Nr. 10 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft viertelfährlich obne Bestellgelb 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Juhaltsverzeichnis. Stuttgart 15. Februar 1909 Der Notschrei der Bergarbeiter. Von Luise Zietz. Die Prometheussage. Von G. G.( Forts.) Der Textilarbeiterverband im Jahre 1908. Von Etwas Das Ausland im Jahre 1908. II. Von H. B. bom Tabalarbeiterelend. H. Jäckel. Gewerk Aus der Bewegung: Achtung, Genossinnen! Von der Agitation. Politische Rundschau. Von H. B. Der Verband der Handlungsgehilfinnen. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. Fl. Natalie Liebknecht. schaftliche Rundschau. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Frauenstimmrecht.- Soziale Gesetzgebung. Soziales Elendsbild. Fürsorge für Mutter und Kind. liftische Frauenbewegung im Ausland. Der Notschrei der Bergarbeiter. Sozia Aus Nord und Süd, aus Ost und West traten letzte Woche die Lohnsklaven des Grubenkapitals in Berlin zu einem Kongreß zusammen. Und wahrlich, nicht nur die Worte, die auf dem Rongreß gesprochen wurden, waren eine flammende Anklage gegen die strupelloseste kapitalistische Ausbeutung, gegen mangeln den und mißachteten Arbeiterschutz, gegen das fluchwürdige System der Schwarzen Listen, sie selbst, die Bergknappen waren eine lebendige Anklage durch ihre Erscheinung. Da marschierten sie nacheinander auf, starffnochige, fehnige Gestalten die Arbeit im Bergbau ist eine schwere Arbeit, aber mager, ausgemergelt, mit ungesunder, gelblich- weißer Gesichtsfarbe; die meisten von ihnen mit blauen Flecken im Gesicht und an den Händen, das Bergmannszeichen, das ihnen aufgedrückt wird durch die Verwundungen, welche sie erhalten bei Explofionen, viele mit verkrüppelten Gliedern. denn Die mit innerer Erregung und vor Empörung zitternder Stimme vorgebrachten Beschwerden und Anklagen bestätigten wiederum die furchtbare Tatsache, daß im Produktionsprozeß der Arbeiter nicht als Mensch, sondern nur als sprachbegabtes Arbeitsinstrument" bewertet wird, welches den einzigsten Zweck hat, Profit, steigenden Profit zu erzeugen, ob es selbst darüber zugrunde geht. Denn während der Goldstrom unaus gesetzt steigt, der in die Kaffen der Bergmagnaten fließt, steigt der Blutstrom in den Reihen der Bergknappen. Von 662907 gemeldeten Unfällen in der deutschen Industrie im Jahre 1907 entfallen 92455 allein auf den Bergbau. Der sechste Teil aller durch Unfall Getöteten sind Bergleute. Für das Jahr 1908 sind nach den vorläufigen Feststellungen der Knappschaftsberufsgenossenschaft 103582 Unfälle und 1869 Todesfälle zu verzeichnen. Das sind entsetzliche Ziffern! Zu den einzelnen Unfällen, die täglich, wöchentlich sich ereignen, traten dann von Zeit zu Zeit die Massengräber, wie fie das Unglück auf der Borussia, Reeden und Radbod aufweift! Und immer noch fehlt es an einem einheitlichen, durchgreifenden Reichsberggesez, das neben anderen wich tigen Reformen vor allem einen wirksamen Arbeiterschutz enthalten sollte. Noch immer fehlt es an Arbeiterkontrol. leuren, die über die Beachtung und Innehaltung des gelten den Rechtes wachen. Denn aller Mund wiederholte die Klage: Nicht nur fehlt es an Schutzbestimmungen, mindestens ebenso Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sic in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. schlimm ist, daß das heute schon geltende Recht mit Füßen ge treten wird. Hier fehlt es an der Berieselung, wodurch die Explosions. gefahr eine permanente wird, dort muß der Bergmann an mit Gasen gefüllten Orten schaffen, oft im Dunkeln, weil das Lampenlicht verlöscht in der giftigen, sauerstoffarmen Luft. Das Licht verlöscht, aber der Bergmann muß schanzen, bis er ohnmächtig zusammenbricht. Denn die Wetterführung kostet Geld, der Bergmann nicht! Hier wird ein Unglück herbeigeführt, dem einzelne, oft viele zum Opfer fallen, weil voll. ständig unerfahrene Leute an gefahrvolle, verantwortungsreiche Posten gestellt werden, dort geschicht ähnliches, weil die Ar beiter Ausländer sind, die der Sprache nicht mächtig, sich nicht verständigen können. Hinzu kommt das intensive Arbeiten, wozu die Gruben sflaven angetrieben werden durch das Soll- oder Prämien system auf vielen Gruben, oder wozu die Not fie treibt, infolge des verruchten Strafgelderunwesens, welches die Bergleute schwerer drückt als früher das Wagennullen. Im Oberhausener Bezirk auf der Grube Neumühl" ist zum Beispiel die Summe von 24000 Mt. an Strafgeldern in einem Jahre erhoben worden; auf der Grube Westend" wurden in der gleichen Zeit 17000 Mt. und auf der Grube Konfordia" in einem Schacht 7000 Mt. erhoben. " So werden die Bergknappen um ihr bei schwerer, gefahrvoller Arbeit sauer verdientes Geld geprellt und gleichzeitig auf. gestachelt zu angestrengterer Arbeit, wodurch die Krankheitsund Unfallgefahren ins Ungemessene wachsen. Leben und Ge sundheit der Bergknappen spielen im Bergwerk heute die ge ringste Rolle, das brachte bei der Borussia Affäre in zynischbrutaler Weise ein Sachverständiger zum Ausdruck in den Worten: Man betreibt doch nicht Bergbau, um Gefahren zu befämpfen, sondern um Kohlen zu fördern!" Kommt der Berginspektor, dessen Ankunft vorher gemeldet wird, schnell werden die schlimmsten Übelstände aus dem Wege geräumt, die gefährlichen Betriebsstellen geräumt, durch einen Lattenverschlag als gestundet" bezeichnet; ist der Beamte wieder fort, geht die alte Wirtschaft weiter und Heka. tomben von Menschenopfern begleiten den Gang und die Anhäufung des Grubenkapitals! Doch diese Herrschafts- und Ausbeutungsmöglichkeit genügt den Grubenbaronen noch feineswegs. Die Bergknappen haben es gewagt, sich zu organisieren, sie beginnen, immer energischer an ihren Ketten zu rütteln, sie schreien das erlittene Unrecht immer lauter hinaus. Die sozialdemokratischen Tageszeitungen und das Fachblatt, die" Bergarbeiterzeitung", erheben Tag für Tag ihre Anflagen und heischen Abhilfe. Das beunruhigt und stört die Herren Berggewaltigen; daher haben sie begonnen, eine fürchterliche Musterung zu halten unter denen, die es wagen, gegen den Stachel zu lecken. In der strupellosesten, brutalsten Weise wird mit Hilfe der geheim verschickten Schwarzen Listen die Hungerpeitsche über die Bergarbeiter geschwungen, werden fie von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte, von Ort zu Ort gehegt, vergeblich ankämpfend gegen diese geheimnisvolle, sie überall 146 Die Gleichheit verfolgende Macht, bis sie erschöpft und entkräftet zusammens brechen. Stoßweise lagen die Schwarzen Listen, dieses Denkmal unserer Zeiten Schande, auf den Tischen des Kongreßlokales aus. Schon vor Monaten hatte ein günstiger Wind die so sorgsam geheimgehaltenen Uriasbriefe dem Bergarbeiterverband auf den Schreibtisch geweht. Siedendheiß jagte die Empörung uns das Blut durch die Adern, als wir die Listen in die Finger nahmen, als wir Namen um Namen braver Bergleute lajen und uns sagten, so werden falten Blutes Tausende von Existenzen vernichtet, Tausende Familien zerstört, Tausende von Familien väter rubelos und existenzlos von Ort zu Ort gehezt, lediglich um den nimmersatten Profithunger der Grubenbarone zu stillen, ihrem Machtfizzel Genüge zu tun. Und auf den Schrei der Bergleute nach Gesezesschutz gegen diese Brutalität antwortet der preußische Minister des Innern mit einer Drohung, kündet er ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiterorganisationen. Daß die Arbeiterschaft von der Regierung und den herrschen den Klassen auf fein Entgegenkommen zu rechnen hat, daß sie lediglich ihrer wachsenden Macht und Stärke, lediglich ihrem selbstgeführten Kampf wird zu danken haben, was sie an Nechten, was sie an Schutz für Leben und Gesundheit erreicht, hat zur Genüge gleichfalls der Kongreß gezeigt. Kein Vertreter der Regierung, fein Zentrumsmann, fein Konservativer war ers schienen, neben den sozialdemokratischen Land- und Reichstagsabgeordneten nur noch je ein freifinniger und ein nationalliberaler Abgeordneter. Und dabei fordern die Bergs leute nur das Notwendigste: ein Reichsberggese, felbft gewählte Arbeiterfontrolleure, die dem geltenden Recht Achtung verschaffen, und einen gesetzlichen Schutz gegen die Schwarzen Listen. Möchten doch alle Bergarbeiter, die ihrer Bergarbeiterorganisation und der sozialdemokratischen Partei noch ferne stehen, daraus lernen. Möchten doch vor allem auch alle Bergarbeiterfrauen daraus lernen, nämlich, baß alles, was Arbeiterkittel und jade trägt, zusammen zustehen hat, daß sie sich scharen müssen um die Fahne der freien Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei, daß sie gemeinsam den Kampf zu führen haben gegen Ausbeutung und Knechtung und für die Befreiung der Arbeit. Unsere Bergarbeiterfrauen, sie durch leben im Geifte alle die Gefahren mit, die täglich ihren Gatten umlauern, sie bangen um seine Heimkehr, wenn er eingefahren, fte sehen im Geiste, wie er vielleicht verfrüppelt, verkohlt, ers fchlagen ins Haus gebracht wird. Sie bangen desgleichen darum, baß er abgelegt werden könnte, ruhelos von Ort zu Ort ges bezt und der Hunger seine Einkehr in die Familie hält; fie benten schaudernò der vielen Strafgelder, derentwegen sie und die Ihrigen darben und entbehren müssen, sie sind alle auf das tiefste empört ob dieser Zustände, sie haben alle den heißen Wunsch, daß es anders, besser werden möge. Nun wohlan, da sollen sie Hand anlegen und arbeiten, kämpfen helfen in den Reihen der organisierten Arbeiterschaft. Wir sind stark und mächtig auf Grund der Zahl unserer Köpfe, wenn wir einig sind. Darum lasset uns einig sein; der Kongreß, alle die bargelegten Leiden, die Behandlung der Bergknappen durch die Regierung und bürgerlichen Parteien, sie rufen es uns mit Donnerstimmen zu. Hören wir diese Stimmen und handeln banach. Luise Ziez. Die Prometheussage. Bon G. G. ( Fortfegung.) Wie die Gestalt der Themis, finden wir auch die der Jo im Prometheus des Aeschylos zum erstenmal in den Mythus aufgenommen. Jo, die schöne Priesterin der Hera in Argos, die Tochter des Königs Jnachos von Argos, wurde von Zeus' Liebe bestürmt. Die eifersüchtige Hera verwandelte sie in eine Kuh, und in dieser Gestalt mußte fie, von einer Bremse vers folgt, auf der ganzen Erde herumirren. Sie wird von Aeschylos geschildert als die Tochter Jnachos, die Zeus' Gemüt In Lieb' entflammt und die nun Heras Zorn Gewaltsam treibt in rubelose Flucht."" Nr. 10 Jo erscheint hier, wie die Pandora im alten Mythus, als Personifikation der neuen Form der Ehe, und in ihren Leiden und Klagen sind die Leiden, Kämpfe und Widersprüche nicht zu verkennen, die den Übergang aus der altheiligen Form der fommunistischen Ehe unter Blutsverwandten in die Form der Einzelehe begleiteten, also den Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht. Auch Bachofen weist auf diesen Zusammenhang hin, indem er betont, daß„ Aeschylos die liebeerregte Jo wohl durch Kilifien und Pamphylien, nicht aber nach Lytien gelangen läßt", wo das Mutterrecht sich bis in späte Zeiten erhalten hatte, wo diese Kämpfe und Widersprüche faum existierten. Wie Prometheus flagt auch Jo das Regiment des neuen Gottes an, fie findet den Gefesselten als Schicksalsgenossen. Prometheus sagt ihr die Leiden voraus, die sie noch zu erdulden haben wird, und erklärt ihre und seine eigenen Dualen aus derselben Ursache: „ Wie nun? Ist's ein Tyrann nicht, dieser Götterfönig? In allem gleich! Dies ird'sche Weib zu küssen, Das war sein Götterwillen! Nun verstößt er In solche Irren sie! Ein böser Freier, D Jungfrau, ward zur Hochzeit dir zuteil!" Prometheus prophezeit, daß einer von Jo's Nachkommen seinen Retter hervorbringen werde, der ihn mit dem Willen des Zeus erlösen wird, also dann erst, wenn dessen Herrschaft befestigt ist, die Menschheit sich in die neue Ordnung gefunden hat. In dem Schauder und Entsetzen, die Jo vor der Ehe mit dem Gotte empfindet, und die sie zum Wahnsinn geführt haben, spüren wir den Abscheu der in die neue Gesellschaftsordnung Hineinwachsenden vor der neuen Form der Ehe, die sich mit ihr entwickelt. Hera, die in Eifersucht gegen Jo entbrennt, erscheint schon ganz als Vertreterin der Einzelehe in der Geschwisterehe hat es wohl kaum Eifersucht gegeben. Ebenso ist Zeus schon der Typus des bevorrechteten Mannes, dem diese Einzelehe nicht genügt und der noch außer der Ehe Genuß sucht. Die Ehe unter Blutsverwandten, die in den ältesten Zeiten des urwüchsigen Kommunismus selbstverständlich war, gilt hier schon als Frevel; in der Prometheus- Prophezeiung über die Leiden der Jo heißt es: „ Das fünfte, fünfzigsprossige Geschlecht Kehrt wider Willen erst nach Argos heim, Ein Mädchenschwarm, die blutsverwandte Che Der Vettern fliehend." 5 Vor einer anderen Gefahr, die erst auf dem Boden der Klassenherrschaft erwachsen fonnte, fürchten sich die Okeaniden und warnen vor ihr, nämlich vor der Erfahrung, daß eine Ehe zwischen Hohen und Niederen nicht zum Glücke führt, sondern nur die niedrigstehende Frau ins Unglück stürzt. Wie ein Say der Herrenmoral des Kapitalismus, der heute noch Gültigkeit beanspruchen darf, flingt ein Ausspruch der ersten Okeanide: Allein das gleiche Bündnis führt zum Glücke, N Drum nicht dem Brahler mit des Reichtums Schätzen, Dem Stolzen nicht auf abliges Geschlecht Sich zu vermählen trachte der Geringe!" Nach ihrem langen qualvollen Umherirren im Wahnsinn soll Jo doch endlich in der Ehe mit Zeus, vor der sie sich so lange gescheut hat, ihre Erlösung finden. Die des Prometheus ist eng damit verknüpft, da einer von Jos Nachkommen ja sein Retter werden soll. In diesem Ehebund wird endlich die alte Ordnung ganz von der neuen besiegt, er fann aber auch zugleich als das Zeichen der Versöhnung der Gegensätze gelten. Prome theus meint, daß von ihm der Sturz des Zeus abhängig ist, 1 Aeschylos, Seite 44. Rilitien, Pamphylien und Lykien find drei Landschaften an der Südfüfte Kleinaftens. Bachofen, Das lytische Volt, Seite 46. 4 Aeschylos, Seite 49. Aeschylos, Seite 54. Aeschylos, Seite 55. Str. 10 Die Gleichheit meil Themis ihm ja prophezeit hat, daß sein Befreier aus diesem Chebund hervorgehen soll. Sein Befreier aber, so schließt der gefesselte Titan, muß notwendig den Zeus stürzen, um ihn selbst erlösen zu fönnen. „ Und doch, du fiolzer Zeus, bestehst du nicht! Ein Ehebündnis wirst du dir bereiten, Das dir das Zepter deiner Macht zerknickt!-. Und der Götter feiner ... Weist dir den Rettungsweg, als ich allein!" Prometheus, der Weitschauende, der schon die Notwendigkeit erkannt hat, daß das Alte dem Neuen weichen muß( Seite 57), sieht in dem Triumph des Zeus den Keim zu seiner Niederlage und Sturz, ohne die ihm die eigene Rettung nicht möglich erscheint. Er ahnt noch nicht, daß der Triumph des Zeus in einem Aufgehen der alten Organisation in der neuen bestehen wird, daß er also zugleich auf der Versöhnung der Gegensätze beruht, die auch seine Erlösung erst möglich machen wird durch " Herakles, den sich unterwerfenden Sohn des Beus". Das Bewußtsein aber, daß er, Prometheus, jetzt der einzige ist, der um das Geheimnis von dem vermeintlichen Sturze des Beus weiß, steigert in ihm den revolutionären Trotz gegen den neuen Gott. Mit höhnenden, selbstbewußten Worten weist er dessen Boten, den Hermes ab, der durch Drohungen die Offen barung des Geheimnisses von ihm erzwingen will: Fleh! Bete! Krieche hin zum hohen Herrn! Ich acht' ihn doch für weniger als nichts!" Rann je ein Unterdrückter seinem Peiniger verächtlichere, trotzigere Worte hinwerfen? Alle Strafen, die Prometheus fürchterlich angedroht werden, fordern seinen Trotz nur noch mehr heraus. Mit ungeheurem Selbstbewußtsein und mit einer elementaren revolutionären Kraft schleudert er dem Unterdrücker triumphierend entgegen:„ Er fann mich doch nicht töten!" Das trotzige Bewußtsein des Unterdrückten, daß der Freiheitsbrang des Menschen mächtiger und dauernder ist, als alle Formen der Unterdrückung, und daß er deshalb sie alle über dauern und überwinden wird, kann meines Dafürhaltens siegessicherer und stolzer nicht ausgedrückt werden! Da Prometheus das Geheimnis nicht verraten hat, wird der Revolutionär von seinem Geschick ereilt, er wird unter Donner und Blitz und mächtigem Getöse in den Tartarus gestürzt: ,, So, vom Gott gesandt, Dringt jäh der Sturz des Schreckens auf mich ein! D meiner Mutter heil'ge Macht! Ather, Lichtquell des Alls! Seht mich das Unrecht dulden!" Also hier, am Schlusse der Tragödie, in dem Augenblick feines Sturzes wendet sich Prometheus an die Muttergottheit, deren Sohn er ist, und deren Unterdrückung durch die Vater gottheit er mit der vollen revolutionären Kraft seines Wesens verhindern wollte. 1 Der dritte Teil der Trilogie handelte von der Erlösung des Prometheus. Bei Aeschylos wird die Befreiung des Titanen nicht allein dadurch möglich, daß Herakles, der Nachkomme der Jo, den Adler tötet. Prometheus kann vielmehr nur erlöst werden, wenn ein anderer sich für ihn opfert. Aeschylos läßt den Zentauren Chiron für ihn in den Tartarus gehen. Erst von dieſem freiwilligen Opfer ist die Versöhnung zwischen Zeus und Prometheus, zwischen der alten und neuen Ordnung, abhängig. Von einer solchen Versöhnung ist bei Hesiod noch nicht die Rede. Es heißt bei ihm nur, daß Prometheus durch Herakles nach dem Willen des Zeus befreit worden sei. Im älteren Mythus fonnte eben eine Versöhnung der Gegensätze noch nicht zum Ausdruck kommen, da die Gegensätze noch zu schroff und fühlbar waren. Den Unterdrückten mußten die neue Ordnung, die neuen Rechte und Gesetze als hartes Joch, als unbezwing liches, unabwendbares Verhängnis erscheinen, das den Gedanken an eine Selbsterlösung und Versöhnung nicht aufkommen ließ. Eine Geleichterung und Befreiung fonnte nur von der Seite des Siegers ausgehen, konnte nur durch seine Gnade erwartet werden. 1 Nach den Angaben von Welder, Griechische Mythologie, I, Seite 760 bis 768 über den Inhalt des dritten Teiles. 147 Der Bedeutungswandel des Mythus, der in Aeschylos' Drama Gestalt gewinnt, läßt erkennen, daß die Gegensätze zwischen der alten und neuen Gesellschaftsordnung sich immer mehr ausgeglichen haben, das heißt, daß die alte in der neuen auf gegangen ist. Prometheus wird hier nun nicht nur befreit, sondern Zeus und Prometheus sind versöhnt. Als Sühne gilt das Opfer des Zentauren Chiron, der nach Bachofen als der Vertreter einer gereinigten Lehre, in dieser aber auch vorzüg lich als der Empfehler der Vater neben der Mutterliebe dar gestellt wird"." Hier erkennen wir wieder den engen Zusammenhang der mythischen Darstellung mit den sich verändernden Zuständen der Gesellschaft. Der Dichter hat, wir wissen nicht, ob bewußt oder unbewußt, den vorhandenen Stoff mit mächtiger Gestaltungskraft umgeformt. In seinem Werke hat der uralte Gott Prometheus rein menschliche Züge gewonnen. Schon weht uns etwas von der Erkenntnis an, daß die Götter nicht allmächtig und ewig sind, daß der Mensch selbst seine Götter einsetzt und stürzt: ,, Neu herrscht ihr in der neuen Macht und wähnt Euch in der Burg der ew'gen Luft. Sab ich Von da nicht zwei Tyrannen schon gestürzt? Und diesen heut'gen seh ich's Am schmählichsten und schnellsten. Meinst du etwa, Ich zittr' und bange vor den neuen Göttern? Gar weit, wahrhaftig, bin ich davon fern!" Der gewaltige revolutionäre Geist, der die Menschheit be seelt und vorwärts drängt, kommt in dem Prometheus des Aeschylos zum erstenmal tlar zum Ausdruck. Die Betrachtung der Tragödie des Aeschylos hat uns auch in allen ihren Einzelheiten gezeigt, wie die Jdeen und Vorstellungen jener ältesten Mythen erst dann für uns lebendig und verständlich werden, wenn wir ihren Zusammenhang mit der Gesamtkultur zu erkennen suchen, wenn wir ihre Entwicklung und ihren Bedeutungswandel aus der umwälzenden Praxis begreifen. Ich möchte dieser Erkenntnisweise die eines älteren Forschers gegenüberstellen als Beispiel für den Unterschied der Methode ( Schluß folgt.) sowohl, als der durch sie erzielten Resultate. Der Tertilarbeiterverband im Jahre 1908. Das Jahr 1908 war für die deutschen Textilarbeiter ein Jahr der Entbehrungen und der bittersten Not. Schon in der zweiten Hälfte des Vorjahrs hatte die Krise eingesetzt. Aber noch waren es da nur die in der Hauptsache von den Ver einigten Staaten Ameritas abhängigen Zweige der Industrie, welche daniederlagen, so die Stickerei und Wirkerei Sachsens. Das Jahr 1908 aber brachte einen geradezu beispiellosen Niedergang aller Branchen im ganzen Reiche. Die Märkte waren gesättigt, das Angebot von Waren überstieg bei weitem die Nachfrage, die Rohstoffe sanken rapid im Preis. Die Maschinen wurden zu Tausenden stillgelegt, die Arbeitszeit ganz erheblich verkürzt. Die Folge war ein bedeutender Rückgang des Einkommens der ohnehin targ entlohnten Arbeiter. In Zeiten einer niedergehenden Konjunktur konzentriert sich notwendig die Gewerkschaftspolitik auf die Abwehr der Angriffe des Unternehmertums und die Linderung der infolge Arbeitslosigkeit, Krankheit und anderer Ursachen hervorgerufenen Not der Proletarier. Enorme Kraftleistungen wurden hierdurch im verflossenen Jahre auch dem Textilarbeiterverband auferlegt. Manche Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen hatten sich die Textilarbeiter in den Zeiten der Hochkonjunktur erkämpft. Troz außerordentlich hoch geschraubter Lebensmittelpreise ging das rücksichtslose Unternehmertum mit dem Einsetzen der Krise in vielen Betrieben fast aller Branchen mit Lohnreduktionen 1 $ Bachofen, Mutterrecht, Seite 305 und Seite 158. Aeschylos, Seite 57. 148 Die Gleichheit und sonstigen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen vor. Dort, wo die Arbeiter im Glauben an das gute Herz ihres Brotgebers" sich sorgsam der Gewerkschaft ferngehalten hatten, mußten sich die betrogenen Proletarier wohl oder übel den Ans maßungen der Unternehmer ohne weiteres fügen. Hie und da empörten sie sich, ließen die Maschinen stehen, verweigerten thre Arbeitskraft, um bald vom Hunger bezwungen zähne fnirschend in das alte Joch zurückzukehren. Dort aber, wo die notwendigen Vorbedingungen gegeben waren, stellte sich der Verband schützend hinter die Arbeiterschaft und versuchte oft durch offenen Kampf das übel abzuwenden. Nicht in allen Fällen ist ihm das gelungen. Aber es zeugt von innerer Festigung und Kraft der Organisation, daß es ihr möglich war, ohne sich zu erschöpfen oder gar fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, mehr als 800000 Mt. diesem Kampfe ihrer Mitglieder zu opfern. Der Verband hat in dem Ningen gegen Verschlechte rungen der Arbeitsbedingungen seine gewerkschaftliche Pflicht in vollstem Maße getan. Auch dort, wo der beabsichtigte Zweck nicht oder nicht voll erreicht wurde, ist durch die große Kraft äußerung der Organisation der Boden für fünftige Erfolge der Arbeiter vorbereitet worden. - Ebenso energisch, wie der Verband gegen Lohnreduktionen angekämpft hat, hat er die durch die Krise entstandene Not unter seinen Mitgliedern zu lindern gesucht. Wenn der Verdienst infolge verkürzter Arbeitszeit zurückgeht oder gar Arbeitslosigkeit den Ernährer der Familie wochenlang jedes Verdienstes beraubt; wenn der Unternehmer, wissend, daß die Krise seine Macht der Arbeiterschaft gegenüber sehr gesteigert hat, sich an ben besten Kräften der verhaßten Organisation rächt, indem er fie aus den nichtigsten Gründen auf die Straße wirst; wenn in weiterer Folge die ohnehin wenig widerstandsfähigen Arbeiter von den verschiedensten Krankheiten befallen werden und die blaffe Not in die Arbeiterfamilien einzieht: dann erweisen die Unterstützungseinrichtungen des Verbandes ihre wohltuende Wirkung. Hohe Summen wurden als Kranken-, Arbeitslofen und Gemaßregeltenunterstügung ausgezahlt. Zu den etwa 300000 Mr. Krantenunterstützung kommen 80000 Mt. Gemaß regeltenunterstützung. Die Arbeitslofenunterstützung, welche erft vom 1. Oftober 1908 ab gewährt wird, erforderte bereits zirka 130000 Mt., ein Beweis, daß die Arbeitslosigkeit erheblich war, obwohl im allgemeinen aus verschiedenen Gründen Arbeiter entlassungen im großen Maßstab in der Textilindustrie nicht vorgenommen worden sind. Den Kollegen und Kolleginnen, welche den Ort verließen, um sich anderwärts Arbeit zu suchen, wurde 25000 Mt. Reiseunterstützung ausgezahlt. Ge maßregelte, die mit ihren Familien fortzogen, erhielten extra Umzugsunterstügung. Etwa 9000 Mt. wurden in Form von Sterbeunterstüßung verausgabt, um den Hinterbliebenen der Mitglieder die Aufbringung der im heutigen Staate leider noch so hohen Kosten der Beerdigung eines Angehörigen zu erleichtern. Zu alledem kommt noch die von lokalen Verwaltungen und aus der Hauptkasse gewährte Notfallunterstützung, welche auf besonderen Antrag bei besonderen Notfällen an viele Mitglieder gezahlt wurde. Die angeführten Zahlen werden durch den Jahresabschluß noch mehr oder weniger berichtigt werden. Nach Fertigstellung des Jahresberichtes erhalten die Kollegen und Kolleginnen hiervon Kenntnis. Das innere Verbandsleben war im ganzen Jahre ein sehr reges. In den ersten fünf Monaten waren es die der Leips ziger Generalversammlung vorliegenden Anträge, welche in allen Filialen eingehende Diskussionen verursachten. In den sob genden Monaten wurde eine intensive Propaganda für die Leipziger Beschlüsse entfaltet, um so die Mitglieder mit ihrem Inhalt, wie mit den neuen Einrichtungen vertraut zu machen, um die Mutlosigkeit zu bannen und zu emsiger Weiterarbeit anzuregen. Trotz der scharfen Krise hat die Generalversammlung einen bedeutungsvollen Schritt nach vorwärts getan und zur weiteren Feftigung und Gesundung des Verbandes beigetragen. Die wichtigste der gewerkschaftlichen Unter ftübungseinrichtungen, die Arbeitslosenunterstügung, wurde durch geführt. Die Mitglieder des Textilarbeiterverbandes genießen Nr. 10 nunmehr die Wohltaten aller in den modernen Gewerkschaften üblichen Unterstützungsarten. Ein mächtiges Bindemittel, das schon während der jetzt herrschenden Krise, noch mehr aber in der kommenden Zeit seine günstige Wirkung erweisen wird, hat sich der Textilarbeiterverband in der Arbeitslosenunterstützung zunuze gemacht. Die Befürchtungen, welche vielerorts gegen diese Einrichtung geltend gemacht wurden, haben sich schon heute als unbegründet herausgestellt. Obwohl nur bis 9 Mt. auf die Dauer von 10 Wochen gezahlt wird, wiffen doch die Mitglieder, daß diese Unterstützung sie vor völliger Verschuldung schützt und so ihre Widerstandskraft gegen das Unternehmertum hebt. Weit entfernt, den Kampfescharakter der Organisation zu beeinträchtigen, wird die Arbeitslosenunterstützung ein starker Hebel wirksamen Kampfes werden. Gleichzeitig mit der Arbeitslofenunterstützung wurde eine abermalige Beitragserhöhung durchgeführt. Der niedrigste Beitrag für männliche Mitglieder beträgt seit 1. Juli 40 Pf. pro Woche; er kann von den einzelnen bis auf 60 Pf. gesteigert werden. Für Arbeiterinnen ist ein Wochenbeitrag von 30 Bf. zugelassen. Mit dieser Beitragsleistung stellt sich der Verband würdig an die Seite aller übrigen Gewerkschaften. Die Frage der Beitragserhöhung ist nunmehr auf lange aus der Diskussion ausgeschieden. Die Finanzkraft der Organisation aber wird zweifellos durch die größeren Einnahmen sehr gesteigert. Ihre erhöhten Leistungen werden sicher lich erhöhte Anziehungskraft auf noch fernstehende Gruppen des Textilproletariats ausüben. Ganz besonders steht zu erwarten, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen von Branchen, welche dem Verbandsleben lange fernstanden, in den letzten Jahren aber in Bewegung gekommen sind zum Beispiel die Baumwoll und Kammgarnspinner und Andreher, beffer für den Verband gewonnen und von dieſem festgehalten werden können. Ein intensives Eindringen in die für die einzelnen Branchen wichtigen und fie bewegenden Spezialfragen muß diese Entwicklung fördern. Zu diesem Zwecke wurden im verflossenen Jahre fünf verschiedene Branchenkonferenzen abgehalten, und weitere sind für die nächste Zeit in Aussicht genommen. Auch in bezug auf die Arbeiterinnenagitation, die für den Textilarbeiterverband so wichtig ist, sind Beschlüsse gefaßt worden, welche den Anschluß der Arbeiterinnen an den Verband fördern werden. Indem eine ständige Fühlung einzelner weiblicher Ver trauenspersonen aus den verschiedenen Orten mit der Zentrale herbeizuführen versucht wird, ist der Weg gezeigt, der gegangen werden muß, damit eine systematische Propaganda unter den Arbeiterinnen durch Arbeiterinnen betrieben wird. Es ist Pflicht der Kollegen allerorts, hier helfend einzugreifen. Das Ziel, die Erweckung der nach Hunderttausenden zählenden Arbeiterinnen, ist des Schweißes der Edlen wert. So ist der Berband der Textilarbeiter trotz äußeren Rück gangs doch vorwärts geschritten. Innerlich gestärkt und gefräftigt wird er künftig seine Wirksamkeit entfalten. Die Scharte, welche die furchtbare Krise geschlagen hat, wird bald wieder ausgewetzt sein. Der Verband war die einzige Schutzwehr der Arbeiter und Arbeiterinnen gegen die Angriffe des Unternehmertums. Auch für die Zukunft wird er seine Pflicht im Dienste der Arbeiterbewegung erfüllen. H. Jäckel. Das Ausland im Jahre 1908. II. Die Entwicklung, die der vorjährige Rückblick in den Ländern des entwickelten Kapitalismus zeigte, die Verschävsung der Klassengegensäge, die Rechtsbewegung der bürger. lichen Demokratie hat sich auch im Jahre 1908 fortgesetzt. Besonders deutlich tritt das in Frankreich zutage. Das rabitale Regiment ist ebenso unfruchtbar an sozialen Reformen gewesen, wie es eifrig war in der Verfolgung der Arbeiterbewe gung und der Koalitionen der Beamten. Die Einkommensteuer, die Altersversicherung der Arbeiter sind noch immer Projekte, den Gesezentwurf auf Abschaffung der Todesstrafe hat die Regierung vor der Revolte des Spießers feig aufgegeben. Da Nr. 10 Die Gleichheit gegen hat sie auf ihrem Konto die Arbeitermezeleien von Ruon l'Etape, von Draveil, von Villeneuve, die Schreckensurteile gegen die Antimilitaristen, die Verhaftung der Gewerkschaftsführer, die allerdings schließlich wieder aufgehoben werden mußte. Die Allianz mit dem Zarismus wurde aufs neue befestigt. Bei den Gemeindewahlen und Senatswahlen bildete sich ein antifozialistischer Block der Bürgerlichen, und total scheiterten die Versuche des linken Flügels der Radikalen, das Bündnis der Linksparteien, die Delegation der Linfen, wieder zu beleben und so das vom Ministerium Clemenceau schnöde verleugnete radikale Programm wieder in Kraft zu sehen. Sie stießen auf den entschiedenen Widerstand des stärkeren rechten Flügels, der in der Politik Clemenceau die richtige Vertretung der Interessen jener bürgerlichen Schichten sieht, die er ver förpert. Die geeinigte sozialistische Partei hat schon allein wegen der Spaltung der Arbeiterbewegung durch den syndika listisch- anarchistelnden Gewerkschaftsbund eine schwierige Stel lung. Das abgelaufene Jahr brachte ihr feine großen, sicht baren Erfolge, doch hat die innere Festigung und Klärung so manches sie auch noch zu wünschen übrig läßt- Fortschritte gemacht. Der englische Liberalismus hat unter dem Drucke der jungen politischen Arbeiterbewegung Englands etwas mehr geleistet als der französische Radikalismus. Das Alter pensionsgesetz und der Achteinhalbstundentag für die Bergleute wurden durchgebracht. Aber die Anzeichen des Verfalls des Liberalismus mehrten sich. Die Nachwahlen fielen fast fämt lich zu seinen Ungunsten aus, der Imperialismus und die Schutzollpolitik gewinnen in der Bourgeoisie ständig mehr Anhänger, das Haus der Lords, die Burg der Konservativen, wagte offenen Kampf gegen die Regierung, die nicht die Tat fraft zum energischen Vorgehen gegen die geborenen Gesez geber fand. Die wegen des Gegensatzes zu Deutschland ständig wachsenden Flottenrüstungen drohen die Staatsfinanzen zu zerrütten, während die sozialpolitischen Forderungen, die die Arbeiterpartei erhebt, ebenfalls vermehrte Ansprüche an den Staatsfäckel stellen. Die feindliche Stimmung gegen die Arbeiterpartei wuchs und gebar ein Urteil des Appellhofes, das den Gewerkschaften die Erhebung von Beiträgen für politische Zwecke verbietet. Die Arbeiterpartei ist durch den Bei tritt der gewerkschaftlich organisierten Bergleute numerisch bedeutend verstärkt worden. Die innere Entwicklung hat jedoch mit der äußeren nicht gleichen Schritt gehalten, und ihre Politit wurde demzufolge von den entschiedenen Sozialisten als zu zaghaft und zu wenig bestimmt getadelt. Die Auseinander setzungen über das Programm und die Taktik der Arbeiterpartei dauern zurzeit noch fort. In Osterreich flammte der Nationalitätenhaber mehrfach wieder zu heller Lohe auf und brachte schließlich das Abgeordnetenhaus in Gefahr, in die Obstruktion zu verfallen. Die Sozialdemokratie rettete durch ihre Stimmen das von ihr erkämpfte Parlament des allgemeinen Wahlrechts, das Instrus ment, vermittels dessen die dringend nötigen sozialen Reformen burchgesetzt werden müssen, vor der Arbeitsunfähigkeit und den Staat vor einer Neuauflage des verfassungswidrigen Zustandes. Sie entschied für die Dringlichkeit des Budgetprovisoriums, so daß es den Regierungsparteien möglich war, das Budget provisorium anzunehmen. Der Kleritalismus ist im ziel bewußten Fortschreiten zur Macht begriffen. Die Gristlich sozialen stürzten das Ministerium Beck und setzten eine ihrer Kreaturen, den Reaktionär v. Bienerth, auf den Ministerpräsis dentensessel. Die Tötung des Statthalters von Galizien, Grafen Potocki, durch den ruthenischen Studenten Siczinski warf ein grelles Schlaglicht auf die forrupte Gewaltherrschaft und den frechen Wahlterrorismus der polnischen Junkerschaft, der Schlachta. Von der furchtbaren Erbitterung der Ruthenen zeugte noch mehr als die Tat eines einzelnen die Aufnahme, die diese Tat in der ruthenischen Bauernschaft fand. Die öfter reichische Sozialdemokratie steigerte in erfolgreichen Reichsratsnachwahlen ihre Mandatsziffer auf 90, eroberte bei den niederösterreichischen Landtagswahlen mehrere Size, führte eine 149 fräftige Rampagne um die Demokratisierung des Landtags wahlrechts, die imposante Straßendemonstrationen brachte, und bewährte sich in den heftigen Kämpfen der nationalistischen Bourgeoisien als Trägerin des Programms nationaler Ge rechtigkeit. Gegen die Annexion Bosniens erhob sie energischen Protest. Jm benachbarten Ungarn brach die korrupte Koalitions. regierung in schmachvoller Weise ihr Versprechen auf Einführung des gleichen Wahlrechts und legte statt dessen den Entwurf zu einem schmählichen Pluralwahlsystem vor, das das Proletariat und die nichtmagyarischen Nationalitäten in unerhörter Weise entrechtet. Die Krone machte diesen Wort bruch mit, geriet aber trotzdem megen Heeresforderungen bald wieder in Differenzen mit den magnarischen Machthabern. Das Proletariat nahm in großen Massendemonstrationen den Kampf ums Wahlrecht auf und hatte sich auch sonst gegen die an Rußland erinnernde Willfür der Bureaufratie zu wehren. Am Schluffe des Jahres trat es in einen eintägigen Demon. strationsstreit zum Protest gegen die Auflösung zweier großer Gewerkschaftsverbände. Die schweizerische Demokratie hat deutlich gezeigt, daß sie ebensowenig wie die Demokratie in minder freiheitlichen Staaten über die Klassengegensätze hinwegkommt. In den Kantonen Bern und Zürich wurden in Volksabstimmungen Antistreifgefeße angenommen, gehässige Ausnahmegeseze gegen die kämpfende Arbeiterklasse. In dasselbe Rapitel gehört die Auslieferung des russischen Revolutionärs Wassiliem an die zarischen Schergen. Die Sozialdemokratie erfocht bei verschiedenen Wahlen mehr oder minder erhebliche Erfolge. Italien sah den großen Landarbeiterstreif von Parma, der 30000 Ausständige umfaßte und elf Wochen dauerte, indes leider erfolglos blieb. Mehrere Megeleien streifender Arbeiter waren wieder zu verzeichnen. In Rom schossen die Carabinieri auf einen Arbeiterleichenzug und töteten vier Proletarierein mehrtägiger Streit der römischen Arbeiterschaft erhob gegen diese Brutalität lauten Proteft. Der sozialpolitische Ertrag der Parlamentsarbeit waren ein Gesetz über die Sonn tagsruhe im Handel und ein Verbot der Nachtarbeit der Bäcker, das Gegenstück war ein Gesetz, das den Beamten die öffentliche Kundgebung regierungsfeindlicher Ansichten bei Strafe der Dienstentlassung verbietet. Für neue Militärausgaben werden 223 Millionen bewilligt dagegen der sozialdemokratische An trag auf Abschaffung der Kornzölle abgelehnt. Auf dem sozialdemokratischen Parteitag zu Florenz siegten die Reformisten, in deren Hände infolgedessen das Zentralergan, der„ Avanti", überging. Die Syndikalisten traten aus der Partei aus und fanden Anschluß bei den Anarchisten. Bei Nachmahlen hatten die Sozialisten einige Erfolge zu verzeichnen. In Rußland herrschte die Konterrevolution unter den Greueln des weißen Schreckens und unter der Mitarbeit der dritten Duma, die, auf Grund des Staatsstreichwahlsystems gewählt, eine fompafte Mehrheit der reaktionären Parteien auf weist, nämlich Vertretungen des Großgrundbesitzes und des Großfapitals. Der Galgen wurde nicht leer von Opfern, die sozialdemokratische Arbeiterbewegung mußte wieder zur unterirdischen Tätigkeit, zur Geheimorganisation flüchten. Reformen sind nicht zustande gekommen, dagegen wurden der Negierung große Mittel für neue militärische Rüstungen und für den Bau der Armurbahn bewilligt. Nur in der Bewilli gung der Summen für eine neue Flotte machte die Duma Schwierigkeiten. Mit Unterstützung der deutschen, französischen und englischen Kapitalisten wurden die Finanzschwierigkeiten notdürftig überwunden. In 17 Gouvernements des europä ischen Stußland wütete die Hungersnot. Die wirtschaftliche Lage des Landes ist sehr trübe, der Staatskredit trotz der Allianz mit Frankreich und des Einvernehmens mit England so schlecht, daß die neue Milliardenanleihe in Frankreich und England zu erheblich schlechteren Bedingungen abgeschlossen werden mußte, als selbst die Kriegsanleihen. Ein Stück der furchtbaren Be amtenforruption, die in der Zeit der Gegenrevolution fast noch üppiger als in der vorrevolutionären Periode wuchert, ent 150 Die Gleichheit Nr. 10 hüllte die Affäre des Gouverneurs Reinbott von Moskau, in der eine förmliche Partnerschaft der Polizei mit dem Ver- brccherlum aulgedeckt wurde.— Die aus tausend Wunden blutende Sozialdemokratie hat trotz allem ihre Arbeit fort- geführt. In der Duma tat ihre kleine Vertretung ihr mög- lichstes und stellte sich mutig der kriegshetzenden panslavistischen Strömung entgegen, die aus den Balkanwirren Nahrung sog, und der sich der feige Liberalismus, die Kadettenpartei, sofort beugte. Die Gewerkschaften sind meist, die politischen Organi- satiouen völlig auf geheimes Wirken angewiesen. Die söge- nannte Intelligenz hat die Reihen der Partei fast völlig ver- lassen. Unerschrocken ist das Proletariat trotz allem auf seinem vorgeschobenen Posten gestanden. Gegen die Unabhängigkeit Finnlands unternahm der Zarismus noch keine entscheidenden Schläge, doch fehlt es nicht an Anzeichen, daß er sie führen wird, sobald er die Gelegen- heit gekommen glaubt. Die Auflösung des Landtags änderte nichts an den inneren Verhältnissen; die Parteien treten in ungefähr derselben Stärke in das Parlament zurück. Die Sozialdemokratie behauptete sich glänzend und eroberte noch einige neue Sitze. Groß war die Wahlbeteiligung der Frauen. Bei den Reichstagswahlen in Schweden eroberte die Sozialdemokratie 16 neue Sitze und brachte es auf über 80 Mandate. Da die Konservativen geschwächt, die Liberalen gestärkt wurden, eröffneten sich der Wahlreform günstigere Aus- sichten.— JnDänemark erlitt der rechte Flügel der Demokraten einen bösen Stoß durch die Aufdeckung der Riesenschwindeleien seines Führers, des früheren Justizministcrs Alberti. Die Sozialdemokratie Belgiens konnte die Annexion des Kongostaates vor den Kammerwahlen verhindern. Die Wahlen brachten ihr fünf neue Mandate, darunter zwei mit Hilfe der Liberalen. Da aber diese Verbündeten drei Sitze verloren, gelang es nicht, die klerikale Mehrheit zu brechen. Immerhin sank sie von zwölf auf acht Stimmen. Nach de« Wahlen ließ sich die Annexion des Kongo nicht mehr hintan- halten. Belgien ist Kolonialstaat geworden, und Leopold II. und seine Clique haben aus Kosten der Belgier Millionen- gewinne geschnappt. Die Ermordung des Königs und Thronfolgers von Portu- gal, eine Antwort auf das verfassungswidrige Gewaltregime, das der Ministerpräsident Franca etabliert hatte, zeigte den Herrschenden, daß Bajonette keine dauernde Sitzgelegenheit zu bieten vermögen. Die Kampagne für die Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten von Nordamerika deckte vielerlei über die Korrup- tion in den Reihen der beiden großen kapitalistischen Parteien auf, in denen so mancher sitzt, der sich von den Unternehmer- Vereinigungen, den Trusts, zur Vertretung ihrer Interessen kaufen läßt. Demokraten und Republikaner warfen sich gegen- festig ihre schmutzige Wäsche an den Kopf. Leider hat weder vies Schauspiel noch die feindliche Haltung der Gerichte gegen die gewerkschaftlichen Kämpfe des Proletariats die große Masse der Arbeiter zur Abwendung von den kapitalistischen Parteien zu veranlassen vermocht. In den Gewerkschaften machten sich zwar Anzeichen des Regimes selbständiger Arbesterpolitik bemerkbar, doch endete die Gärung mit einem Bittgang des Präsidenten Gompers vom Arbeiterbund zu den Wahltagungen der bürgerlichen Parteien. Gompers empfahl darauf den Ar- bestem, für den demokratischen Kandidaten zu stimmen, dessen Partei zwar von einer Anerkennung der Arbciterforderungen weit entfernt war, aber doch ein wenig verbindlichere Redens- arten für sie gesunden hatte als die Republikaner. Genützt hat das den Demokraten nichts, denn der republikanische Kau- didat Taft siegte mit großer Majorität. Leider vermochte der sozialdemokratische Kandidat Debs seine Stimmenzahl trotz eifrigster Agitation nur um einige Zehntausend über die 400000 Stimmen zu bringen, die er bei der Vorwahl erhielt. Während die Arbeiterfeindlichkeit der Bourgeoisie wächst, mangelt der großen Mehrheit des amerikanischen Proletariats noch das Klassenbewußtsein. H. B, Etwas vom Tabakarbeiterelend. Nachdem die nach innen und außen völlig verkracht» Politik Deutschlands ihr möglichstes getan hat, durch Militarismus, Flottenrüstungen und Kolonialwirtschaft die Reichskaffe bis auf den Grund zu leeren, sollen wie immer die arbeitenden, die ausge- beuteten Massen des Volkes sie wieder füllen. Die sogenannte Ncichsfinanzresorm, die dem Reichstag vorliegt, ist, wie wir bereits gezeigt haben, nichts als ein Anschlag auf die Taschen der armen und kleinen Leute, die nicht bloß sparen, nein darben sollen, damit die Reichen und Satten nicht in ihren Geldsack zu greifen brauchen. Wir haben bereits nachgewiesen, daß verschiedene der Steuerpläne, wenn sie in die Praxis umgesetzt werden, sowohl die Lebenshai- tung der Massen verteuern und verschlechtern, wie auch ihren Ver- dienst vermindern müssen. Kaum eine Kategorie von Arbeitern und Arbeiterinnen würde aber so hart mit dieser zwiefachen Rute gepeitscht werden, wie die Tabakarbeiterschaft. Kein Wunder da- her, daß die furchtbar drohende Gefahr diese im ganzen Reiche aufrüttelte und selbst die Arbeiter und Arbeiterinnen au? ihrer Lethargie riß, die bisher dumpf und stumpf ihre LebenSlast ge- tragen haben und dem Kampfe ihrer Brüder und Schwestern fern- blieben. Ein Heer von 163245 Arbeitern und Arbeiterinnen sieht sich einer beispiellosen Verschlechterung der Löhne und der Arbeits- bedingungen, ja zu vielen Tausenden dem Untergang preisgegeben, wenn die Steuerschraube gegen die Tabakindustrie fester angezogen wird. Nicht weniger als 758 Orte sind für ihr Schicksal mit dem Wohl und Wehe der Tabakarbeiterschaft verknüpft und werden also durch die Belastung der Tabakindustrie in schwere Mitleiden- schaft gezogen. In der Tabakindustri« treten üble Erscheinungen der kapita- listischen Produktionsweise deutlich zutage: schonungslose Frauen- und Kinderausbeutung, schmachvoll niedrige Löhne, Heimarbeit mit all ihren Schädigungen für Einkommen und Lebensgestallung, für Gesundheit, Bildung und Kainpsestüchtigkeit. Weib und Kind müssen mitschuften, um dem Lohne des Mannes etwas hinzuzu- fügen, und was sie alle zusammen verdienen, ist zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Eine auffallend hohe Sterblichkeit der Tabakarbeiterschaft bezeugt die Sünden der kapitalistischen Aus- beutung. Das„letzte Stückchen Brot" würde den Ärmsten durch eine Mehrbelastung des Tabaks vom Munde gerissen werden. Die Zahlen reden eine eindringliche Sprache. Von den in Sachsen in der Tabakindustrie beschäftigten 30000 Arbeitern und Arbeiterinnen sind die Hälfte Heimarbeiter, das heißt Leute, die im allgemeinen viel weniger verdienen, als sie für ihren Unterhalt brauchen, und die sich deshalb nie ordentlich satt essen können. Und das obgleich ihre Arbeitszeit sehr lang ist. In Frankenberg arbeiten zum Beispiel 700 bis 800 Heimarbeit-- rinnen 6 bis 16 Stunden täglich. Ihre Löhne sind äußerst niedrig, die Wohnungen elend. In Hamburg-Ottensen sind ebenfalls fast nur Heimarbeiter zu tresjen. 320 Arbeiter verdienen zusammen mit ihrer Frau nur 20 Mk. wöchentlich, und es kommen sogar Wochenlöhne unter 15 Ml. vor. In Oh lau(Schlesien) beträgt der Durchschnittslohn noch nicht 400 Mk. im Jahre. Hunde- und Pferdefleisch gelten da als Delikatesse. Die Not der Tabakarbeiter im Bezirk Minden wird durch die Feststellungen der Handels- kammer über die Zahl der schulpflichtigen Kinder bezeichnet, die in der Tabakmdustrie tätig sind. Sie beträgt 5322. Und wie viele Kleine werden der Kontrolle entgangen sein! Wie groß das Elend der Tabakarbeiterschaft Westfalens ist, erhellt am besten daraus, daß es selbst den Pastoren über die Hutschnur geht. So erklärte Pastor Bodelschwingh in einer Predigt auf Grund der Totenbücher: „Die Tabakarbeiter sterben früh, am ersten stirbt meist die Frau. Sterben sie nicht früh, so werden sie meist früh invalide." Die Kleinen kennen keine Kindheit. Schon in frühester Jugend müssen sie verdienen und lernen am eigenen Leibe die ganz» Herrlichkeit der kapitalistischen Ordnung kennen. Im Maingau verdienen die Arbeiter und Arbeilerinnen 5 bis 7 Mk. wöchentlich. Und da- von soll eine Familie leben! Der Protest der Tabakarbeiterschaft dagegen, daß ihrer Industrie eine höhere Steuerlast aufgebürdet werden soll, ist um so begreif- licher, als sie ihre elende Lebenslage nicht allein der Ausbeutungs- gier ihrer„Brotgeber" verdanken, sondern zum großen Teil auch der Tabaksteuer von 1879. Wenn zum Beispiel in Bremen vor 1879 die Kautabakarbeiter 40 Stollen auf ein Kilo brauchten(dort wird der Atlordloh» nach Gewicht berechnet), so werden die Rollen jetzt so dünn gemacht, daß sie 120 Rollen für denselben Preis fertigstellen müssen. Die Banderolensteuer auf Zigaretten hat gleicherweise in den letzten Jahren für die Arbeiterschaft die ver- derblichsten Folgen gezeitigt. Die Zigarettenarbeiter können ein Nr. 10 Die Gleichheit 151 Lied davon singen. Die Einführung dieser Steuer 1906 hat ein« furchtbar« Arbeitslosigkeit nach sich gezogen. Die Maschinenarbeit ist selbst in solchen Fabriken eingeführt worden, in denen bis da- hin ausschließlich Handarbeiter tätig waren. In Berlin wurden vor 1906 auf etwa 2000 Zigarettenarbeiler IS00 bis 1600 Handarbeiter beschäftigt. Jetzt gibt es dort nur noch 1600 bis 1600 Zigarettenarbeiter und-arbeiterinnen, unter denen sich 900 bis 1000 Handarbeiter befinden. Bei der Firma Garbaty ist seit Einführung der Banderolensteuer die Zahl der Arbeiter von 400 auf 180 bis 200 zurückgegangen. Hand in Hand mit der Abnahme der Ar» beiterzahl in den Fabriken geht die Ausdehnung der Heimarbeit, welch« billigste Arbeitslöhne ermöglicht. Für dieselbe Sorte Ziga- retten, für welche die Firma Manoli-Berlin ihren heimischen Ar- beitern und Arbeiterinnen 2,65 und 3,55 Mk. pro Tausend zahlt, erhalten ihre Heimarbeiter in Schneidemühl nur 1,60 bis 1,90 Mk. Durch reiches Tatsachenmaterial hat der Kongreß der Tabakarbeiter der Öffentlichkeit zum Bewußtsein gebracht, daß es ein Verbrechen ist, die Lage.der Ärmsten der Armen", wie sie sich selbst nannten, noch schwerer gestallen zu wollen, als sie ohnehin schon ist. Ob die Tabakindustrie durch eine Banderolensteuer belastet wird oder durch irgend eine andere Form von Besteuerung, ganz gleich: die Folgen müssen für die Arbeiter der Industrie gleich verheerend sein. Bürgerliche Abgeordnete, insbesondere die Freisinnigen, suchen die geängsteten Arbeiter mit dem billigen Tröste zu beschwichtigen, daß si, gegen ein« Banderolensteuer eintreten wollen. Damit wäre aber der Tabakarbeiterschaft, selbst wenn die Herren Wort hielten, blutwenig geholfen. Diese würde daher übel daran sein, wollt« sie sich auf das Verständnis der bürgerlichen Parteien verlassen. lim ihr tägliches Brot,. ja ihr Lebe» gegen die Steuerfinger der Regierung zu verteidigen, ist sie auf die eigene Kraft angewiesen und auf dir des gesamten gewerkschaftlich und politisch organi- sierten Proletariats. Das Elend der Tabakarbeiterschaft ist im großen Umfang Frauenelend, Kindcrelend. Die Genossinnen müssen daher überall kräftig die Protestbewegung der Tabakarbeiter unter- stützen. Energisch und treu wird die Sozialdemokratie die Jntereffen der Bedrohten im Reichstag verfechten. Nur die kleine bürgerliche Partei der Polen noch will wie sie von irgend einer weiteren Velastung des Tabaks nichts wiffen. Die Haltung der bürgerlichen Mehrheit im Reichstag ist zweideutig und läßt Verrat befürchlen. Wie verständnislos und feindlich die bürgerlichen Parteien dem Wohle des arbeitenden Volkes gegenüberstehen, dafür ein Beispiel von Hunderten, die gleichsam auf der Straße liegen. Jüngst schleuderte der sozialdemokratische Abgeordnete Ströbel im preußi- schen Geldsacksparlament der Welt der Besitzenden und Genießen« den die Anklage ins Gesicht, daß in Deutschland Zehntausende Ar« beiter für sich und ihre Familien nicht einmal ein Einkommen von 900 Mk. jährlich haben. Die Rechte nahm diefe Feststellung mit Hohngelächter auf, ausgerechnet die Rechte, die sich zusammensetzt aus agrarischen Fleisch- und Brotwucherern, von denen manche für ihre Rennställe jährlich das Zehnfache und mehr ausgeben, als eine Arbeiterfamilie zu brocken und zu beißen hat. Und die übrigen bürgerlichen Parteien haben den Schimpf dieses Gelächters ge- duldet..Hetzer" werden die Sozialdemokraten von den„Gut- gesinnten" genannt. Sei's drum! Die, welche die Partei der Ar- deiterklaffe so schmähen, sollen nur nicht vergessen, daß die Nutz- nießer und Verteidiger dieser besten aller Welten selbst es sind, die durch ihre Tat- und Umerlassungssünden am Volke den Hetzern immer wieder neues Material liefern. Dem Treiben der Volks- ausbeuter und Volksentrechler gegenüber.hetzt" die Sozialdemo- kratie die Armen und Entrechteten zum Kampfe für Brot und Frei- Sie»hetzt" die Mühseligen und Beladenen gegen Vorurteile, Finsternis und Sklaverei, sie ruft ihnen täglich zu, daß eS von ihnen abhängt, d.e Fesseln abzuschütteln, die ihnen tief ins Fleisch schneiden. � Und daß sie in dieser Weise„hetzt", ist eine Vorbedin- gung dafür, daß die Massen zu höherer Kultur emporsteigen. Zusammenschluß und Kampf gegen den gemeinsamen Feind tut diesen not. Mögen das auch die Tabakarbeiter und-arbeiterinnen immer Mehr beherzigen, denen gegenwärtig mit der Verschlechterung ihrer Arbeitsgelegenheit alle Plagen drohen. Der ungeheure Ernst der �age muß ihnen zurufen, für menschenwürdiges Dasein und Be- ueiung zu kämpfen. BiS zum letzten Mann müssen sie der Ge- werkschaft beitreten und der Partei der„roten Hetzer", der Sozial- demokrati«. l- Aus der Bewegung. Achtung, Geuossinnenk In der Tagespresse habt ihr sicherlich den Aufruf gelesen, den der Parteivorstand, die Generalko m- Mission der Gewerkschaften Deutschlands und dieZentral- kommission der Tabakarbeiter Deutschlands erlassen haben. Der Ausruf wendet sich an alle Arbeiter und Arbeiterinnen ohne Unterschied des Glaubens, der gewerkschaftlichen und politischen Richtung und fordert sie auf, die Protestbewegung der Tabak- arbeiter gegen eine Mehrbesteuerung des Tabaks mit aller Energie zu unterstützen. Die Tabaksteuer von 1879 hat 20000 Tabakarbeiter brotlos gemacht, die Lebenslage der gesamten Arbeiterschaft der Tabakindustrie tief herabgedrückt, ihre gewerkschaftliche Organisation geschädigt, ihre Energie und Kampfeslust geschwächt. Die nämlichen unheilvollen Folgen sind unausbleiblich, wenn das von der Regierung geplante Attentat auf die Tabakarbeiter gelingt. Und diese Folgen werden auch die Lebenslage anderer Arbeiterarlen bedeutend schlechter gestalten. Die Tabaksteueroorlage muß daher an dem geschlossenen Protest des gesamten Proletariats zerschellen.„Kein Arbeiter, keine Arbeiterin kann und darf dulden, daß so groß» Massen zu Kulis degradiert werden." Und„Unsere Interessen sind eure Interessen", heißt es im Aufruf. Dafür zu wirken, daß dieser Appell ein wuchtiges Echo findet in den breitesten Schichten der Arbeiter und Arbeiterinnen, das labt euch angelegen sein, Ge- nossinnen! Setzt eure ganze Energie, eure ganze Kraft darein, den Schlag abzuwenden, der vielen Zehnlausenden eurer Schwestern und Brüder droht, der aber rückwirkend auch euch, das gesamt» Proletariat trifft! Unterstützt die eingeleitete Protestbewegung in jeder Weise. Von der Agitation. Breslau. Die Agitation unter den Frauen, die durch die Krise gehemmt wurde, soll hier nunmehr in größerem Maße durchgeführt werden. Zu diesem Zwecke finden abwechselnd all» 14 Tage öffentliche Frauenversammlungen und kleiner« interneVeranstaltungen statt. Die ersteren sollen die breiten Schichten der arbeitenden Frauen über die Ziele unserer Bewe- gung aufklären und damit der Partei neue Mitglieder zuführen. Die letzteren dienen zur theoretischen und praknschen Schulung der Genossinnen. Die Neuerung wird sich sicher nach beiden Richtungen als zweckmäßig erweisen, wenn die Genossinnen und Genossen dabei ihre ganze Kraft in den Dienst der Sache stellen. kills. Nürnberg. Eine gut besuchte öffentliche Frauenversammlung wurde am 26. Januar in der„Grünen Flur" abgehalten. Genossin Grünberg sprach über das Thema:„Die Frauenbewegung und ihre Ziele". Für die Zeit bis zum 30. März sind noch weitere sieben Versammlungen in verschiedenen Teilen der Stadt einberufen worden, in denen Genossin Grünberg dasselbe Thema behandeln wird. Zweck der Veranstaltungen ist, weitere Kreise der proletarischen Frauen aufzuklären und der Organisation zuzuführen.-j- Jn Ehrenfeld-Köln fand am 2. Februar eine gut besucht« Frauenversammlung statt. Die Vertraueirsperson, Genossin Schütz, gab einen kurzen Bericht über die Tätigkeit der Genossinnen im ver- flossenen Jahre und wurde bei der notwendigen Neuwahl einstimmig wieder mit dem Amt betraut, da sie durch ihr umsichtiges Walten die Bewegung gefördert hat. Sodann referierte Genosse Zörrgiebel über das Thema:„Das Interesse der Frauen an der Arbeiterver- sicherung". An den lehrreichen und interessanten Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion. Durch unermüdliche Agitation wollen auch wir in Ehrenfeld die Frauen immer mehr für den großen Kampf des klassenbeivußten Proletariats geivinnen.„Es muß doch Frühling iverden", trotz all den Unbilden der kapitalistischen Gesell- schalt und den Stürmen der Reaktion! Gmünd. Welche Schwierigkeiten die proletarische Frauen- bewegung bei uns zu überwinden hat, können die Leserinnen der „Gleichheit" am besten beurteile», wenn sie erfahren, wie die frommen Hirten von der Zenlrumspartei und ihre gläubigen An» Hänger die Agitation unter den Frauen Gmünds betreiben. Daß die Kapläne den Religionsunterricht in der Schute dazu miß- brauchen und herabwürdigen, um den Kindern vor den Sozial- demokraten grauslich zu machen, ist nichts Besonderes. Diese Praktiken gedeihen überall, wo die Kirche ihre Schatten hinwirft. Aber nicht überall dürfte es vorkommen, daß die schulpflichtigen Kinder so skrupellos wie in Gmünd zu Agilationsarbeiten für das Zentrum verwendet werden, also für die Partei, mit deren Hilf« den proletarischen Kleinen Brot und Fleisch verteuert worden ist, mit deren Hilfe unserer Jugend das Recht der politischen Betäti« gung geraubt wurde. So werden zum Beispiel Mitgliedsbücher des katholischen Müllervereins, die gar nicht verlangt morden sind, in der Schule verteilt, und die Kinder müssen sie in den Straßen austragen. Diese Bücher werden von den Frauen oftmals nicht 152 Die Gleichheit zurückgewiesen. Bedauerlich und doch erklärlich genug. Manch eine Familie ist von der privaten Mildtätigkeit der Besitzenden abhängig, und die scheint nicht wie die Sonne über Gerechte und Ungerechte, sondern sie kommt nur braven Schäflein zugute. Die christliche Wohltätigkeit und Barmherzigkeit ist eine Fessel, die das werftätige Volk an den Wagen des Rückschrittes fetten, die es im Joche der Ausbeutung erhalten soll. Die Aufgabe unserer Ge= noffinnen und Genossen muß es sein, die Frauen immer wieder darauf hinzuweisen, daß sie sich mit Hilfe einer starken Organifation bald mehr und Besseres erkämpfen fönnen als die Brosamen, bie man ihnen heute aus Gnade als Almosen zuwirft. Die Or ganisation, welche dieses Ziel verfolgt, finden die Proletarierinnen aber nicht bei den muckerischen Dunfelmännern und Betschwestern, fie tritt ihnen nur entgegen in Gestalt der Vereinigungen, welche die aufgeklärten Arbeiter und Arbeiterinnen selbst schaffen. In folchen Organisationen ist der Platz aller Frauen, die von Arbeit, Sorge und Entbehrungen gedrückt eine bessere Zukunft für sich und die Ihrigen ersehnen. Natalie Liebknecht. 2. Überraschend schnell ist ein Leben zur Rüfte gegangen, das reich und glücklich in jenem hohen Sinne gewesen ist, als eine in der Sonne der Liebe und in rauhen Lebensstürmen gereifte Entwicklung und Betätigung der Geistes- und Herzensgaben reich und glücklich macht. Natalie Liebknecht, die tapfere, aufopfernde Lebensgefährtin unferes unvergeßlichen„ Alten" ist nicht mehr. Ein sanfter Tod hat sie aus dem Kreise der Verwandten und Freunde entführt, mit denen sie in herzlicher Zuneigung und geistiger Harmonie ver bunden war. * Es war Natalie Liebknecht nicht an der Wiege gesungen worden, daß der größte und der beste Teil ihres Lebens hinter den Wagens burgen des fämpfenden Proletariats verlaufen sollte. Als Tochter des Hofgerichtsadvokaten Neh in Darmstadt, eines Mitglieds der Frankfurter Nationalversammlung, unfeligen und lächerlichen Angedenkens, war sie in dem Frieden einer geschützten bürgerlichen Existenz aufgewachsen und hatte eine treffliche geistige Bildung empfangen, die selbstverständlich von bürgerlichen Anschauungen getragen war. Da begegnete sie sich im Hause Ludwig Büchners, des Berfassers von Kraft und Stoff", mit Wilhelm Liebknecht, den die Agitation für die Wahlen zum Zollparlament im Frühjahr 1868 nach Süddeutschland geführt hatte. Das Zusammentreffen wurde für beide entscheidend, ihr Schicksal war fortan nur eines. Kein stilles, umfriedetes Heim nahm die junge Frau zu tändeln den Flitterwochen auf. Wilhelm Liebknecht war noch nicht lange aus der Londoner Flüchtlingskolonie in die Heimat zurückgekehrt und hatte sich hier sofort als revolutionärer Vorfämpfer des sich sammelnden Proletariats in den heißesten politischen Streit gestürzt. Er war ein Gehaßter und Gehegter, ja geradezu ein Geächteter. Die Not und Schwere feines Kampfeslebens hatte ihm vorzeitig die Jugendgeliebte entrissen, die ihm als Gattin ins Eril gefolgt war. Seine Häuslichkeit war nicht viel mehr als ein Zeltlager, in bem zwei verwaiste Mädchen nach Mutterpflege und Mutterliebe verlangten. Der Existenz fehlte jede gesicherte Grundlage; Lieb Inechts Einkünfte als Schriftsteller und Vortragender waren mehr als winzig, und das Gehalt, das er später als sozialdemokratischer Redakteur bezog, würde, heute niemand dem letzten Laufburschen. in der Expedition eines Parteiblattes zu bieten wagen. Not und Sorge hauchten Natalie, der„ Tochter aus gutem Hause", den Willtommensgruß ins Gesicht, kaum daß sie die Schwelle ihrer neuen Heimat überschritten hatte, und sie blieben lange Jahre ihre treuesten Begleiterinnen. Die ökonomische wie die moralische Verantwort lichkeit, die auf ihren Schultern ruhte, wuchs mit jedem der fünf Buben, die sich im Laufe der Zeit zu den zwei Mädchen gefellten. Es war Natalie Liebknechts Stolz und Glück, mit nimmer rastender Tatkraft und Hingebung an die Ihren, an das, was ihr als Weib und Mutter heilige Lebensaufgabe dünfte, trotz der harten Ungunst der äußeren Verhältnisse ein behagliches Familienleben zu schaffen, das als Quickborn dem leidenschaftlichen Kämpfer die Kräfte stählte und die junge Brut gesund, start an Leib und Seele heranwachsen ließ. Wie viel mußte sie nicht entbehren, tragen und auch- tapfer , umlernen", um dieses Ziel zu erreichen. Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst", nicht bloß für die Freiheitshelden selbst, auch für die Ihrigen. Natalie Liebknecht erfuhr das im reichsten Maße. Zweimal zertrümmerten die Stürme, welche über die junge sozialdemokratische Arbeiterbewegung dahinbrausten und ihre Führer am härtesten trafen, die bescheidene Häuslichkeit, welche Frau Natalie mit unendlicher Liebe und hohem Sinne aufgebaut hatte. Nur wenige Jahre nach ihrer Verheiratung brach der DeutschFranzösische Krieg aus, und das mutvolle Bekenntnis zu dem soziaNr. 10 listischen Ideal der internationalen Brüderlichkeit des revolutionären Proletariats, das Bebel und Liebknecht in den Zeiten des weißglühenden Chauvinismus ablegten, entfesselte Fluten des Hasses und der Verfolgungen gegen die Kühnen. Der Hochverratsprozeß ward eingeleitet und schloß nach einer strengen Untersuchungshaft von 100 Tagen mit der Verurteilung zu zwei Jahren Festung, welche Liebknecht und Bebel in Hubertusburg verbüßten. Einige Jahre später, und das Sozialistengefeß schüttete seine bösesten Schrecken auch über die Familie Liebknecht aus. Wie früher die Besuche von Weib und Kindern in Hubertusburg, so führten nun zehn Jahre lang die sonntäglichen Ausflüge nach Borsdorf die Familie zufammen. Viel Rührendes und Erhebendes, Tapferes und Heiteres haben in diesen Zeiten die Wände des Bauernhauses gehört, gefehen, in welcher Liebknecht eine Zuflucht gefunden hatte. Die Liebe hatte Natalie Liebknecht in das Lager des kämpfenden Proletariats geführt, die überzeugung ließ sie hier heimisch werden. Das innerlichste Miterleben der Jdeen, die den geliebten Mann bewegten, der Ziele, für die er sich ganz einsette, machten sie zur Genoffin, und eifrige Lektüre vollendete, was das Gefühl begonnen hatte. Die Wunden, die der Kampf ihr und den Ihren schlug, trug sie darum ohne Jammern und Bitterfeit mit dem hohen Mut des Glaubens an eine große Sache, der sie in ihrer Weise diente. Und wahrlich, sie hat sich um die große Sache des Proletariats wohl verdient gemacht. Indem sie die Hauptlast der Haus- und Erziehungssorgen auf ihre Schultern nahm, indem sie dem ungestümen Kämpfer eine Stätte der Ruhe und Raft bereitete, hat sie dem vorwärtsstürmenden Heerhaufen der proletarischen Klassenfämpfer ihren ältesten hervorragenden Führer bis ins hohe Alter hinein in jugendlicher Frische und Nüftigkeit erhalten. Was der ,, Soldat der Revolution" uns gewesen ist.und bleibt: das ist in hohem Maße auch der Frau gefchuldet, bie in hochherziger Gesinnung sein Los in den schlimmen Tagen geteilt und gemildert hat. Nach vielen Lebenshärten war Genoffin Liebknecht ein milder Lebensabend befchieden. Mit stolzer Freude verfolgte sie den Vormarsch des fämpfenden Proletariats, wertete sie die Verehrung und Liebe, welche die dankbaren Massen für den Alten" bekundeten, sah sie das prächtige Emporblühen ihrer Kinder. Aus dem Rückblick auf die Vergangenheit und dem Ausblick auf die beranreifende Zukunft ward ihr die Kraft, Liebknechts jähen Tod mit Fassung zu tragen. Und als sich für die Mutter erneuerte, was einst das junge Weib erfahren, als Karl Liebknecht dem Vater gleich wegen angeblichen Hochverrats für lange Monate hinter Festungsmauern verbannt wurde: fannte sie weder feiges Verzagen, noch unwürdiges Klagen. Ihre Überzeugungstreue, ihr Bürgerstolz war nicht geringer als ihre Mutterliebe, und in Zeilen, die einen unvergänglichen Adel der Gesinnung atmeten, durfte sie sich mit Recht rühmen, ihre Kinder zu aufrechten, wahrhaftigen Männern, zu würdigen Trägern des Baternamens erzogen zu haben. In den revolutionären Stürmen, welche die Zukunft für das Proletariat in ihrem Schoße trägt, tann dieses neben der streitbaren Kämpferin auch des stillen weiblichen Heldentums nicht entraten, das Natalie Liebknechts Leben so hoch über die enge Sphäre Kleinbürgerlichen Aschenputteltums emporgehoben hat. So ist den Proletarierinnen ihr Schicksal nicht bloß ein dankbares Erinnern an vergangene große Tage, sondern eine lebendige Mahnung zur Tat. Es hat die Werte gezeigt, welche für den proletarischen Befreiungsfampf auch die Frau einsehen kann, der Natur und Umstände es versagen, das weiche Herz mit Erz gepanzert in die Schlacht zu ziehen. Wenn wir alle, die wir ihres Wesens Freundlichkeit erfahren haben, die wir als Freunde die Zartheit und Stärke dieses Herzens fannten, mit Immortellen in den Händen an Natalie Liebknechts Grab treten, so ziemt es dem kämpfenden Proletariat, hier einen vollen Lorbeerzweig niederzulegen. Politische Rundschau. Der Ausgang der Wahlrechtsdebatten im preußischen Dreiklassenhaus hat wieder einmal gezeigt, daß die ArbeiterKlasse in der Wahlrechtsfrage von den bürgerlichen Parteien so gut wie nichts zu erwarten hat. Obgleich die Parteien, die sich als Gegner des Dreiklaffenwahlrechts geben, die Mehrheit im Landtag haben, tam nicht einmal ein Beschluß für das geheime und direkte Wahlrecht zustande. Mit drei Stimmen Mehrheit fielen selbst diese sehr gemäßigten Anträge, weil die tapferen und eifrigen Bekämpfer des Klassenwahlrechts so arg schwänzten, daß die Junker aus der Minderheit zur Mehrheit wurden. Daß der freisinnige und der polnische Antrag auf gleiches Wahlrecht fielen, versteht sich am Rande. Die Nationalliberalen möchten zwar das die Junker be Nr. 10 Die Gleichheit 153 günstigende Dreiklaffenwahlrecht beseitigt haben, dafür aber an seine SleUe das Pturalunrecht gesetzt sehen, das zu ihren Gunsten ausschlägt. Das Zentrum vertritt zwar das gleiche Wahlrecht, will aber die veraltete ungleiche Wahlkreiseinteilung beibehalten, die ihm ein Schock illlandate sichert, lind dabei sind seine und des Freisinns Begeisterung für das gleiche Wahlrecht auch nicht viel mehr als schöne Aushängeschilder, wie das laue Auftreten beider Parteien in den Verhandlungen und ihr Fernhalten vom Wahl- rechtskamps außerhalb des Parlaments nur zu deutlich zeigt. Wie niedrig und zugleich wie richtig die Junker den Eifer des Zentrums w dieser Sache einschätzen, das zeigte mit grimmiger Deutlichkeit die Rede des Konservativen v. Richthofen. Neben der Drohung an die Adresse der Regierung, daß die Konservativen das Klassenwahl- recht gegen jedes Ministerium verteidigen werden, enthielt sie eine förmliche Liebeserklärung an das Zentrum, mit dem die Kröcher, Richthosen und Pappenheim lieber heute denn morgen„auf dem Gemeinsamen Boden des Christentums" zusammenlrefsen, das heißt »nverfälschle reaktionäre Politik zur Ausbeulung und Unterdrückung der Blassen treiben möchten. Blitzlichtarlig wurde die Situation durch den trefsenden Zwischenruf des Genossen Hoffmann an die Freisinnigen beleuchtet:„Da haben Sie die Kündigung!" Damit hätte eben auch der Blockkanzler den Abschied erhalten. Aber dieser Schweigsame, der den Schlingen der noch immer eisrig gegen ihn arbeitenden Kamarillen bislang geschickt auszuweichen vermochte, sucht immer neu« Auskunslsmittel, um sich zu halten. Nachdem die Junker ihn wegen der Nachlaßsteuer bis vor kurzem wütend befehdet haben, brachte plötzlich die„Kreuzzeitung" die Meldung, daß die Mißverständnisse beseitigt seien, die sich zwischen dem Kanzler und den Konservativen aufgetan hatten. Ob das heißt, daß die Regierung die Nachlaßsteuer aufgegeben, daß sie sich mit den Junkern aus eine tüchtige Verstümmelung des Entwurfs geeinigt hat, das werden die nächsten Tage zeigen. In der Finanz- tomniission des Reichstags haben die Konservativen jedenfalls mit dem Zentrum die Nachlaßsteuer radikal bekämpft, die vom Reichs- schatzsetrelär und den Finanzministern der Einzelstaalen verteidigt wurde. Es gibt zu denken, daß die Herren am Sonnabend den 6. Februar in der Kommission beantragten, die Abstimmung über den entscheidenden Z 1 der Nachlaßsteuer bis zur Durchberatung des Erbschastssteuergesetzes auszusetzen. Es wird also offenbar hinter den Kulissen an einer Verständigung gearbeitet. In der Wahlrechtssrage denkt Bülow offenbar auch vor den Junlern zurückzuweichen. Am llt). Januar brachte das offiziöse Bülowblatt, die„Nordd. Allg. Ztg.", einen Artikel, worin aus der Ablehnung der Wahlrechtsanträge im Landtag der Schluß gezogen wurde, daß die Wahlresorm damit vorläufig vertagt sei, bis sie mit Auchicht aus Erfolg wieder ausgenommen werden könne. Die preußische Arbeiterklasse hat indes der Regierung auf diese Vertagungsabsicht sofort die richtige Antwort gegebe». Am Sonn- tag den LI. Januar fanden in zahlreichen preußischen Städten große Straßendemonstrationen für das gleiche Wahlrecht statt. In Hannover und Stettin ist es dabei zu blutigen Zwischenfällen gekommen. Die Polizei dieser beiden Städte tonnte sich nicht enthalten, auf durchaus sriedliche Demonstranten mit dem Säbel einzuhauen, so daß es zahlreiche Verwundete, zum Teil er- heblich Verwundete gab. Indes, ebensowenig wie das Arbeiter- dlut, das im Vorjahr zu Berlin floß, den Wahlrechtskampf des Proletariats ausgehallen hat, ebensowenig wird dies das Blut tun, das in Hannover und Steltin die Straßen färbte. Im Gegenteil! Berlin sah in diesen Wochen den Kongreß der Bergarbeiter in seinen Mauern, der die Forderung nach besserem Schutz vor den Gefahren des Bergbaus, nach Ardeiterkontrolleuren und Reichs- berggesetz in wuchtiger Kundgebung wiederholte. Die Regierung hall« zu diesem Arbeiterpartamenl ebensowenig einen Vertreter entsendet als zum Kongreß der Tabakarbeiter. Sie will die Klagen und Proteste der Arbeiter nicht hören, ihre Sorge gilt den Unternehmern und vor allem den Junkern. Gegen die heimtückischen Schwarzen Listen der Grubenbesitzer, die den mißliebigen Arbeiter heimlich ächten und auf viele Monate brotlos machen, kann diese Regierung angeblich nichts tun. So erklärte der Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg in der Reichstagssitzung vom 29. Januar. Gegen die Lohnlämpse der Arbeiterschaft haben da- gegen Regierung, Justiz und Polizei noch allemal Handhaben über Handhaben gesunden. Das preußische DreMassenhaus lehnte, wie zu erwarten war, den Antrag ab, dt« Regierung aufzufordern, den Genoffen Liebknecht während der Tagung des Landtags aus der Festungs- hast zu entlassen, damit er sein Mandat als Volksvertreter ausüben könne. Im angeblich liberalen Oldenburg ist von der Landtags- Mehrheit statt einer Wahlreform ein« Wahlrechtsverschlech- t e r u n g gemacht worden. Agrarier und Auchliberale haben ein Pluralwahlrecht geschaffen, das nun an die Stelle des bis- herigen indirekten gleichen Wahlrechts tritt. Eine furchtbare moralische Stäupung des zarischen Ver- brecherregiments bedeutet die Entlarvung des langjährigen Führers der russischen Sozialrevolutionäre Azew als Lockspitzel der russischen Regierung. Azew, der zahlreiche terroristische Akte mit vorbereiten und in Szene setzen half, bat Hunderte von Sozial- revolutionären ans Messer geliefert. Besonders niederdrückend ist die Behauptung, daß er die sozialrevolutionäre Bewegung mehrfach zum unbewußten Werkzeug der sich befehdenden, um die Macht ringenden Cliquen am Zarenhof gemacht hat. So sind die Atten- täte auf den Minister Plehwe und den Großfürsten Sergius das ureigenste Werk der russischen politischen Polizei gewesen, weil gewiss« mächtige Personen— im Falle Sergius die Trepow und Konsorten— die Ermordung der ihrer Macht Gefährlichen wünschten. Bezeichnend für das Schuldbewußtsein der russischen Regierung ist, daß sie nicht die Beamten verhaften ließ, die mit Azew in Ver- bindung standen, die also seine Mitschuldigen sind. Dagegen hat sie den früheren Chef der politischen Polizei, Lopuchin, festnehmen lassen, der von der Verbindung Kenntnis erhielt, und den man beschuldigt, den Sozialrevolutionären die Rolle Azews enthüllt zu haben.— Der Fall Azew bedeutet einen vernichtenden Schlag für die Taktik des Terrorismus, die die Sozialrevolutionäre vertreten, gleichzeitig aber einen energischen Hinweis darauf, daß es zur Um- wälzung des russischen Regiments der Massenaktion bedarf. Auf- klärung und Organisation der Arbeitermassen und alle Formen des Massenkampfes, die sich aus der politischen Lage und der Reise des russischen Proletariats ergeben: das muß die Losung sein. Ihr entspricht die Taktik, welche die russische Sozialdemokratie seit je dem Terrorismus der Sozialrevolutionär« entgegengestellt hat. In England tagte der Kongreß der Arbeiterpartei. Er nahm eine Resolution für die Vergesellschaftung der Produktions- mittel an, was aber nicht viel besagen will angesichts der Gleich- gültigkeit, mit der die meisten Delegierten solche theoretische Fragen behandeln. Viel bedeutsamer ist ein anderer Beschluß, der den jkandidaten der Partei vorschreibt, nur als Arbeiter-, nicht als sozialistische Kandidaten aufzutreten. Die Taktik des Parleivor- standes wurde gegen die Angriffe des kleinen sozialdemokratischen Flügels von der übergroßen Mehrheit der Delegierten gebilligt, die Aufstellung eines Programms abgelehnt. Ob bei dieser Taktik die Arbeiterpartei ihre Unabhängigkeit vom Liberalismus bewahren kann, und ob sie der Entwicklung zum Sozialismus förderlich sein wird, wie einige englische Sozialisten hoffen, das darf man wohl billig bezweifeln. Der österreichische Reichsrat ist am K.Februar plötzlich geschlossen worden, da ihn die Radauobstruktion der Kärger- lichen Tschechen, die geringfügige nationalistische Beschwerden zum Vorwand nahmen, arbeitsunfähig machte. Der AuSbau der Ar- beiterversicherung wird dadurch wieder hinausgeschoben und die Gefahr rückt näher, daß die Regierung schließlich zur Ausschaltung des Parlaments und zur Diktatur aus Grund des tz 14 der Ver- sassung greift. Jedenfalls hat das Ansehen des Parlaments des allgemeinen Wahlrechts einen starken Schlag erlitten, was sehr be- dauerlich ist, da es zurzeit das einzige Mittet zur Reformiernng des rückständigen Staatswesens darstellt. Die Obstruktion der tschechi- scheu Bürgerlichen ist um so unverständiger, als sie gerade in dem Moment neu einsetzte, da die Regierung durch Vorlegung eines Sprachcngesehes für Böhmen einen'Versuch zur Lösung der natio- naien Wirren machte. In Italien haben bei Siena Gendarmen ans Mitglieder einer Bauernliga geschossen und zwei Mann gelötet. In Atti« gliano war ein Pächter wegen der Holzgerechtsame mit der Landarbeitergewerlschast in Differenzen geraten. Er schoß zwei von den ruhig sich entsernenden Arbeitern nieder und verwundete einen dritten, der ihm dann in der Notwehr die rechte Hand ab- hackte. Der Verwundete, der den Mörder unter eigener Lebens- gesahr unschädlich machte, wird jetzt aus dem Krankenbett polizeilich überivacht. Ein charakteristisches Bild der Gerechligkeil im Klassen- staat! L. ß. Gewerkschaftliche Rundschaa» Ein Stück brutalsten Unteniehmerterrorismus mußte neulich im Reichstag Spießruten lausen. Die besonders in den 5rreisen der Grubenbarone beliebte Taktik der Aushungerung mißliebiger Ar- beiler hatte derartige Dimensionen angenommen, daß sich sogar daS 154 Die Gleichheit Zentrum gezwungen fah, das System der Schwarzen Listen durch eine Interpellation im Reichstag unter Anklage zu stellen. Die Grubenbefizer behaupteten bekanntlich, die Schwarzen Listen nur eingeführt zu haben, um dem Kontraftbruch der Bergarbeiter wirksam begegnen zu fönnen. Das massenhaft zusammengetragene Material über die Praxis der Schwarzen Listen erweist jedoch diese Behauptung als eitel Schwindel. Auf den Listen stehen mit Vors liebe die Namen solcher Arbeiter, die sich durch ihre politische oder gewerkschaftliche Tätigkeit oder auch bloße Vereinszugehörigkeit den Zorn der hochmögendenden Bergfronherren zugezogen haben. Was übrigens den Kontrattbruch anbetrifft, so erscheint er in den meisten Fällen nur zu begreiflich. Selbst der Zentrumsredner mußte das anerkennen. Viele Arbeiter werden aus dem Osten unter gleißens den Versprechungen nach dem Westen gelockt und machen dann hier die bittere Erfahrung, daß sie nicht allein unmenschlich schuften müssen, sondern auch nicht den versprochenen Lohn erhalten. Die Anklagen des Zentrums und der Sozialdemokratie flangen in der Forderung aus, daß die Gesetzgebung gegen die gemeingefährlichsten Auswüchse des kapitalistischen Herrenrechts" einschreiten müsse, wobei es sich am Rande versteht, daß die Partei der Arbeiter diese Forderung viel nachdrücklicher und wuchtiger vertrat als das Zentrum, das gar vielen Herren dient und für die Ausgebeuteten nicht mehr übrig hat, als es gerade übrig haben muß. Der Res gierungsvertreter hatte für die Forderung fein williges Ohr. Zwar schwang er sich zu einer schwächlichen Verurteilung des Kampfmittels der Schwarzen Listen auf, erachtete aber, daß es so wenig verboten werden könne wie der Boykott auf der anderen Seite. Ein Staatssekretär braucht die Verhältnisse nicht zu kennen, welche einen großen Unterschied zwischen Schwarzen Listen und Boykott bewirken; er braucht auch nichts von der ganz verschiedenen Bes handlung zu wissen, welche die Gerichte des Klassenstaats den beiden Kampfmitteln angedeihen lassen: strengstes Vorgehen gegen die Ver suche von Arbeiterverbänden, den Boykott zu verhängen, dann vers ständnisinnige Toleranz für die Schwarzen Listen der Unternehmer, die höchstens gegen die guten Sitten verstoßen". Eine Anderung der Gewerbeordnung im Sinne der Arbeiterinteressen ist nicht zu erhoffen. Unternehmerterrorismus bleibt Trumpf in Deutschland, wo die Kapitalmacht herrscht. Derselbe Staatsminister, der fürsorglich den Mantel christlicher Liebe über die brutalsten Kampfeskniffe der Kohlenbarone, der Kapitalmagnaten überhaupt deckt, darf auch das Verdienst in AnSpruch nehmen, die Unternehmer zur Gründung eines politischen Arbeitgeberverbandes ermuntert zu haben. Herr v. Bethmann Hollweg empfand das Nichtbestehen einer solchen politischen Or ganisation als einen schweren Mangel, dem abzuhelfen sich die Arbeitgeberverbände schleunigst bemühten. Sie gründeten einen politischen Arbeitgeberverband in Rücksicht auf das sattsam bekannte Nationalwohl und unter Hinweis auf das Bestehen politischer Arbeiterorganisationen. Wie ersichtlich, find die Unternehmer ständig baran, ihre Macht- und Kampfmittel zu vermehren und zu vers bessern. Möchten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen ein Beispiel baran nehmen und sich auch ihrerseits politisch und gewerkschaftlich immer fester und einheitlicher zum Kampfe gegen das Ausbeutertum und seine Ordnung zusammenschließen. Immer wieder sind Lohnreduktionen und Maßregelungen als eine der vielen bitteren Früchte der wirtschaftlichen Krise zu melden. Auf zwei Bechen bei Dortmund wurde 25 Hezern" gekündigt, weil die Belegschaft unter Hinweis auf die große Ar beitslosigkeit einmütig Überschichten verweigert hatte. Als eine von etwa 1000 Bergarbeitern besuchte Versammlung scharfen Protest gegen diese Niederträchtigkeit erhob, nahm die Zechenverwaltung weitere Kündigungen vor. Der junge Assessor, der ihr vorstehen soll, will sich jedenfalls die Sporen des schneidigen Gesellschafts retters" verdienen. Mit einer Lohnreduktion endete leider die Aussperrung der Glasarbeiter in Weißwasser in Schlesien, an der zirka 900 Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligt waren. Die Unternehmer wollten die Löhne um 15 Prozent fürzen. Durch Tarifvertrag ist nun feſt gelegt worden, daß bis Juni eine Lohnreduktion von 7% Prozent, bis Dezember eine weitere von 5 Prozent eintreten soll. Die Unters nehmer, die der Versammlung der Arbeiter beiwohnten, bezeichneten bie Lage der Glasindustrie als eine äußerst traurige. Welcher Auss blick auf maßloses Leiden eröffnet sich da für die Arbeiter und Arbeiterinnen, denen der liebe Water Staat eben neue Steuerlasten aufbürden will! In der Greizer Textilindustrie müssen die Unternehmer baran erinnert werden, wann eigentlich sie den versprochenen Minis mallohn für Weber und Weberinnen einzuführen gedenken. Wie verlautet, soll sich die Lage der dortigen Industrie etwas ge Nr. 10 hoben haben. Es ist daher nicht unmöglich, daß die Organisation zur Anwendung schärferer Mittel greift, um die Rechte der Mit glieder zu wahren. In einer Budstinweberei in Münchens Gladbach haben 90 Weber wegen angefündigter Lohnherab fezung die Arbeit niedergelegt. Die paritätische Kommission er flärte die Arbeitsniederlegung für Kontraktbruch; vorläufig ist es zur Einigung und Wiederaufnahme der Arbeit gekommen. Zum Tarif des Kürschnerverbandes, von dem wir schon an dieser Stelle berichteten, tragen wir noch einige wichtige Be stimmungen nach. Der Tarif spricht den Organisationszwang aus und legt fest, daß auch die vertragschließenden Arbeitgeber solche Arbeiter unterstützen sollen, die wegen Verteidigung des Tarif vertrags entlassen werden oder zu seinem Schuhe zum Streit ihre Zuflucht nehmen. Eine Tariftommission ist mit der Schlichtung der Streitigkeiten und der Festsetzung der Preise betraut. Der Zweck des Vertrags ist, der Stagnation im Gewerbe entgegenzuwirken und dieses zu heben. Die unsererseits energisch betriebene Organisierung der Hausangestellten hat das Zentrum zu gleichem Tun auf gepeischt. Zunächst ist für Bayern eine Organisation der Dienst boten ins Leben gerufen worden, deren Begründer natürlich nicht Dienstboten sind, sondern Pfaffen und Bauern. Unsere Leserinnen finden einen ausführlichen Bericht darüber an anderer Stelle. Der Verband der. Eisenbahner ist dem Transports arbeiterverband als Eettion beigetreten. Im Bildhauers verband ist anscheinend viel Stimmung vorhanden, sich dem Holzarbeiterverband anzuschließen. Die Frage dürfte dems nächst zur Entscheidung fommen. Der Verband der Gast. wirtsgehilfen hat in diesen Tagen eine großzügige Agitation durch 100 öffentliche Versammlungen entfaltet, in denen die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf alle Angestellten des Ge werbes, der Schutz der Jugendlichen und die Festlegung eines Ruhetages in der Woche von der Gesetzgebung verlangt wurden. Die Zahlstelle des Zimmererverbandes in Hamburg feierte Mitte Januar ihr 25jähriges Bestehen. Von den alltäglichen Schandtaten der Gelben ist zu verzeichnen, daß der gelbe Bund der Bäder gegen die Petition des Bäckerverbandes auf Einführung eines 36 stündigen Ruhetages protestiert hat. Der Protest ist damit begründet, daß es den Bäckermeistern nicht möglich wäre, die nötigen Aushilfskräfte zu erlangen; in der Folge müßten so viele Bäckergefellen angelernt werden, daß es dem einzelnen noch schwerer fallen würde als jetzt, sich selbständig zu machen! s Und der geistige Häuptling der Gelben, Herr Lebius!? Der hat bei seinen Wegen zum Kadi, um die durch sozialdemokratische Angriffe ramponierte Ehre gerichtlich auf den Glanz reparieren zu lassen, sicherlich keine Seide gesponnen. Als Angeklagtem ist ihm noch übler ergangen. Der Herr war sicherlich überzeugt, daß Ver leumdungen gegen eine Buchhalterin, die früher bei ihm beschäftigt gewesen, so straffrei bleiben würden wie Verleumdungen gegen die Sozialdemokratie. Das Schöffengericht zu Charlottenburg vers urteilte ihn jedoch zu einem Monat Gefängnis, weil er bewußt wahrheitswidrig gehandelt, sich also der Verleumdung schuldig ge macht hatte. Eine feine Pflanze im gelben Sumpse, dieser Bieder mann Lebius! # Ter Verband der Handlungsgehilfinnen, der unter der hohen Protektion der Herren Chess an der Vertuschung der Klassen. gegensätze zwischen Angestellten und Kapitalisten arbeitet, gibt nach einer statistischen Veröffentlichung im Reichsarbeitsblatt" über Frauenorganisationen in seinem Jahresbericht für 1907 folgende Daten über seine Entwicklung. Die Zahl der Mitglieder belief sich in 58 Ortsgruppen auf 23068. Die Einnahmen betrugen 174065 Mt., die Ausgaben 177002 Wt. Es wurden unter anderem für Unters stützungen 7059 Mt. ausgegeben, eine lächerlich geringe Summe. Die Aufwendungen für Propaganda- und Zeitschriften beliefen sich auf 6613 Mt. Die Stellenvermittlung erforderte 42902 Mt. Ver mittelt wurden 6316 Anstellungen bei 12538 offenen Plägen und 13580 Bewerberinnen. Genossenschaftliche Rundschau. Die moderne Konsumvereinsbewegung Deutschlands wird in allernächster Zeit einen großen Schritt vorwärts tun. Die Großeintaufsgesellschaft in Hamburg hat in Gröba a. d. Elbe( Sachsen) ein 40000 Quadratmeter großes Grundstück erworben, auf dem eine Seifenfabrit erbaut werden soll. Mit dem Bau wird bereits im Frühjahr begonnen, und bald werden die deutschen Konsum vereine einen wichtigen Massenartikel aus dem eigenen Betrieb be ziehen können. Die Seifenfabrik ist der erste Betrieb der zentralen Nr. 10 Die Gleichheit Eigenproduktion der organisierten Konsumenten Deutschlands! Der Weg vom Entschluß zur Tat war langwierig. Diese Seifenfabrik hat eine Geschichte, die ein ebenso bezeichnendes wie trübes Kapitel in der Ara des Kampfes gegen die Konsumvereine bildet. In einigen Tagen werden es genau fünf Jahre, seit eine außerordentliche Generalversammlung der Großeinkaufsgesellschaft in Chemnitz beschloß, daß eine Seifenfabrik errichtet werden sollte. Sie war in Aten a. d. Elbe geplant, ihre Errichtung sollte hier aber auf ungeahnte, unglaubliche Schwierigkeiten stoßen. Der Betrieb einer Seifenfabrik ist konzesnonspflichtig. Die Afener Behörden, und später auch die in Magdeburg, erkannten bald, daß eine Seifenfabrik an dieser Stelle nicht nur äußerst gesundheitsschädlich, sondern daß sie auch dem Staats- und Gemeindeinteresse nicht dienlich sei. Der wichtigste Punkt in dieser Erscheinungen Flucht war aber die Behauptung, daß ein derartiger Großbetrieb dem gewerblichen Mittelstand schade. So steht es wörtlich und sehr ausführlich in den vielen Aktenstücken zu lesen es mögen Dutzende sein die der Sache wegen auf den Bureaus der Be hörden vollgeschrieben wurden. Die Mittelständler waren nicht vergeblich an der Arbeit gewesen; an ihrer Spize stand der als Sozialistenfresser ersten Ranges bekannte Major Placke, der in einer anderen Affäre früher einmal nicht gerade rühmlich genannt worden ist. Die Seifenfabrit der vielgehaßten Konsumvereine entfesselte eine Haupt- und Staatsaktion, die nicht nur auf das Verhalten der Behörden, sondern auch auf die gewerbefreiheitlichen Zustände Deutschlands ein sonderbares Licht wirst. Kommende Geschlechter werden sicher über derartige Kulturtaten am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts staunen und lächeln. Nach etwa anderthalbjährigem Kampfe siegte schließlich die Großeinkaufsgesellschaft über diese spießbürgerlich- reaktionären Placereien. Es war ihr aber, begreiflich genug, die Lust vergangen, sich in der Atmosphäre niederzulassen, die sie bei Verfolgung der Angelegenheit umweht hatte. Denn daß man dort der Seifenfabrik auch in der Zukunft das Leben so schwer wie nur möglich machen würde, war ganz sicher. Deshalb suchte die Großeinkaufsgesellschaft ein anderes passendes Gebiet, und fand es in Zerbst. Doch hier begann die unerhörte Komödie von neuem in ganz derselben Weise wie in Afen. Nur fast noch langwieriger und umständlicher gestaltete sich der Streit mit den Behörden. Und so mußte auch das zweite Projekt aufgegeben werden. Nun ist die Genossenschaft in Sachsen damit gelandet, das auf diese Weise den ersten zentralen Eigenbetrieb der deutschen Konsumvereine erhält. Staat und Gemeinde werden sicher nicht schlecht dabei fahren, denn sie erhalten einen guten und sicheren Steuerzahler. Das Terrain ist sehr günstig am Wasserweg gelegen und hat Bahnanschluß am bedeutendsten sächsischen Umschlagsplatz( Riesa). Die Konzession zum Betrieb der Seifenfabrit ist bereits erteilt. Später werden auf dem erworbenen Blaze wahrscheinlich noch andere Konsumvereinsfabriken gebaut. Wieder einmal fann von einer schmählich vorbeigelungenen Aktion der Mittelstandsfämpen berichtet werden, die seinerzeit in ganz Deutschland gegen die Konsumvereine ausgespielt wurde. Nach der Liquidation des Offenbacher Konsumvereins wurden auf eine Denunziation hin die Geschäftsbücher des Vereins beschlagnahmt. Das Amtsgericht vermutete eine Bilanzverschleierung" und drohte dem Geschäftsführer mit einer Geldstrafe von 100 Mt., im Falle er nicht den Nachweis über Veröffentlichung einer„ ordnungsmäßig aufgestellten Bilanz" erbringe. Eine Beschwerde gegen dieses Verfahren ergab die völlige Haltlosigkeit der amtsgerichts lichen Verfügung. Das Oberlandesgericht in Darmstadt hat entschieden:„ Die Beschwerde der Liquidatoren ist in allen Richtungen begründet, der erhobene Einspruch gerechtfertigt, weshalb die Aufhebung der Verfügungen verordnet, die Bestrafung aufzuheben und das Ordnungsstrafverfahren einzustellen ist." Dem Jahrbuch des Zentralverbandes der österreichischen Ronsumvereine ist ein solches der österreichischen Großein. taufsgesellschaft gefolgt. Der Titel Jahrbuch ist in diesem Falle verfehlt; er entspricht dem Inhalt nicht. Wir hätten die außerordentlich interessante Abhandlung Siegen- Raffs über die Eng landreise österreichischer Genossenschafter viel lieber im Jahrbuch des Verbandes gesehen. Dort wäre sie passender untergebracht gewesen. Die Arbeit des Genossen Raff ist als ein wertvoller Beitrag zur Beurteilung des englischen Konsumvereinswesens in bezug auf die Eigenproduktion anzusprechen. Im übrigen könnte man das Jahrbuch" seinem Inhalt nach besser einen Genossenschaftstalender nennen. über den Stand der genossenschaftlichen Produktion in England wurden vor kurzem in einem englischen Blatte folgende ressante Angaben gemacht. Es betätigen sich auf dem Gebiet 1: Produktion außer 121 gewerblichen Produktivgenossenschaften 155 917 Ronfumvereine, sowie die beiden Großeinkaufsgesellschaften und sechs Kornmühlengesellschaften, die meist ebenfalls von Konsumvereinen gebildet werden. Der Wert der Produktion der unab hängigen Produktivgenossenschaften ist von 1897 bis 1907 um 50,6 Prozent gestiegen; er betrug 1907 41 342 720 Mt. gegen 27 455 320 Mr. in 1897. Die größte Steigerung des Produktionswertes haben die beiden Großeinkaufsgesellschaften zu verzeichnen. Ebenfalls beträcht lich hat sich die produttive Tätigkeit der Konsumvereine entwickelt. Der Produktionswert ihrer Werkstätten und Fabriten stieg von 65048280 Mt. im Jahre 1897 auf 165438760 Mt. Die Vermehrung betrug somit 100390480 mt. Es ergibt sich hieraus nicht nur, daß die Produktion der fonsumgenossenschaftlichen Organisation die der eigentlichen Produktivgenossenschaften ganz bedeutend überflügelt hat, sondern auch die weitere Tatsache, daß die produktive Tätig. keit der Konsumvereinsverbände die der Gesamtheit der lokalen Konsumvereine zu überflügeln im Begriffe steht. Unter den Pro duktionsanstalten stehen diejenigen, die sich mit der Herstellung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln beschäftigen, an erster Stelle. Von dem gesamten Produktionswert von über 380 000 000 Mt. ent fallen mehr als 260 000 000 Wt. auf Nahrungsmittel und Tabat; nebstdem spielt die Herstellung von Bekleidungsgegenständen eine erhebliche Rolle. Es wurden hier Werte in Höhe von 60000 000 Mt. erzeugt. In der genossenschaftlichen Lebensmittel- und Tabakindustrie wurden 12093 Angestellte beschäftigt, bei der Herstellung von Kleidern 23214. Von der Gesamtzahl der Angestellten in den genossenschafts lichen Produktionsbetrieben waren 26558 oder 56 Prozent Männer, 13433 oder 28 Prozent Frauen und 7546 oder 16 Prozent jugendliche Arbeiter beider Geschlechter unter 18 Jahren. Notizenteil. Dienstbotenfrage. H. Fl. Dienstbotenverein Braunschweig. In der letzten Mitglieder. versammlung besprach Genossin Topfstedt den Artikel einer " Dame" über die Dienstboten. Das Machwerk bewies, daß seine Verfasserin von dem Leben und Leiden der Dienstboten soviel versteht wie der Esel vom Lautenschlagen. Sie gab zwar zu, daß sich die Dienenden in einer elenden Lage befinden, behauptete aber, daß ihre Leistungsfähigkeit äußerst gering sei. Eine Verkürzung der Arbeitszeit würde nach der Dame nur die ohnehin schon große Putz und Vergnügungssucht der Mädchen begünstigen. Nach dem Artikel zu urteilen, läge es also lediglich im Interesse der Dienstboten, wenn sie täglich 16 bis 18 Stunden für die edlen Herr schaften schuften dürfen. Der tiefste Grund dieser bornierten An ficht ist aus einigen Zeilen zu erkennen, die sehr deutlich die Angst des privilegierten Ausbeutertums vor dem Zusammenschluß der arbeitenden Klasse verraten. Mögen die Braunschweiger Dienst boten den richtigen Schluß daraus ziehen und alle ihrer Organi sation beitreten. Dann werden sie imstande sein, sich die Rechte zu erkämpfen, die ihnen die Herrschaften" nicht gutwillig geben wollen. A. B. In einer Mitgliederversammlung des Dienstbotenvereins zu Nürnberg erstattete Genoffin Grünberg den Bericht von der Dienstbotenkonferenz in Berlin, die wir bereits in unserer letzten Nummer eingehend besprochen haben. Die Versammlung trat den dort gefaßten Beschlüssen bei. Die Abrechnung vom vierten Quartal 1908 zeigte eine Einnahme von 871,28 Mt., eine Ausgabe von 315,06 Wit. Somit bleibt ein Bestand von 556,22 Mt. Die Mits gliederzahl betrug im Jahresdurchschnitt 526. Der Geist der Mitgliedschaft ist der beste. + Die Stellenvermittlung für Dienstboten des Zentralvereins für Arbeitsnachweis in Berlin hatte nach dem vorliegenden Bericht in beiden Bureaus, Gormannstraße sowohl wie Lintstraße, Erfolge zu verzeichnen. Immerhin sind die einschlägigen Zahlen noch zu gering, als daß sie für die gewerbsmäßige Stellenvermitt lung eine Konkurrenz bedeuteten. In der Vermittlungsstelle Gormannstraße stieg das Angebot von Dienstmädchen im Jahre 1907 von 1047 im Jahre 1906 auf 1256, die offenen Stellen gingen gegen das Vorjahr von 3629 auf 3007 zurück. Die Zahl der be setzten Stellen stieg von 803 auf 1019 und im Jahre 1908 auf 1352. Die Stellenvermittlung in der Linkstraße, im westlichen Zentrum Berlins, ist am 15. Ottober 1907 eröffnet worden, der Bericht umfaßt daher nur die 2 Monate bis Jahresschluß. Einer Nachfrage nach 1184 Mädchen stand ein Angebot von 867 gegenüber; 861 Stellen wurden besetzt. Im Jahre 1908 haben sich 5905 Hausfrauen und 2790 Dienstmädchen an den Nachweis gewendet. 2249 Stellen konnten in dieser Zeit besetzt werden. Bedenkt man, daß 156 Die Gleichheit bie sogenannte Dienst- und Arbeitsbörse in der Jägerstraße vom 1. Februar bis 31. Juli 1901 nicht weniger als 19818 weiblichen Personen Stellung vermittelte, so wird ganz besonders deutlich, wie klein die Zahlen des Zentralvereins für Arbeitsnachweis sind. Die gewerbsmäßige Stellenvermittlung ist und bleibt das stärkste Hindernis für die Entwicklung jedes gemeinnützigen Nachweises. Es sei hier noch bemerkt, daß die Vermittlung des Zentralvereins für die Stellung suchenden Mädchen völlig unentgeltlich ist. Auch vier Schlafstellen sind in der Linfstraße eingerichtet worden, um zugereisten oder stellungslosen Mädchen ein vorübergehendes Obdach zu verschaffen. Möge sich dieses Heim für Dienstmädchen rasch und träftig weiter entwickeln! Für die Abteilung des Zentralvereins„ Stellenvermittlung für Dienstboten" ist neuerdings ein Romitee eingefeßt worden, das neben der Leiterin des Nachweises aus drei Hausfrauen und drei Dienstboten besteht. Es sollen hierdurch die Wünsche der Angestellten wie der Herrschaften" in gleicher Stärke Vertretung finden. Den Dienstmädchen ist damit eine gewiffe Garantie gegeben, daß die Parität( Gleichberechtigung) gewahrt werden soll. Allzu großen Jllusionen dürfen sie sich jedoch in dieser Beziehung trogdem nicht hingeben. Wenn auch die Leiterin des Nachweises den Forderungen der Hausangestellten volles Verständnis entgegenbringt, so bleibt doch trotz des eingesetzten Komitees der endgültige Entfcheid in wichtigen Fragen dem Vorsitzenden des Zentralvereins für Arbeitsnachweis vorbehalten. Der Vorsitzende ist aber der sattsam bekannte, nichts weniger als arbeiterfreundliche oder gar fortschrittlerische Herr Dr. Freund. Den weiter oben mitgeteilten Beschlüssen der Dienstbotenkonferenz entsprechend haben die in Berlin Etellung suchenden Dienstboten den Arbeitsnachweis des Zentralvereins in Anspruch zu nehmen. Sie haben ein gutes Recht darauf, denn er ist keine Privat einrichtung, sondern wird von der Stadt Berlin erhalten. Aufgabe der organisierten Hausangestellten muß es sein, eine kräftige Agitation zu entfalten, damit die stellungslosen Mädchen sich nicht an gewerbsmäßige Stellenvermittlungen wenden, sondern an den gemeinnüßigen Nachweis. Gleichzeitig gilt es aber auch für fie, die Verwaltung und Leitung der Einrichtung mit offenem, fritischem Auge zu betrachten. Die Hausangestellten müssen Vertrauen zu ihr haben tönnen und wissen, daß sie von ihr eine wirkliche, tatfräftige Vertretung ihrer Interessen und Forderungen zu erwarten haben. m. w. Ueber die Einrichtung öffentlicher Dienstbotennachweise wurde am 15. Januar auf einer Konferenz zu Berlin verhandelt, die sich mit den Facharbeitsnachweisen für gastwirtschaftliche Angestellte beschäftigte und vom preußischen Handelsminister einberufen worden war. Über die Einrichtung öffentlicher Dienst botennachweise erstattete Fräulein Klausner ein sehr fachliches Referat, dem die so lgenden Leitfäße zugrunde lagen: 1. Allgemeines Kennzeichen der gemeinnützigen Dienstbotennachweise ist die Kosten lofigkeit für die Arbeitnehmer. 2. Der Dienstbotennachweis muß leicht erreichbar sein und in guter Gegend liegen. 8. Die Sprech stunden sollen getrennt von denen für Arbeiterinnen und Aushilfs. personal sein. 4. Für Hausfrauen und Dienstmädchen müssen ge sonderte Warteräume vorhanden sein. Für die Verhandlungen sind Fleine Einzelräume vorzusehen. 5. Die Beamtinnen sollen nicht nur beide Teile zusammenführen und die Abschlüsse buchen, sie sollen nötigenfalls in die Verhandlungen eingreifen, insbesondere uners fahrene Hausfrauen und junge Dienstmädchen mit Rat unterstüßen. 6. Im Interesse einer langen Vertragsdauer sind bei Vertragsabschluß die Arbeitsbedingungen genau aufzuzeichnen. 7. In größeren Städten soll die Vermittlung nicht an einem Punkt stattfinden, es soll möglichst in jedem Stadtteil eine Filiale errichtet werden. Alle Filialen müssen von einer Zentralstelle geleitet sein. 8. Die Arbeitsnachweisbeamtinnen müssen in ständiger Fühlung mit Hausfrauen und Dienstmädchenvereinen bleiben. Kleine schon bes stehende Arbeitsnachweise sind zum Anschluß an den Zentrals arbeitsnachweis zu veranlassen, Hausfrauen und Dienstboten vertreterinnen eventuell zur Mitarbeit an der Verwaltung heranzuziehen. 9. Für eine ständige Propaganda in der Presse durch Annoncen wie durch Lokalnotizen ist zu sorgen. Behörden sind zur Mithilfe bei der Propaganda zu veranlassen. 10. Die Arbeitsnachwetsbeamtin muß eine gute Vorbildung für ihren Beruf mit bringen. 11. Wenn angängig, soll mit dem Arbeitsnachweis eine fleine Herberge verbunden sein. 12. Die Arbeitsnachweise sollten fich entschließen, zur wirksameren Propaganda gegen die gewerbs liche Stellenvermittlung und gegen die sich als gemeinnüßige Vereine gebärdenden Mietbureaus alle den gleichen Namen, Zentralarbeitsnachweis anzunehmen." Fräulein Klausner ist die Leiterin des Bureaus für die Vermittlung von weiblichen Personen bei dem Nr. 10 Zentralverein für Arbeitsnachweis in Berlin. Ihren Ausführungen wurden feine abweichenden Meinungen entgegengestellt. Die Dis kussion über den Punkt war nur sehr gering. Eine christliche Dienstbotenorganisation für Bayern. Die Leiden und Drangsalierungen der Dienstboten in den Städten wie auf dem Lande schreien seit langem zum Himmel. Bisher waren es aber nur die freien Gewerkschaften und die Sozialdemo fratie, die Vertreterin aller Ausgebeuteten, die ernstlich und energisch an der Beseitigung der menschenunwürdigen Zustände arbeiteten, unter denen das sogenannte„ Gesinde" leidet. Sie riefen die Kampfesorganisationen der Dienstboten ins Leben, sie trugen die Fackel der Aufklärung in diese Nacht des Jammers. Nun hat auch das Zentrum in einem Winkel seiner schönen Seele sein Mitgefühl für die Dienenden entdeckt und sucht mit dem lieblichen Schalmei gebläse von der Interessenharmonie zwischen Herrschaften und Ges finde die häuslichen Ausgebeuteten in Geduld und Sanftmut zu erhalten. Es guckt es den verhaßten„ Roten" ab, wie sie sich räuspern. Es will die Dienstboten in Organisationen zusammen führen, aber nicht um sie dort zum Kampfe für ihre Rechte zu schulen, sondern um sie desto leichter unter der Fuchtel der Pfaffen und in dem Joche ihrer Dienstgeber zu erhalten Dies auch der edle Doppelzweck der Dienst botenorganisation für Bayern, die kürzlich ins Leben gerufen worden ist. Am 25. Januar tagte in Regensburg die Gründungsversammlung, deren Zusammensetzung schon einen sicheren Schluß auf die künftige Tätigkeit der Organisation zuläßt. Unter den 500 Teilnehmern waren die Dienstboten am spärlichsten vertreten. Sie weitaus überwiegende Mehrzahl bestand aus Geistlichen und Bauern. Der Zentrums abgeordnete Heim entwickelte seinen Plan, der in dem Grundgedanken gipfelt: Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehören zusammen; es muß wieder ein patriarchalisches Verhält nis zwischen beiden hergestellt werden. Also nicht vorwärts in neue beffere Verhältnisse hinein, sondern zurück zu den gesegneten Zuständen, unter denen der Dienstgeber unbeschränkter Herr des „ Gefindes" war. Die Organisation soll sich folgendermaßen gestalten: ,, Der Dienstbotenverein erstreckt sich über das ganze Königreich Bayern rechts des Rheins und besteht aus den Ortsvereinen nach Seelsorgebezirken, die sich zu einem Diözesanverein zusammenschließen. Die Diözesanvereine bilden den Landesverein. Der Ortsverein gliebert sich jeweils in eine Sektion der männlichen und der weiblichen Dienstboten. Ordentliches Mitglied kann jeder katholische, unbescholtene ländliche Dienstbote mit 18 Jahren werden, der feiner anderen Dienstboten oder Arbeitervereinigung, die nicht auf christlicher Grundlage beruht, angehört. Der Ortsvorstandschaft steht das Recht zu, Dienstboten einer anderen Konfession als ordentliche Witglieder aufzunehmen. Der Jahresbeitrag ist auf 2 Mt. bemessen. Außerdem gibt es Schußmitglieder", die jährlich 8 Mt. zu zahlen haben.„ Schutzmitglied" fann jede unbescholtene Person werden, die Interesse für die ländlichen Dienstboten befundet." " Geradezu raffiniert ist die Organisation der Leitung ausgetüftelt, die es der Geistlichkeit und damit den Zentrumsabgeordneten er möglicht, jederzeit das Heft in der Hand zu halten. Hören wir: Die Vorstandschaft des Ortsvereins setzt sich zusammen aus: 1. einem von den Dienstboten gewählten Obmann, 2. einem Ob mann des Bauernvereins, 3. dem Seelsorger oder einem von dem felben ernannten Stellvertreter. Falls ein Geistlicher nicht gewonnen werden kann, fann die Diözesanvorstandschaft ein Schußmitglied, das dem Bauernstand nicht angehören soll, in die Ortsvereins. vorstandschaft entfenden. Die Vorstandschaft des Diözesanvereins besteht aus: 1. einem von den Seelsorgern( Ortsvorständen) gewählten, vom Bischof zur Bestätigung erbetenen Diözesanpräses, 2. einem Delegierten der Vorstandschaft des für die Diözese hauptsächlich in Betracht kommenden Kretsvereins der christlichen Bauernvereine, 3. zwei Delegierten der ordentlichen Mitglieder der Diözese, welche durch die Obmänner der männlichen Dienstboten der Diözese gewählt werden." In ähnlicher Weise ist ebenfalls der Vorstand des Landes, vereins zusammengesetzt; auch dort hat das Zentrum durch die Geistlichkeit, das Ausbeutertum durch die christlichen Bauernvereine das Heft in der Hand. Außerdem soll die neue Organisation mit anderen Zentrumsvereinigungen in enge Fühlung treten. Auf tlärung" soll verbreitet werden durch Versammlungen und ein noch zu schaffendes Vereinsorgan, das für männliche und weibliche Mit glieder getrennt erscheinen soll. An„ positiven Vorteilen" werden in Aussicht gestellt: Auskunfterteilung, Interessenvertretung gegenüber der Regierung und dem Parlament, Alters Nr. 10 Die Gleichheit versorgung und Erholungsheime, Erbauung von Arbeiterwohn häusern. Für sparsame Dienstboten werden Sparprämien von 5 bis 10 mt. ausgesetzt. Eine nette Blütenlese von Palliativmittelchen, bie ganz nach dem berühmten Rezept verfertigt sind:„ Wasch' mir den Belz, aber mach' mich nicht naß." Von einer Interessens vertretung gegenüber dem Unternehmertum ist mit feiner Silbe die Rede, und doch ist sie das Erste und Wichtigste für die Dienstboten wie für die gesamte Arbeiterklasse. Dafür will man die Dienst boten zum„ Sparen" anhalten, damit sie über ihren fauer zusammen gesparten paar Pfennigen vergeffen, daß sie Menschen sind, die Bedürf nisse haben und die Mittel zu deren Befriedigung von ihren Ausbeutern verlangen fönnen. Damit sie nicht erkennen, daß es die Arbeit ihrer schwieligen Hände ist, die den großen Bauern den Geldsack füllt und die Pfäfflein so gut gedeihen läßt! Eine Interessen= vertretung gegenüber der Regierung und dem Parlament verspricht man den folgsamen Schäflein. Wäre es dem Zentrum Ernst mit diesem Versprechen, es hätte nicht bis heute zu warten brauchen. Im Reichstag, im bayerischen Landtag, überall hat das Zentrum die Macht, bedeutende Verbesserungen für die Dienstboten durch zusetzen. Es hat seinen Einfluß bisher nicht dazu gebraucht und wird ihn auch in Zukunft nicht dafür einsetzen, weil seine Inter: essen sich mit denen des Ausbeutertums decken. Ihre Rechte können fich die Dienstboten nur erringen mit Hilfe der Organisationen, die sie sich, unterstützt von der gesamten Gewerkschaftsbewegung, aus eigener Kraft schaffen, und mit Hilfe der Partei, die den bewußten Rampf gegen jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung führt. Frauenstimmrecht. I. K. Das Kommunalwahlrecht der Frauen in Finnland. Nachdem die russische Polizeiwillkür durch den Generalstreit im November 1905 gestürzt, der verfassungsmäßige Boden gewonnen und 1906 das allgemeine, territoriale, gleiche Wahlrecht für beide Geschlechter erfämpft worden war, galt es unter anderem auch das Kommunalwahlrecht zu reformieren. Mit aller Entschiedenheit forderte die Sozialdemokratie eine Reform des Gesetzes, die Kommunalvertretungen betreffend. Diese Reform sollte vor allem das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle Einwohner der Gemeinden vom zwanzigsten Jahre an bringen. Unter dem Eindruck des grandiosen Generalstreits und der Forderungen des Volkes mußten auch die Führer der bürgerlichen Parteien diese Rechtsansprüche mehr oder weniger verlappt in ihre Wahlprogramme aufnehmen. Wenn man die damaligen Wahlaufrufe der Alt und Jungfinnen las, so konnte man leicht erkennen, daß sie die Massen durch Versprechungen aller Art an sich zu fesseln suchten, deren Einlösung sie aber bald genug aus dem Wege zu gehen trachteten. So war es auch mit den Versprechungen bezüglich des Kommunalwahlrechts. Als ein entsprechender Antrag seitens der Altfinnen im Landtag eins gebracht wurde, war er nicht nur äußerst reaktionär zugeschnitten, sondern die Einbringung erfolgte auch in der unzweideutigsten Absicht, die Beratung für diese Session zurückstellen zu lassen Mangel an Zeit! Nicht nur die Altfinnen, aus deren Mitte der Antrag erfolgte, sondern auch die übrigen bürgerlichen Par teien waren der Meinung, daß andere gesetzgeberische Angelegen heiten wichtiger wären als die Kommunalreform. So zum BeiSpiel die Wegereparatur, Neuregelung des Etappendienstes und manche andere unwichtige Vorlagen noch. Die Sozialdemokraten wiesen nach, daß es an Zeit zur Schaffung einer neuen Gemeindeordnung durchaus nicht mangele, wenn nur der Wille dazu vors handen wäre. Sie zeigten ferner flar und deutlich, daß das Ver halten der bürgerlichen Parteien ein Beweis dafür sei, daß diese in ihren Wahlaufrufen das Bolt nur an der Nase geführt hätten und ihre Versprechungen nicht verwirklichen wollten. Mit Unterstügung einiger bürgerlichen Abgeordneten sette es die sozialdemo fratische Fraltion trotz alles Widerspruchs durch, daß die Vorlage zur Beratung dem zuständigen Ausschuß überwiesen wurde. wegen In der Kommission wartete ihrer jedoch kein besseres Schicksal. Die bürgerliche Mehrheit gab auch hier der Beratung gering. fügiger Angelegenheiten den Vorzug und suchte Zeit zu vertrödeln. Es dauerte über einen Monat, bis das Gesetz von der Kommission burchberaten war. Nachdem es endlich diese Klippen passiert hatte, wurde es in der großen Kommission" weitere zwei Wochen festgehalten.* * Der finnische Landtag wählt zu Beginn jeder Sigungsperiode folgende verfassungsmäßige Ausschüsse von je 16 Gliedern, in denen die Parteien proportional ihrer Stärke vertreten sind: für Verfassungsfragen, für gesetz geberische Angelegenheiten, für wirtschaftliche und Finanzangelegenheiten und einen Ausschuß von wenigstens 12 Gliedern für das Bankwesen. Der 157 Diese offenbare Verschleppungstaktik seitens der bürgerlichen Parteien entfachte im ganzen Lande einen Entrüftungssturm. In Stadt und Land wurden Protestversammlungen abgehalten, die fategorisch verlangten, daß das kommunale Wahlrechtsgesetz endlich unter Dach und Fach käme. Die sozialdemokratischen Organisationen und ihre Presse waren rührig tätig. Das Zentralorgan„ Työmies" in Helsingfors berichtete täglich genau, was in den Kommissionen vor sich ging. Es verzeichnete, wievielmal die Kommissionsmitglieder das Wort verlangten und wie lange fie redeten. Dadurch erfuhren die Massen, wieviel die Bürgerlichen und wie wenig die Sozialdemokraten redeten, und niemand blieb es ein Geheimnis, daß die ersteren durch überflüssiges Schwätzen nur die Zeit vergeuden und das Gesetz hinausschieben wollten. Die Sozialdemokratie mußte die bürgerlichen Parteien geradezu vorwärts peitfchen! Als das Gesetz trotz allem auch in der großen Kommission durch beraten war es wurde dort schließlich Tag und Nacht gearbeitet und es zur dritten Lesung an das Plenum gelangte, setzten die bürgerlichen Redner hier ihre Tattit fort. Sie suchten einander mit langen Reden zu überbieten, die sie bereits in den Kommissionen abgeleiert hatten. Aber hier riß den Sozialdemo fraten die Geduld. Es kam zu stürmischen Sitzungen, wie sie im finnischen Landtag äußerst selten sind. Den bürgerlichen Parteien wurde ein so treuer Spiegel ihres Verhaltens vorgehalten, daß einige von ihnen ihren hartnäckigen Widerstand aufgaben. Es ging dabei so heiß zu, daß der Präsident die Sigung aufzuheben drohte. Die Altfinnen waren an die Wand gedrückt, die Jungfinnen gaben den Kampf auf. Am 28. Oftober fam es zur Abstimmung über die einzelnen Paragraphen des Wahlrechtsgesetzes. Dabei gelang es leider den bürgerlichen Parteien, noch manche Einschrän tungen der Demokratie durchzusetzen. Immerhin wurde manches erreicht, was für die werktätigen Massen und für die Entwidlung der Arbeiterpartei von großer Bedeutung ist. Das neue Kommunalwahlgefeß gewährt allen, die in einer Ge meinde wohnen, das gleiche Wahlrecht, auch denen, die keine Ge meindesteuer zahlen. Des Wahlrechts gehen solche Personen ver lustig, die entweder Armenunterstüßung genießen, und solche, die steuerpflichtig sind, aber ihre Gemeindesteuer nicht entrichtet haben. Steuerpflichtig sind alle Personen, die in den ländlichen Kommunen ein jährliches Einkommen von 300 bis 500 finnische Mart, in den Städten ein solches von 600 bis 1000 finnische Mark ausweisen. Der Steuerzenfus ist in vier Stufen gegliedert, je nach der Eigenart der Gemeinden. Die Altersgrenze der Wahlberechtigung ist für beide Geschlechter auf 24 Jahre festgesetzt. Die bürgerlichen Bar teien drückten am Ende noch eine Einschränkung des Rechts der Massen durch, indem sie für die Kommunalverwaltungen gewisser. maßen ein Zweitammersystem schufen. Die letzte Entscheidung über wichtige Angelegenheiten steht einem besonderen Ausschuß zu, dessen Mitglieder nur von den Gemeindeangehörigen gewählt werden, die Kommunalsteuern entrichten. Da jedoch die Einkommensgrenze für die kommunale Besteuerung eine niedrige ist, so ist die Zahl der jenigen flein, die sich an der Wahl der Oberkammer" nicht beteiligen fönnen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Verschlechterung der Reform in der Hauptsache nur erreicht, daß die Geschäfte der Gemeindeverwaltung unnüz erschwert werden. Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen suchen die Sache so darzustellen, als hätten sie vor allem ein Berdienst darum, daß die finnische Frau nun auch in der Kommune vollberechtigte Bürgerin sein wird. Das ist eine übertreibung. Als die Sozialdemokratie in der verflossenen Session allein den Kampf für die Durchführung der kommunalen Wahlrechtsreform aufnahm, fragte Genossin Hilja Pärssinen im Landtag die weiblichen Abgeordneten, die zugleich auch Vertreterinnen der finnischen bürgerlichen Frauenemanzipation find, ob sie als Frauen nicht die Sozialdemokratie darin unterstützen wollten, das Gesetz durchzubringen. Es müsse doch auch das Bestreben der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen sein, dem weiblichen Geschlecht in der Gemeinde das Wahlrecht möglichst schnell zu verschaffen. Die bürgerlichen Frauen antworteten darauf, daß sie auf dem Boden des Programms ihrer Parteien stünden: mit anderen Worten, fie stimmten mit den Männern ihrer Klasse zusammen für ein beschränktes Wahlrecht. Denn welches war das Bestreben der bürgerlichen Parteien? Ein Gesetz zustande zu bringen, welches Landtag ist berechtigt, auch andere Spezialausschüsse einzusetzen. Ferner wählt der Landtag gleichzeitig den sogenannten großen" oder Sechzigers ausschuß. Dieser große Ausschuß" berät alle Angelegenheiten in drei Lesungen, und zwar zwischen der zweiten und dritten Lesung derselben im Plenum. Er hat gewissermaßen die Funktionen eines Oberhauses. Auch dieser Ausschuß wird auf der Grundlage des Proporzes von den Abgeord neten gewählt. 158 Die Gleichheit den arbeitenden Männern und Frauen möglichst wenig bietet. Dr. H. Gebhard, ein Wortführer der Altfinnen, suchte flar und deutlich nachzuweisen, daß die Rechte der großen Massen bei den Kommunalwahlen in der ganzen Welt beschränkter seien als zu den Parlamentswahlen. Daher wäre es auch in Finnland von Segen, wenn die besitzenden Klassen in der Gemeinde die ausschlaggebende Macht hätten. Dieser Auffaffung entsprach auch die Hals tung der Frauenrechtlerinnen in der wichtigen Frage. Wenn die finnische Frau sich demnächst auch in der Gemeinde als gleichberechtigte Bürgerin betätigen fann, so hat sie dafür nur der sozialistischen Arbeiterpartei zu danken und namentlich auch den mutigen Arbeiterinnen, die nichts unterlassen haben, daß erstens das Gesez fertiggestellt und zweitens so günstig wie irgend mög lich gestaltet wurde. Auch in dieser Frage hat die finnische Proletarierin mit der Gesamtpartei Hand in Hand gewirkt und bereitwilligst möglichst viel Mühe und Arbeit auf sich genommen. Es ist sehr wichtig, daß die Kommunalwahlreform noch durchgesezt werden konnte. Je später sie zustande gefommen wäre, um so reaktionärer wäre sie ausgefallen. Daß es aber durchgesetzt werden konnte, ist das Verdienst der einheitlichen und geschlossenen Aktion der sozialdemokratischen Landtagsfraktion mit der Gesamtpartei. Leider hängt es ja noch von dem Wohlwollen" der russischen Regierung ab, ob das neue Gesetz in Kraft treten wird oder nicht. Die Hoffnungen auf die Entscheidung des russischen Ministerrats find feineswegs groß, wie das ohne weiteres einleuchtend ist. Immerhin bedeutet die beschlossene Reform einen Schritt nach vorwärts, der die finnische Sozialdemokratie aneifert, wie bisher weiter zu marschieren- tämpfend und immer wieder fämpfend. M. M., Helsingfors. Soziale Gesetzgebung. " Die Arbeiterschutzgesetzgebung und die Arbeiter. Mit Pauken und Trompeten ist die Ära der sozialen Gesetzgebung" beim Regierungsantritt des„ Arbeiterkaisers" angekündigt worden. Wie wenig, ach! hat sich entfaltet das Wenige, wie flein und farg!" Nach wie vor ist die Arbeiterschutzgesetzgebung voller Mängel und Lücken, noch immer fein gefeßlicher Schutz der Heimarbeiter, keine durchgreifende Gewerbeaufsicht, noch immer ist das Koalitionsrecht der willkürlichen Auslegung der Behörden und vor allem dem Unternehmerterrorismus preisgegeben. Von Zeit zu Zeit wird am Arbeiterrecht geregelt"," geordnet" und ergänzt". All die„ Ergänzungen" und Verbesserungen" fönnen jedoch feinen Hund vom Ofen hervorlocken, sie tragen den Interessen der Ausgebeuteten nicht Rechnung, sie entsprechen daher absolut nicht den Anforde rungen eines klassenbewußten Proletariats. Um dessen Ansprüchen Nachdruck zu verleihen und die Empörung ob der sozialpolitischen Dürre zum Ausdruck zu bringen, hatten sich die Berliner Arbeiter und Arbeterinnen in elf Versammlungen eingefunden. Besonders zahlreich waren diesmal die Frauen überall vertreten. Unter den Rednern befand sich auch eine Frau, Genofsin 3ie B. Mit großem Interesse folgten die demonstrierenden Proletarier den Ausführungen der Referenten, freudig und einmütig stimmten sie der eingebrachten Resolution zu. Auch die Arbeiterschaft anderer Städte hat gegen den Stillstand der Sozialreform protestiert, und die Demonstration für ein Arbeiterrecht, das diesen Namen verdient, geht weiter. In Berlin gelangte folgende Resolution zur Annahme, welche die Forde rungen enthält, die das ganze flaffenbewußte Proletariat Deutsch lands augenblicklich erhebt: Zur Gewerbeordnungsnovelle. Die Entwicklung der Industrie hat in den letzten Jahrzehnten so gewaltige Fortschritte gemacht und die Profite des Kapitals so gesteigert, wie nie in der Vergangenheit. Die Produktivität ist durch technische Verbesserungen und durch Steigerungen der Intensität der Arbeit gewachsen, in vielen Gewerbezweigen mehr als verdoppelt worden und hat die Gefahren für Leben und Gesundheit Der Arbeiter vermehrt. Während in den letzten Jahrzehnten für die Grundbesitzer und Kapitalisten große Vorteile auf Kosten der Arbeiter durch die Gesetzgebung geschaffen wurden, kam die Arbeiterschutzgesetzgebung völlig zum Stillstand. Die am 16. Dezember 1907 dem Reichstag vorgelegte Novelle zur Gewerbeordnung erfüllt nicht entfernt die berechtigten Forde rungen der Angestellten und Arbeiter. Demgegenüber fordern die Versammelten vom Reichstag und der Reichsregierung: Grundlagen für ein einheitliches Arbetterrecht mit zwingendem Rechte für alle zugunsten der Arbeiter und Angestellten getroffenen gesetzlichen Bestimmungen Nr. 10 Sicherung des Lohnes gegen Schädigungen durch das Trucksystem; desgleichen gegen das zur Umgebung des Gesetzes raffiniert ausgedachte Prämien- oder Tantiemensystem, das es ermöglicht, Lohnabzüge zu machen, die sonst gesetzlich verboten wären; Sicher stellung der Beiträge für sogenannte Wohlfahrtseinrich tungen; Schutz der in Betriebswohnungen wohnenden Arbeiter vor Bedrückungen durch den Vermieter der Wohnung. Größere Rechte der Angestellten und Arbeiter bei Festsetzung von Arbeitsordnungen. Die Arbeitsordnung darf nicht ein einseitig vom Unternehmer oder von Unternehmerverbänden diktiertes Gesetz sein. Die Arbeiterausschüsse müssen durch allgemeine, direkte und geheime Wahlen gewählt und deren Mitglieder in der Ausübung ihres Amtes geschützt werden. Verbot von Konkurrenzflauseln, Personalkonventionen und ähnlicher Abmachungen, die geeignet sind, den Angestellten oder Arbeiter in seinem ferneren Fortkommen zu hindern. Ausdehnung der Sonntagsruhe und für solche Arbeiter, die an Sonn- und Festtagen arbeiten müssen, eine ununterbrochene Ruhepause von 86 Stunden und für zwei aufeinanderfolgende Sonn- und Festtage von 60 Stunden in derselben Woche. Ausdehnung des Schußes für jugendliche Arbeiter auf alle Beschäftigten im Alter von unter 18 Jahren. Neunstundenarbeitstag als Übergang zum Achtstundenarbeitstag für alle in Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Dreischichtsystem für alle Arbeiter in Anlagen mit ununterbrochen arbeitenden Betrieben. Ausdehnung des Arbeiterschutzes und der Arbeiterversicherung auf die Heimarbeiter. Ausdehnung der Gewerbeaufsicht auf alle Betriebe des Gewerbes( einschließlich der Heimarbeit), der Industrie, des Bergbaues, Handels und Verkehrs auch auf die sogenannten landwirtschaftlichen Nebenbetriebe unter Beteiligung der Arbeiter an der Aussicht. Sicherstellung des Roalitionsrechtes. Soziales Elendsbild. Das Recht des toten Eigentums und das Unrecht des lebendigen Menschen in dieser besten aller Welten ist durch ein Urteil ungeheuerlichster Art beleuchtet worden. Das Landgericht München hatte vor sich auf der Armesünderbank eine Arbeiterfrau. Was hatte die Unglückselige verbrochen? Sie hatte gegen das gesündigt, was der bürgerlichen Gesellschaft am heiligsten ist, gegen das Eigentum. Unter dem Drucke äußerster Not hatte sie aus einem Keller Holz im Werte von 40 Pf. entwendet, um für ihr drei Tage altes Kindchen Milch zu kochen. Obwohl die Frau beteuerte, fie sei durch den großen Blutverlust, den sie bei der Geburt des Kindes erlitten hatte, am Tage der Tat gänzlich unzurechnungsfähig gewesen, wurde sie doch zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde so hoch be messen, weil die Frau vor dem Gesetzbuch„ rückfällige Diebin" ist. Die empörende Furchtbarkeit des Urteils wurde sogar vom Reich 3anwalt empfunden, der bei der Revisionsverhandlung die Aufhebung beantragte. Er machte geltend, daß sich die Frau in einer Notlage befunden habe, der sie möglicherweise gar nicht anders abhelfen konnte als durch den Diebstahl. Dann sei aber ihre Tat nicht strafbar gewesen. Das Reichsgericht bestätigte dennoch das entfeßliche Urteil. Unverhüllt zeigt sich in dem blutigen Spruch, daß das bürgerliche Recht in erster Linie ein Recht der Sache, des Eigentums ist, vor dem der lebendige Mensch mit seinen Leiden und Bedürfnissen nichts gilt. Es ist das Recht des Reichtums, der auf der Ausbeutung fremder Arbeit beruht. Die Ordnung der Ausbeutung läßt, um mit Goethe zu reden, den Armen schuldig werden, dann überläßt sie ihn der Pein. Hätte es sich nicht um eine zertretene Proletarierin gehandelt, welche die viel gepriesene Mutterliebe zur Diebin an einer Handvoll Holz werden ließ, hätte eine hochgeborene Fürstin vor den Schranken des Gerichtes unter der Anklage gestanden, ein paar Duhend Silberlöffel gestohlen zu haben: das Urteil würde wahrscheinlich anders ausgefallen sein. Denn hochgeborene Damen stehlen nicht, sie werden nur bedauernswerte Opfer der Kleptomanie( Diebssucht). Um einem Eigentum von 40 Pf. sein Recht" werden zu lassen, wird ein Menschenleben für ein Jahr aus der Gesellschaft gestrichen! Kann der Wahnsinn der heutigen Ordnung schärfer gekennzeichnet werden, kann er aufreizender zum Kampfe gegen diese Ordnung aufrufen? Wer Ohren hat zu hören, der höre! Nr. 10 Die Gleichheit 159 Fürsorge für Mutter und Kind. Von der Sänglingsfürsorge. In den„ Süddeutschen Monatsbeften schrieb unlängst Rudolf Hecker:„ Mit dem Wert, den wir bem Säuglingsleben beimessen, steigt auch die Wertschäzung des Menschen überhaupt. Es find doch merkwürdige Gegenfäße: auf ber einen Seite wird der Kindesmord, der Versuch dazu, ebenso mie die Unterdrückung des keimenden Lebens vom Staate als schweres Verbrechen geahndet; auf der anderen Seite sieht aber dieser Staat rubig zu, wie täglich Hetatomben seiner Kinder in fahrlässiger Weise dahin geopfert werden. Die Fahrlässigkeit liegt nicht etwa allein bei den Eltern, fie liegt vielmehr beim Staat, der solches geschehen läßt und dabei wissen muß und kann, wie es zu ändern wäre." Das stimmt und ist nicht neu. Die Preffe der Satten bemüht sich trozdem, den Nachweis zu erbringen, daß der Staat sich doch nicht so müßig verhalte, wie die bösen Kritiker behaupten. Der Staat sei bemüht", nach Kräften zu helfen! In Deutschland tue er das durch Erlasse"," Berords nungen" usw. Sehen wir zu, wie es damit in Wirklichkeit steht. " Die Zeitschrift für Soziale Medizin" bringt in ihrem neuesten Hefte einen lesenswerten Auffah: Aus der Säuglingsfürsorgebewegung". Unter ,, I. Gefeßgebung" finden wir nur zwei Bundes staaten verzeichnet- Bayern und Württemberg-, welche in ihren Landtagen sich mit dieser wichtigen Frage beschäftigt haben. In demselben Hefte der genannten Zeitschrift erklärt der Dresdener Arzt Dr. Rösle:„ Wir finden die geringste Säuglingssterblichkeit in bem nordwestlichen Gürtel von Europa, der sich von Finnland bis Frankreich und der Schweiz um Deutschland herum erstreckt. In Deutschland selbst treffen wir noch immer die Hauptherde der Säuglingssterblichkeit in Sachsen und Süddeutsch land." Die sächsischen Reaktionäre haben keine Zeit, sich mit solchen Nebenfragen" zu beschäftigen, fie müssen auf die politische Knebes lung der Massen mittels eines standalösen Wahlrechts bedacht sein. Die Bayern zeigten wenigstens den guten Willen!„ Der Lands tag," heißt es im Bericht, hat für Zwecke der Säuglingsfürsorge 50 000 Mt. für jedes Jahr der 29. Finanzperiode bewilligt, um Ges meinden und Vereinen Unterstützungen zu gewähren." Von Württemberg wird gemeldet:„ Ein Gesetzentwurf betreffend die Kost- und Pflegefinder ist während der Sommerfeffion 1908 von der Ersten und Zweiten Kammer beraten und in der Fassung der Kommission mit Berücksichtigung verschiedener Anträge angenommen worden." Der preußische Staat hilft sich mit Verordnungen", um den Landtag nicht zu„ belästigen". Es wird deshalb die langatmige, schwer verständliche Verordnung des Berliner Polizeipräsidenten vom 10. Juni 1907 über das Haltekinderwesen" abgedruckt. Was will die Polizei? Wer Kinder unter sechs Jahren in Rost und Pflege nehmen will, muß dies der Polizei melden! Melden, melden", tönt es aus jedem Paragraph. Das ist alles!„ Eifriger" war der Minister des Innern, welcher- wie die„ Gleichheit" bereits berichtet hat die Berliner Vorortgemeinden durch den Regierungspräsidenten auffordern ließ:„ auf die Errichtung von Stillstuben in den weibliche Arbeiter beschäftigenden industriellen Unternehmen hinzuwirken"! Donnerwetter! Was werden sich die Unternehmer jetzt beeilen! " 1 Auch der Minister, welcher die„ nahe verwandten" geistlichen und Medizinalangelegenheiten" mit viel Ungeschick zu fördern sucht, hat fich zu einem langen und langweiligen Erlaß an die Regierungspräsidenten aufgeschwungen. Es wird darin an frühere Erlasse feines Amtsvorgängers erinnert, die natürlich kein Mensch beachtet hat, und dann das Zusammenarbeiten" aller Behörden mit den Bereinen oder Organisationen der Volkswohlfahrt gefordert. Die Merkblätter über die sachgemäße Ernährung und Pflege der Säug linge sollen weiter durch die Standesbeamten, Vereine usw. verteilt werden, Arzte, Hebammen usw. sind angehalten, mündliche Belehrung zu geben. Für die ländlichen Kreise empfehle sich ber im Kreise Westerburg beschrittene Weg: den Hebammenstand an der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit unmittelbar zu be teiligen. Dort werde für jede Gemeinde alljährlich eine Nach weisung der sämtlichen neugeborenen Kinder aufgestellt, die außer den Personalien noch angibt: die Ernährungsweise der Kinder, die Dauer der natürlichen oder die der gemischten Ernährung, den Zeitpunkt der Entwöhnung sowie die Todesfälle unter Bezeichnung der Zeit und Ursachen. Die Hebammen haben die Listen zu führen und am Jahresschluß dem Landrat vorzulegen. Die Listen werden da geprüft, ergänzt und dann an die Hebammen behufs Eintragung der Sterbefälle bis zur Vollendung des zweiten Jahres der Kinder zurückgegeben. Gine Reichsstatistik dieser Art wäre natürlich recht wertvoll. Sehr interessant ist die folgende Feststellung des Ministers: Bezüglich der Ernäh rung der Kinder, besonders auf dem Lande, ist neuerdings von vers schiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht, daß sich mit der Zunahme der Molkereien ein Rückgang in der Ernährung und in der körperlichen Entwicklung der ländlichen Bevölkerung anbahne, da durch den Verkauf der verfügbaren Vollmilch das Milchbedürfnis des eigenen Haushaltes nicht mehr ausreichend berücksichtigt und der Genuß gehaltsarmer Magermilch oder minderwertiger Surrogate ge fördert werde." Daß in Zusammenhang mit dieser Erscheinung die Wehrkraft des Bolles" abnimmt, wie die Erfahrungen der Schweiz zeigen, wird besonders betont. Es sollen deshalb Erfahrungen gesammelt werden, ob tatsächlich eine Herabseßung der förperlichen Entwicklung der Landbevölkerung beobachtet worden ist und ob dieselbe mit der etwaigen Abnahme der Milch- und Butternahrung in Verbindung gebracht werden kann". Wer soll diese Erfahrungen sammeln? Außer den Kreisärzten, Hebammen, Bürgermeistern auch die Geistlichen! Es wird diesen Helfern" ans Herz gelegt, der Geburts- und Wochenbetthygiene, der Wiedereinführung des Stillgeschäftes und dem Schuße der stillenden Mutter die größte Aufmerksamkeit zu schenken, weil die Sterblichkeit der Säuglinge in den ersten Wochen und Monaten des Lebens, und hier wieder besonders bei den künstlich ernährten Kindern am größten ist". Und diesen armen Würmern verteuert man auch noch die Milch! Ist es nicht eine Heuchelei, wenn man weiter liest:„ Von besonderer Bedeutung für Geburt, Wochenbett und günstige Gestaltung des Stillgeschäftes ist es, daß die Mutter sich schon vor der Entbindung von den körperlichen Anstrengungen des Erwerbslebens in angemessenen Zeitabständen fernhält und nach der Entbindung die für die Wöchnerinnen und Stillmütter nötige Schonung erfährt. Es ist deshalb anzustreben, daß in den industriellen Anlagen, die Frauen beschäftigen, Ein. richtungen getroffen werden, den Müttern durch eine aus reichende Ruhezeit und Unterstügung vor der Entbindung, durch Verlängerung der Schonzeit nach der Niederkunft, durch Einrich tungen von Stillzimmern und ähnlichen Veranstaltungen eine noch über den geseglichen Schuß hinausgehende Fürsorge zu ges währen." Damit gibt der Minister zu, daß der gefeßliche Schuh" nicht ausreichend ist! Von den Besizern industrieller Anlagen er wartet er offenbar, daß sie auf einmal human geworden seien und freiwillig noch mehr gewähren würden als das, was sie bis jetzt noch gar nicht beachtet haben! Das ist ja zum Heulen„ schön". Weil der Staat nicht helfen will und nur papierene Verordnungen erlassen kann, so soll die Kommune heljen, denn der Minister empfiehlt Fürsorgestellen und Schaffung tommunaler Milchämter! Doch halt! Wir dürfen dem Vater Staat nicht unrecht tun. E3 ist noch eine„ Verfügung" des Kriegsministers da, nach welcher ,, den in den Militärwerkstätten in Spandau beschäftigten Arbeite rinnen, die stillende Mütter sind, mittags Urlaub bis zu drei Stunden ohne Lohnabzug gewährt wird, um sich zu ihren im Säuglingsheim in Pflege befindlichen Kindern begeben zu können!" Das ist aber auch alles! Es werden dann die kommunalen Maßnahmen einzeln aufgezählt. Mutterberatungs-, Säuglingsfürsorgestellen und Stillunterstügungen wurden eingerichtet respektive ge währt in Aachen, Berlin, Braunschweig, Charlottenburg, Dresden, Erfurt, Frankfurt a. M., Freiburg, Görlig, Gronau, Kalt, Kiel, Köln a. Rh., Landshut, München usw. Wie diese Einrichtungen funktionieren und benutzt werden, darüber werden uns wohl die Genossinnen dieser Orte bald näheren Ausschluß geben. Jedenfalls bleibt es dabei, daß der Staat selbst für Säuglingsfürsorge wenig oder gar nichts übrig hat. Verfügungen und Erlasse sind sehr billig! E. G. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Die Jahreskonferenz der englischen Liga für Frauen arbeit. Die englische Liga für Frauenarbeit( Woman's Labour League), die 1906 von Genossinnen gegründet worden ist, hat fürzlich gleichsam als Einleitung zu dem Parteitag der englischen Arbeiterpartei ihre Jahreskonferenz in Portsmouth abgehalten. Mehr als vierzig Ortsgruppen waren durch Delegierte vertreten, und die Tagung bedeutet in jeder Beziehung einen großen Forts schritt über die des letzten Jahres. In der Eröffnungsfizung wurde von der Vorsitzenden, Genossin Bondfield, wie einigen Delegierten stark die vorliegende Notwendigkeit betont, für bessere Arbeitsbedingungen der erwerbstätigen Frauen und staatliche Mutterschafts. fürsorge zu fämpfen. Erster Verhandlungsgegenstand war die Frage der Arbeitslosigkeit. Der Vorstand der Liga hatte eine Protestresolution vorgelegt, welche dagegen protestierte, daß das Ministerium für Angelegenheiten der Lokalverwaltung( Local Government Board) sich hartnäckig weigert, die Entwicklung der Werkstätten für arbeits 160 Die Gleichheit lofe Frauen zu fördern und diesen Institutionen die Möglichkeit zu geben, den Beweis zu erbringen, daß sie den Frauen von wirk lichem Nußen sind. Die Resolution verlangte auch die Gründung landwirtschaftlicher Kolonien für Frauen und forderte des weiteren bas Ministerium auf, mit den örtlichen Komitees zusammenzuarbeiten, um arbeitslose Frauen besser mit Arbeit zu versorgen, die nicht nur vorübergehender Art sein soll. Auf wiederholte Eingaben der Frauen im Sinne diefer Forderungen hatte die Regierung geantwortet, daß der Leiter des betreffenden Ministeriums, Mr. John Burns, der ehemalige revolutionäre Sozialdemokrat und jetzige liberale Miniſter, die Werkstätten für arbeitslose Frauen nur als ein Experiment erklärt habe, das die darauf gefeßten Erwartungen nicht erfüllte, so daß die weitere Fortführung der Einrichtungen nicht gerechtfertigt sei. In der Diskussion über diese Frage erhoben die anwesenden Delegierten bittere Klagen über die viel zu kurze Dauer und den beschränkten Umfang dieses Versuches. In London wurden zum Beispiel nur drei solcher Werkstätten errichtet, statt mindestens einer für jeden Bezirk. Die Resolution gelangte mit einem Amendement zur Annahme, in dem die Regierung aufgefordert wird, dem Pars lament ein Gesetz vorzulegen, das durch Reform des herrschenden Produktionssystems danach strebt, die Ursachen der Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Es wurde erklärt, daß dieses Amendement als die Anerkennung des Rechts auf Arbeit aufgefaßt werden müsse. Die Konferenz verhandelte dann über die Fürsorge für Schul. finder. Die Genofsinnen Kerrison, Bentham und MacDonald traten warm für das Recht der Kinder des Voltes auf staatliche Fürsorge ein. Ihren Ausführungen entsprachen die Resolutionen, denen die Konferenz ihre Zustimmung gab. Die eine von ihnen fordert, daß die ärztliche Inspektion der Schultinder durch unent geltliche ärztliche Behandlung vervollständigt werden müsse, und daß die Staatskasse zu den Mitteln beizutragen habe, die für diese Zwecke weiterhin erforderlich sein würden. Die andere ersuchte die Arbeiterabgeordneten, mit allem Nachdruck die Regierung aufzus fordern, durch Gesetz die Schulspeisung in den Gemeindeschulen aller Orte obligatorisch einzuführen, und zwar solle die Speisung auch während der Ferien fortdauern. Eine lange Diskussion fand zu der dritten Frage der Tagesordnung statt: Mutterschaftsfürsorge durch den Staat. Ges nossin Bruce Glasier referierte darüber. Ihrer Ansicht nach muß bie Hauptaufgabe des Staats in dieser Sache sein, die Familie aufrechtzuerhalten und zu stärken. Der Staat soll folglich nicht allgemeine Mutterschaftsversicherung schaffen, sondern den Vater zwingen oder in den Stand setzen, selbst seine Kinder zu ernähren. Nicht Unterstützung der Mütter, sondern bessere Löhne für die Männer solle die Losung sein. Nur in Ausnahmefällen solle der Staat den Müttern Unterstützung gewähren. Genossin Bruce Glasier befannte sich auch im Hinblick auf die Familie als Gegnerin der Arbeit verheirateter Frauen, will jedoch diese nicht ausdrücklich verboten wissen. Diese Ausführungen muten nach unserer Ansicht sehr eigentümlich an und beweisen eine große Unflarheit über die geschichtliche Bedeutung der Frauenarbeit und die sozialen Zusammenhänge, unter denen sie sich durchsetzt. Sie lassen erkennen, daß die Genoffin das Entscheidende übersieht: daß die großen übel, welche Hand in Hand mit der Frauenarbeit auftreten, nicht dieser selbst eigentümlich sind, sondern dadurch entstehen, daß fie kapitalistisch ausgebeutet wird. Einige Diskussionsrednerinnen wendeten sich denn auch gegen den Standpunkt der Referentin und betonten insbesondere, daß es unmöglich sei, die Erwerbsarbeit der verheirateten Frauen zu verbieten. Genossin Ward insbesondere protestierte dagegen, daß man die verheiratete Frau auf die Haus. haltung beschränken wolle, wodurch sie in wirtschaftliche Abhängig feit von irgend jemand geraten müsse. Genoffin MacDonald hin gegen vertrat ebenfalls die überzeugung, daß die verheiratete Frau ins Heim gehöre. Nach ihr tommt es besonders darauf an, das Berantwortlichkeitsgefühl der Eltern zu stärfen und zu prüfen, ob nicht etwa durch staatliche Unterstüßungseinrichtungen für die Mütter der Lohn des Mannes gesenkt werde. Leider kam es in der wichtigen Fragedie unseres Dafürhaltens von feiner Seite richtig erfaßt und vertreten wurde nicht zu einer Beschlußfassung der Ronferenz. Zu verzeichnen ist noch, daß diese sich in einer Resolution das gegen erklärte, daß die Empfänger von Armenunterstützung des Wahlrechts verluftig gehen. Des weiteren stimmte sie einem Antrag des Vereins der Eisenbahnarbeiterinnen( Railway Women's Guild) zu, der eine staatliche Witwenversicherung forderte, die ins besondere Witwen berücksichtigen solle, die für fleine Kinder zu sorgen haben oder infolge von Alter und Krankheit erwerbsunfähig find. Schließlich sprach sich die Konferenz noch für die Verstaatlichung der Krankenhäuser aus. Nr. 10 Im Anschluß an die Tagung fand abends eine große Agitations. versammlung statt, in der Genossin Bondfield den Anwesenden ans Herz legte, sich nicht durch Vorurteile und das Herkommen davon abhalten zu lassen, selbst zu denten und im Interesse der Gesamtheit zu handeln. Die erwerbstätigen Frauen sollten ihre Zeit nicht mit sinnlosen Vorwürfen gegen die Männer vergeuden, sondern anerkennen, daß bereits so viele Männer für die Interessen der Frauen eintreten. Ganz besonders sei das seitens der Arbeiter partei der Fall. " Der Labour Leader", das Organ der Unabhängigen Arbeiterpartei, hat der Konferenz zwei Artikel gewidmet. Der eine davon würdigt lobend die Arbeiten und Leistungen der Liga, der andere beschäftigt sich mit der Frage der Mutterschaftsfürsorge. Der„ Labour Leader" stellt sich in ihr auf den Standpunkt der Genossinnen Bruce Glasier und Mac Donald und wendet sich ziemlich scharf gegen einen Brief des Genossen H. G. Wells, der die gesellschaftliche Mutterschaftsfürsorge als eine sozialistische For derung angesprochen hatte. Was auf der Konferenz und im Organ der Unabhängigen Arbeiterpartei gegen den Mutterschutz durch die Gesellschaft gesagt worden ist, das wäre uns im Lager kleinbürgers licher, vor allem christlicher Reformer verständlicher gewesen als in dem von Sozialisten. J. B. Askew. " I. K. Eintreten der englischen Genoffinnen für die Arbeitslofen. Noch immer wütet in England die Krise und wirft Scharen von Arbeitern und Arbeiterinnen brotlos und obdachlos auf das Pflaster. Das schreiende Elend, das sich auf Schritt und Tritt zeigt, hat auch die Genossinnen beider sozialistischer Richtungen veranlaßt, für die Arbeitslosen einzutreten. Der Frauenklub der sozialdemokratischen Partei im Bezirk Poplar und die betreffenden Zweigorganisationen der Liga für Frauenarbeit entfendeten gemeinschaftlich im Interesse der Arbeitslosen eine Deputation an den Armenrat des genannten Stadtteils. Mac Kay forderte die Lokalbehörden, das Ministerium für Angelegenheiten der Lokalverwaltung und das Zentralkomitee zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf, sofort Maßregeln zu ergreifen, um durch Schaffung der nötigen Arbeitsgelegenheit der furchtbaren Not im Bezirk wirt, sam zu steuern. Genossin Holland frug die Armenpfleger:„ Was sollen wir Frauen anfangen, wenn unsere Männer arbeitslos sind, feine Nahrung für die Kleinen zu Hause ist, teine Feuerung und keine Hilfe für die Kinder, die hungrig zur Schule gehen müssen? Wenn wir nicht auf anständige Weise Nahrung bekommen, so bleibt nichts anderes übrig, als daß wir zu unguten Mitteln unsere Zus flucht nehmen müssen." Diese Worte wurden von den zahlreichen Arbeitern, die auf den Galerien den Verhandlungen folgten, mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Genossin Holland fügte noch hinzu: " Ich gehe nicht in das Arbeitshaus. Lieber möchte ich meine Kinder unter der Erde sehen, als daß ich mich von ihnen trennte. Die den Arbeitslosen das zumuten, sollten einmal selbst probieren, wie es im Arbeitshaus ist." Die Genossen, welche dem Armenrat an gehören, beleuchteten noch scharf den durch die Arbeitslosigkeit geschaffenen Notstand. So kam es zu dem Beschluß, das Ministerium um die Befugnisse zu ersuchen, die Notleidenden ausgiebiger unterstüßen zu können. Eine Demonstration arbeitsloser Frauen, die von der Liga für Frauenarbeit veranstaltet worden war, fand in London unter dem Vorsitz von Genossin Ramsay Mac Donald statt, welche der Unabhängigen Arbeiterpartei angehört. Das Versamm lungslokal war dicht mit Frauen besezt, von denen viele ihre Kinder mitgebracht hatten. Es sprachen die Genoffinnen Bondfield, Macarthur, Moore und andere noch, darunter Crooks, Ar beitervertreter im Parlament. Einstimmig wurde schließlich eine Resolution angenommen, welche die unzulänglichen Maßnahmen der liberalen Regierung zur Unterstügung arbeitsloser Frauen scharf verurteilte und eine Vermehrung wie eine bessere Ausgestaltung der Londoner Werkstätten für weibliche Arbeitslose forderte, ebenso die Errichtung landwirtschaftlicher Kolonien für Frauen. Die Resolution betonte außerdem, daß den Frauen nicht bloß vorüber, gehend, sondern dauernd durch entsprechende Beschäftigung ges holfen werden müsse. J. B. Astem. Zur Beachtung! Leider konnten wir aus Mangel an Raum die in den Protest. versammlungen gegen den Stillstand der Arbeiterschutzgesetzgebung und für eine einheitliche Arbeiterversicherung angenommene Reso lution über die Invalidenversicherung nicht veröffentlichen. Sie wird in nächster Nummer erscheinen. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Boft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.