Nr. 13 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poſt vierteljährlich obne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 mark. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 29. März 1909 Etwas von der Verelendungstheorie. Von M. C. Der Weg der kapitalistischen Wirtschaft. Von W.D.- Frauen- und Kinderarbeit in Sachsen. II. Von H. F. Die Jugendbibliotheken. Von Gustav Hennig. Konfessionelle Arbeiterinnenorganisationen. Von der österreichischen Arbeiterinnenbewegung. Von a. p. Aus der Bewegung: Von der Agitation. person der Genosfinnen von Mombach. Bestimmungen betreffend den Kinderschutz. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Jahresbericht der VertrauensDie wichtigsten gesetzlichen Politische Rundschau. Von Vom Kampfplatz der Textilarbeiter im Eulengebirge. Von ed. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Frauenstimmrecht. Weibliche Fabrik inspektoren. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Die Frau in öffentlichen Amtern. Frauenbildung. Etwas von der Verelendungstheorie. Einer der Haupteinwände, den unsere Gegner wider die wissenschaftlichen Grundlagen des Sozialismus erheben, ist der folgende. Sie sagen, daß der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Mary, behauptet habe, die fortschreis tende kapitalistische Wirtschaftsweise ließe den Arbeiter in immer tieferes Elend versinken. Trium phierend weisen unsere Widersacher darauf hin, daß dies gar nicht wahr sei, da die Lage der Arbeiter sich in den letzten Jahrzehnten gehoben habe: ihr Einkommen sei gestiegen, wie ihre Bildung; sie seien gesünder geworden und lebten in besseren Wohnungen und was dergleichen Dinge mehr sind. Damit sei, so erklärten sie weiter, ein Hauptgrund in Fortfall ge kommen, der zur unbedingten Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise führen solle. Sehen wir einmal zu, ob die Beweise der Gegner richtig sind, oder ob diese- entweder in böser Absicht oder aber auch, weil sie die Sache nicht richtig verstehen die Angelegenheit auf ein ganz falsches Gebiet zu führen suchen, um auf diese Weise das Proletariat zu täuschen. Wir wollen von vornherein zugeben, daß sich die Lage der Arbeiter im großen und ganzen etwas gebessert hat. Das ist aber nicht geschehen, wie unsere Gegner so gern daherreden, durch die Fürsorge des Staates, der Gemeinden und der Unternehmer, sondern nur deshalb, weil die Arbeiterschaft sich in sehr großer Zahl gewerkschaftlich organisiert und auf politischem Gebiet sich als sozialdemokratische Partei zusammengeschlossen hat. Schritt für Schritt bringt das organisierte Proletariat vor, um die kleinsten Verbesse rungen durchzusetzen, und wenn nicht die kämpfenden Arbeiterscharen wären, so würde es dem Staate, der Gemeinde und den Unternehmern gar nicht einfallen, etwas für die Arbeiter zu tun. Alle Verbesserungen also müssen erst durch die Macht der Organisationen erzwungen werden. Außerdem sind sie jedoch nicht einmal groß: das scheint nur so. Was nuzt zum Beispiel Arbeitern und Arbeiterinnen der höhere Geldlohn, den sie erhalten, wenn sie für alle Lebensbedürfnisse mehr ausgeben müssen als früher. Mögen sie Fleisch, Brot, Gemüse, Obst, Milch, Kohlen, Petroleum, Kleider Buschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. und sonst etwas kaufen oder sich eine Wohnung mieten: für alles müssen sie mehr Geld ausgeben; sie können sich da. her auch im günstigsten Falle nur wenig mehr leisten als früher, trozdem ihr Einkommen gestiegen ist. Wie sehr das zutrifft, kann jede Arbeiterin und jede Arbeiterfrau in den jetzigen teuren Zeiten am eigenen Leibe spüren. Aber wenn sich der Wohlstand der Massen auch nur so wenig gehoben hätte, wie wir es vorhin zugestanden haben: Karl Marx würde mit seiner sogenannten Verelendungstheorie unrecht haben, wenn sie von ihm so aufgestellt worden wäre, wie unsere Gegner sie auslegen. Es ist Mary gar nicht eingefallen, zu schreiben, daß das Elend der Arbeiter absolut stiege.( Absolut steigen heißt für sich allein betrachtet steigen, es will in unserem Falle besagen, daß die Summe des Elends beispielsweise im Jahre 1880 größer sein müßte als 1870; 1890 wieder größer als 1880; 1900 ebenfalls wieder größer als 1890; 1910 müßte ste die des Jahres 1900 übertreffen usw. Alle zehn Jahre oder auch nach einem beliebigen bestimmten Zeitraum müßte die Menge des Elends für den Proletarier sichtbar größer geworden sein und immer weiter steigen.) Der Satz von Mary, um den es sich handelt, spricht etwas ganz anderes aus, näm lich: daß dem Kapitalismus die Tendenz innewohne, das heißt daß er das Bestreben habe, daß er sich in der Richtung bewege, das Elend größer zu machen. Daß Marx seine Worte in diesem Sinne gemeint hat, sieht jeder bei geringem Nachdenken ein. Die betreffende Stelle aus dem„ Kapital", dem großen Lebenswerk von Karl Marx, lautet wörtlich:„ Es wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber," so fährt Marx dann weiter fort, auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiter." Der zweite Teil des Sages wäre sinnlos( und Marr hat nie Sinnloses geschrieben), wenn er nicht zum Ausdruck bringen sollte, daß eben durch die Empörung der organisierten Arbeiter, dem Bestreben des Kapitalismus, den Prole. tarier zu verelenden, entgegengewirkt werde. Da Mary weiterhin( auf derselben und der folgenden Seite) schreibt, daß die kapitalistische Hülle des Produktionsprozesses von den organisierten Proletariern gesprengt" werde, so ist es sicher, daß er von dieser Gegenwirkung gegen das Elend auch Erfolg erwartete. Denn: wer nachher das Ganze sprengen soll, muß vorher imstande sein, das Elend zu vermindern, in das ihn zu treiben der Rapitalismus die Tendenz hat. Es gibt aber noch eine andere Stelle aus Mary' Werken, aus der unwiderleglich hervorgeht, wie die„ Verelendung" ges meint war. In seiner kleinen Schrift Lohnarbeit und Kapital"( die wir sehr zum Studium empfehlen) sagt Mary über die Lage der Arbeiter, wenn ihr Lohn wächst: 15. Auflage, Band I, S. 728. " 194 Die Gleichheit Nr. 13, „Ein Haus mag klein sein; solange die es umgebenden Häuser ebenfalls klein sind, befriedigt es alle gesellschaftlichen Ansprüche an eine Wohnung. Erhebt sich aber neben dem kleinen Hause ein Palast, so schrumpft das kleine Haus zur Hütte zusammen. Das kleine Haus beiveist nun, daß sein Inhaber keine oder nur die geringsten Ansprüche zu machen hat. Und es mag im Laufe der Zivilisation noch so sehr in die Höhe schießen, wenn der benachbarte Palast in gleichem oder gar höherem Maße in die Höhe schießt, wird der Bewohner des verhältnismäßig kleinen Hauses sich immer unbehaglicher, unbefriedigter, ge- drückter in seinen vier Pfählen finden.� Und weiter heißt es: „Obgleich also die Genüsse des Arbeiters gestiegen sind,' ist die gesellschaftliche Befriedigung, diesie gewähren, gefallen im Ver- gleich mit den vermehrten Genüssen des Kapitalisten.' Unsere Bedürfnisse und Genüsse entspringen aus der Ge- sellschaft, wir messen sie daher an der Gesellschaft, wir messen sie nicht an den Gegenständen ihrer Befriedi- gung. Weil sie gesellschaftlicher Natur sind, sind sie rela- tiver' Natur." Das heißt mit anderen Worten: Wenn man das Viel oder Wenig dessen, was bestimmte Menschen sich leisten können, bc- urteilen will, so muß man es messen an den gesamten Lebensgewohnheiten und Bedürfnissen der Zeit, in der diese bestimmten Menschen leben. Ob also die Gesamtlage der Arbeiter sich verbessert oder verschlechtert, kann nur da- durch festgestellt werden, daß man untersucht, in welchem Umfang die Lage der Besitzenden sich gehoben oder gesenkt hat, das heißt man muß die beiden Lagen miteinander vergleichen. Diese Betrachtungsweise nennt man(im Gegensatz zur absoluten) die relative, und sie ist die einzige, die wissenschaftlichen Wert besitzt. Wenn wir diese Betrachtungsweise anwenden, so ergibt sich, daß der Wohlstand des Besitzenden in viel höherem Maße zunimmt als der des Proletariers, dieser also im Vergleich mit dem Kapitalisten nicht in die Höhe kommt. Jahr für Jahr bestätigt die Steuerstatistik diese Tatsache, und etwas anderes hat auch Marx weder gesagt, noch sagen wollen. Wir sehen also: Das, was unser Altmeister als ein dem Kapitalis- mus innewohnendes Gesetz erkannt hat, ist richtig: die Lage der Arbeiter verschlechtert sich andauernd im Vergleich zu der Lage der Kapitalisten, weil deren Einkommen in schnelle- rem Tempo, in größerem Maße wächst als das der Prole- tarier, es findet also eine relative Verelendung statt. Das läßt sich mit keiner Kunst fortdisputieren: es bleibt dabei. Aber nicht ewig wird es dabei bteiben. Wenn erst der Mahn- ruf desselben Karl Marx:„Arbeiter aller Länder ver- einigt euch!" zur Wirklichkeit gewordm ist, dann werden auch die Fesseln des Proletariats fallen. An die Stelle der Aus- beutung des Menschen durch den Menschen tritt die Gemein- samkeit, die Solidarität aller, die zu ungeahntem Wohlstand, zu hoher Kultur für alle führen wird. Das ist das Ziel des organisierten, klassenbewußt kämpfenden Proletariats, und dieses Ziel wird es erreichen! iL C. Der Weg der kapitalistischen Wirtschaft. Allen Marx-„Vernichtenl" und„-Korrektoren" zum Trotz geht die wirtschaftliche Entivicklung ihren durch die Gesetze des Kapitalismus vorgezeichneten Weg. Sie zwingt ein immer größeres Heer Proletarier in den kapitalistischen Frondienst, zerreißt die heilig gepriesenen Familienbande, macht schnell wachsende Scharen von Kindern und Frauen zu Lohnsklaven, vermindert den Anteil der Selbständigen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen und läßt auf der anderen Seite das aus- beutende Kapital in immer weniger Händen sich zusammen- ' Weil sein Lohn gestiegen ist. ' Dessen Einnahmen noch viel mehr gestiegen sind. ' Relativ= verhältnismäßig, im Vergleich mit anderem; das Gegen- teil von absolut. ballen, läßt industrielle Riesenbetriebe erstehen, die ihre Polypen- arme über die ganze Welt ausstrecken. Besonders in Preußen, der Domäne politischer Herrschaft der Junker, hat die industrielle Konzentration und ihr Gegen- stück, die Proletarisierung, im letzten Jahrzwölft gewaltige Fort- schritte gemacht. Den zahlenmäßigen Nachweis dafür bieten die Ergebnisse der Betriebszählung vom 12. Juni 1907, die in ihren Hauptresultaten nun vorliegen. Die charakteristischen, scharf hervortretenden Merkmale sind diese: Eine weit über die Bevölkerungszunahme hinausgehende Erweiterung des Kreises der Erwerbstätigen; ein Zuströmen weiblicher Arbeitskräfte zur Er- werbsarbeit, das diesen Steigerungsgrad wieder- um weit überflügelt; eine Verminderung der von der Landwirtschaft lebenden Bevölkerung und eine Zunahme der nichtlandwirtschaftlichen Volksschichten; schließlich ein relativer, teilweise sogar ein absoluter Rück- gang der Selbständigen. Wir machen darüber die folgenden Angaben, wobei die Er- gebnisse der letzten Zählung mit denen aus dem Jahre 1895 in Vergleich gesetzt sind. In dem Zeitraum von zwölf Jahren stieg die Einwohnerzahl Preußens von 31490315 auf 37989393 oder um ÄO'/» Prozent. Der Kreis der Erwerbstätigen im Hauptberuf erweiterte sich von rund 12 Millionen auf rund 10 Millionen Personen; das macht 33'/« Prozent aus. Be- rücksichtigt man nur die gewerblich Tätigen, so ergibt sich eine prozentuale Steigerung von 43'/. Prozent. Demnach entfällt der größere Teil des Zuwachses auf die hauptberuflich Er- werbstätigen in gewerblichen Unternehmen. Die Zahl der „Dienenden für den häuslichen Dienst", wie es in der amt- lichen Statistik heißt, hat eine Verminderung von 835100 auf 812147 erfahren. Zugenommen hat die Zahl der berufslosen Selbständigen, und zwar von 1221598 aus 2067044. Das Mehr stellen zum größten Teile Invaliden- und Altcrsrentner. Eine soziale Bedeutung hat demnach die hier eingetretene quan- titative Verschiebung nicht. Etwas anderes ist es mit der Veränderung in dem Stärkeverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Berufstätigen. Der Zuwachs der männlichen Bevölkerung macht 21,4 Pro- zent aus; die weibliche Einwohnerschaft vermehrte sich um nur 19,9 Prozent. Trotzdem ist die weibliche Arbeitskraft an der Zunahme der Erwerbstätigen prozentual erheblich stärker be- teiligt als die männliche. 1895 waren von je 100 der männ- lichen Bevölkerung 59,63 hauptberuflich erwerbstätig, 1907 war dieser Anteil auf 60,06 gestiegen; für die weibliche Bevölkerung jedoch ergibt sich eine Anteilssteigerung von 17,45 auf 24,44 oder in absoluten Zahlen von 2'/i Millionen auf 4'/» Millionen der hauptberuflich Erwerbstätigen. Von der Gesamtzunahme der hauptberuflich Erwerbstätigen, die rund 4 Millionen ausmacht, entfallen mithin 4,9 Millionen auf das weibliche Geschlecht. Untersucht man, wie sich die unselbständigen berufstätigen Frauen auf die verschiedenen Erwerbsgruppcn verteilen, und in welchem Verhältnis sie in diesen vertreten sind, so ergeben sich folgende Resultate: In der Landwirtschaft stieg die Zahl der Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten von 1280672 auf 2555525, gleichzeitig sank hier die Zahl der männlichen Arbeitskräfte von 2096084 auf 1963726; in Industrie und Gewerbe ging die Zahl der weiblichen unselbständigen Arbeits- kräfte von 489787 auf 734899 in die Höhe, die der männ- lichen erfuhr eine Steigerung von 3133954 auf 4767462; in Handel und Verkehr nahmen die weiblichen Unselbständigen von 205413 auf 377333 zu, die männlichen von 665955 auf 1038325; für die in wechselnder Lohnarbeit beschäftigten Frauen und Mädchen wurde eine Vermehrung von 148377 auf 5J99398 verzeichnet, während die in Frage kommenden Männer ein Sinken ihrer Zahl von 155753 auf 112330 zu buchen hatten. Prozentual nahm in diesen Gruppen die Zahl der Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten um 8t Prozent zu, während die der männlichen Beschäftigten eine Vermehrung von nur 31 Prozent erfuhr. Nr. 13 Die Gleichheit Unzweifelhaft ist mit dieser gewaltigen Steigerung des Anteils, den die Frauen am Erwerbsleben nehmen, die weibliche Arbeitskraft ein für den Arbeitsmarkt und die Gütererzeugung, damit aber auch für die Arbeiterbewegung, bedeutungsvoller Faktor geworden. Dieser Faktor kann nicht leicht überschätzt werden, erfährt aber vielfach noch zu geringe Würdigung. An gesichts der vorliegenden Zahlen, dieser Schrittmesser der wirtschaftlichen Entwicklung und sozialen Umwälzung, angesichts der sich in ihnen offenbarenden kapitalistischen Gier nach weiblicher Arbeitskraft, muß endlich die Gewohnheitsphrase der Spießer: die Frau gehört ins Haus! verstummen. Sie wird sonst zur bewußten Heuchelei, die den Zweck hat, der Frau ihr volles Recht in der Familie wie im Staatsleben auch weiter hin vorzuenthalten. Das andere hervorstechende Merkmal, das den Gang der wirtschaftlichen Entwicklung fennzeichnet, ist die Verschiebung zwischen Landwirtschaft einerseits, Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr andererseits. Obwohl die Landwirtschaft ihr Tätigteitsgebiet vielfach durch Angliederung eigentlich gewerblicher Betriebe- zum Beispiel Brennereien, Zuckerfabriken usw. erweitert hat, ist ihr Anteil an dem Zuwachs der Erwerbs tätigen absolut und relativ hinter dem der übrigen Gruppen zurückgeblieben. Während die Zahl der Erwerbstätigen überhaupt Erwerbstätige im Hauptberuf, Beamte, Angehörige der freien Berufe, Rentner usw.- von 13242 253 auf 18038389, also um 4796136 oder um 34% Prozent stieg, erwuchs der Landwirtschaft eine Erweiterung ihres Personenkreises von 4782255 auf nur 5876841; das ist eine Zunahme von 1094586 Personen, gleich 23 Prozent. Der Rückgang der landwirtschaft lichen Bevölkerung erscheint noch deutlicher, wenn man die Berufszählung von 1882 zum Vergleich heranzieht. Auf die Gruppe „ Landwirtschaft" entfallen nämlich von je 100 der Bevölkerung nach der Zählung von 1882 49,55, nach der Zählung von 1895 nur noch 41,89 und nach der von 1907 nur noch 33,83. Seit 1882 ist demnach der Anteil der landwirtschaftlichen Be völkerung an der Gesamteinwohnerzahl von der Hälfte auf rund ein Drittel zurückgegangen, während der Anteil der anderen Erwerbsgruppen von 50 Prozent auf über 66 Prozent hinauf ging. Aber dank der Jämmerlichkeit des Bürgertums und seinem Haß gegen das aufsteigende Proletariat regiert in Preußen nicht nur immer noch das Junkertum, sondern dessen politische Macht, die es wirtschaftlich ausgezeichnet auszunuzen versteht, ist sogar noch gewachsen und liegt wie ein drückender Alp auf dem gesamten Leben Preußen- Deutschlands. Die bisher umrissenen Entwicklungsergebnisse besagen noch nichts über die eingangs betonte industrielle Konzentration. Die Resultate der Betriebszählung tönnten sogar zu dem Urteil verführen- und das haben sie bei Mary- Korrektoren ja auch getan, die Konzentration vollziehe sich nur im Schneckentempo, die Klein- und Mittelbetriebe behaupteten sich gegen die Großindustrie mit erstaunlicher Zähigkeit. Man las bereits solche Betrachtungen. Zu ihrer Begründung wurde bemerkt: Die Gruppe der Betriebe mit 2 bis 10 Personen habe sich stärker vermehrt als die Gesamtbevölkerung. Dieser schlagende Beweis" beweist gar nichts. Nach den jetzt vorliegenden Ausweisen über die Zahl der Selbständigen ist die konstatierte Tatsache lediglich ein Beleg für eine starke Konzentrationsbewegung. Trotz Zunahme der Betriebe die gewerblichen Betriebe nahmen zu von 1990 250 auf 2201 366, also um 211116 oder um 10,6 Prozent. ist die Zahl der Selbständigen in der Landwirtschaft und in der Industrie absolut gesunken! Die landwirtschaftlichen Betriebe haben wohl um 92018 zugenommen, aber die Zahl der Selbständigen in der Landwirtschaft ist von 1209 325 auf 1184789 oder um 34 416, gleich 2 Prozent, gesunken. Die neuen Betriebe sind nur Nebenbetriebe großer landwirtschaft licher Unternehmungen. So sieht man auch in der Landwirtschaft die Entwicklung zum Großbetrieb, das Verschwinden der fleinen Wirtschaften sich vollziehen. Diese Bewegung wird noch schärfer beleuchtet durch eine Untersuchung der tatsächlichen Besitzverhältnisse. Die landwirtschaftlichen Klein- und Mittelbetriebe sind viel mehr verschuldet als der Großgrundbesitz; 195 trotz der formellen Selbständigkeit sind Klein- und Mittellandwirte vielfach de facto nur Bächter oder Hypothekensklaven. Die gezeigte Entwicklung ist begünstigt worden durch unsere Schutzoll, Bucker, Branntweinliebesgaben- und Grenzsperrenpolitik usw., die den Bodenpreis und die Landpacht zugunsten der Großgrundbefizer in die Höhe schnellen ließen. Der kleine Landwirt, der nicht viel über den eigenen Bedarf hinaus produziert, teilweise noch zukaufen muß, hat die Mehrbelastung voll zu tragen, der Zollsegen kommt ihm jedoch nur minimal zugute. Auch für die Gruppe Industrie und Gewerbe" ergibt sich eine Abnahme der Selbständigen, und zwar von 1127114 auf 1086050. Das ist ein Rückgang um 40064, gleich 3½ Prozent, dem eine Vermehrung der Angestellten, Arbeiter usw. von 3628741 auf 5476 893, also um 1848 152 Personen, gleich 51 Prozent, gegenübersteht. Absolut um 106 921, von 483 372 auf 590 293, hat die Zahl der Selbständigen in der Gruppe Handel und Verkehr" zugenommen. Der Zuwachs geht prozentual noch etwas über die der Bevölkerung hinaus, ist aber doch nicht so stark wie die Vermehrung der Erwerbstätigen in dieser Gruppe, die 1355740 resp. 2056 173 Personen umfaßt, mithin 52 Prozent ausmacht. Wenn aber schon in der Landwirtschaft und in der Industrie die Selbständigen in der Statistik nicht als eine soziale Gruppe angesprochen werden können, da vielfach die Selbständigkeit mehr oder minder nur formeller Natur ist, um so weniger ist das der Fall in bezug auf die sogenannten Selbständigen in Handel und Verkehr". Hier rangieren als Angehörige der gleichen sozialen Gruppe: der Inhaber einer Filiale eines Weltunternehmens, der monatlich nach der Höhe des Umsatzes mit dem einzigen Warenlieferanten abzurechnen hat und jeden Tag durch einen anderen Selbständigen" ersetzt werden kann, der nominelle Besitzer eines Restaurants, der in Wirklichkeit nur Pächter ist; die Frau des Arbeiters, die selbständig" einen Grünkramladen unterhält, und andere Selbständige ähnlicher Art zusammen mit dem Großkaufmann, der Schiffsladungen umsetzt, und mit der Weltfirma, die Hunderte von Filialen besitzt. Wenn unter Berücksichtigung dieses Tatbestandes die nötige Korrektur vorgenommen wird, dürfte die Zunahme der Selbständigen auch in dieser Gruppe sich mindestens in einen relativen Rückgang verwandeln. Das hat die Betriebszählung jedenfalls schon zweifelsfrei bewiesen: in den produzierenden Gewerben, in Landwirtschaft und Industrie hat bei starker Zunahme der Betriebe, bei enormer Steigerung der beschäftigten Arbeitskräfte, die Zahl der Selbständigen abgenommen. Das ist der Triumphzug des Kapitalismus, des Vorläufers des nachstürmenden Sozialismus, dessen Sieg jener vorbereitet. W. D. Frauen- und Kinderarbeit in Sachsen. II. Sogar jeder bürgerliche Sozialpolitiker, der für halbwegs einsichtsvoll und arbeiterfreundlich gelten will, anerkennt heute, daß die Länge, oder besser gesagt die Kürze der täglichen Arbeitszeit von höchster Wichtigkeit für das leibliche und geistige Leben der Arbeiterinnen ist. Die Arbeiterinnen bedürfen feines langen Nachweises dafür. Sie fühlen ja die Schädlichfeit langer Arbeitsfron an ihrem eigenen Leibe, sie spüren sie, wenn sie müde und matt abends dem Heime zueilen, wenn ihre Gesundheit und Lebenskraft vorzeitig zusammenbricht. Sie sehen sie aber auch in Gestalt eines vernachlässigten Hauswesens, in Gestalt von Kindern, denen sie die nötige Pflege und Erziehung vorenthalten müssen, weil der Zwang zu verdienen sie lange Stunden der Familie fernhält. Schließlich empfinden viele erwerbstätige Frauen, und gerade die geistig regsamsten es nicht minder bitter, daß eine lange tägliche Arbeitszeit ihnen die Möglichkeit der Selbstbildung, der Betätigung am gewerkschaftlichen und politischen Leben erschwert und beschränkt. Die Strenge, mit der die Behörden 196 Die Gleichheit für die Durchführung des gesetzlich festgelegten Arbeitstags der Arbeiterinnen eintreten, ist daher ein guter Maßstab für ihr soziales Verständnis. Ihr Eifer, das Unternehmertum an einer Überschreitung des Marimalarbeitstags zu hindern, müßte um so größer sein, als dieser selbst mit den zurzeit noch geltenden 11 Stunden den Interessen der Ausbeuter und nicht der ausgebeuteten Frauen angepaßt ist. Was sagen uns nun zu dieser wichtigen Frage die Berichte der sächsischen Fabrifinspektion für 1907? Außerst bezeichnend sind da die Angaben über die über arbeit, die für erwachsene Arbeiterinnen bewilligt worden ist. In 746 Betrieben leifteten 71517 Arbeiterinnen an 10645 Tagen 706027 Überstunden. Nur in ganzen 15 Fällen wurden Anträge von Unternehmern zur Genehmigung von Überarbeit abgelehnt! Die umfangreiche Bewilligung von Überzeitarbeit scheint uns um so weniger angebracht, als die Herren Unternehmer trotz aller Rücksichtnahme, die sie erfahren, nach wie vor Neigung zeigen, die gesetzlichen Vorschriften zur Regelung der Arbeitszeit zu überschreiten. So stellt zum Beispiel der Chemnitzer Bes amte fest:" In einer Ziegelei, in der die Arbeiterinnen in zwei Abteilungen, die eine am Vor, die andere am Nachmittag tätig waren, mußte der Beginn der Arbeit vor 5% Uhr früh verboten werden." mocht d Bekanntlich haben sich die organisierten Textilindustriellen besonders rabiat dagegen gewehrt, daß von 1910 an der gesetz liche Zehnstundentag für die Arbeiterinnen in Kraft treten soll. Und das, obgleich auch ein großer Teil der Textilfabriken bereits fürzere Arbeitszeit als den gesetzlich geltenden Elfſtunden tag hat. Die Herren Textilbarone wollten sich das Recht wahren, ,, ihre" Arbeiterinnen nach Profit und Willkür 11 Stunden und darüber hinaus beschäftigen zu dürfen. Auch in der sächsischen Textilindustrie zeigte sich die Tendenz zu kürzerer Arbeitszeit. Das stellt der Bericht über die einschlägigen Verhältnisse in der Bauzener Gegend fest und sagt:„ Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß sich die Einführung des zehnstündigen Arbeits tags ohne Eingreifen des Gesetzgebers nach und nach wenigstens dort von selbst vollziehen wird, wo eine Verminderung der Erzeugnismenge durch die wirksamere Arbeitsleistung der einzelnen Person vermieden werden kann. Die Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit auf eine Dauer von 10 Stunden ist immer mehr üblich geworden. In verschiedenen Anlagen wird jetzt sogar nur noch 9 Stunden täglich gearbeitet." Man erinnere sich daran, daß die Crimmitschauer Textilarbeiter um eine halbstündige Verkürzung der Arbeitszeit von 11 auf 10% Stunden den heftigsten Kampf erfolglos führten. Das dortige Unternehmertum hätte das bestätigen aufs neue die berichteten Tatsachen- schon damals nachgeben und sich mit den Arbeitern verständigen können, aber es wollte nicht. Der bekannte„ gefeßliebende" Sinn des Unternehmertums wird durch die folgenden Mitteilungen der Berichte illustriert. Verstöße gegen die Gesetze und Verordnungen zum Schuße der erwachsenen Arbeiterinnen wurden 1907 in 1181 Betrieben fests gestellt, und nur 27 Personen wurden deswegen bestraft! In bezug auf die jugendlichen Arbeiter werden aus 2961 Betrieben Verstöße und 40 Bestrafungen berichtet. Wenn die Unternehmer eine derart nachsichtige Behandlung erfahren, so darf man sich über die sehr zahlreichen übertretungen der Arbeiterschutzgesetze nicht wundern. Die fast absolute Straflosigkeit reizt förmlich an, die Vorschriften zu mißachten, die die Ausbeutungsgier ein wenig zügeln sollen. Bei der Würdigung der vorliegenden Ziffern vergesse man das eine nicht: Die geringe Zahl der Gewerbeaufsichtsbeamten und daher der Revisionen entzieht von vornherein viele Gesezesübertretungen der Feststellung. Nach und nach scheinen sich die Unternehmer in das Un vermeidliche zu fügen und auch die Aufsichtsbeamtinnen zu respektieren, von deren Tätigkeit sie früher nichts wissen wollten. Von Bauzen wird berichtet:„ Das Verhalten der Arbeitgeber gegenüber der Beamtin ist allmählich ein entgegenkommenderes geworden. Die Betriebsleiter laffen jetzt in der Regel die Bes amtin allein durch die Arbeitsräume gehen und mit den Nr. 13 Arbeiterinnen sprechen. Diese zeigen sich wesentlich mitteilsamer als früher und bringen die verschiedensten Anliegen zur Sprache, häufig bitten sie auch um die Vermittlung einer Lohnerhöhung." Daß die Beamtinnen auch das Vertrauen der Arbeiterinnen gewinnen, ist zu begrüßen. Nicht ganz gewöhnlich ist die Art und Weise, wie manche Unternehmer sich die Arbeiterinnen als willige und zufriedene Ausbeutungsobjekte zu erhalten suchen. Aus dem Leipziger Bezirk wird in den Berichten gemeldet:„ Eine größere Kammgarnspinnerei stellte im Oktober 1906 eine Fabrikpflegerin ein. Diese Fabrikpflegerin führt die Aufsicht über die jugendlichen und minderjährigen Arbeiterinnen und steht jeder Arbeiterin auf Wunsch mit Rat bei. Während der Arbeitszeit ist sie ständig anwesend und begeht die Arbeitsräume oder hält sich bei Eintritt der Ruhepausen im Aufenthaltsraum der jugendlichen Mädchen auf. Auf letztere wirkt sie durch Unterhaltung, Pflege des Gesanges, Verleihung geeigneter Druckschriften usw. belehrend und erbauend ein. Die erwachsenen Arbeiterinnen läßt sie dagegen an sich herankommen, erteilt ihnen gewünschten Rat und Beistand in allen persönlichen Angelegenheiten, zu welchem Zwecke sie auch die Betreffenden in der Wohnung aufsucht. Die Fabrifleitung hat den von der Pflegerin angeregten Nähabenden zugestimmt und eine Handarbeitslehrerin angestellt, die unter reger Beteiligung der Arbeiterinnen an zwei Tagen der Woche unterrichtet." Es müßte sehr wundernehmen, wenn solche Wohlfahrtseinrichtungen" nicht den angedeuteten Zweck verfolgten. Bei den Arbeiterinnen ist ihnen gegenüber jedenfalls Vorsicht sehr am Platze. Eine gute gewerkschaftliche Organisation nüht ihnen sicher viel mehr als derartige Bemutterung. " Bu demselben Kapitel gehören die Arbeiterwohnungen, die von Unternehmern errichtet werden. Was darüber in den Berichten gesagt wird, ist widerspruchsvoll. An der einen Stelle lesen wir:„ Die Wohnungen in den Arbeiterwohnhäusern sind gewöhnlich billiger oder doch wenigstens besser als die am Orte." Zu diesem Lobe scheinen uns jedoch folgende Angaben schlecht zu stimmen:„ Von den 1289 Familienwohnungen enthielten, einschließlich der Kammern und ausschließlich der Küche, 70 nur einen Raum, 580 je zwei, 505 je drei, 92 je vier und 42 je fünf Räume." Familienwohnungen, die aus einem Zimmer oder zwei Räumen bestehen, sind feinesfalls ideal. Das schlimmste aber sind die Mietverträge, die vielfach zeigen, daß die Unternehmer auch sehr gut den Hauspascha herausstecken können. Befannt ist außerdem, daß die Herren durch die Wohnung die Arbeiter an den Betrieb zu fesseln suchen. Ein Bericht sagt darüber:„ Die Miete wird an jedem Lohntag vom Lohne abgezogen. Verläßt der Mieter seine Stellung, so hat er in der Regel auch gleichzeitig die Wohnung zu räumen; wird aber einem Arbeiter von der Betriebsleitung die Arbeit gekündigt, so faun er in den meisten Fällen so lange in der Wohnung bleiben, bis er eine neue gefunden hat." Die Fabrikwohnung erweist sich wie andere Wohlfahrtseinrichtungen" auch als eine Rette, welche den Arbeiter hindern soll, nach besseren Arbeitsbedingungen zu streben, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Die Jugendbibliotheken. H. F. Unter den vielen Mitteln, die wir besitzen, um auf die Jugend im Sinne unserer Weltanschauung einwirken zu können, ist eines der wichtigsten die Jugendbibliothek. Das große Lesebedürfnis der Jugend, der gewaltige Stoffhunger nach allerhand Neuem und Wissenswertem wurde bisher und wird zum übergroßen Teil noch heute gespeist durch die Schulbibliotheken. In fleinen Orten ist es wohl auch der Pfarrer, der eine Bibliothek hat und sie den Kindern zur Verfügung stellt. Diese Büchereien sind nun aber nichts weniger als gut in unserem Sinne, sie enthalten eine Unmenge literarisch wertloses Zeug, ferner all den hurrapatriotischen, geschichtsfälschenden und frömmelnden Quark, der auf die Jugend geradezu ver Nr. 13 Die Gleichheit 197 wüstend wirkt. Gibt es doch namhafte Schulmänner, die durch- aus keinen Anstand nehmen, die Bücher des Herrn Karl May in die Schulbibliotheken aufzunehmen. Es ist eine ganz wich- tige Aufgabe für jede unserer Bibliotheken, sich eine besondere, gut eingerichtete Abteilung für Jugendliteratur anzugliedern. Das Interesse der Jugend dafür wird überall leicht zu er- wecken sein. In der großen Arbeitcrbibliothek des Sozialdemokratischen Ortsvereins Leipzig-Plagwitz-Lindenau-Schleußig wurden sehr interessante Erfahrungen mit der Abteilung für Jugendliteratur gemacht. Im Jahre 1902 wurden auf Anregung des Ver« fassers eine kleine Anzahl Jugendbücher in die Bibliothek ein- gestellt, und zwar nach und nach 19 Bände. Die Kinder waren bald so eifrig im Lesen, daß sehr rasch die Jugendbücherei ver- größert werden mußte. Es wurde der Bücherbestand erhöht 1903 auf 80 Bünde 1906 auf 469 Bände 1904- 134- 1907- 714 1905- 271- 1908- 1003 Die Zahl der entliehenen Bände in der Abteilung Jugend- literatur betrug: 1902... 161 1906... 4278 1903... 433 1907... 7903 1904... 1671 1903... 10482 1905... 4332 Einen sehr interessanten Aufschluß über die Art der gc- lesenen Bücher geben folgende Aufstellungen: Uebersicht über die Benutzung der Jugendliteratur. Von der Jugeud meistgelesene Autoren. Da es für die Tauer zu Unzuträglichkeiten führte, die große Zahl der Kinder mit den Erwachsenen zusammen zu be- dienen, wurden die schulfreien Nachmittage Mittwoch und Sonnabend zur Ausgabe von Büchern au die ersteren einge- richtet. Dieser Dienst, der sehr viel Geduld erfordert, wird jetzt abwechselnd von acht Genossinnen versehen. Die Biblis- thekarinnen sind einig darüber, daß bei aller Mühe der Ver- kehr mit den Kindern sehr viel Freude biete, und daß mancherlei interesiante Beobachtungen zu machen seien. Die meistgelesenen Bücher in der Abteilung Jugendliteratur. Tie Kinder bekommen als Gratisgabe von der Bibliothek Lesezeichen, die auf einer Seite beachtenswerte Leseregeln ent- halten und auf der anderen in Form von Zehn Geboten einen Extrakt sozialethischer Forderungen geben. Sie lauten: Zehn Gebote für Kinder. 1. Gebot: Liebe deine Schulgefährten, die die Arbeitsgenossen deines Lebens sein werden. 2. Gebot: Liebe die Belehrung, die das Brot des Geistes ist; sei dankbar deinem Lehrer wie deinem Vater und deiner Mutter. 3. Gebot: Du sollst alle Tage heiligen durch eine gute und nützliche Tat, durch eine freundliche Handlung. 4. Gebot: Du sollst die guten Menschen ehren, alle Menschen achten, dich vor niemanden beugen. 5. Gebot: Du sollst keinen Menschen hassen, keinen beleidigen, dich nicht rächen; aber du sollst dein Recht vertreten und dem übermütigen widerstehen. 6. Gebot: Du sollst nicht feige sein. Sei ein Freund der Schwachen und liebe die Gerechtigkeit. 7. Gebot: Sei eingedenk, daß alle Güter der Erde von der Arbeit stammen; wer sie genießt, ohne zu arbeiten, der stiehlt dem Arbeitenden sein Brot. 8. Gebot: Beobachte und denke nach, um die Wahrheit zu er- kennen. Glaube nichts, was der Vernunft widerspricht, täusche weder dich selbst noch andere. 9. Gebot: Denke nicht, daß der das Vaterland liebt, der die anderen Völker haßt und verachtet oder am Kriege Gefallen findet, der ein Überrest der Barbarei ist. 10. Gebot: Wünsche vielmehr den Tag herbei, an dem alle Menschen als freie Bürger eines Vaterlandes in Frieden und Ge- rechtigkeit als Brüder leben werden. Sozialdemokratischer Verein für den 13. sächsischen Reichstagswahlkreis. Die Lcseregeln, welche auf der anderen Seite der Lesezeichen stehen, sind dem Katalog der Freien Öffentlichen Bibliothek zu Zwittau in Mähren entnommen. Sie geben Antwort auf die Frage: Wie soll mau lesen? und lauten: 1. Lies nur, wenn du darüber nicht deine Pflicht versäumst. Lies nicht zu lange, sonst ermüdest du deinen Geist, liest unauf- merksam und verstehst die Feinheiten des Buches nicht. 2. Lies nur gute Bücher, denn die Zeit, die du zum Lesen hast, ist kostbar; schlechte Bücher verderben den Geschmack und für- dern dich nicht, während du aus dem Lesen guter Bücher einen bleibenden Gewinn ziehst. 3. Lies nichts, was über dein Alter und deinen Verstand hinausgeht; nicht jeder Magen kann schwere Speise vertragen. Lies dich vielmehr allmählich zu schwerer verständ- lichen Büchern hinauf. 4. Lies solche Bücher, die dich besonders erhoben oder gefördert haben, immer noch einmal wieder; du wirst ihren Wert dann immer deutlicher erkennen und wirst bei jeder Wiederholung einen größeren Genuß haben. 198 Die Gleichheit 5. Lies auch nicht immer nur Romane, Erzählungen und Novellen, sondern auch Dichtungen; vor allen Dingen lerne unsere Klassiter tennen. Und weiter: lies auch Bücher wissenschaftlichen Inhaltes- die Geschichte des Menschengeschlechts und das Leben der Natur müssen für jedermann die unentbehrlichsten Grundsteine des Wissens sein. Vieles, was dich als Kind nicht interessiert hat, hat jetzt für dich das größte Interesse. 6. Lies stets aufmerksam und langsam nur so wirst du das Gold des Buches zutage fördern. Wiederhole nachher im Geiste den Inhalt des Gelesenen und durchdenke ihn; es kann sonst sein, als hättest du das Buch überhaupt nicht gelesen. 7. Halte die Bücher stets sauber und ordentlich. Bes nete die Finger nicht beim Umblättern; das ist eine zwecklose Angewohnheit. Vor allen Dingen gib die Bücher nicht Kranten in die Hände, die an ansteckenden Krants heiten( Scharlach, Masern, Diphtheritis, Typhus und anderem) leiden oder sich eben erst auf dem Wege der Besserung befinden; du könntest damit leicht zur Übertragung dieser Krankheiten beitragen. Sehr oft wurden diese Lesezeichen in die Schule mitgenommen. Da ist es zuweilen vorgekommen, daß Lehrer à la Flachsmann den Kindern ganz erbost die Zeichen zerrissen oder mindestens weggenommen haben! Die Bibliothekverwaltung gab den also Beraubten bereitwilligst neue, so daß die„ Rettung der Kinderseelen" dem eifrigen Lehrer doch daneben gelungen" war. Der große Andrang von Kindern zu der Bücherausgabe nötigte zu einer Einrichtung, die eine Abfertigung in der Reihenfolge ermöglichte, wie die Leser gekommen waren. Die Es wurde ein Kontroll- und Zählapparat angefertigt und in Betrieb gesetzt. Am Bücherabgabepult ist ein eiserner Winkel mit eingenietetem, aufrecht stehendem Stift angebracht. Darauf fizt ein Messingrohr, das oben und unten Gewinde hat, auf das eine kleine Messingscheibe aufgeschraubt ist. Auf diesem Rohre sind 100 Marken aufgereiht, die mit Nummern 1 bis 100 versehen sind. Jeder Leser entnimmt bei seinem Eintritt in den Warteraum dem Apparat eine solche Marke. Nummern werden dann aufgerufen, und nachdem der Leser neue Bücher in Empfang genommen hat, wird seine Marke auf einen gleichen Apparat beim Bücherempfangspult wieder aufgereiht. Sind dort in umgekehrter Reihenfolge die Marken sämtlich aufgesteckt, dann wird die kleine Messingscheibe auf das Rohr gedreht und dieses umgekehrt und auf den Stift am Abgabepult gesteckt. Von dort ist das leere Rohr nach dem Apparat am Bücherempfangspult zu bringen. " Durch diesen einfachen Apparat wird aller Streit um das frühere oder spätere Drankommen" vermieden, außerdem genügt am Schlusse der Expedition ein Blick nach der Schlußnummer, um die Zahl der Leser festzustellen. Die Benutzung des Lipparats ist dann auch den erwachsenen Lesern aufgegeben worden, und die Handhabung geht stets prompt und befriedigend vonstatten. Neben dem großen Wert, den eine Sammlung guter Jugendbücher, die von minderwertigem, frömmelndem und hurrapatriotischem Schund frei ist, für die Heranbildung einer freien Jugend hat, tritt noch ein anderer Vorteil in Erscheinung. Alle die Kinder, denen die Bibliothet eine liebges wordene Einrichtung geworden ist, nehmen später sehr eifrig an den übrigen Veranstaltungen für die Jugend teil. Das rasche Anwachsen der Jugendorganisationen in Leipzig und speziell in Lindenau ist zum großen Teil der Vorarbeit zu danken, die durch die Bibliothek geleistet wird. Deshalb ist der Ruf an alle unsere Organisationen zu richten: Gründet Jugendbibliotheken! Was hier gesät wird, trägt hundertfältige Frucht. Gustav Hennig. Konfessionelle Arbeiterinnenorganisationen. Kürzlich ist ein umfangreiches, treffliches Buch erschienen, das schon allein dant dem weitschichtigen Material, das der Verfasser zusammengetragen und übersichtlich gruppiert hat, von großem Wert für die Gewerkschaftsorganisationen wie für alle Genossinnen und Nr. 13 Genossen ist, welche agitatorisch und organisatorisch unter solchen Arbeiter und Arbeiterinnenmassen tätig sind, die noch im Banne des kirchlichen Dogmas stehen. Wir meinen:„ Die christliche Arbeiterbewegung in Deutschland" von August Erdmann. Stuttgart 1908, Verlag von J. H. W. Diez Nachf. Wir entnehmen dem Buch zunächst folgende Ausführungen über das, was im fonfeffionellen Lager zur Organisierung der Arbeiterinnen geschehen ist. Über die katholischen Arbeiterinnenvereine schreibt Erdmann: Ebenso zeitig wie mit der Organisierung der katholischen Ar beiter hat sich die Kirche mit der Sammlung der katholischen Arbeiterinnen beschäftigt, wenn auch die Erfolge auf diesem Gebiet weit geringer geblieben sind als unter den männlichen Arbeitern. Vorbildlich in dieser Beziehung war der im Jahre 1867 gegründete Arbeiterinnenverein in M.- Gladbach mit seinen Wohlfahrtseinrichtungen: Hospiz und Haushaltungsschule. Auch in Süddeutschland entstanden darauf Arbeiterinnenvereine; so finden sich solche Ende der siebziger Jahre in Augsburg, Offenbach und Kaufbeuren; vorzugsweise fanden sie jedoch Eingang in der Erzdiözese Köln, wo 1874 in Köln, 1875 in Viersen, 1879 in Nippes ein Arbeiterinnenverein entstand, während in Aachen 1867 und in Erfrath 1869 Haushaltungskurse für Arbeiterinnen gegründet wurden. In den achtziger Jahren tamen weitere Vereine hinzu: 1880 in Neuß, 1881 in Aachen, 1886 in Krefeld usw.; im Jahre 1886 bestanden in ganz Deutschland 26 katholische Arbeiterinnenvereine mit rund 4000 Mitgliedern; 1898 war die Zahl auf 40 Vereine mit 6000 Mitgliedern gestiegen. Die Belebung der katholischen Arbeiterbewegung durch die christlichen Gewerkschaften brachte auch den Arbeiterinnenvereinen einen höheren Aufschwung, so daß im Jahre 1904 bereits 82 Arbeiterinnenvereine mit rund 70 000 Mitgliedern gezählt wurden. In den letzten Jahren nimmt sich der Katholische Frauens bund der Gründung und Förderung von Arbeiterinnenvereinen mit besonderem Eifer an; auf seine Veranlassung ist in den einzelnen Diözesen der Zusammenschluß der Vereine angebahnt worden, damit sich durch den Austausch der Erfahrungen eine einheitliche zielbewußte Arbeit ausbilden kann. Auch die Katholikentage der letzten Jahre sind für die Arbeiterinnenvereine eingetreten. So empfahl die Kölner Generalversammlung der Katholiken Deutsch lands( 1903) als wichtigste Aufgabe der Vereine die apologetische und soziale Aufklärung der Arbeiterinnen, damit dieselben befähigt werden, die unter den Arbeiterinnen vornehmlich von sozialdemokratischen Gewerkschaften systematisch betriebene Agitation erfolgreich abzuwehren und ihre religiösen und wirtschaftlichen Interessen nach den Grundsägen der katholischen Sozialpolitik zu vertreten". In Anpassung an die Erfordernisse der Zeit ist neuerdings in dem Kreise der ultramontanen Sozialpolitiker mehrfach die Frage erörtert worden, ob die Art und Weise der Arbeiterinnenfürsorge, wie sie bisher in den Arbeiterinnenvereinen üblich war, noch als ausreichend angesehen werden kann, wobei hingewiesen wird auf die vielfachen Gefahren, die an eine Arbeiterin heute herantreten, auf die erhöhten Aufgaben und Pflichten, die ihr heute als Gattin und Mutter obliegen. Im wesentlichen war bisher religiöse Be lehrung und Vermittlung hauswirtschaftlicher Kenntnisse als Aufgabe eines Arbeiterinnenvereins betrachtet worden. Doch hatten sich schon die christlichen Gewerkschaftsführer beklagt, daß die Ar beiterinnen den wirtschaftlichen Bewegungen teine Teilnahme schenken, so wurde auch von anderer Seite eingestanden, daß mancherlei versäumt worden war. Die Zwecke und Aufgaben des fatholischen Arbeiterinnenvereins sind neuerdings von der rührigen Zentralstelle des katholischen Volksvereins in einem besonderen Schriftchen aus führlich dargelegt worden. Danach scheiden sich diese Aufgaben in: 1. Schuh und Förderung der persönlichen Güter, deren wichtigste sind: Leben und Gesundheit, Religion und Sittlich feit. Die Erwerbstätigkeit des Weibes erfordert dann die Wahrung des Rechtes der Arbeiterin auf gerechte Entschädigung ihrer Arbeit; zum Schutze der persönlichen Güter gehört auch das Recht des Weibes, an den geistigen Kulturgütern der Nation teilzunehmen. Die Beschäftigung mit der arbeiterschutzgesetzlichen Fürsorge fällt hierher. 2. Vorbereitung auf den fünftigen Lebensberuf, die sich nach drei Seiten hin betätigt: a. die Arbeiterin muß beizeiten sich die notwendigen Kenntnisse zur Führung des Haushaltes erwerben; b. fie muß befähigt werden, ihrem Manne eine verständnisvolle Gefährtin durchs Leben zu sein; c. fie muß die Erziehung der Kinder recht zu leiten verstehen. Im Vereinsleben stehen die religiösen Veranstaltungen an erster Stelle; dementsprechend befaßt sich der größere Teil der Nr. 13 Die Gleichheit Vereinstätigkeit damit, die Mitglieder religiös zu belehren und zu erziehen. Als besonders wichtige Veranstaltungen dieser Art werden genannt die gemeinsame heilige Rommunion, die Teilnahme an Exerzitien, Andachten, Prozessionen, Wallfahrten usw. Die Vereinsversammlungen sollen jeden Sonntag stattfinden; die dort gehaltenen Vorträge behandeln religiöse, soziale und allgemein wissenswerte Fragen. Im allgemeinen werden die Vorträge vom geistlichen Präses selber gehalten werden müssen, doch ist die Mithilfe von„ Damen der besser situierten Stände" willkommen. Der Pflege der Geselligkeit dienen gesangliche Aufführungen, Theatervorstellungen, Deklamationen, Erholungsabende, Ausflüge, Spiele usw., für die geistige Hebung und Schulung sollen Unterrichtsturse eingerichtet werden. Endlich wird unter Mitwirkung von„ Damen der besser situierten Stände" die Errichtung einer Vermittlungskommission empfohlen, die Mißstände in Fabriken und Werkstätten zur Kenntnis der Arbeitgeber bringen soll. Unter den Einrichtungen des Vereins werden genannt: Sparfassen, Unterstützungskassen, Arbeitsnachweis, Wohnungsnachweis, Bibliothek, Lesezimmer, Haushalts- und Handarbeitsunterricht usw. Anfangs 1905 hat die Diözesanleitung des Verbandes der katholischen Arbeitervereine der Erzdiözese Köln gemeinsam mit mehreren Arbeiterinnenvereinspräsides ein Statut aufgestellt, das im allge meinen die Bestimmungen wiedergibt, die für die katholischen Arbeitervereine gültig sind, nur daß der Präses des Arbeiterinnenvereins noch mehr Rechte in seiner Hand vereinigt als bort. Auch im Bereich des süddeutschen Verbandes katholischer Arbeitervereine haben sich in den letzten Jahren die Arbeiterinnenvereine auszubreiten begonnen. Seit 1906 sind sie zu einem Verband vereinigt, dem 36 Vereine mit 4556 Mitgliedern angehören, worunter sich 3791 ordentliche Mitglieder, das heißt Arbeiterinnen befinden. In den Mitteilungen des Verbandes süddeutscher katholischer Arbeitervereine"( 1907, Nr. 26) heißt es: Die Versammlungen, welche in der Regel zweimal im Monat abgehalten werden, bekunden reges Vereinsleben, und die Beiträge befinden sich fast durchweg auf einer Höhe, welche die Leistungs199 In enger Beziehung zu ihr steht der Verband kirchlich sozialer Frauengruppen, deren Programm übereinstimmt mit dem Arbeitsplan der siebenten Kommission der Konferenz, der die Be handlung der Frauenfrage zugewiesen ist. Diese hat es sich zur Aufgabe gestellt, die auf dem Boden des reformatorischen Bekenntnisses stehende Frauenwelt, sowie die( dafür interessierte) Männerwelt zur Mitarbeit aufzurufen: a. an der Hebung der sozialen, wirtschaftlichen und sittlichen Notstände auf allen Gebieten des weiblichen Erwerbslebens; b. an der Erschließung neuer Arbeitsgebiete, respektive neuer Berufe für die gebildete Frau; c. an der bazu erforderlichen Reform der Frauenbildung, insbesondere der höheren Mädchenschulen. Unter den besonderen Aufgaben sind genannt die Sammlung von Heimarbeiterinnen, Fabritarbeiterinnen, Gründung und Pflege einzelner Gruppen derselben, Gründung und Leitung von Dienst boten( und Hausfrauen) vereinen, Stellenvermittlung für Dienstmädchen, Hausangestellte, Gelegenheit zur Fortbildung für ältere Dienstmädchen, Hilfsarbeit in den gewerkschaftlichen Organisationen von Frauen und Mädchen, Ausbildungsgelegenheiten und Arbeitsvermittlung für unbemittelte gebildete Frauen. Die kirchlichsoziale Frauengruppe gründete im Jahre 1900 in Berlin den Gewertverein der Heimarbeiterinnen, der gegen wärtig 48 Ortsgruppen mit rund 3000 Mitgliedern zählt.- Es versteht sich am Rande, daß die von katholischer und evangelischer Seite gegründeten Arbeiterinnenvereine nicht auf dem Boden des Klassenkampfes stehen, sondern sich zum Glauben an die Harmonie der Unternehmer- und Arbeiterinteressen bekennen. Als Sonderorganisationen, welche die Arbeiterinnenmassen teilen, statt sie zusammenzufassen, bedeuten sie eine Schwächung der Gewerkschaftsbewegung, eine Schädigung der proletarischen Interessen. Die vorstehenden Angaben über die konfessionellen Arbeiterinnenvereinigungen müssen daher die Genossinnen zum eifrigsten Wirken im Dienste der modernen Gewerkschaften anspornen, welche in ziel flarer Erkenntnis mit aller Treue das Wohl der Arbeiterinnen gegen das raffgierige Unternehmertum verteidigen. fähigkeit der Vereine garantiert. Fast zwei Drittel der Vereine Von der österreichischen Arbeiterinnenhaben das in München erscheinende Verbandsorgan ,, Die Arbeiterin“ obligatorisch eingeführt. Die Rubrik Unterrichtsturse konnten von 34 Vereinen 20 ausfüllen, von denen 19 Haushaltungskurse( Rochen, Nähen, Bügeln) und ein Verein einen Buchhaltungsfurs eingerichtet haben. Für die Zukunft wird auf die Errichtung sozialer Unterrichtskurse( Redelehre) noch ein ganz besonderer Wert zu legen sein; denn die ganze bisherige Entwicklung der Arbeiterinnenvereine scheint dahin zu neigen, daß eine intensive Zunahme der= selben erst dann zu erwarten steht, wenn es erst möglich sein wird, weibliche Agitatorinnen für die Bewegung freizustellen. Der Verband katholischer Arbeitervereine( Siz Berlin) hat einen auf demselben Grunde stehenden Verband der katholischen Vereine erwerbstätiger Frauen und Mädchen Deutschlands ins Leben gerufen, dem 131 Vereine mit 17 000 Mitgliedern angehören. Sein Zweck ist: Die Förderung aller beruflichen, gewerblichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten der Mitglieder, die Gliederung der Vereine und des Verbandes nach der Verschiedenheit der Berufe, das Zusammenwirken mit gleichartigen Gruppen anderer Verbände in besonderen Fällen zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen, die zeitgemäße Einrichtung von Lehrtursen zur Ausbildung in ver schiedenen Erwerbstätigkeiten, die Ausbildung von Fabrikaufseherinnen, Einrichtung von Arbeiterinnensetretariaten. Der Verband unterhält eine Kranken-, Sterbe- und Arbeitslosenkasse, vier Arbeiterinnensekretariate( Berlin, Breslau, Trier, Würzburg) und gibt ein Blatt Frauenarbeit" heraus. Nicht ebenso viel weiß Erdmanns Buch über die evangelischen Arbeiterinnenorganisationen zu melden. Nachdem Stöcker sich von den Evangelisch- Sozialen getrennt hatte, gründete er 1897 die freie kirchlichsoziale Konferenz, die praktische Arbeit leisten, sich auf die Massen stützen und in deren Bewegung ein. greifen wollte". Nach den jetzt geltenden Satzungen sucht sie das zu erreichen durch den freien Zusammenschluß aller Männer und Frauen Deutschlands, die das gesamte öffentliche Volksleben mit den lebendigen Kräften des Evangeliums durchdrungen wissen wollen, die daher eine lebendige Mitarbeit der evangelischen Kirche an allen sozialen Fragen für erforderlich halten und selber zur praktischen und wissenschaftlichen Mitarbeit bereit sind". Die Konferenz hat verschiedene Arbeitskommissionen eingesetzt und sich auch mit der Frauen- beziehungsweise Arbeiterinnenfrage beschäftigt. bewegung. I.K. Die deutsch- böhmische Frauenkonferenz, über die im Dezember in der„ Gleichheit" berichtet wurde, trägt gute Früchte. Das eingesetzte Komitee arbeitet ununterbrochen, und unablässig werden neue politische Organisationen der Frauen gegründet. Ende Januar tagte in Prag der deutsch- böhmische Landesparteitag, auf dessen Tagesordnung ebenfalls die Frauenorganisation stand. Genossin Fanny Neumann- Aussig hatte das Referat, und sie legte dem Parteitag ein Programm vor, auf welche Weise die Lokalorganisationen der Partei die Genossinnen unterstützen sollen. Der Parteitag akzeptierte ihre Vorschläge und wählte Genossin Neumann in die Landesvertretung, welche das Frauenagitationskomitee für Deutsch- Böhmen subventionieren und dadurch aktionsfähig machen wird. Die Genossinnen, welche dem genannten Komitee angehören, find fortwährend auf Agitation, um politische Frauenorganisationen zu gründen. Es ist zu erwarten, daß der nächste Parteitag über gute Resultate dieser Bestrebungen hören wird. In Wien hat am 28. Februar die Frauenkonferenz für Niederösterreich stattgefunden. 34 Genossinnen waren als Dele gierte anwesend, von denen 22 gleichzeitig ein Mandat zum Landesparteitag hatten. Eine solch große Zahl weiblicher Delegierter zu einem Landesparteitag, dem früher faum zwei Genofsinnen beiwohnten, war an sich schon eine auffällige Erscheinung, welche die Fortschritte unserer Frauenbewegung zeigte. Der Sekretär der Landesorganisation, Genosse Bretschneider, hob in seinem Bericht noch besonders hervor, wie erfreulich die Arbeiterinnenbewegung anwachse. Was die Frauenkonferenz anbetrifft, so hatte sie über den Ausbau der politischen Frauenorganisation in Niederösterreich zu beraten. Genossin Popp erstattete namens des Frauenreichstomitees das Referat zu der Frage. Sie führte aus, daß es sich darum handle, Vorsorge zu treffen, daß die neugegründeten politischen Frauenorganisationen volle Klarheit über ihre Aufgaben erlangen; aufzuklären, zu bilden, die Frauen zu Sozialdemokratinnen zu erziehen und alle Parteiattionen zu unterstüzen; das Lesen der sozialistischen Presse und Broschürenliteratur, die Abhaltung von Versammlungen und Diskussionsabenden seitens der Frauenorganisationen soll diesem Zwecke dienen. Im Jahre 1908 find 964 Frauen in Niederösterreich der freien politischen Frauenorganisation zugeführt worden; 1200 Frauen find nun allein 200 Die Gleichheit Nr. 13 im Verein sozialdemokratischer Frauen in Wien organisiert. In einer Anzahl von Orten werden die Genossinnen demnächst zur Gründung politischer Frauenorganisationen schreiten. In Anbetracht der wachsenden Aufgaben hielten es die Genossinnen- für notwendig, «ine Genossin speziell mit der Leitung der planmäßigen Arbeit in Niederösterreich zu betrauen. Genossin Pölz er, die den deutschen Genossinnen bekannt ist, da sie der Frauenkonferenz zu Nürnberg beiwohnte, wurde zur Landesvertrauensperso.l gewählt. Dein Landesparteilag wurden die Beschlüsse der Konferenz berichtet, er wählte Genossin Th. Schlesinger in die Landesoertretung für Niederösterreich, so daß jetzt in drei Landesvertretungen Ge- nossinnen Sitz und Stimme haben. Der Landesoertretung für Mähren, der Genossin Freund- lich angehört, lag in der letzten Sitzung ein Antrag vor, auch für Mähren eine Frauenkonferenz abzuhalten. Der Antrag wurde angenoinmen, und schon im Monat April wird in Olmütz die erste mährische Frauenkonserenz lagen. Um die Fraucnagitation zu unter- stützen, ist Genossin Klastalsch, eine tüchtige, agitatorisch tätige Kraft, in der Administration des mährischen Parteiblatles angestellt worden. Die Brünner politische Frauenorganisation entwickelt sich in erfreulicher Weise, wie dies früher nie sür möglich gehalten worden wäre. In Graz, der Hauptstadt von Steiermark, ist im Januar die erste politische Frauenorganisation gegründet worden. Da die Parteigenossen eifrigst mitarbeiten, ist auch hier auf guten Erfolg zu hassen. Von der Parteivertretung in Wien wurde dem Vorschlag des Frauenreichskomitees entsprechend Genossin Gabriele Pro hl an- gestellt, um sich ganz der Arbeit im Dienste der politischen Frauen- organisation zu widme». Diese Arbeit hat sich derart vermehrt, daß sie nicht mehr wie bisher von einer Genossin allein, der Re- dakteurin der„Arbeilerinnen-Zeitung", bewältigt werden kann. Auch mit der Organisierung der weiblichen Jugend be- ginnen sich die österreichischen Genossinnen zu beschäftigen. Am Sonntag den 7. März wurden nachmittags fünf Versammlungen für junge Mädchen abgehalten mit Vorträgen über das Revolu- tionsjahr 1848. Alle Versammlungen waren außerordentlich gut von jungen Mädchen besucht. Jedoch ist noch nicht über die Form der Organisation ent- schieden, welche die jungen Mädchen ausnehmen soll. Die Meinungen gehen auseinander, ob die jungen Prolelarierinnen den Organi- sationen der männlichen Jugend beitreten oder eigene Sektionen bilden sollen, die den Frauenorganisationen anzugliedern wären. Die Gewerkschaslskommission hat aus eine Anfrage der männlichen Jugendlichen erllärl, daß die gemeinsame Organisation inopportun sei. Nächste Wochen wird das Frauenreichskomitee zu einer Be- schlußfassung kommen, über die in der„Gleichheil" näher berichtet werden soll. a. p. Aus der Bewegung. Agitation in Sachsen-Altcubnrg. Auf Wunsch des Alten- burger Landesvorstandes unternahm Genossin Zieh vom 17. Fe- bruar bis 1. März eine Agitationstour durch das Herzogtum. Die- selbe sollte nicht nur durch Versammlungen der Agitation dienen, sondern vor allem auch durch Besprechungen mit dem Landesvor- stand wie mit den Vorständen der einzelnen Ortsvereine eine dauernde und planmäßige Agitations- und Schulungsarbeit unter dem weiblichen Proletariat einleiten. Diese Besprechungen sollten die Erfahrungen anderer Orte auch für das Herzogtum nutzbar machen. Wir sind überzeugt, daß diese Methode, planmäßig und tatkräftig die Frauenbewegung zu fördern, vom besten Erfolg sein wird.— Die veranstalteten Versammlungen brachten der Sozial- demokratie durchweg eine hübsche Anzahl weiblicher Mitglieder, die an manchen Orten die ersten waren, welche der Partei beitraten, an anderen den bereits vorhandenen Stamm der Genossinnen ver- größerten. So wurden zum Beispiel in der Stadt Altenburg 86 Aufnahmen gemacht, in G ö ß n i tz 46, in S ch m ö I l n und Zechau je 50, in Meuselwitz 49, in Ronneburg 62, in Eisenberg 60 und in Kahla 80. Ter Partei wurden insgesamt zirka 400 neue Mit- glicder zugeführt und unserer Presse eine Anzahl neuer Abonnenten. Hoffentlich verfahren die Parteiorganisationen der einzelnen Orte in der besprochenen Weise, um die neugewonnenen Mitglieder zu halten und zu schulen und die uns noch fernstehenden Frauen und Mädchen mehr und mehr organisatorisch wie geistig zu erfassen. Geschieht das, so wird es im Altenburger Land mit der Frauen- bewegung sicher vorwärts gehen, und damit wäre unserer Allgemein- bewegung der allergrößte Dienst erwiesen. l,. Z. In einer gut besuchten Parteiverfammlung zu Fellbach (Württemberg), an der auch Frauen in größerer Anzahl teil- nahmen, referierte Genossin H ü g l i n- Stuttgart über„Die Pflichten und Rechte der Frauen in der heutigen Gesellschafts- ordnung". Sie wies die Notwendigkeit des politischen Zusammen- schlusses der Frauen nach, die unter dem heutigen Gesellschafls- system noch mehr seufzen als der Mann, viel Pflichten, aber nur wenig Rechte haben. Genossin Hüglin würdigte auch die Bedeutung einer sozialistischen Erziehung der Kinder, auf die sie näher ein- ging. In der Diskussion stimmten mehrere Frauen der Reserentin zu. Wir hätten gewünscht, daß die hiesige Lehrerschaft in der Versammlung gewesen wäre, sie hätte gar manches aus dem Vortrag lernen können. Mehr aber noch bedauern wir, daß so viele Prole- tarierinnen der Versammlung ferngeblieben sind, für die der Vor- trag nützlicher gewesen wäre als die Predigten, die sie zu hören be- kommen. Hoffentlich gesellen sich zu den vier weiblichen Mitgliedern der Partei, von denen drei in der Versammlung gewonnen wurden, bald neue Mitarbeiterinnen. Karl Ebinger. Weimar. Warum kommen so wenig weibliche Mit- glieder in die allgemeinen Parteiversammlungen und in die össentlichen Versammlungen� Um diese Frage zu erörtern, wurden kürzlich die weiblichen Mitglieder der Ortsgruppe unserer sozialdemokratischen Wahllreisorganisation zu einer Besprechung eingeladen. Rund 20 Prozent der organisierten Genossinnen waren erschienen. Gewiß, kein befriedigender Besuch! Doch alle Anwesenden waren einig darin, daß es besser werden müsse. Zur Förderung der Agitation unter den uns noch fern- stehenden Frauen und zur Herbeiführung einer regeren Teilnahme der bereits organisierten am politischen Leben und an allen Ver- anstaltungen der Ortsgruppe wurde eine Agitationskommissio» gewählt, bestehend aus den Genossinnen Baudert, Leppert, Beck, Vogt und Neid. Angeregt wurde ferner, daß für die weiblichen Mitglieder der Ortsgruppe eine Unterstützungskaffe für Krankheitsfälle geschaffen werden solle, da ähnliche Einrichtungen in den bürgerlichen Frauenvereinen sich als ein gutes Bindemittel bewährt hätten. Endgültig soll über diesen Vorschlag erst in einer besonderen Versammlung der weiblichen Mitglieder beschlossen werden. Man hofft, daß diese einen stärkeren Besuch aufweisen wird. Bisher waren es immer recht fadenscheinige Gründe, die als Entschuldigung für das Fehlen der Frauen in den Partei- und öffentlichen Versammlungen angeführt wurden. Da hieß es z. B.: Es muß wieder einmal eine Genossin sprechen! Der Vorstand der Ortsgruppe hat diesem Wunsche der weiblichen Mitglieder nun Rechnung getragen. Doch, wo blieben die Genossinnen in der Ver- sammlung, in welcher Genossin Tietz-Berlin sprach? Der all- gemeine Besuch dieser Versammlung war zwar nicht schlecht, aber stand er im Verhältnis zu der proletarischen Bevölkerung Weimars? Entsprach die Zahl der anwesenden Frauen der Zahl der bereits organisierten Genossinnen? Keines von beiden traf zu. Es muß offen gerügt werden, daß der weitaus größte Teil der organisierten Frauen aus nichtigen Gründen,— aus purer Bequemlichkeit!— fehlten. Das muß anders werden! Die Agitalionskommission der organisierten Frauen hat sich die Aufgabe gestellt, Mittel und Wege zu finden, um nicht nur eine stärkere Beteiligung der weiblichen Mitglieder an allen politischen Versammlungen zu erreichen, sondern auch die Zahl der politisch organisierten Genossinnen zu erhöhen. Hierauf bezügliche Wünsche und Anregungen für die Agitations- kommission sind zurichten an: Frau Baudert, Weimar, Pabst- straße 16. In Baden hat leider die sozialdemokratische Frauenbewegung im letzten Jahre nicht den erhofften Aufschwung genommen. Die Genossinnen haben es gewiß nicht an den ernstesten Bemühungen fehlen lassen, gute Fortschritte zu erzielen, allein sie haben seitens der leitenden Parteiinstanzen nicht immer die Unterstützung ge- funden, deren sie noch bedürfe». Auf dem vorjährigen Parteitag der badischen Sozialdemokralen hatten die Genossinnen beantragt, daß auf die Tagesordnung des Parteitags von 1909 ein Referat über den Stand der Frauenorganisation gesetzt würde. Dieser Antrag fand einstimmige Annahme, wurde jedoch vom Landes- vorstand bei Aufstellung der Tagesordnung nicht beachtet. Als er von der Antragstellerin auf die Unterlassung aufmerksam gemacht wurde, meinte er, infolge des neuen Vereinsrechts und der damit verbundenen Änderung der Parteiorganisation sei ein Bedürfnis für die Erörterung der Frage nicht mehr vorhanden. Wir können dieser Ansicht nicht beipflichten und bedauern gerade in Hinblick auf die gemeinsame Organisation von Genossinnen und Genossen, daß der letzte dadische Parteilag zu Offenburg nicht eingehend darüber beraten hat, auf welche Weise die proletarische Frauen- bewegung tatkräftig gefördert werden könne. Die Agitation der Nr. 13 Die Gleichheit 201 Venossinnen unler den Frauen des werktätigen Volkes unterstützen, die Genossinnen selbst immer besser schule», das heißt ja nichts anderes als die Zahl und die Reise der sozialdemokratischen Partei- Mitglieder vergrößern. Es ist aber gar kein Zweifel, daß ein Referat über die Frauenorganisation auf dem Parteitag mit den voraus- gehenden und folgenden Diskussionen, Anregungen, Fingerzeigen für die Praxis sehr belebend und kräftigend auf die proletarische Frauenbewegung eingewirkt haben würde. Genossin Basse-Mann» heim, eine der zwei weiblichen Delegierten des Parteitags, mußte sich damit begnügen, außerhalb der Tagesordnung eine Ansprache zu halten, in welcher sie zum Beitritt der Frauen in die sozial- demokratische Partei aufforderte. Hoffentlich werden ihre Aus- führungen Frucht trage». Schon das Beispiel der Finsterlinge, die mit größter Energie danach streben, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen in ihrem Bann zu halten, muß nimmer erlahmende Betätigung unsererseits herausfordern. Die Genossinnen werden mit regem Eiser im Dienste der großen Sache der Arbeiterklasse weiterarbeiten. mg, Jahresbericht der Bertrauenspers on der Genossinnen von Mombach. Im April v. I. wurde in Mombach in einer öffenl- lichen Frauenversammlung, in der Genossin Fahrenwald über die Pflichten der Frau in der politischen Bewegung und ihre Rechte im Staatsleben sprach, eine Frauenorganisation gegründet, der an jenem Abend neun Genossinnen beilraten. Genossin Kardos wurde zur Berlrauensperson gewählt. Die erste Versammlung der or- ganisierten Frauen beschloß nach einem Vortrag des Genossen Wolf im Einverständnis mit dem Vorstand des sozialdemokratischen Wahlvereins, daß am ersten Donnerstag eines jeden Monats eine Versammlung zum Zweck« der theoretischen Schulung der Genos- sinnen stattsinden solle. An den Versammlungen der Genossen, in denen wissenschaftliche Vorträge geHallen wurden, nahmen die Ge- nossinnen ebenfalls teil. Öffentliche Frauenversammlungen, die be- stimmt waren, weitere Kreise der Protelarierinnen aufzurütteln, fanden im Lause des Jahres vier statt. Daß ihre Zahl nicht höher ist, wurde durch die Agitation für die Landtagswahl bedingt, an der sich die Genossinnen beteiligten. Als 1. Januar 1909 waren 43 Frauen politisch organisiert. In der Generalversammlung wurde Genossin Kardos wieder zur Vertrauensperson gewählt; eine zweite Berlrauensperson ist ihr zur Seile gestellt worden. Mit Freude und Fleiß arbeiten die Genossinnen von Mombach für die Bewegung. Eines hindert sie leider an vielem: die schlechten finanziellen Verhältnisse der Organisation. Der Vorstand der Partei tut, was er kann, aber mit seiner Kasse steht es auch nicht am besten. Von den 30 Pf. Monatsbeitrag, den die Genossinnen ent- richten, bleibt nach Abzug aller Ausgaben zu wenig zur Agitation übrig. Einen höheren Beitrag können aber die Frauen nicht zahlen, da sie meist nicht erwerbstätig sind, so daß der tleine Verdienst der Männer, die selbst auch der Partei angehören, für alle Ausgaben aufkommen muß. Hoffentlich gelingt es trog aller Schwierigkeiten, die proletarische Frauenbewegung in kräftigen Fluß zu bringen. _ Etelka K a r d o s. Di« wichtigsten gesetzlichen Bestimmungen betreffend den ftinderschutz. Reichsgesetz, betreffend Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben. Vom 30. März 1903. Genossinnen, schützt die Kinder vor Ausbeutung! An die Wichtig- keit dieser eurer Aufgabe haben wir euch bereits wiederholt er- innert. Wir haben euch auch den Weg gezeigt, wie ihr das tun könnt. In folgendem die wichtigsten gesetzlichen Bestim- mungen über den Kinderschutz. In gedrängtem Auszug sind sie bereits in voriger Nummer erschienen. Bei der Wichtig- keit der Sache halten wir es jedoch für nötig, sie nochmals, und zwar ergänzt und erweitert zu veröffentlichen. Wir empfehlen euch, nachstehenden Auszug stets zur Hand zu haben, damit ihr genau überwachen könnt, ob die gesetzlichen Vorschriften respektiert werden. 1. Verbot der Kinderarbeit. Die Beschäftigung schulpflichtiger und vorschul- Pflichtiger Kinder ist gänzlich verboten: In Fabriken, auf Bauten aller Art, in Betrieben von Ziegeleien, Brüchen, Gruben, beim Steineklopfen, im Schorn- steinfegergewerbe, in dem mit dem Speditionsgeschäft ver- bundenen Fuhrwerksbetrieb, beim Rt i s ch e n und Mahlen von Farben, bei Arbeiten in Kellereien und ferner in einer ganzen Reihe von gesundheitsschädlichen Betrieben, die im Gesetz näher bezeichnet sind, so zum Beispiel bei der Tabak- kabrikation. sowie auch in der Kleider- und Wäschekonfektion. Aus den einleitenden Bestimmungen ist zu merken, daß als Kinder im Sinne dieses Gesetzes gelten: Knaben und Mädchen unter dreizehn Jahren sowie solche Knaben und Mädchen über dreizehn Jahren, welche noch zum Besuch der Volksschule verpflichtet sind. ES handelt sich kurz gesagt um schul- Pflichtige Kinder, denn der Fall, daß ein Kind die Schule be- endigt haben sollte, ehe es das dreizehnte Jahr erreicht hat, wird wohl kaum vorkommen. L. Bestimmungen deS KinderschutzgesetzeS über die Be- fchäftigung fremder und eigener Kinder. Für die Beschäftigung von schulpflichtigen Kindern in der Hausindustrie(Heimarbeit), im Betrieb von Werkstätten, im Handelsgewerbe und in Verkehrsgewerben, in Gast- und Schankwirtschaften sowie als Botengänger gelten folgende Vorschriften: Fremde Kinder unter zwölf Jahren dürfen nicht be- schästigt werden(Z 6 Absatz 1). Eigen« Kinder unter zehn Jahren dürfen nicht be- schästigt werden(§ 13). Eigene Kinder unter zwölf Jahren dürfen in der Wohnung oder Werkstätte einer Person für Dritte nicht beschäftigt werden (§ 13). Fremde oder eigene Kinder dürfen nicht vor 8 Uhr früh und nicht nach 8 Uhr abends beschäftigt werden(ZZ 5 und 13). Vor dem Vormittagsunterricht dürfen Kinder über- Haupt nicht beschäftigt werden(ZZ 5 und 13). Nachmittags darf die Beschäftigung erst eine Stunde nach Beendigung des Unterrichts beginnen(§S b und 13). Die Beschäftigung darf nicht länger als drei Stunden und in den Ferien nicht länger als vier Stunden täglich dauern(§§ 6 und 13). Den Kindern muß eine zweistündige Mittagspause gc- währt werden(ZZ 6 und 13). An Sonn- und Festtagen dürfen eigene wie fremde Kinder nicht beschäftigt werden in Werkstätte» sowie im Handels- gewcrbe und in Verkehrsgewerben(ZZ 9 und 13). Fremde Kinder unter zwölf Jahren dürfen als Boten- gänger, beim Brot-, Zeitungs-, Milchaustragen usw., nicht be- schästigt werden, und über zwölf Jahre alte fremde Kinder dürfen Sonntags in der Zeit von 8 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags nurzweiStunden arbeiten, wobei die Zeit des Gottes- diensles sreibleiben muß(tztz 9 und 13). In Gast- und Schankwirlschaften darf kein Kind unter zwölf Jahren beschäftigt werden, schulpflichtige Riad- che» über zwölf Jahren, fremde wie eigene, dürfen keine Ver- Wendung zum Bedienen der Gäste finden(§Z 7 und 16). An Orten unter 20000 Einwohnern ist für kleinere Wirtschaften Dis- pensation von allen diesen Vorschriften zulässig, soweit es sich um eigene Kinder handelt. Werkstätten im Sinne dieses Gesetzes sind auch Schlaf- und Wohnräum« sowie Küchen, wenn darin gewerbliche Arbeit ver- richtet wird. Die Beschäftigung fremder Kinder ist nur gestattet, wenn der Arbeitgeber für jedes Kind eine von der Ortspolizeibehörde aus- gestellte Arbeitskarte besitzt(g 11). Politische Rundschau. Liebliche Aussichten auf beschleunigtes und verstärktes Flotten- Wettrüsten haben sich plötzlich wieder einmal den Steuerzahlern in England und Deutschland eröffnet. Die liberal« Regierung in England hat die liberale Idee fallen lassen, an der Flotte zu sparen, und hat sich der wachsenden imperialistischen Stimmung der englischen Bourgeoisie unterworfen. Sie will jetzt entdeckt haben, daß Deutschland auf dem Sprunge steht, England im Bau der modernen Riesenschlachtschiffe, der Dreadnoughts(Fürchtenichts, der Name des ersten derartigen Schiffes) einzuholen oder gar in einigen Jahren zu überholen. Es wird so hingestellt, als ob alle anderen nicht ganz so modernen und riesenhaften Kriegsschiffe— in denen England ein großes Übergewicht hat— gar nicht mehr in Betracht kämen. Mit dein Übergewicht oder auch nur Gleich- gewicht Deutschlands in der Klaffe der Dreadnoughts ist es übrigens auch ziemlich fraglich bestellt. Es ist nicht vorhanden und könnte nur erreicht werden, wenn Deutschland seine Bauten außerordent- lich beschleunigen und England diesen ruhig zusehen wollte. Das fällt aber der englischen Bourgeoisie natürlich gar nicht ein. ihre Regierung schlägt jetzt ein Programm vor, wonach England für 202 Die Gleichheit Nr.IZ jeden deutschen Dreadnought schleunigst zwei bauen wird, und unter dem Eindruck ihrer„Enthüllungen" ist die radikale Opposition völlig verstummt, die Abstriche fordern wollte. Alle bürgerlichen Abgeordneten, mit Einschluß der liberalen Arbeiterabgeordneten, sind jetzt überzeugt, daß die Flotte gewaltig vermehrt werden muß. Die Furcht vor dem deutschen Einfall ist wieder so groß, wie nur jemals, der englisch-deutsche Gegensatz tritt in aller Schärfe zutage. Geradezu in drastischer Weise ist bestätigt worden, was wir in Nr. 11 zu Bülows und der bürgerlichen Presse Versicherungen sagten, daß der Besuch des englischen König? in Berlin die groß- artigste Wirkung auf das Verhältnis zwischen England und Deutsch- land haben werde. Nur die englische Arbeiterpartei hat sich von der allgemeinen Panik freigehalten und in den Parlamentsdebatten ein Bekenntnis gegen den friedensgefährdenden Rüstungswahnsinn und für die internationale Zusammengehörigkeit mit dem deutschen Proletariat abgelegt. Das Hinabgleiten des englischen Liberalismus in den imperia- listischen Sumpf ist gewiß kein schönes Schauspiel. Die Gerechtig- keit verlangt jedoch zu sagen, daß der englische Liberalismus drei- mal durch seinen leitenden Ausschuß die Regierung ersucht hat, Deutschland— auf vertraulichem Wege— für ein Abkommen auf Einschränkung der Flottenrüstungen zu bestimmen. Dreimal hat er sich einen Korb geholt. Das ist ein öffentliches Geheimnis, das selbst von der„Kölnischen Zeitung" nicht geleugnet wird, die in der auswärtigen Politik meist das Sprachrohr der Regierung ist. Deshalb ist es nicht recht verständlich, wie der Staatssekretär Tirpitz in der Budgetkommission des deutschen Reichstags erklären konnte, er wisse nichts davon, wie auch, daß der Antrag, vom Reichskanzler Auskunft über die Angelegenheit zu fordern, in der Kommission eine Mehrheit finden konnte, da doch die bürgerliche Mehrheit seinerzeit die Ablehnung der britischen Anerbietungen gebilligt hat. Noch viel weniger ist zu verstehen, daß der Kanzler sich vor dieser Auskunft drückt, obgleich er doch schon früher öffent- lich erklärt hat, daß Deutschland sich auf solch ein Abkommen nicht einlassen könne. Es wäre ja sehr erfreulich, wenn die Tatsache, daß sich eine Mehrheit für den Antrag in der Kommission fand, anzeigen sollte, daß die bürgerlichen Parteien oder wenigstens ihre Mehrheit eingesehen haben, wie verderblich und töricht die Ab- lehnung der englischen Anerbietungen war. Aber an diese Einsicht ist kaum zu denken, wie schon der Umstand zeigt, daß die Kom- missionsmehrheit sich die Weigerung des Kanzlers ruhig gefallen läßt, vor ihr zu erscheinen. Wäre sie entschloffen, das zu tun, was Deutschlands und England? Interesse gebieterisch fordert, nämlich die deutsche Regierung zu zwingen, ein Einschränkungsabkommen mit England zu treffen, so hätte sie zunächst einmal den Kanzler zu zwingen, ihr Rede und Antwort zu stehen. Aber nicht einmal dazu langt es. Die deutsche Arbeiterklasse muß um so entschiedener fordern, daß dieses Abkommen getroffen wird, das den Frieden weit mehr sichert als alle Monarchenbesuche, und das dem wahn- sinnigen Zustand ein Ende macht, daß Deutschland ein Kriegsschiff baut, damit England zwei baut und somit das Kräfteverhältnis dasselbe bleibt. Während dieses Wettlaufens um die beste Flotte müssen in beiden Staaten die Sozialpolitik und andere Kultur- aufgaben notleiden, und die Steuerlast steigt ins Ungemessene. Wie die neue Steuerbürde künftig in Deutschland verteilt wer- den wird, das ist noch völlig ungewiß. Das famose„Besitz- steuer"kompromiß, das in der vorigen Nummer geschildert wurde, scheint schon wieder aufgegeben zu sein; offenbar hält es niemand für der Mühe wert, sich dafür einzusetzen. Die süd- deutschen Negierungen wollen es nicht und erklären, an der Nach- laßsteuer festzuhalten, im Freisinn soll eine starke Minderheit da- gegen bestehen, und die preußische und die Reichsregierung tun, als wäre die ganze Sache für sie nicht vorhanden. Allerlei Gerüchte von neuen Steuerplänen tauchen auf, die alle das ge- meinsam haben, daß sie die Besitzenden nicht treffen. Die Finanz- kommission hat inzwischen die Inseraten- und die Gas- und Elek- trizitätssteuer glatt abgelehnt und Unterkommissionen mit der Ausarbeitung neuer Vorschläge für die Besteuerung des Tabaks, Bieres und Branntweins betraut. Kurz, alles steht noch im un- gewissen, und nur das eine bleibt in diesem Hin und Her als fester Punkt: daß die Besitzenden nicht zahlen wollen und daß das arbeitende Volt bluten soll. Die Beratungen der Geschäftsordnungskommission, die die Garantien gegen das persönliche Regiment finden und zunächst ein wirksames Jnterpellationsrecht schaffen sollte, haben endlich zu einem Ergebnis geführt. Es ist freilich auch danach. Die Feigheit des Freisinns und die Demagogie des Zentrum? haben dahin geführt, daß schließlich alle Anträge auf Änderung der Geschäftsordnung des Reichstags abgelehnt wurden. Wenn das Plenum zum selben Schluß kommen sollte, würde es also dabei bleiben, daß bei Jnterpellationsverhand- lungen der Reichstag seine Meinung durch einen Beschluß nicht ausdrücken darf. So schmählich endet schon die erste Phase des Kampfes gegen das persönliche Regiment, den das deutsche Bürgertum im November des Vorjahres mit so großen Worten aufnahm. Sehr bezeichnend für die Rolle des Liberalismus bei diesem Hornberger Schießen ist die Erzählung der konservativen „Kreuzzeitung". Danach sollen sich der freisinnige Staatsmann Müller-Meiningen und sein nationalliberaler Kollege Dr. Junck vorsichtigerweise beim Reichskanzler erkundigt haben, wie weit sie ihren Liberalismus in dieser Sache treiben dürfen. Der Kanzler habe Interpellationen mit Beschlüssen und andere konstitutionelle Garantien sehr bedenklich gefunden, und darauf sei den beiden Helden in der Kommission die Schneid abhanden gekommen. Die Geschichte wird wahr sein, denn die beiden Herren haben nur ein jämmerliches Verlegenheitsgestammel dagegen aufgebracht, und die „Kreuzzeitung" hält ihre Meldung entschieden aufrecht. Im Reichstag wurde bei der Beratung des Militäretats von den sozialdemokratischen Rednern am Militarismus die ge- botene scharfe Kritik geübt. Der Kriegsminister suchte durch ein „frisiertes" Zitat an einer Abhandlung Kautskys die Sozialdemo- kratie als Anhängerin des Militärstreiks hinzustellen. Das bekam ihm aber schlecht, da andern Tages nachgewiesen werden konnte, daß der Herr die entscheidenden Sätze unterschlagen hatte, in denen sich Kautsky gegen den Militärstreik erklärt. Bei der Etatberatung im preußischen Dreiklassenhaus demonstrierten Kraut- und Schlotjunker anläßlich sozialdemokratischer Anträge auf Verbessc- rung der Fabrikinspektion und des Bauarbeiterschutzes gegen den Arbeiterschutz. Dem Reichstag ging der schon im Januar angekündigte Gesetz- entwurf auf Abänderung des Strafgesetzbuches zu. Es wird noch des näheren über seinen Inhalt zu sprechen sein, der sich in der Hauptsache gegen die Arbeiterpresse richtet. Eine un- geheuerliche Erhöhung der Geldstrafen und Bußen für Beleidigungen bis 10000 und 20000 Mark, sowie Einschränkung des Wahrheits- beweises ist vorgesehen. Das Attentat auf das Gemeindewahlrecht von Kiel ist vorläufig abgeschlagen worden, da sich noch einige Freisinnige fanden, die mit den Sozialdemokraten gegen den Verschlechterungs- antrag stimmten. Aber die Mehrheit war gering, und die bürger- lichen Opponenten ließen durchblicken, daß sie für die Verschlechte- rung zu haben sein würden, wenn wirklich eine sozialdemokratische Mehrheit drohe. In Bayern hat der Kultusminister Wehner die Beschwerde des Landtagsabgeordnelen Genossen Hofmann gegen seine Ent- setzung vom Amte des Fortbildungsschullehrers lediglich wegen der öffentlichen Bekundung sozialdemokratischer Gesinnung für unberechtigt erklärt. Womit der Fabel von der staatsbürger- lichen Gleichberechtigung der Sozialdemokratie in Bayern nun auch durch ein offizielles Aktenstück ein Ende gemacht worden ist. Schon längst stand die Tatsache fest, daß Genosse Hofmann der Maß- regelung als Volksschullehrer nur deshalb entgangen war, weil er auf ihre Androhung hin„freiwillig" sein Amt niederlegte. Die Stellung der sozialdemokratischen Budgetbewilliger hat damit einen harten Stoß erlitten. JnFrankreich führen die Pariser Post- und Telegraphen- beamten einen energischen Streik durch, der sich gegen die Günst- lingswirtschaft des Postministers Simyan richtet. Die Arbeiterklasse und ein Teil des Bürgertums sympathisieren mit den Ausständigen, die über Paris einen wahren Notstand gebracht haben. Regierung und Kammermehrheit haben zwar zur Wahrung der Autorität sich scharf gegen die streikenden Beamten gewendet, doch erwartet man, daß der Postminister gehen wird.— Bei Ersatzwahlen zur Kammer gewann die Sozialdemokratie am S. März einen Sitz in Lyon und brachte einen Kandidaten in aussichtsreiche Stichwahl. Die Radikalen wurden bei diesen Wahlen geschwächt. Auch in Italien erzielten die Sozialisten bei den Wahlen gute Erfolge. Es wurden in Haupt- und Stichwahlen zusammen 42 sozialistisch» Kandidaten gewählt, gegen 26 in der vorigen Periode. Ein Teil dieses Erfolges kommt freilich auf Rechnung bürgerlicher Wahlhilfe. Auf dem Balkan sieht es wieder sehr bedenklich aus. Ostcr- reich und Serbien haben mobilisiert— die Entscheidung steht auf des Messers Schneide. Ob Rußland, das in den letzten Tagen wieder einen Zug gegen Osterreich getan hat, schließlich in letzter Stunde noch Serbien zurückpfeift, ist ebenso ungewiß wie die Ant- wort auf die Frage, ob der Krieg auf Osterreich und Serbien be- schränkt bleiben oder ob er zum Weltkrieg auswachsen würde, kl. B. Nr. 13 Die Gleichheit 203 Gewerkschaftliche Rundschau« Im vergangenen Jahre hat der wirtschaftliche Niedergang un- zweifelhaft dem Unternehmertum eine günstigere Position im wirt- schaftlichen Kampfe geschaffen als den Arbeitern. Besonders trat das in jenen Industrien zutage, wo tarifliche Festlegungen der Ar- beitsbedingungen nicht ein Bollwerk boten wider den Ansturm der Kapitalisten, welche die Situation zur gesteigerten Ausbeutung .ihrer Hände" nutzen wollten. Die allgemeinen Verhältnisse würden es erklären, wenn im letzten Jahre die Streiks der Arbeiter ge- ringeren Erfolg gehabt hätten als die Aussperrungen der Unter- nehmer, und wenn die Kämpfe an Zahl hinter denen in den Vor- jähren zurückgeblieben wären. Trotzdem dürfen wir bezweifeln, ob all das zutrifft, was die amtliche Statistik in einer vor- läufigen Zusammenstellung schon jetzt über Streiks und Aussperrungen in Deutschland für das Jahr 1903 mitzuteilen weiß. Es ist ja eine bekannte und erwiesene Tatsache, daß zwischen der amt- lichen Streikstatistik und derjenigen, welche die freien Gewerkschaften ausnehmen, stets große Differenzen bestehen. Zu den Eigentüm- lichkeiten der ersteren gehört, daß sie die Tätigkeit und die Erfolge der Gewerkschaften in kleinerem Lichte zeigt. Wir tun also der vor- liegenden Veröffentlichung gewiß nicht unrecht, wenn wir annehmen, daß sie nicht besser ist als ihre Vorgängerinnen. Sogar die ein- gefleischt bürgerliche„Soziale Praxis' sagte von ihr:„Beachtet werden muß jedoch, daß die Zahlen der amtlichen Streikstatistik nur sehr bedingt zu verwerten sind." Mit aller Reserve teilen wir da- her das vorläufige amtliche Ergebnis mit. Danach wären im Jahre 1903 insgesamt 1307 Streiks geführt worden, an denen 4317 Betriebe mit 197 000 Arbeitern und Arbeiterinnen beteiligt waren. Die Höchstzahl der gleichzeitig Streikenden betrug 63000. Bei 210 Ausständen war voller und bei 416 teilweiser Erfolg zu verzeichnen, 682 gingen verloren. Es fanden 131 Aussperrungen statt, von denen 114 vollen, 66 teilweisen und 11 keinen Erfolg brachten. Gegen das Jahr 1907 hätten laut der amtlichen Aufstellung die Kämpfe nach Zahl und Ausdehnung um die Hälfte abgenommen. Erst die ge- werkschastliche Statistik wird uns zuverlässige Zahlen bringen, die einen zutreffenden Vergleich ermöglichen. Die vorliegenden amtlichen Ziffern haben nur den Wert einer interessanten Vormeldung. Eine Machtstärkung der Unternehmerverbände berichtet deren Publikationsorgan. Die Hauptstelle deutscher Arbeit- geberverbände und der Verein deutscher Arbeit- geberverbände haben einen Kartellvertrag abge- schlössen. Zweck des Vertrags ist erhöhter Schutz der Arbeits- willigen, strengere Durchführung der StreiMausel, gegenseitige Hilfe bei Streiks und Boykotts und Förderung der Arbeitgebernachweise. Die Frage der beiderseitigen Streikversicherungseinrichtungen soll noch durch besondere Organe der Vertragschließenden geregelt werden. Nicht vergessen wurde natürlich bei Abschluß des Kartell- Vertrags eine Bestimmung, nach der streikende und ausgesperrte Arbeiter als Freiwild zu betrachten sind. Sie sollen während der Dauer eines Kampfes in den Betrieben der organisierten und kar- tellierten Unternehmer keine Beschäftigung finden. Ohne Einfluß auf diese Bestimmung bleibt die Berechtigung eines Ausstandes, die nicht nachgeprüft werden soll, wenn sie bereits„ordnungsgemäß geprüft" worden ist. Was diese„ordnungsgemäße" Prüfung be- deutet, können sich die Arbeiter und Arbeiterinne» an den Fingern abzählen. Auch dieser neueste Coup der Scharfmacher wird, wie schon mancher andere, ein Schlag ins Wasser bleiben. Die wirt- schaftliche Krise währt nicht ewig. Und wenn sie nicht mehr die Segel des Unternehmertrutzes bläht, werden auch die stolzen Herren mit sich reden lassen. Tie Lust am Herr-im-Hause-spielen hält nicht stand, wenn fetter Profit winkt. Und die Arbeiter und Arbeite- rinnen, die sich immer fester zusammenschließen, ihre Organisationen immer besser ausbauen, werden über all die„geprüften" und„ge- regelten" Fragen ein gewichtiges Wort mitsprechen. Mag die Echarsmacherei vorübergehend Siege erringen, ihre Hauptwirkung bleibt doch, die Ausgebeuteten fester und fester zu vereinigen und dadurch nicht bloß ihre Überwindung herbeizuführe», sondern den Sturz der Ausbeutungsgescllschaft vorzubereiten. Aus dem Textilgewerbe sind einige Erfolge der Arbeiter und Arbeiterinnen zu berichten. In Konstanz wurde eine beab- sichtigte Lohnreduktion durch Ankündigung eines Streiks zurück- geschlagen. Die sächsis ch-th üringisch en Webereien geben einen neuen Lohntarif bekannt, nach dem ab 2. April einige Lohn- erhöhungen in Kraft treten. Der Kampf im Eulengebirge dauert fort und zeigt musterhafte Solidarität der Arbeiterschaft. In einer Baumwollspinnerei im Algäu wird dagegen leider eine Bewegung auf Gewährung der 10'/, stündigen Arbeitszeit und eine» fünfprozentigcn Lohnzulage durch das verräterische Verhalten einiger Arbeitswilligen in Frage gestellt. In der Holzindustrie ist das siegreiche Vordringen des Tarifvertrags bisher im Rheinland und in Westfalen auf Schwierigkeiten gestoßen. Bekanntlich haben in jener Gegend auch die Buchdrucker am längsten auf die Einführung ihres Tarifes warten müssen. Die rheinisch-westfälischen Holzindustriellen wollen den Abschluß von Tarifverträgen auf eine eigentümliche Art her- beiführen. Eine Versammlung dieser Herren in Bochum beschloß wie folgt: Wenn die Arbeiter nicht einwilligen, daß die gegen- wärtig geltenden Lohnsätze tariflich festgelegt werden, so soll eine Lohnkürzung stattfinden; hält die Weigerung an, so tritt nach Verlauf von 14 Tagen eine weitere Lohnkürzung ein. Man ist versucht, zu fragen:„Sonst nichts, ihr Herren?" Ein schäbiger Erpressertrick— um uns milde auszudrücken— ist es, wenn die Unternehmer in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs den Aus- gebeuteten niedrige Löhne aufzwingen, die tariflich gebunden auch für die Zeit besserer Geschäftskonjunktur bestehen bleiben sollen. Ob indessen die Bäume der rheinisch-westfälischen Holzindustriellen in den Himmel wachsen, bleibt abzuwarten. Der Holzarbeiterver- band sorgt durch seine rührige Betätigung dafür, daß der Unter- nehmermacht Grenzen gezogen werden. So hat er für die Zeit vom 13. bis 29. März eine Agitation in ganz Deutschland vor- bereitet. In ungefähr 700 Versammlungen wird in dieser Zeit da? Thema behandelt:„Wer schützt die Interessen der Holzarbeiter." Zu einer größeren Tarifberatung respektive Schieds- gerichtssitzung treten die Beauftragten der Arbeiter und Ar- beitgeber des Schneiderverbandes Ende dieses Monats in Frankfurt a. M. zusammen, um in erster Linie die noch schweben- den örtlichen Differenzen zu regeln. Zu dem Zwecke sollten die örtlichen Tarifabmachungen bis spätestens 12. März beendet sein. Verhandlungen darüber sind gegenwärtig noch in zirka 26 Städten im Gange. Die Konferenz hat reichlich Arbeit vor sich und dürfte daher mehrere Tage dauern. Der Streik der Kohlenlader in Kiel dauert fort. Verhand- lungen, die aufgenommen wurden, scheiterten, sollen aber wieder angebahnt werden. Die Streikbrecherzufuhr scheint gering zu sein, und das Löschen der Dampfer geht daher nur sehr flau vor sich; 90 Arbeitswillige, die auch in ihrer freien Zeit an Bord bleiben, mühen sich im Schweiße ihres Angesichts, das Kapital zu retten. Der Kampf der Bühnenangestellten nimmt einen erfreu- lichen, lebhaften Fortgang, und ihre Organisation macht gute Fort- schritte. Vielerorts finden Protestversammlungen statt, in denen sich besonders die Schauspieler dagegen wehren, daß der Bühnen- verein(Arbeitgeberverein) ihre Organisation, die Bühnengenossen- schaft, als Vertreterin der Bühnenangehörigen nicht anerkennen und ihre Pensionsanstalt schwächen will. Eine solche Versamm- lung, die in Berlin stattfand, beansprucht besonderes Interesse. Die kämpfenden Bühnenangestellten hatten zu ihr Reichstags- abgeordnete aller Parteien eingeladen, jedoch nur Vertreter des Zentrums und der Sozialdemokratie waren dem Rufe gefolgt. Zwei Mitglieder der Freisinnigen Vereinigung ließen sich wegen ihres Fernbleibens entschuldigen, und ein freisinniger Volksparteiler schickte den Versammelten ein Sympathieschreiben. Das Verhalten der bürgerlich Liberalen ist besonders beachtenswert, weil diese Herren sich bekanntlich bei jeder Gelegenheit mit hohlem Pathos als die berufenen Vertreter der„Bildung" und als Schützer der Kunst auf- spielen. Wo blieb insbesondere Herr Müller-Meiningen, der in seinen Schützenfestreden so tut, als ob er den Schutz und die Frei- heit der Kunst in Erbpacht genommen habe? Wahrscheinlich mußte er gerade helfen die Nachlaßsteuer begraben und die Tabaksteuer retten, oder schwitzte er über einem neuen Kommentar zum Verrat des Freisinns beim Vereinsgesetz? Der Bühnenverein spinnt bei der Affäre keine Seide. Sogar mehrere Stadtverwaltungen haben es abgelehnt, das Rezept des Herrn Generalintendanten in ihren Stadttheatern zur Anwendung zu bringen. Die Scharfmacher ver- teidigen sich in einem Flugblatt und suchen die Aufhebung des Schiedsgerichts zu rechtfertigen, jedoch mit wenig Glück: das Recht der ausgewucherten und unterdrückten Schauspieler und Schau- spielerinnen ist zu offensichtlich. Hoffentlich hat die Bewegung zu- nächst den Erfolg, daß der Reichstag auf eine Änderung der Ge- setzgebung dringt, welche den Bühnenangestellten wenigstens den Schutz sichert, den die gewerblichen Arbeiter haben. Die Lithographen und Steindrucker mußten sich im Jnter- esse ihres Berufes gegen die geplante Reklamest�uer wenden. Zahlreiche Protestversammlungen beschäftigten sich bannt und nahmen Resolutionen gegen das Steuerprojekt an. Angesichts der Be- strebungen zur Aufilärung und Organisierung der proletarischen Jugend verdient die Lehrlingsabteilung des Lithographen- Verbandes Beachtung. Sie wurde am 1. März 1903 gegründet und zählt 3397 Mitglieder. 223 junge Leute traten infolge der Be- B 204 Die Gleichheit endigung ihrer Lehrzeit aus der Abteilung aus und in den Verband über; wegen nicht gezahlter Beiträge mußten nur 13 Mitglieder gestrichen werden. Die Abteilung für Lehrlinge fördert ihre Mitglieder beruflich durch Zeichen und Malkurse, sorgt aber auch durch Lehrabende und Vorträge für ihre sonstige Bildung. Da der Verband der Lithographen und Steindrucker eine verhältnismäßig kleine Organisation ist, so kann man aus dem Erfolg seiner Bestrebungen zur Organisierung der Lehrlinge hoffnungsreiche Schlüsse auf das ziehen, was Gewerkschaften und Partei gemeinsam zur Erziehung der Jugend in unserem Sinne zu leisten vermögen. Zwischen den Verbänden der Hafenarbeiter und Seeleute auf der einen Seite, dem Transportarbeiterverband auf der anderen sind leider Unstimmigkeiten entstanden. Die drei Organisationen hatten seit vier Jahren einen Kartellvertrag, der die Organisationsgrenzen feststecken, ein gutes Einvernehmen fördern und den Zusammenschluß zu einem Industrieverband anbahnen sollte. Die Verbände der Hafenarbeiter und der Seeleute erklärten den Vertrag für aufgehoben, die Transportarbeiter haben jedoch beide zu einer Konferenz eingeladen, die hoffentlich zu einer Verständigung über die Differenz führt, die wegen geringfügiger Anlässe in einem Betrieb zum Ausbruch gekommen ist. Der seit Jahren wütende Kampf zwischen den Metallarbeiterorganifationen in Solingen konnte trotz dreitägiger Bemühungen der Generalkommission und des Parteivorstandes bedauerlicherweise noch immer nicht beigelegt werden. Zwischen Metallarbeiterverband und Solinger Industriearbeiterverband tam fein Kartellvertrag zu stande. Das Organ des Bäckerverbandes brachte in der letzten Nummer einen anregenden, inhaltsreichen Artikel über„ Die Arbeiterin in unserer Organisation". Der Artikel behandelt die Fortschritte des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses der Arbeiterinnen im allgemeinen und verbreitet sich dann über die Organisierung der recht zahlreichen Arbeiterinnen, die in Schokoladen- und Zuckerwarenfabriten beschäftigt sind. Zum Schluß heißt es treffend: Man legt aber an die junge Arbeiterin oft einen falschen Maßstab und verlangt, daß bereits Mädchen von 17 bis 18 Jahren sofort mit demselben Ernste Zweck und Nutzen der gewerkschaftlichen Tätigkeit begreifen sollen wie ältere Männer. Sieht man sich darin getäuscht, so hält man sie überhaupt nicht für belehrbar. Man vergißt, daß in diesem Alter auch der junge Mann solchen Fragen meist ebensowenig Ernst entgegenbringt. Kümmert man fich aber eingehend um die wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterin, so weiß sie dies meist sehr bald zu schäßen und begreift das Wesentliche unserer Ziele sehr schnell." Das stimmt und sollte bei den Bestrebungen zur Organisierung der Arbeiterinnen in allen Berufen beachtet werden. Was betreffs der jugendlichen Proletarierin festgestellt ist, weist aber auch darauf hin, wie dringend es ist, daß der proletarische Nachwuchs ohne Unterschlied des Geschlechts auf geklärt und organisiert wird. Die Genofsinnen müssen unablässig bestrebt sein, die jungen Mädchen der sozialistischen Jugendbewegung zuzuführen. " # Vom Kampfplatz der Textilarbeiter im Eulengebirge. Die Weber und Weberinnen der Firma B. Neugebauer Söhne& Postpischil in Langenbielau sind bei ihrem Beschluß beharrt, sich dem neuen Lohntarif ihres Brotgebers" nicht zu fügen. Die AusSperrung ist daher nun, wie angedroht, auch über die Hilfsarbeiter verhängt worden. Ist es etwa Eigensinn und Leichtfertigkeit, daß die Ausständigen von einem Nachgeben wissen wollen, so daß Hunderte von Brüdern und Schwestern mehr in den Kampf ge= zogen worden sind? Gewiß nicht! Ihr Entschluß ist im letzten Grunde das Kind der Verzweiflung. Die Kämpfenden sind der Meinung, daß sie am alten Elend schwer genug zu tragen haben, und daß sie sich dem neuen, größeren Jammer nicht kampflos ergeben dürfen. Härtere Entbehrungen, schwärzere Not würde aber die Durchführung des neuen Lohntarifs bedeuten. Schier unerträglich müßte das Leben für sie werden, würde er ihnen aufge zwungen. Die armen Weber und Weberinnen des Eulengebirges haben schwer gelitten, als 1908 die Krise über sie hereingebrochen ist mit allen ihren Begleiterscheinungen: wenig Brot, Krankheit und namenlose Sorge in jeder Gestalt. Dazu die Teuerungspreise! Als hier und da die Arbeiter bescheidene Lohnerhöhungen zu fordern wagten, wurden sie erbarmungslos niedergebüttelt, Aussperrungen brachen ihre Auflehnung gegen allzuviel Hunger und Kummer. Sie mußten sich fügen. Eine Lohnreduktion folgte der anderen auf dem Fuße. Die Weber der Firma Jung zum Beispiel wurden mit einer Lohnreduktion von 10 bis 15 Prozent bedacht; bei der größten Firma in Langenbielau, bei Chr. Dierig, wurden verschiedene Webartikel bis 80 Prozent im Lohn herab Nr. 13 gesetzt. Die Spulerinnen der Firma Postpischil mußten sich eine Lohnreduktion von 30 Prozent gefallen lassen. Dazu weniger Beschäftigung und unregelmäßige Beschäftigung. Löhne von 3 bis 4 Mt. die Woche waren an der Tagesordnung, so daß Mann und Frau zusammen nur 7 bis 10 Mt. wöchentlich heimbrachten. Die Folgen der durch diese Zustände geschaffenen Unterernährung blieben selbstverständlich nicht aus: Typhus und Lungenschwindsucht griffen um sich und forderten zahlreiche Opfer. In der Filiale Langenbielau hat der Textilarbeiterverband 1908 nicht weniger als 63 Mitglieder durch den Tod verloren. Mehr als 500 Arbeiterfamilien wanderten im nämlichen Jahre aus, kehrten dem„ Vaterland" den Rücken, das ihnen ein wahrer Rabenvater war. Dreiviertel Jahre lang hatten sich die Arbeiter bei einer Beschäftigung von 4 Tagen in der Woche durchgehungert, in der Hoffnung, daß die Krise und damit die Not doch endlich ein Ende nehmen müsse. Die Krise ging zu Ende, denn 1909 ließen zur allgemeinen Freude die Betriebe wieder die volle Arbeitszeit schaffen, doch die Not sollte die alte bleiben, ja verschärft werden. So war es beschlossen im hohen Rate einiger Textilbarone. Zehn Bourgeoisfamilien wollen ja auch leben". Darum das Hungertuch, darum die verzweifelte Abwehr der Arbeiter! Von dem fargen Verdienst abgesehen, haben die Arbeiter und Arbeiterinnen des bestreitten Betriebes noch unter zahlreichen Mißständen gelitten. In zwanzig Jahren vierzehn Direktoren, von denen jeder natürlich neue erlösende" Ideen und neue Einrichtungen brachte, das will etwas heißen! Schlechtes Schuß- und Rettenmaterial trugen auch nicht zur Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft bei. Kurz, ein echt schlesisches Eden ist es, in dem diese Arbeiterschaft lebt, und nur die äußerste Not hat sie trot allem in den Kampf gepeitscht. Diese Not ist so allgemein, sie lastet so drückend auf allen, daß sie eine seltene Einigkeit und Aufopferungswilligkeit gezeitigt hat. Hoffentlich steht die Ausdauer der Kämpfenden auf der Höhe ihrer Solidarität, so daß sie den Sieg ed. erringen. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Der Verein der Dienstmädchen, Wasch- und Schenerfrauen von Hamburg, Altona und Umgegend hielt am 11. März eine Mitgliederversammlung im Gewerkschaftshaus ab. Die Anwesenden ehrten das Andenken des kürzlich verstorbenen Mitglieds Mathilde Summermundt. Nachdem die Vorsitzende mit geteilt hatte, baß sie in der nächsten Mitgliederversammlung von der Konferenz der freien Dienstbotenorganisationen Bericht erstatten werde, gab Genossin Kuhlmann bekannt, daß das Kostümfest eine Einnahme von 672,23 Mt. und eine Ausgabe von 472,81 Mr. gebracht, also einen überschuß von 199,42 Mt. abgeworfen hat. Einem durch Frau d'Haas angeregten Beschluß zufolge wird dieser Überschuß zur Anschaffung von Bureaumöbeln verwendet werden. Mit Aufmerksamkeit und Beifall nahm die Versammlung einen Vortrag des Genossen Busch entgegen über das Thema:„ Armut und Reichtum", der mit der Aufforderung an die Frauen und Mädchen schloß, in den Organisationen der tlassenbewußten Proletarier an der Erringung gleichen Rechts für alle Menschen mitzukämpfen. Einige Beschwerden über Arbeitsverhältnisse, die Fräulein Karstensen vorbrachte, wurden der Vorsitzenden zur Erledigung überwiesen. Frau W. frug bei den Revisoren an, wie sich die in der Abrech nung von 1907 angegebenen Zahlen zu dem Kartellbericht verhalten. Nach einer furzen Debatte, an der sich die Genosfinnen Kähler, Voß, Thalmann, Ruhlmann und Mangels beteiligten, stellte sich heraus, daß die bemängelte Differenz auf einem Irrtum beruht. Die Aspirator- Company ließ der Versamm lung einen Staubsaugapparat vorführen, welcher den Staub von allen Gegenständen leicht und gründlich entfernt. Mit dem größten Interesse folgten die Versammelten der Vorführung, die den Zweck hatte, die Mädchen anzuregen, daß sie den Herrschaften den Apparat zum Kauf empfehlen. Da im Stellennachweis, Gewerk schaftshaus, Besenbinderhof, reichlich offene Stellen angemeldet sind, liegt es im Interesse der Stellensuchenden, sich an den Nachweis zu wenden. B. Mangels. Verein der Dienstmädchen, Wasch- und Scheuerfrauen von Hamburg, Altona und Umgebung( Siz Hamburg). Kolleginnen! Mit der Entfendung einer Delegierten zur Dienstbotenkonferenz in Berlin haben die Mitglieder unseres Vereins dokumentiert, daß sie sich dem Zentralverband anschließen wollen. Von der Konferenz ist beschlossen worden, das Berliner Hausangestelltenblatt als Verbandsorgan einzuführen. Der Hamburger Verein hat bisher seinen Mitgliedern die„ Gleichheit" geliefert. Laut Beschluß der Nr. 13 Die Gleichheit Berliner Konferenz fann er vom 1. April 1909 an dieselbe seinen Mitgliedern nicht mehr zustellen. Der unterzeichnete Vorstand richtet daher die Bitte an die Mitglieder, denen die„ Gleichheit" lieb und wert geworden ist, Abonnent des Blattes zu werden. Die Einzelnummer foftet 10 Pf. Die Raffiererinnen unserer Organis sation sowie das Bureau derselben und alle Rolporteure des„ Hams burger Echo" nehmen Adressen entgegen. Mit Gruß Der Vorstand. J. A.: Luise Kähler. Der Dienstbotenverein Nürnberg hielt am 28. Februar eine Mitgliederversammlung ab, die trotz des günstigen Wetters und des Sonntags außerordentlich stark besucht war, ein beredtes Zeugnis für das rege Intereffe, das der Organisation entgegengebracht wird. Alle Anwesenden lauschten mit Aufmerksamkeit dem Vortrag des Arztes, der in flarer, leichtverständlicher Weise über den Blutfreislauf, die Aufgabe des Herzens, Ernährung und Atmung sprach. Er betonte dabei, daß die richtigen Kenntnisse darüber notwendige Vorbedingungen für die Abwehr von Krankheiten seien. Den Arbeitenden, deren einziges Gut die Gesundheit ist, müsse mehr als den Reichen an der Aufklärung über die betreffenden Fragen liegen. Reger Beifall zeigte das Interesse an den Ausführungen, und aus der Versammlung wurde der Wunsch laut, daß der Refe rent noch mehr Vorträge halten solle. In der Diskussion wies die Vorsitzende auf die Wichtigkeit der Organisation der Hausangestellten hin. Nur durch Geschlossenheit und Einigkeit könne den zahlreichen Mißständen ihrer Lage, wie schlechte Behandlung, ungesunde Schlafgelegenheiten, übermäßige Arbeitszeit, niedrige Entlohnung usw., entgegengewirkt werden. Und nur durch große Vereinigungen, die die Interessen der Angestellten sowohl in geistiger wie in materieller Beziehung voll vertreten, sei eine ersprießliche Wirksamkeit in diefer Richtung möglich. Ihre Ausführungen endeten in der Mahnung: Ihr Angestellten jeglicher Konfession, jeglichen Alters und Geschlechts, hinein in die Organisation, nur hier lernt ihr eure Menschenrechte fennen, lernt ihr emporsteigen über die Misere des Alltags! Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die Klage gegen die Musterherrschaft Goldstein zugunsten der Klägerin erledigt ist. Unser Mitglied hat das von der Herrschaft zurückgeforderte Weihnachtspräsent, 50 Mt., zugesprochen erhalten, ebenso die 24 Mt. für die als Ersatz gestellte Köchin. Ohne das Eingreifen des Dienstbotenvereins hätte die Familie Goldstein dem Mädchen nie die 74 Mr. herausbezahlt. Der Fall gibt eine beherzigenswerte Antwort auf die Frage: Was nüßt die Organisation? Es sei darauf auf mertsam gemacht, daß vom 1. April ab die„ Gleichheit" nicht mehr den Vereinsmitgliedern geliefert wird, sondern das„ Zentralorgan der Hausangestellten", die Monatsschrift unseres Zentralverbandes. Ebenfalls vom 1. April ab werden Beitragsmarken à 40 Pf. eingeführt. Auf den unten veröffentlichten Fragebogen kommen wir in Nr. 1 des Zentralorgans noch zu sprechen. Eine große öffent liche Dienstbotenversammlung, die sich mit der Erhebung beschäftigen wird, findet am 9. Mai statt. Zum Schluß noch die Mitteilung, daß am 25. April unser drittes Stiftungsfest im„ Sächsischen Hof“ stattfindet. Während der Tanzpausen wird der Kunst- Radfahrerverein fünstlerische Reigen aufführen, Mitglieder bringen ein Theaterstück zur Aufführung: Karolinens erster Dienst in der Stadt". Sämtliche Mitglieder sind freundlichst eingeladen. + Ein Erfolg der Dienstbotenbewegung. Die Eingabe des Nürnberger und Münchener Dienstbotenvereins an den bayerischen Landtag, der sich noch andere Organisationen ange= schlossen hatten, ist nicht ohne Wirkung geblieben. Die Verhand lungen darüber, welche den sozialdemokratischen Abgeordneten Auer und Segit Gelegenheit gaben, die äußerst verbesserungsbedürftige Lage der Dienenden zu zeigen und ihre Forderungen zu begründen, haben den Minister des Innern veranlaßt, wenigstens einen schwachen Versuch zu machen, die einschlägigen Verhältnisse durch amtliche Erhebungen festzustellen. An die Magistrate von München und Nürnberg ergingen Schreiben, in denen angefragt wurde, ob diese Städte bereit sind, sich an der Erhebung zu beteiligen. Diese soll sich mit Rücksicht auf die Kosten nur auf ein Zehntel der Dienstboten erstrecken. Dem Schreiben wurde ein Fragebogen beigefügt, der Auskunft über die folgenden Punkte fordert: Name des Dienstboten: Art der Beschäftigung des Dienstboten: Alter des Dienstboten: Name der Dienstherrschaft: Beruf der Dienstherrschaft: Wohnung der Dienstherrschaft:( Straße, Play) Nr...., Stock... 1. Welche und wieviel Personen gehören, abgesehen von dem ( den) Dienstboten zum Haushalt, und zwar: a. Dienstherrschaft ( Mann und Frau? Mann allein? Frau allein?) b. Kinder von 205 2 bis 14 Jahren und wie viele? c. Kinder unter 2 Jahren und wie viele? d. Sonstige Personen( erwachsene Kinder, erwachsene Verwandte, Zimmermieter usw.), wie viele und welcher Art? 2. a. Wie viele Dienstboten befinden sich im ganzen Haushalt? b. Werden außer dem( den) Dienstboten noch andere Arbeitskräfte ( Bugeherinnen, Wäscherinnen, Kindermädchen usw.) verwendet? Wenn ja, wie viele und zu welchen Arbeiten? 3. Wird der Dienstbote außer dem Haushalt auch zu Arbeiten für einen etwaigen Geschäftsbetrieb( Meggerei, Bäckerei usw.) verwendet? Wenn ja, zu welchen Arbeiten? 4. Welchen Monatslohn bekommt der Dienstbote, und zwar a. Lohn allein:... Mt., b. Biergeld:... Mt., c. wenn der Dienstbote kein Biergeld erhält: Wert des im Monat vereinbarungsgemäß verabreichten Bieres... Mt. 5. Bezahlt die Dienstherrschaft die Beiträge zur Kranken- und zur Invalidenversicherung ganz? 6. Wert( Anschlag) der jährlichen Nebeneinnahmen des Dienstboten: a. Trinkgeld usw.... Mt., b. Weihnachtsgeschenk... Mr., c. sonstige( Kleider usw.)... Mt. 7. Muß sich der Dienstbote das Abendessen in der Regel selber faufen? Wenn ja, welchen Geldbetrag gibt ihm die Herrschaft für ein Abendessen? 8. Wann muß der Dienstbote regelmäßig aufstehen: a. an Werktagen, b. an Sonn- und Feiertagen? 9. Wann ist der Dienstbote abends gewöhnlich mit der Arbeit für die Herrschaft fertig? 10. Ist der Dienstbote von früh bis abends ständig für den Haushalt beschäftigt oder finden auch Arbeitspausen statt, und wie lange dauern diese? 11. In welcher Weise ist der Sonntagsausgang des Dienstboten geregelt: a. wie oft? b. von wann bis wann? 12. Hat der Dienstbote an Sonn- und Feiertagen Gelegenheit zur Erfüllung seiner religiösen Verpflichtungen? ur 13. Hat der Dienstbote auch an Wochentagen Ausgang? Wenn ja a. wie oft? b. von wann bis wann? 14. Hat der Dienstbote einen Schlafraum für sich allein? Wenn nein: a. wie viele Personen schlafen sonst noch in dem Raum? b. wer sind diese anderen Personen( andere Dienstboten, Kinder der Herrschaft, pflegebedürftige Familienmitglieder usw.)? 15. Ist der Schlafraum des Dienstboten von innen ver schließbar? 16. a. Befindet sich der Schlafraum innerhalb oder außerhalb der Wohnung der Herrschaft? b. In letzterem Falle: wo( auf dem Speicher, im Hinterhaus usw.)? Befinden sich dort auch die Dienstbotenschlafräume anderer Haushaltungen? 17. Wird der Schlafraum tagsüber zu anderen Zwecken verwendet? Wenn ja: zu welchen? 18. a. Hat der Schlafraum ein Fenster? b. Wenn ja: wohin geht es? man 19, Sonstige Bemerkungen. ( Unterschrift des Beantwortenben.) Der Magistrat München hat beschlossen, den Wünschen des Staatsministeriums entsprechend an der Erhebung mitzuwirken. Der Nürnberger Magistrat wird voraussichtlich ebenso beschließen.+ Aus dem Leben des weiblichen Dienstpersonals. Vor dem Karlsruher Gewerbegericht wurde der dortige Kronenwirt Dreher von dem Büfettfräulein M. B. wegen rechtswidriger Ent lassung verklagt und zu einem Lohnersatz verurteilt. Dabei zeigte es sich wieder, welchen Schifanen diese weiblichen Bediensteten ausgesetzt sind. Als nämlich bei der Abrechnung der Wirtschaftstasse sich ein kleines Defizit von 2 Mt. ergab, wurde das Büfettfräulein sofort vom Dienstherrn des Diebstahls beschuldigt und angezeigt. Nach dem Rechte unseres bürgerlichen Klassenstaats ist ein der artiges stellenloses Geschöpf selbstverständlich fluchtverdächtig und muß am Davonlaufen durch Verhaftung gehindert werden. Das passierte auch Fräulein B. Des anderen Tages mußte die Verhaftete wieder freigelassen werden, denn es fonnte nachgewiesen werden, daß der Verdacht gegen das bis jetzt vollständig unbescholtene Mädchen ganz unhaltbar ist. Frauenstimmrecht. m. g. I. K. Das allgemeine Wahlrecht für alle großzjährigen Engländer und Engländerinnen fordert ein Antrag, den der liberale Abgeordnete Geoffroy Howard im englischen Unterhause ein gebracht hat, und über den am 19. März in zweiter Lesung vers handelt werden sollte. Der Antrag enthält die Forderungen, welche die sozialdemokratische Partei, die Arbeiterpartei und die Gewerks schaften auf ihren Kongressen in den letzten Jahren wieder und 206 Die Gleichheit wieder zur Wahlrechtsreform erhoben haben, und die auch von der Adult Suffrage Societyder von den Genoffinnen ge leiteten Wahlrechtsorganisation- mit allem Nachdruck vertreten und dem Begehren der Frauenrechtlerinnen nach dem beschränkten Damenwahlrecht entgegengestellt werden. Der Initiativantrag Howards wird von der Arbeiterpartei und auch von manchen liberalen Abgeordneten unterstützt. Er fordert, daß das Wahlrecht allen großjährigen Männern und Frauen zuerkannt wird, die vor dem 15. Juli eines jeden Jahres dreimonatige Seßhaftigkeit in einem Ort nachweisen können. Er bezweckt also eine weitgehende Demokratisierung des Wahlrechts, denn er entspricht dem Grundsatz: jedem großjährigen Manne, jeder großjährigen Frau eine Stimme ohne Unterschied des Besizes, des Einkommens, der Bildung, der gesellschaftlichen Stellung. Die Verwirklichung dieses Grundsatzes würde all den schreienden Vorrechten des Geldbeutels, der sozialen Stellung, des Amtes ein Ende bereiten, die heute noch das Wahlrecht in England verfälschen und verhunzen, Millionen Ausgebeuteter des Bürgerrechts berauben und manchen Gliedern der bürgerlichen Klassen ein Pluralvotum einräumen. Gleich zeitig darf der Antrag den Vorzug beanspruchen, daß er das Wahlrecht und was damit zusammenhängt vereinfachen würde. Die Bedingungen, an die jetzt der Besitz des Wahlrechts und die Eintragung in die Wählerlisten geknüpft ist, sind so verworren, verzwickt und schwer verständlich, öffnen derart arbeiterfeindlichen Praktiken Tür und Tor, daß sie das geltende Unrecht gegen die arbeitenden Massen noch vergrößern. Das Erscheinen des Antrags im englischen Parla ment darf außerdem das Verdienst beanspruchen, einem großen Teil der englischen Frauenrechtlerinnen die heuchlerische Maste der Demokratie vom Gesicht gerissen und sie als ganz gewöhnliche Verfechterinnen der Vorrechte des Besitzes enthüllt zu haben. Die Wirkungen, die er in dieser Hinsicht gezeitigt hat, bestätigen nur in der unanfechtbarsten Weise, gleichsam offiziell, was in diesem Blatt auf Grund vielseitiger Tatsachen schon des öfteren nachgewiesen worden ist. Lassen wir auch heute wieder Tatsachen reden, die steifnackigen Dinger. Der„ Nationalverband der Frauen stimmrechtsvereine"( National Union of Suffrage Societies) hat sich ganz entschieden, aber unter den fadenscheinigsten Gründen gegen den Antrag Howard erklärt. Unter anderem macht der Verband geltend, daß der Antrag der Frauenstimmrechtssache„ viele ihrer Freunde entfremden würde", lies: die reichen konservativen Damen und Herren, welche wie fie oft genug verblümt und unverblümt ausgesprochen haben- das Damenwahlrecht als Bollwerk gegen das allgemeine Wahlrecht aller Großjährigen und die Begehrlichkeit" der Massen heischen. Louisa Knightley, die Vorsitzende des„ Konservativen und Unionistischen Frauen stimmrechtsverbandes"( Conservative and Unionist Women's Franchise Association) hat im Namen dieser Organisation mit dem größten möglichen Nachdruckt ihre vollständige Mißbilligung" des Antrags ausgesprochen, weil er„ auf dem allgemeinen Wahlrecht beruht und von einem ganz neuen und revo= lutionären Charakter ist". Mrs. Fawcett, eine der angesehenften frauenrechtlerischen Führerinnen im Kampfe für das Frauenwahlrecht, hat in den„ Times" vom 15. März im Namen der Gesamtheit der Frauenstimmrechtsorganisationen den Antrag zurückgewiesen" und in den stärksten Ausdrücken gegen ihn protestiert". Die Liste ähnlicher frauenrechtlerischer Proteste könnte geradezu unendlich verlängert werden. Besonders herrlich nimmt sich die Erklärung einer Frauenrechtlerin aus, sie sei gegen das allgemeine Wahlrecht, weil dank ihm die Frauen eine Mehrheit bekommen würden, da sie ja die größere Hälfte der Bevölkerung bilden. Fast in allen frauenrechtlerischen Protesten gegen den Antrag Howard schaut die Angst der Besitzenden vor der politischen Macht der ausgebeuteten Massen hinter den grundsätzlichen und tattischen Erwägungen" heraus. Was jedoch von seiten bürgerlicher Frauen rechtlerinnen begreiflich und damit geschichtlich entschuldbar ist, wird unverständlich und unverzeihlich, wenn es von Frauen geschieht, die sich Sozialistinnen, Genossinnen nennen. Das Unbegreifliche ist aber in England Ereignis geworden. Genoffinnen, die schon bis jetzt mit den Damenwahlrechtlerinnen durch dick und dünn gegangen sind, machen auch jezt den reaktionären Feldzug gegen das allgemeine Wahlrecht mit. Allerdings mit einer anderen als der frauenrechtlerischen Begründung, aber auch die ist danach! Die Forderung des allgemeinen Wahlrechts, so erklären diese sonderbaren Heiligen, sei eine zu radikale, denn sie werde nie die Zustimmung des Oberhauses finden! Ja, wenn die Sozialisten nur Maßnahmen fordern wollen, die der Annahme durch das Oberhaus sicher find, dann können sie sich begraben lassen, dann werden sie binnen kurzem dem Bolte gerade so verächtlich sein wie die liberale Regierung, die auch aus Rücksicht auf die Billigung der " Nr. 13 hohen Herren ihr eigenes Reformprogramm nicht zu verwirklichen wagt. Im Gegensatz zu den erwähnten Kreisen haben sich die reinen Arbeiterinnenorganisationen, ebenso wie Genosfinnen, die in diesen tätig sind, wie die Genossinnen Macarthur, Bondfield, Glasier usw. für den Antrag Howard ausgesprochen. Es versteht sich, daß die Adult Suffrage Society zu seinen Gunsten eine ungemein rührige Tätigkeit entfaltet und sich besonders angelegen sein läßt, die gewerkschaftlich und politisch organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen zum energischen Eintreten für das allgemeine Wahlrecht aller Großjährigen in die Arena zu rufen. Auch das Organ der sozialistischen Frauengewerkschaften verficht mit Eifer und Geschick die Forderung und sucht besonders die Arbeiterinnen für sie zu gewinnen. So fehlt es nicht an Bemühungen, eine große und zielflare Voltsbewegung für das allgemeine Wahlrecht in Fluß zu bringen. Und eine solche Volksbewegung allein ist es, welche die Demokratisierung des Wahlrechts erzwingen wird. J. B. Askew. I. K. Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht für alle Großjährigen, das ist die Losung, für welche die Adult Suffrage Society unermüdlich wirkt. Besonders läßt die Organisation sich angelegen sein, diese demokratische Forderung der Verfälschung und Verhöhnung des demokratischen Prinzips entgegenzuhalten, welche das beschränkte Damenwahlrecht bedeutet. Kürzlich nüßten führende Genofsinnen eine große Versammlung des Nationalverbands der Frauenstimmrechtsvereine" in Reading dazu aus, in der Lady Frances Balfour und Mrs. Philipp Snowden Referentinnen waren. Der Verein für das allgemeine Wahlrecht aller Großjährigen"( Adult Suffrage Society) verteilte in der Versammlung Flugblätter, in denen Lady Balfours Ausspruch mitgeteilt ward, daß das„ beschränkte Wahlrecht so gut wie sicher eine Schuhwehr gegen einige der extremsten Forderungen der Ultraradikalen sein werde, wie zum Beispiel das allgemeine Wahlrecht". Das Flugblatt bewirkte, daß Mrs. Snowden mit Bischen begrüßt wurde, weil sie eine so ausgesprochen antidemokratische Maßregel wie das Damenwahlrecht verteidigen wollte. Noch ehe, daß ste oder Lady Balfour für die reaktionäre Forderung eintreten konnten, schlug Genossin Montefiore, die Schriftführerin der Adult Suffrage Society, aus der Mitte der Versammlung eine Resolution zugunsten des allgemeinen Wahlrechts vor. Mrs. Snowden wurde natür lich vergeblich aufgefordert, die Resolution zu unterstützen, dafür ward diese von der Versammlung mit Beifall aufgenommen. Nach englischer Gepflogenheit hat der Vorstand des Vereins an den Premierminister die Anfrage gerichtet, ob er eine Deputation emp fangen würde, die Näheres über die Wahlrechtsreform zu erfahren wünsche, die er selbst in der letzten Parlamentssession angekündigt habe. Der Minister erklärte mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß seine öffentlichen Verpflichtungen ihm nicht gestatteten, die Deputation zu empfangen. Mit anderen Worten: er wollte vermeiden, Positives über die Stellungnahme der Regierung zum allgemeinen Wahlrecht zu sagen. Bei der Eröffnung der Parlamentssession gingen Mitglieder der Adult Suffrage Society im Zuge der demonstrierenden arbeitslosen Frauen. Sie trugen sogenannte " Sandwichplatate" große Platate, die auf Brust und Rücken der Träger angeschnallt sind, auf denen das allgemeine Wahl recht gefordert wurde. Für Ende April plant der Verein in Ver bindung mit sozialistischen und gewerkschaftlichen Organisationen eine große Demonstration für das allgemeine Wahlrecht. Er darf sich ein großes Verdienst daran zusprechen, daß die Forderung in den Vordergrund des öffentlichen Interesses geschoben wird. I. K. Eine sozialistische Riesendemonstration für das Frauen. wahlrecht in den Vereinigten Staaten. Der 28. Februar bildet einen Markstein in der noch sehr jungen Geschichte unserer ameri fanischen sozialistischen Frauenbewegung. Einer Anregung des Nationalfomitees nachkommend, hat die Sozialistische Partei im ganzen Lande, vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean, diesen Tag als nationalen Frauenstimmrechtstag" würdig be gangen. Allenthalben wurden enthusiastische Versammlungen ab gehalten, über tausend an der Bahl, in denen sozialistische Redner und Rednerinnen die Frauenfrage vom sozialistischen Standpunkt erörterten. Eine ungeheure Menge sozialistischer Propagandaliteratur wurde dabei verteilt. Die„ New Yorker Volkszeitung" und ber ,, New York Evening Call" fowie der Chicago Daily Socialist" und das sozialistische Frauenorgan„ Progressive Woman"( Forts schrittliche Frau") waren zu diesem Tage als besondere Frauenstimmrechtsnummern erschienen. Die Frauenstimmrechtsbewegung hat während der letzten zwei bis drei Jahre überhaupt in den Vereinigten Staaten einen starken Aufschwung genommen; aber noch nie zuvor wurde eine so gewaltige Demonstration zugunsten des vollen politischen Bürgerrechts des weiblichen Geschlechts ver Nr. 13 Die Gleichheit 207 anstaltet wie die vom 2S. Februar, welche von keiner Frauen- orcianisation getragen wurde, sondern von einer emporblühenden politischen Partei, die bereits eine Mitgliedschaft von 50 000 Männern und Frauen umfaßt. Der sozialistische Frauenstimmrechlsanlrag hat denn auch in weiten Kreisen Aufsehen erregt, und die gesamte kapitalistische Presse, welche sonst sozialistische Aeranstaltungen allzu gern totschweigt, war gezwungen, davon Notiz zu nehmen, m. st. 1. K. Eine offiziell« Auseinandersetzung über das Frauen- stimmrecht findet alljährlich in A l b a n y, der Hauptstadt des Staates New Uork, vor dem Justizkomilee der gesetzgebenden Ge- walten statt. Vor diesem parlamentarischen Ausschuß erscheint jedes- mal eine starke Delegation von Frauenstimmrechtlerinnen sowie eine Delegation jener beklagenswerten Feindinnen ihres eigenen Geschlechts, der Antifrauenrechtlerinnen. Beide entwickeln vor dem Justizlomitee ihre Gründe für und wider das Frauenstimmrecht. Die„Locialist Party", welche im vorigen Jahre bei dem offiziellen Empfang zum erstenmal vertreten war, hat dazu in diesem Jahre wieder ihre Delegierten entsandt. Die bürgerlichen Frauenrechtle- rinnen, die den Sozialismus noch mehr fürchten, als sie das Stimmrecht begehren, legten der Meinungsäußerung der Sozial- demokraten allerlei Schwierigkeiten in den Weg, so daß es der sozialistischen Delegierten Frau Anita C. Block nur mit größter Mühe gelang, das Wort zu erhalten, und ihr wie ihrem Mitdele- gierten wurden nur je fünf Minuten Redezeit gegeben. Daraufhin verzichtete Genossin Block zugunsten ihres Mitdelegierten auf ihre Ansprache und stellte diesen, den bekannten sozialistischen Schrift- steller und Redner, John Spargo, mit folgenden Worten vor: .Ich freue mich, Ihnen den einzigen Mann vorzustellen, der heule hierher gekommen ist, um die Sache der Frauen zu versechten, und ich bin stolz darauf, daß dieser Mann ein Vertreter der Sozia- listischen Partei ist." Genosse Spargo hielt eine treffliche An- spräche, in der er die Stellung des Sozialismus der Frauenbewe- gung gegenüber kurz begründete. Trotz der vorausgegangenen stillen Opposition der versammelten Frauenrechtlerinnen ernteten seine Aussührungen reichen Beifall. m. st. I. X. Das kommunale Frauenwahlrccht in Dänemark hat nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten sieben Frauen in der Stadt- verordnetenverfammlung von Kopenhagen Sitz und Stimme ver- liehen. Zwei der weiblichen Stadtverordneten sind Sozialdemo- kratinnen, zwei bürgerliche Radikale, zwei Konservative und die siebente wurde als unabhängige Kandidatin bürgerlicher Frauen- rechllerinnen gewählt. Wir werden über die Wahlen noch aus- sührlich berichten. I. X. Vom Kampf nm das politische Bürgerrecht der Frauen in Oesterreich. Im Monat Januar wurde bekanntlich das öfter- reichische Abgeordnetenhaus geschlossen, weil die nationalen Leiden- schaften einen solchen Grad erreicht hatten, daß eine parlamenla- rische Verhandlung nicht mehr möglich war. Die farbigen Bänder und der Bummel deutscher Studenten am Graben zu Prag hatten den nationalen Krakeel auf der Straße entsacht, die wahnsinnigen Hetzereien der tschechischen Nationalen, die kein deutsches Wort in den Straßen Prags mehr dulden wollten, halten ihn geschürt. Nun setzte sich das sinnlose Toben im Parlament fort. Es genügte die Redewendung eines Ministers, der jede beleidigende Absicht fem- lag, um den Reichsrat in eine Raufbude zu verwandeln. Es wurde getrommelt, gepfiffen, geblasen, Automobtlhuppen und Siebet- hömer ertönten. Ein deutschnationaler„Volksvertreter" erbat sich von einem tschechischen„Feind" das Nebelhorn zum Probieren. Daran konnte man ungefähr erkennen, wie sehr die Siationalen auf beiden Seiten Komödie spielen. Die Regierung fand es in der Situation für das bequemste, das Parlament zu schließen und die Abgeordneten nach Hause zu schicken. Durch die Schließung der Session waren alle schon eingebrachten Anträge hinfällig. Als da- her am 10. März das Parlament wieder eröffnet wurde, hat auch die sozialdemokratische Fraktion alle Anträge aufs neue ge- stellt, die sie schon im Laufe der vorherigen Session eingebracht hatte und die noch nicht erledigt waren. Unter diesen Anträgen befindet sich auch ein Antrag des Genossen Adler, der die Ab- änderung der Wahlordnung fordert, und zwar Ausdehnung des Wahlrechts auf die Frauen und Herabsetzung des Wahlrechtsalters auf 21 Jahre. Genosse Perner- storfer beantragt die Abänderung des Vereinsgesetzes, vor allem die Aufhebung der Beschränkungen, die für den Beitritt der Frauen zu politischen Vereinen bestehen. Es versteht sich, daß beide Anträge, welche für das weibliche Geschlecht die volle politische Gleichberechtigung verlangen, im Namen der sozialdemokratischen Fraktion gestellt worden sind. Die politischen Organisationen der Proletarierinnen werben bestrebt sein, den erhobenen Forderungen Nachdruck zu verleihen, um ihnen zum Siege zu verHelsen. a. p. Weibliche Fabrikinspektoren. Die Anstellung mindestens einer Beamtin für jeden preußischen Gewerbeinspektionsbezirk hat im Hause der Drei- llassenschmach die sozialdemokratische Fraktion in einem Antrag ge- fordert, der überhaupt eine bessere Ausgestaltung der Fabrik- inspektion bezweckte. Außer der bereits hervorgehobenen Forderung verlangte er noch, daß Arzte und Arbeiter zur Gewerbeaufsicht hinzugezogen werden. Genosse Borgmann begründete den Antrag in einer längeren sachkundigen Rede. An der Hand von reichem Material stellte er einleitend die lässige Durchführung des gesetz- lichen Arbeiterschutzes fest, hob hervor, daß es fast ausschließlich das Verdienst der Sozialdemokratie und Gewerkschaften ist, auf Mängel und Mißstände in der Gewerbeordnung hingewiesen zu haben, und übte scharfe Kritik an jener sogenannten„Mittelstands- Politik", welche die soziale Gesetzgebung vor den Handwerks- betrieben haltmachen lasse, wo recht oft die schamloseste Ausbeutung der Arbeitskräste an der Tagesordnung sei. Ohne ärztliche Sach- kenntnis, führte Genosse Borgmann weiter aus, sind die unter- suchenden und kontrollierenden Beamten der Gewerbeaufsicht nicht in der Lage, die einschlägigen Verhältnisse richtig zu beurteilen, wie es im Interesse der Arbeiter notwendig wäre. Auch die Hinzu- ziehung von Kräften aus der Arbeiterschaft zur Fabrikinspektion ist vollauf gerechtfertigt, da nur sie viele Dinge mit Sachkenntnis zu beurteilen vermögen. Die sozialdemokratische Forderung, die An- stellung zahlreicher Gewerbeaufsichtsbeamtinnen betreffend, findet ihre Begründung in zwei Tatsachen: die weibliche Arbeits- kraft dringt immer mehr in die Industrie ein, und die Arbeite- rinnen haben viel mehr Vertrauen zu weiblichen Aufsichtsbeamten als zu männlichen. Genosse Borgmann verwies daraus, daß das, was der sozialdemokratische Antrag fordere, in manchen Bundesstaaten bereits beginne, verwirklicht zu werden. Die bayerische Regierung zum Beispiel unterstützte die Ausstellung eines Arztes bei der Fabrikinspektion wie folgt: „Mit dem 1. Januar 1907 ist bei dem Staatsministerium des Königlichen Hauses und des Äußern ein Landesgewerbearzt als hygienischer Berater der Gewerbeaufsichtsbeamten angestellt worden. Ihm ist als selbständige Tätigkeit die Ausführung von Betriebs- besichtigungen in gesundheitsgefährlichen Gewerbezweigen, ein- schließlich der Hausindustrie, dann die Untersuchung gewerblicher Erkrankungen, namentlich Vergiftungen, und die Begutachtung von Maßnahmen zur Verhütung solcher Erscheinungen übertragen. Die Wirksamkeit seiner Tätigkeit hängt wesentlich davon ab, daß er förderliche Unterstützung bei den beamteten Ärzten und bei mit der Arbeiterversicherung, namentlich der Krankenversicherung, be- faßten Stellen findet. Die Bezirksärzte haben dem Landesgewerbc- arzte dienstfreundlich entgegenzukommen, ihre Beobachtungen un- aufgefordert mitzuteilen und bei der Ärzteschaft ihrer Bezirke da- hin zu wirken, daß auch diese den Landesgewerbearzt tunlichst unter- stützen. Die öffentlichen Krankenkassen werden ohne besondere» Aufwand an Zeit und Kosten imstande sein, dem Landesgewerbe- arzt auf sein Ersuchen erforderliche Aufschlüffe zu erteilen und von wichtigen Erscheinungen unaufgefordert Mitteilungen zu machen. Besonderer Wert ist darauf zu legen, daß gewerbliche Erkrankungen und Vergiftungen, auch verdächtige Fälle rechtzeitig dem Landes- gewerbearzt bekannt werden." Genosse Borgmann konnte mit Recht erklären, daß die Stellung- nähme der bayerischen Regierung ein neuer Beweis dafür sei, daß Preußen in der Welt hintendrein hinkt, wenn es sich um sozial- politische Reformen handelt. So berechtigte Forderungen der sozialdemokratische Antrag im Interesse der Ausgebeuteten erhob, so wenig energische und ernste Unterstützung fand er seitens der bürgerlichen Parteien des Geldsackparlaments, ob sie mit schäm- loser Offenheit eine arbeiterfeindliche Politik treiben wie die Kon- servativen, oder eine heuchlerisch geschminkte wie das Zentrum, die Nationalliberalen und der Rest. Der Konservative Hammer war außer sich über die Zumutung, zur Kontrolle über die Beob- achtung der Gesetzesvorschristen Arbeiter heranzuziehen. Werde ihr nachgegeben, so komme man, sieht er voraus, auf den besten Weg,— o Graus!— bald in jeder Werkstatt zu kontrollieren. Minister Delbrück suchte nachzuweisen, daß es nichts Idealeres gibt, als die preußische Sozialgesetzgebung. In Preußen hätte man schon eine übergroße Anzahl von Gewerbeaufsichtsbeamten. Was die Zuziehung von Frauen zur Fabrikinspektion betrifft, so werde jedes Jahr eine neue Beamtin angestellt, und dies Tempo des Vorgehens genüge vollkommen. Die Beteiligung der Arbeiter an der Ausübung der Gewerbeaufsicht halte er für höchst unzweck- mäßig. Das Zentrum, das Arbeiter in seinem Schlepptau hat, konnte sein unternehmerfürchtiges Herz nicht zu offen enthüllen. 208 Die Gleichheit Sein Redner lehnte den sozialdemokratischen Antrag nicht ab, meinte aber, in manchen Gewerbeinspektionsbezirken, wie zum Beispiel in Essen, seien Assistentinnen überflüssig, da dort die Anzahl der ges werblich tätigen Frauen gering sei. Sollten die Herren vom Zentrum tatsächlich nicht wissen, daß im Königreich Krupp viele Tausende Männer so erbärmlich entlohnt werden, daß die Frauen in großer Zahl zur Heimarbeit unter den elendesten Bedingungen gezwungen sind? Genosse Hirsch trat den Ausführungen des Zentrumsmannes entgegen und befürwortete eindringlich die Anstellung von Assistentinnen. Die Nationalliberalen brauchten den Lurus einer Arbeiterfreundlichkeit à la Zentrum nicht, sie waren daher ganz und gar" mit den Ausführungen des Herrn Ministers einverstanden, daß der sozialdemokratische Antrag unausführbar und unannehmbar sei. Der sozialdemokratische Antrag wurde schließlich der Kommission für Handel und Gewerbe überwiesen. Die Arbeite rinnen werden sich keinen Illusionen darüber hingeben, was das Dreillaffenhaus aus ihm macht. ed. Eine zweite Beamtin für die Gewerbeaufsicht in Finnland ist von dem Industrierat des Landes in Aussicht genommen. In Finnland marschiert die Sozialreform schneller als in Preußen. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Von der sozialistischen Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten. Das nationale Frauenkomitee der Socialist Party( Sozialdemokratische Partei), welches im Mai vorigen Jahres auf dem nationalen Parteifongreß in Chicago begründet wurde, verschickte an alle örtlichen Organisationen der Partei ein Rundschreiben, in welchem es die Bildung lokaler Frauenkomitees dringend empfahl. Es ist bereits damit begonnen worden, solche Komitees zu bilden, beren Aufgabe es sein wird, mehr Frauen zur Tätigkeit innerhalb der Partei heranzuziehen. Das nationale Frauenkomitee hat ferner eine Reihe von Flugschriften herausgegeben, die der sozialistischen Agitation unter den Frauen dienen. Während das nationale Frauenfomitee und die lokalen Frauenkomitees auf diese Weise innerhalb der Partei tätig sind, wirkt eine andere nicht minder rege und viel versprechende Frauenorganisation außerhalb der Partei für dasselbe Ziel. Die„ Socialist Women's Society", welche vor acht Monaten ins Leben gerufen wurde, stellt es sich zur Aufgabe, hauptsächlich solche Frauen zu erfassen, die der Be wegung noch fernstehen und also nicht durch die Partei selbst erreicht werden können. Der Verein wirkt hauptsächlich erzieherisch mittels Vorträgen, Vortragskursen, Diskussionen, Lesezirkeln usw. Der schon seit elf Jahren bestehende deutsche Sozialdemokra tische Frauenverein" hat sich unlängst mit der neuen Organifation zusammengeschlossen, und beide wirken nun vereint als ,, Socialist Women's Society", die zurzeit aus elf deutschen, sechs englischen und einer jüdischen Zweigorganisation besteht. Die Socialist Women's Society" hat an den Veranstaltungen zum nationalen Frauenstimmrechtstage regen Anteil genommen und bereitet sich jetzt auf eine Demonstration zur internationalen Maifeier vor. " 21 Die Frau in öffentlichen Aemtern. m. st. Die Tätigkeit der Frauen im Dienste der Gemeinde Charlottenburg ist umfangreicher und vielseitiger, als sich dies mit dem üblichen Maß borussischen Unverstandes auf kommunalpolitischem Gebiet verträgt. Nach einer Mitteilung des Magistrats an die Stadtverordnetenversammlung wirkten in der Armenpflege von Charlottenburg 3 Frauen als Mitglieder der Arment̃ommission, 18 als Armenpflegerinnen, 6 als besoldete Kräfte in der Auskunftsstelle und 1 als besoldete Oberin des Bürgerhauses. In der Waisenpflege waren Frauen tätig: 3 als beratende Mitglieder der Deputation für die Waisenpflege, 8 als Mitglieder der Pflegestellen- und Kleiderprüfungskommiffion, 148 als Waisenpflegerinnen, 108 als Pflegerinnen des freiwilligen Erziehungsbeirats, 2 als befoldete Angestellte im Pflegestellenwesen, 2 ebenfalls in der Generalvormundschaft. Die Deputation für Gesundheitspflege hat in der Lungenkrankenfürsorge 5, in den Stellen für Säuglings fürsorge und Vorernährung 8 Schwestern angestellt; ehrenamtlich betätigen sich gerade in der Säuglingsfürsorge zahlreiche Frauen. Auf dem Gebiet des Schulwesens stehen die Dinge wie folgt: eine Lehrerin ist Mitglied der Schuldeputation, die Leitung der Mädchenfortbildungsschule ruht in der Hand einer Lehrerin, der Kindergarten hat ebenfalls weibliche Leitung, es amtiert eine Schul ärztin, Lehrerinnen sind mit der Aufsicht über die Haushaltungsfüchen betraut. Lehrerinnen und andere Frauen haben wiederholt an Beratungen und Besprechungen der kommunalen Verwaltung Nr. 13 teilgenommen. Die Stadtverordnetenversammlung von Charlottenburg hat im Herbst letzten Jahres eine noch weitere Heranziehung des weiblichen Geschlechts zur fommunalen Verwaltung beschlossen, der bündigste Beweis dafür, daß die Arbeit der Frauen sich bewährt hat. Trotzdem haben sich bis jetzt die wenigsten Gemeinden in Preußen und dem übrigen Deutschland ein Beispiel an dem lobenswerten Vorgehen von Charlottenburg genommen. Als Assistenzärztin am städtischen Elisabeth- Krankenhaus zu Aachen, das unter der Leitung des Professors Dr. Wesener steht, ist mit dem 1. Januar d. J. Fräulein Dr. med. Danielevicz eingetreten. Dem Vernehmen nach stehen der Dame aus ihrer früheren ärztlichen Tätigkeit die besten Zeugnisse zur Seite. Bu nächst ist sie mit der Behandlung der Kinderkrankheiten betraut. Eine offizielle Verteidigerin für jugendliche Angeklagte bei der Strafkammer zu Hamburg ist zugelassen worden. Es ist Fräulein Dr. jur. Anna Schulz, Leiterin der Hamburger Zentrale für Jugendfürsorge. Die Vergehen Jugendlicher, die vor die Straffammer kommen, sind Urkundenfälschung, Betrug und Bettel. Zum Mitglied des 168. Gemeindewaisenrats in Berlin wurde von den städtischen Körperschaften Frau Hörnig ernannt, die Gattin eines Fabritarbeiters. Daß eine Proletarierin in Deutschland mit einem öffentlichen Amt betraut wird, ist noch seltener, als daß eine bürgerliche Frau ein solches erhält. Frauenbildung. Eine Frauenrechtsdebatte fand jüngst im weimarischen Landtag statt. Die Veranlassung hierzu gab ein Gesuch der Vereine Frauenbildung, Frauenstudium und Frauenwohl in Jena, die um die Zulassung von Mädchen in die Oberrealschule dieser Stadt ersuchten. Der Petitionsausschuß hatte den Antrag gestellt, das Gesuch in dieser Form abzulehnen, aber der Regierung als Material die in dem Gesuch enthaltene Forderung zu überweisen, Mädchen in die höheren Knabenschulen des Landes zuzulassen. Die Regierung zeigte sich in der Sache nicht besonders entgegenkommend. Die Zulassung von Mädchen in die höheren Knabenschulen, so erklärte ihr Vertreter, könne immer nur ganz ausnahmsweise einmal geschehen. Die Frage aber, eine dem Ge such entsprechende höhere Mädchenschule zu schaffen, sei noch nicht spruchreif. Eine der bestehenden höheren Mädchenschulen im Lande so auszubauen, daß sie Schülerinnen zum Universitätsstudium vorbereiten könne, toste jährlich mindestens 15000 bis 20000 Mt. Eine solche Summe vermöge das kleine Großherzogtum bei der jetzigen Finanzlage nicht für ähnliche Zwecke aufzuwenden. Der freisinnige Lehrer, Abgeordneter Polz, strich darauf die Erfolge heraus, welche die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen erzielt haben. Als unser Ge nosse, Abgeordneter Baudert, darauf über die Bestrebungen der sozialdemokratischen Frauenbewegung sprach und betonte, daß diese sich in jeder Beziehung, bezüglich ihres Umfanges wie ihrer Erfolge mit allen bürgerlichen Gruppen der Frauenrechtlerinnen messen könne, mußte der Abgeordnete Polz diese Feststellung mit einem ,, Sehr richtig!" bestätigen. Obwohl im Verlauf der längeren De batte der Antrag gestellt wurde, die allgemeine Forderung auf Bu laffung von Mädchen zu den höheren Knabenschulen der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen, fand sich doch dafür eine ge= nügende Mehrheit im Landtägle nicht zusammen. Der Antrag war schon im Ausschuß von unserem Genossen Baudert gestellt worden. Zur Begründung hatte er darauf hingewiesen, daß es das er strebenswerte Ziel sein müsse, allen Mädchen, die nach einer höheren Bildung verlangen, auch Gelegenheit zu geben, sich eine solche anzueignen. Obwohl zurzeit noch nicht daran zu denken sei, daß die Töchter der arbeitenden Bevölkerung von den höheren Mädchenschulen einen direkten Vorteil hätten, trete er mit seinen Freunden aus prinzipiellen Gründen für die erhobene Forderung ein. Außer unseren drei Genossen Baudert, Beck und Leber stimmte nur ein Teil der liberalen Abgeordneten für deren positive Berücksichtigung. Der andere Teil der Liberalen ging mit den Agrarkonservativen zusammen. Dieser Ausgang ist erklärlich, wenn man sich vor Augen hält, daß im weimarischen Landtag bei der Mehrheit der Abgeordneten für Fraueninteressen kein Verständnis vorhanden ist, weil die Mehrheit agrarisch ist, und ein richtiger Agrarier nur für solche Vorlagen stimmt, bei denen er etwas bt. profitiert. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.