenden Bedeutung fanden, entdeckten sie in ihnen gleich zeitig die Gesetze des Lebens. Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Wir wissen, daß Mary bei der Untersuchung wirtschaftlicher und historischer Einzelheiten nicht stehen geblieben ist. Er hat ihnen die methodische Einheit gegeben, indem er aus ihnen den Gang der Geschichte ableitete. Er hat für jede einzelne Verrichtung des Arbeiters an der Maschine die Begründung in ihrem notwendigen Zusammenhang mit dem Bestehen der Gesellschaft gefordert. Und ganz die gleiche Tendenz, in das naturgeschichtliche Erkennen übertragen, waltet in der Arbeit Darwins. Er ver liert sich nicht in die Fülle seines Materials, seiner Beobach tungen und Experimente. Mittels einer genialen Deutung vers wandelt er sie alle wie mit einem Zauberschlag in einen großartigen Beweis seiner Theorie. Und diese, nämlich die Lehre von der Blutsverwandtschaft der Organismen und von ihrer Entwicklung aus niedrigeren Formen zu höheren, ist es, die nicht nur der Biologie das sichere Fundament gegeben, sondern auch dem Leben selbst die volle Wirklichkeit im wissenschaft lichen Sinne verliehen hat. Bis zu der Zeit, da Darwin mit seinem unvergleichlichen Werke„ Die Entstehung der Arten" hervortrat( 1859), war die Welt der Pflanzen und der Tiere für den Menschen im Grunde immer ein Fremdes gewesen, ohne jeden Zusammenhang mit seinem eigenen Dasein. Darwin erst verkettete das Getrennte miteinander. Und er erfüllte den Begriff des organischen Lebens mit neuem Inhalt, indem er die Entwicklung als das Einheit schaffende Gesetz für alles organische Leben entdeckte. So ist Darwin einer der wenigen Großen gewesen, die den langen und gewundenen Weg von einzelner Forschung zu dauernden Leitgedanken, vom Besonderen zum Allgemeinen zurückgelegt haben. Durch einen solchen Prozeß des Erkennens erreicht der Genius die Wurzeln seiner Wissenschaft. Auf der Suche nach der Einheit, wohin die geschiedene Mannig faltigkeit der Erscheinungen zusammenstrahlt, gelangt er in eine Sphäre, die weiter und allgemeiner ist als das Gebiet, von dem er ausging. Es ist das Reich der Grundbegriffe, unter denen er auch denjenigen entdeckt, dessen er für seine besondere, abgeteilte Arbeit bedarf. Sie alle, die sich in den verschiedenen Wissenschaften ausbauen und fruchtbar erweisen, sind als deren Fundamente gleichzeitig die prinzipiellen Gesetzmäßigkeiten des Lebens überhaupt. Auf solche Art hat Darwin, ohne selbst Philosoph zu sein, eine Grundlage von philoso phischem Werte aufgerichtet. Das ist es, warum wir ihn als einen Lehrer der Menschheit ehren. Als Darwin bereits im 50. Lebensjahr stand, veröffentlichte er sein Hauptwert:„ Die Entstehung der Arten durch die natür liche Zuchtwahl oder die Erhaltung der bevorzugten Klassen im Kampf ums Dasein". Es war das abschließende Resultat groß angelegter Vorbereitungen. Der wesentliche Inhalt dieses Werkes, seine grundlegenden Theorien haben in der wissen schaftlichen Welt die denkbar tiefste Umgestaltung hervorgerufen. Aber nicht mit einem einzigen Schlage hat sich diese Revolution vollzogen: noch heute stehen sich Begeisterung und ablehnende Haltung fämpfend gegenüber. Wir denken hier, wo wir einen schnellen Überblick über Darwins Leistung gewinnen 130 Die Gleichheit wollen, nur an die Biologie und ihre Lehrer und nicht an die Opposition des dogmatischen Kirchenglaubens, der von jeher allen großen Erneuerungen der Kultur mit stumpfer Verständ nislosigkeit und kleinlichem Widerspruch entgegengetreten ist. Den Naturwissenschaften sind aus der Fassung, die Darwin feinem Problem und seiner Lösung gab, unzählige neue Fragen entsprungen, so daß jetzt der Darwinismus selber zum Problem geworden ist. Und mit so manchen anderen Großen teilt Darwin das verhängnisvolle Schicksal, nicht nur von den Gegnern, sondern auch von den eigenen begeisterten Schülern mißverstanden worden zu sein. Er selber hat dazu vielleicht den ersten Anlaß gegeben. Vollauf beschäftigt mit der gewal tigen Aufgabe, vor die ihn seine vergleichenden und experimentellen Studien gestellt hatten, übersah er den Unterschied in dem methodischen Werte der beiden wichtigsten Theorien, mit deren Hilfe er seine Aufgabe löfte. Der oben angegebene Titel seines Hauptwerkes nennt diese Theorien mit Namen und stellt sie auch schon in ihrem gegen seitigen Verhältnis hin: Entstehung durch natürliche Zucht wahl! Diese Worte müssen wir herausheben und unterstreichen. Die meisten Anhänger und Vertreter des Darwinismus, so vor allem Ernst Haeckel, sind der Meinung, daß Darwin durch die Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl dem uralten Prinzip der Entwicklung des organischen Lebens den wissenschaftlichen Beweis und damit die unerschütterliche Stüße gegeben habe. Diese Auslegung wird von Darwin selbst an vielen Stellen seiner Werte gefördert. Aber der Forschungsweg, den er eingeschlagen hat, um zu seinen Theorien zu gelangen, hebt sie auf. Wir betrachten zunächst den Begriff der Entwicklung( der organischen Lebewelt). Er wird in dem Titel des Hauptwerkes durch den Ausdruck„ Entstehung der Arten" umschrieben. Die Biologie strebt, gleich jeder Wissenschaft, nach einem gesetzmäßigen Aufbau ihrer Erscheinungen. Im Unterschied von der Physik und der Mathematik erreicht sie dies Biel dadurch, daß fie die Organismen vergleicht und nach dem Grade ihrer Ahn lichkeit zusammenstellt. So werden die einzelnen Individuen zu Arten, die Arten zu Familien, diese zu Gattungen usw. vereinigt. Die unzähligen Individuen der Hauskaße zum Beis spiel werden alle zu der Art: Hausfazze verbunden und dadurch unterschieden von den nahe verwandten des Tigers, des Löwen. Diese Arten, mitsamt der Art Haustage werden ihrerseits unter einem höheren Begriff der Familie: Ragen vereinigt. Die Fas milie Katzen wiederum zeigt, zum Beispiel in ihrem Gebiß, das der Ernährungsweise entspricht, wesentliche Übereinstimmungen mit anderen Arten, die in manchen anderen Merkmalen jedoch sich von den Kazen scheiden. Zu dieser größeren Gruppe gehören nebst den Katzen die Familie der Hunde, der Marder, ber Bären, der Hyänen usw. Man faßt sie alle unter dem Namen Raubtiere zusammen. So wachsen die Kreise, und der legte, der alle übrigen umspannt, ist der Begriff des Lebewesens überhaupt. Wir sehen, daß das Prinzip, das hier die empirische For schung zum Aufbau eines Systems leitet, die Ahnlichkeit der Erscheinungen ist. Eine umfangreiche Arbeit war in dieser Weise vor Darwin geleistet worden. Aber das bestimmende Moment dieser Arbeit, die Ahnlichkeit der Formen und die darauf bauende Vergleichung und Einteilung war den Forschern verborgen geblieben. Man nahm an, daß die vielen Pflanzenund Tierarten beim Beginn alles organischen Lebens in ihrer noch heute bestehenden Zahl und Form von einem Schöpfer oder durch einzelne willkürliche Afte der Natur unabhängig voneinander und als unveränderlich für alle Zeiten( konstant) ins Dasein gerufen worden seien. So tritt die metaphysische Konstanz der Art in einen logis schen Widerspruch zu dem Leitbegriff der Ahnlichkeit, mittels dessen der Begriff der Art gebildet worden war. Dieser Widerspruch in seinen Fundamenten erschütterte den Aufbau des naturwissenschaftlichen Systems. Ahnlichkeit als Motiv der empirischen Forschungsarbeit oder Konstanz das ist die Frage; sie wird zum Grundproblem Darwins. Nr. 9 Das Prinzip der Ähnlichkeit ordnet die Individuen wie der Faden die einzelnen Perlen zu einer zusammenhängenden Kette; es ist der notwendige Ausgangspunkt, die wissenschaftliche Voraussetzung der biologischen Klassifikation. Sollen die Arten infolge eines metaphyfischen Schöpfungsaftes konstant sein, so ist ihre Ahnlichkeit, ihre klassifikatorische Beziehung zueinander ein unerklärliches Wunder. Indem das vom Standpunkt der Wissenschaft aus unzulässige Wunder verworfen wird, wird die Ähnlichkeit erklärt und begründet; und sie muß als das einheitschaffende Prinzip der Erscheinungen, als notwendig bes gründet werden, wenn anders auf ihr die Möglichkeit der biologischen Wissenschaft beruht. Also dürfen die Arten nicht als konstant hingenommen, sie müssen vielmehr als veränderlich erfannt werden. Und auf diese Veränderung ist die Ahnlichkeit der Formen zu beziehen; aus ihr ist sie entwicklungsgeschichtlich abzuleiten. So lautet furz gefaßt der Schluß Darwins: Die Arten sind nicht konstant; sie haben sich auseinander entwickelt, die höheren aus niederen. Diese Entwicklung erklärt ihre Ahnlichfeit. Diese Ahnlichkeit beruht daher auf der Blutsverwandts schaft der Formen. So sind die Systeme der Zoologie und Botanik, die auf dem Prinzip der ähnlichkeit oder der Bluts verwandtschaft aufgebaut sind, nur ein anderer Ausdruck für die gesamte Geschichte des organischen Lebens. Dieser Beweis der Deszendenz, lediglich aus der Ahnlichkeit der Organismen und aus ihrer Klassifikation, das ist die unsterbliche Tat Darwins. In ihr hat er keinen Vorläufer gehabt; sie ist sein ureigenstes Verdienst, das nicht mehr angefochten werden sollte.* Darwin hat durch seinen Beweisgang das Dogma der bis blischen Schöpfungsgeschichte ein für allemal zerstört; er hat den Gott der Zoologie und der Botanik als eine überflüssige und irreleitende Hypothese aufgehoben. Er hat die Wissenschaft von den Lebewesen auf eigene Füße gestellt, den Schutt metaphysischer Vorurteile beiseite geräumt. Das macht die Größe Darwins aus, daß er den Gedanken der Entwicklung lediglich aus der Anlage der zoologischen und botanischen Klassifikation ableitete. Diese Ableitung ist der einzige zwingende Beweis des Entwicklungsgedankens. Das ordnende Gesetz muß begründet werden aus der gesetzmäßigen Ordnung des Systems, in dem es sich entfaltet. Das System der organischen Natur ist das System ihrer Entwicklung. Das ist der Kern der Sache. * Zu der immensen Arbeit, die Darwin bis zu seinem letzten Lebensjahre geleistet hat, und zu der gewaltig aufrauschenden Bewegung, die von ihm ausging, steht der gleichförmige Ver Lauf seines Lebens und die schlichte Art seines Charakters in vollendetem Gegensatz- gleich einem Eiland, das sich in ruhigen, zarten Linien aus dem Drange der Wogen erhebt. Nur wenig läßt sich von seinem Leben erzählen. Darin offenbart sich der Forscher, daß das Pflichtgefühl seinen Problemen gegenüber zum Gesetz seines Daseins geworden ist; daß die Persönlichkeit zurücktritt vor der Sache, für die sie sich einsetzt. Als Sohn eines begüterten Arztes ist er im Jahre 1809 geboren. Früh trat seine Neigung zum Sammeln und seine Liebe zur Natur hervor; so gewährten ihm Schule und Universität weit weniger Vergnügen als Jagden und Ausflüge zu Pferde. Die Grammatik der flas sischen Sprachen bewältigte er nur mit Mühe, und die Vorlesungen auf der Universität er sollte zuerst den Beruf seines * Wir sind also im Gegensatz zur herrschenden Meinung, die vor allem von Ernst Haeckel vertreten wird, der Ansicht, daß die Zuchtwahlhypothese nicht in direktem Zusammenhang mit dem Beweis der Entwicklungstheorie steht; daß es falsch ist, mit dem Namen„ Darwinismus" nur die Er. flärung der Abstammung durch die Zuchtwahl und nicht vielmehr ihren Beweis aus dem System zu verstehen. Das fragliche Verhältnis der beiden Lehren zueinander soll in einem zweiten Aufsatz behandelt werden. An dieser Stelle sei noch hervorgehoben, daß wir die maßgebende Anbedeutungsvollen Abhandlung eines russischen Gelehrten( S. Tschulot: Zur regung zu unserer Auffassung einer für die Geschichte der Lehre Darwins Methodologie und Geschichte der Deszendenztheorie, 1907, im Biologischen Zentralblatt") verdanken. " E. L. Nr. 9 Die Gleichheit 131 Vaters ergreifen— besuchte er sehr unregelmäßig. Schon hatte er das medizinische Studium an den Nagel gehängt und das theologische mit größerem Erfolg begonnen, als er durch einen befreundeten Professor angeregt wurde, sich als Naturforscher an einer Weltreise zu beteiligen. Diese Reise, die sich über einen Zeitraum von etwa fünf Iahren erstreckte, ist das einzige äußere Erlebnis, das von einschneidender Bedeutung für Darwins Zukunft gewesen ist. Sie hat nicht nur seine Beobachtungsgabe aufs vorzüglichste ausgebildet; sie hat ihn auch zu vergleichenden Studien(über die südamerikanische Tier- und Pflanzenwelt) geführt, denen er selbst die erste Anregung zur Begründung der Entwicklungslehre zuerkennt.— Von jetzt an entfaltet er einen stillen, zähen Fleiß; das Forschen, das stetige,„hartnäckige" Fortschreiten im wissenschaftlichen Erkennen wird der sittliche Grundzug seines ganzen Wesens. Bald nach seiner Rückkehr nach England zieht er sich mit seinem jungen Weibe auf ein Landgut zurück, das er von da ab nur noch ganz vorüber- gehend verlassen hat. Hier, wenige Meilen von London ent- fernt, hat er 1882, als 72 jähriger Greis, noch immer mit wissenschaftlichen Entwürfen beschäftigt, sein erlebnisarmes und inhaltreiches Dasein beschlossen. In der Westminsterabtei in London ist sein Grab, ganz in der Nähe seines großen Lands- mannes, des Physikers Isaak Newton. * ♦ * Wir kommen zum Schlüsse auf den Vergleich der beiden Großen, Darwin und Marx, zurück, die dem 19. Jahrhundert das Gepräge gegeben haben. Beide sind sie von ihrem Gebiet aus zu den Gesetzen des Lebens vorgedrungen. Diese Gesetze sind in der organischen Natur sowohl als in der menschlichen Gemeinschaft Formen der Entwicklung. So begründete der eine die Geschichte der Natur, der andere diejenige der Gesellschaft. Und beide sendeten den hellen Strahl der Erkenntnis in fernste Vergangenheiten und Zukünfte. Die preußische Fürsorgeerziehung am Pranger. Vor der Strafkammer zu Itzehoe ist kürzlich über Menschen- schinderei unerhörtester Art verhandelt worden, über Bestialitäten und Grausamkeiten, die wiederzugeben die Feder sich sträubt. Die Scheußlichkeit der enthüllten Missetaten wird dadurch noch gesteigert, daß sie an völlig Wehrlosen von denen verübt worden sind, die berufen waren, sie zu beschützen und zu erziehen. Auf der An- klagebank saßen Colander, der Hausvater der Mädchenerziehungs- anstatt„Blohmösche Wildnis" bei Glückstadt in Schleswig-Holstein und seine würdige Ehehälfte. Das genannte Mädchenheim ist mit der Landeskorrektionsanstalt in Glückstadt verbunden, deren Leiter der Vater des Angeklagten ist. Das Ehepaar Colander wurde beschuldigt, in den Jahren 1901 bis 1908 die ihnen von der Landesaufsichtsbehörde übergebenen weiblichen Zöglinge, Mäd- chen von 18 bis 21 Jahren, in einer Weise gemißhandelt zu haben, die allen Begriffen von Menschlichkeit ins Gesicht schlägt. Der sauber« Hausvater hat die Mädchen in Ketten gelegt und dann mit Ketten über Hals und Arme geschlagen; er hat sie wie Zug- vieh vor Pflug und Egge gespannt; er hat sie hungern lassen. Stundenlang haben im Winter Mädchen zur Strafe für Bettnässen mit einem Bettuche über dem Kopf vor der Haustür stehen müssen. Ein Mädchen mußte zur Strafe für Unsauberleit Kaffee aus dem Nachtgeschirr trinken und wurde dabei geschlagen. Einem anderen wurde auf Befehl des Hausvaters das Gesicht mit Kot beschmiert. Daß Zöglinge an den Haaren geschleift, geschlagen und mit Arrest bestraft wurden, scheint zu den Alltäglichkeiten gehört zu haben. Frau Colander wurde beschuldigt, daß sie ein Mädchen auf ein Brett schnallen ließ und dann mit einem dicken Stock prügelte. Ein anderes Opfer ihrer„Erziehungskunst" blieb mit auf dem Rücken gebundenen Händen drei bis vier Stunden an ein Fenster- kreuz gefesselt usw. Es ist unmöglich, all die infamen Martern aufzuzählen, welche das würdige Hausverwaltcrpaar über die ihnen anvertrauten unglücklichen Mädchen verhängt hat. Die körperlichen Züchtigungen mußte der Angeklagte meist zugeben und erklärte sie bezeichnenderweise als sein gutes„väterliches Recht". Und was ebenso bezeichnend, aber noch schimpflicher ist: seine amtlichen Vor- gesetzten, die Vertreter des Staates machten ihm nicht zum Vor- wurf, daS elterliche Recht als Prügelrecht aufgefaßt zu haben. Im Gegenteil, die körperliche Züchtigung gilt nach königlich preu- ßischer Auffassung für ein notwendiges Element der Erziehung von Kindern und künftigen Staatsbürgern. Von den gräßlichen Bestialitäten abgesehen, wurde Colander nur der allzu ausgiebige Gebrauch des väterlichen Züchtigungsrechts zum Vorwurf gemacht. Das Zeugenverhör bestätigte nicht allein die furchtbaren Anklagen, es warf auch ein grelles Licht auf Colanders leider nicht angeklagte Mitschuldige: die Aufsichtsbehörden. Mehrfach vorgenommene Revi- sionen haben keine Ahnung der bestialischen Praktiken erweckt, die in der Anstalt im Schwange waren. Der Tod von fünf Mädchen, die in ver- hältnismäßig kurzer Zeit starben, war nicht ausreichend, Verdacht zu erwecken! Der Geheime Sanitätsrat Dr. Hallig hat im Heim „alles in bester Ordnung gefunden". Und doch gab er zu, daß die im Verlaufe der Verhandlungen erwiesenen Mißstände im Asyl das Leben Schwacher und Schwindsüchtiger gefährden mußten. Auf Bürgermeister Brandes, Mitglied der Aufsichtsbehörde, machte die Anstalt den Eindruck eines musterhaften Betriebs— die Mädchen hatten ja„Haltung". Hausvater Colander war also an seinem Platze. Auch Pastor Jakobsohn glaubte seine Pflicht erfüllt zu haben, wenn er die Mädchen durch seine Predigten zu Tränen rührte. Das gedrückte Wesen der Unglücklichen fiel ihm auf, er merkte wohl, daß etwas faul war im Staate Dänemark, ja er war innerlich überzeugt, daß Colander sich für das ihm anvertraute Amt nicht eigne, allein—„was dich nicht brennt, das blase nicht". Ahnliches gilt von einem zweiten geistlichen Aufsichtsrat, dem Herrn Pastor Wolf. Schließlich war es nicht so leicht, mit einer Kritik des Heims durchzudringen. Colanders Vater war ja verantwort- sicher Direktor der Anstalt. Wenn man bedenkt, daß es sich meist um Mädchen handelte, die als Minderjährige um geringfügiger Vergehen willen der königlich preußischen Fürsorge ausgeliefert waren, so fällt die vorliegende Schuld doppelt schwer ins Gewicht. Nicht die Schuld der Angeklagten allein, wir betonen das. So verbrecherisch sie gehandelt haben, sie gehörten wahrlich nicht allein auf die Armesünderbank. Schuldig ist die Aufsichtsbehörde, schuldig ist vor allem das System der Zwangssürsorgeerziehung, das derartige schmachvolle Zustände möglich macht. Das System, das eine korrupte Vetternwirtschaft zuläßt, der zufolge das äußerst wichtige Amt eines Hausvaters einem Mann anvertraut wurde, dem alle nötige Vorbildung, dem jede Begabung und Neigung dafür fehlte, der nach eigener Aussagt „Ekel und Abscheu" dagegen empfand. Warum? Weil dieser Mann zum Militärdienst nicht tauglich war und daher auch in seinem Beruf als Förster keine Staalskarriere machen konnte. Statt der mangelnden Eignung brachte er für seine Amtstätigkeit außer seiner einflußreichen Verwandtschaft einen famosen Grundsatz mit: „Beel Prügel un wenig to eten." Allerdings stiegen zwei von den vier Aufsichtsrälen, die über seine Anstellung zu entscheiden hatten, Zweifel darüber auf, ob Colander der rechte Mann am rechten Platze sei. Aber unter den übrigen zwei war dessen Vater, und seine Stimme, die Stimme des Herrn Direktors, gab den Ausschlag. Die Verwandtschaft war auch Bürgschaft genug, daß Colander sein Amt nicht mißbrauchen werde. Daher bedurfte es keine? Reglements, keiner Dienstordnung.-- Wehe der Unglücklichen, die mit dreizehn Jahren wegen eine? leichtsinnigen falschen Schrittes der königlich preußischen Fürsorge verfällt, wie sie in der„Blohmöschen Wildnis" praktiziert wurde, Dort hat die„fürsorgliche, bessernde Erziehung" fünf Mädchen im Laufe von zwei Jahren vorzeitig ins Grab gebracht, andere, und ihre Zahl ist nicht gering, ins Bordell getrieben. Der Rest ist zweifellos physisch und moralisch zugrunde gerichtet. Vogelfrei sind die Unglücklichen, deren sich der preußische Staat„fürsorglich" an- nimmt, denn wie der Fall Colander erweist, werden sie von ihrem Peiniger selbst dann nicht befreit, wenn er wegen der gräßlichsten Missetaten bereits unter Anklage gestellt ist. Monatelang noch blieb der Prügelvater im Amt und konnte nach Herzenslust die Aussagen der vor ihm zitternden Geschöpfe beeinflussen. Doch Colander ist„gesinnungstüchtig"! Colander ist Patriot! eine Stütze der staalserhaltenden Parteien. Dieser Vorzug deckte offenbar viele Mängel, denn der Angeklagte selbst hob ihn nachdrücklich hervor. Daß die preußische Zwangsfürsorge vor allem in Itzehoe am Pranger stand, bestätigte, ohne es zu wollen, der Landes- Hauptmann Bachmann. Er erklärte, daß Prügelstrafe, Kostentziehung und Arrest auch in anderen Fürsorgeanstalten üblich sind, sie ge- hören zu den„Erziehungsmitteln". Es liegt auf der Hand, daß und warum die Genossinnen der Fürsorgeerziehung ihre volle Aus- merksamkeit zuwenden müsse». Die„Gleichheit" hat daher vor etwa zwei Jahren in die Schreckenskammer der preußischBl Zwangsfürsorgeerziehung hineingeleuchtet.(Nr. 8, Jahrgang 1907.) Bürger- 132 Die Gleichheit liche Blätter erhoben barob das übliche Betergeschrei und verdächs tigten die Feststellungen als„ fozialdemokratische übertreibungen". Der Prozeß zu Jyehoe hat weit Schrecklicheres, Ungeheuerlicheres erwiesen als diese angeblichen übertreibungen". Je größer die Zahl der unglückseligen Kinder wird, die dank der Verwahrlosung, welche die ureigenste Frucht der kapitalistischen Gesellschaft ist, in staatliche Fürsorge kommen müssen, um so zwingender ist die Notwendigkeit, die Zwangserziehungsanstalten von Grund aus zu reformieren. Aus einem Machtbereich der rohesten, beschränktesten Prügelpädagogik müssen sie in Stätten liebevoller Pflege und Erziehung verwandelt werden. Aber freilich: es hieße Feigen von den Dornen und Trauben von den Difteln pflücken wollen, wenn die arbeitenden Massen erwarteten, daß der sogenannte preußische Rechtsstaat" je das Verständnis und den Willen zu einer solchen Reform haben könnte. Der Staat bes Wahlunrechts und der Niederbüttelung des Proletariats wird ein Paradies für Prügelfnechte bleiben. Nur die steigende politische Macht der ausgebeuteten Massen, nur ihre zielbewußte Anteilnahme am öffentlichen Leben wird auch auf dem Gebiet der Fürsorgeerziehung zu Fortschritten vorwärtspeitschen. Zum Arbeitskammergeset. gh. Jm Reichstag fand am 15. und 16. Januar die erste Lesung der Regierungsvorlage für ein Arbeitskammergesez statt. Bezeichnend für die gegenwärtige sozialpolitische Lage ist die Rede, mit der der Staatssekretär des Innern, Herr v. Bethmann- Hollweg, die Besprechung einleitete: Er be mühte sich nämlich, den Beweis zu erbringen, daß wir Arbeitskammern haben müssen. Prattische Erfahrungen, so führte er unter anderem aus, haben ihn wiederholt die Beobachtung machen lassen, daß die Gegenfäße zwischen Arbeitgeberschaft und Arbeitnehmerschaft sich so vertiefen, daß sich eine solche Bitterfeit auf beiden Seiten fefisezt, weil sich Arbeit geber und Arbeitnehmer nicht finden, weil sie aneinander vorbeigehen. Aufgabe der Arbeitskammern würde es sein, den Arbeitgebern und Arbeitnehmern die Gelegenheit zur Aus sprache zu geben. Sie sollen, von der richtigen Hand und von dem richtigen Herzen geleitet, ein Werkzeug werden, das die Gegensätze nicht aus der Welt schaffen, aber dazu helfen werde, fie zum Wohle des Ganzen zu überbrücken. Die Regierungsvorlage bestimmt, daß die Mitglieder der Arbeitskammern zur Hälfte von den Arbeitgebern, zur Hälfte von den Arbeitern gewählt werden. Die freien Ges werkschaften haben sich bekanntlich für Arbeiterkammern entschieden, also für eine Körperschaft, die nur aus Arbeiter vertretern besteht. Eine solche Vertretung der Arbeiter, erklärte bagegen der Minister, sei unnötig. Die Gewerkschaften hätten bereits ihre Tätigkeit auf alles erstreckt, was zum Besten der Arbeiter in ihrem Verhältnis zum Arbeitgeber geschehen könne. Rein Gesetzgeber," so fuhr der Minister dann wörtlich fort, hätte mit der Umsicht, mit der Energie, mit dem Organis fationstalent, auch nicht mit dem rücksichtslosen Draufgängertum der gewerkschaftlichen Bewegung irgendwie in Konkurrenz treten können." Die Arbeitskammern sollen für die Arbeitgeber und Arbeit nehmer eines Gewerbezweiges oder mehrerer verwandter Gewerbezweige auf fachlicher Grundlage errichtet werden. Jedoch nicht überall, sondern nur soweit nach dem Stande der gewerblichen Entwicklung ein Bedürfnis dafür besteht. Ent scheidend wird sein, ob die Arbeiter bereits so aufgehetzt" find, daß den Behörden die Arbeitskammern zur Beruhigung" der Arbeiter notwendig erscheinen. " Die Wahl der Arbeitskammermitglieder soll unmittel. bar und geheim sein und nach den Grundsäten der Verhältniswahl so stattfinden, daß neben den Mehrheitsgruppen auch die Minderheitsgruppen entsprechend ihrer Zahl vertreten find. In diesem Punkte bedeutet der jetzige Entwurf einen erfreulichen Fortschritt gegenüber dem ersten Entwurf, den die Regierungen vor ungefähr einem Jahre veröffentlicht hatten. Denn nach dem ersten Entwurf sollte die Wahl der Arbeiters vertreter indirekt und höchst umständlich sein. Nr.9 Das attive Wahlrecht( das Recht, zu wählen) soll den deutschen Arbeitern und Arbeitgebern beider Geschlechter zustehen, die das 25. Lebensjahr vollendet haben, im Bezirke der Arbeitskammern arbeiten und denjenigen Gewerbezweigen angehören, für welche die Arbeitskammern errichtet sind. Dagegen dürfen nur diejenigen wahlberechtigten Personen zu Mitgliedern der Arbeitskammern gewählt werden, die das 30. Lebensjahr vollendet haben und seit mindestens einem Jahr dem betreffenden Gewerbezweig angehören. Der Entwurf will also den Arbeiterinnen die gleichen Rechte zuerkennen wie den männlichen Arbeitern. Gegen diese selbstverständliche Forderung erklärte sich der konservative Abgeordnete v. Winterfeld- Menkin: Er glaube, so führte er aus, daß namentlich die passive Wahlfähigkeit der Frauen( das Recht, als Mitglieder der Arbeitskammern gewählt zu werden) bei einem großen Teile der Konservativen Bedenken erregen werde. Dabei mußte er zugeben, daß auf gewiffen Gebieten des sozialen Lebens die Frauen bereits mit Erfolg sich betätigen. Es sei ihm bekannt, daß zum Beispiel bei Ausschüssen schon zum Teil Frauen mitarbeiten. Er habe festgestellt, daß gerade hier Frauen Gutes wirken. So sei ihm mitgeteilt worden, daß in einem Falle das Zustandekommen eines Tarifvertrags ganz wesentlich dem geschickten Vorgehen, dem flugen Verhalten eines weiblichen Mitgliedes des Ausschusses zu danken war. Aber trotzdem glaube er, daß mit großer Vorsicht zu prüfen sein werde, ob man mit der Erweiterung der sozialen Betätigung des weiblichen Geschlechts gerade bei den Arbeitsfammern so weit gehen dürfe, wie das der Entwurf tue. Als es sich um den Zollwucher handelte, hielten die Konservativen eine so unbegrenzte Vorsicht im Prüfen der Folgen nicht für notwendig! Sehr bedenklich ist es, daß für die Ausübung des Wahlrechts und für die Wählbarkeit ein zu hohes Alter als Be dingung festgelegt ist. Der freisinnige Abgeordnete Dr. Goller versicherte, er verstehe, weshalb nur Personen über 30 Jahre als Mitglied der Arbeitskammer gewählt werden sollen. Man wolle die jugendlichen Brauseköpfe möglichst dort ausschließen, wo es sich um ein so zerbrechliches Ding handle, wie es das gute Einvernehmen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei. In dieser Beziehung werde aber die Kommission eine Änderung treffen müssen. Was dagegen das aktive Wahlrecht anbelangt, so scheint es dem freisinnigen Herrn mit 25 Jahren ganz richtig gegriffen zu sein:„ Wir alle wissen, daß man in der Jugend nur allzu gern einem gewissen Radikalismus huldigt; und ich weiß aus persönlicher praktischer Erfahrung, daß es bei allen wirtschaftlichen Kämpfen gerade immer die Jugend ist, die den radikalen Standpunkt vertritt und nur zu oft über die Köpfe der älteren erfahrenen Arbeiter hinweg ihre Stimme in die Wagschale wirft zugunsten der Fortsetzung wirtschaftlicher Kämpfe." So will der freisinnige Abgeordnete allen Arbeitern und Arbeiterinnen unter 25 Jahren das Wahlrecht. vorenthalten, nur um die Arbeitskammern möglichst wenig radikal" zu haben. Solche Mitglieder der Arbeitskammern, die nicht mehr in dem betreffenden Gewerbezweige ihres Bezirkes tätig sind, müssen- wofern es sich nicht um eine vorübergehende Arbeitslosigkeit handelt- aus der Arbeitskammer ausscheiden. Mit Recht haben die sozialdemokratischen Abgeordneten Legien und Severing darauf hingewiesen, daß diese Bestimmung den Unternehmern die Handhabe zur Maßregelung solcher Arbeitervertreter gibt, die in der Arbeitskammer für das gute Recht der Arbeiter gewissenhaft tätig sind. Der Arbeitgeber braucht den Arbeiter nur zu entlassen, und die anderen Arbeit. geber des Bezirks brauchen ihn nur von ihrem Betrieb fernzu halten, so verliert der Arbeiter das Recht, der Arbeitskammer als Mitglied anzugehören. Von der Wahrung dieses Rechts abgesehen, müßten auch bie Angestellten der Gewerkschaften als Mitglieder der Arbeitskammern gewählt werden können, was die angeführte Bestimmung des Entwurfs unmöglich macht. Der sozialdemokratische Abgeordnete Legien gab den Konservativen, die die Beamten der Gewerkschaften nicht in den Arbeitskammern Nr. 9 Die Gleichheit haben wollen, die gebührende Antwort. Er verwies darauf, daß in die Landwirtschaftskammern zum Beispiel wählbar seien: Vorstandsmitglieder oder Beamte landwirtschaftlicher oder land. wirtschaftlichen Zwecken dienender Vereine, Genossenschaften usw., sowie solche Personen, denen die Landwirtschaftskammern die Wählbarkeit verleihen. Das Recht, das der Kammer der fon servativen Landwirte zugestanden sei, dürfe den Arbeitskammern nicht verweigert werden. Ferner wendeten sich die sozialdemokratischen Redner mit Recht gegen die bureaukratische Geschäftsführung, welche für die Arbeitskammern vorgesehen ist. Nach dem Ent wurf wird der Vorsitzende von der Aufsichtsbehörde ernannt. Er leitet die Wahlen, beruft und leitet die Sigungen, beanstandet Beschlüsse, mietet Räume, stellt Hilfskräfte an, entscheidet über öffentliche und geheime Sigung, regelt die Kostenverteilung. Wo bleibt da das Selbstverwaltungsrecht der Arbeitskammern? Der schlimmste Mangel der Vorlage aber liegt darin, daß den Arbeitskammern das Recht eingeschränkt wird, Erhebungen zu veranstalten, und daß ihnen die andere Befugnis überhaupt abgesprochen ist, bei der Durchführung der Arbeiterschuß gefeße mitzuwirken. Dazu kommt, daß weite Kreise der Arbeiter, so die Arbeiter in den Militärwerkstätten, in den Verkehrsanstalten, im Handelsgewerbe und der Land wirtschaft, von den Arbeitskammern ausgeschlossen sein sollen. Trotzdem erklärten sich alle Parteien bereit, in der Kommission, an die der Entwurf nach Schluß der ersten Lesung verwiesen wurde, mitzuarbeiten, um etwas Gutes zustande zu bringen. Wie der Entwurf jetzt gestaltet ist, war es die Pflicht der sozialdemokratischen Redner, darzulegen, daß er gründ. lich geändert werden müsse, wenn die Arbeitskammern wirklich von Nuzen für die Arbeiter sein sollen. Das Ausland im Jahre 1908. I. Die Verschlechterung der internationalen Stellung des Deutschen Reiches, die das verflossene Jahr brachte, haben wir schon in den Rückblicken auf die Ereignisse der deutschen Politik behandelt. England gelang es, das Abkommen mit Rußland über die Abgrenzung ihrer beiderseitigen Interessen sphären in Asien zu einem allgemeinen Einvernehmen auszu dehnen. Die Zusammenkunft des Königs von England mit dem Baren zu Reval- die britische Arbeiterpartei hat vergebens gegen diese Unterstützung des russischen Despotismus gegen das russische Volk protestiert drückte das Siegel auf diese Abmachung. Der Besuch des englischen Staatsoberhauptes hatte fein Gegenstück in dem des Präsidenten der französischen Republit. Der Protest der französischen Sozialisten wurde selbst von dem linken Flügel des Bürgertums nicht aufgenommen. Auch dieser hat gegen das Bündnis mit der Regierung der Schwarzen Hundert nichts einzuwenden und ebensowenig gegen ihre finanzielle Unterstützung durch neue russische Anleihen. Der neue Dreibund England- Frankreich- Rußland trat dem alten gegenüber: Deutschland- Osterreich- Italien, der längst seine Festigkeit verloren hatte. Rußland, das seit seiner Nieder lage in Ostasien und der Revolution als Großmacht aus geschaltet war, gewann durch den neuen Dreibund wieder Ein fluß und Geltung in der internationalen Politik. Diese Ver schiebung der Mächtegruppierung machte sich für Deutschland schnell bemerklich. Bei erneuten Versuchen, Frankreich in Maroffo zurädzudrängen, erntete die deutsche Reichsregierung allgemoine Zurückweisung. Das deutsche Verlangen nach schneller Anerkennung des neuen Sultans von Marokko- Mulay Hafid Mulay Hafid hatte seinen Bruder Abdul Asis gestürzt, der durch die Verbindung mit den Franzosen unmöglich geworden war- schuf nicht unbedenkliche Differenzpunkte, ebenso die von deutscher Seite beliebte Aufbauschung einer belanglofen Deserteuraffäre zu Casablanca, doch wurden dieselben schließlich beigelegt. Seit dent ist die Maroffoaffäre in ein ruhiges Stadium eingetreten. 133 Von endgültiger Lösung ist sie freilich noch weit entfernt, und jeden Tag fönnen aus ihr neue Gefahren für den Frieden er wachsen. Die Sozialisten diesseits wie jenseits des Rheins haben das Ihrige gegen das Spiel mit dem Kriegsfeuer ge tan. Die deutsche Sozialdemokratie ließ den Protest gegen die deutschen Provokationen nicht verstummen, und die französische Partei führte in der Kammer einen fast ununter brochenen Feldzug gegen die gefährlichen Bestrebungen der kapitalistischen Beutepolitifer, die lieber heute als morgen auf Kosten des französischen Volkes- Maroffo durch einen Eroberungsfrieg zu ihrem gefügigen Ausbeutungsobjekt machen möchten. Ebenso hat sich das internationale Proletariat eifrig be tätigt, um der immer wieder aufs neue auftretenden und sich verschlimmernden Spannung zwischen Deutschland und Eng. Land entgegenzuwirken. Abgesandte der englischen Arbeiter partei überbrachten dem deutschen Proletariat die Versiche rungen ihrer Freundschaft und ihres Protestes gegen die Treibereien der englischen Jingos, und Delegierte der deutschen Sozialdemokratie erwiderten diesen Besuch und legten vor dem englischen Proletariat Zeugnis ab gegen die Hetze der deutschen Englandfresser. Die englische Bourgeoisie läßt sich durch das Schreckgespenst eines deutschen Einfalls aufregen, und die deutsche Bourgeoisie sieht in der Verschlechterung der Weltstellung Deutschlands allein das Werk des auf die Einkreisung Deutschlands bedachten Englands, obgleich es mit Händen zu greifen ist, daß diese Verschlechterung zum größten Teil von der unfähigen Politik der deutschen Diplomatie ver schuldet wird. Die Flottenrüstungen werden auf beiden Seiten mit Hochdruck betrieben, nachdem die deutsche Regierung brüst einen Versuch der englischen vereitelt hat, zu einem Abkommen auf Einschränkung dieser Maßnahmen zu gelangen, die beide Völker schwer belasten. Gefährlicher noch als die Maroffoaffäre erwies sich die türkische Revolution mit ihren Folgeerscheinungen für die Ruhe Europas. Wie ein Kartenhaus stürzte in den Julitagen der unterhöhlte Bau des türkischen Despotismus zusammen. In wenigen Tagen siegte eine fast unblutige Revolution, deren Hauptträger die Armee unter Führung des Offizierkorps war. Es ist eine Revolution der Gebildeten" die Bourgeoisie ist in der Türkei noch wenig entwickelt, ebenso ihr Gegenstück, das Proletariat Proletariat, eine Revolution rein bürgerlichen Charakters. Bislang hat das neue Regiment im Volte Rückhalt gefunden. Anscheinend sizen keine Gegner der Verfassung in dem auf Grund eines Zensuswahlrechts gewählten Parlament, das be reits eine Kommission zur Revidierung der alten Verfassung von 1877 eingesetzt hat, die ein Menschenalter suspendiert gewesen ist. Die Gruppierung der Abgeordneten nach verschiedenen Interessen, die Ausbildung von Parteien steckt noch in den Anfängen. Der Frieden zwischen Türken und den christlichen Nationalitäten der Türkei( Bulgaren, Griechen, Serben), der mit dem Sieg der Revolution an die Stelle des verwüstenden Bandenkriegs in Mazedonien trat, ist trotz einiger Meinungsverschiedenheiten über die Forderung der Selbstverwaltung für die Nationalitäten bisher nicht gestört worden. Um so mehr wurde das Wert der Erneuerung der Türkei durch die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens und die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Osterreich- Ungarn gestört. Namentlich der letztere Aft, der eigentlich nur dem tatsächlich seit 1878 bestehenden Zustand den richtigen Namen gab, rückte die Kriegsgefahr in bedroh liche Nähe. Die beiden Provinzen werden wegen ihrer meist serbischen Bevölkerung als Teile eines serbischen National staates reklamiert. Nicht nur der türkische Nationalstolz war verletzt, sondern auch in Serbien und Montenegro brach eine leidenschaftliche Protestbewegung aus. Sie wurde ebenso wie der in der Türkei einsegende wirksame Boykott wider öfterreichische Waren durch England und Rußland geschürt. So konnte an der Balkankrise ein europäischer Weltkrieg sich entzünden, der wahrscheinlich Osterreich und Deutschland isoliert auf der einen Seite gesehen hätte, da das dritte Glied 134 Die Gleichheit Nr. 9 des alten Dreibundes, Italien, arg verschnupft ist. Italien, das seit langem auf die Gelegenheit lauerte, um ein Stück der zerfallenden Türkei zu ergattern, sieht sich durch die unerwartete Erstarkung des ottomanischen Reiches um diese Hoffnung be- trogen und empfindet den Gewinn Österreichs als eine Aus- nützung der Bündniskraft zu seinem Ungunsten. Daß Deutsch- land wegen seiner engen Verbindung mit dem alten Regime in der neuen Türkei seinen Einfluß völlig eingebüßt hat, wurde schon an anderer Stelle erwähnt. Zu einer Kricgskatastroph« kam es jedoch nicht, dank der inneren Erstarkung der Türkei und der Schwäche Rußlands, dessen innere Zerrüttung durch die Gegenrevolution vollendet wurde und die russische Regierung daran hinderte, die Serben anders als durch Worte zu ermutigen. Die neuausgelöste Energie des türkischen Volkes entlud sich in dem Boykott wider Ost erreich, und der Einfluß der Jungtürken erwies sich als stark genug, um dem Dräugen zum Krieg widerstehen zu können. Die Reaktion vermochte nicht dem Kredit des neuen Regiments durch die Beschuldigung zu untergraben, daß es das Reich ohne Gegenwehr durch die äußeren Feinde zerstückeln lasse. Um zu verhindern, daß auf einer von Rußland und England geforderten Balkankonferenz dieAnnexion vonBosnien und der Herzegowina in Frage gestellt werde, sah sich Ost er- reich gezwungen, besondere Verhandlungen mit der Türkei anzuknüpfen und ihr Entschädigungen zu bieten. Gegen Ende des Jahres nahmen diese Unterhandlungen einen günstigen Verlauf, und zurzeit scheinen sie einem befriedigenden Abschluß nahe. Auch Bulgarien trat in direkte Verhandlungen mit der Türkei ein; die Revolution hat diesen bislang als ohn- mächtig geltenden Staat wieder zu einer Macht gemacht. Das despotische Regiment hatte Stück für Stück des Reiches auf- geben müssen. Das neue Regime, das sich auf die Volkskraft stützt, die von der Umwälzung entfesselt worden ist, verlangte dagegen Entschädigungen für das bloße Aufgeben längst wesen« los gewordener Herrschaftstitel. Die türkische Revolution ist nur ein Stück eines gewal- tigen Prozesses, der seit dem Sieg der Japaner über Ruß- land in lebhafteres Tempo eingetreten und damit aller Augen sichtbar geworden ist. Die Völker des Orients erwachen. Europa hat sie in den Strom der kapitalistischen Entwicklung gerissen, und unter ihrem Einfluß bilden sich in den Ländern Asiens Bourgeoisie und europäisch gebildete Intelligenz, die zu Führern einer Bewegung werden, die innere und äußere Freiheit, Verfassung und nationale Unabhängigkeit erstrebt. Japans Sieg über eine europäische Macht, der das Selbst- bewußtsein der Asiaten hob, und die russische Revolution gaben dieser Bewegung neue Impulse. In China hat eine Ära der Refonnen eingesetzt, die auch den Thronwechsel und den Sturz des Reformers Auanshikai überstanden hat. Der neue Regent hat feierlich versprochen, daß innerhalb neun Jahren eine Verfassung eingeführt werden soll. In Indien nahm die nationale Bewegung stetig zu. England sucht sie durch kleine Zugeständnisse an die Besitzenden zu überwinden und durch grausame Ausnahmemaßregeln gegen die Revolu- tionäre, die mit Attentaten auf englische Beamte vorgehen. In Persien machte der eidbrüchige Schah nach russischem Muster Gegenrevolution, er vermochte jedoch nicht das ganze Land zu unterwerfen. In Täbris hielten sich die Revolutionäre, und andere Gebiete schloffen sich ihnen an. Ägyptens nationale Partei wurde durch die türkische Revolution belebt. Diese Zeichen für das Erwachen des Orients sind ein Menetekel für die Weltpolitik des Kapitalismus. Mehr und mehr erwachsen ihr Hindernisse in dem Erstarken der Völker und Staaten, die schon für sichere Beute erachtet wurden. Die Kolonialherrlichkeit Englands beginnt Risse zu zeigen. Eine Zeit kündigt sich an, wo die Erhöhung des kapitalistischen Profits durch Ausraubung unterworfener Völkerschaften vorbei sein wird. Nur im Afrika der bedürfnislosen Schwarzen scheint dem kolonialen Raubsystem noch eine längere Dauer beschieden. II. B. Die Prometheussage. Von G. G. Fortsetzung.) Anders bei den Griechen. Hier setzt mit dem Warenaus- tausch eine große Umwälzung ein. Die Gesellschaft wächst aus der alten kommunistischen Verfassung heraus, sie verliert ihren Sinn, und aus dem Gegensatz zwischen der alten Verfassung und der jungen Entwicklung entstehen die schlimmsten Übel: die Ansammlung von großen Reichtümern an Geld und Grund- besitz auf der einen, gänzliche Verschuldung und Besitzlosigkeit auf der anderen Seite; die Übermacht der Gläubiger, die Recht- losigkeit der Schuldner, denen Gefängnisstrafe oder Sklaverei drohte. Mancher der Besitzlosen, die im größten Elend leben, sucht nun durch Betrug und Diebstahl sich das Nötigste zu ver- schaffen; der Wareuhandel entwickelt ja ohnedies die Neigung zu Übervorteilung und Betrug des Nächsten. Die reichen Eigentümer haben ein Interesse daran, ihren Besitz in einem engeren Kreise zu konzentrieren, als es in der weitgegliederten kommunistischen Gemeinschaft möglich ist. Sie brauchen und bilden eine eng umgrenzte Familie, eine Ehe, in der nur eine Frau die nun genau bestimmbaren Erben hervor- bringt: die kommunistische Form der Geschwister- und Ver- wandtenehe' verschwindet allmählich. Es entwickelt sich die Einzelehe des Privateigentums, des sich mit diesem bildenden Staates; die mutterrechtliche Verfassung macht der vaterrecht- lichen Platz. Es ist nicht schwer, ein Abbild von all diesen Umwälzungen im Mythus zu erkennen. Die Mächtigen, deren Vertreter Zeus ist, verlangen Opfer und werden betrogen, ganz wie die irdischen Besitzenden von den Entrechteten Abgaben und Zins verlangen und hintergangen werden. Alles Gute, Heilige, Althergebrachte der alten Wirt- schaftsform, das durch die neue umgestürzt wird, muß den Unter- drückten als ein Raub der Sieger erscheinen. Dieser Raub alles mühsam Errungenen, aller Segnungen der Kultur stellt sich im Mythus darin dar, daß Zeus den Menschen das Feuer nimmt. Zeus, dem Herrscher im Olymp, wird ein Vertreter des Ge- schlechts der Titanen gegenübergestellt. Die Titanen sind Söhne und Töchter des Uranos, des ersten Beherrschers der Welt und der Gäa, der Allmutter Erde, die aus ihrem Schöße alles gebiert. Sie werden von Zeus und den Seinen, den neuen Herrschern, den sogenannten olympischen Göttern gestürzt und in den Tartarus, das ist die Unterwelt, geworfen. Der Titan Prometheus tritt im Mythus als Beschützer der besiegten Menschen auf und stiehlt Zeus das Feuer. Als Inbegriff der Güter, die allen, nicht nur den Göttern, den Bevorrechteten gehören, bringt Prometheus durch Diebstahl das Feuer zurück. Und nicht für den Diebstahl an und für sich muß der Titan so schwere Strafen erleiden, sondern für den Raub gerade des Feuers, für den kühnen Versuch, das wieder an sich zu reißen, ,va3 zum Privi- legium der Götter, der Besitzenden geworden war. In all den Umwälzungen, die die angedeuteten Kämpfe und die durch sie sich durchsetzende neue Gesellschaftsordnung mit sich brachten, mußten die nun unterdrückten Menschen, das ist die große Mehrzahl, ebenso viele Übel erblicken. Vielleicht können wir in der Gestalt der Pandora, die den Menschen Schmerzen und Übel bringt, eine Verkörperung der bitteren Erfahrungen erkennen. Der Titan Prometheus wird zum Repräsentanten und Be- schützer, zum Freunde der leidenden Menschheit. Der Feuer- erzeuger, der selbst ursprünglich als ein Gott verehrt wurde, wandelt sich zum Menschen, und zwar zum revolutionären Menschen, zum Titanen. Dies aber mit dem Augenblick, wo er in Gegensatz zu neuen Göttern tritt, und zwar zu einer besonderen Art von ihnen. Es sind die Götter, unter deren Zeichen die Menschen ihrer Freiheit beraubt und in Sktaverei 1 Hierüber Bachose», Mutterrecht, Seite 13:„Alle Blutsverwandten haben gemeinsamen Besitz. Herrscher ist der Aelteste. Eine Frau haben alle. Wer zuerst kömmt, geht hinein und wohnt ihr bei... So find alle untereinander Brüder... Auf Ehebruch steht der Tod. Ehebrecher ist der eines anderen Geschlechts." Nr. 9 Die Gleichheit und Knechtschaft gezwungen werden. Sonst könnte man auch sagen, daß Prometheus, indem er sich der neuen Ordnung widersetzt, kein Revolutionär, sondern ein Reaktionär wäre. Denn an und für sich ist die Ablösung eines alten Gesellschaftszustandes durch einen neuen eine Revolution, eine Umwälzung und bedeutet einen Fortschritt in der Entwicklung des Ganzen, mögen auch die einzelnen gerade Lebenden und von den Stürmen und Kämpfen einer solchen Umwälzungsperiode Getroffenen sie nicht als Fortschritt empfinden. Im allgemeinen gilt es, daß, wer sich der notwendigen Entwicklung widersetzt, ein Reaktionär ist. Aber in diesem besonderen Falle handelt es sich um die Verdrängung einer freiheitlichen Organisation der Gesellschaft durch ein System der Tyrannei, der Klassenherrschaft und Unterjochung. Und des Prometheus Widerstand richtet sich nicht gegen die notwendige Entwicklung, sondern gegen die Unterdrücker. Prometheus steht also nicht als Revolutionär einem Reaktionär gegenüber, ebensowenig kann er selbst Reaktionär sein, denn er bekämpft nicht das Neue überhaupt, sondern nur die besondere Form, in der es ihm entgegentritt, die Form der Knechtschaft. Er wendet sich als Unterdrückter gegen den Unterdrücker. Dafür, daß er den neuen Machthabern sich widersetzt, daß er den Menschen gegen sie helfen will, wird er bestraft. Er fann erst erlöst werden, wenn der Gegensatz zwischen ihm und den neuen Göttern aufgehoben ist, das heißt, wenn die Macht des Zeus, also der neuen Gesellschaftsordnung, so fest begründet erscheint, daß die Titanen, das heißt Prometheus oder die Unterdrückten feinen Widerstand mehr leisten können. Also erst ,, mit dem Willen des Zeus", durch Herakles, den sich unterwerfenden Menschen, den Sohn des Zeus, der neuen Ordnung, fann Prometheus von seinen Qualen erlöst werden. Ebenso wie die Sage vom Feuerraub konnte auch die Jdee von der Erlösung des Prometheus, die sich daran knüpft, erst auf griechischem Boden entstehen, auf dem Boden der Klassen herrschaft. Zur Zeit der Gentilverfassung sind es lebens- und schaffensfrohe Naturgötter und-göttinnen, mit deren Dasein und Walten die Menschen sich die für sie bedeutungsvollen Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens erklären: Werden und Vergehen, Geburt und Tod usw. Mit dem Auftreten der Klassenherrschaft beginnen aber gesellschaftliche Mächte ihren unheimlichen Einfluß auf das Leben. Unheimlich dünken diese Mächte und ihr Walten, weil ihre Ursache den Menschen noch unerkennbar ist, weil ihre unheilvollen Folgen, das Elend der Unterdrückten, die die große Mehrzahl bilden, wohl fühlbar, aber unerklärlich sind und gerade darum den Charakter der Götterwelt und der Mythen beeinflussen müssen. Die Erlösungsidee muß in den Mythus hineinkommen, als natürliche Reaktion gegen diese unberechenbaren Mächte, gegen die Unterdrückung; fie bildet sich mit der Erkenntnis, daß Troß und Auflehnung gegen die Unterdrücker das Massenelend nicht aus der Welt schaffen, daß die Menschen ohnmächtig sind gegen die gesellschaftlichen Mächte, die es hervorrufen. In der kommunistischen Gesellschaft gab es noch nicht solche übel und Dualen, aus denen heraus sich die Menschen nach Erlösung sehnten. Wie ich schon andeutete, hat man von verschiedenen Seiten versucht, einen rein ideologischen Zusammenhang zwischen dieser Erlösungsidee und der christlichen zu konstruieren, von einer allgemein menschlichen Schuld zu sprechen, von der die Mensch heit in dem einen Falle durch Herakles, im anderen durch Christus erlöst werden soll. Davor muß man sich hüten. Beide Erlösungsideen haben nur das miteinander gemein, daß beide erst unter der Einwirkung der Klassenherrschaft sich bilden fonnten. Davon aber ist bei keinem Schriftsteller die Rede. 1 Also erst im griechischen Kulturkreis, wo schon früh Warenproduktion und Warenhandel sich entwickelten, wo damit der Übergang aus der Gentilverfassung und ihrem Mutterrecht zur Staatsverfassung und dem Vaterrecht einsetzte und alle jene Zum Beispiel bei Welder. Auch Wolzogen in seiner Einleitung spricht bon Herakles als von dem Heiland..., welcher die Pforte der Freiheit öffnete, durch die Vereinigung der gefallenen Menschen mit dem gnädigen Gott" 135 übelstände hervorrief, von denen in der Prometheussage berichtet wird, konnte die Vorstellung von dem Feuerraub des Prome theus, seiner Bestrafung und Erlösung sich bilden. Erst als der urwüchsige Kommunismus in der Klassenherr schaft seine Auflösung fand, konnte in der Gestalt des Feuer erzeugers der Typus des revolutionären Menschen, der erste Revolutionär geschaffen werden. III. Der Prometheus des Aeschylos. Biel schärfer als in der Erzählung des Hesiod tritt in dem Prometheus des griechischen Dramatikers Aeschylos der Zu sammenhang hervor, den seine Darstellungsweise und seine Anschauungen mit der Entwicklung der griechischen Kultur haben. Was bei Hesiod nur in verworrenen und dunklen Zügen zum Ausdruck kommt, ist bei Aeschylos flare Erkenntnis, die, in großen und scharfen Umrissen ausgedrückt, der Wiedergabe der Sage eine besondere Wucht gibt. In voller, bewußter revo lutionärer Kraft steht Prometheus hier vor uns. Auch die Ver söhnung der Gegensätze am Schlusse, die Erlösung des Prometheus wird klarer begründet. Aeschylos hat die Sage von Prometheus in einer Trilogie ( einem Kunstwerk in drei Teilen) behandelt, dem feuerbringenden, dem gefesselten und dem befreiten Prometheus. Nur der mittlere Teil ist erhalten, der gefesselte Prometheus; aber wir erfahren darin so viel über die beiden anderen Teile, daß wir daraus ihren Inhalt erkennen können. " Aeschylos führt die Gestalt der Themis( die Göttin des Rechts und der Sitte, später auch die Mutter des Zeus) als Mutter des Prometheus neu in den Mythus ein. Damit drückt er weit schärfer noch als Hesiod aus, daß wir in Prometheus den Ver treter der mutterrechtlichen Organisation der Gesellschaft, den Freund und Beschützer der mit ihr Unterdrückten vor uns sehen. Nach Bachofen gehört Themis zu den mütterlichen Mächten: Das stoffliche Muttertum gestaltet sich zur Idee einer höheren stofflichen Ordnung, der ältesten ins Naturale. Die Naturmütter werden die Trägerinnen der ersten menschlichen Ord. nungen, über deren Beachtung sie wachen, deren Verlegung sie strafen." Es ist auch bezeichnend, daß Themis, die MutterGöttin, die Vertreterin der friedlichen mutterrechtlichen Ent wicklung, nach dem Siege des Zeus durchaus nicht revolutionär, sondern zur Versöhnung mit dem Sieger geneigt ist. Nach ihrem Willen steht Prometheus erst auf der Seite des Zeus, da die Titanen seinen Rat nicht hören, mit Lift die Olympier zu überwinden. Als aber Zeus eine neue Ordnung einführen und das bisherige Menschengeschlecht, weil es roh und tierisch sei, ausrotten will, um ein besseres zu schaffen, widersetzt sich ihm Prometheus, der Freund der Menschen; er bringt ihnen das dem Hephästos entwendete Feuer.( Hephästos, der Sohn des Zeus, verförpert ursprünglich die vulkanische Kraft des Feuers und ist später der göttliche Schmied, der im Olymp seine Werkstatt hat.) 2 Hesiod rechtfertigte den Feuerraub des Prometheus nur damit, daß Zeus den Menschen das Feuer genommen hätte als Strafe für Prometheus' Betrug. Dagegen ist die Begründung des Aeschylos viel klarer und verständlicher und drückt schärfer aus, daß es sich dabei um die Verdrängung einer sich auflösenden Gesellschaftsordnung durch eine neue handelt: Zeus will das alte Geschlecht ausrotten, um ein besseres zu schaffen. Mit dem Feuer bringt Prometheus den Menschen die Kunst, lehrt sie die Schiffahrt und die Heilkunst und führt sie zu höherer Bildung. Zeus läßt das Menschengeschlecht nun bestehen, den Brometheus aber bestraft er für seine Widersetzlichkeit. Er läßt ihn durch Hephästos und seine Diener Kratos und Bia( Ge walt und Stärke) an einen Felsen im wilden Skythenland an schmieden. Okeanos und die Okeaniden kommen heran und raten dem Gefesselten zur Unterwerfung unter die Obmacht des 1 Mutterrecht, S. 65. • Siehe über den friedlichen Charakter der Entwicklung besonders lange kommunistisch organisierter Völker: Bachofen, Das lytische Volt, Seite 40 bis 45. 136 Die Gleichheit Beus. Okeanus ist auch ein Sohn des Uranos und der Gäa. Er ist der älteste der Titanen, der mit seiner Gemahlin Thetis breitausend Okeaninen( Okeaniden) erzeugt. Er ist einer der Titanen, die sich dem Zeus unterworfen haben. Okeanos und bie Okeaniden begründen ihren Rat mit diesen Worten: " Ja, neue Herren fitzen Nun im Olymp am Ruder, rechtlos richtet Nach neuen Rechten Zeus, und der Titanen Ehrwürd'ge Urgesetze löscht er aus." 1 Diese Verse laffen erkennen, wie auch Aeschylos dem Kampfe zwischen den Göttern und Titanen den Charakter jener sozialen Rämpfe aufdrückt, deren Hauptstürme das griechische Volk zu seiner Zeit schon längst hinter sich hatte, die aber der Dichter vielleicht gerade, weil sie so weit zurücklagen, um so klarer überschauen und darstellen konnte. Die Titanen erscheinen auch hier als die Vertreter der altehrwürdigen, wenn auch rohen Kultur, die den Olympiern, den Göttern der neuen Ordnung, des neuen Rechts und Gesetzes im Kampfe um die Herrschaft unterlegen sind. In den Wechselreden zwischen den Okeaniden und Prometheus offenbart sich dann der urwüchsige Trotz des Titanen in mächtigen, revolutionären Worten. In scharfen Gegensatz tritt er zu den ängstlichen unterwürfigen Einwendungen des Okeanos und der Okeaniden. Sie haben sich in ihr Schicksal ergeben, erfennen die Macht des Zeus an und sehen ihr höchstes Glück in der Hoffnung, die Prometheus als besonderes Heil den Menschen geschenkt hat. In Aeschylos' Auffassung von Prometheus als dem Erzeuger der Hoffnung spiegelt sich vielleicht die Reaktion wieder, die im menschlichen Geiste gegen die Pandora, die Verkörperung der Furcht und des Abscheus vor den übeln der neuen Gesell schaftsordnung, entstehen mußte, und die in der Hoffnung ihren notwendigen Gegensatz und Ausgleich findet.( Forts. folgt.) Die Gründung des Zentralverbandes für Hausangestellte. Einen erfreulichen Fortschritt hat die junge Dienstbotenbewegung zu verzeichnen. Die Gründung eines Zentralverbandes für Haus angestellte ist beschlossene Sache. Die Konferenz, welche von der Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands für den 17. Januar nach Berlin ins Gewerkschaftshaus einberufen worden war, hat zu diesem guten Ergebnis geführt. Zur Konferenz waren aus folgenden Städten Delegierte von den Vereinen der Hausangestellten erschienen: Berlin, Bremen, Breslau, Frankfurt a. M., Ham. burg, Hannover, Kiel, Leipzig, Lübed, Mannheim, Mün chen, Nürnberg, Stuttgart. Aus Heidelberg nahm nur ein Bertreter des Gewerkschaftskartells an der Konferenz teil. Die Kar telle der genannten Orte waren ebenfalls zur Beteiligung an der Konferenz eingeladen worden und mit wenigen Ausnahmen ver treten. Das gewertschaftliche Frauenagitationsfomitee hatte Frau Boenig und Frau Ihrer entsandt. Für die Fünf- Städte- Frauen fommission waren Luise Zieß und Jda Baar, vom Arbeiterinnens sekretariat Jda Altmann und Gertrud Hanna anwesend. Die Generalfommission war stark vertreten. In einer Begrüßungsansprache bemerkte Genosse Legien, die Konferenz stehe vor einer sehr bedeutungsvollen Aufgabe. Gerade unter den Dienenden stellten sich der Organisation große Schwierig teiten entgegen. Durch die lokalen Vereine in den verschiedenen Städten sei für eine einheitliche Organisation der Hausangestellten bereits eine Unterlage gegeben. Man dürfe hoffen, daß es gelingen werde, diese Vereine weiter auszubauen und neue erstehen zu lassen, um in absehbarer Zeit eine Organisation der Hausangestellten zu schaffen, die mit und neben den anderen Arbeiterverbänden eine wirkjame Tätigkeit entfalten könne. Dazu bedürfe es allseitiger ernster und eifriger Mitarbeit.( Beifall.) In das Bureau, welches aus den Mitgliedern der General Tommission Legien, Bauer und Sassenbach gebildet wurde, wählte die Konferenz noch Fräulein Grünberg- Nürnberg als zweite Vorsitzende und Frau Kähler- Hamburg als zweite Schriftführerin. Die Tagesordnung der Konferenz lautete: 1. Gründung eines Zentralverbandes der Hausangestellten. 2. Beratung des Aeschylos, verdeutscht von Hans v. Wolzogen, Erster Band: Der ge feffelte Prometheus, Seite 80.( Reclam.) Nr. 9 Statuts. 8. Beratung über Herausgabe einer Verbandszeitung. 4. Wahl des Vorstandes. Das einleitende Referat zum ersten Punkte der Tagesordnung übernahm Genosse Bauer. Der noch sehr jungen Dienstboten bewegung, so führte er aus, ist von den Gewerkschaften große Aufmerksamkeit gewidmet worden. Im Oftober 1906 hat die General tommission durch ein Rundschreiben die Kartelle aufgefordert, an dem Aufbau von Organisationen für die Hausangestellten mitzuwirken. Im Mai 1907 erging abermals eine Aufforderung an die Kartelle, in recht reger Weise sich der jungen Bewegung anzunehmen. Und dieser Aufforderung wurde Folge geleistet. In 13 Städten wurden Vereine von Hausangestellten gebildet. Die außerordentliche Frauenkonferenz, die gelegentlich des Preußentags im November 1907 in Berlin stattfand, beschloß die Zentralisation der Bewegung im Prinzip und wählte eine Fünf- Städte- Kommission( 22 Städte Diese Kommission trat im Januar 1908 in Hamburg zusammen waren dort vertreten), um die nötigen Vorarbeiten zu erledigen. und beschloß, sich mit der Generalfommission in Verbindung zu setzen. Eine gemeinschaftliche Sigung fand im Mai 1908 statt. Der letzte Gewerkschaftsfongreß in Hamburg beschäftigte sich eben falls mit der aufgerollten Frage und beauftragte die Generalfommission, Schritte zur Vereinheitlichung der Dienstbotenvereine zu unternehmen. Eine Umfrage, die im Oktober 1908 vorgenommen wurde, ergab, daß in 18 Städten Vereine von Dienstboten mit zufammen 5711 Mitgliedern bestehen. Eine Unterlage für eine Zentralisation ist damit gegeben. Die Generalfommission ist bereit, ihre Unterstützung zu gewähren und größere Mittel zu bewilligen, um der Bewegung vorwärts zu helfen. Der Redner ging dann auf die bestehenden Rechtsverhältnisse in bezug auf die Organi fationsfrage ein. Er unterzog die verschiedenen Gesindeordnungen in deutschen Staaten einer scharfen Kritik und gab zum Schluß der überzeugung Ausdruck, daß es mit der Unterstützung der gesamten Arbeiterschaft gelingen werde, die Gesindeordnungen zu überwinden und modernen Anschauungen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Eine Diskussion fand nicht statt. Einstimmig wurde die Grün. bung eines Zentralverbandes derHausangestellten Deutschlands beschlossen. Es folgte die Beratung des Statuts. Auf Antrag Legiens fam eine Reihe grundlegender Fragen zuerst zur Beratung. Lebhaft diskutiert wurde darüber, ob auch die männ lichen Hausangestellten zur Mitgliedschaft zugelassen werden sollten. Nur vereinzelt haben die Dienstbotenvereine männliche Mitglieder aufgenommen. Die Konferenz entschied dahin, daß männliche und weibliche Mitglieder aufgenommen werden fönnen. Als Zweck des Verbandes wurde festgelegt die Förderung der wirtschaftlichen und geistigen Interessen seiner Mitglieder. Dies Ziel soll erreicht werden durch die Einwirkung auf die Gestaltung des Dienstvertrags, Gewährung von Krantenunterstützung und Rechtsschutz, Errichtung kostenloser Stellennachweise für die Mitglieder, obligatorische Lieferung des Verbandsorgans und Pflege der Geselligkeit und der Solidarität durch Abhaltung regelmäßiger Bersammlungen und Veranstaltung aufklärender Vorträge. Ein Antrag, ein Eintrittsgeld von 20 Pf. zu erheben, fand Annahme. Als monatlicher Beitrag wurde 40 Pf. festgesetzt. Wo jett höhere Beiträge erhoben werden, soll der Überschuß als Lokal beitrag gelten. Als Kranten unterstützung zahlt der Verband nach einjähriger Mitgliedschaft bis zu 18 Mt., und zwar pro Woche 3 Mt. von der zweiten Woche der Krankheit an; bei zweijähriger Mitgliedschaft erhöht sich die Unterstützung bis zu 21 Mt. Freier Rechtsschutz wird den Mitgliedern nach drei Monaten Mitgliedschaft in Streitigkeiten gewährt, die aus dem Dienstverhältnis ent springen. In bezug auf den Stellennachweis hatte die Generalfom mission vorgeschlagen, daß die einzelnen Ortsgruppen mit der Zu stimmung des Verbandsvorstandes Stellennachweise errichten können, sofern nicht am Orte ein städtischer Arbeitsnachweis vorhanden ist, dessen Einrichtungen den von der Arbeiterschaft zu stellenden Ansprüchen genügen, und auf dessen Verwaltung bers selben Einfluß zusteht. Die Diskussion über diesen Vorschlag zeigte, daß großes Mißtrauen gegen die städtischen Nachweise vor handen ist, die fast nirgends den Anforderungen der Organisationen auch nur annähernd entsprechen. Wo die Dienstbotenvereine eigene Stellennachweise errichtet haben, sind zufriedenstellende Resultate erzielt worden. Genoffin Zieg meinte, daß selbst da, wo der Organisation ein größerer Einfluß auf den städtischen Arbeitsnachweis zugestanden würde, der eigene Nachweis eine unbedingte Not wendigkeit für den Fortschritt der Organisation sei. In Hamburg habe man die besten Erfolge damit erzielt; der Nachweis sei geradezu eine Vorbedingung und das Rückgrat einer tüchtigen Organisation. Nr. 9 Die Gleichheit Als Mittel der Agitation unter den Dienstmädchen sei der eigene Nachweis nicht zu entbehren. Die Konferenz entschied sich für den Borschlag der Generalfommiffion mit dem Zusatz, daß die städtischen Nachweise auch den Ansprüchen der Verwaltung des Verbandes genügen müßten. Zur Frage des Verbandsorgans lagen verschiedene Anträge vor. Bon Hamburg wurde beantragt, die„ Gleichheit" einzuführen; der Berliner Verein trat für die jetzt bestehende und in elf Städten verbreitete Monatsschrift der Berliner Organisation ein. Die Generalkommission beantragte, der Verband folle das Berliner Drgan übernehmen und als Verbandszeitung obligatorisch einführen. Genoffin Ziez trat für die„ Gleichheit" ein, die eventuell ein eigenes Beiblatt für die Dienstboten herausgeben könne, um damit den Ansprüchen des Verbandes zu genügen. Genosse Bauer erklärte, daß man aus Zweckmäßigkeitsgründen auf ein eigenes Fachorgan nicht verzichten könne. Genossin Baar wünschte, die einzelnen Orte, besonders Hamburg, möchten sich die„ Gleichheit" durch Erhebung eines Lofalzuschlags erhalten. Die Konferenz nahm den Antrag der Generalkommission an. Die Zeitung erscheint als Fortsetzung der Berliner Monatsschrift und führt auf Antrag des Mannheimer Vereins den Titel Zentralorgan des Verbandes der Hausangestellten Deutschlands". Die Zeitung wird in Berlin herausgegeben, dem Siz des Verbandes, sie wird von deren Vorfizzende redigiert. Als Vorsitzende wurde Genoffin Baar gewählt. Mis Sitz des Ausschusses bestimmte die Konferenz Hamburg und als Vorsitzende des Ausschusses Genossin Kähler. Die Bestim mungen für den Verband treten am 1. April in Kraft. Die Statuten wurden im übrigen, wie von der Generalfommission vorgeschlagen, angenommen. Zum Schlusse wurde noch die Notwendigkeit der Mitwirtung der Gewerkschaftskartelle bei der neuen Organisationsarbeit betont und der Wunsch ausgesprochen, daß die Kartelle Einrichtungen treffen, um stellenlosen oder reisenden Mädchen Unterkunft zu gewähren. Nach furzen Ansprachen der beiden Vors fizenden hatte die Konferenz ihr Ende erreicht. Die beschlossene Zentralisation weist den Genoffinnen die Aufgabe zu, im Einvernehmen mit den Gewerkschaftskartellen eifrigst für die Ausdehnung und den Ausbau der Dienstbotenorganisation weiterzuarbeiten. Die Gründung des Verbandes, durch welche die organisierten Hausangestellten in aller Form der großen allgemeinen Bewertschaftsorganisation des deutschen Proletariats eingegliedert werden, muß der Ausgangspunkt einer kraftvollen Bewegung zum Wohle der Dienenden sein. Kongreß der Tabakarbeiter Deutschlands. Bu einem mächtigen Protest gegen die geplante Belaffung der Tabatindustrie hatten sich die Tabatarbeiter Deutschlands im BerItner Gewerkschaftshaus zusammengefunden. 345 Delegierte, darunter 6 weibliche, vertraten 168245 Arbeiter und Arbeiterinnen aus 758 Drten. Unter den Delegierten, die sich versammelt hatten, um noch in letzter Stunde den bürgerlichen Abgeordneten das Gewissen zu schärfen, waren auch 6 Vertreter der Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine, sowie 3 Vertreter der Lithographen und 3 Vertreter des Buchbinderverbandes, da die Arbeiter und Arbeiterinnen der bes treffenden Gewerbe durch eine Schädigung der Tabafindustrie in Mitleidenschaft gezogen werden würden. Genoffe von Elm erstattete ein tatsachenreiches Referat, das mit zwingender Kraft den Protest der Tabalarbeiterschaft gegen die brohende Belastung begründete. Seine Ausführungen wurden in wirksamster Weise durch die Debattenreden ergänzt und unters strichen. Gestützt auf die furchtbaren Erfahrungen, welche die Arbeiterschaft infolge der Besteuerung des Tabats im Jahre 1879 gemacht hat, wurde festgestellt, daß die Durchführung der geplanten Steuer die Existenz von 50000 bis 60000 Arbeitern schwer schädigen, fa vernichten würde. Die Tabaffteuer von 1879 hat bewirkt, daß bie Fabrikation aus den Hauptorten der Tabakindustrie, Hamburg, Bremen usw., zum großen Teile auf das Land in Westfalen und Süddeutschland verlegt wurde, weil da die Arbeitslöhne niedriger waren. Dieselbe Tendenz zur Verlegung der Betriebe in rückstänbige Gegenden ist auch jetzt vorhanden. Durch Ziffern wurde widerlegt, was der Reichsschatsekretär am 19. November 1908 im Reichstage behauptet hatte: nämlich, daß die Verschiebung der Tabak arbeiterschaft von Nord nach Süd in den letzten 20 Jahren nur 7 Prozent betrage. Tatsächlich ist die Tabatarbeiterschaft in Nordbeutschland um 25,6 Prozent zurückgegangen, in Süddeutschland aber um 188,3 Prozent gestiegen. Auch nach Often wandert in den legten 137 Jahren die Tabatindustrie immer mehr, weil dort die Arbeitskraft billiger, die Arbeiterschaft noch indifferent und wenig organisiert ist. Treten weitere Verschiebungen der Sitze der Tabakindustrie ein, so wird die Lebenshaltung der Arbeiter um 60 bis 100 Prozent herabgedrückt werden. Die Fabrikanten führen außerdem zweifellos neue Maschinen ein oder vergeben die Arbeit aufs Land als Heimarbeit. Die dadurch brotlos gemachten Arbeiter und Arbeiterinnen der Tabakindustrie werden nicht sofort und nicht leicht in einem anderen Industriezweige Beschäftigung finden. Ganz besonders gilt dies von der nicht geringen Anzahl schwächlicher und kränklicher Personen, die in der Tabakindustrie einen Unterschlupf gesucht haben. Die Delegierten der Arbeiter und Arbeiterinnen von verschie denen Branchen und Nebengewerben der Tabakindustrie wiesen nach, wie unheilvoll die geplante Mehrbesteuerung auf diese wirken müsse. Im Namen der Zigarrensortierer fonstatierte zum Beispiel Arnold Altona, daß durch die Banderolesteuer diesem ganzen Berufe Vernichtung drohe. Der Vertreter der Zigarettenarbeiter und arbeiterinnen Schmid- Dresden bewies durch reiches statistisches Material, daß zufolge der 1906 eingeführten BanderolenSteuer die Fabrikanten Filialbetriebe auf dem Lande errichtet haben, um die Löhne zu senken, und daß Maschinen an Stelle des Handbetriebes getreten seien. 10000 Arbeiter und Arbeiterinnen find brotlos gemacht worden oder müssen sich mit niedrigen Löhnen begnügen. Die Empörung gegen die drohende Steuer ist besonders groß in Westfalen. Dort sind 30000 Arbeiter in der Tabat industrie beschäftigt, etwa 100000 Familienangehörige hängen von ihnen ab und würden bei einer weiteren Belastung des Tabats dem schwersten Elend preisgegeben sein. Um ihren Protest recht eindringlich zu gestalten, hatte die westfälische Arbeiterschaft allein 100 Vertreter gesandt. Alle Delegierten, die das Wort ergriffen, darunter auch Frau Liebert Dresden, zeichneten erschütternde Bilder von der Lage der Tabatarbeiter und-arbeiterinnen, für die Hungerlöhne und ungesunde Arbeitsbedingungen die Regel sind. Wir behalten uns vor, auf das wichtige Material ausführlich ein zugehen, das der Kongreß der Öffentlichkeit unterbreitet hat. Fast einstimmig hoben die Debattenredner hervor, daß die bürgerlichen Abgeordneten der Bedeutung der Tabaksteuer für die Arbeiterschaft verständnislos oder gleichgültig gegenüberstehen, so daß von ihnen eine tatkräftige Abwehr der Regierungspläne faum zu erwarten sei. Einstimmig wurde die folgende Resolution angenommen, die den Reichstagsabgeordneten nebst einer kleinen Denkschrift überreicht werden soll: Der vom 18. bis 20. Januar in Berlin im Gewerkschaftshaus tagende Kongreß der Tabalarbeiter Deutschlands und der in den Hilfsindustrien der Tabakbranche beschäftigten Arbeiter, auf welchem durch 345 Delegierte aus 758 Orten 168245 Arbeiter vertreten sind, erblickt in der von der Regierung vorgeschlagenen Tabakverbrauchs Steuer eine schwere Schädigung der gesamten Industrie. Nach den Erfahrungen in anderen Ländern hat dort die Bandes rolensteuer die Entwicklung der Industrie gehemmt; in Rußland find von einer Zigarrenindustrie überhaupt faum bemerkenswerte Anfänge vorhanden; in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist die Industrie in ihrer Entwicklung gegenüber Deutschland um zirfa 30 Prozent zurückgeblieben. Bei der von der Regierung vor geschlagenen prozentual weit höheren Belastung der Industrie als in Amerita müßte die Wirkung, namentlich in der jezigen Periode der Krisis, für die Arbeiter eine furchtbare sein. Der Tabalarbeiterfongreß spricht sich auch mit derselben Entschiedenheit gegen eine Erhöhung des Zolles auf ausländischen Rohtabat und der Inlandsteuer aus. Die Wirkungen einer Zoll und Steuererhöhung in irgend einer Form würde für die Arbeiter der Industrie genau so schlimm sein wie die Einführung der Banderolensteuer. Da der Tabat fein Nahrungsmittel, sondern ein Genußmittel ist, würde sich eine Mehrbelastung der Industrie durch eine Zollund Steuererhöhung weit mehr noch, als dies bei Nahrungsmitteln der Fall ist, in einem Rückgang des Konsums geltend machen. Genau wie nach der Zollerhöhung von 1879 würden wiederum Zehntausende von Arbeitern brotlos gemacht werden; die in Arbeit verbleibenden Arbeiter müßten bei verminderter Arbeitszeit arbeiten und könnten sich eines Lohndruckes, der durch das enorme Angebot von Arbeitslosen begünstigt würde, nicht erwehren. Die Zollerhöhung von 1879 hat dazu geführt, daß die Arbeiter nicht imstande waren, sich, wie die übrigen Arbeiler Deutschlands, einen auskömmlichen Lohn für ihre gesundheitsschädliche Arbeit zu erringen. Nach den Feststellungen sämtlicher gewerblichen Berufsgenossens schaften betrug der Verdienst eines Bollarbeiters im Jahre 1906 138 Die Gleichheit 1027,59 M. Dagegen erreichte in demselben Jahre der Durchschnittsverdienst eines Vollarbeiters in der Tabak- und Zigarrenindustrie nur die Höhe von 574,75 Mt., das heißt, die Tabakarbeiter sind um 44 Prozent ungünstiger gestellt als die übrigen Arbeiter Deutschlands. Von dem Segen der letzten Hochkonjunktur haben die Tabatarbeiter wenig zu fosten bekommen für das Jahr 1900 betrug nämlich der Durchschnittsverdienst eines Boll arbeiters im allgemeinen 896,59 Mt., der Durchschnittsverdienst eines Tabatarbeiters 541,08 Mt. Während sich in der Periode der Hochkonjunktur der Industrie der Durchschnittsverdienst im allgemeinen um 131 Mt. pro Arbeiter steigerte, stieg er bei den Tabatarbeitern nur um 33,67 Mt. Bei den so außerordentlich trüben Erwerbsverhältnissen der Tabatarbeiter, vor allem aber angesichts der in der Tabakindustrie so zahlreich beschäftigten Krüppel und schwächlichen Personen, die in feiner anderen Industrie Arbeit finden könnten, würde es geradezu eine grausame Härte sein, wenn der Reichstag durch Zustimmung zur Banderolensteuer oder irgend einer anderen Zollund Steuererhöhung andauernd große Arbeitslosigkeit für diese. armen Arbeiter bewirken und damit zu einer weiteren Verschlechte rung ihrer Erwerbsverhältnisse beitragen würde. Der Tabatarbeiterkongreß erwartet aus den hier angeführten Gründen, daß der deutsche Reichstag nicht nur die Regierungsvorlage, sondern jeglichen Vorschlag auf eine Mehrbelastung der Industrie durch erhöhte Zölle oder Steuern ablehnen wird. Schließlich richtet der Tabatarbeiterkongreß an die deutsche Reichsregierung, an den Bundesrat und an den Reichstag das dringende Ersuchen, im Interesse der in der Industrie tätigen zirka 200000 Arbeiter die Tabakindustrie vor den fortgesetzten Beuns ruhigungen durch immer neue Steuerprojekte zu bewahren. Der Tabatarbeiterfongreß protestiert auf das entschiedenste bagegen, daß die in der Tabakindustrie beschäftigten Arbeiter, die, wie oben nachgewiesen, zu den mit am schlechtest entlohnten Arbeitern gehören, noch neben den direkten und indirekten Steuern, durch welche sie verhältnismäßig in gleicher Weise zur Erhaltung bes Reiches beitragen wie alle übrigen Reichsangehörigen, auch noch darüber hinaus das Opfer der Existenz bringen sollen." W.K. Aus der Bewegung. Zur Beachtung! Den Grundfäßen entsprechend, welche für die in Nürnberg beschlossene gemeinsame politische Organisation der Genossinnen und Genossen gelten, haben die Genofsinnen nicht mehr einen eigenen Agitationsfonds. Die Gelder, die sich am Schlusse des Jahres 1908 noch in den Händen der Unterzeichneten befanden, sind daher an den Kassierer der sozialdemokratischen Partei abgeliefert worden. Der Ablieferung ist eine genaue Prüfung aller Einnahmen und Ausgaben durch drei Revisorinnen vorangegangen, durch die Genossinnen Wurm, zweiter Berliner Wahlkreis, Dölt, vierter Wahlfreis, Lohse, sechster Wahlkreis. Dem Parteikassierer wurde der Raffenbestand im Betrage von 413 Mt. 24 Pf. übergeben. Die bei der Deutschen Bant deponierte Summe von 5413 Mt. 10 Pf., die für die Zwecke der proletarischen Frauenbewegung bestimmt ist, wurde ebenfalls auf den Parteikassierer übertragen. Mit Parteigruß Ottilie Baader. Von der Agitation. Zu den am schwersten für die Organifationsidee zu gewinnenden Arbeiterkategorien gehören die An gestellten der Sanatorien und Irrenhäuser. Unter ihnen sind die Frauen in der Mehrzahl, die ja bekanntlich besonders zäh am Althergebrachten hängen und daher auch nur langsam für den Gedanken des Zusammenschlusses zugänglich werden. Daß jedoch auch hierin eine allmähliche Wandlung vor sich geht, haben die in dieser Hinsicht am niedrigsten eingeschätzten Dienstmädchen in den letzten Jahren durch ihre fortschreitende Organisierung bewiesen. Leider ist ein gleich erfreuliches Resultat von den Angestellten der städtischen Sanatorien und Irrenhäuser nicht zu verzeichnen, trog der regen Agitation, die seit zirka fünf Jahren in Hamburg der Staats- und Gemeindearbeiterverband unter ihnen entfaltet. Gleich den Dienstmädchen sind diese Angestellten der Gesindeordnung unterworfen. Sie unterstehen außerdem einer Haus ordnung und einem Hausgericht" und sind einer täglichen, ja stündlichen drückenden Kontrolle ihrer Vorgesetzten und der von diesen Beeinflußten ausgesetzt. Die gänzliche Aussichtslosigkeit, ihre Tätigkeit in einen Beruf umzuwandeln, der ihnen Bes friedigung und eine Existenz gewährt, gibt die Erklärung für die Interesselosigkeit der Angestellten ihrer Lage gegenüber und Nr. 9 für den Mangel an Solidarität und Klassenbewußtsein. Um die Angestellten aus ihrer verderblichen Gleichgültigkeit wieder einmal aufzurütteln, um ihnen ihre Pflicht, sich selbst und der ge samten Arbeiterschaft gegenüber, vor Augen zu halten, und vor allem, um ihnen das Ziel wieder ins Gedächtnis zu rufen, das sie sich stecken müssen: ihre Arbeit zu einer wirklichen Berufstätigkeit zu gestalten durch die Erkämpfung von Reformen auf der Basis bundesrätlicher Erlasse und durch ihre Unterstellung unter die Reichsgewerbeordnung, hielt der Staats- und Gemeindearbeiter verband am 6. Januar d. J. für alle Angestellten der städtischen Kranken- und Irrenhäuser eine öffentliche Versammlung in Winter. hude ab, in der Genoffin Brandenburg über das Thema referierte: ,, Was ist Solidarität?" Der Vortrag wurde mit Verständnis aufgenommen, wie die Diskussion ergab. Leider waren wenige der internen Angestellten erschienen, an die in erster Linie der Ruf ergangen war. Doch, kein Baum fällt auf einen Hieb. Die Früchte unermüdlicher Agitation werden nicht ausbleiben. Helene Brandenburg. Gmünd. Am 10. Januar fand hier eine öffentliche Frauenversammlung statt, in der Genossin Selinger über das Thema referierte:„ Die Frau in Knechtschaft und Freiheit". An der wirt schaftlichen und sozialen Stellung der Proletarierinnen und der Frauen der besitzenden Klasse zeigte die Rednerin, daß das weibliche Geschlecht nicht eine einheitliche geschlossene Masse bildet. Der Gegensatz zwischen der ausgebeuteten und der ausbeutenden Klasse tommt auch in den Emanzipationsbestrebungen des weiblichen Ges schlechts zum Ausdruck. Die Frauen der besitzenden und herrschenden Klasse fordern wohl die Gleichstellung von Mann und Weib, aber sie wollen die Ausbeutungs- und Herrschaftsmacht ihrer Klasse erhalten. Solange aber diese Macht besteht, wird die große Mehrzahl der Frauen sozial gefnechtet und elend bleiben. Die Proles tarierinnen wissen, daß die Befreiung des gesamten weiblichen Ge schlechts nur möglich ist durch die Befreiung ihrer Klasse von Ausbeutung und Unterdrückung. Gegen die kapitalistische Gesellschaft als Trägerin dieser Ausbeutung richtet sich daher der erbitterte Kampf, den sie Seite an Seite mit ihren Klassengenossen führen. Die Waffen in diesem Kampfe sind gewerkschaftliche und politische Organisation. Mit ihrer Hilfe werden sich die Frauen des Prole tariats die Rechte erringen, die ihnen als Arbeiterinnen und Staatsbürgerinnen, als Frauen und Mütter zustehen. Mit der Aufforderung an die Anwesenden, an Stelle der bürgerlichen Schundliteratur die ,, Gleichheit" und die sozialistische Tagespresse zu lesen, wurde die gut besuchte Versammlung geschlossen. Am 20. Januar tagte in Horstermark eine Frauenversammlung des sozialdemokratischen Vereins, die von vierzig Proletarierinnen besucht war. Genossin Endmann hielt ein Referat über das Thema„ Die Frau und die Politik". Sie verstand es, die Aufmerksamkeit der anwesenden Genossinnen auf ihre Ausführungen zu lenken, die mit großem Beifall aufgenommen wurden. Man sah es den Zuhörerinnen an, daß sie ihrer Ausbeutung satt sind. Sie versprachen ihrer Vertrauensperson, fräftig mitzuarbeiten an der Befreiung des Proletariats. Nach der Versammlung ließen sich mehrere Frauen in den sozialdemokratischen Verein aufnehmen. Maria Hohn. Weimar. Die weiblichen Mitglieder der Ortsgruppe des sozial demokratischen Vereins werden ersucht, am 8. Februar im Volks hause zwecks wichtiger Besprechung zu erscheinen. Ferner sei schon jezt darauf hingewiesen, daß es die Pflicht jeder Genossin ist, für einen starken Besuch der am 14. Februar stattfindenden Versammlung zu sorgen, in der Genossin Ziez- Berlin über die Frauen und die politische Lage sprechen wird. Bericht der Kinderschuhkommission für Altona- Ottensen. Das Kinderschußgejezz dämmt bekanntlich die kapitalistische Ausbeutung der findlichen Arbeitskraft nur sehr wenig ein. Aber auch der gewährte minimale Schuß bleibt fast vollständig toter Buch stabe, weil so bitter wenig getan ist zur Überwachung des gelten. den Rechts. Deshalb sind die proletarischen Frauen auch in Altona Ottensen zu einer Kinderschutzkommission zusammengetreten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an der überwachung des Kinderschuzes mitzuarbeiten. Wenn die Kommission erfährt, daß Kinder vorschriftswidrig beschäftigt werden, so macht sie die Eltern oder Arbeitgeber auf das Gesezwidrige ihres Tuns aufmerksam und sucht sie zu veranlassen, davon abzustehen. Die Eltern werden darauf hingewiesen, daß sie ihren Kindern durch die frühe Er werbstätigkeit die Jugend rauben, ihnen in ihrer törperlichen, geistigen und oft genug auch in ihrer Charakterentwicklung schaden, und daß sie sich obendrein in ihrem eigenen Fleisch und Blut Konkurrenten schaffen, die vom Unternehmertum als Lohndrücker ausgespielt werden. Nüzen diese Mahnungen nichts, so melden Nr. 9 " Die Gleichheit die Mitglieder der Kommission die einzelnen Fälle der Polizei, respektive der Gewerbeinspektion. Im Laufe des letzten Jahres sind von der Kommission eine ganze Reihe von übertretungen des Kinderschutzgesetzes festgestellt worden. Manche davon wurden durch Verwarnung der Eltern und Arbeitgeber erledigt. Es sind die folgenden: In Altona wurden bei H., Große Bergstraße, zwei Brüder im Alter von 8 und 9 Jahren beschäftigt, also unter dem vorschriftsmäßigen Alter von 12 Jahren. Ein Waisentnabe war in einer Gastwirtschaft in Ottensen bis nachts 12 Uhr und oft noch darüber hinter der Schenke tätig. Eine Kolporteurin in Altona beschäftigte ihre eigenen Kinder morgens um 6 Uhr mit Zeitungsaustragen; die gleiche Gesetzesübertretung wurde in Ottensen in mehreren Fällen festgestellt. Ein Grünwarengeschäft beschäftigte vor und nach der Schulzeit ein kleines Mädchen. In einem anderen Grünwarengeschäft wurde ein Mädchen ohne Arbeitskarte angetroffen. Gemeldet wurde auch die Firma L. Behrens, Ottensen; sie verwendete ein Schulkind bis 10 Uhr abends, in der Weihnachtszeit sogar noch während der Mittagspause. Der Fall führte zu einer gerichtlichen Verurteilung und zu 5 Mt. Strafe. Der Zeitungskolporteur Dahlgrün, Altona, mußte wiederholt gemeldet werden, da er trog Anzeige fortgesetzt Kinder unter 12 Jahren und auch solche ohne Arbeitskarte beschäftigte. Aus demselben Grunde mußte die Kolporteurin Memel- Schnoor Nachf., Altona, gemeldet werden, ferner Frau Steinle, Kolporteurin des„ General- Anzeiger", Ottensen, Bucki- Mtona und Reinte- Altona. Der Inhaber der Fi liale des General- Anzeiger" in der Reichenstraße wurde ebenfalls gemeldet, weil ein 6 und ein 7 jähriges Kind Zeitungen austrugen. Eine Brotfrau Meier- Altona hat einen Waisenknaben von 10 Jahren in Pflege, der schon des Morgens früh um 4 Uhr Brot austragen mußte. In der Tabakindustrie wurde ein 5 bis 6jähriges Kind beim Tabakstreifen angetroffen. Leider begegneten die Kommissionsmitglieder für ihre Tätigkeit nicht nur bei den Eltern und Arbeitgebern geringem Verständnis, sondern auch bei den Polizeibeamten. Wiederholt wurden die Genossinnen schroff angefahren, wenn sie mit Meldungen über gesetzwidrige Kinderbeschäftigung kamen. Verschiedentlich versuchte man sie abzuweisen oder ihnen plausibel zu machen, daß das Gesetz zu einem Einschreiten keine Handhabe biete. Nur in dem zuletzt gemeldeten Falle, wo das Kommissionsmitglied sich direkt an den Polizeikommissar gewendet hatte, war ein sofortiges Entgegenkommen zu verzeichnen. Wir sind der Meinung, daß es die einfache, selbstverständliche Pflicht und Schuldigkeit der Beamten ist, den bestehenden Gesegesvorschriften Geltung zu verschaffen. Es ist eine wichtige soziale Arbeit, die von der Kinderschutzkommission geleistet wird, und die Mitglieder können beanspruchen, daß die amtlichen Organe, die auf das wirksamste durch diese Arbeit unterstützt werden, sie auch einfichtsvoll wür bigen. Vor allem ist dringend nötig, daß die Genossinnen und Genossen die Kommission nach besten Kräften unterstützen. Einmal badurch, daß sie mitwirken, Aufklärung zu verbreiten über die Gefahren und die Schädlichkeit der Kindererwerbsarbeit, dann aber auch, indem sie alle Fälle von Kinderausbeutung den Mitgliedern der unterzeichneten Kommission sofort melden. Frau A. Heutmann, Gr. Rainstr. 1, 2. Et. Frau L. Hove, Lorensenstr. 24, 3. Et. Frau M. Knappe, Gr. Mühlenstr. 9, 2. Et. Frau H. Dehlers, Hertlosgang 4, part., sämtlich für Altona. Frau F. Schmidt, Roonstr. 5, 1. Et. Frau M. Blosfeld, Schulstr. 20, 2. Et. Frau T. Schlichting, Gr. Brunnenstr. 130, 3. Et. Frau H. Kühl, Kirchentwiete 40, part., sämtlich für Ottenfen. Aus der Jugendbewegung. Auf dem Parteitag zu Nürnberg wurde eine Resolution angenommen, die zum Zwecke der Erziehung der Arbeiterjugend im Sinne der proletarischen Weltanschauung" den Gewerkschafts- und Parteiorganisationen die Verpflichtung auferlegt, in einzelnen Orten besondere Kommissionen zu bilden, deren Aufgabe sein soll, die Bilbungsbestrebungen der Arbeiterjugend zu stützen und zu fördern. Einen Beschluß von der gleichen Bedeutung hatte der Gewerkschaftskongreß zu Hamburg gefaßt. Um die Beschlüsse aus der Theorie in die Praxis umzusehen, ist eine Zentralstelle konstituiert worden, deren Mitglieder sich aus Vertretern des Parteivorstandes, der Generalfommission und der jugendlichen Arbeiter retrutieren. Der Parteivorstand ist durch die Genossen Ebert, Müller, H. Schulz und Genossin Ziet vertreten, die General kommission durch die Genossen Legien, Sassenbach, R. Schmidt und Genoffin Ihrer, die Arbeiterjugend durch die Genossen Lüpniz, Maschte, Peters und Genossin Roede. Aufgabe der Sentralstelle ist es, die Bestrebungen zur Erziehung und Aufklärung der jungen Proletarier zu fördern und zu unterstützen. Als Träger dieser Bestrebungen im ganzen Reiche sind bekanntlich vom Partei139 tag und Gewerkschaftskongreß besondere Kommissionen gedacht, die in den einzelnen Orten gewählt werden. Diese Kommissionen haben sich mit der Zentralstelle in Verbindung zu setzen. " In Groß- Berlin hat sich bereits eine solche Jugendkommission unter dem Namen, Jugendausschuß" konstituiert. Diesem Ausschuß gehören an: fünf Vertreter der Partei, fünf der Gewerkschaften, fünf über 18 Jahre alte Vertreter der Jugendlichen, darunter ein junges Mädchen, und fünf Vertreterinnen der in Partei und Gewerkschaft organisierten Frauen. Unter dem Vorsitz des Genossen Dr. Rosenfeld hat der Ausschuß sofort mit einer kräftigen Agitation eingesetzt. Am Sonntag den 3. Januar fand im großen Saale des Gewerkschaftshauses eine Versammlung statt, die von Jugendlichen überfüllt war. Genosse Schulz sprach über:„ Das Recht der Jugend". Seine von Liebe und Verständnis für die Jugend getragenen Worte fanden bei dieser begeisterten Beifall. In den Jugendausschuß wurden aus der Freien Jugendorganisation" gewählt: Maschke, Meißner, Peters, Schiller und Lucy Schulz. Nach gründlichen Vorarbeiten konnte in der Sitzung des Jugendausschusses bereits ein Arbeitsplan vorgelegt werden, wenn auch vorläufig nur erst in seinen Grundzügen. Außer großen Ver anstaltungen, die sich an weitere Kreise der proletarischen Jugend wenden, sind noch zwei oder mehr 3yklen geplant, die je zehn Abende umfassen und ungefähr 30 Teilnehmer haben sollen. Diese Zyklen, die in verschiedenen Stadtgegenden stattfinden, werden als ersten Gegenstand Nationalökonomie behandeln. Sie sind als eine Art Unterrichtskurse gedacht; jedem Vortrag soll eine Diskussion in der Form von Frage und Antwort folgen. Neben der ersten und wichtigsten Aufgabe, dem Bildungsdrang der Jugend zu genügen, wird sich der Jugendausschuß mit der Schaf fung von Jugendheimen und Bibliotheken beschäftigen. Zurzeit fehlt es für die Jugend an beiden vollständig. Alkohol soll und darf die Jugend nicht genießen. Doch die Abstinenz erschwert ihr Zusammenkommen, denn die Wirte stellen den nur wenig oder nichts verzehrenden Jugendlichen ihre Säle nicht gern zur Verfügung. Der Jugend muß deshalb ein eigenes Heim und damit die Mög lichkeit gegeben werden, sich zwanglos versammeln zu können. Jm ,, Vorwärts" vom 30. Dezember 1908 hat Genosse Waclawiat, der dem Jugendausschuß ebenfalls angehört, beachtenswerte Winke gegeben, wie die Frage der Jugendheime und Bibliotheken eine gemeinsame Lösung finden kann. Seine Vorschläge zielen dahin, die jetzt zerstreut liegenden Gewerkschaftsbibliotheken mit ihrem reichen Material zu zentralisieren, und zwar so, daß in fünf verschiedenen Stadtteilen je eine größere Bibliothet errichtet werde, die, mit Einschluß der Lesesäle, gleichzeitig als Jugendheime dienen tönnten. Waclawiat berechnet, daß, von den einmaligen Ausgaben für die Einrichtung abgesehen, die Gesamtkosten nicht wesentlich mehr betragen würden als bei dem zurzeit vorhandenen System der Systemlosigkeit. Außerdem hebt er hervor, daß die Vorteile der Neuerung für die Arbeiterbewegung, insbesondere aber für die Jugendbewegung, zu den verhältnismäßig geringen Kosten ganz außerordentliche sein würden. Der Jugendausschuß wird sich mit diesen Vorschlägen noch eingehend beschäftigen. In anderen Städten versucht man ebenfalls, ähnliche Einrich tungen für die Jugend zu schaffen. In Görlig wurde zum Bei spiel ein Lesezimmer für jugendliche Proletarier eröffnet, dessen Benutzung natürlich unentgeltlich ist. Der Wahlverein Rüstringen ( Oldenburg) beschloß, eine Jugendorganisation ins Leben zu rufen, die vom Parteisekretär Schulz geleitet werden soll. Je ein Mitglied des Gewerkschaftskartells, des Wahlvereins, der Bibliothekkommission, des Bildungsausschusses und eine Vertreterin der Ges nossinnen werden ihn bei den Bemühungen zur Bildung der Jugend unterstützen. Der Zusammenschluß der proletarischen Jugend macht Fortschritte. Die freien Jugendorganisationen in Württemberg zählen bereits gegen tausend Mitglieder. Sie veranstalteten im lezten Jahre zahlreiche Agitationsversammlungen, ließen für ihre Mitglieder Vorträge mit Diskussionen abhalten und waren bemüht, ihnen durch Verständigung mit den Gewerkschafts- und Parteibibliotheken gute Lettüre zu sichern. Der Verein in Heilbronn hat eine eigene fleine Bücherei, die sechzig Bände umfaßt. Die förperliche Entwicklung ward durch Turnen, Ausflüge und Spiele im Freien gepflegt. Wir begnügen uns damit, diese paar Beis spiele aus vielen herauszugreifen, welche bekunden, daß sich im jugendlichen Proletariat hoffnungsreiches Leben regt, das durch die reifen Genossen und Genossinnen verständnisvolle Förderung findet. Die Bestrebungen zur Bildung der Arbeiterjugend Deutschlands im Sinne des Sozialismus sollen durch die Herausgabe eines Organs zur Aufklärung der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen" einen 140 Die Gleichheit geistigen Mittelpunkt erhalten. So hatte der Parteitag zu Nürnberg beschlossen. Auch für die Durchführung dieses Beschlusses ist inzwischen eifrig gearbeitet worden. Ende Januar wird die erste Nummer unseres neuen Jugendorgans in einer Auflage von 200 000 Exemplaren erscheinen und zur Agitation verbreitet werden. Redakteur ist Genosse Korn. Wir brauchen wohl die Genoffinnen nicht besonders an ihre Pflicht zu mahnen, eifrigst für die Verbrei tung der Arbeiter Jugend" tätig zu sein. Die proletarische Jugend selbst hat gezeigt, daß sie sich von christlichen und anderen Harmoniepredigern nicht einfangen lassen will. Unter der Mitarbeit und Beratung seitens erfahrener älterer Genoffen und Genoffinnen werden die Jdeen der Freien Jugend organisation" ihre Werbe- und Sammlungskraft bewähren. Das Tätigkeitsgebiet der Jugendbewegung ist ein begrenztes, weil die preußisch- deutsche reaftionäre Gesetzgebung den Jugendlichen bis zum 18. Jahre zum politisch Unmündigen herabdrückt. Immerhin fann mancherlei getan werden, um Verständnis und Begeisterung für die Befreiung der Arbeiterklasse unter dem proletarischen Nachwuchs zu wecken und ihn zum Kampfe für diesen hehren Gedanten vorzubereiten. Politische Rundschau. m. w. Der Blockfanzler hat sich am 19. Januar im preußischen Dreiklassenhause als starker Mann versucht. Er hat feinen Glauben gefunden sein frivoles Spiel hat lediglich die Schwäche feiner Etellung und die bedentliche Eituation des Blocks aufgedeckt. Es war der waghalsige Versuch eines Bankrotteurs, die Offentlichkeit durch forsches Auftreten über seine gefährdete Lage hinwegzutauschen. Aber der Bankrott ist nur um so offenfundiger geworden. Die Rede Bülows sollte die Pläne der Hof- und Militärcliquen durchkreuzen. Wie erst neulich die Kundgebung der Generale beim Neujahrsempfang des Kaifers gezeigt hat, sind diese eifrig an der Arbeit, die Stellung Bülows mit der Anklage zu unterhöhlen, der Kanzler habe während der Novembertage den Kaiser preisgegeben. Die Rede sollte zugleich den Block festigen, der an der Klippe der Reichsfinanzreform zu zerschellen droht. Der Kanzler braucht seine Mehrheit nötiger als je, um sie gegen die Kamarillen ausspielen zu können. Bezeichnenderweise find's nicht die Freisinnigen, an die sich Bülow mit seinen Beschwörungen vornehmlich wandte. Er weiß, daß er ihnen so ziemlich alles bieten darf, und er hat sich daher auch nicht gescheut, ein Programm der Reaktion zu entwickeln, das eine wahr haft liberale Partei unfehlbar hätte abstoßen müssen. An die Ronfervativen wandte er sich mit seinen Bitten und Versprechungen. Sie abzuhalten, sich den Hofkamarillen anzuschließen, ist sein eis< rigstes Bestreben. Anscheinend haben die Junter nicht übel Luft, ihre Abneigung gegen die Nachlaßsteuer, die sie im Steuerbündel der Reichsfinanzreform schlucken sollen, als getränkte Rönigs treue au drapieren. Bülow hat sich denn auch angelegentlichst bemüht, feine Königstreue herauszuftreichen und nachzuweisen, wie er allezeit mit dem persönlichen Regiment durch dick und dünn marschiert ist. Angesichts dessen, was er alles an würdeloser Vers lengnung der wahren Pflichten eines verantwortlichen Leiters der beutfchen Politit getan hat, ist doch das eine Mal, wo er sich zur Hälfte zu drücken fuchte, keinmal. So plädierte der Kanzler zwischen ben Zeilen. Und hat er denn nicht für feine lieben Freunde, die Junker stets alles getan, was er nur tun fonnte! Allerdings die Nachlaß steuer behagt ihnen nicht. Aber einen fleinen Knochen muß man den Freifinnigen doch schließlich hinwerfen, wenn sie ihr Stenerprogramm völlig verleugnen und mit Hurra die neuen Belastungen des Konsums der Massen hinnehmen follen. Es ist nur ein fleiner Knochen, ein ganz fleiner Knochen, und die Nachlaßsteuer kann ja noch um vieles gemildert werden.... Die Herren Junter mögen nur ihre Bedingungen stellen, die Res gierung wird ihnen alles Verständnis entgegenbringen. Auch über bie preußischen Steuerforderungen wird sich noch reden laffen, und im Reich foll gespart werden. Nicht an Heer und Flotte, die die Junterföhne versorgen und die Herrschaft der Be fizenden schützen sollen, sondern an den sozialpolitischen Auf gaben. Die Sozialreform lann stille stehen, die Junter können barob ganz beruhigt sein. Ihr Monopol auf die höheren Beamtenstellen soll ihnen ebenfalls bleiben. Der freisinnige Etatsredner Wiemer hatte leise an den fatalen Fall Schücking getippt. Als der tapfere Wertreter eines tapferen Freisinns hatte er vorsichtig hinzugefügt, daß er durchaus nicht jedes der bösen Worte vertreten wolle, die der rücksichtslose Bürgermeister von Husum der preußischen Reaktion gesagt habe. Indes dürfe doch Nr. 9 sozusagen der regierungsgetreue Freisinn doch eigentlich eine etwas bessere Behandlung verlangen. Bülow fonnte die armen Schächer nicht ganz ohne Trost lassen. Gewiß sei der Freifinn gleichberechtigt. Freifinnige Beamte sollen auch ruhig geduldet werden, wenn sie von ihrem Freifinn keinen der Regierung und den Junkern un angenehmen Gebrauch machen. In der Bureaufratensprache heißt's: den nötigen Taft gegen die Vorgesetzten wahren". Was Herr Schücking bekanntlich leider nicht getan hat. überflüssigerweise fügte Bülow hinzu, daß Sozialdemokraten in keinem Falle als Beamte geduldet werden, trotz der Verfassung, die gleiches Recht für alle Preußen verbürgt. Der freisinnige Pachnicke brachte es fertig, diese Verhöhnung der Forderung nach wirklicher Gleich berechtigung mit devotem Krahfuß entgegenzunehmen. " Die stärkste Beschwörung hatte sich Bülow für den Schluß auf gespart. Nach einem alten Rezept, das banirotte Staatsmänner gern anzuwenden pflegen, suchte er die Aufmerksamkeit von seinen Mißerfolgen und Blamagen abzulenten, indem er die Patrioten zu einem Kriegszuge gegen die Sozialdemokratie aufries. Ein solcher Zug erscheint dem Kanzler offenbar als weniger riskant denn ein Krieg wieder äußere Feinde. Im Zeichen einer frisch fröhlichen Hatz gegen den Umsturz sollen die bürgerlichen Parteien fich sammeln und um ihn scharen. Er ist bereit, alle staatlichen Machtmittel in den Dienst der großen Sache zu stellen, und wenn sie nicht ausreichen sollten, so ist er nicht abgeneigt, es mit Ausnahmegesegen gegen die Sozialdemokraten zu ver suchen. So fuchte der wackelnde Kanzler, um seine Stellung zu festigen, die Gewaltinstinkte der Junker für sich mobil zu machen. Aber das Echo, das seine Hetrede fand, war nicht das erwartete. Die Junker find zu sehr Realpolitiker, um über der Sozialistenheze ihre materiellen Interessen zu vergessen. Sie antworteten in Versammlungen und Zeitungsartikeln mit Außerungen, die alles andere als Vertrauens. fundgebungen für Bülow find. Solange er nicht die Nachlaßsteuer fallen läßt, ist er nicht ihr Mann. Der Zucker all seiner Versprechungen verlockt sie nicht. Sie erklären ihn des heimlichen Liberalismus verdächtig und geben vor, zu fürchten, daß er ihre Alleinherrschaft in Preußen durch Ausdehnung der Blockpolitik auf diese ihre Domäne zu beschneiden gedente. Ja, fie tun, als ob die Flickerei am Dreiklaffenwahlrecht, die die Thronrede verheißen hat, eine wirkliche Wahlreform bedeute, und als ob ihnen im Fall Schüding unrecht geschehen sei. Und was die verheißenen Aus. nahmegefeße gegen die Sozialdemokratie anbelangt, so erklären die Junfer fühl, daß sie diesem Kanzler nicht die starken Nerven zit trauen, die zur energischen Durchführung solcher Maßnahmen nötig find. Freilich find die scharfen Absagen, die die Oldenburg- Januschau und Treuenfels an Bülow erlassen haben, von der konservativen Partei noch nicht offiziell gegengezeichnet worden, und es haben fich sogar einige Stimmen dawider erhoben. Aber das will offen bar nicht viel mehr bedeuten, als daß dem Kanzler noch eine Galgen frist zur Umfehr gelassen werden soll. Jedenfalls liegt offen zutage, daß den Junkern an dem Verbleiben Bülows im Amte nicht mehr viel liegt, daß er ein aufgegebener Mann ist, sofern den Konserva tiven eine Schwenkung vorteilhafter erscheint, als das Verbleiben in der Blockfront. Es versteht sich am Rande, daß die Sozialdemokratie etwaigen Versuchen, Ausnahmegeseze gegen sie zu schmieden, mit aller Kalt blütigkeit entgegensieht. Eine ähnliche Bankrotteurtaktik wie der Kanzler ristiert der Freisinn. Sein neuestes Stücklein ist ein Anschlag auf vier von den sieben Mandaten, die die Sozialdemokratie in Preußen trotz des Dreitlassenwahlrechts bei den Landtagswahlen eroberte. Vier von den sechs Berliner Mandaten, die die Sozialdemotratie dem Freifinn abgenommen hat, sollen für ungültig erklärt werden, weil angeblich der freisinnige! Magistrat von Berlin die Wählerlisten falsch aufgestellt hat. Das Empörende an der Sache ist folgendes. Wenn der angeführte Grund stichhaltig ist, so trifft er für alle zwölf Berliner Mandate zu, also auch auf die sechs freininnigen. Auch sie müßten dann für ungültig ertlärt werden. Das aber hat der würdige Freisinn verhindert. Ein Protest, der diese fech freifinnigen Mandate mitbetraf, ist unter Mithilfe eines frei sinnigen Abgeordneten als bloß gegen ein sozialdemokratisches Mandat gerichtet angesehen worden. Das heißt der Protest gegen die freifinnigen Mandate ist unterschlagen worden, so daß auf Grund gefälschter Darstellung ihre schleunige Gültigkeitserklärung durchgesezt wurde. Die Aufdeckung dieses blamablen Vorganges aber hält den Freifinn und seine Verbündeten nicht ab, die Ungültigkeitserklärung der sozialdemokratischen Mandate weiter zu be treiben im Namen des Rechts! Das Recht soll mißbraucht werden, um einen brutalen Gewaltstreich zu verdecken, einen Nr. 9 Die Gleichheit Schurkenstreich von einer Schamlosigkeit, wie er in der Geschichte der Parlamente noch nicht dagewesen ist: Dem entrechteten Proletariat soll die geringe Vertretung aufs neue ftreitig gemacht werden, die es sich trotz der Tücken des Dreitlassensystems erkämpfte. Es wird den Wahlrechtsräubern die gebührende Antwort zu geben wissen. Diese alles Dagewesene übersteigende Herausforderung wird den Wahlrechtstampf des preußischen Proletariats gewaltig verschärfen. Dieser hat bereits aufs neue scharf mit einer imposanten Demon ftration des Berliner Proletariats eingesetzt, das am Sonntag den 24. Januar den Herrschenden Preußens seinen festen Willen bekundete, das Wahlunrecht zu beseitigen. Viele Zehntausende von Demons stranten waren zur Kundgebung herbeigeeilt. Dichte schwarze Kos lonnen Entrechteter durchzogen die Straßen unter dem Brausen der Arbeitermarseillaise, unter donnernden Rufen:„ Heraus mit dem Wahlrecht! Das freie Wahlrecht hoch! Pfui Bülow! Nieder mit Bülow!" Die Polizei benahm sich im allgemeinen vers nünftiger als am 10. und 12. Januar 1908. Jn musterhafter Ordnung wurde die große Demonstration durchgeführt, glänzend bewährte fich die sozialdemokratische Disziplin. Unter den Linden will allerdings die Polizei den Marsch der Arbeiterbataillone noch nicht gestatten, den Gesang der Arbeitertruglieder, den vieltausendstimmigen Wahlrechtsruf noch nicht dulden. Trotz aller polizeilichen Schläue hatte sich plötzlich um 1 Uhr ein gewaltiger Zug von gegen 12000 Menschen auf der sorgfam gehüteten Triumphstraße der Hohenzollern entwickelt, die zum Schloß führt, das natürlich mit gewal tigen Schutzmannsmassen gesichert" war. Rücksichtslos wurde da Attacke geritten, und es regnete Püffe und Fußtritte. Es gelang jedoch nicht, den eindrucksvollen Zug zu zersprengen. Auch an einigen anderen Stellen, wo offenbar besonders nervöse Vorgesetzte tommandierten, kam es zu ähnlichem polizeilichem„ Einschreiten". Die Säbel aber blieben in der Scheide, von zwei Fällen abgesehen, in denen, dank der Disziplin der Genossen, das Schlimmste verhütet wurde. Blut ist nicht geflossen und Verhaftungen dürften nur vers hältnismäßig wenig vorgekommen sein. Der ganze Verlauf der Demonstration ist eine glänzende Rechtfertigung der Forderung der Arbeiterklasse auf Freigabe der Straße für ihre Demonstrationen. Die Kundgebung war natürlich auch ein Protest gegen den freifinnigen Mandatsraubplan. Abgeordneter Fischbeck entging einer ihm zugedachten Sonderdemonstration nur durch die Vorsorge der Polizei, die ihn gleich einem Monarchen oder Minister beschüßte. Am Montag wollten sich demonstrierende Massen vor dem preußis schen Abgeordnetenhaus sammeln, wurden jedoch durch ein außer ordentlich starkes Polizeiaufgebot abgedrängt und zersprengt. Im Hause der Dreiklassenschmach begannen die Verhandlungen über ben freisinnigen Wahlrechtsantrag. Zurzeit, wo wir dieses schreiben, sind sie noch nicht abgeschlossen. Bis jetzt beleuchteten sie die völlige Ohnmacht der Freisinnigen und das Kraftgefühl der Junker, die am Dreiklassenwahlrecht nicht rühren lassen wollen. Genosse Ströbel rechnete im Namen der Sozialdemokratie scharf mit der offenen und mastierten Reaktion ab und erklärte, daß auch bie Bajonette die Dreiklassenschmach nicht lange mehr halten könnten. In Sachsen hat der Wahlrechtstampf am 17. Januar zu großen Rundgebungen der Arbeiterklasse in den Straßen Dresdens geführt. An 15000 Proletarier demonstrierten gegen das neue Pluralwahlrecht, das die Erste Kammer des Landtags zurecht geschustert hat und wofür auch die Zweidrittelmehrheit der Zweiten Kammer gewonnen wurde. Mit dem Polizeifäbel suchte man die Demonstrationen zu unterdrücken, und an einer Stelle kam es zu einer regelrechten Attacke auf die unbewehrte Menge, bei der an zwanzig Verwundete auf dem Plaze blieben. Aber das Blutvers gießen hat die imposante Rundgebung nicht zu hindern vermocht, und wenn das Schloß auch sorgfältig abgesperrt war, dem König ist der Anblick des protestierenden Proletariats und eine sehr deuts liche Außerung seines Zornes nicht erspart geblieben. Wenige Tage darauf ist das Bierstimmenunrecht Gesetz geworden. Aber die Haltung der Dresdener Arbeiterschaft bürgt dafür, daß die kühne Hoffnung nicht erfüllt wird, die der Minister Hohenthal bei der Verabschiedung des Gesetzes aussprach: nämlich daß es nun Ruhe werde in Sachsen. Die Befürchtung eines freisinnigen Redners wird vielmehr recht behalten, daß Sachsen nun wieder ein knallrotes Königreich werden wird.... Der Wahlrechtstampf in Preußen Der Wahlrechtskampf in Preußen und Sachsen hebt aufs neue an. Der Anfang war gut, die Fort fegung wird nicht schlechter sein. Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Die Frage der Arbeitskammern, die durch den abgeänderten Gesezentwurf der Regierung erneut aufgerollt wurde, ist für die Arbeiterinnen wichtig genug, daß wir uns auch an dieser Stelle 141 noch weiter mit ihr beschäftigen. Die erste Vorlage der Regierungen hatte bekanntlich von allen Seiten scharfe Kritit, schroffe Ablehnung erfahren. Mit Recht galt fie als eine sozialpolitische Mißgeburt geradezu ungeheuerlicher Art, die nur ein Schicksal verdiente: die Wolfsschlucht. Nicht ganz so hart lautet das Urteil über die neue Fassung des Regierungsentwurfs, über den der Reichstag bereits in erster Lesung verhandelt hat. Aber auch er ist noch mit so vielen und so hervorstechenden Schönheitsfehlern" behaftet, daß er scharfe Kritik herausfordert und einer radikalen Kur in der Kommission bedarf, um sozialpolitischen Wert beanspruchen zu dürfen. Wer das Wesen des offiziellen Deutschen Reiches fennt, in dem die beschränktesten und engherzigsten Interessen der ausbeutenden Klassen Trumpf sind, der fann sich auch an den Fingern abzählen, daß die schwersten Mängel und Gefahren des neuen Entwurfs darin bestehen, daß er den Interessen der Arbeiterklasse nicht gebührend Rechnung trägt, ja Schlimmeres noch: daß er sich in manchen Bestimmungen direkt feindlich gegen sie wendet. Aus den von uns bereits an dieser Stelle skizzierten Gründen lehnt daher die Presse der freien Gewerkschaften den Gesezentwurf ab. Das führende Korrespondenzblatt der Generalfommission" traf den Nagel auf den Kopf, als es unter anderem erklärte, daß die besseren Wahlbestimmungen des neuen Entwurfes in schneidendem Gegensatz stehen zu der sonstigen Beschränkung, Beengung behördlicher Bevormundung, die er für die Arbeiter festlegt. Nur das Organ der Buchdrucker nimmt, soweit wir die Preßstimmen der Ges werkschaften übersehen konnten, einen etwas abweichenden Standpuntt ein. Es findet wohl reichlich Mängel an dem Gefeßentwurf, meint aber, es müsse geprüft werden, was zu erreichen gegenwärtig möglich sei. Da jetzt die Errichtung von Arbeiterkammern nicht durchgesetzt werden tönne, so müsse man mit Arbeitskammern vorlieb nehmen, mit deren Existenz die Kapitalisten ihrerseits auf reine Unternehmerfammern zu verzichten hätten. Die Unternehmerverbände und ihre Preßorgane lehnen den Gesetzentwurf ebenfalls ab und empfehlen die Schaffung reiner Arbeiterkammern, wenn den Arbeitern eine Interessenvertretung beschieden sein soll". Aus dem übereinstimmenden Urteil der beiden sozialen Gruppen, die an der Sache unmittelbar beteiligt sind, zieht die Frankfurter Zeitung" ganz richtig den Schluß, daß die Frage nach der Errichtung von Arbeitskammern zu verneinen sei, da man niemanden gegen seinen Willen glücklich machen solle". Täglich mehren sich die Handels fammern aus den industriereichsten Gegenden, die den Gesezentwurf verwerfen. Wir nennen die Handelskammern in Essen, Barmen, Elberfeld, Düsseldorf, Solingen usw. Die Berliner Handelskammer hat ihren früheren ablehnenden Standpunkt etwas verändert, sie steht jetzt der Schaffung von Arbeitskammern freund. licher gegenüber. Der bekannte Sozialpolitiker Dr. Flesch- Frant furt wendet sich in einem Artikel des„ Gewerbe- und Kaufmanns gerichts" gegen den Entwurf. Dieser will seiner Ansicht nach nur eine neue Behörde schaffen, für die gar kein Bedürfnis vorliege. Gewerbegerichte und Tarifverträge genügten zur Regelung des Arbeitsvertrages, und diese Institutionen müßten weiter ausgebaut und gesetzlich geschützt werden. Zentrümler, freisinnige Blockbrüder, chriftliche Gewerkschaften und einige Salonsozialpolitiker, die ihres Zeichens zu der ehrsamen Zunft der Professoren gehören, begrüßen troy allem die Arbeitskammern als Brücken zum sozialen Frieden. In dieses Horn tutete ja auch der Vertreter der Bundesregierung, Herr von Bethmann- Hollweg. Dieser Minister für Sozialpolitik nach dem Herzen der Schlot- und Krautjunker meinte, daß durch das Wirken der Gewerkschaften die Errichtung von Arbeiterkammern als einer reinen Interessenvertretung des Proletariats gegenstands. los gemacht sei. Da scheint der Herr doch verdammt schlecht über die Forderungen unterrichtet zu sein, die sich für die Arbeiter täg lich aus unserem Wirtschaftsleben ergeben, wie über die Aufgaben, die daraus für die Gewerkschaften erwachsen. Auch über das, was eine gefeßliche Interessenvertretung der Arbeiter bedeutet, tappt er offenbar im Finsteren. Während im Reichstage die Vertreter der besigenden Klassen gar lieblich die Schalmeien vom sozialen Frieden ertönen ließen, hallt das Wirtschaftsleben wie je vom Kampfe der ausgebeuteten Massen mit der ausbeutenden Minderheit wieder. Wie könnte es auch anders sein? Ist doch das Bestreben der letzteren nach wie vor darauf gerichtet, den ersteren so blutwenig als nur möglich von dem Ertrag ihrer Arbeit zukommen zu lassen! Die Krise, die die fetten Profite der Herren Unternehmer etwas schmälert, steigert dieses Bestreben. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sollen für das zahlen, was die kapitalistische Wirtschaftsordnung in Gestalt der Krisen mit sich bringt. So sind in den letzten Zeiten bei den Kapitalisten besonders Kniffe und Pfiffe beliebt, welche die Auswucherung der Arbeitskräfte über das übliche Maß hin 142 Die Gleichheit aus steigern: Lohnabzüge, Senkung des Verdienstes durch neue Arbeitsmethoden, Verdrängung von Männern durch Frauen, Ersehung der Erwachsenen durch Jugendliche, Errichtung von Filialen auf dem Lande, Einführung der Heimarbeit usw. Hand in Hand damit gehen nicht bloß die brutalſten, sondern auch die raffiniertesten und schamlosesten Machenschaften, um die Arbeiter und Arbeiterinnen in Unwissenheit über ihre Interessen zu halten und der Macht ihrer Organisationen entgegen zuwirken. Den wirtschaftlich Schwachen soll die Kraft vorenthalten, geraubt werden, die ihnen aus Wissen und Vereinigung erwächst. Wie das gemacht wird, das zeigen die Enthüllungen über die beispiellos gemeinen, schmutzigen Praktiken, mit denen der ,, Ehrenmann" Lebius vorwärtskommt und seine gelben Kohorten zu Nuz und Frommen der Kapitalisten marschieren läßt. Es ist wieder ein mal zweifelsfrei bewiesen, daß die gewissenloseste Gesinnungslumperei in den Kreisen der gelben Gewerkschaften eine Stätte gefunden hat, und daß diese im holden Verein mit dem Ausbeutertum die Vers nichtung der freien Gewerkschaften erstreben. Lebius, ein geistiges Haupt der Gelben, machte se inerzeit durch ein Sudelwert von sich reden, das angeblich korrupte Zustände in sozialdemokratischen Parteifreisen widerspiegeln sollte, aber nur zeigte, daß der Verfasser ebenso talentlos wie schamlos verlogen war. Der Biedermann wollte sich als neuen Messias der Arbeiter aufspielen. Nun sind aus seinem und seiner Frau Leben die schmutzigsten Dinge aufgedeckt worden, die zugleich einen Blick hinter die Kulissen der gelben Gewerkvereine tun lassen. Lebius war der Mann der Unternehmer, der von ihnen reichlich ausgehalten, eifrigst bei der Gründung von gelben Arbeitervereinen tätig war. Er empfahl unter anderem einem Fabrikanten, durch einen unteren Beamten den Anstoß zur Gründung eines gelben Arbeitervereins zu geben. Einem anderen sicherte er für die Konstituierung eines Privatbeamtenvereins derselben Farbe seine be währte persönliche Unterstüßung zu usw. Durch Briefe ist festgestellt worden, daß er für seine treuen Liebesdienste recht splendid belohnt wurde. So erhielt er von der Firma Siemens& Halste 8400 Mt., vom Verband Berliner Baugeschäfte 200 Mt. uff. Die Aufforderung, sich in einer öffentlichen Versammlung zu verteidigen, beantwortete er mit einer frechen Beschimpfung der organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen. Er erklärte, der Versammlung fernzubleiben, da ihr zu viele Dirnen und Zuhälter beiwohnten! Von der Unverfrorenheit des Menschen abgesehen, haben die Enthüllungen über sein Treiben jedenfalls das eine gezeigt: manche Unglückselige, die von bitterer Not in die Gosse gestoßen worden ist, steht noch turmhoch über dem Lebius. Als so infam ist er gekennzeichnet, daß sogar die bürgerliche Presse, die doch nichts weniger als ges wissenszart ist, fast einmütig von dem forrupten Handlanger des Scharfmachertums abgerückt ist. Auch mehr als ein Unternehmer wird nach der Berührung mit diesem schleunigst nach Wasser und Seife verlangt haben, das alte Wort bestätigend:„ Man liebt wohl den Verrat, doch nicht den Verräter." Hoffentlich geht die mehr als verdiente Stäupung des sauberen Patrons nicht spurlos an einem großen Teil der Arbeiter vorüber, die sich für die gelben Organisationen einfangen ließen. Ihr Ehr- und Reinlichkeitsgefühl muß sie aus dem Kreise treiben, in dem Lumpereien gedeihen, wie der Redakteur des Bund" sie auf dem Kerbholz hat. Wie der Vater Staat" für das Wohl der Arbeiter sorgt, das wird wieder einmal durch die folgende Tatsache illustriert. Die Rorbmacher mußten in eine lebhafte Protestbewegung eintreten, um die Preisdrückerei abzuwehren, die auf das Vorgehen der Heeresverwaltung zurückzuführen ist und natürlich in Lohnbrückerei umschlägt. In der Heeresverwaltung sind, wie es sich in Deutschland versteht, die edlen Nachfahren der Besten im ganzen Land" zahlreich vertreten, die Rauben und Reuten" für keine " Schand" hielten. Sie hat daher unseres Wissens noch nie Anstoß daran genommen, den Herren Junkern für ihre Lieferungen an Stroh, Kartoffeln, Hafer, Pferden usw. hohe und höchste Preise zu zahlen. Dafür entblödete sie sich nicht, den schlechten Geschäftsgang auszunuzen und Bestellungen auf Geschoßtörbe zu stark herabgesetzten Preisen zu vergeben. Die Unternehmer sorgen natürlich dafür, daß dadurch ihr Beutel nicht getroffen wird: sie sehen die Löhne herab. Von 25 Versammlungen mit 2144 Teilnehmern wurden Petitionen an den Kriegsminister beschlossen mit der Forderung, daß in den Lieferungsverträgen die Unternehmer verpflichtet werden sollen, den tarifmäßigen Lohn zu zahlen. Auch gegen das Zwischen meistersystem und das Verschleppen der Arbeit in die Haus. industrie wenden sich die Arbeiter. Sehr erfreulich ist es, daß sich die oberfränkischen Korbmacher rege an der Protestbewegung beteiligt haben. Sie konnten den Lohndrückereien bisher nur geringen Widerstand entgegensetzen, da sie nicht organisiert waren. Nun haben auch sie sich aufgerafft und sind in großer Zahl dem Deutschen Nr. 9. Holzarbeiterverband beigetreten. Damit haben sie einen wichtigen Schritt vorwärts auf der Bahn getan, die zur Hebung ihrer Lage und zur Überwindung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen führt. # Der Zentralverein für Arbeitsnachweis zu Berlin hat fürzlich seinen Jahresbericht für 1907 versendet. Entsprechend der schlechten Wirtschaftslage, die sich bereits in der zweiten Hälfte von 1907 bemerkbar machte, ging die Nachfrage nach Arbeitskräften, das ist die Zahl der offenen Stellen, um 10,8 Prozent gegen das Vorjahr zurück, indes das Angebot von Arbeitskräften um 0,8 Prozent stieg. 1907 betrug die Zahl der Arbeitsgesuche insgesamt 158098 gegen 156817 im Jahre 1906, die der offenen Stellen 119915 gegen 134474 im Vorjahr, und die der befetten Stellen 95678 gegen 99557. Diese Zahlen gelten für die männliche und weibliche Abteilung zusammen. Betrachtet man die Ergebnisse der weiblichen Abteilung für sich allein, so gruppieren sich die Zahlen wesentlich anders. Nach allen drei Richtungen, die für die Arbeitsvermittlung von Bedeutung sind, ist eine Steigerung zu verzeichnen. Die Arbeitsgesuche stiegen hier von 12863 im Jahre 1906 auf 16686 im Jahre 1907, die offenen Stellen von 13953 auf 15213 und die Befegungen von 10380 auf 12700. Die Ursache dieser Zunahme liegt sicher nicht allein darin, daß die Arbeiterinnen bei Arbeitslosigkeit sich nunmehr auch an den Zentralverein für Arbeitsnachweis wenden und nicht nur an die gewerbsmäßige Stellenvermittlung. Sie ist wohl vielmehr hauptfächlich darin zu erblicken, daß Zeiten schlechter wirtschaftlicher Konjunktur, wie sie im Jahre 1907 begonnen haben und unter denen wir noch leiden, stets eine Zunahme gewerblicher Frauenarbeit zur Folge haben. Jeder Unternehmer sucht seinen geringer gewordenen Profit möglichst dadurch zu erhöhen, daß er an die Stelle des besser entlohnten männlichen Arbeiters die billigere Arbeiterin setzt. Über die Ergebnisse des Stellungsnachweises für Dienstmädchen, den der Zentralverein errichtet hat, berichten wir an anderer Stelle. Notizenteil. Dienstbotenfrage. m. w. Die Generalversammlung des Vereins der Dienstmädchen, Wasch- und Schenerfrauen von Hamburg, Altona und Umgegend hat am 14. Januar d. J. im Gewerkschaftshaus in Hams burg stattgefunden. Nach dem Bericht der Kassiererin, Frau Kuhlmann, betrug die Jahreseinnahme der Organisation 12 228,17 Mt., den vorjährigen Kassenbestand von 875,36 Mt. eingerechnet, die Ausgabe 8812,65 Mt. Außerdem wurden jedoch der Unterstützungskasse 124 Mt. überwiesen, dem Stammtapital des Gewerkschafts hauses 1000 Mt. und der Sparkasse des Gewerkschaftshauses 2200 Mart. Der Kassenbestand stellte sich daher am 3. Januar 1909 auf 91,52 Mt. Frau Heeren frug wegen der Schenkungen an, die im Raffenbericht erwähnt sind. Sie erhielt die Auskunft, daß Inter essenten die Quelle der Gaben beim Vorstand erfahren können. Die Vorsitzende Genoffin Kähler gab den Jahresbericht. 5 öffent liche und 13 Mitgliederversammlungen haben stattgefunden, 16 Vorstandssitzungen und 35 Kartellberatungen. Eingegangen find 30 Schriftstücke und ausgegangen 300. Es stellte sich heraus, daß in den äußeren Stadtteilen der Besuch der Versammlungen zu wünschen übrig ließ; infolgedessen fanden in diesem Jahre nur 5 öffentliche Versammlungen statt. Die Zahl der Mitglieder be trägt rund 3000, die Fluftuation ist sehr groß. 104 Mitglieder reisten ab, 40 verheirateten sich und 61 traten in einen anderen Beruf über. Hunderte geben bei Stellungswechsel ihre neue Adresse nicht an. Die Berichterstatterin teilte das Ergebnis der Ermitt lungen mit, welche die Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands über Zahl und Stärke der 18 freien Dienstboten organisationen vorgenommen hat. Sie verwies auf die am 17. Januar bevorstehende Konferenz der Dienstbotenvereine und forderte zur Entsendung einer Delegierten auf. Die Gründung eines Zentralverbandes, so betonte sie, werde ermöglichen, daß in vielen Orten neue Dienstbotenvereine ins Leben treten. Genofsin Kähler schloß ihre Ausführungen mit dem Wunsche, daß der Hamburger Verein durch das Zusammenwirken aller Mitglieder weiter blühen und gedeihen möge. Frau Viehr, Frau Lindner und Frau Kuhlmann äußerten sich im Sinne dieser Ausführungen. über den Stellennachweis der Organisation berichtete Frau Brandenburg für die Zeit vom 1. März 1908 bis 1. Januar 1909. An dem legtgenannten Datum betrug die Zahl der eingetragenen Mitglieder 5200, dem Gewerkschaftskartell ist der Verein mit 1500 Mitgliedern angeschlossen. 1555 neue Mitglieder wurden Nr. 9 Die Gleichheit im Stellennachweis aufgenommen. 2295 Stellenangebote und 1474 Stellengesuche waren zu erledigen. G3 famen zustande: 626 Vers mittlungen von vollen Stellungen, 33 von Aushilfspersonal, 70 von Tagemädchen, 28 von Morgenmädchen und frauen, 6 von Haus hälterinnen, 6 von Kochfrauen, 1 von einem Kochlehrling. 1518 gemeldete Arbeitstage für Frauen wurden besetzt und 3928 Engagementsordres für Mädchen ausgestellt. Die Zahl der eingegangenen Postfachen betrug 1408, die der ausgegangenen 1479 und die der ausgegangenen Karten 1966. Von Oftober 1908 ab wurden bis jetzt 868 Offerten eingereicht. Das Geschäftsbild war günstig, die Zahl der Vermittlungen, besonders für Frauen, hat sich gehoben. Für die von dem Stellennachweis vermittelten Wasch- und Puzzfrauen wurde der Tarif durchgeführt: zehnstündige Arbeitszeit und 2,50 Mart Tagelohn. Genossin Brandenburg sprach die Hoffnung aus, daß das beste Wollen und die ernsten Ratschläge der Mitglieder den Stellennachweis immer mehr vervollkommnen möchten. Frau Heeren bedauerte, daß in dem Verein Einrichtungen fehlten, die die jungen Mädchen an die Organisation fesseln fönnten. Fräulein Dom empfahl dem Vorstand, ein Heim einzurichten, in dem stellenlose Mitglieder Unterkunft finden. Frau Cilowsty, Frau Kahl, Frau Junge und Frau Lindner brachten Wünsche vor, deren Erörterung der vorgeschrittenen Zeit wegen zum Teil auf die nächste Mitgliederversammlung verschoben werden mußte. Zur ersten Vorsitzenden ward Frau Kähler, zur zweiten Frau Koltrowiz, zur Kassiererin Frau Kuhlmann und zur Schrift führerin Frau Mangels gewählt. Revisorinnen sind Frau Busch, Frau Voß, Frau Br. und drei junge Mädchen. Das Mandat zu der Konferenz in Berlin wurde Frau Kähler übertragen. Die Vorsitzende machte auf das am 11. Februar 1909 im Gewerkschaftshaus stattfindende Kostümfest aufmerksam, sowie auf den Fort bildungsverein und die Invalidenversicherung. Nachdem noch einige Türkontrolleurinnen gewählt worden waren, wurde die Versammlung geschlossen. B. Mangels. Der Verein der Hausangestellten von Stuttgart hielt am 10. Januar seine Generalversammlung ab. Der Tätigkeitsbericht der Vorsitzenden bewies, daß der Verein eifrig bestrebt ist, die Dienstboten für die Organisation zu gewinnen. Bisher haben fünf Mitgliederversammlungen und drei öffentliche Versammlungen stattgefunden, ferner ein Unterhaltungsabend, sechs Borstandsfizungen, drei Vorbesprechungen und drei Flugblattverbreitungen. Der Vertreter der Gewerkschaften, Genosse Schuhmacher, regte an, daß der Verein eine Delegierte zu der am 17. Januar in Berlin stattfindenden Dienstbotenkonferenz entsenden solle. Eine zur Beisteuer für die Delegationskosten veranstaltete Sammlung ergab den Betrag von 17,50 Mt. Gewiß ein Beweis schöner Opferfreudigkeit ber Mitglieder. Als Delegierte wurde Genossin Vorhölzer gewählt. Die Vorsitzende forderte die Mitglieder auf, bei Stellenwechsel ihre neue Adresse anzugeben und durch rege Agitation für einen zahlreichen Besuch der Versammlungen Sorge zu tragen. Ein flottes Tänzchen schloß die gut besuchte Versammlung. Frida Bahr. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Das Elend der Grubenarbeiterinnen im Zeitz- Weißenfelser Braunkohlenrevier wirst ein grelles Licht darauf, wie herrlich es um das Los des werktätigen Volkes in dieser besten aller Welten bestellt ist. Eine Genossin schreibt uns darüber: Wenn man aus einer anderen Gegend, in der die Frauenarbeit auf den Gruben nicht bekannt ist, in das Zeiz- Weißenfelser Revier kommt, so steht einem vor Staunen und Empörung fast der Verstand still. Man sieht die namenlose Schmach und den Jammer, daß bleiche, hohl wangige Frauen als Invaliden und Krüppel herumschleichen und in ihren besten Jahren nicht einmal mehr imstande sind, ihren dürftigen Haushalt zu versehen. Warum das? Jedes Kind hier kann das dem sagen, der es nicht mit eigenen Augen sieht. Weil die Frauen durch schwere, schädliche Arbeit auf den Gruben ihrer Jugendfraft und Gesundheit beraubt werden. Den Grubenbaronen und ihren Handlangern ist es freilich gleichgültig, ob die Frauen infolge ihrer Beschäftigung, das heißt Ausbeutung zugrunde gehen und die Kinder schon im Mutters schoß verfümmern. Für sie gibt es nur ein Bestreben: möglichst billige und willige Arbeitskräfte zu erhalten, aus deren Knochen sie den höchsten Profit herauspressen tönnen. So werden zum Beispiel die Frauen bei dem Abladen des Grubenholzes von den Loren beschäftigt, einer Arbeit, die so anstrengend ist und solche Bewegungen mit sich bringt, daß sie höchst nachteilig auf den weiblichen Drganismus wirten muß. Sie schleppen die sogenannten Kappen und Türstöcke, die oft bis 7% Fuß messen, Baumstämme, die 12 bis 14 Meter lang sind, und anderes Grubenholz. Auch das 143 Aufstapeln der Pfähle" wird fast ausschließlich Frauen und Mädchen zugewiesen. Diese müssen dabei auf den Stapeln herumflettern, während unten die Arbeiter hin und her gehen. Den Unters nehmern fällt es nicht ein, daß dies oft genug zu Roheiten und Bemerkungen Anlaß gibt, welche das Schamgefühl, das Sittlich feitsempfinden der Arbeiterinnen tief verlegen. In der Hölle, in welche die Ausbeutung das Leben vieler Proletarier verwandelt, haben nicht alle die Kraft, zu Engeln zu werden! Die Herren Kapitalisten aber, die doch sonst so besorgt um die Sittlichkeit der Arbeiterklasse sind, nehmen an den skandalösen Zuständen keinen Anstoß, die auch beim Verladen der Brifetts zutage treten. Die Arbeit ist. davon abgesehen, daß sie zu große Anforderungen an die Kräfte stellt auch nicht ungefährlich. Es gibt keine Leitern, oft fehlen auch die Trittbretter an den Loren, so daß die Arbeites rinnen, wenn sie hinauf oder herunter wollen, wahre Seiltänzerfunststückchen vollbringen müssen. Beim Versegen der Naßpreßsteine, die in zwei Etagen in den Schuppen aufgebaut werden, Klettern die Frauen wie Katzen an den Latten hin und her. Auch die sonstigen Arbeitsverhältnisse sind ungemein traurige. Oft kommt es vor, daß die Mädchen, die mit dem Abnehmen der Brifetts beschäftigt sind, von 6 Uhr morgens bis 6/2 Uhr abends ununterbrochen schuften, weil die Ablösung fehlt. Das farge Essen müssen sie dann während der Arbeit hinunterwürgen. Von einer Pflege der Kinder kann bei den Grubenarbeiterinnen natürlich feine Rede sein. Mütter lassen sich während der Frühstücks- und Vesperpausen ihren Säugling auf die Grube bringen, um ihnen die Brust zu reichen. Des Mittags hasten sie nach Hause, wo sie außer den Kindern noch den Haushalt zu besorgen haben. Es liegt auf der Hand, daß bei solchen Verhältnissen weder die Mütter noch die Kinder gedeihen können. Ein frühes Siechtum der Frauen, eine entsegliche Säuglingssterblichkeit sind die traurigen Folgen. Selten erreicht die Sterblichkeit in einem landlichen Bezirk eine solche Höhe wie bei uns. So starben 1908 in Lucenau bei einer Einwohnerzahl von 5000 Personen 550 Kinder im Alter bis zu 4 Jahren. Es ist schon vorgefommen, daß die Volksschule ein halbes Jahr lang geschlossen werden mußte, weil so viele Schüler frank waren. Sicher wären die Zustände, die im Zeiz- Weißenfelser Braunkohlenrevier zum Himmel schreien, nicht in dem Umfang möglich, wenn sich die Arbeiterinnen ihrer Lage bewußt wären und mit Hilfe der Organis fation dagegen anfämpften. Leider sind aber die hiesigen Frauen in dieser Beziehung noch sehr rückständig. Sie nehmen ihr Elend als unabwendbar hin, statt sich dagegen aufzulehnen und mit allen gleich Leidenden vereint dagegen anzufämpfen. Bei dem letzten großen Bergarbeiterstreit in Mitteldeutschland sind viele von ihnen ihren Männern, Söhnen und Brüdern, die neun Wochen lang im Kampfe standen, in den Rücken gefallen und haben Streitarbeit verrichtet. Jedoch es muß in dieser Hinsicht besser werden. Die Frauen unserer Gegend müssen zu der Einsicht kommen, daß sie nicht länger leben sollen, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben, und zwar als Menschen zu leben. Ein kleiner Stamm übers zeugter Genosinnen wird fleißig und unerschrocken dafür arbeiten, daß die Frauen ihr Los als Angehörige einer ausgebeuteten Klasse erfennen lernen und daß sie die Notwendigkeit des Zusammenschlusses, der Organisation begreifen. Durch das Reichsvereinsgeseh sind wir Frauen in den Stand gesezt, uns nicht bloß gewerkschaftlich, sondern auch politisch zu organisieren. Nußen wir dieses Recht, indem wir den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei beitreten. Wehren wir uns gegen Ausbeutung und Unters drückung, fämpfen wir, um uns und unseren Kindern eine bessere Zukunft zu bereiten. H. H. in L. Frauenstimmrecht. I. K. Für die Einführung des allgemeinen Franenwahl. rechts in Norwegen wird lebhaft agitiert. Am eifrigsten natür lich von unseren Genossinnen und der sozialdemokratischen Partei, die das höchste Interesse an der Beseitigung des geltenden Damens wahlrechts haben. Der Sozialdemokratische Frauenverband, welcher der Arbeiterpartei angegliedert ist, hat daher an alle norwegischen Frauenorganisationen die Aufforderung gerichtet, bei den bevorstehenden Storthingswahlen nur solche Kandidaten zu unterstützen, die sich dazu verpflichten, für die Erweiterung des jezigen Zensuswahlrechts für die Frauen zum allgemeinen Frauenwahlrecht einzutreten. Die bürgerliche Frauenstimm rechtsvereinigung hat daraufhin beschlossen, nur für Kandidaten zu arbeiten, welche sich zu dieser Verpflichtung verstehen. Die Frauenrechtlerinnen lösen damit ein Versprechen ein, das sie ge geben haben, als es sich darum handelte, das beschränkte Frauen 144 Die Gleichheit wahlrecht zum Parlament in Norwegen einzuführen. Auch der Liberale Arbeiterbund, dessen Vorsitzender der jetzige Justiz minister Rastberg ist, hat auf seiner letzten Jahresversammlung ein Wahlprogramm gutgeheißen, das das allgemeine Frauenwahl recht in Gemeinde und Staat fordert. Da in Norwegen die Grunds sätze einer alten bäuerlichen Demokratie noch eine bedeutsame Rolle im politischen Leben spielen und das Zensuswahlrecht der Frauen in zu frassem Widerspruch zu dem allgemeinen Wahlrecht der Männer steht, werden die Neuwahlen wahrscheinlich eine Majorität für das Storthing bringen, welche das allgemeine Frauenwahlrecht einführt. Für das allgemeine Frauenstimmrecht hat sich der Erste Allrussische Frauenfongreß erflärt. Die Resolution, welche diese Forderung erhebt, war von den Vertreterinnen der Arbeiterinnen eingebracht worden. Sie lautet: Da die bürgers liche und politische volle Gleichberechtigung der Frau sich als eines der besten Mittel im Kampfe für ihre allseitige Befreiung erweist, da die Frau politische Rechte nur bei der vollen Demokratisierung des Staates erlangen fann, fordert die Kongreßseftion für die politischen Rechte des weiblichen Geschlechts, daß allen großjährigen Staatsbürgern, ohne Unterschied des Geschlechts, der Nationalität und des Glaubens das allgemeine, gleiche, geheime, direkte Wahlrecht zu den Kommunalvertretungen wie auch zu einem gesetzgeben den Parlament verliehen wird, das mit voller Staatsgewalt aus. gerüstet ist." I. K. Die Vereinigung zur Erringung des Wahlrechts für alle Großjährigen in England, die Adult Suffrage Society, hielt fürzlich ihre Jahresversammlung ab. Die bisherige Vorsitzende Miß Bondfield legte ihr Amt nieder, an ihre Stelle wurde Wirs. J. Macpherson gewählt. Nach einer ausgiebigen Diskussion gelangte eine Resolution zur Annahme, in welcher gefordertwird, daß unvers züglich im ganzen Lande eine kraftvolle, rührige Agitation entfaltet werden muß. Die Vereinigung" tämpft unter sehr schwierigen Umständen wacker für die Einführung eines allgemeinen Wahlrechts aller Großjährigen. Auf der einen Seite stößt sie auf all die Widers stände und Schwierigkeiten, welche für ihre Beteiligung durch die energische Agitation der Frauenrechtlerinnen für das Damenwahl recht geschaffen werden. Auf der anderen Seite stehen zwar die Arbeiterpartei und die Sozialdemokratische Partei auf dem gleichen Standpunkt wie sie und bekräftigen ihn alljährlich auf ihren Kongressen durch Resolutionen, haben aber bis jezt davon abgesehen, eine starte, einheitliche Aktion für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts zu entfalten. Jedenfalls darf die Ver einigung", der fast alle jene englischen Genossinnen angehören, die nicht auf den Leim des beschränkten Frauenwahlrechts gegangen sind, das Verdienst beanspruchen, einen tüchtigen Stamm von ges Schulten Vorfämpferinnen und Vorfämpfern für das allgemeine Wahlrecht zu sammeln. Und dieser Stamm tut aufopfernd das Seine, um diese Forderung unter die Massen der arbeitenden Bevölkerung zu tragen und der frauenrechtlerischen Begriffsverwirrung entgegens zuarbeiten. Wenn alle auf dem Boden des allgemeinen Wahlrechts stehenden sozialistischen Organisationen sich zu einer planmäßigen Agitation für diese ihre Forderung zusammenschließen würden, um für sie die breiten Arbeitermassen in Bewegung zu setzen, tönnte zweifelsohne die Regierung gezwungen werden, ihre schönen Er flärungen für den demotratischen Charakter einer Wahlrechtsreform nach ihrem Herzen durch den Entwurf zu einer solchen Wahlrechtsreform selbst zu ersehen. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. " I.K. Nachklänge des Allrussischen Frauenkongresses. Der Erste Allrussische Frauentongreß bewegt noch immer die öffentliche Meis nung. Im Mittelpunkte des Interesses steht die Delegiertengruppe der Arbeiterinnen. Ihre Haltung, insbesondere ihr demonstratives Verlassen des Kongresses, als über die Resolution betreffend die foziale Gesetzgebung abgestimmt werden sollte, wird auf die ver schiedenste Weise begründet und ausgelegt. Die Delegiertengruppe der Arbeiterinnen hat daher in der" Prawda Shysni"( Lebenswahrheit) das Wort ergriffen, um die Gründe ihres Vorgehens darzulegen. ,, Die Arbeitergruppe," so heißt es, hat sich veranlaßt gesehen, den Rongreß zu verlassen, weil dieser sich damit einverstanden erklärte, über die vom Redaktionsbureau eingebrachte Resolution abzustimmen, die weder in einer der Sektionssizungen noch in der Plenarsizung zur Beratung gekommen war. Dies war um so unzulässiger, als in dieser Frage bereits zwei Resolutionen der dritten Sektion vor lagen. Das Redaktionsbureau veröffentlichte diese Resolution nicht aus Rücksicht auf die Zensur. Es war die Aufgabe des Bnreaus, das Fazit des Kongresses zu ziehen und die auf ihm zutage ges tretenen Strömungen uneingeschränkt au tonstatieren. Sah sich das " Nr. 9 Redaktionsbureau außerstande, alle in der Resolution zum Ausdruck gebrachten Ansichten zu veröffentlichen, weil es die Schließung des Kongresses befürchtete, so konnte es den Kongreß auffordern, sich in der betreffenden Frage entweder jeglicher Resolution zu enthalten, oder sich durch Verzicht auf Widerspruch, durch Schweigen, den Resolutionen anzuschließen. Statt dessen brachte es eine völlig neue Resolution ein und beantragte, über sie ohne vorherige Debatten abzustimmen, obwohl es sich um Fragen von höchster Wichtigkeit handelte. Die überwiegende Mehrheit des Kongresses stimmte für diesen Antrag und sanktionierte damit die ungefeßliche Handlungsweise des Bureaus. Daraufhin blieb der Minderheit, die einen anderen Standpunkt vertrat, nichts anderes übrig, als an den Arbeiten des Kongresses nicht mehr teilzunehmen. Das hat sie auch getan." In Arbeiterkreisen, in Klubs und Gewerks schaftsversammlungen, wo die Delegierten der Arbeiterinnen Bericht erstatteten, wird ihre Haltung auf dem Kongreß einer eingehenden Kritik unterzogen. Während sich ein Teil der Arbeiterschaft mit der Taktik der Genossinnen auf dem Kongreß einverstanden erklärte, ist ein anderer nicht unbedeutender Teil der Ansicht, diese wären noch zu friedlich und gemäßigt aufgetreten. Es ist dies bezeichnend für den Geist, der trotz der Konterrevolution in dem erwachten Teil des russischen Proletariats lebt. Die Agitations- und Organisationsarbeit unter den Arbeiterinnen hat dant der Haltung der Genossinnen auf dem Kongreß einen fräftigen Anstoß erhalten. Zumal die Delegierten der Arbeiterinnen legen einen großen Eifer an den Tag, die Organisation der proletarischen Frauen auszubauen. Das Hauptziel der Beteiligung der Genossinnen an dem Kongreß ist erreicht," so schreibt uns Genossin Kollontay, die selbst einen entscheidenden Einfluß auf die Stellung der Arbeiterinnen zum Rongreß gehabt und im Verlauf der Tagung wiederholt klipp und flar den sozialistischen Standpunkt vertreten hat.„ Eine scharfe Trennungslinie zwischen der bürgerlichen Frauenbewegung und dem Befreiungskampf der Proletarierinnen ist gezogen worden. Der Kongreß hat sich dank dem Eingreifen der Genossinnen in die Des batten aus der erwarteten zahmen, Damenplauderei in eine bedeutsame politische Erscheinung verwandelt. Die Bestrebungen, durch eine planmäßige Arbeit unter dem weiblichen Proletariat dieses über seine Klassenlage aufzuklären und zu organisieren, sind ermutigt und belebt worden. Gleichzeitig ist die sozialistische Er lösungsbotschaft in große Kreise von Arbeiterinnen und Arbeiters frauen gedrungen, die noch nie vom Sozialismus gehört hatten. Natürlich wütet die Presse der ‚ echt russischen Leute über das , frevelhafte Wert. Die sogenannte, Arbeiterinnengruppe', die den Kongreß als Tribüne für die sozialistische Auffassung benutzte und die ihn schließlich verließ, nachdem er diesem Zweck nicht mehr dienen konnte, bestand aus 45 Delegierten. Ihren Kern bildeten 30 gewerkschaftlich organisierte Arbeiterinnen und 5 Delegierte der Petersburger Arbeiterflubs, die von Genossen geleitet werden und mehr als 3000 Mitglieder, lauter Proletarier, zählen. Mit der Ausnahme einer einzigen Sozialrevolutionärin gehörten alle Delegierten der Sozialdemokratischen Partei an. Sieben Arbeite rinnen erstatteten vor dem Kongreß Referate, welche folgende Fragen behandelten: Die Fabritarbeit der Frauen. Die Lage der handwerksmäßigen Arbeiterinnen. Der Wöchnerinnenschuß in dem neuen Regierungsentwurf über die Krantenversicherung. Die Frauenarbeit im Buchdruckergewerbe. Das Budget der Textilarbeiter familie und der ledigen Textilarbeiterin. Die Klubs der St. Peters burger Arbeiter und Arbeiterinnen und ihre Tätigkeit. Die Frauenarbeit im Handelsgewerbe. Auch mehrere delegierte Genossinnen, die sich nicht aus den Kreisen der organisierten Arbeiterinnen rekrutierten, hielten Referate. Sie behandelten unter anderem fol. gende Themata: Die Arbeiterin in den Gewerkschaften. Die Frau und die Politik. Die Kinderarbeit und ihre gesetzliche Regelung. Die Arbeiterin in der modernen Gesellschaft. Alle Genossinnen beteiligten sich selbstverständlich rege an den Debatten. Am heißesten war natürlich der Streit der Meinungen, als es um die Frage ging, ob eine allgemeine einheitliche Bewegung und Organisation aller Frauen möglich sei oder ob die Klassengegensätze auch, das schöne Geschlecht' in zwei feindlich einander gegenüberstehende Lager teilen. Da kreuzten die Vertreterinnen der Proletarierinnen scharf ihre Klingen mit denen der, Nichts- als- Frauenrechtlerinnen', Radettinnen ( Liberale) und tonservativen Damen. Die Genossinnen entzündeten eine Fackel, die weithin den proletarischen Frauen zeigt, daß ihr Plaz nicht in der bürgerlichen Frauenbewegung ist, sondern in den Reihen ihrer Klassenbrüder, die für die Erlösung des gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts fämpfen." Berantwortlich für die Redattton: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.