Nr. 19 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pfennig, durch die Poſt viertelfährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 21. Juni 1909 Die Krankenversicherung der Heimarbeiterinnen, Lanbarbeiterinnen und Dienst boten in der Reichsversicherungsordnung. Von Luise Zietz. Heime für Textilarbeiterinnen. Von Martha Hoppe. Die Steuerreform der Junker und der Kirche. Von H. B. Der Londoner Kongreß des Weltbundes für Frauenstimmrecht.( Schluß.)- Heimarbeiterelend in der Puppenindustrie. Von Eise Belli. Die Proletarier der Gifthütten rühren sich. Von ed. Aus der Bewegung: Ernst Deinhardt+ Von der Agitation. Bericht der Dresdener Kinderschutzkommission.- Politische Rundschau. Von H. B. -Gewerkschaftliche Rundschau. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Kinderarbeit. Frauenbewegung. Verschiedenes. Kellnerinnenfrage. Die Krankenversicherung der Heimarbeiterinnen, Landarbeiterinnen und Dienstboten in der Reichsversicherungsordnung. Wir haben in früheren Nummern der„ Gleichheit" bereits hervorgehoben, daß der Entwurf der Reichsversicherungsordnung die Einbeziehung der Hausgewerbetreibenden und Heimarbeiter, der Landarbeiter und Dienstboten in die Krankenversicherungs pflicht vorsieht. Damit wird endlich eine alte sozialdemos fratische Forderung erfüllt, die bereits bei der Schaffung des Krankenversicherungsgesetzes mit allem Nachdruck von un seren Abgeordneten vertreten worden ist. Leider fordert die Art der Durchführung, wie sie der Ents wurf vorschlägt, unseren schärfsten Protest heraus: Zunächst wird durch eine Reihe von Bestimmungen das Obligatorium der Versicherung durchbrochen, ferner sollen die drei genannten Arbeiterkategorien und außer ihnen noch die unständigen Arbeiter und Arbeiterinnen sowie die im Wandergewerbe Beschäftigten nicht den Ortskrankenkassen, sondern nicht den Ortskrankenkassen, sondern neuzugründenden Landkrankenkassen ohne Selbstverwal. tungsrecht unterstellt werden. Vorstand und Ausschuß, die in den Landkrankenkassen die Verwaltung ausüben, sollen von den Kommunalverbänden ernannt, nicht von den Mit gliedern gewählt werden. Der Ausschuß tritt an die Stelle der Generalversammlung, er muß je zur Hälfte aus Arbeitern oder Arbeiterinnen und Arbeitgebern bestehen, er braucht jedoch feineswegs unter allen Umständen zu existieren. Durch status tarische Bestimmung fann von seiner Ernennung Abstand ge nommen werden, und nur in diesem Falle muß die Hälfte der ernannten Vorstandsmitglieder aus Arbeitervertretern be stehen. Man sieht: die Selbstverwaltung ist hier völlig vernichtet, die Versicherten sind lediglich Objekt der Gesezgebung. Eine schwere ideelle und materielle Benachteiligung der Verficherten muß die Folge davon sein. Erklärlich genug: Alle drei genannten Arbeiterkategorien find wirtschaftlich und sozial am schlechtesten gestellt. Bei Landarbeitern und Dienstboten kommt außerdem noch ihre ausnahmerechtliche Stellung hinzu, wodurch sie zum Baria innerhalb der Arbeiterklasse degradiert werden. Die Landarbeiter, Dienstboten und Heimarbeiter haben das eine gemeinsam, freilich aus ganz verschiedenen Gründen, Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. daß zu ihrer materiellen Not die soziale Vereinsammung und die geistige Not, ja sogar die intellektuelle Verödung kommt. Was dem Leben des industriellen Arbeiters, der Arbeiterin Inhalt gibt, was sie geistig und sittlich emporhebt: die Beteili gung in der Arbeiterbewegung, das Erkennen der Zusammenhänge und der Entwicklungsgesetze des Wirtschaftslebens der Völker, die bewußte Einwirkung auf sie durch solidarisches Empfinden, Wollen und Handeln, die Teilnahme an der Schaf fung, dem Aufbau und der Verwaltung der eigenen Organi sation: das alles fehlt dem Landarbeiter, der arbeiterin faft vollständig, ganz zu schweigen von allen sonstigen geistigen Anregungen, die das Stadtleben mit sich bringt. Die rechtliche Gebundenheit, die Vereinzelung und der Mangel an Freizeit haben auch den Dienstboten der Städte diesen Lebensinhalt bisher geraubt. Erst in der jüngsten Zeit beginnt die Dienst botenbewegung hierin Wandel zu schaffen. Aber auch die industriell tätigen Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen find durch den ungemein hohen Grad kapita listischer Ausbeutung, der ihnen Hirn und Knochen gleichermaßen zermürbt, sowie durch ihre Isolierung größtenteils um die geistig- sittlichen sowie um die wirtschaftlichen Vorteile der Arbeiterbewegung gekommen. In der Teilnahme an der Verwaltung der Krankenkassen wäre nun wenn auch nur in winzigem Maße die Möglichkeit einer sozialen Betätigung für sie gegeben. Damit hätte ihr Leben ein Stück höheren Inhalt erhalten, und es würde auch zweifellos ihr Selbst. bewußtsein geweckt haben, wenn die Leitung und Regelung ihrer Angelegenheit ihnen selbst überlassen wäre. Die Ausübung der Selbstverwaltung bedeutet für die Versicherten aber auch gleichzeitig ein Stück Macht, indem sie damit die Möglichkeit erlangen, durch Statutenänderungen die Leistungen der Kasse zu erhöhen und so die Kranken, Wöchnerinnen- und Schwangerenfürsorge für die Mitglieder und ihre Familien erweitern und verbessern zu können. Bei auf merksamer Durchsicht des Entwurfes und seiner Begründung kommt man zu der Überzeugung, daß just um deswillen die Regierung die genannten Arbeiterkategorien von der Selbst verwaltung ausschließt. Soweit die Dienstboten in Frage kom men, ist es in den Motiven ausdrücklich betont worden. heißt wörtlich: ,, Endlich beugt der Entwurf den Unzuträglichkeiten, die hier und da aus der gemeinsamen Teilnahme von Herrschaft und Ge sinde an der Rassenverwaltung besorgt werden, dadurch vor, daß er die überweisung der Dienstboten an die von ihm geplanten Landkrankenkassen als Regel vorsieht." Das Obligatorium der Versicherung wird durchbrochen, indem die§§ 205 und 503 für die Landarbeiter und-arbeiterinnen bestimmen, daß auf Antrag des Arbeitgebers die Befreiung von der Versicherungspflicht erfolgen kann, sofern die Arbeitsfähigkeit dauernd beschränkt ist, oder sofern die Versicherten bei Erkrankungen einen Rechtsanspruch auf gleiche Leistungen, wie sie die Kasse gewährt, an ihren Arbeitgeber haben. Für die Dienstboten bestimmen die§§ 528 und 529, daß die Landesregierung sie von der Versicherungspflicht befreien kann, 290 Die Gleichheit wenn im Krankheitsfall durch andere Einrichtungen, die bereits bestehen, in gleichem Umfang wie durch die Krankenkassen für fie gesorgt ist. Auf den ersten Blick fönnte man meinen, daß durch diese Bestimmungen die Landarbeiter und Dienstboten nicht benachteiligt werden. Einmal wird jedoch durch die Mannigfaltigkeit der Krankenfürsorge die Rechtsunsicherheit, die heute für diese Schichten Ausgebeuteter besteht, aufrechterhalten, und vor allem Nr. 19 Familie leben, sondern der Kranke soll auch gepflegt werden. Wie zum Hohne wird in den Motiven darauf verwiesen, daß die Kürzung für die arbeitslose Zeit gestattet sei. Die Regierung scheint also der Meinung zu sein, bei den Landarbeitern wäre das Hungern während dieser Zeit schon so zur Gewohnheit geworden, daß sie weder zum Leben noch zur Pflege Nennenswertes brauchen. wird durch diese künstlich aufrechterhaltene Zersplitterung ber die Heimarbeiter und Hausgewerbetreibenden haben Fürsorge die Leistungsfähigkeit der Krankenkassen start beeinträchtigt. Die Leistungen der Landkrankenkassen sind aber ohnehin sehr niedrig bemessen. Während für die Orts trankenkassen der durchschnittliche Taglohn als Grundbetrag festgesetzt ist, nach dem die Höhe des Krankengeldes und die sonstigen Hauptleistungen zu bemessen sind, ist in den Landfrankenkassen der Ortslohn genommen. Ganz zweifellos ist das eine außerordentliche Verschlechterung, da, wie allgemein bekannt, die Ortslöhne sowohl für Dienstboten als auch für Land- und Heimarbeiter ungemein niedrig sind. Den Dienst boten kann zudem der für die Krankheitsdauer zu zahlende Lohn um die Höhe des Krankengeldes gekürzt werden. Die Dienst boten, die Stundenlöhne von 2, 5, 6 Pf. haben, könnten auch sonst zu„ üppig" werden! Bei Erkrankungen der Dienstboten tritt Krankenhaus behandlung erst auf Antrag der Herrschaften ein, es sei denn, daß die Krankheit ansteckend ist oder so schwer, daß die Krankenhausbehandlung sich deswegen ohne weiteres notwendig macht. Bei den Landarbeitern und arbeiterinnen kann auf Antrag der Unternehmer der Beitrag auf die Hälfte erniedrigt werden, wenn der Arbeitsvertrag auf ein Jahr gilt und Natural leistungen im dreihundertfachen Betrag des gesetzlichen Krankengeldes gewährt werden; dann aber fällt das Krankengeld fort(§ 504 des Entwurfes). Das Statut kann ferner das Krankengeld für die Zeit vom 1. Oftober bis 31. März oder für einen Teil dieser Zeit bis auf ein Viertel des Ortslohnes herabsetzen!(§ 509.) Und was nach§ 504 und 509 für das Krankengeld gilt, gilt auch für die Angehörigen-, Schwangeren- und Wöchnerinnenunterstützung! Erhalten die Landarbeiter auf Grund der Reichsversicherung eine Rente ( Unfall, Invaliden oder Altersrente), fällt das Krankengeld ganz fort. In den Motiven heißt es über diese Bestimmungen: " Die Sondervorschriften werden an der Hand praktischer Erfahrungen noch ergänzt durch Gewährung der Möglichkeit einer verschiedenartigen Bemessung des Krankengeldes für die ohnedics arbeitslose Zeit der Saisonunterbrechung, sowie einer Rücksicht nahme auf anderweitige Bezüge aus der Reichsversicherung." So sollen die ohnehin minimalen Leistungen der Landfrankenfaffen eventuell noch mehr erniedrigt werden, nur um die Agrarier zu entlasten, denen bei Herabsetzung der Kaffenleistung die Beiträge ermäßigt werden. Wie erbärmlich gering in den besprochenen Fällen die Kassenleistungen find, fann man erst er messen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es zahlreiche Landarbeiter und-arbeiterinnen gibt, die noch Ortslöhne von 60 bis 80 Pf. pro Tag haben. In solchen Fällen würden also die Erfrankten bei der vorgesehenen statutarischen Ermäßigung des Krankengeldes auf ein Viertel des Ortslohnes ganze 15 bis 20 Pf. pro Tag erhalten. Das gleiche würde eine Schwangere oder Wöchnerin bekommen! Daß bei einer solchen Fürsorge" die Schwangere oder Wöchnerin sich keine Pflegerin halten und fich nicht das Material zur Pflege beschaffen kann, liegt auf der Hand. So wird es, sollte der Entwurf Gesegeskraft erlangen, in bezug auf die Wöchnerinnenfürsorge der Landarbeiterinnen beim alten bleiben, und die furchtbare Vernichtung von Leben und Gesundheit der Arbeiterkinder und-mütter bauert fort! Ahnlich liegt es mit den Kranken, denen das Krankengeld in der angegebenen Weise gekürzt wird. Just in den Winter monaten, wo die Ausgaben für Heizung, Beleuchtung, Kleidung steigen, soll die Kürzung gestattet sein. Zudem soll während der Krankheit des Versicherten doch nicht nur dieser sowie seine wiederum über ein anderes Unrecht zu klagen. Die Hausgewerbetreibenden sollen die Hälfte der notwendigen Beiträge zahlen, beschäftigen sie ihrerseits Arbeiter oder Arbeiterinnen, so haben diese von der Hälfte die Hälfte, also ein Viertel der notwendigen Beiträge zu leisten, die andere Hälfte beziehungsweise das zweite Viertel die Hausgewerbetreibenden. Die Arbeitgeber jedoch, in deren Auftrag die Hausgewerbetreibenden und Heimarbeiter beschäftigt werden, zahlen nicht wie die Arbeitgeber zu den Ortskrankenkassen einen bestimmten Wochenbeitrag für jeden Versicherten. Als Krankenkassenbeitrag haben sie vielmehr für sämtliche in ihrem Dienst Tätigen 2 Prozent von den an sie gezahlten Löhnen zu entrichten, abzüglich der Summen, die als Rückerstattung für verausgabte Roh- und Hilfsstoffe anzusehen sind. Nach der Höhe der geleisteten Arbeitgeberbeiträge und ihrem Verhältnis zu den Arbeitnehmerbeiträgen wird das Krankengeld bemessen. Das Statut bestimmt die Beiträge der Hausgewerbetreibenden und der von ihnen beschäftigten Personen, sowie die Leistungen der Kasse. Es kann auch festlegen, daß den Hausgewerbetreibenden das Krankengeld zu kürzen oder einzubehalten ist, sofern sie mit ihren Beiträgen im Rückstand sind, dasselbe gilt nach§ 579 und 580 für die Wöchnerinnenunterstützung. § 584 besagt, daß durch Statut des zuständigen Kommunal verbandes die Hausgewerbetreibenden von den Beiträgen befreit werden können. In diesem Falle kann aber auch durch Statut bestimmt werden, daß im Erkrankungsfall nur freie Krankenpflege, also kein Krankengeld gewährt wird. Und in den Motiven lesen wir in bezug auf diese Bestimmungen, „ daß in manchen Bezirken und Zweigen der hausindustriellen Tätigkeit das aus ihr erzielte Entgelt so niedrig sei, daß ohne schwere Beeinträchtigung ihrer ohnedies kärglichen Lebenshaltung die Hausgewerbetreibenden nicht in der Lage sein würden, die regelmäßigen Beiträge zu zahlen". Und ferner heißt es:„ daß die Arbeitgeber nicht um der Hausgewerbetreibenden willen diese Betriebsart eingeführt hätten, sondern weil sie dabei besser auf ihre Rechnung fämen...." Das stimmt! Wir meinen, auch die Regierung müßte die notwendigen Konsequenzen aus diesen Tatsachen ziehen und in weit höherem Maße die Arbeitgeber zu den Leistungen heranholen, oder richtiger: diesen allein die Kosten der Krankenversicherung auferlegen, da sie es doppelt und dreifach bei ihrer Ausbeutung der Arbeiter erübrigen. Hausindustrielle und Heimarbeiter müßten aber im Krankheitsfalle derselben Fürsorge teilhaftig werden wie die übrige industrielle Arbeiterschaft, denn in ihrer gedrückten wirtschaftlichen Lage bedürfen sie deren doppelt. Statt dessen drückt der Entwurf die Kranken- und Wöchnerinnenfürsorge auf das schäbige Maß der Armenunterstützung herab! So atmet das ganze Machwerk unsozialen, ja realtionären Geift. Die genannten Arbeiterfategorien, die so lange auf ihre Einbeziehung in die Krankenversicherung haben warten müssen, sollen auch fernerhin noch als Stieftinder behandelt werden. Es wird noch harter Kämpfe seitens der organisierten Arbeiterschaft bedürfen, soll die Reichsversicherung auch nur annähernd unsere berechtigten Forderungen erfüllen. Luise Ziez. Heime für Textilarbeiterinnen. Von Martha Soppe- Berlin. Die sogenannten Wohlfahrtseinrichtungen für Arbeiter, wie wir sie gemeiniglich kennen, sind echte und rechte Kinder der kapitalistischen Produktionsweise oder genauer gesagt: der kapitalistischen Profitgier. Sie laffen neue Bedürfnisse großer Volks Nr. 19 Die Gleichheit schichten erkennen und enthalten unfreiwillig das Eingeständnis, daß dank der Ausbeutung diese Schichten trotz fleißiger, ja harter Arbeit den Anforderungen der Existenz nicht gerecht zu werden vermögen. Sie prahlen mit dem Schein, den arbeitenden Massen zu dienen, in Wirklichkeit aber frommen sie in erster Linie den Unternehmerinteressen. Unter diesen Wohl fahrtseinrichtungen nehmen die Arbeiterinnenheime in der Textil industrie einen hervorragenden Platz ein. Ihr Name besagt, daß sie das Elternhaus den Mädchen ersehen sollen, die fern von der Heimat in der Fabrik schaffen. Wer diese Heime aber genau kennt, der weiß, daß dem nicht so ist. Hauptzweck der Einrichtung ist, unerfahrene Arbeiterinnen billig an einen Be trieb zu fesseln, sie in der größten Abhängigkeit von ihm zu halten und sie nicht zum Bewußtsein ihrer erbärmlichen Lage kommen zu lassen, damit aber auch nicht zur Erkenntnis der Notwendigkeit, sie durch vereinte Kraft zu bessern. Wäre es anders und würde in der Folge nicht auch die Lage der gesamten Arbeiterschaft ungünstig beeinflußt, so könnte man gegen die Arbeiterinnenheime im allgemeinen nicht allzuviel einwenden. Wie die Arbeiterwohnungen überhaupt entsprechen sie einem tatsächlich vorhandenen Bedürfnis, das mit der schnellen Entwicklung der Textilindustrie entstanden ist. Als die Technik mit der Erfindung der wundervollsten Maschinen für die Textil industrie Triumphe feierte, ging die Industrialisierung großer Bevölkerungsschichten mit Riesenschritten vor sich. Fabriken entstanden, die Tausenden Arbeit geben konnten. Die ortsan sässigen Leute reichten nicht aus, um sie voll in Gang zu halten. Aus der weiteren Umgebung mußten Arbeitskräfte herangezogen werden, später kamen die Zeiten, wo solche als Lohndrücker aus dem Ausland geholt wurden. Es fehlte an Unterkunft für die zuströmenden Proletariermassen. Wollten die Unternehmer sie haben und halten, so mußten sie bedacht sein, ihnen Wohnung zu schaffen. In der Nähe der Fabriken schossen ganze Arbeiterviertel, wahre Arbeiterstädte wie die Pilze aus der Erde, und sie wachsen in dem Maße, als die Industrie sich ausdehnt. Die Geschmacklosigkeit und Einförmigkeit solcher Anlagen steht fast stets in schreiendem Gegensatz zu den schönen, luxuriösen Villen der Unternehmer. Jeder Ortsfremde kann sofort erkennen, wo die hausen, denen die eigene Arbeit zum Fluch wird, und wo jene wohnen, welche von der Arbeit anderer mit Segen überschüttet werden. Arbeiterquartiere und Arbeiterinnenheime für die Lohnsklaven der Textilindustrie finden wir besonders dort, wo viele Arbeitskräfte während der Woche nicht täglich zum Heim zurückkehren können, ferner wo große Massen ausländischer Proletarier verwendet werden, vor allem aber auch dort, wo der Klerikalismus sich eifrig bemüht, seinen verdummenden Einfluß auf die Arbeiterschaft zu bewahren. So in den Bezirken der Seidenweberei des Rheintales und des badischen Wiesentales, der Wollkämmerei und Juteindustrie in Blumenthal, Vegesack, Braunschweig, Delmenhorst, Bremen. Die Bedeutung der weiblichen Arbeitskraft als billiger, williger und geschickter Arbeitskraft wurde von den Textilbaronen von Anfang an erkannt. Neben den Arbeiterwohnungen wurden daher fast überall auch Arbeiterinnenheime errichtet. Kirche und Unternehmertum sind immer durch die innigste Interessengemeinschaft miteinander verbunden gewesen. Kein Wunder daher, daß die frommen Diener Christi sich die Gelegenheit nicht entgehen ließen, die Fabrikanten in ihrer Fürsorge für Arbeiterinnenheime tatkräftig zu unterstützen. Da die Frommen im Lande außerdem gute Rechner und Geschäftsleute zu sein pflegen, brauchten die Unternehmer nicht einmal überall für eigene Rechnung Heime zu erbauen, Schwesterngesellschaften und andere fromme Wohltätigkeitsanstalten enthoben sie der Notwendigkeit. Sie errichteten verschieden firmierende Hospize und Heime, an welche die Unternehmer dann einen Jahres beitrag entrichten, der meist nur gering ist. Dafür haben die Herren nicht nur den Nutzen, sondern erwerben obendrein die Gloriole der Wohltäter", die auf das Beste ihrer Arbeite rinnen bedacht sind. Die Leitung der Anstalten überlassen sie ruhig den guten Schwestern", die verständnisvoll dafür sorgen, daß die Arbeiterinnen bescheiden und demütig bleiben und sich " 291 in harter Arbeit unter Entbehrungen auf die Freuden des verheißenen Jenseits würdig vorbereiten. So ist es besonders im frommen Rheinland die Praxis. Die einschlägigen Verhältnisse in Aachen sind ein sprechender Beweis dafür. Hier arbeiten in den Textilfabriken ganze Scharen von Arbeiterinnen, die weit draußen auf dem Lande daheim sind und nicht täglich nach Feierabend dorthin zurückfehren können. Häufig kommt es noch vor, daß den Mädchen Schlafgelegenheit in der Fabrik geboten wird, für die sie die Nacht 15 bis 20 Pf. zahlen müssen. Einzelne Firmen haben auch Privatwohnhäuser für solche Arbeiterinnen errichtet, die nur Sonntags nach Hause fahren. Weit zahlreicher sind aber die Anstalten, die ein frommes Aushängeschild tragen, von der privaten Wohltätigkeit unterstützt werden, gleichzeitig sich aber zu recht einträglichen geschäftlichen Unternehmungen entwickelt haben. Mir liegen vier Jahresberichte von Arbeiterinnenheimen respektive Hospizen in Aachen vor. Sie enthalten nicht bloß Angaben über die Frequenz ihrer einzelnen Abteilungen, Küchen usw., sondern nußen auch die Gelegenheit zu einer kräftigen Reklame für sich aus. Selbstgefällig zählen sie alles auf, was sie den Arbeiterinnen bieten. Die Abrechnungen erbringen jedoch den Beweis, daß diese Wohltätigkeitsanstalten, in die die Arbeiterinnen mehr oder weniger hineingezwungen werden, sich außerordentlich gut rentieren. Trotzdem klagt das Marienhospiz für Fabrifarbeiterinnen in Aachen darüber, daß 10 bis 15 Schlafstellen unbenutzt geblieben sind, da infolge günstiger Bahnverbindung Arbeiterinnen abends zu ihrer Fas milie zurückkehren könnten, die früher werktags in der Stadt nächtigen und eine Schlafstelle im Marienhospiz mit 60 Pf. pro Woche bezahlen mußten. Die sogenannten„ Hausfinder" der Anstalt entrichten für Schlafstelle, Kost und Wäsche 90 Pf. pro Tag. Daß das Hospiz nicht voll besetzt ist, scheint die Annahme zu rechtfertigen, daß- von der vorerwähnten Bahnverbindung abgesehen die Arbeiterinnen selbst die Heime nicht so verlockend finden, wie sie geschildert werden. Das bes greift sich, wenn man im Bericht des Arbeiterinnenhofpizes Aachen liest, daß Hunderte Gebrauchsgegenstände von den jungen Mädchen Kinder" der Anstalt genannt- in den Feierstunden und im Sonntagsverein angefertigt wurden. Diese Kinder", heißt es im Bericht, welche von Montag bis Samstag in unserer Anstalt wohnen, finden hier Ersatz für das Elternhaus, das sie im Laufe der Woche entbehren müssen. Sie finden liebevolle Aufnahme und sind geschützt gegen die vielen Gefahren, welche jungen Mädchen in den sogenannten Kosthäusern der Stadt drohen. Kirchenbesuch, Arbeit und Sparsamkeit scheinen die Mittel zu sein, die„ Kinder" des Hospizes vor diesen Ge fahren zu schützen. Im Bericht lesen wir nämlich:„ Alle Kinder wohnten der Andacht mit Predigt bei, und von 226 Kindern, darunter 202 Fabrifarbeiterinnen, wurden im letzten Jahre 2118 Mt. gespart." Diese Summe ist Blendwerk! Wie kläglich würde sich auch im Bericht die Angabe ausnehmen, daß im Durchschnitt jede der 226 Arbeiterinnen pro Woche 18 Pf. gespart hat. Und doch ist es so. Teilt man die stolzen 2118 Mt. durch 226, so ergibt sich, daß pro Person nur etwas über 9 Mt. im Jahr oder 18 Pf. in der Woche erübrigt wurde. Und auch diese Pfennige konnten nur erspart werden, wenn die Arbeiterinnen sogar auf die allerbescheidensten Anregungen oder Zerstreuungen verzichteten. In Aachen herrscht die Textilindustrie vor, und die meisten der „ Kinder" des Hospizes sind Textilarbeiterinnen, von denen eine allzu große Zahl nur 10 Mt. die Woche, ja noch weniger verdient. Bei den teuren Lebensbedürfnissen in der Stadt scheint es mehr als zweifelhaft, daß Arbeiterinnen mit 10 Mt. Ein fommen wöchentlich eine fulturwürdige Existenz zu führen vermögen. Ihre Lebenshaltung muß Not leiden. Wie es aber jungen Arbeiterinnen möglich sein soll, von den niedrigen Löhnen noch zu sparen, wird wohl für immer das Geheimnis der leitenden Schwestern im Hospiz bleiben. Die paradierenden 2118 Mr. des 27. Jahresberichts geben der staunenden Welt Kunde, wie unverschämt begehrlich doch die Arbeiterinnen 292 Die Gleichheit wären, wenn sie höhere Löhne fordern würden. Die Unters nehmer aber können aus ihr das tröstliche Bewußtsein schöpfen, daß auch die anderen Arbeiterinnen zu sparen vermöchten, menn fie nur wollten. Unbeschwert durch irgendwelche Skrupel werden sie weiter ihre Millionen mehren, indem sie weibliche Arbeitskraft besonders niedrig entlohnen und damit reicheren Mehrwert, unbezahlte Arbeitsleistung einsäckeln. Lebensfreude, die das graue Einerlei des Dafeins einer Arbeiterin erträglicher machen könnte, gehört nach der Ansicht der frommen Schwestern auch zu den Gefahren, vor denen junge Mädchen geschützt werden müssen. Daher haben die beiden erwähnten Hospize in den Karnevaltagen heilige Exer zitien abgehalten. Dem Marienhospiz gelang es, in der Stille seiner Mauern 40 jungen Mädchen die gefahrdrohenden Tage so angenehm als möglich zu machen, wofür die Schüßlinge 80 Pf. täglich zu bezahlen hatten. Das Arbeiterinnenhofpiz Das Arbeiterinnenhospiz entzog fogar 250 Mädchen von nah und fern während der drei Karnevalstage dem sündhaften Treiben der Welt. Die 290 jungen Mädchen konnten, wie es wörtlich heißt,„ am Aschers mittwoch, wo so viele körperlich und geistig gebrochen infolge der Ausschweifungen an die Arbeit gehen, frisch und rüstig und ganz besonders frohen Herzens die Arbeit wieder auf nehmen". Fast will es scheinen, als wollten sich die Anstalten mit dieser Bemerkung den Herren Unternehmern in besondere empfehlende Erinnerung bringen. Heime, die so vorzüglich verstehen, fröhliche Arbeitsstimmung zu wecken und zu erhalten, die verdienen sicherlich, daß die Lohnsklavinnen ihnen zugeführt werden. Und so mäßig die Preise für Unterkunft und Beföstigung aussehen: bei den„ wohltätigen" Spenden, welche den Hospizen zufließen, und der großen Anzahl der Arbeiterinnen, die sie aufsuchen, rentiert die Sache doch. So schlagen auch jedenfalls die frommen Leiterinnen der Anstalten mit den Exerzitien während des Karnevals zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie sorgen für das Seelenheil junger Mädchen und fördern das Geschäft. In Aachen gibt es noch zahlreiche Anstalten ähnlicher Art wie die genannten Hospize. Unter mehr oder minder heiligen Namen verbergen sie ihre eigentliche Bestimmung: die Arbeiterinnen im Interesse des Klerikalismus und des Unternehmertums zu gängeln, sie von allen aufklärenden Einflüssen fernzuhalten, insbesondere aber sie von der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften abzusperren. Die Intereffenvertretung der Ausgebeuteten durch zielklare Dr. ganisationen verträgt sich nicht mit der Respektierung des kapitalistischen Profits. Recht vielsagend ist es, daß es unter den Anstalten, welche den Arbeiterinnen das Heim ersetzen sollen, auch Aktiengesellschaften gibt. Wer vermutet wohl hinter dem Namen „ Schwestern vom armen Kinde Jesu" eine Aktiengesellschaft? Und doch steht eine solche hinter den Schwestern. Aachener Aftiengesellschaft für Arbeiterwohl nennt sich das Unternehmen, dem jenes Arbeiterinnenhospiz gehört, wo die jungen Mädchen bas Sparen lernen fönnen. Im Vorstand dieser Gesellschaft figen Textilindustrielle. Man wird sich fragen müssen, ob nicht auch die Dividenden des genannten Unternehmens mit dazu beigetragen haben, daß Aachen so viele Millionäre zählt. Wie die anderen Institutionen verwandter Art, so unterhalten auch die Wohltätigkeitsanstalten auf Attien alle möglichen Unterrichtskurse, ferner Knaben und Mädchenhorte, wo für die Behütung der Kinder bezahlt wird, und in ihren Küchen haben fie einen ziemlich großen Umsatz. Für die Inhaber der Aktien trifft daher das Wort zu: Wohltun trägt Zinsen. Daß vor Gott alle Menschen gleich sind, wird den Mädchen, die diese Anstalten besuchen, wohl oft genug erklärt werden. Vor der Küche der Heime scheinen jedoch nicht alle Besucherinnen gleich zu sein. Der Bericht des Frauenheims spricht zum Beispiel von Mittag und Abendessen für Damen und Fabrikmädchen". Von Frauen oder von Arbeiterinnen zu sprechen, verstößt jeden falls gegen die„ gute Sitte". Wohin sollte es auch führen, wenn fein Unterschied gemacht würde in der Benennung befferer" jungen Mädchen und jener armen Geschöpfe, die, halbe Kinder noch, dem Kapitalismus Frondienste leisten müssen!( Fortsetzung folgt.) Nr. 19 Die Steuerreform der Junker und der Kirche. Wenn diese Zeilen ins Land gehen, so wird der Reichstag schon eifrig dabei sein, das große nationale Werk", die Reichsfinanzreform, unter Dach und Fach zu bringen. Wenn es nach den Wünschen der neuen Mehrheit der Konservativen, des Zentrums und der Antisemiten geht, so wird zu Ende Juni die Sache erledigt. Die Last der neuen Steuern wird zum allergrößten Teil der Masse des arbeitenden Volkes auferlegt, zu einem kleineren dem Börsen-, Industrie- und Handelskapital sowie dem städtischen Grundbesitz und zu einem winzigen Teile dem ländlichen Großgrundbesitz. Es steht noch im ungewissen, ob die Pläne dieser Mehrheit gelingen oder ob nicht doch noch zuguterlegt die Liberalen sich mit den Junfern„ verständigen", das heißt den Junkern in der Hauptsache nachgeben und dann unter der Patronanz der Regierung eine andere„ Reform" machen, die dem beweglichen Kapital etwas günstiger, aber in der Hauptsache ebenso volksfeindlich ist wie das konservativflerifale nationale Werk". Aber da alle bürgerlichen Parteien einig sind in dem Entschluß, mindestens vier Fünftel der neuen Steuern der Masse des Volles aufzuerlegen, da sie alle übereinstimmen in dem Willen, die Belastung des Besitzes nicht über ein Fünftel der neuen Bürde zu steigern: so gewinnt die Arbeiterklasse auch in dem Falle nichts von Belang, daß die konservativ- klerikale Koalition nicht zum Ziel gelangt. Jedenfalls verdient das Steuerprojekt, das Junker und Zentrum in der Rumpffinanzkommission des Reichstags ausgeheckt haben, eine Betrachtung, bevor noch feststeht, ob es verwirklicht werden wird. Es enthüllt nämlich mit einer Deutlichkeit, die auch dem blödesten Auge zweifelsfrei ist, die Volksfeindlichkeit der Konservativen und des Zentrums, das so gern mit dem Schein der Demokratie prunft. Die Rumpffommission bietet der Regierung die folgenden Steuern an: Bransteuer. Spiritussteuer und zoll Tabatsteuer( ohne Zigaretten) Kaffee und Teezoll. Zündholzsteuer. Glühförper. Mühlenumfahsteuer Kohlenausfuhrzoll Fahrkartensteuer. Seltsteuer 100 Millionen Mark 83 44 37 25 20 12 25 20 8 10 30 . 30 80 • Parfüm, Seifen- und Zahnwassersteuer Wertzuwachssteuer auf Grundstücke. Umsatzstempel. Kotierungssteuer( Wertpapiersteuer). Summa 524 Millionen Mark. Von diesen Steuern fallen 350 Millionen ohne weiteres in der Hauptsache den Minderbemittelten zur Last, der großen Masse der Arbeiterklasse und des kleinen Mittelstandes. Die Brausteuer verteuert ihnen das Bier, die Spiritussteuer den. Branntwein, die Tabakstener die Zigarre und die Pfeife, der erhöhte Kaffee und Teezoll zwei wesentliche Getränke, die Zündholzsteuer einen unentbehrlichen Bedarfsartikel, die Mühlenumsatzsteuer das Brot, der Kohlenausfuhrzoll die Feuerung und die Fahrkartensteuer das Reisen. Die Glühkörpersteuer trifft zwar die Arbeiterklasse noch wenig, den Mittelstand aber recht fräftig. Allerdings werden auch die Wohlhabenden und Reichen von den präsentierten Steuern mitbetroffen. Aber ihr Anteil daran ist gering, den weitaus größten Ertrag muß der Konsum der Massen bringen. Außerdem haben diese Steuern für die Be sigenden das Angenehme, daß sie für sie dank ihrem großen Einkommen faum fühlbar sind, während die Nichtbesitzenden wegen ihres geringen Einkommens den Druck sehr deutlich spüren müssen. Dazu kommt noch, daß die Arbeiter auch den ganzen Schaden zu tragen haben, der vor allem in der Tabatindustrie und ihren Hilfsgewerben( Kisten- und Etikettenfabrikation usw.) sowie in den übrigen betroffenen Erwerbs gebieten infolge einer Konsumverminderung eintritt. Nament Nr. 19 Die Gleichheit 293 und angeblich auch die Interessen der Arbeiter vertritt: vom Zentrum! Selbst wenn das Werk in dieser Gestalt nicht Gesetz wird und das Zentrum noch in letzter Stunde wieder von der Regierungskrippe fortgestoßen werden sollte, wird es für alle Zeit vor dem Volke die Verantwortung für diese grimmig volts. feindliche Reform" zu tragen haben. A lich im Tabakverbrauch wird der Rückgang nicht ausbleiben, da die Vecteuerung durch die Steuer viele Raucher zu einer Einschränkung ihres Konsums zwingt. Ganz besonders müßte auch die Zündholzsteuer die Arbeiter schädigen. Sie würde eine sehr erhebliche Verteuerung der Zündhölzchen im Gefolge haben: ein Hinaufschnellen des Preises für ein Zehnpfennigpaket auf 25 Pf. Eine ftarfe Einschränkung des Verbrauchs und Vers wendung von allerlei Ersagmitteln stets brennende Spiritus lämpchen und dergleichen müßte sich fühlbar machen, und die Zeche hätten die ohnehin gering entlohnten Zündholzarbeiter des Weltbundes für Frauenstimmrecht. und arbeiterinnen zu zahlen in Gestalt von Verlust ihrer Beschäftigung oder schwerem Lohndruck. Der Kohlenausfuhrzoll wird die Kohlen im Inland verteuern. Die Kohlengrubenbesitzer haben durch ihre mächtigen Vereinigungen den deutschen Markt in der Gewalt und können daher die Belastung durch den Zoll mittels erhöhter Preise auf die deutschen Verbraucher abwälzen. Eine Preiserhöhung auf den ausländischen Märkten dürfen die Herren nicht wagen, weil sie da die Konkurrenz der englischen, belgischen, französischen und österreichischen Kohlen auszuhalten haben. Die Verteuerung der von der Industrie verbrauchten Kohlen wird zum großen Teil auch wieder der Verbraucher in erhöhtem Preis der Industrieprodukte decken müssen. Wenn man übrigens den Anteil der Wohlhabenden an allen diesen Steuern erwägt, so darf man nicht vergessen, daß sie bei der Fahrkartensteuer eine direkte Entlastung auf Kosten der Reisenden vierter und dritter Klasse erfahren sollen. So ist es natürlich nicht zu hoch gegriffen, wenn man von den 366 Millionen, die diese Verbrauchssteuern und Zölle von der Braufteuer bis zur Fahrkartensteuer bringen sollen, 350 Millionen als Belastung der Arbeiterklasse und des kleinen Mittelstandes rechnet, die Kleinbauern inbegriffen. Diesen 350 Millionen, die die Proletarier, fleinen Bürger und Bauern zahlen sollen, stehen ganze 18 Millionen„ Lurusfteuern" gegenüber, die Seftsteuer mit 8, die Parfüm, Seifenund Zahnwassersteuer mit 10 Millionen Mart. Diese Lurussteuern treffen dabei noch nicht einmal ausschließlich die Reichen. Die Steuer auf Parfüms, wohlriechende Seifen und Zahnwaffer muß zu einem gewissen Teil auch von den Arbeitern und Kleinbürgern getragen werden, denn auch von ihnen werden billige wohlriechende Seifen, Haaröl, Pomade und Zahnwasser gebraucht, und eine Einschränkung solchen Verbrauchs wäre ficherlich fein Kulturfortschritt. Die reinen Besitzsteuern der Rumpffommission Wertzu wachssteuer auf Grundstücke, Umsatzstempel und die Kotierungssteuer auf Wertpapiere sollen nach den Ansätzen der Kommiffion 140 Millionen Mark bringen. Sicherlich lassen die verbündeten Konservativen und Zentrümler hier noch erheblich abhandeln, und wenn die Regierung ihren Vorschlägen die Santtion erteilt, so werden noch bedeutende Beträge im Interesse der einflußreichen Börsianer und Industriemagnaten abgesetzt werden. Bemerkenswert ist die Geschicklichkeit und Unverschämtheit, mit der die Großgrundbesizer sich bei dieser Befitbesteuerung fast völlige Steuerbefreiung zu sichern unternehmen. Börse, Industrie, Handel und städtischer Grundbesitz würden von diesen vorläufig angesetzten 140 Millionen ungefähr drei Viertel, der ländliche Groß grundbesitz aber höchstens ein Viertel zu tragen haben! Das Fazit des konservativ- klerikalen Werkes also ist: 350 Millionen werden der Arbeiterklasse und den kleinen Bürgern und Bauern aufgehalst, das bewegliche Kapital und der städtische Grundbesitz sollen ungefähr 130 Millionen zahlen, und der ländliche Großgrundbesiz, das heißt die Junkerschaft, übernimmt gnädigst 40 Millionen Mark. Zehntausende von Arbeitern aber verlieren ihre Arbeit und Hunderttausende haben mit äußerster Schwierigkeit zu rechnen, ihre jezigen ohnehin unzureichenden Löhne zu behaupten. Während das Elend des Proletariats vermehrt wird, erhalten die Junker ihr Privi legium garantiert, den Staat weiter bei der Einkommensteuereinschätzung gröblich übers Ohr zu hauen. Und dieses Wert wird nicht von den Junkern, sondern auch von der Partei gezeichnet, die angeblich eine Volkspartei ist 200 Der Londoner Kongreß ( Schluß.) H. B. Die Frage der Taktik, welche sich dem Kongreß aufdrängte, war aller Nebensächlichkeiten entkleidet in ihrem wesent lichen Kern die folgende: Müssen die bürgerlichen Frauenstimmrechtsorganisationen im Kampfe für die politische Emanzipation nicht alle Mittel anwenden, welche unter den gegebenen Umständen Erfolg versprechen? Dürfen sie daher nicht auch solche Kampfesmittel gebrauchen, die noch nicht von der Tradition geheiligt worden sind, ja die im Gegensatz zu ihr stehen? Kampfesmittel, die vielleicht von dem Anstandskodex bürgerlicher Kreise gemißbilligt werden, welche den politischen Kampf mit Kaffeekränzchenschwatz verwechseln; Kampfesmittel, die in Konflikt mit Polizei, Gerichten, Regierung bringen, furz mit allen öffentlichen Gewalten, in denen sich für die besitzenden und herrschenden Kasten und Klassen die heilige Ordnung segensreich" verförpert. Diese Frage lag der frauenrechtlerischen Tagung nicht als theoretisches Problem vor, als Doktorfrage über ungelegte Eier. Eine unzweideutige Antwort heischend trat sie in der sehr konfreten Gestalt des Vorgehens der englischen Suffragettes an sie heran. Und dieses Vorgehen hatte die Frage in Wirklichfeit bereits durch die Praxis beantwortet, noch ehe daß sie zur Diskussion gestellt worden war. In der Tat: die englischen Suffragettes hatten bewiesen, daß die rücksichtslose Anwendung aller verfügbaren Kampfesmittel der Forderung des Frauenrechts wie jedem politischen Ziel nüßlich ist. Mit robustem realpolitischem Instinkt hatten sie die alte Taktik ,, weiser Mäßigung" und" flugen Wohlverhaltens" beiseite geschoben, die abzuschmeicheln hofft, wo es abzutrogen, zu erobern gilt. Eine marktschreierische Reklame, die einen Barnum als Stümper erröten machen könnte, hatten sie in den Dienst ihrer Sache gestellt, wie die planmäßige„ Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung" in den Straßen, in den geweihten Räumen des Barlaments. Sie waren vor einer systematischen„ Belästigung" der Minister und führenden Politiker, vor einem schonungslosen Kleinkrieg gegen die liberale Regierung und seiner Frucht: vermehrter Macht der Konservativen ebensowenig zurückgeschreckt wie vor Handgemenge mit den Polizisten, vor Gefängnis und Geldstrafen. Und der Erfolg? Kein Zweifel: die Suffragettes haben die Forderung des Frauenstimmrechts in der kurzen Spanne von etwa zwei Jahren mehr gefördert, als die alte bewährte" Taktif das in langen Zeitläufen getan hat. War damit nicht die Entscheidung über die Frage der frauenrechtlerischen Taktik und das Verhalten des„ Weltbundes" zu den Suffragettes gegeben? So sollte man meinen, wenn man die Entwicklung der Dinge unter dem Gesichtswinkel einer einheitlichen," unpolitischen Nichts- als- Frauenbewegung" betrachtet. Da jedoch besagtes Püppchen nicht Blut, sondern nur Sägespäne im Leibe hat, kam es anders. Und das gründlich. Die englischen Suffragettes waren durch ihre Taktik in Gegensatz zu den Vertreterinnen der ehrwürdigen Praxis des„ Maßhaltens" geraten, die man unter dem Namen der„ Suffragists" zusammenfaßt. Und dieser Gegensatz hatte sich ein anscheinender Widerspruch!-gerade mit den wachsenden Erfolgen der neuen Kampfesmethoden stetig verschärft. Noch auf dem Amsterdamer Kongreß des Weltbundes" standen Suffragettes und Suffragists freundnachbarlich nebeneinander. Welch ein Schauspiel und welch ein Beispiel! Die Schwesternschaft des gesamten weiblichen Ge schlechts ist doch kein leerer Wahn, fie trozt allen Meinungsunterschieden über die Tattit, sie überbrückt ebenso die partei 294 Die Gleichheit politischen Gegensätze und die dahinter lauernden Gegensätze der sozialen Schichtung! Die Frauenrechtlerinnen aller Länder, und zumal die deutschen riefen es frohlockend den Sozialdemofratinnen zu, und in ihren Auglein blinkten jene Tränen freus diger Rührung, die dem Menschen so leicht ankommen, wenn das Leben zufällig einmal eine sorgfältig gehegte Lieblingsdummheit zu begünstigen scheint. Ein fnappes Jahr anhalten der Triumphe der„ neuen" Taktik hat hingereicht, den lieblichen Sput illusionsreicher Gefühle in sein praktisches Nichts aufzu lösen. Heute wenden sich die Suffragists unzweideutig gegen die Suffragettes. Ihre frühere Haltung des Nichtmitmachens, aber der wohlwollenden Duldung der„ revolutionären“ Agitationsmethoden hat sich in die entschiedene Verurteilung, ja Bekämpfung derselben verkehrt. Zu großzügigen Ausein andersetzungen über die Frage der Taktik ist es zwischen den ,, einigen Schwestern" allerdings nicht gekommen. In der Praxis aber entladen sich die Gegensätze in einen Froschmäusefrieg, in dem zumal ein Teil der Suffragists ganz Erkleckliches an Gehässigkeit und Tücke leistet. Am Vorabend des Londoner Kongresses waren daher die Aussichten geringer als je zuvor, daß sich die wichtigsten englischen Frauenstimmrechtsorganisationen in naher Zukunft zu dem einen nationalen Verband zusammenschließen werden, der nach den Satzungen des„ Weltbundes" allein diesem angegliedert sein kann. Aber die Bedeutung der zwei frauenrechtlerischen Vereinigungen, welche hinter der Taktik der Suffragettes stehen, war mit deren Erfolgen gestiegen. Die frauenrechtles rische Internationale fonnte sie nicht übersehen; das um so weniger, als in allen Ländern ein Teil der Frauenrechtlerinnen unverhohlen mit den Suffragettes sympathisiert. Der Erfolg ist ein überzeugender Werber von Bundesgenossen. Eindringliche Befürworterinnen erstanden der Forderung, durch eine Abänderung des Statuts es zu ermöglichen, daß auch die Organis fationen der Suffragettes dem Weltbund" beizutreten vermöchten. Mittel und Wege zur Verwirklichung dieser Forde rung zu finden, ohne unmittelbar in die Zwiftigkeiten der englischen Frauenrechtlerinnen einzugreifen, aber in der Hoffnung und Absicht, sie mildern und überwinden zu helfen: das war eine der organisatorischen und taktischen Hauptaufgaben, welche ber Kongreß zu lösen hatte. Wir haben bereits in anderem Zusammenhang hervor. gehoben, daß er der Erörterung über die Frage der Taktik selbst feig aus dem Wege ging. Offenbar nach dem berühmten Rezept der Polizei im hellen Sachsen: über Thema darf nicht gesprochen werden." Fräulein Papprit quittiert über diese Enthaltsamkeit im Berliner Tageblatt" mit einem Stoßseufzer barüber, daß die Frage nicht zur Diskussion stand: Wie können wir praktisch arbeiten, um die Sache des Frauenstimmrechts zu fördern?" Aber sie tröstet sich wie andere ihresgleichen mit ber billigen Ansicht, daß die Propaganda der Tat", wie die Suffragettes fie praktizieren, in außerenglischen Ländern der Sache des Fortschritts nur schaden würde". Eine Ansicht, die ein genau so verflucht gescheites Erfassen des Wesens jeder Taktik befundet, wie es ihr Gegenpol tun würde: die Meinung nämlich, daß die„ revolutionären" Kampfesmethoden der Suffra gettes unter allen Umständen überall angewendet werden müssen. Aufgabe des Kongresses wäre es gewesen, aus dem besonderen Fall das allgemein Gültige herauszuschälen: die Betonung der Notwendigkeit, im Hinblick auf das Ziel durch die Beweglichkeit ber Taktik jede Situation voll auszuschöpfen. Das Aussprechen bieser Selbstverständlichkeit hätte aber zu einer Rechtfertigung der Suffragettes geführt. Daher unterblieb es. Wie die Kämpferinnen für das allgemeine Wahlrecht wegen ihres Bieles, so hat der Kongreß die Suffragettes wegen ihrer Kampfesmethoden meuchlings außerhalb des„ Weltbundes" gestoßen. Und auch bei den schäbigen Praktiken, die diesem schwesterlichen" Beginnen dienten, zeichneten sich wiederum neben den englischen Suffragists die nordamerikanischen Frauen rechtlerinnen unter Führung jener Vertreterin praktischen Christentums" aus, die Fräulein Pappriz' feuertrunkener Blick in der Predigerin Shaw geschaut hat. Es fiel der Antrag, in Nr. 19 den Ländern, wo zufolge tiefgehender Meinungsunterschiede kein Nationalverband die einzelnen Frauenstimmrechtsorgani sationen zu einen vermag, diese durch ein paritätisch zusammengesetztes Komitee lose zusammenzufassen, welches den Verkehr mit dem„ Weltbund" vermitteln sollte. Damit nicht genug. Den Organisationen der Suffragettes wurde noch durch ein anderes Votum des Kongresses die Tür zu dem„ Weltbund" verrammelt. Es legte im Statut fest, daß diesem nur solche Verbände angegliedert sein dürfen, welche regelmäßige jährliche Beiträge von ihren Mitgliedern erheben. Die stärkste und reichste Vereinigung der Suffragettes die Social and Political Uniontut das nicht. Sie macht die Mitgliedschaft nur von einem einmaligen Eintrittsbeitrag abhängig, da ihr genügend Mittel von konservativer Seite zufließen. Die Suffragettes selbst konnten ihre Sache nicht vor dem Kongreß führen. Dafür hatten immer in schwesterlicher Gesinnung"! die Suffragists gesorgt, denen die Vorbereitung und Organisation der Tagung zugefallen war. Wohl hatten schandenhalber die Suffragettes als offizielle Ehrengäste zum Kongreß geladen werden müssen. Jedoch als Ehrengäste, die der Maulforb schmücken sollte. Für ihre Ausführungen waren ihnen nur 10 Minuten Redezeit bewilligt, und auch das nicht bei einem bestimmten Punkt der Tagesordnung, sondern wann es der Leitung des Kongresses beliebte. Unter diesen Umständen taten die Suffragettes das einzig Richtige: sie blieben dem Kongreß fern. Den nichtenglischen Delegierten aber führten sie die Macht und den Erfolg ihres Vorgehens in praxi vor Augen durch eine Reihe von agitatorischen und demonstrativen Veranstaltungen. Sprühendes Leben und Weben war das Gepräge des von ihnen organisierten Riesenmeetings in der Albert- Hall, die 10000 Personen faßt, wie auch der Feier, die am Morgen darauf zu Ehren von 19 Suffragettes stattfand, die aus dem Gefängnis entlassen wurden. Die schwesterliche Liebe" der Suffragists hatte ausgerechnet für den Abend des Meetings sehr verlockende Veranstaltungen getroffen: einen Ausflug nach Stratford- on- Avon, Shakespeares Geburts. ort, und eine Aufführung von Shakespeare- Festspielen. Trotz alledem wohnte wohl die übergroße Mehrheit der nichtenglischen Delegierten der Versammlung in der Albert- Hall bei, und nicht wenige Ausländerinnen jubelten den in die Freiheit, in den Kampf zurückkehrenden Suffragettes zu. Aber freilich! All das war mehr der Genuß eines Schau spiels, denn die Betätigung einer ernsten Überzeugung. Noch schwelgten die Damen in der seligen Erinnerung an die„ ele. gante Toilette", in der Mrs. Pethwick- Lawrence, eine Führerin der Suffragettes, ihre zündende Rede" in das Mee ting geschleudert hatte; noch brannten ihre zarten Händchen von dem Klatschen des Beifalls, mit dem sie die 450 frauenrechtlerischen Kämpferinnen gegrüßt hatten, die für ihre Überzeugung hinter die Mauern des verrufenen englischen„ ArbeitsHauses" gegangen waren: und schon erhoben sie auf dem Kon greß feierlich die Schwurfinger gegen die Suffragettes und er flärten:„ Wir kennen diese Menschen nicht." In der Tat, nur die Vertreterinnen von armseligen drei frauenrechtlerischen Nationalverbänden von 21, die am Kongreß teil nahmen stimmten dafür, daß dieser auch den Suffragettes seine Anerkennung für ihre unstreitig opferreiche und mutige Betätigung aussprechen sollte. Das betreffende Amendement zu einer Resolution, die das Wirken der Suffragists über Gebühr lobte, wurde von den russischen mit Unterstützung der deutschen Delegierten eingebracht und nur noch von der bel gischen Delegierten befürwortet. Ja Schlimmeres noch: es foftete einen Kampf, damit das Amendement überhaupt zur Verlesung kommen durfte, und die Beratung blieb ihm gegen die Stimmen der drei genannten Delegationen versagt. Ver geblich hatte Fräulein Augspurg sich bemüht, durch drei geschäftsordnungsgemäße Fragen an die Vorsitzende der Tagung den Dingen eine andere Wendung zu geben. Mrs. ChapmanCatt würdigte sie feiner Antwort. Als Protest verließ Fräulein Augspurg demonstrativ das Podium und nahm ihren Platz statt unter den Mitgliedern des Vorstandes unter den Nr. 19 Die Gleichheit Delegierten im Saale. Um das Verhalten des Kongresses und seiner Leitung richtig zu werten, darf man eins nicht vergessen. Es gelangten mehr als ein Bäckerdugend Resolutionen zur Annahme, in welchen die Frauenrechtlerinnen aller möglichen Herrgottsvaterländer zu den errungenen Erfolgen feierlich beglückwünscht wurden. Niemand wird aber bestreiten, daß das Streben nach der politischen Emanzipation des weiblichen Geschlechts durch den Kampf der Suffragettes in England mehr gefördert worden ist, als etwa durch die welterschütternde Be gebenheit, daß ein neuer Staatsminister in Island sich als Freund des Frauenwahlrechts bekannt hat. " Kein Zweifel: das widerspruchsvolle Verhalten der internationalen Frauenrechtlerinnen zu den Suffragettes spiegelt in der Hauptsache den Gegensatz der Suffragists zu diesem wieder. Aber was liegt auf dem Grunde dieses Gegensatzes selbst, der so widerspruchsvoll erscheint? Das ist die Frage! Die Frauenrechtlerinnen drücken sich um ihre Beantwortung zum Teil unehrlich, zum Teil hilflos herum. Und das begreift sich. Sie können den treibenden Kräften des Konflikts zwischen den englischen„ Schwestern" nicht nachspüren, können sie nicht bloßlegen, ohne daß die schillernde Seifenblase des frauenrechtle rischen Lieblingsdogmas plagt, die Frauenbewegung an und für sich und als solche" stünde über der Parteipolitik" und bliebe ihrem Einfluß entzogen. Es ist nicht die Verschiedenheit des Biels, welche Suffragists und Suffragettes trennt. Die feindlichen Schwestern sind ein Herz und eine Seele in der Forderung des Damenwahlrechts allein. Die klügsten Führerinnen der„ Gemäßigten" sind auch viel zu erfahrene Realpolitikerinnen, um aus frautantenhaftem Gruseln heraus den„ Radikalen" auf die Dauer ernstlich darob zu grollen, daß ihre Taktik manchem braven Bürger etwas shocking" dünfen mag. Diese Taktik hat die Feuerprobe der Praxis bestanden, und gerade in England ist die Theorie nichts, die Erfahrung alles". Geht man den Dingen auf den Grund, so enthüllt sich der Gegensatz zwischen Suffragettes und Suffragists als der Gegensatz zwischen den Konservativen und den Liberalen. Parteipolitik ist seine stärkste Wurzel. Es ist in England offenes Geheimnis, daß vor allem konservative Kreise es sind, welche den Suffragettes die riesigen Geldmittel für die Praxis ihrer revolutionären" Kampfes methoden liefern. Nur Tollhäusler aber können vermuten, daß die Konservativen aus Begeisterung für die schönen Augen der Damen und die schönen Augen des Prinzips der Gleichberechtigung der Geschlechter in die tiesen Taschen fassen. Ihre„ Opfer freudigkeit" wirft mit der Wurst nach der Speckseite, sie will Parteiinteressen fördern. Der Kampf für das Frauenwahlrecht, wie die Suffragettes ihn führen, stärkt zunächst und voraussichtlich in Zukunft noch mehr die parlamentarische Macht der Konservativen. Und sollte er zum Ziel kommen, so würde die Einführung des geforderten Frauenwahlrechts mit seinen Beschränkungen und seiner Häufung von Pluralstimmen ebenfalls am meisten dieser Partei frommen. Jedoch, was dem einen eine Nachtigall, ist dem anderen eine Eule. Die Agitation der Suffragettes schwächt die Position der Liberalen und vermehrt die Schwierigkeiten ihrer Regierung in dem Augenblick, wo diese von rechts und links her ins Gedränge kommt, wo sie sich zwischen Imperialismus, Defizit, Sozialreform um nur einiges zu nennen durchkämpfen soll. Mehr als ein Wahlfreis ist bei Nachwahlen dank dem frauenrechtlerischen Eingreifen von den Liberalen an die Konservativen übergegangen. Doch von der augenblicklichen Lage abgesehen, schafft die Frage des beschränkten Frauenwahlrechts selbst für die Liberalen erhebliche Schwierigkeiten. Sicherlich: ein Teil von ihnen würde in gut kapitalistischer Gesinnung der Forderung gern zustimmen. Der Flügel der„ Radikalen" dagegen besteht aus mehr oder minder überzeugten Verfechtern des alten demokratischen Prin zips. Er lehnt das beschränkte Frauenwahlrecht als eine Maß regel ab, die nur der Reaktion nüßen würde, er heischt das allgemeine Wahlrecht aller Großjährigen. Und wie manche Liberalen fich für das Frauenwahlrecht überhaupt verpflichtet haben, ohne Frage nach dec Art, so sind wieder andere aus 295 Rücksicht auf ihre proletarische Gefolgschaft gezwungen, für eine wirklich demokratische Reform des Wahlrechts einzutreten. Man übersehe bei der Wertung dieses Umstandes nicht, daß die Gewerkschaften sich auf den Generalversammlungen der einzelnen Unions wie auf ihren allgemeinen Jahreskongressen wieder und wieder mit aller Schärfe gegen das beschränkte Frauenwahlrecht erklärt haben. So steht der Liberalismus dieser Forderung nicht einig und geschlossen gegenüber, und seine Rechte fann in der Sache nicht die Hand der Konservativen drücken, ohne daß ihm seine Linke dafür kräftig auf die Finger schlägt. Trotz alledem heißt es aber Farbe bekennen. Die stürmische Agitation der Suffragettes hat das Banner des beschränkten Frauenwahlrechts vor der breitesten Öffentlichkeit entfaltet. So ist es doppelt unmöglich, daß die politische Emanzipation des weiblichen Besitzes in idyllischer Stille vor sich gehen könnte. Die Forderung lenkt die Aufmerksamkeit der Habenichtse ohne Unterschied des Geschlechts auf die Notwendigkeit einer wirklich demokratischen Wahlrechtsreform, die ihnen volles Bürgerrecht sichern würde. Noch ist es nur ein leichtes Kräuseln, das die Oberfläche ihrer Massen bewegt, aber es muß zum unwidersteh lichen Wogendrang einer Volksbewegung großen Stils für das allgemeine Wahlrecht aller Großjährigen anwachsen, wenn die Sozialisten die Gunst der Stunde nützen. Rechts die Szylla des beschränkten Frauenwahlrechts, der wachsenden Macht der Konservativen, links die Charybdis des allgemeinen Wahlrechts, steigender politischer Reife, Unabhängigkeit und Kraft des Proletariats: das ist die Zukunft, welche das Aufrollen der Wahlrechtsfrage durch die Suffragettes dem englischen Liberalismus zeigt. Aus diesen Zusammenhängen heraus be greift sich das Verhalten der Liberalen und der Suffragists zu der Agitation der Suffragettes. Die maßgebenden Führerinnen der frauenrechtlerischen„ Gemäßigten" sind Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch des Liberalismus. Nicht die fünstlich ausgeheckten Geseze einer Nichts- als- Frauenbewegung bestimmen ihre Haltung in der Wahlrechtsfrage, ihre Richtschnur ist das Interesse der liberalen Partei. Auch als Kämpferinnen für das Frauenrecht handeln sie vor allem als Parteipolitikerinnen. Eines hervorstechenden Charakterzuges des frauenrechtle rischen Kongresses muß noch gedacht werden. Seines widerlichen Byzantinismus. Die ersten Vorfämpferinnen der modernen Frauenbewegung standen im Lager der Revolution und halfen Throne stürzen. Ihre Nachfahren dienerten in London fromm vor dem Wochenbett der nämlichen Königin von Hol land, die ihnen voriges Jahr in Amsterdam die kühlste Nichtachtung bewiesen hat. Aber freilich! Wie fürstlich und doch echt volkstümlich hatte die hohe Frau das wett gemacht. Sie geruhte allergnädigst, während der Kongreßwoche niederzukommen. Welch ehrende Demonstration für die„ Schwestern schaft" aller Frauen, welch wirksame Förderung der Sache des Frauenstimmrechts! Die tagenden Frauenrechtlerinnen haben solch königliche Huld nicht gebührend gewürdigt. Sie hätten den Säugling von Gottes Gnaden" zur Ehrenpräsidentin des " Weltbundes" ernennen müssen. Es wäre dies das treffendste Symbol des Geistes gewesen, der ihn beherrscht. Der fam unverfälscht noch in einer anderen Episode zum Ausdruck. Frau Wicksell, eine Schwedin, wurde als Vorstandsmitglied des" Weltbundes" vorgeschlagen. Sie erklärte sich bereit, für sich und ihr Land diese Ehre anzunehmen", wenn die Delegierten feinen Stein des Anstoßes darin erblickten, daß sie mit ihrem Manne seit zwanzig Jahren in freier Ehe lebe. Eine zwanzigjährige Ehe ohne gesetzlichen Zwang, aus freiem sittlichem Wollen, kurz eine Ehe, die unmöglich der„ Schmutz der Seele zu zweien" sein konnte! Mußte nicht ein Strom warmer Sympathie der tapferen Frau zufluten, in deren persönlichstem Lebensschicksal die Zukunftshoffnungen auf eine befreite, gereinigte Liebe aufleuchten? Durfte der denkfaule, vorurteilsvolle Glaube an die sittlich tragende Kraft leerer Formeln dieser Ehe die Achtung versagen, ohne daß er in die Schranken gewiesen wurde? Auf diesem Kongreß freier Frauen" durfte er es.. Die getränkte Sittlichkeit einer südafrikanischen Delegierten 296 Die Gleichheit empörte sich bei dem Gedanken, eine Anhängerin der freien Ehe könne den Vorstand des Weltbundes" diskreditieren. Und auch nicht eine einzige der anwesenden Verfechterinnen der neuen sexuellen Sittlichkeit" erhob die Stimme für Frau Wicksell. Die nämlichen Heldinnen hatten ebenso tapfer und einmütig geschwiegen, als der Kongreß lakaienhaft vor einer jener fürst lichen Ehen knickste, die, von derStaatsräfon zusammengefügt, vor dem Richterstuhl reiner Sittlichkeit nicht mehr wert sind als die erste beste bürgerliche Geschäftsehe. Episoden wie entscheidende Beschlüsse des Kongresses erhärten, daß die bürgerlichen Frauen ftimmrechtskämpferinnen Töchter der herrschenden und geschicht lich verfallenden Klassen sind. Nicht sie werden es daher sein, die die„ Schlacht am Birkenbaum" für die politische Gleich berechtigung, die fittliche Freiheit des gesamten weiblichen Geschlechts schlagen. Heimarbeiterelend in der Puppenindustrie. Auf den Höhen des Frankenwaldes, in Sachsen- Meinigen, wo die dunklen Tannenwälder in ernster Abgeschlossenheit über die Kämme ziehen, da versteckt sich zwischen Schluchten trost loses Menschendasein. Begabte, aber verfümmerte Menschen find es, welche in Leid und Elend auf den Knien liegen vor der Naturschönheit, die traurig auf die Gebeugten herabschaut. Wenn die Sonne darüber fällt, wenn sie sich in vereisten Schneegründen verliert, so ist das keine Heiterkeit, sondern Reinheit, Weihe. Denn in allen diesen Tälern, über allen Hängen brütet Menschenschmerz. Ungehörte Schreie trägt das Echo auf die Höhen und in die Tiefen; das ist das schwere, zitternde Rauschen, das im Waldwinkel erftirbt. Alle Furien mensch licher Qual rasen unerbittlich über dieses Fleckchen Erde hinweg und geißeln dies Häuflein einsamer Menschen. Es ist der Hunger, die Arbeitslosigkeit, die Schatten des blutigen Zerstörers: Menschentyrannei. Mannestraft wird bis zum letzten Tropfen ausgesaugt, Frauenleiber werden von Geschlecht und Lastarbeit ausgequetscht und Kinder, von Ges burt an dürftige Geschöpfe, werden um das Jugendleben ge bracht. Ihre Sinne verkümmern, da ein Handgriff alle Auf merksamkeit, die ganze findliche Fähigkeit braucht. Durch die Dünste der niederen, menschenüberfüllten Hütten fließen Keime der Krankheit, in den Stuben sind alle Seufzer der Vergangenheit gefesselt. In den Augen hockt die Angst vor der Not, Mutterschmerzen werden stumm ertragen, das Klagen flieht nach innen, und auf schwächliche, arbeitende Fingerchen fallen jalzige Kindertränen. Das ist nicht genug. Das Lachen der Das Lachen der Mächtigen, der Arbeitgeber erstickt das Todeswimmern, das Winseln nach Leben, und ihre eiserne, giftige Hand faßt an die offenen Wunden der Leidenden. Im Spielzeug der jubelnden Kinderwelt sind die Tränen arbeitender Kindchen eingewirkt, und in dem tausendfältigen fleinen Freudespiel liegt der Schlaf von müden, aufgerissenen Augen eingegraben, der Hunger wird von dünnen, durchsichtigen Händchen angeklebt. Von März bis November erdrückt der Weihnachtsbedarf die zahlreichen Arbeitshände mit hehender, durch die Nächte jagender Arbeit. Während die Väter bei Sonnenaufgang stundenlang durch die Schneelandschaft in die Fabrik eilen und fargen Lohn ermühen, beugen sich zu Hause Mütter und Kinder über die Arbeit, die kaum durch Wahl zeiten unterbrochen wird. Sie fertigen mit der Geschwindig keit, die Übung und Gleichmäßigkeit zur Virtuosität werden ließ, Puppen, die das Entzücken von Kindern draußen bilden. Der Puppenleib wird in anderen Hütten geformt und getrocknet, Beine und Arme vielleicht im nächsten Dorf. Der Nachbar setzt die Teile zusammen und den gegossenen oder geformten Kopf darauf. Andere Hände fügen die Schlafaugen ein, Kinderhände ordnen die Haare. Diese fommen von den abgeschnittenen Zöpfen der chinesischen Sträflinge, und in den staubigen Wust greifen Kinderfinger ordnend und säubernd ein. Sorgfältig, funstvoll scheiteln sie die Strähnen. Junge Arbeiterinnen machen in Nr. 19 fieberhafter Haft Berrücken und kleben sie auf die Puppenköpfe. Die Frisiererinnen richten elegante moderne Frisuren mit durchgewundenen Haarbändern und schlingen den ganzen Tag die feinen Härchen um die Lockenschere. Die Verdunstung des Spiritus schlägt sich im Zimmer nieder, dazu das brandige Qualmen der Haare und der Geruch des heißen Leims, der die Locken fest zusammenklebt. Man sieht nur Hände fliegen in unmöglicher, nie ermattender Geschwindigkeit. Die Scheren klappern, und aufmerksame blasse Mädchengesichter senken sich auf die Arbeit herab, die ihnen Gesundheit, Jugend und Leben frißt. Burschen und Mädchen bemalen die Puppen, pointieren das füße Lächeln, die Grübchen und zaubern gesunde, blühende Lippen auf die toten Gesichtchen, die ausdruckslos in die vergrämten Arbeitsmienen starren und dem spielenden Kinde draußen in der Welt nichts von der Gebärde der Not und der Zerschundenheit verraten. In Fabriken werden die Puppen fertig angekleidet. Zu schneider führen die Modeschnitte aus und Nähterinnen„ flicken" die bunten, seidenen, duftigen Stoffe zu Kleidchen zusammen. Nur das billige Unterzeug näht die Heimarbeiterin. Sie macht es so billig, daß sich die Anfertigung in der Fabrik nicht lohnt. Ruhelos schaffende Menschenhände sind billiger als die Maschine, die Massen auswirft, aber die Raum braucht und erhalten sein will. Der Heimarbeiter erspart dem Arbeitgeber Werkstatt, Licht, Heizung und Materialunkosten. Schirting hemdchen werden zusammengenäht, es scheint, als flögen die Spitzen und schmückenden Bändchen von den hastenden Händen an, so häuft sich die fertige Arbeit. Die Maschen der Strümpfe werden von der Mutter durch die Maschine gejagt, und kleine Hände ziehen die Strümpfe über das Puppenbein und schließen säuberlich und flink die Naht. Zuletzt kommt der weiße Puppenschuh aus Satin. Der Puppenschuh besteht aus sechs Teilen: aus dem weißen Satinschaft, zwei Pappdeckelsohlen, von denen die untere gelb lackiert ist und aussieht wie eine Ledersohle, aus einem schmalen Stoffschrägstreifen, mit dem die Schuhe an der Kante eingefaßt werden, und einer Blechschnalle, durch die eine einfache weiße Stoffschleife gezogen wird. Über ein Holzbein, das sich am Ende zum Schuhleiften ausformt, zieht das Kind den weißen Stoffschaft. Auf dem Tische steht immer ein Spiritusgefäß, aus dem eine kleine Flamme schlägt, über der in einem Töpfchen der Leim flüssig erhalten wird. Diese Flamme ist qualmend niedrig geschraubt, damit am Spiritus eine Kleinigkeit gespart werde ein Irrtum das, denn die stickige Luft verzehrt eher mehr Spiritus. Das Kind schiebt eine Pappdeckelsohle zwischen den Schaft und leimt mit einem Holzstäbchen die Schaftfante an der Sohle fest. Darüber klebt es die glänzende gelbe Untersohle. Nun wird der lange schmale Schirtingstreifen mit Leim befeuchtet und um die Kanten des Oberschuhs als Einfassung geklebt. Ganz sorgfältig, genau, an den Ecken mit schmalen, faum sichtbaren Fältchen. Durch die Blechschnalle wird die Schleife gezogen und in der Mitte als Abschluß und Zierde aufgeflebt. Der Schuh ist fertig und wird in der Fabrik mit Bändchen an die Puppenfüße gezogen. Die sechs Teile des Puppenschuhs bekommt die Heimarbeiterin fertig gestanzt vom Fabrikanten. Der anständige" Arbeitgeber gibt das Material, ein anderer läßt die Arbeiterin dafür aufkommen. Die mühselige, pünktliche Arbeit wird so bezahlt: Für 24 Stück Schuhe, die 8 Zentimeter groß sind, bekommt die Heimarbeiterin 8 Pf. Für die kleinen 3% Zentimeter großen, die„ fixer gehen", 4 Pf. Eine Arbeiterin, die nicht innehält, kann es bei aller Handfertigkeit zu 12 Stück großer Puppenschuhe in der Stunde bringen. Also für sorgsames Zusammen- und Festkleben von je sechs Teilen, von 72 Teilen in der Stunde bekommt sie den Lohn von 4 Pf. Vier Pfennige für eine Arbeitsstunde. Wenn die Frau neben der häuslichen Arbeit und der Versorgung des kleinsten Kindes bis Mitternacht oder später, wenn sie ungestört zur Arbeit fommt, 10 Arbeitsstunden herausschindet, so hat sie im Tag mit der Nacht 40 Pf. verdient. Für zehn Stunden Arbeit vierzig Pfennig. Und wenn ihr zwei bis vier Kinder nach der 4 Nr. 19 Die Gleichheit Schule und die Kleinen vielleicht den Tag über behilflich sind, so kann die Heimarbeit 80 Pf. im Tag abwerfen. Eine Witwe fönnte also mit ihrer Familie den Tagesverdienst von 80 Pf. erwerben. Eine einzelne Person fann faum etwas verdienen, die Heimarbeiter brauchen Kinder, viele Kinder. Der angegebene Verdienst gilt nur für die Zeit der strengs ften Arbeitshäufung. Puppenschuhe zu leimen ist eine heifle Arbeit. Die Heimarbeiterin erhält vom Arbeitgeber oft Dutzende von gelieferten Schuhen zurück, wenn sie nicht sauber geleimt sind, wenn ein Fleckchen auf den Stoff gekommen ist oder ein Fältchen sich verschoben hat. Davon hat die Arbeiterin Arger, Lohnschaden und viel Zeitverlust. Die Arbeiterin spart am Licht und leimt, im Dunkeln. Die kleinen Kinder stehen und sizen im Dämmerlicht und tun mechanisch ihre Arbeit, und die gequälten Augen suchen sich mit doppelter Aufmerk samkeit zurechtzufinden. Das langsame Qualmen der Spiritus flamme dringt in den Hals, in Nase und Augen der arbeiten den Kinderchen und durchsetzt die Stube, in der die Luft um Mitternacht ganz stickig geworden ist. Die Wärme darf man nicht aus dem Fenster hinauslassen bei dem Mangel an Heizmaterial! In der Ecke, zwischen Betten und dem Ofen einges flemmt, ist die Wiege des Neugeborenen, dessen junge schwache Lungen die verdorbene, die giftige Luft einatmen. Ein vers decktes, schmächtiges Kindlein, in dessen großen Augen schon das Wehe dieser Armsten liegt. Vor Weihnachten, schon im November, sind die Kaufleute mit Spielzeug für die ganze Welt versehen. Dann kommt für die Heimarbeiter die schwere Hungerzeit, die oft bis vor Ostern fortdauert. Diese Zeit benüßen Fabrikanten und Kaufleute, die Agenten und Verteiler der Waren, die Lohnpreise so herabzudrücken, wie es nur der blutarme Heimarbeiter bei der größten Entbehrung in seiner unglaublichen Bedürfnislosigkeit duldend und seufzend ertragen kann. In Sonneberg, der Hauptvertriebstadt der Spielwaren, fizzen die Kommissionäre und erwerben in furzer Zeit Taufende, Hunderttausende und Millionen. Sie wohnen in Herrschaftsfitzen, deren Pracht und Reichtum das Werk grausamer Men schenknechtung ist. Die brutale Macht des Besitzes zieht das Lebensblut der Heimarbeiter in Tropfen aus, und die blutigen Tropfen der Hingeschlachteten werden in ihren Verbrecher händen zu Gold. Sie treibt aus den lebensarmen Körpern immer mehr die menschlichen Bedürfnisse aus und jagt in die Hütten jener Wälder eine Not, die nicht mehr gedacht werden tann. Diese Not verkriecht sich auf Höhen und in Tälern in den armen Dörfern Neufang, Blechhammer, in Judenbach und Lauscha. Wer die verlorenen Orte aufsucht als sehender, füh lender Mensch, der vernimmt den Schrei des Elends. Die tapitalistische Macht deckt mit Waren und hohen blendenden Summen des Wohlstandes die Verbrechen und das Elend zu. Nicht genug, daß die Kapitalisten das Elend nicht sehen, das sie geschaffen, sie leugnen es. Ein Kaufmann erklärte einmal in naiver Gewiffenlosigkeit, daß es ihm gleich gelte, ob er mit " Guano oder mit Spielwaren" handle. Solchen verrohten Geschäftsfreaturen ist eine fleißige, kunstfertige Bevölkerung hilf los ausgeliefert, denn die Arbeitgeber und Kaufleute sind organisiert, sie haben das Monopol der Spielwarenindustrie, aber der in Dörfern und Hütten zerstreut wohnende Heimarbeiter steht oft genug außer allen Zusammenschlusses. Ihn allein trifft auch die Geschäftsstockung. Wenn in Amerika Nordamerika ist der Hauptabnehmer von Spielwaren- Krisen eintreten und der Yankee seinen Spielwareneinkauf herabseht, so spürt das nicht der Kaufmann, sondern es trifft in voller Wucht den Heimarbeiter, der seine Spielsachen so billig an den Fabrikanten liefern muß, daß dieser und der Agent möglichst wenig am Profit einbüßen. Der Heimarbeiter bezahlt außer dem dem Händler, dem Reisenden seine Rohstoffe viel zu teuer, er verfällt oft diesen Lieferanten in Schuldenlast. Und in seiner eigenen Familie züchtet der Heimarbeiter die Konkurrenz, denn er begreift noch nicht, daß die Kinderarbeit seine Bedürfnisse und den Lohnertrag immer mehr herabdrückt. Wollte man dem Heimarbeiter noch bedürfnislosere Menschen, Kulis, als Lohn 297 drücker entgegensetzen, er würde sofort das Sinken seiner Lebenslage begreifen, aber er erkennt nicht die Konkurrenz, die ihn in seiner eigenen Stube erdrückt, und an der sein Fleisch und Blut zugrunde geht. Niemand hatte sich um die Verfümmerung dieser Tausende Menschen gesorgt. Da war es die Sozialdemokratie, die Licht in das grauenhafte Dunkel kapitalistischer Ausbeutung und Verfinfterung brachte. Die aufdeckte, was grenzenlose Geschäftsgier an tiefster Menschenentwürdigung und zerstörung ver graben hatte in Schluchten und Täler, die verborgen waren. Heute sind viele Thüringer und Meininger Heimarbeiter or ganisiert. Dieser Menschenschlag, der sich mit entbehrendem Körper durch Hungerjahre geschleppt hat, besitzt eine stark ge bliebene Intelligenz. Gierig vernehmen die Heimarbeiter die Künder ihrer Menschenrechte. Sie wissen, daß die Hilfe von ihnen selbst kommen muß, daß ihre Zahl zwingen kann, wenn sie wissen und wollen. Sie kennen die Pflicht gewerkschaftlicher Organisation, öffentlicher politischer Betätigung, fie erkennen, daß sie nur mit ihrer Partei, wenn deren Macht gestärkt wird, Schutzgesetze gegen den aussaugenden Kapitalismus erzwingen fönnen. Dazu fordern die arbeitenden Männer und die tätigen Frauen gemeinsam gleiche Rechte. Bei nimmerruhender Arbeit können sie über neues Werden, über die geistigen Werte des Proletariats finnen. Zerstörtes Menschenleben ballt sich über den Gewaltigen, den Unterdrückern zusammen. Aus den stillen, armen Orten der Heimarbeit kommt ein Schrei, der nicht mehr verstummt, sondern aufreizend durch die Welt dringt. Der Todesschrei der Not, der Ruf der Erwachenden. Else Belli. Die Proletarier der Gifthütten rühren sich. Eine außerordentlich ergiebige, von keiner Arbeiterfürsorge getrübte Quelle von Gewinn für die Kapitalistenklasse ist die chemische Industrie. Die Wissenschaft der Chemie selbst ist das ureigenste Kind der kapitalistischen Produktion, hat sich an ihr und mit ihr entwickelt und zahlt ihr reichlich dafür, indem sie die Arbeitsprozesse revolutioniert, einträglicher gestaltet und unaufhörlich neue Ausbeutungsmöglichkeiten schafft, wie das die Maschine tut. Die vielen proletarischen Kopfarbeiter, die im Dienste der chemischen Industrie stehen, die Gelehrten, die in Laboratorien forschen, welche nur Anhängsel industrieller Betriebe sind, erweisen, daß die vielberufene„ Unabhängigkeit der Wissenschaft" ein Märchen ist, und daß das Kapital auch die Männer der Wissenschaft in seine bezahlten Lohnarbeiter verwandelt". Und wahrhaftig, die Rapitalisten, welche die chemische Industrie beherrschen, verstehen dieses Geschäft aus dem ff. Man erinnere sich der schamlosen Verträge, welche das wissenschaftlich gebildete Personal der einschlägigen Unternehmungen binden. " Aber ist das ausbeutende Kapital in der chemischen Industrie den Kopfarbeitern gegenüber schamlos, so läßt es die Profitgier bei der Auswucherung der Handarbeiter verbrecherisch werden. Das Gold ist ihm alles, der lebendige Mensch nichts. Während laut der Statistik des preußischen Staates das in Aktiengesellschaften angelegte Kapital 1907 eine Rente von 8,6 Prozent abwarf, 8,6 Prozent abwarf, verdienten" die Kapitalisten in der chemischen Industrie 16,6 Prozent, die Besitzer und Anteilhaber der Farbenfabriken arbeiteten" gar 26,8 Prozent heraus. Ein so hoher Gewinn ist nur möglich, wenn der ganze Apparat kapitalistischer Kniffe in Bewegung gesetzt wird, der unbekümmert um die Forderungen eines humanen" Jahrhunderts alles rücksichtslos beiseite schiebt, was den Profit schmälert, der Ausbeutung Schranken setzt. Da- führen alle Wege nach Rom". Hungerlöhne bei Arbeitsbedingungen, die gefährlicher als in anderen Betrieben Leben und Gesundheit der Arbeitenden täglich und stündlich aufs Spiel setzen, brutale Niederbüttelung aller Koalitionsversuche vermittels Schwarzer Listen, Schikanen aller Art: nichts fehlt in der modernen" Praris der Herren, die die Wissenschaft vor ihren goldenen Wagen gespannt haben. " " 298 Die Gleichheit Fast für alle chemischen Unternehmungen sind Betriebskrankenfassen eingeführt. Sie sollen es verhüten, daß sich ein Arbeiter den Lurus" einer Krankheit erlaubt, solange er noch Arm und Bein regen kann. Jeder, der das Unglück hatte, weniger widerstandsfähig gegen die furchtbaren Einflüsse seiner Be schäftigung zu sein, zu erkranken, ehe er eine längere Tätigkeit an seiner Arbeitsstelle hinter sich hat, fliegt als„ Simulant" erbarmungslos aufs Pflaster. Die gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen in den chemischen Betrieben sind jedoch so schwer und die Maßregeln zu ihrer Milderung so gering, daß die Betriebskrankenkassen trotz alledem eine weit höhere Zahl von Erkrankungen aufweisen als die Krankenkassen des Reiches. Während nämlich auf je 100 Versicherte sämtlicher Krankenfassen des Reiches jährlich 30 bis 40 Erkrankungsfälle kommen und alle Betriebskrankenkassen zusammen 40 bis 50 Fälle ergeben, beläuft sich die Zahl in den Krankenkassen der chemischen Industrie auf 70 bis 80. Die Statistik der Farbenfabrik in Leverkusen, in der 3400 Arbeiter beschäftigt sind, weist für das Jahr 1908 die blutigen Ziffern von 42 Todesfällen und 11531 Erkrankungen mit 60088 Krankheitstagen auf. Die grauenhaften Zustände in der chemischen Industrie haben ihren Opfern den zutreffenden Namen„ Gifthüttenproletarier" verschafft. Und da die Unternehmer das Geschäft der Ausbeutung nach klassischen Mustern betreiben, ist selbstverständlich für Verbindungen", für politischen Rückhalt" reichlich gesorgt. Ehemalige Regierungsräte, attive Parlamentarier und andere einflußreiche Herren bekleiden bei chemischen Unternehmungen fürstlich bezahlte Posten, und vor ihrem Einfluß macht der dringend gebotene gesetzliche Schutz der Arbeiterschaft respekt voll Halt. " In der vorzüglich funktionierenden Mühle der kapitalistischen Plusmacherei werden die Nerven der Proletarier zermalmt, wird ihr Blut vergiftet. Doch nicht allein physisch werden die Ausgebeuteten zugrunde gerichtet, die raffinierte Auswucherung ihrer Arbeitskraft lähmt auch ihren Geist, zermürbt ihre Energie. Stumpffinnig und gleichgültig stand lange die große Masse der Gifthüttenproletarier den gewerkschaftlichen Aufklärungs- und Organisationsbestrebungen gegenüber. Endlich ist es den jahrelangen raftlosen Bemühungen des Fabritarbeiterverbandes gelungen, eine Bresche in die Mauer dieser Indifferenz zu legen. Die Arbeiterschaft der chemischen Industrie erwacht zur Erkenntnis ihrer Pflicht, gemeinsam den Kampf gegen die Vernichtung ihrer Gesundheit und Lebenskraft, ihres Menschentums aufzunehmen. Sie beginnt den Weg zur Gewerkschaft zu finden, sie tritt geschlossen anklagend, Reformen fordernd vor die breiteste Öffentlichkeit. Der erste Kongreß der Arbeiter und Arbeiterinnen der chemischen Industrie konnte am ersten Pfingstfeiertag in Frank furt a. M. tagen. Sein Hauptzweck war, durch einwandfreies Tatsachenmaterial die Forderung eines wirksamen gesetzlichen Schutzes für die Viertelmillion Gifthüttenproletarier zu begründen und möglichst viele Kräfte dafür zu mobilisieren. 106 Delegierte der chemischen Arbeiter aus allen Teilen Deutsch lands nahmen an dem Kongreß teil. Gemeinsame Klaffeninter essen und Solidarität mit den so schrankenlos Ausgebeuteten hatte Vertreter der Maschinisten und Heizer und des Fabrikarbeiterverbandes herbeigeführt. Das Institut für Gewerbehygiene zu Frankfurt a. M., die Gewerbeinspektionen für Stadt und Landkreis Frankfurt, für Offenbach, Darmstadt, Speier und Karlsruhe hatten Vertreter entsendet. Wissenschaftliches Interesse und menschliche Teilnahme hatten den angesehenen Sachverständigen Professor Dr. Sommerfeld zur Beteiligung bestimmt. Das Reichsamt des Innern dagegen hatte abgelehnt, sich am Kongreß vertreten zu lassen. Es hatte seine guten Gründe dazu. Referate wie Diskussionsreden der delegierten Arbeiter waren eine einzige Anflage gegen das skrupellose Kapital in der chemischen Industrie. Es fehlt in den Betrieben an hygienischen Einrichtungen, an ärztlicher Fürsorge, es mangelt die sachverständige Kontrolle, die Arbeiter an der Seite von unabhängigen Ärzten zu üben hätten. Andere schwere Mißstände aller Art machen sich breit. Nr. 19 Die Arbeitszeit, die gerade entsprechend den gesundheitlichen Gefahren eine kurze sein müßte, wird willkürlich ausgedehnt. So unter anderem in Radebeul bei Dresden, wo bei 14 bis 15 stündiger Arbeitszeit das Morphiumgift in einem Keller gestampft und gesiebt wird. Die Forderung einer verkürzten Arbeitszeit zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Berichte der Delegierten. Die Vertreter der Gummi-, Streichholz-, Pulver, Kunstdünger, Schallplatten- und Zelluloidfabriken deckten Zustände auf, berichteten von Arbeitsbedingungen, bei deren Schilderung der Atem zu stocken droht. Die Luft der Betriebe ist erfüllt von giftigen Gasen und Staub, von scharfen Dünsten. Die gesundheitlichen Gefahren werden erhöht durch Mangel an Abzugskanälen und Luftlampen. Nicht bloß chronische Erkrankungen einzelner Organe sind den Arbeitern sicher, sondern es droht ihnen auch ständig die Gefahr einer schnell wirkenden Vergiftung, die sie zu lebenslangen Krüppeln macht. Die Unsumme gesundheitsschädlicher Einflüsse trifft Zehntausende proletarischer Frauen besonders hart, die in chemischen Betrieben verschiedenster Art fronen. Der Sachverständige Professor Dr. Sommerfeld, der über die Vergiftungsgefahren in der chemischen Industrie referierte, anerkannte, daß eine verkürzte Arbeitszeit die gesundheitlichen Schädigungen der Arbeiterschaft wesentlich vermindern würde. Er wies auf den engen Zusammenhang zwischen den Gefahren in den Gifthütten und den mangelhaften Schutzvorrichtungen hin und betonte die Notwendigkeit einer Kontrolle der chemischen Industrie durch hygienisch vorgebildete unabhängige Ärzte. Strenge Vorschriften über Isolierung und Absaugung müssen die Schädlichkeit der giftigen Stoffe und Gase vermindern. Als wirkungsvolles Mittel zur Bekämpfung der Vergiftungsgefahren bezeichnete Professor Sommerfeld auch die Verwendung von Ersatz, den die Wissenschaft für verschiedene giftige Stoffe geschaffen hat. Blei, Bleiweiß, Schwefelkohlenstoff können durch unschädliche Mittel ersetzt werden. Der weiße mörderische Phosphor ist bereits beseitigt. über die wirtschaftliche Lage der in den Gifthütten beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen referierte Genosse Schneider. Genosse Brey behandelte die Gesetzgebung in der chemischen Industrie. Die Referate wie die an sie anknüpfende Diskussion erbrachten reichliches Material über niedrige Löhne, lange Arbeitszeit, mangelnden gewerblichen Schuh, haarsträubende wirtschaftliche Knechtung und unerträgliche Beschränkung der Koalitionsfreiheit. Aber auch hiervon heißt es: Das Unternehmertum könnte nicht so ausbeuterisch sein, wenn die Arbeiter nicht so sklavisch wären. Furchtbar rächt es sich an den Gifthüttenproletariern, daß sie nicht schon früher an ihren Ketten gerüttelt haben. Nicht auf die„ Einsicht" ihrer skrupellosen Ausbeuter, nicht auf die soziale Fürsorge" des Staates dürfen sie rechnen, sondern einzig und allein auf die eigene Kraft, auf die Macht der Organisation. Daher gipfelten denn auch die Resolutionen beider referierenden Genossen in der dringenden Aufforderung an die Sklaven des Gifthüttenkapitals, sich in immer größeren Scharen dem Fabrikarbeiterverband anzuschließen und für ein menschenwürdiges Dasein zu kämpfen. Möge dieser Ruf nicht ungehört verhallen. Aus der Bewegung. ed. Ernst Deinhardt+ Als die letzte Nummer dieses Blattes im Drud war, tam die schmerzliche Runde, daß der Tod der Laufbahn, dem Kampf unseres Genossen Deinhardt ein Ziel gesetzt hatte. Viel zu früh, nicht bloß für die Seinigen, sondern für das klassenbewußte Proletariat, dessen großer Sache der Verstorbene mit außerordentlicher Treue und Energie gedient hat. Deinhardts Lebensgeschichte war die des aufgeklärten Proletariers, den seine geistigen Kräfte bald in die vordersten Reihen seiner kämpfenden hatte er seine Begabung zur Entfaltung gebracht, und bis zum Klassengenossen stellten. Mit eisernem Fleiß, unter Entbehrungen letzten Atem widmete er sie redlich der Befreiung seiner Brüder und Schwestern. Ganz besonders ist ihm der Deutsche Holz= arbeiterverband zu dauernder Dankbarkeit verpflichtet, denn sein Organ hat sich unter Deinhardts Leitung zu einem der best Nr. 19 Die Gleichheit 299 redigierten GewerkschaitsblKtter entwickelt. Wir haben in Genossen Deinhardt einen Btitarbeiler verloren, dessen wertvolle Beiträge uns stets willkommen waren. Und wir empfingen sie um so dank- barer, als wir wußten, daß ein vom Tode gezeichneter Mann fie der höchsten Ungunst der Umstände abtrotzte. Deinhardt wurde von einem tuberkulösen Leiden verzehrt, das ihm schon vor Jahren ein Bein geraubt halte. Vom Fieber geschüttelt, von unerträg- liehen Schmerzen gequält, sich gegen das Versagen der körperlichen Kräfte verzweifelt wehrend, hat er gearbeitet, konnte er arbeiten, weil die Kraft seines Willens wieder und wieder über den siechen Leib triumvdierle. So ist er wirkend, kämpfend bis zu Ende ge- gangen, einer jener Helden, wie sie der sozialistische Gedanke aus dem Proletariat erschafft, und vor derem stillen Heroismus jedes Tages der Ruhm mancher vielbesungenen Fürsten und Feldherren verbleicht. Wir halten das Andenken dieses Tapferen und Treuen in Ehren! Bon der Agitation in Ostrlbien. Im Dorado der junker- lichen Schnapphähne haben die Vorkämpfer der iozialistischen Welt- oronung einen schweren Stand. Versammlungsverbote, Saal- abtreibereien, Polizeischikanen aller Art: das sind die Blüten aus den Rtistbeelen unieres Klassen staates, die den Genossinnen und Genossen zum Strauße gewunden werden. So ist's auf dem Lande, so ist's in den Städten. Die gesetzlich gewährleisteten Rechte werden für die Arbeilerllasje unter den lächerlichsten Vorwänden außer Kraft gesetzt. Der in Preußen doch so übel beleumundete„Terror" erhält anstandslos die obrigkeitliche Sanktion, wenn er gegen die bösen Umstürzler gerichtet ist. So wurde in Jastrow dem Wirt, der sein Lokal de» Genossen zur Verfügung stellt, die Polizeistunde aufs äußerste beschränkt. In Fla low wurde die Versammlung, die für den 23. Mai unter freiem Himmel einberufen worden war, vom Bürgermeister aus baupolizeilichen Gründen ver- boten. Ter gute Mann fürchtete wohl, daß der Himmel eingestürzt wäre? Die Versammlung sollte nunmehr an einem anderen, völlig sicheren Orte abgehalten werden. Sie wurde jedoch sofort nach ihrer Eröffnung ausgelöst, da der famose Herr Bürgermeister der Polizei die zweite Anmeldung zu spät mitgeteilt halte.(Ob dies ohne Absicht geschehen ist, lasse ich vollkommen dahingestellt.) So wurden die Flatower Arbeiter und Arbeiterinnen davor bewahrt, sich über den geplanten Millionenraub und über die neuesten Roßtäuscherkniffe unserer„Edelsten und Besten" aufklären zu lassen. In S ch l o ch a u haben die wenigen Genossen und Genossinnen unter doppelt schweren Bedingungen zu kämpfen. Es stehen ihnen nicht nur die Behörden mit allem, was drum und dran hängt, feindselig gegenüber, sondern die ganze Masse der dortigen Be- völkerung. Trotzdem herrscht ein guter Geist in der kleinen, erst kürzlich gegründeten Organisation. Es fehlt in Ost- und West- preußen noch vielfach die wichtigste Vorbedingung für unsere Bewe- gung— das von allen Überbleibseln aller Besitzverhältnisse los- gerissene Proletariat. Darum ist es doppelt zu bedauern, daß in Orten, wo diese Vorbedingung reichlich gegeben ist, wie in der rein industriellen Stadt Elb in g, es noch nicht möglich war, größere Massen für die Organisation zu gewinnen. Die Partei zählt dort feit neuester Zeit etwas über 200 Mitglieder, darunter 7 weibliche. Die Ortsgruppe des Tabakarbeiterverbandes umfaßt insgesamt nicht einmal 20 Personen. Dabei beschäftigt allein die Firma Loeser&. Wolf mehrere tausend Arbeiterinnen. Aber sie so- wie die vielen Taufende ihrer männlichen Klassengenossen sind noch vollkommen indifferent. Die für Elbing vorgesehene Versammlung mußte wegen des schlechten Besuchs aussallen. Besser fand ich die Verhältnisse in D a n z i g, O h r a und Graudenz. Die Versamm« lungen waren gut besucht und brachten uns eine Reihe neuer Kämpfer und Kämpferinnen. In Marienwerder, wo bisher Sö Genossen organisiert waren, erhöhte sich die Mitgliederzahl durch die Versamnilung auf 12ö. Gegen 45 Frauen traten der Organi- fation bei. Für den kleinen Ort ein recht erfreulicher Anfang. In Ostpreuffe« war es die Stadt Tilsit, in der nunmehr ebenfalls der Grundstein zu einer zielbewußten Bewegung der Proletarierinnen gelegt wurde. 26 Frauen wurden dort für unseren Kampf gewonnen. Auch rn M e m e l wurden dem allen tapferen Häuilein der Klassenkämpferinnen neue Etreiterinnen zugeführt. In der dortigen Versammlung kam es durch das Eingreifen einer alten Genossin zu einer erfreulichen Diskussion. Königsberg, die Stadt der durch den Jammerfreisinn bis auf die Knochen kom- promitlierten Vernunft, zählt schon seit geraumer Zeil einen tüch- ligen Stamm arbeitsfreudiger Genossinnen, die sich mit Hingebung der Sache des Proletariats widmen. Die Genossen und Genossinnen in Ost- und Wesipreußen tonnen mit freudiger Genugtuung auf ihre bis- herige Tätigkeit zurückblicken. Der Boden ist bestellt, der Same aus- gestreut. So wird auch die Ernte nicht ausbleiben. B. S e l i n g e r. Bericht der Dresdener Kinderschutzkommission. Wie bisher hat die Kinderschutzkommission der Dresdener Genossinnen auch im vergangenen Jahre dem Erziehungs- und Ziehkinderwesen, der Kindersürsorge und der gewerblichen Kinderarbeit ihre vollste Auf- merksamkeit und Tätigkeit gewidmet. Welche Fülle von Elend lernte sie da kennen! In 30 Fällen sah sie sich genötigt, wegen Mißhandlung von Kindern durch Eltern und Pflegeeltern ein- zugreifen. In 23 Fällen mußte die Fürsorgetätigkeit der Kom- Mission eintreten. An den meisten Mißhandlungen und Vernach- lässigungen der Kinder sind die sozialen Verhältnisse schuld, unter anderem die traurigen Wohnungsverhältniffe und die große Arbeits- losigkeit. Nur einige Beweise dafür sollen herausgegriffen werden. Ter Kommission wurde ein V/t Jahre altes Mädchen gebracht, das Hände und Füße erfroren hatte. Der Vater des Kindes war arbeitslos, dazu ein Trinker, die Mutter den ganzen Tag auf der Arbeit und die Kinder bei grimmiger Kälte nur notdürftig ge- kleidet in der ungeheizten Wohnung allein. Der größte Knabe, 5 Jahre alt, mußte die zwei kleineren Geschwister beaufsichtigen. Die Mitglieder der Kinderschutzkommission gingen mit dem kranke» Kinde zur Wohlfahrt und zum Arzt. Dieser stellte ein Zeugnis aus, in dem er betonte, daß das Kind dringend der Aufnahme in einer Anstalt bedürfe. Im Besitz dieses Zeugnisses brachten die Genossinnen das Kind in das Findelhaus und glaubten es nun gut versorgt. Aber weit gefehlt! Nach langem Hin und Her mußten sie es wieder mitnehmen und leider in die elterliche Woh- nung zurückbringen. Genossin Lewinsohn schilderte diesen Fall in einer Lehrerversammlung, worauf sie auf das Waisenamt be- stellt und ihr Abhilfe zugesichert wurde, aber heute noch ist das Kind bei den Eltern. In einem anderen Falle hatte eine Mutter ihre vier Kinder verlassen, da ihr Mann sie sehr schlecht behandelte. Auch die Kinder, besonders der größte Knabe, der zehn Jahre alt war, hatten viel unter den Roheiten des Vaters zu leiden. Der Knabe war in der Schule schon mehrmals umgefallen und hatte längere Zeil bewußtlos gelegen. Die Genossinnen erkundigten sich in der Schule und erfuhren, daß der Junge als kleines Rind ge- hirnkrank gewesen war. Als er mit sechs Jahren in die Schule kam, hatte ihn der Schularzt untersucht, dann nicht wieder. Auch das brachte Genossi» Lewinsohn in einer Lehrerversammlung vor. Sie wurde darauf auf daS Schulamt bestellt und über den Sachverhalt befragt. Der Erfolg davon ist, daß von nun an sämtliche Bezirks- schullinder vor Beginn deS Turnunterrichts noch einmal vom Schul- arzt untersucht werden sollen.— Eine Familie besaß eine große Wohnung, hatte aber an Grafen und Barone vermietet. Die Familie, die aus sechs Personen bestand, bewohnte ein einziges Zimmer. Zwei der Kinder mußten nachts auf der Treppe schlafen. Außerdem wurden die Kinder unreinlich gehalten und oft geschlagen. Auf eine Anzeige bei der Wohnungsinspektion hin erfolgte die so- sortige Räumung der Wohnung. Das Vormundschaftsgericht weigerte sich, helfend einzugreisen, und so konnten die Genossinnen in dieser Sache nichts weiter für die Kinder tun.— In elf Fällen, in denen die Kommission eingriff, handelte es sich um die Beschäftigung von Kindern mit Zeitungsaustragen, in 53 Fällen mit Milch- und Frühstückaustragen, mit Heimarbeit usw. So ließ im Plauenschen Grunde ein Lehrer seinen Sohn frühmorgens Milch austragen. Ein lungenkranker Knabe und ein nervenkranles Mädchen waren wegen ihrer Krankheit vom Schulbesuch dispensiert. Zu Hause be- schäftigte die Stiefmutter sie mit Kartonnagenarbeit. Ein Buch- binder hielt von nachmittags 2 bis abends 9 Uhr im Geschäft einen Knaben. Nach 9 Uhr mußte dieser für den Mann noch Kohlen auS dem Keller schleppen. So kam er erst nach 10 Uhr nach Hause und halte dann noch seine Schularbeilen zu machen. Resolutes Eingreifen erforderten mehrere Übertretungen des Kinder- schutzgesetzes in Bäckereien in Löbtau und Cotta, in denen Schul- linder im Alter von 10. bis 13 Jahren nachts 1 Uhr bei der Arbeit angetroffen wurden. Die sämtlichen gemeldeten Fälle wurden teils durch die Gewerbe-Assistentin, teils durch die Mitglieder der Kom- Mission selbst mit Hilfe der Wohlfahrt erledigt. Eine Hauptaufgabe der Kommission war es, die Kinder auf sittlichem Gebiet in Schutz zu nehmen. In einem Falle kamen Mädchen im Alter von 7 bis 14 Jahren in Betracht. Der Inhaber eines Barbiergeschäjls halle sich an allen im Hause wohnenden Schulkindern unsittlich ver- gangen. Die Genossinnen brachten die Angelegenheit mit Hilfe des Arbeitersekretärs zur Anzeige; der Mann wurde zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Im Lause des Jahres erging an die Kinder- schutzkommission von verschiedenen Gewerkschaften die Aufforde- rung, bei Sommerfesten die Kinderspiele zu übernehmen. Die Ge- nossinnen sind ihr nachgekommen und haben sich die Zufriedenheit aller Teilnehmer erworben. In einem Kinderkonzert, das die Koni- Mission im Dezember v. I. veranstaltete, erfreuten mehrere Künstle- 300 Die Gleichheit rinnen die Kleinen durch Gesang und Deflamation. Am Schluffe bekam jedes Kind Apfel, Nüsse und Pfefferkuchen. Aus diesen Ausführungen fönnen die Genoffinnen ersehen, wie reich an Arbeit das letzte Jahr für die Dresdener Kinderschutzkommission war. Entschädigung für alle Mühe und Arbeit ist ihren Mitgliedern das Bewußtsein, vielen Kindern eine bessere Behandlung, beffere Lebensbedingungen und einige fröhliche Stunden verschafft zu haben. Auch im kommenden Jahre soll unser Losungswort sein: Mehr Schutz den Kindern". Im Auftrag der Kinderschutzkommission: Hedwig Kunze. Politische Rundschau.or Die Unersättlichkeit der Junker, die im Bunde mit dem Zentrum in der Rumpfkommission des Reichstags die Lasten der soge nannten Reichsfinanzreform fast völlig von sich abzuwälzen suchen, hat wahrhaftig die Handels- und Industrieherren in Harnisch gebracht. Am 12. Juni haben sie im Zirkus Schumann zu Berlin eine imposante Protestversammlung abgehalten. Sie war vom Zentralverband der Industriellen- der berüchtigten Organisation der einflußreichen Scharfmacher der schweren Industrie und vom Zentralverband des deutschen Bank und Bankiergewerbes einberufen und von einer stattlichen Anzahl von Unternehmers organisationen aller Art, Industrieverbänden, Berufsgenossenschaften, Börsenvorständen, Handels- und Matlerkammern usw. beschickt. Auch Detaillisten und Gewerbekammern, Innungsver bände und die Deutsche Mittelstandsvereinigung waren vertreten, sowie ein paar Vereine kaufmännischer Angestellter, die noch vom Harmoniedusel befangen sind. Das Bureau wies die bedeutendsten und„ schwersten" Männer der deutschen Unternehmerschaft auf: Ballin, Borsig, Kirdorf, Stinnes, Hilger, v. Mendelssohn, Kämpf usw. Heftige Reden wurden gehalten gegen das Steuerwerk der tonservativ- flerifalen Koalition, das heißt gegen die aus der Rumpfkommission hervorgegangenen neuen Steuervorschläge, nicht etwa gegen die von der Regierung präsentierten indirekten Steuern auf den Massenverbrauch. Bei der Verteidigung ihres Portemonnaies fanden die Herren die Einigkeit, zu der sie sonst wegen der mannigfach auseinandergehenden Interessen der verschiedenen Gruppen nicht kommen fonnten. Gegen die Agrarier, speziell gegen den Bund der Landwirte, führten die Herren auch eine Sprache, die an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ. Besonders der Vorsitzende und erste Redner, der Vorsitzende des Zentralverbandes des deutschen Bant- und Bankiergewerbes, Geheimrat Dr. Rießer, zog rücksichtslos vom Leder. Er proklamierte den Kampf gegen die Vorherrschaft der Agrarier überhaupt und zeigte sehr treffend, daß sie nur durch eine Reform des preußischen Wahlrechtes gebrochen werden könne. Donnernder Beifall begleitete die Reden, und unter großer Begeisterung wurde eine geharnischte Protestresolution von den 6000 Versammelten so viel zählt die liberale Presse- einstimmig angenommen und der Hansabund für Gewerbe, Handel und Industrie" gegründet. Als Massenorganisation des Bürgertums" soll er dem Bund der Landwirte entgegentreten. Der Name des Bundes soll ein Programm ausdrücken; er soll erinnern an die stolzen Zeiten des mittelalterlichen Städtebundes, der die nordischen Meere beherrschte und troßig mit Junkern und Königen stritt. Er sagt aber mehr, als die Gründer der neuen Organisation meinen. Die alte Hansa war die Organisation der über Kleinbürger und Bauern herrschenden Handelsaristokratie. Die neue Hansa ist die Organisation der modernen Finanz, Handelsund Industriebarone, die nicht nur die Junker beiseite drängen, fondern auch das Proletariat und das Kleinbürgertum ausbeuten und niederhalten wollen. Offiziell heißt es natürlich, daß„ Volts. und Staatswohlfahrt" das Ziel des Hansabundes ist, und wenn dieses Aushängeschild die Proletarier verleiten würde, die Kraft ihrer Masse den Herren Unternehmern zu leihen, so wäre es denen sicherlich sehr angenehm. Indes sind die Herren, die der Vers sammlung das Gepräge gaben, der deutschen Arbeiterklasse viel zu gut bekannt, als daß ein solcher Versuch Aussicht auf Erfolg haben könnte. Biel zu deutlich redet die Tatsache, daß der Hansabund mit der Belastung der arbeitenden Massen durch 350 Millionen neuer Verbrauchssteuern durchaus einverstanden ist und sich empört wehren würde, wäre der Ersatz dieser Steuern durch direkte, durch Besitzsteuern zu besorgen. Selbst dem Blindesten müßte übrigens der heftige Ausfall des Rohlengewaltigen Kirdorf gegen die Arbeiterschußgefehgebung die Augen öffnen. Es ist in der Versammlung zwar Widerspruch gegen Kirdorfs Ausführungen laut geworden. Indes die Frage bleibt offen, welche es unter den Tausenden waren, die diesen Widerspruch erhoben, und welchen Einfluß fie auf den Kurs des Bundes haben Nr. 19 werden. Kirdorf war es auch, der es in dem Machtbewußtsein des einflußreichen Industriemagnaten nicht über sich gewinnen konnte, feine abweichende Meinung über die Erbschaftssteuer zu unterdrücken. Ein Anzeichen davon, daß im Schoß des neuge backenen Bundes erhebliche Interessenkonflikte schlummern, die seine Festigkeit und Schlagfertigkeit vielleicht gar bald auf harte Proben stellen können. Ob mit dem Hansabund als feststehendem Faktor fünftig in der inneren Politik des Reiches zu rechnen ist, muß sich also erst noch ausweisen. Hält er und entwickelt er sich nach den Wünschen seiner Gründer, so bedeutet das für die bürgerlichen Parteien ein Bersehungsferment mehr; eine Vermehrung und Vers deutlichung ihrer Abhängigkeit von wirtschaftlichen Interessengruppen. Das eigentliche Wesen der bürgerlichen Parteien als Vertretungen bestimmter Kapitalistengruppen wird dann weit schärfer noch als biss her sichtbar werden. Das ist eine Entwicklung, die die Sozialdemo fratie nicht zu bedauern hätte. Je klarer das Wesen der Parteien zutage tritt, um so mehr Aussicht ist für sie, für sich die großen Scharen Proletarier und verwandter Schichten zu gewinnen, die heute noch bürgerlichen Parteien folgen. Allerdings darf das Proletariat die neue mächtige Organisation der tapitalistischen Unternehmerschaft als Feind nicht unterschätzen. Der Kampf ist jedoch sein Element, in dem es erstarkt und reift. Die Empörung der Träger des beweglichen Kapitals gegen das Attentat der Junker und des Zentrums auf ihren Geldbeutel hat die Reichsregierung übrigens schon vor der Versammlung im Zirkus Schumann zu spüren bekommen. Die einflußreichen Herren der großen Finanz und der Industrie haben ihre Beziehungen zu Regierungsstellen und zum Hofe ausgenüßt. Der von Ballin informierte Kaiser soll den Junfern grollen. Und da auch die füddeutschen Bundesregierungen an der Erbschaftssteuer festhalten, so ist dem Reichskanzler das Rückgrat gegen seine geliebten Agrarier ein wenig gesteift worden. Die„ Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hat einige halbwegs energische Wendungen gegen das Werk der Rumpftommission aufgebracht. Bezeichnenderweise spricht sie sich aber gleichzeitig für eine stärkere Belastung von Branntwein und Tabat aus, als sie die Kommission vorgeschlagen hat. Nicht minder bedeutsam ist es, daß sie lediglich Abgaben für unannehmbar erklärt, welche der Börse und Großindustrie zuwider sind: nämlich die Wertpapiersteuer, die Mühlenumsatzsteuer und den Kohlenausfuhrzoll. Gegen Kaffee und Teezoll und die Streichholzsteuer verlautet tein Sterbenswörtchen. Am Vorabend des Wiederzusammentritts des Reichstags will die Regierung neue Steuerprojekte bekannt geben, die auf einer Zusammentunft der Finanzminister der Einzelstaaten ausgearbeitet worden sind. Neben einer sehr milden Erbschaftssteuer, die den Großgrundbesitz fast ganz frei lassen würde, soll sich darunter auch eine entschieden zu verurteilende Steuer auf Feuerversicherungspolicen befinden. H.B. BITS m Gewerkschaftliche Rundschau. Außer kräftigen Frontangriffen gegen die Sozialpolitik, welche dem Proletariat wahrlich wenig genug gibt, versuchen die Scharf, macher auch Flankenangriffe, überfälle und Buschtleppereien gegen die Arbeiterklasse selbst, um ihr die Errungenschaften wieder abaujagen, die sie in zähem, opferreichen Ringen dant ihrer Organi fationen erobert hat. Neuerdings hat im scharfmacherischen Lager jemand gegen die Tarifverträge vom Leder gezogen. Ein großer Teil der politischen Parteien und theoretischen Sozialpolitiker, so wurde behauptet, sei von der Jdee der Tarifverträge hypnoti fiert und wirke für ihre Ausbreitung in allen Gewerbezweigen. Die Befürworter der Neuerung bedächten jedoch nicht, daß Tarif verträge nur auf Kosten der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Ins dustrie auf dem Weltmarkt und zum Schaden der Konsumenten und Steuerzahler abgeschlossen werden fönnten. Wer die Machtgelüfte der Gewerkschaftsangestellten kenne, der wisse, daß sie danach strebten, den inneren Geschäftsbetrieb der Unternehmungen ent= scheidend zu beeinflussen. Von den Zugeständnissen weiterer Bergünstigungen für das Arbeitspersonal werde wie von etwas Selbstverständlichem geredet und so fort. Das Gerede soll dem Publikum Sand in die Augen streuen, um die Tatsache zu verdunkeln, baẞ die Herren Scharfmacher lediglich gegen die Tarifverträge hetzen, damit das tapitalistische Unternehmertum fich ungehindert die Taschen auf Kosten der ausgebeuteten Lohnarbeiterschaft füllen kann. Ganz besonders soll auch den staatlichen und städtischen Behörden davor graulich gemacht werden, ihre Arbeiten nur an tariftreue Firmen zu vergeben. Der Vorstoß des kapitalistischen Klopffechters dürfte jedoch erfolglos bleiben. An die Gemeingefährlichkeit der Tarifverträge glaubt heute tein halbwegs vernünftiger Mensch mehr Mr. 19 Die Gleichheit Jm Hamburger Baugewerbe ist es zu einer großen Aus, Sperrung gelommen. Nach den letzten Nachrichten, die uns vor Hegen, während wir dieses schreiben, find 8000 Maurer, Bauhilfsarbeiter, Zimmerer und Stuffateure ausgesperrt, ungefähr 50 Prozent der in Betracht kommenden Arbeiterschaft. Der Baugewerbes verband, dem 18 Jnnungen und Vereine angehören, hatte verfügt, daß sämtliche Betriebe im Bereiche des Vierstädtebundes Hamburg, Altona, Wandsbeck und Harburg stillgelegt werden sollten, wenn nicht die von den Betonarbeitern verhängten Sperren aufgehoben und die von den Bauarbeitern gestellten Lohnforderungen zurückgenommen werden würden. Die Arbeiter aber haben sich durch die Drohung nicht schrecken laffen, fie wollen vielmehr ihre Forderung durchsetzen: Erhöhung des Stundenlohnes von 80 auf 85 Pf. Der Vorsitzende des Baugewerbeverbandes überredete die Unternehmer, jede Verhandlung mit den Arbeitern abzulehnen. Die Betonarbeiter erklärten, daß die Sperren ihrer seits völlig zu Recht beständen, da die Unternehmer einen schmählichen Tarifbruch begangen haben. Die Machtprobe, die die Herren Rapitalisten frivol heraufbeschwören, wird hoffentlich bei der guten Organisation der Bauarbeiter in den genannten Städten nicht mit einem Siege des Prozentums enden. Im Münchener Baugewerbe schweben ebenfalls Differenzen. Die Unternehmer wollen, daß der von ihnen unterhaltene Arbeitsnachweis allein Arbeiter vermittelt; mit 10 Mt. soll darum jeder Unternehmer bestraft werden, der ihn nicht benügt. Das alles zu dem Zwecke, die Arbeiter beschäftigungs- und brotlos zu halten, die von den Arbeiterorganisationen nachgewiefen werden. Die Arbeiter warnten angesichts der Situation vor Zuzug nach München, wogegen die Unternehmer bei den Zentralvorständen protestierten. Wie unberechtigt das Vorgehen der Herren ist, darauf wirft eine Tatsache helles Licht. Die Münchener Stadtverwaltung lehnte es ab, die von einem Unternehmer verlangte Fristverlängerung für bie Fertigstellung städtischer Arbeiten zu bewilligen, so daß der Mann gezwungen war, die Arbeitskräfte zu verwenden, die von den Arbeiterorganisationen angewiesen wurden.- In Saarbrücken fiehen zirka 1000 Bauarbeiter wegen Nichtbewilligung einer Lohnerhöhung von 52 auf 58 Pf. pro Stunde im Ausstand. " Ein Streit von größerer Bedeutung und besonderer Eigenart ist für Kiel zu verzeichnen, und das seitens der städtischen Arbeiter. Diese verlangten in Anbetracht des teuren Lebensunterhaltes eine geringe Aufbesserung ihres fargen Arbeitsverdienstes, der nur 2,60 Mt. täglich beträgt. Der Magistrat lehnte die Forderung mit der Begründung ab, daß keine Mittel" für Erhöhung der Löhne vorhanden seien. Um die Mittel für„ höhere" Zwede, wie Fürstenempfänge und anderen Klimbim, pflegen be kanntlich deutsche Stadtverwaltungen nie verlegen zu sein. Die städtischen Arbeiter waren daher mit Recht der Ansicht, daß bei gutem Willen ohne Kopfzerbrechen ihnen ein Stück mehr Brot ges boten werden könne. Sie traten in den Ausstand. Bon 104 Bes schäftigten der Müll- und Fäkalienabfuhr streifen 100 Mann, von 220 im Abfuhrwesen und bei der Straßenreinigung Beschäftigten 208. Die Stadtverwaltung bemüht sich krampfhaft, Streitbrecher zu werben. Sie fümmert sich bei ihrem Verhalten den Pfifferling um die gesundheitlichen Gefahren, denen die Bevölkerung durch bie Nichtbeseitigung des Unrats ausgesetzt ist. Riel ist die nämliche freisinnige" Stadt, wo mit einer Zähigkeit, der die Tücke die Wage hält, daran gearbeitet wird, den Arbeitern das kommunale Wahlrecht noch über das Maß der bestehenden Beeinträchtigung hinaus zu rauben, fie auch als Gemeindebürger so gut wie völlig rechtlos zu machen. Geldsacksmacht ist dort Trumpf. In der Textilindustrie zu Mülhausen i. E. ist es zu einer größeren Aussperrung gekommen. Bei einer dortigen Firma der Kammgarnspinnerei mußten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen gegen eine Minderung ihres Verdienstes um 10 Prozent wehren, die durch die Lieferung schlechten Materials verschuldet wurde. Sie lehnten es ab, die Arbeit unter den harten Bedingungen aufzunehmen. Daraufhin wollten die anderen Unternehmer der Branche am Orte der Firma aus der Patsche helfen, indem sie für sie die betreffenden Arbeiten lieferten. Die Arbeiter aber weigerten sich, burch Streifarbeit zu Verrätern an ihren Schwestern und Brüdern zu werden. Die Differenzen haben nach und nach eine derartige Ausdehnung genommen, daß nur noch in einem der einschlägigen 5 Betriebe Mülhaufens vollzählig gearbeitet wird. Am Orte find etwa 5000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Kammgarnspinnerei beschäftigt. Eine Neuauflage des großen Ronfettionsarbeiterstreits ist in Stettin in den Bereich der Möglichkeit gerückt. Die Unter nehmer der Konfektionsindustrie haben den Tarif gekündigt und wollen jedenfalls ohne seine Bindungen nach Belieben die Arbeite 301 rinnen und Arbeiter wie Zitronen auspressen. Stettin ist ein bedeutendes Zentrum der deutschen Konfektionsindustrie. Etwa 4000 Personen fronden hier in der Kleider- und Wäschefabrikation dem Kapital, darunter natürlich zahlreiche Frauen und Mädchen, die zum großen Teil als Heimarbeiterinnen schusten. Das sprichwört liche Elend der Konfektionsarbeiterschaft hat sich nicht wesentlich gemildert, seitdem 1906 der große Kampf die öffentliche Aufmerkſamfeit mit zwingender Gewalt darauf gelenkt hat. Es begreift fich daher, daß die Stettiner Arbeiterinnen und Arbeiter nicht geneigt sind, sich ohne weiteres das Maß von Schutz und Recht rauben zu lassen, das der Tarif ihnen verbürgt. Der Verband der Schneider und Schneiderinnen, dem sie es zu verdanken haben, wird selbstverständlich auch in dieser Stunde ihre Interessen mit Treue vertreten. Die genannte Gewerkschaft kann in letzter Zeit ansehnliche Erfolge bei Tarifabschlüssen meiden. Unter 98 abgeschlossenen Tarifen befinden sich aber leider nur wenige, welche auch den Arbeiterinnen zugute kommen. Es genügen die Finger einer Hand, um sie aufzuzählen. Bloß für die Damenschneiderei in Hamburg, in zwei Berliner Fabriten, in einer Münchener und einer Hamburger Rorfettfabrik greifen die Tarife zugunsten der Arbeiterinnen in die Arbeitsbedingungen ein. Zu dieser wenig erfreulichen Tatsache sagt das Verbandsorgan:„ Mit der tariflichen Regelung der Löhne der Kolleginnen dürfte es allerorts noch sehr traurig aussehen, was diese sich aber selbst zuzuschreiben haben. Sie stehen heute noch im großen und ganzen der Organisation fern. Ohne Organisation aber feine tarifliche Regelung der Löhne. Wollen also auch die Kolleginnen der Wohltat tariflich geregelter Löhne teilhaftig werden, dann bleibt ihnen kein anderes Mittel, als der Anschluß an die Organisation." Die verzeichnete Tatsache wie die Erklärung dafür muß den Genossinnen eine Mahnung sein, ihre Bestrebungen zu verdoppeln, dem Schneiderverband die zahlreichen Frauen und Mädchen zu zuführen, welche in den betreffenden Erwerbsgebieten färglichem Verdienst nachgehen. Gerade hier fommen neben den Fabrik- und Werkstättenarbeiterinnen große Scharen Heimarbeiterinnen in Betracht, die schwer oder auch gar nicht von der Agitation durch öffentliche Versammlungen, Wertstubenbesprechungen usw. erreicht werden. Sie müssen ganz besonders durch Hausagitation, durch Aufklärung im persönlichen Verkehr zur Erkenntnis ihrer Lage und zur richtigen Wertung der Organisation gebracht werden. Hier liegt ein gewaltig sich ausdehnendes, nie versiegendes Arbeitsgebiet für unsere Genofsinnen vor. Wo andere Mittel der Agitations- und Organisationsarbeit versagen, da muß ihr persönliches Wirten einfegen, das mitfühlende, erilärende, hoffnungsreiche Wort, das die Frau zur Frau spricht. So mühsam die vorliegende Aufgabe ist, so viel Geduld und Selbstverleugnung sie erfordert, so lohnend wird sich ihre tapfere Jnangriffnahme erweisen. Was zahllose Ungenannte und Ungekannte leisten, das wird die.wachsende Beteiligung der Arbeiterinnen am Leben und Kämpfen der Gewerkschaft, des proletarischen Emanzipationsringens überhaupt unvergänglich verkünden. # Notizenteil. Dienstbotenfrage. Schändung durch das Dienstbuch. Das Dienstbuch wird leider immer noch von vielen Herrschaften in ruchloser Weise benutt, um sich an einer Hausgehilfin zu rächen und ihr zeitlebens einen Denkzettel anzuhängen. Ein Fall, der sich in Nürnberg zugetragen hat, zeigt die Erbärmlichkeit der besseren" Leute, die dant der Gefindeordnung ihr Mütchen an einem bedauerns werten Mädchen fühlen können und das Dienstbuch zum Lügen. buch der Herrschaften erniedrigen. Der Sachverhalt ist folgender: Im Juni 1908 trat die 14 jährige M. als Kindermädchen gegen einen Lohn von 9 Mt. monatlich und täglich ein Glas Bier bei dem Korfettfabrikanten Ehrede in Stellung. Das junge Mädchen hatte Zwillinge zu warten und außerdem die Arbeiten zu leisten, die für weitere drei Kinder nötig waren. Die Arbeitszeit dauerte bis nachts 12 und 1 Uhr. Weihnachten wurde es gar 4 Uhr, ehe das arme Kind ans Schlafengehen denken konnte. Den Schlafs raum teilte das Mädchen bis Weihnachten mit den drei größeren Kindern Ehreckes. Trotz anstrengendem Schaffen und ausgedehnter Arbeitszeit hielt das Ehepaar Ehrecke die Lohnabmachungen nicht aufrecht. So wurde zum Beispiel nach einiger Zeit das Glas Bier nicht mehr gegeben, und als das Mädchen das Geld dafür verlangte, hieß es: das wird für zerschlagenes Geschirr aufgerechnet. Die Herrschaft brachte es fertig, 302 Die Gleichheit 7,96 Mt. aufzurechnen: für 3 fleine Teller 2,25 Mt., für eine alte Kaffeekanne 2 Mt., eine Tasse ohne Henkel 30 Pf., einen Wagengriff 1,20 Mt., eine Glocke im Badezimmer 70 Pf. usw. Das Mädchen ließ sich eine derartige Lohnkürzung nicht gefallen und ver ließ am 1. Februar den Dienst. Am 2. Februar holte Ehrecke sich die M. wieder und versprach 15 Mt. Monatslohn, der beste Beweis dafür, daß das junge Mädchen sich als brauchbar erwiesen hatte. Versprechen und Nichthalten scheint aber eine Eigentümlichkeit Ehreckes zu sein, denn statt 15 Mt. erhielt das Mädchen nur 14 Mt. Des weiteren war der M. versprochen worden, daß sie vom Mai ab abends um 1/29 Uhr Feierabend haben und bei den Eltern schlafen sollte. Aber schon am 2. Mai tam sie erst um 10 Uhr heim und am 10. Mai überhaupt nicht: sie hatte bis tief in die Nacht hinein arbeiten müssen. Am anderen Morgen machte die Mutter die Herrschaft auf das Unpassende solcher Handlungsweise aufmerksam; sie hatte die ganze Nacht in Angst um ihre Tochter gewacht. Es wurde ihr einfach die Tür gewiesen.„ Hinaus", hieß es, und wenn's wollen, gleich die Tochter mit." Die Familie Ehrecke brauchte die häßlichsten Ausdrücke, und im Dienstbuch ließ sie ihrer Gehässigkeit die Zügel schießen. Es wurde da gesagt, das Mädchen sei untauglich. Zu bestätigen, daß es treu und ehrlich gewesen war, verweigerte die Herrschaft. Beinahe ein Jahr war das fleißige und ordentliche Mädchen bei Ehreckes in Dienst gewesen. Sein Lohn war von 9 auf 14 bezw. 15 Mt. aufgebessert worden. Das spricht für die Tüchtigkeit der M. Sobald aber die Mutter das zugestandene Recht ihres Kindes zu fordern wagt, wirft die noble, an ständige Herrschaft Mutter und Tochter zur Tür hinaus. Damit nicht genug: das Dienstbuch muß herhalten, um den Namen des halben Kindes zu schänden, um ihm sein Fortkommen zu erschweren. Der Verband der Hausangestellten nimmt sich natürlich der Sache des jungen Mädchens an. Herr Ehrecke wird gezwungen werden, diesem sein Recht werden zu lassen, das brandmarkende Zeugnis zu ändern. Die Lehre wird hoffentlich allen Mädchen zugute kommen, denen das zweifelhafte Glück zuteil wird, in dem Dienst der Familie zu stehen. Wie freudvoll das„ patriarchalische Verhältnis" in dem Hause sein muß, beleuchtet noch eine Tatsache. Im letzten Jahre hatten fünf Köchinnen Gelegenheit, es fennen zu lernen. Was die junge M. erfahren hat, erweist ebenso klar die Notwendig feit des Zusammenschlusses der Dienenden wie der Beseitigung der mittelalterlichen Gesindeordnung mit ihrem Drum und Dran, zu dem auch das Dienstbuch gehört. + Eine noble Guädige. In Breslau hatte die Frau des Bibliotheksekretärs Schönfeld ihre fünfzehn Jahre alte Haussflavin im ordentlichen Stiefelputzen dadurch unterrichtet, daß sie ihr ein Paar angeblich nicht blank gepußte Gamaschen ins Gesicht schlug und sie dadurch nicht unerheblich unter dem Auge verlegte. Wegen Körperverlegung war sie zuerst zu 100 Mt. Geldstrafe verurteilt worden, die aber die„ einsichtsvolle" Berufungsinstanz auf 30 Mr. herabsetzte. Trotz dieser milden Strafe gab sich die noble Frau Sekretär nicht zufrieden. Sie hielt es für gut, eine gegen sie als Beugin aufgetretene Hausbewohnerin wegen Meineids zu denunzieren. Die Staatsanwaltschaft überzeugte sich von der Haltlosigkeit der Beschuldigung und stellte das Verfahren ein. Die Gnädige besaß nun die Recheit, Beschwerde bei der Oberstaatsanwaltschaft zu führen. Da aber wurde der Spieß umgekehrt, gegen die Dame wurde Anklage wegen wiffentlich falscher Anschuldigung erhoben, und Frau Schönfeld wird nunmehr als Verurteilte auf sechs Wochen ins Gefängnis wandern, wenn nicht ihr Gnadengesuch hilft, das einzureichen ihr der Gerichtsvorsitzende anheimstellte. Ein von der Angeklagten kühn gestellter Antrag auf sofortige bedingte Begnadigung war vom Gericht mit Recht abgelehnt worden. Der Fall Schönfeld ist eine treffliche Illustration der„ erziehlichen" Einflüsse, welche das Heim der gebildeten" Familien den ungebil deten" Dienstboten bietet. Welch herrlichen Eigenschaften können sich in einem halben Rinde entwickeln, das des Glückes teilhaftig wird, als Hausmädchen durch eine Frau Schönfeld„ erzogen" zu werden. Kinderarbeit. ek. Koloniales Kinderelend. Ein Beitrag zur Kinderausbeutung in Deutsch Ostafrika ist folgender Brief eines 5jährigen Knaben aus Soga( Plantage Brema), den wir den bürgerlichen " Bremer Nachrichten" entnehmen: „ Ich heiße Abdallah V., der fünfte werde ich genannt, da außer mir noch vier Arbeiter, die Abdallah heißen, auf derselben Plantage arbeiten, und ich der kleinste von allen bin. Ich bin 5% Jahre alt, und wenn morgens taum der Tag graut, dann gehe ich zu meinem Bana, wird in Suaheli Bwanba geschrieben, zur Nr. 19 Arbeit. Fast ist es um 5 Uhr noch dun fel, wenn alle Arbeiter auf der Sammelstelle versammelt sind, aber wenn uns unser Bana zur Arbeitsstelle gebracht, dann geht auch schon die Sonne auf, die hier sehr schnell aufgeht. Meistens müssen wir Kinder Unfraut aufsuchen und wegtragen, welches die großen Arbeiter aushacken, oder Baumausschlag mit großen Messern abschlagen, und in letzter Zeit haben sich sehr viele kleine schwarze Käfer auf die jungen Gummibäume und Baumwolle gesetzt, die wir einsammeln müssen; neulich hatte ich von 40 Kindern die meisten, eine ganze Flasche voll, gesammelt, wofür mir die Bibi, Banas Frau, ein Stück Zucker gegeben hat. Arbeiten müssen wir von morgens früh bis nachmittags um 4 Uhr. Eine Früh stücks- und Mittagspause kennen wir nicht, auch esse ich nichts, wenn ich früh von Hause weggehe, nur Wasser gibt uns unser Bana während der Arbeitszeit, das wir sehr viel trinken, weil es hier sehr heiß ist. Wenn vor 4 Uhr die Glocke geschlagen wird, dann ist ein großes Freudengeschrei, und wir versammeln uns alle wieder auf der Sammel stelle; hier erhält dann jeder große Arbeiter 1½% Pfund Reis und jedes Kind ein Pfund. Dann gehe ich zu meiner Mama, die mir den Reis kocht, aber allein darf ich ihn nicht alle essen, ich muß meinen Geschwistern etwas abgeben. Jeder Arbeiter, wenn er zum erstenmal zur Arbeit geht, erhält eine Arbeitskarte, worauf dreißig Felder gezeichnet sind; diese Karte müssen wir jeden Morgen abgeben, und wenn wir sie abends zurückbekommen, ist eine Ziffer in ein Zelt getragen. Ist meine Karte ganz voll geschrieben, dann bekomme ich meinen Lohn, 4 Mt. Aber wenn die Karte halb voll ist, darf ich mir auch schon auf Vorschuß ein Hemd für 60 Pf. und ein Hüftentuch für 60 Pf. faufen, das ich dann Sonntags trage. Wenn ich zur Arbeit gehe, trage ich nur ein altes Hüftentuch, eine Mütze habe ich nicht. Habe ich meinen Lohn erhalten, dann erlaubt mir meine Mama, daß ich 14 Tage nicht zur Arbeit gehe und bummele ich dann mit anderen Kindern im Urwald. Zur Schule kann ich nicht gehen, weil hier teine ist, aber bis dreißig fann ich schon zählen. Bin ich auch nicht so flug und so fein wie die Kinder in Deutschland, so verdiene ich doch so viel, daß meine Geschwister und ich zu essen haben. Abdallah V." Eind es nicht wahrhaft idyllische Zustände, die uns Klein Abdallah schildert?! Kann es einen reizenderen, herzerquickenderen Anblick für ein Agrarierauge geben, als dieses Heer kleiner Abdallahs, das sich bei 11% stündiger ununterbrochener Arbeit mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 1% Pf. begnügt? Von Zeit zu Zeit nur seht eines dieser kleinen bescheidenen Kinderchen einen Schluck falten Wassers an die durstigen Lippen, und jubelnd nimmt die ganze Schar nach Arbeitsschluß je ein paar Hände Reis in Empfang. Eine Schule gibt es selbstredend für die Kleinen Arbeitssklaven nicht wozu auch? Wenn sie an Kaisers Geburtstag oder anderen für sie so hochwichtigen Tagen" nur recht kräftig Hurra schreien! So und nicht anders wird nach Deutsch- Ostafrika europäische Kultur" verpflanzt. So und nicht anders hausen deutsche Blutsauger, deutsche Agrarier und Unternehmer in Ostafrika! Wer wird ihrem schamlosen Treiben Einhalt gebieten? Etwa die Armee bürgerlicher Gelehrten, Rechtsanwälte und Journalisten die im Solde des Kapitals sich um des Freifinns zerfetzte Fahne schart? Nicht die Spur. Denn auf der tollen Jagd nach Karriere und Auszeichnungen ist diesen aufgeklärten" Männern, diesen Trägern fapitalistischen Rechtes und kapitalistischer Kultur jedes menschliche Gefühl längst abhanden gekommen. So tief ist die„ liberale" Presse gesunken, daß sie es wagt, Klein Abdallahs Brief, dies Dokument kapitalistischer Schmach, abzudrucken, ohne ein Wort der Empörung und des Protestes hinzuzufügen! Es bleibt der Sozialdemokratie vorbehalten, auch Klein Abdallahs Brief aufzuheben, um ihn als Waffe zu benutzen im Kampfe gegen das Kapital und einen seiner schauerlichsten Auswüchse- die Kolonial politit. ed, Kellnerinnenfrage. " Nicht Verbot des Kellnerinnenberufs, Schuh der Kellne rinnen gegen Ausbeutung.„ Es gibt keine Lösung der Frage des Kellnerinnenberufes, als seine Auflösung. Und ich möchte mit den Worten eines Mannes schließen, der mir schrieb: Das Verbot der weiblichen Bedienung müssen Sie erreichen, Millionen Deutsche, Frauen und Männer, werden Ihren Namen segnen." So schließt Frau Kamilla Jellinek eine Broschüre, die kürzlich als Heft 221 der Sammlung Sozialer Fortschritt" bei Dietrich in Leipzig erschienen ist, und in der die Verfasserin in nachdrücklicher Weise die gänzliche Entfernung der Kellnerinnen aus dem Wirtsgewerbe fordert. Die gleiche Forderung erhob Frau Jellinek auf dem " Nr. 19 Die Gleichheit jüngst stattgefundenen sechsten bayerischen Frauentag zu München. Frau Jellinek hatte in Heidelberg ein Kellnerinnenheim errichtet, nachdem schon vorher in Stuttgart durch die Initiative der Großhändlersgattin und bürgerlichen Philanthropin Frau Ottilie Duvernoy eine solche Anstalt ins Leben gerufen worden war. Diese Kellnerinnenheime haben Fiasto gemacht. Während Frau Duvernoy ( sie ist Herausgeberin der Zeitschrift„ Die deutsche Kellnerin") trotz diefes Mißerfolgs noch eine Hebung des Kellnerinnenstandes für möglich hält, ist Frau Jellinek pessimistisch geworden und erwartet das Heil, wie schon oben gesagt, nur in der Beseitigung des Kellnerinnenberufes. Die Heidelberger bürgerliche Frauenrechtlerin geht von der An ficht aus, daß die Kellnerinnen samt und sonders der Prostitution verfallen, daß sie die Verführerinnen der Studenten und vieler braver Ehemänner sind, und daß sie auf diese Weise dazu tun, das deutsche Familienleben zu zerstören. Frau Jellinek hat ohne Zweifel dazu beigetragen, daß die große Offentlichkeit, daß ganz besonders die bürgerlichen Kreise, neuerlich auf das Kellnerinnenelend hingewiesen worden sind. Wir fagen neuerlich, weil lange vor den Damen Jellinek und Duvernoy Vorfämpfer der zielbewußten Arbeiterklasse, vor allem Genossinnen in Berlin, so Genossin Ihrer und andere und die gewerkschaftlich organisierten Gastwirtsgehilfen der Frage des Kellnerinnenelends ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben; weil auch seit langem schon ernste bürgerliche Sozialreformer ihr nähergetreten sind. Es sei an die weit zurückreichenden Versuche zur gewerkschaftlichen Organisierung der Kellnerinnen in Berlin erinnert, an die spätere planmäßige Arbeit dazu durch den Verband der Gastwirtsgehilfen, die besonders von München ausging und dank der rührigen Tätigkeit der Genoffin Niedermeŋer nicht erfolglos blieb. Auch die Broschüre Karl Schneidts über das Kellnerinnens elend verdient nicht vergessen zu werden, sowie die Tagung bürger licher Sozialreformer zu München, die sich eingehend mit der Materie befaßte. Um auf Frau Jellinek zurückzukommen: die Schlußfolgerungen, die sie aus ihren Erfahrungen und Untersuchungen zieht, sind sehr anfechtbar. Es geht ihr wie so vielen bürgerlichen Frauen, die nach kurzer Beschäftigung mit einer ernsten Frage zu einer recht einseitigen Auffassung davon kommen und nicht lernen, sie in allen ihren Zusammenhängen zu begreifen. Gegen die Auffassung von Frau Jellinek haben am 2. Juni die Münchener Kellnerinnen energisch protestiert. Insbesondere wehrten sie sich gegen die Behauptung, daß die große Masse der Kellnerinnen samt und sonders der Prostitution verfallen sei. Die etwa 250 bis 300 Nürnberger Kellnerinnen scheinen für die Frage weniger Interesse zu haben, als ihre Kolleginnen in München. Am 9. Juni fand im„ Historischen Hof" eine öffentliche Kellnerinnenversammlung statt, in der, wie in München, Genossin Grünberg, referierte und in der ebenfalls gegen die Bestrebungen der Frau Jellinek prote stiert werden sollte. Die Versammlung war nur mäßig besucht. Genoffin Grünberg wandte sich zunächst gegen die Auffassung, daß alle Kellnerinnen Prostituierte seien. Protistuierte gebe es auch im Handelsgewerbe und unter den Fabritarbeiterinnen. Die Not zwinge auch viele von ihnen, zeitweilig im Laster das Brot zu suchen oder ständig einen Nebenerwerb. Der Beruf müsse dann lediglich als Deckmantel des Dirnengewerbes dienen. Nicht ange borene Lasterhaftigkeit sei die Ursache davon, sondern die kapitalistische Ausbeutung der proletarischen, besonders aber der weiblichen Arbeitskraft und ihre Begleiterscheinungen: Hungerlöhne, Wohnungselend, sittliche Verwahrlosung von Kind auf usw. Die Anklage, die Kellnerinnen verführten die guten bürgerlichen Ehes männer, beweise nur die Verrottung der bürgerlichen Gesellschaft; vielfach sei die Ehe der Besitzenden nichts anderes als eine Prosti tution. Mehr angebracht als die Entrüstung über die moralischen Dualitäten der Kellnerinnen sei das Vorgehen gegen Wirte, Café tiers und Hoteliers, welche Kellnerinnen schamlos ausbeuten und mittelbar oder brutal unmittelbar auf die Prostitution verweisen. Ein großer Teil dieser Leute lasse sich von den Kellnerinnen förm lich ernähren. Vielfach bekommen diese nicht nur keinen Lohn, sondern sie müssen den Hoteliers und Cafétiers noch bezahlen. Es muß Bruchgeld entrichtet werden für Geschirr, das nicht etwa durch die Kellnerin, sondern durch andere Leute zerbrochen wurde. Zeis tungen, Streichhölzer und Zahnstocher muß häufig die Kellnerin beschaffen, oft muß diese auch noch Spülmädchen und Wasser mädchen bezahlen. Die Zechpreller seien in besseren" Gasthäusern häufiger als man denkt. Das Risiko in dieser Richtung trägt aber nicht der Wirt, sondern die Kellnerin. Auf Geheiß vieler Wirte muß sie dem Stammgaft Kredit gewähren; wird nicht bezahlt, so trägt sie den Schaden. Kassiererinnen erhalten einen Monatslohn von 50 bis 60 wt., davon müssen sie ihre hochelegante Kleidung bestreiten. Aber nicht nur die Wirte beuten die Kellnerinnen scham 303 Ios aus, sondern auch die Stellenvermittler. Diese stecken oft unter einer Decke mit jenen. 5, 10 bis 15 Mt. haben Kellnerinnen für Vermittlung einer Stellung zu bezahlen. Dabei müssen fie ristieren, daß der Wirt schon am ersten Tag einen Streit provoziert und sie entläßt. Das Geld an den Stellenvermittler wurde umsonst gezahlt, und dieser legt wieder ein anderes Mädchen herein. Es gibt auch Stellenvermittler, die sich von Kellnerinnen ihre Zeche bezahlen lassen. Die Unfitte der Trinkgelder zwingt die Kellnerin, vor den Gästen recht demütig zu sein und sich gefällig zu erweisen. Die überlange Arbeitszeit, der Aufenthalt in rauchgeschwängerter Luft, die mit Alkoholdünsten erfüllt ist, reibt die Gesundheit der Kell nerin frühzeitig auf. Genoffin Grünberg wies das überzeugend nach und begründete dann die Forderungen, welche im Interesse der Kellnerinnen vertreten werden müssen. Sie sind aus der nachstehenden Resolution zu ersehen, welche die Zustimmung der Verfammelten fand: „ Die am 9. Juni tagende öffentliche Kellnerinnenversammlung erklärt, daß die von Frau Jellinek aus Heidelberg aufgestellten Forderungen auf gänzliche Beseitigung des Kellnerinnenberufes hinfällig sind. Die Versammelten sind überzeugt, daß die Mißstände im Kellnerinnenberuf nur durch eine starke Organisation beseitigt werden können, und verpflichten sich, mit dem Verband Deutscher Gastwirtsgehilfen für nachstehende Forderungen einzu treten: 1. Abschaffung der Trinkgelderentlohnung, dafür Einführung eines Minimallohnes von 4 Mt. ohne Beköstigung, 3 Mt. mit Betöftigung im Tag. 2. Die Arbeitszeit soll mit den entsprechenden Zwischenpausen nicht länger als 15 Stunden pro Tag betragen. 3. Nach jedem 15ftündigen Arbeitstag muß eine ununterbrochene Ruhepause von 9 Stunden eintreten. 4. Jede Woche muß ein Feiertag gewährt werden. 5. Abschaffung jeder Stellenvermittlung gegen Entlohnung, da für die Errichtung eigener Stellennachweise durch die Organisation oder Angliederung entsprechender Abteilungen an städtische paritätische Arbeitsnachweise." In der Diskussion wurde von einigen Kellnerinnen hervorgehoben, daß in Nürnberg viele Wirte Kellnerinnen nicht beschäf tigen, die der Organisation angehören. Es ist zu erwarten, daß die Nürnberger Kellnerinnen den ihnen von bürgerlicher Seite gemachten Vorwurf damit beantworten, daß sie sich dem Verband der Gastwirtsgehilfen anschließen, um mittelst seiner für die Hebung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage zu kämpfen. + Frauenbewegung. Die elfte Generalversammlung des Vereins Frauenbildung Frauenstudium fand Ende Mai in Bonn statt. Die Organis sation dient vor allem dem Kampf der bürgerlichen Frauen um höhere Bildung als Vorbedingung für höhere Berufstätigkeit. Sie hat in dieser Beziehung manch Anerkennenswertes geleistet. Auch die letzte Generalversammlung verhandelte über zwei Fragen, welche prinzipiell im Interesse der Gleichberechtigung des weiblichen Ges schlechts liegen, solange aber die kapitalistische Klassengesellschaft besteht, praktisch nur für die besigende Frauenwelt von Bedeutung sind. Sie sprach sich für eine durchgreifende Reform des höheren Mädchenschulwesens in Preußen aus, des weiteren für die Zulassung der seminaristisch gebildeten Lehrerinnen zum Studium und zum Oberlehrerinnenegamen. Recht intereffante Streiflichter auf die Gesellschaftsschichten, die sich die besseren" dünfen, warf der Bericht über die Koloniale Frauenschule, welche der Verein in Witzenhausen bei Kassel unterhält. Der Vater dieses Unternehmens ist der Imperialismus, der kapitalistische Weltmachtskoller, der die besitzenden und ausbeutenden Klaffen in Deutschland ergriffen hat. Seine Mutter ist die mit der kapitalistischen Entwicklung steigende Schwierigkeit für bürgerliche Mädchen, rechtzeitig durch die Ehe eine„ standesgemäße" Versorgung zu erhalten. Natürlich ist das Kind reichlich mit patriotisch- idealistischem Tauswasser besprengt worden. Die Schule foll dem Zweck dienen, deutsche Frauen mit den Kenntnissen und Fähigkeiten auszurüsten, daß sie als Bahnbrecherinnen und Trägerinnen vaterländischer Kultur nach Afrika und sonstwohin ziehen fönnen, wo die Leist, Peters usw. durch Prügeln und Hängen den Boden dafür vorbereiten. Aber alles Taufwasser ist außerstande gewesen, die Züge der Elternschaft abzuwaschen. Und so mußte die Berichterstatterin, Frau von Loën- Weimar, mit Betrübnis gestehen, daß die Schule meist als bequemes Heiratsbureau betrachtet werde 304 Die Gleichheit Die Generalversammlung wendete noch der Förderung des Fortbildungsschulwesens für Mädchen ihre Aufmerksam leit zu. Nach einem Vortrag von Frl. Gadesmann- Dortmund stimmte sie Leitfäßen zu, die in der Forderung gipfeln, den Forts bildungsunterricht für junge Mädchen durch ein Reichsgesetz zu regeln, das dreijährigen Pflichtbesuch und mindestens sechs Unterrichtsstunden in der Woche festlegt. Der Unterricht sei zu gliedern: in eine faufmännische Schule für Kontor- und Ladenangestellte; in eine handwerkliche Schule für qualifizierte Berufsarbeiterinnen; in eine gewerbliche und hauswirtschaftliche Schule für gelernte Teilarbeiterinnen; in eine hauswirtschaftliche Schule für alle berusslosen Mädchen, ungelernten Arbeiterinnen und Dienstmädchen. Für die Handlungsgehilfinnen und Handwerkerinnen sollen außer dem besondere Kurse zur Vorbereitung auf die Ehe eingerichtet werden, mit Unterricht im Kochen und in der Hygiene. In dem Lehrplan sämtlicher Schulen habe an Stelle des HandarbeitsHaushaltungsunterricht zu treten. Für die Mädchen der arbeitenden Massen ist gewiß eine ein heitliche Regelung und die gründliche Reform des Fortbildungsunterrichts von großer Bedeutung, eine Reform, die sowohl ihre berufliche wie hausmütterliche und allgemeine Ausbildung fördern würde. Allein sie ist nicht wie es nach den gesprochenen und geschriebenen Meinungen bürgerlicher Damen scheinen könnte das A und O zur Hebung der Lage der erwerbstätigen Frauen und der ausgebeuteten Hand- und Kopfarbeiterschaft im allgemeinen. Ohne bedeutende Verkürzung der regelmäßigen täglichen Arbeits. zeit für die jugendlichen Arbeiterinnen bleibt auch ein guter Fort bildungsunterricht zum größten Teil fruchtlos. Die beste berufliche Ausbildung allein schützt die Lohnarbeiterin in Fabrik oder Kontor noch lange nicht vor Hungerlöhnen. Das proletarische Wohnungselend in Verbindung mit niedrigem Einkommen und Mangel an Zeit mindert auch der gut geschulten Hausmutter die Möglichkeit, ein trauliches Heim zu gestalten, nahrhaft und schmackhaft zu fochen. So stellt sich das Streben nach einem wirklich guten Fort bildungsunterricht für die Töchter des Volkes nur als ein Teil des Kampfes dar, den das Proletariat in seinen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen gegen die kapitalistische Ausbeutung und ihren Staat führt. Verschiedenes. E. P. Die Beteiligung der Frauen an der bedingten Begnadi. gung. Seit etwas länger als einem Jahrzehnt wird in Deutsch land gewissen Verurteilten bedingter Strafaufschub gewährt, in der Hauptsache aber nur Jugendlichen, das heißt solchen Verurteilten, die zur Zeit der strafbaren Handlung, wegen der sie von dem Straf richter verurteilt wurden, noch nicht 18 Jahre alt waren. Die vorläufige Ausfegung der Strafvollstreckung wird gewöhnlich weiter davon abhängig gemacht, daß der Verurteilte noch keine Strafe verbüßt hat. Die Einführung des bedingten Strafaufschubs, der mit Rücksicht auf seinen Zwed auch häufig als bedingte Begnadigung bezeichnet wird, entspringt zwei Erwägungen. Nämlich der Erkenntnis, daß strafbare Handlungen vielfach ein Ausfluß wirts schaftlicher und sozialer Verhältnisse sind, und der Erfahrung, daß der Aufenthalt in Gefängnissen und Zuchthäusern nicht geeignet ist, antisoziale Eigenschaften zu korrigieren, sondern sie zu steigern, und zwar so stark zu steigern, daß mit ziemlicher Sicherheit vorher gesagt werden fann: wer einmal auf längere Zeit in Strafanstalten interniert war, ist unfähig, sich außerhalb der Strafanstalt zu be haupten. Durch den bedingten Strafaufschub soll besonders Jugendlichen die Berührung mit dem Gefängnis erspart werden. Es wird ihnen nach der Verurteilung eine Frist gesetzt, nach deren Ablauf sie endgültig begnadigt werden, wenn ihre Führung gut war. Insgesamt ist seit 1895, dem Jahre der Einführung, der bedingte Strafaufschub 165 680 Personen gewährt worden; davon entfallen auf das Jahr 1908 allein 28 004. Die Bewilligungen der bedingten Begnadigung haben sich in den letzten Jahren anhaltend vermehrt. Von der erheblichen Zunahme des Jahres 1908 entfällt der weitaus größte Teil auf Bayern und Württemberg, wo im Jahre 1907 neue Verordnungen über die Anwendung der bedingten Begnadigung erlassen worden sind. Frauen wird die Vergünstigung des bedingten Strafaufschubsverhältnismäßig häufiger zuteil als Männern. Während nach der Kriminalstatistik von den im Jahre 1906 Verurteilten nur 15,5 Prozent weiblichen Geschlechts waren, betrug 1908 der Anteil der Frauen am bedingten Strafs aufschub 7154 auf 28 004, was einen Prozentsaz von 26 ausmacht. Der Saz ist gegen 1907 um 1 Prozent und gegen 1906 um Nr. 19 8 Prozent gestiegen. Da die Statistik teine Angaben über die Straftaten enthält, in denen der bedingte Strafaufschub vorzugss weise gewährt wird, so sind die Gründe für den größeren Anteil der Frauen an der bedingten Begnadigung nicht mit Sicherheit zu erkennen. Aus der Tatsache aber, daß die Reform nur( wenigstens in der Hauptsache) Personen unter 18 Jahren und solchen zugute kommt, die nicht schon eine Freiheitsstrafe verbüßt haben, ist doch wohl der Schluß zulässig, daß unter den verurteilten Frauen die jugendlichen und noch nicht bestraften überwiegen. Besonders hoch ist der Anteil des weiblichen Geschlechts an der bedingten Begnadigung in Sachsen mit 35 Prozent, während er in Württemberg mit 21 Prozent unter dem Durchschnitt bleibt. Die endgültige Begnadigung, die nach guter Führung während der Bewährungsfrist eintritt, erreichten verhältnismäßig ebenfalls Frauen häufiger als Männer, nämlich 87 Prozent Frauen und 81 Prozent Männer. Bei den engen Grenzen, die dem bedingten Strafaufschub und der bedingten Begnadigung durch die geltenden Grundsäze gezogen find, fann von einer tiefgehenden Wirkung dieser Maßregeln auf die Kriminalität leider nicht gesprochen werden. Heiden. " Angen auf und Taschen zu, ihr Frauen! Schafe wollen geschoren sein! Von diesem erhabenen Standpunkt gehen anscheinend die besitzenden Klassen bei Verteilung der Steuerlaften aus. Wie aus einem unerschöpflichen Füllhorn ergießt sich ein Segen neuer Steuerprojekte, denen allen eigentümlich ist, daß sie die Kasse des Reiches auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung flott machen sollen. Zu dem Schaden, den sie stiften möchten, fügen aber die Steuerräuber noch den Spott. Ist es nicht etwa die offenbarste Verhöhnung der arbeitenden und darbenden Massen, wenn die agrarische Deutsche Tageszeitung" sich erfrecht, die Zündholzsteuer folgendermaßen zu verteidigen:„ Die Zündhölzer find in Deutschland außerordentlich wohlfeil. Deswegen werden sie in nicht unbedenklicher Weise verschwendet. Es ist bekannt und braucht nicht eingehend erörtert zu werden, daß die Verschwendung, die damit getrieben wird, nicht selten schlimme Brände verursacht hat. Werden die Zündhölzchen etwas teurer, so wird man sie pfleglicher behandeln, und das würde eine wohltätige Nebenfolge der Steuer sein." Es gehört die ganze Unverfrorenheit der Agrarier dazu, die ihnen in Fleisch und Blut übergegangene Verachtung und Geringschägung der Ausgebeuteten, daß diesen die Verteuerung eines unentbehrlichen Gebrauchsartikels auf diese Weise plausibel gemacht werden soll. In der Ara des Steuerraubzugs wetteifern übrigens fast alle bürgerlichen Parteien an Zynismus mit den Leuten der Deutschen Tageszeitung". Allen voran das Zentrum. In der Reichsfinanzkommission wurde geltend gemacht, daß die Erhöhung des Kaffeezolls die Arbeiter und kleinen Leute schwer treffen würde. Ein Zentrumsmann war es, der darauf die empörende Antwort gab, daß diese ja ohnehin wenig Kaffeebohnen verbrauchen. Frauen der werktätigen Massen, merkt euch diese und ähnliche Worte! Sie sagen euch laut und deutlich, daß die bürgerlichen Parteien kein Verständns für eure Interessen, kein Gefühl für eure Leiden haben. Nur als eine steuerpflichtige Herde betrachten sie euch und die Euren. Sorgt dafür, daß die Herren und die Ordnung der Unordnung, die sie vertreten, die Abrechnung dafür erhalten, und das gründlich! ed. „ Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin betreffend be mängelten wir in Nr. 17, daß der Verlag Vorwärts es abgelehnt habe, das Büchlein herauszugeben. Die Mitteilung war uns von vertrauenswürdigster Seite geworden. Wir haben uns jedoch seither überzeugt, daß die Entscheidung unseres Berliner Parteiverlags durch bedauerliche Mißverständnisse bei den eingeleiteten Verhand lungen veranlaßt worden ist. Sie hatten zur Folge, daß ihm das Manuskript nicht erst zur Prüfung zuging, so daß ihm die Mög lichkeit fehlte, ein Urteil über den Wert der Jugendgeschichte" au gewinnen. Indem wir dies feststellen, benutzen wir die Gelegenheit zu einem neuerlichen Hinweis auf die inhaltsreiche Schrift, dem wir eine sehr erfreuliche Mitteilung hinzufügen können. Der Verlag Reinhardt, München, bei dem die Jugendgeschichte" erschienen ist, hat sich in dankenswerter Weise bereit erklärt, Gewerkschaften und Genossinnen beim Bezug einer größeren Anzahl Exemplare das Büchlein broschiert für den halben Preis zu liefern, also für nur 50 Pf. Wir hoffen, daß insbesondere unsere Leserinnen für die weiteste Verbreitung der Jugendgeschichte" unserer verdienten Genossin Popp sorgen. Die Redaktion der„ Gleichheit". Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.