Nr. 14 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark. Inhaltsverzeichnis. In letzter Stunde. Von gh. Hinter den Kulissen. Von M. Kt. und Kinderarbeit in Sachsen. III. Von H. F. Stuttgart 12. April 1909 Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Arnold Dodel. Von Eugen Lewin. Der Schutz der Heimarbeiter in der Reichstagskommission. Fort mit den Ausnahmegesetzen für Dienstboten und ländliche Arbeiter! Von ed. Frauen Die dänischen Frauen bei den Kommunalwahlen. Von Th. Stauning. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Politische Rundschau. Von H. B.- Gewerkschaftliche Rundschau. Verband der polnisch- katholischen Vereine der arbeitenden Frauen. Vom Kampfplatz der schlesischen Textilarbeiter. Aus dem rheinischen Textilgebiet. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. Fl. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.- Frauenstimmrecht.-Landarbeiterfrage. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenbewegung. In letzter Stunde! Eine weltumfassende Wirtschaftskrise verheert seit Jahresfrist durch Arbeitslosigkeit und Entbehrung die Volkswohlfahrt in unserem Vaterland. Gleichzeitig offenbarte sich die Unfähigkeit und Gefährlichkeit des persönlichen Regiments durch eine Reihe von Enthüllungen aller Welt. Unwille und Empörung darüber, daß die Laune eines einzelnen entscheidend sein kann für das Schicksal eines großen Volkes, loderten in ganz Deutschland empor. Der Volksgrimm fand seinen Widerhall auch im Reichstag. Redner aller Parteien gaben ihrem Unwillen über diese schmachvollen Zustände kräftigen Ausdruck. Aber den großen Worten sind keine Taten gefolgt. Alle Anregungen und Anträge der Sozialdemokraten, die eine sofortige Stärkung des Reichstags gegenüber der Macht des Kaisers und der Bureaukratie verlangten, wurden von den anderen Parteien niedergestimmt. Die Reichstagsmehrheit bebte zurück selbst vor Ausnutzung derjenigen Machtmittel, die dem Reichstag jetzt schon zur Verfügung stehen. Nach wie vor werden also die einflußreichen Interessenverbände der Großgrundbesizer, der Großindustriellen und der Großkapitalisten durch unkontrollierbare Hintertreppeneinflüsse den maßgebenden Einfluß auf die Regierung ausüben können. Nach wie vor werden die Ausbeuterinteressen unbedingt die Oberhand behalten über die Arbeiterinteressen. Nach wie vor besteht also die Gefahr, daß ohne Wissen und Willen der Volksvertretung Deutschland über Nacht in einen Krieg verwickelt werden kann. Nur wenn das Volk durch seine Vertreter über Krieg und Frieden ent scheiden kann, nur wenn der Reichskanzler und die Minister dem Reichstag wirklich verantwortlich sind, nur wenn Berufung und Entlassung der Minister nicht mehr abhängt von Wille oder Laune eines einzelnen, ist das deutsche Volk vor der Wiederfehr solcher Blamagen gesichert, wie wir sie im November erlebt haben. Die Erwartungen des Volkes wurden schmählich getäuscht! Statt neuer Rechte stehen ihm neue Lasten in Aussicht. In der Zeit schwerster wirtschaftlicher Bedrängnis wird der arbeitenden Bevölkerung zugemutet, jährlich 500 Millionen Mark neuer Steuern aufzubringen. Von Jahr zu Jahr sind die Ausgaben für Heer und Marine gestiegen bis zur ungeheuerlichen Summe von 1500 Millionen Mark im Jahr. Zu einer Einschränkung der Rüstungen und damit der Ausgaben sind die Regierung und die herrschenden Parteien nicht zu bewegen gewesen. Vor wenigen Tagen erst wurde ein Antrag der Sozialdemokratie, mit England wegen Einschränkung des Flottenbaues zu verhandeln, vom Reichstag abgelehnt. Werden aber die Rüstungen nicht eingeschränkt, so ist die weitere Erhöhung der Steuerlasten die unvermeidliche Folge. Die Vertreter der besitzenden Klassen und die Regierung, die für diese Rüstungspolitik verantwortlich sind, wissen aber die dadurch entstehenden gewaltigen Mehrausgaben auf die Schultern der besitlosen Klassen abzuwälzen. Einig sind sie darin, daß mindestens 400 Millionen Mark durch Belastung des Massenverbrauchs aufgebracht werden sollen. Gegen diese indirekten Steuern treten nur die Sozialdemokraten auf. Streit ist zwischen den Vertretern der Besizinteressen nur darüber entbrannt, ob und wie noch etwa 100 Millionen Mark mehr durch direkte Reichssteuern aufgebracht werden sollen. Gegen die Einführung einer Nachlaßsteuer wehren sich erbittert die Agrarier. Sie fürchten, daß durch die Feststellung der Erbschaftsbeträge die großen Steuerhinterziehungen an den Tag kommen und fünftig unmöglich gemacht würden. Noch sind diese Interessentämpfe nicht zum Abschluß gekommen. Noch ist es Zeit, einzugreifen. Männer und Frauen des arbeitenden Volkes! Erhebt eure Stimme und zeigt den herrschenden Klassen, daß ihr nicht gewillt seid, euch weiter so behandeln zu lassen! Proteftiert gegen weitere indirekte Steuern! Protestiert gegen das verderbliche, völkerverhekende Wettrüften! Protestiert gegen persönliches Regiment und Beamtenwillkür! Verlangt Rechenschaft von euren Abgeordneten wegen ihrer Nichtachtung der Volksrechte! Fordert die Selbstregierung der Nation und die Demokratisierung des öffentlichen Lebens in Staat und Reich! Berlin, den 2. April 1909. Die sozialdemokratische Fraktion des deutschen Reichstags. Der Parteivorstand. 210 Arnold Dodel. Die Gleichheit Zu seinem Todestag, 11. April 1908. Wenn ich den Namen Arnold Dodel ausspreche, so weiß ein jeder Proletarier, woran ich denke. Die meisten haben seine Schriften' gelesen, und allen ist es bekannt, daß er ein Erzieher zur naturwissenschaftlichen Bildung, ein begeisterter Freund des Volfes und um einen Grundzug seines Wesens durch ein homerisches Wort zu bezeichnen, ein Rufer im ein Rufer im Streit" gewesen ist. Das neunzehnte Jahrhundert, das Jahr hundert der Naturwissenschaft und des Sozialismus, brauchte Menschen, die den gerüsteten Heerscharen mit starker, eindring, licher, unvergeßlicher Stimme die Kampfesparole zuriefen. Einer der würdigsten von ihnen ist Arnold Dodel gewesen. Als Lehrer der Botanik an einer Universität erkannte er früh die Bedeu tung des Darwinismus für die Forschung und für das Leben. Mit der ganzen Wucht seines Wesens setzte er sich für die neue Lehre ein; aber von allen, die Seite an Seite mit ihm stritten, unterscheidet er sich in einem wesentlichen Zuge. Bevor er Professor wurde, hatte er als Volksschullehrer gewirkt; und niemals betonte er später den Wert der Entwicklungslehre nur als Gelehrter für die Forschung, sondern auch und eigentlich in erster Linie als Voltserzieher für die großen Aufgaben der Pädagogik. Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß bei den jenigen Schweizern, die sich ernstliche Verdienste um den Fortschritt der Kultur erworben haben, das pädagogische Interesse im Vordergrund ihrer Wirksamkeit stand. Wir brauchen nur an die Namen Rousseau und Pestalozzi, an die erzieherischen Tendenzen in den Dichtungen Jeremias Gotthelfs und Gottfried Rellers zu erinnern. Arnold Dodel hat seine schweizerische Herfunft ebensowenig wie in der Art seines literarischen Ausdrucks, so auch darin nicht verleugnet, daß er als Vorfämpfer des Darwinismus seinen Blick vor allem auf die Jugend, auf die emporſteigende Bewegung der Generationen gerichtet hielt. Und das mag wohl in erster Linie der Grund dafür gewesen sein, daß er den Weg zum Sozialismus fand. Gleichzeitig wurzelt aber auch in diesem pädagogischen Interesse seine edle und reine Achtung vor dem Weibe, insofern es Mutter und Er zieherin ist. In längst verflossenen Jahren, als junger Dozent der Naturwissenschaften an der Universität Zürich, ist er lebhaft für das Hochschulstudium der Frauen eingetreten, um dann über diese Forderung hinaus, von sozialistischen Ideen getragen, weiterzuschreiten zu der umfassenderen: der vollen, uneingeschränkten Gleichstellung des Weibes in der Gesellschaft. Die Menschwerdung unseres ganzen Geschlechts wird erst vollendet sein mit der Menschwerdung des Weibes. In der ganzen Auffassung dieses Gedankens, seiner Gründe und seiner Konsequenzen, zeigt es sich klar, wie Dodel den naturwissenschaftlichen Darwinismus mit seinem Sozialismus, das heißt mit dem erzieherischen Interesse für die Vollendung des Lebens in dem Aufstieg ferner Generationen, aufs engste verfnüpfte. Die Unterdrückung des Weibes ist in wirtschaftlichen Erscheinungen begründet. Der Untergang des primitiven Kommunismus und die Entstehung des Privateigentums machte das Weib zum Eigentum, zur Sflavin des Mannes. Dieses wirtschaftliche Geschehen fand seinen entsprechenden und wirksamen Ausdruck in dem biblischen Mythos von der Erschaffung des Weibes aus einer Rippe des Mannes und von seiner Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies. Diese Mythen haben seit Jahrhunderten die Gesinnung der Menschen beeinflußt und vergiften noch heute den Geist von Tausenden, die der Erziehung der Kirche ausgeliefert sind. Der Kampf für die volle Gleichberechtigung der Frau muß sich also sowohl gegen das Privateigentum als die soziale Wurzel aller Ungleichheit, vie auch gegen den verderblichen Mythos richten. Den Kampf gegen das Privateigentum führt der Sozialismus; denjenigen gegen die kirchliche Frrlehre die naturwissenschaftliche Aufklärung. In seinem größeren Aufsatz, betitelt„ Vom Weibe", sagt Arnold 1 Alle für diesen Aufsatz benutzten Schriften von Arnold Dodel find erschienen im Verlag Diet Stuttgart, Internationale Bibliothek. * Internationale Bibliothet, Band 26 b. Seite 180. Nr. 14 Dodel:„ Die ökonomische Entwicklung unserer gegenwärtigen Gesellschaft wird zur Korrektur der Unnatürlichkeit, zur Sühne des Unrechts führen, das der Mann in Ansehung des Weibes durch Jahrtausende der Menschheitsentwicklung begangen hat." Und an ciner anderen Stelle seiner Schriften ruft er die Forderung aus:„ Die Frau muß erst selbst zur Ehrfurcht vor ihrer eigenen Mission erzogen werden. Sie muß lernen, im heiligen Naturgeschehen die Gesetze der Zeugung zu erkennen und das Schwergewicht ihrer Verantwortlichkeit beim Bauen der Brücken ins Reich des Unendlichen zu erfassen." Wir wissen jetzt, aus welcher gemeinsamen Wurzel diese beiden Gedanken, die Dodel an ganz verschiedenen Stellen seiner Schriften als bedeutsame Anregungen ausgesprochen hat, hervorgegangen sind. Es ist das Wesen des Mannes selbst, seine scharf gezeichnete, eindrucksvolle Persönlichkeit. Er war und blieb immer ein Schulmeister von der rechten Art, ein Volfserzieher. Er richtete seine Worte stets im Geiste an eine Jugend, die um Ideale ringt. Und diese seine Worte selbst tragen das Zeichen der Jugend: Aufrichtigkeit, die unfähig ist, fich hinter einer Maske zu verbergen. Für jeden, der Dodel einmal nahegetreten ist, muß es unmöglich sein, in der Erinnerung das Bild eines Mannes zu verwischen, dessen Persön lichkeit so charakteristisch war. Arnold Dodel war von vollendeter Natürlichkeit. Einem Kinde gleich war er unfähig, seine Gedanken und Gefühle berechnend zu verbergen. Kaum war es ihm möglich, den Strom seines Erlebens einzudämmen; über sich selbst in zweiter Instanz zu Gericht zu sitzen. Sowie sich eine Vorstellung ihm aufdrängte, griff er schnell und sicher nach dem Worte, das niemals zweideutig und meistens siegreich war; er griff danach wie einer, der das Schwert zieht. Denn in seinem Innern brannte, wie das ewige Licht im Heiligtum, eine tief erregte, man fann fast sagen zornige Begeisterung für die Wahrheit. * * * Langsam, langsam drängt sich die Aprilsonne durch den Nebel. Zuweilen rauscht ein fruchtbarer Frühlingsregen herab. In den Parkanlagen am Zürichberge singen Amseln und Finken ihre ersten Lieder, und in dem schönen, jezt schweigsamen und verlassenen Garten der Villa Arnold Dodels erschließen die Primeln ihre sonnenfarbenen Blüten dem jungen Lichte. Vielleicht warten sie, wie in früheren Zeiten, darauf, daß der alternde Mann, der sonst so lebhaft, voll so tiefen Verständnisses das Erwachen der Erde genoß, aus dem Hause heraustrete, um seine Lieblinge zu grüßen. Sie warten umsonst. Das Leben da drinnen ist stumm geworden. Denn im vergangenen Jahre, zur selben Zeit, da die ersten Blüten sich öffneten, schlossen sich seine Augen für immer. Sein Mund ist nun verstummt, aber sein Wort lebt weiter. Das Losungswort, das der treue ,, Rufer im Streit" unter die kämpfenden Reihen warf, wird nicht sterben. Es gehört zu den Worten, die da helfen uns zum Siege zu führen. Eugen Lewin- Zürich. Der Schutz der Heimarbeiter in der Reichstagskommission. gh. Kurz vor den Osterferien des Reichstags begann in der Kommission die Beratung derjenigen Bestimmungen in dem " Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung", die sich auf die„ Hausarbeit" beziehen. Die Bestimmungen sollen einen besonderen Titel( 7a) der Gewerbeordnung bilden und nach dem ersten Paragraphen des Titels (§ 139n) auf die Werkstätten angewendet werden, in denen: 1. der Arbeitgeber ausschließlich solche Personen beschäftigt, die zu seiner Familie gehören, 2. eine oder mehrere Personen gewerbliche Arbeit verrichten, ohne von einem den Werkstattbetrieb leitenden Arbeitgeber beschäftigt zu sein. 1 Internationale Bibliothek, Band 26 b, Seite 210. * Internationale Bibliothet, Band 34, Seite 208. Nr. 14 Die Gleichheit 211 Diese Personen einschließlich der Arbeitgeber in Ziffer 1 gelten als Hausarbeiter im Sinne der vorgeschlagenen Bestim- mungen.— Nach Z 139 o der Vorlage sollen als Werkstätten neben den Werkstätten im Sinne des§ 105 b Abs. 1(Bergwerke, Fabriken usw.) auch solche Räume gelten, die zum Schlafen, Wohnen oder Kochen dienen, wenn darin gewerbliche Arbeit verrichtet wird, sowie im Freien gelegene gewerbliche Arbeits- stellen. Die Sozialdemokraten schlugen vor, daß die Kommission die Verhältnisse der Hausarbeit im weiteren Sinne planmäßig regeln und damit die Unklarheiten beseitigen möge, die auf diesem Gebiete bestehen. Zu diesem Zwecke beantragten sie, den ersten Paragraphen des Titels in folgender Weise zu faffen: Die Bestimmungen finden auf Heimarbeiter, Hausarbeiter und Hausgewerbetreibende Anwendung. Im Sinne dieses Gesetzes sind: a. Heimarbeiter diejenigen Personen, die allein oder mit Fa- milienangehörigen in der eigenen Wohnung oder in fremder Ar- beilsstätte(Platzarbeiter) im Auftrag und für Rechnung von Unternehmern oder Hausgewerbetreibenden gewerblich tätig sind, und zwar auch dann, wenn sie die Roh- und Hilfsstoffe selbst beschaffen, b. Hausarbeiter diejenigen Personen, die im Auftrag und für Rechnung von Hausgewerbetreibenden in deren Wohnung oder Arbeitsstätte gewerblich tätig sind, und zwar auch dann, wenn sie die Roh- und Hilfsstoffe selbst beschaffen, c. Hausgewerbetreibende diejenigen Personen, die im Auftrag und für Rechnung von Unternehmern oder vorübergehend für eigene Rechnung in eigener oder fremder Wohnung oder Ar- beilsstätte Hausarbeiter oder Heimarbeiter beschäftigen. Die Debatte über diesen Antrag ist bezeichnend für die Art, wie die bürgerlichen Parteien und die Regierungen den Schutz der Heimarbeiter abtun wollen. Alle bürgerlichen Parteien er- klärten sich gegen den Antrag, weil eine planmäßige Regelung der ganzen Heimarbeit gar zu schwierig sei. Die Reichsver- waltung ließ erklären, daß für sie der Antrag der Sozial- demokraten unannehmbar sei. So wurde der Antrag mit allen Stimmen gegen die der Sozialdemokraten und des Polen abgelehnt und der Vorschlag des Regierungscntwurfes ange- nommen. § 139p der Vorlage gibt dem Bundesrat die Befugnis, vorzuschreiben, daß in den Räumen, in denen Arbeit für Haus- arbeiter ausgegeben oder Arbeit von solchen Personen abge- nommen wird, an einer in die Augen fallenden Stelle eine Tafel ausgehängt werden muß, die in deutlicher Schrift die für die einzelnen Arbeiten jeweilig gezahlten Löhne enthält. Hierzu beantragte das Zentrum den Zusatz, daß solche Vor- schristen, soweit sie nicht vom Bundesrat erlassen sind, durch Anordnung der Landeszentralbehörden oder durch Polizeiver- ordnungen der zuständigen Polizeibehörden erlassen werden können. Der Zusatz entspricht einer Änderung, die die Vor- läge bereits für den Erlaß anderer Verordnungen vorgeschlagen hat. Demgemäß wurde der Antrag angenommen. Wichtiger ist ein Antrag der Sozialdemokraten zu dem Paragraphen. Nach dem Antrag sollen die Unternehmer bei Ausgabe der Arbeit den Hausarbeitern in einem Buch oder auf einem Zettel genaue Angaben über Art und Umfang der übertragenen Arbeit sowie über die Lohnsätze aushändigen, wie es bereits im§ 114a der Gewerbeordnung für gewisse Gewerbe vorgesehen ist. Der Zweck des Antrages ist der, daß den Haus- arbeiten: Klarheit geschaffen wird über die Arbeit, die sie über- nehmen, und über den Lohn, den sie zu beanspruchen haben. Trotzdem bekam es der freisinnige Abgeordnete Manz fertig, gegen den Antrag der Sozialdemokraten Einspruch zu erheben, weil der Antrag den Unternehmern zu viel Arbeit verursachen würde. Schließlich wurde jedoch der Antrag angenommen. Nach§ 139g kann für Gewerbezweige, die mit besonderen Gefahren für Leben oder Gesundheit verbunden sind, durch die zuständigen Polizeibehörden im Wege der Verfügung für einzelne Werkstätten die Ausführung derjenigen Maßnahmen angeordnet werden, die zur Durchführung der folgenden Grund- satze erforderlich erscheinen: 1. Die Werkstätten, einschließlich der Betriebsvorrichtungen, Maschinen und Gerätschaften, müssen so eingerichtet und unter- halten werden, daß die Hausarbeiter gegen Gefahren für Leben und Gesundheit so weit geschützt sind, wie es die Natur des Be- triebe? gestattet. Insbesondere ist für genügendes Licht, ausreichenden Luft- räum und Luftwechsel, Beseitigung des bei dem Betrieb ent- stehenden Staubes, der dabei entwickelten Dünste und Gase so- wie der dabei entstehenden Abfälle Sorge zu tragen. Ebenso sind diejenigen Vorrichtungen herzustellen, die zum Schutze gegen gefährliche Berührungen mit Maschinen oder Ma- schinenteilen oder gegen andere in der Natur der Betriebsstätte oder des Betriebs liegende Gefahren erforderlich sind. 2. Auf die Gesundheit der Hausarbeiter unter 18 Jahren müssen diejenigen besonderen Rücksichten genommen werden, die durch da? Alter dieser Arbeiter geboten sind. 3. Arbeiten, bei denen dies zur Verhütung der sonst mit ihnen verbundenen Gefahren für Leben oder Gesundheit erforderlich erscheint, dürfen nur in solchen Räumen verrichtet werden, die ausschließlich hierfür benutzt werden. Die Grundsätze sind so selbstverständlich, daß ihre Durch- führung auch selbstverständlich für alle Betriebe sein sollte, zu- mal die Grundsätze schon seit jeher in der Gewerbeordnung den Unternehniern als eine bindende Verpflichtung auferlegt sind. Die Sozialdemokraten vertraten die Ansicht, daß sich diese Verpflichtungen auf alle Unternehmer, also auch auf die erstreckt, die Hausarbeiter beschäftigen. Die Regierungen aber sind jetzt entgegengesetzter Meinung. Deshalb beantragten die sozialdemokratischen Abgeordneten, daß ausdrücklich erklärt werde: die§§ 105 bis 106, 113 bis 119a, 120 bis 124a, 135 bis 138 finden auf die Hausarbeiter entsprechende Anwen- dung. Hierdurch würden die Ziffern 1 und 2 des K 139 q überflüssig werden, und es genügte dann, daß die Ziffer 3 als besonderer Absatz angefügt wird. Außerdem würde damit ans die Hausarbeiter die Geltung der Schutzvorschriften ausgedehnt, die die Gewerbeordnung für die anderen Arbeiter enthält, die aber auch für die Hausarbeiter zweckmäßig sind. Das Zentrum hat ebenfalls mehrere Anträge gestellt, um die Beschränkungen zu beseitigen, die die Vorlage für die Anwendung jener Grund- sätze vorsieht. Die Debatte hierüber wird erst nach den Oster- ferien zu Ende geführt werden. Wir werden weiter darüber berichten. Bei der Rolle, welche gerade die Frauenarbeit in der Hausindustrie spielt, ist der Kampf um den gesetzlichen Schutz der Heimarbeit für die Genossinnen von besonderer Be- deutung. Hinter den Kulissen. Eine lange Reihe glänzender Fraucnnamen ziert die Ge- schichte der Schauspielkunst, vollgültigen Beweis dafür er- bringend, daß die Frau auf diesem Gebiet der Kunst dem Manne gleichwertige Leistungen an die Seite zu stellen vermag. Während in früheren Jahrhunderten Frauenrollen auf dem Theater von Männern gespielt wurden, ist die Frau als Dar- stellerin auf der modernen Bühne unentbehrlich und unersetz- lich geworden. Damit ist sie aber auch Teilhaberin geworden an der großen materiellen, geistigen und seelischen Not, unter der der Schauspielerstand seit Jahrhunderten zu leiden hat. Das, was dem Laien der Beruf des Bühnenkünstlers so ver- lockend erscheinen läßt: die schwindelnd hohen Gagen, von denen die bürgerlichen Blätter reklamehaft zu melden wissen, die Huldigungen, mit denen das Publikum seine Lieblinge unter den Darstellern zu überschütten pflegt, die Auszeichnungen, die ihnen von den sogenannten„Großen" dieser Erde erwiesen werden: sie existieren nur für eine kleine, dünne Schicht von Schauspielern, während die große Masse der Bühnenkünstler und-künstlerinnen in drückender Abhängigkeit und stetem Kamps mit wirtschaftlicher Not ihre Kräfte zerreibt. Gerade die Kunst, von der der Bourgeois verzückten Auges zu schwärmen liebt, hat der Kapitalismus zu einer Domäne der abscheulichsten Aus- beutungspraktiken gemacht. Ja, dem Bühnenproletariat gegen- über waltet er mit noch größerer Rücksichtslostakeit als dem 212 Die Gleichheit Nr. 14 Lohnarbeiter und der-arbeiterin gegenüber, weil jeneZ ihm völlig schütz- und rechtlos überliefert ist. Eine ganze Reihe von übelständen im Theaterwesen treffen Mann und Frau mit gleicher Härte. Wir nennen nur die Schutzlosigkcit in Alter und Krankheit, die Arbeitslosigkeit außer- halb der Saison. Aber auch die Bestimmungen der Verträge, die unter Mißachtung aller Menschenrechte der Ausgebeuteten einseitig im Unternehmerinteresse abgefaßt sind, benachteiligen mit wenigen Ausnahmen die männlichen wie die weiblichen Bühnenangehörigen in gleicher Weise. So steht es den Direk- toren frei, ob und wie oft sie ein Bühnenmitglied beschäftigen wollen. Da die Schauspieler außer der Gage auf das ihnen für jedes Auftreten zustehende Spielhonorar angewiesen sind, kann der Unternehmer also mißliebige Künstler jederzeit pekuniär wie künstlerisch ruinieren. Macht sich die Direktion eines Kon- traktbniches schuldig, so hat sie eine Konventionalstrafe zuzahlen; begeht aber ein Bühnenmitglied dasselbe Verbrechen, so soll es auch nach Bezahlung der Konventionalstrafe noch drei Jahre brotlos sein; bezahlt es die Konventionalstrafe nicht, sogar fünf Jahre! Als kontraktbrüchig gilt schon der Schauspieler, der einmal zu spät zur Probe oder zur Vorstellung kommt. Auch in bezug auf das Kündigungsrecht haben die Theaterleiter sich weitgehende Vorrechte garantiert. Dazu kommt eine Reihe von Paragraphen, welche sich direkt gegen die weiblichen Bühnenmitglieder richten. Heiratet eine Künstlerin, so muß sie sich verpflichten, auf jede Bühnentätig- keit für die Dauer des Vertrags zu verzichten; für die Bühnen« leitung ist der Vertrag ohne weiteres vom Tage der Eheschließ- ung an kündbar. Einer verheirateten Soloküustlerin kann die Direktion von dem Tage an, da mau ihr die Mutterschaft au- merkt, alle Bezüge vorenthalten. Uneheliche Mutterschaft aber gilt als Grund für sofortige Entlassung. Unter den Ungerechtigkeiten dieser Bestimmungen hatte die Masse der Schauspieler von jeher schwer gelitten. Als aber in den« neuen Entwurf eines Bühnenvertrages der Theater- direktoren die bisherige Rechtlosigkeit der Bühnenkünstler ver- ewigt werden sollte, setzte in Berlin jene Protestbewegung der in der»Bühileiigenossenschaft* organisierten Schauspieler und Schauspielerinnen ein, die in den letzten Wochen zum ersten- mal seit langer Zeit die Aufmerksamkeit des Publikums auf die verrotteten Zustände in der Theaterwelt lenkte. Da hörte man dann auch von der geradezu jammervollen Entlohnung, mit der alles, was nicht große berühmte Namen trägt, sich ab- speisen lassen muß. Von 25000 deutschen Bühnenangehörigen haben 40 Prozent ein Jahreseinkommen von unter 1000 Mk., und nur 10 Prozent ein solches über 3000 Mk. Während 90 Prozent der Arbeitgeber Reingewinne von Zehntausenden einstecken und nur etwa 10 Prozent keine geschäftlichen Erfolge haben, leben 90 Prozent der Bühnenangehörigen in bitterer Armut, und nur 10 Prozent gelingt es, in die Höhe zu kommen. Also genau das umgekehrte Verhältnis! Monatsgagen von 30 bis 60 Mk. sind für junge Anfänger nichts Seltenes. Und die Frauen werden beim Theater, weil sie Frauen sind, noch schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Eine achtbare Künstlerin hatte es in 26 Leidensjahren nie über einen durch- schnittlichen Monatsverdienst vou 95 Mk. gebracht. Monats« gagen von 35 bis 120 Mk. rechnen schon zum guten Durch- schnitt. Am Hofthcater in Kassel erhält eine erste Kraft 130 Mark Monatsgehalt. Aber auch diese Summen sind nicht als Reinverdienst an- zusehen. Ein raffiniert ausgedachtcs Strafgeldersystem ermög« licht es der Direktion, den Künstlern und Künstlerinnen auf ganz legale Art einen Teil der Gage wieder abzunehmen. 5 Prozent der Gage fließen außerdem für die ganze Kontrakt- dauer in die Tasche des Agenten, 5 Prozent in die Pensions- lasse. Einen ständigen Posten des Schauspielerbudgets bilden ferner die Kollekten für die große Zahl der notleidenden Kol- legen. Von dem, was dann noch übrig bleibt, soll nicht nur der Lebensunterhalt, sondern auch der Toilettenaufwand be- stritten werden, den die Bühne erfordert. Während nach dem geltenden Schauspielerrecht der Direktor dem männlichen Bühnen- künstler die historische, einschließlich der phantastischen Tracht zu liefern hat, halten die Direktoren der Bühnenkünstlerin gegen- über an dem uralten Gewohnheitsrecht fest, ihr alle Ausgaben für die Bühnentoilette aufzubürden. Von der dürftigen Gage hat sie nicht nur die Anschaffungskosten für eine Reihe von historischen Kostümen, für Trikots, Perrücken, Handschuhe, Schuhzeug, Schminke zu decken, sondern auch die sehr hohen laufenden Beträge für die moderne Garderobe. In Anbetracht der unsinnigen Ansprüche, die heute das zahlungsfähige Publi- kum an die Schönheit und Echtheit der historischen Kostüme, wie an die Pracht und Eleganz der modernen Toiletten zu stellen beliebt, ist das eine Last, die höchstens die kleine Zahl glänzend honorierter Bühnensterne zu tragen vermag. Den anderen bleibt nur die Wahl, entweder zu Hungen,, oder sich bei der Selbstanfertigung der Garderobe, zu der doch auch nicht alle Künstlerinnen befähigt sind, zu überarbeiten. Ein so un- billiges Verlangen sollte niemand stellen, der weiß, wie an- strengend und nervenzerstörend die Berufstätigkeit der Schau- spielerin ohnehin ist. Täglich 3 bis 4 Stunden Probe, mehrere Stunden Rollenstudium, abends 4 bis 5 Stunden Aufenthalt im Theater bilden eine mehr als ausreichende Arbeitslcfftung. Für diejenigen, welche schnell Karriere machen wollen, bleibt noch ein dritter Ausweg: die Prostitution.... Es gibt viele Theaterdirektore», welche ihre Schauspielerinnen verblümt und unverblümt auf diesen Weg verweisen, und sehr viele Künstle- rinnen gehen ihn, gezwungen durch die Rot, verleitet durch den Ehrgeiz, rasch vorwärtszukommen. Sehr, sehr oft entscheidet nicht das Talent, sondern die kostbare Ausmachung, welche die einzelne Künstlerin ihren Rollen zu geben vermag, für die Förderung, die ihr von der Direktion zuteil wird. So haben wir also in der Kostümfrage im Zusammenhang mit der Niedrigkeit der Gagen die Hauptursache zu suchen für den moralischen Schmutz und die Fäulnis der Theaterzustände, über welche ftomme Philister dann mit heuchlerischem Augenverdrchen zetern. Lange hatten die Schauspielerinnen sich widerstandslos unter die Willkürherrschaft des Unternehmertums gebeugt, die sie schwerer traf als ihre männlichen Kollegen. Die meisten hielten sich sogar der 1871 geschaffenen Organisation, der„Genossen- schaft deutscher Bühnenangehöriger"', fern. Mit dieser Gleich- gültigkeit aber war es mit einem Male vorbei, als der bereits erwähnte neue Bühnenvertragsentwurf den Künstlern und Künstlerinnen zum Bewußtsein brachte, daß man sie von neuem mit Sklavcnketten fesseln wolle. Ter von einer eneegischen Gruppe geführten Protestbewegung schloffen sich auch die Frauen mit großer Begeisterung an. Gemeinsan, forderte man zur Ab- Hilfe all der schreienden Mißstände im Theaterwesen den Erlaß eines Reichstheatergesetzcs. Die Frauen aber leiteten kürzlich in einer Berliner Versammlung noch eine besondere Agitation gegen die heutige Behandlung der Kostümsrage ein. Sie for- derten, daß die gegenwärtig nur bei einigen Hoftheatern üb- liche Lieferung der historischen Kostüme allgemein eingeführt, darüber hinaus aber auch die Garderobe, die daS A, Proton in modernen Stücken erfordert, von der Direktion geliefert werden müsse. Das Kostüm gehöre mit zur Ausstattung des Stückes, und es sei ein unverschämtes Ansinnen, daß die Künftkvinnen dem Direktor die Stücke ausstatten sollen. Die Schaafcüele- rinnen forderten außerdem, daß auch ihnen wie den Sange- rinnen und Tänzerinnen zur Schonung ihrer Gesundheit die sogenannten Respektstage allmonatlich gewährt werden, ohne daß ihnen, wie dieS heute üblich ist, die Gage gekürzt wwbe. In schöner Solidarität haben sich hervorragende Bühnen- künstlerinnen Berlins, die es eigentlich„nicht nötig" haben, an die Spitze der Bewegung gestellt, um die wirtschaftliche Bester- stellung der notleidenden Kolleginnen in der Provinz, wie der jungen Anfängerinnen herbeizuführen. Die so lange abseits verharrten, stehen nun mit einem Schlage mitten in den wirtschaftlichen Kämpfen unserer Tage, und ganz wie in den Gewerkschaftsversammlungen der Loh:r> arbeiter und-arbeiterinnen erklingen hier Schlagworte wie: .Lohnkampf",„Kampf gegen die Ausbeutung",„Hinein in die Nr. 14 Die Gleichheit Organisation" usw. Die Ausgebeuteten der Handarbeit verfolgen dieses erste bewußte Auslehnen des Bühnenproletariats gegen die Tyrannei des Kapitals mit herzlicher Sympathie. Tapferes Ausharren in dem begonnenen Kampfe wird auch Schauspielerinnen und Schauspieler zu Siegen führen. M. Kt. Fort mit den Ausnahmegesehen für Dienstboten und ländliche Arbeiter. Mußerst reformbedürftig ist die Lage der Landarbeiter und der Dienstboten. Während den industriellen Arbeitern die unzureichenden Gesezesbestimmungen der Gewerbeordnung immerhin etwas schützend zur Seite stehen, sind die Landarbeiter und Dienstboten völlig rechtlos, ja zum Teil unter Ausnahmegesetze geftellt. Ihnen fehlt jegliche gesetzliche Regelung der Arbeitszeit und der übrigen Arbeitsbedingungen, besonders in gesund heitlicher Hinsicht; sie kennen nicht die Wohltat einer reichsgesetzlichen Krankenversicherung. Dafür seufzt das Gesinde wie das Landproletariat in vielen Teilen Deutschlands unter dem Roalitionsverbot, das heißt der Vorenthaltung des Rechtes, sich zum Zwecke der Erlangung günstigerer Arbeitsbedingungen zusammenzuschließen. Das„ einige" Deutschland hat sich bis heute noch nicht dazu aufschwingen können, die Rechtsverhält niffe der auf dem platten Lande beschäftigten Arbeiter wie der Dienstboten einheitlich zu regeln. Das ist eine ebenso traurige wie unanfechtbare Tatsache. Die rechtlichen Bedingungen, unter denen die Proletarier in land- oder forstwirtschaftlichen Be trieben und die Dienenden fronen, sind unwürdig, sie machen Menschen völlig rechtlos und stellen sie zum großen Teil unter Ausnahmegesetze. Etwa 12 bis 14 Millionen ländlicher Arbeiter und Dienst boten werden durch zahlreiche Überreste einer längst verschollenen Zeit in ihren Existenzverhältnissen und damit in ihrer Ent wicklung gehemmt. So ragt noch bis in unsere Tage das preußische Gesetz von 1854, laut welchem Dienstboten und ländliche Arbeiter einer bestimmten Kategorie strafbar werden, wenn sie ungehorsam, widerspenstig sind oder den Vertrag verlegen. Dagegen find Junker und Großgrundbesitzer, sind die „ Herrschaften" straffrei, wenn sie ihrerseits den Vertrag brechen. Das Gesetz trägt noch ganz den Stempel der Hörigkeit und bedroht die von ihm bezeichneten ländlichen Arbeiter sowie die Dienenden mit Gefängnis bis zu einem Jahre, wenn sie die Arbeitgeber oder die Obrigkeit dadurch zu Zugeständnissen zwingen wollen, daß sie die Einstellung der Arbeit verabreden oder andere Arbeiter zu solchen Verabredungen auffordern. Doch dieses preußische Gesetz steht nicht allein. Mehrere deutsche Vaterländchen haben vor nicht langer Zeit Bestimmungen geschaffen, welche die alte Herrlichkeit" festhalten sollen. Ein ähn liches Gesetz wie das berüchtigte von 1854 wurde von Anhalt im Juli 1899, von Reuß im Mai 1900, von Brandenburg im November 1900 eingeführt. Vor all diesen geseglichen Rechtsbeschränkungen der ländlichen Arbeiter und des Gesindes hat das preußische Gesez nur das ehrwürdige" Alter voraus. Wenn in manchen deutschen Einzelstaaten das Koalitions verbot für die Landarbeiter auch aufgehoben ist, so sind diese im großen und ganzen doch rechtlos. In 26 Vaterländern" ist das Verhältnis zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern ( Dienstboten und ländlichen Arbeitern) verschiedenartig geregelt. Hier das Koalitionsrecht, wenn auch beschränkt, dort völliges Roalitionsverbot. In Hannover zum Beispiel ist erlaubt, was im angrenzenden Braunschweig als gesezwidrig unter Strafe steht. Was gar die vielgestaltigen Gesindeordnungen betrifft, so ist ihre bloße Existenz eine unerhörte Schande für die deutschen Rechtsverhältnisse. Wir haben in Preußen allein nicht weniger als 19 Gesindeordnungen. Die älteste ist das Dienst botenebift für Lauenburg von 1732, dann kommt die Ordnung vom Jahre 1797 für Kaffel, Marburg, Rintelen, Hanau, dann die preußische Verordnung vom Jahre 1801, die altpreußische Gefindeordnung für die altpreußischen Provinzen vom November " 213 1810. Hannover allein kann sich„ rühmen", vier Gesinde ordnungen zu haben. Die jüngste Gesindeordnung ist die für Ostfriesland und das Harlingerland vom Juli 1859. Diese Gesindeordnungen, die lediglich Pflichten des Gesindes festsetzen, von ihren Rechten aber schweigen, sind Ausnahmegesetze der schlimmsten Art, da sie die Regelung der Arbeit ausschließlich der Willkür der jeweiligen Arbeitgeber überlassen. Mit Recht fonnte Genosse Stadthagen die Koalitionsbeschränkungen und Strafbestimmungen, die für die ländlichen Arbeiter und Dienstboten bestehen, als einen Schlag ins Gesicht der Gleichberech tigung brandmarken. Wie schmählich für unsere Rechtsverhält nisse, daß man sagen kann: In Bayern anderes Recht als in Sachsen, in Sachsen anderes Recht als in Preußen, in Preußen anderes Recht als in Mecklenburg!... Wie soll denn da der ländliche Arbeiter, der nicht mehr das ganze Jahr beschäftigt wird, die Rechtsverhältnisse in den verschiedenen Bundesstaaten kennen, wie soll er sich denken, daß in dem einheitlichen Deutschen Reich, wo für die Besitzenden ein einheitliches Reichsgesetz geschaffen ist, für die Besitzlosen wenigstens auf strafrechtlichem Gebiet kein einheitliches Recht besteht?" " Diese mittelalterlichen Rechtsverhältnisse existieren noch, obwohl der Reichstag im Jahre 1896 beinahe einstimmig eine Resolution annahm, die eine einheitliche gesetzliche Regelung des Arbeitsverhältnisses zwischen Arbeitgebern und Arbeit nehmern der bezeichneten Art forderte. Der Zustand ist um so unhaltbarer, als die außerordentlich niedrigen Löhne die Landarbeiter zu Protest und Kampf drängen. In Schlesien, Ostpreußen, Westpreußen, Pommern gibt es Gegenden, wo der Verdienst der Landproletarier noch nicht einmal 1 Mt. täglich beträgt, wenn er auf alle Tage im Jahre verrechnet wird. Jahresverdienste kommen vor von unter 400 Mt., unter 350, ja von 300 Mt., sie sind behördlich festgestellt worden. Das ist auch aus den Berichten der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften und der Invalidenversicherungsanstalten zu ersehen. Laut dem Bericht für 1907 der Invalidenversicherungsgesellschaft haben Tausende Landarbeiter im reichen Pommern ein Jahreseinkommen von unter 550 Mt., und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Armen hat nicht einmal ein Jahres einkommen von 300 Mt. Die„ Leutenot", über die die Herren Agrarier lamentieren, ist erklärlich angesichts der empörend niedrigen Löhne, deren sich die ausgebeuteten Proletarier auf den adeligen Gütern zu erfreuen" haben. Ein Blick in einen Vertrag vom Gute Vietgeft, das dem Fürsten von Schaumburg- Lippe gehört, wirst ein eigentümliches Licht auf die fürstlichen Löhne", die dort gezahlt werden. Da betrug der Barlohn eines Arbeiters 265,20 Mark jährlich, wovon 20 Mt. für Miete abgingen. Die Frauen erhielten beim Schafscheren, Waschen, Schlachten und Milchen pro Stunde 6% Pf., in der Heu- und Kornernte 20 Pf., die Kinder des Taglöhners bekamen pro Tag 40 Pf. In PaßMr. leck erhält der Arbeiter außer den Naturalien 90 mt. Jahreslohn. Am selben Orte wird der Scharwerker im Sommer mit 40 Pf. und 2 Pfund Roggen pro Tag, im Winter mit 30 Pf. und 21% Pfund Roggen pro Tag entlohnt. Wenn so erbärmlich gezahlte Arbeiter und Arbeiterinnen tun, was sie in ihrer Lage als ihre Pflicht betrachten müssen, wenn sie ihre Lebensverhältnisse verbessern wollen und zur Selbsthilfe, zum Streit greifen, so werden sie mit Gefängnis bestraft. So erging es unter anderen einigen Arbeiterinnen in Schlesien, die an der Dreschmaschine für 35 Pf. täglich beschäftigt waren. Sie fanden selbstverständlich den Lohn zu niedrig, taten sich zusammen und forderten eine Lohnerhöhung. Für diesen Frevel" gingen die Verbrecherinnen" ins Gefängnis, und die Arbeiterin, die als „ Rädelsführerin" bezeichnet worden war, mußte sogar eine mehrmonatliche Haft verbüßen. " Natürlich tragen das wirtschaftliche Elend und die politische Rechtlosigkeit der Landarbeiter nicht dazu bei, in ihnen das " gute alte Gefühl der Treue" für ihre Herren zu erhalten. Zu dieser Einsicht gelangen auch einzelne Personen aus dem„ Herrenlager". Eine Frau Elisabeth v. Derzen mußte anerkennen: " Kein öffentliches Amt wird vom Taglöhner bekleidet, fast keinem 214 Die Gleichheit Nr. 14 Verein gehört er an, keine wesentliche Verbesserung steht für ihn oder seine Kinder in Aussicht. Dazu kommt, daß er sein Dasein unter steter Beobachtung zubringt, überall macht sich eine drückende Kontrolle bemerkbar. Vom einstigen patri- archalischen Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeit« nehmer sind überwiegend nur die Fesseln und Demüti- gungen des engen Zusammenlebens übriggeblieben." Vom patriarchalischen Verhältnis ist allerdings nur wenig übrig- geblieben, die— Prügelstrafe oder patriarchalisch ausgedrückt das„Züchtigungsrecht". Formell ist es im Gesetz nicht nieder- gelegt, aber laut den„Erläuterungen" des Oberverwaltungs- gerichtes kann„ein Peitschenhieb an sich nicht als eine un- gewöhnlich harte Behandlung angesehen werden", und dasselbe Gericht erklärte, das Gesinde dürfe nur bei ungewöhnlich harter Behandlung den Dienst verlassen. Ein Peitschenhieb in der Höhe des Auges, den ein Knecht in einem Falle erhielt, gilt allem Anschein nach den hohen Richtern guter alter Sitte ge- mäß als„väterliche Zurechtweisung". Ahnlich urteilte das Land- gericht in Neiße. Ein Mädchen hatte den Dienst verlassen, weil es so geschlagen worden war, daß es überall am Kopfe Beulen hatte und wochenlang über Kopfschmerzen klagte. Der erste Richter hatte erklärt, das sei eine Mißhandlung, eine unge- wöhnlich harte Behandlung, und das Mädchen sei daher be- rechtigt gewesen, den Dienst zu verlassen, es könne nicht noch bestraft werden. Doch das Landgericht in Neiße war anderer Ansicht.„Solche einfache Mißhandlung kann jedoch das Ge- richt unter der Bezeichnung„Mißhandlung", durch die das Ge- finde in Gefahr des Lebens und der Gesundheit gesetzt ist, nicht verstehen. Mißhandlungen, die nur ein längeres Schmerzgefühl hervorrufen, das Gesinde auch nicht an der Verrichtung des Dienstes hindern, gehören also nicht dazu. Der Vorgang, bei dem die Beklagte die Klägerin mit einem Teppich- klopfer geschlagen hat, muß ganz ausscheiden. Wie die Klägerin selbst sagt, ist der Klopser von Rohrgeflechten und mit einem breiten Ende versehen, und mit diesem hat sie die Beklagte aus die Kleider geklopft." Weiter wird noch in dem salomonischen Urteil ausgeführt:„Bei Mißhandlungen, die nicht höchst ge- fährlich sind, darf sich das Gesinde nicht einmal tätlich wider- setzen." Das Gesinde soll sich also streng an das christliche Gebot halten, das da besagt: Wenn dir jemand einen Streich ans die rechte Backe gibt, reiche ihm auch die linke dar. Zu all den Übelständen, unter denen Landarbeiter und Dienstboten leiden, kommt noch der Mangel einer reichsgesetz- lichen Krankenversicherung. Nur 12 Staaten haben die Kranken- Versicherung für Personen, die in forst- und landwirtschaftlichen Betrieben tätig sind, und für das ländliche Gesinde eingeführt, nämlich: Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Weimar, Braunschweig, Sachsen-Altenburg, Bremen, Reuß jüngere Linie und Sachsen-Meiningen. Und nur in Baden, Braunschweig, Sachsen- Weimar und Hamburg fallen auch die städtischen Dienstboten unter die landesgesetzliche Versicherungspflicht. Im übrigen sind die ländlichen Arbeiter und Dienenden darauf angewiesen, daß die einzelnen Gemeinden die Krankenversicherung regeln. Nimmt es angesichts dieser Verhältnisse, die vom Genossen Stadthagen im Reichstag festgenagelt wurden, noch wunder, daß die Land- flucht so allgemein ist? Amtlichen Berichten zufolge sind in Preußen von 1896 bis 1900 aus sechs Regierungsbezirken nicht weniger als 397200 Personen abgewandert. In Ostpreußen wurde von 1900 bis 1905 ein Geburtenüberschuß von 122000 vorgerechnet, und die Abwanderung betrug im gleichen Zeit- räum 90000, so daß 75 Prozent des Geburtenüberschusses fort- gezogen sind. Um das von den Landarbeitern und Dienstboten so schwer empfundene Ausnahmerecht zu beseitigen, hat die Sozialdemo- kratie im Reichstag einen Antrag eingebracht. Er fordert durch einheitliche Bestimmungen für das ganze Reich 1. Aufhebung aller landesgesetzlichen Vorschriften, welche Strasbestimmungen gegen ländliche Arbeiter oder gegen das Gesinde wegen Nichtantritt oder wegen Verlassens des Arbeits- Verhältnisses oder wegen Vertragsverletzungen, Ungehorsams oder Widerspenstigkeit, wegen Verabredung und Vereinigung zum Behuf der Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedin- gungen, insbesondere mittels Einstellung der Arbeit oder gegen Aufforderung zu solchen Verabredungen enthalten; 2. Gewährleistung des Rechtes für die in land- und forst- wirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter und das Ge- finde zur Wahrung und Forderung von Berufs- und Standes- intercssen, namentlich zur Erlangung günstigerer Lohn- und Arbeitsbedingungen, insbesondere mittels Einstellung der Arbeit, Vereinigungen zu bilden und Verabredungen zu treffen, und diesen Vereinigungen das Recht einzuräumen, öffentliche und Vereinsversammlungen zur Erörterung und Beschlußfassung über alle den Beruf und den Stand der Mitglieder betreffen- den Angelegenheiten mit Einschluß einer Einwirkung auf die Gesetzgebung und die Verwaltung zu veranstalten; 3. Einführung einer reichsgesetzlichen Krankenversicherung für das Gesinde und die ländlichen Arbeiter; 4. eine solche Regelung der Zeit, der Dauer und der Art der Arbeit, wie es die Erhaltung der Gesundheit, die Gebote der Sittlichkeit, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und ihr Anspruch auf die gesetzliche Gleichberechtigung fordern. Die Konservativen, die Reichsparteiler und— alle guten Dinge sind drei!— die Nationalliberalen sträubten sich aus allen Kräften gegen die Annahme des sozialdemokratischen An- trags. Nur über die Krankenversicherung der ländlichen Arbeiter und der Dienenden wollten die Konservativen und die Nationalliberalen mit sich reden lassen. Allerdings mit dem „kleinen" Vorbehalt, daß die Einführung derselben den Einzel- staaten überlasten bleibe. Diese hätten ältere Rechte. Man weiß, warum die Herren Reaktionäre einen solch zarten Respekt vor diesem älteren Recht bekunden! Herr Hahn, ein skrupelloser Vertreter der Junkerintereffen im Reichstag, meinte, man solle die Stellungnahme zu dieser speziellen Frage„seinen Freunden" im preußischen Dreiklassenparlament überlasten. Dort wäre die Reform„besorgt und aufgehoben". — Klarer und unzweideutiger noch war sein und seiner Bundes- genossen Verhalten zur geforderten Aufhebung der Koalitions- beschränkungen. Das Koalitionsrecht ist nach Ansicht dieser „Edlen" gleichbedeutend mit Kontraktbruch, Streikbruch und wie all diese Schändlichkeiten noch heißen mögen, deren sich Ausgebeutete im Ringen für eine menschenwürdige Existenz schuldig machen können. Daher Front gemacht gegen die dem Besitz drohende Gefahr! Die Nationalliberalen stimmten wie fast stets mit den Konservativen zusammen, das heißt für die Ablehnung des geforderten Koalitionsrechts, ließen es aber nicht an einer Verbeugung vor ihren Grundsätzen von„Afmo dazumal" fehlen. Sie mußten auch mit Weh und Ach zugeben, daß„die Gesindeordnung als äußerst reformbedürftig anzu- erkennen und der reichsgesetzlichen Krankenversicherung für das Gesinde und die ländlichen Arbeiter unbedingt zuzustimmen sei". Eine Regelung der Arbeitszeit dagegen erachteten sie für prak- tisch unausführbar. Für das Schwenken nach links und rechts mußten sich die Nationalliberalen einige Rippenstöße von ihren Freunden aus dem rechten und linken Lager gefallen lassen. Die Freisinnigen waren mit dem Antrag der Sozialdemokraten im Prinzip einverstanden und stimmten dafür, daß er einer Kommission überwiesen werde. Das Zentrum endlich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen und mit Rücksicht auf seine ländlichen Wähler die sozialdemokratischen Forderungen gutheißen. Freilich brachte es auch den Großgrundbesitzern und Dienstherrschaften seinen Tribut dar. Die Regelung der Ar- beitszeit wies es als eine praktische Unmöglichkeit zurück. Der sozialdemokratische Antrag zugunsten Millionen besonders Aus- gebeuteter wurde nach namentlicher Abstimmung einer Kom- Mission überwiesen. Die Verhandlungen im Parlament haben gezeigt, daß von allen Parteien nur die Sozialdemokratie die Interessen der unterdrückten und ausgebeuteten Land- und Dienstsklaven mit Ernst und Nachdruck vertritt. Es ist daher die Pflicht der Landarbeiter und Dienstboten, sich immer enger um die Fahne ihrer Partei, der sozialdemokratischen Partei, zu scharen, aber auch die Reihen ihrer Gewerkschaften immer I Nr. 14 Die Gleichheit 215 dichter zu füllen, welche den wirtschaftlichen Kampf führen. Nnr wenn die Dienenden und Landarbeiter, in Partei und Gewerkschaft zusammengeschlossen, sich selbst gegen jegliche Unter- druckung und Entrechtung auflehnen, wird es ihnen gelingen, sich ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen und das Joch der Ausbeutung und Sklaverei abzuschütteln. ed. Frauen- und Kinderarbeit in Sachsen. IN. Das dunkle Kapitel der Kinderlohnarbeit hat einigen Beamtinnen der sächsischen Gewerbeaufsicht etliche kräftigere und rückhaltlosere Bemerkungen entlockt, als man sie in diesen Berichten zu finden gewöhnt ist. In den Betrieben, die der Inspektion unterstellt sind, wurden 2338 Kinder unter 14 Jahren beschäftigt, darunter 732 Mädchen; im vorigen Jahre frondeten„nur" 1847 kindliche Proletarier. Welche abscheulichen, aller Menschlichkeit und Kultur Hohn- sprechenden Verhältnisse die Kinderausbeutung noch immer zeitigt, das zeigen mehrere Stellen der Berichte recht deutlich. Aus Chemnitz meldet die Beamtin:„Eine schwere Aus- beutung kindlicher Arbeitskraft wurde bei einem drei- zehnjährigen Knaben festgestellt, der für ein Fabrikkontor täglich bis 8 Uhr abends als Lausbursche tätig war. Außer- dem mußte der Knabe sich noch aus einer anderen Fabrik Heimarbeit verschaffen, mit der er in der Wohnung seines Vaters nicht nur alle Pausen zwischen dem Schulunterricht und der Hauptarbeit, sondern auch regelmäßig die Zeit bis gegen 11 Uhr abends und morgens bis etwa eine Stunde vor Beginn des Unterrichtes ausfüllte. Der Knabe war demnach einschließlich der Schulstunden täglich bis zu 16 Stunden ununterbrochen beschäftigt. An Sonn- und Feiertagen mußte er ebeufalls mehrere Stunden arbeiten. Der Knabe war das einzige Kind eines jungen Fabrikarbeiters." Der letztere Satz soll offenbar einen Vorwurf gegen die Eltern erheben. Vielleicht ist ein solcher in diesem Falle wirk- lich berechtigt. Daß man jedoch ohne Kenntnis der besonderen Verhältnisse mit Anklagen gegen die Eltern wegen Heranzie- hung der Kinder zum Erwerb vorsichtig sein muß, lehrt folgende Stelle desselben Berichtes:„Unverkennbar ist eine den größeren Kindern vernünftig zugeteilte Arbeit wertvoll, besonders wenn sie unter der Aufsicht einer fürsorgenden Mutter erfolgt. Es entwickeln sich dann aus dem gemeinsamen Arbeiten zumeist nur gesunde Familienbeziehungen. Aber die durch Generationen vererbte Sitte, die Kinder hauptsächlich als Hilfskräfte zu betrachten und als solche heranzuziehen, hat dazu geführt, die Erziehung zu vernachlässigen und in der Arbeit das einzige Erziehungsmittel zu erblicken, und noch bis vor kurzer Zeit galt im Erzgebirge fast allgemein diejenige Mutter als die tiichtigste Frau, die durch ihre Kinder die höchste Arbeits- leistung zu erreichen vermochte. Dazu kommt noch, daß die Mütter oft selbst mit Arbeit überbürdet sind, und daß die Kinder sich bald als Miterwerber zu fühlen be- ginnen. So erklärt es sich, daß in den Orten, in denen sich das Maß der Kinderarbeit hart an der Grenze der Ausbeutung bewegt, die Zucht- und Sittenlosigkeit der Kinder oft bedenklich in die Erscheinung tritt." Wer die erbärmlichen Erwerbsverhältnisse im größten Teil des Erzgebirges kennt, der wird wissen, was es mit der„er- erbten Sitte" der Kinderarbeit für eine Bewandtnis hat. Die betreffende Beamtin verkennt die Sachlage total, wenn sie da- von spricht, daß die Kinderarbeit im Erzgebirge das„einzige Erziehungsmittel" sei. Keineswegs als Erziehungsmittel, son- dern als Erwerbsquelle betrachten die armen Erzgebirgler die Kinderarbeit. Sie brauchen diese, und zwar wegen des Er- trags, mag der auch noch so gering sein. Sie kennen die 5tinderarbeit nicht anders als Erwerb. Die„Sitte", von der die Beamtin spricht, hat ihre Wurzel in der durch Generationen vererbten Not. Welchen zwingenden Einfluß die Armut dar- auf ausübt, daß Eltern ihre Kinder zum Verdienst heranziehen, der Ausbeutung überliefern, das bestätigt weiter unten die Zwickauer Beamtin, wenn sie die Schwierigkeiten erörtert, die der Durchführung des Gesetzes entgegenstehen. Auf eine wichtige und sehr schlimme soziale Folge der Kinderarbeit weist der Bericht der Zwickauer Beamtin hin. Sie schreibt:„Zu Bedenken Anlaß gab mir die Ausübung gewerblicher Arbeiten von eigenen Kindern in Wohnräumen, in denen andere Familienglieder an ansteckenden Krank- heiten(zum Beispiel Masern oder Typhus) krank lagen, wie ich mehrmals beobachten konnte. Es besteht hier die Ge- fahr für eine Weiterverbreitung der Krankheiten nicht nur dann, wenn die Stücke an anderen Stellen weiterverarbeitct werden, sondern auch, wenn die Waren so, wie sie aus der Heimarbeit kommen, zum Verkauf gelangen." Auf die Durchführung des Kinderschutzgesetzes wirft folgende Äußerung der Bautzener Beamtin charakteristisches Licht:„Die Bestimmungen des Gesetzes vom 30. März 1903 sind immer noch nicht genügend bekannt. Die dreistündige Arbeitszeit für Kinder wird daher noch vielfach überschritten; oft werden auch noch fremde, unter 12 Jahre alte Kinder ohne Arbeitskarte in Beschäftigung genommen. Besonders häufig mußte gegen die althergebrachte Gepflogenheit, Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahrenn zum Austragen von Backwaren vor dem Schulunterricht zu verwenden, eingeschritten werden. Die Vorschriften des Gesetzes sind zwar nach wie vor tun« lichst mild gehandhabt worden. Trotzdem mußte in mehre- ren Fällen bei den zuständigen Polizeibehörden Anzeige erstattet werden, infolge deren drei Bestrafungen und drei polizeiliche Verwarnungen erfolgten." Also häufige Verstöße gegen das armselige bißchen Kinder- schütz, das das Gesetz festlegt, trotzdem aber„tunlichst milde" Handhabung des Gesetzes! Und das, obgleich schon sowieso die geringe Zahl der Gewerbeaufsichtsbeamten eine„tunlichst milde" Praxis des Gesetzes verbürgt) weil ihr zufolge die Kinderausbeutung durchaus nicht in ihrem ganzen Umfang er« faßt werden kann. Dazu gesellen sich noch die Schwierigkeiten einer wirksamen Überwachung, wie sie in der Sache selbst be- gründet liegen. Sie erhellen aus einer lebenswahren-Stelle des Zwickauer Berichtes, der auch bestimmt und klar auf die Umstände hinweist, aus denen heraus die erwerbende Kinder- arbeit erwächst. Wir lesen dort:„Ebenso ist die Aufsicht in den Betrieben schwierig, in denen die gewerbliche Tätigkeit der Kinder verboten, aber die Ausnahme zugelassen ist, daß die Kinder Botengänge besorgen. Es liegt sehr nahe, daß die Kinder in der Zeit zwischen den Botengängen, in der sie sich meist in der Werkstatt aufhalten, zur Mithilfe bei der Arbeit herangezogen werden. So hatten fast in allen Werkstätten, in denen Polsterwaren hergestellt werden, die dort mit Botengängen beschäftigten Kinder auch das Aus- zupfen von Roßhaaren zu verrichten.(!) Nachdem die Be- stimmungen des Kinderschutzgesetzes besser bekannt geworden sind, hat sich auch mehr und mehr die Neigung heraus- gebildet, bei gesetzwidriger Beschäftigung der Kinder durch falsche Angaben dem revidierenden Beamten gegen- über den Schein zu erwecken, als seien diese Bestimmungen im ganzen Umfang befolgt worden. Besonders merkbar wird das bei den Angaben der Kinder über ihr Alter und die Dauer ihrer Arbeitszeit. Ich habe sogar in einzelnen Fällen die Be- obachtung gemacht, daß Eltern oder Arbeitgeber versuchten, die Kinder zu falschen Angaben zu veranlassen. Auch versuchten Kinder aus Sorge, ihre Arbeitsstelle zu ver- lieren, zu unwahren Angaben über ihre Arbeitszeit ihre Zu- flucht zu nehmen. Nach den von mir gemachten Erfahrungen wird die Durchführung der Bestimmungen des Kinderschutz- gesetzes nur dann von Erfolg begleitet sein, wenn es gelingt, den Eltern die Überzeugung von den wohlmeinenden Absichten des Gesetzes beizubringen, so daß sie ihre Kinder von selbst vor den schädlichen Folgen übermäßiger oder ungeeigneter ge- werblicher Tätigkeit zu bewahren suchen. Es ist daher bei allen Revisionen mein Hauptziel gewesen, die Eltern in diesem Sinne zu beeinflussen, und ich kann wohl sagen, daß ich im Berichts- 216 Die Gleichheit Nr.l4 jähr mehr und mehr Verständnis bei den Eltern gefunden habe. Bedauerlicherweise stellen sich derartigen Bemühungen häufig dadurch Schwierigkeiten in den Weg, daß der Ver« dienst des Mannes gering und eine je nach den Verhält- nissen mehr oder minder große Mithilfe von Frau und Kindern zur Aufbringung der Mittel für den Lebens- unterhalt der Familie nötig ist. Es ist in einer kinder- reichen Familie bei einem Tagesverdienst des Mannes von 2,50 oder 3 Mk., wie es mitunter der Fall ist, nicht möglich, davon allein alle Lebensbedürfnisse zu bestreiten. Schon für Brot muß in solchen Familien sehr häufig 1 Mk. täglich ver- ausgabt werden. Ahnlich liegen die Verhältnisse, wenn die Mutter Witwe ist.' Man muß die Reserve und Vorsicht berücksichtigen, die den sächsischen Fabrikinspektionsberichten eigen ist, um diese Auße- rnng voll würdigen zu können. Aller Vernunft hohnsprechende Zustände müssen es sein, die die ehrliche Entrüstung der Be- amtin wachriefen und ihr diese Stelle in die Feder diktierten. Dabei bedenke man, daß zur Kenntnis der Aufsichtsbeamtcn doch nur ein kleiner Bruchteil des sozialen Übels kommt, das uns in Gestalt der Kinderarbeit und Kinderausbeutung ent- gegentritt. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß die Berichte bestätigen, wie wirksam und verdienstvoll die Tätigkeit der Kinderschutz- kommissionen ist, die unsere Genossinnen in einigen Städten gebildet haben. Das muß ihnen ein Ansporn sein, nach wie vor, ja in erhöhtem Maße der Durchführung des Kinderschutz- gesetzcs ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Aus Leipzig er- fahren wir über die Tätigkeit der 5iinderschutzkommission was folgt:„Zur Ermittlung unzulässiger Kinderarbeit im Stadt- gebiet Leipzig hat wiederum die„Kinderschutzkommission der sozialdemokratischen Arbeiterpartei" beigetragen. Von ihr gingen 32 Anzeigen ein, die in 29 Fällen begründet waren, während 3 Fälle nicht gewerbliche, sondern häusliche Kinderarbeit be- trafen. In 6 Fällen handelte es sich um das Austragen von Backwaren durch eigene Kinder vor dem Schulunterricht.' In ähnlicher Weise wird amtlich anerkannt, was die Dresdener Kinderschutzkommission geleistet hat, die ebenfalls eine sehr leb- hafte und einsichtsvolle Wirksamkeit entfaltet hat. Welch große Bedeutung der strikten Durchführung des Kinder- schutzgcsetzcs und darüber hinaus dem energischen Kampfe für die Beseitigung der kindlichen Erwerbsarbeit zukommt, das ist zwischen den Zeilen des Dresdener Berichtes zu lesen, der die Beobachtungen der Lehrer über die Kinderarbeit erwähnt. Diese Beobachtungen zeigen zugleich die besondere Schädlichkeit der Hausindustrie. Es heißt da: „Einige Lehrer von Schulgemeinden, in denen die Heim- arbeit erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit Eingang gefunden hat, klagten über den Rückgang der geistigen Frische und Aufnahmefähigkeit der Kinder. Bemerkenswert ist auch die in solchen Orten beobachtete stark verminderte Benutzung der Schulbibliothekeu durch die Kinder, denen nach Aus- sage der Lehrer von den Eltern keine Zeit mehr zum Lesen gewährt würde. Neben diesen unmittelbaren Einsiüffcn der Heimarbeit kamen andere gewohnheitsmäßige Versündigungen der Elten» an ihren Kindern zur Kenntnis der Beamtin. So wurde ihr mitgeteilt, daß Mütter ihren kleinen Kindern, um sie ruhig zu erhalte» und durch sie in ihrer Arbeit nicht gestört zu werden, häufig sogenannte Schlaftropfen ver- abrcichen, deren fortdauernder Gebrauch die geistige Entwick- lung der Kinder ungünstig beeinflussen soll." Reden diese Tatsachen nicht eindringlichst von der Notwendig- keit, im Interesse des leiblichen und geistigen Wohles von Hundert- taufenden endlich die Heimarbeit unter eine durchgreifende Schutz- gesctzgebnng zu stellen? Klingt ans ihnen nicht auch die Losung heraus: Weg mit der Erwerbsarbeit der Kinder? Man sollte wähnen, diese Losung ivenigsteils müßte von allen erhoben werden, die von dem Wohle der Nation und der Bedeutung des heranwachsenden Geschlechts für die Zukunft reden. Doch das läßt der Kapitalismus nicht zu. Er erzeugt in den Kreisen der Besitzenden und Herrschenden freiwillig Blinde und Taube. H. F. Die dänischen Frauen bei den Kommunalwahlen. I.-K. In der ersten Hälfte deS März sind in Dänemark die Wahlen zu sämtlichen Gemeindevertretungen vollzogen worden. Bei dieser Gelegenheit haben die Frauen zum ersten Mal das Stimm- recht ausgeübt und sich als wählbar um Sitz und Stimme in den Gemeinderäten beworben. Das bereits in der„Gleichheit" dar- gelegte Wahlgesetz hat das ermöglicht. Da in der Folge auch die Fronen in die lebhafte Wahlbewegung hineingezogen und aufgeklärt worden sind, muß man sich im höchste» Grade über einen vollständig falschen Bericht aus Dänemark wun- dern, welcher in der bürgerlichen„Zeitschrift für Frauenstimmrecht" vom I. März d. I. enthalten ist. In dem Bericht wird davon ge- faselt, daß die Sozialdemokratie mit Sicherheit darauf rechnete, die absolute Majorität in der Stadtverordnetenversammlung zu erhalten, wenn nicht die Beteiligung der Frauen sehr gegen den Willen der Partei dazwischen komme. Ferner wird behauptet, daß die Sozialdemokraten im Reichstag geschloflen gegen das kommu- nale Wahlrecht der Frauen gestimmt haben. Als Begründung hätten sie vorgeschützt, daß sie erst dann für ein solches Gesetz sein könnten, wenn den Frauen auch das politische Wahlrecht zuerkannt werde, der eigentliche Grund ihres Widerstands sei jedoch die Befürchtung gewesen, daß die Wählerinnen antisozialistisch stimmen würden. Nicht ein wahres Wort ist an allen diesen Behauptungen. DaS wird aus nachfolgendem hervorgehen. DaS neue Gesetz hat die Proportionalwahl eingeführt, und das Stimmrecht hat ein jeder Steuerzahler— Frau wie Mann—, welcher 25 Jahre alt ist; auch die verheirateten Frauen, deren Männer Steuer entrichten, sind wahlberechtigt. Früher fand gewöhnliche Majoritätswahl statt auf Grund eines Steuerzensus und ohne Stimmrecht der Frauen. Das undemokratische Wahlrecht zwang damals die Sozialdemokratie, mit der radikalen Partei ein Wahlbündnis einzugehen. Bei den letzten Wahlen war jedoch dank der neuen Gesetze die Lage wesentlich anders geworden. Jede Partei stellte nun ihre eigen« Kandidaten- liste auf. In Kopenhagen war die Stadtverordnetenversammlung, welche aus 42 Mitgliedern besteht, bis jetzt aus 29 Sozialdemokraten, 19 Radikalen und l2Antisozialisten(ein Mischmasch aus Reaktionären und Regierungsliberalen) zusammengesetzt. Da die Sozialdemo- krati« bei den Neuwahlen allein vorging, konnte sie durchaus nicht mit Sicherheit auf eine Majorität rechnen, dagegen mußt« sie auf Verluste gefaßt sein. Trotzdem ist der Wahlkampf so gut ausgefallen, daß die Sozialdemokratie ihre einflußreiche Stellung behauptet hat. Die Aufstellung der Kandidaten geschah durch die Parleiorgani- sationen. Namentlich nach der Einführung des neuen Wahlgesetzes war eine energische Agitation betrieben worden, um die Frauen den sozialistischen Vereinen zuzuführen, und der beste Erfolg hatte sie gekrönt. Tie Genossinnen konnten daher ihren Einfluß auf die Ernennung der Kandidaten geltend machen. Von ihrer Seite wurde jedoch erklärt, daß die Hauptsache sei, die größtmögliche Anzahl von Sozialdemokraten, ohne Unterschied des Geschlechts, in die Gemeindevertretung zu bringen, daß es sich nicht darum handle, recht viele Frauen, sondern tüchtige Frauen zu wählen. Di» Partei stellte auf ihre Liste 39 Kandidaten, und von diesen waren— in Übereinstimmung mit den Gesichtspunkten, welche die weibliche» Delegierten vertreten hatten— vier Frauen. Die weiblichen Kan- didaten wurden in solcher Reihenfolge auf die List« gesetzt, daß mindestens zweien von ihnen die Wahl sicher war. Bei der Wahl in Kopenhagen, die am 12. März stattfand, er- hielt die Liste der Sozialdemokratie 44849 Stimmen; zwanzig ihre» Kandidaten wurden gewählt, darunter zwei Genossinnen: die Buch- druckereiarbeiterin Henriette Crone und die Näheri» Anna Johansen. Die dritte sozialdemokratische Kandidatin Oli« via Nielsen stand als einundzwanzigste auf der Liste, sie war somit als Stellvertreterin gewählt und hatte Sitz und Stimme i» Gemcinderat zu erhalten, sobald etwa ein sozialdemokratischer Ver- treter aus diesem ausschied. Dieser Fall ist nun bereits«ingetrete» Der sozialdemokratische Stadtverordnete Olsen hat sein Mandat niedergelegt, um das Amt eines Kommunalrevisors zu übernehme» In der Folge ist Genossin Nielsen in das Stadtverordneten- kollegium eingetreten. Genossin Nielsen hat seit 17 Jahren ein« leitende Stellung im„Verband weiblicher Arbeiter' und betätigt sich eifrig in der Gewerkschaftsbewegung wie in der Partei. Di« Antisozialistcn eroberten IS, die Radikalen 5 Mandate und di» Muclerpartei brachte einen Kandidaten durch. Unter den bürge»» lichen Gewählten befinden sich fünf Frauen. _ Man kann annehmen, daß mindestens der dritte Teil von da, Stimmen, die in Kopenhagen abgegeben worden sind, von Frau«» Nr. 14 Die Gleichheit 217 herrührten. Was die proletarischen Frauen anbelangt, so ist«S zweifellos, daß sie alle für die Liste der Sozialdemokratie gestimmt haben. Die Frauen haben sich im allgemeinen mit grobem Interesse an dem Wahlkampf beteiligt. Es fanden eine Masse von sozial- demokratischen Versammlungen mit weiblichen Rednern statt, und eine Menge Broschüren und Flugblätter gelangten zur Verteilung, welche sich besonders an die Frauen wendeten. Die Sozialdemo- kratie kann mit dem Wahlausfall sehr zufrieden sein, den Frauen aber darf man nachrühmen, daß sie einen ehrenvollen Anfang mit der Ausübung ihres Stimmrechts gemacht haben. Die allgemeinen Resultate der Wahlen zu den Gemeindever- tretungen im ganzen Lande liegen jetzt vor; es wurden in der Provinz 54328 Stimmen für rein sozialdemokratische Kandidaten abgegeben und 255 Sozialdemokraten gewählt. Die Zahl der sozial- demokratischen Mandate hat sich damit um 110 vermehrt. Ohne vbertrcibllng kann man behaupten, daß die Sozialdemokratie in der Provinz jetzt auch die stärkste Partei ist. Wie viele Frauen sich unter den Gemeindevertretern in der Provinz befinden, darüber liegen jedoch bis heute noch keine genauen Angaben vor. So- viel kann jedoch schon jetzt gesagt werden, daß die Genossinnen in der Provinz dieselbe Stellung eingenommen haben, wie in Kopenhagen. An mehreren Orten haben sie sogar gebeten, von der Aufstellung weiblicher Kandidaten abzusehen, weil sie, nachdem sie zum ersten Male ihr Stimmrecht ausgeübt hätten, sich erst längere Zeit auf das öffentliche Wirken vorbereiten und als Vorschule dazu die Be- tätigung in den Parteiorganisationen benutzen wollten. Gleichwohl sind nicht wenige Frauen in die Gemeindevertretungen gewählt worden, und wir werden hierüber baldigst genaue Mitteilung machen, llberall haben die Frauen sich zahlreich an der Wahl be- teiligt, an mehreren Orten haben sie sogar ungefähr die Hälfte aller abgegebenen Stimmen geliefert. Trotzdem ist noch In der Frauenwelt ein großes Feld durch politische und soziale Aufklärung zu bebauen. Die vier Jahre bis zur nächsten Wahl müssen zu einer energischen und umfassenden Agitations- und Organisations- arbeit genutzt werden. Wie steht es nun mit der letzten Insinuation des srauenrechtle- rischen Blattes? Als die Regierung vor einigen Jahren einen Gesetzentwurf über das Gemeindewahlrecht vorlegte, enthielt dieser nicht das Frauenstimmrecht. Die Sozialdemokratie beantragte jedoch diese Reform, und es gelang ihr auch, das Folkcthing dafür zu gewinnen. DaS Landsthing(Oberhaus) verlangte bei der weiteren Behandlung des Gesetzentwurfes, daß gewiffe Wahlrechtsprivilegien für die oberen Zehntausend geschaffen würden, und die Regierung trat der Forderung bei. Als der entsprechend verhunzte Gesetz- entwurf an das Folkething zurückkam, stimmten die Sozialdemo- traten gegen die Vorrechte der Sehrreichen, aber für da? erweiterte Wahlrecht, also selbstredend auch für das Frauenwahlrecht. Als aber die Majorität entgegen der Stellungnahme der Sozialdemo- kratie verschiedene, im höchsten Grade reaktionäre Bestimmungen annahm, darunter»in privilegierte? Wahlrecht für die adeligen Gutsbesitzer in den Landkommunen, konnte die Sozialdemokratie selbstverständlich dem von der herrschenden Klasse so verböserten Gesetzentwurf ihre Zustimmung nicht geben. D as Frauenstimm- recht ist jedoch dank der Initiative der Sozialdemokratie eingeführt worden, und die Wahrheit steht also im schroffsten Gegensatz zu dem, was die«Zeitschrift für Frauenstimmrecht" ihren Leserinnen einreden möchte. Th. Stauning-Kopenhagen. Aus der Bewegung. von der Agitation. Zur Agitation unter den Proletarierinnen, die der sozialdemokratischen Partei als Mitglieder gewonnen werden sollten, fanden in drei größeren Bezirken Versammlungen statt, in denen die Unterzeichnete referierte. Vom 23. bis 31. Januar wurde in Halle und den umliegenden Orten das Tlzema behandelt:«Die Frau im politischen Leben". Die beiden Versammlungen in Halle im«Volks- park", wie die im«Letzten Dreier" waren stark, und zwar Haupt- sächlich von Frauen besucht. In der ersten wurden sofort mehr als 70, in der zweiten 27 weibliche Mitglieder der Organisation zuge- führt. Auch die Versammlungen in den umliegenden, halb ländlichen Orten, wie Böllberg, Dölau, Lettin, Lobgün, Ammen- dors, Osmünde zeigten einen prozentual starken Besuch von Frauen und brachten der Partei insgesamt etwa 100 weibliche Diit- glieder. Ein Erfolg, der auf eine gute Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung hoffen läßt. Im Kreis« Torgau-Lirbeuwcrda fanden Ende März sechs öffentliche Frauenversammlungen statt und zwar in Annaberg, Hohenleipisch, Mühlberg a. E., Torgau, Mückenberg und Backwitz. In Hohenleipisch wurden der Partei die ersten v weiblichen Mitglieder gewonnen. Insgesamt stellte die Agitation im Kreise S1 Frauen und 20 Männer organisiert in Reih und Glied der Sozialdemokratie. Besonders ist zu begrüßen, daß die sozialistischen Ideen unter der Frauenwelt auf guten Boden ge- fallen sind, obgleich in den genannten Orten industriell» Frauen- arbeit nicht in größerem Umfange vorhanden ist. Die Organisationsleitung des Kreises LandeShut veranstaltet« in Liebau, Landeshut, Jauer und Prittwitzdors Ver- sammlungen, in denen die Unterzeichnete über das Thema referierte: „Die Frau im politischen Leben". Wer da weiß, wie furcht- bar gedrückt und ausgebeutet die Arbeiterschaft der schlesischen Leinenindustrie ist, der wird nicht erstaunt darüber sein, daß in dem Städtchen Liebau nur 60 Personen die Versammlung besuchten. Es traten jedoch 11 der anwesenden Frauen dem sozialdemokratischen Verein bei. Etwa 180 Personen waren in Jauer erschienen. Der zahlenmäßige Erfolg der Versammlung war die Gewinnung von 14 weiblichen und 10 männlichen Mitgliedern für die Partei. In Landeshut, wo die Leinenweberei herrscht, ist das Elend des Proletariats entsetzlich, namentlich das der ausländischen Arbeits- kräfte, die die Fabrikanten durch schöne Versprechungen nach Deutsch- land locken. Die Leser und Leserinnen finden darüber einiges an anderer Stelle des Blattes. Ein Schrei der Entrüstung und des Schreckens erschallte in der Versammlung, als bekannt gegeben wurde, daß in der Stadtverordnetenversammlung ein Antrag ein- gebracht und befürwortet worden ist, der bestimmt, daß die aus- ländtschen Arbeiter in Zukunft für jedes ihrer schulpflichtigen Kinder 15 Mk. Schulsteuer zahlen sollen. In der Versammlung waren etwa 300 Frauen anwesend, lauter elende, von Kummer und Not ausgemergelte Gestalten. 24 neue Mitglieder wurde» dem Wahl- verein zugeführt, dem am Ort etwa 100 Frauen angehören. Dank der Ausbreitung sozialistischer Ideen werden die niedergedrückten Lohnsklaven der Leinenindustrie mit Kampfesmut erfüllt, werden sie Streiter für Freiheit und Menschenwürde. Di« letzte der vier Versammlungen, die in Prittwitzdors stattfand, hatte einen Besuch von etwa 150 bis 170 Personen aufzuweisen, von denen«in großer Teil aus Orten herkam, die stundenweit von Prittwitzdors entfernt liegen. 7 weiblich« Mitglieder traten dem Wahlverein bei. Im Wahlkreise Landeshut findet der sozialistische Gedanke mehr und mehr Eingang, wenn auch der Boden rauh und hart ist, auf den die Saat fällt. Das Proletariat will hier wie anderwärts Schmied seines Glückes sein, es will nicht länger darben, da es erkannt hat, daß hienieden Brot genug für alle Menschenkinder wächst. Ottilie Baader. In Gera und drei Nachbarorten fanden am 1., 2., 3. und 4. März Frauenversammlungen statt, in denen Genossin Fahren- wald-Berlin über da? Thema referierte:„Die Stellung der Frau im wirtschaftlichen und politischen Leben." Der Vortrag wurde in allen Orten mit großem Beifall aufgenommen, ein Beweis, daß die Rednerin den Zuhörern aus dem Herzen gesprochen halte. In der Versammlung in Gera, an der 70 Frauen und«in« Anzahl Männer teilnahmen, von denen 10 dem Sozialdemokratischen Verein zugeführt und 4 als Abonnenten der«Gleichheit" gewonnen wurden, sprach in der Diskussion eine Genossin im Sinne der Referentin. Die Versammlungen in Debschwitz und Leumitz waren den örtlichen Verhältniffen nach recht gut besucht. Der ersteren wohnten 80 Personen bei, der letzteren 60; in beiden traten 21 der Partei bei. Die Teilnehmer der Versammlung in Leumitz, der ersten Frauen- Versammlung dort, waren Textil-, Ziegelei- und Landarbeiter und -arbeiterinnen. Es war auffallend, welche Ruhe die Frauen in dieser Versammlung während des Vortrags bewahrten. Die Ver- sammlung in Zwötzen war leider sehr schwach besucht, nur 32 Frauen und einige Männer waren anwesend, von denen sich 9 organisierten. Hoffentlich beherzigen die neuen Parteimitglieder die iviahnung der Referentin, treu zur Organisation zu halten und das Gelernte weiterzutragen. Anna Jätmert. Agitation im Rheinland. Trotz der wirtschaftlichen Krise ist die Agitation unter den Frauen des Rheinlands recht erfolgreich, und die Versammlungen sind gut von ihnen besucht. Das zeigten Volksversammlungen in Krefeld, Lüttringhausen und M.-Gladbach, serner sieden Versammlungen im Stadt- und Landkreis Köln und zwei öffentliche Frauenversammlungen wie eine Genossenschaftsversammlung in Düsseldorf. Die Unter- zeichnete behandelte in den meisten dieser Versammlungen das Thema: Mas hat das Volk vom Blockreichstag zu erwarten?" Die Märzseier gab Veranlaffung zu den Frauen in Form einer Festrede zu sprechen. Der Erfolg der Agitation war ein guter, es wurden Mitglieder für die Partei und Abonnenten für die Presse geworben. W. K. 218 Politische Rundschau. Die Gleichheit Am Ausgang des März hat die deutsche Bourgeoisie wieder einmal gezeigt, daß sie an der Regierung, die der Schaumschläger Bülow repräsentiert, wirklich die Regierung hat, die sie verdient. Der Verlauf der beiden großen Tage", die der Reichstag bei der zweiten Lesung des Etats des Reichskanzlers hatte, haben es mit grausamer Deutlichkeit erwiesen. Der spärliche Sonnenschein eines Eintagserfolges in der auswärtigen Politik ließ die bürgerlichen Parteien alles vergessen, was sie sonst an dieser Politik auszusehen gehabt hatten. Mit dem größten Fehler, den die auswärtige Politik Deutschlands je gemacht hat, erklärten sie sich mehr oder minder begeistert einverstanden. Sie haben nichts dagegen einzuwenden, daß die englischen Anerbieten auf Abschluß eines Abkommens über die gegenseitige Begrenzung der Flottenrüstungen abgelehnt wurden, daß das tolle, ruinöse Wettrüsten fortgesetzt und gesteigert wird zum Schaden der Kulturaufgaben, namentlich der Sozialreform, in England wie Deutschland, und zum Schaden der Beziehungen zwischen beiden Staaten. Der Ausdehnungsdrang des Kapitalismus verbindet sich mit den Macht und Ruhmgelüften des Trägers der Krone und erstickt die Stimme der Vernunft. Vergebens hielt der sozialdemofraktische Redner des ersten Tages, Genosse Ledebour, dem Reichstag die unausbleiblichen Konsequenzen, die großen Gefahren dieser Politik vor; vergebens zeigte er ihm in eindringlicher Weise, daß es kein besseres und wirksameres Mittel zur Festigung des Friedens gebe, als die Erklärung des Parlaments für ein Abkommen mit England, wie sie ein sozialdemokratischer Antrag forderte. Dieser Antrag fiel mit allen gegen die sozialdemokratischen Stimmen nur ein einziger bürgerlicher Abgenur ein einziger bürgerlicher Abgeordneter stimmte dafür, und gerade der zählt nicht. Es war der Verwandlungskünstler Naumann, der vom deutschen Bürgertum so gut wie nichts hinter sich hat. Bülow feierte mit zwei Reden voll Selbstgefälligkeit, oberflächlicher Schönfärberei und grotesker Anmaßung gegen den sozialdemokratischen Angreifer, einen seiner billigen Triumphe, welche mit der platten Alltäglichkeit dieses " Politikers" den Verfall der deutschen Bourgeoisie charakterisieren. Nicht einmal das Zentrum mochte die Harmonie stören, diplomatisch hielt es sich im Hintergrund. Vorsicht ist zu allen Dingen gut, und der einzige leitende Gesichtspunkt", der die Taktik dieser Partei bestimmt, ist das heiße Bestreben, auf dem kürzesten Wege wieder zur Macht zu gelangen, Regierungspartei zu werden. Darüber mögen alle Lebensinteressen des deutschen Volkes, das heißt der großen Mehrheit, die nicht zu den Besitzenden gehört, zehnmal zum Teufel gehen; das kümmert diese angebliche Volkspartei keinen Deut. Ob ihre Spekulation auf die Regierungsfähigkeit sich in der nächsten Zeit als glücklich erweisen wird, darüber läßt sich allerdings noch nichts sagen. Der zweite Tag der Reichskanzlerdebatte, der der inneren Politit gewidmet war, hat darüber noch keine Klärung gebracht. Die Krise des Blocks dauert noch an, und in den Reichstagsverhandlungen fam es zu etlichen Unliebenswürdigkeiten der Blockbrüder gegen einander. Doch befleißigten sie sich dabei immerhin einer bezeichnenden Zurückhaltung, die feinen Zweifel darüber läßt, daß die Hoffnung auf eine Wieders gesundung des schon totgesagten Blockes noch nicht aufgegeben ist. Der süddeutsche Volksparteiler Haußmann schlug zwar etwas programmwidrig über die Blockstränge, aber die Mehrheit der freisinnigen Frattionsgemeinschaft beeilte sich, den Unbedachten gründlich zu isolieren, indem sie ihm jedes Beifallszeichen versagte. Bülow war infolgedessen oben auf. Den sozialdemokratischen Kritiker, den Genossen David, erledigte" er mit einigen wohlfeilen Wißchen und Lesefrüchten, und dann kanzelte er die bürgerlichen Parteien herunter, weil sie die Reichsfinanzreform noch nicht austande gebracht haben. Wie schnell sich die Dinge ändern! Im November stand der Kanzler als Angeklagter vor dem Parlament und die überwiegende Parlamentsmehrheit schrie nach Änderung des Regierungssystems. Heute ists damit just so wie damals, und ungeachtet dessen darf sich Bülow zum Richter über die Parteien im Parlament aufwerfen. Bei der Knochenerweichung der Bourgeoisie ist kein Ding unmöglich. Das Ergebnis der Debatten ist, daß das Schicksal des Blocks und der Finanzreform bis nach den Osterferien im Ungewissen bleibt. In der Finanzkommission hatte sich bereits eine Mehrheit aus Konservativen, Zentrum und Polen gebildet, um bei der Branntweinsteuer die Liebesgabe für die branntweinbrennenden Junker gegen die Liberalen zu erhalten. Nach Andeutungen in der Bülowschen Reichstagsrede wird versucht werden, das Kompromiß in der Weise zustande zu bringen, daß der Freifinn die Schnapsliebesgabe bewilligt, und die Konservativen dafür eine ab Nr. 14 geschwächte Erbschaftssteuer genehmigen. Daß die Reichsregierung an der Nachlaßsteuer festhalte, das war ja das einzig Greifbare an den Ausführungen des Kanglers. Unmöglich erscheint ein Kompromiß auf dieser Grundlage nicht. Jm konservativen Lager find Anzeichen für ein Nachgeben in dieser Richtung vorhanden, und wessen der Freisinn auf dem Gebiet der indirekten Steuern fähig ist, das zeigt die folgende Tatsache. Der freisinnige Abgeordnete Mommsen hat im Verein mit dem nationalliberalen Abgeordneten Weber auf die Autorität des deutschen Tabakvereins hin, der Organisation der Großfabrikanten, eine Vorlage auf Erhöhung der Tabalsteuer ausgearbeitet, die viele Tausende Arbeiter und fleine Fabrikanten ruinieren müßte. In der Geschäftsord nungskommission des Reichstags ist abermals ein großartiges Ergebnis des Kampfes um die konstitutionellen Garantien zu verzeichnen. Samt und sonders sind die Anträge abgelehnt worden, sogenannte kleine Anfragen der Abgeordneten an die Regierung zuzulassen, die eine stetige Kontrolle der Regierungshandlung ermöglichen würden. Einen wertvollen Einblick in die Anschauungen und Ansprüche der Unternehmerschaft eröffnet ein von der„ Bergarbeiterzeitung" veröffentlichtes Protokoll über eine Geheimkonferenz der preußischen Bergbauunternehmer, die anläßlich der Vorbereitung der preußischen Berggesegnovelle im Januar zu Berlin abgehalten wurden ist. Die Zechenherren tobten gegen den mehr als zaghaften Versuch der Regierung, den Bergarbeitern durch Beteiligung an der Kontrolle eine etwas größere Sicherung gegen Katastrophen wie zu Radbod zu geben. Lieber wollen sie Minister auf Minister stürzen, als den Arbeitern Rechte gewähren, lieber sollen Hunderte von Proletariern verbrennen und ersticken, ehe sie dulden, daß die Sozialdemokratie gestärkt wird". Was schiert sie der Bergarbeiterschuß, wenn ihre Herrschaft, ihr Profit in Frage kommt. Landtag und Herrenhaus in Preußen sollen scharf gemacht und der rote Lappen soll kräftig geschwungen werden. Wenn das nicht hilft, um jedes bischen mehr an Bergarbeiterschutz zu verhindern, so soll die Reform wenigstens nichts sein als weiße Salbe", das heißt eine Reform, die der Arbeiterschaft Hilfe vor täuscht, aber nicht gibt! Die Balkantrise ist im letzten Moment, da der Krieg zwischen Österreich und Serbien schon unvermeidlich erschien, noch beigelegt worden. Die russische Revolution trägt das Hauptverdienst daran. Das vorläufig geschlagene russische Proletariat hat durch seinen heldenmütigen Kampf wenigstens das erzielt, daß dem russischen Koloß für geraume Zeit die Kräfte für auswärtige Abenteuer abhanden gekommen sind. So mußte die russische Regierung Serbien im Stich lassen, das es zuerst zum Kampfe ermutigt hatte. Das allein hätte wohl schon genügt, die Kriegswut der Serben zu dämpfen. Hinzu kommt noch, daß der Führer der Kriegspartei, der Kronprinz Georg, ein Wüstling und Rohling, durch die serbischen Sozialdemokraten als gemeiner Mörder entlarvt wurde und auf den Thron verzichten mußte. Das bedeutete eine starke moralische Schlappe der Kriegspartei. Übrigens ist es möglich, daß der Rückzug vor Osterreich der Dynastie der Karageorgewitsch überhaupt den Thron kostet. Eine stärkere Rückwirkung innerer serbischer Wirren auf die europäischen Angelegenheiten ist jedoch wohl kaum zu befürchten. Der deutschen Regierung wird der Ausgang der Krise als ein großer Erfolg angerechnet, da sie als Verbündeter hinter Österreich gestanden hat. Dieser Erfolg hat indes eine sehr bedenkliche Kehrseite. In Rußland, England und Frankreich, den Staaten des Dreimächteeinvernehmens, ist der Gegensatz zu Deutschland verschärft worden, und der Weltfriede erscheint noch zerbrech licher als bisher. Das ist um so mehr der Fall, als die deutschenglischen Beziehungen dadurch ja viel schlechter geworden sind, daß das von England angeregte Flottenabkommen von deutscher Seite abgewiesen worden ist. Der Streit der französischen Postbeamten hat mit einem vollen Siege der Kämpfenden geendet. Die Regierung soll indes ein Gesetz planen, das den Beamten das Streifrecht nimmt. Bei einigen Ersatzwahlen zur Kammer erzielte die französische Sozialdemokratie abermals gute Erfolge; in Amiens siegte ihr Kandidat in der Stichwahl. Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Die Regierung hat mit ihrer Sozialpolitik und ihrer Steuer politik täglich weniger Glück; der Zickzackkurs hat keinen Erfolg. Manche sozialreformlerische Mißgeburt ist in letzter Zeit dank der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen und der Willensfundgebungen der Massen in dem Drfus verschwunden. Dem völlig mißglückten Gesetzentwurf über die Arbeitstammern ist nun Nr. 14 Die Gleichheit eine Blüte aus dem herrlichen Steuerbukett in die Versenkung gefolgt: die Plakatsteuer! Es ist das vor allem dem Verband der Lithographie und Steindrucker zu danken. Da ihr Gewerbe durch die geplante Steuer am empfindlichsten getroffen worden wäre, so hatte der Verband eine sehr lebhafte Protestagitation gegen sie entfaltet. Sie unterstützte wirkungsvoll das sozialdemokratische Vorgehen im Reichstag. Der Vertreter unserer Partei wies dort in der Finanzreformkommission an einer Reihe von Plakaten nach, daß die Plakatftener das Lithographie- und Steindruckgewerbe noch schädlicher beeinflussen müsse, als die Inseratensteuer auf das in Betracht kommende Erwerbsgebiet wirken werde. Berechnungen auf Grund der Regierungsvorlage ergeben nämlich besonders für manche Drte eine so starke Belastung derer, die Reklame durch Plakate ge= brauchen, daß sie davon sicherlich Abstand nehmen müßten. Sämt liche Mitglieder in der Kommission, mit Ausnahme der zwei konservativen Vertreter, ließen sich von der wirtschaftlichen Schädlichkeit des Steuerprojekts der Regierung überzeugen. Da das Plenum des Reichstags nach dieser Abstimmung taum anders entscheiden dürfte, als die Kommission, so scheint das Schicksal der Plakatsteuer besiegelt. In der Welt kommt selten ein Unglück allein. Das wird vielleicht auch die hohe Reichsregierung erfahren. Wie verlautet, soll fie die Absicht haben, ihre Gewerbeordnungsnovelle zu rückzuziehen. Sicherlich nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb. Zur Begründung ihrer Absicht heißt es, im Laufe der langen Beratungen der Novelle in der Kommission habe sich solche Fülle neuen Materials hinzugefunden, daß es nicht möglich sei, es in dem Rahmen eines einzigen Gesetzes zu berücksichtigen. Es sei darum notwendig, die ganze Gewerbeordnung in eine Anzahl von einzelnen Gesetzen aufzulösen. Der Wirklichkeit näher scheint die Vermutung zu kommen, daß die Regierung auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege den Rückzug antritt. Die Reichstagskommission hat die Regierungsvorlage verschiedentlich abgeändert, hat einige Erweiterungen des Arbeiterschutzes beschlossen, die, so unzulänglich sie sind, doch immerhin über die gepriesene " Arbeiterfreundlichkeit" des neuesten Kurses von oben hinausgehen. Zweig auf Zweig vom Baume der allweisen und allgerechten Gefegzesmacherei fällt, wie die Regierung sie beliebt. Was aber die Gewerbeordnungsnovelle anbelangt, so kommt ein besonderer Grund hinzu, die vom Volt bezahlten Herren am grünen Tisch verdrossen zu machen. Wahrscheinlich haben die Großindustriellen dabei wieder ihr Händchen im Spiele. Sie bestimmen auch in der Gesetzgebungsfabrik den Arbeitsplan und das Arbeitsprodukt, drücken die Entlassung unbotmäßiger Beamten durch, kurz zeigen, daß sie die Herren im Staate sind, wie in ihren Fabrikbetrieben. Ihre wirtschaftliche und soziale Macht übt einen stärkeren Druck auf die Regierung aus, als alle berechtigten sozialpolitischen Interessen der Arbeiter zusammen. Hoffentlich geht in der Situation nicht auch die nach langen Erwägungen und Erhebungen" qualvoll geborene größte Sozialreform" der letzten Jahre flöten: Der Zehnstundentag für die Fabritarbeiterinnen. Die einschlägigen Bestimmungen bilden einen Teil der Gewerbeordnungsnovelle, und haben bekanntlich bereits die Zustimmung des Reichstags und des Bundesrats gefunden. Die Unternehmerpresse ist untröstlich über diesen gesetzgeberischen Eingriff in das selbstherrliche Recht des Ausbeutertums und hetzt noch in der wüstesten Weise dagegen. Kapitalistische Organisationen hauen in die gleiche Kerbe. Namentlich die Textilindustriellen wollen es nicht verwinden, daß „ schon" mit dem Jahre 1910 der zehnstündige Arbeitstag für ihre Lohnsklavinnen durch das Gefeß festgelegt werden soll. Und das schrecklich zu sagen ohne nennenswerte Erleichterungen, ohne Übergangsbestimmungen, wonach ihnen etwa noch fünf Jahre hindurch, das Recht zu längerer Ausbeutung der Arbeiterinnen gesichert werden würde. Für die Textilindustrie tut die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen be= sonders not. Hier wird Frauenarbeit im größten Umfange ausgebeutet. Nach den Angaben der Gewerbeaufsichtsbeamten waren 1907 von den 867657 Arbeitskräften, welche in Deutschland überhaupt den Textilherren fronen, nicht weniger als 407441 Frauen; dazu kommen noch 79749 jugendliche und 3747 kindliche Arbeiter unter vierzehn Jahren, zu denen das weibliche Geschlecht ebenfalls ein sehr starkes Kontingent stellt. So dringend gerade die weiblichen, jugendlichen und findlichen Proletarier aus den verschiedensten ernsten Gesichtspunkten heraus einer verkürzten Arbeitszeit bedürfen, so hartnäckig widersetzen sich die Textils industriellen einer solchen. Man erinnere sich nur der vielen opferreichen Bewegungen und Kämpfe, welche die organisierten Textilarbeiter von je für die Reduzierung des Arbeitstags geführt 219 haben. Angesichts dieser Lage der Dinge ist es von besonderer Wichtigkeit, daß der gesetzliche Zehnstundentag für die Textilarbeiterinnen ohne Ausnahme und mit aller Strenge durchgeführt wird. Die Textilarbeiterinnen haben lange genug darauf warten müssen. Der Zusammenschluß der Arbeitgeberverbände macht bemerkenswerte Fortschritte, und der Einfluß dieser Scharfmacherorganisationen auf die Gesetzgebung und das wirtschaftliche Leben wächst zusehends. Der Verein deutscher Arbeitgeberverbände fonnte für das Jahr 1908 einen Beitritt von 7 Verbänden verzeichnen, so daß ihm jezt 47 Verbände mit 435 Unterverbänden angehören, deren Einzelmitglieder rund anderthalb Millionen Arbeiter beschäftigen. Der Verband sächsischer Industrieller hatte einen Zuwachs von 616 Mitgliedern, ihm sind gegenwärtig 4500 Firmen angeschlossen, die für eine halbe Million Arbeiter die sogenannten„ Brotherren" sind. Der Arbeitgeberverband an der Unterelbe umfaßte im vergangenen Jahre 27 Unterverbände in Hamburg und den Nachbarorten; 11000 Betriebe mit 150000 Arbeitern gehören ihm an. Die Arbeitgeberverbände im Baugewerbe zeigen vielfach das Bestreben, sich zusammenzuschließen und zu Kartellen zu verbünden. Der Verband für das Baugewerbe sucht Anschluß an den Verband der Tiefbauunternehmer wie an die Verbände im Malergewerbe. Die Streikentschädigungsgesellschaft des Gesamtverbandes deutscher Metallindustrieller hatte trotz des wirtschaftlichen Niederganges im Jahre 1908 eine starke Ausgabe für Streifversicherung. Sie läßt die Unternehmermacht im hellsten Lichte erstrahlen. Sind doch durch Streits nur 52 362 Arbeitstage ausgefallen, durch Aussperrungen dagegen 269 392. Also mehr als fünfmal soviel Arbeiter wurden ausgesperrt, als zu streiken wagten. Arbeiterinnen, lernet auch ihr aus den Tatsachen, welche diese trockenen Zahlen künden! Setzt der Unternehmermacht eine Grenze durch euren Zusammenschluß in euren gewerkschaftlichen Organisationen! Tut das Eure, damit sie zur Macht erstarken, mit der die organisierten Unternehmer rechnen müssen. Durchdringt euch mit sozialistischem Geiste, der euch nicht eher ruhen und rasten läßt, bis die Ausbeutungswirtschaft zertrümmert ist. Freilich sind alle Kapitalistenvereinigungen und brutalitäten nicht imstande, der„ Hydra des Streifs" den Kopf abzuschlagen Wohl stecken sie sich dieses Ziel, aber selbst in der Zeit der wirtschaftlichen Krise tönnen sie es nicht erreichen. Auf dem wirtschaftlichen Kampfplat wird es wieder lebhafter. Während im Januar dieses Jahres 18 Streits gemeldet wurden, sind es deren 34 im Februar, gegen 33 im Februar vorigen Jahres. Die meisten Kämpfe entfallen auf das Textilgewerbe, nämlich 6 Streits, unter denen sich einige von ziemlicher Ausdehnung befinden. Der Streit der Berliner Kostümschneider und schnei derinnen zeichnete sich durch seine frisch- fröhliche Entschlossenheit besonders aus, und der Erfolg trat denn auch schon nach sechs= tägiger Dauer ein. Es gereicht uns zur besonderen Freude, daß die Arbeiterinnen an diesem Kampfe so mutig teilnahmen, und daß sie beim Abschluß der Tarifverhandlungen auch gut bedacht worden sind. Wie der Berichterstatter in der Versammlung ausführte, die zu dem Tarif Stellung nahm, fahren sie sogar besser als die Arbeiter. Die Arbeitgeber warteten nicht erst das Eingreifen des Einigungsamtes des Gewerbegerichtes ab, sondern näherten sich schon vorher den Arbeitern und Arbeiterinnen, indem sie weitere Forderungen derselben anerkannten. Die Arbeiter ihrerseits fanden sich mit drei Tarifklassen ab, obgleich sie deren Notwendigkeit nicht einzusehen vermochten. Die Löhne bewegen sich nach diesen Tarifabmachungen nunmehr für die einzelnen Spezialarbeiter zwischen 30 bis 40 Mt. pro Woche und sind um 1 Mt. höher, als die Arbeitgeber sie zuerst bewilligen wollten. Für die verschiedenen Kategorien der Arbeiterinnen variieren die Löhne zwischen 19 bis 26 Mt. pro Woche; junge Zuarbeiterinnen, die erst zwei Jahre im Geschäft tätig sind, bekommen wöchentlich 12 bis 14 Mt. Für Überzeitarbeit erhalten die Arbeiterinnen 80 Pf. pro Stunde, für Nacht- und Sonntagsarbeit 1,20 Mt., junge Arbeiterinnen 50 Pf. Für Arbeiter beträgt die Überzeitbezahlung pro Stunde 1 Mt., für Nacht- und Sonntagsarbeit 1,50 Mt. Als Nachtarbeit gilt die Zeit nach 10 Uhr abends. über diese Minimallöhne hinaus ist eine allgemeine Lohns zulage von 2 Mt. vereinbart worden, so daß der höchste Lohnsah, der für Arbeiter erreicht werden kann, 42 Mt., für Arbeiterinnen 28 Mt. pro Woche beträgt. Der Tarif ist mit dem 1. April d. J. in Kraft getreten. Die Unternehmer wollten ihn ursprünglich erst am 1. April 1910 oder frühestens am 1. Oktober d. J. einführen, * Im Schneidergewerbe soweit die Arbeitsbedingungen tariflich ge= bunden sind werden die Geschäfte je nach der Güte ihrer Fabrikate in Tarifflaffen eingeteilt, für die verschiedene Lohnfäße festgelegt find. 220 Die Gleichheit gaben aber schließlich auch in diesem Puntte nach. Der immerhin respektable Erfolg der Kostümschneider und schneiderinnen ist nicht zuletzt ihrer guten Organisation zu danken und der Beteiligung der Arbeiterinnen am Ausstand, die mit jedem Tage zahlreicher wurde. Hoffentlich bleibt das treue Festhalten am Verband eine der guten Wirkungen dieser siegreichen Bewegung. Das gebietet schon das eigenste Interesse der Schneider und Seiderinnen, denn nur die festgefügte Gewerkschaft ist eine Bürgschaft dafür, daß die Errungenschaften gesichert bleiben. Der Verbandstag der Maler, der Anfang März in Köln getagt hat, tam nach längerer Beratung noch nicht zu dem Beschluß, die Arbeitslosenunterstützung einzuführen. Aus leicht erklärlichen Gründen ist die Einführung dieses Unterstüßungszweigs in den Bauberufen mit Schwierigkeiten verknüpft. Der Verbandstag entschied jedoch, daß eine fakultative Arbeitslosentasse geschaffen werden solle, die als Übergangseinrichtung gedacht ist. Die Verschmel zung des Handschuhmacherverbandes mit dem Lederarbeiterverband wird wahrscheinlich mit dem 1. Juli perfekt werden; eine Konferenz beider Organisationen hat bereits die übertrittsbedingungen festgelegt. Die ,, Gärtner- Zeitung" stattete Die ,, Gärtner Zeitung" stattete eine ihrer legten Nummern als Propagandanummer gegen den Kost und Logiszwang aus; durch reichhaltiges Material wurden wieder einmal die Schäden dieses Lohnsystems aufgedeckt.# Verband der polnisch- katholischen Vereine der arbeitenden Frauen. Neben dem Verband der katholischen Vereine für die pol nischen Arbeiter in den Diözesen Gnesen und Posen hat die fatholische polnische Geistlichkeit in der Provinz Posen eine Reihe von Vereinen für die arbeitenden Frauen ins Leben gerufen, welche zu einem Verband zusammengeschlossen sind. Die Aufgaben der beiden Verbände sind im allgemeinen die gleichen. Dem gewerkschaftlichen Kampfe stehen beide fern. Für ihre Tätigkeit ist die päpstliche Enzyflifa„ Rerum novarum" maßgebend, und sie stehen unter der Oberaufsicht des polnischen Klerus. Der dritte Delegiertentag des Verbandes der arbeitenden Frauen" hat am 28. Februar in Posen stattgefunden. Anwesend waren 45 Delegierte. Aus dem Bericht über die Tätigkeit des Verbandes im Jahre 1908 entnehmen wir folgendes: Der Verband wurde Ende 1906 gegründet und zählte Ende 1907 in fünf Vereinen 3068 Mitglieder. Im Jahre 1908 wurden fieben neue Vereine ins Leben gerufen; zwei in Posen: der Verein für die weibliche Jugend im Handelsgewerbe mit 182 Mitgliedern und der Verein für die Fabrikarbeiterinnen der Parochie St. Lazarus mit 190 Mitgliedern; zwei in Inowrazlaw: der Verein 3goda"(„ Eintracht") für die im Handels- und Konfektionsgewerbe tätigen Frauen, der 82 Mitglieder hat, und der Verein " Jednose"(„ Einigkeit") für Fabrik- und Landarbeiterinnen sowie Dienstmädchen mit 215 Mitgliedern; zwei in Bromberg: der Verein für die im Handels- und Konfektionsgewerbe tätigen Frauen, 80 Mitglieder, und der Verein für die Fabrik- und Landarbeiterinnen, der ebenfalls 80 Mitglieder zählt; schließlich der Verein der arbeitenden Frauen in Patosch mit 119 Mitgliedern. Die bereits früher gegründeten fünf Vereine wiesen 1908 fol genden Mitgliederbestand auf, dem wir in Klammern die Mitgliederzahl für 1907 beifügen: Berein für die Fabritarbeiterinnen in Posen 955( 1907: 950), Verein der Konfektionsarbeiterinnen in Posen 765( 760), Verein der im Handels- und Konfektionsgewerbe tätigen Frauen in Gnesen 184( 188), Verein der katholischen weiblichen Dienstboten in Bosen 780( 670), Verein der katholischen Arbeiterinnen in Kosten 355 Mitglieder. Den geringen Zuwachs an Mitgliedern erflärt der Bericht damit, daß im Bericht für 1907 deren Zahl nach den ausgegebenen Mitgliedsbüchern angegeben wurde, im Bericht für 1908 jedoch nach den Quittungs- und Kons trollfarten für die entrichteten Beiträge, so daß 1908 nur wirklich beitragzahlende Mitglieder erfaßt worden sind. Am 1. Januar 1909 zählte der Verband in zwölf Vereinen 4287 Mitglieder. Der Vorsitzende des Verbandes ist natürlich ein geistlicher Herr, Kanonitus Dr. Adamsti. Er ergänzte den Bericht und hob hervor, daß die Vereine der arbeitenden Frauen nicht nur das Ziel verfolgen, die ökonomische Lage der Mitglieder zu heben, sondern auch ihre Bildung fördern wollen. Bis jetzt ist nur in Posen ein Rechtsschußbureau gegründet worden, weitere sollen in allen den Daten errichtet werden, wo Verbandsvereine bestehen. Da die Einrichtung mit bedeutenden Kosten verknüpft ist, so soll der Verband gemeinsam mit dem der polnisch- katholischen Arbeiter vor gehen. Das Posener Rechtsschußbureau erledigte im Berichtsjahr 358 Angelegenheiten, darunter 129 aus dem Gebiet der Arbeiterversicherung. Der Kaffenbericht weist an Einnahmen rund 8478 Mt. aus, darunter an Mitgliedsbeiträgen 5955 Mt.; die Ausgaben betrugen Nr. 14 4995 Mt.; davon wurden 1569 Mt. als Krankenunterstützung ausgezahlt. Der Verband unterhält eine Mitgift beziehungsweise Sterbe faffe. 94 Mitglieder erhielten 5640 Mt. Mitgift und 7 Mitglieder 840 Mt. Sterbegeld. Die Höhe der Mitgiftbeihilfe beträgt 60 Mt., des Sterbegeldes 120 Mt. Die Verhandlungen über Anderungen der Verbandssatzungen ergaben, daß die Mitgliedsbeiträge 20, 30 und 40 Pf. monatlich be tragen sollen, die Wahl der Beitragsklasse steht den Mitgliedern frei. Für den monatlichen Beitrag von 20 Pf. gewährt der Verband unentgeltlich das Verbandsorgan, Gazeta dla kobiet"( ,, FrauenZeitung") und Rechtsschutz. Der Beitrag von 30 Pf. gibt Anrecht auf Krankenunterstützung in der Höhe, wie sie die Delegiertenver fammlung beschlossen hat; die Mitglieder, welche 40 Pf. zahlen, bekommen außerdem Sterbeunterstützung, deren Höhe ebenfalls die Delegiertenversammlung festsetzt. 5 Pf. von jedem Beitrag verbleiben der Vereinskasse, der Rest wird an die Verbandskasse abgeliefert zur Deckung der Verbandsausgaben sowie der Krankenund Sterbeunterstützung. Die Mitgiftkaffe wurde von der Sterbe kasse getrennt; wer sich ihre Vorteile sichern will, muß besondere Beiträge entrichten. Die Sterbekasse zahlt das Sterbegeld erst nach zweijähriger Mitgliedschaft, und zwar in der Höhe von 60 Mt., nach fünf Jahren Mitgliedschaft beträgt es 70 Mit. und steigt nach je weiteren fünf Jahren um 10 Mt., bis die Höhe von 120 Mt. erreicht wird. Emil Caspari- Kattowih( Oberschlesien). Vom Kampfplak der schlesischen Textilarbeiter. Die Firma Neugebauer Söhne und Pospischil in Langenbielau hat sich im Kampfe gegen ihre rebellischen" Weber und Weberinnen hilfeflehend an den Verband der Textilindustriellen gewandt. In einer, Sigung, die diese Organisation abhielt, wies sie selbstverständlich die Forderungen der Arbeiter als unberechtigt zurück und erklärte sich mit der bestreitten Firma solidarisch. Um dieser Solidarität Nachdruck zu verleihen, droht der Verband der Textilindustriellen mit einer Aussperrung aller organisierten Textilarbeiter in Reichenbach, Langenbielau und Peterswaldau, falls die Streifenden nicht gutwillig den Hungertarif auf sich nehmen. An Gewissenlosigkeit und Brutalität, diese Drohung wahr zu machen, dürfte es dem Verband der schlesischen Textil industriellen nicht fehlen ist doch Schlesien von jeher das klassische Land der rücksichtslosesten Ausbeutung gewesen. Außerdem würde die Aussperrung nur der in den letzten Jahren konsequent durch geführten Taktit der Scharfmacher entsprechen, jeden noch so geringfügigen Streit der Arbeiter in einen Massenkampf zu verwandeln. Durch Weißbluten von Proletariermassen soll die Solidarität unter den Kämpfenden gesprengt und diese in demütigende Bedingungen gezwungen werden. Der Hauptzweck ist aber, vermittels einer Massenaussperrung die verhaßten Gewerkschaften durch Leerung ihrer Kassen zu schwächen und ihre Widerstandsfähigkeit zu brechen. Dieser„ hehre" Zweck heiligt alle Mittel. Was fümmert's auch die Herren Kapitalisten, daß durch ihre verbrecherische Taktik der Kampf auf Tausende ausgedehnt wird, die ihm bisher fernstanden? Einige hundert Weber sind durch einen Hungertarif in den Kampf ge peischt worden, deshalb sollen Tausende anderer Arbeiter mit ihren Familien, zahlreiche kleine Kaufleute, Krämer usw. mitbluten, so will es die Unternehmerlogit und Unternehmergerechtigkeit. ed. Aus dem rheinischen Textilgebiet. Mit welcher Frivolität fremdsprachige Arbeiter nach hier gelockt werden, zeigen die Verhältnisse in der Kölnischen Baumwollspinn und Weberei. Die Firma hat es besonders auf Arbeiterfamilien aus Osterreich abgesehen. Unter Vorspiegelung guten Verdienstes werden unerfahrene Arbeiter nach hier gebracht. Sie fangen sofort mit Schulden an, da die Umzugskosten ihnen als Vorschuß in An rechnung gebracht werden. Von den gezahlten Hungerlöhnen, die nicht einmal für die armseligste Lebenshaltung genügen, tönnen sie den Vorschuß nicht zurückerstatten und befinden sich deswegen fortwährend in Abhängigkeit. Von anderen Mißständen sind besonders die hohen Strafabzüge zu erwähnen, die bei der Firma gang und gäbe sind. Der Werkmeister soll außerdem in Grobheit tüchtiger als in der Weberei sein, und die Arbeiter klagen sehr über die Umgangsformen dieses Herrn. Im Gegensatz zu ihm steht ein Fleiermeister, der so galant ist, daß die Fleierinnen sich kaum vor seinen handgreiflichen Liebenswürdigkeiten schüßen können. Alle Textilarbeiter, die in Köln Arbeit nehmen wollen, tun gut, sich erst beim Vorsitzenden des Deutschen Textilarbeiterverbandes über die Arbeitsverhältnisse am Ort zu erkundigen. W. K. Der Abwehrstreik der Textilarbeiter in der Aktien- Weberei R. Schwark& Co. in Gräfrath ist nach fünfwöchiger Dauer mit gutem Erfolg beendet worden. Sämtliche Streifende wurden wieder eingestellt, Streitbrecher waren während der Dauer des Nr. 14 Die Gleichheit Kampfes nicht zu verzeichnen. Nun heißt's für die Arbeiterschaft des Betriebs erst recht treu zur Fahne des Verbandes halten, damit ihr Erfolg nicht aufs neue angefochten werden kann. W. K. Genossenschaftliche Rundschau. Die Produktiv genossenschaft der Tabatarbeiter in Hamburg, wohl die bedeutendste der wenigen deutschen Arbeiterproduktionsgenossenschaften, hat die Selbständigkeit aufgegeben und ihre Eingliederung in die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine in der Generalversammlung vom 2. März gegen eine Stimme beschlossen. Damit wurde ein weiterer wichtiger Schritt zur Konzentration der deutschen Arbeitergenossenschaften getan. In diesem Falle handelt es sich freilich nur noch um die formelle Regelung eines tatsächlich längst schon bestehenden Verhältnisses. Wir haben oft genug betont, daß Arbeiterproduktivgenossenschaften nur prosperieren können, wenn sie auf dem organisierten Konsum ba fieren. Das hat man in diesem Falle auch rechtzeitig eingesehen: der Hauptabnehmer der Tabakarbeitergenossenschaft war seit vielen Jahren schon die Großeinkaufsgesellschaft. Diesem Verhältnis hat die erstere ihren großen Aufschwung zu verdanken. Einige Angaben über die Entwicklung der Tabalarbeitergenossenschaften dürften von Interesse sein. Die Hamburger Genossenschaft wurde 1891 nach der großen Tabalarbeiteraussperrung in Hamburg, Altona, Ottensen gegründet. Ihr Bestreben war zunächst, den nach der Aussperrung Gemaßregelten einen Unterschlupf zu schaffen, des weiteren aber, einer immer größeren Zahl von Tabatarbeitern die Vorteile der genossenschaftlichen Produktion zugute kommen zu lassen. Die Ge nossenschaft beschränkte sich im Anfang darauf, den Absah in Hamburg und Umgegend zu organisieren. Getragen von der Sympathie der Arbeiterbevölkerung, entwickelte sie sich sehr rasch; im Jahre 1892 wurden 6 180 000, 1893 6820 000 Bigarren angefertigt. Von diesem Zeitpunkt ab geht der Absatz jedoch rapid zurück. 1896 betrug er nur 3983 000. Die Mitgliederzahl fant von 1300 auf 300, das Anteilfonto von 30 000 Mt. auf 10 000 Mt. In dieser Krisenperiode würde wahrscheinlich auch die Tabatarbeitergenossenschaft wie vor ihr so viele Produktivgenossenschaften zugrunde ges gangen sein, wenn nicht von vornherein die Mitglieder auf jeg lichen Gewinnanteil und auf jegliche Verzinsung ihrer Anteile auf die Dauer von zehn Jahren verzichtet hätten. 1897 wurde zum erstenmal versucht, durch größere Geschäftsreisen die in den Konsumvereinen organisierten Konsumenten für die Zabakarbeitergenossenschaft zu interessieren. Im Jahre 1901, nach zehnjährigem Bestehen, wurde eine völlige Reorganisation der Genossenschaft vorgenommen. Durch Einführung des Systems der Warenrückvergütung wurde sie aus einer reinen Produktivgenossenschaft zu einer Produzenten und Konsumentengenossenschaft umgewandelt. Bon jetzt ab begann die rasche Aufwärtsentwicklung der Genossenschaft. Der Umsaß, der im Jahre 1900 207 100 wt. betrug, stieg bis zum Jahre 1908 auf 1166 294 Mt., und zwar ist diese Steigerung in erster Linie auf das wachsende Interesse der organisierten Konsu menten an der genossenschaftlichen Eigenproduktion zurückzuführen. Der Absatz an die Konsumvereine ist seit dem Jahre 1900 um das 16 fache gestiegen, von rund 50 000 Mt. auf zirka 800 000 Mt.; der Absatz an Private hat sich dagegen nur verdoppelt. Dadurch, daß die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine die ihr zustehende Warenrücvergütung und die Zinsen ständig auf neue Anteile zeichnete, ist das Anteiltonto von 10000 Mt. auf rund 72 000 Mark gewachsen. Die finanzielle Position der Genossenschaft ist eine durchaus gesicherte, fie verfügt nach ihrer letzten Bilanz über ein eigenes Vermögen( Reserve, Kapital und Dispositionsfonds) von über 150 000 Mt. Der Grund zu dem Antrag der Verwaltung auf Auflösung war, durch Umwandlung der Tabatarbeitergenossenschaft in eine Produktivabteilung der Großeinkaufsgesellschaft die Konsumvereine noch mehr als bisher für die genossenschaftliche Eigen produktion von Zigarren zu interessieren. Der fast einstimmig gefaßte Beschluß der Mitglieder der Tabalarbeitergenossenschaft ist ein ehrendes Zeugnis für ihr genossenschaftliches Verständnis. Um so mehr, als sie auf jeden Anteil an dem Vermögen der Genossenschaft verzichteten, die zurzeit etwa 500 Arbeiter beschäftigt. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse bei der Nordhäuser Rautabatarbeitergenossenschaft, die allerdings erst acht Jahre alt, aber aus ähnlichen Ursachen entstanden ist, wie ihre ältere Schwester in Hamburg. Das Bestreben der Nordhäuser Kautabatarbeitergenossenschaft geht seit dem letzten Jahre dahin, fie zum Eigentum der Genossenschaften überhaupt zu machen und dadurch zum rationellen Großbetrieb zu gestalten. Zum Teil ist dieser Gedanke schon verwirklicht, denn während am Schlusse des Geschäftsjahres nur 27 Einzelmitglieder dem Arbeiterunternehmen 221 angehörten, zählen jetzt eine Handelsfirma( G. E. G.) und 46 Konsumgenossenschaften zu ihren Mitgliedern. Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse sind heute schon vorbildliche und erheben sich wesents lich über die in Privatbetrieben bestehenden. Es wurden 1908 beschäftigt 50 Personen bei achtstündiger Arbeitszeit. Die Löhne der Spinner standen 1906 auf 1500, 1907 auf 1507 und 1908 auf 1600 Mt. Die Röllchenmacher verdienten im Jahresdurchschnitt 1906 1175, 1907 1290 und 1908 1384 Mt. Gegenüber den Privat betrieben wird in der Nordhäuser Rautabatarbeitergenossenschaft für Spinner ein um 14,6, für Röllchenmacher ein um 21,5, für Stangenmacher ein um 88, für Hilfsarbeiter ein um 40 und für Hilfsarbeiterinnen ein um 12,5 Prozent höherer Lohn gezahlt. Durch Einführung des Achtstundentags wurde eine Verkürzung der Arbeitszeit um 15,7 Prozent vorgenommen, der jedoch eine verminderte Produktivität bei den Spinnern von 3,3 und bei den Röllchens machern von 11,14 Prozent gegenüberstand. Der Geschäftsbericht fagt zu der Arbeitszeitverkürzung: Der durch diese Maßnahme von den hiesigen Fabrikanten erwartete Ruin des Geschäfts trat nicht ein, sondern im Gegenteil, das Unternehmen erfreut sich heute noch einer gefunden Stabilität." Noch soll hervorgehoben werden, daß sämtliche Arbeiter bei Fortzahlung des Lohnes einen acht tägigen Urlaub genießen, und daß das Geschäft die vollen Inva liditäts- und Krankenkassenbeiträge zahlt. Auch bei dieser Pro duttivgenossenschaft wird es nur eine Frage der Zeit sein, daß sie an die Großeinkaufsgesellschaft angegliedert wird. Das preußische Abgeordnetenhaus hat die Gesellschaftssteuer endgültig abgelehnt. An Stelle der Gesellschaftssteuer treten Steuerzuschläge, die für die Konsumvereine aber nicht höher sind wie für die physischen Personen, während Attiengesellschaften, Bergwerts. gesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung mit einem höheren Steuerzuschlag bedacht werden. Zwar bleibt das bestehende Steuerunrecht erhalten, aber es ist doch kein neues hinzugekommen, und wie die Dinge nun einmal in Preußen liegen, muß das schon als ein Erfolg betrachtet werden. Ein großer Teil von diesem Er folg ist auf das Konto der Abwehrbewegung zu setzen, die die im Zentralverband deutscher Konsumvereine vereinigten preußischen Konsumgenossenschaften sofort nach dem Bekanntwerden des Gesells schaftssteuerentwurfs eingeleitet haben. Vom deutschen Handwerks- und Gewerbekammer. tag in Hannover war an das preußische Abgeordnetenhaus eine Petition gerichtet worden um„ Nichtförderung" der Konsumvereine durch staatliche Verwaltungsorgane. Sie war der Regierung zur Erwägung überwiesen worden. Der Minister des Innern hat darauf geantwortet, daß sich die Regierung zu diesen Bestrebungen neutral verhalte, in manchen Bergwerksbezirken sei jedoch der Konsumverein im Interesse der Arbeiter dringend nötig. In dem gleichen Sinne erklärte sich der preußische Handelsminister auch in einer Sigung des Abgeordnetenhauses. Er fügte aber noch hinzu, daß das Verbot der Beteiligung von Beamten an Konsumvereinen ein Eingriff in die persönliche Freiheit sei, den der Minister niemals sich erlauben werde. In der entschiedensten Weise wies er die Zu mutung zurück, den Beamten die Betätigung in den konsumgenossenschaftlichen Organisationen zu erschweren, sofern sie in ihrer freien Beit erfolge. Hoffentlich entsprechen diesen ministeriellen Worten auch die behördlichen Taten. Im Bereich der preußisch- hessischen Eisenbahngemeinschaft wird nämlich durchaus nicht immer nach den Grundsägen verfahren, die Herr Delbrück verkündete. Vor furzem wurden erst die Mainzer Eisenbahnbeamten von ihrer vorgesetzten Behörde gezwungen, aus dem Konsumverein auszuscheiden. Das verträgt sich doch ganz und gar nicht mit den schönen Worten. Trotz alledem dürften die Mittelstandsretter von den Antworten der Regierung wenig befriedigt sein. Um Mitgliedern, die sich beruflich dem Genossenschafts- und Gewerkschaftswesen gewidmet haben, eine bessere fachliche Aus bildung zu verschaffen, hat die belgische Arbeiterpartei den Versuch unternommen, Unterrichtsturse einzurichten. Diese neue Institution ist als eine Art Schule für Verwalter gedacht und soll der Arbeiterpartei und insbesondere den sozialistischen Ge nossenschaften tüchtige Leiter verschaffen. Da die Geschäfts, führung der sozialistischen Genossenschaften vielfach zu wünschen übrig läßt, weil die Verwalter infolge ihrer meist ungenügenden Vorbildung den Anforderungen ihres Amtes nicht gewachsen sind, so soll diesem Mangel durch die neue Einrichtung begegnet werden. Die englische und die ungarische Großeinkaufsgesellschaft hatten ihre Zustimmung zur Bildung einer internationalen Föderation der Großeinkaufsgesellschaften gegeben, die auf Grund des von der Subkommission ausgearbeiteten Statutenentwurfes konstituiert werden soll. Nun haben auch die Leitungen der finnischen und norwegischen Großeinkaufsgesellschaften einen 222 Die Gleichheit gleichlautenden Beschluß gefaßt. Eine ablehnende Haltung nimmt bisher die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine ein, die erklärte, die Notwendigkeit einer besonderen Organisation der Großeinkaufsgesellschaften verneinen zu müssen. Der größte Konsumverein der Welt ist nach dem Umfaze die Konsum und Produktivgenossenschaft Leeds( England). Der Breslauer Konsumverein verzeichnete bei 89 000 Mitgliedern einen Umsatz von 20 Millionen Mart, während die Konsum- und Pros duktivgenossenschaft Leeds im Jahre 1908 mit 50000 Mitgliedern einen Umsatz von 33 228 640 Mt. erreichte. Die Gründung der Genossenschaft erfolgte in der Zeit der gewaltigen Brot- und Mehlteuerung, unter der in den vierziger Jahren des vorigen Jahr hunderts die englische Arbeiterschaft zu leiden hatte. Sie begann ihre Tätigkeit als Produktivgenossenschaft. Eine Anzahl Arbeiter gründeten im Jahre 1847 eine genossenschaftliche Kornmühle, aus der später die heutige Genossenschaft sich entwickelt hat, die außer Mehl auch Schuhe, Möbel, Bürsten, Zinnwaren, Brot, Fleisch, Konfektionswaren und anderes produziert. In der Kornmühle werden jährlich 150000 Säcke Mehl und 180000 Säcke anderer Fabritate im Gesamtwerte von 6 Millionen Mark produziert. Bier eigene Rähne von je 100 Tonnen besorgen den Getreidetransport von Hull nach der Mühle, die am direkten Wasserweg Leeds- Hull gelegen ist. Der große Getreidesilo leistet stündlich 15 Tonnen. In der Schuhfabrit, die 175 Personen beschäftigt, werden wöchentlich 2100 Paar Schuhe hergestellt und 2000 Paar Schuhe repariert. Die Bäckerei produziert wöchentlich außer 20000 3 Pfund- Broten und 3000 Dutzend Pasteten und Kuchen, sowie 3000 Pfund Kates und 500 Pfund Schweinefleischpasteten große Mengen von Bistuits, Zuckerwaren, Kandiszucker und anderes mehr. In der Hemdenfabrit werden pro Woche 800 Stück Hemden verfertigt. In der Schlächterei beträgt der wöchentliche Umsatz 90000 Mt.; es werden pro Woche 120 Rinder, 290 Schafe und 150 Schweine verarbeitet und 80 Zentner Wurst, sowie 200 Zentner Schmalz fabriziert. In Verbindung mit der Schlächterei besitzt die Genossenschaft eine 90 Acre große Viehzuchtfarm. Die erst im Februar 1908 eröffnete Dampfwäscherei beschäftigt 80 Personen und erzielt einen Wochen umsatz von 3000 Mt. Bedeutendes leistet die Konsum- und Produktivgenossenschaft auch auf dem Gebiete der Kohlenversorgung. Ihr Umsatz in Rohlen beträgt wöchentlich zirka 4000 Tonnen. Außer 16 Kohlenlagern hat die Genossenschaft eigene Kohlenwerften am Leeds- und Liverpoolfanal und am Aire, sowie 21 Kohlenkähne und 150 Eisenbahnwaggons zur Beförderung des schwarzen Ma terials aus den Yorkshireminen. Insgesamt besitzt sie 245 Niederlagen, darunter 95 für Kolonialwaren, 79 für Fleischwaren, 24 für Manufakturwaren, 19 für Schuhwaren, 7 für Konfektionswaren, 5 für Fische und Grünzeug und 16 Kohlenniederlagen. Beschäftigt find insgesamt 2196 Personen. Wenn man berücksichtigt, daß Leeds eine Fabrikstadt mit kaum einer halben Million Einwohnern ist, so ergibt sich, daß dort mehr als die Hälfte aller Familien dem Konsumverein angeschlossen ist. Notizenteil. Dienstbotenfrage. H. Fl. Wenn man bei Neurasthenikern" Dienstmädchen sein muß. Die Sorge ums tägliche Brot hatte ein 17 Jahre altes Mädchen veranlaßt, das moderne Sklavenjoch des Gesindetums auf fich zu nehmen. Das Mädchen glaubte sich glücklich schätzen zu dürfen, als es am 1. April vorigen Jahres bei einer gebildeten" Familie, bei der des Intendantursekretärs Franz Hoppe in Breslau Stellung bekam. Es sollte dieses Glück bald te uer bezahlen. Die Gnädige war eine überaus nervöse Dame und hatte eine leichte Hand, die das arme Mädchen jedoch oft genug sehr schwer zu fühlen betam. Über den Zweck der Besen, Kohlenschippen und ähnlicher Küchengeräte hatte Frau Elisabeth ganz eigentümliche Ansichten. Sie schlug mit ihnen für gewöhnlich so lange auf ihrem Küchentrampel" herum, bis sie an dessen wundem Rücken zerbrachen. Sogar die Spazierstöcke des Herrn Intendantursekretärs mußten zu solch edlem Sport herhalten. Da aber derartige Kraftanstrengungen - den ganzen Tag über fortgesetzt die Gesundheit der zarten Dame hätten gefährden können, so wurde diese vom Herrn Gemahl, wenn er nach Hause kam, meist in der dreschenden Erziehungsarbeit an dem jungen Mädchen abgelöst. Frau Elisabeth brauchte ihrem Eheliebfien bloß zu erzählen, wie sehr sie sich wieder über das Mädchen habe„ ärgern" müssen, und flugs griff der„ gnädige Herr" zum Stocke, um den„ unverschämten Dienstbolzen" in geradezu barbarischer Weise zu verprügeln. Endlich wurde das Martyrium selbst dem aeduldigen Landmädchen zuviel, am 4. Dezember- also Nr. 14 nach acht Monaten, einer Kette fast täglicher Mißhandlungen verzichtete es auf das Glück, dem Haushalt einer gebildeten und feinen Herrschaft anzugehören. Es gab den Dienst auf und ging zum Arzt. Dieser stellte fest, daß Rücken und Arme des bedauernswerten Opfers herrschaftlicher Prügelsucht mit blutunterlaufenen Striemen förmlich bedeckt waren, derart, daß der eine Arm sich als zur Hälfte mit Blut unterlaufen erwies! Nun mußte sich die Staatsanwaltschaft notgedrungen mit den brutalen Herrschaften befassen. Die Sache kam vor das Breslauer Schöffengericht. Hier wollten sich der Herr Intendantursekretär und seine edle Gattin mit der Entschuldigung aus der Schlinge ziehen, daß sie„ neurasthenisch veranlagt" und deshalb sehr reizbarer Natur" wären. Auf das Gericht scheint diese Entschuldigung" tatsächlich Eindruck gemacht zu haben. Denn es verurteilte die beiden Angeklagten für ihre Quälereien eines wehrlosen Mädchens zusammen zu ganzen Mark Geldstrafe! Welches Urteil wäre wohl gefällt worden, wenn das Dienstmädchen die noble Herrschaft nur ein einziges Mal halb soviel verprügelt hätte, als es von dieser fast täglich mit Schlägen bedacht wurde. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. 50 e. k. Wie es den Proletarierinnen an der Saale hellem Strande" ergeht, darauf lassen die nachstehenden Angaben einen Schluß zu. Die Arbeiterinnen, welche in der Spinnerei zu Halle recht beträchtlichen Profit für das ausbeutende Kapital zusammen schanzen, haben nicht selten Wochenlöhne von 6 Mt. Außer ordentlich flinke Lohnstlavinnen bringen es wohl auch auf 10 bis 11 Mr. Näherinnen verdienen 3 bis 4 Mt. pro Woche. In der Umgegend der Stadt werden 2andarbeiterinnen mit 80 Pf., im günstigsten Falle mit 1 bis 1,20 Mt. pro Tag entlohnt. Dabei verkaufen die nämlichen Großbauern, welche solche Schandlöhne zahlen, das Pfund Butter mit 1,40 bis 1,50 Mt. In manchen Orten des Kreises ist für die Proletarier die Möglichkeit vor handen, etwas Kartoffelacker zu pachten und ein Stückchen Vieh aufzuziehen, ein paar Gänse zu halten. Bei dem geringen Ver dienste des Mannes aber sind Familien die das tun, oft genötigt, das aufgefütterte Vieh zu verkaufen, statt es selbst verzehren zu können. Erfreulicherweise lernen auch in der Gegend von Halle immer mehr Ausgepowerte erkennen, daß sie in die Reihen des um seine Menschenrechte kämpfenden Proletariats gehören. Sie füllen die Reihen der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen, sie begreifen, daß auch zu ihnen der Sozialismus als Befreier aus 0. B. Not und Knechtschaft kommt. Das Elend des Proletariats im Kreise Landeshut trat der Unterzeichneten kürzlich auf einer Agitationstour durch den Bezirk vor Augen. Seit Generationen ist die Arbeiterschaft der schlesischen Leinenindustrie zur Unterernährung gezwungen. Sehr häufig, man tann fast sagen in den meisten Fällen, beträgt der gemeinsame Berdienst von Mann und Frau nicht mehr als 8 bis 12 Mr. wöchentlich. Man braucht kein Prophet zu sein in Israel, um zu wissen, wie die Existenz beschaffen ist, die sich auf solchen Hungerverdienst aufbaut. Das größte, kaum zu beschreibende Elend findet man in Landeshut, wo ein Hundebraten bei den Proletariern als eine Delikatesse gilt und eine Familie höchstens des Sonntags für 15 bis 20 Pf. Fleisch kaufen kann. Die schlesische Leinenindustrie wird am Orte wie in der ganzen Gegend von der Firma Methner beherrscht. In der raffiniertesten Weise lockt diese Ausländer heran, namentlich Österreicher. Sie läßt in österreichischen Zeis tungen annoncieren, daß Arbeiter und Arbeiterinnen zu hohen Löhnen bei guter Behandlung, vortrefflichen Betriebseinrichtungen usw. in ihren Leinenspinnereien und Webereien Arbeit finden können. Die armen Österreicher, die dann über die nahe Grenze kommen, müssen für ihre Arbeitskarte bis 5 Mt. zahlen. Die Ausbeutung, die sie erfahren, läßt ihren Hoffnungen bald die Enttäuschung auf dem Fuße folgen. Ein krasser Fall von vielen sei hier berichtet. Er hat sich jüngst ereignet. Ein Österreicher, angelockt durch die Versprechungen der Firma, kam über die Grenze. Er verdiente nicht genug zu trockenem Brote. Auf seine Beschwerde hin erklärte die Fabrikleitung, es würde besser sein, wenn seine Frau da wäre, um mitarbeiten und die Lebensführung besser einrichten zu können. Die Frau tam. Mann und Frau erzielten zusammen einen Wochenverdienst von 8 Mt. Der Mann gab die Arbeit auf, denn er und seine Familie hätten bei dem erzielten Verdienst buchstäblich verhungern müssen. Daraufhin wurde ihm auf seiner Karte ver merkt: Ungekündigt aufgehört." Der Direktor soll dem Manne gefagt haben:„ Sie bekommen in ganz Deutschland keine Arbeit." So ergeht es den Ausländern, die als Lohnbrücker nach Deutsch land gelockt werden. Wie fie in Landeshut außerdem noch durch Nr. 14 Die Gleichheit kommunale Maßnahmen geschädigt werden, ist an anderer Stelle zu lesen. Nicht viel besser als der Arbeiterschaft der Leinenindustrie geht es den übrigen Proletariern im Kreise. Ein wöchentliches Einkommen von 15 Mt. gilt bei ihnen als sehr gut, und nur die Glasmacher tommen so hoch. In Prittwigdorf und Ums gegend schanzen die Männer in chemischen Werten, fogenannten Giftbuden, für einen Taglohn von 2 Mt. Hätten die meisten Arbeiterfamilien in dieser Gegend nicht die Möglichkeit, ein Schwein oder ein paar Ziegen aufzuziehen, so würde wohl nie Fleisch auf ihren Tisch kommen. Sauerkraut, Kartoffeln und leider! Schnaps bilden ihre Hauptnahrung. Sehr traurig sieht es auch in dem Städtchen Jauer aus, wo die Zigarrenindustrie und die Kragen und Wäschenäherei, von einigen Fabriken abgesehen, als Hausarbeit betrieben wird. Es ist ein Glück, daß die Ausgebeuteten in den genannten Gegenden mehr und mehr zur Erkenntnis ihrer Lage erwachen und für ein besseres Dasein zu kämpfen beginnen. Ottilie Baader. Frauenstimmrecht. Das aktive und paffive Frauenwahlrecht zum weimarischen Laudtag hat die sozialdemokratische Fraktion dieses Duodezparlamentes in einem Wahlrechtsantrag gefordert. Anlaß dazu bot, daß dort eine sogenannte Wahlrechtsreform zur Debatte steht, bei der Regierung und bürgerliche Parteien wieder einmal ihr reaktionäres Herz enthüllen. I. K. Für die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes in England, wie sie der Antrag Howard forderte, hat sich im Unterhaus eine Majorität von 53 Stimmen erklärt. Dieses Ergebnis ist als eine bedeutsame Förderung der Agitation für volles Bürgerrecht aller Erwachsenen ohne Unterschied des Geschlechtes zu begrüßen. Eine Organisation zur Erringung des Frauenstimmrechts in Frankreich ist in Paris gegründet worden. Sie führt den Namen, Union Française pour le Suffrage des Femmes"( Franzö fische Vereinigung für das Frauenstimmrecht"). Die Leitung der Organisation ruht in den Händen eines Komitees von 15 Perfonen, dem unter anderem Madame Schmal, Madame Vincent und andere bekannte Vorfämpferinnen für die Frauenemanzipation angehören. Vom Kampfe nm das Frauenwahlrecht im Staate New York. Eine Kommission des Staatsparlamentes hatte sich kürzlich mit Vorlagen zu beschäftigen, welche die Einführung des Frauenwahlrechtes verlangten. Sie beschloß mit 11 gegen 2 Stimmen, diese dem Parlament nicht zur Annahme zu empfehlen. Wie unsere Genoffinnen, so agitieren auch die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen rührig für das politische Recht des weiblichen Geschlechtes. Um die Aufmerksamkeit auf diese Forderung zu lenken, wendeten sie neulich ein neues, drastisches Agitationsmittel an. Sie veranstalteten nachts zwischen 1 und 2 Uhr eine Versammlung in der Straße; von einem Wagen herab, beleuchtet von Fackeln und japanischen Laternen, sprachen acht Frauenrechtlerinnen zu der sich ansammelnden Menge. Ein großes Plakat trug die Inschrift:„ Frauen haben das Stimmrecht in Wyoming, Colorado, Utah und Idaho warum nicht im Staate New York?" 17 Polizisten waren zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgeboten. Die Nachtversammlung erregte das gewollte Aufsehen, und die Rednerinnen fanden stürmischen Beifall. Landarbeiterfrage. Aus einem Dorado der Junker, einem Dorfe der Altmark, schreibt uns eine Genoffin:" Bei uns sieht es unter dem Landproletariat recht traurig aus. Im Winter gibt es sehr wenig Arbeit, so daß die Not steigt und steigt. Wenn es Arbeitslosen einfällt, Tannenzapfen aus dem föniglichen Forst zu holen oder Besenreis zu schneiden, um etwas zu verdienen, so werden sie wegen Diebstahls bestraft. Das heilige Eigentum verlangt sein Recht. Trotzdem bleibt im Winter vielen Famlien nichts anderes übrig, als sich durch Stehlen und Betteln zu erhalten. Andere, denen es glückt, sich durchzuhungern, vertrösten sich mit der Ausficht auf den Sommer. Was sie von ihm erhoffen, ist nicht froher, glücklicher Genuß der Natur, sondern Arbeit, harte Arbeit vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang um einen Lohn von 25 bis 36 Pfennig pro Stunde für die Männer und 16 Pfennig für die Frauen. Davon heißt es leben und auch noch die Schulden bezahlen, die im Winter gemacht werden mußten. Dumpf und schwer ist deshalb die Stimmung der unglücklichen Landsflaven. Schule und Kirche verweisen sie auf ein befferes Jenseits, verstricken fie dadurch in Wahnglauben und halten sie davon ab, fich um ein 223 menschenwürdiges Diesseits zu bemühen. Manche, die mit dem Glauben an die irdische Gerechtigkeit auch das Vertrauen zur himm lischen verloren haben, stehlen wie die Raben, noch andere gehen zugrunde. Besonders viele Frauen versinken infolge der ewigen Sorgen um die nackte Existenz in Stumpffinn und Verzweiflung. Dhne Hoffnung, ohne Trost, schleppen sie ihr elendes Leben von Tag zu Tag weiter. Unter diesen ländlichen Lohnsklaven ist der Sozialismus das einzige Evangelinm, daß sie aufatmen und wieder Hoffnung schöpfen läßt. Schwer ist die Arbeit, die sozialdemokratischen Ideen auszufäen. Alles, was die Ausgebeuteten büttelt, tut sich zusammen, um sie zu hindern. Was ist zur„ Bekämpfung des Umsturzes" nicht alles im Reiche des Herrn von Kröcher möglich? Aber es geht doch vorwärts. Wir haben in unserem Ortchen zur Reichstagswahl 230 sozialdemokratische Stimmen geholt, und trotz der Krise und des harten Winters zählen wir 47 Leser der„ Voltsstimme", 56 Abonnenten des Wahren Jacob" und 3, Gleichheits" leserinnen. Der Partei gehören bisher freilich erst 11 Männer und 3 Frauen an, aber dieses kleine Häuflein hält sich tapfer. Allerdings ist das, was wir bisher geleistet haben, nur ein Tropfen im Meer der Arbeit, die noch zu verrichten ist, um die hiesigen Landproletarier zum Bewußtsein ihrer Rechte zu erwecken, sie aufzuklären und zum Kampfe zu organisieren. Aber das Bewußtsein davon spornt unsere Kräfte an, und das Wirlen für die Sache der Ausgebeuteten macht das Leben schön und wertvoll. Eine erdrückende Last deuchte es mir früher, und ich hätte es lieber heute wie morgen von mir geworfen. Jetzt möchte ich hundert Jahre leben, um die Ketten meiner Brüder und Schwestern, M. J. in Kl. der gefnechteten Landsflaven, sprengen zu helfen." Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. " " demokratischer Frauen- Agitationsvereine Hollands findet am 1. K. Die erste Jahresversammlung des Bundes sozialVorabend des Parteitags der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands zu Ostern in Rotterdam statt. Auf der Tagesordnung stehen außer geschäftlichen und inneren Angelegenheiten zwei Fragen: Ausgestaltung des Bundesorgans„ De Proletarische Vrouw" und Mutterschaftsversicherung. Der Jahresbericht über die Entwicklung des Bundes, den Genossin van KnykhofenRoedyk erstattet, ist bereits veröffentlicht worden. Er zeigt, daß die im Bunde" organisierten Genossinnen mit regem Eifer für die Ausbreitung der sozialdemokratischen Ideen unter den Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen gewirkt und ihre Interessen und Rechte nach besten Kräften vertreten haben. Im Berichtsjahre wurden mehrere neue Lotalvereine gegründet, so daß dem Bunde" jetzt 16 Zweigorganisationen angehören. Die älteren Klubs haben sich gedeihlich entwickelt. Der Bund" hat kräftig für das allgemeine Frauenwahlrecht agitiert, für gesetzlichen Arbeiterinnenschutz, aber gegen das von manchen unflaren Elementen geforderte gesetzliche Verbot der Frauenarbeit, hat Lese- und Distussionsabende angeregt und gefördert usw. Er war bemüht, bas Klassenbewußtsein der Proletarierinnen zu wecken und hat durch seine Arbeit ihr Selbstbewußtsein gehoben. Durch das Ziel seiner Arbeit und ihre Art hat er wesentlich dazu beigetragen, die fleinbürgerlich philisterhaften Anschauungen über die Betätigung der Frauen im öffentlichen Leben und das Mißtrauen dagegen zu zerstreuen, die bei manchen Parteigenossen noch vorhanden waren. " De Proletarische Vrouw", bas Organ der Genoffinnen, hat einen Aufschwung genommen. Leider hat die beklagenswerte Spaltung in der Partei auch auf den Bund" zurückgewirkt. Führende Genofsinnen haben sich der neuen Partei angeschlossen, und da dem ,, Bund" nur Mitglieder der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei angehören können, mußten in der Folge in einigen lokalen Organi sationen Vorstandsmitglieder ausscheiden, und der Bundesvorstand selbst verlor zwei tüchtige Mitglieder, darunter Genofsin Mensing, die internationale Korrespondentin. Dem Bund" wird höchſtwahrscheinlich vom bevorstehenden sozialdemokratischen Parteitag eine eigene Vertretung zu den fünftigen Tagungen der Partei zuerkannt werden. Aufgabe dieser Vertretung soll sein, Bericht über die proletarische Frauenbewegung zu erstatten, und Anträge des " Bundes" zu begründen. Ein entsprechender Antrag vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei liegt vor, dazu ein anderer Antrag für die bessere Ausgestaltung des Bundesorgans durch Schaffung einer besonderen Beilage für die Jugend. Die proletarische Frauenbewegung Hollands marschiert! " I. K. Der dritte Kongreß der sozialdemokratischen Arbeiterinnen Ungarns findet zu Ostern in Budapest statt. Den Bericht des Landesorganisationskomitees erstattet Genossin Fritsch; über bie wirtschaftliche und politische Lage der Arbeiterinnen in Ungarn 224 Die Gleichheit referiert Genossin Czardós; über Agitation und Presse Genossin Timár. In Ungarn ist eine ernſte, zielbewußte Arbeiterinnen bewegung erst seit einigen Jahren in Fluß gekommen. Der Hauptgrund dafür ist darin zu suchen, daß in Ungarn die Landwirtschaft überwiegt; die moderne Industrie ist noch in den Anfängen ihrer Ent wicklung begriffen. Die sozialen Zustände und das geistige Leben der ungarischen Bevölkerung spiegeln diesen Stand der Dinge wieder. So stößt die Ausbreitung der sozialdemokratischen Jdeen auf Schwierigkeiten, die in industriell weiter fortgeschrittenen Ländern nicht vorhanden sind. Was aber im allgemeinen gilt, das trifft auf die Agitation unter den werktätigen Frauen erst recht zu. Wie fast überall, gerade in ländlichen Gegenden, stehen in Ungarn die Frauen noch recht stark unter dem Banne reaktionärer und klerikaler Anschauungen. Der Mangel einer guten Schulbildung tut das übrige dazu, die Aufrüttelungsarbeit unter den Frauen zu erschweren. Nichtsdestoweniger hat sich die junge Arbeiterinnenbewegung verhältnismäßig befriedigend entwickelt, so viel auch noch für ihre Ausbreitung und Festigung zu wünschen übrig bleibt. In ihren Anfängen mußte sie sich darauf beschränken, die Arbeiterinnen zur Erkenntnis ihrer wirtschaftlichen Interessen zu er wecken und diese, soweit es möglich war, zu verfechten. Erst in letzter Zeit kann die Frage der politischen Rechte des weiblichen Geschlechtes in den Kreis der Agitation und Tätigkeit gezogen werden. Das ist dem Kampfe des männlichen Proletariats für das allgemeine Wahlrecht zu danken. Je größeren Umfang er an nimmt, je schärfer er geführt wird, um so mehr wirkt er auch weckend auf die Frauen der arbeitenden Bevölkerung zurück. Sie beginnen über Fragen nachzudenken, um die sie sich früher nicht fümmerten, und die Agitation kann ihnen die Bedeutung politischer Rechte flarmachen. Der kleine Stamm zielbewußter Genossinnen nügt die Situation und hofft von der Zukunft eine gute Ernte der ausgestreuten Jdeensaat, eine kräftige Entwicklung der sozialdemo fratischen Arbeiterinnenbewegung. Marie Czardós- Budapest. Frauenbewegung. Die katholische Frauenorganisation in Baden hat in der letzten Zeit einen fräftigen Anlauf genommen. Es sind die vornehmen Damen, welche sich sportsmäßig mit ihr befassen, während Herren der Klerisei die eigentlichen Macher sind. Als Rednerin in den konstituierenden Sizungen der Ortsgruppen, die gegründet worden sind, trat Frau Dr. Ammann- München auf, eine geborene Schwedin. Sie ist begleitet von der hohen katholischen Geistlichkeit, die in jedem Falle schon einen örtlichen Priester als geistlichen Beirat mitbringt und sofort nach der Vereinsgründung als männ lichen Betriebsleiter ernennt. Der Erzbischof Thomas Nörber in Freiburg beeinflußt die Organisation. Bei der Gründung in Karlsruhe ließ er sich durch den Ehrendomherrn und Stadtdekan Knörzer vertreten, bei der Freiburger Versammlung durch den Weihbischof Dr. Knecht. Außerdem begrüßte der Kirchenfürst die Versammelten handschriftlich und gab seiner Auffassung folgender maßen Ausdruck:„ Den Kernpunkt des ganzen Unternehmens sehe ich in der Tendenz, überall direkt und indirekt das so sehr bedrohte Familienleben zu heben und die Frauenwelt im engen Anschluß an die Kirche immer intensiver mit christlichem Geist zu erfüllen." Daß der Erzbischof diese Vereine zur Rettung des Familienlebens gerade unter das Protektorat der im Zölibat lebenden hohen Geistlichkeit stellt, beweist uns, daß der„ enge Anschluß an die Kirche" wohl der Hauptzweck" dieser katholischen Frauenorganisation betrachtet werden darf. Wenn aber noch ein Zweifel über die wahre Tendenz dieser Bestrebungen zur Lösung der Frauenfrage" bliebe, so brauchen wir zur Veranschaulichung ihres Charakters uns nur die Liste der erwählten Vertrauenspersonen der Frauenorganisation zu Karlsruhe betrachten. Wir lesen da folgende Namen und Titel: 1. Vorsitzende Freifrau v. Teuffel; 2. Borsitzende Frau Landgerichtsrat Schmidt; 1. Schriftführerin Frau Regierungsrat Siebert; 2. Schriftführerin Frl. Ernst; 1. Schatz meisterin Frau Baronin v. Bodman; 2. Schatzmeisterin Frau Wörner. Beirätinnen: Frau Oberregierungsrat Schmidt, Frau Dr. Latemeyer, Frau Dr. Matheis und Frl. Winterer. Zum Ausschuß gehören noch folgende Damen: Frau Gräfin Rüdt v. Collenberg, Frau Baronin Exzellenz v. Schönau- Wehr, Frau Baronin v. Hornstein und Frau Galm. Es fehlt der illustren Gesellschaft nur noch die Großherzoginwitwe, welche als Protestantin dem katholischen Klub selbst nicht angehören kann. Dafür empfing fie wenigstens die Rednerin, Frau Dr. Ammann, in Audienz und sagte ihr, es leuchte die Morgenröte einer neuen Zeit". Was Frau Dr. Ammann der katholischen Frauenbewegung als Biel gesteckt hat, führt jedoch nicht vorwärts in eine neue Zeit, sondern Nr. 14 zurück unter die Botmäßigkeit der Kirche, des Adels und des kapitalistischen Christentumstaates. Die Dame erklärte die Frauenfrage für eine Frage der Bildung, des Rechts und der Ethit. Dabei protestierte sie aber namens der katholischen Frauen dagegen, daß der Mann sich die Gleichstellung der Frau gefallen lassen müsse und forderte, daß der Mann das Haupt der Familie bleibe. Kurz vorher hatte die Rednerin das unvermeidliche Auftreten der Frauenfrage aus der Tatsache begründet, daß die Ehe nur für einen Teil der Frauen eine Lebensversorgung gewähre, hatte sie anerkannt, daß die Frau wie der Mann zur Erwerbsarbeit gezwungen sei, aber schlechter entlohnt wird als er. Das kommt nach der Frau Dr. Ammann lediglich daher, daß die Frau zumeist ungelernte Arbeiterin sei, von der kapitalistischen Ausbeutung hat die Dame offenbar nie gehört. Das Christentum soll nach ihr die Frau aus ihrer Erniedrigung erhoben haben, ohne seinen Einfluß ständen die Frauen bei uns nicht anders als bei den unzivilisierten Völkern. Alle Stände organisieren sich, es ist auch das Recht der Frauen, sich zusammenzuschließen, meinte die Vortragende weiter. Sie dürfen jedoch nicht mit dem Manne kriegen, sondern müssen ihm vorstellen, daß er Gesetze für sie macht. Es hat sich in der Frauenbewegung gezeigt, daß für ihr Ziel und ihren Charakter die Weltanschauung mit maßgebend ist. Sie bedarf fester Grundsäge. So ist eine konfesfionelle Frauenbewegung entstanden. Außer der bürgerlichen gibt es auch eine proletarische Frauenbewegung. Diese lettere bekennt sich zu den Grundsägen der Sozialdemokratie und fordert demgemäß die volle Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne. Im Jahre 1904 haben die katholischen Frauen eingesehen, daß etwas geschehen muß. So entstand der katholische Frauenbund. Er arbeitet mit den evangelischen, mit den interkonfessionellen Frauenorganisationen zusammen, wo er kann. Der katholische Frauenbund ist nicht nur zur Abwehr gegründet worden; er will positiv katholischen Frauen haben bisher schon in ihren schönen Vereinen, arbeiten im religiösen und patriotischen Sinn. Die wie Mädchenschuh- Fürsorgevereinen und anderen, gearbeitet. Der katholische Frauenbund will nun die Verbindung zwischen ihnen und den anderen Frauenorganisationen herstellen, die bisher noch gefehlt hat. Er will die Frauen sammeln und über die Frauenfrage unterrichten. Er will die Frauenfrage auf religiöser Grundlage lösen in strengster Vereinigung mit der Kirche. Der Frauenbund ist eine starke Organisation für die Frau, aber nicht gegen den Mann. Seinen Mitgliedern bleibt es bewußt, daß die Frau die Gehilfin des Mannes ist. Der Frauenbund ist eine einheitliche starke Organisation, die über ganz Deutschland sich erstreckt. Die katholischen Frauen müssen sich zusammen schließen, um ihre Weltanschauung zur Geltung zu bringen. Wenn sie das nicht tun, werden ihre Töchter, die ins Leben hinaus müssen, sich anderen Organisationen anschließen. Sie werden statt der ihrigen andere gefährliche Ansichten annehmen. Und dann werden die Töchter auf die Vorwürfe der Mutter antworten: Du hast mich nicht unterrichtet, mir nicht geholfen, herziger erschienen als die deinigen. da bin ich zu anderen gegangen, weil ihre Ansichten mir barmAus dem Vortrag dieser apostolischen Frauenretterin, wie er im " Bad. Beobachter" wiedergegeben ist, kann man auf keine andere Absicht als die schließen, die Frauen in die Kirchen zu treiben, vom Klerus abhängig zu machen, zu welchem Zwecke, das ist be fannt. Die im Schatten des Beichtstuhls stehende Frau soll im Interesse der politischen, geistigen und ökonomischen Reaktion den Mann unter dem Einfluß der Klerikalen halten. Die Frauen und Töchter des katholischen Teils der besitzenden Klasse sind in diesen Vereinen hübsch unter sich; die Dienstboten ſammengefaßt. In Karlsruhe traten dem Frauenbund 24 Vereine und Fabritarbeiterinnen werden in besonderen Organisationen zu( 400 Einzelmitglieder) bei; bei der kurz darauf in Freiburg er folgten Neugründung wurden 300 Mitglieder gewonnen. Die Bemühungen der schwarzen Garde des Kapitalismus müssen unsere Genossinnen und Genossen in Baden aneifern, mit der größten Ausdauer und Energie sich angelegen zu sein lassen, Aufklärung über die sozialdemokratischen Grundsäße in immer größere Frauenfreise zu tragen. Frau Dr. Ammann hat recht: es geht auch in der Frauenbewegung um die Weltanschauung. Und wer eine freie, harmonische Entwicklung der Menschheit will, der muß dazu helfen, daß die lichte Weltanschauung des Sozialismus über die Welt anschauung des Klerikalismus siegt. Die letztere bedeutet Sklaverei, die erstere Freiheit. mg. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Boft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von Baul Singer in Stuttgart.