Nr. 5 20. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgelb 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. ( Schluß.) Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 6. Dezember 1909 Eine falsche Rechnung. Bon gh. Friedrich Schiller. Von Klara Betfin. Der Vorentwurf eines neuen Strafgesetzbuchs. Von H. B. Die Eheschließung. I. Von Ernst Oberholzer.- Eine Arbeiterschutz tomödie. Von h. sch. Heimarbeiterelend in der Heubacher Korsettindustrie. Arbeiterbewegung in der Portefeuilleindustrie Deutschlands. IV. Von H. W. Aus dem Leben eines ehemaligen Heimarbeiters. Bon Hannah Lewin- Dorsch. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Organisationen. Die Beteiligung der Frauen an den Wahlen zur Krankenkassenverwaltung. Politische Rundschau. Von H. B. Aus dem Ausland. Aus der vogtländischen Spitzenindustrie. Von hj. Aus Bocholt. liche Rundschau. Gewerkschaft Suschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet fich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. häufiger in Widerstreit mit solchen Strömungen in der Gesetzgebung und öffentlichen Verwaltung, die ihren Interessen ent gegengesetzt sind. Das hat sich in einer für sie besonders empfindlichen Weise bei der letzten Finanzreform gezeigt. Die Niederlage, die sie damals erlitten haben, hat denn auch viel dazu beigetragen, daß sie sich zu einem tatkräftigeren Vorgehen entschlossen. Bezeichnend ist es, daß sie sich zwar jene Niederlage gegen den politischen Einfluß der konservativen und ultramontanen Junker geholt haben, daß sie aber jetzt ihren Tatendrang ausschließlich gegen die Arbeiter und Arbeiterinnen richten. Dieses Vorgehen der Industriellen" scheint auf den ersten Blick unbegreifNotizenteil: Dienstbotenfrage.- Frauenstimmrecht. – Sozialistische Frauen- lich. Aus ihren bisherigen Erfahrungen sollten die Herren doch bewegung im Ausland. Eine falsche Rechnung. gh. Unmittelbar vor den Landtagswahlen in Baden und Sachsen fanden mehrere wichtige Zusammenkünfte der Unternehmer statt. Der Ausschuß und die Delegierten des Zentralver bandes deutscher Industrieller, die sozialpolitische Kommission des Deutschen Handelstags und der Verband der Deutschen Berufs genossenschaften hatten sich versammelt. Sie nahmen Stellung zu den beiden wichtigen sozialpolitischen Aufgaben, mit denen der Reichstag sich in diesem Winter zu beschäftigen haben wird: der Reform der Arbeiterversicherung und dem Ausbau des gesetzlichen Arbeiterschutzes. Die Beschlüsse, die die Vertreter der Unternehmer auf diesen Zusammenkünften gefaßt haben, bewegen sich in den alten Geleisen: sie wenden sich gegen jeden sozialpolitischen Fortschritt. Damit haben die Herren nur das wiederholt, was sie noch stets bei derartigen Gelegenheiten zum besten gegeben haben. Daher ist es begreif lich, daß auch aus diesem Grunde die Tagespresse sich mit dieser berüchtigten Weisheit nicht aufgehalten hat. Aber auf den wissenschaftlichen Wert der Beschlüsse kommt es gar nicht an. Die Herren haben sich nicht versammelt, um neue Weisheiten zu verraten. Sie sind vielmehr als die Männer der Praxis zusammengekommen und wollen ihre Geschäfte machen. Bei den Geschäften ist viel weniger die Weisheit, als der Geldbeutel entscheidend. In dieser Beziehung aber stehen die Herren auf der Höhe der Zeit. Sie sind die Vertreter des fartellierten Großtapitals in der Industrie und an der Börse. Als solchen gebührt ihnen in der gegen wärtigen Situation unsere Aufmerksamkeit. Die Industriellen" fordern unter der Führung der Herren von den Großbanken einen größeren Einfluß auf die Gesetz gebung und die öffentliche Verwaltung, als sie bisher gehabt haben. Fraglos haben sie von ihrem Standpunkt aus ein gutes Recht zu dieser Forderung. Das Großfapital hat sich in Handel und Industrie ganz gewaltig entwickelt und in den Großbanken Sammelstellen geschaffen, die alle seine Kräfte vereinigen und einheitlich leiten. Von hier aus üben die kartellierten Großfapitalisten einen immer stärkeren Einfluß auf unser ganzes wirtschaftliches Leben aus und geraten dabei immer gelernt haben, daß sie, sobald sie gegen die Arbeiter auch nur einen Scheinerfolg errungen haben wie bei den Hottentottenblockwahlen, von den Junkern um so übermütiger behandelt werden. Das Auftreten des Schnapsblocks im Reichstag kann doch auch in ihren Kreisen noch nicht ganz vergessen sein. Trotzdem wissen die Industriellen" nichts Besseres zu tun, als mit möglichst viel Lärm selbst die dringendsten Forderungen der Arbeiter und Arbeiterinnen zu betämpfen, während sie gegen die Schmarotzerwirtschaft der Junker nicht das geringste zu unternehmen wagen, im Gegenteil nicht schnell genug wieder Vorspanndienste für die Herren leisten können. Diese Tatsache ist nur so zu verstehen, daß die Industriellen sich die Kraft zu einem erfolgreichen Kampfe gegen die Junker gar nicht mehr zutrauen. Sie ziehen es deshalb vor, mit den Junkern, ob gut oder schlecht, Frieden zu halten und zusammen mit ihnen gegen die Arbeiter und Arbeiterinnen vorzugehen. Damit hoffen sie zu erreichen, daß die bürgerlichen Parteien und die Regierungen ihre Ausbeutungsvorrechte gegen die Arbeiter soviel wie irgend möglich verteidigen werden. Hierin haben sie sich ja schon seit langem der brüderlichen Hilfe der Junker erfreut. Vielleicht erwarten fie aber auch, daß sie sich durch einen recht großen Eifer gegen die Arbeiter wieder das Wohlwollen" der Junker auch in den Streitfragen zwischen dem industriellen und agrarischen Rapital verdienen. Mit der Hoffnung darauf haben sie sich bereits so lange getragen, daß sie davon nicht ablassen können. " Diese schöne Rechnung werden jedoch die Arbeiter und Arbeiterinnen zuschanden machen. Sind sie doch davon überzeugt, daß das ostelbische Junkerregiment sich schon überlebt hat, daß es in einem unerträglichen Gegensatz zur Kulturentwicklung der Gesamtheit steht und deshalb beseitigt werden muß. Versagen hierbei die Industriellen, so ist damit nichts für die Junker entschieden, die Arbeiter und Arbeiterinnen müssen dann eben mit den Junkern und den Industriellen zugleich abrechnen. Brotwucher und ungenügender Arbeiterschuß sind aufs engste miteinander verbunden. Und sowohl der Brotwucher als auch der ungenügende Arbeiterschutz treibt die Arbeiter und Arbeite rinnen immer wieder von neuem in den Kampf um bessere Lebens und Arbeitsbedingungen. Dieser Kampf richtet sich sowohl gegen die Ausbeutung durch die Junter, als auch gegen die Ausbeutung durch die Industriellen und Börsenbarone. 66 Die Gleichheit Gerade deshalb machen wir die Arbeiterinnen noch besonders auf jene Zusammenkünfte und Beschlüsse der Fabrik- und Handelsherren aufmerksam. Der kommende Winter wird wichtige Rämpfe im Reichstag bringen. Diese Kämpfe dürfen sich aber nicht allein auf den Reichstag beschränken. Die Arbeiter und Arbeiterinnen müssen sich daran beteiligen. Durch ihren Druck auf die Parteien und Regierungen müssen sie den Ausgang der Kämpfe entscheiden. Deshalb sollte auch jede Arbeiterin den Verhandlungen über die Reform der Arbeiterversicherung und über den Ausbau des gesetzlichen Arbeiterschutzes aufmerksam folgen; jede Genossin müßte Aufklärung über die Bedeutung dieser Angelegenheiten in immer weitere Kreise tragen. Es ist Zeit, daß die ausgebeuteten Massen ihre Klassenintereffen mit dem gleichen schneidigen Klassenbewußtsein verfechten, das die Vertreter des Ausbeutertums auf ihren Tagungen befundet haben. Das muß ihre Antwort auf die Beschlüsse jener Herren sein. Friedrich Schiller. Von Klara Zetkin. ( Schluß.) Es ist unmöglich, heute an dieser Stelle auch nur flüchtig die Balladen zu würdigen, die mit den Dramen zusammen Schillers Volkstümlichkeit begründet haben. Es sei nur be tont, daß auch in ihnen die Tendenz start hervortritt, durch die künstlerische Veranschaulichung der siegreichen Macht einer Idee zu wirken, zu erziehen. Künstlerisch am höchsten stehen wohl Die Kraniche des Jbykus". Wundervoll ist der melodische Fluß dieser Verse, der lebendige, ungefünftelte Rhythmus, die plastische Kraft der Bilder, die mit den einfachsten Worten gestaltet werden. Solange Waldesrauschen Sinn und Geist mit geheimnisvollen Schauern erfüllt, Musik die Seelen in ihren Tiefen erschüttert: wird uns der Zauber dieser Ballade in seinen Bann ziehen. " Am schärfften ausgeprägt erscheint Schillers dualistische Weltanschauung in seinen philosophischen Gedichten. Har monisch stimmt die künstlerisch edle Form und der reiche, tiefe Gedankeninhalt zusammen. Diese philosophische Lyrik hat nicht ihresgleichen. In ihr ist die Kunst, das Morgentor des Schönen", durch das man in der Erkenntnis Land" dringt. Konzentrierter noch als in den Dramen, weil in engerem Rahmen zusammengefaßt, tritt uns in diesen Gedichten Schillers Wesenheit entgegen. Sie sind die Bekenntnisse seines Glaubens, unsterbliche Dokumente seines verzehrenden Ringens nach der Wahrheit, die befreit. Deutlich spiegeln sie die Entwicklung wider, die hinüberleitet von dem heißen Bedürfnis des Karlsschülers, die Mittelfraft zu finden zwischen Sinnen- und Geistes welt, zwischen dem Sollen und Können, zu der Weltanschauung des reifen Mannes. Ihr zentraler Punkt war die Überzeugung, daß der Kunst die historische Mission zufalle, der Menschheit die Wahrheit zu enthüllen und sie zur Freiheit zu führen. An dem Ausgang dieser Entwicklung steht der kirchlich fromme Bibelglaube, der noch in den„ Räubern" und in„ Kabale und Liebe" die Vision des jüngsten Gerichts aufsteigen ließ. Sie ist von den stark wirkenden Einflüssen Rousseauscher Gedankengänge befruchtet worden. Der Tod brach sie frühzeitig ab, nachdem sich der Dichter, von Körner angeregt, in die Rantsche Philosophie vertieft hatte. # Die Kantsche Ethik verwarf Schiller entschieden als eine modernisierte Form des Bibelglaubens, die das firchliche Dogma schützt. Dagegen fand er in Kants Asthetik die Mittelkraft", nach welcher er in seinen Jugendabhandlungen gesucht hatte. Kant hatte in seiner Ästhetik der Kunst die Kraft zugesprochen, den Zwiespalt zwischen Sinnenwelt und Sittengesetz zu lösen. Das Reich der Kunst stellte er als verbindendes Glied zwischen die Welt der Erscheinungen, in welcher der Mensch den Gesezen untertan ist, und die Welt der Ideen, wo der Wille des Menschen herrscht; zwischen das Reich der Natur, das Reich dessen, was ist, und das Reich der Freiheit, das Reich dessen, was sein soll. Aber so start war in Schiller neben dem suchenden Philosophen der nach der Praris des Lebens verlangende Kämpfer, daß er Nr. 5 die Kantschen Gedankengänge aus dem Reiche der abstrakten Spekulation auf das der konkreten Gesellschaftsverhältnisse fibertrug. Rants Reich der Natur wurde für ihn zum Naturstaat, wie er den absolutistischen Feudalstaat bezeichnete, das Reich der Willensfreiheit, zum bürgerlichen Vernunftstaat, zum„ Ban einer wahren persönlichen Freiheit", wie Schiller selbst sich ausdrückte. Die Kunst aber, die ästhetische Erziehung sollte die Menschheit aus den dumpfigen Niederungen der Knechtschaft in die lichten, sonnigen Höhen der Freiheit emporführen. Aber die Auffassung, daß die Schönheit zur Freiheit führen müsse, daß die ästhetische Kultur und nicht der politische Kampf der Klassen der Hebel der Menschheitsbefreiung sei, mußte in eine unfruchtbare philosophisch- ästhetische Gedankenspielerei ausmünden. Ihr Ergebnis war eine blendende Jdeologie. Das Mittel wurde zum Zwecke. Der politische Freiheitsstaat banfte an den ästhetischen Staat ab als Endziel. Der ästhetische Staat aber ist die Welt des schönen Scheins, wo das Ideal der Freiheit und Gleichheit für jede feingeftimmte Seele" erfüllt ist, wo ein liebliches Blendwerk der Freiheit" über die Knechtschaft in der wirklichen Welt hinwegtäuscht. Die philosophischen Abhandlungen Schillers, insbesondere seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts spinnen und weben die gleichen Gedankenfäden. " Mit diesem philosophisch- ästhetischen Jdealismus klingt für mich Schillers Entwicklung in ergreifender Tragit aus. Der Kämpfer, der stets die Tat vor das Wort gestellt hatte, der dem Sein sein Recht vor dem Scheine erringen wollte, erklärt: ,, mein Reich ist nicht von dieser Welt", an dem Scheine mag der Blick sich weiden". Er, der die Menschen zur Freiheit zu führen begehrt, mahnt sie: ,, Werft die Angst des Jrdischen von euch! Fliehet aus dem engen, dumpfen Leben In der Ideale Reich." Der Philosoph, der als vollkommenstes aller Kunstwerke den Bau einer wahren politischen Freiheit erkannt hatte, bescheidet sich mit dem Kartenhaus des ästhetischen Staats. Der Weltbürger, der feuertrunken" jubelt:„ Seid umschlungen, Millionen", begnügt sich mit der Erkenntnis, daß nur eine fleine Minderheit auserlesener Seelen die Möglichkeit finden könne, in der Welt des schönen Scheins zur Freiheit zu genesen! Dieser tragische Ausgang berührt um so befremdender, wenn man der weltgeschichtlichen Ereignisse gedenkt, in deren Schatten er stand. In Frankreich war die große Revolution am Wert, den barbarischen Naturstaat der Feudalordnung in den bürgerlichen Vernunftstaat des kapitalistischen Regimes umzuschmieden. Aber was Schiller als Historiker in der Perspektive der Zeiten wahrscheinlich richtig gewürdigt hätte, bas vermochte er als Miterlebender, als Zeitgenosse nicht historisch zu beurteilen. Die rückständige Entwicklung Deutschlands, die keine reife, kämpfende Bourgeoisie aufkommen ließ, versperrte ihm den Weg zum Verständnis der Klassengegensäge und Klassentämpfe und ihrer geschichtlichen Rolle. Und so begeistert Schiller den Idealen anhing, mit denen die französische Bourgeoisie ihren Kampf um die Macht schmückte, so entsetzt wendete er sich von den Erscheinungsformen des Kampfes, unter denen sich der bürgerliche Vernunftstaat der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durchsetzte. Er konnte nicht begreifen, daß die Revolution in furchtbarer Herrlichkeit. einherschritt, den Mantel blutbefleckt, das Schwert mehr als die Kelle führend, daß sie nicht fam im weißen Feiertagsgewand, den Palmenzweig des Friedens in den Händen. Über den schwelenden Rauch des revolutionären Brandes vergaß er deffen läuternde, lodernde Flamme; er sah nur das Blut, das den Boden düngte, aber nicht seine schöpferische Kraft in der jungen Saat, die lebensstart emporsproßte. Von den oberen Klassen erwartete Schiller leine gesellschaftliche Erneuerung, denn sie zeigten Schlaffheit und Verkommenheit des Charakters, Laster, die ihn um so mehr abstießen, da er mit Rousseau die Kultur als ihre Quelle betrachtete. In den niederen und zahlreicheren" Klassen wieder sah er, rohe und geseglose Triebe" finnlos walten". So fam es, daß Schiller, der mit tausend Masten heißen Freiheitssehnens in den Ozean Nr. 5 Die Gleichheit geschifft war, dem weltbürgerlichen Vernunftstaat" entgegen, still auf dem geretteten Kahn des philosophisch- ästhetischen Idealismus in den engen Hafen des ästhetischen Staats trieb. So fam es, daß der unsterbliche Sänger kraftvollen Rebellentums und revolutionärer Notwehr in der„ Glocke" und anderwärts die französische Revolution kleinlich schmähte, in der es doch um den großen Rechtshandel" ging, an dem er alle beteiligt wissen wollte, die sich Menschen nannten. Die Resignation seines philosophischen Idealismus hat sicher Schiller, dem glutvollen Stürmer und Dränger, viele bittere. Stunden gebracht. Aus manchen seiner Verse ist herauszulesen, daß in seiner Seele des Zweifels finstre Wetter" mit dem " Sonnenbild" der errungenen Weltanschauung stritten. Jedoch Schiller war ein franker und bald ein sterbender Mann. Die Zweifel konnten nicht mehr zu neuen, zu fruchtbaren Erkennt nissen reifen. Es zeugt für Schillers Charaktergröße, daß ihm aus Resignation und Zweifel nicht müde Verzweiflung erwuchs, daß er nicht, den Romantikern gleich, zum Narkotikum des religiösen Myftizismus flüchtete. Er hat sich mutig mit der Tragit seines inneren Geschickes abgefunden. In rastloser Arbeit erschloß er sich die Quellen neuer Lebensstärke, die Kräfte zu weiterem Lebenswerk. In dem wundervollen Gedicht„ Die Ideale" tönt die Klage über den Zusammenbruch der Jugendträume in der erhebenden Verherrlichung der sittlich tragenden Kraft der Arbeit aus, einer ,, Beschäftigung, die nie ermattet, Die langsam schafft, doch nie zerstört, Die zu dem Bau der Ewigkeiten Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, Doch von der großen Schuld der Zeiten, Minuten, Tage, Jahre streicht." Schiller hat die Arbeit nicht bloß als die beglückende, aus innerem Schöpfungsdrang geborene freie Arbeit kennen gelernt. Er hat alle Bitternis der unfreien und unfrohen Notarbeit ers fahren, die nach Brot gehen muß. Seine Seelengröße hat über das„ Niedrige des Zustandes" triumphiert. An ihm selbst hat fich glänzend bewährt, was er in einem ästhetischen Briefe sagt: " Sflaverei ist niedrig, aber eine sflavische Gesinnung in der Freiheit ist verächtlich; eine sklavische Beschäftigung hingegen ohne eine solche Gesinnung ist es nicht, vielmehr kann das Niedrige des Zustandes, mit Hoheit der Gesinnung verbunden, ins Erhabene übergehen." Schillers Schicksal, hungernd mit dem Hirn pflügen“ zu müssen, ist das typische Los aller großen deutschen Künstler gewesen, die der Zufall der Geburt nicht mit Reichtümern gesegnet hatte, und denen die Kunst„ die hohe, die himmlische Göttin" war, nicht aber die tüchtige Kuh, die mit Butter ver forgt". Albrecht Dürer, Sebastian Bach, Lessing, Beethoven, Hölderlin, Feuerbach, Böcklin, Richard Wagner und der einzige Komponist unserer Zeit, der ebenbürtig neben ihm steht, Hugo Wolf, " um nur diese zu nennen. Ihnen allen hat der Hunger ihre Kunst streitig gemacht, sie alle haben um des Lebens äußere Notdurft fronen müssen, statt vom schöpferischen Reichtum ihres inneren Lebens spenden zu können, es sei denn, daß verständnisvolle Freundschaft bot, was der Flügelschlag des Genius nicht brachte. Jedoch nur einer von ihnen allen hat die sozialen Zu fammenhänge erkannt, welche die Kunst zur brotheischenden und dienenden Magd erniedrigen: Richard Wagner. Ihm war flar, daß die Kunst die soziale Unfreiheit nicht aufzuheben vermag, vielmehr selbst ihrem giftigen, mörderischen Bann unter liegt. Als Künstler rang er sich daher zu einer Auffassung durch, die dem Schillerschen Idealismus diametral entgegen steht. In seiner hochbedeutenden Abhandlung„ Die Kunst und die Revolution" bekennt er sich unumwunden zum Evangelium der Revolution. Das Ziel des geschichtlichen Werdeganges ist ihm der starke Mensch, der schöne Mensch. Aber erst nachdem die Revolution dem Menschen die Stärke gegeben, vermag ihn die Kunst mit Schönheit zu begnaden. Nur eine Revolution, welche alle sozialen Unterschiede aufhebt und alle Menschen zu Freien und Glücklichen macht, schafft die Vorbedingungen für eine großzügige, freie Nationalfunft, die nicht nach Brot geht, 67 die nicht„ kriechende Lohnkunst" ist, um ein Wort Schillers zu gebrauchen. Wagner ruft mit leidenschaftlicher Inbrunst die Revolution, damit sich alle aus dem entehrenden Sklavenjoch des allgemeinen Handwerkertums mit seiner bleichen Geltseele* aufschwingen zum freien künstlerischen Menschentum mit seiner strahlenden Weltseele", damit alle aus mühselig beladenen Taglöhnern der Industrie... zu schönen starken Menschen werden, denen die Welt gehört als ein ewig unversiegbarer Quell höchsten künstlerischen Genusses". Wagner stand mit dieser seiner Überzeugung auf dem gleichen Boden, auf dem dank der materialistischen Geschichtsauffaffung, dank Mary und Engels das klassenbewußte Proletariat steht. Wie der geniale Tonkünstler spannt es nicht, wie Schiller dies tat, den feurigen Renner hinter den Sonnenwagen der Zukunft, sondern vor ihn. Der politische Kampf und nicht die ästhetische Kultur muß die Menschen zur Freiheit führen, die soziale Revolution muß wie die Arbeit und zusammen mit ihr auch Wissen schaft und Kunst befreien. Die geschichtliche Entwicklung hat das deutsche Proletariat sowohl zum Erben der Klassischen Philo. sophie wie der hehren weltbürgerlichen Jdeale der klassischen Literatur gemacht. Aber wie die Arbeiterklasse das Erbe der klassischen Philosophie nur antreten konnte, indem sie diese, wie Engels sich ausdrückt, vom Kopf auf die Füße stellte, so muß sie auch die Hinterlassenschaft des Schillerschen Idealismus von dem Kopfe auf die Füße stellen. Nur der proletarische Klassenkampf schafft mit der sozialen Revolution den Bau einer wahren politischen Freiheit", in welchem auch die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts in ihr Recht tritt, nicht um ihm ein Reich herrlichen Scheins vorzugaufeln, vielmehr um ihm die Welt zu erschließen, als reichsten Born gefunden, die Schöpferkraft beflügelnden Genusses. An die Proletarier richtet sich daher heute vor allem Schillers Mahnung: „ Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, Bewahret sie!" „ Niedrigen des Zustandes" abzutrogen. In diesem Ringen Noch heißt es um diese Würde kämpfen, sie erobern, sie dem und Kämpfen kann Schiller dem Proletariat kein Pfadweisender und Richtunggebender sein. Wohl aber bleibt er ihm ein ge waltig Fördernder als Erzieher zu den höchsten Bürgertugenden, den erhabensten Menschheitsidealen, die in unserer Zeit unter dem Wettern und Flammen des proletarischen Emanzi pationskampjes auf dem Boden der sozialistischen Weltanschau ung erwachsen. Aus seinem Leben und seinen Schöpfungen liche Kräfte schöpfen, die zum rastlosen Einsatz der ganzen fönnen die Kämpfer wertvollste, unschäßbare geistige und sitt Persönlichkeit für unser hehres sozialistisches Ziel befeuern. Der proletarische Befreiungskampf verheißt allen das reichste, blühendste Leben. Aber von ihm gilt für uns: ,, und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein." Das tämpfende Proletariat kann Schillers weltbürgerliches Ideal nur aus den Wolken auf die Erde niederzwingen, wenn ihm die Kraft zur sozialbefreienden, zur revolutionären Tat eignet. Seien wir darum start im Ringen mit uns selbst gegen das ewig Gestrige"; seien wir start im Kampfe gegen die drückende Enge der Lebensverhältnisse, seien wir start im An sturm gegen unsere Feinde, die Stüßen und Schüßer der kapi talistischen Ordnung. Denn: „ Nur der Starke wird das Schicksal zwingen, Wenn der Schwächling untersinkt." Der Vorentwurf eines neuen Strafgesetzbuchs. Die bürgerliche Gesellschaft führt einen verzweifelten Sisyphustampf gegen das Verbrechen. Es gelingt ihr nicht, es einzudämmen, da sie selbst es immer aufs neue mit Notwendig keit erzeugt. Die Statistik der Verbrechen und Vergehen zeigt 99 68 Die Gleichheit mit voller Klarheit, daß die große Mehrzahl aller Straftaten auf eine Grundursache zurückzuführen ist, auf die wirtschaft liche Not und ihre vielfachen Folgeerscheinungen: sittliche Ver wahrlosung, förperliche und geistige Entartung, Trunksucht und dergleichen mehr. Die wirtschaftliche Not großer Bevölkerungsfreise kann natürlich durch Strafandrohungen und Strafan ftalten nicht aus der Welt geschafft werden. Das vermag Das vermag nur eine völlige Umgestaltung der Gesellschaftsordnung, die Erfegung der fapitalistischen Unordnung durch die sozialistische Gesellschaft, die jedem ihrer Glieder ein menschenwürdiges Dafein gewährleistet. Die sozialistische Gesellschaft wird das Verbrechen bis auf geringe Ausnahmefälle ausrotten können, da in ihr die aus der Not und dem Elend geborenen Straftaten verschwinden werden. Von den Fällen abgesehen, wo eine abnorme Veranlagung zum Verbrechen zwingt, wo die Gesellschaft Rranken, Unglücklichen gegenübersteht, bleibt nur ein kleiner Rest der kriminellen Handlungen, die aus Leidenschaften entspringen. Auch dieser wird sich aber mehr und mehr vermindern, je länger die allgemeine Verbesserung der materiellen Bustände, die Hebung der Erziehung und damit die Veredelung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander und anderes mehr ihre Wirkung auf die Menschheit ausüben werden. Die Lapitalistische Gesellschaft kann das Verbrechen nicht ausrotten, ste müßte fich denn selbst aufheben. Aber sie könnte es vermindern, wenn sie eine energische, durchgreifende Reformpolitik triebe. Dazu gehört die Sicherung des Koalitions rechts der Arbeiter, volle politische Demokratie, weitreichenden Arbeiter, Mütter- und Jugendschuh, strenge Maßnahmen zur Steuerung des Wohnungselendes, Verzicht auf Zoll- und Steuerwucher, der die Lebens- und Genußmittel verteuert, und vieles andere noch. Aber eine großzügige Reformpolitik widerspricht den Interessen der herrschenden Klasse, weil sie ihren Profit beschneiden würde. Diese Klasse gestattet daher nur eine Krüppel sozialreform, nur Viertels- und halbe Maßnahmen gegen das Abel. Und deshalb kann die bürgerliche Gesellschaft das Straf recht als Waffe gegen das Verbrechertunt nicht entbehren. Sie braucht es aber zugleich auch als Waffe im politischen Kampfe, zur Verteidigung ihrer Herrschaft gegen den Umsturz", gegen bie Arbeiterbewegung. Von jeher ist das Strafrecht von den jeweiligen Machthabern dazu mißbraucht worden, die unbequemen Kritifer ihres Regimes, die Kämpfer für eine Umgeftaltung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu verfolgen und möglichst mundtot zu machen. Das jetzige Strafgesetzbuch stammt aus dem Ende der sechs siger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es ist veraltet und Es ist veraltet und allmählich unvereinbar geworden mit den Anschauungen der Beit, mit den neuen Erkenntnissen, die seitdem auf dem Gebiet der Kriminalwissenschaft und der Seelenkunde gemacht worden find. Ein immer größer werdender Teil der bürgerlichen Strafs rechtsgelehrten, die kriminalsoziologische Schule erkennt den Ur Sprung der Mehrzahl der Strafhandlungen in der wirtschaftlichen Not. Sie zieht freilich nur schwächliche Folgerungen aus dieser Erkenntnis. Indes haben ihre Ergebnisse doch auch bürgerlichen Kreisen das Unhaltbare verschiedener Bestimmungen des jetzigen Strafrechts offenbar gemacht und die Ungerechtig keit der unverhältnismäßig harten Bestrafung der Eigentumsvergehen, insbesondere der kleinen Notdiebstähle und Veruntreuungen aufgedeckt. Die herrschende Klasse sieht sich genötigt, einige Zugeständnisse an den Zeitgeist zu machen, um die wach fende Unzufriedenheit mit der Rechtsprechung etwas zu beschwichtigen. Sie tut es nach dem altbekannten Rezept, das wir schon bei der Besprechung der Strafprozeßreform und der fleinen Strafgesetzbuchnovelle charakterisiert haben, die zu Anfang dieses Jahres herauskam. Sie gesteht einige halbe Verbesserungen zu, um sie durch Verschlechterungen mehr als auszugleichen. Der Vorentwurf des neuen Strafgesehbuchs, der jetzt der Offentlichkeit übergeben wurde, ist das Wert einer Sachver ständigenkommission, in der die bedeutendsten Strafrechtsprofefforen Deutschlands vertreten waren. Ihre Arbeit soll die Grundlage für die Regierungsvorlage sein, die schließlich dent Nr.5 Reichstag zugehen wird, nachdem die öffentliche Kritik über den Vorentwurf ihr Urteil abgegeben hat. Die Herren Professoren waren natürlich bei ihrer Arbeit nicht unter sich und haben. nicht einfach die Ergebnisse ihrer Wissenschaft niederlegen können. Die Staatsräfon, die Interessen der herrschenden Klasse sahen ihnen bei ihrem Werke über die Schulter. Ihr Einfluß ist deutlich genug zu spüren. Der Zugeständnisse an den Zeitgeist scheinen freilich beim ersten Durchblättern des ersten allgemeinen Teils nicht wenig zu sein. Es wird an Stelle der unzureichenden bedingten Begnadigung die bedingte Verurteilung eingeführt, wonach der Strafvollzug für eine bestimmte Frist( zwei bis fünf Jahre beziehungsweise bei übertretungen ein bis zwei Jahre) ausgesetzt und erlaffen wird, wenn der Verurteilte in dieser Zeit keine neue Straftat begeht. Bei Geldstrafen wird den minder Wohl habenden die Zahlung erleichtert, indem das Gericht eine Frist bis zu drei Monaten oder Ratenzahlungen innerhalb eines Jahres feftsetzen kann, auch die Tilgung durch freie Arbeit für den Fiskus wird zugelassen. Es wird die Wiedereinsetzung in den Genuß der durch Urteil aberkannten bürgerlichen Ehrenrechte( vornehmlich des aktiven und paffiven Wahlrechts) ermöglicht. Die neue Bestimmung legt nämlich fest, daß bei ehrenhafter Führung usw. nach der Strafverbüßung diese Wiedereinsetzung nach drei beziehungsweise zwei Jahren erfolgen kann. Wenn ein Verurteilter sich nach der Strafverbüßung fünf beziehungsweise zehn Jahre( je nach der Schwere der Strafe) gut geführt hat, so soll das Gericht die Strafe im Strafregister löschen können, so daß sie dem Betreffenden nicht mehr als Vorstrafe angerechnet werden kann. Die Polizeiaufsicht wird abgeschafft; die Strafmündigkeitsgrenze wird vom zwölften auf das vierzehnte Lebensjahr erhöht. Für die geistig Minderwertigen, die Leute mit verminderter Zurechnungsfähigkeit, die in der Mitte zwischen geistig Gesunden und Geisteskranken stehen, wird eine erhebliche Milderung der Strafen vorgesehen. Für den Strafvollzug werden einige Vorschriften erlassen, die zum Beispiel den Gefängnisgefangenen das Recht auf eigene Kleidung geben, sofern ihnen nicht die bürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen wurden, und ihnen die Möglichkeit der Selbstbeschäftigung erleichtern sollen. Die Festungshaft wird abgeschafft, weil, wie die Motive sagen, sie als Klassenprivileg der Gebildeten angesehen wird; an ihre Stelle soll die einfache Haft treten. Die starre Bindung des Richters an den Wortlaut des Paragraphen wird aufgehoben, an die Grenze der Mindeststrafe, ebenso der Zwang zur Verurteilung auch in Fällen, die sehr milde liegen oder gar so, daß eine Verurteilung das größte Unrecht bedeutet.§ 83 bestimmt:" In besonders leichten Fällen darf das Gericht die Strafe nach freiem Ermessen mildern und, wo dies ausdrücklich zugelassen ist, von einer Strafe ganz absehen. Das letztere wird zugelassen beim Versuch einer Straftat, bei falscher uneidlicher Zeugen und Sachverständigenaussage, Körperverlegung, Beleidigung, Entwendung( fleiner Diebstahl), Fischwilderei und bei allen über tretungen.". Das alles sieht nicht übel aus. Indes es fehlen nicht die Kautelen, es fehlen nicht die Vorbehalte und Einschränkungen. Die bedingte Verurteilung, die Wiedereinsehung in den Genuß aberkannter Ehrenrechte, die Löschung der Strafe nach längerer guter Führung wird völlig in das freie Ermessen des Richters gestellt. Wenn ein Verurteilter fich die lange Frist nach der Strafverbüßung so geführt hat, daß er mit dem Strafgesetz nicht wieder in Konflikt fam, so hat er darum doch keinen Anspruch auf die Anwendung dieser Bestimmungen in seinem Fall. Das Gericht kann sie anwenden und kann das auch bleiben lassen. Es hat nach der Vorschrift auch noch zu prüfen, ob der Betreffende sich einer besonderen Berücksichtigung würdig gezeigt und sich nach Kräften bemüht hat, den durch die stras bare Handlung verübten Schaden wieder gut zu machen. Die Bestimmung über die Würdigkeit zur besonderen Berücksichti gung ist förmlich darauf zugeschnitten, die schlimmste Gesinnungsschnüffelei zu züchten; Hurrapatrioten und Lippenfromme dürften dabei am besten fahren. Die Straflöschung wird für alle Zucht Nr. 5 Die Gleichheit hausstrafen sowie für die Gefängnis- und Haftstrafen von mehr als einem Jahre gegen Erwachsene überhaupt ausgeschlossen. Die bedingte Verurteilung soll auch nur stattfinden, wenn der erstmalig Verurteilte, dessen Strafe übrigens sechs Monate Ge fängnis oder Haft nicht übersteigen darf, nach den Umständen der Tat und nach seinem Vorleben einer besonderen Berücksichtigung würdig erscheint. Auch in diesem Falle wird also dem Richter die Möglichkeit gegeben, die politische Gesinnung zu berücksichtigen. Außerdem wird die Anwendung eingeengt durch den Nachsatz. Die Strafansetzung soll hauptsächlich jugendlichen Verurteilten, sie kann aber auch Erwachsenen gewährt werden. Schon in diesen Bestimmungen tritt uns das Bestreben entgegen, das freie Ermessen des Richters stark auszudehnen. Das bedeutet einen Fortschritt über die Schablonenjustiz hinaus. Dem Richter wird ermöglicht, weit mehr die Begleitumstände der strafbaren Tat, die Beweggründe des Täters usw. zu berücksichtigen, als wenn er sklavisch an die starren Buchstaben einzelner Bestimmungen gefesselt ist. Durch die Bestimmung über die Zulässigkeit der Strafmilderung über das gesetzliche Mindestmaß hinaus beziehungsweise der gänzlichen Freilassung des Täters in besonders leichten Fällen ist wenigstens der Zwang zur Verurteilung oder zu verhältnismäßig harter Verurteilung aufgehoben, wenn die Motive zur Tat edle und die schädlichen Folgen der Handlung nur gering gewesen sind. Der Michter kann demnach zum Beispiel eine Mutter ohne Strafe ausgehen laffen, die in höchster Not für ihr hungerndes Kind eine Semmel entwendet. Aber diese an sich gute Bestimmung hat ihre sehr bedenkliche Kehrseite. Im Klassenstaat, unter der Klaffenjuftiz wird sie zweifellos in vielen Fällen zu einer Begünftiging der Angehörigen der besitzenden Klasse führen. Es wird den Minderbemittelten häufig noch schwerer fallen als jetzt schon, volle Sühne zu erlangen für Körperverletzungen und Beleidigungen, die ihnen von Besitzenden oder Beamten zugefügt werden. Wer die heutige Rechtsprechung in solchen Fällen verfolgt, wer weiß, wie milde deutsche Richter bei Ausschrei tungen von Herrschaften gegen Dienstboten, bei Übergriffen und Verfehlungen von Beamten gegen einfache Bürger zu urteilen wiffen: der wird sich nicht verhehlen, daß diese Bestimmung und überhaupt die Ausdehnung des freien Ermessens des Richters sehr zweischneidig wirken wird, daß sie unter den heutigen Zuständen zur Verschärfung der Klassenjustiz führen muß. Die Herauffehung der Strafmündigkeitsgrenze auf das vier zehnte Lebensjahr ist eine Halbheit. Die Sozialdemokratie hat mit Recht das sechzehnte Lebensjahr als Grenze gefordert. Außerdem wird eine Verschlechterung des jetzigen Rechts bewirkt durch den Fortfall der Bestimmung, daß bei Jugendlichen bis zu achtzehn Jahren eine Verurteilung nur eintreten darf, wenn sie die Einsicht in die Strafbarkeit ihres Tuns be seffen haben. Nicht beffer ist die Bestimmung über die geistig Minderwertigen. Wenn sie auch mildere Strafen treffen sollen als die Gefunden, so sollen sie doch ins Gefängnis oder Zuchthaus wandern, während sie in Heil- und Besserungsanstalten gehören. Die Eheschließung. I. H. B. Es wurde schon früher erwähnt, daß nach dem deutschen Rechte eine weibliche Person mit Bollendung des 16. Lebensjahres eine Ehe eingehen und daß ihr Befreiung von dieser Vorschrift bewilligt werden kann. Die Eingehung der Ehe ist aber des weiteren bis zur Volljährigkeit der Eheschließenden an die Einwilligung des gesetzlichen Vertreters( Vater, Mutter, Vormund) geknüpft. Verweigern Vater oder Mutter die Einwilligung, so läßt sich hiergegen nichts machen. Gegen die Verweigerung des Vormundes ist dagegen Beschwerde beim Vormundschaftsgericht zulässig, und dieses muß die Einwilligung crsetzen, wenn die Eingehung der Ehe im Interesse des Mündels liegt. ' 69 Beim ehelichen Kinde steht das Einwilligungsrecht in erster Linie dem Vater zu. Die Mutter besitzt es nur dann, wenn der Vater gestorben ist oder wenn ihm die väterlichen Rechte nicht zukommen, weil er die Nichtigkeit seiner Ehe bei der Eheschließung fannte; ferner wenn der Vater zur Abgabe einer Erklärung dauernd außerstande oder wenn sein Aufenthalt dauernd unbekannt ist. Da uneheliche Kinder nur zur Familie der Mutter gehören, so bedürfen fie der Einwilligung der Mutter. Ein für ehelich erklärtes Kind bedarf der Einwilligung der Mutter nie, selbst dann nicht, wenn der Vater gestorben ist. Die Ehelicherklärung bewirkt nach dem Bürgerlichen Gesezbuch, daß das Kind aus der Familie der Mutter völlig ausscheidet. Die Mutter verliert in der Folge Recht und Pflicht, für die Person des Kindes zu sorgen. Insofern wäre jene Bestimmung verständlich, die der Mutter das Einwilligungsrecht entzieht. Recht und Pflicht der Mutter, für die Person des Kindes zu sorgen, sofern sie diesem Unterhalt zu gewähren hat, treten jedoch wieder in Kraft, wenn die elterliche Gewalt des Vaters endigt Baters endigt zum Beispiel wegen seines Todes- oder wenn sie wegen Geschäftsunfähigkeit oder wegen tatsächlicher Verhinderung des Vaters ruht. So kann es vorkommen, daß die Mutter zwar für das ehelich erklärte Kind zu sorgen hat, daß ihr aber deffenungeachtet das Recht entzogen bleibt, ihre Einwilligung zur Heirat des Kindes zu geben oder zu versagen. Daß die Mutter eines ehelich erklärten Kindes derart zurückgesetzt wird, ist für sie durchaus nicht belanglos. Die Gewährung des Einwilligungsrechtes an die Eltern hat ihren Grund nicht nur in den Interessen des Kindes, sondern ebensosehr in den Interessen der Eltern selbst, und zwar entspringen diese Intereffen der Eltern namentlich aus der Unterhaltspflicht. Die Eltern können nämlich auch dem verheirateten Kinde gegenüber unterhaltspflichtig werden, sofern dessen Ehegatte außerstande ist, den Unterhalt zu gewähren, und feine unterhaltsfähigen Nachkommen vorhanden sind. Daraus erhellt, daß die Mutter eines ehelich erklärten Kindes ein großes Interesse daran haben kann, jenes Recht der Einwilligung zu besigen. Der eventuellen Folgen wegen kann es für sie zum Beispiel durchaus nicht gleichgültig sein, ob die Tochter, der sie Unterhalt zu gewähren hat, einen liederlichen und arbeitsscheuen Taugenichts heiratet. Für Witwen und geschiedene Frauen segen alle Ehegesetze eine Wartezeit fest, vor deren Ablauf sie keine neue Ehe eingehen dürfen. Diese Bestimmung bezweckt, die Ungewißheit der Baterschaft von ehelichen Kindern zu verhüten. Das Bürgerliche Gesetzbuch setzt diese Wartezeit auf zehn Monate nach der Auflösung der früheren Ehe fest. Der Auflösung der Ehe steht ihre Nichtigkeitserklärung gleich. Seinem Zwecke entsprechend fällt das Ehehindernis weg, wenn die Frau innerhalb der zehnmonatigen Frist geboren hat. Die Fran kann aber auch von der Wartezeit dispensiert werden. Das Ehehindernis der Blutsverwandtschaft und Schwägerschaft ist beschränkt auf Personen, die in gerader Linie miteinander verwandt oder verschwägert find, sowie auf Geschwister, mögen diese beide Eltern gemeinsam haben( vollbürtige Geschwister) oder nur den Vater oder die Mutter( halb bürtige Geschwister). Es kann also nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch die Cousine ihren Cousin, die Nichte ihren Onkel, die Tante ihren Neffen heiraten. Im Jahre 1900 haben in Preußen 86 Nichten und 18 Tanten vom Rechte Gebrauch gemacht, ihre Onkel beziehungsweise Neffen zu heiraten. In Anlehnung an das kanonische Recht( das ist die mittelalterliche Gesetzgebung der Kirche) stellt das Bürgerliche Gesetzbuch der ehehindernden Verwandtschaft diejenigen Personen gleich, von denen die eine mit Eltern, Voreltern oder Abkömmlingen der anderen Geschlechtsgemeinschaft gepflogen hat. Demnach kann zum Beispiel die Mutter den Bräutigam ihrer Tochter, die Tochter den Bräutigam ihrer Mutter nicht heiraten, wenn der Hinderungsgrund der Geschlechtsgemeinschaft zwischen Brant und Bräutigam gegeben ist, anderenfalls kann solche Eheschließung wohl stattfinden. Aber ebensowenig fann eine Witwe 70 Die Gleichheit den Mann heiraten, der mit ihrer Tochter Geschlechtsgemein schaft gepflogen hat. Selbst wenn man in Betracht zieht, daß es infolge diefer Vorschrift einem Manne verwehrt ist, die Tochter oder die Mutter seiner„ Geliebten" oder die„ Geliebte" seines Sohnes oder seines Vaters zu heiraten, wird man kaum behaupten können, dieses Eheverbot bedeute einen Fortschritt, der einem sittlichen Bedürfnis entsprungen sei und entspreche. Bekanntlich begründet die uneheliche Abstammung kein Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem unehelichen Kinde und dem unehelichen Erzeuger sowie dessen Verwandten. In Anfehung der Ehehindernisse macht das Gesetz eine Ausnahme: es anerkennt hier plöglich eine Verwandtschaft zwischen einem unehelichen Kinde und dessen Abkömmlingen einerseits und dem Vater und dessen Verwandten andererseits. Die Ehe ist demgemäß zwischen Verwandten in auf- und absteigender Linie, zwischen Geschwistern und zwischen Verschwägerten in gerader Linie auch dann verboten, wenn das Verwandtschaftsoder Schwägerschaftsverhältnis auf außerehelicher Geburt beruht. Es dürfen also uneheliche Kinder desselben Vaters einander nicht heiraten, wenn sie auch nicht von der gleichen Mutter geboren worden sind. Man wird in diesem Eheverbot taum eine ungerechtfertigte Vorschrift erblicken können; unge recht ist nur, daß das Gesetz am Verwandtschaftsverhältnis bes unehelichen Kindes mit seinem Vater nicht auch in anderer Beziehung, zum Vorteil des Kindes, konsequent festhält. Weiter interessiert uns hier noch, daß die Ehe zwischen einem wegen Ehebruchs geschiedenen Ehegatten und dem am Ehebruch Mitschuldigen verboten ist, wenn dieser Ehebruch im Scheidungsurteil als Grund der Scheidung festgestellt ift. Von der Vorschrift kann Befreiung bewilligt werden. Es mag vielleicht der Ehefrau zur Genugtuung gereichen, daß ihr Gatte, von dem sie sich wegen Ehebruchs hat scheiden lassen, die des Ehebruchs Mitschuldige nicht heiraten kann und umgekehrt. Dennoch kann die Vorschrift nicht als eine glückliche bezeichnet werden. Sie wird nur in zu vielen Fällen zu außer ehelichen Verhältnissen führen, deren Opfer die daraus hervor gegangenen Kinder und meist auch die Frauen selbst sind. Ernst Oberholzer, Zürich. Eine Arbeiterschutzkomödie. Zu den unangenehmsten und für die Gesundheit schädlichsten Arbeiten gehört unzweifelhaft die Beschäftigung in den Lumpen fortierereien. Da die Arbeit vor allem peinliche Aufmerksam teit, Gewandtheit und eine gewisse Kenntnis der verschiedenen Stoffarten voraussetzt, erhebliche körperliche Kraft aber nicht erfordert, werden fast ausschließlich weibliche Arbeitskräfte das bei beschäftigt. Daß die Arbeit unangenehm, ja efelhaft ist, bedarf keiner besonderen Beweisführung. Es sei hier nur daran erinnert, daß neben den Abfällen der Privathaushaltungen auch die Abgänge öffentlicher Anstalten, wie Krankenhäuser usw. verarbeitet werden. Berichtete doch die badische Fabrikinspektion im Vorjahr, daß bei einer Durchsicht des Lagers einer Lumpen fortiererei ein ganzer Ballen Abfälle aus einem Krankenhaus, darunter Verbandzeug und mit Blut und Eiter be schmuzte Wattetupfer gefunden wurden. Aber auch die Gesundheitsgefährlichkeit der Arbeit liegt klar zutage. Die enormen Staubmengen, die sich in den Abfällen ansammeln, schädigen die Atmungsorgane der Arbeiterinnen, und daneben besteht fortwährend die Gefahr der Infizierung durch Krank heitserreger aller Art, die sich in den Lumpen natürlich in Menge finden. Allerdings gibt es eine Bundesratsverordnung, die den Schutz der Arbeiterinnen in Lumpensortierereien und ähnlichen Betrieben zum Zwecke hat, ihre Bestimmungen sind aber so ungenügend und dehnbar, daß von einem wirklichen Schuhe abfolut nicht die Rede sein kann. Die einzige durchgreifence Be stimmung ist das Verbot der Beschäftigung von Kindern und jugendlichen Arbeiterinnen in solchen Betrieben. Aber diese Bestimmung wird oft genug umgangen. Als der Fabrifinspektor Nr. 5 des Bezirkes Arnsberg im Vorjahr einen Unternehmer wegen verbotswidriger Kinderbeschäftigung zur Anzeige brachte, sprach das Gericht den Mann frei und belegte nur den Betriebsleiter mit 3 Mr. Geldstrafe. Die Berufungsinstanz ging in der Milde noch weiter; sie hob auch die Verurteilung des Betriebsleiters auf mit der Begründung, er habe um die Beschäftigung nicht gewußt. Durch derartige Urteile werden die Aufsichtsbeamten ganz gewiß nicht angespornt, die Beachtung der Arbeiterschutzgesetze mit dem nötigen Nachdruck zu fordern. Die angezogene Verordnung bestimmt ferner, daß den Arbeiterinnen verboten werden soll, im Arbeitsraum zu essen, ohne sich vorher gewaschen zu haben, und daß da, wo es ers forderlich ist", besondere Speiseräume eingerichtet werden sollen. Diese Bestimmung ist schlechter als gar keine. Sie dient lediglich den Unternehmern als Deckung, wenn die Aufsichtsbeamten die Schaffung von Speiseräumen fordern. Die weitere Vorschrift, daß Personen mit Hautverlegungen nicht beim Sortieren und Zerschneiden der Lumpen beschäftigt werden dürfen, wird so gut wie gar nicht beachtet. Punkt 13 der Verordnung verlangt, daß die Sortiertische statt einer Platte ein Drahtnetz als Decke und darunter eine fräftig wirkende Absaugevorrichtung haben sollen. Im Anschluß an diese Vorschrift heißt es jedoch, daß da, wo wirtschaftliche Gründe die Anlage einer Absauge vorrichtung verhindern, es gestattet ist, daß statt ihrer nur Staubfästen angebracht werden. Selbstverständlich hat sofort die übergroße Mehrheit der Unternehmer erkannt, daß in ihren Betrieben die rettenden wirtschaftlichen Gründe" vorliegen, und so haben die Herren die bitter nötige Absaugevorrichtung nicht angeschafft. Die Fabrikinspektion der bayerischen Pfalz schreibt darüber in ihrem Bericht für 1908:„ Künstliche Absaugung des entstehenden Staubes an den Sortiertischen hat nur ein Betrieb eingerichtet, doch wird hier infolge unzweckmäßiger Konstruktionsanlage der entstehende Staub an den Atmungsorganen der Arbeiterinnen vorbeigeführt, weswegen die Einrichtung ihren Zweck in keiner Weise erfüllt. Alle übrigen Betriebe haben überhaupt keine Entstäubung in den Sortierereien. Auch an den nötigen Überkleidern, an Wasch- und Badegelegenheit mangelt es fast durchgängig. Nach Angabe einzelner Fabrikanten sollen immer noch völlig beschmutzte Krankenhaushadern zum Verkauf gelangen". Die Außerung zeigt, daß die gesetzlichen Schutzbestimmungen für die Katze sind, wenn nicht die Arbeiterschaft selbst für ihre Innehaltung sorgt. " 1 Die Unternehmer bedienen sich des allereinfachsten Mittels, die Gefährlichkeit der Arbeit in Lumpensortierereien zu be seitigen sie bestreiten sie einfach. Dabei geraten sie allerdings mit den Feststellungen der Ärzte und Hygieniker in Widerspruch. So hat der Gewerbeinspektor Dr. Bender- Düren auf Grund mehrjähriger Untersuchungen fonstatiert, daß die Gesundheitsgefahren auf den Lumpenböden weit größer sind als bei allen übrigen Arbeitergruppen in Papierfabriken; besonders hoch ist die Gefahrenziffer in betreff ansteckender Krankheiten. Ein Vergleich mit den Maschinenarbeitern ergab folgendes Resul tat: Auf dem Lumpenboden war die Erkrankungsgefahr für alle Erkrankungen 2% mal, für Erkrankungen der Atmungsorgane 3 mal, für ansteckende Krankheiten aber gar 9mal so groß wie bei den Maschinenarbeitern. Unter den ansteckenden Krank heiten stehen die schwarzen Pocken zwar nicht der Zahl, wohl aber der Gefährlichkeit nach an erster Stelle. Erst vor wenigen Monaten traten in der Lumpensortiererei einer Heilbronner Papierfabrik die schwarzen Pocken auf, und aus Baden wurden in den Vorjahren eine ganze Reihe Pockenfälle gemeldet, die sämtlich bei Arbeiterinnen auf Lumpenböden ausbrachen. Die badische Fabrikinspektion unternahm daraufhin den löblichen Versuch, einen besseren Schutz der Arbeiterinnen zu erreichen. Wie es ihr bei diesem Bestreben ging, soll hier kurz geschildert werden, denn es bildet eine geradezu einzige Illustration zu der ewigen Phrase von der Arbeiterschußfreundlichkeit der deutschen Unternehmer. Zuerst wandte sich Dr. Bender an den Geschäftsführer des Vereins deutscher Papierfabrikanten mit der Bitte, doch im " Wochenblatt für Papierfabrikation" eine Anregung zu ver Nr. 5 Die Gleichheit öffentlichen, in der den Unternehmern empfohlen würde, Entstaubungseinrichtungen anzubringen. Diesen billigen Wunsch lehnte der Geschäftsführer ab, weil eine Notwendigkeit hierfür nicht vorliege. Darauf unterbreitete die Gewerbeinspektion dem badischen Ministerium des Innern den Vorschlag, für die aus dem Ausland eingeführten Lumpen die Desinfektion durch strömenden Wasserdampf zu fordern oder, falls dieser Vorschlag abgelehnt werden sollte, die Impfung der solche Lumpen for tierenden Arbeiterinnen vorzuschreiben. Das Ministerium berücksichtigte den brauchbaren Vorschlag der Aufsichtsbeamten gar nicht, und den unbrauchbaren Eventualvorschlag machte es noch unbrauchbarer. Es gab nämlich einen Erlaß an die Bezirksämter heraus, in dem es hieß, die auf Ansteckung durch Lumpen zurückzuführenden Pockenfälle ließen es, in hohem Grade erwünscht" erscheinen, daß die Arbeiterschaft der Betriebe, die Lumpen verarbeiten, alle fünf Jahre geimpft würde. Mit dieser Karikatur einer Arbeiterschutzbestimmung waren natürlich weder die Arbeiter noch die Unternehmer einverstanden. Der Vorstand des Vereins der Papierfabrikanten pfiff darauf, was dem Minis sterium erwünscht" war; er empfahl seinen Mitgliedern, die Impfung nicht vorzunehmen. Darauf wandte sich die badische Fabrifinspektion wiederum an den Verein der Papierfabrikanten mit der Bitte um eine Meinungsäußerung darüber, ob und wie eine zweckmäßige Vorreinigung der Lumpen möglich sei. Der Vorstand antwortete, daß die Verarbeitung von Lumpen nicht gefährlich, und daß das vorherige Waschen ausgeschlossen sei; die Frage, ob ein vorheriges Dreschen der Lumpen durchführbar wäre, solle geprüft werden. Der Verbandstag des Vereins beschloß dann, in der Sache Fragebogen an seine Mitglieder auszugeben. Von diesen Fragebogen sind nunmehr, nach langem Mahnen und Erinnern, 99 eingegangen. Das Ergebnis der Umfrage ist folgendes: Die vorherige Waschung der Lumpen wurde von allen Fabrikanten abgelehnt. Selbstverständlich nicht aus Profitsucht, sondern aus purer Menschenliebe. So wird angeblich der„ ohnehin fümmerlich sich durchschlagende Stand der Lumpenhändler" dadurch geschädigt; des weiteren wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß durch das Waschen abgestorbene Krankheitsfeime wieder lebendig werden, könnten, und was dergleichen lächerliche Ausreden mehr sind. Aber auch von dem Dreschen der Lumpen will die übergroße Mehrzahl der Unternehmer nichts wissen. Die Begründung, womit diese Forderung abgelehnt wird, ist natürlich noch gewagter wie die oben angeführte. Dabei schlägt immer das eine Argument der Herren das andere tot. So begründet ein Unternehmer seine Ablehnung mit dem ausnehmend günstigen Gesundheitsstand der Arbeiterschaft auf allen Lumpenböden; der andere wieder meint, das Dreschen beseitige die Gefahren nicht zur Genüge. Die Fälle von Pocken erkrankungen, auf die sich die badische Fabrikinspektion berufen hatte, sind nach Ansicht der Papierfabrikanten nicht durch die Lumpen verursacht, sondern die ausländischen Arbeiterinnen haben die Krankheitskeime auf die Lumpen und dadurch auch auf ihre einheimischen Mitarbeiterinnen übertragen. Das ist zwar die Logik auf den Kopf gestellt, aber bei Verlegenheits. reden kommt bekanntlich die Logit immer zu kurz. Der Bericht der Fabrikanten resümiert das Ergebnis der Umfrage dahin, daß an eine vorherige Waschung der Lumpen nicht zu denken" sei, und fährt dann fort:„ Eine andere Frage ist, ob man den Papierfabrikanten empfehlen soll, nach Möglichkeit gereinigte Lumpen zu kaufen. Hierfür müßten in erster Reihe die Kosten festgestellt werden, die durch das Dreschen der Lumpen entstehen. Hierüber liegen Erfahrungen noch nicht vor." Refapitulieren wir: Die Gewerbeinspektion bittet die Lei tung des Unternehmervereins, im Vereinsorgan eine Anregung zur Schaffung von Entstaubungseinrichtungen zu bringen der Vereinsvorstand lehnt das ab. Die Inspektion ersucht das Ministerium, die Desinfektion ausländischer Lumpen anzuordnen das Ministerium lehnt das ab. Das Ministerium wünscht die Impfung und Wiederimpfung der bei der Verarbeitung der Lumpen beschäftigten Personen die Unternehmer lehnen das ab. Die Gewerbeinspektion ersucht die Unternehmer, nur 71 vorher gewaschene Lumpen zu kaufen vorher gewaschene Lumpen zu kaufen die Unternehmer lehnen das ab. Um aber zu zeigen, daß die Arbeiterschutzfreundlichfeit der Kapitalisten doch kein leerer Wahn ist, lassen die Herren der arbeiterschutzheischenden Fabrikinspektion die frohe Hoffnung schimmern, daß sie„ Erfahrungen" darüber sammeln wollen, ob die Kosten der Lumpenreinigung es gestatten, daß das Unternehmerblatt den Fabrikanten empfiehlt"," nach Möglichkeit" vorgereinigte Lumpen zu kaufen. Wer eine humoristische Ader hat, kann über diese Arbeiterschutzkomödie ein Lustspiel schreiben. Dazu ein Gegenstück. Vor einiger Zeit hat das Gewerbes inspektorat in Österreich der Unfallverhütungskommission eine Reihe Bestimmungen zum Schutze der Arbeiterinnen in Lumpensortierereien vorgeschlagen. Die Kommission berief Unternehmer und Arbeiter für den 2. Juni nach Wien zur Begutachtung. Dort machte einer der Arbeiter den Vorschlag, die vorherige Waschung der Lumpen zu fordern, und dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Wir würden an vorstehende Ausführungen die Mahnung an die Arbeiterinnen knüpfen, sich durch Beteiligung an der gewerkschaftlichen und politischen Drganisation der Arbeiterklasse Arbeiterschutz zu erkämpfen, aber wir meinen, für denkende Proletarierinnen bedarf es nach vorstehendem einer solchen Mahnung nicht mehr. h. sch. Heimarbeiterelend in der Heubacher Korsettindustrie. Im württembergischen Oberamt Gmünd ist die Heubacher Gegend der Sit einer ausgedehnten, blühenden Korsettindustrie. Sie beschäftigt viele Hunderte von Arbeitskräften, der Mehrzahl nach Frauen und Mädchen, und zwar bei Heimarbeit. Heimarbeit ist aber geradezu gleichbedeutend mit Elend. Die Bedingungen, unter denen die Heubacher Heimarbeiterschaft lebt und webt, machen davon keine Ausnahme. Auf die Frage: Seid ihr mit eurem Lose zufrieden, könnt ihr damit zufrieden sein? müßten die Arbeiter und Arbeiterinnen mit Nein ant worten. Wenigstens dann, wenn sie ihre Lage nicht mit der Not früherer Zeiten vergleichen wollten, sondern ihre Ansprüche an das Leben wie recht und billig bemessen würden nach der Bedeutung ihrer heutigen Arbeitsleistungen und dem Reichtum an materiellen und geistigen Gütern, über die die Gesellschaft in unseren Tagen dank der Arbeit verfügt. Leider wollen das gerade viele Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen nicht begreifen. Sie reden sich eine Zufriedenheit vor, zu der sie den allerwenigsten Grund haben. Was sie doch tagtäglich am eigenen Leibe spüren: in der Müdigkeit, dem raschen Schwinden der Kräfte und vorzeitigem Altern, dem knurrenden Magen, das muß ihnen erst noch von außen her bewiesen werden. Der Heim arbeiterschaft in der Heubacher Korsettindustrie wird ein solcher Nachweis vom Elend und von der Verbesserungsbedürftigkeit ihrer Lage einwandsfreierweise durch eine wissenschaftliche Studie gegeben. Es ist fein" Roter", kein Hezer", der sie verfaßt hat, sondern ein Doktor der Staatswirtschaft in Köln, Paul M. Rosenberg. Und er ist bei seinen Forschungen so gewissen haft zu Werke gegangen, daß ihn auch nicht der leiseste Ver dacht der Voreingenommenheit und übertreibung treffen kann. In seiner volkswirtschaftlichen Studie:„ Die deutsche Korsett industrie"( Verlag Cottasche Buchhandlung, Berlin und Stutt gart) hat Rosenberg das Ergebnis der Erhebungen dargestellt, die er über die einschlägigen Verhältnisse im Oberamt Gmünd im Frühjahr und Winter 1908 vorgenommen hat. Mit großem Fleiße hat er das Material verarbeitet, das ihm von den Ver einigten Gewerkschaften Gmünd sowie seitens einzelner Orts vorsteher und Fabrikanten, Pfarrer und Haushaltungsvor ständen, Fabrik- und Heimarbeitern und sonstigen Interessenten übermittelt worden war. Und er hat dieses Material nicht unbesehen übernommen, sondern sorgfältig nachgeprüft. So ist ein wertvolles Werk entstanden, das die Verhältnisse in der Heubacher Korsettindustrie so schildert, wie sie tatsächlich sind, und das die Quellen bloßlegt, aus denen ihre Armlichkeit entspringt. Damit aber gibt es mittelbar und unmittelbar Finger 72 Die Gleichheit zeige, wie der dargestellten Not entgegengearbeitet werden kann. Daß zu den Mitteln, die dafür in Betracht kommen, die starke gewerkschaftliche Organisation mit ihrem erzieherischen Einfluß gehört, betont der Verfasser rückhaltlos. Die Heubacher Gegend wird von dem Verfasser als die interessanteste bezeichnet, welche für die deutsche Korsettindustrie in Betracht kommt. Sie weist nämlich eine Industrialisierung einer reinen Bauernschaft auf, die geradezu typisch für die fapitalistische Entwicklung ist. Heubach hat zwei Korsettfabriken, die neben zirka 500 Fabrifarbeitern in fünf Hauptorten 900 bis 1000, im ganzen 1200 bis 1500 Heimarbeiter beschäftigen, die weitaus meisten weibliche. Wie stellt sich deren tägliche Arbeitszeit? Auf 10 bis 20 Stunden, durchschnittlich auf 14 bis 16 Stunden für Erwachsene; auf 4 bis 6 Stunden für Kinder. Die Einzelverdienste schwanken zwischen 5 bis 11 Mt., durchschnittlich von 7 bis 8 Mt. pro Woche. Ganz feltene Fälle eines Wochenlohns von 17 Mt. tommen vor. Der Familien verdienst, den Mann und Frau mit 2 bis 3 Kindern erzielen, erreicht im Höchftfall wöchentlich 20 Mt. In den Fabriken be schäftigte Personen verdienen wöchentlich noch 2 bis 5 Mt. durch 6 bis 9stündige tägliche Heimarbeit. Von den Löhnen der Heimarbeiter müssen noch die Ausgaben für Faden abgezogen werden, die zwischen 40 Pf. bis 3 Mt. schwanken. Maschinen und Zubehör müssen von den Heimarbeitenden selbst gestellt werden. Diese Angaben Rosenbergs find einer Spezialenquete entnommen, die die Vereinigten Gewerkschaften Gmünd im Jahre 1907 vorgenommen haben. Dr. Rosenberg hat sie int wesentlichen bestätigt gefunden. Er hebt hervor, daß diese Enquete bezüglich der Zahl der Heimarbeiter der Wirklichkeit näher komme als die amtliche Statistit, die allerdings von 1895 ftammit. Rosenberg stellt dem Verdienst der Heubacher Heimarbeiter schaft eine Übersicht über die Preise der Lebensmittel gegenüber. Sie waren schon damals zum Teil Teuerungspreise, sind aber heute, zumal für Fleisch, bereits überholt. Da nimmt die Feststellung nicht wunder, daß die Nahrung der Heimarbeiter fast ausschließlich aus Mehlspeisen, Kartoffeln und Gemüse besteht, Fleisch gibt's nur Sonntags und in fleinen Quanten. Wie wird es erklärlich, daß sich in der Heubacher Gegend die Heimarbeit mit ihren typischen Begleitern übermäßig langer Arbeitszeit und jämmerlichem Verdienst, was sagen wir Verdienst: Hungerlohn entwickeln und binnen etwa 15 Jahren einen blühenden Industriezweig schaffen konnte? Die Bevölkerung von Heubach und Umgegend war früher nur landwirtschaftlich tätig. Die Masse hatte nur einen Zwergbesitz an Grund und Boden mit geringem Biehstand; der Eigenbetrieb sicherte nur halbwegs den Unterhalt der Familie. Den Besitlosen fam Allmendland zugute, jeder stand im Holzgennß im Werte von 20 Mt. aus dem Heubacher Gemeindewald. Es herrschte das System der Dreifelderwirtschaft mit eingebauter Brache. Die Handelskammer Heidenheim erklärte dem Dr. Rosen berg, daß die nämlichen Verhältnisse noch mehrfach in der weiteren Umgegend vorkommen und als überbleibsel der früheren Markgenossenschaften anzusehen sind. Aber die Macht der neuen fapitalistischen Zeit erwies sich als stärker als die schützende Kraft der schwachen überlebfel des alten urwüchsigen Kommunismus. Trotz des Gemeindenutens konnten die Besitzlosen und Zwergbesitzer in den Dörfern der Gegend den Unterhalt der Familie nicht mehr mit landwirtschaftlicher Arbeit bestreiten. Biele griffen zum Hausterhandel; in einzelnen Orten war der Bettel die letzte Zuflucht. So fand die vor einigen Jahrzehnten einsetzende industrielle Entwicklung in der Gegend an der Scholle flebende, feßhafte und billige Arbeitskräfte. In diesem Zusammenhang ist eine Außerung des Landwirtschaftsinspektors Schmidberger verständlich, daß die Industrie von der Landwirtschaft schmarogt". Rosenbergs Aufzeichnungen belegen es, daß der industrielle Verdienst der Heimarbeiter nur ergänzt, was an dem landwirtschaftlichen Ertrag für den Bedarf der Familie fehlt. Rosenberg hat auch persönlich in den Stätten der Heimarbeit die Verhältnisse erforscht. Was er dabei festgestellt hat, Nr. 5 teilt er durch vier Beispiele mit, die er als typisch für die allgemeine Lage der Heimarbeiter in der Heubacher Korsettindustrie bezeichnet. Beispiel 1. Eine Familie in Unterbettringen. Anderthalb Stun den von Heubach. 12 Personen. Landbesitz 9 bis 12 Hektar. Bieh bestand 4 Kühe und Kleinvieh. Also verhältnismäßig viel. Bum Lebensunterhalt reicht die Landwirtschaft nicht aus, deshalb müſſen zwei Mädchen Korsett nähen. Das eine Mädchen näht täglich 15 Stunden, das andere besorgt nebenher noch Hausarbeit. Beide er zielen zusammen 850 bis 950 Mt. Wenn die Industrie nicht wäre, bezahlte Heimarbeit dem besseren Verdienst in der Fabrit vor, weil müßten sie in einen Dienst gehen. Die Mädchen ziehen die schlecht der Weg nach Heubach zu weit ist, und sie dann keine Bauernmädchen" mehr feien. Dieser Fall liegt zufolge des Grundbesitzes noch relativ günstig. Die Mutter pflegt die Mädchen gut, da sie sonst schwindsüchtig werden". Beispiel 2. Eine ledige Arbeiterin in Oberbeftringen. Kein Landbesig. Sie wohnt aur Miete. Sie arbeitet täglich 18% Stunden und erzielt jährlich 360 bis 370 Mt. Verdienst. Mit ihrem Erwerb hat sie früher zum Haushalt der Eltern beigetragen. Als diese starben, sei sie zu alt gewesen, um ein neues Leben als Fabrif Nebenberuf, jetzt Hauptberuf geworden ist. mädchen zu beginnen. Sie blieb beim Korfettnähen, das einst Beispiel 3. Heimarbeiterfamilie in Bargau. Drei Viertelstunden von Heubach. 8 Personen. Mann, Frau, ein Mädchen und ein Kind nähen Korsett. Landbesitz 2,15 Hektar Wiese. Kein Vieh. Das Haus hat eine Arbeitsstätte mit 40,25 Rubikmeter Raumgehalt und zwei Schlafräume mit je 36 Rubikmeter Luftinhalt. Der Mann gibt für sich eine tägliche Arbeitszeit von 15 bis 18 Stunden an. Der jährliche Verdienst von Mann und Frau zusammen beträgt jährlich 4 bis 6 Wochen Arbeit. Der Wiesenertrag( Futter) bringt 900 Mt., von den beiden Mädchen 300 Mt. Das Feld erfordert einen Erlös von 250 bis 300 Mt. Beispiel 4. Ein Zuschneider in Henbach. Fabrikarbeiter. Die Familie besteht aus Mann, Frau und drei Kindern im Alter von 5, 3 und 1 Jahren. Kein Grundbesig. Der Mann wohnt zur Miete. Er verdient bei 64 bis 69 stündiger Arbeitszeit netto 19 bis 20 Mt. wöchentlich. Die Frau verdient zu Hause 6 Mt. Nach einem ausführlichen Haushaltungsbudget braucht die Familie für ihren Unterhalt wöchentlich 18 Mt. oder jährlich 936 Mt. Für Miete, Heizung und Licht 195 Mt. Für Schuhe und Kleidung zirka 212 Mt. Für Sonntagsgeld und Weihnachtsausgaben 60 Mt. Zusammen 1403 Mt. Der Jahresverdienst beträgt 1300 bis 1350 Mt., er ist somit absolut unzulänglich. Diesen Angaben liegen allerdings nicht die täglichen Aufzeichnungen in einem Wirtschaftsbuch zugrunde, weil feines geführt wird. Doch spricht alles für ihre Rich tigkeit. Der Arbeiter wird sich in seiner Genügsamkeit weitere Beschränkungen auferlegen, um die Kargheit des Verdienstes auszugleichen. Dr. Rosenberg hatte auch an die Schultheißen der in Be tracht kommenden Orte einen Fragebogen verschickt, der ihre Meinung darüber einholte: Welche Schäden sich infolge der Korsettheimarbeit herausgestellt haben a. für die Gesundheit, b. für den Haushalt, c. für die Bestellung des Feldes". Die Antworten sind bezeichnend. Ein Schaden für die Bestellung des Feldes wird allgemein in Abrede gestellt. Zur Frage b lauten die Antworten:„ Der Haushalt leidet";" die Arbeiterinnen können den Haushalt nicht richtig führen“,„ die Mädchen lernen sonst nichts" usw. Was die Frage nach den Gesundheitsschädigungen anbelangt, so heißt es von den Korsettarbeiterinnen:„ manche schon frühzeitig gestorben". Rosenberg stellte mit Erstaunen fest, daß die Heimarbeiterschaft im Heubacher Bezirk über die lange Arbeitszeit kaum eine Klage führt. Die Hauptsache für die Leute ist, daß sie ihre Lage im Vergleich zur Vergangenheit ein Weniges gebessert sehen. Daß dies nur durch eine unmenschlich lange Arbeitszeit möglich wird, durch die größten Entbehrungen und eine unverantwortliche Ausbeutung ihrer eigenen Kinder, wird von ihnen nicht begriffen. Daß die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen den in der Gegend vorhandenen Raiffeisenkaffen feine Riesensummen 31tragen können, versteht sich wohl. Trotzdem wird das von mancher Seite den Leuten zum Vorwurf gemacht. So klagt ein katholischer Pfarrer, aber das Geld wird schlecht angelegt zu Buzz und Sonntagsstaat. Die Leute bleiben lieber bei ihrer Nr. 5 Die Gleichheit Unterernährung, wenn sie nur Kleider und Putz haben", fie arbeiten bis in die Nacht hinein und vertun das Geld", am Sonntag unterscheidet sich die Fabrifarbeiterin nicht von der Fabrikantenfrau". Rosenberg hat dieses Urteil durchaus nicht immer bestätigt gefunden. Viele Familien( und das sind wohl alle) benötigen den Verdienst der heimarbeitenden Franen und Töchter zur Befriedigung der baren Lebensnotdurft. Den Bogel schoß der Schultheiß von Mögglingen ab. Er behauptete, daß die Industrie für die Moral der Lente Schaden gebracht hat; die Leute verdienen mehr und werden dadurch leichtlebiger. Je mehr sie verdienen, um so schlimmer ist es. Sie leben zu luxuriös." Dr. Rosenberg zweifelt mit Recht daran, daß sich der Schultheiß über den Begriff Luxus flar wäre, und bezeichnet seine Außerung als eine unbewiesene und allgemein urteilslos nachgesprochene Behauptung. " 1 Wir sehen in dieser Außerung noch anderes. Sie gibt nur unverfälscht die bürgerliche Anschamung wieder, daß die gött liche Weltordnung das arbeitende Volk zur Knechtschaft und Entbehrung bestimmt, darin zu erhalten hat. Nach dieser Auf faffung fomint ftets die Moral" der Armen ins Wanten, fobald fie beginnen, ihre Bedürfnislosigkeit abzuftreifen, sobald sie beginnen, sich des Wertes ihrer Arbeit und daher ihres Rechtes auf eine menschenwürdige Existenz bewußt zu werden. Möchten die Arbeiter und Arbeiterinnen der Heubacher Korsett industrie recht bald die Fessel der Bedürfnislosigkeit abschütteln, damit sie den Weg zur Besserung ihrer Lage finden. Es heißt Aufklärung, Zusammenschluß mit allen, die gleich haries Los tragen wie fie. Vereinigung macht die Schwachen starf. Die gewerkschaftliche und politische Organisation ist auch ihr Schutz, ihre Stärke. Die Arbeiterbewegung in der Portefeuilleindustrie Deutschlands. 4. Die Erfolge des Portefeuillerverbandes. Auf dem Wege zum Industrieverband. Die Arbeiterschaft der Portefeuilleindustrie errang 1908 unter der Führung des Verbandes bemerkenswerte Erfolge. Besonders hoch ist bei ihrer Bewertung anzuschlagen, daß wie bereits angedeutet auch die Heimarbeit eine schützende Regelung erfuhr. Die Fabrikanten mußten sich vertraglich verpflichten, mit dafür zu sorgen, daß ihre Heimarbeiter und Zwischenmeister in der Stadt die 54stündige, auf dem Lande die 57 stündige Höchstarbeitszeit einführten. Die Zeit, in der die Heimarbeiter auf neuen Zuschnitt warten müffen, ist ihnen zu vergüten. Alle Zutaten und Furnituren sind ihnen vom Unternehmer zu liefern. Die Hälfte des Beitrags zur Jnvaliden versicherung, ein Drittel desjenigen zur Krankenversicherung muß der Fabrikant den Heimarbeitern zurückerstatten. Der Heimarbeit der Werkstattarbeiter und-arbeiterinnen wurde ein Riegel vorgeschoben: diese dürfen nach Feierabend zu Hause nicht mehr industriell beschäftigt werden. Die regelmäßige Arbeitszeit darf nach dem Tarif in allen Betrieben der deutschen Portefeuilleindustrie nicht vor 7 Uhr morgens beginnen und nicht nach 6 Uhr abends enden. Für Überstunden wurde ein Zuschlag von 25 Prozent, für Nachtarbeit von 33% Prozent festgefeht. Zeitverfäumniffe durch militärische Kontrollversammlungen, die Beerdigung von Angehörigen, Dienstleistung bei Feuersgefahr, Suchen nach einer neuen Arbeitsstelle müssen vergütet werden. Der Mindestlohn für Ausgelernte wurde wie folgt festgesetzt: Für den Offenbacher Bezirk im ersten Jahre nach vollendeter Lehre 30 Pf., im zweiten Jahre 35 Pf. pro Stunde; für Stuttgart 34 bezw. 40 Pf.; für Berlin 37 bezw. 39 bezw. 41 Pf. Der Mindestlohn für geübte Arbeiter betrug laut Tarif in Berlin 46 Pj. pro Stunde, stieg am 1. Juli 1909 auf 48 Pf. und wird am 1. Juli 1910 auf 50 Pf. erhöht. In ganz Deutschland wurde für die Portefeuiller, die im Afford arbeiten, ein Garantielohn von 20 Mt. pro Woche festgelegt, das heißt unter diesem Lohne darf kein Arbeiter am Zahltag erhalten, auch wenn er laut dem verein73 barten Affordsah nichts mehr herauszubekommen hat. Bis dahin hatten die Unternehmer die Affordlöhne ganz eigenmächtig festgesezt, ohne Rücksicht darauf, was die Arbeiter dabei verdienten. hatten sie zu wenig erzielt, so erhielten sie einfach Vorschuß. War die Hochsaison vorüber oder sollte ein Arbeiter die Stel lung wechseln, so wurden die Lohukouten aufgerechnet. Es stellte sich dabei meist heraus, daß die Arbeiter mehr erhalten hatten, als ihnen nach den Alfordsähen zustand. Der Vorschuß mußte dann in den sogenannten„ blinden Wochen" abgearbeitet werden, das heißt in Wochen, in denen es feinen Verdienst gab. Kein Unternehmer ftellte einen Arbeiter ein, der nicht erst feinen Vorschuß abgearbeitet hatte. Nun muß mindestens ein Arbeitsverdienst von 20 Mt. pro Woche verrechnet werden ohne Rücksicht auf die Affordsätze, sobald sich der Arbeiter dem Unternehmer für die eingeführte Arbeitszeit zur Verfügung stellt. Arbeiter, die bisher mehr als 25 Mt. wöchentlich verdient haben, erhalten mindestens drei Viertel ihres bisherigen Durchschnittsverdienstes als Garantielohn. Allen Zeitarbeitern, die weniger als 25 Mf. verdienten, wurde für den 1. Januar 1909 2 Prozent und für den 1. Januar 1910 weitere 2 Prozent Lohnzulage zugesichert. In Freiberg, wo der Tarif in den letzten Wochen Geltung erlangte, beträgt die an diesem Tage zu gewährende Zulage 15 Prozent. Angesichts der außerordentlich schlechten Konjunktur jeder zehnte Portefeuiller war arbeitslos, und die meisten mußten bei verkürzter Arbeitszeit schaffen ein nicht zu unterschätzender Erfolg. - Für die Arbeiterinnen der Industrie wurden ebenfalls beachtenswerte Erfolge erzielt. So erhält jede jugendliche Arbeiterin im ersten Halbjahr ihrer Berufstätigkeit 6 Mt., im zweiten 7 M., im dritten 8 Mt., im vierten 9,50 Mt., im fünften 11 Mt. und im sechsten Halbjahr 12 Mt. Lohn pro Woche. Diese drei Jahre gelten als Lehrjahre. In der Berliner Album- und Galanterie warenbranche wurde der Mindestlohn für geübte Arbeiterinnen auf 34 Pf., für an Maschinen Beschäftigte auf 37% Pf. pro Stunde festgesetzt. Affordlöhne dürfen nur mit Zustimmung des Werkstattausschusses ( eine Institution, die die Organisation eingeführt hat) festgesetzt oder geändert werden. Werkstattarbeiter, Heimarbeiter und Zwischenmeister erhalten für den gleichen Artikel den gleichen Lohn. Zum Zwecke der Kontrolle über diese Bestimmung muß in jedem Betrieb ein Lohnbuch aufliegen, in das die Arbeiter jederzeit Einblick nehmen fönnen, ohne daß sie es verlangen. Wenn ein Unternehmer Arbeiter unter den geltenden Sägen beschäftigt, so macht er sich eines Tarifbruches schuldig, das Schiedsgericht, das gemäß den Bestimmungen der Zivilprozeßordnung eingesetzt worden ist, muß ihn verurteilen, selbst wenn der Arbeiter sich unter dem Tarif angeboten hatte. Besondere tarifliche Vereinbarungen regelt für die Reiseeffekten- und Portefeuilleindustrie einheitlich das Lehrlingswesen. Der Vertrag gilt bis zum 30. Juni 1911. Ein Zentraltarifamt mit dem Sitz in Offenbach hat die Einhaltung der vertraglichen Bestimmungen zu überwachen und darf über Tarifbrecher Geldstrafen verhängen. Während der Verband nach besten Kräften die Interessen der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Portefeuilleindustrie zu wahren bestrebt war, machten sich Tendenzen geltend, die auf eine Vereinigung mit der Gewerkschaft der Sattler hindrängten. Die Zollpolitit des Deutschen Reiches beeinträchtigte den Außenhandel feiner Lederwaren und Reisetaschen sehr start. Dagegen wurde der Bedarf daran im Inland, durch die Mode der enganschließenden Damenkleider ohne Taschen, enorm begünstigt. Die Herstellung von Damenhandtäschchen macht zurzeit fast 70 Prozent der gesamten Lederwarenproduktion aus. Die Sattler, die in der Fabrikation von Reiseartikeln beschäftigt wurden, würden arbeitslos geworden sein, wenn nicht zur selben Zeit die ausgedehnte Verwendung der Schärfmaschine ihnen erleichtert hätte, Beschäftigung in der Kleintaschenindustrie zu finden. Die Maschine besorgte die schwierige Verrichtung: das Leder an den Kanten dünn zu machen, und die Sattler erlernten bald das Einschlagen", das an den Kanten dünn geschärfte Leder über das Innenteil bringen; die Portefeuiller ihrerseits 74 Die Gleichheit Nr. 5 Professor der Botanik an der Züricher Universität sich stets mit Stolz einen Sozialdemokraten nannte. Ihr wißt, daß sein Herz den Arbeitern gehörte; für ihre Befreiung trat er ein, wo er nur immer konnte, und das mit dem ganzen Eifer seines lebhaften guckten den Sattlern rasch das" Wenden" der linksseitig genähten Taschen ab. Die Unternehmer der Reiseeffektenbranche brauchten nun feine Sattler mehr, die im allgemeinen besser entlohnt werden mußten, sie benötigten nur noch Taschen Temperamentes; für sie kämpfte er in Wort und Schrift, solange macher. Dadurch, daß ein großer Teil der Damentaschenfabrikation in die Heimarbeit überging, die in der Portefeuilleindustrie eine so bedeutende Rolle spielt, näherten sich die Arbeitsbedingungen der Sattler und Portefeuiller noch mehr. Damit war der Anfang vom Ende der selbständigen Portefeuillerorganisation besiegelt. Gleich nach Abschluß der von beiden Arbeitergruppen gemeinsam geführten Tarifbewegung im Jahre 1908 berieten die Leitungen der beiden Organisationen in mehreren Konferenzen über die Verschmelzung der Verbände. Der außerordentliche Verbandstag Ostern 1909 in Köln be schloß sie, und sie wurde schon am 1. Juli 1909 perfeft. Der Beschluß blieb nicht ohne Rückwirkung auf die Organisation der Unternehmer. Die„ Vereinigung der Lederwaren- und Reiseartikelfabrikanten" hat beschlossen, die Streitversicherung einzuführen. Der Verband der Portefeuiller und Ledergalanteriearbeiter gab seine Selbständigkeit auf, als er auf der Höhe stand und seine Leistungsfähigkeit bewiesen hatte. Er hatte die Berufsangehörigen durch eine 8- jährige intensive Aufklärungsarbeit gewerkschaftlich geschult und ihre Arbeitsbedingungen wesentlich verbessert. Indem er sich mit der verwandten Berufsorganisation verschmolz, konnte er die Konsequenzen der Einsicht in die wirtschaftliche Entwicklung ziehen. Es spricht für die gefestigte Überzeugung vom Wert des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses, daß nicht ein einziges Mitglied die Fusion mit dem Sattler verband als Vorwand benutzt hat, der Organisation fahnenflüchtig zu werden. Der im Jahre 1901 gegründete„ Groschenverband" hat seine Mitglieder in den acht Jahren so weit gewerkschaftlich erzogen, daß sie jetzt gern in Berlin 75 Pf., in Offenbach 55 Pf., in Nürnberg 60 Pf. Wochenbeitrag leisten. Im ersten Vierteljahr seines Bestehens hat der neue Verband nahezu um 400 Mitglieder zugenommen, darunter einen starken Prozentsaz Portefeuiller. Auch der Stand der Finanzen des Portefeuillerverbandes hat gesundes Leben bekundet. Vom 11. November 1900 bis 30. Juni 1909 hatte er insgesamt eine Einnahme von 381579 Marf, wovon 354112 Mt. allein auf die Mitgliederbeiträge entfallen. Zu berücksichtigen ist dabei, daß der wöchentliche Beitrag bis zum 30. Juni 1904 nur 20 Pf. für männliche und 10 Pf. für weibliche Mitglieder betrug. Aufnahmegebühren wurden damals nicht erhoben. Der Verband verausgabte während der 8 Jahre seines Bestehens insgesamt 220520 Mt., davon 11407 Mr. für Unterstützung von Lohnbewegungen und Streits, 25455 Mt. an Arbeitslosen- und 32989 Mt. an Krankenunterstüßung. Der Überschuß von 161 059 Mt., dazu noch zirka 19000 Mt. in den Lokalfassen, wurde dem neuen Sattlers und Portefeuillerverband als Morgengabe gebracht. Dieser wird fortsetzen, was die beiden Verbände begonnen haben, die sich vereinigten, um der fortschreitenden Konzentration des Kapitals, des Unternehmertums eine größere Konzentration der gewerk schaftlich organisierten Arbeiter entgegenzustellen. Mit aller Treue wird er wirken für die Klärung des Klassenbewußtseins und damit für die Ausbreitung und Befestigung der Organisation. Mit allem Eifer wird er seine Kraft einsetzen, um die foziale Lage der Berufsgenossen und-genossinner zu heben, um sie auf dem Wege zur Macht zu führen. H. W. Aus dem Leben eines ehemaligen Heimarbeiters. Als wir neulich in Zürich die Heimarbeitausstellung hatten, wurde ich an einen erinnert, der obzwar er später ein sehr befannter Gelehrter geworden ist auf die Freuden einer sonnigen Kindheit verzichten mußte, um für ein paar Pfennige Stundenlohn mühselige Arbeit zu verrichten. Der Mann ist Arnold Dodel. Ihr fennt ihn gewiß alle, liebe Genossinnen? Zwar nicht persönlich, aber doch seinem Namen und Wesen nach. Ihr wißt, daß dieser er Kräfte hatte, und über jeden Sieg der Arbeiterfache war er hoher Freude voll. Arnold Dodel stammte aus einem armen Bauernhaus im Thurgau. Sein Vater, ein stiller, sinnender Mann, von dem der Sohn stets mit Verehrung gesprochen hat, betrieb die Schusterei, während die Mutter, eine rechtschaffene, brave Bäuerin, die Feldwirtschaft besorgte. Es waren drei Töchter und drei Söhne vorhanden, und das Brot war immer Inapp. Als aber ein paar Teuerungsjahre famen, der Vater Geld aufnehmen und verzinsen mußte, da wurde das im Hause Dodel ganz bedenklich fühlbar, und die gute Mutter seufzte oft, wenn ihr Blick auf ihre sechs Kinder fiel, denn sie wußte nicht, wie sie sie satt machen sollte. Dodel hat mir mehr als einmal erzählt, wie ärmlich es damals zu Hause herging: morgens vor der Schule gab es Kartoffeln und Kaffee, mittags ein Hafer- oder Mehlmus, Hülsenfrüchte oder dergleichen und abends wiederum Kartoffeln und Kaffee. Nur in den besseren Jahren wurde Sonntags zu Mittag eine Fleischbrühe gekocht von einem Pfund Rindfleisch, mit Brotscheibchen und Schnittlauch. Darauf freuten sich die Kinder, besonders die Buben, die ganze Woche hindurch, obwohl bei einer Familie von acht Personen nicht viel Fleisch auf den einzelnen kommen konnte, was ihr, Genossinnen, ja recht gut wißt. Außer den Sonntagen waren im Jahre noch ein oder zwei Festtage, wo man im Dodelschen Hause sich etwas zugute tat". Das war der Himmelfahrtstag, der einzige Tag im Jahre, an dem die Kinder Butterbrot erhielten, während sie sonst nur trocken Brot kannten. Es soll immer eine helle Freude gewesen sein, wenn es Butterbrot gab. Dodel lachte oft darüber, denn in seinen späteren Jahren hat er nie Butterbrot gegessen. Das, was ihm in seiner Kindheit als der Gipfel des guten Essens erschien, hatte später keinen Reiz für ihn; er aß als alter Mann immer trockenes Brot zum Kaffee, so wie er überhaupt außerordentlich einfach und anspruchslos in bezug auf Essen war. Ein zweiter Festtag für den kleinen Arnold und seine Geschwister war der Fastnachtsdienstag; da but Mutter Dodel nämlich„ Chüechli", eine Art Schmalzgebackenes, so wie es in verschiedenen Arten auch bei uns in Deutschland um diese Zeit üblich ist. Hiermit war aller Luxus aufgezählt, den die Familie Dodel im Essen zu machen in der Lage war- bescheiden genug also! Arnold hat mir auch erzählt, daß er oft neidisch hat zusehen müssen, wie seine Großmutter, eine etwas wohlhabendere, aber anscheinend geizige und launische Frau, dem jüngeren Bruder Karl ein Spiegelei briet. Er selbst, das viel zartere und kränkliche Büblein, bekam feines. Die Großmutter hatte ihn nicht so gern wie den Jüngeren, eben weil er ein elender und hintender kleiner Bursche war. Zu stolz, öffentlich zu zeigen, wie bitter ihn die ungerechte Zurücksetzung kränkte und wie heiß auch in seiner kleinen Seele die Sehnsucht nach einem duftenden Spiegelei brannte, schlich sich unser armer Arnold dann oft hinter die elterliche Scheuer und weinte dort herzbrechende Tränen. Arnold erzählte auch von einem Kameraden, der gelegentlich von Hause ein paar Stückchen Zucker mit in die Schule brachte und sie stolz und behaglich vor den Mitschülern schmauste, ohne einen einzigen von ihnen an seinem Genuß teilnehmen zu lassen. Damals glaubte Arnold, es tönne fast nichts Schöneres geben, als auch einmal über Zucker verfügen zu dürfen, und er sagte am Abend zu seiner Mutter: " Du, Mutter, wenn ich groß bin, dann kaufe ich mir einmal einen ganzen Wagen voll Zucker und esse ihn ganz allein auf!" In diese ärmliche Dürftigkeit brachen die Teuerungen der viersiger und fünfziger Jahre- Arnold war 1848 geboren wie ein reißendes Tier ein. Das Geld reichte kaum mehr zum Notwendigsten, und die paar Festtage, wie bescheiden sie auch schon gewesen waren, mußten aus dem Jahreskalender gestrichen werden. Die täglichen Portionen an Brot, Kartoffeln usw. wurden erheblich beschnitten; und das war recht bitter, besonders für die Buben, die eben im besten Wachsen und mit gehörigem Appetit ausgerüstet waren. Für unseren Arnold aber war das schwerste, daß es jetzt hieß:„ Der Bub muß mitverdienen!" Freilich, hätte er hinaus gekonnt auf den Acker wie die beiden Brüder, um dort Feldarbeit zu verrichten, so wäre er damit gern einverstanden gewesen, denn er liebte die Natur schon als Kind, trieb sich mit Vorliebe im Freien umher und machte sich auch gern nach seinen fleinen Kräften nüglich. Aber da lag der Hase im Pfeffer! Arnold hatte in seinen ersten Lebensjahren schwere Krankheiten durch gemacht, und davon war ihm ein trummes Knie und ein ver Nr. 5 Die Gleichheit früppeltes Handgelenk zurückgeblieben. Er war und blieb dadurch im Gehen sowie in schwerer törperlicher Arbeit behindert und wurde zum Feldarbeiter, zum Bauern von vornherein für untauglich erklärt. Die Eltern hätten ja am liebsten ihr schwächliches Kind noch frei und sorgenlos sich vergnügen lassen; gern hätten sie ihm die Zeit außer den Schulstunden zu frohem Spiele gegönnt, damit es sich draußen kräftige. Aber was half es! Die Not stand vor der Tür; jeder Pfennig war wertvoll, und so mußte verdienen, wer nur irgend konnte. Kindesglück, Gesundheit und Freiheit der Entwicklung mußten geopfert werden. Das neunjährige Büblein wurde im dumpfen, engen Zimmer an das Klöppelkissen gesetzt und mußte lernen, Spigen aus Roßhaar zu klöppeln, die damals gerade sehr modern gewesen sein sollen. Nach den Spitzen war viel Nachfrage, und wenn unser Arnold fleißig war, so konnte er in der Stunde ein paar Pfennige verdienen. Er hat denn auch wacker und brav an seinem Klöppeltissen geschafft, wenn es ihn auch noch so sehr hinauszog ins Freie, vor allem zur Commerzeit, wenn er glücklichere Kameraden fröhlich hinausziehen sah zur Wanderung, oder wenn sie auf den Wiesen sich tummelten und er ihre jauchzenden Stimmen zu sich herein in die Stube schallen hörte. Da sind dann dem frühreifen, nachdenksamen Kinde wohl mancherlei Gedanken gekommen über den Gegensatz von Armut und Reichtum in der Welt, der es zuläßt, daß manches Kind viel zu viel Butterbrot,„ Chüechli", Fleischsuppe, Spiegeleier und freie Zeit zum Spielen hat, während so viele arme Buben und Mädchen alle solche schöne Sachen nur vom Hörensagen kennen. Einmal ist unser kleiner Heimarbeiter recht" wild" geworden an seinem Klöppelkissen. Dodel hat mir das ein paarmal mit gutmütigem und ganz befriedigtem Lächeln über sich selbst erzählt. Da hatte er wieder einmal eine Reihe von Stunden vor seinem Platz am Tische gesessen und die harten, straffen Roßhaarfäden mit seinen kleinen Fingern zu den Spitzen verarbeitet, die später die Hüte reicherer Leute zieren sollten. Sein Bubenherz war voller Ungeduld und heimlichem Verdruß, denn es war heute gar so ein schöner, sonniger Herbsttag, draußen lachte alles in Wald und Busch mit leuchtenden Farben, und unser Junge wäre so gern, ach, so gern, hinausgelaufen ins Freie, weit, weit hinaus, immer weiter ins Feld, wo er nichts mehr von Klöppelkissen und von Roßhaarspitzen zu sehen brauchte! Aber das ging ja nicht. In einigen Tagen mußten die fertigen Spizen dem Händler abgeliefert werden; da fehlte noch viel, und Arnold hatte recht fleißig zu sein, wenn er sein Pensum beenden wollte. Und das mußte ja beendet werden, denn dann kam wieder ein wenig Geld ins Haus. Geld, das man so sehr nötig brauchte! Arnold wußte das nur zu gut. So quälte sich der arme Bursch mit fast verzweifeltem Herzen. Wenn er gar so verlangend zum Fenster hinaussah, so redete ihm die ältere Marie gut zu, seine Lieblingsschwester, die, ebenfalls flöppelnd, ihm gegenübersaß. Sie tat es mit halblauter Stimme, damit die Mutter nicht merke, wie der Arnold heute so ungebärdig war. Sei gut, Büebli, schaff weiter, mach nur brav dei' Sach', so gibt's nachher Geld zu Brot!" Arnold ließ sich dann wieder für eine halbe Stunde beruhigen. Aber endlich tam's denn doch zu arg. Nicht nur, daß Arnold dafizzen mußte mit einem Herzen voll Ungeduld und Zorn und Web, nein, jetzt fing auch das Roßhaar an, ihm Streiche zu spielen. Es verwickelte sich, bildete Knoten und knüpfte sich immer fester. Arnold zog und drehte an den Fäden, er zupfte und riß... es half nichts, der Knäuel wurde nur fester und wüster. Da ging unserem Kleinen die Geduld aus, und alle Empörung seines traurigen Herzens machte sich mit einem gewaltigen Ruck Luft. Er ergreift eine große Schere, die neben ihm liegt, und stößt sie mit aller Kraft durch die Spizen hindurch, mitten in das Klöppel tissen hinein! Schwester Marie sieht mit entsetzten Augen, was der arme fleine Schlingel gemacht hat. Ein großes Loch in der Spitze und im Kissen! Ihr zweiter Blick geht zur Mutter, die am Fenster sitzt. Wenn die nur nichts bemerkt hat, sonst dürfte es dem Brüderlein schlecht gehen! Gott sei Dant, Mutter blickt ruhig auf ihre Arbeit; Arnolds Wutausbruch ist ihr entgangen. Der aber sitzt mit großen Augen da, selbst erschrocken über seine Heldentat. Mit diesem plöglichen Ausbruch hat er sich für den Augenblick ein wenig Luft gemacht, er ist wieder ruhig geworden und ergibt sich nach wie vor ins Unabänderliche. Nachdem die gute Schwester den Schaden notdürftig in Ordnung gebracht hat, flöppelt er wieder brav und fleißig drauf los wie vorher. Und so hat er noch manches Jahr die" Freuden" der Heimarbeit fosten müssen, bis es endlich sich ermöglichen ließ, daß er weiter die Schule besuchte, dann auf höhere Lehranstalten kam und seinen schweren, aber siegreichen Weg antrat. Vergessen hat er nie75 mals, was seine Kindheit verdüstert hat. Das, worunter heute noch das Proletariat seufzt, das hatte er an seinem eigenen Leibe ers fahren, und darauf war er stolz. Das Elend der Heimarbeiter ging ihm aber besonders zu Herzen, namentlich das der Kinder, die der Heimarbeit ihre Jugend opfern müssen. Er war ja selbst ,, ein Heimarbeiter" gewesen. Hannah Lewin- Dorsch. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Auf Wunsch der Provinzialorganisation sprach die Unterzeichnete in verschiedenen Orten Kurhessens. Durchweg erfreuten sich die Versammlungen guten Besuchs; etliche waren überfüllt, und auch die Frauen waren zahlreich in ihnen vertreten. In Elgershausen, einem kleinen Dörfchen, nahmen an der Versammlung über 100 Personen teil, darunter 20 Frauen, die ersten, die solches Wagnis unternommen hatten. Es bedurfte vielen Zuredens, damit sich in Großenritte die ersten Frauen 8 an der Zahl in den Versammlungssaal getrauten. Beide Versammlungen brachten dem„ Voltsblatt" Abonnenten, der Parteiorganisation Mitglieder, darunter die ersten weiblichen. In Niederzwehren führte die Versammlung der Sozialdemokratie 18 weibliche und 16 männliche Mitglieder zu. Der große Saal des schönen Gewerkschaftshauses in Kassel war derart überfüllt, daß noch der kleine Saal geöffnet werden mußte. Gegen 2000 Personen folgten mit gespanntem Interesse dem Referat, ihr Einverständnis mit den Ausführungen durch Zwischenrufe und Beifall bekundend. Der greifbare Erfolg des Abends bestand darin, daß der Partei einige fünfzig männliche und weibliche Mitglieder zugeführt wurden. Von den 70 Frauen, die in Ahlershausen ein Viertel der Versammlungsbesucher ausmachten, traten 35 der Sozialdemokratie bei. In Wolfsanger gewann diese 20 neue Mitglieder. Etwa 100 Frauen waren in Eschwege in der Versammlung anwesend. In diesem Orte wohnen viele Zigarrenarbeiter, deren Frauen von der Ursache der herrschenden Arbeitslosigkeit und der schlechten Entlohnung keine Ahnung haben. Die Aufklärung, die sie in der Versammlung darüber erhielten, tat ihnen bitter not und wurde mit regem Interesse entgegengenommen. Es waren 46 Neuaufnahmen von Mitgliedern für die Partei zu verzeichnen, doch würde der Erfolg ein noch größerer gewesen sein, wenn nicht Arbeitslosigkeit und ihre getreue Begleiterin: die Not, die Eschweger Zigarrenarbeiter unter ihrer Fuchtel hielten. In Reichensachsen gewann die Partei 10 Mitglieder. Annähernd 800 Personen, darunter sehr viele Frauen, wohnten der Versammlung in Schmalkalden bei. Hier, wo die Frauen wie die Männer in der Metallindustrie tätig sind- worüber wir noch besonders berichten-, rekrutierte die Partei 29 männliche und 24 weibliche Mitglieder. Die Versammlungen waren die ersten, die in Kurhessen zu dem Zwecke einberufen worden waren, auch die Frauen über ihre wirtschaftliche und politische Lage aufzuklären und sie organisiert der Partei einzugliedern. Der Erfolg der Agitation für die Organisation und für die sozialdemokratische Presse bewies, daß der zu bearbeitende Boden gut ist. Wie überall, so lommen auch hier die Frauen zur Sozialdemokratie, wenn sie gerufen werden. Wenn diese erste Bemühung der Parteiorganisation in Kurhessen, die Frauen der werktätigen Massen aufzurütteln und zu schulen, nicht der letzte bleibt, wenn das begonnene Wert vielmehr eifrig fortgesetzt wird, kann der Erfolg nicht aus=" bleiben. Die Aufklärung der Frauen wird aber das Ihrige dazu beitragen, daß bei den nächsten Reichstagswahlen das rote Banner auch über Kassel und Umgegend siegreich weht, und daß die Bundesbrüder des Triolen- Schack nicht wieder als Abgeordnete in das Parlament einziehen. Agnes Fahrenwald. Im Wahlkreis Hanau- Orb- Gelnhausen- Bockenheim lassen sich Parteisekretär und Leitung der Kreisorganisation eine außerordentlich rührige Agitations- und Aufklärungsarbeit unter den Frauenmassen angelegen sein. Auf ihre Veranlassung unternahmen im Verlauf eines Jahres die Genossinnen Reize, Weyl und fürzlich die Unterzeichnete drei große Agitationstouren. Die Agitation der letzteren erfaßte folgende Orte: Kilian städten, Enckheim, Hanau, Eckenheim, Kesselstadt, Ravolzhausen, Bockenheim, Praunheim, Gimmheim, Klein- Auheim, Dörnig heim, Fechenheim, Eschersheim, Rückingen, Mittelbuchen, Windecken, Bischofsheim, Preungesheim, Langendiebach, Griesheim, Bruch hovel, Spielberg und Langenseebold. Die Referentin sprach über:" Die Frau als Arbeiterin, Mutter, Steuerzahlerin und Staatsbürgerin im Zeitalter der Lebensmittelverteuerung". Der Besuch war ein guter, in einigen Orten war das Lokal überfüllt, Tausende von Männern und Frauen haben im ganzen Wahlkreis an den Versammlungen teilgenommen. Die 76 Die Gleichheit Frauen und Mädchen haben fast die Hälfte der Zuhörerschaft gestellt und brachten überall dem Referat ein reges Interesse entgegen. Blizenden Auges folgten sie mit gespannter Aufmerksamkeit den Ausführungen der Vortragenden. Das Bewußtsein ihrer Pflicht wurde lebendig, den Kampf der Arbeiterklasse um Brot und Freiheit zu teilen, der auch der Kampf um das Recht des weiblichen Geschlechts ist. Brausender Beifall bekundete die allgemeine Zustimmung zu den Ausführungen der Referentin. Überall wurde der Wunsch laut, daß bald wieder eine Agitationsversammlung stattfinden möge, welche die Frauen und ihre Lage besonders berücksichtige. In manchen Orten steigerte die liebe Polizei,-um den Bestand des Staates besorgt, nicht unerheblich die Wirkung der Agitation. In Windecken war der überwachende Beamte besonders nervös. Die Furcht vor dem roten Umsturzgespenst hatte es ihm gründlich angetan! Wehe dem Versammlungsbesucher, der nicht den unzweifelhaften Stempel würdigen Alters auf der Stirne trug und zu jung aussah! Verbandsbücher und Invalidenkarten mußten an Stelle des Geburtsscheins legitimieren! Der Erfolg der liebevollen Beachtung, die der Polizeigewaltige der Veranstaltung widmete, war augenscheinlich. Für glänzenden Besuch der Versammlung hatte die Hetze der Frommen und Stillen gesorgt. Der Saal war gesteckt voll, so daß viele der Erschienenen sich mit einem Plaze im Garten begnügen mußten. Ahnlich überfüllt war die Versammlung in Spielberg. Hier waren alle Tische aus dem Saale entfernt worden, und trotzdem war dieser noch zu klein, um die Scharen von Besuchern aufzunehmen, die aus den umliegenden Dörfern herbeifamen. Sie hatten oft stundenlange Wege hinter sich, und was für welche! Auch der Herr Pfarrer war in der Versammlung erschienen. Aber der gleiche Herr, der von seiner sicheren Kanzel herunter mit mächtiger Beredsamkeit gegen die„ Roten" zu Felde zieht, schwieg fein stille. Trotz der wiederholten Aufforderung des Parteisekretärs Dißmann ließ er sich nicht zum Reden bewegen. Als die Pause verstrichen war, nach welcher die Diskussion beginnen sollte, war der Platz des Herrn Pfarrers leer, er hatte vorgezogen, lautlos zu verschwinden. Freilich, in der Kirche ist es leicht, die gläubige Gemeinde vor den bösen Umstürzlern gruselig zu machen, aber einer Gegenrede wollte der tapfere Streiter Christi nicht standhalten. Der Erfolg dieser Versammlung war groß. Aus der Bilder- und Bücherausstellung, die Genosse Dißmann im Saale arrangiert hatte, wurden für 20 Mt. Weihnachtsgeschenke eingekauft, dazu für 10 Mt. Broschüren zum Zwecke der weiteren Aufklärung, und viele Nachbestellungen liefen noch ein. Eine erfreuliche Erscheinung in manchen Orten ist, daß die Parteiorganisation bereits mehr Mitglieder besitzt, als 1907 für die Sozialdemokratie Stimmen abgegeben wurden. Das ist das Werk der unermüdlichen Arbeit der Genossen und Genossinnen, die auch die Gleichgültigsten erweckt hat. Die Unterzeichnete sprach noch in einer Versammlung zu Frankfurt a. M., um dem Metallarbeiterverband Mitglieder zu gewinnen. Auch sie war von Erfolg gekrönt, trotzdem sie darunter litt, daß die Arbeiterinnen in den verschiedenen Betrieben verschiedenen Arbeitsschluß haben. Die Arbeit unter den Massen trägt überall gute Frucht. Darum, Genofsinnen, an die Aufllärungsarbeit! Marie Wackwitz. " Von den Organisationen. Nähabende sind von den organi sierten Nürnberger Genossinnen eingerichtet worden. Sie finden regelmäßig jeden Dienstag abend von 8 bis 10 Uhr im Bürgerfaal", Schonerstraße, statt und sind kostenlos. Zutritt dazu haben alle Frauen und Mädchen, sofern sie gewerkschaftlich oder politisch organisiert sind. Die Leitung der Nähabende haben die Genossinnen Bohl und Stein übernommen, die von Beruf Schneiderinnen sind. Zweck der Veranstaltung ist, den organisierten Frauen und Mädchen Gelegenheit zu bieten, Nähen und Zuschneiden zu erlernen. Jede einzelne Teilnehmerin ist berechtigt, Stoff zu Bluse oder Rock usw. mitzubringen, ihn zuschneiden zu lassen und dadurch mit der Schneiderei vertraut zu werden. Auch das Umändern und Ausbessern getragener Kleider, das Anfertigen von Kinderkleidchen aus solchen usw. wird gelehrt. Der Andrang zu den Nähabenden war so stark, daß vier Abteilungen mit je 90 Teilnehmerinnen eingerichtet wurden. An jedem Abend hatten die vier Leiterinnen der Kurse alle Hände voll zu tun. Die Einrichtung entspricht offenbar einem Bedürfnis vieler proletarischer Frauen und Mädchen und wird sie an die Organisationen fesseln. Helene Grünberg. Vom aktiven und passiven Wahlrecht der Frauen zu den Krankenkassen haben die Genofsinnen von Schwerin i. M. Ge brauch gemacht. Am 16. November fand eine Generalversammlung der Allgemeinen Ortskrankenkasse dieser Stadt statt, an der zuni erstenmal zwei Frauen als Vertreter der Mitglieder teilnahmen, und zwar die Genoffinnen Janzen und Törber. Bei der Vertreterwahl übten ebenfalls mehrere weibliche Mitglieder ihr Wahlrecht aus. Die bürgerlichen Frauen, die unter der Leitung der Nr. 5 Gattin eines Bankdirektors organisiert sein wollen, kümmerten sich um diese Wahlen gar nicht, obgleich fie doch Gelegenheit geboten hätten, daß Frauen das einzige Wahlrecht ausüben, das ihnen in Deutschland zusteht. Wir hoffen, daß unsere proletarische Frauenorganisation, die bereits 47 Mitglieder zählt, immer größere Fortschritte macht, so daß sie sich mit Erfolg politisch und auf allen Gebieten betätigen kann, auf denen die Frauen einige farge Rechte haben. Der Erfolg, daß zwei Genossinnen als Vertreter der Krankenfaffenmitglieder gewählt wurden, muß uns anfpornen, bei nächster Gelegenheit darauf bedacht zu sein, eine Genoffin in den Vorstand der Kaffe zu wählen. Bei der diesmaligen Wahl wurden für das eine ausscheidende Vorstandsmitglied für die Arbeitgeber Genosse Tischlermeister Koß und für die zwei ausscheidenden Vorstandsmitglieder für die Arbeitnehmer die Genossen Maler Pralow und Schlosser Westpfahl gewählt. Klara Zörber. In Bocholt soll es nicht tagen. Also wollen es die Parteigänger der Steuerwucherer vom Zentrum. Mit der Uniform von Polizeiern versuchen sie das Licht der Aufklärung zu verhängen. Daß sie dabei in Widerspruch geraten zu dem Gebot:„ Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten" und zu dem Chriftuswort:„ Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ficht diese Maul christen wenig an. Es gilt, die erregten Arbeitermassen über den Verrat ihrer Zentrumsabgeordneten zu täuschen, und zu diesem edlen Zwecke ist den Führern der christlichen Gewerkschaften jedes Mittel recht. Seit dem Inkrafttreten der Finanzreform befinden sie sich in beständiger Angst um ihre Existenz. Auch der frömmsten Arbeiter, die den christlichen Gewerkschaften angehören, hat sich maßlose Empörung bemächtigt. Lug und Trug, die bisher schon zu den vornehmsten Mitteln gehörten, um die katholische Arbeiterschaft in der Gefolgschaft der christlichen Arbeiterführer, das heißt des Zentrums, zu halten, spielen jetzt erst recht eine große Rolle. Die Mitwirkung an der schamlosen Volksausbeutung lügen die Herren in eine Tat der Vaterlandsliebe um. Die von den freien Gewerkschaften betriebene intensive Aufklärungsarbeit zerreißt das Lügengewebe und öffnet den katholischen Arbeitern die Augen über den Verrat ihrer Führer. Daher werden alle Mittel aufgeboten, die Arbeiter vor dem Besuch der Versammlungen der freien Ge werkschaften zu bewahren. Zum Glück für die genasführten Arbeiter bleibt die Liebesmühe manchmal ohne Erfolg. So geschah es auch in Bocholt. Bocholt gehört zum Wahlkreis, der die Ehre hat, im Reichstag vom Borsigenden des christlichen Textilarbeiterverbandes, Herrn Karl Matthias Schiffer, vertreten zu werden, der eben falls den Volksbetrug mitgemacht hat. In diesem schwärzesten Winkel des Münsterlandes haben die aufgeklärten Textilarbeiter mit zäher Ausdauer gearbeitet, und das mit Erfolg. Trotz aller Schwierigkeiten haben die freien Gewerkschaften und die sozialdemokratische Partei in Bocholt Fuß gefaßt. Das war den„ Christen" längst ein Dorn im Auge. Als nun in Bocholt eine Versammlung des Deutschen Textilarbeiterverbandes stattfinden sollte, die den katholischen Arbeitern ihre Führer im Lichte der Wahrheit zeigen sollte, galt es, das drohende Unheil möglichst zu vereiteln. Die Behörden befannen sich darauf, was ihres Amtes ift. Die öffentliche Tertilarbeiterversammlung wurde zur politischen Volksversammlung gestempelt und die dort referierenden Personen zu sozialdemokratischen Agitatoren. Den Vorwand dazu gab das Thema: Voltsentrechtung, Steuerdruck und gewerkschaftlicher Rampf". Die Polizei verbot furzerhand die Versammlung. Ob sie wohl eine Versammlung, die der christliche Textilarbeiterverband mit Karl Matthias Schiffer als Referenten einberufen hätte, auch als eine politische angesehen und verboten hätte? Wahrscheinlich hätte sie sich dann daran erinnert, daß es so etwas wie ein Vereinsgesetz gibt, dem das Verbot widersprach. Die Christen sprengten den ganzen Nachmittag ihre Truppen im Orte umber, um das Bersammlungsverbot bekannt zu machen und die Arbeiter ab. zuhalten, der nun einberufenen politischen Veranstaltung bei zuwohnen, die unter polizeilicher Bewachung tagte. Diese nahm trotz allem einen glänzenden Verlauf. Eine solche Versammlung hatte das fromme Bocholt noch nicht gesehen. Das Lokal faßte die Masse der Erschienenen nicht, in den schnell gewonnenen Näumen saßen und standen die Leute, darunter auch einige Frauen, in drangvoll fürchterlicher Enge, und viele fanden feinen Zutritt mehr. An der anwesenden Polizei wie den Führern der christlichen Gewerkschaften, die sich nicht in die Versammlung gewagt hatten, wurde die schärffte Kritik geübt. Die Versammlung war von einer Begeisterung durchglüht, die hoffen läßt, daß die von den christlichen Führern genarrten Arbeiter das Joch der geistigen Knechtschaft abzuschütteln gewillt sind. Die Empörung über die Mithilfe dieser Herren bei der Boltsausplünderung mußte gerade in dem frommen Bocholt hohe Wogen treiben. Karl Matthias " Nr. 5 Die Gleichheit Schiffer war hier als Webmeister tätig, ehe er Angestellter der chriftlichen Textilarbeiter wurde. Daß sein Verrat gerade am Orte die schärfste Verurteilung finden mußte, ist begreiflich. Der neue große Steuerraub wird schmerzlichst empfunden, denn die materielle Not der Textilarbeiter ist sehr groß. Die elenden Löhne in den Bocholter Webereien und Spinnereien verurteilen die Arbeiter zur elendesten Lebenshaltung. Die Praxis der flerifalen Verdummung mit ihren Vertröstungen auf ein besseres Jenseits hat den Blick der Arbeiter getrübt, sie erkennen nicht die Ursachen ihrer Not und fämpfen darum nicht energisch und wirksam dagegen an. Dafür hat der Schnapsteufel lange Zeit breite Schichten der Bevölkerung in seinem Banne gehalten. Viele Hunderte Arbeiter und Arbeiterinnen fommen täglich über die holländische Grenze. In unabsehbarer Reihe bewegt sich morgens und abends der Zug der radfahrenden Lohnfflaven die Chaussee entlang. Die nicht im Befits eines Fahrrads find, werden in eigens zu dem Zwecke erbauten Wagen für 20 Pf. von und nach ihrem Heimatort befördert, je etwa 80 in einem Fuhrwerk zusammengepferchtlebendes Arbeitsvieh. Diese Massen werden am Arbeits- und am Wohnort von den Dienern der Kirche bearbeitet. Diesseits und jenseits der Grenze wimmelt es von Pfaffen, die bestrebt sind, den Proletariern jene Genügsamkeit zu erhalten, die nach dem Herzen der ausbeutenden Kapitalisten ist. Daß solche Verhältnisse die Kämpfe um die Verbesserung der Existenz erschweren, begreift sich. Um so wertvoller ist aber, was in Bocholt das fleine, tapfere Häuflein aufgeklärter, tlassenbewußter Proletarier zur Belehrung ihrer Brüder und Schwestern leistet. Daß unsere Jdeen sich auch in dieser schwarzen Ecke mit siegreicher Kraft durchzusetzen anfangen, bewies auch die Versammlung. Sie ließ das erzieherische Wirken der freien Gewerkschaften in einer besonderen Beziehung erkennen. Dank ihrem Einfluß ist der Schnaps aus den Versammlungen verbannt worden. Was das bedeutet, dafür ein paar Beispiele. Bei der letzten Kirmeß wurde einer der Angestellten der„ Christen" total betrunken auf einem Karren durch die Straßen gefahren. Von einem anderen wird erzählt, er habe einen vom Kaplan besonders geweihten Rosenkranz verkaufen wollen, um Schnaps anzuschaffen. Nette Arbeiterführer! Die Bocholter Arbeiterschaft beginnt fehend zu werden. Sie erkennt, daß fie ihre Interessen nicht in Gewerkschaften wahren kann, die unter der Botmäßigkeit der Geistlichen stehen und die Geschäfte des Zentrums besorgen. Sie stößt zu den freien Gewerkschaften, die den Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung führen. Sie sammelt fich um die Sozialdemokratie, die die gesellschaftliche Ordnung der Ausbeutung und Knechtung der Menschen durch den Menschen betämpft. Die mutigen Kämpfer für die Ideen der modernen Arbeiterbewegung werden auch die Frauen in Bocholt aus dem Banne des Kleritalismus befreien. Es wächst die Zahl der Arbeiterinnen, der Arbeiterfrauen, die das Recht der Arbeit begreifen, für redliches Mühen ein menschenwürdiges Diesseits zu haben. Sie fangen an, sich am gewerkschaftlichen Leben zu beteiligen und das politische zu begreifen. So zeigen sich im schwarzen Münsterlande die Erfolge gewerkschaftlicher und politischer Aufklärungsarbeit. Den dortigen Arbeitermassen dämmert das Bewußtsein auf, daß sie für ihr Wohl nur auf die eigene Kraft angewiesen sind, daß keine höhere Macht ihnen helfen kann, daß sie sich selbst helfen müssen. Diese Erkenntnis wird durch den verstärkten Druck der Verhältnisse gegenwärtig in steigendem Maße ausgelöst. Trotz Polizeiwilltür und Pfaffen herrschaft wird sie die Verbesserung der Zustände erkämpfen, ber vollen Freiheit die Wege ebnen. Martha Hoppe. Politische Rundschau. Am 26. November eroberte die Sozialdemokratie den Reichstagswahlfreis alle glänzend zurück, der ihr 1907 bei den Hottentottenwahlen mit 25 249 Stimmen der Bürgerlichen gegen 21941 fozialdemokratische Wähler entrissen worden war. Obgleich der Block der Bürgerlichen aufrechterhalten wurde, obgleich der Freisinn die energische Unterstützung der Konservativen hatte, siegte Genosse Kunert mit 26020 Stimmen über den Freifinnigen, der nur 21549 Stimmen erhielt. Drei Tage vorher hatte bei der Stichwahl im Kreise Landsberg- Soldin der Konservative mit Hilfe liberaler Stimmen, mit Hilfe auch eines Teiles der Freisinnigen über den Sozialdemokraten gefiegt, allerdings mit nur schwacher Mehrheit. Obgleich die freisinnige Parteileitung sich nicht zu einer Stichwahlparole aufzufchwingen vermocht hatte, war dort doch der größere Teil der freisinnigen Wähler gegen den Junker, für den Sozialdemokraten zur Urne gegangen. Das darf immerhin als ein Anzeichen begrüßt werden, daß in der freisinnigen Wählerschaft noch etwas mehr gesunder politischer Instinkt lebendig geblieben ift als in ihrer Führerschaft, die völlig in Blocksehnsucht aufgeht. 77 Indes hat ein Teil der Freifinnigen zusammen mit den Nationalliberalen den Ausschlag für den Reaktionär gegeben und so erneut den Beweis geliefert, daß das Junkertum stets die nötige Zahl liberal- freisinniger Steigbügelhalter findet, daß von einem entschiedenen Rampfe des deutschen Bürgertums gegen die agrarische Reaktion trotz des gesprengten Blocks nicht die Rede sein kann. Der Wahlkampf in Halle hat übrigens helles Licht darauf geworfen, daß auch von dem angeblichen Schuh- und Trutzbund des deutschen Bürgertums gegen die Junker, vom Hansabund eine Anderung dieser Stellung der liberalen Truppen nicht zu erwarten ist. Der Hansabund hat sich in Halle für den Freisinn und gegen die Sozialdemokratie mit einer Begründung ins Zeug gelegt, die betont, daß ihm die nationalen Interessen" allen anderen vorangehen. Bei der verlogenen Auslegung des Wortes„ national", die im Bürgertum im Schwange ist, bedeutet das nichts anderes, als daß der Hansabund im Falle eines Rampfes zwischen Junkertum und Sozialdemokratie auf die Seite der Junker treten wird. Der Hansabund denkt also nicht daran, seine Front gegen die Übermacht der Agrarier zu fehren, sondern entpuppt sich als Junkerschutztruppe, indem er die Sozialdemokratie als den schlimmsten Feind des Bürgertums deklariert. Er wird sich offenbar zu einer Neuauflage des Reichsverbands gegen die Sozialdemokratie entwickeln, der durch seine schofle Kampfesweise bei fast allen Parteien unmöglich geworden ist. Freilich ist der Hansabund selbst in dieser Rolle den großindustriellen Scharfmachern noch nicht waschecht reaktionär genug. Die Herren vom Zentralverband der Industriellen, die Eisen- und Kohlenbarone des Westens wollen das Wahlgeschäft lieber in die eigene Hand nehmen. Sie glauben mit ihren großen Geldmitteln die meisten bürgerlichen Parteien oder wenigstens einzelne ihrer Mitglieder für ihr Programm des Arbeitertrutzes und der Arbeiter fnebelung gewinnen zu können. Die sozialdemokratische Presse fonnte das offizielle Protokoll der Geheimversammlung veröffentlichen, die diese Großkapitalisten am 15. Oktober zu Berlin abgehalten haben. Danach haben die Herren aus ihrem Herzen feine Mördergrube gemacht und ganz offen zugestanden, daß fie fest glauben, die bürgerlichen Parteien durch Zuwendung oder Entziehung der Wahlgelder für ihre Zwecke gefügig machen zu können, und daß sie sich Vertreter ihres Programms kaufen wollen. Sie meinen, daß sich auch im Zentrum und im Freifinn politische Landsknechte finden würden, die ihrer Unterstützung würdig fein wohl. tönnten. Sehr schmeichelhaft für diese Parteien und verdient! Die Versammlung beschloß die Bildung eines, industriellen Wahlfonds", aus welchem dem Zentralverbande passende Wahlkandidaten aller bürgerlichen Parteien unterstüt werden sollen. Die Arbeiterklasse muß also damit rechnen, daß gar bald in allen bürgerlichen Parteien Kommis der Scharfmacher figen werden. Der Widerstand der Bürgerlichen gegen durch greifenden Arbeiterschutz und gegen Verbesserung der Arbeiter versicherung wird in der Folge hartnäckiger sein als bisher schon. Wie jämmerlich es trotz der Reichsfinanzreform um die Reichs. finanzen steht, zeigt die Ankündigung, daß 542 Millionen Mark Anleihen demnächst vom Reichstag beschlossen werden sollen, um die Fehlbeträge der letzten Jahre zu decken. Die Reichsschuld wird dadurch auf über 5 Milliarden gesteigert, das deutsche Volk muß allein für die Berzinsung der neuen 542 Millionen jährlich 20 Millionen Marf an die ausbeutenden Klassen zahlen! Und solcher Riesenpump ist notwendig trotz der 200 Millionen neuer Steuern, die 1906, und der 500 Millionen, die eben 1909 bewilligt wurden. Daß über kurz oder lang neue Bewilligungen gefordert werden, steht heute schon fest. Und gerade diesen Zeitpunkt hat sich das Organ der Landbündler, die Deutsche Tageszeitung", ausgesucht, um zu fordern, daß nach Ablauf der jetzigen Handelsverträge ein erhöhter Zolltarif in Kraft treten soll, ein geradezu verbrecherisches Ansinnen, dessen Verwirklichung den Preis der notwendigsten Lebensmittel abermals verteuern würde. Wie es scheint, kann dem werftätigen Volte der Brottorb gar nicht hoch genug gehangen werden. In einer Versammlung zu Königsberg hat der konservative Reichstagsabgeordnete Fürst Dohna erklärt, die Konservativen hätten, um die Reichsfinanzreform zustande zu bringen, gar nicht anders handeln können, als sie getan haben. Denn das Zentrum habe seine Mitarbeit von der Ablehnung der Erbschaftssteuer abhängig gemacht. Diese Enthüllung ist sehr wichtig. Sie zerstört die von der Zentrumspresse gepflegte Legende, die Partei für Wahrheit und Recht habe gewissermaßen nur aus Rücksicht auf seine Verbündeten, die Konservativen, und aus patriotischer Sorge um die Ordnung der Reichsfinanzen gegen die Erbschaftssteuer gestimmt. Das Zentrum hat sich also gar nicht in der angeblichen 78 Die Gleichheit Zwangslage befunden, von der es jetzt seinen Arbeiterwählern so viel vorschwindelt, damit sie seine Mitschuld am Steuerraubzug hinunterwürgen sollen. Es hat wohlüberlegt und rücksichtslos die Interessen der Proletarier und kleinen Leute mit Füßen getreten, um Bülow zu stürzen und den Block zu sprengen, das heißt, um wieder an die Regierungstrippe zu kommen und den Sprößlingen der katholischen Bourgeoisie gute Karriere zu sichern. Diefe Tatsache läßt sich denn auch trotz aller mit Hochdruck betriebenen Lügenfeldzüge der Zentrumsagitatoren nicht mehr vor allen Zentrumswählern verbergen. Während die Sozialdemokratie bei ihren Kommunalwahlen Erfolge über Erfolge erzielt, hat das Zentrum mehrfach seine Mandate nur mühsam halten können. In Dortmund hat ihm die Sozialdemokratie mit passiver Unterstügung der Liberalen die aber in den betreffenden Bezirken nur schwach sind drei Mandate der dritten Abteilung entreißen können; die anderen drei bisherigen Zentrumsmandate müssen in der Stichwahl gegen die Liberalen verteidigt werden, für die wahrscheinlich die Sozialdemokraten stimmen werden, um den gefährlicheren Feind niederzuzwingen. Die großen Erfolge der Sozialdemokratie bei den Kommunalwahlen, die in allen Teilen des Reichs zu vermerken sind, verstärken den Eindruck ihrer Siege bei den Reichstags- und Landtagswahlen. Es mehren sich die reaktionären Stimmen, die da erklären, daß der König von Preußen sein Wort nicht halten dürfe, daß von keiner Wahlreform in Preußen die Rede sein könne. Die Regierungsorgane schweigen zu all diesen Aufforderungen, und der neue Reichskanzler ebenfalls. Die„ Leipziger Neuesten Nachrichten" wollten neulich erfahren haben, daß er, gehorsam den Geboten der Konservativen, nichts für die Wahlreform tun und den Parteien hinhaltende Erklärungen geben werde. Das klassenbewußte Proletariat wird jedenfalls die Zögernden in kräftigster Weise an die unabweisbaren Ansprüche der ausgebeuteten Massen erinnern müssen. Der freien Jugendbewegung wird zurzeit von den Bes hörden kräftig zugesetzt. In Breslau hat das Gericht bestätigt, daß der Polizeipräsident recht hatte, als er die dortige Jugend organisation für einen politischen Verein erklärte und demgemäß auflöste; in Berlin schwebt die Angelegenheit noch. Hier haben die Leiter der Organisation gegen sich selbst ein Strafverfahren beantragt, um zu beweisen, daß ihre Organisation zu Unrecht für politisch erklärt wird. Jedenfalls haben die bisherigen polizeilichen Maßregeln die freie Jugendbewegung nur gestärkt. Die englischen Lords, die Mehrheit des Oberhauses von England, haben den festen Entschluß fundgegeben, das Budget, das heißt die neuen Steuern zu verwerfen. Die liberale Regierung muß dann an die Wähler appellieren. Der Wahlkampf steht demnach dicht bevor. Die Arbeiterpartei wird dabei an der Seite der Liberalen für das Budget tämpfen, das heißt für die neuen Besitzsteuern, die allerdings mit einigen indirekten Steuern verknüpft sind, und gegen den Anspruch des Oberhauses, in Steuerfragen Beschlüsse des Unterhauses umzustoßen. Vielfach wird von Mitgliedern der Arbeiterpartei ein direktes Wahlbündnis mit den Liberalen befürwortet. Es liegt auf der Hand, daß ein solches der Entwicklung des Klassenbewußtseins im englischen Proletariat sehr hinderlich wäre und die Loslösung der werftätigen Massen von liberalen Anschauungen erschwerte. Die Arbeiterpolitiker, die es befürworten, erklären das Bündnis für ein notwendiges übel in einer ausnahmsweise schwierigen Situation. Es gelte vor allen Dingen, den Sieg der Schutzollbestrebungen zu verhindern, die von den Konservativen getragen werden, und einen Angriff auf die Voltsrechte abzuwehren. Wobei es allerdings noch dahinsteht, ob die Liberalen selbst zu energischen Maßregeln gegen das Oberhaus, gegen die Privilegien der Lords zu haben sein werden. Eine rücksichtslose, selbständige Attion der Arbeiterpartei, um die Massen politisch aufzurütteln und in den Kampf zu führen, würde unter allen Umständen die Reaktion empfindlicher treffen als ein Kompromiß mit den Liberalen. Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Die großkapitalistischen Scharfmacher haben an ihrem überragenden wirtschaftlichen und sozialen Einfluß nicht genug. Auch die politische Macht, die sie bereits ausüben, befriedigt ihren Ehrgeiz noch nicht, das heißt ihr Profitinteresse und ihr Herrenbewußts sein. Diese Macht muß größer werden, damit sie noch wirksamer die Gesetzgebung für Arbeiterschutz und gegen Arbeiterschuß beeinflussen tann. Die Ausbreitung und Kräftigung ihres politischen Einflusses wollen sich die Herren ein gut Stück Geld fosten lassen. Sie haben es ja dazu und wissen, daß solche Ausgaben sich wohl Nr. 5 bezahlt machen. Die Ausschußsigung des Zentralverbandes deutscher Industrieller, die Mitte Oftober in Berlin tagte, hat also beschlossen. Die Sigung vereinigte Großunternehmer und ihre wirtschaftlich- politischen Geschäftsführer. Schon die Namen Bueck, Dr. Tille, Menck, Rocke künden den Geist der Versammlung. Nachdem die harmlosen Kathedersozialisten ihr Fett bekommen hatten und die Minister in einer herzerquickend frischen Art abge= rüffelt worden waren obgleich doch Kathedersozialisten und Minister wahrhaftig kapitalfromm genug sind!-, wurde die Gründung eines eigenen Wahlfonds beschlossen, über den bereits an anderer Stelle gehandelt worden ist. Hier kommt es uns nur darauf an, hervorzuheben, wie innig, wie untrennbar der Zusammenhang ist, der zwischen Politik und Wirtschaft besteht. Wenn es die indifferenten Arbeiter und Arbeiterinnen ihren Freunden nicht glauben wollen, die mit Worten der Aufklärung zu ihnen treten, die Feinde zeigen es ihnen. Gewiß nicht zum ersten Male. Könnten es deutsche Arbeiter je vergessen, daß Graf Posadowsky, der oberste Beamte im Reichsamt des Innern, den Klingelbeutel zu dem Zentralverband der Industriellen schickte und um 12000 Mart zu den Agitationskosten für die Zuchthausvorlage betteln ließ? Die Politik ist den herrschenden Klassen immer nichts anderes gewesen als wie ein Mittel, ihre Geldsacks- und Machtinteressen durchzudrücken. Und die Gesellschaft der kapitalistischen Warenproduktion, in der alles käuflich ist, verwandelt naturgemäß wie den Gelehrten und Künstler, so auch den Politiker in einen Mietling der ausbeutenden Klassen. An den organisierten Arbeitern und Arbeiterinnen liegt es, das feine Plänchen der Scharfmacher vom Baue des " Juliusturms" zunichte zu machen. Sie müssen sich der politischen Macht bewußt werden, die in ihrer Zahl liegt. Und diese Macht gilt es dann, geschart um das Banner der Sozialdemokratie, im Parlament und außerhalb des Parlaments zur Wirkung zu bringen. Auf die Dauer können ihr auch die Herren Scharfmacher nicht widerstehen mitsamt dem Troß politischer Söldlinge, die sie sich faufen. Die für das Frühjahr in Aussicht stehenden Tarifbewegungen großer Arbeitergruppen, so der Maler, Maurer, Zimmerer, Bauhilfsarbeiter und Holzarbeiter, konzentrierten das allgemeine Interesse auf die Vorverhandlungen, die in diesen Tagen zwischen den Parteien stattgefunden haben. Die Verhandlungen im Baugewerbe sind vorläufig ergebnislos beendet worden. Eine Verständigung der Parteien über die Abänderungsanträge fonnte nicht erzielt werden. Die Unternehmer erklärten die Anträge der Arbeiter für unannehmbar, und die Arbeiter mußten energisch die Forderungen der Unternehmer zurückweisen, die sich auf die Regelung der Arbeitszeit, Affordarbeit, Agitation auf den Baustellen und vor allen Dingen auf die Einführung eines Unternehmernachweises beziehen. Zwar sind die Verhandlungen nicht völlig abgebrochen worden, sie sollen zunächst lokal weitergeführt werden, doch ist angesichts der großen Gegenfäße faum an einen friedlichen Ausgang der Verhandlungen zu denken. Im Malergewerbe wurde über die wichtigsten Punkte des Tarifs eine Einigung der Zentralleitungen der Arbeiter und Unternehmer erzielt. Die noch strittigen Forderungen sind Kommissionen überwiesen worden und werden voraussichtlich zu Schiedssprüchen führen. Kritisch ist die Lage im Holzgewerbe. Die Unternehmer zeigen Kampfesstimmung. Die Holzarbeiter haben in Rücksicht auf die nicht gerade günstige Konjunktur in vielen Orten davon abgesehen, Forderungen zu stellen. Die Unternehmer haben trotzdem in rund 50 Städten die Tarife gekündigt, das aber sicherlich zu dem Zwecke, um Tarifverschlechterungen durchzudrücken. Der Holzarbeiterverband sieht den Absichten der Unternehmer natürlich nicht untätig zu. Eine Konferenz von Vertretern des Verbandes beschloß, jede Ver schlechterung der Arbeitsbedingungen energisch abzuwehren und daher die Verbandskasse durch Erhebung eines Extrabeitrages zu stärken. Die Scharfmacher im Holzgewerbe haben mit ihrem schneidigen Vorgehen und ihren angekündigten Massenaussperrungen in letzter Zeit verteufelt wenig Glück gehabt. Langwierige Streifs, so der in Magdeburg, sind mit gutem Erfolge für die Arbeiter beendet worden. Dazu kommt, daß die bisher unorganisierten Arbeiter aller der Branchen, die jetzt schon vom Kampf ergriffen sind, massenhaft der Organisation zuströmen. Eine festgeschlossene Phalang wird für das Recht der Arbeiter auf dem Plan stehen und wohlgefüllte Kassen werden ihre Widerstandskraft stärken. So können die Ausgebeuteten den drohenden großen Kämpfen getroſten Mutes entgegensehen. Der Mansfelder Streit hat bis zu seinem Ende den Klassen staat in seiner Nacktheit gezeigt. Die Staatsbehörden haben bis zum letzten Augenblick dem Unternehmer Helfershelferdienste geleistet und die Arbeiter wie betrunkene Heloten behandelt. Die Nr. 5 Die Gleichheit Gendarmerie und der Herr Landrat in höchsteigener Person halfen dem Herrn Direktor, bei der Anlegung der Bergleute eine„, weife" Auslese zu halten. Der Landrat machte sich noch besonders um den Kapitalismus verdient, indem er jeden einzustellenden Bergmann durch Handschlag verpflichtete, dem Bochumer Verband nicht beizutreten. Die Landräte in Preußen sind unzweifelhaft sehr brauchbare Staatsbeamte, von deren vielseitigen Kenntnissen und Fähigfeiten der profane Mensch keine Ahnung shat, die der bechränkte Untertanenverstand nicht fassen kann. Was die hohen Staatsbeamten und die Büttel in Mansfeld den Arbeitern etwa noch nicht besorgt haben, das erledigen nun die Gerichte. Es hagelt Prozesse gegen Streifende, die die lieben Streitbrecher angesprochen oder gar angefaßt oder sonstwie die heilige Ordnung gestört haben sollen. Im Gericht sitzt ein Fahrsteiger. Beantragt der Amtsanwalt einen Monat Gefängnis, so erkennt das Gericht auf zwei Monate, es sieht seine Aufgabe darin, das Strafmaß zu verdoppeln. Alle noch so berechtigten Einwendungen des Verteidigers, des Genossen Dr. Landsberg, bleiben wirkungslos. über die meisten Urteile wird die Straffammer in Halle als Berufungsinstanz noch zu entscheiden haben. Die Strafe mag einzelne der Verurteilten hart treffen, die Arbeiterbewegung hat aber schon viel größere Opfer gefordert, und sie ist dabei groß und stark geworden. Das Leid des einzelnen wird der Klasse zum Segen gereichen. Denn die harte Lehre vom Klassenstaat, der Klassenjustiz, die es mit sich bringt, trägt für die Arbeiterbewegung und ihre hehren Jdeale gute Frucht! Die Zechenbesiger schicken sich zur Durchführung ihres Gewaltattes an. Der Zentralarbeitsnachweis soll am 1. Januar eingeführt werden. Seine Zentrale wird sich in Essen befinden, in etwa 14 Städten des Ruhrreviers werden Filialen errichtet. Eine Konferenz von Vertretern der vier Bergarbeiterorgani fationen beschloß einmütig, die in Aussicht stehenden Verhandlungen des Reichstags über den Zwangsarbeitsnachweis der Zechenbesitzer abzuwarten und dann in einer abermaligen Zu sammenkunft Beschluß über die Situation zu fassen. Die Lage ist sehr ernst. Der Bergarbeiter hat sich eine ungeheure Erregung ob des Vorgehens der Zechenbesitzer bemächtigt, und sie drängen dar= auf, das drohende Maßregelungsbureau durch den Streit abzuwehren. Bemerkenswert, aber nicht neu ist, daß der evangelische Arbeiterbund beziehungsweise dessen Organ sich zuerst gegen den Zechennachweis erklärte. Nun aber hat ein Bundestag unter Leitung eines Rettors eine Resolution angenommen, die von einem Prediger vorgelegt wurde. In ihr heißt es, daß abzuwarten sei, wie der Nachweis wirken werde. Und das nennt sich Arbeitervertreter!!! Den Anschluß an den internationalen Gewerkschaftsbund hat der Kongreß des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes beschlossen. Damit hat sich eine der stärksten Gewerk schaftsbewegungen der Internationale angeschlossen und hilft ihre Macht kräftigen. Das internationale Band verknüpft nunmehr alle Gewerkschaftsverbände von größerer Bedeutung. # Aus dem Ausland. Der Kampf der schwedischen Arbeiter hat ihnen letzten Endes doch noch Erfolg gebracht. In den Vergleichsverhandlungen, die von Regierungsbeamten eingeleitet wurden, waren die Unternehmer wieder völlig bockbeinig. Sie mußten aber schließlich die Aussperrung in der Eisenindustrie aufgeben, die legte, die faktisch noch bestand. Damit hatte die Massenaussperrungstaktit der Unternehmer ein völliges Fiasio erlitten. Die Landeszentrale der schwedischen Gewerkschaften übermittelte den deutschen Gewerkschaften telegraphisch den Dank der schwedischen Arbeiter für ihre reiche materielle Beihilfe. Nach der letzten Quittung find den schwedischen Brüdern 1283 161,60 Mark von deutschen Gewerkschaften zugegangen. In Australien ist ein größerer Berg arbeiterstreit ausgebrochen, der leicht zu einem allgemeinen Streit aller gewerkschaftlich Organisierten werden kann, wenn die Anrufung der staatlichen Schlichtungsbehörden erfolglos bleibt. In Kopenhagen fordern die Straßenbahner Lohnerhöhungen durch Tarifvertrag. In Italien streifen die Gasarbeiter seit Wochen. Der Präsident der amerikanischen Gewerkschaften, Gompers, wird ein Jahr Gefängnis absitzen müssen. Die Strafe wurde ihm im Lande der Freiheit wegen Boykottierung einer Firma beziehungsweise wegen Mißachtung eines Gerichtsbeschlusses, der den Gewerkschaften die Boykottierung verbot, von den Gerichten zudiktiert. # In der vogtländischen Spikenindustrie gärt es weiter. Die Lohnschiffchenstickmaschinenbesitzer brachten den Stein ins Rollen. Sie drohten, wie bekannt, mit Aussperrung ihrer Arbeiter und in weiterer Folge mit Reduzierung des Stichlohnes, wenn die Fabrifanten ihnen nicht ihre höheren Preise bewilligten. Die Arbeiter 79 standen Gewehr bei Fuß und eilten in größeren Scharen in bie Organisation. Die Fabrikanten haben nun die Forderungen der Lohnschiffchenstickmaschinenbesizer bewilligt, die erregten Arbeiter sind aber durchaus nicht gewillt, unter den alten Bedingungen ruhig weiterzuschuften. Mit der alten behäbigen Zufriedenheit der Sticker ist es vorbei. Ihre Löhne sind bis auf 10 und 12 Pf. pro 1000 Stich zurückgegangen, gegen 20 Pf. und mehr früher. Ihre Klagen sind also berechtigt. Die Sticker haben Forderung auf höhere Stichlöhne an die Fabrikanten und Maschinenbesitzer gestellt. Ein seit vier Wochen vorhandener außerordentlich guter Geschäftsgang tommt ihnen zustatten. Die Zahl der Organisierten hat sich vermehrt, und ihre Arbeit wird nun zweifellos Früchte zeitigen. Die Sticker machen aber auch endlich Front gegen einen seit vielen Jahren geübten Betrug. Wie der Weber betrogen wurde und wo automatische Schußzähler nicht vorhanden sind, heute noch betrogen wird, indem eine vereinbarte Kettenlänge durch die verschiedensten Manipulationen ohne sein Wissen überschritten wurde; wie der Spinner oft betrogen wird durch falsche Angabe der Tara der Garnförbe an den Etiketten, so betrügt man den Sticker durch falsche Angabe der Stichzahl auf den Schablonen. Der Betrug ist schließlich zu einer Gefahr für die ganze Branche geworden. Daher auch der früher gar nicht gekannte Eifer mancher Unternehmerfreise, dem Betrug zu steuern. Die Arbeiter haben Stichzahlstellen errichtet. Jetzt verlangen sie Anbringung automatisch wirfender Stichzähler an den Schiffchenmaschinen. Daß die Unternehmerorganisationen nicht schon längst selbst nach dieser Richtung gewirkt haben, beweist, daß es mit ihrem Kampf gegen den Betrug nicht allzuweit her ist. Hoffentlich lassen die Sticker in ihrem Eifer nicht wieder nach, die Organisation steht hinter ihnen. Bedauerlich ist die Indifferenz der Arbeiterinnen. Die Schwierig feiten der Arbeiterinnenorganisation in der Spitzenindustrie find groß, ganz besonders in der Hauptstadt der Spißen, Plauen. Die start verbreitete Heimarbeit, zahlreiche Zwergbetriebe und fortgesetzter Zuzug junger Mädchen erschweren außerordentlich die Arbeit. Immerhin muß es Aufgabe der Männer sein, die jetzige Zeit der Gärung zu benutzen, um Licht in die Köpfe der Arbeiterinnen zu bringen. Auch ihre Löhne sind gesunken, und auch fie standen vor der Gefahr der Aussperrung. Es handelt sich um große Massen. In Plauen wurden 1907 nicht weniger als 18918 Personen in der Spitzenbranche innerhalb der Betriebe beschäftigt. Davon waren 12270 weibliche und von diesen 1103 verheiratete Arbeiterinnen. Auch die Genossinnen des Vogtlandes müssen die Gelegenheit nutzen, Fühlung mit den großen Massen der noch indifferenten Arbeiterinnen zu gewinnen. Die Situation eröffnet ihrer Aufklärungs- und Organisationsarbeit ein weites Tätig teitsfeld. bj. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Die Ausbeutung der häuslichen Arbeitskräfte in Bad Kreuznach bestätigt die allbekannte Tatsache, daß ihre Arbeitsund Lebensbedingungen gerade dort die denkbar traurigsten sind, wo die oberen Zehntausend Erholung suchen viele nur von Völlerei und Müßiggang. In unserem berühmten Sol- und Salinenbad beträgt der Lohn der Dienenden je nach dem Alter 10 bis 20 Mark monatlich, wenige nur dürfen sich rühmen, 25 Mf. zu erhalten. Und was wird nicht alles für diesen Lohn gefordert! Eine tägliche Arbeitszeit von 16 Stunden, zuweilen auch noch länger, in der das Mögliche und Unmögliche geleistet werden soll. Besonders während der Saison könnten sich die Mädchen in den Familien, wo Badegäste in Wohnung und Pension genommen werden, die Füße ablaufen und die Arme ausrenten, um allen Anforderungen zu genügen. Dabei sollen sie aber natürlich stets ein heiteres Gesicht" und ein liebenswürdiges Benehmen" zeigen. Die Beköstigung der Mädchen läßt nur zu oft an Quantität und Qualität zu wünschen übrig. Erst wenn die Herrschaften gespeist haben, dürfen in vielen Häusern die Dienenden ihre Mahlzeit von Resten rasch hinunterschlingen. Die Schlafräume sind nur selten gesundheitlich einwandsfrei, geschweige denn gemütlich. Die Lage der Zugängerinnen und Pußfrauen ist ebenfalls nichts weniger als rosig. Wer Studien über die sozialen Gegensäge machen will, der tomme während der Kursaison nach Kreuznach und tue einen Gang durch das Badeviertel. Auf der einen Seite ein schier unglaublicher Lebensgenuß jeder Art, der täglich mehr als ein Zwanzigmarkstück verschlingt. Auf der anderen Seite hinter den Kulissen Arbeitssflavinnen, die sich um fargen Lohn übermäßig abrackern müssen. Es wird dem Verband der Hausangestellten vorbehalten 80 Die Gleichheit sein, den Lebensbedingungen der häuslichen Arbeitskräfte in Kreuznach und anderen Badeorten seine Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie zu verbessern, indem er die Dienenden auf den Weg der Drbr. ganisation verweist. Frauenftimmrecht. Ein Förderer des Frauenstimmrechts scheint der Bürgermeister in JImenau im Großherzogtum Sachsen- Weimar zu sein. Obwohl die Gemeindeordnung des Großherzogtums es zuläßt, daß auch Frauen das Bürgerrecht in einer Kommune erwerben fönnen, sofern sie den allgemeinen Voraussetzungen dafür entsprechen, wies die Bürgerliste von Ilmenau bisher keine weiblichen Bürger auf. Jetzt, kurz vor den Gemeinderatswahlen, wo die Sozialdemofraten mit den bürgerlichen Parteien um die freiwerdenden Mandate tämpfen, ist plötzlich einigen weiblichen Personen das Bürgerrecht verliehen worden. Die Gemeindeordnung seht fest, daß das Bürgerrecht durch definitive Anstellung im Hof, Reichs, Staats, Kirchen- oder Schuldienst erworben wird. Telegraphen= gehilfinnen und Lehrerinnen sind nun in Ilmenau auf Grund dieser Bestimmung in den Besitz des Bürgerrechts gekommen. Das Vorgehen des Herrn Bürgermeisters erinnert verdächtig daran, daß vor drei Jahren gelegentlich der letzten Landtagswahl eine ganze Anzahl Personen zu Bürgern gemacht wurden, ohne daß sie die gefeßlichen Voraussetzungen erfüllt hatten, und daß diese Entscheidung offensichtlich als eine Maßnahme gegen die Sozialdemo demokratie betrachtet wurde. Davon abgesehen, find wir erfreut darüber, daß sich der Herr Bürgermeister plöglich als Förderer des Frauenstimmrechts entpuppt. Vielleicht wird er nun dafür eintreten, daß den Frauen die Erwerbung des Bürgerrechts erleichtert wird, so daß ein allgemeines fommunales Frauenwahlrecht zur Einführung gelangt und, was bei alledem von Wichtigkeit ist, daß die Frauen dann auch ihr Stimmrecht persönlich ausüben können. Bis jetzt können wohl weibliche Personen im Großherzogtum das Bürgerrecht erwerben, aber sie sind gezwungen, ihre Stimme durch eine männliche Person abgeben zu lassen. Solange die Frauen mit den Bevormundeten auf eine Stufe gestellt werden, so lange ist in Sachsen- Weimar das Frauenbürgerrecht nur eine Viertelssache. Es hat höchstens eine Wirkung: daß die bürgerlichen Parteien in manchen Orten mit Hilfe der von den Männern abgegebenen Stimmen der Frauen den Sozialdemokraten die Mehrheit abjagen. Denn der Geldsackspatriot kann zu diesem edlen Zwecke 10 Mark Gebühren für die Erwerbung des Bürgerrechts seiner Frau leichter aufbringen wie der Arbeiter. Den weiblichen Beamten kostet die Erwerbung des Bürgerrechts nichts, und ihre Stimmen so hat vielleicht auch der Herr Bürgermeister in Ilmenau gerechnet bt. find den Bürgerlichen ganz sicher. Der Einführung des Frauenstimmrechts in Wisconsin hat der Senat dieses nordamerikanischen Bundesstaates zugestimmt. Das Parlament dagegen hat die gleiche Vorlage mit 53 gegen 34 Stimmen abgelehnt. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Der internationale sozialistische Ausschuß der eng= lischen Genoffiuuen, der seinen Siz in London hat, besteht nun feit zwei Jahren. Der Anstoß zu seiner Gründung wurde durch die erste internationale Frauenkonferenz zu Stuttgart gegeben, welche bekanntlich beschloß, daß die Genossinnen der verschiedenen Länder Korrespondent innen ernennen sollten, welche mit der internationalen Zentralstelle der Redaktion der„ Gleichheit"- in enge Verbindung treten sollten. Die englischen Genossinnen waren der Ansicht, daß zu diesem Zwecke am besten ein besonderer Ausschuß gegründet würde, in dem die verschiedenen Fraktionen und Organisationen der englischen Genossinnen vertreten seien. Das Frauenfomitee der sozialdemokratischen Partei ergriff die Initiative zu der Gründung, und eine von Genossin Hendin einberufene Versammlung beschloß die Konstituierung des Ausschusses. Ihm wurde die Aufgabe überwiesen, regelmäßige Beziehungen mit den organisierten Genossinnen aller Länder zu unterhalten". Der Ausschuß wurde aus je zwei Delegierten folgender sozialistischer Organifationen zusammengesett: Die Vereinigung der Fabier, die sozialdemokratische Partei, die„ Clarion"-Vorhut( ,, Clarion" ist die Zeitung, welche der Sozialist Blatchford herausgibt), das Frauenfomitee der sozialdemokratischen Partei, die Vereinigung für das Stimmrecht aller Großjährigen und die Vereinigung der sozialistischen Lehrer und Lehrerinnen. Die Genofsinnen der Arbeiterpartei und die Liga erwerbstätiger Frauen waren ebenfalls aufgefordert worden, Nr. 5 sich im Ausschuß durch Delegierte vertreten zu lassen, sie haben jedoch leider davon abgesehen. Genossin Hendin wurde zur Ehrensekretärin und Genoffin Dora Montefiore zur Berichterstatterin des Ausschusses erwählt. Dieser übernahm es, in England für die Verbreitung der " Socialist Woman"( Die sozialistische Frau") zu sorgen, ein Organ der amerikanischen Genossinnen, das monatlich erscheint. Es ist feither auch das Organ des Ausschusses geworden und hat seinen Namen in Die fortschrittliche Frau" umgeändert, einen Wandel, den der Ausschuß sehr bedauert. " Im Mai 1908 organisierte der Ausschuß eine öffentliche Versammlung, in welcher Genoffin Murby( Fabier) ein Referat über die Vernünftigkeit der Frauenfrage erstattete. Das Referat ist seither von der Vereinigung der Fabier als Broschüre veröffentlicht worden. Im April 1908 beschloß der Ausschuß, daß eine Reihe von Referaten über die Pflichten des Staates gegen Mütter und Kinder erstattet werden sollte. Material aus den verschiedenen Ländern sollte tunlichst beschafft werden. Es wurden folgende Referate dazu erstattet: Die Mutterschaftsfürsorge von Genossin Murby, Kleinkinderschulen von Genossin Townsend( Fabier) und staatliche Speisung, Kleidung und ärztliche Überwachung der Schulkinder. Genoffin Townsends Vortrag über Kleinkinder schulen ist von der Vereinigung der Fabier bereits veröffentlicht worden, und der Ausschuß hofft, daß der Druck der beiden anderen demnächst erfolgen wird. Damit wäre eine sehr wertvolle Sammlung von Tatsachen geschaffen, die der Agitation der Genoffinnen gute Dienste tun würde. Der Ausschuß bekundete seine Sympathie mit den weiblichen Postangestellten von Paris, die sich im April 1909 am Streit beteiligten, durch eine Resolution, in der es heißt:„ Der internatio nale Ausschuß der britischen Genoffinnen sendet brüderliche Grüße den Pariser weiblichen Postangestellten, welche mit so viel Mut und Entschlossenheit im Streit an die Seite ihrer männlichen Berufsgenossen getreten sind und beglückwünscht sie zu ihrem Erfolg." Der Ausschuß organisierte zusammen mit dem Frauenkomitee der sozialdemokratischen Partei eine Zusammenkunft, in der die Genossinnen 3ettin und Rollontay( Rußland), die zur Förde rung des Kampfes für das allgemeine Wahlrecht in England weilten, über den Stand der sozialistischen Frauenbewegung in Deutschland und Rußland referierten. Die Genossinnen Montefiore und Murray nahmen als Gäste an dem internationalen Frauenstimmrechtsfongreß teil. Genossin 3ettin hat den Ausschuß mit interessantem und förderndem Material über den Stand der sozialistischen Frauenbewegung in den verschiedenen Ländern versorgt. Früher wurden ihre Berichte in den Sigungen durch Genossin Montefiore verlesen, neuerdings iverden sie jedoch in der Frauenzeitung, der" Justice", veröffentlicht, wodurch sie weitere Verbreitung erhalten. Der Ausschuß bereitete eine Resolution für die Tagesordnung des nächsten Internationalen Sozialistischen Kongresses vor, der im Juni 1910 in Kopenhagen tagen wird. Klara Hendin und Dora Montefiore. Jm Verlag von J. H. W. Dieß Nachf. in Stuttgart ist soeben erschienen: Die Frau und der Sozialismus Von August Bebel. Fünfzigste Auflage. Jubiläums- Ausgabe. :: Verbessert, vermehrt und neu bearbeitet.:: Die Buchdecke ist von Erich Schilling entworfen. XXXII und 519 Seiten. Preis broschiert 2,50 Mt., gebunden 3 Mt. Dieses Buch, das bereits in 117000 Exemplaren verbreitet, in viele Sprachen übersezt ist, bedarf für die Kreise der Genossinnen feiner besonderen Empfehlung. Sie wissen, wieviel sie ihm verdanken und wieviel sie aus ihm lernen können. Die Jubiläums. ausgabe hat einen wesentlich erweiterten Text, sie wird vielen als Weihnachtsgeschent willkommen sein. Wie wir hören, ist der Verlag bereit, einen Rabatt solchen Vereinen zu gewähren, die das Werk für ihre Mitglieder anschaffen. Wir machen die zahlreichen Genossinnen darauf aufmerksam, die bei uns anfragten, auf welchem Wege ihnen es eventuell ermöglicht werden könnte, das Buch zu billigerem Preise zu erhalten. Berantwortlich für die Nedaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.