Nr. 22 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 2. August 1909 Des Schnapsblodes Wert. Von J. Karski. Von der Frauenarbeit in Preußen. III. Von gh. Der Tiroler Aufstand im Jahre 1809. I. Von Dr. Wilhelm Hausenstein. Gegen das Recht der Textilarbeiterinnen. Ein Fluch den Zinsen und Zehnten. Von Ad. G. Aus der Bewegung: Von der Agitation. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Von H. Fl. Politische Rundschau. Von Genossenschaftliche Rundschau. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Kellnerinnenfrage. Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenbewegung. Des Schnapsblockes Werk. Wie war es doch? Hat nicht bei der Einleitung des nationalen Wertes" eine hohe Regierung versichert, daß bei der Aufbringung der neuen Lasten die schwachen Schultern geschont werden müssen"? Hat nicht Herr Sydow, der Unglücksmensch, dem die Aufgabe zufiel, den Raubzug gegen das Volk , wissenschaftlich" zu begründen, ebenso wie sein Herr und Meister, der damalige Reichskanzler, ein duzendmal versichert, daß die Annahme der Erbschaftssteuer eine unerläßliche Bes dingung der Finanzreform sei? Jetzt ist das Werk fertig, und die Belastung der Voltsmasse ist geradezu unerhört, während die Erbschaftssteuer sang- und klanglos verscharrt wurde unter schweigender Zustimmung der Regierung. Der Schnapsblock hat es vollbracht. Das Wort trifft ins Schwarze, denn bei der Beratung der Branntweinsteuer fanden sich die schönen Seelen. Das tam so: Die Besteuerung des Branntweins hat in Deutsche land eine derartige Form, daß für die Brennereieigentümer und das sind in erster Linie die Großgrundbesitzer ein Extra profit entsteht, die sogenannte" Liebesgabe"; diese Liebesgabe noch zu erhöhen, war das Bestreben der Parteien, in denen die Großgrundbesitzer die erste Geige spielen, der Konservativen, des Zentrums und der polnischen Fraktion. Alle nationalen und konfessionellen Gegensätze waren vergessen; die evangelischen Junker, die katholischen Pfaffen und die polnischen Schlach tschizen lagen sich in den Armen, das Interesse am Fuselschnaps hatte sie geeint. Im Galopptempo erledigten sie dann den Rest der" Finanzreform" und warfen den Volksmassen Last auf Last auf den Buckel. Betrachten wir das Werk näher. Zunächst die indirekten Steuern. Die Erhöhung der bes stehenden und die neuen Steuern sollen ergeben: Kaffee und Teezoll Biersteuer. Tabat . Branntwein • Schaumwein. Zündhölzer Glühkörper • • 37 Millionen Mart = • . 100 = 43 M 80 5 = 25 = • 20 = # Zusammen 310 Millionen Mart Die Zentrumspresse erzählt, die Steuern seien geringer als die, welche die Regierung verlangte: 310 statt 400 Millionen. Sie unterschlägt dabei, daß in dem ursprünglichen Plane der Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Regierung vorgesehen war, die Zuckersteuer zu ermäßigen und die Steuer auf Eisenbahnfahrkarten abzuschaffen, während jetzt diese Steuern bestehen bleiben. Somit bleibt also eine Belastung der Massen von 400 Millionen durch die„ Reform". Das ergibt bei einer Bevölkerung von rund 60 Millionen pro Kopf eine neue Belastung mit 6,6 Mt. Rechnet man auf die Familie im Durchschnitt 4% Personen, so macht das auf die Familie im Jahre 29,70 Mt. aus. Wer indessen annehmen wollte, daß damit die Mehrbelastung erschöpft ist, wäre sehr im Irrtum. Es ist nämlich das ganze Wirtschaftssystem und das Steuersystem in Deutschland darauf zugeschnitten, den Unternehmern die Ausbeutung der Konsumenten zu erleichtern, und auch die neue Steuermache entspricht diesem System. Nehmen wir die Biersteuer. Die im Gesez vorgesehene Erhöhung der Steuer ist so bemessen, daß der Preis eines Liters Bier um 2½ Pf. erhöht wird. Nun hat der Schnapsblock so ganz nebenbei in der dritten Lesung eine Bestimmung in das Gesetz hineingeschmuggelt, die die Konsumenten den Brauereibesitzern ausliefert. Es wurde nämlich beschlossen, daß Brauereien, die neu errichtet werden, 50 Prozent Steuer mehr zu zahlen haben als die bereits bestehenden. Seit Jahren existieren Ringe der Brauereien, die den Preis des Bieres bestimmen; diesen Ringen drohte aber stets die Gefahr neuer Konkurrenten, wenn sie den Preis gar zu hoch schrauben würden. Jetzt ist diese Gefahr beseitigt, das Entstehen neuer Brauereien ist absolut ausgeschlossen. Als das an der Börse bekannt wurde, gingen die Kurse der Brauereiaktien sprunghaft in die Höhe! Die Börse witterte erhöhten Profit. Und richtig: alsbald traten die Vertreter der Brauereien Berlins zusammen, um über die Erhöhung der Bierpreise zu beraten. In aller Ruhe dekretierten die Herren, der Preis, der bisher beim Ausschank mindestens 30 Pf. pro Liter betrug, solle auf 40 Pf. erhöht werden. Also nicht eine Verteuerung um 2, sondern um 10 Pf.! Ähnlich wie in Berlin wird es auch in anderen Städten kommen. Die Rechnung stellt sich dann so: In Deutschland werden zurzeit an 7300 Millionen Liter Bier konsumiert; eine Verteuerung um 10 Bf. ergibt also eine Mehrbelastung der Konsumenten um 730 Millionen Mark, wenn der Konsum gleich bleibt. Von dieser Summe würden 100 Millionen in den Staatssäckel fließen und 630 Millionen in die Taschen der Brauer und Wirte. Ahnlich bei den Zündhölzern. Bisher wurde allgemein für ein Paket Zündhölzer von 10 Schachteln 10 Pf. gezahlt; die Steuer soll 15 Pf. betragen; die Fabrikanten aber beschließen, daß fortan das Paket zu 35 Pf. verkauft werden soll, so daß fie davon 10 Pf. mehr einsäckeln. Sie werden den Preis auch durchsetzen, denn in ganz Deutschland bestehen 43 größere Fabriken, die natürlich ein Syndikat bilden. Für die Glüh förper gilt das gleiche. Bei Branntwein wird die Preiserhöhung noch in höherem Maße über den Steuerbetrag hinausgehen. Zieht man das in Betracht, so werden den Konsumenten nicht etwa nur 400 Millionen neuer Lasten auferlegt, die der Staat an Steuern vereinnahmt, sondern darüber hinaus rund 1000 Millionen, die die Unternehmer einftreichen. Somit wird die Laft nicht um 338 Die Gleichbeit 6.60. pro Kopf und Jahr erhöht, sondern um 23,30 Mt., was pro Ramilie 104,85 t. ausmacht. Tabei darf nicht vergessen werden, daß schon jetzt die Last der motresten Steuern riesengroß ist. Zieht man nur die Betrage in Betracht, die an indireften Steuern und Zöllen in die Heichstaffe flieken, io ergibt fich eine Belastung pro Kopf der Hendlferung von 19 Mf. pro Jabr. Aber die Lasten sind weit gronez. Die Verteuerung des Getreides durch den Zoll bes wirft, daß die Bevölkerung Teutschlands für das im Inland produzierte Getreide rund 1 Milliarde Marf mehr zahlt, als fie nach dem Weltmarftpreise zu zahlen haben würde, das macht pro Kopf eme Belastung von 16,60 Mt. Ebenso wird das Fletich durch die Zölle verteuert, mas pro Kopf eine Laft von 6.60 Wit, ausmacht. Auch bei Bier, Branntwein und Zucker tcblagen fchon jetzt die Produzenten ansehnliche Beträge mehr beraus, als der Steuer entspricht. Somit wird durch die StaatsSteuern und Zölle und die Ertraprofite, die aus den Privat monopolen entstehen, die Bevölferung nicht mit 19 Mark pro Ropf belastet, sondern mit rund 50 Wit. pro Kopf. Wenn zu dieser bisherigen Belastung weitere 23,30 Wif. tommen, so be trägt das 73,30 Wt. oder pro Familie im Durchschnitt 829.85 Wif. Mit anderen Worten: Würde es feine indirekten Steuern und Zölle geben, dann würden die Kosten des Unters baltes einer Familie um rund 330 Mt. billiger zu bestreiten fein, als fte sich nach Einrührung der neuen Steuern stellen müssen. Indeffen diese ungeheure Erhöhung der bereits bestehenden Belastung der Koniumenten ist feineswegs der einzige Schaden, der der Arbeiterklasse durch diese Steuermacherei entsteht. Die Sachverständigen sind sich darüber einig, daß der Verbrauch von Tabaffabrikaten und von Zündhölzern unbedingt zurückgeben wird, wahrscheinlich auch der Konsum von Bier und Branntwein. Dadurch werden viele Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen besonders in der Tabak- und Zündholz induftrie brotlos werden, andere Tausende werden sich mit schlechteren Löhnen und Arbeitsbedingungen begnügen müffen. Wird die Produktion eingeschränft, wobei viele Tausende von Arbeitern aufs Pflaster fliegen, so haben die Unternehmer die Wöglichkeit, die Löhne zu drücken. Und das werden sie un feblbar tun, wenn nicht die Arbeiter und Arbeiterinnen mit aller Kratt sich dem wideriezen. So steht die Arbeiterschaft in den beiden genannten Industrien vor einer unübersehbaren Ratastrophe. Werfen wir nun einen Blick auf die anderen Steuern, die der Schnapsblock eingeführt hat. Es sind das Stempelfteuern, die das mobile Rapital treffen sollen. Dabei ist eine unerhört standalöse Pfuscherei geleistet worden. Da ist vor allem die Talonsteuer. Talons sind Papierbogen, die den Aktien und Binfenpapieren beigelegt werden und aus Dividendenscheinen und Zinsschemen bestehen. Am Jahresabschluß trennt der Befizer den für dieses Jahr fälligen Schein ab und präsentiert ihn bei der Kasse, wo ihm die Dividende oder die Zinsen ausgezahlt werden. In der Regel werden die Talons auf zehn Jabre ausgestellt, enthalten also zehn Dividenden oder Zinss scheine. Diese Talons sollen besteuert werden, derart, daß für je zehn Jahre 1 Prozent von dem Kapital bezahlt werden soll, bas das zugehörige Papier repräsentiert. Lautet zum Beispiel die Attie auf 10000 Mt., so soll alle zehn Jahre bei der Ausgabe des Talons 100 Mt. Steuer gezahlt werden. Nun ist eine Steuer, die nur alle zehn Jahre erhoben wird, an sich eine Verrücktheit, denn in diesen zehn Jahren fann das Papier hundertmal seinen Besitzer wechseln, wobei die ersten Besizer vielleicht gar feinen Gewinn haben, die späteren um so mehr oder auch umgefehrt. Die zweite Tollheit ist, daß in dem Ges setze nicht gesagt ist, wer denn die Steuer zahlen soll, der, der das Papier ausstellt und darauf Geld leiht, oder der, der das Geld hergibt. Das muß zu endlosen Prozessen führen. Das beste ist aber, daß die Schnapsblockbrüder sowohl als die Regierung und der Bundesrat, die dem Gesetz zustimmten, sich gar nicht klar darüber waren, was sie eigentlich getan haben. In dem Gesetz beißt es nämlich, daß Talons, die vor dem 1. August 1909 ausgestellt waren, von der Steuer frei find. Nr. 22 Was tun nun die Aftiengesellschaften und Banken? Sie fetzen einfach die Drucker in Tátigfeit, lassen vor dem 1. August neue Talons drucken, und zwar nicht für zehn, sondern für zwanzig, dreißig und fünfzig Jahre im voraus. Auf diese Weise ents richten sie feine Steuer. Sie praftizieren eine Steuerumgehung, aber fein Gericht fann ein Urteil gegen diese Steuerhinterzieher fällen, denn sie haben nach dem Buchstaben des Gesetzes gehandelt. So find Parlament und Regierung zum Gespött der Welt geworden. Wenn man die Bestimmung über Gesetze den Iniassen einer diotenanstalt übertragen wollte, schöner als der Schnapsblock und die Regierung könnten die es kaum machen. Doch hat die Sache auch eine ernfte Seite. Die Steuern, die scheinbar das Kapital treffen sollen, werden zum Teil abermals die Massen treffen. Gesetzt, die Bestimmungen über die Talonsteuer werden angeflickt und umgearbeitet, so daß die Abgabe in Wirkung bleibt, so wird sie unter anderem auch die Hypothefenanleihen treffen. Das würde die Bautätigkeit erschweren, die stets auf Kredit angewiesen ist, und die Folge davon wäre, daß die Macht der„ Hausagrarier" über die Mieter verstärft wird, also in letzter Linie Verteuerung der Mieten. In der gleichen Richtung wirkt die Steuer auf Grund stücksübertragungen. Fragen wir nach den Gründen dieser gewaltigen Erhöhung der Steuerlast, so sind es vor allem Militarismus und Marinismus, die sie verschuldet haben. Seit 1888, seit dem Regierungsantritt Wilhelms II., find die Ausgaben für Heer und Marine ( einschließlich Pensionen) von 657 auf 1400 Millionen Mark angewachsen. Da die regelmäßigen Einnahmen nicht ausreichten, diese ungeheuren Ausgaben zu bestreiten, so wurden Schulden und immer wieder neue Schulden gemacht; seit 1888 bis 1908 ist die Reichsschuld von 721 auf 4000 Millionen Mark gestiegen, und diese Schuld erfordert zu ihrer Verzinsung eine Ausgabe von rund 150 Millionen Mark im Jahre. Wer da aber glaubt, daß die Einnahmen aus den neuen Steuern dem Schuldenmachen ein Ende bereiten, dürfte sehr bald eines anderen belehrt werden. Nach den eigenen Angaben der Regierung wird diese Mehreinnahme voraussichtlich faum ausreichen, um die schon jetzt zu erwartenden Mehrausgaben in den nächsten fünf Jahren zu decken. Aber der Moloch des Militarismus ist unerfättlich, und bald wird die Regierung abermals mit Forderungen neuer Unsummen für Rüstungen hervortreten, so daß abermals die Einnahmen zur Deckung nicht ausreichen tönnen. Wollen wir daber gegen die ungeheure Ausbeutung der Massen durch den Staat anfämpfen, so heißt es den Militärstaat und Klassenstaat selbst befämpfen. Die reaktionäre Majorität, der Schnapsblock hat einen Streich geführt, der selbst die stumpfsinnigsten Arbeiter aufrütteln muß. Die Proletarierinnen, die beim Einkauf ihres bescheidenen Lebensbedarfs die neuen Steuerlaiten alsbald zu fühlen bekommen, werden besonders hart getroffen, und dazu werden noch die Arbeiterinnen einzelner Industrien unter den Folgen des Zoll- und Steuerwuchers feufzen. Deshalb gilt es für jede Genossin, ihre Tätigfeit zu verdoppeln, um die Wahrheit über den neuen Raubzug gegen das arbeitende Volf zu verbreiten. Die Abrechnung mit den Feinden des Volkes muß kommen, und die Genossinnen müssen mit dafür sorgen, daß sie gründlich ist. J. Karsti. Von der Frauenarbeit in Preußen. III. Die Gründe für die Verdrängung der Männerarbeit durch die Frauenarbeit. gh. Die meisten Beschäftigungen, von denen die Arbeiterinnen die männlichen Arbeiter verdrängt haben, sind für Frauen und Mädchen geeignet. Aus diesem Umstand schließen mehrere Gewerbeaufsichtsbeamte, daß innere" Gründe die Betriebsleiter veranlaisen, immer mehr Arbeiterinnen einzustellen. So schreibt der Berichterstatter über die Regierungsbezirke Königsberg und Allenstein: " Nr. 22 Die Gleichheit Nach wie vor werden Frauen bevorzugt für Arbeiten, die entweder keiner besonderen Körperkraft oder keiner erheblich langen Vorbildung bedürfen oder aber viel Geduld erfordern und doch dabei mit einer gewissen Genauigkeit ausgeführt werden müssen." Ebenso weist der Berichterstatter über den Regierungsbezirk Potsdam darauf hin, daß für gewisse Verrichtungen, zu denen eine leichte Hand- und Fingerfertigkeit gehören, sich Frauen hände besser als Männerhände eignen. In dem Bericht über die Regierungsbezirke Osnabrück und Aurich heißt es:„ Verschiedene Fabrikanten sind in denjenigen Abteilungen ihrer Bes triebe zur Beschäftigung von Arbeiterinnen anstatt der früheren Männerarbeit übergegangen, in denen die Geschicklichkeit und nicht die Körperkraft in den Vordergrund tritt."„ Die Arbeiterinnen werden zu Arbeiten herangezogen, die zwar keine größere Körperkraft, aber Ausdauer und Gewissenhaftigkeit er fordern"( Kölner Bericht). Und im Posener Bericht lesen wir: Die stärkere Besetzung der Kleider- und Wäschekonfektion, der Konservenfabriken, der Zigarettenindustrie und der Zigarren. fabrikation mit Arbeiterinnen ist weniger auf den geringen Lohn zurückzuführen, der von ihnen beansprucht wird, als auf die größere Geschicklichkeit und natürliche Begabung der Frauen für die dabei in Betracht kommenden Arbeiten." " Eine gründlichere Betrachtung der Entwicklung zeigt aber überall, daß die Betriebsleiter durch den Wunsch, möglichst billige und willige Arbeitskräfte zu erlangen, zur Einstellung von möglichst viel Arbeiterinnen getrieben werden. In einer Lampenfabrik des Regierungsbezirkes Liegnig wurden die Arbeiterinnen sogar direkt als Streitbrecherinnen ver wendet. Als vor zehn Jahren in dieser Fabrit die Klempner streiften, wurden Arbeiterinnen zu Lötarbeiten herangezogen. Der Betriebsleiter sah ein, daß das profitabel ist: seither werden hier etwa 50 Arbeiterinnen an Stelle der Männer mit Lötarbeiten beschäftigt. Der Berichterstatter führt denn auch an, daß die Arbeitgeber die Frauenarbeit seit längerer Zeit des halb in möglichst weitem Umfang ausnutzen, weil die Löhne für Frauen durchweg viel niedriger als für Männer sind, und zwar auch dann, wenn die Frauen die gleiche Arbeit oder gar noch mehr leisten als die Männer. Ebenso erklärt der Bericht über den Regierungsbezirk Köslin: Die Gründe für die Verdrängung der männlichen Arbeitskräfte durch weibliche liegen in erster Linie in dem erheblichen Lohnunterschied und in den wachsenden Ansprüchen der männlichen Arbeiter." In dem nämlichen Sinne äußern sich die Berichte über die Regie rungsbezirke Kassel, Wiesbaden, Düsseldorf, Köln, Aachen. " Selbstverständlich können die Betriebsleiter die billigere Frauenarbeit nur zu solchen Arbeiten verwenden, die die Frauen gut und leicht zu verrichten imftande sind. Daher finden wir in der Regel, daß zu Beschäftigungen, für die das zutrifft, die Arbeiterinnen übergehen. Aus demselben Grunde sehen wir, daß die Betriebsleiter in einigen Fällen die Frauenarbeit wieder abgeschafft haben, nach dem sie erkannt hatten, daß die betreffende Verrichtung für Arbeiterinnen nicht geeignet ist und von weiblichen Händen" verrichtet deshalb trotz des billigen Lohnes schließlich teurer kommt, als wenn sie männliche Arbeiter dabei verwenden. Auf der anderen Seite zeigt die Erfahrung, daß Arbeiterinnen noch zu vielen Beschäftigungen brauchbar sind, die bisher den männlichen Arbeitern vorbehalten waren. Wenn daher eine bes sonders große Nachfrage nach Arbeitskräften die Betriebsleiter veranlaßte, einen Versuch mit Arbeiterinnen bei solchen Arbeiten zu machen, die bisher von Männern ausgeführt worden sind, dann hat sich oft gezeigt, daß es auch so ganz gut geht, und daß die Arbeit billiger kommt. Ein solches Beispiel findet allmählich immer mehr Nachahmung. Dabei werden sich die Betriebsleiter um so eher zu solchen Versuchen entschließen, je bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen die männlichen Arbeiter sich errungen haben, und je weiter die Arbeiterinnen in dieser Beziehung zurückgeblieben sind. Letzteres ist in manchen Gegenden in dem Maße der Fall, daß Arbeiterinnen sogar Knaben unter 16 Jahren ersetzt haben. 339 Am wichtigsten jedoch ist für die Ausdehnung der Frauenarbeit die Verwendung besserer Maschinen und neuer Arbeitsmethoden, die die Arbeit so erleichtern, daß die männlichen Arbeiter durch Arbeiterinnen ersetzt werden können. Hierfür enthalten die Berichte eine Reihe von Belegen, auf die im einzelnen wir nicht einzugehen brauchen, da sie schon öfters besprochen worden sind. Es wird genügen, wenn wir die zutreffenden Ausführungen des Berichterstatters über den Landespolizeibezirk Berlin wiedergeben. Er schreibt unter anderem: " Die Industrie ist fortgesetzt bestrebt, wo es irgend angeht, die Massenherstellung einzuführen, eine immer weitergehende Arbeitsteilung auszubilden und in möglichst großem Umfange Spezialmaschinen zu verwenden. Die Arbeitsteilung und die damit zusammenhängende weitere Durchbildung und Einführung von Spezialmaschinen haben weiter zur Folge, daß in der Herstellung der Erzeugnisse eine Reihe von Zwischenstufen entsteht, die ein rein mechanisches Arbeiten ermöglichen und weder besondere Vorkenntnisse noch tieferes Nachdenken erfordern." Auf diese Weise sei ein immer weiteres Feld für die Frauenarbeit eröffnet worden. Aus dieser Sachlage ergibt sich die Mahnung für die Arbeiterinnen, aber auch für die männlichen Arbeiter, mit aller Kraft dafür tätig zu sein, daß die erwerbstätigen Proletarierinnen immer besser aufgeklärt, daß sie in immer größerer Zah! den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen zugeführt und zu zielbewußten Mitkämpferinnen in unserem gewaltigen Klassenkampf herangebildet werden. Je weiter wir damit vorwärts kommen, je bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen auch die Arbeiterinnen erringen, desto mehr Segen haben sowohl diese selbst von ihrer Arbeit als auch die gesamte Arbeiterschaft. Denn dann wird es den Betriebsleitern immer häufiger umöglich, die Arbeiterinnen gegen die männlichen Arbeiter auszuspielen. Die Arbeiterinnen werden vielmehr gleichberechtigte Mitarbeiter der männlichen Proletarier und gelangen auch zu den Berufsarbeiten, für die sie sich eignen, bei denen sie am leistungsfähigsten sind. Hier ist und bleibt das Feld, auf dem sie ihre Arbeitskraft heute freilich in erster Linie dem Profitinteresse der Kapitalisten mit dem siegreichen Verlauf des Klassenkampfes immer mehr dem Kulturinteresse der Gesamtheit dienstbar machen können. Neben der aufgezeigten Aufgabe ist es unsere Pflicht, die Arbeiterinnen durch den Druck der Organisationen und den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung vor solchen Arbeiten zu bewahren, die über die Kraft der Frau hinausgehen oder ihrem Organismus besonders schädlich sind. Nach diesen Zielen gilt es mit allen Kräften zu streben. Der Tiroler Aufstand im Jahre 1809. I. Die Zeit. Die Tiroler Freiheitskämpfe von 1809 fönnen bloß ver standen werden, wenn man sie in den Rahmen ihrer Zeit stellt. Von selber drängt sich so zunächst die Notwendigkeit auf, mit überschauendem Blick die politischen Verhältnisse der napoleonischen Epoche zu betrachten, zu denen sich der Tiroler Aufstand verhält wie das Kapitel zum Buche. Als die französische Revolution den König Ludwig, den sechzehnten dieses Namens, wegen Hochverrats an der Freiheit der französischen Nation vom Leben zum Tode brachte, fanden die europäischen Souveräne die Prinzipien ihrer politischen Existenz bedroht. Der Kaiser Franz II. von Deutschland- Osterreich* und der König Friedrich Wilhelm II. von Preußen traten an die Spitze einer frömmelnden Solidarität der Reaktion eines europäischen Fürstenbundes, der sich gegen die junge fränkische Republik richtete. Formell begann Frankreich den Krieg, der sich nicht vermeiden ließ. Nach empfindlichen Niederlagen zog sich der preußische König in schmutziger Treulosigkeit gegen Österreich von der Teilnahme am Krieg zurück. Er be* Seit dem fünfzehnten Jahrhundert waren die Habsburger fast ausnahmslos deutsche Wahlkaiser. Bekanntlich war Desterreich bis 1866 mit bem heutigen Reichsdeutschland staatsrechtlich eng verknüpft. 340 Die Gleichheit nügte die Verlegenheit Osterreichs, um in Polen, das damals noch teilweise staatlich selbständig war, mit Rußland zusammen Gebietseroberungen zu machen. Im Jahre 1795 schloß Fried rich Wilhelm zu Basel sogar förmlich einen Sonderfrieden mit der Republik, die dem frömmlerisch- lüfternen Herrn zwar vers haßt, aber nicht minder fürchterlich war. Osterreich sezte den Krieg allein fort. Mit glänzendem Erfolg führte der Revo lutionsgeneral Napoleon Bonaparte den Feldzug gegen den Kaiserstaat in den Gefilden der Lombardei, die damals noch zu Österreich gehörte. Die Schlachten von Arcole und Rivoli, die Ende 1796 und Anfang 1797 geschlagen wurden, eröffneten die Reihe der Triumphe, die der geniale Feldherr über die österreichische Monarchie erfocht. In jenen Jahren stand auch Tirol gegen die Franzosen auf. Im April 1797 fämpfte die Tiroler Miliz unter dem Sturmfommandanten Philipp von Wörndle bei Spinges im Eisactal mit einer fast sagenhaften Tapferfeit gegen die Franzosen des Generals Joubert. Etwa gleichzeitig focht nicht weit von Bozen Andreas Hofer als Führer einer Passeirer Rotte mit bemerkenswertem Erfolg gegen Soldaten des französischen Generals Delmas. Aber was wollten diese lokalen Siege gegenüber den Taten der napoleonischen Armee bedeuten? Jm März 1797 fiel die Feftung Mantua, der lezte nördliche Stüßpunft der Österreicher, in die Hände Bona partes, der nun in starten Märschen die Richtung gegen Wien einschlug. Österreich beeilte sich, zum Frieden zu kommen. In Leoben kam es zu Verhandlungen; im Herbst des Jahres 1797 wurde zu Campo Formio zwischen Osterreich und der Republik der endgültige Frieden geschlossen, in dem Franz die Lom bardei und das damals österreichische Belgien an Frankreich geben mußte. Aber die Ruhe war nicht von Dauer. Als der gefürchtete Bonaparte sich nach Ägypten begab, um der werdenden eng lischen Weltherrschaft am Nil ein französisches Kolonialreich entgegenzustellen, glaubten die Monarchen Europas den Augenblick gekommen, den Krieg gegen Frankreich aufs neue zu be ginnen. Der treibende Faktor war das wirtschaftliche Interesse der Engländer, die die französische Kolonialmacht seit Jahrzehnten planvoll untergruben und den neuen Bundeskrieg gegen Frankreich mit ihrem Gold unterstüßten. Schon hatten die Verbündeten starke Erfolge gegen die Republik errungen; abermals hatte sich die Tiroler Landesverteidigung mit Glück erhoben. Da kehrte Bonaparte aus dem Often zurück. Die Schlacht bei Marengo, die am 14. Juni 1800 geschlagen wurde, gab den Sieg in die Hände Napoleons. Im Februar 1801 wurde zu Lunéville ein zweiter Frieden zwischen Franz und Frankreich geschlossen, der den Frieden von Campo Formio bestätigte. Um die Garantien des Friedens zu verstärken, mußte der Kaiser Franz Tirol in die Hände einer französischen Okkupationsarmee geben, die das Land bis zum April 1801 besetzt hielt. Tirol erhielt von Wien Belobigungen für seine Untertanentreue. Und ein drittes Mal sah sich Frankreich zum Kampf gegen den deutschen Kaiser gedrängt. Im Jahre 1805 verstand es der englische Minister Bitt aufs neue, die österreichische Regie rung und andere europäische Höfe, zumal Rußland, gegen Nas poleon zu mobilisieren. Aber mit sehr energischen Griffen packte Napoleon, der inzwischen Kaiser der Franzosen geworden war, bie süddeutschen Klein und Mittelfürsten am Genick, um sie in den Krieg gegen Österreich mitzuschleppen. Der Kurfürst von Württemberg, der Kurfürst von Bayern sahen nur eine zwie fache Möglichkeit: fie mußten entweder Napoleons Partei er greifen oder ihrer Vernichtung durch den Kaiser der Frans zosen gewärtig sein. Sie traten wenn auch ohne Ehrlich feit auf die Seite Napoleons. Der bayerische Kurfürst Max Joseph führte eine unwürdige Komödie auf, die den not gedrungenen Verrat am deutschen Kaiser bemänteln sollte. Die Schlacht von Austerlitz war ein vollkommener Sieg Napoleons. Tirol, das von den Milizen des Schüßenhauptmanns Joseph Hager und anderer Führer wader verteidigt war, wurde nun von den österreichischen Schußtruppen preisgegeben und geriet abermals in die Gewalt einer französischen Offupationsarmee. Nr.22 Aber mehr. Durch den Frieden von Breßburg vom Dezember 1805 verlor Osterreich eine Menge von Provinzen- Tirol, seit den Tagen jener Margarete Maultasch, seit 1363 mit Österreich verbunden, wird von Napoleon zu Bayern geschlagen, und der Kurfürst von Bayern wird für seine Dienste zum König erhoben. Seit diesem Gnadenakt Napoleons nennen sich die bayerischen Landesherren Könige von Gottes Gnaden. Was besaß nun Bayern an der neuen Provinz? Die Frage nötigt uns, einen furzen Rückblick auf die innere Geschichte Tirols zu werfen. Tirol hatte eine fast einzigartige politische Vergangenheit, die sich wohl bloß mit der Geschichte der wesensverwandten Schweiz vergleichen läßt. Daß die Freiheit in den Bergen wohne der Satz ist mehr als eine Redensart. Tirol hatte jederzeit eine Verfassung, die dem konstitutionellen Gedanken dem Grundsatz der Teilnahme des Volfes an der Regierung entsprach. Schon im vierzehnten Jahrhundert, eben jener Zeit, in der die Schweizer Eidgenossenschaft ihre Unabhängigkeit von den Habsburgern erkämpfte, bestand Tirol der Landesherrschaft gegenüber auf dem Grundsay landständischer Vertretung seiner Interessen. Aber nicht der landständische Gedanke überhaupt ist das Wesentliche, denn er war Gemeingut der westeuropäischen Entwicklung sondern der besondere tirolische Inhalt dieses Gedankens. Als Landstände als Gesellschaftsklassen, die auf dem Landtag vertreten waren galten nämlich in Tirol nicht bloß die Prälaten, die Ritter und die Magistrate, sondern auch die Bauern. Die Landstandschaft der Bauern, dieser Ehrentitel der Tiroler Geschichte, war aber nur darum möglich, weil bestimmte wirtschaftliche und soziale Voraussetzungen ge geben waren. Wie stand es mit den europäischen Bauern jener Zeit? Wenn man noch von einigen niederländischen und italienischen also vorwiegend geldwirtschaftlichen Bezirken absieht, waren die europäischen Bauern allenthalben leibeigen. Sie hatten keine persönliche Bewegungsfreiheit; sie hatten kein Grundeigentum; sie mußten dem Grundherrn maßlose Dienste jeder Art leisten; und von dem Boden, den er ihnen zum Nießbrauch ließ, vom Vieh und von der Fahrbabe zahlten sie ihm die drückendsten Abgaben; ihre Rechtsfähigkeit war eine Komödie, denn der Grundherr, gegen den sie flagten, war zugleich ihr Richter. Österreich begann diesen wahnsinnigen Zustand unter Joseph II. zu beseitigen, Frankreich vernichtete ihn in der Revolution; Preußen ergriff die ersten Maßnahmen zur gepriesenen und dabei so fragwürdigen, ja trügerischen Bauernbefreiung in der Beit Steins und Hardenbergs als der preußische Thron frachte und Rußland erlebte Ahnliches in der liberalen" Ara Alexanders II., also in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Anders aber außer den genannten Ländern in Tirol. Klüger als sein Vater, der österreichische Herzog Leopold, der seinen Angriff auf die Freiheit der Schweizer Bauern in der für ihn unglücklichen Schlacht von Sempach 1386 mit dem Leben büßte, verfuhr Herzog Friedrich mit den Tirolern. Im Interesse seiner eigenen Macht unterstügte er Bauern und Städter gegen einen Adel und eine feudale Geistlichkeit, die den vierten Stand den Bauer ins Joch der Leibeigenschaft zwängen wollten und das Aufblühen der Städte mit heftiger Mißgunst saben. Der Gang der Ereignisse gab dem Herzog recht. Er konnte Tirol festhalten, denn er gönnte den Bauern ihre uralten Rechte: Freiheit, Grundeigentum und Landstandschaft. Und als im Jahre 1525 der Bauernfrieg ganz Deutschland erschütterte, da blieb der Tiroler Bauer ruhig. Da es in Tirol feine Leibeigenschaft gab, hatte der Tiroler Bauer feinen Grund zur Empörung. Aber wir müssen genauer sein. Gab es in ganz Tirol feine Leibeigenschaft? Mit nichten -es gab sie in den Herrschaftsbezirken der Bischöfe von Brixen und Trient, also in Südtirol. Den frommen Herren und ihrer Gottseligkeit war es gelungen, den Bauer zu versklaven und Nr. 22 Die Gleichheit die Renten der heiligen Stühle beträchtlich zu vermehren. Was war die Folge? Als der deutsche Bauernfrieg ausbrach, da erhoben sich auch die leibeigenen Bauern in Südtirol. Und als im Jahre 1809 das ganze Land in Unruhe geriet, da gab es in Südtirol ein Proletariat ärmster Art, das den Ereignissen teils mit Indolenz und Stumpfsinn zusah, teils aber gewissenloien Demagogen zum Opfer fiel, sich an Raub und Totschlag hielt und diese nur allzubegreiflichen Exzesse traurig büßen mußte! Das Recht der Landstandschaft gab nun den Bauern die Befugnis, das parlamentarische Grundrecht zu gebrauchen, das von je dem Verfassungsfreund als Pfeiler des Konftitutionalis mus gegolten hat: die Befugnis, das Steuerbewilligungsrecht zu benügen. Alle tirolischen Steuern waren Res sultat der Verständigung zwischen den Landesherren und den Landständen. Ties Verhältnis blieb, als in Europa das landständische Budgetrecht vom Absolutismus faft überall erdrosselt wurde. Das Eigentum des Tiroler Bauern wurde auch nicht nach bureaukratischer Abschätzung ins Katafter em getragen; vielmehr hatte der Tiroler Bauer das Recht zur Selbsteinschätzung. Und dies Recht wurde dadurch noch wertvoller, daß der Bauer die Bonität die Ertragsfähigkeitseines Bodens aufs genaueste in Anschlag bringen durfte. Anders wärts wurden die Bodenflafsen mechanisch durcheinander geworfen. Das Recht der Landstandschaft gab dem Bauer sogar die Befugnis, verhältnismäßig an der Verwaltung der Steuern teilzunehmen; er besaß also in gewissem Umiang das Recht der Kontrolle über die Verwendung. 341 stattlicher Reichtümer. Die Landwirtschaft selber war wesentlich bäuerliche Viehhaltung, wesentlich Almenwirtschaft; zwei Drittel des Getreidebedarfs deckte Tirol m Ausland, zumal m Bayern. In diese politische und wirtschaftliche Kultur, die un. zweifelhaft demokratische Büge trug, deren Ursprung we in der Schweiz zum Teil bis in die Zeit der alten Martgenossenschaft zurückreichte, wirfte eine geistig- fittliche Macht binein: die Macht der Kirche. Man darf anges fichts ihrer nicht einfach von Pfaffenherrschaft reden. Die Tiroler Weltpriester und Kloiterleute waren aus dem Stamm des tirolischen Volkstums heraufgewachsen und zählten sich zum Volfe. Wir reden hier nicht von der hohen Geistlichkeit, sondern von der niederen, die tagaus tagein die Sorgen des Bauern teilte. Von dieser Geistlichkeit empfing der Tiroler alle ideale Belehrung. Er empfing sie um so lieber, weil er wußte, daß sein Volfstum diese Geistlichkeit aus sich selbst herausgesezt hatte, um in allen hohen Dingen unterwiesen zu werden. Der sittlich- geistige Unterricht war freilich begrenzt und höchst einfach. Sehr fein verglich Hugo Schulz in einem vortrefflichen Aufsatz der Wiener Arbeiterzeitung"( Nr. 136 und 137) den tirolischen Barrer mit dem indianischen Medizinmann, der alles tann. So war das Verhältnis des Bauern zum Btarrer nicht lediglich eine moralische Gemeinschaft; es wurzelte auch in ganz konkreten Bedürfnissen des Alltags. Nun obliegt es uns, zu sehen, wie Bayern sich mit diesem Erbe auseinandersetzt, zu sehen, wie es den Aufstand von 1809 durch eine unfluge Politif heraufbefchwor zu sehen, wie die Erhebung mit den großen geschichtlichen Bewegungen zu fammenhing, auf die wir bingewiesen haben. Denn alle Ge fchichte vollzieht sich über dem Willen und über dem Vermögen des einzelnen. Die alté Tiroler Freiheit war weniger das Werf bewußter Einzelwillen, als das Werf der Umstände, auf die sich der Wille der Individuen ausrichtete. Und so war auch die Knechtung Tirols durch Bayern zuletzt nicht das Werf der Bosheit und des Umstandes einer Regierung, sondern das Werf zwingender Verhältnisse, die der bayerischen Regierung die Richtung gaben. Dr. Wilhelm Hausenstein. Und weiter besaß Tirol das verfassungsmäßige Grundrecht der Selbstverteidigung. Die Landesverteidiger durften nicht außer Landes ausgebildet und nicht zu landesfremden Zwecken über die Grenze geführt werden. Im Fall der Gefahr bestimmte der Landtag pflichtgemäß die Größe des Aufgebots. Tiroler Schüßen und Stürmer, denen jeder Kasernendrill, jede findische Paradeprozerei fremd war, zogen auf den Ruf des Landtags von den Bergen zu Tal, die Heimat zu schützen. Die Landesherrschaft besaß nie das Recht, dem Land reguläres Militär auszudrängen. Wir sehen hier die nämliche Bestimmung, die vor Karl V. und Philipp II. einen Pfeiler der niederländischen Freiheit bedeutete. Um soviel mehr aber mußte der Tiroler Bauer im Krieg bes Gegen das Recht der Textilarbeiterinnen. deuten, als das Gelände der Heimat zur Entfaltung von Mitters heeren faum Gelegenheit bot. Was sollte eine feudale Kavallerie in Tirol? Und der Städter war für den Kriegsdienst in den Alpen weit weniger tauglich als der Bauer. So war der Tiroler Zuzug" in der Houptsache immer ein fräftiges Bauernheer, das sich faft von selbst disziplinierte, unglaublich ficher schoß und wütend dreinschlug. Wo das Ritterheer fehlt, da fehlt auch die Ents wicklung des Feudalismus. Wie dem Ritterheer, so setzte die natürliche Bodenbeschaffenheit Tirols auch dem Feudalismus dem adeligen Grosgrundbesig- technische Schwierig feiten entgegen. Wir fehren im Kreis zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung über Tirols innere Geschichte zurück. Was meinten wir mit unserer Behauptung, daß in den Bergen Freiheit sei? Meinten wir etwa nur eine übermächtige Gemütsstimmung oder meinten wir noch etwas anderes? Wir meinten im Grunde die technischen Schwierigkeiten, die sich der Entwicklung feudaler Wirtschaftsweise, der Entwicklung eines feudalen Militarismus in der strengen, armen, mühseligen Gebirgsnatur entgegentürmten. Die Armut der Erde zwang den Tiroler früh, auch anders. geartete Quellen des Einkommens zu suchen. Was die Oberfläche des Bodens versagte, das ersetzte in älteren Jahrhunderten mehr wie heute der Reichtum der Bergwerfe, die Salz, Kupfer, Eisen und Silber gaben. Die gewerbliche Produktion erreichte in den Städten frühzeitig eine hohe Blüte, von der im Zeitalter Napoleons allerdings nicht mehr sonderlich viel zu sehen war. Unter den nicht landwirtschaftlichen Erwerbszweigen war dazumal der Handel der bedeu tendste. Ein lebhafter Durchgangsverkehr zwischen Italien und Oberdeutschland war in den Tiroler Städten der Ursprung Die jugendlichen Arbeiterinnen bedürfen im höchsten Maße des geiezlichen Schutzes wider die fapitalistische Ausbeutung ihrer Arbeitsfratt. Ihrem noch unfertigen, halbfindlichen Ors ganismus sollte der Schatz an Gesundheit erhalten bleiben, ja vermehrt werden, dessen sie im späteren Leben für ihr Fortkommen, für ihre Aufgaben in Familie und Gesellschaft so dringend nötig haben. Ihre Leistungsfähigkeit ist meist ihr einziger Besitz, und je vorzeitiger sie geringer wird oder auch ganz versagt, um so früher und härter flopft das graue Elend an ihre Türe. Dazu tommt, daß die Anforderungen wachsen, welche die Berufsarbeit, welche das soziale Leben von allen Seiten her an sie stellt, Anforderungen, denen die Proletarierinnen nur gerecht werden fönnen, wenn ihnen Zeit, Frische, Gelegen heit zum Lernen, zur Vervollständigung ihrer Bildung bleibt. Tie gleiche Voraussegung gilt für das, was sie als Mütter bedeuten und leisten sollen. Immer größer wird die Zahl der Proletarierinnen, die auch nach der Verheiratung noch ein Stück Brot verdienen müssen. So tragen sie eine doppelte Arbeitsbürde: auf die häuslichen Pflichten werden die Anstren gungen und Plagen der Erwerbstron gehäuft. Je mehr das Leben dann von ihnen verlangt, um so wichtiger ist es für sie, daß sie möglichst mit ungebrochener Kraft in die Ehe treten. Die jugendlichen Proletarierinnen, deren Leib und Seele in der fapitalisti chen Profitmühle zerstampft wird, können nicht kräftigen Kindern das Leben schenten, vermögen aber auch schwer oder gar nicht in der richtigen Weise Kinder zu pflegen und zu erziehen. Die Gesundheit des Körpers ist die sichere Grundlage für die Frische und Energie des Geistes und Chas rafters, für geistige und sittliche Eigen aften, die von der größten Wichtigkeit für die Erziehenden sind. Außerdem for 342 Die Gleichheit Nr. 22 dert die Vorbereitung auf die vielseitigen Pflichten der Mutter- schaft Zeit und abermals Zeit. Mag man die Lebensaufgaben, welche die jugendliche Prole- tarierin dereinst erwarten, vom Standpunkt der Arbeiterin, der Hausfrau, der Mutter, der Staatsbürgerin anschauen, stets schiebt sich eine Tatsache in den Vordergrund: indem die kapitalistische Ausbeutung danach trachtet, aus jedem Fünkchen Kraft, aus jeder Minute Zeit der jugendlichen Arbeiterin Gold heraus- zupressen, vennchtet sie die leiblichen und geistigen Kräfte, deren diese für das Leben bedürfte. So angesehen, ist es ein Wahn- sinn, gepaart mit einem Verbrechen, daß das Gesetz die jugend- liche Arbeiterin über 16 Jahre als eine Erwachsene betrachtet und sie mit der gleich langen Arbeitszeit wie diese der gleichen Auswucherung und Zerstörung ihrer Kräfte überliefert. Auch halbwegs einsichtige bürgerliche Sozialreformer treten daher dafür ein, daß die regelmäßige tägliche Arbeitszeit der jugend- lichen Arbeiterinnen bis 18 Jahre gekürzt werde. Die Not- wendigkeit dieser Reform wird noch gestützt und gestärkt durch die Notwendigkeit eines anderen Fortschritts. Der Fortbildungs- schulunterricht muß für die jungen Proletarierinnen obligatorisch gemacht werden, soll er aber seine volle Frucht tragen, so darf er nicht in die Stunden nach der Erwerbsarbeit fallen. Die Sozialpolitik des Deutschen Reiches ist himmelweit von der bescheidenen Einsicht entfernt, daß halbwüchsige Mädchen von 16 bis 18 Jahren nicht wie Erwachsene ausgebeutet werden dürften. Immerhin mußte sie sich zu einem Viertelreförmchen bequemen. Der Entwurf der Regierung zur Gewerbeordnungs- Novelle sah die Ausdehnung des Fortbildungsschulunterrichts auf die jugendlichen Arbeiterinnen vor. Darob helle Entrüstung bei dem Unternehmerklüngel, der wie kaum ein anderer seinem Gold- Hunger jugendliche Arbeitskräfte dienstbar macht: dem der Textil- industriellen. Die Organisationen der Herren in Süddeutschland haben sofort den tadellos funktionierenden Mechanismus ihres großen sozialen Einflusses aus die Regierungen in Bewegung gesetzt. Sie wollen den jungen Proletarierinnen die armseligen Brosamen Wissen entreißen, die ihnen der Fortbildungsunterricht reichen könnte. Die Protzen fürchten wissende, denkende Arbeite- rinnen, sie brauchen Mehrwert schaffende„Hände�, und je billiger und gefügiger die sind, um so besser. Keine Ausdehnung des Fortbildungsschulunterrichts auf die jugendlichen Arbeite- rinnen, ist deshalb ihre Losung. Sollte aber dieser Drache nicht zu erlegen sein, so müssen ihm wenigstens die Gistzähne aus- gebrochen werden. Nach dem Willen der süddeutschen Textil- industriellen haben die Landesregierungen mindestens dafür zu sorgen, daß etwa unvermeidliche Schulpflichtstunden für die jugendlichen Arbeiterinnen nicht in die„ortsübliche Arbeitszeit" fallen dürfen. Und die Regierungen von Bayern, Württemberg und Baden haben wundersam feines Verständnis für die Winke der Schlotritter bewiesen. Das geht sonnenklar aus den nach- stehenden Schriftstücken hervor, die ein guter Wind unserem Bruderblatt, der„Münchener Post", zugetragen hat: I. Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber. Augsburg, den 6. Juli 1909. An die dem bayerischen Kartell angeschlossenen Verbände! Gemäß§ 2 Abs. 1 des Schutzvertrages bayerischer Arbeitgeberverbände übersenden wir Ihnen in der Anlage ein Rundschreiben unseres Verbandes betreffend Erweiterung der Fortbildungsschul- Pflicht samt 2 Beilagen. Hochachtungsvollst Für das Kartell Bayerischer Arbeitgeberverbände: Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber. Dr. Büttner. II. Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber. Augsburg, den 6. Juli 1909. Betreff: Ausdehnung der Fortbildungsschulpflicht auf weib- liche Arbeiter in der Gewerbeordnungsnovelle. L Beilagen. An die Mitglieder des Verbandes! In der Generalversammlung vom 16. März 1909 hat der Ver- band gemeinsam mit dem Verein Süddeutscher Baumwollindustrieller beschlossen, eine umfassende Aktion gegen die Erweiterung der Fort- bildungsschulpflicht auf weibliche Arbeiter bis zu 16 Jahren, wie sie in der dem Reichstag vorliegenden Gewerbeordnungsnovelle vorgesehen ist, einzuleiten. Aus der anliegenden„Darstellung" belieben Sie zu entnehmen, welche Schritte von der Verbandsleitung aus nach dieser Richtung unternommen worden sind und welche vorläufigen Ergebnisse diese Schritte gehabt haben. Hochachtungsvollst Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber. Der Geschäftsführer: Dr. Büttner. Vertraulich! Darstellung der Schritte, welche vom Verein Süddeutscher Baumwollindustrieller in Gemeinschaft mit dem Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber gegen die im Entwurf einer Gewerbeordnungsnovelle vorgesehene Ausdehnung der Fortbildungsschulpflicht unternommen worden sind. Am b. März 1909 wandte sich der Verein Süddeutscher Baum- wollindustrieller mit einer entsprechend begründeten Eingabe 1. an das Königliche bayerische Staatsministerium des könig- lichen Hauses und des Äußern, 2. an die Königliche württembergische Zentralstelle für Gewerbe und Handel und schilderte die Schädigungen, welche von einer Ausdehnung der Fortbildungsschulpflicht auf weibliche Arbeiter bis zu 18 Jahren für die Textilindustrie mit Sicherheit zu erwarten wären. Hieran wurde die Erklärung geknüpft, daß die vom Verein Süddeutscher Baumwollindustrieller repräsentierte Textilindustrie Bayerns, Würt- tembergs und Badens in ihrer Gesamtheit der Ansicht ist, daß die Forlbildungsschulpflicht für Arbeiterinnen nicht weiter als auf das 16. Lebensjahr erstreckt werden soll, und daß es zur Abwendung der für die Textilindustrie zu besorgenden Schädigungen jedenfalls erforderlich ist, den§ 120 Abs. 3 RGO. in seiner neuen Fassung durch eine Bestimmung zu ergänzen, wonach die Fortbildungs- schule für Arbeiterinnen nicht in die ortsübliche Arbeitszeit gelegt werden darf. Gleichzeitig ersuchte der Verein um Gewährung einer Audienz an eine gemeinschaftliche Abordnung des Vereins Süddeutscher Baumwollindustrieller und des Verbandes Süddeutscher Textil- arbeitgeber. Diese Audienz hat bei der Königlichen württembergischen Zentral- stelle am 16. März 1909 stattgefunden und wurde die Abordnung der genannten Vereinigungen durch den Herrn Präsidenten der Zentralstelle v. Mosthas empfangen. Unsere Vereinigungen waren vertreten durch die Herren Kommerzienrat H. Semlinger-Bamberg, Direktor Th. Wiedemann-Augsburg. Kommerzienrat A. Melchior-Nürtingen, Mitglied der Ersten Kammer des Königsreichs Württemberg, Kommerzienrat I. Eisenlohr-Reutttngen. In der Unterredung verwies Herr Präsident Mosthas darauf, daß das gewerbliche Fortbildungsschulwesen in Württemberg durch ein besonderes Landesgesetz geordnet sei(Württembergisches Gesetz betreffend die Gewerbe- und Handelsschulen vom 22. Juli 1906). Die Hauptbestimmung dieses Gesetzes sei, daß in jeder Gemeinde, in welcher mindestens 40 schulpflichtige männliche Arbeiter vor- handen sind, gewerbliche Fortbildungsschulen einzurichten seien. Nach Art. S des Gesetzes könnten auch für die weiblichen in gewerblichen Betrieben beschäftigten Arbeiter eigene Fortbildung?- schulen errichtet werden. Die Fortbildungsschulen in Württemberg werden aber nur für die Arbeiter und Arbeiterinnen solcher Ge« werbe eingerichtet, für welche ein Bedürfnis bestehe und für di« die Verwirklichung dieses Bedürfnisses ohne unverhältnismäßig« Schwierigkeiten möglich sei. In dieser Beziehung habe man jeder- zeit den Standpunkt eingenommen, daß bezüglich der ungelernten Fabrikarbeiter, insbesondere hinsichtlich des in den Spinnereien und Webereien beschäftigten weiblichen Personals, die Gründe gegen die Heranziehung zur gewerblichen Fortbildungsschule die Gründe für ihre Heranziehung überwiegen. Er könne in Aussicht stellen, daß es bei dieser Praxis bleibe, so daß also die württembergischen Textilbetriebe von der Vollmacht an die Gemeinden, wie sie in 8 120 Abs. 3 RGO. vorgesehen sei, nichts zu besorgen hätten. Eine Erklärung, daß die württembergische Regierung etwa be- reit sei, gegen die fragliche Bestimmung im Bundesrat sich zu er- klären, hat Herr v. Mosthas jedoch nicht abgegeben. Das Verlangen, in Z 120 Abs. 8 RGO. eine Vorschrift auf. zunehmen, daß die Fortbildungsschulstunden nicht in die Arbeits- Nr. 22 Die Gleichheit 343 zeit gelegt werden dürfen, erklärte Herr v. Mosthaf nicht für an- gängig, weil die Bestimmung über die Zeit des Unterrichts aus- schließlich Sache der Landesregierungen sei und das Reich in dieser Frage, welches das reine Gebiet der Schule berühre, gar nicht zu- ständig sei. Wir halten diese Auffassungen für falsch, denn in Z 120 NGO. gewährt das Reich den Gemeinden das Recht zur Statuierung eines Fortbildungsschulzwanges. Das Reich hat daher selbstredend auch das Recht, Bedingungen über die Ausübung dieser Befugnis zu normieren. Der gleichen Meinung ist bekanntlich auch der Zentralverband deutscher Industrieller. Am 27. April gewährte der bayerische Ministerpräsident und Staatsminister des königlichen Hauses und des Äußern, Freiherr v. Podewils-Dürniz, einer aus den Herren Kommerzienrat H. Semlinger-Bambcrg, Kommerzienrat Klemens Martini-Augsburg, Syndikus Dr. Büttner-Augsburg bestandenen Abordnung eine Unterredung. In derselben erklärte Herr Staatsminister v. PodewilS, daß die Fassung des Z 120 Abs. 3 RGO., welche die Ausdehnung der Fortbildungsschulpflicht aus die weiblichen Arbeiter bringt, von den verbündeten Regierungen selbst vorgeschlagen worden sei und daß die bayerische Staats- regierung im Bundesrat dieser Bestimmung seinerzeit zugestimmt habe(gegen ein schon vor zwei Jahren erstattetes Gutachten des Vereins süddeutscher Baumwollindustrieller!). ES sei für die baye- rische Staatsregierung nicht möglich, jetzt gegen ihr früheres eigenes Votum zu stimmen, und könne er keine Aussicht geben, daß die Anträge des Vereins auf Beschränkung der Fortbildungsschulpflicht auf 16 Jahre und auf die Aufnahme einer Vorschrift, daß die Fortbildungsschulstunden nicht in die örtliche Arbeitszeit gelegt werden dürfen, von der bayerischen Regierung vertreten würden. Dagegen verwies der Herr Staatsminister auf§ 142 der RGO., wonach der Erlassung eines gemeindlichen Statuts über die Fort- bildungsschulpflicht die Anhörung der beteiligten Gewerbetreibenden und Arbeiter vorangehen müsse und wonach ein solches Statut der Genehmigung der höheren Verwaltungsbehörde bedürfe. Er könne zusagen, daß die Beschlüsse der Gemeinden sorgfältig unter dem Gesichtspunkt geprüft werden würden, ob die Fortbildungsschule in ihrer Ausdehnung auf die weiblichen Arbeiter bis zu 18 Jahren nicht die Interessen der Industrie allzu schwer beeinflusse. Sei »ine solche Gefahr gegeben, dann würden die Kreisregierungen, die entsprechend angewiesen werden würden, die Erlassung eines Statuts nicht genehmigen. Sache der Industrie sei es allerdings, auch selbst noch möglichst Einfluß aus die Gemeinden zu üben, daß diese nicht ungeeignete Zeiten für die Fortbildungsschulen wählen. Zusammenfassend kann für Bayern und Württemberg gehofft werden, daß man zwar nicht im Wege des Gesetzes, wohl aber im Vollzuge desselben dafür zu sorgen bereit sei, daß die Gemeinden von den erweiterten Befugnissen, welche ihnen Z 120 Abs. 3 RGO. geben wird, keinen oder nur mäßigen Gebrauch machen. Nach diesen Audienzen hat der Verein Süddeutscher Baum- wollindustrieller und der Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber, um das mündliche Vorbringen wiederholt kräftig zu unterstreichen, am 3. Mai 1909 an die Regierung von Bayern, Württemberg und Baden eine erneute Eingabe gerichtet, in welcher sie ausführten, daß sie das Entgegenkommen, welches sie bei den Unterredungen gesunden hätten, zwar zu schätzen wüßten, daß aber die Bedenken der Textilindustrie damit noch nicht zerstreut seien. Bestehe durch Annahme des Z 120 Abs. 3 RGO. einmal die rechtliche Möglich- keit für die Gemeinden, die Fortbildungsschulpflicht auf die Ar- beiterinnen bis zu 13 Jahren auszudehnen, so werde man auch bald, wenn auch vielleicht nicht sofort, hiervon Gebrauch machen. Dafür sorge schon die von bekannter Seite kommende Agitation. Wie sehr die Industrie aber durch die Ausdehnung der Fortbil- dungsschulpflicht in der Möglichkeit der Ausnützung ihrer Be- triebsanlagen beschränkt werde, zeigt folgende Zusammenstellung: Zurzeit werden beschäftigt in w etblich« Arbeiter bis zu 18 Jahren. 75 Textilbetrieben in Bayern bei einer Gesamt- arbeiterzahl von 44 398........ 6243 50 Textilbetrieben in Württemberg bei einer Ge- samtarbeiterschaft von 21220....... 3202 37 Textilbetrieben in Baden bei einer Gesamt- arbeiterzahl von 14393........ 1742 Also in 162 süddeutschen Textilbetrieben bei einer Gesamtarbeiterzahl von 80011...... 10187 Dazu komme noch, daß in der Gesamtzahl von 80011 Ar- beitern auch noch 5763 männliche jugendlich» Arbeiter bis zu 13 Jahren enthalten seien, so daß der Anteil der Arbeiter unter 18 Jahren ohne Unterschied des Geschlechts 15950, also ein Fünftel der Gesamtbelegschaft betrage. Wir empfahlen wiederholt dringend den süddeutschen Regie- rungen, dafür im Bundesrat einzutreten, daß§ 120 Abs. 2 NGO. einen Zusatz erhalte, wonach die Gemeinden nicht berechtigt sein sollen, die Fortbildungsschulstunden, wenigstens für die weiblichen Arbeiter, in die örtliche Arbeitszeit zu legen. Daraufhin fand noch am 11. Juni 1909 eine Audienz bei dem badischen Staatsminister des Innern, v. Bodmann, statt, bei welcher unser Verein durch die Herren A. Köchlin-Steinen, ten Brink-Arlen vertreten war. Auch diese Unterredung verlief ohne positive Zu- sage eines Einspruchs im Bundesrat gegen die fragliche Gewerbe- ordnungsvorschrift. Herr v. Bodmann erklärte jedoch entgegen- kommend, er wolle die Wünsche der Textilindustrie nach Möglich- keit beim Vollzuge berücksichtigen, im übrigen sollte die Industrie durch ihre Abgeordneten im Reichstag mehr auf die Gesetzgebung einzuwirken suchen. Das Großherzogliche badische Staatsministerium des Innern hat unsere Eingaben durch die abschriftlich anliegende Entschlie- hung vom 21. Mai 1909 in— wie man wird anerkennen müssen— wohlwollender Weise vorbeschieden. Wenn unsere Vereinigungen in der Sache nicht das von der Industrie dringend gewünschte Ergebnis erreicht haben, so ist wahrlich nicht daran schuld, daß in der Angelegenheit irgendwelche Bemühungen unterlassen worden wären. Wie die vorstehenden Ausführungen zeigen, haben schriftliche und mündliche Vorstellungen aller Art stattgefunden. Der wunde Punkt liegt nach wie vor darin, daß die Industrie im Reichstag, der nach unserem Wahlrecht unter dem ausschließ- lichen Einfluß der Massen steht, nicht die ihr nach ihrer Bedeu- tung für das wirtschaftliche Ganze gebührende Vertretung besitzt. Verein Südd. Baumwollindustrieller. Verband Südd. Textilarbeitgeber. IV. Abschrift. Großh. badischeS Karlsruhe, den 21. Mai 1909. Ministerium des Innern. Gewerbeordnungsnovelle. Nr. 22571.• hier. Auf die Eingabe vom 3. ds., Ausdehnung der Fortbildungsschul- Pflicht auf weibliche Arbeiter bis zu 13 Jahren betreffend. Die Möglichkeit, durch statutarische Bestimmungen auch weib- liche gewerbliche Arbeiter zum Besuche einer Gewerbeschule oder gewerblichen Fortbildungsschule bis zum vollendeten 18. Lebens- jähre zu verpflichten, besteht in Baden schon auf Grund deZ Landesgesetzes vom 13. August 1904, den gewerblichen und kauf- männischen Fortbildungsunterricht betreffend. Von dieser Bestim- mung wurde bis jetzt jedoch noch nirgends zu dem Zwecke Ge- brauch gemacht, in Textilbetrieben beschäftigte Arbeiterinnen unter 18 Jahren zum Besuch der Gewerbeschulen oder gewerblichen Fortbildungsschulen heranzuziehen. Auch künstig dürfte hierin eine Änderung wohl nicht eintreten, da aus dem Besuch der gewerb- lichen Schulen für diese Art von Arbeiterinnen nennenswerte be- 'rufliche Vorteile nicht erwachsen werden. Für die Textilarbeite- rinnen kommt im Großherzogtum Baden zurzeit tatsächlich nur der Besuch der allgemeinen Fortbildungsschule in Betracht. Nach den für letztere getroffenen Vorschriften sind Mädchen ein Jahr nach Zurücklegung des schulpflichtigen Alters zum Besuch der Fort- bildungsschule verpflichtet. Der Gemeinderat bestimmt die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden, welche sich mindestens auf zwei, und falls der Unterricht auf das Winterhalbjahr beschränkt ist, mindestens auf drei belaufen muß. Der allgemeine Forlbil- dungsunterricht wird in vielen Gemeinden in Form von Haus- Haltungsunterricht erteilt. Die Unterrichtszeit wird von der ört- lichen Schulaufsichtsbehörde bestimmt, wobei jedoch die Abend- stunden in der Regel für den Unterricht nicht verwendet werden sollen. gez. Bodmann. An den Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber in Augsburg. Die Dokumente sind nach mehrfacher Richtung hin lehr- reich. Zunächst erweisen sie die Hinfälligkeit der lieblichen, manch einem so teuren Legende, daß die Bourgeoisie bildungs- freundlich und daher auch Förderin der kulturellen Entwick- lung der Massen sei. Das Interesse der ausbeutenden Klassen an der Volksbildung reicht genau so weit wie ihr Geldsacks- 344 Die Gleichheit interesse daran. Es macht dort Halt, wo die Volksbildung aus einem Werfzeug zur Mehrung des fapitalistischen Profits zu einem Wittel wird, die Ausgebeuteten im Kampfe gegen ihre Ausplünderung zu stärken. Des weiteren zeigen die Schrifts stücke mit wünschenswertester Handgreiflichkeit, daß die Regierungen nichts wie Ausschüsse, Bediente der herrschenden Klassen find. Die schwachen Anwandlungen zu sozialpolitischer Eins sicht, die sie gelegentlich befunden müssen, und die von anspruchsund harmlosen Gemütern so hoch eingeschätzt werden, fnicken vor jedem ungnädigen Stirnrunzeln des Unternehmertums zu sammen. Was sie an Sozialreförmchen befürworten und schaffen helfen, das machen sie, ihrem eigenen Eingeständnis zufolge, auf dem Verwaltungswege zunichte, sobald das Kapital es will. Ein größeres Maß von Feigheit und Heuchelei den Massen gegenüber ist kaum denfbar. Noch hat die verbesserte Jaffung der Gewerbeordnungsnovelle, den Fortbildungsschulunterricht betreffend, nicht Gesetzestraft erlangt. Durch die Vertagung des Parlaments ist aber der Entwurf der Regierung zu ihr selbst hinfällig geworden. Um so größer die Gefahr, daß der Sturmlauf der Textilmagnaten sein Ziel erreicht. An den Textilarbeiterinnen, an den Proletarierinnen ist es in erster Linie, das ausbeutungswütige Trachten der Herren abzuwehren. Die vorstehenden Dokumente find treffliche Waffen in ihrem Kampfe für Schuß und Bildung der jungen Arbeiterinnen. Ein Fluch den Zinsen und Zehnten! ( Beitrag eines deutschen Zentrumsabgeordneten zur Bekämpfung der Zentrumszöllneret.) " Ein unerhörtes weiteres Anziehen der Zoll- und Steuerschraube wird die arbeitenden Waffen zwingen, den Schmacht riemen immer fester zu schnallen. Und die Hungerfur, die ihnen in sicherer Aussicht steht, ist ganz wesentlich mit das Werf des Zentrums. Als fich die Junker und Junfergenossen zum neuen Raubzug gegen die Armen und Kleinen im Reiche rüsteten, war es diese Partei, die den Krippenreitern in den Sattel half. In den Tagen, wo sich solches ereignete, ist ein Gedichtbuch besonderer Beachtung wert, das vor Jahren erschienen ist, aber von lebendiger Kraft bleiben wird, solange sich in der Gesellschaft Ausbeutende und Ausgebeutete gegenüberstehen. Es heißt Dreizehnlinden" und hat zum Verfasser den verstorbenen preußischen Landtagsabgeordneten F. W. Weber, der ein echter Sohn des Volkes war. Der ehemalige Dorffnabe vergaß in seinem Gelehrtenberufe niemals die Leiden des armen Volfes und bewahrte sein anteilnehmendes warmes Herz für die Leute der Arbeit. Weber pries gegenüber den Ordensjägern als besten Orden eme Handvoll Schwielen"; er verehrte in seiner Poesie die Arbeit, die da nügt und nährt und vorwärts trägt der Menschheit Fahnen". Sein dichterisches Meisterwert,„ Dreizehnlinden", führt den Titel nach dem Namen eines Klosters im alten Sachsengau, dem heutigen Westfalenlande. Die Zeiten der poetischen Handlung find die Tage Ludwigs des Frommen, dessen Vater jener Kaiser Karl war, dem die bürgerliche Geschichtschreiberei in üblicher Weise für seine Menschenvernichtung den Titel„ Der Große" verliehen hat. Dieje Kaiser haben das gefälschte Christentum den heidnischen Sachsen mit Blut und Eisen aufgezwungen, als geschäbe es nach dem Gebote der Religion, welche die Liebe predigt. Was noch von den Befehrten am Leben blieb und Christen" genannt wurde, mußte durch Steuern und Fronden sein neues Chriftenheil verdienen. Aber in den sächsischen Wodansverehrern wuchs der Groll gegen den fränkischen Feind; die Empörung wider ihre Unterdrücker loderte immer höher empor. Es kommt zur Revolution, die von teutschen Bauernweibern geführt wird. Hören wir den Landsturm" der Frauen brausen: „ Neue Gülte, Zins und Zehnten Von der Wolle, von dem Flachse; Von dem Honig neue Behnten, Neue Zehnten von dem Wachse; Jmmer Dienst und Buß' und Brüchte, Daß der Schaz des Königs wachse: Immer Zehnten, neue Zehnten, Immer zahlen muß der Sachse!" Alio sangen Weiberscharen, Die das Tal hinauf sich trollten, Weiberrache auszuüben An dem Gelben, dem sie grollten; Eine schritt voran dem Zuge, Dürr und grau wie Eichenborte, Einen toten Haushahn trug sie Hoch auf langgestielter Forle: " Alten Frevel, neue Unbill Sühnen wir mit Weiberhänden; Königsknecht, du zahlt die Brüchte, Königstnecht, ich will dich schänden! Söhne batt' ich, dreizehn Söhne, O welch berzig macfre Jungen, Alle wie des Sollings Tannen: Alle hat der Krieg verschlungen! Dreizehn! Weiß ich, wo fie modern, Wo sie in der Knechtschaft zittern, Holz zur Herrenfüche schleppen, Mühlen drehn und Hunde füttern? Arm ich selbst; für Zins und Zehnten Ward mir Korn und Kuh gepfändet; Jammer auf und ab im Lande, Und fein Gott ist, der ihn wendet!" Wieder sang es: 3ins und Zehnten Von der Wolle, von dem Flachse; Neue Zehnten von dem Honig, Neue Zehnten von dem Wachse!" Radegund von Baddenhausen Schwang ums Haupt die Eisenspindel: " Fort die Raupen, fort die Käfer, fort das nagende Gesindel! Was die Männer, dumme Dutten, Von dem Übermut der Frechen Tatlos trugen, Hohn und Hiebe, Wir, die Weiber, wollen's rächen. Collen barfuß unsre Kinder Um die Frankenhöfe lungern, Bleiche Bettler wie wir Alten? Beffer hangen als verhungern! Frisch voran, und niemand rede Von Verboten und Gesezen: Freie Lust im Sachsenwalde. War es stets, den Fuchs zu hetzen Nr. 22 Frisch voran zum Habichtshofe! Spaßhaft ist's, den Fuchs zu prellen; Brellt ihn heut, sonst prellt er morgen Euch mit Zehnten und mit Zöllen!" Alle sangen:„ Buß' und Brüchte, Daß der Schaz des Königs wachse: Jmmer Zehnten, neue Behnten, Immer zahlen muß der Sachse!" einer noch vom alten So schildert ein Zentrumsmann die Empörung sächsischer demofratischen Schrot und Korn Frauen gegen die fränkischen Lebensmittelwucherer. Vor zwanzig Jahren schrieb unser Gesinnungsgenosse Franz Lauffötter, als er sich an dem herrlichen Werte„ Dreizehnlinden" erquickt hatte:„ Ein Zentrumsabgeordneter vom Schlage des Dichters wird sich schwerlich zu einem Mitgliede der gouvernementalen Partei der Zulunjt eignen und hergeben. Vor her müßte er wenigstens seine Gedichte in den Ofen stecken und sich Asche büßend aufs Haupt streuen." Und das Zentrum von heute, das gouvernementale, das nach der Regierungsherrschaft lüfterne Junkerbund- Zentrum? Nach dem alten Frevel" des Bolltarifs die neue Unbill" der Finanzreform! Heute würde Weber fingen: Neue Steuern, neue Gülten Bon dem Brote und Getränke; Nr. 22 Mit den Armen fein Erbarmen, Schonend reicher Junter Schränke! Immer Dienst und Buß' und Brüchte, Daß der Teufel sich erbarme, Immer Zehnten, neue Zebnten, Immer zahlen muß der Arme. Hezt den Räuber eurer Habe, Auf zur Wehr, den Fuchs zu prellen! Brellt ihn rafch, bevor er meiter Euch mit Steuern prellt und Zöllen! Aus der Bewegung. Die Gleichheit Ad. G. Von der Agitation. In Schwarzendamm und Reinfeld bei Oldesloe, Ortichaiten des neunten schleswig- Holsteinschen Reichstagswahlkreises, referierte die Unterzeichnete über:„ Die politische Lage". Die Versammlung in Schwarzendamm war von 50 Personen besucht, von denen einige einen Weg von zwei Stunden zurückgelegt hatten, um ihr beizuwohnen. An der Rein. felder Versammlung nahmen über 100 Personen teil. In zwei gut besuchten Versammlungen zu Neustadt in Holstein und Burg auf Fehmarn lautete das Thema:„ Die Finanzreform" oder ,, Wer bezahlt die neuen Steuern?" In allen Bersammlungen waren Frauen anwesend. Der Partei gehören in Neustadt schon mehrere Frauen an, während sie in Reinfeld erst ein einziges weibliches Mitglied hat und ihr in Burg auf Fehmarn die erite Genoffin nach der Versammlung beitrat. Jm legteren Orte war es etwas Neues, daß eine Frau über Politik referierte. Wlanche Männer hatten den Besuch der Verfan.nlung mit der Begründung abgelehnt, daß fie fich von einer Frau nichts erzählen lassen wollten. Aber das Versammlungslokal war besetzt, und die Anwesenden bezeugten durch Zustimmungen und beifällige Außerungen, daß sie die ungeheure Belastung des Volfes durch die neuen Steuern aufs schärffte verurteilen. Ein Teil der Besucher zog die Konsequenz davon und trat der Partei bei. Linchen Baumann. Im Agitationsbezirk Görlitz- Lauban referierte die Unterzeichnete in der Zeit vom 18. Juni bis 6. Juli in Volksversammlungen zu Penzig, Sagan, Glogau, Neufalz, Mallwig, Tiefenfurt, Alt Warthen, Naumburg, Wenig- Rackwig, LeschwigKrauschen, Lauban, Langenö13, Reichenbach, Krausewit Weißwasser, Wiefau, Martlifa und Görlig. Die behandelten Themata lauteten:„ Die Frau als Arbeiterin, Mutter, Staatss bürgerin und ihre Rechtlofigfeit" und" Die Frau im politischen Leben". Wit Ausnahme von Neusalz waren in allen Orten die Bersammlungen glänzend besucht, in manchen reichten die Säle nicht aus, die herbeigefommene Maffe aufzunehmen. Die Beteiligung der Frauen war besonders zahlreich, und überall tam lebhaftes Interesse für die behandelten Fragen zum Ausdruck. Den Versammlungen in Neusalz, Mallwig, Naumburg und Reichens bach wohnten auch Gegner bei. In Mallwig batte schon nachmittags ein Herr Strauß seine Anwesenheit angemeldet, ob er fich abends unter den Gegnern in der Versammlung befand, fonnte nicht festgestellt werden. Jedenfalls blieb die wiederholte Aufs forderung zur Wortmeldung erfolglos. Auch in der Naumburger Versammlung hüllten sich die anwesenden drei Gegner in Schweigen. Writ den Armen voll Büchern tamen fünf Reichslügenverbändler in die Versammlung zu Reichenbach. Im Laufe des Referats verdufteten sie bis auf zwei. In der Distussion dieser Versamm lung erflärte der Amtsrichter Poppe, er hätte teine Ursache, gegen bas Referat zu polemisieren. Es habe sich auf einer Bahn bewegt, die der sozialdemokratischen Rednerin alle Ehre mache. Als Jurist, nicht als Amtsrichter, wolle er nur einige fleine Fehler berichtigen, bie der Reverentin bei ihren statistischen Angaben unterlaufen wären. Die Versammlung, die anfänglich stürmisch zu verlaufen versprach, und die trop des strömenden Regens überfüllt war, endete mit einem großen Erfolg unserer Sache. Wider Erwarten war auch die Versammlung in Glogau überfüllt, die Hälfte der Anwesenden maren Frauen. Ste, wie auch eine Anzahl Wänner traten dem fozialdemokratischen Verein bei und abonnierten die Parteizeitung. Eine erfolgreiche Agitationstour wie diese entschädigt die Referentin reichlich für alle Wühe und Strapazen ihres Wirtens. Hoffentlich werden die für unsere Eache Gewonnenen zu tüchtigen Sozial demokraten erzogen. Marie Wacwig. In der Gegend von Jena und im Ländchen Reuk fanden Bersammlungen statt, in denen die Unterzeichnete über das Thema Sprach: Die Berfahrenheit der Reichsfinanzen". Die Agitation erstreckte sich auf folgende Orte: Bürgeln, Berta, Weida, Meustedt, Beulenroda, Greiz, Hermannsgrün, Pohli, 345 Dölau, Gera, Debwitsch, Triebes und Langenberg. Die Textilindustrie tft in der ganzen Gegend vorherrschend, und das Einkommen der Proletarier ist äußerst niedrig und unsicher, so daß sie besonders hart durch die Verteuerung der verschiedensten Konfumartikel getroffen werden, welche als Folge der neuen Zölle und Steuern eintritt. Die Versammlungen waren durchweg mäßig besucht, doch wurden in jeder neue Miltglieder und Abonnenten für die Presse gewonnen. Auch in Jena fand eine Versammlung statt, in der die Referentin das Thema behandelte: Liberalismus und Frauenbewegung". Dort bemühen sich die liberalen Parteien, der proletarischen Frauenbewegung entgegenzuarbeiten. Vor furzem versuchten die liberalen Damen und Herren, die Arbeiters frauen mit einer Taffe Tee zu födern. Ab und zu lassen sie einen Vortrag über die Pflichten der Frauen bei der Kindererziehung und ähnliche Fragen halten. Von dem Recht der Frau und von ibrer Erweckung zum Bewußtsein ihrer Interessen ist in diesen Zusammenfünften nie die Rede, auch nicht von der Notwendigkeit der politischen Betätigung des weiblichen Geschlechts. Der Versammlungsbesuch bewies, daß die Arbeiterfrauen in Jena sehr wohl wissen, daß die Sozialdemokratie in Deutschland noch immer die einzige Partei ist, die ehrlich für das volle Recht der Frauen tämpit. Zahlreiche Beitrittserklärungen zur Partei waren das Ergebnis des Abends. W. K. Politische Rundschau. Nachdem der Schnapsblock seine Steuerplünderung programm mäßig vollendet hatte und der Reichstag am 13. Juli geschlossen worden war, erhielt das Deutsche Reich eine neue Regierung. Während die Mitglieder des Parlaments nach Hause geschickt waren, ernannte der Kaiser den neuen Reichsfangler. So fonnte auch nicht der Schatten eines Scheins entstehen, als ob etwa die Volksvertretung bei der Auswahl des verantwortlichen Leiters der deutschen Politik irgend einen noch so kleinen Einfluß ausgeübt hätte. In nicht mißzuverstehender Weise hat das per sönliche Regiment wieder einmal dem deutschen Volke zu verstehen gegeben, daß es gleich einem Unmündigen nicht mitzureden hat bei der Wahl des Mannes, der der Verfassung nach den größten Einfluß auf die Gestaltung seiner Geschicke haben soll und der es vor dem Auslande zu vertreten hat. Das persönliche Regiment tonnte den Novembersturm des Vorjahres dant der schwächlichen Konstitution des deutschen Bürgertums gemächlich überstehen. Hinter ihm verbirgt sich die Macht der oftelbischen Junter. Sie sind's, bie unter Wlithilfe des Zentrums den Reichskanzler Bülow gestürzt und den bisherigen Staatssekretär des Innern v. Bethmann- Hollweg zum Kanzler gemacht haben. Dem verbündeten Zentrum paẞt der neue Wann viel weniger als den Konservativen, alldieweil er die tonservativ- liberale Blockpolitik mitgemacht hat. Im Reichstag zählt das Zentrum fast doppelt so viel Size, als die Konser vativen, und ginge es nach der parlamentarischen Macht, 10 müßten seine Wünsche bei der Kanzlerwahl weit schwerer wiegen als die der Junter. Aber nicht parlamentarische Macht entscheidet, sondern der Einfluß bei Hofe und in der Verwaltung, und da sind die Konservativen weit stärter als die Schwarzen. Den Junfern aber paßt der neue Kanzler, denn dieser Sproß eines reich gewordenen, getauften und schließlich geadelten jüdischen Handelsgeschlechts ist einer der Ihren, ein Junter in Herz und Nieren, ein Hasser des Strebens der Wassen nach Gleichberechtigung, ein begeisterter Vers teidiger des preußischen Dreiflassenwahlrechts. Zur Rechtferti gung diefer Schmach wußte er seinerzeit im baß erstaunten preußischen Dreitlaffenhause ein paar Sätze des Philosophen Kant zu misbrauchen, was ihm sofort den Ruf eines großen Gelehrten und tiefen Philosophietenners eintrug. Nach Posadowskys Sturz wurde Bethmann- Hollweg, der bis dahin preußischer Polizeiminister gewesen war, Staatssetretär des Innern, versicherte sein warmes Interesse an der Sozialreform und brachte einige sozialpolitische Gezegentwürfe ein, die noch aus der Hinterlassenschaft Posadowskys stammten und in der in Preußen- Deutschland üblichen Weije jedes fleine Viertel Fortschritt durch erhebliche Verschlechterungen des Rechts der Arbeiter wieder ausglichen. Vor allem ist der neue Reichstanzler ein schmiegsamer Herr, der noch weniger als Bülow Neigung haben wird, den Junfern irgend etwas zu verweigern oder gar aufzuzwingen. Damit entspricht er der Situation, die dank des Buruckweichens der bürgerlichen Opposition durch die Diktatur der Junferschaft getennzeichnet wird. Bülow hat der Versuch das Amt getostet, diese Dittatur um ein weniges zu lockern, den Liberalen zwar nicht etwa die volle Gleichberechtigung mit den Konservativen, aber doch eine gewisse Mehrung ihres Einflusses auf Kosten der Junter zu geben. Es ist sicher: so verhaßt auch die Erbschafts 346 Die Gleichheit Nr. 22 steuer an sich den Konservativm war, im letzten Grunde haben sie sich so heftig gegen sie gestemmt, weil sie den preußischen Minister- Präsidenten stürzen wollten, der eine Wahlreform in Preußen ver- sprachen hatte. Einen ernsthaften Kampf um die Macht wollten aber Kanzler und Liberale gegen die Junker nicht aufnehmen, weil sie fürchten, daß daZ Proletariat, daß die Sozialdemokratie auZ solchen Kämpfen Vorteil ziehen wird. Die gemeinsame Gefahr des „roten Umsturzes" führte jedoch nicht eine Sammlung der bürger- lichen Parteien auf der mittleren Linie herbei, wie Bülow sie zag- Haft mit starkem Abweichen nach rechts gesucht hat. Sie steigerte vielmehr die Macht der Junker und machte die Parteien des Bürger- tum? zu ihrem Schwanz, zu demütigen Schutzgenossen. Daran ändert auch die augenblickliche zornwütige Stimmung der Liberalen nichts; sie werden bald wieder bei den Junkern und ihrer Regie- rung unterkriechen. Denn das Experiment Bülow hat gezeigt, daß eine Regierung der mittleren Linie nicht mehr möglich ist. Eine wirklich liberale Regierung aber ist noch weit mehr ausgeschlossen, denn die Liberalen mit Einschluß der Freisinnigen wagen nicht, rücksichtslos gegen die Konservativen um die Macht zu kämpfen. Sie könnten in diesem Kampfe ja nur siegen, wenn sie die Unter- stützung der Arbeiterklasse hätten. Und die entschieden liberale Politik, die sie dann treiben müßten, damit die Sozialdemokratie ein Stück Wegs mit ihnen zusammengehen könnte, die fürchten dies« famosen Liberalen mehr als die Herrschaft der Junker. So bleibt die konservative, offen reaktionäre Regierung die einzig mögliche. Für das Proletariat bedeutet das verschärften Kampf. Es wird um jeden Schritt vorwärts auf der Bahn zu seiner Befreiung gegen zähe und skrupellose Feinde schwer zu ringen haben. Aber die Ausschreitungen der Reaktion: die volksausplündernde Zoll- und Steuerpolitik, die Versuche, die Wahlreform in Preußen zu ver- hindern, und andere Tücken noch, werden auch neue Kräfte in der Arbeiterklasse wecken, Scharen neuer Kämpfer erstehen lassen.— Für die besonderen Arbeiterinteressen, für die Sozialreform fleht es zunächst sehr düster aus. Nachfolger Bethmann-Hollwegs im Staatssekretariat des Innern ist der bisherige preußische Handels- minister Delbrück geworden. Man weiß von diesem Manne, daß er den Arbeiterschutz nur so weit für berechtigt hält, wie ihn die Unternehmer erlauben, und daß er jede selbständige Betätigung der Arbeiter für eine sehr gefährliche Sache ansteht, kurz, daß seine ganze Gedankenwelt die der großindustriellen Scharfmacher ist. Und dieser Mann, der würdig wäre, Generalsekretär des Zentral« Verbandes der Industriellen zu werden, ist der Staatssekretär für Sozialpolitik geworden! Im Gefolge des Kanzlerwechsels haben noch andere Ministerverschiebungeen stattgefunden. Der als Reichs- schatzsekretär unmöglich gewordene Sydow wurde zum preußischen Handelsminister ernannt und durch den Unterstaatssekretär Mermuth ersetzt; der kranke preußische Kultusminister Holle erhielt seine Ent- lassung, und der bisherige Oberpräsident von Trott zu Solz trat seine Nachfolge an. Diese Veränderungen interessieren die Arbeiter- klaffe weniger, doch kennzeichnet es die Situation, daß die preußische Volksschule wieder einem in der Wolle gefärbten Reaktionär auS« geliefert worden ist. Noch ehe die neuen Steuern in Kraft getreten sind, kommen schon die Vorboten der Verteuerungen, die sie bringen wer- den. Die Brauer, die Gastwirte, die Tabak-, die Zündhölzchen-, die Glühstrumps- und Glühbirnenfabrikanten rüsten zu Preis- erhöhungen, die die Steuerbeträge noch erheblich überschreiten und vor allem den Arbeiterhaushalt drückend belasten werden. Das Zentrum trägt daran die Hauptschuld und hat überdem die Versprechungen schmählich gebrochen, die es 1907 seinen Wählern in der Steuersrage gemacht hat. Mit Besorgnis sieht es deshalb, wie es in der katholischen Arbeiterschaft gärt, und schickt sich zu einem besonderen Lügenfeldzug an, in dem die katholischen Ar- beitersekretäre den gläubigen Proletariern beweisen sollen, daß daS Zentrum nicht anders handeln konnte. Die Sozialdemokratie muß diesen Augenblick ausnützen und die verlogene Mache der Schwarzen durchkreuzen. Was die Zentrumspolitiker 1907 ver- sprachen, was insbesondere die christlichen„Arbeitervertteter" zur Steuersrage sagten, und was die christlichen Arbeiterorganisationen von der Reichsfinanzresorm forderten: das steht in so krassem Gegen- satze zu den Taten des Zentrums, daß eine wahrheitsgemäße Auf- klärung ihren Eindruck nicht verfehlen kann. Die erste Quittung für sein Verhalten hat das Zentrum schon bei der Reichstags- ersatzw ahl im pfälzischen Wahlkreis Neustadt-Landau erhallen, wo eS 1600 Stimmen verlor, während die Sozialdemokratie 2000 gewann. Di« Nationalliberalen und die Landbündler verloren 6600 Stimmen— obgleich die Nationalliberalen sich als Oppo- sitionspartei gaben, die an der Sleuerbescherung nicht schuld seien. Di» Wähler haben nicht vergessen, daß die Nationalliberalen bereit waren, 400 Millionen indirekter Steuern zu bewilligen, und daß ihre schließliche Opposition für die Katz war. Die National- liberalen müssen in der Stichwahl das Mandat gegen die Sozial- demokratie verteidigen. Die bayerische Regierung hat die Beschwerde des Lamb- rechter Gemeinderats wegen der Nichtbestätigung des Bür- germeisters und des zweiten Adjunkten mit der Bestätigung des letzteren und der Billigung der Nichtbestätigung des Bürger- Meisters beantwortet. Und zwar weil dieser als Gastwirt von der Sozialdemokratie abhängig sei, so daß die Gewähr für Pflicht- gemäße Handhabung der Polizeigewalt fehle. Da nur die Ab- hängigkeit von der Sozialdemokratie, nicht die von anderen Parteien als Hindernis für die Bestätigung bezeichnet wird, so ändert dies salomonische Urteil nichts daran, daß auch in Bayern von staats- bürgerlicher Gleichberechtigung der Sozialdemokratie nicht die Rede ist. H. B, Gewerkschaftliche Rundschau« Nur eine Gruppe von Gewerkschaftsorganisationen kann sich rühmen, trotz deS letzten Krisenjahres eine Mitgliederzunahme er- fahren zu haben: die„Gelben". Dort, wo das Sumpfgewächs dieser Art von Gewerkschaften gleichsam in Reinkultur, in Treib- haushitze gezüchtet wird, nämlich im Augsburger Werk, sollen von 3300 Beschäftigten 2646 als„Stütze der Herren im Hause" organi- sierl sein. Es heißt weiter, daß in sämtlichen Betrieben Augsburgs von 13600 Arbeitern 6900 in gelben Gewerkschaften stecken. Im ganzen Reich soll die Zahl der„gelb" Organisierten beinahe 80000 betragen. Diese Ziffer— trotz der relativen Jugend der gelben Bewegung— wird niemand verblüffen, der verfolgt, wie es ge< macht wird, damit sich die Vereine der„gutgesinnten" staatsnütz« lichen Arbeitswilligen füllen. Wie groß ist nicht die sittliche Ent- rüstung aller Nutznießer und Schützer der kapitalistischen Aus- beutungswirtschaft ob des angeblichen„sozialdemokratischen Ter- rorismus" der politisch und gewertschaftlich organisierten Proletarier und Proletarierinnen! Wer aber von diesen empfindsamen, freiheits- begeisterten Herrschaften redet auch nur still und bescheiden von dem„sanften Druck", den Unternehmer, städtische Behörden und andere Hochmögende auf„ihre" Arbeiter ausüben, um sie in die gelben Organisationen zu treiben? Besonders in kleineren Städten, wo sich die kommunalen Arbeiter oft aus Unfallrentnern oder sonst in der Erwerbsfähigkeit beschränkten Proletariern rekrutieren, ent- decken diese zwiefach Abhängigen auf„Anregung" der Vorgesetzten das dringende Bedürfnis, Mitglieder der gelben Organisation zu werden, um die Brotstelle zu behalten und„wohlgelitten" zu sein. Wir wissen, daß sogar Insassen von Armenhäusern und Stiftungen in Reih und Glied der Gelben getreten sind. Auch mancher voll- wertige Arbeiter läßt sich durch seinen gelben Vorgesetzten zur Mit- gliedschaft in der Organisation der Streikbrecher bestimmen. Er möchte dadurch materieller Schädigung vorbeugen. Wie leicht fügt eS nicht„der Zufall", daß ein unbelehrbarer, bockbeiniger Arbeiter bei Vergebung von Akkordarbeiten gerade die schlechteste Beschästtgung und damit den geringsten Verdienst erhält! Obgleich die Mitgliederzahl der„Gelben" somit keinem Kenner der Sache Bewunderung abringen kann, ruft sie doch ein Gefühl der Be- schämung ob der Zehntausende Proletarier wach, die zu Verrätern an den Interessen ihrer Brüder und Schwestern werden, zu Ver- rätern auch an dem eigenen Wohl und der eigenen Würde. In der Tat: Kann ei etwas Dümmeres, Niederträchtigeres für einen Proletarier geben, als dem Kampfe seiner Klasse für eine kultur- gemäße Existenz in den Arm zu fallen? Ist etwas menschlich, persönlich Erniedrigenderes zu denken, als daß Ausgebeutete sich aus serviler Gesinnung oder materieller Vorteile des Augenblicks willen zu Kettenhunden des Kapitalismus machen, die vor den Herren wedeln und nach den gewerkschaftlichen Kämpfern schnappen? Die denkenden Arbeiter und Arbeilerinnen müssen aber zu Kämpfenden werden und erheben sich als solche über die Enge und Niedrigkeit, über das Helotentum ihrer Lage und beweisen, daß ihnen ihr Menschentum teuer ist. Es gibt nur einen Gedanken, der die Schmach der„gelben" Fabrikgesangvereine, Pseifenklubs usw. weniger brennend empfinden läßt. Es ist die Gewißheit, daß der aus- beutende Kapitalismus seine Schutztruppe aus geistigen Sklaven nicht auf die Dauer halten kann. Seine Natur und seine Praktiken bringen auch sie früher oder später zur Erkenntnis ihrer Klassenlage und ihrer Klassenpflicht. Und diesen Prozeß des geistigen und sittlichen Erwachens gilt es durch unaufhörliche Agitation zu beschleunigen. Übrigens ist ein neues Gewächs auf dem gelben Sumpfboden emporgeschossen. Gelbe Verein» der Krankenkassenbeamten haben sich gebildet. So verschiedentlich in S ach sen, letzthin auch einer Nr. 22 Die Gleichheit in Karlsruhe. Die Gründung solcher Organisationen geschieht just zu der Zeit, wo die Verwaltungen der Ortskrankenkassen Arbeitgeber wie Arbeitnehmervertreter sich energisch ihrer Haut wehren, um die Gefahr abzuwenden, die in Gestalt der von der Regierung geplanten Reichsversicherungsordnung der Selbstvers waltung der Krankenkassen droht. Die gelben Krankenkassenbeamten bieten sich als Vorspann für diese reaktionären Absichten an. Sie erklären tugendsam, den sozialdemokratischen Terror in den Kassen bekämpfen zu wollen, in Wirklichkeit leiten sie Wasser auf die Mühle, welche das Selbstverwaltungsrecht der Arbeiter in den Krankenkassen kurz und klein mahlen soll. In dem Streitbilde, das uns Deutschlands Wirtschaftsleben zeigt, treten gegenwärtig besonders zwei Bewegungen hervor: die von seiten der Proletarier mit ungeschwächter Gnergie fortgeführten Kämpfe der städtischen Arbeiter in Riel und der Bauarbeiter in Hamburg. An Versuchen, eine Einigung herbeizuführen, hat es in beiden Städten nicht gefehlt, sie sind aber ohne Ergebnis geblieben. Der Kieler Magistrat hält rücksichtslos an seinem herrischen Unternehmerstandpunkt fest und findet damit volles Verständnis bei der bürgerlichen Majorität des Stadtparlaments. Von ihr wurden alle Vorschläge und Anträge unserer Genossen niedergestimmt, die eine Beilegung des Konfliktes herbeiführen wollten. Da der Gemeindearbeiterverband über reichliche Mittel verfügt und die Streikenden noch lange zu unterstützen imstande ist, dürfte der Konflikt nicht bald zu Ende kommen. Hoffen wir, was wir von Herzen wünschen: daß er nicht mit einer glatten Kapitulation der Kämpfenden abschließen muß! Bei den Einigungsverhandlungen, welche das Hamburger Gewerbegericht für den Kampf im Baugewerbe eingeleitet hat, stellten die Unternehmer so schofle Bedingungen für die Beilegung des Konfliktes, daß die Arbeiter darauf nicht eingehen konnten, und daß auch der Vorsitzende des Gewerbegerichts ihnen die Annahme derselben nicht zu emp fehlen vermochte. Auch im Bauarbeiterstreit in Saarbrücken ist die Situation unverändert. Verzeichnet muß die aggressive Haltung der Polizei werden, die beim Schutze der Arbeitswilligen sehr herausfordernd gegen die Ausständigen vorgeht. Ein Bauarbeiterausstand im oberschlesischen Industriegebiet führte nach kurzer Dauer zu ganz respektablen Er folgen der Streifenden. Sie errangen eine Lohnerhöhung von 3 Pfennig pro Stunde und noch andere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Diese Erfolge sind um so höher einzuschäßen, als in diesem schwarzen Winkel Deutschlands die Gewerkschaftsbewegung nur langsam erstarken kann, so daß sie dieser Sachlage entsprechend bisher auch keine großen Errungenschaften zu zeitigen imstande war. Von größeren Lohnbewegungen ist noch die der Maschinisten und Heizer auf den Rheindampfschiffen und der Hafen arbeiter in Mannheim- Ludwigshafen zu erwähnen. Die Unternehmer wollten dort die Arbeiter zum Abschluß eines verschlechterten Tarifs zwingen. Sie rechneten bei dem unausbleiblichen Kampfe auf das Wirken von Streifbrecheragenten, die unter Verschweigung des Sachverhaltes Arbeitswillige vermittelten. Zu ihrem Pech bekam die schöne kapitalistische Rechnung ein Loch. Als die angeworbenen Proletarier die Wahrheit erfuhren, verzichteten sie auf die Ehre, die Rausreißer zu spielen. Daß das neue Reichsvereinsgesetz der Polizeiwillkür zur Beschränkung des Versammlungsrechtes der Arbeiter freien Spielraum gewährt, hat die seitherige Praris hinlänglich erwiesen. Und die preußische Justiz wetteifert mit der Polizei in Meisterstückchen tühner Auslegungskunst, welche dem gesunden Laienverstand unfaßbar sind. Was alles nicht hat schon juristische Weisheit in dem Begriffe einer politischen Versammlung entdeckt! Schöffengericht und Landgericht in Schlesien erklärten die Agitation für den Holzarbeiter verband als eine politische Angelegenheit und bestätigten damit den polizeilichen Strafbefehl von 5 Mt. gegen den Leiter der Versammlung, der es unterließ, diese politische Versammlung vorschriftsgemäß anzumelden. Geradezu klassisch ist die Begründung des Schöffengerichtsurteils, das unter anderem sagt: „ Die Erörterung wirtschaftlicher Angelegenheiten sei nur Beiwerk, denn der Redner war sich von Anfang an darüber klar, daß die Änderung der Lohn- und Arbeitsbedingungen zurzeit nicht angängig sei. Die Hauptsache war die Agitation für den Holzarbeiters verband mit dem ausdrücklichen Zugeständnis, Geld in die Kasse zu bekommen. Die Agitation für den Holzarbeiterverband aber ist eine politische Angelegenheit, denn der Verband ist, wie gerichtsbekannt ist, bestrebt, sozialpolitische Zwecke durch Einwirkung auf die Staatsgewalt zu bewirken. Das Werben von Mitgliedern aber stärkt die Stellung des Verbandes() und ist somit politische Betätigung. Danach ist die Versammlung über den rein wirtschaftlichen Zweck hinausgegangen und dadurch anzeigepflichtig." 347 Und das Landgericht schloß sich im wesentlichen dieser Auslegung an und ließ noch den Genossen Timm aus München als Kronzeugen aufmarschieren, der einmal in einer Versammlung seitens der Gewerkschaften eine Einwirkung auf das Vereins- und Roalitionsrecht, auf die Handelsvertragspolitik und die gewerbliche Gesetzgebung verlangt haben und die Neutralität in diesen politischen Fragen als dem Wesen der freien Gewerkschaften widersprechend verworfen haben soll. Das 25jährige Jubiläum seines Bestehens beging der Steinarbeiterverband Anfang des Monats Juli. Nach längeren Kämpfen um die Organisationsform hat er sich zur Klarheit über die Bedeutung der Zentralorganisation durchgerungen. Er zählt jetzt 18000 Mitglieder und hat im Verlaufe seiner Wirksamkeit manche Errungenschaft auf dem wirtschaftlichen Kampfplatz und auf sozialpolitischem Gebiet davongetragen. # Genossenschaftliche Rundschau. Die Gartenstadtbewegung, die wir aus England her schon länger kennen, fängt auch in Deutschland an, positive Resul tate zu zeitigen. Und zwar in der Form von Gartenstadtgenossenschaften. Zu den bereits längere Zeit bestehenden in Dresden und Karlsruhe sind neuerdings Genossenschaften dieser Art auch in Nürnberg und Magdeburg ins Leben gerufen worden. Die ersten praktischen Resultate dürfte wohl Dresden zeitigen. Hier sind die Vorbedingungen( Landerwerb, Finanzierung usw.) bereits so weit gediehen, daß noch im Jahre 1909 eine Anzahl Häuser der Gartenstadt fertiggestellt werden. Das Gelände liegt reizend auf einem Hochplateau 100 Meter über Dresden, von drei Seiten mit Wald( Dresdener Heide) umgeben, in frischer reiner Luft, zirka eine Stunde von der Stadtgrenze entfernt. Die Fortführung der Dres dener Straßenbahn dahinaus ist bereits beschlossen und genehmigt, so daß auch eine leichte, schnelle und billige Kommunikation mit dem Herzen der Großstadt gesichert ist. Diese erste deutsche Gartenstadt trägt den poetischen Namen Hellerau. Ihre materielle Grundlage hat sie in zwei miteinander korrespondierenden Genossenschaften. Die eine ist Erwerberin und Besizerin aller Rechte am Grund und Boden. Sie schafft alle Vorbedingungen der nach mobernsten hygienischen Grundsäßen gedachten Bebauungsmöglich teiten, während die andere als Baugenossenschaft die Bebauung selbst nach den von der Bodengenossenschaft getroffenen Bestim= mungen besorgt. Sie will und soll besonders Kleinwohnungen für Arbeiter und den kleinen Mittelstand bauen. Damit ist in diesem Frühjahr begonnen worden. Vorläufig werden 500 000 Mt. zu diesem Zwecke verbaut. Aber auch kleine Villen wird man errichten, und in ein besonderes Viertel werden die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst in Dresden ihre Fabrikanlage, nach modernsten Grundsäßen ausgeführt, verlegen. Bei der Besiedelung des Geländes soll darauf geachtet werden, das Land so gut als möglich vor Bodenspekulation zu bewahren. Der Mieter einer Villa kann das Haus von vornherein auf Lebenszeit und auch für seine Erben mieten, er kann selbst jederzeit fünbigen, während die Gesellschaft ihm gegenüber auf das Kündigungsrecht ausdrücklich verzichtet. Das Haus wird unter weitestgehender Berücksichtigung der Wünsche des Mieters erbaut, dieser hat lediglich die zweite Hypothet des Hauses in Höhe von vier Zehntel des Baupreises zu zahlen. Die Hypothek wird ihm verzinst, während er selbst eine Miete entrichtet, die der fünfprozentigen Berzinsung der Baukosten seines Hauses und einer sechsprozentigen Verzinsung des benötigten Grund und Bodens, pro Quadratmeter 6 Mt., entspricht. An der Bebauung des Villenviertels werden mitwirken die Architekten Professor Schumacher und Hempel, Dresden, Geheimrat Dr.- Ing. Hermann Muthesius, Berlin, Professor Theodor Fischer und Professor Richard Riemerschmid, München. In dem Gebiet für Kleinwohnungen ist gleichfalls das Einfamilienhaus die Regel. Man hofft, daß ein Quadratmeterpreis von 3 Mt. für den Grund und Boden zu ermöglichen ist, daß Wohnungen mit 3 bis 4 Zimmern je nach der Größe zu einem jährlichen Mietpreis von 240 bis 350 Mt. errichtet werden können. Hier soll im Durchschnitt der Quadratmeter bewohnte Fläche 5 Mt. kosten; er beträgt in Dresden 5,50 bis 6,50 Mt. Zwischen dem Kleinwohnungsviertel und dem Villenviertel liegt das Land für den Fabrikbau der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst. Dieser Bau ähnelt mehr einem breitgelagerten Gutshof als einer Fabrit. Die Maschinenanlage liefert den Strom für die Straßenbahn Dresden- Klotzsche und für die ausgiebige elef trische Beleuchtung von ganz Hellerau. In allen Räumen wird stündlich die Luft vollkommen erneuert, da eine besondere Saug 348 Die Gleichheit anlage allen Arbeitsstaub megnimmt. So soll diese Fabrikanlage alle Anforderungen, die vom bygienischen und fünstlerischen Standpunft gestellt werden können, eriüllen. In Hellerau werden noch weitere gewerbliche Betriebe, be fonders Qualitätsbetriebe verfchiedener Branchen sich ansiedeln. Die Gartenstadtgesellschaft wird eine große Gärtnerei ins Leben ruien und auch auf dem Waiftplay die meisten Läden entweder in eigene Regte oder unter besondere Kontrolle nehmen. Die Übers schüsse aus der Landbesiedelung sollen in überwiegendem Waße den Bewohnein selbst zugute fommen: denn die Helleraugesellschaft hat von vornberem eme beichränkte Dividende von 4 Prozent fests gefeßt. Die Gesellschaft hat auch den Ausbau eines Wohlfahrtss viertels ins Auge gefaßt. Unter anderem foll ein großes Gesells schaftshaus auf dem aussichtsreichsten Bunfte des ganzen Geländes gebaut und eine Reformichule im engen Zusammenhang mit der Werfitattarbeit angelegt werden. So toll Hellerau nicht nur eine vorbildliche Villentolonie werden, nicht nur ein Stück guter Archis tektur in schöner Ilmgebung, sondern eine Gemeinde, in der sich die gewerbliche Arbeit und das geistige Leben zu einer organischen Einheit verbinden. Inwieweit sich die weitausschauenden Ziele verwirklichen laffen, fann beute noch nicht gesagt werden, jedenfalls aber beweist die äußerst günstige Aufnahme, die das Projekt bisher gefunden hat, wie sehr es m seinen Grundlinien den sozialen und fünstlerischen Bedürfnissen unserer Zeit entgegenkommt. Aus den Statuten der Gartenstadtgenossenschaft Hellerau sind folgende Grundsage und Beitimu.ungen bemertenswert: Die Mechte am Grund und Boden sollen so genaltet werden, wie es in der Gartenstadt üblich ist, das heißt die Gesamtheit der Bewohner foll aus der Bebauung des Landes und aus dem steigenden Mehrwert den größten Yugen haben. Baulpeculation jeder Art ist laut Statut ausgeschlossen. Aller Wertzuwachs aus Grund und Boden foll vielmehr nach einer durch das Statut festgelegten Höchstverzinsung der Bodenanteile den Helleraubewohnern in threr Gesamtheit zugute lommen. Wer in Hellerau wohnen will, muß sich entweder an die Gartenstadt Hellerau oder an die Baugenossenschaft Hellerau wenden. Die Baugenossenschat Hellerau vergibt Wohnungen ledig lich an Witglieder. Der Beitritt erfolgt durch Übernahme eines Anteils von 200 Mt. Diefer Anteil wird mit einem Höchstbetrag von Prozent verzinst. Die Haftung, die der Genosse für seine Genossenschaft übernimmi, tit auf einen Höchstbetrag von 200 Wit. für jeden Geschäftsanteil festgelegt. Darüber hmaus baftet nies mand für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft. Der Zweck der Genossenschaft Hellerau ist, mittels gemeinschaftlichen Geſchärtsbetriebs ihren Witgliedern gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen zu billigen Breifen, und zwar durch überlassung zum Eigentum oder zum Erbbaurecht oder zur Wiete zu verschaften, sowie Sparem.agen der Witglieder zur Verwendung im Betrieb der Genonenschalt anzunehmen. Die Vermietung und sonstige Überlassung von Wohnungen erfolgt nach Eintragung in eine Woh nungsbewerberliste. Diese Eintragung hat zu erfolgen, sobald ein Genosse eine Spareinlage macht und mindestens 50 P1. bis zum Gesamtbetrag von 100 Wit, darauf einzahlt. Jeder Genosse und jeder Sparer bleibt Eigentümer eines Guthabens. Die Verzinjung wird seinem Anteil jo lange gulgeschrieben, als er nicht voll eingezahlt t. Die Hastsumme des Genossen übersteigt niemals die Höhe des Betrages seiner Anteue. Jeder Genone tann sem Guthaben auf den Schluß emes Geschäftsjahres bei Einhaltung einer sechsmonatigen Frist tündigen. Dagegen tann er jederzeit nach Er fullung semer Berbindlich.etten an die Genossenschaft sein Guts haben durch schrutlichen Bertrag auf einen anderen ubertragen. Er scheidet dann, 1ojern der Erwerber des Gutgavens Genosse wiro, aus der Genossenschaft aus. Im Falle des Todes gut der Genosse mit Schluß des Geschäftsjahres als ausgeschieden. Bis zu diesem Zeitpunti wird die Mitgliedschaft des Bertiorbenen durch seine Erben fortgelegt. Aller Gewinn, der die vierprozentige Verzinjung der Geschäftsanteile überneigt, tommt der Gesamtheit der Genonen zugute. Lesgleichen nimmt die Gesellschaft teil an den Übers schüssen der bodenbesitzenden Genossenschaft Hellerau; auch diese dars durch Statut nicht mehr als vier Prozent Gewinn verteuen und muß alles übrige zugunsten der Gesamtheit der Bewohner von Hellerau auswenden. Die idealen, schönen Bestrebungen der Gartenstadtbewegung find nicht zu vertennen. Eie ist ein bezeichnender Ausdruck der Entwicklungstendenzen, welche die wirtschaftlichen und sozialen Um wälzungen unserer Zeit auslösen. Zur Verbesserung der Lage der Arbeiter werden sie aber wenig betragen fönnen. H. Fl. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Nr. 22 Die Organisation der dänischen Dienstmädchen macht gute Fortschritte. Das befundete der diesjährige Kongres des Dienft. mädchenverbands, der fürzlich in Kopenhagen getagt hat. 100 Delegierte aus der Hauptstadt und aus Provinzorten nahmen an ihm teil, und Tätigkeitsbericht wie Disfuffionen zeigten das frische Leben, das in der Organisation puliert. Es wurde beschlossen, daß diese ein Kartell mit dem Verband der Dienstleute eingeben foll, der die landwirtschaftlichen Taglöhner, Knechte und Mägde zufammenfaßt. Der Kongreß hatte auch die Frage zu erörtern, ob der Dienstmädchenverband sich an den Landesverband der Gewerkschaften anschließen solle. In dieser wichtigen Sache fam es jedoch noch nicht zu einer Entscheidung. Karoline Midelfen wurde als Verbandsvorüßende gewählt. Am Nachmittag des Conntags, an welchem der Kongres zusammentrat, hatte der Dienſt mädchenverband ein großes Fest in dem herrlichen Bart veranstaltet, der in der Nähe Kopenhagens bei dem föniglichen Schloß liegt. Die Delegierten und die Mitglieder des Kopens bagener Dienstmädchenvereins marschierten geschlossen durch die Stadt. Es war das der erste Demonstrationszug der dänischen Dienstboten. Ein Urteil, das zur höchften Vorsicht bei dem Abschluß eines Dienstvertrags mahnt, ist fürzlich in Erlangen gefällt worden. Eine Köchin hatte sich im November 1908 in das Haus des Hauptmanns v. Rante in Erlangen verdingt. Der Dienitantritt sollte am 1. Januar 1909 erfolgen. Am 17. Dezember fündigte jedoch das Mädchen den Dienst, noch ehe daß es ihn angetreten hatte, da seme Eltern dem Wechsel nicht zustimmten. Das Dings geld gab es bei dieser Gelegenheit zurück. Am 19. Dezember eröffnete der Hauptmann dem Mädchen, daß er auf dem Dienstvers trag bestehe. In einer Unterredung geftand er jedoch der Köchin zu, ihr noch Nachricht darüber geben zu wollen. Da das Mädchen bis zum 1. Januar feine Nachricht befam und auch das Dinggeld nicht zurückerhielt, glaubte es, der Hauptmann habe einen Ersatz gefunden. Es verpflichtete fich daher fest, in dem feitherigen Dienstverhältnis weiter zu bleiben. Am 2. Januar forderte der Haupt mann den Lienftantritt der Köchin für den 6. Januar und drohte im Falle der Weigerung mit polizeilicher Vorführung. Das Mäd chen war erregt und sicherte Eriaß durch eine Freundin zu. Damit war aber die Herrschaft nicht einverstanden und ließ einen Sühne termin anberaumen. Obwohl der Hauptmann selbst nicht dazu erschienen war, wurde dem Mädchen die Unterschrift zu folgender Ertlärung abgefordert:„ Die Unterzeichnete erflärt, rechtlich vers pflichtet gewefen zu sein, am 1. Januar 1909 in den Dienst des Hauptmanns v. Rante einzutreten. Sie erklärt sich hiermit bereit, Herrn Hauptmann v. Rante für die ihm durch ihr Nichtantreten des Tiensies erwachtenen Konten vollen Ersatz zu leisten." Das Mädchen willigte erit ein, seine Unterschrift zu geben, als der Beamte erwiderte, daß die Erklärung„ nur ein Schreckschuß sein solle". Welcher Art dieser Schreckichup" war, follte das Mädchen nur zu balo erfahren. " Obwohl der Hauptmann vor dem 1. Januar und nach dem 81 Januar eme Aushilistöchin zu dem ortsüblichen Lohn erhielt, wolite er für den Monat Januar nur eine Köchin gesunden haben, der er täglich 2,50 Mit. zahlen und ein Liter Bier geben mußte. Seine diesbezügliche Ausgabe für den Monat betrug also 71,24 Wit. Von diesem Betrag zog der Herr Hauptmann 28 Wit. als Loun ab, den das Mädchen erbalten haben würde, und wurde gegen diefes flagbar auf Bezahlung von 43 Wit. nebst 4 Prozent Zinsen vom Tage der Klagezustellung an. Schneidig! Der Kläger gab an, das Mädchen habe sich für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Tezember 1909 als Köchin verdingt. Als diese unwahrheit zurückgewiesen wurde, redete sich der Kavalier damit heraus, daß er ja nur für einen Monat Schadenersag beanspruche. Das Amtss gericht Erlangen ertannte im Namen seiner Wlajestät des Königs von Bayern Jolgendes zu Recht: Die Beklagte hat dem Kläger 28 Wit. nebst Zinsen zu zahlen. Die weitergehenden Ansprüche des Hauptmanns wurden abgewiesen. Dem Kläger wurden ein Drittel und der Beklagten zwei Drittel der Kosten auferlegt. In der Wes gründung nahm das Gericht an, daß ein Dienstvertrag abgeschlossen worden sei. Eine Auflösung desselben habe nicht stattgefunden. Ten Worten des Klägers, daß er nog Nachricht geben werde, damit das Mädchen wisse, woran es set, fommt nur nebensächliche Bedeutung zu". Aus dem Unterbleiben einer Benachrichtigung tonnte die Beklagte nicht(?) die Schlußfolgerung ziehen, daß der Kläger eine andere Köchin gefunden habe. Der Einwand, daß die Nr. 22 Die Gleichbeit Beklagte einen Ersatz bot, sei nichtig, da dem Kläger nicht zugemutet werden konnte, jeden gebotenen Ersay anzunehmen, das aber selbst dann nicht, wenn die Ersatzperson allen Anforderungen entsprochen und vollwertigen Ersatz geleistet hätte. Diese Auffassung beruhe nach§ 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches darauf, daß der Dienstbote zu der Herrschaft in so nahe Beziehungen tritt, baß es der Herrschaft nicht gleich ist, ob ihr die Dienste von ihm oder einer anderen Person geleistet werden. Aus welchen Gründen die Erfaßtöchin nicht entsprach, fei gleichgültiges genüge, daß sie dem Kläger nicht paßte. Was die Höhe des Schadenersages an belangt, so erklärte das Amtsgericht: Der Kläger hatte offenbar felbst die Empfindung, daß er einen ungewöhnlich bohen Schaden geltend mache, denn er ließ sich vorsorglich von der Beklagten die Schadenersatzleistung versprechen. Er ist insofern nicht von einem Verschulden freizusprechen, als er es unterlassen hat, die Beklagte auf die Gefahr eines ungewöhnlich hohen Schadenersages aufmert fam zu machen. Das Gericht erachtete den Schadenersatzanspruch insoweit für gerechtfertigt, als der Kläger das Doppelte von dem aufwenden mußte, was er der Beklagten bezahlt hätte. Das Mädchen wurde durch den Verlauf der Dinge schwer ges schädigt. Es brauchte einen Anwalt, und der Herr Hauptmann benötigte ebenfalls eines Verteidigers, um sein auf Krücken hum pelndes formales Recht zu erkämpfen. Da das Mädchen dazu verurteilt wurde, zwei Drittel der Kosten zu tragen, beliefen sich feine Gesamtausgaben die 28 Mt. Schadenerfaß einberechnet auf zirka 70 Wt. Der Herr Hauptmann darf sich rühmen, durch das Pochen auf seinen„ Schein" dem Mädchen einen gehörigen Denkzettel an seinen armseligen Epargroschen gegeben zu haben. Und das von Rechts wegen" und echt favaliermäßig! Mag der Fall die Mädchen warnen, recht vorsichtig bei ihren Abmachungen mit den Herrschaften zu sein und sich zu organisieren. Hätte die Köchin an einem Verein Rat und Stüße gehabt, sie hätte taum so hohes Lehrgeld für ihre bittere Erfahrung zahlen müssen. A. R. Wieder eine Kindermädchentragödie. Abermals stand vor einem schlesischen Gericht ein sechzehn Jahre altes Dienstmädchen unter der furchtbaren Anklage des versuchten Mordes. Das junge unreife Ding war dank dem Elend im elterlichen Hause genötigt gewesen, seine noch völlig unentwickelten Kräfte, die noch mehr zum Spiel wie zu ernster Arbeit geeignet waren, fremden Menschen gegen färgliches Brot zur Verfügung zu stellen. Die Eltern hatten wahrscheinlich geglaubt, ihrem Kinde Wunder was Gutes anzutun, wenn sie es als Kindermädchen verdingten. Aber das halbe Kind, dem solch schwere Verantwortung ausgebürdet war, haßte bald seine Tätigkeit und wohl auch seine Pflegebefohlenen, in denen sein unentwickelter Verstand die Räuber seiner eigenen Freiheit erblickte. Und so soll das Mädchen denn eines Tages zu einem älteren Kinde des Dienstgebers sich geäußert haben, es würde sich freuen, wenn der einen Monat alte Säugling bald stürbe, der seiner besonderen Pflege anvertraut war. Als dieser bald darauf an einer Vergiftung ertranfte, von der er durch die Eltern glücklicherweise noch gerettet werden konnte, da wurde das Kindermädchen unter dem Verdacht unter Antlage gestellt, Karbolsäure vorsätzlich in die Milch des Säuglings gemischt und dadurch einen Wordverjuch begangen zu haben. Obwohl die Armste vor Gericht bestimmt erklärte, das Gift müsse durch ein Versehen unter die Milch gelangt sein, sie selbst sei unschuldig, wurde sie doch zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Immer wieder die alte Geschichte. Unfähig, die sozialen Quellen der Hechtsbrüche Jugendlicher zu finden und sie zu verschließen, greifen die Richter zu dem einzigen ihrem Sozialen Denten entsprechenden Mittel der rächenden Strafe und schädigen dadurch Seele und Leib der jungen Frevler gegen das Recht des Klassenstaates aus schwerste, oft für alle Zeit ihres späteren Lebens. ek. Berhöhnung der Dienstboten. In Nr. 18 der„ Gleichheit" hat E. G. sich mit der„ Kladderadatfch"-Ode( richtiger: Öde)„ Die Perlenschnur" beschäftigt, die von der Frantjurter Zeitung" der unverdienten Ehre des Abdrucks gewürdigt ward. Eo berechtigt die Glossen sind, die E. G. dem„ poetischen" Erzeugnis und der Gesinnung, aus der es geboren ist, auf den Weg gibt, so muß doch auch von uns- berücksichtigt werden, daß dem Scherzbold, dem Satiriter, dem Humoristen, dem Fronifer ein gewisses, nicht zu fleines Maß dichterischer Freiheit zusteht, und daß man selbst dem spießbürgerlichsten Kladderadatsch- Poeten unrecht tut, wenn man jeine Wizchen tragisch nimmt. Oder ist es wirklich eine Beleidi gung für Olga, daß ihr nachgesagt wird, fie opfere( am Tage tommt ja ein Dienstmädchen nicht dazu) ihrem Bildungsorang die gewiß nicht zu reichlich bemessenen Schlafportionen und„ verschlinge" des Nachts Tragödien? Eelbstverständlich beim Stearinlicht denn den Haupthahn am Gasometer oder den Hauptschalter fürs 349 elektrische Licht hat die sparsame„ Gnädige" abgestellt..... Und ist es nicht eim plumper zwar, aber doch ein Scherz, wenn der Kladderadatsch- Barde erzählt, wie Klärchen den Finger erst in die Nase und dann in die Butter bohrt? Kurz und gut: Gerade weil wir die wirklichen und zweifellosen Rüpeleien an poetischen" Erzeugnissen vom Kaliber der" Perlenschnur" niedriger hängen müssen, follen wir wenigstens das an ihnen, was in der Tat drollig und was unverfänglich ist, in seiner Art gelten lassen. Ich sage das nicht, weil etwa„ Die Perlenschnur" als poetisches Erzeugnis wegen seiner Sprache oder seines Gedankenreichtums irgend zu loben wäre, sondern um deswillen, weil manche anderen humoristischen Gedichte und Scherze, die das bürgerliche Journalistentum seinen bürgerlichen Lesern liefert, und auch solche, die der modernen" Frau, dem„ modernen" Dienstmädchen am Zeuge her umflicken, bisweilen so wißig sind, daß wir ein schlechtes literarisches Verständnis und schlechten Geschmack verraten, wenn wir derlei mürrisch bebrummeln, statt in das Gelächter, das sich da erhebt, miteinzustimmen! Wir wissen doch: wer gar zu sauertöpfisch dreinschaut, wenn mal ein Scherz auf seine Kosten geht, der bes tommt die Lacher nicht auf seine Seite. Und darum handelt es sich manchmal sogar in den ernstesten, schwierigsten Kämpfen. Nun aber eins: Wenn einer daherkommt und sich einen Spaß mit uns machen will, so muß der Spaß auch originell sein. Ift's ein alter, ein abgedroschener Scherz, dann lachen wir nicht über den Spaß, sondern über den Spaßmacher! Der„ Kladderas datsch" ist ein altes Wigblatt. Alt und altersschwach. Im Jahre der Berliner Revolution". 1848 wurde das Blatt begründet. Damals haben wirklich wißige Männer in der Redaktion gesessen, haben echte Humoristen für den„ Kladderadatsch" geschrieben. Jezt zehrt er nur noch vom Ruhm jener Zeit. Johannes Trojan, sein Chefredakteur, hat 72 Jahre auf dem Buckel, war nie ein echter Humorist und ist es auf die alten Tage schon gar nicht geworden. Und doch muß dieser Greis Haare lassen, wenn der„ Kladderadatsch" von heute mal wißig sein will! Der alte Trojan selber oder irgend ein Schmierant, dem es an jener Originalität fehlt, von der wir oben sprachen, fleckst nach, was der junge, der jüngere Trojan vor so und so viel Jahren mit etwas anderen Worten, in etwas anderer Form schon Dußende von Malen gesagt hat.... Johannes Trojan hat sich oft mit der Dienstbotenfrage beschäftigt" in seiner Art natürlich. Bisweilen gelang's ihm einigermaßen, meistens aber tam nichts Gescheites heraus. Wir können das hier nicht im einzelnen untersuchen. Nur einen Spaß wollen wir uns heute mal machen: Wir bringen eines der Dienstbotengedichte, wie sie der ,, Kladderadatsch"-Redakteur Johannes Trojan vor Jahren haufenweis verbrach, und bitten, es mit der„ Perlenschnur" in Nr. 18 zu vergleichen. Wir lernen dabei, wie gewissen Lesern gerade das faulste und älteste Futter gar nicht oft genug in die Krippe geschüttet werden kann.... Der Mädchenwechfel. Da gehn fie hin, die lange Wochen Mir schufen unermess'nes Leid! Die eine war bestimmt fürs Kochen, Die andre galt als Stubenmaid. Da gehn sie hin, nachdem Verderben In meine Wirtschaft sie gefät, Und lassen hinter sich die Scherben, Das Trümmerwerk vom Hausgerät. O, daß ich wechseln muß schon wieder! Und doch, wohl mir, daß ich es kann! Ach, wüchsen nur der grausen Hyder Nicht immer neue Häupter an. Wie oft schon hab' ich es gesehen, Dies Schauspiel, das mir längst ein Graus! Es tommen Mädchen, Mädchen gehenNur der Soldat hält sich ans Haus. Den stets ich in der Küche finde, Seitdem ein halbes Jahr entflohn, Er liebt fast halt' ich es für Sünde Jezt meine dritte Minna schon. Die vierte wird im Feuerscheine, Die fünfte stehn, von ihm geliebt! Ach, daß es auch nicht eine, eine Vollkommen zuverlässige gibt! Geht hin, ihr beiden, meine Plage, Lebt wohl, ihr meine stete Not! Verbittert andern ihre Tage! Bersalzet andern jezt ihr Brot! 350 Die Gleichheit Nr. 2 2 Ich seh' euch ohne Kummer scheiden, Denn Gutes habt ihr nie getan. Da kommen schon die neuen beiden— Ich seh' sie ohne Hoffnung nahn! Johanne« Trojan. Einst war der„Kladderadatsch" gut demokratisch. Jetzt ist er bös konservativ, insofern als er von neuen Ideen nichts wissen mag und gern den Kohl auswärmt, der schon unseren Großvätern, sofern sie Feinschmecker waren, arges Bauchgrimmen gemacht hat. Georg Davidsohn. Wir anerkennen gewiß das Recht des Salirckers, Humoristen usw. ans die weiteste künstlerische Bewegungsfreiheit und lachen gern über jeden Witz und Scherz, ganz gleich, auf wessen Kosten er ge« schieht, vorausgesetzt, daß der Witz gut ist. Allein für die durchschnitt« liche bürgerliche Reimerei über die Dienstboten kommt diese grund- säyliche Frage gar nicht in Betracht. Sie hat mit Kunst nicht das geringste gemein, und an Stelle des ihr mangelnden Witzes tritt die bewußte und gewollte Herabwürdigung einer proletarischen Schicht. Wenn es ihnen nur um die künstlerische Ausnutzung des Stoffes zu tun wäre, den das häusliche Leben für Witz und Satire bietet, warum üben dann die bürgerlichen Reimschmied« ihre schwachen Kräfte so gut wie ausschließlich an den Dienenden und nicht auch an den„Hausehren" und ihren Töchtern? Warum läßt zum Beispiel der Verfasser der„Perlenschnur" nicht eine„Gnädige" den Finger erst in die Nase und dann in die Butler bohren? Sintemalen doch recht viele Damen die unsaubersten Gewohnheiten haben und für die Reinlichkeit ihres Haushalls wie ihrer Person lediglich aus die Fürsorge und Arbeit der Dienenden angewiesen sind. Was in Reimereien der gebrandmarklen Art sich spiegelt, das ist die hochnäsige Auffassung einer herrschenden Klasse, die sich trotz allem Hochmut von der Arbeit ihrer Sklaven abhängig fühlt. Darum tat auch die„Frankfurter Zeitung" mehr, als die„Perlen- schnür" nur der„unverdienten Ehre des Abdrucks zu würdigen". Sie rechtfertigte den Abdruck damit, daß die Geschmacklosigkeiten des „Kladderadatsch"„in vielen Herzen ein verständnisvolles Echo finden würden". Die Franksurterin aber protzt gewöhnlich ebenso gern mit ihrer modernen„Geisteskultur" wie mit ihrem„sozialen Emp« finden". Kellnerinnenfrage. Frau Jelliuet„berichtigt" weiter. Sie schreibt unS: •„Esist unwahr, daß, wieHelene Grünberg in?ir. 21 Ihres Blattes ausführt,„ich gegen meine eigenen Ansichten Front mache", daß ich„schnell umsattle" und„mich eines anderen besonnen haben müsse". Wahr ist dagegen, daß ich meine Forderung in demselben Umfang, in dem sie bereits dem 6. bayerischen Frauentag vor- gelegen hat, aufrecht erhalte, wofür ich als Beweis auf meinen so- eben erschienenen„Entwurf einer Petition betreffend das Verbot weiblicher Bedienung in Gast« und Schaukwirlschaften" hinweise, zu welchem mir die auf der Münchener Versammlung vorgebrachten gegnerischen Argumente die wichtigsten Waffen in die Hand ge- geben hatten. Wie diese Waffen gewirkt haben, dafür diene als Beweis, daß gerade seit dem Erscheinen dieses Petitionsentwurfs, also gerade nach der Münchener�Versammlung, auf der ich die „riesige Niederlage" erlitten habe, die meisten Unterschriften mir zugegangen sind. Damals verfügte ich über ungefähr 17 ovo, heute über ungefähr 00000, Es»st unwahr, daß ich je behauptet habe, Millionen Deutsche würden mein Auftreten segnen. Wahr ist nur, daß ich eine dahin- gehende Behauptung eines Dritten zitiert habe. Es ist unwahr, daß ich„Tausenden von Kellnerinnen ihr Brot habe nehmen wollen". Wahr ist vielmehr, daß ich von Anfang an erklärt habe, daß die- jenigen, die bereits Kellnerinnen sind, es müßten bleiben dürfen. Es ist unwahr, daß die mir zuteil geworden« Zustimmung „aus den oberen GesellschaslSschichten stammt". Wahr ist dagegen, daß sie aus allen Schichten kommt, da nicht nur in den„oberen Kreisen" sozial denkende Frauen sind, die es nicht mit ansehen wollen, wie Mädchen mißbraucht werden, sondern es auch Frauen der ar- bellenden Klaffe gibt, welche dafür eintreten, daß ihre Geschlechts- genossinnen nicht den männlichen Gelüsten geopfert werden. Camilla Jellinek-Heidelberg. Frau Jellinek hat uns die Veröffentlichung der vorstehenden Ausführungen unter Berufung auf Z 11 des Preßgesetzes als Ukas zugeherrscht unter Verzicht auf alle die Formen, die unter gebildeten oder wenigstens höflichen Menschen sonst üblich zu sein pflegen. Es ist natürlich der Dame eigene Sache, daß sie sich selbst aus dem Kreise der Leute ausscheidet, die so bescheidenen Ansprüchen an ihr« persönliche Entwicklung genügen. Dagegen müssen wir ihr mit allem gebührenden Respekt bemerken, daß sie sich völlig zu Unrecht auf ß 11 des PreßgesetzeZ beruft. Die auf„soziale Ge- sinnung" geeicht« Frau Jellinek scheint keinen blauen Dunst davon zu haben, was dieser Paragraph eigentlich besagt, und daß er ihr auch nicht ein Titelchen formalen Rechtsanspruchs darauf gewährt, in der„Gleichheit" zum Wort zu kommen. Trotz des§ 11 wäre es unser formales Recht gewesen, ihre Einsendung als belanglose Stilübung in den Papierkorb zu werfen. Dagegen haben wir eS jetzt wie jederzeit als unsere moralische Pflicht gehalten, Ange« griffen«» die Möglichkeit zu geben, ihre Sache zu verteidigen. Was dies« Sache aber selbst anbelangt, so hat die Heidelberger Frauen- rechtlerin in Wirklichkeit das nicht berichtigt, was den Ausgangs- und Mittelpunkt der Streitsrage anbelangt. Das war nicht bloß das geforderte Verbot des Kellnerinnenberufs, sondern die Begründung, die Frau Jellinek ihrer Forderung gegeben hatte, nämlich die Unsitt- lichkeit des Berufs. Indem sie die Kellnerinnen ohne weiteres den Prostituierten gleich wertete, hat sie ihnen eine schwere Beleidigung zugefügt. Dagegen und nicht nur gegen das Verbot des Berufs haben sich die Kellnerinnen in München und Nürnberg gewehrt, und das hat Genossin Grünberg zurückgewiesen. Das ganze Ge- seire von„wahr" und„unwahr" rührt auch nicht mit einer Silbe an diesen Tatbestand. Was aber das„wahr" und„unwahr" über die Stellung von Frau Jellenik zum Verbot des Kellnerinnenberufs anbelangt, das auch nicht mit einem einzigen sachlichen Grund zu stützen gesucht wird, so verwahrt sie sich ganz überflüsstgerweis« gegen den Verdacht, sie könne etwas gelernt haben. Wohl alle Leserinnen der„Gleichheil" haben begriffen, daß Genossin Grün- bergs Wendungen von dem„Umsatteln" usw. ironisch gemeint waren. Nur Frau Jellinek ist das entgangen. Aber freilich: wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte die Dame ja nicht mit einer neuen Berichtigung an die Öffentlichkeit treten können. Welcher Schade für die aufhorchende Mit- und Nachwelt und— für Frau Jellinek Frauenstimmrecht« Ein allgemeiner WahlrechtSkougrcst der schwedischen Frauen ist in Stockholm abgehalten worden. Die Veranstaltung ging von der„Schwedischen Landesvereinigung für das poli- tische Frauenwahlrecht" aus und war von mehr als Svo Dele- gierten besucht, welche die verschiedensten Landesleile und Parteien verlraten. Auch bekannte Genossinnen nahmen an dem Kongreß teil. Die„Landesvereinigung" erklärt sich nämlich prinzipiell als eine politisch neutrale Organisation, die lediglich Fraueninteressen dient. Das ist unseres Erachtens eine Illusion, die nur dort festgehalten werden kann, wo die Klassengegensätze nicht schroff aufeinander- prallen, nicht mit aller Wucht auch in das Leben der Frauen ein- greifen, dort in ihren Wirkungen nicht bewußt empfunden und ge- würdigt und in politische Aktionen umgesetzt werden, die Bedeutung beanspruchen können. Mit der größeren Zuspitzung der Wirtschaft- lichen und sozialen Zustände in Schweden und der wachsenden Wichtigkeit der Frauenbewegung war in den Kreisen der schwedischen Frauen selbst der Glaube an die politische Neutralität der„Landes- verelnigung" ins Wanken geraten. Das kaiu zum Ausdruck, alS eine ausgesprochen konservative Frau mit der Leitung der Organi- sation betraut wurde und Bittgänge der Frauenrechtlerinnen vor den Königsthron erfolgten. Auf der Tagesordnung des Kongresses stand denn auch ein Vortrag von Fräulein Wahlquist-Sundsvalt über„Parteipolitik und Frauenwahlrechtssrage". Er gipfelte in der Forderung, daß die„Landesvereinigung" ihre bisherige poli- tische Neutralität bewahren müsse. Der proklamierte Grundsatz stieß auf keinen Widerspruch, was jedoch kein Beweis dafür ist, daß er sich auf die Dauer tatsächlich in der Wirklichkeit durch- zusetzen vermag, sondern nur die verhältnismäßige geschichtliche Unreife der Verhältnisse und ihr entsprechend die theoretische Uli- klarheit der Frauen bekundet. Mit anderen Worten: er hat nur die Bedeutung eines frommen Wunsches, aber nicht die einer Kraft. welche die soziale Entwicklung zu meistern vermag. Und als frommer Wunsch konnte er nur unangefochten bleiben, weil der Kongreß zur zentralen Frage der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts— allgemeines Frauenwahlrecht oder Damenwahlrecht— keine Stellung nahm. Wäre das der Fall gewesen, so hätte di« politische Neutralität der Frauenrechtlerinnen sofort ihr Ende er- reicht. Dafür spricht schon die Talsache, daß keine der schwedischen Frauenrechtlerinnen auf dem Internationalen Frauenstimmrechts- kongreß zu London für das allgemeine Frauenwahlrecht eingetreten ist. Unsere Genossinnen Ruth Gustafson und Kala Dalström haben in wackerer, wohldurchdachter Weise das allgemeine Frauenwahlrecht gefordert und begründet. Genossin Gustafson berichtete über die Wahlrechtsarbeit der sozialdemokratischen Frauen und führte dabei aus, daß die Proletarierinnen sich nicht mit einem Nr. 22 Die Gleichheit Mahlrecht zu den Bedingungen begnügen fönnen, wie fie jetzt für Die Männer gelten, denn da würden viele arme Frauen und Mütter polttisch rechtlos bleiben. Jede Wahlrechtsreform, welche den Emps fangerinnen von Armenunterstützung politisches Recht vorenthalte, müne befämpi merden. Jede opportunistische Politik in der Wahlrechtsfrage schade der Cache des weiblichen Geschlechts. Ges noffin Dalström bob besonders hervor, daß die Genossen gegenwärtig mit aller Kraft am Werke sind, um das allgemeine Frauenmahlrecht zu erringen. Nach den uns vorliegen= ben Berichten haben die Ausführungen der Genossinnen auf dem Rongreß fein Echo gefunden. Nur traten einige Redne rinnen dafür etn, daß arme Mütter mit unversorgten Kindern außerhalb der Armenpflege, durch besondere Einrichtungen, in der Ari der dänischen freien Hilfskaffen, unterstügt werden sollten. Zur Wahlrechtsfrage selbst nahm der Kongreß eine Refolution an, welche fich über die Art des zu ertämpfenden politischen Frauenrechts ausichweigt, also einer Klärung des wichtigsten Bunfies ausweicht. Die Resolution besagt lediglich, die diesjährigen Heichstagsverhandlungen bätten gezeigt, daß die Gegner der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Frau in der Ersten Kammer figen. Des weiteren fordert sie die Frauen auf, an den bevorfrebenden Landsthings- und Stadtverordnetenwahlen planmäßig und energisch teilzunehmen, weil ihr Ausfall für die Zusammensetzung Der Ersien Kammer maßgebend ist. Es sei bemerkt, daß in Schweden die selbständigen Frauen ein kommunales Wahlrecht haben, das jedoch weder allgemein noch gleich, sondern nach der Steuerleistung abgestuft ist. Der Kongreß beschäftigte sich noch mit anderen Fragen, die in einschneidender Wene Fraueninteressen berühren. Bei den dazu erhobenen Forderungen wurde einleuchtend nachgewiesen, wie bedeutsam der Besiz des Wahl.echts für ihre Verwirklichung ist. So sprach sich der Kongres für die Geltung des Grundsages aus: gleicher Lohn für gleiche Leistung" und für eine e orm der Ehegesezgebung, welche die Vormundschaft des Wannes über die Frau beseitigt. Genolfin Dalström wies in einem Vortrag über: Die Arbeiterfrauen und die Politik nach, daß in Hinblick auf die soziale Gefeßgebung, auf Frauen und Kinderschuz, Wutterschaftsfürsorge, aut das Schulweten, die Armenpflege uw. Die Mitwirkung der Frauen an der Gesetzgebung und Verwaltung notwendig sei, daß aber nur das allgemeine Wahlrecht den Proletarierinnen ermögliche, ihre diesbezüglichen Interenen zu wahren. In einem Vortrag über die Alkoholfrage forderte Sigrid Kruse für die Frauen das Recht, an der Wahlurne und im Reichstag den gefährlichsten Feind des Heims und der Jugend au betampjen". Außer den Sizungen des Kongresses fanden mehrere öffentliche Bersammlungen statt, die durch Wassenbesuch den Beweis erbrachten, daß die Forderung des Frauenwahlrechts rajch an Boden gewinnt. Die Versammlungen waren teils von der Landesvereinigung“, teils von den Genolsinnen veranstaltet worden. In zwei Vers fammlungen hielt Genoffin Gustafson einen inhaltsreichen Vortrag über„ Die Verantwortlichkeit der Frau in der Gesellschaft". Sie endete mit den schönen Worten:" Nicht länger soll es unter uns arme, gequälte und gleichgültige Frauen geben. Wir wollen aufgeklärte, intelligente, frete Frauen haben, die ihre verantwortungsreichen Aufgaben untervernünftigen, alle beglückenden Gesellschafts verhältnissen auch bewußt erfüllen können." Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Ein Rückblick auf die sozialistische Bewegung in Finn land. Die finnische Sozialdemokratie fonnte am 20. Juli auf die eriten zehn Jahre ihrer Geschichte zurückblicken. Aber sie ist ja nicht nur sich selbst verantwortlich, sondern auch der sozialistischen Internationale, der sie eingegliedert ist, daher sei auch an dieser Stelle turz ihrer seitherigen Entwicklung gedacht. Die finnischen Arbeiter traten in einer außerordentlich schweren Zeit unter das Banner der roten Internationale. Der Diktator Bobrikow wütete damals gerade mit schier schrantenloser Polizeiunvernunft. Trozdem hat sich die Partei nicht nur erfreulich entwickelt, sondern sie hat auch herrliche Siege erkämpft! Es ist das Verdienst der Sozialdemokratie, daß die russische Polizeiwirtschaft in Finnland in dem revolutionären Generalstreif 1905 niedergerungen und be seitigt wurde. Auf den Trümmern der zusammengestürzten Ges waltherrschaft pflanzte das finnische Volt die Fahne der Freiheit auf, und auf diesen Trümmern erfämpfte die finnische Arbeiters partei das allgemeine Wahlrecht, und zwar das demotra. tischste Wahlrecht in Europa, das gleiches Recht auch für die 351 Frau gibt. 1907 zog die sozialdemokratische Fraktion nach hartem, aber siegreichem Wahlkampf mit 80 Mandaten in die Voltsvers tretung ein, wo sie sich ebenfalls in heißem Ringen ihre Volition eroberte. Ats mächtigste Bartei wirfte sie in der Voltsvertretung, deren Eroberung ihr eigenftes Werk war. Als ir Werf darf sie es auch ansprechen, daß zum erstenmal in Europa Frauen in ein staatliches Parlament eintraten. Die sozialdemo fratische Fraftion zählte 9 Frauen, und ihren 80 Abgeordneten standen 120 Bürgerliche gegenüber. Bei den Wahlen von 1908 gewann die Sozialdemokratie 83 Mandate, wovon 13 an Frauen gefallen waren, und aus dem Wahlkampf im Wiai dieses Jahres ging fie mit 84 Abgeordneten hervor, darunter 12 Frauen. Die Sozialdemokratie mint sich jetzt im Varlament mit 116 bürgerlichen Vertretern. Im Herbit 1908 wurde wiederum in bartem Kampje eine neue Gemeindeordnung errungen, die der Frau auch in der Gemeinde das gleiche Wahlrecht mit dem Manne gewährt und das Landeswahlrecht auf die Kommunalwahlen überträgt. Leider konnte das Gesetz noch nicht in Kraft treten und wird auch in der angenommenen Form faum in Kraft treten, da das russische Ministerium eine neue Rechtspraxis erfunden hat. Danach erklärt es Geseze für michtig, welche von Volfsvertretungen beschlossen wurden, die später von dem Zaren aufgelöst worden sind. Durch die Auflösung soll das Portament leine gefeßliche Basis verlieren, und seine Arbeiten sollen damit binfällig werden, obgleich seine Beschlußfassungen vor der Auflötung allen gültigen Rechtsnormen entsprochen haben. Um das Kommunalwahlgefez werden also neue Kampje entbrennen und die höchste Krananitrengung seitens der Bartet erfordern. Die Festigkeit der Partei gibt die Gewähr, daß trog des Tobens der Realtion das Gesez nicht wesentlich vers schlechtert werden tann. Die finnische Sozialdemokratie wurde vor zehn Jahren von 84 Arbeitervereinen gegründet, denen im gleichen Jahre noch weitere 80 beitraten, to daß die Wiitgliederzahl am Schlusse des Jahres 9446 betrug. 1901 war die Zahl der Bereme auf 31 und die der Mitglieder auf 5849 zusammengeschrumpft. Die Polizeiwillfür Bobs ritoms läßt das erklärlich erscheinen. 1902 fegte ein frischer Zug ein. Die Zahl der zur Partet gehörigen Vereme stieg um 10, die Zahl der Mitglieder wurde mit 8151 angegeben. 1903 erreichte die Zahl der Vereine 66, die der Mitglieder 13513. Das folgende Jahr sah einen Zuwachs von 33 Weremen, die Mitgliederzahl war schon auf 16 610 angewachsen. Das Revolutionsjahr 1905 ließ die Zahl der angegliederten Vereine auf 177 und die der Witglieder auf 45 298 anmachien, und seine Wirkung zeigt sich im folgenden Jahre in bem Riesentprung au 937 Vereine und 85027 Witglieder. Der legte vorliegende bericht gilt für 1907, er in aber unvollständig, weil 197 Organisationen ihre Whitgliederzahl nicht angegeben haben. Die Vereine find auf 1156 und die Einnahmen von 1080875 fin nischen Mark( 1906) auf 2468966 finnische Wharf( 1907) angewachsen. Ein Zuwachs der Mitglieder läßt sich daraus unschwer tonnatieren. In welcher Weise die Frauen sich an der Entwicklung der Partei beteiligten, das veranschaulichen uns folgende Angaben. Die Zahl der zur Partei gehörigen weiblichen Mitglieder betrug feit 1899: 1009, 1607, 1063, 1496, 3013, 3898, 9575, 18986. Der Rückgang der weiblichen Witglieder in den Jahren 1900 und 1901 war weniger groß als der der Männer. Die finnischen Frauen haben von Anfang an regen Anteil an der Parteiarbeit genommen. Besonders in den Verfassungsfämpfen von 1905 und 1906 haben ne fich so energisch, autoprernd und verständnis voll betätigt, daß man ohne Rückhalt sagen tann: die für das weibliche Geschlecht erworbenen Rechte hat die Frau, die proles taruche Frau selbit erkämpft. Sie hat es verstanden, die Situation zu ihren Gunsten voll auszunuzen, so daß ihr nicht langer eine Ausnahmestellung als Rechtloje zugewiesen werden konnte. Und auch nach der Erringung der politichen Rechte hat die Prole tarterin gezeigt, daß der Plag, den sie sich eroberte, mit Recht ihr gehört. Die finnische Arbeiterin und Arbeiterfrau treiben selbstvers ständlich keine Geschlechtss, sondern Klassenpolitit. Sie erheben daher nicht Anspruch auf 50 Prozent der Abgeordnetensize, sondern sie geben ihre Stimme den Kandidaten ohne unterschied des Geschlechts, welche die Majorität der Partei als die geeignetsten im Dienste des sozialistischen Jdeals aufstellt. Und es tann mit Genugtuung tonstatiert werden, daß die proletarische Frau fich an den Wahlen in demselben Verhältnis beteiligt wie der Wann. Durch ihre fluge und flare Politik hat die finnische Sozialbemokratie bereits 40 Prozent aller Wähler des Landes um sich geschart. Die für die Sozialdemocratie abgegebene Zahl der Stim. men betrug bei den legten Wahlen 336 896. Der Ausstieg in Projenten war: 1907 87,01, 1908 38,43, 1909 40 Prozent. Ein steter Fortschritt! Bei gesunder, ungehemmter Entwicklung würde die 352 Die Gleichheit Partei im Parlament bald die Majorität erlangen. Das weiß auch die Bourgeoisie und die russische Reaktion. Daher die nie abreißenden Ränte zur Knebelung des Volkes, die jetzt mit besonderer Energie betrieben werden. Dazu noch die Gefahr, die der natio nalen Selbständigkeit Finnlands russischerseits droht. Die finnische Sozialdemokratie kann mit Stolz in die Vergangenheit und mit Vertrauen in die Zukunft schauen. Die errungenen Siege stählen den Mut zu neuen Kämpfen. Und unsere Losung ist der Rampf allwege. Mit frohem Mut schreiten wir vorwärts! Wir wissen, daß uns die herzlichste Solidarität der roten Internationale begleitet. X.- Helsingfors. Die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Arbeite rinnenverbandes hat kürzlich in Winterthur stattgefunden. 29 Delegierte und mehrere Gäste hatten sich dazu eingefunden. Aus dem Jahresbericht des Zentralvorstandes sei das Wichtigste hervorgehoben. Die Reorganisation des Gewerkschaftsbundes machte den Austritt des Verbandes aus ihm notwendig. Frau Faas im Arbeiterinnensekretariat und in der Redaktion der ,, Borkämpferin" wurde durch Genossin Walter- Winterthur ersetzt. Durch Genossin Dolinger- Berlin ließ der Vorstand eine Agitation entfalten, und er wirkte am Zustandekommen der Heimarbeit ausstellung mit. Die Verbandsvorsitzende, Genoffin Dunkel, gab zu dem Bericht mündliche Erläuterungen. Nach dem Kaffenbericht der Kassierin, Genoffin Zinner, betrugen die Einnahmen 1202,55 Fr., die Ausgaben 1092,20 Fr., und das Vermögen stellt sich mit Einschluß des Preßfonds der„ Vorfämpferin" auf 1093 Fr. Das Blatt hat zum erstenmal einen überschuß von 104 Fr. ergeben. Die Settionsberichte lassen wiederum erkennen, daß in manchen Arbeiterinnenvereinen reges geistiges Leben herrscht. An den verschiedenen Aktionen der gesamten organisierten Arbeiterschaft der einzelnen Drte beteiligten sich unsere Genossinnen ebenfalls. Dem Berband gehören 16 Sektionen mit zirka 1000 Mitgliedern an. Auf Antrag der Züricher Delegierten wurde beschlossen, durch eine Eingabe an das eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement in Bern darauf hinzuwirken, daß das im Strafgesehentwurf vor gefehene Strafminimum von zwei Jahren Gefängnis für Abtreibung gestrichen und dem Richter die freie Würdigung jedes einzelnen Falles überlassen werde. Die Versammlung trat dem Antrag des Zentralvorstandes bei, die Sektionen zu veranlassen, Erhebungen über die Erwerbstätigkeit von Kindern vorzunehmen. Genossin Walter hielt einen Vortrag über die Agis tation zur Ausbreitung und Stärkung des Verbandes, wobei sie namentlich auch über die Förderung der sozialdemokratischen Jugendorganisation sprach, die neue Mitglieder für die Bu funft garantieren werde. Den Sektionen wurde die Frage zur Diskussion unterbreitet, ob nicht ein Wiederanschluß an den Ge werkschaftsbund und die entsprechende gewerkschaftliche Reorganisation des Verbandes erfolgen solle. Der zielbewußten Vorfämpferin" wurde die Aufgabe zugewiesen, diese Diskussion ziels bewußt zu fördern. Als Vorort des Verbandes wurde einstimmig wieder Winterthur bestätigt. Mögen die Verhandlungen und Beschlüsse der Delegiertenversammlung dazu beitragen, den Verband weiter zu stärken und seine Bedeutung für die gesamte Arbeiterbewegung zu erhöhen. " Z. I. K. Die holländischen Genoffinnen im Wahlkampfe. In Holland haben die Wahlen zum Parlament und zu den Gemeinderäten stattgefunden. Die sozialdemokratische Partei fann mit Genugtuung auf sie zurückblicken. Sie brachten uns nicht nur einen starten Stimmenzuwachs in den Großstädten und einigen Industriebezirken, sondern alle Genofsinnen und Genossen find wohl darüber einig, daß die letzte Wahlkampagne eine mäch tige propagandische Wirkung auf die Massen ausgeübt hat. Erfolg wirkt ermutigend, und so hat auch dieser Erfolg dem inneren Parteileben sehr wohl getan. Innerlich und äußerlich gestärkt ist die holländische Sozialdemokratie aus diesen Wahlen hervorge gangen. Der Sozialdemokratische Frauenbund benügte die ausgezeichnete Agitationsgelegenheit, welche die Wahlen bieten. Er hat die sozialistischen Ideen unter die Masse der Frauen ge tragen, welche die Genoffinnen sonst schwer erreichen können. Der rührigsten Tätigkeit der Organisation unter den Proletarierinnen war die Situation um so günstiger, als die Wahlparole lautete: Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht für Männer und Frauen. Ein besonderes Wahlflugblatt unseres Organs wendete sich an die Frauen und legte ihnen in einfacher und klarer Sprache das große Interesse dar, welches die Arbeiterinnen wie die Ar beiterfrauen an der Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer und Frauen haben. Das Flugblatt wurde durch Hauss agitation dort verbreitet, wo auch die Frauen einiges Interesse für öffentliche Angelegenheiten bekundeten. Die Adressen der Nr. 22 Empfängerinnen sind gesammelt worden, und die Mitglieder des Bundes werden diese Frauen aufsuchen und durch Aufklärung für die Bewegung zu gewinnen trachten. Wir zweifeln nicht, daß die Hausagitation unter den Frauen, wenn sie eifrig und geduldig weiter geführt wird, gute Früchte für den Bund wie für die Ver breitung seines Organs tragen wird. Denn das haben uns die Wahlen gezeigt: bei vielen Frauen hat die frühere Gleichgültigkeit dem Interesse für unser Streben den Platz räumen müssen. Diese Tatsache rechtfertigt die Hoffnungen auf zukünftige Erfolge. Wir kennen die Umstände, welche noch zahlreiche Proletarierinnen der Bewegung fernhalten: Tradition, das Neue, Ungewohnte des Versammlungsbesuchs, vielerlei, zu viel häusliche Beschäftigungen, bie Anspruchslosigkeit der Frau, die es als selbstverständlich hin nimmt, daß jeder eher sein Recht haben soll, als die Mutter, die Gattin, die festgewurzelte Meinung, daß für alles eher Geld ausgegeben werden dürfe, als für ihre Zwecke und Interessen. Deswegen müssen wir zu diesen zahlreichen Frauen gehen. Mündliche Hausagitation und Verbreitung unseres Organs sind Mittel, die zum Ziele führen. Die Genofsinnen werden diese Mittel gründlich benutzen, um die Ideen des Sozialismus unter die proletarischen Frauenmassen zu tragen. H. Ankersmit- Amsterdam. Frauenbewegung. Durch eine billige, aber eigenartige Wohltätigkeit macht sich der Zweigverein Koblenz des katholischen Frauenbundes verdient". Er hat eine sogenannte Brockensamm Iung geschaffen, die den doppelten Zweck verfolgt, eine„ billige Raufgelegenheit für die wirtschaftlich schwachen Mitbürger" und eine Unterstützungsquelle der durch den Frauenbund gegründeten Wohlfahrtseinrichtungen" zu sein, denen der Gewinn der Einrich tung zufließt. Durch Zeitungsnotizen fordern die Damen des Ver eins ihre Mitbürgerinnen auf, der Brockensammlung Gebrauchsgegenstände, Kleider, Wäsche und dergleichen zu schenken, um sie an Bedürftige zu verkaufen, und zwar angeblich zu billigen Preisen. Aber nur angeblich, davon überzeugte sich die Unterzeichnete bei einem Besuch der Brockensammlung. Alte zerfezte Kleidungsstücke, die zu verschenken eine Arbeiterfrau sich schämen würde, Küchengeräte, denen von dem früheren Emaille nicht mehr viel anzusehen ist, und wie man sie an den Abfuhrstellen der Müllwagen sieht; alte verwaschene Hauskleider, Unterröcke, die aussehen, als hätten bie Dienstmädchen der Damen sie abgelegt, und„ Brocken" ähnlicher Art werden dort zum Verkauf angeboten. Waschröcke, die nach der Schäzung der Schreiberin dieser Zeilen neu nicht mehr als 2 Mr. wert sind, fosten dort alt und abgetragen 60 Pf. Mit 2 Mt. war ein zusammengestoppelter Rock tagiert, nach dessen Preis sich die Unterzeichnete erkundigte. Die Damen, die dort in höchsteigener Person einige Stunden in der Woche als Verkäuferinnen fungieren, wollten ihn ihr gnädigst für 1,80 Mt. überlassen. Bei näherer Besichtigung stellte sich heraus, daß er sehr fadenscheinig und gestopft war und unter dem Plissee Löcher hatte. Als die Unterzeichnete ihn näher prüfte und mit der Hand befühlte, wurde ihr gesagt:„ Reißen Sie ihn nicht noch mehr entzwei!" Findet eine Käuferin die Sachen für den verlangten Preis zu schlecht, so erhält sie die schnippische Antwort: ,, Wär's noch gut, so wär's nicht hier. Die Preise sind fest tagiert, und darunter verkaufen wir nicht." Es sollen sich manchmal auch bessere Sachen unter dem alten Plunder befinden, aber alles in allem verdient die Einrichtung den Namen Brockensammlung. Daß die Damen ihr Geschäft verstehen, beweist der letzte Kassenbericht des Vereins, der auf der Hauptversammlung im Februar d. J. für 1907 und 1908 erstattet wurde. Nach ihm brachte die Brockensammlung 2500 Mt. ein, etwa 80 Prozent der Gesamteinnahmen der bürgerlichen Organisation. 2500 Mt. waren also aus den Taschen der Armen in die Hände wohlhabender und reicher Damen geflossen, die sich ihres wohltätigen Sinnes und Tuns rühmen. Die Armen hatten für ihr Geld die alten Brocken erhalten, welche den reichen, frommen Damen und ihresgleichen nicht mehr gut genug waren. Die Reichen aber waren ihren Trödel preiswert" los geworden und ließen sich noch obendrein wegen ihrer charitativen Tugend" preisen. Wer hinter die Kulissen guckt, der sieht, daß diese Art sozialer Fürsorge" nicht nur spottbillig kommt, sondern sich in jeder Hinsicht bezahlt macht. Die Armsten der Armen bringen selbst die Mittel für die„ guten Werke" der Damen auf. Es geht nichts über die Findigkeit bürgerlicher Wohltäterinnen"! Eine Koblenzer Arbeiterfrau. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. " Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.