Nr. 23 19. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft viertelfährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Stuttgart 16. August 1909 Buschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundet), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Inhaltsverzeichnis: Aufruf zur Unterstützung der Aussperrung und des allgemeinen Streits der Gewerkschaften Schwedens. Der Generalstreit in Schweden. Jutekapitalisten und Jutearbeiter. Von H. Jäckel. Der Tiroler Aufstand im Jahre 1809. II. Von Dr. Wilhelm Hausenstein. Die Hinterbliebenenversicherung. Vortrag von Ed. Gräf auf dem Krankenkaffenfongreß in Berlin. Frauenarbeit in der Landwirtschaft Pommerns. Von Ernst Mehlich. Proletarierlos. Von Klara Wehmann. Aus der Bewegung: Auguste Kadeit+. Von der Agitation.- Von den Organisationen. Jahresbericht der Genossinnen zu Lübeck. Politische Rundschau. Von H. B.- Gewerkschaftliche Rundschau. Der Verband der Buch- und Steindruckereihilfsarbeiter und-arbeiterinnen Deutschlands. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Heimarbeiterschutz.- Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Soziale Gesetzgebung. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Landarbeiterfrage.- Fürsorge für Mutter und Kind. Aufruf zur Unterstützung der Aussperrung und des allgemeinen Streiks der Gewerkschaften Schwedens. Den Gewerkschaften Schwedens ist durch das organisierte Unternehmertum das letzte Mittel aufgezwungen worden, der allgemeine Streik, der am 4. August begonnen hat. Auf den Widerstand der Arbeiter in der Konfektion und in der Zelluloseindustrie antworteten die Unternehmer mit Aussperrungen der gesamten Arbeiter dieser Berufe. Darauf stellte der Schwedische Arbeitgeberverein, die Zentrale der größten Unternehmerverbände, den Gewerkschaften das Ultimatum, daß am 26. Juli die Arbeiter der Holzschleifereien, Sägewerke und der Textilindustrie ausgesperrt würden, denen am 2. August die Arbeiter der Eisenwerke folgen würden, falls nicht bis dahin die Konflikte zu den Unternehmerbedingungen beendet seien. Diesen Aussperrungen sollten weitere Lockouts folgen. Die Gewerkschaften Schwedens beschlossen auf einer Vorständekonferenz, die Friedensverhandlungen weiterzuführen, auf die Verwirklichung der Generalaussperrung am 26. Juli und 2. August aber mit der allgemeinen Arbeitseinstellung aller Gewerkschaften am 4. August zu antworten. Von der Arbeitsniederlegung sollen unberührt bleiben die Arbeiter, die bei der Wartung franker Menschen, bei Pflege der Tiere und bei der öffentlichen Beleuchtung, Wasserversorgung und Reinigung beschäftigt sind. Jede statutarische Unterstützung während dieses Kampfes wird eingestellt; die vorhandenen Mittel bleiben reserviert, um der dringendsten Not zu steuern. Den in Arbeit verbleibenden Mitgliedern wird ein hoher Extrabeitrag auferlegt. Die Aussperrungen am 26. Juli und 2. August sind dem Programm des Arbeitgebervereins gemäß erfolgt, worauf der allgemeine Abwehrstreik der Gewerkschaften am 4. August seinen Anfang nahm. 83 000 Arbeiter sind ausgesperrt; 250 000 dürften insgesamt am Kampfe beteiligt werden. Die Landeszentrale der Gewerkschaften Schwedens ist sich vollständig klar darüber, daß ein Kampf von solcher Ausdehnung in kürzester Frist entschieden sein muß, und daß selbst die größten verfügbaren Mittel nicht ausreichen würden, alle Kämpfer genügend unterstützen zu können. Gleichwohl appelliert sie an die Solidarität der organisierten Arbeiter aller Länder, ihre Brüder in Schweden in diesem ihnen aufgedrungenen Kampfe nach besten Kräften zu unterstützen. Denn ein Riesenkampf wie dieser hinterläßt selbst bei kürzester Dauer tiefe Wunden. Die Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands hat unverzüglich alle Schritte eingeleitet, um diese Hilfe ins Werk zu setzen, und die Vorstände der Zentralverbände haben dem Antrag der Generalfommission auf sofortige Einleitung einer Sammlung für die kämpfende schwedische Arbeiterschaft zugestimmt. Wir richten nunmehr an die organisierte deutsche Arbeiterschaft die dringende Bitte, rasch und willig zur Unterstützung ihrer Kampfgenossen in Schweden beizutragen. Keiner entziehe sich dieser Pflicht der Arbeitersolidarität. Die Gewerkschaftskartelle werden ersucht, die Sammlung an ihrem Orte zu zentralisieren. Alle Geldsendungen sind zu richten an H. Kube, Berlin SO 16, Engelufer 14. Auf den Postabschnitten ist anzugeben, daß der Betrag für Schweden bestimmt ist. Die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands: C. Legien. Der Generalstreik in Schweden. Die vorstehende Veröffentlichung der Generalfommission der deutschen Gewerkschaften ruft die klassenbewußten Proletarier Deutschlands zur treuen Erfüllung einer selbstverständlichen Pflicht internationaler Solidarität auf. Als Preisfechter der Ausgebeuteten aller Länder stehen die werktätigen Massen Schwedens im Generalstreit. Denn wenn sie sich auch zunächst der eigenen Haut wehren, die ihnen ein ebenso profitgieriges als beschränkt- progiges Unternehmertum abziehen möchte, so dienen sie bei der Solidarität der Klaffenlage und der Klassen Mit Gruß interessen, welche die Proletarier aller Länder verknüpft, doch damit auch dem Wohle, dem Befreiungskampf ihrer Brüder und Schwestern außerhalb Schwedens. Es ist nicht das erstemal, daß die schwedische Arbeiterklasse im Bewußtsein ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und im Vertrauen auf ihre eigene Macht zur wuchtigen Waffe des Massenausstandes greift. Bereits 1902 hat sie diese unter Führung der Sozialdemokratie in einem kurzen Demonstrationsstreit erprobt, der einem politischen Zwecke, der Wahlrechtsreform galt. Jm wohldisziplinierten Anlauf errang sie damals einen halben Sieg. Noch zu schwach, die sozialdemokratischen Wahlrechts 354 Die Gleichheit forderungen durchzusehen, war sie bereits stark genug, die reaktionären bürgerlichen Wahlrechtsanträge zurückzuschlagen und die ganze Frage in rascheren und fräftigeren Fluß zu bringen. Nach fieben Jahren hat das schwedische Proletariat das gewaltige Schlachtschwert des Massenstreits abermals gezückt. Heute unter Führung der zentralisierten Gewerkschaften im wirtschaftlichen Kampfe. Aus einem langwöchigen Konflikt zwischen den Arbeitnehmern und Arbeitgebern in der Herrenkonfektion und der Zelluloseindustrie ist er hervorgewachsen. Aber es hat sich bald gezeigt, daß hinter den Unternehmern dieser Gewerbegruppen das kapitalistische Ausbeutertum des ganzen Landes steht. Das will die Krise, welche ohnehin die Lohnsflaven blutig geißelt, seinem maßlofen Beutebegehren nutzbar machen. Es trachtet danach, den Werftätigen die Errungen schaften wieder abzujagen, die sie mit Hilfe ihrer Gewerkschaften in der Zeit des flotten Geschäftsganges ertrotzt haben. Es möchte den Standpunkt des Herrseins im Hause mit Brutalität zur Geltung bringen und daher den Arbeitern und Arbeiterinnen jedes Mitbestimmungsrecht bei Festsetzung der Arbeitsbedingungen rauben. Vor allem aber steht sein Sinn nach der Weißblutung, der Zerschmetterung der Gewerkschaften. Eine seit Jahren schon geübte Aussperrungspraxis großen Stils soll sie herbeiführen. Das organisierte Unternehmertum wollte auch jetzt mit dieser Praxis auf den Plan treten. Die Gewerkschaften aber sind der Generalaussperrung mit dem Generalstreit zuvorgefommen. Der Kampf in zwei Industrien wurde zum erbitterten Ringen zwischen Kapital und Arbeit im ganzen Lande. Die Parole der Gewerkschaftsvorstände:„ die Hände von der Arbeit" ist mit bewunderungswürdiger Einmütigkeit auf genommen worden. Von etwa 530000 Arbeitern, die in Schwedens Industrie, Handel und Verkehr beschäftigt sind, befanden sich in den ersten Tagen nach der Proflamierung des Maffenstreits bereits 300000 im Ausstand. Das sind viele Zehntausende mehr, als die dem Landessekretariat angegliederten Gewerkschaften umschließen, deren Gesamtmitgliederstand rund 162000 beträgt, ja als in Schweden überhaupt gewerkschaftlich organisierte Arbeiter- 230000- gezählt werden. Die Losung der führenden zentralisierten Gewerkschaften hat also nicht nur alle Organisierten ohne Unterschied der Richtung ergriffen, son dern auch breite Maffen der Unorganisierten gepackt, von denen fich täglich neue Scharen um das Banner des Streits scharen. Und gerade diese Tatsache gehört zu den hervorstechendsten Bügen des Kampfes und wird von wesentlichem Einfluß auf seinen Ausgang sein. Ein Massenstreit, der mehr als ein Aufmarsch, eine drohende und warnende Schilderhebung sein soll, kann sich nicht auf die Kreise der Organisierten und Ges schulten beschränken. Er muß über sie hinausgreifen, aber von ihnen- als den führenden Kerntruppen- Ziel, Richtung, Disziplin erhalten. Und diese Vorbedingungen eines entscheis benden Sieges in einem ernsten Kampfe scheinen in Schweden erfüllt zu sein. Zu der glänzenden Einmütigkeit, mit welcher die werftätigen Massen wie ein Mann die Arme gefreuzt haben, gesellt sich eine musterhafte Disziplin. Die Posten und Ver trauensmänner der Streifenden sichern die Ordnung besser, als die Beauftragten der Klaffengesellschaft das tun fönnten. Die Streifleitung hatte wichtige Arbeitergruppen aus dem Rampfe ausgeschieden. So die Eisenbahner, die Arbeiter im Beleuchtungs, Straßenreinigungs-, Wasserversorgungsdienst, alle Personen, die mit der Krankenpflege oder der Wartung lebender Tiere usw. beschäftigt sind. Dadurch sollte zum Ausdruck kommen, daß der Kampf sich gegen die organisierten Unternehmer und ihre Aussperrungstaktik richte und nicht gegen die bürgerliche Gesellschaft überhaupt. Die bürgerliche Gesellschaft hat jedoch ihrerseits sofort befundet, daß sie in den brutalen Scharfmachern sich selbst bedroht, daß sie sich mit ihnen solidarisch fühlt. Sie hat ihre Polizei und ihr Militär gegen die Ausständigen mobilisiert und ein freiwilliges bürgerliches Schuttorps" geschaffen, das auf Kosten der Arbeitgebervereinigungen gespeist, beherbergt und besoldet wird. Zum Schutze der Ordnung, so heißt es, zur Provozierung und Niederzwin gung der Streifenden, so ist es. Die Leftionen der Tatsachen Nr. 23 vom arbeiterfeindlichen Wesen der bürgerlichen Gesellschaft ver fehlen ihre Wirkung nicht. In Stockholm rühren die Arbeiter in dem städtischen Gas- und Elektrizitätswerk die Hände nicht mehr, weil sie schlimmer wie Sträflinge bei der Arbeit militärisch bewacht wurden, die Eisenbahner und Buchdrucker wollen sich den Streifenden anschließen, und in mehreren Regimentern haben sich die Söhne des Volkes daran erinnert, daß das bunte Kleid sie nicht dem Leben ihrer Klasse entfremden darf. Soldaten stimmten die Internationale an und bezeugten durch andere Kundgebungen noch ihre Sympathie mit den Streikenden. In Ländern mit allgemeiner Wehrpflicht können die Ausbeutenden nicht ewig auf Bajonetten sizen. Wenn die proletarischen Maffen wiffen und wenn sie wollen, werden sich auch die Proletarier in des Königs Rock" darüber klar, wo der innere Feind" steht. In Fabriken und Werkstätten ruht die Arbeit, die Straßenbahnen haben den Verkehr eingestellt, keine Droschke, kein Auto, fein Laftwagen ist zu sehen, in den Häfen liegen Schiffe mit ungelöschten Ladungen und andere, die nicht befrachtet werden, die Zahl der Güterzüge nimmt immer mehr ab. Schon machen fich die Schwierigkeiten einer ausreichenden Versorgung der Städte mit Lebensmitteln bemerkbar, die Restaurants bleiben geschlossen oder speifen nur wenige, das Bürgertum denkt daran, sich Brot aus dem Ausland liefern zu lassen. Und in immer breiteren Wogen wälzt sich die Streifwelle über Schweden. Zur Zeit, wo wir schreiben, ist ihr Verebben noch nicht abzusehen. Mit jedem Zollbreit Land, das sie überflutet, mit jeder Stunde, in der sie weiterbrandet, nimmt sie einen Teil kapitalistischen Profits, fapitalistischen Herrendünfels und Herrenmacht mit fort. Weil der starke Arm des Proletariats es will, weil sein flares Hirn es denkt! Sie Wer wollte es leugnen, daß der Kampf auch dem Proletariat tiefe Wunden schlägt? Ist es doch die Klasse der Habenichtse, die hungern müssen, wenn ihre Hände feiern. Auch die stärkste und beste Organisation ist außerstande, die Träger eines so weit reichenden und tieffurchenden Massenkampfes genügend vor Not zu schützen. Daher haben die Gewerkschaften für die Dauer des Generalstreiks ihre statutarischen Bestimmungen über die Unterstützung der Mitglieder außer Kraft gesetzt. appellieren an den Idealismus jedes einzelnen, der in Erkennt nis des hohen Preises, um den es geht, zu den härtesten Entbehrungen, den schmerzlichsten Opfern bereit sein muß. Alle verfügbaren Mittel werden aber konzentriert, um die furchtbarsten Schläge der Hungerpeitsche abzuwehren. Auch dazu bedarf es Riefensummen, die nur das Ergebnis der reichsten Betätigung internationaler proletarischer Solidarität sein können. Schon hat die organisierte Arbeiterklaffe Norwegens den Kämpfern für die Dauer des Streits jede Woche eine Unterstügung von 40000 Kronen zugesichert, aus Dänemark werden ihnen wöchent lich etwa 30000 Mart zufließen. Das deutsche Proletariat wird seiner ehrenvollen Tradition getreu mit seiner tatkräftigen Hilfe nicht hinter anderen Bataillonen der roten Internationale zurückſtehen. Noch weniger, als sich bereits jetzt alle Einzelheiten des riesenhaften Kampfes überblicken lassen, ist es möglich, über feinen Ausgang zu prophezeien. Aber wie immer dieser ausfallen möge: schon die bloße Tatsache, daß dieser Massentampf Wirklichkeit wurde, ist ein nicht wegzudeutelnder Erfolg. Er kündet die Reife der Erkenntnis, die Kraft des Wollens, das männliche Selbstvertrauen eines Proletariats, das gewiß noch in mancher bevorstehenden Schlacht geschlagen, das aber nic mals in dem heiligen Kriege für seine Befreiung besiegt wer den kann. Er erweist die Unvermeidlichkeit und Bedeutung des Massenstreiks, als der revolutionären Bewegungsform des Proletariats; er erweist sie in einer Zeit, wo fluge Rechenmeister der fleinen Tageserfolge erklärten:„ Laßt uns nicht von ihm reden, denn er bleibt Generalunsinn". Das schwedische Proletariat empfängt die Spargroschen der internationalen Brüder, mit seinem Kampf eröffnet es ihnen dafür eine neue Fundgrube geschichtlicher Erkenntnisse. Seinem fühnen Wagen und fühlen Wägen der Dank der sozialistischen Internationale; seinem fühnen Wagen und fühlen Wägen der Sieg! Nr. 23 Die Gleichheit Jutekapitalisten und Jutearbeiter. Die Kapitalisten der Juteindustrie erleben glänzende Zeiten. Aus ihren Unternehmungen holen die Aktionäre goldene Früchte. Selbst die furchtbare Krise, unter welcher die gesamte Textilindustrie in den letzten Jahren seufzte, vermochte nicht die Rentabilität der Betriebe zu beeinträchtigen. Und die Direktoren der Gesellschaften sind keine Fanatiker. Sie bestehen nicht darauf, Herren im Hause zu sein. So sehr sie die Konkurrenz als eine wirksame Triebkraft der kapitalistischen Produktion anerkennen, so sehr sind sie doch mit Hilfe ihrer Organisation bestrebt, in bestimmten Grenzen die Konkurrenz des einzelnen auszuschalten. Sie üben Solidarität, unterwerfen sich willig den Beschlüssen ihrer Organisation und legen sich damit Beschränkungen auf, um ihren Unternehmen und sich selbst zu nüßen. Die Organis sation der Juteindustriellen arbeitet ausgezeichnet. Alle großen Betriebe, mit Ausnahme des in Landsberg a. W. befindlichen, gehören ihr an.„ Verband deutscher Juteindustrieller, G. m. b. H., Braunschweig" ist ihr Name. Den Vorsitz führt ein Braunschweiger Kommerzienrat. Neben den verschiedenen Sizungen des Aufsichtsrats findet allvierteljährlich im Hotel„ Continental" in Berlin eine Generalversammlung statt. Die„ Angelegenheiten unseres Arbeitgeberverbandes" bilden immer den ersten Punkt der Tagesordnung. Sodann werden all die verschiedenen Fragen eingehend besprochen, die den Einkauf des Rohstoffes, den Pro duktionsprozeß, den Verkauf der fertigen Ware usw. betreffen, entsprechende Beschlüsse werden gefaßt. Jedes einzelne Mitglied hat sich den Beschlüssen zu unterwerfen, bei deren Zustande tommen ein juristischer Beirat zur Seite steht. Die Form der Offerten und Verkäufe, Preise, sowie alle sonstigen beim Ver fauf von Garn und Geweben in Frage kommenden Bedingungen werden durch die Generalversammlungen festgesetzt. Besondere Spezialberichterstatter melden regelmäßig alles Wissenswerte über die Bewegungen auf dem Rohstoffmarkt. Das Duantum des Jahresproduktes der einzelnen Betriebe wird von der Vereini gung bestimmt. Jede technische Veränderung innerhalb eines Betriebs darf nur vorgenommen werden, wenn die General versammlung des Verbandes ihre Zustimmung gibt. So wollte zu Beginn dieses Jahres die Jutefabrik zu Bonn a. Rh. sechs neue Spinnstühle anschaffen, und zwar 2 Stück 3% i à 80 Spin deln, 2 Stück 4 i à 74 Spindeln und 2 Stück 5 i à 60 Spindeln, zusammen 428 Spindeln. Dafür wollte sie sieben Spinnstühle vernichten: 4 Stück 3% i à 64 Spindeln, 1 Stuhl 3% i à 52 Spindeln und 2 Stühle 4 i à 60 Spindeln, zusammen 428 Spindeln. Die Firma konnte das nur, nachdem der Gesamtvers band seine Zustimmung gegeben hatte, und diese wurde durch die Generalversammlung vom 18. Februar 1909 erteilt. Jn gleicher Weise haben eine ganze Anzahl anderer Betriebe um die Zu stimmung des Verbandes zur Vornahme technischer Veränderungen innerhalb des Betriebs nachsuchen müssen. Selbstver ständlich ist der jeweilige Bestand den Verbandsfunktionären genau bekannt. Damit keine dem Verband angeschlossene Firma den Beschlüssen zuwiderhandele, ist den Verbandsleitern das Recht gegeben, zu jeder Zeit durch sachverständige Personen die Geschäftsbücher und Betriebseinrichtungen zu kontrollieren. Bis ins kleinste beherrscht die Zentrale die einzelnen Betriebe. " Die Juteunternehmungen selbst fahren nicht schlecht dabei. Direktoren und Aktionäre kommen auf ihre Rechnung. Stellt man die am 31. Dezember und 31. März abschließenden Aktiengesellschaften zusammen, so ergibt sich nach der Leipziger Monatsschrift für Textilindustrie" bei den zwölf Werken, die einen Vergleich ihrer Dividendenergebnisse mit dem Vorjahr zulassen, mit einem Aktienkapital von 21 422000 Mt. für 1907 eine Dividenden summe von 2479 500 Mt. und 1908 eine solche von 2829500 Mt. oder durchschnittlich für je 100 Mt. Aktienkapital 1907 11,58 Mr. und 1908 13,21 Mt. Die gesamte Dividendensumme war demnach 1908 noch um 350 000 Mt. und die Durchschnittsdividende um 1,63 Mt. höher als im Jahre 1907; es ist also im Jahre 1908 eine Steigerung um 14,1 Prozent gegen das Vorjahr eingetreten. Die Jutekapitalisten gelangen zu fabelhaftem Reichtum. Aber neben dem Reichtum wohnt die Not. Der Beutezug des Kapitals 355 führt über Tausende von Leichen langsam verhungerter Proletarier. Das Juteproletariat verkommt im Elend. Ob man diese Arbeiterschaft im Norden oder im Süden Deutschlands aufsucht, überall zeigt sich das gleiche Bild des Jammers. Vor einigen Monaten unternahmen einige Braunschweiger Genossen eine Inspektionsreise zu den Jutearbeitern in Vechelde bei Braunschweig. Der dortige Jutebetrieb war der erste dieser Art in Deutschland. Er gehört der Aktiengesellschaft für Jute und Flachsindustrie in Braunschweig. Ein zweiter Betrieb der Gesellschaft befindet sich in der Stadt Braunschweig. Über die Zu stände im letzteren Betrieb haben wir vor kurzem berichtet. In Vechelde werden etwa 500 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Die Firma liebt es, ausländische Arbeiter einzustellen. Früher holte man tschechische Proletarier. Seitdem infolge der Aufklärungsarbeit unserer Genossen in Österreich der tschechische Arbeiter zum Bewußtsein seiner Klassenlage gekommen ist, beschränkt sich der Betrieb auf Russen und Galizier. Männer- und Frauenlöhne zusammengerechnet beträgt der Durch schnittsverdienst 9,18 Mt. pro Woche. Die Ernährung ist schlecht. Warmes Mittagessen gibt es nur Sonntags. Sauerkohl mit Kartoffeln und ein wenig Fett brodeln in allen Wohnungen auf den primitiven Feuerstätten. Das„ Heim" der Arbeiter ist grauenhaft. Sie wohnen in Dachböden, Ställen oder sonstigen elenden Räumen. In einem Stalle, der 31,20 Kubikmeter Luft hatte, wohnten acht Personen: ein alter verunglückter Mann, ein Ehepaar mit vier Kindern und ein 17 jähriges Logismädchen. Der älteste Sohn der Familie ist 18 Jahre alt. Der Verunglückte hatte im Betrieb beide Füße verloren. Die acht Personen schlafen in zwei nebeneinander stehenden Betten gewöhnlicher Größe. Außer den beiden Betten stehen noch ein Stuhl, eine rohe Holzkiste zum Aufbewahren der Töpfe, eine Kohlenkiste und ein 70 Zentimeter hoher und 20 Zentimeter breiter Kanonenofen im Zimmer. Anstrich oder Tapete an den Wänden gibt es nicht. Der Stall kostet 4 Mt. wöchentlich Miete. Ein anderer Stall. Hier sind die Wände nicht mit Puz versehen. Die nackten Backsteinmauern grinsen, mit einer dünnen Eisschicht überzogen Eisschicht überzogen der Besuch erfolgte im März-, den Be suchern entgegen. Der Fußboden liegt 20 Bentimeter tiefer als der Erdboden. Das eiserne Stallfenster ist zerbrochen und mit Säcken zugestopft. Der Stall ist 2,70 Meter hoch, 3,35 Meter breit und 4,20 Meter lang. Eine Familie mit fünf Kindern ist hier einquartiert. Eine Bodenkammer, 2,15 Meter breit, 3 Meter lang und 1,65 Meter hoch wird von zwei Menschen bewohnt. Gegen 20 Wohnungen wurden besucht und überall zeigte sich die gleiche Not: unzureichender Luftraum, von Nässe triefende Wände, Fußböden aus Gips oder Steinen, ungenügendes Licht, überfüllung der Räume, alt und jung beider Geschlechter auf faulendem Stroh mit Lumpen bedeckt zusammenschlafend, die Wohnungen jeder Behaglichkeit und erst recht jeden Schmuckes entbehrend. Die Folge ist physische und moralische Entartung der Arbeiter und Arbeiterinnen, die unter so menschenunwürdigen Verhältnissen leben. 1116 mal hatte ein Vorgesetzter des Betriebs in Braunschweig eine Arbeiterin geschlechtlich gebraucht. So wurde gerichtlich festgestellt. Im Jahre 1908 erkrankten in Vechelde über 200 Personen an einer ansteckenden Augenkrankheit und an Kräze. Gegenwärtig beziehen 25 Prozent der Vechelder Mitglieder des Textilarbeiterverbandes Krankenunterstüßung, weil an diesen häßlichen Krankheiten daniederliegend. Schulunterricht erhalten die Kinder der ausländischen Arbeiter in Vechelde vielfach nicht. Die Juteindustriellen halten Schulunterricht für Jutearbeiter für überflüssig. Die Generalversammlung ihres Verbandes vom 18. Februar dieses Jahres beschäftigte sich mit der Frage der Fortbildungsschule. Der Bremer Direktor Haasemann empfahl, darauf hinzustreben, wie dies in Bremen durchgeführt worden sei, die Fortbildungsschulen nur auf gelernte Arbeiter und Reichsdeutsche an zuwenden, nicht aber auf Ausländer". Es heißt dann weiter im offiziellen, allerdings nicht für die Offentlichkeit bestimmten Protokoll:„ Die Stellungnahme gegen die Fortbildungsschule an und für sich verspreche heute wohl kaum Erfolg 356 Die Gleichheit mehr, weshalb dringend angeraten werden müsse, da die Juteindustrie fast nur Ausländer beschäftige, dafür zu sorgen, daß der Druck auf diese Weise abgeleitet werde, Fortbildungsschulen also nur für Reichsdeutsche und gelernte Leute( Hands werfer), nicht für ungelernte oder Ausländer." Die Stellung nahme gegen die Fortbildungsschulen habe selbst keinen Erfolg, so heißt es weiter, wegen der großen Eisenindustrie, die auf die Fortbildungsschulen wegen ihres Bedürfnisses nach ges schulten, intelligenten Leuten großen Wert lege". Da nun in verschiedenen Städten, so in Bonn a. Rh., die Fortbildungs schulpflicht auch für Ausländer bereits besteht, empfiehlt man, durch die Gemeinden oder Kommunalverbände entsprechende Anderungen gelegentlich der Ausdehnung der Fortbildungs schulen auf weibliche Arbeiter im Auge zu behalten". So werden die ausländischen Proletarier in ihrer Unwissenheit erhalten. Sie gehen im Dienste des Kapitalismus frühzeitig zu grunde, ohne je zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde gekommen zu sein. Gelingt es aber doch, die Jutesklaven durch die organisierten Arbeiter aufzurütteln, da tritt zum Schutze der bedrohten Kapitalsinteressen die heilige Hermandad auf den Plan. In Braunschweig und Vechelde dürfen die Jutearbeiter ungestört an Sonntagen in den Fabriken beschäftigt werden; wenn aber die Verbandsfunktionäre Beiträge von ihren Mitgliedern einsammeln, werden sie bestraft, weil sie eine öffentlich bemerk bare Arbeit verrichtet haben". Und die Gerichte heißen die Strafe gut. Viele Versammlungen der Jutearbeiter wurden ohne Angabe von Gründen aufgelöst. Vor etwa 1% Jahren streiften die Braunschweiger Jutearbeiter einige Tage. Zunächst wurden die Versammlungen aufgelöst. Als dann doch eine folche erlaubt wurde, hielten die Behörden die Aufbietung einer starken Polizeimacht( 50 Mann) vor dem Versammlungslokal für notwendig. Die ganze Straße wurde von Passanten usw. gesäubert. Nach Beendigung der Bewegung standen noch eine Woche lang etwa ein Dugend Polizisten ständig vor der Fabrik. Die Polizei war die treue Helferin der Kapitalsmacht. Das liberale und sonstige Bürgertum Braunschweigs hält das für selbstverständlich. Den Juteproletariern, ihren Weibern und ihren Kindern wird nicht geholfen außer sie helfen sich selbst. Das Bürgertum wird sie niederhalten, sie fuebeln- nur ihre Klaffengenoffen, die organisierten Arbeiter, werden ihnen beistehen und sie stützen im Kampfe um bessere Lebensbedingungen. Von der Organisation mit den Brüdern und Schwestern zu sammengeschweißt, den Klaffengegensaz erkennend und mit Be wußtsein gemeinsam als Klaffe gegen die Klasse der Ausbeuter kämpfend, werden sich die Arbeiter befreien und Menschen werden der bittende oder trozig fordernde einzelne Proletarier wird geknickt, und er kann verzweifelnd jenen brutalen Rat des Crimmitschauer Prozen befolgen: Hängt euch, wenn ihr arm seid! H. Jäckel Berlin. Der Tiroler Aufstand im Jahre 1809. II. Die bayerische Verwaltung. Der Friede von Preßburg bestimmte in Artikel 8, daß der König von Bayern Tirol mit voller Souveränität, doch nur auf dieselbe Art, unter denselben Titeln und Rechten" besigen folle, wie Seine Majestät der Kaiser und König* Tirol be saßen, und nicht anders". Kaiser Franz hatte sich einige Mühe gegeben, eine Spezialbestimmung in den Friedenstraftat hineinzubringen, die dem Tiroler die alten Rechte mit unver fennbarster Deutlichkeit verbriefe. Napoleon hatte sich im Drang der Geschäfte auf solche Sonderbestimmungen nicht eingelassen, deren Tragweite nicht abzuschätzen war. Er hatte es bei der angegebenen Formulierung belaffen, die so, wie sie stand, juristisch ein blanker Unfinn war. Denn ein souveräner König hat derartige Sonderrechte nicht zu respektieren; muß er fie aber achten, so ist er nicht souverän. Der Doppelfinn war wahrscheinlich Abficht. * Der Kaiser war auch König von Ungarn und Böhmen. Nr. 23 Einstweilen gab sich May Joseph von Bayern viele Mühe, die Tiroler über ihre Zukunft zu beruhigen. Ein netter und liebenswürdiger, aber auch recht hinterliftiger, pfälzisch pfitfiger Herr, erklärte er einer Deputation des Landtags von Tirol mit rührender Entschiedenheit:„ Liebe, brave Tiroler, fein Jota an eurer Verfassung soll geändert werden." So die königliche Meinung vom 1. Februar 1806, die schon zuvor, unterm 14. Januar, noch positiver schriftlich firiert worden war! Die Worte mochten ja im Augenblick ganz ehrlich gemeint sein. Aber die Forderungen der napoleonischen Politik konnten diese Worte jederzeit umwerfen. Unmöglich konnte Napoleon, prinzipiell natürlich Vertreter der straffsten absolutistisch- bureaukratischen Zentralisation der Staatsverwaltung, staatsrechtlichen Sonderformen, wie der der alttirolischen Verfassung, hold sein. Auch Bayern konnte das nicht. Denn Bayern war seit dem Frieden von Preßburg und vollends seit Begründung des Rheinischen Bundes, der die Fürsten des deutschen Südwestens zu einer Vasallen truppe Napoleons machte, in die Sphäre des napoleonischen Staatsbetriebs hineingezogen. Napoleon brauchte den Rheinbund gegen die Höfe von Berlin und Wien. Für das Proteftorat, das er den Rheinbundsfürsten gewährte, forderte der Kaiser der Franzosen die Unterhaltung einer schlagfertigen Rheinbundsarmee und eine strenge Verwaltungs- und Rechtsdisziplin, damit der Bund den Befehlen des Protektors nach jeder Richtung stets schleunigst nachkommen könne. So zog eine Konsequenz die andere nach sich. Mit Willen oder wider Willen mußte Bayern die neue Provinz Tirol als eine melfende Kuh" betrachten, die den Staat Mar Josephs mit Butter verforge". Mit anderen Worten: Bayern mußte aus Tirol herausholen, was herauszuholen war was herauszuholen war das politische Geschäft mußte ren tierlich sein. Um das zu können, mußte Bayern danach trachten, Tirol wie jede andere Neuerwerbung in den Apparat eines zentralistisch- bureaukratischen Staatsbetriebs einzugliedern. Hier sitzt der allgemein geschichtliche Kern des Problems: die Vasallentreue Bayerns gegen Napoleon hatte Bayerns Politik gegen die Tiroler zur unausbleiblichen Folge. Eins kam hinzu, Tirol, vordem eine kleine Provinz eines Großstaates, ward zum relativ großen Bruchteil des Mittelstaates Bayern. Der Bevölkerungszahl nach ein Fünftel Bayerns durfte Tirol nicht ein politisches Eigenleben behalten, das der Staatseinheit gefährlich werden konnte. Auch aus diesem Grunde mußte Tirol dem übrigen Bayern assimiliert werden, das aus so vielen verschiedenartigen und gegensätzlichen Bestandteilen zusammengestückelt war. Wie anders stund es jetzt um das Alpenland! Unter den Habsburgern war Tirol doch immer etwas wie ein stiller Outsider gewesen, den die Wiener Hofburg mit kluger Duldsamkeit behandelte. Die Kaisertreue der Tiroler hatte immer einen Beis geschmack, der an das berühmte Wort erinnerte: Le roi est mort - vive le roi!( Der König ist tot, es lebe der König!) In unserem Falle: Der Kaiser sitt draußen, drunten in der Wienerstact er lebe hoch! Nun bekam dies Land jählings die Richtung seines öffentlichen Lebens vom grünen Tisch in München und es hatte sich seinerzeit selbst gegen die zentralistischen Maßnahmen des populären Joseph II. gewehrt! Zum Überfluß geschah es, daß die bayerische Regierung jene Maßnahmen, die der bayerische Premierminister Montgelas mit einigem Recht Reformen nannte, mit geschäftiger Vielregiererei und mittels der ungeeignetsten Werkzeuge durchführte. Bei den Tirolern ist alles Bietät, Empfindung, Gefühl wenn wir von den wirtschaftlichen Gründen absehen. Konnte eine Politik verkehrter sein als die, die auf Gefühl mit Verstand, auf Empfindung mit Begriffen, auf Bietät mit Formeln trumpfte? Konnte eine Bolikt verkehrter sein als die, die dem mit fonservativer Zärtlichkeit an Gebräuchen und Überlieferungen hangenden Tiroler einen Flegel ins Haus schickte, wie es der Aufklärungswüterich v. Hofstetten gewesen ist, einer der typischen Vernunftunteroffiziere der Montgelaszeit? Man kann die bayerischen Verwaltungsmaßnahmen in vier Rategorien teilen. Es handelte sich um finanzpolitische, zivil Nr. 23 Die Gleichheit 357 verfassungspolitische, wehrverfassungspolitische und lirchenpoli- tische Ällabrcgeln. Inlereffant zu sehen, wie die Tiroler Landleute mitten im Kriege von t809 gelegentlich materielle Gründe angaben. Als die povisorische österreichische Landesverwaltung den Tirolern zumutete, sie sollten— zumal in diesen außerordentlichen Um- ständen— kräftig Steuern weiterzahlen wie unter bayerischem Regime, da erklärten die Biederen ganz offen:„Wenn sie fort- zahlen sollten wie vorhin, so hätten sie wohl auch unter Bayern bleiben können, und nicht gebraucht so vieles zu tun und alles auf das Spiel zu setzen." Es ist eine herrliche Sache um den Patriotismus! Der Satz ist geradezu ein klassisches Zeugnis für die Notwendigkeit einer materialistischen Durchleuchtung des Tiroler Aufstaudes. In der Tat: die Steuer ist der eine ivichlige Punkt, von dem aus man das Weh des Bauers, des Patrioten zu kurieren vermag! Der Bauer ist nicht der Ideologe, der um einer puren sitt- lichen Forderung ivillen zu den Waffen greift. Er sucht zunächst, was ihm nützt. So protestierte der Tiroler Bauer zuvörderst darum, weil die bayerische Regierung das Jahrhunderte alle Steuersystem änderte. Bayern führte eine Kopfsteuer ein, deren jährlicher Rohertrag im Voranschlag auf 330000 Gulden geschätzt war. Die bayerische Regierung erhöhte das Umgeld — den Schankpfennig aus geistige Getränke— und erboste so besonders die zahlreiche Berufsschicht der Tiroler Wirte; der Tiroler Wirt aber war in jenen Tagen der gegebene Partei- führer, seine Gaststube das politische Lokal. Bayern brachte einen Fleischanfschlag, einen Viehzoll für die Tiere, die aus Tirol nach Bayern kamen, eine Erhöhung der Grund- steuer. Bayern brachte eine Stempelsteuer, wiewohl sich Tirol— unter österreichischer Herrschast— durch eine einmalige Zahlung für alle Zeiten von jeglichem Papierstempel losgekauft hatte: die bayerische Stempelsteuer konnte alio direkt als spezieller Verfassungsbruch gedeutet werden. Napoleon, der den Transit- Handel von Tirol ablenken und ihn tunlichst über französisches Herrschaftsgebiet leiten wollte, erniedrigte die schweizerischen und französischen Grenzzölle, so daß die Warenzüge nach Westen abwichen und der tirolische Händlerstand binnen kurzem fast ganz ruiniert war. Zu allem kam die Entwertung des österreichischen Papiergeldes. Man kann nicht bestreiten, daß die österreichische Zeltelwirtschaft zu einem Unfug ge- drehen war. Sie hatte dem Land Tirol im Laufe der Zeit etwa ein Drittel seines Metallvermögens entzogen. Die politische Niederhaltung Österreichs durch Napoleon hatte zur Folge, daß der österreichische Staatskredit dauernd sank, und niemand einen österreichischen Bankzettel gerne berührte. Zur Zeit des Preßburger Friedens standen die österreichischen Noten auf einem Drittel ihres Nennwertes. Der Zeilpunkt konnte kommen, wo sie jeden Wert verlieren würden— wie ihn die französischen Assignaten vordem verloren hatten. Diesem ruinösen Ereignis mußte die bayerische Regierung allerdings zuvorkommen. Sie setzte für die Gültigkeit der österreichischen Bankzettel eine gemessene Frist fest. Aber die bayerischen Kassen hatten selber nicht genug Barvorräte an Metallgeld, uni die präsentierten Zettel einzulösen. So entstand eine förmliche Panik unter den Notenbesitzern, zu denen auch die kleinsten Leute gehörten. Gewissenlose Spekulanten benutzten die Verlegenheit der Unglücklichen und nahmen die Bankzetrel zu einem lächer- lichen Kurs, mit dem schamlosesten Agio: der Zettelgulden galt schließlich nur 18 Kreuzer. Man kann sich denken, daß diese Währungsreform zahlreiche Familien ins Unglück stürzen mußte, und daß die Tiroler über diesem positiven Schaden den Tag vergaßen, an dem König Max, nett wie immer, dem Lande die von Napoleon der bayerischen Regierung übenviesene Tiroler Kontribution von 9 Millionen Gulden erließ! Ein Spatz in der Hand war den Tirolern schließlich lieber als eine Taube auf dem Dache. Von Kriegsumlagen blieben sie ohnedies nicht verschont. Die Bitterkeit der Sache wurde durch die Bitterkeit der Form noch unerträglicher. Da ist zuvörderst an die Art der Erhebung der Steuern zu denken. Ganz im Geiste der Ver- waltuugsmißwirtschaft des achtzehnten Jahrhunderts, ganz gegen die Art des Staatsliberalismus vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, also ganz gegen den Geist eines Staatspriuzips, das gerade Montgelas mit besonderem Ätachdruck verlrat, ge- währte die bayerische Regierung den Steuerbeamten— Provisionen von der Steuer! Das war der Geist der Steuer« Verpachtung; das war die Degradation der Staatswirlschaft zur Privatwirtschaft. Die Prozente waren sehr erheblich. Auch die Justizämter empfingen solche Provisionen. Nach einer Or- ganisationsverordnung für die bayerischen Landgerichte vom November 1806 empfingen die Landgerichte ein Sechstel aller Taxen und Gerichtsgebühren als Zulage zu den Grundgehältern. Das hieß geradezu Prozesse und Formalitäten züchten. Ein Landrichter erster Klasse hatte eine jährliche Besoldung von 1650 Gulden rheinischer Währung; von den Landrichtern zu Innsbruck, Silz und Meran wissen österreichische Autoren, daß sie unter der bayerischen Herrschaft ihre Jahresbezüge auf über 5000, ja selbst auf 9000 Gulden zu steigern verstanden— durch Provisioneir. Das war auch sicher dann eine saute Sache, wenn Betrug und Bestechung nicht vorkamen. Alles wirkte zusammen, um die Situation schwierig zu ge- stalten. Der Zinsfuß der öffentlichen Stiftungskapitalien, die eine Kreditbank ersetzten, wurde erhöht; so wurde denen, die Geld suchten, das Kapital in ohnedies ungünstiger Zeit ver- teuert. Um Rekruten zu bekommen, erleichterte man die Ehe- schließung. So sah Tirol bald eine ungewohnte Erscheinung: die Bettlerprolctarierfamilie. Und damit es auch an den klein- lichsten Schikanen nicht fehle, gebot ein Idiot von Bureaukrat den Obsthändlerinnen, die Kaiserbirnen hinfort als Königs- birnen zu verkaufen! Nichts begreiflicher, als daß die bayerische Verwaltung in den Augen der Tiroler den Anschein gewann, sie beabsichtige eine planvolle Mißhandlung des Volkes. Zur Schärfe der Steuererhebung kam ja auch der Angriff auf das landständische Stenerverwilligungsrecht und Sleuerverwaltungsrecht— ja auf die Alttiroler Landes- Verfassung überhaupt. Wider die ausdrückliche Verheißung des Königs ging Bayern fast sofort nach der Besitznahme daran, wesentliche Teile der Konstitution anzutasten. Durch königliche Verordnung vom November 1806 wurde der Landschaft die Anstellung von Steuerbeamten verboten; damit war den Ständen der Einfluß auf die Steuerverwaltung entzogen. Im Oktober 1807 begann die Regierung eigenmächtig Steuerziele auszuschreiben. Und der Kardinalstoß: die gesamte bayerische Steuergesetzgebung, deren Proben wir kennen, erfolgte ein- seitig im Verordnungsweg— ohne Mitwirkung der Stände! Durch Verordnung vom I.Mai 1803 aber wurde die Tiroler landständische Verfassung überhaupt förmlich be- seitigt. Es wurde für das bayerische Gesamtkönigreich eine neue Staatsverfassung proklamiert, die etwas wie einen allgemeinen bayerischen Zensuslandtag einführte und Tirol ein Fünftel der Sitze einräumte. Dieser Landtag trat aber nie in Aktion. Auch hätte die neue Verfassung den Tirolern für ihre alten Rechte keineswegs Ersatz geboten, denn der bayerische Gesamtlandtag würde bloß ein die Krone mit„Wünschen und Vorschlägen" beratendes Votum besessen haben, nicht aber eigentlich gesetzgeberische 5lraft. Zum Umsturz der Zivilverfassung kam der Umsturz der Wehrverfassuug durch die unentivegten Münchener Organi- satoren des Staatsstreichs. Die bayerische Regierung unterwarf Tirol der allgemeinen bayerischen Militäraushebung. Tiroler Jungmänner sollten die Heimat verlassen, um jeweils sechs Jahre lang den bayerischen Gamaschendienst zu ertragen, nach« dem einer Jahrhunderte alten Wehrverfassung zufolge die Tiroler mit Selbstverständlichkeit freiwillig angetreten waren, wenn die Not des Vaterlandes es wollte, und jedesmal ohne Drill, ohne kasernenmäßige Ausbildung glänzende Verteidigungen im- provisiert hatten! Zwar predigte Bayern, die Aushebung werde höchstens jede 600. Seele treffen; was von dieser Behauptung zu halten ist, zeigt die Erklärung eines bayerischen Publizisten, der 1810 meinte, die durchgeführte Konskription würde jeden 120. Tiroler getroffen haben. Die Tiroler wehrten sich heftig. 358 Die Gleichheit Sie setzten der Rekrutierung bewaffneten Widerstand entgegen. Das war das erste Aufleuchten des Aufstandes. Damit kein Fehler ungeschehen bleibe, begann Bayern auch die Tiroler Kirchenverfassung umzustürzen. Seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war die bayerische Regierung bemüht, in Kirchensachen maßgebenden Einfluß zu gewinnen: beispielsweise die Bischöfe zu ernennen die bislang der Papst ernannte, die Pfarrer anzustellen die bislang der Bischof einsetzte, die Kirchenzucht zu überwachen und dergleichen Kirchenhoheitsrechte mehr auszuüben. Schon 1806 erschien eine bayerische Verordnung, die besagte, daß künftig die Pfarren des Reiches nicht mehr vom Bischof, sondern- nach Ablegung einer theologischen Staatsprüfung vom König verliehen werden sollten. Den Bischöfen blieb der sogenannte Ternavorschlag: das Recht, drei Kandidaten für eine Pfarre vorzuschlagen, ohne den König aber zu verbinden. Und weiter. Die bayerische Regierung beging in findischer Aufklärungswut zum Beispiel die Torheit, die Christmette zu verbieten und den Gottesdienst der heiligen Nacht auf die fünfte Frühstunde des ersten Feiertags zu verlegen. Dem Geist der kapitalistischen Wirtschaft ge mäß, der sich in der bürgerlichen Aufklärung der Zeit durch setzte und alle Tage dem profitlichen Geschäft der Mehrwert erzeugung dienstbar machen wollte, wurden zahlreiche Feiertage abgeschafft. Die Bevölkerung sollte zu mehrerem Fleiß" erzogen werden. Die Bischöfe von Chur und Trient widersetzten sich den firchenpolitischen Maßregeln der bayerischen Regierung aufs energischste, unterstützt durch eine päpstliche Entscheidung. Da ließ Bayern den Trientiner und den Churer Bischof kurzerhand aus dem Land hinausdeportieren wie Strafgefangene. Der Bischof von Brixen fügte sich flug; er blieb im Amte. In Trient wurde ein gefälliger Generalvikar eingesetzt. Aber das Volk und die Subalterngeistlichkeit parierten den Kreaturen der bayerischen Regierung nicht. Die bayerische Regierung entzog den Widerspenstigen Gehalt und Pfarre; aber das Volk unterhielt die Gemaßregelten aus eigener Tasche und boykottierte den Gottesdienst der Regierungsfrommen. Soldaten stellten sich zwar während des Kultus mit aufgepflanzten Bajonetten unter die Kanzel und neben den Altar der oppofitionellen Priester; aber die Geistlichen fanden heimliche Gelegenheit, ihre priesterliche Tätigkeit ohne Störung auszuüben. Der bayerische Hoffommissär v. Hofstetten, der sein Amt mit fabelhafter Tattlosigkeit ausübte, ging so weit, Sol baten als Weiber zu verkleiden und sie zu alten schwach sichtigen und schwerhörigen Priestern in die Beichte zu schicken, um zu erfahren, was der Beichtstuhl gegen Bayern leiste! Schließlich requirierte Hofstetten ein bayerisches Regiment, um die Klöster der Kapuziner in Meran, Schlanders und Mals auszuheben, in denen sich der Widerstand gegen Bayerns Kirchenpolitische Maßnahmen zu sammeln schien. Die Patres wurden in andere Klöster gesteckt, die Kultusgefäße und Kunstobjekte an jüdische Händler losgeschlagen. In dieser Weise wurden sieben Prälaturen in Tirol säkularisiert( verweltlicht). Man bedarf feines großen politischen Scharfblicks, um zu erkennen, daß diese Politik Tirol furchtbar brüstierte, und daß fie in jedem einzelnen Bug bedenklich, als Ganzes einen starken Ausbruch der Volksempörung zeitigen mußte. Ihn wollen wir in einem Schlußartikel kennen lernen. Dr. Wilhelm Hausenstein. In Artikel I find zwei Druckfehler übersehen worden. Seite 340, Spalte 1, Beile 23 muß es fübliche heißen, nicht nördliche. Spalte 2, Beile 22 von unten ist ein unlogisches also stehen geblieben, das gestrichen werden muß. Die Hinterbliebenenversicherung.* Vortrag von Ed. Gräf auf dem Krankenkassentongreß in Berlin. Die neue Reichsversicherungsordnung sieht als viertes Gesetz die Hinterbliebenenversicherung vor. Die Krankenkassen haben * Wir erfüllen viele geäußerte Wünsche, das Referat unseres Genoffen Gräf zur Veröffentlichung zu bringen. Es vervollständigt die Artikelferie Nr. 23 ein großes Interesse daran, daß diese Versicherung zustande tommt und wirksamen Schutz für die Hinterbliebenen der ar beitenden Klasse bietet. Hungernde Witwen und Kinder müssen schlechte Risiken für die Krankenversicherung werden. Der Keim der Schwindsucht wird schon durch Unterernährung der Arbeiterkinder gelegt, speziell der armen Waisen, denen der Ernährer fehlt. Die Hinterbliebenenversicherung, so neu sie vielen Leuten erscheinen mag, hat ihre Geschichte. Die Einführung der Witwen- und Waisenfürsorge ist häufig und längst vor Inkrafttreten der Zwangsversicherung verlangt und auch versprochen worden. Es wurde dabei darauf hingewiesen, daß ihre Verwirklichung die Gemeinden in ganz anderer Weise von Armenausgaben entlastet, als es die übrigen Versicherungszweige tun. Aber die entgegenstehenden Interessen der gewerblichen und landwirtschaftlichen Unternehmer haben bisher jede ernstliche Jnangriffnahme des Planes verhindert, der sogar im Jahre 1897 eine Reichstagskommission( Antrag Stumm) beschäftigt hat. Es blieb bei einer Besprechung, die Witwen- und Waisenrente wurde nur bei den Knappschaften gewährt. Einen schwachen Ansatz zur Hinterbliebenenversicherung hat man ferner in der Beitragsrückerstattung im Invalidengesetz sehen wollen. Es handelt sich aber hier nur um einen Zuschuß zu den Begräbniskosten, der außerdem in der Praxis erst gewährt wird, wenn der Tote längst begraben ist. Am 12. Januar 1900 wurde im Reichstag wieder einmal über eine Hinterbliebenenversicherung debattiert. Es lag ein Antrag Stumm vor, welcher in Form einer Resolution erflärte:„ Die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen im Anschluß an die Invalidenversicherung die Witwen- und Waisenversiche rung für die versicherten Personen eingeführt wird." Also auch landwirtschaftliche Arbeiter sollten in diese Versicherung fallen. Eine Resolution Schädler- Hike wollte jedoch nur im Anschluß an die Invalidenversicherung die Hinterbliebenenversicherung für die in Fabriken beschäftigten Personen unter entsprechender Erhöhung der Beiträge( Busatmarken) eingeführt wissen"; den übrigen Versicherten sei die Beteiligung im Wege der frei willigen Versicherung zu ermöglichen". Die landwirtschaftlichen Arbeiter hätten bei diesem Vorschlag die Hinterbliebenenversicherung nie richtig bekommen. Die Regierung ließ damals durch Graf Posadowsky erklären, daß die Wünsche zurzeit" viel zu weitgehend seien, während die Junker sich gegen jede lieber Belastung der Landwirtschaft wehrten und lieber höhere Zölle haben wollten.... Graf Posadowsky trug schon damals im Reichstag folgende Berechnung über die Kosten einer Hinterbliebenenversicherung vor:" Bei einer Witwenrente von 100 Mt. und einer Waisenrente von 33% Mt. pro Jahr würden die Kosten 100 Millionen Mark betragen, bei Fortfall der Beitragserstattung aber immer noch 90 Millionen Mark pro Jahr." Diese Zahlen schreckten natürlich ab. Da kamen die denkwürdigen Zolldebatten im Reichstag und mit ihnen tam wieder das Projekt einer Hinterbliebenenversicherung für die Arbeiter aufs Tapet. Die Befürworter des Zolltarifs de klamierten damals im Parlament: Wir haben fest und bestimmt zu erklären, daß die Mehreinnahmen aus den Agrarzöllen für soziale Zwecke verwendet werden sollen, und in erster Linie ist hier die Witwen- und Waisenversicherung ins Auge gefaßt." Es wurde weiter behauptet, daß diese Reform die Arbeiter mit dem Tarif aussöhnen werde, welcher doch nur der armen Landwirtschaft aufhelfen solle.... Schlau griff man aber später aus den mehrere 100 Num mern umfassenden Positionen der Agrarzölle nur 12 für Spei fung des Witwen- und Waisenversicherungsfonds heraus. Das war der verschlechterte Anfang zur Einlösung eines kaum gegegebenen Versprechens an die Arbeiterklasse. Es wurde berechnet, daß die 12 Positionen eine Mehreinnahme von 91 Millionen Mart pro Jahr ergeben würde, daß daher die erforderlichen über das Reichsversicherungsgesetz, die wir bereits gebracht haben. Da die Reichsversicherung auf dem sozialdemokratischen Parteitage behandelt wird, wird der Abdruck des Referats den Genossinnen um so willkommener sein. Nr. 23 Die Gleichheit Mittel zur Hälfte aus diesen Einnahmen und den Zinsen des angesammelten Fonds, zur anderen Hälfte durch Beiträge der Arbeitgeber und Versicherten aufgebracht werden könnten. In fünf Jahren sollte also ein Fonds von 455 Millionen Mark angesammelt werden, so daß im Jahre 1910 eine stattliche Summe für die Zwecke der Versicherung zur Verfügung stehen würde. Auch über die Höhe der Renten wurde schon gesprochen. Die Befürworter des Zolltarifs schlugen vor, daß den Witwen 100 Mt. oder 80 Mt., den Kindern 33 Mt. oder 40 Mt. pro Jahr gezahlt werden sollte. Dies sollten natürlich nur Mindest sätze sein, denn man gab zu, daß eine Frau mit zwei Kindern mit 166 Mt. pro Jahr oder 17 Pf. pro Tag und Kopf nicht auskommen fönne. über die Zahl der in Betracht kommenden Hinterbliebenen wurden damals ebenfalls schon Berechnungen angestellt. Im Jahre 1890 lebten in Deutschland 2207000 Witwen. Diese Zahl würde entsprechend dem Zuwachs der Bevölkerung im Jahre 1910 auf fast 3 Millionen gestiegen sein. Auf 100 Witwen seien zirka 52 Arbeiterwitwen zu rechnen, so daß also 1550000 Witwen zu unterstützen wären. Auf je 10 Witwen fönne man 17 Kinder unter 15 Jahren rechnen. Es kämen also noch zirka 2600000 Waisen für die Versicherung hinzu. Sollen die Witwen je 100 mt. und die Waisen je 33 Mt. Rente haben, so würden zur Durchführung der Reform jähr lich 239 Millionen Mark erforderlich sein. Bei den weiteren Beratungen des Zolltarifs wurden jedoch noch Verschlechterungen betreffs der Rücklagen zum Hinter bliebenenfonds beschlossen, so daß es unmöglich ward, die obengenannten Summen aufzubringen. Es hieß auch, daß Landwirtschaft und Handwerk unmöglich höhere Beiträge zur Versicherung vertragen könnten. Als klipp und klar nachgewiesen wurde, daß ja dann die ganze Hinterbliebenenversicherung auf dem Papier stehen bleiben würde, kam die faule Ausrede, daß man ja nicht allen Witwen, sondern nur den hilfsbedürftigen Witwen Renten zuweisen wolle. Bei Beratung des Zoll tarifs war mit feiner Silbe von der Hilfsbedürftigkeit die Rede gewesen. Jeder Arbeiter hatte gehofft, daß seine Witwe und seine Kinder einstmals eine Rente erhalten würden. Das nennt man die Arbeiter mit dem„ Tarif aussöhnen". Jahrelang ruhte nun die Frage in der Öffentlichkeit, und jedermann glaubte, daß die Regierung„ eifrig" Gelder ansammle, um im Jahre 1910 pünktlich die Hinterbliebenenverficherung einzuführen. Mit großer Spannung wurde daher der neue Entwurf der angekündigten Reichsversicherungsordnung erwartet. Leider wurden aber durch diesen Entwurf wieder viele Hoffnungen der Arbeiter zerstört, deuen man zugemutet hatte, willig die vielen Millionen Mark an indirekten Steuern zu zahlen, und die man mit Versprechungen auf die Zukunft abspeiste. Was bringt uns nun der neue Entwurf? Vieles und doch herzlich wenig für die Hinterbliebenen. Viele neue und dehnbare Bestimmungen, Worte und Paragraphen und Hungerrenten.... Die neue Versicherung soll an die bestehende Invalidenversicherung angegliedert werden. Damit werden also zwei Gefeßze vereinigt. Doppelt notwendig wäre es daher, den Versicherten mehr Verwaltungs- und Bestimmungsrechte in der Invalidenversicherung einzuräumen. Die Zukunft der Verficherten und auch ihrer armen Familien hängt ja oft genug von dieser Versicherung ab. Doch der Gesetzgeber läßt alles beim alten. Bureaukratisch sollen die Versicherungsanstalten auch fünftig weiter verwaltet werden. Als Staffage nur werden einzelne Versicherte und Unternehmer an den Beratungen der Anstalten teilnehmen können, im übrigen aber sollen die Herren Landesräte ungestört allein verwalten. Wir müssen deshalb mit aller Entschiedenheit fordern, daß endlich den Versicherten mehr Rechte, größerer Einfluß auf die Verwaltung der Verficherungsanstalt eingeräumt wird. Wenn die Regierung, wie Herr Direktor Caspar so stark betonte, die Parität absolut wahren will, warum gibt sie dann 359 nicht auch bei den Verwaltungen der Versicherungsanstalten diese ihre Absicht kund? Würde man nach dem proklamierten Grundsatz auch hier verfahren, so hätten die wirklichen Beitragszahler Arbeitnehmer und Unternehmer und nicht die Landräte die Majorität in den Vorständen. Frauenarbeit ( Fortsetzung folgt.) in der Landwirtschaft Pommerns. Der Ausbeutung der gewerblich tätigen Frau sind gesetzliche Schranken gezogen, die zwar dem profitsüchtigen Kapitalisten einen weiten Spielraum lassen, aber immerhin die ärgste Ausnutzung der weiblichen Arbeitskraft etwas einengen. Die in der Landwirtschaft tätige Frau dagegen ist dem agrarischen Unternehmer schutzlos preisgegeben. Für sie besteht kein Maximalarbeitstag, kein Verbot der Nacht- und Sonntagsarbeit, kein Wöchnerinnenschutz usw. Die Agrarier, die im industriellen Deutschland dank dem Verhalten der liberalen Bourgeoisie und der politischen Unaufgeklärtheit weiter Arbeiterkreise noch immer die politische Macht in Händen halten, haben die Klinke der Gesetzgebung in der Hand. Und mit Argusaugen wachen sie darüber, daß nichts geschieht, was ihre materiellen Interessen ungünstig beeinflussen, was sie in der Ausbeutung der Landsklaven behindern könnte. Daher die rechtlose Lage der Landarbeiter, daher der Mangel jeglichen Arbeiterinnenschutzes in der Landwirtschaft. Mehr als in der Industrie ist in Pommern im landwirts schaftlichen Betrieb die verheiratete Frau als Lohnsklavin anzutreffen. Zwei Ursachen sind vor allem maßgebend dafür. Einmal wird der Landarbeiter so schlecht entlohnt, daß er auf den Mitverdienst seiner Frau angewiesen ist, will er sich nicht hungernd durchs Leben schlagen. Des weiteren veranlassen die Landflucht die Folge der rechtlich und wirtschaftlich schlechten Lage des ländlichen Proletariats- und der dadurch eingetretene Mangel an Landarbeitern den Agrarier, sich nicht nur den Mann, sondern auch dessen Frau und Kinder als Ausbeutungsobjekte zu sichern. Tatsächlich verdingt sich nicht nur der Landarbeiter als solcher allein dem Gutsherrn, sondern auch seine ganze Familie wird der Ausbeutungslust des letzteren zur Verfügung gestellt. Strafen aller Art bedrohen den, dessen Frau es etwa wagen würde, bei einem Bauern besser bezahlte Arbeit zu suchen. Ist nämlich schon der Lohn des Mannes ein geradezu erbärmlicher- ein Deputant mit zwei erwachsenen männlichen Hofgängern erhält zum Beispiel auf den hinterpommerschen Gütern felten mehr als 800 Mk.( die Naturalien zum Marktpreis gerechnet)-, so ist die Entloh nung der Frau geradezu als ein Trinkgeld zu bezeichnen. So erhalten beispielsweise die Deputantenfrauen auf dem Gute Gramenz( Kreis Neustettin, das dem Kaiser gehört) den , üblichen" Tagelohn von sage und schreibe- 40 Pf.! Und das bei einer Arbeitszeit von 13 bis 17 Stunden! Denselben wahrhaft fürstlichen Lohn zahlt laut Kontrakt die Besitzerin des Gutes Klein- Soltikow( Kreis Schlawe), Frau v. Schlieffen. Diese Dame, in deren persönlichen Ausgaben 40 Pf. jedenfalls gleich Null sind, verlangt noch außerdem in ihrem Sklavenkontrakt von dem Arbeiter: ,, Er darf keinen Menschen in seiner Wohnung haben, der nicht bereit ist, gegen diesen Tagelohn auf herrschaftliche Arbeit zu gehen, und er selbst wie seine Familie dürfen ohne Erlaubnis nirgendwo anders als bei ihrer Brotherrschaft arbeiten. Geht eine Person aus seiner Wohnung anderweitig auf Arbeit, so zahlt der Tagelöhner pro Tag eine Mark Strafe. ... Seine Frau ist verpflichtet, auf den Dienst zu gehen, so oft sie bestellt wird, und zahlt, wenn sie ausbleibt, ebenfalls den doppelten Tagelohn als Strafe." Ferner verpflichtet dieser Vertrag die Frau noch,„ so oft an ihr die Reihe ist, zum Melfen der herrschaftlichen Kühe zu kommen". Für diese in die frühesten Morgenstunden fallende und jedenfalls der Feldarbeit vorangehende Arbeit gibt es 360 Die Gleichheit monatlich ganze drei Mark. Daß die Frauen seiner Tage löhner bei ihm zu fronden verpflichtet sind, umschreibt der Pächter des Ritterguts Adlig- Bütow( Hinterpommern), ein Herr Gildemeister, schamhaft dadurch, daß es in seinem Vertrag heißt: „ Außerdem muß er( der Tagelöhner) täglich einen zweiten Mann(!) stellen, welcher alle Frauenarbeit gut verrichten tann...." Für diesen Frauenarbeit verrichtenden Mann bietet der biedere Agrarier nicht weniger als 30 Pf.! Falls etwa ein Fremder ohne Erlaubnis ins Quartier genommen wird oder von der Familie jemand auf fremde Arbeit geht, sind diesem Herrn„ bloß" 2 Mt. Strafe zu zahlen! Die Leute fönnen, so denken die Agrarier jedenfalls, froh sein, daß sie bei uns arbeiten dürfen. Der Gutsbesitzer v. Kameke, dem das Dominium Biziker ( Kreis Köslin) gehört, bestimmt über die Frauenarbeit in dem bei ihm geltenden Vertrag: „ Die Frauen find gehalten, falls nicht schon drei Mann zur Arbeit sind, von der Heuernte bis nach der Kartoffelernte an den Nachmittagen zur Schafschur und Waschen sowie Schlachten den ganzen Tag auf Bestellung zu erscheinen. Beim Waschen und Schlachten erhalten sie ihren Tagelohn, auch muß zum Waschen und Schlachten jede Frau, die bestellt wird, erscheinen, gleichviel, ob schon drei Wann auf Arbeit sind. Wenn die Frauen regelmäßig tommen, erhalten sie ein halben Raften Kartoffeln, wenn sie unregelmäßig fommen, namentlich wenn fie verbotene Arbeit beim Eigentümer oder Bauern machen, nicht." Charakteristisch ist, daß in dem ganzen Vertrag die Höhe des Geldlohnes der Frau nicht genannt ist. Dazu wird der Herr gewiß seine Gründe haben. In einem„ Anhang" zum Vertrag will dieser Agrarier den Arbeitern plausibel machen, um wieviel Mal mehr sie auf dem Lande besser leben als in der Stadt. Er veröffentlicht daher eine Zusammenstellung dar über nicht etwa, was der Arbeiter wirklich verdient, denn dann würde ja das Gegenteil bewiesen, o nein, was eine Deputantenfamilie dem Gutsherrn fostet"! Darin ist der Jahresverdienst der Frau mit 30 Mif. angegeben. Da behaupte noch einer, daß unseren Agrariern das 1oziale Verständnis mangele! In der Haus- und Feldwirtschaft erschöpft sich aber nicht die Tätigkeit der landwirtschaftlichen Arbeiterin. Wie ihre Schwester in der Industrie hat sie natürlich noch den eigenen Haushalt zu versehen, der durch die Verpflichtung zur Stellung von zwei und mehr Hofgängern natürlich nicht gerade klein ist. Aber auch diese Arbeit ist nicht die einzige Nebenarbeit. Be fanntlich geschieht die Entlohnung auf dem Lande zum großen Teil in Naturalien: Getreide, Kartoffeln usw. Diese Naturalien aber müssen die Leute vielfach selbst anbauen und ernten. Für die Arbeit geben die Agrarier nichts aus, und deshalb gilt es für die Landproletarier, in den Abendstunden, vor allem aber am Sonntag den zu heiligen wohl nur dem Agrarier vor geschrieben ist, die müden Knochen zu rühren: das Garten-, Kartoffel- und Flachsland zu bestellen, vom Unfraut zu reinigen und schließlich den Ertrag zu ernten, den Torf zu stechen, das Futter für Schweine und Ziegen oder im herrschaftlichen Stall stehende Milchfühe zu beschaffen usw. Diese Arbeiten fallen großenteils der Frau zu, und sie erfordern große Gewissen haftigkeit, da jede Nachlässigkeit" Bestrafung zur Folge hat. Und mit Geldstrafen, von denen niemand weiß, wo sie bleiben, sind die Agrarier schnell zur Hand. " Bei solcher Schusterei ist es kein Wunder, wenn von Jahr zu Jahr die Zahl der Unfälle in den landwirtschaftlichen Betrieben steigt. Die zunehmende Verwendung von Maschinen, der Mangel an Schutzbestimmungen, die Wißachtung der vorhandenen durch die Agrarier: alle diese Umstände tragen eine Gefährdung von Leben und Gesundheit der Arbeiter und Arbeiterinnen in sich. Im Jahre 1906 wurden 144289 in der Landwirtschaft erlittene Unfälle angemeldet. Allein unter den Schwerverlegten befanden sich nicht weniger als 18443 Frauen, 1802 Knaben und 697 Mädchen im Alter von unter 16 Jahren. 2872 Unfälle waren tödlich und 61887 hatten eine längere als Nr. 23 dreizehnwöchige Erwerbsbeschränkung zur Folge. Dabei ist zu berücksichtigen, daß mangels geeigneter Belehrung die Verunglückten vielfach unterlassen, die Unfallversicherung in Anspruch zu nehmen. Trotz des Arbeitermangels ist in der Landwirtschaft die Unsicherheit der Existenz für die Proletarier durchaus nicht geringer als in der Industrie. Mit dem Verlust der Stellung wird aber der ländliche Arbeiter in Pommern meist zugleich obdachlos. Gelingt es ihm nicht, anderweit einen Platz zu er halten, so ist die Sorge um die Wohnung die brennendste, denn auf dem Lande sind die Mietwohnungen rar. Aber auch die angebauten Feldfrüchte, die etwa noch in der Erde stecken, sowie nicht verbrauchtes Deputat muß er zurücklassen, wenn er außer Stellung kommt. Die ganze Arbeit, die er dafür aufgewendet hat, ist ihm verloren. Daß unter solchem Elend die Frauen am meisten zu leiden haben, bedarf wohl faum näherer Begründung. Auf ihren Schultern ruht die Sorge um die Familie, wenn der Mann eine entferntere Arbeitsstelle aufsuchen muß und nicht sogleich einen Vorschuß an Geld und Getreide usw. erhält. Die Schaffung eines ausreichenden Arbeiterinnenschutzes auch für die Landwirtschaft ist gebieterische Notwendigkeit. Ein solcher wird allerdings nicht loszulösen sein von unseren sonstigen Forderungen in bezug auf die Landarbeiter: Koalitionsfreiheit, Beseitigung der Ausnahmegeseze und Gesindeordnungen usw. Deshalb gilt es, nachdem der Reichstag die diesbezüglichen sozialdemokratischen Anträge an eine Kommission verwiesen hat, immer wieder auch die Forderung nach ausreichendem Schutz der ländlichen Proletarierinnen zu betonen. Ernst Mehlich- Stettin. Proletarierlos. Eine wahre Geschichte. Ich habe sie beide in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt, als fie noch jung und glücklich waren. Beide mit warmer Begeisterung für die Ziele der Arbeiterbewegung erfüllt. Wie oft habe ich mit ihr an den Fabriftoren gestanden, um die dort Fronenden durch Handzettel auf die Versammlungen ihrer Or ganisation hinzuweisen. Keine Flugblattverbreitung oder Zei tungsagitation wurde unternommen, bei der er nicht einer der Eifrigsten gewesen wäre, furz: beide Genossen, wie sie sein sollen. Schon einigemal batten sie die Hoffnung auf Elternfreude begraben müssen, da die Kinder tot zur Welt famen. Da endlich vor sieben Jahren wurde ihnen das Glück zuteil, einen gefunden Knaben ihr eigen zu nennen. Doch ach! Das so heiß ersehnte Mutterglück mußte die Frau mit ihrer Gesundheit bezahlen. Infolge der schweren Entbindung wurden ihr beide Beine vollständig gelähmt. Sie verlor den Mut nicht. War doch ihr Kind gesund, ihr Gatte von rührender Besorgnis um sie erfüllt. Nichts wurde unversucht gelassen, um ihre Gesundheit wiederherzustellen. Er nahm die Pflichten der Frau und Mutter auf sich, ohne zu murren, immer von der Hoffnung beseelt, seine geliebte Frau wieder gesund zu sehen. Wie er sie auf seinem Rücken trug, das Kind in den Armen, um beide für einige Zeit der treuen Obhut seiner betagten Eltern zu übergeben! Wie willig er alle Entbehrungen auf sich nahm! Und doch, keine Änderung zum Besseren, eher zum Schlechteren. Dann wurde nach vier Jahren das zweite Kind geboren, ein zartes Mädchen, gesund wie das Brüderchen. Die Mutter blieb gelähmt. Ich verlor die Familie seitdem aus den Augen. Erst jetzt erfuhr ich durch Zufall, daß der Mann frant in einer Heil stäke untergebracht ist, und daß der Exekutor wegen rückständiger Steuern im Hause war, freilich ohne Erfolg für die Steuerbehörde. Wo sollen auch bei Proletariern überflüssige Dinge herkommen? Ich suchte meine lieben alten Bekannten sofort auf, und da enthüllte sich mir ein furchtbar trauriges Bild. Die Lähmung hat auch die Hände der Frau ergriffen, so daß fie nur mit vieler Mühe und kaum leferlich ihren Namen Nr. 23 Die Gleichheit schreiben kann. Die Zähne, noch gut, fallen einer nach dem anderen aus, weil die Wurzeln feinen Halt mehr in dem zu fammengeschrumpften Zahnfleisch haben, welt hängt die Haut um den Körper, die Einundvierzigjährige ist ein Bild des Jammers. Um ihre toten Beine hat sie einen Gack gesteckt, damit sie am Fußboden herumrutschen kann. Die Kleider sind längst dahin, Wäsche braucht sie nicht viel mehr waschen zu laffen, die ist alle geworden. Die Kinder zerreißen auch manches, und sie fann ja nicht mehr nähen! Die Sorgen, die doppelten Arbeitslaften haben den kräf tigen Mann letzte Weihnachten aufs Krantenlager geworfen, und die Not, die bittere Not ist in das einst so glückliche Heim eingezogen. Dennoch halten beide an der Überzeugung fest: die Beiträge für Partei und Verband dürfen nicht in Rückstand kommen, und die„ Volkszeitung" wie die„ Gleichheit" sind ihnen gleich unentbehrlich. " Niemand weiß von dem schweren Kampfe der beiden gegen das Elend, niemand in der großen Stadt fümmert sich dars um, hat doch jeder genug mit seinen eigenen Sorgen zu tun. Aber es gibt ja edle Wohltäter, die es für ihre Pflicht halten, allzu großem unverschuldetem Elend abzuhelfen, damit sie selbst um so beruhigter die Annehmlichkeiten des Reichtums genießen fönnen. Einmal ließ die Frau sich verleiten, ein Gesuch um einen Fahrstuhl, mit dem sie sich selbst fahren könnte, an einen Verein solcher Wohltäter" zu richten. Nachdem verschiedene Male mehrere Herren gekommen waren, um sich persönlich von der Bedürftigkeit der Bittstellerin zu überzeugen, wurde ihr zwar fein Fahrstuhl, aber ganze 40 Mt. zur Anschaffung einiger Röcke und etwas Kinderwäsche bewilligt. Als dem Manne die große Summe übergeben wurde, sagte der sie auszahlende Herr in liebevoller Fürsorglichkeit: Nun machen Sie aber nicht etwa Lebensschöne mit dem Gelde, bringen Sie's auch Ihrer Frau!" Wenn der Proletarier auf" Wohltaten" dieser Art verzichtet, die noch obendrein mit bitteren Pillen gewürzt werden, wer will es ihm verargen? Doch halt! Deutschland ist ja das Land, das in der sozialen Fürsorge für die Enterbten an der Spiße der Kulturwelt marschiert. Die Invalidenversicherung ist doch nicht zum Spaß da! Also: die Invalidenversicherung hat sich des franken Mannes angenommen und ihn einer Heilstätte überwiesen. Die Frau darf mit den zwei Kindern auch nicht verhungern. Sie be tommt jede Woche 10,50 Mt. von der Invalidenfaffe. Prole tarier, was wollt ihr noch mehr? Wer arbeiten will, findet immer Arbeit, und wer nicht arbeiten kann, für den ist gesorgt bis ins hohe Alter. So verkündet man uns in allen Tonarten. Ift's wahr? Klara Wehmann. Aus der Bewegung. Auguste Radeit+. Die proletarische Frauenbewegung hat eine ihrer rübrigsten Agitatorinnen verloren. In Berlin ist Auguste Kadeit 33jährig einer chronischen Bleivergiftung und Nierenentzündung erlegen. Das Leben unserer verstorbenen Genoffin war bas einer emporstrebenden Proletarierin. In Königsberg geboren, hat sie von Kind auf die tiefe Bitternis der proletarischen Existenz erfahren. Früh verlor fie den Vater und mußte, wie ihre Geschwister auch, der Mutter beim Broterwerb helfen. Da blieb dem geweckten Mädchen nur wenig Gelegenheit zu lernen, wie es gewollt hätte. Nach der Schulzeit suchte Auguste Kadeit zuerst als Bigarrenarbeiterin, dann in Korkiabriken ihren Lebensunterhalt. Später frondete sie in Berlin als Metallarbeiterin dem Kapital. Während sie für andere Reichtümer schaffte, holte sie sich den Keim der tödlichen Krankheit, die sie dahingerafft hat. Ihre Lebenserfahrungen und Existenzbedingungen hatten sie in den Bannfreis der modernen Arbeiterbewegung gebracht. Nun nügte sie die.langen Wochen des Krankliegens, um sich für ihren Tienst auszurüsten. Bon geschulten Genofsinnen freundschaftlich beraten, las und lernte fie mit Feuereiter. Was sie an Wissen erworben, das teilte sie zunächst ihren Berufsgenossinnen mit und wuchs so allmählich zur tüchtigen gewerkschaftlichen Agitatorin heran, die bald über den Kreis der Metallarbeiterinnen hinaus wirkte. Auch den sozialdemokras tischen Parteiorganisationen stellte sie fich freudig zur Verfügung. Wo und wann es sich darum handelte, die Enterbten und besonders 361 die proletarischen Frauen aufzuklären, war fie zu jeder Arbeit bereit. Mitten in ihrer aufreibenden Tätigkeit wurde sie anfangs dieses Jahres nach einer Versammlung von einer Gehirnerschütterung befallen und lag sechs Wochen lang in dem Krankenhaus eines fleinen Ortes. Kaum wieder hergestellt führten sie ihr Pflichteifer und das Vertrauen ihrer Kolleginnen und Kollegen als Delegierte zur Generalversammlung der Metallarbeiter in Hamburg. Von dort kehrte sie frank zurück, und nach wochenlangem Leiden rief der Tod sie aus einem Leben, das ihr stets Arbeits- und Kampfplatz gewesen war. Auguste Kadeit war in ihrem Sein und Wirken ein schönes Beispiel der geistigen und sittlichen Kraft, die in den proletarischen Frauen zum Licht drängt, und die der proletarische Befreiungskampf zur Entfaltung bringt. Ihre aufopfernde Tätigkeit und ihr lauterer Charakter werden unvergessen sein. Von der Agitation. Ende Juli referierte die Unterzeichnete in nachstehenden Orten: Stendal, Elbau bei Wolmirstedt, Olvenstedt, Burg, Magdeburg, Halberstadt, Osterwief, Thale und Oschersleben. In den öffentlichen Versammlungen zu Stendal und Elbau sprach sie über:„ Die Frau im Klassenfampf", in einer Versammlung der weiblichen Parteimitglieder zu Halberstadt über:" Rechte und Pflichten der Frauen" und in den übrigen Versammlungen über das Thema: „ Steuern zahlen und Maul halten". Überall war der Besuch gut, Berfammlung teilnahmen, und in Thale a. Harz. Die Schuhbesonders in Burg bei Magdeburg, wo fast 300 Frauen an der waren-, Handschuh- und Textilindustrie beschäftigt in den genannten Orten zahlreiche Frauen, die unter den fürchterlichen Wirkungen der fapitalistischen Produktionsweise leiden und die neue Steuerschröpfung als eine empörende Ungerechtigkeit empfinden. 23 Frauen und 4 Männer traten der Partei bei. Jn Thale hatte seit langer Zeit feine so gut besuchte Versammlung stattgefunden. Dort hat die Krise verheerend gewirkt. Viele Hunderte von Arbeitern haben Thale wegen Arbeitsmangel verlassen müssen. Manche sind von Ort zu Ort gezogen, ohne jedoch Arbeit zu finden. Das UnterHungerpeitsche über die Arbeiter geschwungen, so daß mancher von nehmertum hat in Thale seine Macht brutal ausgenugt und die diesen an der Kraft seiner Klasse verzagte. Die schamlose Ungerechtigkeit des Schnapsblocks aber ruft sie wieder auf die Schanzen und zwingt fie, sich in Reih und Glied zu stellen, läßt sie die Einigkeit und Geschlossenheit des Proletariats als erste Vorbedingung des Kampies gegen Ausbeutung und Auspowerung erkennen. So hatte auch hier wie in den anderen Orten die Agitation den Erfolg, daß der Partei eine Anzahl neuer Mitglieder, der ParteiLinchen Baumann. presse neue Leser zugeführt wurden. Von den Organisationen. Schmidthorst( Rheinland). Am 27. Juli hielten die organisierten Genossinnen ihre Monatsversammlung ab. Da die Vertrauensperson ertranft war, wurde die Kasfiererin, Genoffin Vogel, zur Leiterin der Versammlung gewählt. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten hielt Genosse Lippmann einen Vortrag über„ Die Beteiligung der Frau im politischen Kampfe". Er führte aus, daß jeßt die geeignetste Zeit sei, die Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen durch rege Agitations= arbeit von dem schädlichen Treiben der Schnapsblockparteien zu unterrichten. Die Proletarierinnen verspürten heute mehr denn je, daß Deutschland in der Welt voran sei nämlich in der Volksentrechtung und Volksausbeutung. Eine Diskussion fand nicht statt. Genoffin Vogel ermahnte die Genossinnen, recht rege am politischen Kampie teilzunehmen. Für die politische Organisation wurden Aufnahmen gemacht. Leider ist die Fluktuation unter den weiblichen Mitgliedern groß, so daß die Genossinnen Wühe haben, ihre Babl festzuhalten. S. Lippmann. Jahresbericht der Genoffinnen zu Lübeck. Die Organisation der proletarischen Frauen ist in unserer Stadt in diesem Jahr wiederum vorwärts gegangen, wenn auch infolge der Arbeitsnot natürlich nicht in dem Maße, wie wir es gehofft hatten. Eine Reihe von Veranstaltungen diente der Gewinnung weiblicher Parteis mitglieder. In einer großen öffentlichen Versammlung im Januar, in der Genossin Ihrer referierte, wurden zwölf Frauen der Sozialdemokratie zugeführt. Entsprechend dem Beschluß des Nürnberger Parteitages sand dann im Februar und März eine intensive Agis tation bei den weiblichen Angehörigen der Parteigenossen statt. Es wurden fünf Distriktsversammlungen einberufen, zu denen schristliche Einladungen an jeden einzelnen Parteigenossen ergingen. Die umfangreiche Vorarbeit besorgte bereitwillig das Parteisekretariat, aber die Genossinnen selbst trugen die Emladungen von Haus zu Haus. In vier dieser Versammlungen sprach die Unterzeichnete, in einer der Parteisekretär Genosse Weyers. Der unmittelbare Erfolg war: zirfa 50 Aufnahmen und 28 Bestellungen auf die Gleichheit". Im ganzen Jahr stieg die Zahl der weiblichen Mit 362 Die Gleichheit Nr. 23 glieder von 219 auf 233— eine Zunahme von 66 Mitgliedern, die in Anbetracht der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse unS zufriedenstellend erscheint. Der Schulung der Genossinnen dienten die monatlich statt- findenden Frauenversammlungen, die stets von 56 bis 100 Mit- gliedern besucht waren— ein Beweis, daß es den Genossinnen ein Bedürfnis ist, einmal im Monat zusammcnzulommen zur An- regung und Belehrung, wie zur Pflege der Solidarität. In sieben Versammlungen wurden Vorträge gehalten über„Steuerpolitik", „Kinderschutz",„Macht und Bedeutung der Presse",„Wie wird das uneheliche Kind vom Staat behandelt?"„Abstammung des Menschen", „Was ist Religion?" und„Christentum und Sozialismus". Eine Versammlung beschäftigte sich mit einem Artikel der Gleichheit über Schulwesen, eine andere mit der Nürnberger Frauenkonferenz, der ersten Frauenkonferenz, bei der auch die Lübecker Genossinnen vertreten waren. An drei Abenden fanden Vorlesungen von sozialen Gedichten, aus Reuter und Andrejew statt. Im Anschluß an den naturwissenschaftlichen Vortrag wurde mit großer Beteiligung auch ein Museumsbesuch unternommen. Drei Ausflüge im Sommer und ein geselliger Abend im Winter dienten dem Zusammenhalt der Genossinnen. Allgemein fiel die zahlreiche Beteiligung der Frauen am dies- jährigen Maifestzug auf; so manche Frau schritt da an der Stelle ihres Mannes, der vom rücksichtslosen Unternehmer ge- zwungen zur Arbeit gehen mußte. Seit dem 1. Oktober 1903 haben die Genossinnen die Verbreitung der„Gleichheit" selbst in die Hand genommen und durch ihren Eifer die Zahl der Abon- nentinnen von 135 auf 193 erhöht. Auch der Dienstmädchen- bewegung widmeten die organisierten Frauen viele Mühe, die sich durch den Fortschritt dieser schwierigen Aufgabe lohnte. Die Bedeutung der Frauenbewegung für das Parteileben wurde von den männlichen Genossen anerkannt. Schon vor Nürnberg wählten sie die weibliche Vertrauensperson in den Vorstand des Wahl- Vereins. Der Rückblick auf die Erfolge dieses JahreZ spornt die Genossinnen unserer Stadt zu eifrigerer Agitation an, um auch in Zukunft Schritt zu halten mit der großen Bewegung, die die Mäd- chen und Frauen des gesamten Proletariats ergriffen hat und unaufhaltsam vorwärts treibt zu großen Zielen. Else Schlomer. Politische Rundschau. Aufstand in Spanien, Krieg in Marokko, Ministersturz in Frank- reich, Generalstreik in Schweden, Sieg der Revolution und Schah- entthronung in Persien, Zarenreise und Protestdemonstrationen gegen den gekrönten Massenmörder: das ist die unvollständige Aufzählung der am meisten in die Augen fallenden Ereignisse, die sich in den letzten Wochen in der angeblichen Zeit der„sauren Gurke" im Ausland zugetragen haben. Die politische Entwicklung der Kultur- länder beginnt ein stürmisches Tempo anzunehmen, die Zeit der Stagnation geht zu Ende, alles deutet darauf hin, daß die neue Epoche der Menschheitsgeschichte, die mit dem Russisch-Japanischen Krieg und der russischen Revolution einsetzte, das Angesicht der Welt erheblich verändern wird. Das französische Parlament hat noch knapp vor Beginn seiner Ferien das Ministerium Clemenceau gestürzt. An und für sich bedeutet das Ereignis nicht viel; ein Systemwechsel ist nicht damit verbunden. Clemenceau wurde nicht um der Sünden seiner Politik wegen gestürzt, sondern er stolperte über persönliche Fehler: seine allzu herrische, herausfordernde und persönlich verletzende Ab- Weisung eines Angriffs, den der ehemalige Minister Delcassö gegen die Marinepolitik des Ministeriums gerichtet hatte, kostete dem Ministerpräsidenten das Amt. Sein Nachfolger ist der ehemalige Generalstreik-Revolutionär und Auchsozialist Briand, der als Justiz- minister schon Mitglied des gestürzten Kabinetts war. Er ist vom selben Kaliber wie Clemenceau, ein Abtrünniger, der um des Be- sitzes der Macht seine Vergangenheit, seine einstigen politischen Ziele verriet. Er wird im großen und ganzen dieselbe Politik machen wie Clemenceau, die Politik der Niederhaltung und Spal- tung der Arbeiterklasse, der Verschleppung, Verwäfferung und Ver- Hinderung der sozialen Reformen, die einst das Programm des bürgerlichen Radikalismus Frankreichs ausgemacht haben. Die Ge- schichte des Ministeriums Clemenceau stellt ein Stück vom Nieder- gang des französischen bürgerlichen Radikalismus dar, der durch den 5tlassengegensatz zum Proletariat, durch die Angst vor dem Umsturz mehr und mehr zum— zunächst noch schamhaft geleug- neten— Aufgeben seiner Reformforderungen getrieben wird. Und wenn man das äußerliche Beiwerk des Moments und der Ver- anlassung abzieht, so ist ebenso der Sturz dieses Ministeriums im Kerne ein Ergebnis der Zersetzung de» bürgerlichen Demokratie. Die Situation, die ihn herbeiführte, konnte nur entstehen, weil der französische Radikalismus in sich zerfahren, unsicher und nervös ist, das alleS infolge der innerlich unwahren Position, in die ihn der Zwiespalt bringt zwischen seiner politischen Überlieferung und den harten Tatsachen deZ wachsenden Interessengegensatzes zwischen Bürgertum und Proletariat. Die Zusammensetzung des neuen Mini- steriums unterstreicht das. Sie bedeutet eine erhebliche Konzession des Radikalismus an reaktionäre Strömungen. Mehrere Abgeord- nete rechtsstehender republikanischer Gruppen, offene Feinde sozialer Reformen und der Arbeiterbewegung, sind in das Kabinett des einstigen Sozialisten Briand aufgenommen worden; die Ministerien des Krieges und der Marine wurden im Gegensatz zum Kabinett Clemenceau wieder an Militärs vergeben; der neue Finanzminister Cochcry erweckt bei den Gegnern der schon jahrzehntelang immer wieder zu Fall gebrachten Einkommensteuervorlage die Hoffnung, daß es auch diesmal wieder gelingen werde, sie zu hintertreiben, denn noch hat sie den Senat zu passieren.(Die Kammer hat die Vorlage angenommen, die übrigens den Forderungen der Sozia- listen nur in geringem Maße entspricht.) Allerdings enthält das Ministerium drei„Sozialisten": den Präsidenten Briand, den Ar- beitsminister Viviani, die schon im verflossenen Kabinett saßen, und als neue Errungenschaft den Mann, der vor rund zehn Jahren als erster Sozialist in eine bürgerliche Regierung eintrat und dadurch der französischen Arbeiterbewegung schweren Schaden zufügte: Herrn Millerand, der das Ministerium für öffentliche Arbeiten, Post und Telegraphie übernommen hat. Natürlich haben diese drei„Sozia- listen" mit dem französischen Proletariat nichts gemein, sie werden höchstens den Anarchisten und Syndikalisten dazu dienen, Mißtrauen gegen den Parlamentarismus in der Arbeiterklasse zu nähren und so die Spaltung der französischen Arbeiterbewegung verlängern und die sozialistische Partei schädigen. Wie wenig sie für eine Politik der Reformen bedeuten, beweisen die anderen Köpfe des Mini- steriums, beweisen die Erklärungen der neuen Regierung. Diese hat ängstlich vermieden, die Bewilligung der Einkommensteuer als unumstößliche Bedingung hinzustellen, von der Reform der Kriegs- gerichte hat sie nur sehr im allgemeinen gesprochen, und das von den Sozialisten nachdrücklich aufgestellte Verlangen nach einer Re- form des Wahlrechts durch Einführung des Verhältniswahlsystems hat sie mit der billigen Versicherung beantwortet, sie werde die Frage studieren und zunächst Versuche bei den Geineindewahlen machen. Das einzig Greifbare an sozialen Reformen, was daS neue Ministerium in Aussicht stellte, ist die endliche Verabschiedung des Arbeiter-Altersverstcherungsgesetzes, das übrigens sehr unzulänglich ist. Den Beamten wird ein Statut versprochen, das ihnen angeblich alle mögliche Freiheiten und Rechte geben soll, aber nicht das Streikrecht! Auch eine Amnestie der von Clemenceau nach dein Poststreit brutal gemaßregelten Postbeamten will das Ministerium zurzeit nicht gewähren. Um so nachdrücklicher verspricht es große Marinerüstungen. So sieht das Ministerium der drei„Sozialisten" aus— Briand hat übrigens ostentativ erklärt, daß er seit Jahren keiner Partei mehr angehöre. Es wird noch um eine Nuance reaktionärer sein als das Ministerium Clemenceau. Womit wieder ein Beweis für die Tatsache geliefert ist, daß auch in der bürger- lichen Demokratie, in der Republik die Klassengegensätze sich stetig zuspitzen und das Proletariat sich nur auf die eigene Kraft verlassen darf. Klerikale und liberale Mißregierung hat in Spanien unter dem hungernden Proletariat und der verelendeten Kleinbauernschaft seit Jahrzehnten Zündstoff aufgehäuft. Ein frivoler Krieg, der für die Interessen einer Handvoll Kapitalisten inszeniert wurde, hat diesen Zündstoff zur Explosion gebracht. Die Spanier brachen von ihren marokkanischen Besitzungen Melilla und Centa aus mit Bahn- bauten und Bergwerken ins Gebiet der Kabylen ein. Dafür haben ihnen die Stämme der Riffkabylen Marokkos den heiligen Krieg erklärt, und die spanischen Besatzungen waren alsbald derartig bedrängt und erlitten so furchtbare Verluste, daß große Truppen- Nachschübe aus dem Mutterland abgesandt und weitere vorgesehen wurden. Gegen diesen infamen Krieg der Kapitalisten, für die die Proletarier und Bauern ihr Blut verspritzen sollten— die Reichen können sich in Spanien vom Militärdienst freikaufen—, erhob sich das empörte Volk. Die Reservisten verweigerten den Gestel- lungsbefehlen den Gehorsam, Massendesertionen bewiesen, wie ver- haßt das marokkanische Abenteuer ist. In Barcelona wurde der Generalstreik proklamiert, den die Regierung mit Belagerungszustand und Brutalitäten beantwortete, so daß es zum Aufstand und Straßen- kämpf kam. Mehrere Tage hat das Volk auf den Barrikaden Helden- mütig gekämpft, und nur mit Hilfe der Artillerie ist eS der militärischen Macht gelungen, die Aufständischen niederzuwerfen. Am 29. Juli wurden die Barrikaden von den Kanonen mit Schnellfeuer Nr. 23 Die Gleichheit beschossen und dann unter furchtbarem Blutvergießen erstürmt. Die Rache der Klerikalen Regierung war bestialisch. Die Aufständischen wurden von Kavallerie nach den inneren Stadtteilen zusammen getrieben und dort, wie eine Festungsmauer, mit Kanonen zusammengeschossen. Dreitausend Menschen sollen das Opfer dieser entsetzlichen Schlächterei sein. Die Werkzeuge der Gewalt haben unmenschlich gehaust. Überlebende wurden von den Gendarmen mit dem Bajonett in die brennenden Häuser getrieben und fanden in den Flammen den Tod. Und dann ließ die fromme flerifale Regierung der Welt melden, daß die Nachrichten aus Barcelona„ befriedigend" lauteten! Die ruhmvoll unterlegenen Revolutionäre wurden von den ,, Siegern" in niedrigster Weise verleumbet. Ihnen wurden die Bestialitäten zugeschrieben, die die Regierung begehen ließ, sie sollten Nonnen und Geistliche verhindert haben, aus den in Brand gesteckten Klöstern zu flüchten, so daß sie elend verbrennen mußten usw. Natürlich gab die bürgerliche Presse Deutschlands diese Meldungen mit schmaßendem Behagen weiter, und selbst die sogenannten linksliberalen Blätter nahmen sie unbesehen hin und hielten den Aufständischen ob ihrer Unmenschlichkeit Moralpauken. Inzwischen hat sich herausgestellt, was für den Urteilsfähigen von vornherein feststand, daß das zur Verzweiflung getriebene, in Unbildung und Aberglauben niedergehaltene Volt in seiner wilden Wut immer noch unendlich mehr Menschlichkeit bewahrt hat, als die Schergen der unterdrückenden Gewalt. Durch bürgerliche Zeugnisse ist nachgewiesen, daß die Aufständischen zwar Feuer an die Klöster legten, die Burgen des Klerikalismus, in denen den Arbeiterinnen die böseste Schmutzkonkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gemacht wird, daß aber in allen Fällen den Insassen Gelegenheit gegeben wurde, die Gebäude vorher zu verlassen! In Barcelona ist der Aufstand vorläufig niedergeschlagen, unbarmherzig, unmenschlich wütet die Reaktion. Massenverhaftungen sind vorgenommen, Kriegsgerichte eingesetzt und vierzig Gefangene an einem Tage ohne Prozeß erschossen worden. Indes dauert in der ganzen Provinz Katalonien der Generalstreit und der Aufstand an, und die Regierung ist vorerst nicht in der Lage, größere Truppenmassen dorthin zu entsenden, da sie dann das Aufflammen der Revolution in den von Militär entblößten Gegenden zu fürchten hat. Eine scharfe Bensur sorgt dafür, daß über die Vorgänge im Lande nur unvollständige Meldungen ins Ausland kommen; zurzeit ist ein Urteil darüber nicht möglich, ob die Bewegung Aussicht auf Erfolg hat, ob der Sturz der Regierung und des Königtums in Aussicht steht. Die Sozialisten Spaniens tun bei den revolutionären Ereignissen in hohem Maße ihre Schuldigkeit, wie die Verhaftung des Genossen Pablo Iglesias und von 130 Vertrauensmännern der Partei zeigt.( Inzwischen soll Iglesias wieder freigelassen sein.) Eine einheitliche Führung der spanischen Arbeiterklasse durch die Sozialdemokratie ist indes nicht möglich, da das Proletariat noch zu erheblichen Teilen im Banne der Anarchisten und der Republikaner und tatalonischen Separatisten steht. Ein anderer heftiger Rampf ist im hohen Norden entbrannt ,. ein direkter Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie in Schwe den. Er ist an anderer Stelle gewürdigt worden. Bewacht und gemieden wie ein Pestschiff fährt die Jacht des Zaren von Meer zu Meer, verfolgt vom Fluche und Abscheu der Völker. Nirgends hat der blutige Despot sich den Nationen zu zeigen gewagt, deren Oberhäupter er besucht. In Frankreich hat er gar nicht landen können; die Begegnung mit dem Präfi denten der Republik fand im Hafen von Cherbourg statt, da am Lande feindliche Demonstrationen nicht zu verhüten gewesen wären. In England hat er sich an einsam gelegener Stelle an das Land geschlichen. Große Protestdemonstrationen der Arbeiterpartei und der Sozialdemokratischen Partei haben gegen diese Besudelung englischen Bodens Verwahrung eingelegt, und auch im Parlament haben die Redner der Arbeiterpartei wie vereinzelte bürgerliche Liberale diesem Protest wuchtigen Ausdruck gegeben. Aber die liberale englische Regierung und ihre Majorität scheut um der auswärtigen Politik, um des Einvernehmens mit Rußland willen den Händedruck des blutigen Nikolaus ebensowenig, wie die Regierung der französischen Republik und ihre radikale Mehrheit das tut. In der hohen Politik der bürgerlichen Gesellschaft haben die Gebote der Sittlichkeit und Menschlichkeit nichts zu suchen, so zeigen diese Vorgänge wieder einmal den Völkern. Auch Deutschlands Boden hat der Bar in Kiel betreten eine Riesenversammlung der Kieler Proletarier hat bereits gegen diese Schmach protestiert. Die besondere Jämmerlichkeit der deutschen Zustände zeigt sich dabei darin, daß im ganzen deutschen Bürgertum dieser Protest des deutschen Proletariats nicht das leiseste vernehmbare Echo weckt. Der deutsche Spießer ist von so großem Respekt vor Majestäten beherrscht, daß er gar nicht in die Versuchung kommt, ihre Handlungen zu prüfen. In Italien 363 werden große Protestdemonstrationen gegen den Barenbesuch vor bereitet. Vielfach wird der Generalstreit am Tage des Besuchs empfohlen. Eine erbauliche Einleitung der Barenreise waren die Enthüllungen des russischen Revolutionärs Burzew über die Person des Chefs der russischen Auslandspolizei und Spigelgarde in Paris, des Generals Harting". Der Herr gehörte unter dem Namen Landesen in Paris zur Partei der russischen Sozialrevolutionäre, wurde Spigel, verteilte als solcher im Jahre 1890 Bomben unter seine Bekannten und verriet diese dann an die französische Polizei, worauf er schleunigst verschwand. Die Berratenen wurden zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt, und Landesen selbst erhielt in Abwesenheit von dem Pariser Gericht fünf Jahre Gefängnis zudiftiert. Das hinderte ihn nicht, einige Jahre darauf als General Harting Exzellenz, Ritter des Wladimirordens, wieder aufzutauchen, als Chef der Spitelgarde gerade in Paris sein Hauptquartier aufzuschlagen und dort, wo er der Polizei und der Regierung als Landesen sicherlich bekannt war, das Kreuz der Ehrenlegion zu erhalten. Er hat dann in vielen unsauberen Affären seine Hand gehabt und zahlreiche russische Revolutionäre ausweisen oder gar an die russische Verbrecherbande ausliefern lassen. Auch in Berlin hat der Kerl hervorragend gewirkt und natürlich stets den eifrigsten Beistand der deutschen Polizei gefunden. Der berüchtigte Königsberger Hochverratsprozeß ist zu einem großen Teil das Werk des„ Generals Harting". Die Ents hüllung hat ungeheures Aufsehen gemacht die russische Regierung hat ihr nichts entgegenzusehen vermocht. Die arg kompromits tierte französische Regierung, die den Mann, der in ein französisches Gefängnis gehörte, zum Ritter des höchsten französischen Ordens machte allerdings geschah das unter einem anderen Ministerium, wagte natürlich aus Rücksicht auf das verbündete Rußland auch jetzt noch nicht, den„ General Harting" beim Kragen zu nehmen. Immerhin verhieß Clemenceau noch kurz vor seinem Sturze wenigstens die Ausweisung des Oberspitzels und die Unterdrückung der russischen geheimen„ Auslandspolizei" auf dem Boden der Republik. Die deutsche Regierung wird sich natürlich solcher Reinlichfeit nicht schuldig machen, sondern nach wie vor den Kreaturen der verbrecherischen russischen Regierung warme Schlupfwinkel in Deutschland bieten. Die persische Revolution hat endlich triumphiert. Die Res volutionäre drangen siegreich in die Hauptstadt Teheran ein, der Schah mußte abdanken. Er floh in die russische Gesandtschaft, um sein Leben zu retten, das er sonst wohl zur Sühne der bestialischen Grausamkeiten hätte lassen müssen, die er an den Verfassungsfreunden nach russischem Muster verüben ließ. Das Schicksal des persischen Volkes ist indes noch sehr unbestimmt, da zahlreiche russische Truppen zum Schuhe von Ruhe und Ordnung" im Lande liegen, und es noch dahinsteht, ob das russisch- englische Abkommen über Persien nicht schließlich zu dem Versuch einer Teilung des Reiches unter beide„ Kulturmächte" führen wird. Daß die türkische Revolution rein bürgerlichen Charakter trägt was bei den rückständigen wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes und der numerischen Schwäche des Proletariats freilich selbstverständlich ist, das zeigt der Beschluß des Parlaments, der den Arbeitern jegliche Arbeitseinstellung zur Organisation bei hoher Strafe verbietet. Indes sind bereits die Reime einer gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung vorhanden, und mit Gewalt wird sie auf die Dauer nicht niederzuhalten sein. Die Stichwahl im Reichstagswahlkreis Neustadt- Landau hat mit dem Siege des sozialdemokratischen Kandidaten Huber geendet. Die Zentrumswähler, soweit sie nicht zu den Besitzenden gehören, find zum größten Teile für den Sozialdemokraten eingetreten, und das trotz der offiziellen Parole der Zentrumsleitung, die auf Wahlenthaltung lautete. Damit hat das Zentrum eine neue Quittung für seine voltsfeindliche Steuerpolitik, desgleichen aber hat das Strafgericht der Wähler auch die Nationalliberalen und den Bund der Landwirte ereilt. Schändliche Einzelheiten über die Behandlung von Berliner Fürsorgezöglingen in der von einem Pastor Breithaupt geleiteten Erziehungsanstalt zu Mielczyn( Posen) hat der„ Vorwärts" in mehreren Artikeln enthüllt. Er hat festgestellt, daß einzelne Zöglinge für ganz geringfügige Vergehen oder auch nur Ordnungsverstöße 50, 75, ja 100 und 150 Peitschenhiebe erhielten! Eine amtliche Untersuchung hat das bestätigt. Trotzdem läßt der freisinnige Berliner Magistrat die unglücklichen Kinder in der Anstalt des liebevollen Hirten, den kein Staatsanwalt bisher beim Kragen nahm. Die„ liberale" Presse tut ihr möglichstes, um das Vorgehen des Prügelpastors zu entschuldigen und das Grauenhafte der Affäre zu vertuschen. Es sind ja nur Proletarierkinder...! 364 Die Gleichheit Sieben sozialdemokratische württembergische Land tagsabgeordnete nahmen an einem Ausflug der Kammer zu den Zeppelin Werfen teil und bei dieser Gelegenheit auch an einem Gabelfrühstück beim König Wilhelm II. von Württemberg, nach welchem es später in Konstanz im weiteren Verlauf der Veranstal tung an den üblichen Monarchenhochs nicht fehlte. Die sieben Genossen fühlten das dringende Bedürfnis zu dieser Demonstration in einer Zeit, da unter tätiger Mithilfe der württembergischen Regierung der neue Steuerraubzug gegen das arbeitende Volk ins Wert gesetzt wurde; in einer Zeit, wo die Veröffentlichung der Münchener Post" den hinterhältigen Arbeitertrug der württem bergischen Regierung auf dem Gebiet der Sozialpolitik flärlich erwies. Aus Rücksicht auf den„ gesellschaftlichen Anstand" handelten Sie sieben so, obgleich sie wußten, daß der Vorgang in weiten Parteifreifen Unwillen erregen würde. So hat wenigstens einer von ihnen erklärt; der Versuch einer fachlichen Rechtfertigung des höfifchen Ganges liegt bis zur Stunde noch nicht vor. Von allem anderen abgesehen, was vom Standpunkt des fämpfenden Proletariats gegen den Schwabenstreich gesagt werden muß, drängt sich eine Frage auf. Sollte das Empfinden, die Auffaffung der großen Mehrzahl der Genossen, der proletarischen Maffen, die hinter sozialdemokratischen Abgeordneten stehen und ihnen ihre politische Bedeutung verleihen, nicht ebensoviel gesellschaftliche Rücksicht" verdienen wie die bürgerlichen Parlamentarier und flassenstaatlichen Würdenträger, die feinen Sozialdemokraten im Parlament dulden würden, wenn fie die Macht dazu hätten. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Die wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter und Arbeiterinnen laffen sich von ihren politischen Interessen nicht trennen. Denn die politischen Zustände haben ihre letzte und festeste Wurzel in dem ökonomischen Bau der Gesellschaft und wirken ihrerseits bestimmend auf die Lage der verschiedenen Bevölkerungsschichten zurück. Das politische Leben im Deutschen Reiche steht aber im Zeichen der Macht der besigenden und ausbeutenden Klassen und des Kampfes der ausgebeuteten Massen dagegen. Was auf politischem Gebiet von den Besitzenden und ihren Schuztruppen gefündigt wird, das kann, das darf daher die Gewerkschafter nicht gleichgültig laffen. Es ist ja geeignet, von links her die Errungen schaften hinfällig zu machen, die sie nach rechts dank ihrer Organi fationen dem Unternehmertum abgetrozt haben. Aus diesem Zusammenhang der Dinge ergibt sich die Unmöglichkeit, daß die ge= werkschaftlich organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen politisch indifferent oder neutral" bleiben tönnen. In ihnen ist die Notwendigkeit veranfert, daß sie selbständige, tlassendienliche Arbeiterpolitik treiben müsien. Eine solche Arbeiterpolitik fann aber nur eine unbeugfame sozialdemokratische Politik sein, deren wegweisender Polaritern das Klasseninteresse des Proletariats ist, und die unbeirrt von bürgerlichen Anschauungen ihr Ziel verfolgt. Das infame Wert des infamen Schnapsblocks hat das so scharf beleuchtet, daß es von Hunderttaufenden verstanden werden wird, die bisher aufklärenden Worten nicht zugänglich gewesen sind. Ganz besonders dürften die Lehren der Tatsachen in den Kreisen der christlichen und natio= nalen Gewerkschafter ihre Wirkung nicht verfehlen. Hier werden sie vielen die Augen darüber öffnen, daß mehr als einer ihrer hervorragenden" Führer die Interessen der Arbeiter, die zu vertreten sein Amt sein sollte, in schamloser Weise zertreten, der Politik bürgerlicher Parteien, das heißt dem Vorteil der ausbeutenden Minderheit geopfert hat. Brauchen wir noch lange darüber zu reden, daß der neue Steuerraub die Taschen der Armen leert, in welche die Gewerkschaft mehr Einkommen zu legen bemüht ist? Trotzdem hat es christliche Arbeiterfefretäre gegeben, die als Reichstagsabgeordnete den Beutezug der Schnapsblocks gesellen mitgemacht haben. Wahrhaftig: der Ausdruck Verräter ist für Kumpane dieser Art noch zu mild. Können aber die Arbeiter und Arbeiterinnen in gewertschaftlichen Dingen an die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit der Leute glauben, die im politischen Leben mit lafaienhafter Bereitwilligkeit dem Buckel der Habenichtse die schwersten Lasten aufgebürdet haben? Der politische Verrat der chriftlichen Herren lenkt die Aufmerksamkeit auf ihre gewerkschaftliche Spiegelfechterei. Niemand kann zween Herren dienen. Wer politisch Sachwalter und Kuli der schlimmsten Scharfmacher und Reaktionäre ist, der fann gewerkschaftlich nicht ihr ernster Gegner sein. Der christliche Gewerkschaftstongreß tönnte allerdings den Anschein erwecken, als seien die in Betracht kommenden Herren dem verdienten Strafgericht einstweilen noch entronnen. Schlau Nr. 23 tamen sie dem Zur- Rede- gestellt werden zuvor. Im Tone leidender Biedermänner sprachen sie von dem inneren Zwiespalt, der einem Gewerkschaftsführer nicht erspart bleiben könne, der zugleich Abgeordneter ist, schwätzten sie von dem Seelenkampf, den es ihnen gekostet habe, der patriotischen Pflicht, der Rücksicht auf das Wohl des gesamten Volles die Interessen der armen und kleinen Leute zu opfern. Und die Delegierten übten christliche Demut, sie gaben sich mit den leeren Phrasen zufrieden. Bei den genasführten Mit gliedern werden diese jedoch weit weniger verfangen. Da reden Wucherpreise des Lebensbedarfes, Verlust des Arbeitsplatzes, Lohnfürzungen eine nicht umzudeutelnde Sprache. Die Verteuerung und Verschlechterung der Existenzbedingungen zwingt auch die christs lichen und nationalen Arbeiter und Arbeiterinnen in den Kampf um höhere Entlohnung. Und dabei taucht naturgemäß die Frage nach den skrupellosen Urhebern des letzten Steuerraubes auf. Wendet euch an eure Gewerkschaftsführer, die sind ja schuld daran, daß alles teurer wird", dies war der Sinn der Antwort, mit der ein Textilkapitalist die Lohnforderungen der Arbeiterschaft abwies, die fich auf die Teuerungspreise berufen hatte. " Die freien Gewerkschaften erfüllen nicht bloß eine allgemeine proletarische Klassenpflicht, sie nehmen vielmehr gleichzeitig ihre eigenen Interessen wahr, wenn sie gegenwärtig den Maffen das naturgetreue Konterfei einiger gutgesinnter Arbeitervertreter" mit dem Motto zeigen: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Das Organ der Textilarbeiter rechnet gründlich mit Herrn Schiffer ab, dem Vorsitzenden des Christlichen Textilarbeiterver bandes. Als strammer Zentrumsmann ist er unter die Zöllner und Sünder des Schnapsblocks gegangen. Der Antisemit Schad, Vorsteher des Deutschnationalen Handlungsgehilfen verbandes, hat die„ Proletarier im Stehkragen" in der gleichen Weise schmählich betrogen und wird dafür im Organ des Zentral verbandes an den Pranger geschlagen. Die politische Tagespresse des flassenbewußten Proletariats zeichnete mit sicherem Tatsachenmaterial das arbeiterfeindliche Verhalten des Arbeitervertreters Giesberts. Aufrufe und Flugblätter, welche gerade von solchen freien Gewerkschaften verbreitet werden, die mit den Quertreibereien der christlichen und nationalen Zweiseelenmänner rechnen müssen, fönnen angesichts der Situation ihre aufklärende Wirkung nicht verfehlen. So muß schließlich der Befreiungskampf der Ar beiterklaffe ernten, wo ihre Todfeinde in Habsucht und Herrenhochmut gesät haben. Nicht nur als Käufer und Verzehrer, auch als wertschaffende Arbeiter beginnen die Enterbten den„ Segen" der neuen Steuern bereits zu spüren. In der Streichhölzerfabrikation wie in der Bigarrenfabrikation hat eine folossale überproduktion eingesetzt. Ihr wird die plötzliche Stockung auf dem Fuße folgen, begleitet von Massenentlassungen und Lohnfentungen. Im Tabat gewerbe kündet sich das bereits an. Die vom Reichstag bewilligten vier Millionen Mart zur Unterstützung solcher Tabatarbeiter, die infolge der Steuererhöhung brotlos werden, müssen sich angesichts des großen Heeres der Opfer als unzulängliches Almosen erweisen. Der Tabatarbeiterverband trifft daher zusammen mit dem Sortiererverband Vorkehrungen, um das schwärzeste Elend von den Mitgliedern abzuwehren, die in ihrem Erwerb durch die Steuerpolitik gefchädigt werden. Eine gemeinfame Veröffentlichung beider Verbände gibt Ratschläge über die Wünsche, welche ihre Vertrauenspersonen bei Anfragen seitens der Behörden über die Form der Ausführungsbestimmungen äußern sollen; sie enthält des weiteren Mitteilungen über die besonderen Unterstüßungen bes ziehungsweise Darlehen, welche die Organisationen gewähren wer den. So tragen die Gewerkschaften der Tabafarbeiter doppelt und dreifach die Lasten der arbeiterfeindlichen Zollwucherpolitik. Es ist flar, daß dies eine Hemmung ihrer Attionsfähigkeit bedeutet. Anstatt ihrer vornehmsten Aufgabe nachzugehen, dem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen, müssen sie nicht unerhebliche Wittel zur Linderung der frivol heraufbeschworenen Not ihrer Mitglieder aufwenden. Die Sommermonate, in denen sonst der Waffenlärm wirtschaft licher Schlachten schweigt, erhalten heuer durch die langandauernden Kämpfe der Bauarbeiter in Hamburg und der städtischen Arbeiter in Kiel ein anderes Gepräge. Jn beiden Städten wird mit gleicher Zähigkeit nun schon seit mehr als acht Wochen gekämpft, ohne daß die Situation sich merklich verändert hätte. Gine geringe Zahl Arbeitswilliger, die durch strupellose Streifbrecheragenten aus allen Gegenden Deutschlands zusammengelesen werden, ermöglichen es zwar der Kieler Stadtverwaltung und den Hamburger Bauunternehmern, weiterwursteln zu lassen. Allein die Solis darität der Ausgesperrten und Ausständigen hat bis jetzt einen Sieg der brutalen Gewaltherrschaft vereitelt. Wir haben schon darauf Nr. 23 Die Gleichheit hingewiesen, wie freventlich die freifinnige Kieler Stadtverwaltung ihren Scharfmachergelüften zuliebe mit der Gesundheit der Bevölke rung umspringt. Ebensowenig fragt sie nach den Steuergroschen, wenn es die Bewachung und Bezahlung der Streifbrecher gilt. Die fann das Doppelte fosten, es ist den Stadtvätern nicht zuviel. Den schlechtentlohnten Arbeitern dagegen, die seit Jahren im Dienste der Stadt stehen, soll die notwendige Lohnausbesserung vorenthalten bleiben. Eine größere Lohnbewegung setzt sich im Schiffahrtsgewerbe und bei den Maschinisten und Heizern auf den Dampfs schiffen durch. Auf das siegreiche Vorgehen in der Rheindampfschiffahrt und im Hafen Mannheim- Ludwigshafen ist eine Bewe gung der Binnenschiffer auf der Elbe gefolgt. Sie fordern, daß ein Tarifvertrag ihre überaus lange Arbeitszeit sowie Nachts ruhe und Sonntagsruhe regelt. Es kommen bei dieser Bewegung über 8000 Binnenschiffer und Tausende von Maschinisten und Heizer in Frage. Die Organisation der Binnenschiffer ist in lezter Zeit sehr erstarkt; seit Januar hat der Hafenarbeiterverband über 1000 Mitglieder unter dem Schiffspersonal aufgenommen. Die Be wegung läßt daher auf Erfolg hoffen. Was hinter dem großmäuligen Gerede von der Bedeutung der Gelben steckt, trat dieser Tage recht eklatant bei einer Wahl zur Handelskammer in Augsburg in Erscheinung. Der neugegrün bete gelbe Beamtenverein hatte dazu eine eigene Kandidatenliste aufgestellt. Die Gelben erhielten nur 955 Stimmen, während auf die Liste der kaufmännischen Vereine 3317 Stimmen entfielen. Von den technischen Angestellten stimmten 560 gelb und 1451 für die Kandidaten ihrer Organisation. Troy ausgiebigfter Protektion durch die Betriebsleitungen und schamloser Wahlmache dieser Ausfall! Und das an einem Orte, wo die gelbe Organisation in Treibhausfultur großgepäppelt wird. # Der Verband der Buch- und Steindruckereihilfsarbeiter und arbeiterinnen Deutschlands hat seinen Rechenschaftsbericht für das 11. Geschäftsjahr, 1908, herausgegeben. Er schließt bei einer Gesamteinnahme von 293469,30 t.( inklusive 102 459,25 Mart Kassenbestand) und einer Gesamtsausgabe von 189001,05 Mt. mit einem Kassenbestand von 104468,25 Mt. ab und weist eine Mitgliederzahl von 13524 auf, darunter 7374 Arbeiterinnen. Die daniederliegende Geschäftskonjunktur hat auch an diesem Verband ihre Spuren hinterlassen. Das kommt zunächst zum Ausdruck in der Unterstüßungssumme, welche mit 76807,98 Mt. gegen 54169,09 Mt. im Vorjahr ausgezahlt worden ist, und von der allein 40635 Mt. für Arbeitslose aufgewendet wurde. Des weiteren aber weist auch die Mitgliederabnahme von 659 auf die Ge schäftsflaue hin. Bemerkenswert und bedauernswert zugleich ist, daß die Zahl der weiblichen Mitglieder um 740 zurückgegangen ist; die Zahl der männlichen Mitglieder hat hingegen eine Zunahme von 81 erfahren. Auch an der Fluktuation der Mitglieder sind die Arbeiterinnen am meisten beteiligt gewesen. Von 5310 neueingetretenen Mitgliedern waren 3417 weiblichen Geschlechtes und unter 5969 ausgetretenen befanden sich 4157 Arbeiterinnen. Letztere machten demnach 70 Prozent der Ausgetretenen aus. Man darf diese bedauerliche Tatsache jedoch nicht ohne weiteres auf die geringere Organisationsfähigkeit und Reife der weiblichen Arbeiter zurückführen, sondern muß diese Tatsache in Betracht ziehen: ge rade die Branche, in der die meisten Arbeiterinnen des graphischen Berufs tätig sind, die Luxuspapierfabritation, hat ganz besonders unter der lähmenden Krise gelitten. Betriebseinschrän fungen und Entlassungen waren die Folge, und der Rückschlag machte sich dann naturgemäß in der Organisation bemerkbar. Troydem sollten gerade die weiblichen Berufsangehörigen eine größere Treue zur Organisation befunden, denn an den Unterstützungseinrichtungen partizipieren sie in ziemlich großem Umfang. Wurde doch die Krantenunterstützung zu zwei Drittel an weibliche Mitglieder ausgezahlt, und die seit Ditober 1908 zur Einführung ges langte Wöchnerinnenunterstüßung wurde mit 1110 Mt. von 111 Mitgliedern in Anspruch genommen. Die Einführung und Durchführung der mit dem„ Deutschen Buchdruckerverein"( Arbeitgeber) abgeschlossenen Allgemeinen Bestimmungen" und den damit verbundenen Lokaltarifen hat den Verband auch in dem Berichtsjahr stark beschäftigt. Diese Tarife sind bisher in 19 der größeren Druckorte abgeschlossen worden. Für Buch- und Steindruckhilfspersonal gemeinsam haben 6, für Steindruck allein 8 Orte, für Buchdruck allein die übrigen Orte tarifliche Vereinbarungen. Zur Regelung von Tariffragen sowie zur Überwachung der gemeinsam beschlossenen Bestimmungen wurde eine permanente Kommiffion, bestehend aus Arbeitgebern und Arbeit nehmern, eingesetzt. 365 Der im Juni 1908 in München stattgefundene Verbandstag hatte die Anstellung mehrerer Verbandsbeamten und einiger Gauleiter beschlossen, ebenfalls die übernahme der Anstellung der Lokalbeamten. Unter den Angestellten des Verbandes befinden sich fünf weibliche, die natürlich unter den gleichen Gehaltsverhältnissen stehen wie die Männer. Die Zeitung Solidarität" erscheint seit Oftober 1908 wöchentlich einmal, während sie vorher nur vierzehntäglich herausgegeben wurde. Die Unterrichtskurse der Generalkommission wurden von vier Kollegen besucht und sollen auch im laufenden Jahre wieder mit vier Mitgliedern beschickt werden, um auf diese Weise immer mehr Kräfte zur Agitation auszubilden. Denn die Arbeit für die Organisation darf nicht er lahmen, und wenn auch der Jahresabschluß für 1908 feine großen Erfolge meldet, so ist zur Mutlosigkeit dennoch nicht der geringste Grund vorhanden. Die Krise zeigt überall ihre Wirkungen, und diese müssen mit um so eifrigerer Arbeit für die Organisation wieder wettgemacht werden. Gert. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Roheiten besserer Herrschaften. Die 51jährige Röchin 2. war bei Frau Dr. Lessing in Nürnberg einige Monate in Stellung. Die alte Dame scheint ihre Lebensaufgabe in ber Schifanierung ihres Dienstpersonals zu erblicken, denn nur so lassen sich die vielen Klagen und Beschwerden der Hausangestellten über sie erklären. Auch neulich wußte die Dame aus lauter Bos heit nicht, was anfangen. Als abends 8 Uhr die Köchin den Rehbraten nebst Nudeln zum Abendbrot herrichtete, wurde sie von ihr angeherrscht, die Nudeln vom Feuer zu nehmen, es sei noch zu früh. Die Köchin erklärte, die Herren Söhne würden sofort zum Abendessen erscheinen, und sollte das fertig sein, so dürften die Nudeln nicht mehr vom Feuer fort. Über die so richtige als harmlose Antwort geriet Frau Dr. Lessing in höchste Wut. Sie schrie, die Köchin könne sofort das Haus verlassen, einen derartigen Widerspruch dulde sie nicht. Die Köchin erwiderte, daß fie fofort gehen würde, wenn ſie, wie dies recht und billig sei, Lohn und Kostgeld bis zum nächsten Ersten erhielte. Frau Dr. Leffing trumpfte darauf mit Liebenswürdigkeiten heraus, deren Schlußrefrain lautete: Kein Pfennig wird gezahlt. Am andern Morgen um 10 Uhr erschien Frau Dr. Lessing in der Tür mit dem Morgengruß:„ Na, find Sie noch nicht zum Hause hinaus? Ihnen werde ich Beine machen." Flugs telephonierte sie, daß der älteste ihrer Söhne, der brutalite der Herren, kommen solle. Ohne zu fragen, was es ge geben hätte, packte der 80 jährige Mann die 51jährige Köchin am Hals und drosselte sie derart, daß die Armste vor Schreck den Kot verlor. Die Mißhandelte flog dann auf die Treppe und lief in wahn finniger Angst auf die Straße, hier einen Schußmann aufsuchend, der sie einigermaßen beruhigte und sofort zum Arzt schickte. Der außergewöhnlich rohe Gewaltaft des feinen Herrn" hatte zur Folge, daß die Köchin einen Nervenanfall bekam und zurzeit im Krankenhause liegt, wo sie in fiebernder Angst noch immer un aufhörlich weint. Da die Köchin Mitglied des Dienstbotenvereins ist, so ist Herr Lessing nebst seiner Mutter verklagt worden. Ob der junge Wüterich vor Gericht ebenso brutal auftreten wird wie gegen die alte Köchin, werden wir sehen. Hier aber fragen wir diesen Rohling, ob er weiß, was es heißt, fast 40 Jahre lang unter fremden Menschen sich sein Brot zu verdienen, Launen und Schikanen meist fauler und verwöhnter Damen zu ertragen, Grobheiten oder Zudringlichkeiten der Herren? Hat der Herr eine Ahnung, was es bedeutet, durch eigene Arbeit sich einen Rehbraten zu verdienen, ehe man ihn iẞt? Wohl sicher nicht denn sonst würde er nicht ein bei ehrlicher Arbeit ergrautes Weib so rowdymäßig behandelt haben. Auch am Zimmermädchen versuchte Frau Dr. Lessing eine Kraftprobe. Sie schloß das Brot ein, damit das junge Mädchen nicht so viel zu Abend essen fönne. Aber da kam sie an eine Aufgeweckte. Das Zimmermädchen sperrte ihrerseits das Geschirr vom Abendbrot im Abspülschrank ein, ohne es abzuwaschen. Auf die verwunderte Frage der Frau was sie sich unterstehe", kam die treffende Antwort, so wie ihr das Brot eingesperrt werde, sperre sie die Arbeit ein. Zum Glück gab der anwesende zweite Sohn dem Mädchen recht, und somit kam es zu feinem Gewaltaft, wie er an ihrer Kollegin verübt wurde. Das Zimmermädchen weigerte sich auch, zu der drangfalierenden Dame gnädige Frau" zu sagen. Was wir berichteten, läßt ein helles Streiflicht darauf fallen, wie es in feinen Häusern zugeht. Selbstschutz durch die Organisation muß die Losung der Mädchen sein. Alle Haus 366 Die Gleichheit angestellten sollten darum dem Verband beitreten, der schreiende Mißstände in ihrer Lage rücksichtslos kritisieren und bekämpfen kann. Daß der Hausangestelltenverband mit Erfolg die Herr schaften zu zwingen vermag, den Mädchen ihr Recht werden zu lassen, hat fürzlich der Fall Ehrecke gezeigt, den wir an dieser Stelle mitteilten. Ehrecke wurde verurteilt, das schlechte Zeugnis zu ändern und obendrein sämtliche Gerichtskosten zu tragen. Der Herr wird sich ein zweites Mal davor hüten, einem braven Mädchen das Fortkommen zu erschweren. Helene Grünberg- Nürnberg. Werden Dienstmädchen gute proletarische Hausmütter? Diese Frage beantwortete ein Artikel:„ Die Schulung zur Arbeiterfrau", der in einzelnen Parteiblättern zu lesen war. Die Antwort dürfte wohl in weiten Parteitreisen Kopfschütteln erregen. Der ungenannte Verfasser ging von der Behauptung aus, der Arbeiter ziehe bei der Wahl einer Gattin in der Regel das Dienstmädchen der gewerblichen Arbeiterin vor, da er annehme, daß das erstere eine tüchtigere Hausfrau abgebe als die lettere. Höhere, geistig- fittliche Beweggründe scheinen also nach Ansicht des Artikelschreibers wenig oder gar nicht für den Eheschluß der Proletarier in Betracht zu kommen. Die Meinung, daß das Dienen auf den Hausfrauenberuf vorbereite, hält der Verfasser für falsch. Um seine Auffassung zu stüßen, entwirft er von der häuslichen Angestellten ein Zerrbild, wie man es in der bürgerlichen Presse zu finden gewohnt ist, und an dem die berühmten guten deutschen Hausfrauen" ihre helle Freude haben werden. Man muß sich wundern, daß Ausführungen, die einen durchaus bürgerlichen Geist atmen, in Blätter übergehen konnten, die für die Arbeiterklasse bestimmt sind. Doch hören wir den angeführten Artikel selbst. Es heißt da: ,, 1. Das Dienstmädchen im herrschaftlichen Haushalt lernt niemals mit dem Pfennig rechnen, was es als Arbeiterfrau unbedingt tun muß. Es sieht nur, daß alles gekauft wird, was gebraucht wird, daß auch bei wachsender Kinderzahl und bei erweitertem Haushalt alle Bedürfnisse gedeckt werden. Daß die Hausfrau abends bei der Abrechnung im tiefsten Herzen seufzt, und daß der Hausherr oft schwere Erwerbssorgen hat, das erfährt sie ja nie; sie merkt es auch nicht, daß man an Kulturausgaben ſpart, um allen wirtschaftlichen Anforderungen genügen zu können, daß man rechnet und überlegt und disponiert, wie wohl ein anständiges Auskommen möglich sei. Sie lebt sich so im Laufe der Jahre in die Vorstellung ein, daß überall Geld genug da ist, und daß man es leichten Herzens ausgibt. Besonders Köchinnen bringen es in dieser Vor stellung so weit, daß sie den Sparversuchen der Hausfrau direkt einen zähen, stillen Widerstand entgegensetzen. Sie brauchen ein Stengelchen Petersilie zu einer Sauce, taufen aber für 10 Pf. und lassen das übrige vertrocknen. Sie erklären aufs bestimmteste, daß man andere als Fleischsuppen doch nicht essen könne, wenn die Hausfrau schüchtern auf die vielen Brotrinden aufmerksam macht. Nein, das Sparen- und Rechnenkönnen bringt ein Mädchen aus seinen herrschaftlichen Stellungen sicherlich nicht mit in die Arbeiterehe. 2. Sie bringt auch keine Sorglichkeit mit. Alle Dinge, mit denen sie umgeht, sind nicht ihr Eigentum. Es gibt Gebildete genug, die mit fremdem Eigentum gewissenlos sind, wer wollte da von Ungebildeten wirkliche Gewissenhaftigkeit verlangen dürfen? Und es ist im größeren Haushalt so leicht, zerschlagene Teller stillschweigend zu beseitigen, zerbrochene Krüge so wieder zusammenzusetzen, daß der nächste, der ihn berührt, als der Schuldige er scheint. Die Hausfrau kann auch schlechterdings nicht über jeden verliederten Strumpf und über jedes versengte Taschentuch und über jeden verdorbenen Speiserest ein Lamento erheben; fie muß ein und auch zwei Augen zudrücken, wenn sie die Mädchen nicht mit ihrer scharfen Kontrolle verscheuchen will. Und sie weiß gut genug, daß Dienstmädchen heutzutage ein rarer Artikel sind. Aber überdies ist es in jedem etwas größeren Haushalt überhaupt un möglich, daß die Hausfrau jedes Ding sieht und jede Arbeit prüft und jede Nachlässigkeit erfährt; sie ist in vielen Sachen von dem guten Willen der Angestellten abhängig. Das alles zusammen macht aber eben, daß der herrschaftliche Dienst nicht eine Schule der Sorgfamkeit für die künftige Arbeiterfrau ist. 3. Überhaupt ist der Glaube, daß die proletarischen Töchter im Dienste der gebildeten und wohlhabenden Klasse eine planmäßige Erziehung fänden, heutzutage nicht mehr sehr berechtigt. Es gilt, zumal in Großstädten, als bemerkenswert, wenn ein Mädchen ein Jahr lang in einer Stellung bleibt. Mit einem raschen Wechsel rechnet heute jede Hausfrau. Sie erzieht sich nicht mehr wie in früheren Generationen eine treue Seele für Lebenszeit, sondern sie drillt jede Neukommende nur rasch äußerlich ein. Und wie wenige Nr. 23 " gute" Hausfrauen vermögen überhaupt zu erziehen? Sie find selber planlos und zerfahren, wie tönnen sie andere zu Straffheit, Überlegung, Einteilung anleiten? Die wenigen aber, die es könnten, brauchen ihre Zeit für andere Arbeiten." Was unter 3 gesagt ist, das hat so weit seine Richtigkeit, als die wenigsten Hausfrauen der besitzenden Kreise heute befähigt und gewillt sind, ihre häuslichen Arbeitskräfte planmäßig zu erziehen und zu schulen. Aber was die Hausfrau nicht tut, das bewirkt das Leben selbst mit seinen Anforderungen. Intelligente Mädchen, in deren Brust Pflichtbewußtsein wohnt und solche sind unter den Dienenden häufig genug, werden durch die ihnen übertragenen Aufgaben, durch das eigene Wollen und Streben erzogen. Allerdings kostet das manches Lehrgeld, und wenn auch auf die Seite der Herrschaften ein Teil davon fällt, so ist das nur natürlich und im letzten Grunde überwiegend die Schuld der Herrschaften selbst. Aus dem Artikel scheint auch hervorzugehen, daß nach Ansicht des Verfassers oder sollte es eine Verfasserin sein?- der Dienstbotenberuf nicht das proletarische Empfinden und Verstehen entwickelt, dessen die Arbeiterfrau bedarf, um zur Kampfesgefährtin ihres Mannes zu werden. Gewiß ist es bis zu einem gewissen Grade richtig, daß viele Hausangestellte, besonders die in sogenannten vornehmen Familien, hochmütig und gleichgültig gegen ihre Klassengenossen und ihnen entfremdet werden. Allein die Zahl derer, von denen das gilt, geht immer mehr zurück. Je weiter die allgemeine Arbeiterbewegung sich ausbreitet und auch aufs Land hinausgeht, um so mehr wächst die Schar der Mädchen, die von proletarischem Klassenempfinden beseelt gerade als häusliche Dienende aus den Verhältnissen in ihrem Beruf den Anstoß erlangen, dem Kampf der Arbeiterklasse für Brot, Recht und Freiheit Verständnis und Sympathie entgegenzubringen. So schießt der Artikel weit über das Ziel hinaus, wenn er von den Dienenden, besonders den bessergestellten, meint:„ proletarisches Bewußtsein und proletarischer Stolz sind Tugenden, die bei ihnen niemals gefunden werden". Wahrscheinlich ist es dem Verfasser unbekannt, daß es in Hamburg, Nürnberg, Frankfurt a. M., Berlin und so vielen anderen Städten noch eine stattliche Schar intelligenter, aufgeklärter und opferwilliger Hausangestellter gibt, die in Reih und Glied des tämpfenden Proletariats stehen und eifrig bemüht sind, ihre Arbeitsschwestern zu wecken und zu heben. Sie bedanken sich bestens für das Konterfei, bei dem nicht ein unbefangener Blick den Pinsel geführt zu haben scheint, vielmehr das Urteil einer verärgerten Hausfrau, die die Menschen und Dinge lediglich im Lichte ihrer zufälligen persönlichen Erfahrungen sieht und durch ihr Seufzen beweist, daß sie selbst nichts weniger als ein Muster ihres Standes ist. E. U. Heimarbeiterschuh. Der erste schweizerische Heimarbeiterschutzkongreß hat am 7. und 8. August im Anschluß an die Heimarbeitsausstellung zu Zürich getagt. Wir werden auf seine Verhandlungen noch zurückkommen, wenn eingehende Berichte darüber vorliegen. Auf der Tagesordnung des Kongresses standen 3 Punkte: 1. Die volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung der Heimarbeit. 2. Die Heimarbeit und die Konsumenten. 3. Die gesetzliche Regelung der Heimarbeit. Für heute die wichtigsten Resolutionen, die dazu angenommen wurden und die Gedankengänge der betreffenden Referate wiedergeben. Professor Dr. Beck, der Referent zum ersten Punkt der Tagesordnung, hatte folgende Leitfäße aufgestellt: „ Zur Erzielung einer wirksamen Heimarbeitsreform ist von der organisierten Arbeiterschaft der Schweiz zu verlangen: 1. die tatkräftige Förderung der gewerkschaftlichen Organisation der Heimarbeiter und des Beitrittes der Heimarbeitergewerkschaften zu den Zentralverbänden; 2. die Anhandnahme der Vorarbeiten für ein zu schaffendes schweizerisches Heimarbeitsgesetz seitens des schweize rischen Arbeiterbundes und der Gewerkschaften; 3. Maßnahmen zur Beseitigung der Heimarbeit in der Konfektions-, Leder-, Nahrungs- und Genußmittelindustrie, überhaupt in solchen Erwerbsarten, deren Hausbetrieb eine Schädigung der Produzenten oder Konsumenten bedeutet; 4. die Unterstützung der Heimarbeitergewerkschaften in der Abschließung von Tarifverträgen, in der genossenschaftlichen Beschaffung elektrischer und anderer mechanischer Betriebskräfte für die Heimarbeit, in der Ausdehnung der Kranken-, Unfall- und Altersversicherung auf die Heimarbeiter und in der Gründung von Genossenschaftsferggereien; 5. die Organisation von tünftigen schweizerischen Heimarbeiterschuhkongressen, soweit solche nötig sein werden. Von der Eidgenossenschaft ist zu verlangen: 1. der Erlaß eines schweizerischen Heimarbeitsgesetzes; 2. die Schaffung eines Heim Nr. 23 Die Gleichbeit arbeitsinspektorats mit dem nötigen männlichen und weiblichen Inspektionsperfonal zum Zwecke der Durchführung des eidgenös fifchen Heimarbeitsgesetzes. Von den Kantonen muß erwartet werden: 1. die wirksame Mithilfe zur Einführung der elektrischen Kraft in denjenigen hausindustriellen Anlagen, in denen der Motorbetrieb der Arbeiter schaft Nutzen bringt; 2. die Mitwirkung der Schulbehörden, der Lehrer und Lehrerinnen zur Durchführung derjenigen Vorschriften des eidgenössischen Heimarbeitsgefeges, welche den Kinderschutz be treffen: 3. das vereinte Vorgehen mit gemeinnützigen Körperschaften zur Schaffung neuer Erwerbsmöglichkeiten für solche Bevölkerungsfreife, welche durch das Verschwinden gewisser, nicht mehr lebensfähiger Heimarbeitsarten erwerbslos werden. Der erste schweizerische Heimarbeiterschutzfongreß bestellt ein Aktionsfomitee zur Durchführung seiner Beschlüsse." Zum zweiten Punkte sprach sich der Referent Professor Bruches für die soziale Räuferliga aus. Professor Dr. Stephan Bauer behandelte die gesetzliche Regelung der Heimarbeit und erhob dazu folgende Forderungen:„ Der erste allgemeine schweizerische Heimarbeiterschußkongreß vom 7. und 8. Auguft in Zürich fordert gesetzlichen Schuh der menschlichen Arbeitskraft in der Heimarbeit. Er verlangt zu diesem Zwecke: 1. In Sachen der Lohnreform. a. Vom Bund: Erlaß eines Heimarbeitsgesetzes auf Grund des Gewerbeartikels. Dieses hat zur Aufgabe: Einfegung von Einigungsämtern zur Festsetzung von rechtsverbindlichen Mindestlohnsägen in der Heimarbeit. Verbot des Truck systems, Bekanntgabe der Lohnfäße vor übernahme der Aufträge, Regelung und Einschränkung des Abzugswesens. Erledigung von Streitigkeiten aus Belöhnungsverhältnissen in der Heimarbeit durch Gewerbegerichte. b. Von den Kantonen: Auszahlung des Eidgenössischen Tarifs für die Armeebekleidung in vollem Umfang an die Heimarbeiter. c. Von den Gemeinden: Geeignete Maßregeln der Wohnungs- und Werkstättenpolitik zur Regulierung der Mietzinsen. d. Von Bund, Kantonen und Gemeinden: Direkte Ausgabe der Uniformenfabrikation für die Armee, für Eisenbahn, Post- und Telegraphen, Zoll, Straßenbahn-, Polizei- und andere Angestellte an die Heimarbeiter ohne Veraffordierung an Unternehmer, mindestens nicht an solche, die nicht Tariffäße zahlen. 2. In Sachen des Kinder- und Frauenschutzes und der Sonntagsrube. Verbot der Arbeit von Kindern unter zwölf Jahren und der Frauennachtarbeit durch Bundesgesetz; Einführung einer Schonzeit für Wöchnerinnen; Verbot der Sonntagsarbeit. 3. In Sachen des Gesundheitsschußes. a. Vom Bund: Berbot gesundheitsschädlicher Verfahren und Verrichtungen in der Heimarbeit. Verhaltungsmaßregeln an die Kanione beim Ausbruch von ansteckenden Krankheiten. Dellarationszwang der in der Heimarbeit verfertigten Waren der Konfettions- und Lebens- und Genußmittelindustrie. b. Von den Kantonen und Gemeinden: Erlaß von Wohnungsgesetzen zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse. Wohnungsinspektion. 4. In Sachen der Versicherung der Heimarbeiter. Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung des Bundes und der Altersversicherung der Kantone auf die Heimarbeiter. Subvention von Krisenfonds, Stromabgabegenossenschaften und Genossenschaftsferggereien. 5. In Sachen der Durchführung dieser Postulate. Regiftrierzwang. Ergänzung des Fabrifinspektorats durch männliche und weibliche Heimarbeitsinspektoren oder wenigstens technisch und volkswirtschaftlich gebildetes Hilfspersonal. 6. In Sachen des internationalen Arbeiterschutes. Der Bund ergreift die Initiative zum Abschluß von internationalen Heimarbeitsverträgen." Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Franenarbeit in den Ziegeleien. Der vorliegende Bericht der Ziegeleiberufsgenossenschaft pro 1908 gibt leider nicht die Zahl der in den Ziegeleien Deutschlands beschäftigten Frauen an, da die Statistit der Berufsgenossenschaften eben immer noch nicht ausgebaut ist. Dafür schildert er aber mit großer, sonst ungewohnter Offenheit die Zustände in den Ziegeleien.„ Aus die Zahl der Unfälle" die im Jahre 1908 6464 betrug, heißt es wörtlich ,, wirkt auch der Umstand ungünstig ein, daß in Ziegeleien viele ungeübte, zum Teil minderwertige Arbeitsträste verwendet werden, die durch Unachtsamkeit, Ungeschicklichkeit und Waghalsigkeit manchen Unfall herbeiführen. Galizier, Ruthenen und russische Polen wer ben in großer Anzahl beschäftigt, und diese oft dem Trunte er. gebenen Ausländer erliegen infolge ihrer Gleichgültigkeit gegen alle Vorsichtsmaßregeln den Betriebsgefahren nur zu leicht." Unter " 367 dieser Gesellschaft von Arbeitern, die der Bericht selbst als minders wertige Arbeitsfräfte fennzeichnet die jedoch dem Unternehmers tum hochwillkommen find muß die Frau arbeiten. Was die Wohnräume dieser Arbeiter anbelangt, so wird der unfaubere Zus stand der Schlaf und Eßräume" erwähnt. Schränke für Kleider wurden nur selten angetroffen- ,, meift hingen die Sachen frei an den Wänden des Raumes umher". Die Betten waren oft nicht geordnet und die Fenster auch an warmen Sommertagen meistens geschlossen, so daß ein unangenehmer Geruch in den Räumen herrschte. In einem Betrieb hielten Arbeiterinnen ihren Mittagsschlaf oben auf den Etagenwagen. Auch über die Machtlosigkeit gegen den Brauch des Zusammenschlafens weiblicher Personen in einem Bett wurde Klage geführt. In Ziegeleien finden jugendliche und weibliche Arbeiter vielfach Verwendung. So wurden in Sandund Riesgruben sowie beim Arbeiten im Ringofen zuweilen Frauen oder jugendliche Arbeiter angetroffen. Auch zum Beschicken des obersten Walzwerfes wurden in einem Betrieb( der zufällig revi diert wurde. D. Verf.) Frauen verwendet." " Polnische Arbeiter," so heißt es, hätten vielfach fein warmes Mittagbrot gewollt, weil ihnen der Preis mit 40 Pf. zu hoch erschien." Dieselben Arbeiter wurden in der Tongrube dabei an= getroffen, wie sie das angesammelte gelbe Lehmwasser in Flaschen füllten und tranten." Jedenfalls war kein Trinkwasser für die armen Leute vorhanden. Wit einem Durchschnittslohn von 685 Mt. pro Jahr, der sich nach der Lohnfumme laut Bericht ergibt, kann man sich auch nicht alle Tage warmes Mittagessen tauren. " Das Aktordunwesen ist in den Ziegeleien noch viel verbreitet. Der Bericht flagt selbst: Vielfach wurde in Tongruben, in denen die Arbeiter das Tongraben in Atford übernommen hatten, unvorschriftsmäßiger Abbau angetroffen. Der Ziegelmeister, der meistens die Aufsicht in der Gräberei hat, verbietet wohl diesen Abbau, in vielen Fällen hat der Ziegelmeister die ganze Herstellung der Ziegel in Atford übernommen. Dann hat er auch ein persönliches Interesse daran, daß viel geschafft wird, und fümmert sich wenig darum, ob die oft als lästig empfundenen Vorschriften befolgt werden." Das ist eine herrliche" Schilderung des Affordunwesens, und zwar aus Unternehmermund. Natürlich fehlt auch die faule Ausrede nicht, daß die Herren diesem Unwesen ,, machtlos gegenüberstehen", weil die Arbeiter bei den geringsten Vorwürfen usw. die Arbeit niederlegen" und Ersay auf dem flachen Lande dann schwer zu bekommen sei. E. G. Soziale Gesetzgebung. Arbeiterinnenschutzgesetzgebung in der Schweiz. Jm Kanton Baselstadt ist in der Voltsabstimmung das von den Krämern und andern Mittelstandsleuten hertig bekämpfte neue Rubetagsgesetz mit 6700 gegen 2771 Stimmen angenommen worden. Das bedeutet einen sehr schäzenswerten sozialen Fortschritt. Das Gesetz bringt den allgemeinen obligatorischen Ladenschluß an den Ruhetagen, das Verbot der Bureauarbeit von Angestellten, die volle Sonntagsruhe für das Friseurgewerbe, den Arbeitsschluß für die Bäckergehilfen nachts 12 Uhr vom Samstag auf den Sonntag, die Beschränkung des Brotaustragens an den Ruhetagen bis 9 Uhr vormittags und eine mindestens sechsstündige Freizeit in der Woche für häusliche und landwirtschaftliche Dienstboten, die eine Steuerung in der schweizerischen Arbeiterschutzgesetzgebung darstellt. Vier Stunden von der Freizeit müssen ununterbrochen zusammenhängen. Zulässig ist die Zusammenlegung der Hälfte der Freizeit zu Ferien. In den landwirtschaftlichen Betrieben tann in den Monaten Juni, Juli und August die Hälfte der Ferienzeit durch Barentschädigung ersetzt werden. Dieser Dienstbotenschutz ist sogar nach der bürgerlichen Presse ein praktisch nur bescheidener Fortschritt, seine größere Bedeutung ist grundsäglicher Art. Jenen Arbeitern und Angestellten, die an den Ruhetagen ausnahmsweise zugelassene Arbeit verrichten, ist an Werktagen entsprechende Freizeit zu gewähren. Im Kanton Bern wollten die Krämer, Hoteliers und andere Mittelstandsleute das erst am 1. Juli 1908 in Kraft getretene Arbeiterinnenschußgesez wegen der Fremdenindustrie schon wieder verschlechtern. Das Gesetz bestimmt den Achtuhriadenfchluß und zehnstündige Nachtruhe für die weiblichen Angestellten. Die sozialen Reaktionäre und erwerbsgierigen Arbeiterjeinse forderten die Verlängerung der Geschäftszeit für die Läden auf 10 Uhr nachts, und zwar für die Dauer von 4 Wlonaten jätsich, ferner die Reduktion der Nachtruhe auf 9 Stunden. Regierung und Mehrheit des tantonalen Parlaments erfüllten in der Tat die Wünsche der Profitjäger, aber nun erhielt das Volk das Wort, und es verwarf in der Abstimmung die Verschlechterung mit 20841 gegen 368 Die Gleichheit 10871 Stimmen, also mit Zweidrittelmehrheit. Diese Verwerfung bedeutet eine empfindliche Niederlage der Krämer wie der reaktionären Regierung und Parlamentsmehrheit, andererseits aber einen glänzenden Sieg der Sozialdemokratie, die eine großartige Agitation zur Abwehr des reaktionären Vorstoßes betrieb und den schönen Erfolg erzielte. Z. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Die Gründung eines sozialistischen Frauenblattes in Norwegen steht bevor. Die letzte Jahresversammlung des Frauen= verbandes der norwegischen Arbeiterpartei hat den Beschluß zur Gründung gefaßt und den Vorstand beauftragt, die vorbereitenden Schritte dazu zu tun. Die sind nun geschehen. Das Blatt wird vom 1. September d. J. an monatlich erscheinen. Die Redaktion ruht in den Händen eines Komitees, das aus den Genossinnen Fernanda Nissen, Gunhild Ziener und Helga Thorsen besteht. Unser norwegisches Schwesterorgan wird den Titel führen:„ Kvinden"(" Die Frau"). Es soll nach Art der „ Gleichheit" speziell der sozialistischen Agitation unter dem weiblichen Proletariat und der Schulung der Genossinnen dienen, zwei Aufgaben, welche ein Stamm tüchtiger Frauen schon jetzt mit Erfolg in die Hand genommen hat. Ein freudiges Willkommen und herzliche Wünsche der neuen Mitstreiterin! " Amerikanische Proletarierinnen im Klaffenkampf. Skrupel lose Ausbeutung, die durch Wohnungswucher und Trucksystem auf die Spike getrieben wurde, hatte in den Vereinigten Staaten die Tausende Arbeiter der Pressed Steel Car Company( Preßstahlwaggonwerke) in den Ausstand getrieben. Er ward von kapitalistischer Seite mit jenem Gemisch von roher, gewalttätiger Brutali tät und ausgeflügelten Schikanen geführt, welches den Kapitalismus in den Vereinigten Staaten auszeichnet. Daß die Lohnsklaven trotzdem nach Leiden und Opfern unsäglicher Art den Sieg erringen konnten, verdanken sie mit ihren heldenmütigen Frauen. Sie waren im Kampfe die anfeuernde und stützende Kraft. The Call"( Der Weckruf"), das New Yorker sozialistische Organ in eng lischer Sprache, würdigt ihr Verhalten mit diesen Worten:„ Wir ziehen den Hut und neigen uns voll Ehrerbietung vor den heroischen Frauen der streikenden Arbeiter der Pressed Steel Car Company. Gleich den Frauen der alten Germanen, die ihre Männer in den Kampf trieben und lieber mit ihren Kindern in den Tod gingen, als daß sie römische Sflavinnen wurden, boten diese Frauen der Ausgebeutetsten unter den Proletariern das für viele befrem dende Schauspiel einer Tapferkeit, Hingebung und Selbstaufopfe rung, wie sie feine der satten, verweichlichten, überfeinerten Bour geoisdamen weder zu leisten noch zu verstehen vermag. Sie haben mit ihren Männern gearbeitet, gehungert, gelitten. Nun kämpfen sie mit ihnen, tragen ihre Verwundeten hinweg und sind bereit, lieber die Brandfackel an die elenden Hütten zu legen, die ihre geringe Habe bergen, als daß sie sich aus ihren Heimstätten ver treiben ließen. Die sozialistische Bewegung erstrebt die Beseitigung der Klassenherrschaft, der Quelle aller Ausbeutung und Unterdrückung, auf friedliche und legale Weise. Aber wenn sie die Frauen der hilflosesten aller Arbeiterschichten mit den letzten Mitteln, die ihnen zur Verteidigung geblieben sind, um das elementarste Menschenrecht, das Recht auf Existenz kämpfen sieht, so kann sie ihrer Kühnheit, ihrem Mut nur Beifall zollen. Ehre und Ruhm den kämpfenden Frauen des Proletariats." Landarbeiterfrage. Was ländliche Proletarier erdulden müssen, davon reden die nachstehenden Mitteilungen, die uns aus Rühn bei Bütow zugehen: Das Büßower Schöffengericht verurteilte vor etlicher Zeit den Erbpachthofbefizer Prange aus Warnow bei Bühow wegen Beleidigung einer Schnitterfrau zu zwei Monaten Gefängnis. Auf die Berufung des Angeklagten hin hob das Güstrower Landgericht dieses Urteil auf und erkannte auf nur einen Monat Gefängnis. Wie wenig angebracht diese Milde bei einem Manne wie Prange ist, geht aufs deutlichste aus einem Vorfall hervor, der sich zwar schon im vorigen Herbst abgespielt hat, für die Gesinnung und Handlungsweise dieses Herrn aber äußerst charakteristisch ist. Bei Prange wurden die Rüben eingefahren. Von den vollbepackten Wagen fielen von Zeit zu Zeit ein paar Rüben herunter. Tagelöhnerkinder, die dies bemerkten, hoben die Rüben auf und brachten ihren Fund freudestrahlend der Mutter. Doch über das heilige Privateigentum wacht bekanntlich die Vorsehung mit besonderer Sorge. In unserem Falle war sie in der Person der treuen Hausfrau des Herrn Prange verkörpert. Raum hatte ihr wachsames Nr. 23 Auge das„ Verbrechen" erspäht, als sie eiligst ihren Mann herbeirief, damit er es strafe. Während sich Herr Prange mit einem der„ Missetäter" unterhielt, dem zwölfjährigen Sohn des Kuhhirten Schlünz, holte seine Frau die Reitpeitsche, die bald auf den Rücken des Kleinen niederfauste. Nach getaner Arbeit" begab sich der Nächer des verletzten Rechts" in die Wohnung des Kuhhirten Schlünz. Der zu Tode erschrockenen hochschwangeren Frau versetzte er mit den Worten eine flatschende Dhrfeige:„ Du hältst also deine Kinder zum Stehlen an!" Inzwischen war der gemißhandelte Knabe weinend nach Hause gekommen. Beim Anblick des Gutsbesitzers flüchtete er schreiend in die nächste Kammer, doch Prange eilte ihm nach und verprügelte ihn zum zweiten Male. Der leichte Sieg, den der Rohling über eine wehrlose Frau und einen fleinen Buben davongetragen hatte, wie das„ erhebende" Bewußtsein, dem Pöbel schlagende Beweise von der Heiligkeit des Eigentums beigebracht zu haben, drängten Herrn Prange zu weiteren Lorbeeren. Er eilte in die Wohnung eines anderen kleinen Verbrechers, des Tagelöhnersohnes Schwichelmann. Doch hier sollte es anders kommen, als Held Prange es erwartet hatte. Ehe er Zeit hatte, zum Schlage mit der Reitpeitsche auszuholen, fuhr Frau Schwichelmann mit der Feuerschaufel auf ihn los, daß sein Herrenschädel daran hätte glauben müssen, wenn Prange dem Schlage nicht rechtzeitig ausgewichen wäre. So fuhr die Zange trachend in die Tür, die noch heute Spuren davon aufweist. Natürlich wartete der tapfere Ritter eine nähere Auseinandersetzung mit der schlagfertigen Frau Schwichelmann nicht ab, sondern trat rasch den Rückweg an. Leider ist über den Vorgang keine Anzeige erstattet worden. Die Lohnsklaven des ländlichen Kapitals sind das schweigende Ducken und Dulden gewöhnt, außerdem ist ihr Vertrauen in das Ding, das man Rechtsprechung nennt, äußerst gering. Wenn ihnen auch vielleicht das Wort Klassenjustiz fremd ist, so kennen sie doch nur zu gut den Begriff, die Wirklichkeit, die es zum Ausdruck bringt. Nur zu oft erfahren sie, daß dem armen, dem kleinen Manne nicht wird, was sein gutes Recht wäre, und daß Urteile nach dem Spruch fallen: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe." In diesen Ausgebeuteten und Geknech teten das Bewußtsein ihres Menschentums zu erwecken, sie mit Vertrauen in die eigene Kraft zu erfüllen, sie zum Kampfe für ihr Recht zu stellen: das ist die große Aufgabe, an der die Genossen und Genossinnen auf dem Lande arbeiten müssen. Trotz aller Schwierigkeiten, auf die sie dabei stoßen, zeitigen ihre Bemühungen Erfolge. Je mehr dank der sozialdemokratischen Agitation auf dem Lande Tagelöhner und Dienstleute das Gefühl der alten Hörigkeit abstreifen und sich als moderne Lohnarbeiter erkennen, um so mehr müssen die Herren Agrarier in Mecklenburg und anderswo lernen, die mittelalterlichen Herrengefühle zu bändigen, die sich in ihrer Heldenbrust regen. H. S. in Rühn bei Büßow. " Fürsorge für Mutter und Kind. Bur Herabminderung der Säuglingssterblichkeit bestehen in Wiesbaden einige Einrichtungen. Vor zwei Jahren wurde eine städtische Säuglingsmilchanstalt geschaffen, welche zum Preis von 22 Pf. pro Tag die trinkfertige Säuglingsmilch in Portionen abgeteilt liefert. Der Anstalt ist eine Beratungsstelle angegliedert, die Müttern Auskunft erteilt und die Pflege der Säuglinge( Brust, Zwiemilch und Flaschenkinder) ständig kontrolliert. Der Erfolg äußert sich in einer beträchtlichen Verminderung der Säuglingssterblichkeit. Die allgemeine Säuglingssterblichkeit betrug in Wiesbaden im Jahre 1908 13,36 Prozent, die Sterblichkeit der tontrollierten 490 Kinder, die etwa den vierten Teil der Geburten ausmachen und fast ausschließlich Kinder der Minderbemittelten sind, dagegen nur 6,1 Prozent. Durch dieses günstige Ergebnis verbesserte sich natürlich auch das allgemeine Verhältnis: 1907 hatte die Säuglingssterblichkeit in Wiesbaden noch 15,82 Prozent betragen, ist also 1908 um 2 Prozent zurückgegangen. Der Jahresbericht der Anstalt hebt nachdrücklich hervor, daß die Säuglingssterblichkeit noch weiter beträchtlich vermindert werden könnte, wenn die Wohnungsverhältnisse verbessert würden. Die herrschende Arbeitslosigkeit habe im besonderen viele Arbeiter gezwungen, in überfüllter, ungesunder Wohnung zu hausen. Daß außer der Verbesserung der Wohnungsverhältnisse noch viele andere Reformen notwendig sind, um der Säuglingssterblichkeit entgegenzuarbeiten, wissen die Leserinnen der„ Gleichheit". Viele leider nicht bloß aus der grauen Theorie", sondern aus trauriger Praxis. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart. r. w.