Nr. 7 20. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. 1 Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 3. Januar 1910 Kämpfend voran! Jetzt erst recht die Ausnahmewirtschaft. Von gh. Die persönlichen Wirkungen der Ehe. I. Von Ernst Oberholzer. Der fünfte Kongreß finnischer Proletarierinnen. Von M. M. Frauennot Frauennot und Frauenarbeit im Mittelalter. Von K. Freiwild. Von M. Kt. Neujahrsbetrachtung einer Arbeiterin, Bon R. S. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Das Frauenwahlrecht zu den Gewerbe- und Kaufmannsgerichten. Politische Bremer Frauenchor. Rundschau. Von H, B. Gewerkschaftliche Rundschau. Aus der Textilarbeiterbewegung. Von hj. Die Genoffinnen von Linden im Kampfe für das Organisationsrecht der Fleischergesellen. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Verschiedenes. Zur Beachtung. Kämpfend voran! Das neue Jahr hebt für das flassenbewußte Proletariat Deutschlands mit der Sammlung zur schärferen Fortführung eines bedeutsamen Kampfes an. Am 3. Januar wird in Berlin der dritte Parteitag der preußischen Sozialdemokratie zusammentreten.. Uns dünft dies ein ebenso charakteristisches als hoff nungsreiches Vorspiel zu dem Leben und Kampf der Gesamtpartei im aufsteigenden Jahre. Denn wie wichtig auch die verschiedenen Punkte sind, die auf der Tagesordnung stehen: einer überragt sie alle an Tragweite, stellt sich gleichsam als die Frage der Fragen vor die Sozialdemokratie. Es ist die Wahl rechtsfrage. Diese ist aber nichts weniger als eine spezifisch preußische Angelegenheit. Je länger, je mehr steht sie beherr schend im Mittelpunkt des gesamten politischen Lebens im Deutschen Reiche. Der Kampf für das demokratische Wahlrecht der Massen in Preußen kann daher nicht weitergeführt werden, ohne daß seine Taktik und Strategie, ohne daß seine Ergebnisse einen tieffurchenden Einfluß ausüben auf den Kampf der Klassen und ihrer Parteien und die Gestaltung der politischen Zu stände in den übrigen deutschen Bundesstaaten. Jede Etappe dieses Kampfes wird insbesondere auf das Ringen um die Demokratisierung der Staatseinrichtungen zurückwirken, das fast in allen unseren engeren Vaterländern in Fluß gekommen ist. Die Hauptaufgabe des preußischen Parteitags wird es un streitig sein, die Schlachtlinien zum neuerlichen, energischsten Vorstoß für die sozialdemokratischen Wahlrechtsforderungen zu formieren. Gewiß: die Sozialdemokratie ist auch bis jetzt in dem Kampfe dafür durchaus nicht lässig gewesen. Sie hat viele Tausende Versammlungen veranstaltet, Millionen von Flug blättern und Broschüren verbreitet, um den Massen die schreiend ungerechte Schädigung ins Bewußtsein zu brennen, die ihnen das Dreiklassenwahlrecht zufügt, um sie aus geduldigen oder gar stumpfsinnigen politischen Heloten in Kämpfer zu verwandeln. Eine treue Führerin ist sie ihnen im Kampfe für ihr Recht vorangegangen. Sie hat die Wucht ihrer Angriffe gegen das politische Zwinguri der besitzenden Klassen gesteigert, ihre Kampfes tattif erweitert und ihre Kampfeswaffen vermehrt, indem sie in den Straßen demonstrierte und sich trotz der gehäuften Nücken und Tücken des Wahlsystems mit bewunderungswürdiger, arBuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. beits- und opferfreudiger Tatkraft an den Landtagswahlen bes teiligte. Denn sie wertete den Kampf um Mandate zum preußischen Abgeordnetenhaus und die Tätigkeit ihrer Vertreter da selbst in der Hauptsache als das, was unter den Umständen der eine und die andere sein kann, aber auch sein muß: als Mittel, die Aufmerksamkeit der Massen auf diese politische Dunkeltammer zu lenken und die Entrechteten zum Kampfe dagegen zu sammeln. Und die Sozialdemokratie darf sich stolzer Erfolge rühmen. Sie hat ihren Vertretern den Eintritt in einen Sieg, den noch das Abgeordnetenhaus erzwungenvor wenigen Jahren kaum jemand zu träumen wagte-; sie hat Massen zum Kampfe für das Wahlrecht in Bewegung gesetzt; sie hat die Wahlrechtsfrage derart in den Vordergrund des politischen Lebens geschoben, daß sie nicht eher von dort verschwinden kann, als bis sie den sozialdemokratischen Forderungen gemäß gelöst worden ist. Soweit die bürgerlichen Parteien und die Regierung Preußens Stellung zur Wahlrechtsfrage nehmen, sind sie dazu von der Sozialdemokratie gezwungen worden. Trotz alledem ist in weiten Kreisen der Parteigenossen das Empfinden lebendig geworden, als ob die Wahlrechtsfrage an einem toten Punkte angelangt sei, den nur eine weitertragende, schärfere Aktion der Sozialdemokratie zu überwinden vermöge. Das ist in sehr vielen Versammlungen zum Ausdruck gekommen, die sich mit dem preußischen Parteitag beschäftigt haben. Durch die Diskussion zog sich einem roten Faden gleich die Kritik an dem, was die Sozialdemokratie im Wahlrechtskampf getan und erreicht hat. Kritik gewiß nicht in dem Sinne einer nörgelnden Unterschätzung und Verkleinerung der bisherigen Leistungen, sondern als ernste, prüfende Ausschau nach den Voraussetzungen für eine erhöhte Stoßkraft der Partei. Müßte der Parteivorstand, müßten die führenden Instanzen überhaupt in Zukunft nicht eine größere Initiative entwickeln als seither? Haben sich die Demonstrationen als Kampfesmittel bewährt, ist es not wendig, daß sie allgemeiner, planmäßiger, straffer organisiert stattfinden? Sollte nicht der Massenstreit als wuchtigere prole.. tarische Kampfeswaffe in Betracht gezogen werden? Das waren die wesentlichsten Fragen, die aufgeworfen wurden; sie werden ficherlich auch auf dem Parteitag Gegenstand der Erörterung sein. Wir unterschätzen keineswegs die Bedeutung einer frischen, kraftvollen Initiative seitens der Führenden. Wir bekennen auch offen, daß wir es freudig begrüßen würden, wenn in dem ferneren Wahlrechtstampf eine solche wirksam wäre. Allein um das zu erreichen, hat unseres Dafürhaltens der Parteitag in erster Linie nicht die Führenden, vielmehr die Massen der or ganisierten Genossen und Genossinnen zu mahnen. Die Ent wicklung der notwendigen strammen Organisation und Disziplin trägt dialektisch die Tendenz zu Gefahren in sich. Die Überspannung des Bogens läßt nach der Seite des beschränkten Untertanenverstandes zurückschnellen, der stets und unter allen Umständen gehorsam auf die Losung von oben von der regierenden Bureaukratie wartet, statt zu Losungen von oben zu treiben. In einer wirklich demokratischen Partei, wie die Sozialdemokratie es ist, die die breitesten Massen zu lebendiger 98 Die Gleichheit Mitwirkung ruft, die überdies noch unter außerordentlich schwie rigen Umständen kämpft und daher ein hohes Maß von Verantwortlichkeit trägt: muß die Initiative der Gefolgschaft die legte Wurzel der Initiative der Führung sein. Ganz besonders gilt das, wenn es sich um Entscheidungskämpfe von großer Tragweite handelt. Man mißverstehe uns nicht. Es fällt uns nicht im Schlafe ein, einem wilden, disziplinlofen Losfahren der Parteimaffen das Wort zu reden. Wohl aber sind wir der Ansicht, daß die von vielen vermißte wegweisende Initiative die Frucht des kameradschaftlichen Zusammenwirkens von unten und oben sein muß, eine Frucht des Zusammenwirkens, bei dem in der Regel die vorwärtsdrängenden wageluftigen Kräfte unten zu suchen sind, die wägenden oben. Sache der Partei massen ist es, anzuregen, vorzuschlagen, weiterzutreiben; Aufgabe der Führenden ist es, mit scharfem Blick die Situation und ihre Möglichkeiten rasch zu überschauen und mit dem Mute zur Tat, das heißt zur Verantwortlichkeit darauf hinzuwirken, daß die Gefolgschaft fie rückhaltlos ausnutzt. Wenn der preu Bische Parteitag den Aberglauben recht vieler Genoffen zerstört, daß das Recht zur Initiative einzig bei den führenden Instanzen sei, wenn er ihr Bewußtsein dafür schärft, daß jedes einzelne Glied der Partei für das Tun und Lassen der Leitenden mitverantwortlich ist: wird er die stürmende Kraft des Wahlrechtskampfes verstärken. Was die Straßendemonstrationen anbelangt, so haben sie unzweifelhaft die Wahlrechtsbewegung gefördert. Es mag etwas Wahres an dem betrübsamen Gegacker sein, daß sie ihr die Sympathie jener Sorte bürgerlicher Wahlrechtsfreunde entfremdet haben, die die politischen Kämpfe im Schlafrock hinter dem Ofen oder am Stammtisch aussicht. Aber dafür haben fie ihr ansehnliche Scharen neuer proletarischer Streiter zuge führt und die Aufmerksamkeit der großen Öffentlichkeit auf die brennende Schmach des Wahlunrechts und die Forderungen des klassenbewußten Proletariats gelenkt. Außerdem ist das Vertrauen der Massen in ihre eigene Kraft dadurch gewachsen, daß ihre politisch organisierte Elite ohne die Erlaubnis Seiner Majestät Schutzmann demonstrierend die Straßen besetzte. Allein das Ziel selbst des Kampfes, das Wahlrecht, haben die Demonftrationen bis heute noch nicht in greifbare Nähe gerückt, fie haben die Todfeinde des demokratischen Wahlrechts nicht zur Rapitulation gezwungen. Und das fügen wir unumwunden hinzu, wenngleich unsere Ansicht auf starken Widerspruch stoßen dürfte sie werden das auch nicht tun, solange sie ihren bisherigen Charakter bewahren, mögen sie noch so einheitlich, allgemein und vorzüglich vorbereitet organisiert werden. Gewiß: wir sind die letzten, die unter den oben hervorgehobenen Gefichtspunkten die Vorteile auch solcher Demonstrationen leugs nen. Unter Umständen kann es nicht bloß nüglich, fann es unabweisbar sein, daß die Partei in festgegliederten Reihen ihre organisierte Macht in den Straßen aufmarschieren läßt, daß fie den Gepflogenheiten ausländischer Bruderparteien entsprechend- den Eindruck ihres Aufmarsches dadurch steigert, daß alle sie führenden und vertretenden Körperschaften ge schlossen an der Spize einer Demonstration marschieren. Jedoch man täusche sich nicht über die Wirkung. Demonstrationen der or ganisierten Parteigenossenschaft sind Kundgebungen der ernsten Entschlossenheit zum Kampfe, ihnen eignet jedoch leider nicht die Kraft der Posaunen zu Jericho, von ihrem Blasen stürzen die Mauern des preußischen Wahlunrechts nicht ein. Sie warnen die Herrschenden, deren Macht hinter diesen Mauern im Hinterhalt liegt, aber sie zwingen sie nicht. Es ist indessen eine jeder zeit aufs neue bestätigte geschichtliche Erfahrung, daß die Herr schenden sich nicht durch Lehren befehren lassen, daß Zwang fie unterwerfen muß. Gerade je allgemeiner und straffer organisiert die Demonstrationen der Parteigenossenschaft auftreten, um so mehr werden sie auf die Dauer nur noch den bekannten Eindruck von Versammlungsresolutionen hinterlassen. Die Öffent lichkeit gewöhnt sich an sie, und die herrschenden Gewalten finden sich mit ihnen ab. Zwingend werden auf die Herr schenden nur Demonstrationen wirken, die nicht in den Rahmen der Parteiorganisation eingezwängt sind, die mehr bedeuten als Nr. 7 die Durchführung einer Parteilosung: den elementaren Aus druck einer tiefgehenden Volksbewegung, als deren Träger die breitesten werktätigen Massen erscheinen und nicht bloß ihr Bruchteil der organisierten Genoffen. Die Kraft solcher Demon ftrationen beruht nicht nur in ihrem Umfang, in dem Gewicht der Zahl, das sich manifestiert, fie liegt vor allem in der Furcht vor dem Gespenst des Ungewissen, Unbekannten, der Möglich. feiten, das für die Herrschenden hinter ihnen lauert. Darf die Sozialdemokratie angesichts der Tragweite dieses Standes der Dinge die Verantwortlichkeit für das Auftreten der unorganisierten Massen übernehmen, ohne dem Bauberlehrling zu gleichen, der die Geister nicht los wird, die er gerufen hat? Das ist die Frage, die so oft in unseren Reihen die Ent scheidungen mit des Gedankens Blässe antränkelt". Es hieße Vogelstraußpolitik treiben, wollte man sich ihre Berechtigung und Wichtigkeit verhehlen. Trotzdem stehen wir nicht an, 311 antworten: die Sozialdemokratie muß die Verantwortlichkeit übernehmen, schon aus dem einfachen Grunde, daß sie sie nicht ablehnen kann, ohne die Quelle ihrer Kraft zu verschütten. Wie start, festgefügt und wohldiszipliniert auch immer die Partei organisationen find: ohne die aktivste Mitwirkung der unorgani sierten Massen müssen sie außerstande bleiben, die Schlachten des Wahlrechtstampfes siegreich zu schlagen. Heißt das etwa die Bedeutung der Organisationen für den Wahlrechtskampf unter schäßen? Ganz im Gegenteil. Das Bewußtsein ihres Wertes und ihrer Verantwortlichkeit steigt, wenn man den aufgezeigten Zusammenhang flar erkennt. Die Organisationen haben inner. halb der Massenbewegung, des Maffenkampfes für das Wahl. recht die Rolle der revolutionären Kaders zu spielen, fie find das organisatorische Rückgrat, das denkende Gehirn der Maffenaftion, sie geben ihr Richtung und Ziel, sie sind die politisch Bestimmenden und Führenden, die bewußt Schiebenden und nicht die blind Geschobenen. Mit anderen Worten: die Organi sation darf nicht für den Kampf ums Wahlrecht einen unüber. steiglichen Wall zwischen den politisch zusammengeschlossenen und geschulten Kerntruppen des Proletariats und seinen breiten Massen bilden. Sie muß vielmehr die geschlossene Phalang und die ungeschlossenen Massen durch tausend Fäden mitein ander verknüpfen und eine belebende Wechselwirkung zwischen beiden herstellen, die der geschulten und disziplinierten Minder heit das Vertrauen der Mehrheit und ihre Führung sichert. Das alles sind Erwägungen, die nicht bloß für die Frage der Straßendemonstrationen, vielmehr auch für die des Massen streits ins Gewicht fallen. Die Genossen dürfen sich ihnen um so weniger verschließen, als die Situation auch in Deutsch land das Proletariat früher oder später zum Massenstreit treiben faun, und zwar ganz besonders in dem Kampfe um das Wahl recht. Es geht in ihm um so hohen Preis, daß. die Sozial demokratie bereit sein muß, jedes Rampfesmittel zu benutzen, das die Gunst der geschichtlichen Stunde in ihre Hand legt oder deren Ungunft ihr aufnötigt. Es liegt aber im revolutio nären Wesen des Massenstreiks, daß sich sein Ausbruch im letzten Grunde von oben so wenig anbefehlen als abfomman dieren läßt, daß er eine eruptive Willensäußerung und Rampfes tat der Massen ist. Um so zwingender ist für die Organisationen die Notwendigkeit, gerüstet zu sein, den Massen auch davei Richtung gebend und Ziel segend voranzuschreiten. So hätte unseres Erachtens der preußische Parteitag in der Wahlrechtsfrage vornehmlich dreierlei zu tun. Das Gewissen jedes einzelnen und damit der organisierten Massen für die Pflicht der Initiative zu schärfen. Das Schwergewicht bes Kampfes in jeder Form aus den Organisationen in die breitesten proletarischen Massen zu verlegen. Die Beweglichkeit der Taktik zu proklamieren, sich auf kein bestimmtes Kampfesmittel, feine alleinseligmachende Kampfesmethode festzulegen, aber auch kein einziges Mittel und keine Methode des Kampfes abzuschwören, die sich mit dem Wesen der Sozialdemokratie vertragen und unter bestimmten geschichtlichen Umständen angewendet werden können oder auch angewendet werden müssen. Den Parteiorganisationen werden damit die verantwortungsreichsten Aufgaben für ihren Ausbau und ihre Betätigung, für die geistige Nr. 7 Die Gleichheit und politische Erziehung und Disziplinierung ihrer Mitglieder und der Werbearbeit unter den Massen zugewiesen. Je mehr sie im Wahlrechtskampf führend in den Massen stehen, um so wichtiger ist ihre eigene feste Geschlossenheit, um so bedeutsamer die Bielklarheit und Disziplin jedes ihrer Glieder, an deren Erkennen und Handeln die höchsten Anforderungen gestellt werden, da sie um diesen Ausdruck zu gebrauchen oft genug in aufgelöster Gefechtslinie kämpfen müssen. Dazu noch eins: Sache der Organisationen wird es sein, die errungenen Siege zu behaupten und voll auszunutzen, erlittene Niederlagen aber nicht zur wilden Flucht, zur Entmutigung werden zu lassen. Wir möchten besonders stark die letztere Aufgabe betonen. Nichts wäre gefährlicher als die Illusion, daß der proletarische Wahlrechtstampf eine ununterbrochene Rette von Siegen sein wird. Wie er die schwersten Opfer auferlegt und durch die größten Gefahren führt, so wird er unvermeidlich auch Niederlagen bringen. Denn wenn das Proletariat erst dann den ernsten Kampf beginnen wollte, wenn es alle Bürgschaften für Siege schwarz auf weiß in der Tasche hat, so bedürfte es des Kampfes überhaupt nicht mehr. Jeder Kampf um große Dinge bleibt ein Wagnis, das nicht leichtfertig gesucht, ebensowenig aber um jeden Preis vermieden werden darf. Es sind gewaltige Mächte, gegen die das Proletariat in Preußen seinen Wahlrechtskampf zu führen hat. Denn so gewiß es seine Richtigkeit damit hat, daß das Dreiklassenwahlrecht der politische Ausdruck der Junkerherrschaft ist, so unzweifelhaft ist es, daß diese Herrschaft nur mit dem Willen der Bourgeoisie besteht und bestehen kann. In Wirklichkeit ist das preußische Wahlunrecht der Ausdruck der politischen Herrschaft der besitzenden Klassen, mögen sie von Geburts oder Geldsacks Gnaden sein. Es ist ein politisches Monopol, das ihre Ausbeutungsmacht sicherstellen soll, ein Schußwall gegen die anstürmenden Heere des klassenbewußt kämpfenden Proletariats, das seinerseits der politischen Gleichberechtigung bedarf, um die politische Macht zu erobern. Der Kampf um das Wahlrecht in Preußen reicht daher in seiner Bedeutung weit über die Grenzen des Landes hinaus. Er erweist sich als eine wichtige Etappe in dem allgemeinen Emanzipationskampf des deutschen Proletariats, er wird immer mehr zu einer folgenschweren Auseinandersetzung zwischen allen reaktionären Mächten und aller revolutionären Kräfte im ganzen Deutschen Reiche. In einem Ringen von dieser Tragweite kennt die Sozialdemokratie nur cine Losung: Kämpfend voran! Eigentum des Vorstandes der SPD" 99 anderen schönen Vorschlag auf Lager hatten. Es war der, die Zulassung der Überarbeit an einer bestimmten Anzahl von Tagen in das Belieben der Betriebsleiter zu stellen, und die Betriebsleiter lediglich zu verpflichten, ein Buch zu führen, in dem zur Kontrolle durch die Aufsichtsbehörden die Zahl der Überstunden vermerkt wird. Die Sozialdemokraten auf der anderen Seite bemühten sich, die Überarbeit der Arbeiterinnen ganz zu beseitigen oder mindestens auf außergewöhnliche Notfälle zu beschränken. Haben doch schon bisher manche Betriebsleiter die Arbeiterinnen dadurch schwer geschädigt, daß sie sie in solchen Fällen zur Überarbeit zwangen, in denen solche bei größerer Umsicht und Rücksicht der Leitung nicht nötig gewesen wäre. Leider konnten aber die Sozialdemokraten in dieser Beziehung der bürgerlichen Mehrheit des Reichstags nur ganz wenige Verbesserungen abzwingen. Die Vertreter jener Arbeitgeber, die eine noch schamlosere Ausnahmewirtschaft forderten, hatten jedoch mit ihren Vorschlägen gar keinen Erfolg. Damit haben sich aber die Herren nicht beruhigt. In den letzten Wochen schien ihnen offenbar die Stimmung in den Regierungskreisen ihrem Interesse sehr günstig zu sein. Wenigstens haben sie mit Hochdruck dahin gearbeitet, die Hilfe der Regierungen zur Umgehung des gesetzlich festgelegten zehnstündigen Maximalarbeitstages an erlangen. Die einzelnen Landeszentralbehörden mußten ihre Ausführungsanweisungen den neuen gesetzlichen Bestimmungen anpassen. Jene Kapitalisten verlangten nun, die Regierungen sollten bei dieser Gelegenheit die Bedingungen für die Zulassung von Überarbeit so erleichtern, daß tatsächlich die Betriebsleiter in Zukunft nach ihrem Ermessen die Arbeiterinnen zur Überarbeit zwingen können. Damit haben fie im wesentlichen doch noch nachträglich ihren zweiten Vorschlag durchgesetzt, mit dem sie sich seinerzeit dem Reichstag gegenüber gar nicht herausgewagt hatten. Die beteiligten Arbeitgeberverbände haben sich planmäßig an die Arbeit gemacht und einen Petitionssturm auf die Landeszentralbehörden organisiert. Das Zentralorgan der Arbeitgeberverbände, die„ Deutsche Arbeitgeberzeitung", mußte öffentlich Lärm schlagen und zeigen, wie sich die Herren am besten über die ihnen unangenehmen Bestimmungen der bisherigen Ausführungsanweisungen entrüsten können. Das Blatt wies als Beispiel auf die preußischen Ausführungsbestimmungen hin, die die Genehmigung der Überarbeit verbieten, wenn der Antrag steller die außergewöhnliche Häufung der Arbeit selbst frei. willig herbeigeführt oder durch ungeschickte Disposition ver " Jetzt erst recht die Ausnahmewirtschaft. schuldet hat". Diese Bestimmung ist für jeden selbstverständlich, gh. Am 1. Januar ist die Novelle zur Gewerbeordnung vom 28. Dezember 1908 in Kraft getreten. Sie setzt bekanntlich auch die gesetzlich zulässige Marimalarbeitszeit der Arbeite rimmen in den Betrieben mit mindestens 10 Arbeitern von 11 auf 10 Stunden herab. Wir haben seinerzeit ausführlich berichtet, wie schwer es war, daß dieser schon längst dringend notwendige Fortschritt erreicht wurde. Ein großer Teil der beteiligten Kapitalisten versuchte mit allen Mitteln, die Änderung der gesetzlichen Bestimmungen über die Maximalarbeitszeit der Arbeiterinnen zu verhindern. Zur Anderung der gesetzlichen Bestimmungen wurden die bürgerlichen Parteien und Regie rungen nur durch den Umstand gezwungen, daß der Druck der Arbeiterorganisationen in vielen Betrieben die Arbeitszeit auch der Arbeiterinnen auf 10 Stunden und weniger verkürzt hatte. Jene Kapitalisten suchten schließlich ihr Ziel auf einem Umweg zu erreichen. Wenn durchaus die" regelmäßige" Arbeitszeit nicht länger als 10 Stunden dauern dürfe, dann wollten die Herren„ wenigstens" das Recht haben, nach ihrem Belieben die Arbeiterinnen zu Überstunden zu zwingen. Ihre Vertreter im Reichstag schlugen seinerzeit bekanntlich vor; eine Maximal arbeitswoche von 60 Stunden einzuführen, und es dem Betriebsleiter zu überlassen, wie er diese 60 Stunden auf die einzelnen Tage unter Berücksichtigung seines Profitinteresses verteilen wolle. Jezt plaudern die Herren aus, daß sie damals noch einen der die Betriebsleiter für verpflichtet hält, sich nach den geltenden Arbeiterschutzbestimmungen einzurichten. Das Zentralorgan der Arbeitgeberverbände aber betrachtet die Bestimmung als einen Hohn auf das praktische Leben. Es entrüstet sich weiter darüber, daß nach den Bestimmungen der bisherigen preußischen Ausführungsanweisung überarbeit für solche Arbeit nicht gestattet werden darf, deren Nichtbewältigung innerhalb der vereinbarten Lieferfrist vorauszusehen war", daß überarbeit verboten ist, wenn nur die eigenen Interessen des Fabrikbesizers, nicht auch öffentliche oder andere Privatinteressen in Frage kommen, oder wenn der Betriebsleiter für die Befriedigung der Nachfrage, die in der Saison auftrete, in der stillen Zeit des Jahres hätte vorausarbeiten lassen können, wenn seine Konkurrenten ohne überarbeit auszukommen wissen. Alle diese Bestimmungen werden seit Jahren durchgeführt, ohne daß sie den Aufschwung unserer Industrie auch nur im mindesten aufgehalten hätten. Das Zentralorgan der Arbeitgeberverbände denunziert sie aber nun als eine Strafe des tüchtigen, energischen und umsichtigen Kaufmanns für seine Umsichtigkeit. Diese unsinnigen Redensarten beweisen am besten, daß auch die Arbeitgeberverbände sachliche Gründe gegen die Bestim mungen nicht zu entdecken vermögen. Es handelt sich vielmehr hier einzig und allein darum, daß ein Teil der beteiligten Kapitalisten die Möglichkeit haben will, die Verkürzung der Maximalarbeitszeit von elf auf zehn Stunden durch Überarbeit Bibliothak der Friedrich- Ebert- Stiftung 100 Die Gleichheit Ne.7 zu umgehen. Daher erschien eS ausgeschlossen, daß die Arbeit- gebervrrbände mit ihrer Forderung bei der preußischen Regie- rung durchdringen könnten. Und doch ist das geschehen. Die preußische Regierung hat in ihrer neuen Ausführungsanweisung die wichtigsten der von den Arbeitgcberverbänden beanstandeten Bestimmungen ge- strichen. Hiernach ist zu befürchten, daß auch andere Landes- Zentralbehörden diesem Beispiele folgen werden. Die preußische Regierung hat diese Änderungen ihrer Aus- führungsanweisung in folgender Weise rechtfertigen wollen: Die Fassung der Bestimmungen habe zu manchen Mißverständnissen Anlaß gegeben. Nach den bisherigen Erfahrungen sei es nicht möglich, den mannigfachen Bedürfnissen des praktischen Lebens durch eine allgemein gültige Formel gerecht zu werden. Die Ausnahmen seien in Zukunft in erster Instanz nicht mehr von der Polizei- oder Gemeindebehörde, sondern von den Gewerbe- aufsichtsbeamten zu genehmigen. Es sei zu erivarten, daß die Gewerbeaufsichtsbeamten auf Grund ihrer besonderen Vorbildung und ihrer gesamten dienstlichen Tätigkeit den billigen Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen der Arbeitgeber und Arbeiter finden werden. Uns wollen die„Gründe* der preußischen Regierung ganz und gar nicht einleuchten. Wir sind vielmehr überzeugt, daß die Folge der neuen preußischen Aussührungsanweisung eine um so rücksichtslosere Ausnahmewirtschast sein wird, daß manche Betriebsleiter noch viel häufiger als bisher die Ar- beiterinnen zur llberarbeit zwingen werde». Jedenfalls müssen die organisierten Arbeiter und Arbeite- rinnen sorgfältig auf die Durchführung der gesetzlichen Vor- schristen achten. Die Arbeiterinnen müssen über die Schädlichkeit der llberarbeit mehr und mehr aufgeklärt werden. Dann werden sie in der guten Geschäftszeit, und diese kommt naturgemäß gerade für die llberarbeit in Betracht, die llberarbeit entweder verweigern oder für sie einen so hohen Zuschlag verlangen, daß den Betriebsleitern die Freude an gar zu viel llberarbeit ver- geht. Damit aber die Arbeiterinnen die Ausnahmcivirtschaft mit Erfolg zu bekämpfen imstande sind, müssen sie sich immer zahlreicher und verständnisvoller in Reih und Glied der gewerk- schaftlichen und der politischen Organisation stellen. Die persönlichen Wirkungen der Ehe. i. Die Wirkungen der Ehe unterscheidet man gewöhnlich in persönliche und vermögensrechtliche. Die Vermögens- rechtlichen Wirkungen bilden den Gegenstand des sogenannten ehelichen Güterrechts oder Ehegüterrechts. Hier beschäftigen wir uns zunächst mit den persönlichen Rechtsverhältnisse» der Ehegatten. Natürlich kann und darf es nicht in der Aufgabe eines Ge- setzes liegen, das persönliche Verhältnis der Ehegatten in alle Einzelheiten hinein durch Paragraphen zu bestimmen, es zu reglementieren. Ein Gesetzbuch wird sich immer daraus be- schränken müssen, die unmittelbar aus dem Wesen der Ehe folgenden allgemeinen und leitenden Grundsätze zum Ausdruck zu bringen. Wie sehr diese Grundsätze selbst Wand- lungen unterworfen sind, das ging sehr deutlich aus dem histo- tischen Rückblick hervor, mit dem diese Artikelserie eingeleitet worden ist. Heute wäre es nicht mehr möglich, die Frau als Eigentum des Mannes hinzustellen. Auch die Bestimniung des bayerischen Landrechts, daß die Frau ihrem Manne zu Diensten verpflichtet sei und hierzu„von ihrem Manne der Gebühr nach angehalten und genötigtensalls gezüchtigt werden kann*, ver- trüge sich nicht mehr mit den zeitgenössischen Anschauungen über die sittlichen Rechte und Pflichten, die sich aus dem Wesen der Ehe ergebe». Ja auch die Gehorsamspflicht der Frau, wie sie das badische und preußische Landrecht festlegten, und wie sie das französische Zivilgesetzbuch— gewiß im Widerspruch zu den tatsächlichen Lebensverhältnissen— heute noch vorschreibt, vermöchte sich in unseren Tagen im praktischen Leben des deut- schen Volkes zweifellos nicht mehr zu halten, selbst wenn sie im Bürgerlichen Gesetzbuch ausgesprochen wäre. Würde das Gegenteil der Fall sein, so hätte der Gesetzgeber ganz gewiß keinen Anstand genommen, die Gehorsamspflicht der Frau zum oberste» Grundsatz des Eherechts zu machen. Die Neigung dazu war vorhanden. Wenn es übrigens auch nicht ausdrücklich ausgesprochen ist, so werden doch fakttsch die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuchs über die persönlichen Wirkungen der Ehe von dem Gebote beherrscht:„Er soll dein Herr sein.* Denn in allen streitigen Angelegenheiten legt das Gesetz dem Manne das Recht der Entscheidung bei. Zwar wird die Frau als berechtigt erklärt, der Entscheidung des Mannes nicht Folge zu leisten, wenn sich die Entscheidung als Miß- brauch seines Rechtes darstellt, allein diese Bestimmung er- weist sich im praktischen Leben als ein sehr dürftiger Schutz. Doch gehen wir nun zu den einzelnen Bestimmungen über! Die Ehegatten sind einander zur ehelichen Lebensgemeiu- schast verpflichtet. Diese Lebensgemeinschaft bedingt natürlich in erster Linie gleichen Wohnort und gemeinsame Woh- nung. Beides wird vom Ehemann bestimmt. Die Ehefrau hat aber den Wohnsitz des Ehemannes nicht zu teilen, wenn dieser ihn im Ausland an einem Orte begründet, an den sie zu folgen nicht verpflichtet ist, das heißt wenn das Ver- langen des Ehemannes sich als ein Mißbrauch seines Rechtes darstellt. Das Gesetz sagt aber nicht, was unter Mißbrauch zu verstehen ist und wann ein solcher als gegeben gelten muß. Es wird deshalb aus dem Wesen der ehelichen Gemeinschaf: unter Berücksichtigung der Umstände des einzelnen Falles eut- schieden werden müssen, ob ein Mißbrauch anzunehmen ist. Einen selbständigen Wohnsitz kann die Ehefrau haben, solange der Mann keinen solchen hat, oder solange sie seinen Wohnsitz nicht teilt, das heißt faktisch von ihm getrennt lebt. Die Einheit der ehelichen Gemeinschaft wird weiter, wie in allen„Kulturstaaten*, dadurch unterstützt, daß die Ehefrau den Familiennamen des Mannes erhält und die Staats- angehörigkeit des Mannes erwirbt. Die Deutsche, die einen Nichldeutsche» heiratet, verliert ihre deutsche Staatsangehörig- keit, und diese wird umgekehrt von der Nichtdeutschen erworbeir die einen Deutschen heiratet. Vielfach ist es Sitte, daß die Frau neben dem Namen des Mannes ihren bisherigen weiter- führt. Das Gesetz spricht sich über die Zulässigkeit solcher Doppelnamen nicht aus; es ist daher anzunehmen, daß e» sie nicht verbieten will. Der Mann kann allerdings verlangen, daß die Frau seinen Namen allein führt. Es wird sich jedoch ein solches Verlangen als ein Mißbrauch seines Eni- scheidungsrechtes darstellen, wenn die Frau ein berechtigtes Interesse an der Weiterführung ihres eigenen Namens hat. Ein solches Interesse kann gegeben sein bei einer Schriftstellerin, Bühnenkünstlerin, Arztin, Juristin oder bei irgend einer Be- rufstättgen, die schon vor der Ehe auf dem betreffenden Gebiet wirkte und unter ihrem Familiennamen bekannt geworden ist. Im gemeinschaftlichen Hauswesen steht der Frau die Leitung zu; sie ist zu der hauswirtschaftlichen Tätigkeit berechtigt und verpflichtet. Tie Verpflichtung der Frau zur Mitarbeit im Hauswesen und im Geschäft des Mannes richtet sich nach den Verhältnissen, in denen die Ehegatten leben. Das Gesetz bringt damit zun: Ausdruck, daß beispiels- weise die Frau eines Fabrikarbeiters wohl verpflichtet ist, den Scheuerbesen zu führen, daß jedoch der Frau eines reichen Kommerzienrats eine solche Arbeit nicht zugemutet werden darf. Hingegen dürfte es gegen die Verhältnisse, in denen die Ehe- gatten leben, ebensowenig verstoßen, wenn der Herr Kommerziell- rat von seiner Frau verlangt, daß sie ihm beim Couponschneiden behilflich sei, als wenn irgend ei» kleiner Geschäftsmann oder Krämer durch seine Frau die Bedienung der Kundschaft be- sorgen läßt. Um der Frau die Durchführung ihrer Aufgabe als Lei- terin des Hauswesens zu ermöglichen, gewährt ihr das Gesetz die sogenannte Schlüsselgewalt. Die Frau ist danach berechtigt, innerhalb ihres häuslichen Wirkungskreises für den Mann die Geschäfte zu besorgen und ihn zu Nr. 7 Die Gleichheit vertreten. Soweit sie innerhalb dieses Wirkungskreises Rechts. geschäfte vornimmt, gelten diese als im Namen des Mannes vorgenommen; es wird mithin dem Dritten gegenüber nicht die Frau, sondern der Mann verpflichtet. Der Mann hat in dieser Beziehung die Verfügungen und Maßnahmen der Frau anzuerkennen und für die Auslagen aufzutommen. Als Rechtsgeschäfte, die in den häuslichen Wirfungsfreis der Ehefrau fallen, sind zu betrachten alle Geschäfte, die regelmäßig für die Führung des gemeinschaftlichen Haus haltes notwendig sind. So zum Beispiel die Einkäufe für den Lebensunterhalt, die Anschaffung von Küchengeräten oder einzelner Hausratstücke, namentlich solcher, die als Ersatz für abgenügte Gegenstände dienen, ferner die Anschaffung der Kleidungsstücke für die Frau selbst und minderjährige Kinder, die Einstellung und Entlassung von Dienstboten. Nicht zum häuslichen Wirkungsfreis der Frau werden dagegen zu rechnen sein bas Mieten einer Wohnung und die Anschaffung des Mobiliars. Die Schlüsselgewalt steht der Ehefrau zu ohne Rücksicht auf das unter den Ehegatten geltende Güterrecht. Auch die minderjährige oder sonst in der Geschäftsfähigkeit beschränkte Ehefrau besitzt das Recht der Schlüsselgewalt, dieses ist nur der geschäftsunfähigen Ehefrau abgesprochen. Vielfach fommt es vor, daß Ehemänner in Zeitungen bekannt machen, sie würden für die Schulden der Frau nicht aufkommen. Solche Bekanntmachungen sind völlig wertlos. Dagegen gibt das Gesez dem Ehemann das Recht, die Schlüsselgewalt der Frau jederzeit zu beschränken oder auszuschließen. Gegen Mißbrauch wird die Frau dadurch geschützt, daß sie das Vormundschaftsgericht um Aufhebung der Entscheidung des Ehemannes anrufen kann. Die Frau, die ohnehin in der Ehe die schwächere Position hat, wird mit dieser Bestimmung in die Klägerrolle gedrängt, und es fällt ihr die Beweislast zu. Der Mann hat nicht zu beweisen, daß seine Entscheidung gerechtfertigt ist, sondern die Frau muß den Beweis erbringen, daß sie es nicht ist. Es wäre gewiß den Verhältniffen angemessener, wenn das Gesetz den Mann mit dem Antrag auf Einschränkung oder Entzug der Schlüsselgewalt an den Richter gewiesen und ihm damit die Beweislast für die Notwendigkeit der Maßnahme auferlegt hätte. In dieser Weise ist die Frage im Entwurf zu einem schweizerischen Zivilgesetz buch gelöst. Ernst Oberholzer, Zürich. Der fünfte Kongreß finnischer Proletarierinnen. I. K. Wie die finnische Sozialdemokratie, so haben auch die fozialdemokratischen Organisationen der finnischen Proletarierinnen ihren vorlegten Kongreß vor drei Jahren abgehalten, zur Zeit, wo bie Nevolution diesseits wie jenseits der Grenze die Verhältnisse eyschütterte. Damals hatte das finnische Proletariat beinahe ein Jahr lang die politische Freiheit genossen, die es sich selbst durch ben erfolgreichen Generalstreit im November 1905 erobert hatte. Aber schon damals konnte man beobachten, daß die Reaktion anfing, ihr Haupt aufs neue zu erheben. Sie hatte zwar einen empfindlichen Stoß erlitten, überwunden, vernichtet war sie jedoch leider noch nicht. Die„ fonstitutionelle" Bourgeoisie Finnlands hatte mit der zarischen Reaktion sofort Frieden, nein, mehr als das, Freundschaft geschlossen! Vertrauensvoll warf sie sich ihr an die Brust und wurde ihre Handlangerin gegen die Nevolution, gegen die Wolfsrechte und Boltsfreiheiten. Heute steht diese Bourgeoisie in allen ihren Spielarten von der Realtion verraten und betrogen da, sie ist von ihr völlig an die Wand gedrückt worden. Die Sozialdemokratie fah das 1906 schon klar voraus. Sie unterließ es damals nicht, die Bourgeoisie zu warnen. Aber sie wurde verhöhnt und ihre Politik ward verspottet. Während die Sozialdemokratie im Kampfe gegen den russischen Absolutismus vorwärts brängte und den Sieg ausnuten wollte, um der aufs Haupt geschlagenen Reaktion weitere Zugeständnisse abzutrogen, verlegte sich die Bourgeoisie auf eine Politik freundschaftlichen Entgegenkommens an den Zarismus. Willfährig buckte sie sich vor, der wachsenden Reaktion Stolypins; gewalttätig trat fie der Revolution und der Arbeiterbewegung des Heimatlandes entgegen. Mit dieser Politik haben die bürgerlichen Parteien selbst 101 dazu beigetragen, daß es augenblicklich um die nationale Selb ständigkeit Finnlands so traurig bestellt ist. Sie haben der Realtion bei Verfassungsübertretungen in den Sattel geholfen, die ihnen unbedeutend erschienen, weil sie gegen die Revo Iution, gegen das revolutionäre Volt gerichtet waren. Schritt für Schritt sind sie vor Stolypin zurückgewichen, und heute fann er sich als Herr der Situation in Finnland die Hände reiben, freilich Herr der Situation mit Hilfe von Maschinengewehren! Heute, wo Stolypin die finnische Volksvertretung zum drittenmal aufgelöst hat zum zweitenmal in diesem Jahre!-, muß auch die Bourgeoisie erkennen, daß ihre Politik eine verfehlte gewesen ist, und ihre Presse gesteht schüchtern ein, die Taktik der Sozialdemo fratie wäre im Grunde so schlimm nicht gewesen.... So hat das finnische Volt seit 1890 ununterbrochen auf die Verteidigung seiner Rechte bedacht sein müssen. Ein ständiger Kampf dafür war ihm aufgezwungen, der in der russischen Revo lution von 1905 durch schöne Siege gekrönt wurde, aber noch nicht mit einem endgültigen Triumphe geendet hat. So geht unter an deren Formen der Kampf weiter, in dem sich auch die finnische Proletarierin zur Klassenbewußten Streiterin entwickelt hat. Der fünfte Kongreß der finnischen Genossinnen, der im September in Lacht is, in einem kleinen Industrieort getagt hat, wurde von dem Bewußtsein aufziehender neuer Stürme getragen. Doch zeitigte dieses Bewußtsein feine gedrückte, Kleinmütige Stimmung, sondern im Gegenteil ernste, begeisterte Arbeitsfreudigkeit. In drei Stände erledigt werden. Auf der Tagesordnung des Kongresses Tagen sollte eine große Anzahl wichtiger Verhandlungsgegen standen folgende Fragen: Statutenänderung des sozialdemokra tischen Frauenverbandes. Reorganisation der Agitation. Entsprechen die Bezirksausschüsse der Frauenorganisationen den an sie zu stellenden Anforderungen? Welche Gesichtspunkte müssen für die Wahl von Vertrauenspersonen maßgebend sein? Was können die Organisationen zur besseren Schulung ihrer Funktionärinnen tun? Wie müssen die Organisationen arbeiten, um eine umfassendere Kenntnis des theoretischen Teils des sozialdemokratischen Programins zu geben? Ist es nötig, in den Organisationen besondere Abteilungen für Mütter zu errichten? Die Stellung der Frauen zu den Genossenschaften. Die Stellung der Frauen zu den Gewerkschaften. Wie können die Frauen neben der Berufstätigkeit Zeit für ihre geistige Fortbildung gewinnen? Zivilehe. Religionsfreiheit. Trennung der Kirche vom Staate. Militarismus. Judenfrage. Verbot der Nachtarbeit für Frauen und andere Maßnahmen des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes. Reorganisation der Gewerbeinspektion. Mutterschaftsversicherung. Die rechtliche Vormundschaft des Ehemannes über die Ehefrau. Zwang der Bodenkultur für Grundbesizer. Heime für schutzbedürftige Kinder. Die Rechtlosigkeit der unehelichen Kinder. Die Tätigkeit der Genossinnen in den Kinderverbänden( Jhanneliitto", das ist die Verbände unserer Hoffnungen). Proletarische Erziehung. Erziehung der Jugend zur Abstinenz. Diese allzu reiche Tagesordnung konnte nur dadurch erledigt werden, daß die einzelnen Fragen an fünf besondere Ausschüsse verwiesen wurden, die der Kongreß wählte. Die Ausschüsse legten nach eingehender Erörterung der Fragen dem Kongreß ihre Reso lutionen vor. Den Resolutionen entsprechend erklärte sich der Kongreß unter anderem für die Einführung des gesetzlichen Schulzwanges und empfahl der sozialdemokratischen Partei, für die Erörterung mo derner Erziehungsfragen Sorge zu tragen und dafür einzutreten, daß die Kommunen mit Unterstützung des Staates Heime errichten, in denen schutz- und erziehungsbedürftige Kinder und auch fürforgebedürftige Mütter Unterkunft finden können. Den proletarischen Müttern machte es der Kongreß zur Pflicht, ihre Kinder in der sozialistischen Weltanschauung zu erziehen und sie dadurch für den Klassenkampf vorzubereiten. Die Kinder unbemittelter Eltern sollen die Volksschulen auf öffentliche Kosten besuchen können. Die Kinder sollen zur Abstinenz erzogen werden. Verbot der Erwerbsarbeit schulpflichtiger Kinder. Der Kongreß sprach sich ferner für um fassenden gesetzlichen Schuß der Arbeiterinnen aus, für das Verbot der Nachtarbeit, die nur in Unternehmen zulässig sein soll, wo der Betrieb aus technischen Gründen auch nachts weitergeführt werden muß. In diesem Falle dürfen jedoch nur erwachsene Männer be schäftigt werden. Er forderte eine wirksame Gewerbeaufsicht. Was die brennende Agrarfrage anbelangt, so erklärte sich der Kongres zunächst für den Kulturzwang, das heißt bie gesetzliche Verpflich. tung für jeden Grundbesizer, seinen Boden selbst in Anbau zu nehmen oder ihn an andere zur Bestellung zu verpachten. Die Ge nossinnen sollen bei ihrer Agitation Anhänger für diese Reform werben, damit die Vertreter des Proletariats im Landtag mit einem dies 102 Die Gleichheit bezüglichen Antrag durchdringen. Der Kongreß sprach die Erwartung aus, daß die Partei die Forderung der Mutterschaftsversicherung zu einem Punkte des Reformprogramms erheben und für ihre Verwirklichung in Staat und in den Kommunen eintreten werde. Der Militarismus wurde als die stärkste Stüße des zarifchen Regimes und der Bourgeoisie gebrandmarkt, denn er soll die Ausbeutung und Unterdrückung des Volles aufrechterhalten. Daher sollen die Genofsinnen im Heim wie in der Öffentlichkeit eine eifrige antimilitaristische Propaganda betreiben. Gegenwärtig haben sie im Einklang mit der sozialdemokratischen Partei für die allgemeine Boltsbewaffnung, für die Einführung der Milis einzutreten. In der Frage der Ehereform kam es nicht zu einer Einigung der Delegierten. Die Mehrheit war für die Einführung der obligatorischen Zivilehe mit amtlicher Registrierung, während die Minderheit die Auffassung vertrat, die öffentlichen Gewalten dürften sich um die Ehe als um eine reine Privatangelegenheit nicht fümmern, ihre Schließung und Lösung sei Sache der einzelnen und keinerlei staatliche Vorschriften dürften in dieser Beziehung die persönlichen Freiheiten beschränken. Der Kongreß verlangte volle rechtliche Gleich ftellung der unehelichen mit den ehelichen Kindern. Er anerkannte die Notwendigkeit, eine Zentralstelle für die gewerkschaftliche Arbeit der Genossinnen und für die Agitation unter den Arbeiterinnen zu schaffen, betonte aber, daß die Errichtung einer solchen Stelle Sache der Gewerkschaftsinstanzen sein müsse. Bezüglich der Agitation gelangte der Kongreß zu dem Schlusse, daß die mit ihr beauftragten, vom sozialdemokratischen Arbeiterinnenverband unterhaltenen felbständigen Organisationen der Genossinnen eingehen und daß ihre Tätigkeit der Leitung der gesamten sozialdemokratischen Partei übertragen werden solle. Die Organisationen und zwar sowohl die Frauenvereine wie die Seftionen der weiblichen Mitglieder in den allgemeinen Parteiorganisationen sollen bestrebt fein, Mittel aufzubringen, um den unbemittelten Genossinnen den Besuch der Parteischule zu ermöglichen. Die Tagung empfahl den Arbeiterinnen, zur Erweiterung ihres Gesichtskreises auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet die Parteiversammlungen eifrig zu besuchen und innerhalb der Organisationen Leseklubs zu bilden und besondere 8usammenkünfte zu veranstalten, die die Genossinnen mit dem Parteiprogramm gründlich vertraut machen sollen. Nach wie vor haben die Genossinnen in den Organisationen wie in der Öffentlichkeit für ein Gesetz zu agitieren, das den Verkauf von Alkohol verbietet. Der Kongreß forderte volle Religionsfreiheit und Trennung der Kirche vom Staate. Er bedauerte die rechtlich traurige Stellung der Juden in Finnland und heischte für sie gleiche Rechte mit den übrigen Bewohnern des Landes. 1 An der Tagung nahmen 45 Delegierte teil, die von 40 Organi fationen entsendet waren. Sie schloß unter den Klängen der Internationale. In den Vorstand wurden gewählt die Genossinnen: Pärsfinen, Sillanpää, Lehtinen, Riwetäs, Kiwilahti, Merijärvi und Aalle. M. M., Helsingfors. Frauennot und Frauenarbeit im Mittelalter.* Das Gerede von der guten alten Zeit" wird bekanntlich auch auf dem Gebiet der Frauenfrage durch die historische For schung mehr und mehr Lügen gestraft. Wir wissen heute, daß die Frauenfrage als wirtschaftliche Frage, als Lebensfrage für einen großen Teil der Frauenwelt auch im städtischen Mittelalter eine große Rolle gespielt hat, in jener Epoche also, die die reaktionären bürgerlichen Moralisten gerade was die Stellung und Wertung der Frau anbetrifft als wohlgeordnet und ideal bezeichnen. Professor Bücher und viele andere haben das Vorhandensein einer Frauenfrage im Mittelalter schlüssig bewiesen. So schreibt der bekannte Kulturhistoriker Lamprecht zum Beispiel:„ Nie ist die Frauenfrage brennender gewesen als in den Städten des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts." Die Hansischen Geschichtsblätter haben vor einiger Zeit einen sehr gediegenen Aufsatz über die Frauenfrage in der mittelalterlichen Stadt Lübeck veröffentlicht. Auf ihn und auf Büchers Studie über die Frauenfrage im Mittelalter stüßen sich die folgenden Darlegungen. * Vergleiche zu der Frage: Französische Arbeiterinnen im dreizehnten, fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert"," Gleichheit" Nr. 18, Jahrg. 1901. Nr. 7 Bekanntlich ist die Frage der Ehelosigkeit von Bedeutung für die Frauenfrage. Nun werden heute in Deutschland zwar mehr Knaben als Mädchen geboren; nach dem„ Statistischen Jahrbuch" fament 1909 auf 106,3 Knaben 100 Mädchen; aber zwischen dem Alter von zwanzig und dreißig Jahren tritt ein Umschlag ein. Von hier an erhält das weibliche Geschlecht das numerische Übergewicht, 1905 entfielen auf 1000 Männer 1029 Frauen. Der Überschuß an Frauen macht das schöne Wort:„ Die Frau gehört an den Herd des Hauses" zu einem wirtschaftlichen Nonsens. Der Überschuß an Frauen war im Mittelalter noch stärker als heute. In dieser Tatsache liegt ein erster Grund dafür, daß die Frauenfrage im Mittelalter brennend war. In Nürnberg entfielen im Jahre 1449 beispielsweise auf 1000 Männer 1207 Frauen. Bei den Frankfurter Juden stellte sich um dieselbe Zeit das Verhältnis gar wie 1000 zu 1400. Das Schlagwort:„ Das Haus ist die Welt der Frau" hatte also für das Mittelalter noch weniger Berechtigung als für heute. Das Übel des großen Frauenüberschusses wurde noch durch die Tatsache verstärkt, daß im Mittelalter die Männer durch weg weniger heirateten als heute. Sie hatte ihre ganz besonderen sozialen Gründe. Die ewig wandernden Kaufleute famen, wenn überhaupt, so erst sehr spät zum Heiraten. Unter 187 Bergenfahrern( hanseatischen Kaufleuten, die nach Bergen in Norwegen fuhren), die ein Teftament abfaßten, hatten nur 82 eine Frau, also nicht die Hälfte. Daß ein Handwerksgeselle, der bei seinem Meister wohnen mußte, sich verheiratete, war sehr selten. Und wie schwer es später den Gesellen gemacht wurde, Meister zu werden, weiß man zur Genüge. Zu alledem kommt die große Zahl der Geistlichen, die nicht heiraten dursten. Als Geistliche hat man aber nicht nur die amtierenden Kleriker zu rechnen, sondern den ganzen Schwarm von Welt und Klostergeistlichen, von Vifaren und Kuraten. Aber auch viele Stadtbeamte( im fünfzehnten Jahrhundert in Lübeck zum Beispiel alle Stadtschreiber) waren geistlichen Standes. Um 1500 fann man für Lübeck bei einer Gesamteinwohnerzahl von 25000 Menschen über 400 Geistliche, das heißt 1,6 Prozent rechnen. Heute hat es etwa 95 000 Einwohner mit 21 Geistlichen, das macht 0,02 Prozent. Frankfurt hatte 2,50 Prozent Geistliche, Nürnberg 2,23 Prozent. Daß diese gegen heute sehr große Zahl der Zölibatäre( Ehelosen) den unverheirateten Frauenüberschuß verstärkte, liegt auf der Hand, fie trug zur Verschärfung der Frauenfrage des Mittelalters bei. Was hat das Mittelalter für seine vielen alleinstehenden Frauen getan? Bei der Antwort auf diese Frage wird meistens auf die große Anzahl von wohltätigen Stiften, Klöstern, Beginenhäusern und dergleichen verwiesen. Sie haben die Frauennot gewiß ein wenig gelindert, aber sie nicht beseitigt, die mittel alterliche Frauenfrage nicht gelöst. Die Forschungen haben ergeben, daß die Frauen allen städtisch- zünstlerischen Ordnungen und Anschauungen zum Troß sich aus ihrer wirtschaftlichen Not einen Ausweg durch Erwerbsarbeit gesucht haben, die eine große Ausdehnung annahm. Die Frauen drangen in viele zünftige Handwerke ein, und es gab solche- besonders im Textilgewerbe, wo ihre Zahl größer als die der tätigen Männer war.„ Das Recht"-zu dieser marristischen Auffassung muß sich der bürgerliche Historifer bequemen-„ hat dem Drucke der ökonomischen Tatsachen nicht standzuhalten vermocht." Die berufstätigen Frauen waren in zünftigen Handwerken teils selbständig, teils unselbständig, also teils Meisterinnen, teils Arbeiterinnen. Weibliche Meister" find zum Beispiel auf Grund der läbischen Zunftrollen nachgewiesen bei den Badern, Bäckern, Barbieren, Bernſteindrehern, Brauern, Fischhändlern, Goldschmieden, Kistenmachern, Leinwandhändlern, Lohgerbern, Rade machern, Rußfärbern, Senklern( Schnallenmachern) und Schneidern. Weiter wurden auch zünftige Lehen an Frauen vergeben; so war 1667 neben zwei männlichen auch ein weiblicher Perlsticker mit den perlen Gränzen und Kröhnchen verlehnt". Außerhalb der Zünfte kam die erwerbstätige Frau noch häufiger vor. Viele Frauen waren Schenkwirtinnen(„ Krogerschen", von„ Krug"!). Freilich müssen sie nicht von der besten Nr. 7 Die Gleichheit Art gewesen sein, denn laut den Akten mußten sie sehr oft Strafe bezahlen. Das Amt des Ratstuchenbäckers scheint im fünf zehnten und sechzehnten Jahrhundert stets von Frauen ver waltet worden zu sein. Auch die Stadtwage von Lübeck ist 1453 an die Witwe Mette Wulfes verlehnt worden. Lehre rinnen scheint es seit langem gegeben zu haben, denn 1551 wird dies Recht bestätigt mit dem Vermerk, wie das„ vann olders her üblich gewesen sei. Die Schulmeisterinnen waren teils Bürgerstöchter, teils Handwerker- und Seemannsfrauen. 1512 unterrichteten in Lübeck zum Beispiel 3 Holländerinnen. Es kam sogar vor, daß Frauen Wachtdienste taten. Zum Beispiel Frau Agnes de Krouwelsche, quae custodit municionem et turrim civitatis( das heißt:„ die Turm und Festung der Stadt bewachte"). Daß es im Mittelalter Ärztinnen gegeben hat, ist schon lange bekannt. In Frankfurt a. M. sind zwischen 1389 und 1497 nicht weniger als 15 Arztinnen von Bücher mit Namen nachgewiesen worden, darunter 4 jüdische. Um dieselbe Zeit gab es in Lübeck nur eine Ärztin, namens Barbara. An Verdienst scheint es ihr nicht gefehlt zu haben; als sie kurz vor ihrem Tode ein Dar lehen von 900 Mt. aufnahm, fonnte sie einen ansehnlichen Gold- und Silberschmuck zum Pfande sezen. Sehr ausgedehnt war die Frauenarbeit in der Hökerei und Krämerei. Nach früherem Rechte waren die Frauen nur sehr beschränkt handlungsfähig, das heißt sie durften nur mit Zustimmung ihrer rechtlichen Vormünder verkaufen, verschenken usw. Auch in dieser Beziehung sprengte die wirtschaftliche Not das alte Recht, und bereits um 1300 wurden die Frauen den Männern hierin gleichgestellt. Was den Familienstand der gewerblich selbständigen Frauen anbetrifft, so handelte es sich durchaus nicht nur um Witwen, die nach der Zunftordnung das Geschäft ihres Mannes fortsetzten. Vielmehr gab es auch ledige Meisterinnen sowie Ehefrauen, die allein oder mit ihrem Manne oder auch mit Dritten zusammen ein Gewerbe betrieben. Wie wenig die„ Geldheirat" eine Frucht der modernen Zustände ist, und wie sehr gerade im Mittelalter nach wirtschaft lichen Gesichtspunkten geheiratet oder vielmehr verheiratet wurde, das zeigen die Zunftpraxis und die Strafen, die auf„ Neigungsheiraten" ohne Zustimmung der Eltern oder Vormünder gelegt wurden. Nie hat das„ Einheiraten" eine größere Rolle gespielt als in den Zeiten der Zunftordnung. Mädchen, die ihren Eltern in puncto Heirat nicht gefügig waren, gingen schon nach dem ältesten Stadtrecht in Lübeck aller ihrer Habe bis auf die selbstverfertigte Kleidung verlustig. 1467 flagte ein Kaufmann namens Kersten Walbome gegen einen anderen namens Eler Spete, weil dieser ihm seine Schwester„ tor he gelovet"( zur Ehe angelobt), aber sein Versprechen nicht gehalten hatte. Nach langem Streite gab er sich mit einer Entschädigung von„ dre syden speckes unde ene mark Lub"( das heißt drei Speckseiten und einer Mark Lübsch= 30 Mt. heu tigen Geldes) zufrieden. Doch zu den erwerbstätigen Frauen zurück! Bisher war nur von selbständigen Meisterinnen die Rede. Neben ihnen gab es eine große Anzahl weiblicher Gesellen und Lehrlinge. Golche, megede"( Mägde) sind bei den Badern, Bernsteindrehern, Malern und Nädlern nachweisbar, vor allem aber fanden sie bei den Haardecken- und Lakenmachern und den Leinewebern als Spinnerinnen und Weberinnen Beschäftigung. Soviel über die Arbeitsgelegenheiten, die das mittelalterliche Lübeck seinen alleinstehenden Frauen bot. Wie man sieht, war die Arbeitsgelegenheit mannigfaltig, und angesichts mancher Berufe, die der Frau im Mittelalter offen standen, fann man nicht umhin, jener Zeit eine größere Vorurteilslosigkeit zu zuerkennen, als man sie heute in großen Kreisen findet. Werfen wir zum Schlusse noch einen furzen Blick auf die vielen Versorgungsanstalten, die alleinstehende Frauen auf nahmen. Es muß da zuerst betont werden, daß sie im allgemeinen nur für die weiblichen Angehörigen der wohlhabenden Bürger in Betracht kamen. Die Mädchen und Frauen der ärmeren Handwerker und der Bevölkerungsschichten, die man als das städtische, handwerkliche Proletariat bezeichnen könnte, 103 stellten das größte Kontingent zu der Zahl der berufstätigen Frauen, von denen eben die Rede war. Sie konnten wegen mangelnder Mittel keine Aufnahme in die angeseheneren Anstalten finden. Mußte doch zum Beispiel Marquard Volkesdorf 1376 für die Aufnahme seiner Tochter Elisabeth in das Johanniskloster bei Lübeck nicht weniger als 20000 Mt. heutigen Geldwertes bezahlen. Minderbemittelten tam der Eintritt billiger, aber durchschnittlich doch immer noch auf 3000 bis 4000 Mt. Viele Mädchen wurden gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt. Wer hat nicht schon eines von den wunders schönen Nonnenliedern gelesen, die der Stimmung dieser Unglücklichen entsprangen? Nicht streng firchlichen, aber doch auch geistlichen Charakter trugen die vielen Spitäler für alte Frauen, wie sie jetzt noch hier und da erhalten sind. Eigens zum Zwecke der Versorgung alleinstehender Frauen sind die weltlichen Beginenhäuser gestiftet worden. In Straßburg gab es 60 solcher Konvente", wie man sie nannte, mit 700, und in Frankfurt a. M. 57 mit etwa 300 Beginen. Einige Frauen fanden auch in Männerklöstern Unterkunft. Die Dominikaner in Lübeck hielten sich eine„ Martha" und hatten außerdem ein Separathaus mit mehreren Kammern für alleinstehende Frauen. In Lübeck waren 600 Frauen in Klöstern, Spitälern, Konventen usw. untergebracht. Wie groß die Schar der arbeitenden Frauen in Lübeck war, steht nicht genau fest. Sie hat sicherlich weit über 1000 betragen. Zieht man in Betracht, daß viele Insassinnen der Klöster, Beginenhäuser usw. gewerblich tätig waren, so darf man sagen, daß die sehr große Mehrzahl der alleinstehenden Frauen auch im Mittelalter sich durch ihrer Hände Arbeit nährte. Freiwild. K. Mit dem Kampfe, den die deutsche Bühnengenossenschaft gegen die im Bühnenverein organisierte Theaterkapitalmacht aufgenommen hat, ist endlich ein frischer Windhauch in die seit Jahrhunderten stagnierende Sumpfatmosphäre des deutschen Theaterelends gedrungen. Nie vorher hat die Öffentlichkeit so viel über die Korrups tion im Theaterleben erfahren als in jüngster Zeit. Sogar der Minister des Innern hat sich endlich genötigt gesehen, von dem Elend der Bühnenfünftler aftenmäßig Kenntnis zu nehmen. Ein ministerieller Runderlaß an die Regierungspräsidenten forderte Berichterstattung über die Notwendigkeit einer Reges lung der Arbeitsverhältnisse, der bei Theaterunternehmungen tätigen Personen. Daraufhin sind Berichte in großer Zahl eingegangen, welche die Berechtigung der Notschreie aus Schauspielerkreisen vollauf bestätigen. Erwähnt sei ferner eine Debatte im Neuen Weg", dem Organ der Bühnengenossenschaft. Sie beschäftigte sich mit dem schmählichen Paragraphen des neuen Bühnenvertrags, nach welchem außereheliche Schwangerschaft den Theaterunternehmer zur sofortigen Entlassung berechtigt. Demgegenüber wurde unter anderem die Gründung einer Mutterschaftskasse vorgeschlagen, die alle hilfsbedürftigen Mütter unterstützen soll, gleichviel ob sie ehelich oder unehelich gebären würden. Von anderer Seite wurde dieser Vorschlag mit der absurden Motivierung be kämpft, daß eine Mutterschaftskasse den Schauspielerinnenstand ,, auf einen intellektuellen und sittlichen Tiefstand festnagele". Man sollte meinen, daß der sittliche Tiefstand des Schaus spiclerinnenstandes durch ganz andere Tatsachen bedingt wird. Es ist doch nicht zu leugnen, daß es kaum einen anderen Frauenberuf gibt, in dem die Prostitution so sehr als etwas Selbstverständliches gilt, wie in dem der Bühnenkünstlerin. In zwei Artikeln in Nr. 14 und 18 der„ Gleichheit", Jahrgang 19, in denen die Notlage des Bühnenproletariats eingehend erörtert wurde, ist bereits furz darauf hingewiesen worden, wie verhängnisvoll gerade dem weiblichen Teile desselben die Aus beutungspraktiken der Theaterunternehmer geworden sind. Die große Zahl der sich prostituierenden Elemente hat dem Ansehen des ganzen Schauspielerinnenstandes so schwer geschadet, daß männliche und weibliche Spießbürger mit dem Worte Schau 104 Die Gleichheit spielerin ohne weiteres den Begriff eines unfittlich lebenden, käuflichen Weibes verbinden. Selbst heldenhaftester Widerstand gegen all die zahllosen Versuchungen, die der Bühnenberuf mit sich bringt, schützt die Jüngerin der Kunst nicht davor, mit jenen anderen in einen Topf geworfen zu werden. Weshalb also darben und hungern, sagt sich da so manche, wenn es mir trotzdem nicht geglaubt wird, daß ich ein anständiges Mädchen bin? Sie steht die Skrupellofen auf der ganzen Linie trium phieren, in Glanz und Lurus leben und dank der Toiletten pracht, die sie sich auf Rosten ihrer Verehrer leisten können, mühelos zu Erfolgen gelangen, die der talentvollen, aber armen und ehrenhaften Künstlerin meist zeitlebens versagt bleiben. Unter den zahlreichen Broschüren, die sich in neuester Zeit mit den Mißständen im Theaterwesen beschäftigten, wird die fittliche Fäulnis im Bühnenleben am rücksichtslosesten von der Schrift beleuchtet: Prostitution beim Theater" aus der Feder des ehemaligen Hofschauspielers Vollrath v. Lepel. ( Zürich, Verlag Volkswort.) Der Verfasser scheidet die Prostitution beim Theater in zwei Gruppen. Der erften gehören diejenigen weiblichen Bühnenmitglieder an, die bei den fast durchweg üblichen geringen Gagen die an sie gestellten Toilettenansprüche nicht erfüllen können, ohne sich preiszugeben. Der Bühnenvertrag verpflichtet sie unter allen Umständen zur eigenen Anschaffung aller Toilettenrequisiten. Kann eine Schauspielerin den Wünschen der Direktion und des Publikums in bezug auf Eleganz der modernen und Echtheit der historischen Kostüme nicht nachkommen, so hat sie die Wahl, entlassen zu werden oder aber sich zu verkaufen. An zahlungsfähigen Bewerbern aus der jungen und alten Lebewelt pflegt es der Bühnenkünstlerin nicht zu fehlen. Es gibt sehr viele Theaterdirettoren, die bescheidene Vorstellungen über die Niedrig feit der Gagen mit dem mehr oder weniger deutlichen Hinweis darauf abtun, daß der Marktwert einer Frau steige, wenn sie Gelegenheit habe, sich auf der Bühne zu zeigen. Diese Tat fache wird häufig von Rokotten benutzt, um den Bühnenberuf als Deckmantel für ihr eigentliches Gewerbe, die Prostitution, zu benutzen. Diese unlauteren Elemente bilden nach Lepel die zweite Gruppe innerhalb der Theaterprostitution. Sie werden an den Pflegestätten der deutschen Schauspielkunst nicht nur gelitten, sondern von der Direktion sogar gern gesehen, denn diese, Auch- Künstlerinnen" vermögen allen Garderobeansprüchen zu genügen und nehmen mit der kleinsten Gage vorlieb oder verzichten ganz auf eine Honorierung ihrer natürlich überaus fragwürdigen Bühnenleistungen. Es gibt sogar Stadttheater, die solchen Kräften monatliche Gagen von 20 bis 30 Mt., so genannte Suftentationsgagen zahlen. Es ist bezeichnend für bie Auffassung unserer bürgerlichen Stadtverwaltungen von der Schaubühne als moralischer Anstalt", daß sie solchen offenbaren Schmutzereien stillschweigend ihren Segen geben... So ist es dahin gekommen, daß die Bühnenkünstlerin als Freiwild gilt, als willkommene Beute für die Lüfte aller derer, die ihr nügen oder schaden können. Vom Theateragenten angefangen bis zum Direktor und Intendanten, ja auch von Preßrezenfenten werden die schamlosesten Ansiunen an die Schauspielerin gestellt. Der Weg zum Engagement, zum Erfolg führt die Künstlerin nur zu häufig durch die Schlafzimmer dieser ihrer Ausbeuter. Dann kommt das große Heer der Mäzene", der Förderer weiblicher Bühnentalente" an die Weihe.... Lepel bringt aus seiner langjährigen Bühnentätig teit eine Fülle von Belegen für die Prostitution beim Theater, so daß den Leser unüberwindlicher Efel erfaßt über den schänd lichen Schmutz, der im Zeitalter des Kapitalismus von der Ausübung einer hehren und begeisternden Kunst unzertrennlich scheint. Wie aus diesem Sumpfe herauskommen? Lepel fordert in erster Linie gesetzliche Regelung der Lohnverhältnisse beim Theater. Der Reingewinn der Bühnenleiter, der sich oft auf Behntausende beläuft, sei leicht festzustellen. Nicht lebensfähige Bühnen müßten behördlich geschlossen werden. Und dann eine Generalfäuberung der bestehenden Kunstinstitute. Mit eisernem Besen müßte da allerdings gekehrt werden. Rücksichtslos! Weg Nr. 7 mit den Intendanten und Direktoren, welche die schamloseste Prostitution an ihren Theatern dulden und unterstützen und dadurch die Achtung vor dem Künstlerstande beeinträchtigen, weg mit den Agenten, welche nur unter gewissen Bedingungen den weiblichen Bühnenmitgliedern Engagements vermitteln, und weg vor allem mit dem Dirnentum am Theater!" Zur Durchführung fast aller dieser Forderungen gehört unseres Erachtens der Ausbau der jungen Organisation ber Bühnenkünstler zu einer fampfgerüsteten Macht, die den Wün schen jener nach gerechter Honorierung und würdigen Bedingungen für ihre Tätigkeit Rückhalt gibt und sie gegen eine brutale Kapitalmacht durchzusehen imstande ist. Der geniale Tondichter Richard Wagner, der wie kaum ein zweiter unter den Großen der Kunst die Abhängigkeit des Künstlers vom Kapital zähneknirschend empfand, hat das Wort gesprochen, daß der Kunstbrotgeber der eigenwilligste, grausamste und schmutzigste aller Kapitalisten sei. Gewiß ein wahres Urteil. Das Theater, das eine der feinsten Blüten unserer Kultur sein sollte, ist vom Kapitalismus zu einem nackten Geschäftsunternehmen degradiert worden, das lediglich für den Luxusbedarf der Zahlungsfähigen produziert. Ihre wahre Bestimmung als edles Volksbildungsmittel wird die Schaubühne erst dann er füllen können, wenn sie der kapitalistischen Auswucherung ent zogen in reinen und gesunden Verhältnissen der Kultur der Gesamtheit dient. 1, Kt Neujahrsbetrachtung einer Arbeiterin. " Die Jahre rollen!" Diese Worte las ich einst irgendwo. Trah ihrer Schlichtheit machten sie einen tiefen Eindruck auf mich. Die Jahre rollen!" Für die einen wie die Kugel, die auf glatter Bahn pfeilschnell und leicht dahinfliegt. Für die anderen wie der Güterzug, dessen lange Wagenkette unter eintönigem Gepolter an uns vorübersaust. Nur das Äußere unterscheidet hier und da die Waggond etwas voneinander; sie dienen demselben Zwecke, sie werden durch die gleiche Kraft bewegt und streben alle einem Biele entgegen. Das Leben vieler Arbeiterinnen gleicht dieser verkörperten Ein tönigkeit. Die einzelnen Jahre ihres Daseins rollen ebenso düster, öde und gleichmäßig polternd dahin wie die Wagen des Güterzugs. Krankheit und Arbeitslosigkeit verschärfen zeitweise die alltägliche Not, aber jahrzehntelange Gewöhnung hat Tausende unserer Klassengenoffinnen dagegen schon so abgeftumpft, daß sie es kaum mehr empfinden. Meist ist es nur der Grad des Elends, der die Lebensjahre der Arbeiterin äußerlich voneinander unterscheidet. Das Wesentliche: das Elend selbst bleibt. Auch sonst gleichen die Jahre für die Arbeiterin einander wie die Waggons des Güterzugs. Sie dienen alle einem Zwecke: durch fleißiges Mühen muß den Kapita listen Profit geschaffen werden. Jahraus jahrein werden die Ar beiterinnen von derselben Kraft zur Arbeitsstätte geführt: von dem Trieb zum Leben. Die Arbeit füllt das Leben der Proletarierin meist völlig aus. Der karge Lohn genügt oft nicht einmal zur Befriedigung der aller. nötigsten Lebensbedürfnisse. Da bleibt feine Zeit, da bleiben feine Kräfte, keine Mittel für die Güter der Kultur, für geistiges Genießen übrig. Die Arbeit in Fabrik oder Kontor stumpft das Dentvermögen ab, denn sie überanstrengt Körper und Geist durch ihre lange Dauer und wird infolge ihrer Einförmigkeit ohne jedes Interesse ver richtet. Ärger und Mißmut find ständige Begleiter der Arbeite rinnen; fie bringen jenes eintönige Gepolter in ihr Leben hinein, daß den Güterzug begleitet. Die Jahre rollen!" " Alles Große außerhalb der Fabrik und der kahlen vier Wände läßt die Arbeiterinnen talt, die ihren Anschluß an ihre fämpfenden Schwestern und Brüder noch nicht gefunden haben. Die Geister regen sich allenthalben, um der Natur ein Geheimnis nach dem anderen abzuringen, um ihre Kräfte dem winzigen Menschen immer mehr untertan zu machen. Jene Arbeiterinnen fümmert es nicht. Millionen über Millionen sammeln sich in wenigen Händen. Jene Frauen und Mädchen darben und zucken die Achseln:„ Wir tönnen es nicht ändern!" Gesetze und Einrichtungen werden geschaffen, die von Einfluß auf das Wohl und Wehe der Arbeitenden und Unterdrückten sind. Auch das bewegt jene Armen nicht. Willenlos laffen sie das Haupt sinten:" Es war immer so, wie es ist, und es wird immer so bleiben!" Aber dem ist nicht so! Die Armen im Geiste lassen sich durch den Schein betrügen! Eine verwerfliche Gesellschaftsordnung ver Nr. 7 Die Gleichheit weigert ihnen das Wissen, das nötig ist, um die hinter dem trügerischen Scheine verborgene Wirklichkeit zu erkennen. Klarheit über die Zusammenhänge in der Gesellschaft, Klarheit über die treibenden Kräfte und die Richtung ihrer Entwicklung, Klarheit vor allem über Stellung und Bedeutung der eigenen Klasse in der Produktionsund Gesellschaftsordnung das ist es, wessen sie bedürfen. An die Stelle blinden Glaubens an das, was ist, hat das Wissen zu treten, warum es so ist, und warum und wie es anders werden muß. Dieses Wissen läßt die Arbeiterinnen erkennen, daß der Bau der Gesellschaft auf den Schultern der Arbeiterklasse ruht. Ihrer Hände Wert sind die sich häufenden Reichtümer, ihre Arbeit schafft die materielle Grundlage für die Fortschritte der Wissenschaft und Kultur. Die Arbeiterklasse selbst aber steht entbehrend zur Seite. Kommt der Arbeiterin die Bedeutung ihrer Klaffe für den Bestand und die Entwicklung der Gesellschaft zum Bewußtsein, so weiß sie auch, daß das Proletariat die Kraft besitzt, die gegenwärtige Ord nung umzugestalten, wenn die Zeit erfüllet ist". Damit tritt an die Stelle demutvoller Ergebung in ein scheinbar unabänderliches Schicksal das bewußte Streben nach Einfluß auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Zustände. Alle Vorgänge und Einrichtungen des öffentlichen Lebens erscheinen jetzt wichtig und beachtenswert. Sie werden daraufhin geprüft, ob sie dem Inter esse der Ausbeutenden oder der Ausgebeuteten dienen. Die Arbeiterin, die zum Bewußtsein ihrer Klaffenlage gelangt ist, hält Umschau nach Waffen für die Verteidigung ihrer Interessen, sie wird die tatkräftige Kampfesgefährtin des zielklaren Proletariers, der seine Befreiung erstrebt. Dadurch wird das Leben reich an geistiger Anregung, an höherem Gehalt. Tag für Tag wird die Arbeiterin von neuen Gedanken bestürmt. Ihr Leben hört auf, dem eintönig und polternd dahinrollenden Güterzug zu gleichen. Es wird bewegt wie das Meer mit seiner Ebbe und Flut, seinen Wogen und Brandungen. Wohl ist das Leben der Arbeiterin draußen im Kampfe beschwerlich und opferreich. Aber was tut das? Der Kampf um die höchsten Ziele der Zeit, der Menschheit weckt alle geistigen und sittlichen Kräfte und bringt sie zum Blühen und Reifen. Er erhebt über die Not des Tages. Entschädigt das nicht reichlich für die Mühen, die Opfer, die das Leben im Kampfe um das Recht unserer Klasse mit sich bringt? Ist ein solches Leben dem Dahinvegetieren in geistiger Trägheit nicht vorzuziehen? Darum mögen die Arbeiterinnen um das Wissen ringen, dessen sie benötigen, um jenes Leben des Rampfes leben zu können, es ist das Wissen, das ihnen die Macht gibt, die kapitalistische Gesellschaft zu überwinden. Es ist eine Waffe, die sie den Händen der Gegner entreißen müssen. Dies Ziel vor Augen, mögen die Arbeiterinnen rustig und hochgemut dem neuen Jahre entgegenschreiten. Hoffnungsfreude, kühner Mut und klarer Blick seien ihre steten Begleiter. Anderer Schutzgeister" bedürfen sie nicht. Wenn Kämpfe sie umbrausen und Gefahren sie bedrohen, so dürfen sie nicht vergessen, daß das Schiff ihrer großen Sache am schnellsten im Sturm ſegelt. Es leite sie das Wort: Empor zum Licht! R. S., Berlin. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im niederrheinischen Agitationsbezirk war die Unterzeichnete vom 6. November bis 6. Dezember tätig. Versammlungen fanden statt in Hagen, Haßlinghausen, Haspe, Oben, Ratternberg bei Solingen, Wald, Gräfrath, Brucks hausen, Alstaden, Mülheim a. Ruhr, Gerresheim, Rheydt, Neuß, Obertassel, Benrath, Mörs, Rheinhausen, Pletten berg, Essen, Essen- Krey, Lüdenscheid, Ronsdorf, Radevormwald, Remscheid, Elberfeld, Barmen, Krefeld, ür dingen, Fischeln, Dülten, Goch und Ratingen. Die meisten davon waren als öffentliche Versammlungen einberufen worden, in benen folgende Themata behandelt wurden: Haben die Arbeiter ein Vaterland?"," Die Gewaltpolitit der Scharfmacher in politischer und wirtschaftlicher Beziehung"," Voltsbeschwindelung und Voltsaufklärung". Einige Versammlungen sollten besonders der Aufflärung der Frauen dienen. Hier lautete das Thema:„ Die Frau im Wirtschaftsleben und in der Politit" und" Was müssen die Frauen tun, um die Lage ihrer Familien zu verbessern?" Fast überall erfreuten sich die Veranstaltungen eines guten Besuches. Die neuen Steuern, wie auch der letzte Vorstoß der scharfmacherischen Grubenherren gegen die Bergarbeiter haben in den schwärzesten Winkeln des Rheinlandes Männer und Frauen aufgerüttelt. Ist. es doch leider so, daß die Massen erst durch außergewöhnliche Ereignisse zum Nachdenken gebracht werden. Unseren Gegnern, befonders den Bentrümlern, ist angesichts der Empörung der Arbeiter 105 gegen die verruchte Politik der Herrschenden angst und bange geworden. Sie versuchen alles, um das Volk zu beschwichtigen. Nur das eine lassen sie bleiben: in unseren Versammlungen die Schandwirtschaft zu verteidigen. Hier, wo sie Aug in Auge Rede und Antwort stehen sollten, schweigen fie. Außerordentlich guten Besuch wiesen die Versammlungen in den Orten auf, wo die sozialdemokratische Bewegung noch verhältnismäßig jung ist. So in Bruckhausen, Plettenberg, Radevormwald und Goch. In manchen Parteiorten scheint es großer Aftionen zu bedürfen, damit es lebhaft wird. Hier und da machte sich nach den kaum beendeten Stadtratswahlen auch eine gewisse Versammlungsmüdigkeit geltend. Überall aber waren die Versammlungen vom besten Geiste beseelt. In Barmen trugen die Genofsinnen, die dem Gesangverein an gehören, ein prächtiges Lied vor, das zweifellos die Stimmung er höhte. In Gerresheim befinden sich die bekannten Heyeschen Glasfabriken. Die dort beschäftigten Arbeiter werden vom Kapital besonders hart gefnechtet. Nur selten haben sie den Mut, oft auch nach der schweren Tagesarbeit kaum die Kraft, eine Versammlung zu besuchen. Die Zahl der Versammlungsteilnehmer war in Gerresheim verhältnismäßig klein und viele davon sahen so gedrückt aus, daß es durchs Herz schnitt. Sie zeigten finnenfällig, was bas Kapital fündigt, was es aus den sogenannten„ freien" Arbeitern macht: Sklaven, die sich nur bei den Reichstagswahlen an ihr Menschen- und Bürgerrecht erinnern. Dann bekunden die meisten durch den Stimmzettel, daß sie auf eine Befreiung aus ihrem Jammer hoffen, und daß sie innerlich zur Sozialdemokratie gehören. Leider genügt das nicht. Diese schlecht bezahlten, schlecht wohnenden Lohnsklaven mitsamt den Ihrigen haben alle Ursache, fich offen zur Sozialdemokratie zu bekennen und sich der gewerkschaftlichen wie politischen Organisation anzuschließen. Am selben Tage, wo unsere Versammlung in Ronsdorf stattfand, mußten auch die streikenden Bandwirker tagen. Das wirkte ungünstig auf den Besuch unserer Versammlung ein. Allerdings hatten unsere Genossen in der Streifversammlung auf die öffentliche Veranstaltung hingewiesen und beantragt, die eigene Zagung abzubrechen. Die christlichen Textil arbeiter machten jedoch einen Strich durch die Rechnung; sie stimmten den Antrag nieder. Der mäßige Besuch unserer Versammlung ver anlaßte leider einige Genossen, in der Diskussion Dinge zu erörtern, die wohl die politische Organisation angingen, aber nicht zu einer öffentlichen Besprechung geeignet waren, und die mit der Tagesordnung absolut nichts zu tun hatten. Als der Vorsitzende mahnte, zur Sache zu sprechen und einem Redner das Wort entzog, ent spann sich ein lärmender Streit, und der überwachende Beamte löste die Versammlung auf. So ist die Versammlung, die zur Aufflärung der Frauen dienen sollte, ziemlich nuglos verlaufen, ja manche Teilnehmer hat sie abgestoßen. Von dieser einen Ausnahme abgesehen, nahmen die Versammlungen einen guten Verlauf; überall wurden Mitglieder für die Partei gewonnen. In mehreren Orten fanden vor oder nach der Versammlung noch Sigungen mit der Referentin statt, die Anregungen für die Agitation und Organisation zu geben hatte. Überall geht es vorwärts. Was pfäffischer Geist und die Knute des Kapitalismus auch zur Niederhaltung der Massen tut, die traurigen Verhältnisse, unter denen die Proletarier heute leben, erweisen sich mächtiger als alle raffiniert ausgeflügelten Mittel, die Massen von der Sozialdemokratie fernzuhalten. Wären Regierung, bürgerliche Politiker und die herrschenden Klassen überhaupt nicht so verblendet, so würden sie sich anders zu den Arbeitern stellen. Es ist aber ihr geschichtliches Verhängnis, daß sie verblendet sein müssen. Uns fann es recht sein. Wir bearbeiten gern den von den Gegnern vorbereiteten Boden. Mögen die Herren nur so weitermachen. Sie beschleunigen damit den unabwendbaren Sturz der Klassengesellschaft. Frida Wulff. Agitation in Altenburg und Hannover. Ihr seid nicht reif! Vor allem nicht reif genug für das öffentliche Leben, für die politische Betätigung. Das ist das Lied, das heute noch den prole tarischen Frauen von oben herab in allen Tonarten gesungen und gepfiffen wird. Aber die Wortgespinste verfangen nicht mehr. Denen, für die die Botschaft bestimmt ist, ist der Glaube an die angebliche ,, ewige Norm" längst verloren gegangen. Das Süpplein, das die Wolfsverderber legten Sommer in der Herenküche des Schnapsblocks gekocht haben, hat gar vielen der proletarischen Hungerleider den Geschmack an der" göttlichen" Weltordnung auf immer verdorben. Auch in unseren Frauen erstarkt das kritische Empfinden mehr und mehr. Sie, die jeden Pfennig hundertmal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgeben, empören sich mit vollstem Rechte über die wahnwißige Verschwendung, die im Staatshaushalt mit den blutigen Zinsgroschen der Armen und Armsten getrieben wird. Dabei predigt man ihnen immer noch, ste sollten ihre Interessen lediglich auf Rochtopf und Kinderwiege beschränken und alles andere 106 Die Gleichheit der wohlwollenden Fürsorge der herrschenden Klassen überlassen. Aber eben durch diese Fürsorge", in der schamloseste Voltsauspowerung ihren Ausdruck findet, werden die proletarischen Hausfrauen immer mehr zum Denken und Handeln für die Gemeinschaft ihrer Klasse veranlaßt. Ihre Hausfrauenpflichten haben sich ja bedeutend ver ringert, denn seit dem letzten Steuerraub sind die Kochtöpfe der Arbeiterfamilien nachgerade so leer geworden wie die Köpfe der hinterpommerschen Junker. An ihren Kinderwiegen, die nie ein Sonnenstrahl des Glückes umkost, sitzt die Sorge und singt das eintönige Lied von der Verdammnis unserer Klasse. Die letzten Fäden, die die Familie der Habenichtse noch zusammenhielten, zerreißt die Not mit grausamen Händen. Aufklärung heischend, kommen die proletarischen Schmerzensmütter in unsere Reihen. Die junkerliche Rotte Korah, die, um den eigenen sagenhaften Familiensinn" zu schützen, den Familiensinn der Armen zynisch mit Füßen trat, hat das Letzte getan, um die Frauen aus ihrer Lässigkeit aufzurütteln. Noch nie waren unsere Versammlungen von den Arbeiterfrauen und Mädchen so zahlreich besucht wie in den Monaten seit dem Inkrafttreten der Reichsfinanz, reform". Besonders in den kleinen Orten auf dem Lande usw., wo der Besuch einer öffentlichen Versammlung seitens unserer Geschlechtsgenossinnen bislang als größtes Scheuel und Greuel galt, gärt und brodelt es recht stürmisch unter den Frauen. In Altenburg und Umgebung habe ich in acht Versammlungen das Thema behandelt:„ Die Wirkung der neuen Steuern auf Haushalt und Familienleben". Es gab die Gelegenheit, den Proletarierinnen flar vor Augen zu führen, in welch erbarmungsloser Weise sie in der heutigen Gesellschaftsordnung zertreten und vergewaltigt werden, und wie gerade das System der indirekten Besteuerung den Zersehungsprozeß der proletarischen Familie ungemein bes schleunigt. In allen Versammlungen waren die Frauen sehr start vertreten, besonders in Meuselwig und Schmölln, wo der Befuch im allgemeinen ein außerordentlich guter war. Mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschten die Frauen den Ausführungen und zogen auch zum Schlusse die Konsequenzen daraus, indem sie ihren Beis tritt zur Partei erklärten. In Ronneburg gab es ein kleines Intermezzo. Einer der anwesenden bewaffneten Schutzengel hatte sich auf die dunkle Galerie gesetzt und war allda dem Schlummergott in die Arme gesunken. Er schnarchte bald so fürchterlich, als wollte er die Posaunen von Jericho um ihre Reputation bringen. Der vorsitzende Genosse bat den Herrn, sich fünftig für seine Nachtruhe ein anderes Plätzchen auszusuchen, als eine sozialdemokratische Versammlung. In Pölzig sprach ich in einer Festversammlung der Fabrik arbeiter über die Lage des deutschen Proletariats im allgemeinen und der deutschen Tabatarbeiter im besonderen. Die Arbeitslosig= feit, die als Folge der Erhöhung der Tabaksteuer auftritt, macht sich auch in diesem Orte recht start bemerkbar und droht den Arbeitern und Arbeiterinnen mit der gänzlichen Vernichtung ihrer fümmerlichen Existenz. Kopf an Kopf gedrängt stand die Menge in dem geräumigen Saale, die Hausflur und die Treppe waren bis auf das legte Pläßchen besett. Es ist eine schöne, erhebende Aufgabe für uns, diese Ausgebeuteten, Entrechteten mit Kampfes mut und Zufunftsfreudigkeit zu beseelen, fie aufzurütteln aus der verzweiflungsvollen Ergebung, der sie der Jammer ihrer Lage so leicht anheimfallen läßt. In den Kreisen Hildesheim, Hannover Stadt, Lüneburg und Göttingen referierte ich in zwanzig Versammlungen über die Themata:„ Die Finanzreform und die Frauen"," Die Frau als Stütze des Mannes im wirtschaftlichen Kampfe"," Die Stellung der Frauen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". In Salz detfurth( Kreis Hildesheim), Soltau, Winsen( Kreis Lüneburg) und Borenden( Kreis Göttingen) konnten wir den Grundstein zur Frauenorganisation legen, in fast allen anderen Orten gewann die Partei einen beträchtlichen Zuwachs an weiblichen und männlichen Mitgliedern. In Gronau war die auf den 14. November einberufene Versammlung des Bußtags wegen verboten worden. Sie wurde daraufhin verschoben und nahm einen glänzenden Verlauf. Der dortige Herr Gendarm hat sich bereits in ziemlich weiten Kreisen einen Namen durch die Schnoddrigkeit gemacht, mit der er seine staatserhaltende Tätigkeit auszuüben beliebt. Er sand„ leider" gar feinen Anlaß, seine Schneid zu zeigen. Es zeigt sich überall, daß die Frauenbewegung doch einen raschen Aufschwung nimmt, wo die Genossen es sich angelegen sein lassen, fie wenigstens für den Anfang mit Rat und Tat zu fördern. Da gegen faßt sie schwer Fuß, wo die Genossen aus Saumseligkeit oder Philisterhaftigkeit diese Pflicht vernachlässigen. Dieser Umstand sollte jeden einzelnen anspornen, auch in bezug auf die Frauenagitation so zu handeln, wie er nach den Programmfäßen unserer Nr. 7 Partei zu handeln verpflichtet ist. Wir alle müssen am Werke der Aufklärung weiterschaffen, damit die Millionen deutscher Proletarierinnen recht bald auf das Eiapopeia von oben stolz antworten fönnen: Reif sind wir, unsere Leiden zu klagen, Reif sind wir, unsere Wünsche zu sagen, Reif find wir, euch nicht mehr zu ertragen, Reif, für die Freiheit alles zu wagen. B. Selinger. Der Agitation dienten elf Versammlungen, die vom 3. bis 14. November in der Provinz Posen abgehalten wurden. Sehr erschwert wird hier das aufklärende Wirken der Sozialdemokratie durch den Mangel an geeigneten Versammlungslokalen. Sogar in größeren Städten steht der organisierten, flaffenbewußten Arbeiterschaft zur Beratung ihrer wichtigsten Angelegenheiten nur ein Lokal zur Verfügung, das oft zu klein ist, um eine größere Zahl von Ver sammlungsbesuchern aufzunehmen. So hat nur ein geringer Bruchteil der arbeitenden Bevölkerung Gelegenheit, sich in Versammlungen Aufklärung zu verschaffen. Die Behörde läßt wie die katholische Geistlichkeit ihren ganzen Einfluß spielen, damit der Betätigung der Genossen möglichst viel Schwierigkeiten und Hemm nisse bereitet werden. Aber troß alledem geht es auch in der Provinz Posen vorwärts. In allen Versammlungen referierte die Unterzeichnete über„ Die Steuern und die Frauen". Die Versammlungen in Rawitsch, Schwerin a. W., Posen, Nakel und Kolmar waren sehr gut besucht, in Bromberg war das Lokal so überfüllt, daß der bekannte Apfel nicht zur Erde fallen konnte. Es war den Genossen deshalb auch nicht möglich, unmittelbar nach der Versammlung in der üblichen Weise neue Mitglieder in die Partei aufzunehmen. Trotzdem meldeten sich sieben Personen zum Beitritt. Den größten äußeren Erfolg erzielten wir in Rawitsch und Kolmar. Im ersteren Ort gewann die sozialdemokratische Partei 41 Mitglieder, darunter 30 Frauen. Das Ergebnis dieser Versammlung ist um so höher zu bewerten, als der Wirt auf Veranlassung der Behörden anfänglich nicht zu bewegen war, sein Lokal zu der Versammlung herzuge ben. Erst um 3 Uhr nachmittags, als unsere Genossen einen letzten Versuch machten, das Lokal zu erhalten, gab der Mann seine Zusage. Eiligst galt es nun, die Laufzettel zu verbreiten, da die Versammlung noch an dem gleichen Tage stattfinden mußte. Die beste Antwort auf all diese Schikanen haben die Versammlungsteilnehmer der Behörde durch die Stärkung der Parteiorganisation gegeben. In Kolmar traten 29 Personen der Partei bei, außerdem wurden noch 11 Mitglieder für den Fabrikarbeiterverband gewonnen. In Posen wurden der Partei 12 Mitglieder zugeführt. Auch in allen anderen Orten, so in Schwerin, Birnbaum, Schneidemüht, Schönlante und Lissa wurden neue Anhänger geworben. Eine Ausnahme ist nur für hohensalza zu verzeichnen. Hier konnte wegen zu schwachen Versamm lungsbesuchs bloß eine Besprechung abgehalten werden. Im ganzen hat diese Agitationstour der Sozialdemokratie einen Zuwachs von 130 Mitgliedern gebracht. Die Bewegung marschiert also auch in der Provinz Posen. Johanna Reize. Im Mansfelder Bergbaurevier, wo vor kurzem ein schwerer Kampf zwischen dem ausbeutenden Grubenkapital und den ausgebeuteten Knappen die Geister der Enterbten wachgerüttelt hat, hielt die Unterzeichnete mehrere Versammlungen ab. In Hettstedt war der große Saal dermaßen überfüllt, daß kein Gang frei blieb und Tausende heimkehren mußten. Die Männer hatten große Leitern in den Saal gestellt und sich auf die Sprossen gesezt, so daß prächtige Menschenpyramiden emporragten. Über 2000 Personen, zum großen Teile Frauen, lauschten den Ausführungen der Rednerin. Sie sprach über„ Die wirtschaftliche und politische Stellung der Frau" und fand stürmische Zustimmung, als sie auf die starte und ungerechte Belastung des Arbeitereinkommens durch direkte und indirekte Steuern hinwies. An der Hand von Zahlen zeigte sie, wie die unentbehrlichsten Lebensmittel des Arbeiters, Fleisch, Brot, Kaffee, Salz usw., besteuert und verteuert werden, während viele Vurusartikel der Reichen, Vermögen und Erbschaften steuerfrei bleiben. An den Steuerlasten trägt die Proletarierin ebenso schwer wie der Mann, ganz gleich, ob sie in der Fabrik oder als Heimarbeiterin front, oder aber den Haushalt führt. Darum, so folgerte die Referentin weiter, ist es dringend notwendig, daß die Proletarierinnen sich organisieren, um ihren Männern und Brüdern in der Stunde der Not und des Kampfes als treue Gefährtinnen anfeuernd und helfend zur Seite zu stehen. Die Schmach muß ein Ende nehmen, daß, wie dies leider in manchen Orten noch der Fall gewesen ist, die Frau, Mutter oder Schwiegermutter als Arbeitswillige ihren männlichen Anverwandten in den Rücken fällt. Die Aufforderung, der Partei als Mitglieder beizutreten, wurde von 180 Frauen und 19 Männern sofort beherzigt. Am nächsten Tage schlossen sich ihr beinahe noch hundert weitere Nr. 7 Die Gleichheit Personen an. In Hergisdorf war die Versammlung ebenso start besucht. In Scharen waren die Frauen herbeigeströmt, 65 von ihnen traten der Organisation bei. Lange vor der anberaumten Zeit war der Saal in Ziegelrode überfüllt. Viele der Besucher fanden auch hier keinen Einlaß. Die Partei gewann 80 weibliche Mitglieder. Was Not und Entbehrung nicht fertiggebracht haben, die Frauen aufzurütteln aus ihrer Gleichgültigkeit, um sie ihr Elend, ihre Rechtlosigkeit erkennen zu lassen, das haben die Herren Grubendirektoren mitsamt dem Landrat durch ihr Verhalten gegen die Streifenden erreicht. Besonders hat die Requirierung des Militärs aufklärend gewirkt. Auch die Frauen erfannten, wohin sie gehören, nämlich zur Sozialdemokratie. Die Kapitalisten und die Gewalten des Klassenstaats haben Wind gefät, sie werden Sturm ernten. Die Sozialdemokratie schaut der Entwicklung der Dinge befriedigt zu. Agnes Fahrenwald. Frauenbewegung im Mansfelder Revier. Unser Hallesches Parteiblatt schrieb dieser Tage:„ Nach Beendigung des Streits in Mansfelder Bergrevier, dessen Ausgang allerdings kein vollbefriedigender ist, fanden im ganzen Bezirk große öffentliche Frauenversammlungen statt. In sämtlichen Ortschaften waren die Ver fammlungsräume schon lange vor Beginn der Versammlung überfüllt, und hier und da wurden die Zugänge behördlicherseits abgesperrt. Die Genossinnen Fahrenwald- Berlin, Pollender Leipzig und Sperling- Halle hatten es übernommen, den Manss felder Frauen in klarer und anschaulicher Weise darzulegen, wie dem deutschen Volke durch die immer größer werdenden Lasten der indirekten Steuern das Lebensmart ausgefogen wird. Von unbeschreiblicher Begeisterung erfüllt, tamen all die Frauen, um mit in die Reihen einzutreten, neue Kämpferinnen, neue Streitgenossinnen für Freiheit und Recht zu werden. Es fanden Versamm lungen statt in folgenden Orten: Hettstedt, Alsleben, Hergis. dorf, Ziegelrode, Ermsleben, Helbra, Eisleben, Gerb städt, Erdeborn, Augsdorf, Wolferode, Blankenheim, Bornstedt, Molmeck, Klostermansfeld, Schraplau, Teutschenthal, Leimbach und Ahlsdorf. Das Resultat dieser Versammlungen war die Gewinnung von 1700 Mitgliedern für die Partei. Eintausend siebenhundert Frauen find uns gewonnen, find uns Genossinnen und Schwestern geworden., Glück auf! euch Mansfelder Frauen!" Auch wir begrüßen die neugewonnenen Kampfgenofsinnen auf das herzlichste und wünschen ihrer fleißigen Agitation weiteren, dauernden Erfolg. L. Z. In Potsdam referierte Genossin Zietz über„ Die Frau als politische Kämpferin". Die gut besuchte Versammlung, in der viele Frauen anwesend waren, nahm einen glänzenden Verlauf. Die Referentin schilderte die Entwicklung, welche die Frau immer mehr in das Erwerbsleben drängt und unterstützte ihre Ansichten durch den Hinweis auf die Gewerbezählung von 1907. Das Interesse der Frauen am politischen Leben zeigte sie überzeugend an den Wirkungen der Reichsfinanzreform. So gelangte sie von zwei Seiten zu dem Nachweis, wie notwendig es sei, daß die Frau sich mit Politik beschäftige und zur politischen Kämpferin würde. Als solche bedürfe fie ihrer vollen politischen Gleichberechtigung, für welche in Deutschland die Sozialdemokratie mit allem Nachdruck eintritt. Am Schlusse ihrer Ausführungen, die wiederholt von Beifall be gleitet wurden, mahnte die Referentin zu fortgesetzter Agitation. Eine Aufforderung zum Anschluß an die Sozialdemokratie verhallte nicht ungehört. Sie brachte dem Wahlverein 63 neue Mitglieder, unter denen sich 25 Frauen befanden. Also auch in dieser Hinsicht war die Versammlung ergebnisreich. Frau Kiesel. Das Frauenwahlrecht zu den Gewerbe- und Kaufmanus: gerichten forderten die Genossinnen Berlins am 30. November in sieben Versammlungen. Referentinnen waren die Genoffinnen: Baader, Hoppe, Jhrer, Zieh, Weyl, Wurm und 8ies. In sehr vielen Städten des ganzen Reiches fanden im November Bersammlungen statt, die dem gleichen Zwecke dienten. So sprach in einer überfüllten Versammlung zu Altona Genossin Zieh, Genossin Duncker referierte in Tuttlingen, Genoffin Ihrer in Breslau usw. In allen Versammlungen gelangte diese Resolution einstimmig zur Annahme: Die Gewerbe- und Kaufmannsgerichte sollen für die in der Industrie, im Handel und Verkehr tätigen Personen beider Ge schlechter insofern nugbringend wirken, als sie in den aus dem gewerblichen Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich entwickelnden Streitfällen eine im besonderen Maße des Vertrauens der Beteiligten versicherte und besonders beschleunigte Rechtspflege zu schaffen berufen sind. Durch die geltenden Gesetzesbestimmungen sind aber die Arbeiterinnen und die weiblichen Angestellten von dem aktiven und passiven Wahlrecht für diese Körperschaften ausgeschlossen, da das Recht, Beisitzer zu wählen und als 107 folche gewählt zu werden, nur Personen zusteht, die zum Amte eines Schöffen fähig sind. Durch diese Bestimmungen werden die Frauen auf eine Stufe gestellt mit Verbrechern und geistig nicht Normalen, denn nur diese erachtet man als zum Amte eines Schöffen neben den Frauen nicht fähig. Angesichts der Tatsache, daß Millionen von Frauen und Mädchen selbständig für ihren Unterhalt sorgen und Steuern für Staat und Kommune zahlen müssen, bedeutet die Ausschaltung der arbeitenden Frauen und Mädchen von der Anteilnahme an der Tätigteit für die Gewerbe- und Kaufmannsgerichte eine wirtschaftliche Schädigung und außerdem eine schwere Beleidigung für die Frauen. Die Stellung der Frau im Erwerbsleben berechtigt nicht zu der Annahme, daß die weibliche Bevölkerung zur Vertretung ihrer wirtschaftlichen Interessen geistig nicht qualifiziert sei. Legtere Möglichkeit kann auch für die Regierung nicht der Grund sein, den Frauen das Wahlrecht zu den Gewerbe- und Kaufmannsgerichten zu versagen. War doch dieses Recht für die Arbeiterinnen in dent Gefeßentwurf für die Arbeitstammern vorgesehen. Die Betätigung der Arbeiterinnen in den Krankenkassen, dent einzigen Zweige der staatlichen Versicherungsorganisation, in dem bisher dem weiblichen Geschlecht die Anteilnahme an der Verwaltung zustand, gibt ebenfalls feinen Grund, die Nichtgewährung des Wahlrechts für die Gewerbe- und Kaufmannsgerichte zu rechtfertigen. Was über die Tätigkeit der weiblichen Mitglieder in den Krankenkassen bisher bekannt geworden, läßt im Gegenteil die Gewährung desselben Rechts auch für andere Körperschaften ganz selbstverständlich und geradezu notwendig erscheinen. Die erwerbstätige Bevölkerung in Deutschland protestiert deshalb gegen die bestehenden Gesetzesbestimmungen, die der gesamten erwerbstätigen weiblichen Bevölkerung die Betätigung in den Gewerbe und Kaufmannsgerichten nicht gestatten, und fordert Beseitigung dieser empörenden Ungerechtigkeit, deren Anwendung eine wirtschaftliche Schädigung für die Frauen bedeutet und sie zu Staatsbürgerinnen zweiter Klasse degradiert. Sie fordert die Gewährung des attiven und passiven Wahlrechts zu den Gewerbeund Kaufmannsgerichten für alle großjährigen erwerbstätigen Personen." Vom Bremer Frauenchor. Der Tätigkeitsbericht der Bremer Genossinnen( Nummer 4 der„ Gleichheit") enthält folgenden Satz: ,, Die tätigen Genossinnen sind bestrebt, mit ihrer Werbearbeit immer mehr die Kreise noch indifferenter Frauen und Mädchen zu erfassen. Sie richten zu diesem Behuf ihr Augenmert auch auf den Frauenchor, der in legter Zeit entstanden ist und 150 Mitglieder zählt. Leider ist der größte Teil dieser Frauen und Mädchen nicht organisiert und ohne Interesse für den prole= tarischen Befreiungstampf. Die Genofsinnen werden nicht erlahmen, bis in dieser Beziehung ein Wandel eingetreten ist." Dieser Satz bedarf der Richtigstellung. Als der Arbeitermännergesangverein den Frauenchor gründete, beschäftigte er sich auch mit der Frage, ob dessen Mitglieder politisch und gewerkschaftlich organisiert sein müßten. Er beschloß, nicht wie im Männerchor Drganisationszwang festzulegen, sondern die Erlangung der Mitgliedschaft davon abhängig zu machen, daß der Mann oder der Vater der Eintretenden organisiert sei. Dieser Bestimmung lag die Abficht zugrunde, daß die Frauen und Mädchen im Laufe der Zeit für die Organisationen interessiert und gewonnen werden sollen. Diese Absicht ist mit regem Eifer und gutem Erfolg in die Praxis umgesetzt worden. Zahlen beweisen. Dem Chor gehören jezt 180 fingende Frauen und Mädchen an; diese sind, mit Ausnahme von 4, Angehörige organisierter Genossen. Selbst organisiert sind von ihnen 110; 94 davon gehören der Partei als Mitglieder an, 4 der Jungen Garde und 12 Gewerkschaften. Gewerkschaftlich und politisch zugleich organisiert sind 19 Mitglieder des Frauenchors. 26 Fragefarten über die Organisationszugehörigkeit stehen noch aus, sie können das mitgeteilte Resultat nur noch verbessern. Von den 600 politisch organisierten Genossinnen Bremens stellt der Frauenchor also allein rund 100. Dabei ist noch zu bemerken, daß sich unter seinen Mitgliedern eine ganze Anzahl junger Mädchen von 15 bis 17 Jahren befinden. Wir glauben, daß diese Entwicklung für sich selbst und für die Werbearbeit im Frauenchor spricht, daß sie das Interesse der singenden Frauen und Mädchen am prole tarischen Befreiungskampf beweist. Der Frauenchor, der erst seit Juni existiert, hat sich heute schon die Ohren und Herzen der orga nisierten Arbeiterschaft Bremens erobert, er wird bald ein ebenso wichtiger Faktor ihrer Kunst- und Bildungsbestrebungen sein wie der Männerchor. Im Auftrag des Vereins: Ernst Thierfelder. 108 Politische Rundschau. Die Gleichheit Mehr und mehr tritt die preußische Wahlrechtsfrage wieder in den Vordergrund des politischen Interesses. Sie wird die wichtigste Frage sein, die die gesamte deutsche Politik der nächsten Monate beschäftigt. Das Juntertum verteidigt im preußischen Wahlunrecht eine bedeutsame Stütze seiner volksfeindlichen Vorherrschaft nicht bloß in Preußen, sondern auch im Reiche, und weit über die Grenzen Preußens geht deshalb das Interesse an diesem Kampfe. Die Junter sind entschlossen, für ihre Position bis aufs äußerste zu kämpfen. Laut genug haben ihre Wortführer in den lezten Wochen angekündigt, daß sie vor der entschiedensten Opposition gegen die Regierung nicht zurückschrecken werden, wenn es ihr ein faller follte, eine Änderung des Landtagswahlrechts vorzuschlagen, die die jetzigen Vorrechte der Großgrundbesitzer auch nur ganz geringfügig beschneiden tönnte. Die Heydebrand und Oldenburg- Januschau haben mit Drohungen an die Adresse der Minister nicht gespart. Am liebsten wäre es ihnen, wenn das Versprechen der Thronrede vom Vorjahr glatt gebrochen und am Bau des Dreitlassensystems überhaupt nicht gerüttelt würde. Dazu vermag sich der neue Minister präsident v. Bethmann Hollweg freilich doch nicht zu entschließen. Aber zu befürchten haben die Junker nichts von ihm. Dafür spricht, was jetzt aus liberaler Quelle über den Inhalt der Wahlreform bekannt wird, die dem am 11. Januar zusammentretenden Landtag im Laufe der Session zugehen soll. Es zeigt, daß der Minister präsident im Grunde auf dasselbe hinaus will, wie seine fonserva tiven Dränger. Die Reform" soll weit davon entfernt sein, die Dreiklassenschmach aufzuheben. Umgekehrt, es ist geplant, daß sie diese eher noch durch eine Verschiebung der Klassenteilung verschlimmert, die zuungunsten der Arbeiter wirken wird. Außer dem soll die Reform dem Geldfacksprivileg noch das Unrecht der Pluralstimmen anflicken. Die Öffentlichkeit der Wahl und die Ungleichheit der Wahlkreise sollen nicht angetastet werden; lediglich der Fortfall des indirekten Wahlverfahrens ist in Aussicht genommen. Das wäre eine„ Reform", die selbst von den Nationalliberalen verworfen werden müßte, wenn diese Partei auch nur die Interessen der Industriellen konsequent vertreten wollte. Trotz aller Unzuverlässigkeit der Nationalliberalen dünkt es uns doch unwahr scheinlich, daß Herr Bethmann Hollweg etwa Grund haben sollte, auf den Umfall der Partei zu rechnen. Seine Absicht könnte aber dann nur die sein, eine Wahlreform durch diese Vorlage überhaupt zu verhindern und dabei doch den Schein zu wahren, als habe die Regierung das Versprechen der Thronrede eingelöst. Daß es ihm nicht gelingt, die preußische Wahlrechtsfrage durch solche jesuitische Tattit auf absehbare Zeit zu begraben, das muß die Sorge der Sozialdemokratie sein. Die Arbeiterklasse wird den blutigen Hohn dieser Karikatur einer Wahlrechtsvorlage mit entschlossener Wiederaufnahme des Wahlrechtskampfes zu beantworten haben. Der preußische Parteitag, der am 3. Januar zusammentritt, kommt gerade recht, um das Signal zum Sturm zu geben. Die kommenden Monate werden demnach im Zeichen heißen Wahlrechtskampfes stehen müssen. - Die Arbeiterklasse Braunschweigs, die ebenfalls gegen ein schändliches Wahlunrecht ankämpft, veranstaltete neuerlich beim feierlichen Einzug des Regenten anläßlich feiner Vermählung eine wirkungsvolle Straßendemonstration. Die Programmlosigkeit des Reichskanzlers hat sich, wie voraus zusehen, in Kürze als ein Programm politischer und sozial. politischer Reaktion entschleiert. Das hat die Beantwortung der Interpellationen klärlich gezeigt, die durch den neuesten schmählichen Versuch der Bergherren veranlaßt worden waren, mittels des Zwangsarbeitsnachweises für das Ruhrrevier den Bergarbeitern das Koalitionsrecht zu rauben. Die Unternehmer konnten aus ihr mit Beruhigung entnehmen, daß sie vom Kanzler und vom Staatssekretär des Innern keinerlei Behinderung ihrer Maßnahmen zur Versklavung der Arbeiter zu fürchten haben. Herr Delbrück blieb seiner Vergangenheit als preußischer Handelsminister getreu und handelte als entschlossener Wortführer der Unternehmerinteressen, wenn er auch als angeblich Unparteiischer sprach. Sehr gut stimmt zu biefer Haltung die Meldung, daß der Staatssekretär den Forderungen des Leipziger Arzteverbandes zur Reichsversicherungsordnung nachgegeben habe und die Vorlage ents sprechend umarbeiten lasse. Von einer Berücksichtigung der Arbeiter forderungen verlautet nichts. Den Arbeitern soll also neben der Erdrosselung der Selbstverwaltung in den Krankenkassen auch noch eine Verschlechterung der Stellung der Kaffen zu den Arzten be schert werden. Ein tragikomischer Zwischenfall hat die Schädlichkeit der Schuh" zollpolitik neuerlich ins Licht gerückt. Damit die deutsche Braugerste im Preise hochgehalten wird, ist im Zolltarif für sie ein Nr. 7 höherer Zoll als für gewöhnliche Futtergerste festgesetzt. Da aber gute Futtergerste auch vom Brauer benutzt werden kann, haben die Agrarier von der Regierung gefordert, daß sie die zum niedrigeren Bollfah eingeführte Futtergerste auf irgend eine Weise für Brauzwecke unbrauchbar machen lasse. Die den Agrariern allezeit dienstbereite Regierung hat darauf die Färbung dieser Gerste mit einem roten Farbstoff, dem Eosin, vorgeschrieben. Angeblich sollte er dem Bieh nicht schädlich sein, das mit solcher roter Gerste gefüttert wird. Jetzt stellt sich aber heraus, daß die deutschen Schweine das Eosin boch nicht vertragen tönnen. Darm, Magen und Speck färben sich rot und der Verdauungsapparat entzündet sich. So wurde an einem Eosinschwein in den Wandelgängen des Reichstags demonstriert. Die Regierung aber bleibt bei ihrer Versicherung, daß die Versuche an amtlicher Stelle das Gegenteil ergeben hätten, und will die Vorschrift nicht aufgeben. Die Geschädigten sind die Schweinefleischer und die fleinen Landwirte, die vornehmlich die Viehmästung be treiben. Ihre Interessen müssen hinter denen der Großgrundbefizer zurückstehen. Der preußische Kriegsminister hat einen Feldzug gegen die freie Jugendbewegung unternommen. Er will der Jugend militärische Begeisterung einflößen. Zu diesem Zwecke soll sie von den einzelnen Truppenteilen zu Paraden, Manövern und Übungen als Zuschauer geladen, oder besser noch von den Vorständen der Schulen und Fortbildungsschulen dahin kommandiert werden. Auch diese Art patriotischer Jugenderziehung wird das Erwachen des Klassenbewußtseins im Nachwuchs der Arbeiterklasse nicht hindern fönnen. Nötig ist natürlich, daß die proletarischen Eltern- be sonders die Mütter und die proletarischen Organisationen ihre Pflicht tun bei der Erziehung der Jugend und der Förderung der Jugendbewegung. Der deutsche Freisinn will sich einigen. Ein Einigungs. programm und organisationsstatut sind ausgearbeitet worden und sollen die drei Richtungen Freifinnige Volkspartei, Freifinnige Vereinigung und süddeutsche Demokraten" unter einen Hut bringen. Die drei Gruppen sollen in Bälde auf ihren Parteitagen darüber beschließen. Wie vorauszusehen war, bedeutet das Einigungsprogramm einen weiteren Schritt nach rechts. Die wenigen demokratischen Forderungen, die sich noch auf der Plattform dieser oder jener Gruppe befinden, werden im Einigungsbrei verwässert. Praktisch bedeutet die Einigung das Aufgehen der beiden anderen Gruppen in die rückständigste und engherzigste von allen, in die Freisinnige Boltspartei der Müller, Kopsch, Eickhoff, Wiemer usw. Womit der neuen Gründung schon von vornherein die besten Aussichten auf ein Einmünden in den Nationalliberalismus eröffnet find. Bei den Landtagswahlen in Sachsen- Weimar haben die Liberalen ihre bewährten Traditionen" aufrechterhalten, indem sie Agrarier und Antisemiten gegen die Sozialdemokratie heraushieben, die so trok starker Stimmenzahl kein Mandat mehr erlangen konnte. Der König der Belgier, Leopold II., ist gestorben. Er war einer der gerissensten Geschäftsmänner und der Vertrauensmann der Kapitalisten seines Landes, deren Interessen er bei aller scheinbaren Respektierung der Verfassung stets trefflich zu wahren wußte. Mit allen Rapitalisten nahm er es darin auf, daß ihm die Quelle feiner Gewinne ganz gleichgültig war. Der Kongostaat war seine Gründung. An den Millionen, die ihm daraus auflossen, flebten das Blut und die Tränen der aufs grausamste mißhandelten, be drückten und gemordeten Neger. Leopold hat nie einen Finger gerührt, um diese Greuel zu beseitigen, die die Folge der Monopol wirtschaft großer Gesellschaften war, die der König begünstigte. Verdienstvoll an ihm ist, daß er die Heuchelei verschmähte. So hat er seine Mätreffenwirtschaft, seine Familienskandale, seine Hart. herzigkeit vor der Welt offen gezeigt und damit ein Stück mon archischer Legende zerstört. Die belgische Sozialdemokratie hat den Nachfolger, Albert I., den einige französische Sensationsblätter als sozialistischen König" anpriesen, mit einer scharfen grundsätz lichen Kundgebung für die Republik empfangen. In Osterreich drohte die Obstruktion einer Handvoll tschechischer Agrarier und Radikaler die Arbeit des Reichsrats dauernd zu verhindern und dem Absolutismus der Krone den Weg zu bahnen. Die Mehrheit suchte, gedrängt von der Sozialdemokratie, die frivole Obstruktion durch eine Dauersigung niederzuzwingen. 86 Stunden währte sie ununterbrochen Tag und Nacht; ein System der Ablösung ermöglichte es, die Beschlußfähigkeit des Hauses aufrechtzuerhalten. Die Sache nahin ein überraschendes Ende. Aus den Reihen der obstruierenden und die Obstruktion begünstigenden slawischen Parteien wurde ein Antrag gestellt, eine Notgeschäfts: ordnung zu erlassen, die für ein Jahr gelten sollte und die jeg liche Obstruktion unmöglich macht, indem dem Präsidenten weit Nr. 7 Die Gleichheit gehende Vollmachten gegeben werden. Dieser Antrag wurde dann von der überwiegenden Mehrheit des Hauses angenommen. Die Sozialdemokratie hat das durch schnellen Entschluß ermöglicht, ihr Beispiel riß die anderen Glieder der Mehrheit mit. Sie hat eine große Verantwortung übernommen, als sie so die Verfassung des Parlaments und die Rechte der Minderheiten dem Ermessen eines Präsidenten auslieferte. Aber sie handelte unter dem Zwang eines Ausnahmezustandes. Ein anderes Mittel gab es nicht, um das Parlament vor der Obstruktion zu retten, von dessen Arbeit das Zustandekommen der wichtigen Reformen abhängt, die die Arbeiterklasse des Landes dringend fordern muß. Während des Jahres, da das Notgesetz gilt, fann eine neue definitive Geschäftsordnung geschaffen werden. In Rußland wurde der Oberst Karpow, der Leiter der Petersburger politischen Polizei, in einem von ihm eingerichteten Spitzelquartier durch eine Bombe getötet. Ob infolge eigener Unvorsichtigkeit bei der Fabrikation von Bomben oder als Opfer der Privatrache eines seiner Lockspizel, ist nicht aufgeklärt. Nach allem, was die Enthüllungen über das Treiben der Azews gezeigt haben, wäre auch noch möglich, daß irgend ein Konkurrent aus der Beamtenschaft den unbequemen Rivalen aus dem Wege räumen ließ. Die russische Regierung sucht natürlich mit allen Mitteln den Anschein zu erwecken, daß der„ pflichtgetreue Beamte" einem Anschlag der Revolutionäre zum Opfer gefallen sei. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Die Jahreswende fieht unsere deutschen Gewerkschaften inmitten großer wirtschaftlicher und sozialer Bewegungen. Die Not des Krisenjahrs wurde durch das neuerliche starte Anziehen der Steuerschraube noch verschärft. Zwiefacher Druck lastete auf den Existenzbedingungen der deutschen Arbeiterklasse. Diese Situation ftellte an die Tüchtigkeit der Gewerkschaften außerordentlich hohe Ansprüche. Dem vornehmsten Ziele, daß den Gewerkschaften gesteckt ist, die Lohn- und Arbeitsbedingungen der Werftätigen zu ver bessern, wirkten der schlechte Geschäftsgang und im Gefolge davon große Arbeitslosigkeit entgegen. Die Tatkraft der Gewerkschaften mußte mit diesen Hemmnissen rechnen. Die weise Steuerpolitik der herrschenden Klassen, ihrer Politiker und Staatsmännlein peitschte aber die arbeitenden Klassen trotzdem geradezu auf, nach einem Vers bienst zu streben, der einigermaßen Schritt mit der Verteuerung des Lebensbedarfs hielt. Aller Schwierigkeiten ungeachtet haben unsere Gewerkschaften ihren Mann gestanden. Wir haben das an dieser Stelle oft mit Beweisen belegt. Nur langsam ist in der zweiten Hälfte des Jahres die Krise zurückgewichen, und das nur in manchen Industrien. Der Ausblick auf das kommende Jahr ist zunächst noch nicht sehr hoffnungsreich. Dazu türmen sich am wirts schaftlichen Himmel schwere Wetterwollen auf. Die Unternehmerverbände stehen gefestigt da. Sie versuchen, die Gewerkschaften zu ducken, zu lähmen. Die Staatsorgane leisten ihnen dabei zum Teil Helfersdienste oder verhalten sich wenigstens gegen die berechtigten Bestrebungen der Arbeiter vollkommen indolent, sie überlassen die sozial Schwachen sich selbst, wenn sie sie nicht gefesselt thren Bedrängern überliefern. Allerwärts sollen Arbeitsnachweise der Unternehmer errichtet werden, wahre schwarze Rabinette der Scharfmacher. Im Ruhrrevier gärt es deshalb unter ben Bergleuten; sie drängen zum Streit, um den tückischen Schlag abzuwehren, der gegen die Freiheit der Arbeiter gerichtet ist. In Anbetracht der noch im Bergbau herrschenden Krise und der angehäuften riesigen Vorräte von Rohle lassen sich die Leitungen der gewerkschaftlichen Organisationen angelegen sein, mahnend und be ruhigend auf die mit Recht empörten Massen zu wirken. Ob ihnen gelingen wird, den Streit für den ungünstigen Augenblick zu vers hüten, muß fraglich erscheinen, da die Regierung auch auf den geringsten Versuch verzichtet hat, den Scharfmachergelüften entgegens zutreten. Im Baugewerbe sieht es nach Kampf aus. Auch hier wird bei der bevorstehenden Tarifbewegung der Kampf um den Nachweis eine große Rolle spielen, da die Unternehmer ihren Arbeitsnachweis sogar tariflich anerkannt haben wollen. Dazu werden sich die Bauarbeiter nach Bömelburgs Wort im Reichstag nie verstehen. Kommt es im Baugewerbe zum Kampfe zwischen Arbeit und Kapital, so wird dieser sehr weite Streise ziehen und Hunderttausende von Proletariern in die Arena rufen. Als dritte große Organisation steht der Holzarbeiterverband mitten im Kampfgetümmel. Die Unternehmer der Holzindustrie haben in einer größeren Anzahl Städte die Tarife gekündigt. Die Arbeiter zeigten sich weniger tampfluftig, in Berücksichtigung der im Gewerbe noch herrschenden Krise wollten sie die bestehenden Tarife noch weiter in Geltung laffen. Da die Unternehmer aber ihrerseits 109 diese kündigten und neue Abschlüsse für drei Jahre verlangen wollen, die Arbeiter natürlich sich nicht für so lange Zeit binden, ohne daß fie Lohnerhöhungen erhalten fie Lohnerhöhungen erhalten- die Unternehmer lehnen es ab, die Löhne auch nur minimal aufzubessern- so droht auch im Holzgewerbe der Kampf. Auch in anderen Industrien noch werden sich Arbeiter und Unternehmer miteinander messen. So begrüßen die deutschen Gewerkschaften das neue Jahr als ein Kampfjahr, das große Anforderungen an ihre Geschlossenheit und Schlagfähigkeit stellt. Trogiger Kampfesmut beseelt ihre Reihen, die sich angesichts der Situation täglich fester schließen. Täglich werden neue Mitgliederaufnahmen gemacht. Und für Pulver wird gesorgt! Freiwillig haben die Mitglieder mancher Gewerkschaften in den letzten Wochen namhafte Erhöhungen der Beiträge beschlossen. So sieht das neue Jahr unsere Gewerkschaften bereit zu neuen Kämpfen und zu neuen Siegen. Arbeiterinnen, versäumt auch ihr nicht, euch den Reihen der gewerkschaftlichen Kämpfer anzuschließen! Bedenkt, daß es auf eine jede von euch ankommt. Die Bechenbesitzer führen mit dem 1. Januar ihren Arbeits nachweis ein. In 16 Orten des Industriegebiets werden Zweig stellen errichtet, 226 Bechen sind bereits dem Nachweis angeschlossen. Wie verlautet, wollen die vier Bergarbeiterverbände eine 8entralstelle zur Sammlung von Beschwerdematerial er richten, das der Regierung zugestellt werden soll. Gegen den Nachweis der Industriellen in Mannheim, dessen niederträchtige Praktiken wir in letter Nummer gezeigt haben, geht das dortige Gewerkschaftskartell mit einer Petition vor. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Sache ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, dessen Ergebnis jedoch zur Einleitung eines Strafverfahrens nicht ausreichen soll. Inzwischen stellte die badische Re gierung ihrerseits Ermittlungen an, unser Arbeitersekretär ist bereits sehr eingehend vernommen worden. Voraussichtlich wird dabei nicht viel herauslommen. Die genialen Leiter des Nachweises waren so schlau, in der langen Zeit seit Bekanntwerden der scharfmacherischen Kniffe alle die Geschäftsführung kompromitierenden Beweisstücke beiseite zu schaffen. Um ihrer habhaft zu werden, hätte der staats. anwaltschaftliche Eifer sich schon so start betätigen müssen wie bei Bergehen streifender Arbeiter. Die Sticker im Plauenschen Vogtlande sind in der Zahl von etwa 600 nun doch in den Ausstand getreten; weit über 1000 Arbeiterinnen sollen dadurch in Mitleidenschaft gezogen worden fein. Dieser Streit hat einige interessante Begleiterscheinungen gezeitigt. So eine übertriebene polizeiliche Neugierde, die durch privates Befragen in den Familien feststellen wollte, wer streift und wer noch zu streifen gebentt. Dann hat sich ein Gewerberichter als Ge schäftsführer eines Vereins aufgetan, den die Unternehmer für die Stickmaschinenbefizer neu gründen wollten. Im Stadthaus schlug er sein Bureau auf, wo Mitglieder geworben und aufgenommen werden sollen. Proteste und Eingaben der Arbeiter gegen diesen groben Unfug haben nichts genügt; der Zweiseelenmann mußte allerdings durch die Spießruten der öffentlichen Kritik laufen, allein das hat sein robustes Gewissen wenig angefochten. Wir haben bereits von den Versuchen der Geschäftsbücherfabrikanten berichtet, die am 1. Januar in Kraft tretenden Arbeiterinnenschutzbestimmungen dadurch unwirksam zu machen, daß das Gewerbe vom Bundesrat als Saisonindustrie erklärt wird. Die vier Verbände des graphischen Gewerbes haben in einer Gegenpetition Stellung zu dem Borstoß genommen. Sie weisen darin besonders darauf hin, daß eine überschreitung der gesetzlichen Maximalarbeitszeit durchaus nicht nötig ist. Größere Arbeitshäufung tritt lediglich beim Quartalswechsel und auch dann nur für einige Tage ein und kann mit Hilfe der ständig vorhandenen Arbeitslosen leicht bewältigt werden. Die lettere Behauptung wird durch die Angabe der Unterstügungen bewiesen, die für Arbeitslose gezahlt worden sind. Übrigens haben seither auch die Unternehmer im Steindruckgewerbe eine gleiche Petition wie die Geschäftsbücherfabrikanten an die Regierung gerichtet. Der Zusammenschluß der Verbände im Transport. gewerbe darf als nahe bevorstehend betrachtet werden. Mitte Dezember hat eine Konferenz der Verbände der Hafenarbeiter, Seeleute und Transportarbeiter die Grundsätze beschlossen, die für den Aufbau dieser neuen Organisation maßgebend sein sollen. Diese Einheitsorganisation wird alle Verlehrsarbeiter zu Wasser und zu Lande umfassen. Im Mai findet ein gemeinschaftlicher Berbandstag statt, und mit dem 1. Juli 1910 wird die gestärite Organisation voraussichtlich ihre Wirksamkeit beginnen. Sein 25jähriges Jubiläum konnte der Verband der Maler fürzlich feiern. Die Geschichte dieser Gewerkschaft ist überaus reich an polizeilichen Bedrückungen. Die ersten organisatorischen Anfänge zum Zusammenschluß der Maler reichen bis zum Jahre 1868 zurück, 110 - Die Gleichheit der eigentliche Verband wurde in den siebziger Jahren gegründet. Das Sozialistengesetz zerstörte 1878 die junge Drganisation. Doch schon 1884 fam es zu einer Neugründung. Unter mancherlei polizeilichen Hindernissen und Kämpfen mit den Unternehmern hat sich der Verband träftig entwickelt. 1885 zählte er 714 Mitglieder, gegen wärtig rund 40000. Ein Glückauf seiner weiteren Entwicklung!# Aus der Textilarbeiterbewegung. Die durch den Niedergang der Konjunktur hervorgerufene Krise des Textilarbeiterverbandes ist überwunden. Es ist der Organisation gelungen, die Mitgliederzahl auf 100000 zu halten. Der niedrigste Stand war 99722. Bereits im dritten Quartal dieses Jahres stieg die Ziffer auf 100172. Seits dem ist ein regelmäßiger Aufstieg von Woche zu Woche zu tonstatieren. Gegenwärtig dürfte eine Zunahme von mindestens 4000 Mitgliedern seit Abschluß des dritten Quartals zu verzeichnen sein. Neben anderen Ursachen ist die Zunahme auf die Versammlungs und Hausagitation zurückzuführen, die der Verband in den letzten Monaten betrieben hat. Durch diese Entwicklung ist der christliche Herr Schiffer mit seinen abgeschmackten Artikeln über den verhaßten ,, roten Verband" sie sind in deutschen und österreichischen Blättern erschienen ad absurdum geführt worden. In Bamberg ist es in der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei ganz plöglich zu einem Streit gekommen. Der Betrieb steht unter der Leitung des in Fachtreisen sehr bekannten Kommerzienrats H. Semlinger. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit versteht sich der Herr auch auf die Organisation gelber Vereine. Die gelbe Treue hat jedoch ihre Grenzen. Die Not der Zeit peitscht auch die Schafe zur Empörung. Zirka 500 Arbeiter und Arbeiterinnen der Abteilung Weberei setzten plötzlich diesen Zweig des Betriebs still. Sie streiften. Ge werkschaftlich organisierte Arbeiter tamen für den Ausstand nur ganz vereinzelt in Frage. Die Streifenden setzten sich aus Nichtorganisierten und Gelben zusammen. Herr Semlinger bewilligte 5 Prozent Lohnzulage. Darauf wurde die Arbeit wieder aufge nommen. Ein Abwehrstreit ist in Lohterich( Rheinland) ausgebrochen. 68 Seidenstoffweber sollten sich eine Lohnreduktion bis zu 20 Prozent gefallen lassen. Die Arbeiter sind im chriftlichen Verband organisiert. Hoffentlich gelingt es ihnen, das Attentat auf ihre Lebenshaltung abzuwehren. Durch gegenseitiges Verhandeln erreichten 200 Arbeiter der Firma Tezzer& Comp., Burgstädt ( Wirkern), eine Lohnzulage von 3 bis 8 Prozent und Arbeitsschluß an Sonnabenden nachmittags um 4 Uhr. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Nr. 7 Wie niedrig ein Rechtsanwalt das Recht der Dienenden einschägt, erweist der nachstehende Fall. Vor dem Landgericht Nürnberg stand der Kaufmann Kurt Lessing, welcher der fahrlässigen Körperverlegung angeflagt war, der er sich gegen die Röchin seiner Mutter, der Frau Dr. Lessing, schuldig gemacht hatte. Den Tatbestand, welcher der Anklage zugrunde lag, haben wir seinerzeit in der„ Gleichheit" berichtet, doch müssen wir ihn zur richtigen Beurteilung des Falles kurz rekapitulieren. Die 52jährige Köchin L., die seit 1. Mai 1909 bei Frau Dr. Lessing in Stellung war, hatte wegen der launenvollen Anordnungen der Dame sehr oft Streit mit dieser. Auch am 8. Juli kam es wieder dazu. Die Köchin richtete das Abendessen für die heimkehrenden Söhne. Frau Dr. Lessing fand die Zeit für diese Arbeit noch zu früh, die Köchin machte darauf aufmerksam, daß die jungen Herren bald erscheinen würden. Frau Dr. Lessing drehte wiederholt das Gas am Herd aus, und die Köchin zündete es wieder an. Am anderen Morgen wurde der Streit fortgesetzt. Frau Dr. Lessing rief nun per Telephon ihren verheirateten Sohn Kurt Lessing zu Hilfe. Dieser fragte wenig danach, um was der Streit gehe, sondern forderte die Köchin auf, sofort die Küche zu verlassen. Als die 52 jährige Köchin nicht auf der Stelle parierte, packte der 35jährige Mann sie beim Halse, drosselte sie und warf sie zur Tür hinaus. Das laute Schreien und Weinen der 52jährigen hallte im Hause wider. Die alte Köchin bekam vor Schreck einen derartigen Schwächeanfall, daß sie den Kot verlor. Am anderen Tag mußte sie wegen Nervenschwäche das Krankenhaus aufsuchen. Ein herrliches Bild vom patriarchalischen Verhältnis zwischen Dienstboten und Herrschaft! Mit einer Geldstrafe von 3 Mt. oder 1 Tag Gefängnis erachtete das Landgericht die Roheit gefühnt, deren sich ein kräftiger Mann in den besten Jahren an einer alternden, wehrlosen Frau schuldig gemacht hatte. Das Recht und die Würde einer Dienenden war ihm billig. Wäre der Fall umgekehrt gewesen, und hätte die schwächliche 52 jährige Köchin den 35jährigen Sohn ihrer Herrschaft gedrosselt, so hätte sie vielleicht ein paar Monate Gefängnis erhalten. Aber die lächerlich geringe Strafe von 3 Mt., die geradezu wie eine Prämie auf die Roheit der Herrhj. schaften aussieht, schien dem Rechtsanwalt des Dienstmädchens eine ausreichende Sühnung. Denn dieser sonderbare Verteidiger schrieb der Köchin wörtlich:„ Ich wünsche, daß Sie mit diesem Urteil nicht wieder an die Öffentlichkeit gehen, wie das schon einmal geschehen sein soll. Sie haben Ihr Recht vom Gericht zuge sprochen erhalten, indem Lessing verurteilt wurde. Zu weiteren Schritten besteht kein Anlaß." In Linden- Hannover unterstüßen die proletarischen Frauen den Kampf der Fleischergesellen für die Anerkennung ihres Rechts zur Organisation. Dieser Kampf dauert bereits gegen sechs Wochen und hat weit über die Grenzen der direkt Beteiligten hinaus reges Interesse erweckt. Die noch junge, aber mutig vorwärts schrei tende Organisation der Fleischergehilfen wollte eine Besserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse anstreben. Sie forderte eine geregelte Arbeitszeit von 74 Stunden wöchentlich, eine kleine Lohnerhöhung und Anerkennung ihres Arbeitsnachweises. Die Fleischermeister glaubten jedoch, auf die Wünsche der Gehilfen pfeifen zu können. Bei 1000 Mt. Konventionalstrafe verpflichteten sie sich untereinander, die erhobenen Forderungen nicht zu bewilligen. Ja mehr noch: die Herren maßregelten Gehilfen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Vers band. Diese brutale Scharfmacherpraxis forderte die organisierte Gesamtarbeiterschaft von Linden zum Kampfe heraus. Sie betrachtete es als eine Brüstierung, daß in einem Arbeiterzentrum wie Linden, wo die Schlächtermeister nicht von Rentiers, sondern nur von den Arbeitern leben, die Herren sich gegen die beschei densten Forderungen der Gehilfen sperren und daran gehen, die gewertschaftliche Organisation zu sprengen. Die organisierten Arbeiter treten daher mit aller Energie für den Sieg der Gehilfen ein. Sie veranstalteten mehrere Konsumentenversammlungen, die sich mit den Fleischergehilfen solidarisch erklärten und treue Ver teidigung ihres Rechts zur Organisation gelobten. Mit Genugtuung tann berichtet werden, daß die proletarischen Frauen Lindens mit großem Eifer für den Sieg der Fleischergesellen wirken. Sie tun das Jhrige, damit der Boykott ben Scharfmachern fühlbar wird. Sie stehen Posten, wo es nötig ist; sie machen Verwandte und Betannte aufmerksam, wo sie ihr Fleisch zu kaufen haben; in die Häuser gehen sie, um die Unwissenden aufzutlären. Gerade die Weihnachtszeit hat in dieser Beziehung sehr hohe Ansprüche an ihre rührige, opferfreudige Tätigkeit gestellt. Diese bleibt nicht erfolglos. Eine Reihe Schlächtermeister haben sich dazu bequemen müssen, durch Unterschrift oder in irgend einer anderen Form die Forderungen der Gehilfen anzuerkennen. Es ist zu hoffen, daß der Kampf bei energischer Fortführung mit einem Siege der Arbeiterschaft enden wird. Die proletarischen Frauen Lindens haben ihr gut Teil zu dem bereits Errungenen beigetragen, und auch die weiteren Erfolge werden mit ihr Werk sein. Frau Evers. Jedes Wort über die Auffassung und Zumutung des Herrn Rechtsanwalts halten wir für überflüssig. Das Schreiben richtet sich selbst. Dagegen müssen wir auf die Tatsache hinweisen, die er start unterstrichen hat. Wie Behörden und Gerichte, so haben auch Rechtsanwälte offenbar ein ganz eigentümliches Rechtsempfinden, wenn es sich um die Würde und Ehre von Dienstboten handelt. Sie sind ganz in der vorurteilsvollen Auffassung der bürgerlichen Kreise befangen, daß das Gesinde" niederer Ehre und niederen Rechts sei. Diese Auffassung ein Ausfluß der„ Herrenmoral" wird durch das Weiterbestehen der Gesindeordnung ganz beträchtlich gestärkt. Die Dienstmädchen, die sich nach menschenwürdiger Be handlung sehnen, müssen sich immer zahlreicher ihrer Organisation anschließen, welche für die Beseitigung der Gesindeordnung und die richtige menschliche Wertung der Hausangestellten kämpft. Helene Grünberg. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Ein Rückblick auf proletarisches Weihnachtselend. Sie wollen es zwar in der Mehrheit nicht wahr haben, daß sie Prole tarierinnen, Lohnstlavinnen sind, die Handlungsgehilfinnen in den Warenhäusern und großen Kaufhäusern. Und doch gehören sie zu den ausgebeutetsten und getretensten der erwerbstätigen Frauen, aus denen das Kapital Gold schlägt. Gerade die Weihnachtszeit mit ihren außerordentlichen Anforderungen müßte ihnen das zum Bewußtsein bringen. Weihnachtssaison bedeutet für sie Weihnachtselend. Wer mit fühlendem Herzen vor Weihnachten turz vor Geschäftsschluß ein Warenhaus betritt, muß es schmerzlich empfinden, welch unerhörter Aussaugung hier die Handlungsgehil finnen anheimfallen. Überanstrengt, abgespannt, todmüde arbeiten die Verkäuferinnen und Rassiererinnen mechanisch weiter. Die Hände an den schmerzenden Kopf gepreßt, rechnen sie ihre Blocks auf. Der Kopf tann nicht mehr mit, wenn ein junges, meist bleich. Nr. 7 Die Gleichheit süchtiges Mädchen 12 bis 14 Stunden lang bei halbstündiger Mittagspause in diesem haftenden Treiben tätig sein muß. Die meisten Mädchen huften infolge des Staubes, den sie einatmen. Nach Weihnachten erfranken viele infolge der überanstrengung und der anderen schädlichen Einflüsse, denen sie ausgesetzt waren in einer schlechten Luft, durch künstliches Licht, langes Stehen usw. Für diese Mädchen gibt es keine Zeit zu Weihnachtseinkäufen, fie arbeiten nur für die Freuden anderer. Die einkaufenden Damen, die von dem kurzen Aufenthalt im Laden schon nervös nach Hause kommen, sehen dieses Glend nicht. Sie haben nur Augen für den Glanz um sich herum und sind entrüstet, wenn sie nicht schnell genug bedient werden. Sie sollten einmal eine Verkäuferin fragen, ob fie fich auf den Geschäftsschluß freut! Sie würden immer die Antwort bekommen, daß sich die Gehilfinnen kaum noch auf den Beinen halten können. Trotzdem müssen sie nach Geschäftsschluß noch die Lager aufräumen. Bei ihrer aufreibenden Tätigkeit stehen als Sklaven vögte die Aufsichtsherren und-damen hinter ihnen. Man muß be obachtet haben, wie diese aufpassen, die Nervosität der Verkäufe rinnen noch vergrößernd, überall antreibend, ohne selbst sich zu einer Handreichung herbeizulassen. Ab und zu kommt vielleicht noch der Geschäftsinhaber in Person, um die Angestellten zur ge sundheitschädlichsten Haz anzuspornen. Diese ausgenußtesten aller Arbeiterinnen sind meist Kinder aus Arbeiter und kleinen Beamtenfamilien. Nachdem sie wochen- und monatelang stellungslos waren, wurden sie kurz vor Weihnachten eingestellt, um am heiligen Abend wieder entlaffen zu werden. Aber fragt sie, ob sie ihre Klaffenlage erkannt haben, und ob fie ge willt find, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen und den Schäden ihres Berufs durch die Macht der Gewerkschaft abzuhelfen! Mit wenigen Ausnahmen stehen sie weit abseits vom kämpfenden Proletariat und sehen auf ihre Klassengenossinnen in den Fabriken womöglich noch herab. Das trügerische Um und Auf ihrer Stellung und ihres Lebens täuscht sie über ihre Lohnsklaverei. Nur schwer ringen sie sich zu der Erkenntnis durch, daß auch die Angestellten im Handelsgewerbe nur durch eine straffe Organisation nach dem Muster der freien Gewerkschaften, wie der Zentralverband sie darstellt, Hand in Hand mit der Arbeiterklasse fulturwürdige Existenzbedingungen erringen fönnen. Aber trotz dieser sozialen Rückständigkeit möchten wir die Verkäuferinnen der Rücksicht der Genoffinnen und Genossen empfehlen. Wir wissen, sie haben weniger freie Beit und sind weniger unabhängig in der Verfügung darüber wie andere Käufer, zumal wie die müßiggehenden Bourgeoisdamen. Nichtsdestoweniger bitten wir sie, nächstes Jahr vor Weihnachten wie überhaupt stets möglichst nicht zu den Rücksichtslosen zu zählen, die ohne Not die Qual der Verkäuferinnen steigern. Wie leicht fönnte die Überanstrengung der Gehilfinnen gemildert werden, ohne daß die Geschäftsinhaber und Aktionäre große Einbuße am Profit hätten. Es brauchte nur ein Schichtwechsel des Personals eingeführt werden. Hunderte von Stellungslosen könnten dann ein färgliches Brot finden, die Kräfte des Personals würden geschont, und manche Geschäfte fönnten noch die gnädigst verteilten Schmalzstullen sparen. Hungerlöhne find das Los der Arbeiterinnen in der Konservenindustrie, welche den ausbeutenden Kapitalisten fette Profite in den Schoß wirst. Dafür einige Beispiele: In Braunschweig und Wolfenbüttel werden die Arbeiterinnen mit Stunden ( öhnen von 8 Pf. bis hinauf" au 20 Pf. bedacht. Diesen Höchst lõhn, der Traum so vieler Lohnsflavinnen, erhalten nur diejenigen, benen es glückt, in der Küche Arbeit zu bekommen, wo die Kon ferven gefocht werden. Dort müssen die Arbeiterinnen die Bleche ( Siebe) mit den Konserven aus dem Kessel nehmen und sie nach der Platte tragen. Das„ zarte Geschlecht", das bekanntlich ins Haus gehört, darf bei der Glut, die in der Küche herrscht, Bleche mit Konserven hochheb und schleppen, von denen das einzelne bis zu 25 Pfund schwer ist. Bezeichnend für das Anstrengende dieser Verrichtung ist es, daß eine Arbeiterin im Laufe des Sommers 22 Pfund an Körpergewicht verlor. Den Fabrikanten scheinen die 20 Bf. Stundenlöhne noch zu hoch für die kraftraubende Arbeit. Ihr jüngster Versuch, diesen Lohn un 2 Pf. pro Stunde zu kürzen, scheiterte an dem Eingreifen des Fabritarbeiterverbandes. sonders schlimm gestalten sich die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen, wenn das Einkochen der Konserven zu Ende ist und sie mit einer anderen Hantierung beschäftigt werden. An Stelle des jammervollen Stundenlohnes tritt die noch erbärmlichere Entlohnung im Afford. Für das Aushöhlen der Karotten werden 1 Pf. pro Pfund gezahlt. Im besten Falle verdient die Arbeiterin dabei 8 bis 9 Pf. pro Stunde! Eine Arbeiterin, die den Mut hatte, ben Werkführer zu bitten, er möchte ihr doch nicht so fleine Ra rotten geben, da sie dabei nichts verdiene, flog aus der Arbeit, trotzdem sie den ganzen Sommer in der Küche geschuftet hatte. Be 111 Eine Anderung dieser empörenden Arbeitsbedingungen fann nur eintreten, wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen der Konserven fabriken sich der Partei und der Gewerkschaft anschließen, die ihre Interessen vertreten. Agnes Fahrenwald. Frauenstimmrecht. Das Wahlrecht aller Großjährigen ohne Unterschied bes Geschlechts zu den Landtagen der Bundesstaaten hat die sozialdemokratische Reichstagsfraktion abermals in einem Antrag gefordert. Im Reichstag werden also die Reaktionäre wieder ihren tiefen Haß gegen die wahre Demokratie bekunden können, die bürgerlichen Freunde des Frauenwahlrechts werden Gelegenheit haben, aufs neue eine Reform zu verraten, zu der sie sich mit den Lippen bekennen. Außerhalb des Parlaments aber kann der Philifter durch Kannegießerei über die verrückte" Forderung beweisen, daß ihm der Zopf noch hinten steht. Was fümmern all diese Braven die Ziffern der legten Gewerbezählung, die von der umfangreichen, rasch steigenden Erwerbstätigkeit der Frau berichten? I. K. Vom Kampfe um das Franenwahlrecht in England. Die bevorstehenden Wahlen zum englischen Parlament bewirken eine Berdopplung des Eifers, mit dem für das allgemeine und für das beschränkte Frauenstimmrecht gefämpft wird. Die Adult Suffrage Society( Vereinigung für das Wahlrecht aller Großjährigen) läßt fich besonders angelegen sein, der Gefahr eines beschränkten Frauenwahlrechts dadurch zu begegnen, daß sie für die politische Gleichberechtigung aller mündigen Staatsangehörigen ohne Ansehen des Besitzes und der Stellung eintritt. Ihre Sekretärin, Genossin Dora B. Montefiore, richtete an den Premierminister Asquith folgendes Schreiben: Mein Herr! Meine Organisation beauftragt mich, ihrer Freude darüber Ausdruck zu geben, daß die Regierung sich auf Grund der Ablehnung des Budgets( das heißt der neuen Steuern) durch die Lords zur Auflösung des Parlaments entschlossen hat. Gleichzeitig aber habe ich das aufrichtige Bedauern darüber auszusprechen, daß der Aufruf zur Entscheidung keineswegs an„ bas ganze Land" ge richtet werden kann, sondern nur an 7% Millionen der männlichen Bevölkerung. Ihre Regierung hat ja die lange versprochene Wahlreformbill noch nicht eingebracht! Meine Organisation beauftragt mich ferner, mit Nachdruck die Tatsache zu betonen, daß im zwan zigsten Jahrhundert eine allgemeine Wahlberechtigung - im Gegensatz zum Wahlrecht, das von dem Besiz abhängt bie einzige wahrhaft liberale und demokratische Grundlage für das politische Stimmrecht sein kann. Ich habe auch darauf hinzuweisen, daß die Wahlmaschinerie in England wenigstens 100 Jahre hinter ber industriellen Entwicklung zurückgeblieben ist. Deshalb ersuche ich im Namen meiner Auftraggeber darum, das bündige Versprechen zu geben, daß bei der kommenden Wahl Ihre Regierung die Forde rung des Wahlrechts für alle großjährigen Männer und Frauen die einen dreimonatigen Aufenthalt an einem Orte nachweisen können, zu einer der Hauptfragen machen wird. Die dringenden Fragen der Sozialreform und der Erschließung neuer Steuerquellen müssen in Zukunft von einem wirklich demokratischen Wahlkörper entschieden werben, der frei ist von Beschränkungen, welche Folgen des Ge schlechts oder der Armut find. 14 Bis jetzt hat fich Mr. Asquith mehrmals über die Notwendig. feit einer Wahlreform geäußert, ohne jedoch Näheres über sie zu sagen. Um so bringlicher ist es, ihn unter dem Drucke der Situa tion zu einer bestimmten Erklärung zu treiben und die öffentliche Aufmerksamkeit immer wieder auf die Forderung des Wahlrechts aller Großjährigen zu lenken. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Konferenz der sozialistischen Frauen von New York. Die sozialistischen Frauen von New York und Umgegend werden am 19. Dezember eine Konferenz abhalten. Unsere Stellungnahme zu der allgemeinen Frauenbewegung" ist das Thema, welches die Konferenz erörtern und wozu sie endgültige Beschlüsse fassen soll. Unseren deutschen Genossinnen, die der bürgerlichen Frauenbewe gung gegenüber eine unzweideutig ablehnende Haltung einnehmen, und die in einem streng abgeschiedenen Lager für die politische Befreiung der Frau tämpfen, mag es seltsam erscheinen, daß bei uns die Stellungnahme der sozialistischen Frauen zur bürgerlichen Frauenbewegung noch eine offene Frage ist. Darum bedarf es wohl einer etwas näheren Erklärung. In den Vereinigten Staaten lassen sich bis jetzt keine scharfen Grenzen zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung ziehen. Die amerikanische Frauenbewegung war ursprünglich eine 112 Die Gleichheit rein bürgerliche, das heißt, Frauen aus den Reihen der gebildeten Mittelklassen waren ihre hauptsächlichen Trägerinnen und Anhänge rinnen. Aber während der letzten Jahre ist sie mächtig in die Kreise der Arbeiterinnen gedrungen, und gerade dieser Tatsache verdankt sie ihren Aufschwung. Viele Arbeiterinnen sind in der Frauenbewegung tätig. Es bestehen eine ganze Reihe Frauenstimmrechtsvereine, die zum großen Teile, wenn nicht ausschließlich, Arbeiterinnen als Mitglieder haben, und die organisierten Arbeiterinnen der Vereinigten Staaten haben sich auf ihrem letzten nationalen Kongreß mit der Frauenstimmrechtsbewegung solidarisch erklärt. Die nationale Frauenstimmrechtsorganisation ist unpolitisch, das heißt, sie repräsentiert keine besondere politische Richtung, sondern die verschiedensten politischen Richtungen und Gesinnungen find in ihr vertreten, und auch eine ganze Anzahl Sozialistinnen sind in der Frauenbewegung tätig. Ferner ist in dieser Bewegung keine Rede von einem beschränkten Frauenwahlrecht. Die offiziellen Repräsentantinnen der nationalen Frauenstimmirechtsorganisation haben mehrere Male mündlich und schriftlich erklärt, daß sie für feine andere Form des Frauenwahlrechts als für das allgemeine eintreten werden, und sie haben ihr Wort gehalten, indem sie in zwei namhaften Fällen fich streng geweigert haben, Gesetzesvorlagen zu unterstützen, die ein beschränktes Wahlrecht fordern. In dem einen Falle sollte in einem westlichen Staate ein beschränktes Wahlrecht für steuerzahlende Frauen erwirkt werden. In dem anderen Falle handelte es sich in einem südlichen Staate darum, eine Gesetzesvorlage einzureichen, die nur weißen Frauen das Wahlrecht zuerkannte und die farbigen ausschloß. In beiden Fällen hat die nationale Frauenstimmrechtsorganisation ihre finanzielle und moralische Unterstützung verweigert und sogar die Niederlage der vorgeschlagenen, Reformen" veranlaßt. Nun sind es die Frauenrechtlerinnen, welche die Mitwirkung der sozialistischen Frauen suchen. Unsere letzte Stonferenz im Ottober erhielt ein diesbezügliches Schreiben von der Hauptleitung der nationalen Frauenstimmrechtsorganisation. Unsere Antwort hierauf lautete:„ Wir werden die Frauenstimmrechtsbewegung immer unterstüzen, wenn sie mit keinem Prinzip der Partei, zu der wir gehören, in Konflikt kommt." Die Frage, welche uns zur Diskussion vorliegt, ist nun: Inwieweit tönnen und sollen wir die Frauenstimmrechtsbewegung unter. stützen? Können wir, zusammen mit den Frauenrechtlerinnen, ges legentlich eine Massendemonstration veranstalten, zu der wir unsere sozialistischen Rednerinnen entsenden, bei der wir unsere sozialistische Literatur verteilen, und bei der wir Gelegenheit finden, den sozialistischen Standpunkt in der Frauenfrage zu vertreten? Oder ist es flüger und ratsamer, wie bisher gesondert und abseits zu be harren? Auf unserer Konferenz am 19. Dezember werden wir eine Antwort finden. Meta 2. Stern, New York. Verschiedenes. 320 Haushaltungsrechnungen von Metallarbeitern. Der Deutsche Metallarbeiterverband hat den Versuch gemacht, die Einnahmen und Ausgaben einer möglichst großen Zahl seiner verheirateten Mitglieder und ihrer Familien im Jahre 1908 zuverlässig festzustellen. Es ist ihm dies für 320 Familien in 41 Orten gelungen. Die crmittelten Zahlen nebst einer Besprechung der selben sind jetzt in einer Broschüre erschienen.* Obgleich die Erhebung sich nur auf organisierte und auch sonst besonders zuverlässige Arbeiter und deren Familien bezieht, und hier meistens die Verhältnisse günstiger sind als bei vielen der anderen Proletarier, entrollen die ermittelten Zahlen das denkbar traurigste Bild: das langsame Verhungern der Arbeiter. Das durchschnittliche Gesamteinkommen der 320 Familien ist 1856,19 Mt. für jede Familie. Die durchschnittliche Gesamtausgabe jeder Familie stellt sich auf 1825,28 Mt. Das ergibt einen überschuß von durchschnittlich 30,91 Mt. für jede Familie. Das ist verschwindend gering. Es schließen denn auch tatsächlich nur 228 Fa milien mit einem überschuß und 92 mit einem Fehlbetrag ab. Die Ausgaben dienen fast ganz zur Befriedigung der dringendften Lebensbedürfnisse, für Nahrung, Wohnung und Kleidung. Für Erholung, Vergnügen und Weiterbildung tonnten die Familien nur ganz geringe Beträge aufwenden. Troydem bleibt die Nahrung der Familien weit hinter den Erfordernissen einer ausreichenden Ernährung zurück. Wir werden in der nächsten Nummer der „ Gleichheit" auf die ermittelten Zahlen noch näher eingehen. h. Ernstes und Heiteres aus dem Mansfelder Bergbaugebiet. Verständnislos, ja jogar feindlich haben die ehrsamen Spießer im Mansfelder Revier dem großen Kampje der Knappen gegen ihre * Stuttgart 1909, Druck und Verlag von Alexander Schlicke& Co. " Nr. 7 Ausbeuter und Unterdrücker zugeschaut. Nun, da dieser Kampf vorüber ist, wollen auch sie ihr Scherflein zur„ Aufklärung" der " Irregeführten" beitragen. Dabei passiert es dem einen oder anderen Biertischpolitiker, daß er sich eine Abfertigung holt, die ihm zu denken geben würde, wenn das Denken eben nicht ein so überflüssiger Luxus für Leute seines Schlages wäre. Kommt da neulich in Hettstedt ein Lehrer und erlaubt sich, dem Besitzer einer Wirtschaft sanft zu be merten, es sei nicht schön von ihm gewesen, den Streifenden, unter denen sich schauderhaft!- Sozialdemokraten befunden hätten, fein Lokal zur Verfügung zu stellen. Auf den bescheidenen Hinweis des Wirtes, daß Sozialdemokraten doch im Staate, in der Gemeinde, in Banken und Kaufhäusern neben besseren Menschen" tätig seien, gab der Herr höchst charakteristisch zur Antwort:„ Ja, Geld flebt nicht." Der Wirt erklärte sich mit dieser weisen Beobachtung völlig einverstanden und meinte, es genüge dann auch, wenn er die Betten nach Gebrauch durch die Gäste ohne Unterschied der Parteirichtung frisch überziehe. Zur Beruhigung des Herrn Lehrers jedoch wolle er das Bett, in dem Sachse geschlafen habe, einer chemischen Reinigung unterziehen. Nun ging endlich dem„ Erzieher des Volfes" ein Licht auf, daß er gehänselt worden war, und er machte sich schleunigst aus dem Staube. Einen größeren erzieherischen Erfolg als der verehrte Flachsmann hatte - das Militäraufgebot, das zur Beruhigung" der Streifenden erfolgt war. Schon der bloße Anblick der bewaffneten Volks. söhne wirfte aufreizend und erbitternd auf die kämpfenden Arbeiter, und das brutale, rücksichtslose Verhalten einzelner Mili tärs verstärkte noch diese antimilitaristische Propaganda der Tat" Eines besonders krassen Falles von militärischer Roheit sei hier Erwähnung getan, den mir die Frau eines Berginvaliden erzählte. Ihr Mann erhält 22,50 Mt. Unterstüßung. Natürlich reicht dieser Bettel nicht, um die ganze Familie zu ernähren, die aus Mann, Frau und zwei Kindern besteht. Die Frau muß mitverdienen, wie es in Arbeiterfamilien üblich ist. Wenn sie in ihrer Wohnung, an ihrer Maschine, mit dem Garne, das sie selbst zahlt, glücklich ein ganzes Dugend Barchenthemdchen genäht hat, bekommt sie eine ganze Marf. An dem Tage nun, an dem in Hettstedt das Militär zur Aufrechterhaltung der Ordnung" einrückte, wollte die Frau ihre Arbeit abliefern und neue in Empfang nehmen. Sie wurde von ihrem Mann und ihren beiden Kindern begleitet. Auf dem Heimweg wollte die Familie den Marktplay passieren, war aber sehr überrascht, den Play durch das Militär gesperrt zu sehen. Auf die Bitte, sie durch zulassen, erhielt der franke Mann, der das vierjährige Kind an der Hand führte, einen solchen Stoß, daß er der Länge nach hinfiel und das Kind neben ihm zu Boden stürzte. Über das am Boden Liegende Kind stürmten einige Soldaten hinweg, so daß die entfetzte Mutter glaubte, es würde zertreten. Der Eindruck, den das Kind erhalten hat, ist so groß, daß es bis jetzt weder durch Schelten noch durch Versprechungen zu bewegen ist, über den Marktplatz zu gehen. Diesen Keim des Entsetzens und des Abscheus vor dem Wiilitär, der in die Kindesseele gepflanzt worden ist, wird fein noch so hurrapatriotischer Unterricht in der Schule zu töten imstande sein. Die Arbeitereltern im Mansfelder Bergrevier haben nebst vielen anderen Lehren aus dem Kampfe auch die gezogen: Wenn die Ge wehrläufe der Söhne sich nicht drohend auf sie richten sollen, um ihr Ringen für bessere Lebensbedingungen niederzuschlagen, müssen sie ihre Kinder so erziehen, daß diese wissen, was ihre Pflicht ist, wenn der entmenschte Besehl an sie ergeht, auf ihre Eltern und Geschwister zu schießen. Agnes Fahrenwald. Zur Beachtung! Dem Wunsche vieler Genossinnen entsprechend, liefert der Verlag der„ Gleichheit" von nun an Einbanddecken in einfacher, aber guter Ausstattung. Sie werden bald nach Neujahr zu beziehen sein und kosten: a. die Decke in 4° für das Hauptblatt und die Beilage„ Für unsere Mütter und Hausfrauen", b. die Decke in 8° für die Kinderbeilage" zusammen 1 Mart. Titelblatt und Inhaltsverzeichnis werden den Decken gratis beigegeben. Es empfiehlt sich, die Bestellungen bald an den Verlag gelangen zu lassen. Die organisierten Genofsinnen sollten dafür sorgen, daß die Neuerung in den weitesten Leserkreisen befannt wird. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara gettin( Bundel), Wilhelmshobe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.