Nr. 14 20. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft viertelfährlich obne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 11. April 1910 Der internationale Kongreß 1910. Zur ersten Beratung der Reichsversicherungsordnung im Reichstag. Von gh. Erschließung neuer Frauenberufe? Von R. S. Zur Frauenkonferenz. I. Von Ottilie Baader. II. Von Marie Döring. III. Von Luise Zietz. IV. Von der Redaktion der„ Gleichheit". Eine überflüssige Konferenz. Von Mathilde Wurm. Die Arbeiterinnen und die Gesetzgebung in Finnland. Von Hilja Pärsinen. Aus dem Mansfeldischen. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Ehrung der verstorbenen Genoffin Stägemann, Grete Brüggemann+. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Konfessionelle Arbeiterinnenorganisationen in Baden 1908. Von mg. Notizenteil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens. Frauenftimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Der Internationale Kongreß 1910. Das Internationale Sozialistische Bureau gibt in einem längeren Zirkular bekannt, daß der Internationale Kongreß vom 28. August bis 3. September in Kopenhagen tagen wird, und zwar im Konzertpalast, Bredgade 28. Die Adresse des Ortsausschusses lautet: Stauning, Kopenhagen, Nomersgade 22. Die Tagesordnung ist in der letzten Sitzung des Bureaus am 7. November 1909 wie folgt festgesetzt worden: 1. Beziehungen zwischen den Genossenschaften und den politischen Parteien. 2. Die Arbeitslosenfrage. 3. Das Schiedsgericht und die Abrüstung. 4. Die internationalen Ergebnisse der Arbeitergesetzgebung. 5. Die Organisation einer internationalen Kundgebung gegen die Todesstrafe. 6. Das für die rasche Ausführung der Beschlüsse der internationalen Kongresse einzuschlagende Verfahren. 7. Die Organisation der internationalen Solidarität. Zur ersten Beratung der Reichsversicherungsordnung im Reichstag. gh. In diesen Tagen findet im Reichstag die erste Beratung des Entwurses der Reichsversicherungsordnung statt. In der Gleichheit" ist bereits vor einem Jahre der Entwurf ein gehend besprochen worden, den damals das Reichsamt des Innern als Vorarbeit für die Reform der Arbeiterversicherung veröffentlicht hat. Zu diesem Entwurf hatte auch die gesamte Arbeiterklasse nicht nur in der Presse, sondern auch auf Kongressen usw. Stellung genommen. Wir erinnern nur an die Verhandlungen des letzten sozialdemokratischen Parteitags über die Reichsversicherungsordnung. Auch hier sind die notwendigen Verbesserungsvorschläge gemacht und begründet worden. Die verbündeten Regierungen haben jedoch in dem Entwurf der Reichsversicherungsordnung, den sie jetzt dem Reichstag zugestellt haben, alle Forderungen der Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Arbeiter unbeachtet gelassen. Ja, mehr noch: sie haben sogar den Entwurf des Reichsamtes des Innern nach den Forderungen der Arbeitgeber noch weiter verschlechtert. So haben sie insbesondere jeden Versuch aufgegeben, die Alleinherrschaft der Unternehmer in den Berufsgenossenschaften der Unfallversicherung durch die Mitwirkung der Arbeitervertreter bei der Festsetzung der Unfallentschädigungen in der ersten Instanz auch nur im mindesten zu beschränken, dagegen bestehen sie darauf, daß den Arbeitern das Selbstverwaltungsrecht in den Krankenkassen entrissen wird, obgleich hier seit jeher auch die Unternehmer durch die Mitarbeit ihrer Vertreter einen gewissen Einfluß ausüben konnten und ausgeübt haben. Die von den Regierungen vorgeschlagene Entrechtung der Arbeiter in bezug auf die Leitung der Krankenkassen ist daher ein Attentat auf die Gleichberechtigung der Arbeiter. Erfreulich ist es, daß die gesamte Arbeiterklasse den Wert ihres Selbstverwaltungsrechtes erkannt hat und entschlossen ist, den Kampf für dieses wichtige Recht mit allem Nachdruck zu führen. In den nächsten Monaten müssen daher die aufgeklärten Arbeiter und Arbeiterinnen unermüdlich dafür agitieren, daß sich überall die Proletarier an die Abgeordneten ihres Kreises wenden und sie zwingen, im Reichstag die Vorschläge abzulehnen, die gegen die Selbstverwaltung der Arbeiter in den Krankenkassen gerichtet sind. Handelt es sich doch hier um die wichtigste Streitfrage der bevorstehenden Reform. Außerdem sind noch sehr viele andere mehr oder weniger wichtige Streitfragen zu entscheiden. Hierauf werden wir im Anschluß an die Verhandlungen im Reichstag und in der Kommission des Reichstags noch später einzugehen haben. Dagegen wollen wir heute an einem Beispiel nachweisen, das für die Leserinnen der„ Gleichheit" besonderes Interesse hat, wie die verbündeten Regierungen in ihrem endgültigen Entwurf über die Anträge der Arbeiterschaft hinweggegangen sind. Unser letzter Parteitag hat unter anderem bezüglich der Krankenversicherung gefordert: Ausgestaltung der Fürsorge für die Versicherten und ihre Angehörigen, auch in bezug auf die Verhütung von Krankheiten, insbesondere: a. eine Schwanger schaftsunterstützung auf die Dauer von acht Wochen vor der Geburt, b. eine Wöchnerinnenunterstützung auf die Dauer von acht Wochen nach der Geburt, beides in der vollen Höhe des durchschnittlichen Tagesverdienstes, c. freie Gewährung der Hebammendienste und bei Schwangerschaftsbeschwerden freie Gewährung der ärztlichen Hilfe, d. Gewährung dieser Leistungen an die Ehefrauen der Versicherten. In dem Regierungsentwurf der Reichsversicherungsordnung handelt ein besonderer Abschnitt von der Wochenhilfe". Hier heißt es unter anderem: Wöchnerinnen erhalten ein Wochengeld in Höhe des Krankengeldes für acht Wochen, von denen mindestens sechs auf die Zeit nach der Niederkunft fallen müssen. Die Sayung kann Schwangeren, die infolge der Schwangerschaft arbeitsunfähig werden, ein Schwangerengeld in Höhe des Krankengeldes bis zur Gesamtdauer von sechs Wochen zubilligen. Die Sagung kann die erforderlichen Hebammendienste und ärztliche Behandlung der Schwangerschaftsbeschwerden zubilligen. 210 Die Gleichheit Die Satzung fann Wöchnerinnen, solange sie ihre Neugeborenen stillen, ein Stillgeld in Höhe des halben Krankengeldes bis zum Ablauf der zwölften Woche nach der Niederkunft zubilligen. Ferner heißt es in einem späteren Abschnitt über Familienhilfe unter anderem: Die Satzung fann zubilligen: 1. Kranken pflege an versicherungsfreie Familienmitglieder der Versicher ten, 2. Wochenhilfe an versicherungsfreie Ehefrauen der Verficherten. Diese Vorschläge des Regierungsentwurfes bleiben in wich tigen Punkten hinter den Forderungen unseres Parteitags zurück. Abgesehen davon, daß das Wochengeld weniger beträgt als der durchschnittliche Tagesverdienst, soll es nach dem Ent wurf zwar für acht Wochen gezahlt werden, aber davon brauchen nur sechs Wochen in die Zeit nach der Geburt zu fallen, während unser Parteitag die Unterstüßung für die Dauer von acht Wochen nach der Geburt fordert. Diese Forderung ist nur zu sehr berechtigt, trotzdem haben wir hier ein Minus von zwei Wochen in dem Entwurf. Noch schlimmer steht es mit der Schwangerschaftsunterstüßung, mit der freien ärztlichen Gewährung der Hebammendienste, mit dem Stillgelde und mit der Familienhilfe. Denn alle diese Leistungen sind nicht den Kassen unbedingt vorgeschrieben, sondern in ihr Belieben gestellt. Die Kassen gewähren die Leistungen nur dann, wenn dies ausdrücklich vom Ausschuß beschlossen und als Grundsatz in die Satzung( das Statut) der Kasse aufgenommen worden ist. Hierbei müssen wir aber berücksichtigen, daß nach dem Regierungsentwurf den Arbeitern, wie bereits erwähnt, der maßgebende Einfluß auf die Krankenkassen entriffen werden soll. Wenn diese Vorschläge wirklich in das neue Gesetz auf genommen werden sollten, würden die Arbeitgeber die Gewährung jener Leistungen sicherlich nicht annehmen und den Ver such vereiteln, die Gewährung der Leistungen in den Statuten vorzuschreiben, zumal sie dann auch die Hälfte der Kaffenbeiträge anstatt- wie jetzt ein Drittel zu bezahlen hätten. Daher sind jene Leistungen für die allermeisten Arbeiterinnen durchaus nicht sicher. Die Erwähnung der Leistungen in dem Regierungsentwurf ist in allen solchen Fällen nur ein Spiel mit leeren Versprechungen. - Die Leistungen, von denen wir gesprochen haben, waren mit Ausnahme des Stillgeldes schon in dem Vorentwurf des Reichsamtes des Junern vorgeschlagen worden. Gerade weil diese Leistungen gänzlich ungenügend find, deshalb haben die Arbeiterinnen ihre Verbesserungsvorschläge gemacht. Irgend welche stichhaltige Gründe gegen die Vorschläge fönnen auch die verbündeten Negierungen nicht vorbringen, wenigstens find fie in der ausführlichen Begründung des Regierungsentwurfes nicht zu finden. Trotzdem sind die Verbesserungsvorschläge von den Geheimräten einfach in den Papierforb geworfen worden. So ist es, das wollen wir noch ausdrücklich wiederholen, mit fast allen wichtigeren Verbesserungsvorschlägen der Arbeiterschaft gekommen. Damit werden sich die Arbeiter selbstver ständlich nicht zufrieden geben. Durch ihre sozialdemokratischen Vertreter im Reichstag werden sie ihre Verbesserungsvorschläge von neuem einbringen. Dann müssen die bürgerlichen Parteien zeigen, ob sie den gerechten Forderungen der Arbeiter nach kommen oder ob sie auch bei dieser Gelegenheit die proletarischen Interessen verraten wollen. So find die Verhandlungen des Reichstags und der Reichstagskommission über die Reichsversicherungsordnung in jeder Beziehung sehr wichtig. Mögen auch die Arbeiterinnen den Verhandlungen aufmerksam folgen. Erschließung neuer Frauenberufe? Auf einer Konferenz bürgerlicher Sozialpolitiker aller Schattierungen, die im Oktober v. J. im Charlottenburger Rat haussaal tagte, wurde ein Verband für handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau gegründet. An der Spitze des Verbandes steht Fräulein Marie Lisch. newsta, zu den Mitwirkenden gehören unter anderen GoldNr. 14 schmidt, Mugdan, Botthoff, Kopsch, Paasche, Prof. Dr. France, Prof. Dr. Jastrow, Dr. Alice Salomon, Dr. Marie Baum usw. Wie aus einer Ansprache hervorging, mit der Fräulein Lischnewska die Verhandlungen einleitete, hat das gewaltige Anschwellen der Zahl der weiblichen Arbeitskräfte auf allen Gebieten des Erwerbslebens die Leutchen auf die Beine gebracht. Sie wollen mit Hilfe des neuen Verbandes versuchen, regelnd einzugreifen, den Zustrom weiblicher Arbeitskräfte in ihnen genehme Bahnen zu lenken. Bedauert wurde, daß der arbeitenden Frau in der Hauptsache die untergeordnete, mechanische Arbeit zufalle; die Zahl der ungelernten Arbeiterinnen sei Legion gegenüber dem verschwindend kleinen Häuschen gelernter weiblicher Berufstätiger. Das müsse vor allem geändert werden! Diese Aufgabe ist nach der Meinung eines großen Teiles der Konferenzteilnehmer dadurch zu lösen, daß dem Handwerk weibliche Lehrlinge zugeführt werden. Ursprung und Zweck der ganzen Übung sind bald durch schaut. Die wirtschaftliche Entwicklung schreitet unausgesetzt fort. Ihr Fortschritt bewirkt auf der einen Seite die Konzentration der Produktionsmittel in immer weniger Händen, auf der anderen Seite die Proletarisierung immer größerer Massen der Bevölkerung. Diese lettere Tendenz macht sich auch für die Töchter der bürgerlichen Mittelschichten recht unangenehm fühlbar. Während hier früher die Mädchen bis zu ihrer Ver heiratung im Elternhause bleiben und vom Vater erhalten werden konnten, stellt sich jetzt auch für sie in steigendem Maße die Notwendigkeit heraus, ihren Lebensunterhalt selbst zu ver dienen. Erstens zeigen sich im Haushaltungsetat der Eltern immer bedenklichere Löcher, und zweitens werden die Aussichten auf eine„ standesgemäße" Versorgung in der Ehe immer geringer. So stehen die Töchter des Mittelstandes und der bürger lichen Intelligenz vor der Frage: Wohin mit der Schaffens freude"? Die Fabrit überlassen sie gern der Proletarierin von Geburt, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, und der Platz hinter dem Ladentisch ist auch für sie mehr oder weniger verpönt; in eine sogenannte dienende Stellung zu treten, dazu fehlt aber erst recht jede Neigung. Da soll nun der neue Verband Abhilfe schaffen: er soll es den Mädchen ermöglichen, sich zu qualifizierten Arbeiterinnen auszubilden, so daß sie nach ihrer Meinung auf der sozialen Stufenleiter doch wenigstens eine Sprosse über ihren Schwestern proletarischer Abkunft zu stehen kommen. Daneben soll auf diese Art eine Quelle billiger und gefügiger Arbeitskräfte für die Reste des bedrängten Handweris eröffnet werden. Man kann fast be haupten, die Klasse der kleinen Handwerksmeister suche ihre eigenen Töchter zu solchen Arbeitskräften auszubilden, wobei ihnen die Vertreter der verwandten Bevölkerungsschichten hilfreich unter die Arme greifen. In der Tat traten auf der genannten Konferenz die Vertreter mehrerer Handwerkskammern mit besonderer Begeisterung für den Plan ein, dem Handwerk weibliche Lehrlinge zuzuführen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die Konferenz, dem neuen Verband mit dem langen Namen die Aufgabe zuwies, für die Einführung obligatorischen Fortbildungsschulunterrichts für die weibliche Jugend zu wirken, eine Forderung, mit der wir uns selbstverständlich einverstanden erklären. Mögen es die Gründer und Leiter des Verbandes in ihrer Weise auch noch so gut meinen, so wird doch dessen Wirken in der Hauptsache nichts anderes zur Folge haben, als verun glückte Existenzen zu schaffen. Dieses Urteil mag hart erscheinen, aber in den ersten Schritten des Verbandes findet es schon seine Bestätigung. Die Berliner Mitgliedschaft des Verbandes der Lithographen und Steindrucker erhielt von der neuen Organisation die Mitteilung, sie habe die Absicht, Stellen für weibliche Lithographenlehrlinge zu vermitteln. Dem war die Bitte hinzugefügt, die organisierten Lithographen möchten den jungen Mädchen nicht hinderlich entgegentreten. Die Mitteilung zeigt, daß der Verband sich auf falschem Wege befindet. Es gibt kaum einen Beruf, der so wenig wie die Lithographie als We Nr. 14 Die Gleichheit ruf für die Frauen geeignet wäre, wenigstens so lange nicht, als er eine Domäne der kapitalistischen Ausbeutung bleibt. Das gebeugte Sigen, zu dem der Lithograph bei seiner Arbeit gezwungen ist, strengt die Brust mehr an als schwere Körperliche Beschäftigung. Außerdem werden besonders die Augen und Nerven des Lithographen mitgenommen. Die Krankenkassenstatistik weist das nach. Dazu kommt, daß die Arbeit in den lithographischen Anstalten eine sehr intensive ist. Darum ist cs auch weiblichen Arbeitskräften bis jetzt nicht gelungen, in der Lithographie festen Fuß zu fassen, trotzdem darauf gerichtete Bestrebungen keineswegs neu sind. So verwendet seit einiger Zeit eine bekannte kartographische Anstalt eine Anzahl Lithographinnen. Diese werden dort aber auch nur mit untergeord neten Arbeiten beschäftigt und verdienten 1908 nicht mehr als 7 bis 18,50 Mf. pro Woche. Es ist anzunehmen, daß diese neue Frauenarbeit sich nicht lange halten wird. Die organisierten Lithographen sehen dem Eintreten weiblicher Lehrlinge in ihren Beruf mit größter Ruhe entgegen, aus Prinzip werden sie ihm auch keine Hindernisse bereiten; sie werden vielmehr bemüht sein, sofort engste Fühlung mit den jugendlichen Kolleginnen zu bekommen, um sie der Lehrlingsabteilung ihres Verbandes zuzuführen. Sie wissen, daß in der kapitalistischen Ordnung gegen das Eindringen der Frau in neue Berufe kein Kraut gewachsen ist, und daß die Frauenarbeit sich in vielen Gewerben durchgesetzt hat, wo gegen sie das nämliche gesagt werden kann, wie in der Lithographie. Da muß es sich nur um eins handeln: die ausgebeuteten männlichen und weiblichen Arbeitskräfte in der gleichen gewerkschaftlichen Organisation zusammenzufassen, damit sie gemein sam den gemeinschaftlichen Feind bekämpfen und dadurch Schäden mildern. Allerdings wäre eine Zufuhr weiblicher Arbeitskräfte kein Segen für die Lithographen, deren Lage ohnehin nicht gerade glänzend ist. Es kam nach der Statistik des Verbandes der Lithographen 1908 bereits auf 3,7 Gehilfen ein Lehrling. Eine weitere Überfüllung des Berufes würde nicht nur den vorhandenen männlichen Lithographen zum Schaden gereichen, sondern selbstverständlich auch den mit großen Hoffnungen eintretenden weiblichen. Zu großen Hoffnungen liegt überdies fein Anlaß vor, denn der wöchentliche Durchschnittslohn betrug 1908 für ganz Deutschland nur 30,22 Mt. In den größeren Städten stellte er sich allerdings etwas günstiger; so meldete Hamburg 35,14, Berlin 32,23, Hannover 32,14 und Leipzig 31,92 Mt. Durchschnittslohn. Diesen Sätzen stehen aber Durch schnittslöhne von 18 Mt. in Hofgeismar und 19,50 Mt. in Fürstenwalde gegenüber. Als durchschnittliche Arbeitszeit werden 49 Stunden 6 Minuten pro Woche verzeichnet; die niedrigste Arbeitszeit betrug 8 Stunden, die höchste 91% Stunden pro Tag. Die relativ kurze Arbeitszeit ist teils eine Folge der Gewerkschaftsarbeit, teils ein Beweis für die intensive Ausnutzung der Arbeitskraft der Lithographen. Verschlechtert wird die Lage der Berufsangehörigen noch dadurch, daß die Lithographie unter jeder Wirtschaftskrise erfahrungsgemäß weit mehr leidet als die meisten anderen Ge werbe. Dazu kommt, daß der neue amerikanische Zolltarif der Lithographie Deutschlands einen großen und ergiebigen Teil ihres Absatzgebiets geraubt hat, so daß sich die Zukunft des Berufs noch trauriger gestalten wird als die Gegenwart. Alles das und noch vieles andere hätte die Leitung des " Verbandes für handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau" aus der reichen statistischen Literatur der Gewerkschaft der Lithographen erfahren können. Vielleicht hätte es sie veranlaßt, von ihrem Plane Abstand zu nehmen, denn einer gesicherten Existenz gehen die jungen Mädchen nicht entgegen, wenn sie die Lithographie erlernen. Unsere Genossinnen mögen diese kurze Skizze der Berufsverhältnisse der Lithographen benutzen, um überall dort aufklärend zu wirken, wo sie bei jungen Mädchen Neigung zur Erlernung des Berufs beobachten. R. S., Berlin. Zur Frauenkonferenz.* I. 211 Die Genossinnen, die bisher zur Frage der Frauenkonferenz sich äußerten, haben erfreulicherweise bis auf zwei Ausnahmen -die Genossinnen Wurm und Wulff die Frage rein sachlich behandelt. Sie haben die Notwendigkeit und Nüglichkeit der Frauenkonferenzen dargelegt, und ich befinde mich in diesem Punkte mit ihnen in vollem Einverständnis. Anders liegt die Sache, soweit die Darlegungen der Genossinnen Wurm und Wulff in Frage kommen. Nur gegen diese richten sich meine Ausführungen. Die beiden Genossinnen weisen dem Frauenbureau Aufgaben zu, die nicht die seinen sind. Genossin Wulff spricht in ihrem Artikel von einer Umfrage, die wie in früheren Jahren vom Frauenbureau veran staltet werden müßte, um festzustellen, wieviel Genossinnen im Reiche für die Abhaltung einer Frauenkonferenz sich erklären. Mit diesen Darlegungen beweist Genossin Wulff, daß sie sich absolut noch nicht an das gemeinsame Arbeiten von Mann und Weib innerhalb unserer Parteiorganisation gewöhnt hat und durchaus die Aufgaben verkennt, die seit Nürnberg dem Frauenbureau zugewiesen sind. Heute ist das Frauenbureau nicht mehr wie früher eine selbständige Institution, sondern eine Unterabteilung des Parteivorstandes, der die Erledigung aller die proletarische Frauenbewegung betreffenden Fragen überwiesen ist. Weibliche Vertrauenspersonen, bei denen das Bureau eine Umfrage veranstalten könnte, gibt es gleichfalls nicht mehr, sondern weibliche Vorstandsmitglieder, die im Einvernehmen mit dem örtlichen Gesamtvorstand die Frauenagitation zu betreiben haben. Eine eventuelle Umfrage hätte sich also höchstens an die einzelnen Kreisvorstände wenden können, deren Adressen uns einzig zur Verfügung stehen. Doch auch dazu lag keine Veranlassung vor, da in Nürnberg nach einer Deklaration des Genossen Müller( Parteivorstand) und der Genossin Zieh der Parteitag zugestimmt, daß nach wie vor Frauenkonferenzen stattfinden sollen, dem Parteivorstand aber die Festsetzung des Termins und der Tagesordnung überlassen sei. Eine solche Umfrage liegt nicht innerhalb unserer Kompetenz und wäre zudem ein Mißtrauen, eine Demonstration gegen den Parteivorstand gewesen. Dazu aber liegt wahrlich keine Veranlassung vor. Eine solche Umfrage hätte außerdem geradezu komisch gewirkt, da die Genossinnen doch seit Nürnberg in der Person der Genossin Zieß eine Vertreterin im Parteivorstand haben, die selbstverständlich in erster Linie die Interessen der Genossinnen wahrzunehmen hat. Wenn die Genossin Wulff ferner schreibt: " In verschiedenen Gegenden Deutschlands beklagen sich die Genossinnen, daß nach dem Anschluß an die Wahlvereine die Fühlung unter den Frauen nicht mehr im alten Maße vorhanden ist", so bedauere ich auf das lebhafteste, daß diese Genossinnen mit ihren Klagen sich nicht an ihre Zentralstelle, an das Frauenbureau, gewendet haben. Ich bedauere weiter, daß die Genossin Wulff, wo ihr solche Klagen zu Ohren gekommen sind, die betreffenden Genossinnen nicht an uns ge wiesen hat. Soweit uns Klagen bekannt wurden, haben wir vermittelnd eingegriffen und durch kameradschaftliche Verständigung Abhilfe geschaffen. Ich hoffe jedoch, daß dieser Teil der Darlegungen der Genossin Wulff ebenso auf falscher Information beruht wie jener, der von dem Wegfall der regelmäßigen Zusammenkünfte der Berliner Genossinnen spricht, der auf Wunsch der Genossen erfolgt sein soll. Diesen Zusammenkünften der tätigen Berliner Genossinnen hat bisher niemand etwas in den Weg gelegt. Auf ihren Wunsch hat die Organisation stets die Einberufung und die Teilnahme eines Dezernenten veranlaßt. Das Frauenbureau hat allerdings nicht die Kompetenz, die Berliner Genossinnen zu einer Besprechung zusammenzuberufen, wie Genossin Wurm das von uns verlangt. Diese Einberufung * Diese Einsendung der Genoffin Baader war für Nr. 13 bestimmt, ging aber zu spät ein, um zur Veröffentlichung zu gelangen, da unsere letzte Nummer der Feiertage wegen früher gedrudt werden mußte. 212 Die Gleichheit ist cine rein örtliche Berliner Angelegenheit. Nichtsdestoweniger sind bereits Mitte Januar die tätigen Genofsinnen des zweiten Kreises und mit ihnen die Genossin Wurm durch mich unters richtet worden über die Gründe, die für die Abhaltung einer Konferenz im nächsten Jahre sprechen. Anfang Januar, während der Tagung des preußischen Parteitags ist seinen 13 weib lichen Delegierten darunter 8 von Groß- Berlin auf ihren Wunsch mitgeteilt worden, was für und was gegen die Abhaltung einer Konferenz in diesem Jahre spricht. Sämtliche Delegierte fowie sämtliche Funktionärinnen des zweiten Kreises außer der Genoffin Wurm haben sich nach Prüfung der Gründe für Abhaltung der Konferenz im nächsten Jahre entschieden. Die Genossin Wurm hat nicht nur die Gründe, die ich in offizieller Sigung den Funktionärinnen des zweiten Kreises dar legte, mit angehört, sondern sie hat sich auch an der Diskussion über diese Angelegenheit beteiligt. Es ist mir deshalb uner findlich, wie sie in ihrem Artifel schreiben kann:„ Wir glauben nicht fehlzugehen in der Annahme, daß folgende Erwägungen für die Ansicht der Parteisekretäre maßgebend waren", und dann die Gründe anführt, die sie durch mich in der Sitzung erfahren hat. Genoffin Wurm stellt also als eigene Kalkula tionen hin, was Mitteilungen von meiner Seite sind. Nur ein Einwand stammt von der Genossin Wurm, den ich schon in der Sitzung als unrichtig befämpfte, nämlich das Frauenbureau könne die Vorarbeiten für eine nationale und internationale Konferenz nicht bewältigen. Wäre dieser Einwand richtig, so würden die Genossinnen im Frauenbureau für ihren Posten einfach nicht qualifiziert sein. Hinzu kommt noch, daß die wichtigen und zeitraubenden Vorbereitungen für die internationale Frauenkonferenz, wie auch bereits Genossin Wurm bemerkte, Sache der internationalen Sekretärin sind. " Die Genoffin Wurm war also nicht so uninformiert, wie sie sich den Anschein gibt, um die Genossinnen im Frauen bureau zur Pflichterfüllung" zu mahnen. Aber gesetzt den Fall, die Genoffin Wurm wäre in der Tat ein so ahnungs voller Engel", als sie zu scheinen versucht, mußte sie da den Weg über Stuttgart und über die„ Gleichheit" nehmen, um sich zu informieren und eine Aussprache der gesamten Berliner Genoffinnen herbeizuführen? Genügte nicht ein Telephonat oder eine Postkarte oder ein eventueller persönlicher Besuch in unserem Bureau, um nicht nur dasselbe, sondern Besseres zu erreichen? Glaubt die Genoffin Wurm, daß ihre Angriffe auf das Bureau ein fameradschaftliches Arbeiten und das Ansehen der proletarischen Frauenbewegung fördern? Aus einer ganzen Reihe Parteiorte haben einfache Proletarierinnen, die nicht die Vorbildung und nicht die Zeit wie die Genossin Wurm haben, mit feinem Taft sich an uns gewandt und angefragt, zu welchem Zwecke die Diskussion in der„ Gleichheit" über die Frage der Frauenkonferenz eröffnet sei, und ob die Abhaltung von Frauenfonferenzen überhaupt in Frage gestellt sei. Als wir das verneinten und darlegten, daß die Streitfrage lediglich laute: ob in diesem oder im nächsten Jahre die Konferenz tagen solle, und dabei die Gründe für beide Vorschläge mitteilten, haben diese Genoffinnen uns auch wiederum brieflich ihre Stellung nahme fundgetan. Dieses Zeichen organisatorischer Schulung hat uns außerordentlich gefreut. Denn nur ein inniges Zu sammenarbeiten der Zentralstelle, also der Genossinnen im Frauenbureau mit den Funktionärinnen und Agitatorinnen sowie mit den Gesamtorganisationen kann das kollegiale Verhält nis zwischen den Genossen und Genossinnen in der Partei erhalten und fördern, und wo es noch nicht besteht, dieses schaffen. Damit kann ich meine Darlegungen schließen. Zu der Frage des Termins für die nächste Frauenkonferenz will ich mich nicht äußern, weil die Genossin Zieh, sobald ein Beschluß des Parteivorstandes vorliegt, diesen und die Gründe, die ihn veranlaßt haben, den Genossinnen durch die„ Gleichheit" mitteilen wird. Ich spreche nur noch die Hoffnung und den dringenden Wunsch aus, daß die Genoffinnen im ganzen Reiche sich erinnern mögen, daß für all ihre Klagen und ihre Wünsche die Zentralstelle ist: das sozialdemokratische Frauenbureau in Berlin, Lindenstr. 3. Ottilie Baader. II. Nr. 14 Die Funktionärinnen des zweiten Berliner Kreises haben. am 18. Januar in einer Sitzung Stellung genommen zur Frage der Frauenkonferenz. Genossin Baader als unser weibliches Vorstandsmitglied teilte uns die Gründe mit, die für und gegen die Abhaltung einer Frauenkonferenz in diesem Jahre sprechen. Genossin Wurm war bei dieser Sigung anwesend und hat die Gründe gehört. Wir Funktionärinnen des zweiten Kreises sind deshalb auf das höchste erstaunt, daß die Genoffin Wurm in ihrem Artifel in Nr. 12 der„ Gleichheit" es jetzt so darstellt, als sei ihr und den übrigen Berliner Genoffinnen das alles unbekannt, und als nehme sie nur an, daß die von ihr angeführten Zweckmäßigkeitsgründe für die Abhaltung einer Frauenfonferenz im nächsten Jahre sprächen. Wir haben dies der Genossin Wurm bereits persönlich gesagt und wollen es auch jetzt in der„ Gleichheit" der Wahrheit gemäß sagen. Die Genofsinnen im Frauenbureau sind jederzeit bereit gewesen, uns Auskunft zu geben und uns in jeder Beziehung beizustehen, ivo wir Hilfe brauchten. Die Angriffe der Genossin Wurm sind vollständig unberechtigt. Marie Döring, Berlin. III. Als in Nürnberg auf der Frauenkonferenz und auf dem Parteitag die organisatorischen Bestimmungen diskutiert wurden, die zur Grundlage der gemeinsamen Organisation von Mann und Frau dienen sollten, da ward auch eingehend über die Nützlichkeit und Notwendigkeit der Frauenkonferenzen und über ihre Beibehaltung für die Zukunft gesprochen. Schon damals betonte ich als Referentin zu dieser Frage auf der Konferenz, daß es im Interesse der proletarischen Frauenbewegung notwendig sei, die Konferenzen beizubehalten, um Fragen zu diskutieren und zu klären, die das besondere Interesse der weiblichen Parteimitglieder beanspruchen und für deren gründliche Beratung( gerade durch die Frauen) den Parteitagen die Zeit mangele. Daß also für diese Fragen die Konferenzen der vorbereitende Ausschuß der Parteitage seien und auch bleiben müßten. Auf dem Parteitag habe ich dann erklärt, daß in Zukunft natürlich die Konferenzen vom Parteivorstand einzuberufen, der Termin ihrer Abhaltung und ihre Tagesordnung vom Parteivorstand festzusetzen seien. Eine offizielle Erklärung des Genossen Müller( Parteivorstand) lautete ähnlich. Und nach der Müllerschen Deklaration wurde alsdann der vorgeschlagene Organisationsentwurf vom Parteitag akzeptiert. Mit Rücksicht auf diesen Beschluß und weil es bisher Usus gewesen, alle zwei Jahre eine Frauenkonferenz abzuhalten, habe ich im Parteivorstand bereits im November 1909 den Antrag gestellt, im Jahre 1910 vor dem Parteitag eine Frauenkonferenz einzuberufen. Bei einer sehr eingehenden Diskussion über den Wert der Frauenkonferenzen wurden nicht nur von mir, sondern auch von den männlichen Kollegen im Vorstand alle die Gründe, welche die agitatorische Wirksamkeit der Konferenzen betonen und deshalb ihre Notwendigkeit beweisen, bereits erörtert. Alles, was nach dieser Richtung hin später in den Artikeln der„ Gleichheit", die sich mit der Frauenfonferenz beschäftigten, zum Ausdruck kam, war schon vorher rückhaltlos vom Vorstand anerkannt worden. Mit einem Wort, es herrschte im Vorstand vollständige. Einmütigkeit in der Ansicht, daß Frauenkonferenzen auch heute( nach dem Zusammenschluß) nicht nur nüglich, sondern auch notwendig seien. Differierende Anschauungen traten lediglich zutage in der Frage: Ist es zweckmäßig, in diesem oder im nächsten Jahre eine Konferenz abzuhalten? Für die Abhaltung der Konferenz in diesem Jahre machte ich vor allem geltend, daß nach dem Zusammenschluß in manchen Gegenden die Genossinnen, die früher allein und selbständig gearbeitet, in der gemeinsamen Organisation und bei gemeinsamer Arbeit sich noch nicht so recht zurechtzufinden vermögen, vielleicht weil ihnen der. Überblick und die Energie fehlt, sich durchzusehen, vielleicht weil sie sich den Genossen gegenüber überhaupt nicht so recht heraustrauen mit ihren Wünschen, vielleicht aus anderen Gründen. 9.14 Die Gleichheit Auf der Konferenz wünschte ich nun, daß mit allem Ernst und Nachdruck die unbedingte Notwendigkeit der gemeinsamen Arbeit betont werde, die zur Voraussetzung hat die Erkenntnis von der Nüglichkeit, von den Vorteilen gemeinsamen Vorgehens, und die basiert auf dem ehrlichen Willen der Genossen und Genossinnen, durch kameradschaftliche Verständigung diese gemeinsame Arbeit zu einer fruchtbringenden für die Gesamtpartei zu gestalten. Bei einer starken Betonung der unbedingten Notwendigkeit eines gemeinsamen Arbeitens hätte die Erfenntnis ihrer Nüglichkeit erweitert und vertieft werden müssen, um allüberall das Gefühl auszurotten:„ Es sei doch eigentlich für die proletarischen Frauen besser gewesen vor dem Zusammenschluß", wie wir es manchmal noch zu hören bekommen. Es hätte deshalb klar und eindringlich dargelegt werden müssen:„ Gewiß, vor dem Zusammenschluß waren wir in unseren Veranstaltungen freier, unbeschränkter, wir brauchten nicht zu beantragen, daß diese oder jene Aktion unternommen werde, wir brauchten nur Rücksicht zu nehmen, daß wir nicht kollidierten mit den Veranstaltungen der Genossen, heute müssen wir jede Aktion erst beantragen, und nicht immer und nicht überall finden unsere Anträge die Zustimmung der Genossen. Aber abgesehen davon, daß früher auch manch notwendige Aktion unterblieb oder unvollkommen ausgeführt werden mußte, wegen Mangel an Mitteln, während heute die Organisationen natürlich die Kosten der Frauenagitation zu tragen haben, tauschen wir gegen früher doch vor allem den großen Vorteil ein, daß hinter allen Veranstaltungen für die proletarischen Frauen die Autorität der Gesamt organisation steht. Unser moralischer Einfluß auf die in differenten Massen und unsere Werbekraft wächst ungemein durch diesen Umstand, und ferner wird die Beschäftigung mit dem Problem der Frauenfrage auch vor allem eine Sache der Gesamtorganisation. In den eigenen Reihen unserer Partei wird das Verständnis und das Interesse dafür vertieft. Ein sehr wichtiges Moment, das nicht genug betont werden kann. Eine solche Aussprache, die das starke Gefühl, das lebendige Bewußtsein der Klassensolidarität der Proletarierinnen rückhaltlos betont und ihre Betäti gung als selbstverständliche Pflicht proklamiert, eine Aussprache, die fund tut, daß wir bei der Erfüllung dieser Pflicht als gute Kameraden und treue Waffengefährten der Männer ganz naturnotwendig gemeinsam raten und taten müssen, hielt ich also für einen wichtigen Punkt der Tagesordnung. Diese Aussprache ist natürlich nicht zu verwechseln mit der Besprechung von eventuellen Klagen über Bevormundung der Frauen durch die Männer", über den verlorenen Zusammenhalt der Genossinnen an den einzelnen Orten" usw., wie es einige Genossinnen in ihren Artikeln zur Frauenkonferenz vorschlugen. Solche Klagen, wenn Anlaß dazu vorliegt, sollte man an das Frauenbureau richten. In der Regel kann alsdann durch eine freundnachbarliche Ausfprache leicht Abhilfe geschaffen werden. In den meisten Fällen ist die Veranlassung auch nicht böser Wille, sondern Arbeitsüberbürdung oder Mangel an Eingewöhnung zur gemeinsamen Arbeit. Eine Besprechung solcher Einzelheiten vor„ versammeltem Kriegsvoll", das heißt auf der Konferenz, schafft nicht Wandel, sondern Berbitterung und damit Verböserung der Beziehungen, und deshalb gehört sie nicht auf die Konferenzen. Dagegen hat die Rücksprache über die Organisierung, die Schulung, die Mitarbeit der Frauen, die ich im Auftrag des Parteivorstandes mit einer Anzahl Bezirksleitungen hatte, das Zusammenarbeiten außerordentlich gefördert, viel Mißtrauen und manches Mißverständnis beseitigt und das Interesse für die proletarische Frauenbewegung stark gehoben und angeregt. Außer der stizzierten Aussprache wünschte ich die Behands lung einiger wichtiger aktueller Fragen. Zum Beispiel: Die Frau in der Gemeinde mit den Untertiteln: I. Das Frauen wahlrecht in den Gemeinden; II. Unsere Forderungen an die Gemeinden; III. Die Mitarbeit der Frau in der Gemeinde. 213 Dann: Die Frau in den Kinderschuhkommissionen. und Die Frauen bei den Krankenkassenwahlen. Die Nützlichkeit und Wichtigkeit dieser provisorischen Tagesordnung ward nicht bestritten, doch ward von anderer Seite im Vorstand geltend gemacht, daß wichtige Gründe für die Verschiebung der Konferenz bis zum nächsten Jahre sprächen: Einmal stehen wir im nächsten Jahre vor den Reichstagswahlen. Da gilt es, die Begeisterung der Frauen für die Teilnahme an der Agitation, an allen vorkommenden Arbeiten zu entfachen. Eine Willenskundgebung der Genossinnen auf einer Konferenz würde die beste Wirkung erzielen. Um so besser, wenn die Reichstagswahlen, wie anzunehmen, bereits im Herbst 1911 stattfinden sollten, unsere Konferenz im nächsten Jahre, also vielleicht zwei bis drei Monate vor dem Hauptwahltag, tagen würde. Eine Stellungnahme zu den Wahlen in diesem Jahre und ein Entfachen der Begeisterung wäre verfrüht. Die Begeisterung ist bekanntlich keine Pöfelware. Organisatorische Vorbereitungen müßten natürlich früher gemacht und die großen Richtlinien für die Wahl festgelegt werden, jedoch ist das nicht Sache der Frauenkonferenz, sondern der gesamten Partei und des Parteitags, der denn auch bereits in diesem Jahre Stellung zur Reichstagswahl nehmen wird. Zweitens haben wir in diesem Jahre ( Ende August und Anfang September) den internationalen Kongreß, dem eine internationale Frauenkonferenz voraufgehen wird. Der Vorstand hat den lebhaften Wunsch, daß diese beiden internationalen Tagungen auch entsprechend der Stärke unserer weiblichen Mitglieder von Frauen besucht werden. In dem Zirkular an die Bezirksleitungen, das die Verteilung der Mandate auf die Einzelbezirke regelt, ist diesem Wunsche Ausdruck gegeben, und ist es als selbstverständliche Pflicht erklärt, daß Bezirke, die drei Mandate zu vergeben haben, eine Frau mit delegieren. Wird so verfahren, so werden in mindestens 12 Bezirken Frauen zum internationalen Kongreß und zur Konferenz delegiert. Unter diesen Bezirken sind nun mehrere, deren Finanzen es nicht erlauben, im selben Jahre, ja im selben Monat zum internationalen Kongreß und zur Konferenz und zur nationalen Konferenz und zum Parteitag Frauen zu delegieren. Fänden nun, ohne Rücksicht auf die finanzielle Leistungsfähigkeit dieser Bezirke, dennoch beide Tagungen für die Frauen in einem Jahre statt, würde der Besuch beider Veranstaltungen und da mit ihre Wirksamkeit darunter leiden. Entweder würden Be zirke ihre internationalen Mandate nicht voll ausnuten und damit die Wahl der Frauen erschwert oder unmöglich gemacht, oder es würden die Wahlen zu den nationalen Tagungen für die Genossinnen ungünstig beeinflußt werden. Beides läge nicht im Interesse der Frauen und ihrer Tagungen und nicht int Interesse des Zusammenarbeitens von Frau und Mann in der Partei. Hinzu komme noch, daß die gepflogenen Diskussionen, die gegebenen Anregungen beider Frauenkonferenzen für die fernere Agitation nugbar gemacht werden sollen, ein Umstand, der gleichfalls dafür spreche, die Konferenzen auf zwei Jahre zu verteilen, um die Anregungen nicht verpuffen zu lassen. Dieser Argumentation fonnte ich mich nicht verschließen, so gerne ich auch in diesem Jahre eine Konferenz der deutschen Genossinnen gehabt hätte. Ich konnte diese Argumentation um so weniger unbeachtet lassen, weil auch sämtliche Bezirksleiter, außer einem, ähnliche Gründe für die Abhaltung der Konferenz im nächsten Jahre geltend machten, als sie auf einer Zusammenkunft gutachtlich über diese Frage gehört wurden. Die 13 weiblichen Delegierten des preußischen Parteitags, unter denen acht Delegierte von Groß- Berlin, eine Delegierte vom Bezirk Dortmund, eine Delegierte von Hannover und zwei von Schleswig- Holstein waren, erklärten sich gleichfalls für nächstes Jahr, nachdem sie die Gründe für und wider gehört hatten. Nach nochmaliger Beratung und unter Berücksichtigung aller vorgebrachten Gründe hat der Parteivorstand am 19. März 214 Die Gleichheit beschlossen, daß die Frauenkonferenz im nächsten Jahre stattfindet. Zu der übergroßen Zahl unserer Genossinnen im Reichauch jener, die sich bereits zur Frage der Frauenkonferenz geäußert haben habe ich das Zutrauen, daß sie die Gründe, die diesen Beschluß veranlaßten, anerkennen und den Beschluß selbst deshalb gutheißen werden. Unsere Genossinnen können jetzt überall zur internationalen Frauenkonferenz Stellung nehmen, eine zahlreiche Beschickung derselben vorbereiten, und sie können auch bereits in diesem Jahre die Vorarbeiten für die nächstjährige nationale Frauenkonferenz beginnen, von der sie ja wissen, fie findet bestimmt statt, und sie findet statt unter der rückhaltlosen Zustimmung und der Unterstützung aller in Frage kommenden Instanzen. Dafür, daß wir noch ein Jahr warten müssen auf sicher überaus wichtige und notwendige Beratungen, tauschen wir diese Unterstützung und damit auch die Gewißheit ein, daß unsere nächstjährige Frauen konferenz eine machtvolle Kundgebung der Genos sinnen zu den Reichstagswahlen, dieser allseitig sehn süchtig erwarteten Gelegenheit zur gründlichen Abrechnung mit unseren politischen Gegnern, sein wird. Die Gewißheit, unsere nächstjährige Frauenkonferenz wird gestützt und getragen von dem einheitlichen Willen der Gesamtpartei, sichert ihr in unseren eigenen Reihen die so notwendige und unentbehrliche Sympathie und weit über unsere eigenen Reihen hinaus eine weit größere Beachtung, als das im anderen Falle möglich wäre. Auch hier steht nun die Autorität der Gesamts partei hinter unserer Veranstaltung und erhöht ihre Bedeutung. Wer ehrlich und rückhaltlos ein gemeinsames Arbeiten von Genossen und Genossinnen, ein kameradschaftliches Verständigen über strittige Fragen wünscht, der wird mit der getroffenen Regelung von Herzen einverstanden sein. Der wird in dem bisher Gesagten auch bereits die Antwort auf cine Einsendung und die Zurückweisung des Vorwurfes erblicken, der mir daraus gemacht ward, daß ich nicht vor dem Beschluß des Parteivorstandes öffentlich die Gründe dargelegt, die für eine nächstjährige Frauenkonferenz sprechen. Wer in einer Körperschaft steht, der hat die Interessen seiner Mandat geber nach bestem Wissen und Gewissen in dieser Körperschaft zu vertreten. Würde er jedoch bei jeder strittigen Frage eigen sinnig auf seiner Meinung beharren, ohne die angeführten Gegengründe auch nur zu beachten, würde er in solchen Fällen stets die„ Fahne der Rebellion" erheben und die„ Flucht in die Öffentlichkeit" nehmen, so hätte er damit in dieser Körperschaft fich alsbald unmöglich gemacht, er hätte jeden Einfluß verloren und seine vollständige Unfähigkeit zu gemeinsamer Arbeit dokumentiert. So zu verfahren, lehne ich entschieden ab. Anders läge die Sache, falls grundsätzlich anerkannte oder statutarisch festgelegte Rechte der Genossinnen hätten angetastet werden sollen. Da hätte ich zunächst im Vorstand mit aller Kraft dagegen gekämpft, und wäre ich dort unterlegen, hätte ich bei den vorhandenen Instanzen und in der Öffentlichkeit weitergekämpft, hätte alle Genossinnen zum Mitkampf auf gerufen. Ein solcher Fall lag nicht vor, und ein solcher Fall ist meiner festen überzeugung nach beim Parteivor stand in seiner heutigen Zusammensetzung auch absolut ausgeschlossen. Bei der Entscheidung über die Frauenkonferenz handelte es fich dagegen lediglich um eine Zweckmäßigkeitsfrage, die sich schließlich durch die Diskussion in der„ Gleichheit" zuspitzte zu der Frage: Ob in diesem Jahre gegen den Willen der maßgebenden Instanzen und unter Außerachtlassung ihrer Gründe oder im nächsten Jahr mit dem Willen und der Unterstützung dieser Instanzen die Konferenz tagen sollte. Ich hielt das letztere im Interesse der Genossinnen und der Gesamtpartei für das Richtigere. Luise Ziez. IV. Nr. 14 Die Umstände zwingen uns leider, unsere Darlegungen zur strittigen Frage mit einigen unerquicklichen Feststellungen einzuleiten. Die Artikel der Genossinnen Wurm und Wulff in Nr. 12 hatten sachliche Kritik an dem Verhalten des Frauenbureaus geübt. Persönlich verletzende Angriffe gegen die beiden Vertreterinnen der Genossinnen darin enthielten sie nicht. Trotzdem wenden sich die von den Genossinnen Baader und Döring unterzeichneten Einsendungen scharf persönlich gegen die Genossinnen Wurm und Wulff, ganz besonders aber gegen erstere. Unter solchen Umständen ist es üblich, den persönlich Angegriffenen sobald als möglich Gelegenheit zu ihrer Verteidigung zu geben. Nr. 15 ist die Mainummer der„ Gleichheit". Sie ist der Agitation gewidmet und sollte daher unseres Dafürhaltens nicht die Frage der Frauenkonferenz erörtern, insbesondere aber keine Polemik zwischen Genossinnen bringen. Angesichts dieser Sachlage beabsichtigten wir, die Genossinnen Wurm und Wulff noch in dieser Nummer zu Worte kommen zu lassen. Wir teilten das den Genossinnen im Bureau mit. Diese haben daraufhin gegen das überall übliche Verfahren unter persönlichen Verdächtigungen gegen uns Protest erhoben und erklärt, daß den Genossinnen Wurm und Wulff nur geschehe, was der von Genossin Baader unterzeichneten Einsendung widerfahren sei. Um einer Legendenbildung vorzubeugen, verweisen wir auf die Fußnote zu dieser und fügen das Folgende hinzu: Nr. 12 ist so zeitig in den Händen der Genossinnen Zieß und Baader gewesen, daß die von der letzteren unterfertigte Einsendung sehr gut um einige Tage früher hätte eingeschickt werden können. Es wäre sachlich wie formell unser gutes Recht, über den Protest hinwegzugehen, das um so mehr, als wir dem Frauenbureau keine Rechenschaft über unsere Redaktionsführung schuldig sind. Trotzdem stellen wir die Erwiderungen der Genossinnen Wulff und Wurm zurück, um auch den Schein einer unstatthaften Parteilichkeit zu vermeiden. Die persönlichen Anschuldigungen in der von Genossin Baader unterzeichneten Einsendung gewinnen dadurch nichts an Stichhaltigkeit, daß die Angegriffenen sie erst in Nr. 16 zurückweisen können. Was die Einsendung im Namen der acht Funktionärinnen des zweiten Berliner Kreises betrifft, so protestiert sie gegen einen Popanz von Behauptungen, die Genossin Wurm gar nicht aufgestellt hat. Diese hat sich nicht mit dem beschäftigt, was die Protestierenden des zweiten Kreises wissen oder nicht wissen; sie hat den Tatsachen entsprechend beanstandet, daß die Genossinnen von Groß- Berlin und darüber hinaus nicht rechtzeitig informiert worden sind. Der Eifer, mit dem unsere Vertreterinnen im Frauenbureau auf einmal rasch und unwidersprochen zu Worte kommen wollen, berührt uns sehr wunderlich. Als wir die Diskussion über die Frage einer eventuellen Vertagung der Frauenkonferenz eröffneten, forderten wir sie auf, vor allen anderen Genossinnen ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen. Unter Hinweis auf ihr Amt lehnten sie das ab und erklärten, nicht früher das Wort ergreifen zu wollen, bis die Entscheidung des Parteivorstandes gefallen sei. Genossin Zieh verteidigt diese Auffassung weiter oben. Ihre Ausführungen. haben unsere Überzeugung nicht zu erschüttern vermocht, daß die beiden Genossinnen sich eines Rechtes begeben und eine Selbstbescheidung geübt haben, ohne daß dies sachlich ausreichend begründet wäre. Was Genossin Zietz in dieser Beziehung sagt, trifft zunächst gar nicht auf Genossin Baader zu. Sie ist nicht Mitglied des Parteivorstandes, sondern lediglich die durch Wahl beauftragte Vertreterin der Genossinnen im Frauenbureau. Was aber Genossin Zieh selbst anbelangt, so haben wir folgendes zu bemerken. Wie hoch auch immer man die Pflicht der Solidarität zwischen den Gliedern einer Körperschaft werten mag: Diese Solidarität forderte keineswegs, daß unsere Vertreterin im Frauenbureau sich einer Meinungsäußerung für oder gegen die Vertagung der Konferenz schon zu der Zeit enthielt, als die Entscheidung des Parteivorstandes überhaupt noch gar nicht gefallen war. Wenn die Zugehörigkeit zu einer Körperschaft Nr. 14 Die Gleichheit dazu verpflichtet, in der Erwartung kommender, möglicher oder wahrscheinlicher Entscheidungen auf den öffentlichen Ausdruck ciner persönlichen Meinung zu verzichten das natürlich mit aller gebotenen Reserve in der Form, so würde sich wahr scheinlich jeder Mensch von überzeugung schönstens dafür bedanken, einer solchen Körperschaft anzugehören. Diese Bindung „ auf Vorschuß“ ist eine staatsrechtliche" Entdeckung eigener Art, die außer Genossin Ziez noch niemand gemacht haben dürfte. Wir sind überzeugt, daß diese als Agitatorin die Konse quenzen davon zieht und fünftig nie mehr die Schale ihrer Empörung und ihres Spottes über die unglückseligen Minister ausschüttet, die ein Amt haben und keine Meinung". Auch diese armen Schächer sind ja durch die Solidarität gebunden. Die von der Genossin Zieh vertretene Auffassung hat aber noch eine andere Seite. Sie beleuchtet den Zusammenprall der Pflichten, zu denen die Verquickung der beiden Amter führen fann, ja unter Umständen führen muß, die Genossin Zietz befleidet. Als Vertreterin der Genossinnen im Frauenbureau hätte sie so früh als möglich ihre Meinung zur Frage der Frauenkonferenz äußern sollen. Als Beisitzerin des Parteivorstandes hielt sie sich für verpflichtet, erst zu sprechen, nachdem dieser seinen Beschluß gefaßt hatte. Dieser Gegensatz weist auf die Notwendigkeit hin, sachlich und gründlich die Frage zu prüfen, welche Stellung und Aufgaben nach der Neuorganisation der Genossinnen dem Frauenbureau fünftig zukommen follen. Diese Notwendigkeit tritt gerade im Zusammenhang init der strittigen Frage auch sonst noch hervor. Unseres Er achtens wäre die Frage, Vertagung der Konferenz oder nicht, überhaupt keine strittige geworden, wenn Stellung und Aufgaben des Frauenbureaus die sachliche Regelung gefunden hätten, welche durch die Neuorganisation unabweisbar geworden ist. Es taucht die Frage auf und sie ist bereits sehr ernsthaft in großen tüchtigen Parteiorten mit guter Frauenbewegung gestellt worden, hat nun ein besonderes Frauenbureau noch eine Existenzberechtigung? Wir bejahen diese Frage unter der Voraussetzung, daß eine sachliche Reorganisation des Bureaus in der oben angedeuteten Richtung stattfindet. Des weiteren handelt es sich um eine Entscheidung der Partei über den Modus, nach dem die Vertrauensposten im Bureau künftig zu besetzen sind. Soll der Parteivorstand die Beauftragten der Genossinnen anstellen, sollen diese wie er selbst- alljährlich oder in größeren Zwischenräumen vom Parteitag gewählt werden, soll den Ge nossinnen dabei ein Vorschlagsrecht zustehen? Der ganze Komplex von Fragen, der mit dem Frauenbureau zusammenhängt, verlangt im Interesse des gedeihlichen, praktischen Zusammenarbeitens von Genossinnen und Genossen eine baldige Lösung. Die Frauenkonferenz wäre die berufene Instanz gewesen, um der nötigen Regelung durch den Parteitag gründlich und sachlich vorzuarbeiten und Vorschläge zu formulieren, welche die Ansichten der Genossinnen zum Ausdruck brächten. Denn un beschadet aller Kameradschaftlichkeit des Zusammenarbeitens mit den Genossen sollte unserer Auffassung nach diese Frage nicht geregelt werden, ohne daß die an ihr meist Beteiligten, die Genossinnen, sie erörtert haben. Das gebieten Gründe prak tischer Zweckmäßigkeit nicht minder wie solche der Gerechtigkeit und Billigkeit. Wir haben die einschlägige Frage in unserem ersten Artikel nicht angeschnitten, weil wir erwarteten, daß das Bureau selbst dies tun würde. Nachdem dies nicht geschehen ist, nachdem auch Genossin Zieß ihr auf der projektierten Tagesordnung keinen Platz gegönnt hat, holen wir dies nun nach. In einer folgenden Nummer werden wir die Angelegenheit, losgelöst von der Frage der Konferenz, behandeln, heute begnügen wir uns damit, die Aufmerksamkeit der Partei und der Genossinnen insbesondere darauf zu lenken. Denn da das Frauenbureau eine Institution der Gesamtpartei ist, fällt dieser auch die Pflicht zu, sich mit seiner baldigen Reorganisation zu beschäftigen. Abgesehen von anderen Gründen, hätten die Vertreterinnen im Frauenbureau noch einen besonderen Anlaß gehabt, die Frage des Stattfindens oder der Vertagung der Konferenz auch im Hinblick auf die aufgezeigte Situation zu prüfen. Bis jetzt 215 war es ein zwar ungeschriebenes, aber respektiertes Recht der Genossinnen, auf jeder Konferenz ihre Vertreterinnen in das Frauenbureau zu wählen. Entsprechend dem Usus, der für das Stattfinden der Konferenzen galt, war deren Amtsperiode eine zweijährige. Diese Periode läuft im Herbst dieses Jahres für die jetzigen Beauftragten ab. Eine Vertagung der Frauenkonferenz bedeutet also mit der Verlängerung ihrer Amtsdauer eine Beschränkung des noch geltenden Gewohnheitsrechtes der Genossinnen. Dieser Umstand allein schon hätte das Frauenbureau veranlassen müssen, durch eine Umfrage die Meinung der Genossinnen über die Vertagung der Konferenz festzustellen. Wir betonen, daß es sich bei der Frage in erster Linie nicht um ein Votum über die Amtsführung unserer Vertreterinnen handelt, sondern um ein Gewohnheitsrecht, das nicht sang- und flanglos beschränkt werden durfte. Das hätte Genossin Zietz beachten sollen, als sie von dem nicht angetasteten Recht der Genossinnen sprach Genossinnen sprach allerdings vorsichtig genug, nur von dem statutarischen Recht. Vielleicht überlegt sich auch Genossin Baader den Kasus. Die von ihr gezeichnete Einsendung spricht ohne weiteres allen Genossinnen den„ feinen Taft" ab, die sich erdreistet haben, ohne ihre hohe Erlaubnis die Frage der Konferenz zu diskutieren. Mit der Bescheidenheit, die uns ihrem Amte gegenüber gebührt, möchten wir bemerken, daß der berufene„ feine Taft", zu dessen Hüterin sich Genossin Baader ernennt, unsere Beauftragten im Hinblick auf das Recht der Genossinnen hätte davon abhalten müssen, ohne vorherige Umfrage einer Vertagung der Konferenz zuzustimmen. Mit besonderem Nachdruck weisen wir die Auffassung zurück, als ob eine Diskussion über die Frage der Konferenz nur statthaft sei, nachdem den Genossinnen dazu eine amtlich untersiegelte Erlaubnisurkunde des Parteivorstandes und des Frauenbureaus ausgehändigt worden wäre. Sie offenbart Gedankengänge, die sich bedenklich dem berühmten„ Untertanenverstand" nähern, der nur kauen und denken läßt, was von der vorgesetzten Obrigkeit vorgekaut und vorgedacht ward. Sie bekundet des weiteren einen bureaukratischen Dünkel, der wie der Untertanenverstand auch im schroffsten Gegensatz zu dem geistigen Leben der Partei, ihrem demokratischen Wesen steht. Vielleicht blättert Genossin Baader einmal die Parteigeschichte im allgemeinen und die der Frauenbewegung im besonderen danach durch, welche Diskussionen über strittige Fragen erst auf Grund eines Bewilligungsscheins von oben stattgefunden haben. Entschieden verwahren wir uns gegen die Deutung, daß Umfrage und Diskussion einem Mißtrauensvotum gegen den Parteivorstand gleich sei. Genossin Baader soll nicht päpst licher sein wollen als der Papst. Wenn der Sinn laut werdender Wünsche, einer sachlichen Kritik ein Mißtrauensvotum wäre, so käme die Partei aus den„ Mißtrauensvoten" nicht heraus. Was die Umfrage anbelangt, so versteht es sich für jeden mit den Verhältnissen Vertrauten am Rande, daß sie im Einver ständnis mit dem Parteivorstand stattzufinden hatte. Und wir möchten die sachlichen Gründe hören, die bei rechtzeitiger und richtiger Anregung gegen sie geltend gemacht worden wären. Wir brauchen nicht erst lange nachzuweisen, daß niemand auf den burlesken Gedanken verfallen konnte, die Frage der Konferenz durch eine Umfrage zur Erledigung" zu bringen. So ziemlich jeder AVC- Schütze der Arbeiterbewegung kennt den informatorischen, gutachtlichen Charakter einer solchen Maßnahme, die in unserem Falle nichts sein konnte und sollte als die„ Vorbereitung einer Vorbereitung". Die Außerungen des Frauenbureaus zu dieser Seite der Sache sind nichts als will fürliche, gekünstelte Konstruktionen, die zusammenbrechen, wo man sie anrührt. Was Genoffin Zieß lang und breit über die notwendige Zusammenarbeit und Kameradschaftlichleit der Genossinnen und Genossen, von dem Vorteil dieser Gemeinsamkeit erzählt, sind Binsenwahrheiten, über die es feine Meinungsunterschiede unter den Genossinnen gibt, die aber mit der strittigen Frage wenig zu tun haben. Wir unterschreiben sie um so lieber, als sie sich mit dem Standpunkt decken, den wir seit je in Theorie und Praxis vertreten haben. In Erinnerung an frühere ständige 216 Die Gleichheit unerquickliche Erscheinungen, die mehr als einen Parteitag be fchäftigt haben, werden es besonders die Hamburger Genossen mit Genugtuung begrüßen, daß gerade Genoffin Ziez sie jetzt so eindringlich den Genossinnen als Richtschnur empfiehlt. Frei lich: die selbstverständliche Praxis der selbstverständlichen Auffaffung schließt feineswegs die Verwerflichkeit einer offenen Aussprache darüber in sich, daß hie und da Erkenntnis und Tun noch zu wünschen übrig laffen. Die proletarische Frauen bewegung ist wie die Partei-unter solchen offenen Aussprachen groß geworden und braucht sie auch in Zukunft nicht zu scheuen. Genoffin Ziet' emphatische Beteuerungen, daß im nächsten Jahre die Frauenkonferenz von dem einheitlichen Willen der Gesamtpartei geftüßt und getragen wird, würde genau so zutreffen, wenn der Parteivorstand sich dazu entfchloffen hätte, schon heuer eine solche Tagung einzuberufen. Wir halten die gefallene Entscheidung für keine glückliche, sach lich berechtigte. Die Begründung, welche Genoffin Zich ihr gibt, entwaffnet nicht die Kritik, fie fordert sie geradezu heraus. Eines ihrer Argumente schlägt stets das andere tot. Was hat es mit der Berufung auf die Reichstagswahlen des nächsten Jahres auf sich? Wenn Genossin Zieh mit der Möglichkeit rechnet, dank der Vertagung werde die verschobene Frauentonferenz 2 bis 3 Monate vor den Reichstagswahlen stattfinden können, so weiß sie mehr als alle Minister und Polis tiker des Deutschen Reiches, ja der ganzen Welt zusammen. Es gibt kaum jemand, der in der gegenwärtigen Situation nicht mit einer möglichen Auflösung des Reichstags rechnet. Aber gesetzt auch, dieses Parlament ftürbe eines normalen Todes, so ist da mit noch nicht gesagt, daß die Wahlen gerade erst im Herbst stattfinden. Aus Gründen, die bekannt sind, hat die Regierung seit dem Falle des Sozialistengesetzes alle Reichstagswahlen -mit Ausnahme der letzten stets im Frühjahr beziehungsweise Sommer angesetzt. Die Sozialdemokratie hat so stark mit alledem zu rechnen, daß bereits der diesjährige Barteitag ihren organisatorischen Aufmarsch einleiten soll. Wir fragen erstaunt: Warum soll das, was für die Gesamtpartei als notwendig erscheint, für die proletarische Frauenbewegung nicht ebenfalls dringlich sein? Genossin Zieß macht sich die Sache allzu leicht, wenn sie in Beantwortung dieser Frage lediglich darauf verweist, daß der organisatorische Aufmarsch der Partei mit den Genoffen auch die Genossinnen erfaffe. So richtig das ist, so falsch ist es, daß damit die vorbereitenden Arbeiten erledigt find, welche eine Frauenkonferenz im Hinblick auf den bevor stehenden Wahlkampf leisten sollte. Der organisatorische Aufmarsch sagt nichts über die Berücksichtigung der Verhältnisse, die richtig gewürdigt und ausgenutzt werden müssen, wenn die Genoffinnen gerade im Wahlkampf ihre Sonderaufgabe unter dem noch indifferenten weiblichen Proletariat mit dem größten Erfolg erfüllen sollen. Darüber zu diskutieren, alle Genofsinnen zu hören, die auf Grund ihrer Praxis berichten, anregen, vorfchlagen fönnen, hätte die Sache einer diesjährigen FrauenKonferenz sein sollen. Das um so mehr, als die Situation wie noch nie zuvor den Boden bereitet hat für ein fräftiges Vordringen der proletarischen Frauenbewegung unter die katholischen Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen und unter andere Schichten der tätigen Frauenwelt. Betreffs der Notwendigkeit, gerade die Genoffinnen frühe für den Wahlkampf zu rüsten, erinnern wir an das, was wir bereits in Nr. 8 geschrieben haben. Genoffin Zieh weist allerdings der Frauenkonferenz in dieser Beziehung nur eine Aufgabe zu: Begeisterung zu erzeugen. Wir bekennen uns schuldig, uns die Leistungen einer Konferenz etwas weniger einfach vorzustellen. Wenn aber schon einer furzatmigen Begeisterung tatsächlich die ihr zugeschriebene Rolle zukommt, warum wird dann nicht auch der Parteitag mit der gleichen Argumentation um ein Jahr verschoben? Sollte vielleicht die Begeisterung der Genoffen allein doch Heringsware sein, die sich viele Jahre einpöfeln läßt? Entweder oder! Doch tun wir ernste Dinge nicht mit billigen Mäßchen ab. An Begeisterung hat es den Genofsinnen bisher jederzeit weniger als an manchem anderen gefehlt, und ihre Flamme ist stark und heiß genug, um auch ohne den Blafebalg einiger Nr. 14 mehr oder weniger zündenden Reden nicht binnen Jahresfrist zu erlöschen. Wichtiger wäre die Sorge für manches andere. Wenden wir uns nun zu den Ausführungen über die inter nationalen Tagungen. Wir begrüßen, was Genossin Zietz über den dringenden Wunsch des Parteivorstandes schreibt, die Genosfinnen möchten der Stärke unserer proletarischen Frauenbewegung entsprechend an ihnen teilnehmen. Die daraus her geleiteten Schlußfolgerungen vermögen wir uns beim besten Willen nicht zu eigen zu machen. Die internationale Frauenkonferenz verhält sich nach Umfang und Bedeutung zur nationalen Frauenkonferenz nicht anders wie der internationale Kongreß zu dem deutschen Parteitag. Wem wird es jedoch einfallen, eine Verschiebung des letzteren um ein Jahr mit der Begründung zu befürworten, dadurch die nötige Vertretung der Sozialdemokratie in Kopenhagen zu sichern? Außerdem: die geistigen und materiellen Aufwendungen für zwei Konferenzen bleiben die gleichen, ob wir sie nun auf zwei Jahre verteilen oder in eins zusammendrängen. Die deutsche Sozialdemokratie ist noch nie durch die Größe der Aufwendungen, der Opfer vor dem Notwendigen zurückgeschreckt. Übrigens wird die internatio nale Frauenkonferenz nicht so außerordentliche Anforderungen an die deutschen Genossinnen stellen, daß ihretwegen die nativnale Tagung unterbleiben müßte. Wir konstatieren das auf Grund des überblicks über die Situation, die wir als Zentrale für die Beziehungen der Genoffinnen verschiedener Länder haben. Zum Schlusse müssen wir uns noch nachdrücklichst gegen eine Behauptung wenden. Genoffin Zieß erklärt, die strittige Angelegenheit habe sich durch die Diskussion in der„ Gleichheit" zu der Frage zugespitzt, ob in diesem Jahre eine Frauenfonferenz gegen den Willen der maßgebenden Instanzen und unter Außerachtlassung ihrer Gründe tagen solle. Wir fordern Genofsin Zieh auf, auch nur eine Zeile, auch nur ein einziges Wort für diese ihre Behauptung beizubringen. Ihre Unterstellung wird nicht um ein Jota richtiger, wenn sie mit fettem Druck wiederholt werden sollte. Dagegen stellen wir eine Tatfache fest: Die Vertagung der Frauenkonferenz wurde unter Zustimmung unserer Vertreterinnen im Frauenbureau entschieden, ohne daß die Genofsinnen vorher auch nur um ihre Meinung befragt worden sind. Die Besprechung der weiblichen Delegierten zum Preußentag ist in dieser Beziehung völlig be deutungslos, eine bloße persönliche Meinungsäußerung einzelner, die fein Mandat hatten, das sich auf vorausgegangene Klärung ftüßte. Die vorstehende Auseinandersehung war uns gewiß fein Genuß, wir hielten es aber für eine Pflicht, dem Notwendigen nicht auszuweichen. Es wird wahrscheinlich nicht an den modisch gewordenen Jammertönen über die Meinungsunterschiede zwischen den Genossinnen fehlen. Sei's drum! Auf dem Meere der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung haben ganz andere Orkane getobt, als dieser Sturm im Glase Wasser. Die Redaktion der„ Gleichheit". Eine überflüssige Konferenz. Eine überflüssige Konferenz, jawohl! Oder auch eine Konferenz der überflüssigen! Anfangs März tagte in Berlin die„ Zweile deutsche Konferenz zur Förderung der Arbeiterinneninteressen". Bor drei Jahren hat um dieselbe Zeit die erste Konferenz stattgefunden. Mit unendlicher Hoffnungsfreudigkeit erwarteten damals bürger. liche und christliche Frauen von der Regierung die Erfüllung berechtigter Forderungen zum Schutze der Arbeiterinnen. Auf dieser zweiten Konferenz fehren aber genau dieselben Forderungen mit den alten Klagen wieder über den mangelnden Arbeiterinnenschutz und die Zunahme der ungelernten Frauenarbeit. Vergegenwärtigt man sich das, so fallen einem Fausts Worte ein, die ausgezeichnet auf die geistige Leitung dieser Konferenzen passen, die trotz aller Wiißerfolge unentwegt voll Vertrauen auf die Regierung blickt: ,, Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet, Der immerfort an schalem Zeuge Ilebt, Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt Und froh ist, wenn er Regenwärmer findet!" Die wenigen Verbesserungen, die die Gewerbeordnungsnovelle ben Arbeiterinnen gebracht hat, sind erreicht worden trotz der Nr. 14 Die Gleichheit bürgerlichen Parteien und nur dank dem Drucke der sozialdemoIratischen Abgeordneten und der hinter ihnen stehenden flaffen bewußten Arbeitermassen. Die Regierung wäre für alle Vers schlechterungen der mageren„ Reformen" zu haben gewesen, trotz dem sie ihr lebhaftes Interesse" an der ersten Konferenz zur Förderung der Arbeiterinneninteressen durch Entsendung eines Vertreters fundgegeben hatte und es diesmal wiederum durch die Anwesenheit eines Herrn vom Reichsversicherungsamt den Damen gnädigst bezeugte. Dieselben Referentinnen fagten auch im wesentlichen dasselbe wie damals. Helene Simon sprach über den Anteil der Frau an der deutschen Industrie nach den Ergebnissen der Berufszählung von 1907" und empfahl gegen die körperliche und geistige Vers elendung der gewerblich tätigen Frauen wieder: Staatshilfe in Form vermehrten Schutzes und befferer Berufsausbildung und Selbst hilfe, das heißt Organisation. Dabei erscheint es ihr heute wie damals völlig gleichwertig, welcher fonfessionellen oder politischen Organisation fich die Arbeiterinnen anschließen. Ihre Leitsätze, Begründungen und Forderungen deckten sich vollständig mit denen von Dr. Hanns Dorn auf der fünften Generalversammlung des Verbandes fortschrittlicher Frauenvereine im Oftober 1909, wor über in der„ Gleichheit" seinerzeit ausführlich berichtet worden ist ( Nr. 2 vom 25. Oftober 1909). Aber bis zur Ermüdung wiederholten auch die drei anderen Referentinnen ihre alten Forderungen; Dr. Agnes Bluhm:„ Der Einfluß der gewerblichen Hilfe auf den Organismus der Frau"; Dr. Marie Baum: ,, Der Einfluß der gewerblichen Arbeit auf das persönliche Leben der Frau"; Dr. Elisabeth Jaffé Richthofen:„ Die Frau in der Gewerbeinspektion". Ja, zum Teil sind diefe Damen in ihren Forderungen reaktionärer ge217 fratie hätte diefer bürgerlich- reformerischen Damentagung doch ein gewiffes Relief gegeben. Seit die flaffenbewußte Arbeiterschaft den Glauben verloren hat an eine Harmonie zwischen Arbeit und Kapital, hat sie es im allgemeinen auch abgelehnt, an derartigen Tagungen Vorspanndienste zu leisten. Auf dem Stuttgarter Gewerkschaftsfongreß erklärte Genosse Legien unter der Zustimmung aller Delegierten:„ Wir Arbeiter wissen selbst, was auf dem Gebiet der Arbeiterschußgesetzgebung gemacht werden muß. Wollen uns bürgerliche Politiker helfen, so sind sie uns willkommen, aber hinterher laufen wir ihnen nicht. Wir deutschen Arbeiter brauchen feinen Vormund. Wir gehen den Weg der modernen Arbeiterbewegung, und wer uns von diesem Wege abbringen will, den weisen wir rücksichtslos von uns." -Hätte Frau Deutsch und alle diejenigen, deren Sprachrohr sie ist, sich dieser Erklärung erinnert, die„ peinliche Empfindung" über das Fernbleiben der höchsten Vertretung der Arbeiterschaft" wäre ihr erspart geblieben. Die Sozialdemokratie hat keine Ursache, ihren Standpunkt zu ändern; sie betrachtet mit Recht alle diese bürgerlichen sozialpolitischen Kongresse als ein Mittel, die Arbeiterklasse - und in unserem Falle insbesondere die Frauen einzufangen und ihr Hirn mit der Utopie einer Harmonie zwischen Arbeit und Kapital zu umnebeln. Die Erkenntnis der proletarischen Klassenlage soll getrübt werden, Phrasen sollen den tatsächlich vorhandenen unüberbrückbaren Gegensatz der Klassen verhüllen und die Ausgebeuteten über die wahren Ursachen ihres Elends hinwegtäuschen. Warum das alles? Damit die Massen sich an Brosamen bürger lichen Wohlwollens begnügen, statt für ihre Befreiung zu kämpfen. Mathilde Wurm. worden. So empfahl beispielsweise Dr. Marie Baum die Ein- Die Arbeiterinnen und die führung der Halbtagsschicht für verheiratete Arbeiterinnen. Ganz abgesehen davon, daß alle von der Konferenz befürworteten Reformen nur Berwässerungen sozialdemokratischer Forderungen find, steht keine einzige bürgerliche Partei hinter ihnen, die bereit wäre, ernsthaft für sie zu tämpfen. Das wissen zwar sowohl die bürgerlichen wie die chriftlichen Frauen, aber sie trösten sich mit dem bequemen Worte:„ Große Dinge gewollt zu haben, ist auch schon etwas." Besonders das Zentrum hat es zur Meisterschaft in der Kunst gebracht, programmatische Forderungen zu stellen, die in Hunderttausenden von Flugblättern der Welt verkündet werden, aber bei der Verfechtung dieser Forderungen in den Parlamenten ftets umzufallen. Auch das wissen zum mindesten die Führerinnen der christlichen Arbeiterinnen, trotzdem fahren sie mit vollem Bewußtsein darin fort, ihre unaufgeklärten Anhängerinnen über den wahren Charakter des Zentrums zu täuschen. Zu derselben Zeit, in der auf dieser bürgerlichen Konferenz für Arbeiterinnenschutz eine langatmige Resolution angenommen wurde, die die Beseitigung aller Ausnahmebestimmungen für Überarbeitszeit der Frauen und die Freigabe des Sonnabendnachmittags für Fabrifarbeiterinnen fordert, richtet die siebente Generalversammlung des Verbandes deutscher Waren- und Kaufhäuser an den Bundesrat die„ Bitte", in den Konfektionswerkstätten und in der Puzzbranche während der Saison und auch an Sonnabenden bis zum Ladenschluß, das heißt also bis acht Uhr arbeiten laffen zu dürfen. Natürlich nur, weil das im Interesse der Geschäfte wie der Arbeiterinnen liege! Die Tatsache illustriert am besten, welchen Eindruck die Forderungen der bürgerlichen Frauen auf die Männer ihrer Klasse machen. Sobald der heilige Profit in Frage kommt, wird das im Empfangssalon der Frau Gemahlin sehr gut wirfende Dekorationsstück„ Schutz den Müttern und der Familie" als überflüssiger Ballast hinausgeworfen. Reformen im Rahmen der heutigen Verhältnisse", wie Helene Simon sie erstrebt, sind entweder teine oder können soweit fie in dem herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem überhaupt durchführbar sind nur durch den proletarischen Klassenkampf er zwungen werden. Nicht durch die bessere Berufsausbildung, in der die bürgerliche Frauenwelt vor allem die Möglichkeit einer höheren Wertung der Frauenarbeit sieht, kann die Befreiung der Frau aus ihrer wirtschaftlichen Unterdrückung erfolgen. Die ökonomische Entwicklung wird mit der fortschreitenden Technit nur noch eine Vermehrung, ganz gewiß aber keine Verminderung der ungelernten Arbeit mit sich bringen. Daran ändern alle bürgerlichen Bildungsbestrebungen auch nicht das geringste. Daß die Sozialdemokratie dieser höchst überflüssigen Konferenz fernblieb, war selbstverständlich. Darob erhebt Frau Deutsch in Nr. 1 des neu begründeten bürgerlichen Frauenblattes Frauenfortschritt" großes Jammern, was um so ergöglicher wirft, als sie selbst von der ganzen Konferenz nur den Eindruck gewonnen hat, daß es verlorene Zeit" gewesen sei. Vermutlich war sie der Meinung, eine Beteiligung der Sozialdemoin Finnland. Gesetzgebung I. K. Die Wahlen zur Boltsvertretung in Finnland, die am 1. Februar stattgefunden haben, riefen es den Leserinnen der„ Gleichheit" ins Gedächtnis zurück, daß auch das dritte Parlament des Landes feines natürlichen Todes" gestorben ist. Der Zar löste es im vorigen Jahre auf, kaum daß es einige Monate existiert und gearbeitet hatte. Diese Volksvertretung war erst Anfang Mai 1909 gewählt worden und hatte nur eine einzige Session beenden können. Aber in dieser einzigen Session ist emsig gearbeitet worden, und namentlich auch seitens der sozialdemokratischen Frauen, die als Abgeordnete der Volksvertretung angehörten. Unter anderem lag der Volksvertretung der Entwurf eines Arbeiterschutzgesetzes vor, an dem unsere Genofsinnen eifrig mitgearbeitet haben. Die bisherigen Arbeiterschutzgesetze, wie die ganze foziale Gesetzgebung überhaupt, sind in Finnland äußerst dürftig geblieben. So regeln und beschränken sie zum Beispiel nicht die Länge des Arbeitstags für Erwachsene. Die Altersgrenze für die Kinderarbeit ist auf zwölf Jahre festgesetzt. Über die Nachtarbeit und die Überzeitarbeit fehlen jegliche Bestimmungen. Mutterschaftsfürsorge und Unterstützung für Wöchnerinnen sind unbekannt. Nach dem Generalstreit von 1905 verlangte die Arbeiterklasse entsprechende zeitgemäße Reformen. Die Regierung sah sich gezwungen, einen Ausschuß zum Studium der einschlägigen Fragen einzusetzen. Die parlamentarischen Arbeiten der dritten Volksver tretung haben zum Teil die Vorarbeiten dieser Regierungskommission benutzt. Unterdessen hatte jedoch die Reaktion im Lande wieder seslen Fuß gefaßt, während die wirtschaftliche Krisis die Arbeiterorganisationen vorübergehend schwächte. Dadurch schwoll der Bourgeoisie aufs neue der Kamm; anstatt die soziale Gesetzgebung zu fördern, ließ sie sich nun angelegen sein, alle derartigen Versuche mög lichst zu hintertreiben. Die starke sozialdemokratische Fraktion, welche die Wahlen in das dritte Parlament entfendet hatten, zwang nichtsdestoweniger die Volksvertretung, den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung in Angriff zu nehmen. Die Materie wurde dem Ausschuß für wirtschaftliche Angelegenheiten überwiesen, dem neun bürgerliche und sieben sozialdemokratische Abgeordnete angehörten. Unter den letzteren befand sich auch die Schreiberin dieser Zeilen und Genossin Miina Sillanpää. Die Genannte tennt die Arbeitsbedingungen sowohl in der Industrie wie auch im Dienstboten beruf aus eigener Erfahrung. Als Fabrifarbeiterin hat sie Tagund Nachtarbeit leisten müssen, sie hat auch als Dienstmädchen ihr Brot verdient. Von seiten der bürgerlichen Parteien waren ebenfalls zwei Frauen in den Ausschuß entsendet worden: die Gattin eines Pfarrers und die Gewerbeinspektorin des Landes. Pfarrersgattin hat sich unter den proletarischen Frauen besonders dadurch einen Namen gemacht, daß sie in einer früheren parlamen 218 " Die Gleichheit tarischen Session in der Frage des Schutzes der unehelichen Mütter mit aller Schroffheit den Standpunkt vertrat: Mögen sie leiden!" Die Gewerbeinspektorin ist durch ihre Parteinahme für die Unternehmer bekannt geworden. Sie bekämpft sogar die Einschränkung der Nachtarbeit der Frauen. Die Arbeit der Genofsinnen und Genossen im Ausschuß war feineswegs leicht, da ihre Forderungen viel weiter gingen als die der bürgerlichen Parteien. Wie die Sozialdemokratie in anderen Ländern, verlangten auch wir den gesetzlichen Achtstundentag, Einschränkung der Nachtarbeit für Männer, ihr völliges Verbot für die Frauen, Verbot der Arbeit und Unterstützung für Schwangere und Wöchnerinnen sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Entbindung, Verbot der Arbeit von Kindern unter 15 Jahren, entsprechende Maßnahmen für ihre Erziehung auf der Grundlage eines allgemeinen Schulzwanges usw. Für einige Gewerbe, wie zum Beispiel die Buchdruckerei, Bäckerei, Tabak und Textilindustrie und Schneiderei, besigen wir eine ziemlich gute Statistit, auf Grund deren wir die herrschenden Mißstände und das Elend der Arbeiterschaft ziffernmäßig feststellen fonnten. Es war uns leicht, den Nachweis zu erbringen, daß die Arbeiterin von ihrem geringen Lohn keinerlei Ersparnisse machen kann, um über die Zeit des Wochenbetts hinwegzukommen, daß die Nachtarbeit überhaupt, besonders jedoch für die Frauen außerordentlich gesundheitsschädlich ist. Dabei konnten wir auf die Fortschritte der Arbeiterschutzgesetzgebung in anderen Ländern hinweisen, um dadurch unsere Gegner vorwärts zu treiben. Die Schreiberin dieser Zeilen ließ sich vor allem angelegen sein, die Notwendigkeit des gesetzlichen Schutzes der Arbeitenden im allgemeinen, ganz besonders aber den der Kinder und schwangeren Frauen nachzuweisen. Durch die Aufrollung der Frage einer wirksamen Arbeiterschutzgesetzgebung empfing die Richtigkeit der Lehre vom Klassengegensatz und vom Klassenkampf eine neue, unzweideutige Bestätigung. Wie die gesamte Bourgeoisie, waren mit Ausnahme einiger schwankender Vertreter der Kleinbauern alle bürgerlichen Abgeordneten ohne Unterschied des Geschlechts gegen uns. Und es muß hervorgehoben werden, daß die bürgerlichen Frauen es sich besonders angelegen sein ließen, von dem Segen der Nachtarbeit für Frauen zu schwärmen! Sie fördere die Selbständigkeit der Frau, hebe die wirtschaftliche Lage der Familie und andere schöne Sachen mehr, behaupteten die Damen. Nichts als leerer Schall waren für sie unsere Beweise, daß der Verdienst und die Erwerbsmöglichkeit der Frauen mehr als die der Männer gerade in den Ländern gestiegen ist, wo die Nachtarbeit der Frauen verboten ist. Ebenso unzugänglich blieben sie für den Hinweis darauf, daß das Verbot der Nachtarbeit der Arbeiterin die Möglichteit zu geistiger Hebung gibt. Die bürgerlichen Frauen hatten nur Sinn für eins: für den Profit! Daher ist es kein Wunder, daß das Schutzgesetz, um das der Kampf ging, nicht besser ausgefallen ist. Die erwähnenswerten Bestimmungen sind schnell aufgezählt: Das Gesetz schreibt eine 30 stündige Sonntagsruhe vor; es erhöht die Altersgrenze für Kinderarbeit auf 14 Jahren und läßt Kinder, die alle Klassen der Volksschule absolviert haben, sogar schon mit 13 Jahren zur Arbeit zu. Die Marimalarbeitszeit wurde auf 120 Stunden in je zwei Wochen und 10 Stunden pro Tag festgesetzt, wobei jedoch wöchentlich 10 Überstunden bei 50 Prozent Lohn zuschlag gestattet sind. Für die Wöchnerinnen fonnten wir bloß eine Schutzzeit von vier Wochen durchsetzen. Das gereicht einer Boltsvertretung zu besonderer Schande, die volkstümlich sein will! Es wäre leicht gewesen, wenigstens einen weiterreichenden Wöchnerinnenschutz zu erringen, wenn die Gruppe der Kleinbauern und noch einige, die sich sonst zu den Volksfreunden zu zählen belieben, die bürgerliche Gesinnung nur ein ganz klein wenig hätten verleugnen können. Die Schande dieses geringen Schußes belastet nicht wenig das Schuldkonto der bürgerlichen Frauen, die in der Volksveriretung. fizzen. Ihrer feindseligen, verständnislosen Haltung ist es mit zu verdanken, daß die schwangere Arbeiterin nicht mehr als vier Wochen Ruhe und Schonung erhält.... Und das ohne jede Entschädigung für den ausfallenden Lohn! Die Arbeiterin mag niederkommen! Die finnische Bourgeoisie gewährt ihr dafür eine Schutzfrist von vier Wochen. Doch wenn Mutter und Kind während dieser Zeit verhungern, so geht das die finnische Bourgeoisie nichts an! Sie hat Hände genug, die ihr Mehrwert schaffen! Die Mehrheit der bürgerlichen Abgeordneten suchte sich ein Feigenblatt für ihre Schmach. Sie ersuchte die Regierung um eine entsprechende Vorlage. Genossinnen, helst, daß diese Schande und grenzenlose Kurzsichtigkeit der finnischen Bourgeoisie in der ganzen Welt bekannt wird, damit die Arbeiterinnen überall erwachen und ihre Lage erkennen lernen! Nr. 14 Das Verbot der Nachtarbeit der Frauen unterblieb. Man behauptete, es sei genügend, wenn diese eingeschränkt werde. Folgende Bestimmung darüber enthält das Gesetz: Die Nachtarbeit der Frauen ist nur in bestimmten Fällen zulässig. So zum Beispiel, wenn die Arbeit in drei achtstündigen Schichten bei wöchentlichem Wechsel der Arbeiter verrichtet wird. Die Vorschriften werden jedoch durch Ausnahmen durchbrochen, wenn das Industriedepartement erachtet, daß Saisonarbeit oder daß technische respektive ge schäftstechnische Bedingungen solche erheischen! In vorstehendem haben wir die Hauptpunkte des neuen„ Schutzgefeßes" aufgezählt. Es gilt nur für die Industrie- und Bauarbeiter. Unsere Bemühungen, auch die übrigen Arbeiter dem Gesetz zu unterstellen, waren vergeblich. Der gesetzliche Schutz der beiden Arbeiterkategorien entspricht der Tatsache, daß diese besser organisiert sind als das übrige Proletariat. Bekanntlich müssen wir nun abwarten, ob das Gesetz die Billigung des Baren erhält. Ob sie erfolgen wird, ist die Frage. Bis jetzt ist das Gesetz dem Zaren noch nicht vorgelegt worden. Der Senat scheint es verschleppen zu wollen und würde damit den Wünschen der Unternehmer entgegenkommen. Die Volksvertretung war aufgelöst worden, weil sie sich weigerte, Rußland die geforderte Militärfontribution von 20 Millionen Mark zu bewilligen. Die seither erfolgten Neuwahlen haben einen glänzenden Sieg der Sozialdemokratie gebracht, das heißt der unerbittlichen, unbeugsamen Gegnerin des zarischen Absolutismus, der treuesten Vorkämpferin für die nationale Selbständigkeit Finnlands. Was die Zukunft bringen dürfte, entzieht sich unseren Blicken. Zu befürchten haben wir alles, da wir einen rein russischen Senat haben, dem der Finnenfresser Seyn als Generalgouverneur vorsteht. Die uniformierten Echtrussischen" regieren Finnland. Der Vetoerlaß des Zaren läßt das Schlimmste erwarten. Die Autonomie Finnlands und seine Voltsvertretung scheinen mehr gefährdet als je. Nur ganz gewaltige Ereignisse im Innern Rußlands könnten die Gefahr ablenken. Doch wie dem auch sei, unser Weg ist uns Sozialdemokraten vorgezeichnet, wir wollen und können dem Kampfe nicht ausweichen. Hilja Pärsinen( Biinamaa), Helsingfors. " Aus der Bewegung. Von der Agitation. Mit einer achttägigen Agitationstour im Wahlkreis Hanau- Bockenheim- Gelnhausen- Orb hatte dessen Parteileitung Genoffin Gewehr- Mannheim betraut. Die Ver fammlungen nahmen einen befriedigenden Verlauf, und die Refe rentin verstand es in vorzüglicher Weise, die Herzen der Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse für unsere Bewegung zu gewinnen. In Hanau Stadtwo die Frauenversammlung am Montag, 7. März, abgehalten wurde fand am gleichen Tage nachmittags 4 Uhr eine gewaltige Demonstration für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht in Preußen statt. Fast in allen Fabriken, Werkstätten und Bauten usw. ruhte ab 4 Uhr die Arbeit. Diese Kundgebung, welche mit einer Straßendemonstration abschloß, verfehlte auch ihre günstige Einwirkung auf die Frauen nicht. Be teiligte sich bereits nachmittags eine stattliche Anzahl von ihnen an der Wahlrechtsdemonstration, so war die Abendversammlung der Frauen besucht wie nie eine ähnliche Veranstaltung zuvor. Der große Saal und die Galerie im Gewerkschaftshaus waren besetzt, und als Genoffin Gewehr unter stürmischem Beifall ihre Ausführungen schloß, traten 85 Frauen sowie 7 Männer dem Wahlverein bei. Auch im Kreise Gelnhausen- dem politisch und wirtschaftlich zurückgebliebensten Teile des Wahlkreises faßt die Frauenbewegung festen Fuß. Zwei Versammlungen, in denen Genossin Gewehr sprach, waren von Erfolg begleitet, 8 Aufnahmen in Gelnhausen und 14 in Bad Orb waren das praktische Ergebnis. In Bockenheim( Stadtteil von Frankfurt, jedoch zu unserem Wahlkreis gehörend) wurden in der Versammlung 19 Neuaufnahmen gemacht. Außer in den genannten Orten gewann die Partei noch neue Mitglieder in den Versammlungen zu Resselstadt( 19), Preungesheim( 5), Eschersheim( 5) und in Praunheim( 13). Insgesamt wurden durch diese Agitation 165 neue Parteimitglieder gewonnen, darunter 17 Männer, ebenso einige K. D. Abonnenten auf unsere Parteizeitung. Im Auftrag der Parteileitung des Zwickauer Gebiets hielt die Unterzeichnete Ende Januar und Anfang Februar Versammlungen ab in Reinsdorf, Zwickau, Friedrichsgrün, Bockwa, Schön fels und Brand. In Reinsdorf war der Saal überfüllt, und 60 Frauen traten unserer Partei bei. 30 Mitglieder wurden ihr in Zwickau zugeführt, und in Friedrichsgrün dürften die Frauen der Bergarbeiter die Überzeugung gewonnen haben, daß ihnen in Nr. 14 Die Gleichheit der Bibelstunde und in der Kirche nicht gelehrt wird, wie sie ihre Lage verbessern können. Herr Pastor Wanste war zur Versammlung gekommen, um zu hören, was den Frauen dort vorgetragen werde. Das Thema lautete:„ Die Frau im politischen und wirtschaftlichen Kampfe". Nach der Meinung der herrschenden Klassen sind Politik und Kampf Sachen, die sich für die Frau nicht ziemen. Der Herr Pastor wollte daher die Frauen am Orte, die in großer Zahl erschienen waren und sogar seine Bibelstunde deswegen geschwänzt hatten, vor den gefährlichen sozialistischen Ideen bewahren. Seine Ausführungen zeigten, wie weltenfern das offizielle Christentum den Arbeitern steht. Den Frauen ist durch die Versammlung wohl zur Genüge flar ge worden, daß sie den tirchlichen Wechsel auf das Jenseits denn doch zu teuer bezahlen müssen, und daß sie die heilige Pflicht haben, selbst für die Verbesserung ihrer Lage zu arbeiten und alles daranzusetzen, daß sie hier auf Erden menschenwürdig leben können. Spät nachts erst erreichte die imposante Versammlung ihr Ende. Die tätigen Genossen und Genossinnen werden gewiß dafür sorgen, daß unter den Frauen der Bergarbeiter die sozialistische Saat reiche Früchte trägt. Jn Bockwa konnte der Saal taum alle Frauen fassen, die zur Versammlung gefommen waren, und auch hier wurden Mitglieder für die Partei gewonnen. 12 männliche und 36 weibliche Mitglieder war das Ergebnis der Versammlung in Schönfels. Auch in Brand war der Erfolg mit der Einreihung 27 neuer Kämpfer ein guter. Wir können die erfreuliche Tatsache konstatieren, daß überall an Orten, wo früher Dunkel die Geister gefangen hielt, uns heute das Licht des Verständnisses hell entgegenleuchtet. B. Pollender. über das Thema„ Die 500 Millionen Mark neuer Steuern und die Frauen" sprach die Unterzeichnete in einer Reihe von Versamm lungen, die der Vorstand der Parteiorganisation für den elften sächsischen Wahlkreis zur Werbung weiblicher Mitglieder einbe rufen hatte. Wie überall in Deutschland sind auch in Sachsen große Massen Frauen zur Erwerbstätigkeit gezwungen. Im Gegensatz zu anderen Bezirken, wo die Frauen vorwiegend in der Industrie beschäftigt find, arbeiten sie im elften Wahlkreis hauptsächlich in den Steinbrüchen, obwohl ihre Verwendung bei dieser Arbeit wegen der schweren gesundheitlichen Schädigungen für den weiblichen Organismus seit Jahren vom Bundesrat verboten ist. Auch in Ziegeleien sind Frauen angestrengt tätig für den„ hohen" Wochen John von 7,50 bis 10 Mt. Der Tagesverdienst einer Landarbeiterin beträgt im Winter 80 Pf.; während der Erntezeit zahlt ihr der ,, arme" Rittergutsbesitzer den üppigen Tagelohn von 1 Mt. Diese elenden Lohnverhältnisse verbunden mit der Verteuerung des Lebens unterhaltes hatten hier wie überall die Wirkung, daß die Prole: tarierin anfängt zu denken und, wenn sie sich ihrer Klassenlage bes wußt geworden ist, zu handeln. So waren denn auch die Frauen herbeis geströmt, um den Ausführungen über die Steuerpolitik zu folgen. Die Versammlungen hatten fast durchweg den Erfolg, daß sich eine große Anzahl von Frauen der politischen Organisation anschlossen und infolgedessen auch von dieser die„ Gleichheit" erhalten. Verfammlungen fanden statt in Hohburg, wo die meisten Frauen in den Steinbrüchen arbeiten, in Trebsen, Lübschüz, Dahlen, Strehla, Mügeln, Grech wiß, Grimma, Kaditsch, Nerchau, Altenhain, Oschay, Mußschen, Lüptiz, Wurzen und Bennewit. In Altenhain waren die Spießbürger von gewaltigem Schrecken erfaßt worden, als bei den letzten, für unsere Partei günstig ausgefallenen Landtagswahlen zum ersten mal auch Frauen an den Versammlungen teilnahmen. Der Gemeindevorsteher des betreffenden Ortes soll daraufhin geäußert haben, die Frauen täten besser daran, Strümpfe zu stopfen als in Versammlungen zu gehen. Daß Proletarierinnen den ganzen Tag im Steinbruch arbeiten, statt Strümpfe zu stopfen, dagegen hat der Herr Gemeindevorsteher allem Anschein nach nichts einzuwenden. Der Erfolg unserer Agitation war zufriedenstellend. Durch die Versammlungen wurden 400 männliche und weibliche Mitglieder und eine große Zahl neuer Abonnenten für die Parteipresse ge= worben. In Grimma allein gewannen die braven Genossen durch Hausagitation der Volkszeitung für das Muldenthal" über 40 Leser. Auch im elften sächsischen Wahlkreis macht die Frauenbewegreg Riesenfortschritte. Daß sie in raschem Tempo auch fünftighin weitergeht, dafür werden die Genossinnen sorgen. Agnes Fahrenwald. In Frankfurt a. M. und Umgegend referierte im März Genossin Gradnauer in einer Reihe von Versammlungen über das Thema:" Welche Stellung gebührt der Frau im heutigen Staat?" In Frankfurt selbst fanden sieben Frauenversammlungen und eine Werkstättenversammlung statt, die fast durchweg gut besucht waren. Überall lohnte reicher Beifall die Ausführungen der Re ferentin, und meist schloß sich an die Ausführungen eine lebhafte 219 Diskussion an. Auch in Ober- und Niederursel, Hausen und Offenbach nahmen die Frauen in sehr großer Anzahl an den Versammlungen teil. Nur in Neu- Isenburg hätte der Besuch etwas besser sein können. Besonders erfreulich war die rege Beteiligung in Niederursel, wo zum ersten Male eine Frauenversammlung stattfand. Sie durfte sich auch einer besonderen Aufmerksamkeit der Polizei rühmen, die das für den Ort lächerlich große Aufgebot von vier Schuhleuten entsandte. Einer der Polizisten nahm die Eintrittskarten an sich, zählte sie und befahl dem Genossen, der sie verkaufte, sich eine Treppe tiefer aufzustellen. So konnte die hochwohllöbliche Polizei zugleich mit dem Kartenverkauf auch den Saal übersehen, der, jedenfalls zur großen Freude der Wächter der Ordnung, bis auf den letzten Platz besetzt war. Ungefähr 200 Parteimitglieder und eine beträchtliche Anzahl von Abonnenten für die Parteipresse wurden durch die Agitationstour gewonnen. Die weiblichen Mitglieder des Wahlkreises erhalten die Gleichheit auf Kosten der Organisation. Trotz aller Polizeischikanen können wir auch in Frankfurt und Umgebung ein Anwachsen der Bewegung verzeichnen. Die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen sind zu der Erkenntnis gekommen, daß die Zeiten, wo sie schweigen und sich fügen mußten, vorüber sind, daß es nunmehr gilt, zu kämpfen, zu handeln! Räte Winklmann, Vertrauensperson. In Ottensen fand am 6. März eine vom Ortsverein einberufene, gut besuchte öffentliche Frauenversammlung statt, in der Genossin Zieß über die elendeste aller Wahlrechtsreformen referierte, die die Regierung dem preußischen Volke zu bieten wagt. Die Rednerin wies nach einer scharfen Kritik des Wechselbalgs darauf hin, daß in Frankfurt a. M., Königsberg und Neumünster die Kundgebungen des Volkswillens, der sich gegen die Schmach der Wahlrechtsreform auflehnte, blutig unterdrückt worden seien. Dieses brutale Vorgehen, das die Frauen ebenso treffe wie die Männer, müsse die Proles tarierinnen veranlassen, in Millionen und aber Millionen zu kämpfen für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für alle Staatsangehörigen, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, gleichviel ob Mann oder Frau. Die Ausführungen der Referentin - welche die politische Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts und die Forderung des Frauenwahlrechts besonders gewürdigt hatte fanden reichen Beifall. Viele Frauen traten der Partei bei, auch C. P. wurden 32 Leserinnen für die„ Gleichheit" gewonnen. Vom Stand der Frauenbewegung im Mansfeldischen gab die Parteikonferenz ein gutes Zeugnis, die am zweiten Ostertag in Eisleben stattfand, und an der auch einige Genossinnen teilnahmen. Neben tausend Männern zählt die Sozialdemokratie zweitausend weibliche Mitglieder im Kreise. Das ist ein umgekehrtes Verhältnis wie in anderen Bezirken, und wir freuen uns des Erwachens der Frauen. Haben wir doch in ihm die Gewähr, daß die Indifferenz und Verständnislosigkeit der Proletarierinnen aufgehört hat, das Hindernis für die Entwicklung der Arbeiterbewegung zu sein, das fie lange Zeit gewesen sind. Das steht fest: ohne die opferbereite Einsicht der Frauen hätten die Bergleute den großen Kampf im Revier nicht führen können. Die Frauen standen im Kampfe treu zu ihren Männern und nahmen Entbehrung und sonstiges Ungemach freudig auf sich. Wäre es gelungen, die Frauen der Arbeitswilligen in die Versammlungen zu bringen, das Ende des Kampfes würde ein bedeutend anderes gewesen sein. Es ist eine gute Zukunftsbürgschaft, daß so viele Frauen dem Parteiverein bei getreten sind. Wir können heute Resultate ihrer Schulung verzeichnen. In Helbra waren es Frauen, die bei der Gemeinderats wahl die Männer fleißig zum Wahltisch schleppten. Der rege Ver sammlungsbesuch unserer Genossinnen befundet ihr lebendiges Interesse nach weiterer Aufklärung. Um diese zu fördern, wäre es aller dings nötig, daß die„ Gleichheit", unsere Frauenzeitung, noch mehr Eingang in die Familien finden möchte. Jetzt wird das Blatt freiwillig gehalten, doch möchten die Genoffinnen Anregung geben, daß es für alle weiblichen Mitglieder unentgeltlich obligatorisch geliefert werden sollte, was möglich wäre, wenn der jetzige Beitrag von 10 auf 20 Pf. monatlich erhöht würde. Dem Kreistag, der am 7. August in Helbra stattfindet, kann diese Anregung vorgelegt werden. Auch die Bewegung unter den Männern schreitet stetig vorwärts. Dafür sorgen schon die Mansfelder Kapitalsprozen. Jede Woche werden noch brave Bergleute auf die Straße geworfen, weil sie sich am Streit beteiligt und sich in irgend einer Weise betätigt haben, sei es durch Streifpostenstehen, Listenführen, Lokalsuchen usw. Eine feige Denunziation genügt, und die Entlassung ist da. Dabei wendet man niederträchtigerweise den Trick an, in keinem Falle zu fagen, warum die Entlassung erfolgt ist, so daß niemand in der Lage ist, sich gegen eine Beschuldigung verteidigen zu können. Dies System war von jeher im Mansfeldischen üblich, jetzt aber wird das Spigeltum geradezu gezüchtet. Niemand ist mehr sicher, daß er nicht morgen 220 Die Gleichheit auf die Straße fliegt. Daß von den zahlreichen Gemaßregelten viele nicht wissen, warum gerade sie nicht wieder eingestellt wurden, ist bei dieser russischen Wirtschaft mitten im Herzen Deutschlands kein Wunder. Schon drei Dynamitattentate sind seit dem Streit gegen Mansfelder Bergbeamte und ihre Helfer verübt worden. Das legte erfolgte in Hergisdorf gegen einen Steiger, von dem die Knappen annahmen, daß er sich besonders um Maßregelungen verdient mache. Allerdings ist es möglich, daß es sich bei diesen Knalleffeiten denn weiter waren die Attentate bis jetzt nichts -nicht um Taten Verzweifelter handelt, sondern um Schuftereien gekaufter Achtgroschenjungen, damit Vorwände für ein noch schärferes Vorgehen gegen die früher reichstreuen Bergarbeiter geliefert werden. Die Herren oben können es noch nicht begreifen, daß die so viel belobte Mansfelder Reichstreue in die Brüche gegangen ist. Deshalb werden die arbeitswilligen Musterknaben in jeder Beziehung bevorzugt. Die Streitet dagegen erhalten zum Beispiel feinen Vorschuß, auch kein Schachtbrot mehr. Laßt's euch von Sachse geben", wird gesagt. Diesem Treiben gegenüber heißt es: Augen auf! Treu dem Verband, treu der Partei! Die Reihen. gestärkt und Einigkeit gehalten! ge. Zur Ehrung der verstorbenen Genossin Pauline Stäge mann fand am 18. März, ihrem Geburtstag, eine stille Feier statt. Die politisch und gewerkschaftlich organisierten Frauen von Groß. Berlin hatten es sich nicht nehmen lassen, aus eigenen Mitteln der treuen Kämpferin einen Grabstein zu setzen und übergaben ihn an diesem Tage ihren Kindern. Gerne hätten bei dieser Gelegenheit die nächsten Freundinnen der Verstorbenen einen furzen Nachruf gewidmet, aber die Behörden hatten dahinter wieder einmal umfturz gewittert. Es war ja der 18. März; jede auch noch so kurze Ansprache war untersagt worden. Der Staat der Junker war wieder einmal gerettet. Alls fich die zahlreich erschienenen Genossinnen in einem nahe gelegenen Lofal sammelten, fennzeichnete Genoffin Ihrer bas reaktionäre Verhalten der Behörden als etwas, was uns alle zwar schon lange nicht mehr wundere, aber das Gefühl der Empörung immer wieder von neuem in jedem einzelnen wachrufen müsse. Rühmend erinnerte sie an den unermüdlichen Kampfesmut ber Genoffin Stägemann und stellte sie den jüngeren Parteigenos finnen als ein leuchtendes Vorbild auf, dem sie nacheifern möchten in treuer Pflichterfüllung, auf daß die Saat, die sie gefät, tausend fältig aufgehe, auf daß die Sache des Proletariats immer wieder neue, junge Rämpfer gewinne, die die Arbeit der Alten fortseßen. Die tiefe Ergriffenheit aller bewies, wie sehr Genossin Jhrers Worte gezündet hatten. Trotz aller Polizeiverbote läßt sich die Arbeiterklasse das Recht nicht rauben, ihre Toten zu ehren, wie sie es will. m. w. Grete Brüggemann. Eine große Lücke ist in die Reihen der Augsburger Genoffinnen gerissen worden. Grete Brügge mann ist nicht mehr. Sie starb mit 24 Jahren, in einem Alter, wo die Seele reich an Blütenträumen ist. Tiefes Weh hat ihr Scheiden uns allen gebracht, die wir wissen, welch edle, aufrichtige, charaktervolle Genossin mit ihr von uns geschieden ist. Ihr VerTuft ist um so schmerzlicher, als sie zu den schönsten Hoffnungen für eine fruchtreiche Arbeit im Dienste unserer Joeen berechtigte. Sie ist um so schwerer zu ersetzen, als es nicht viele gibt, die in so jugendlichem Alter sich zu solch flarer Erkenntnis der Ziele der fozialdemokratischen Bewegung durchgerungen haben wie Grete Brüggemann. Als echte Proletarierin bekam sie von klein auf all die Leiden der Arbeiterkinder zu kosten. Sie teilte auch das Los Hunderter, Tausender ihrer Klassengenossen darin, daß die Proletarierkrankheit schon frühzeitig ihren zarten Körper zerstörte. Das langjährige, hartnäckige Lungenleiden hat ihr viele qualvollen Stunden bereitet. Vergebens suchte sie Heilung im Sanatorium. Am 29. März nahm der Tod sie von dem Krankenbett, das sie seit sechs Monaten nicht verlassen hatte. Grete Brüggemann war ein leuchtendes Beispiel für die Genossinnen. Mit welchem Eifer, welchem Fleiß, welcher Aufopferung unterzog sie sich gewerkschaftlichen wie politischen Arbeiten. Trotz ihres schweren Leidens war sie jederzeit zur Stelle, wenn die Genoffinnen auf Posten gerufen wurden. Sie eilte durch Straßenzüge treppauf treppab und stand vor Fabriktoren, um Flugblätter oder Einladungen zu Versammlungen zu verteilen. Weder Sturm noch Regen, weder Frost noch Sonnenhige konnte sie zurückhalten, wenn es galt, Aufklärung und Wissen unter die Arbeiterschaft zu tragen. Wenn auch ihre Tätigkeit nach außenhin nicht so auffiel, war sie doch äußerst wertvoll. Grete Brüggemann war eine von jenen, die unermüdlich Kleinarbeit leisten, und deren Wirken für den Gesamterfolg unentbehrlich ist. Wir können uns keine Versammlung, teine Parteiarbeit denken, bei der unsere Grete nicht dagewesen wäre, um sich auf diese oder jene Weise nüßlich zu erweisen. Nur wenige Jahre sind es her, daß der Wirkungskreis ihres Vaters als Gauleiter des Nr. 14 Deutschen Textilarbeiterverbandes fie in unsere Mitte führte, aber sie genügten, daß wir das liebenswürdige, stets heitere Mädchen aufrichtig lieben und schätzen lernten. Wir gedenken der Verstorbenen als eines Musters treuer und gewissenhafter Pflichterfüllung. Die politisch und gewerkschaftlich organisierten Proletarier von Augsburg, ganz besonders aber die Genossinnen werden der teuren Toten ein dauerndes Andenken bewahren. Relie Deffner. Politische Rundschau. Die Parlamente sind in die Osterferien gegangen- die parla mentarische Behandlung der preußischen Wahlrechtsvorlage ruht bis zum 12. April. Dann findet die bei Verfassungsänderungen vorgeschriebene vierte Lesung im Abgeordnetenhaus statt, nach der die Vorlage an das Herrenhaus gehen würde, vorausgesetzt, daß das Haus keine Änderung vornimmt. Wird dagegen an dem schwarzblauen Schandwerk noch geändert, so muß abermals nach drei Wochen eine erneute Abstimmung vorgenommen werden. Die Parteien des Schnapsblocks möchten gern die Angelegenheit schleunigst erledigen. Sie fürchten die Erregung im Wolfe und hoffen - allerdings in völliger Täuschung befangen, daß sie vor der vollendeten Tatsache des neuen Wahlgesezes abflauen werde. Deshalb wäre ihnen eine Verzögerung des Abschlusses durch eine neue Anderung sehr unangenehm. Die Vorlage täme dann erst nach Pfingsten ans Herrenhaus und da diese Stätte der geborenen Gesetzgeber sich nicht durch besondere Arbeitsfreudigkeit auszeichnet - würde sie möglicherweise vor der Sommerpause nicht mehr erledigt. Das bedeutete dann die Vertagung bis zum Herbst. So tăme das reaktionäre Machwerk wohl erst im Jahre 1911 zum Abschluß dieses Jahr ist aber auch das Jahr der Reichstagswahlen, und von der Einwirkung der Wahlrechtsbewegung auf sie haben die Schnapsblockparteien nichts Gutes zu erwarten. Diese Erwägungen sprechen für die schleunige Vollendung der Schand. vorlage. Aber andere Gründe stehen dem wieder entgegen. Die beiden Wahlrechtsräuber fühlen sich, wie schon in der vorigen Nummer ausgeführt wurde, in ihrer Isolierung durchaus nicht wohl. Sie möchten die Nationalliberalen und die Freikonservativen gern zu Mitschuldigen haben. Ohne irgend ein Zugeständnis, also ohne eine Änderung sind diese beiden Parteien aber nicht zu haben. Dieses Zugeständnis wäre, wie sich jetzt immer deutlicher herausstellt, die Aufhebung der Steuerdrittelung in den Urwahlbezirken, also eine außerordentliche Verschlechterung der miserablen Vorlage. Und diese Verschlechterung würde der Arbeiterklasse voraussichtlich den eben erst mühsam erkämpften Eintritt in das Dreitlassenhaus wieder völlig verlegen. Es ist bezeichnend für den Charakter der nationalliberalen Opposition, daß sie die Bewilli gung einer so ausgesprochenen arbeiterfeindlichen Bestimmung immer mehr zur Haupt, ja zur alleinigen Bedingung ihres Umfalls macht. Um dem Zentrum einige Mandate im Westen abzujagen, um sich vor dem anschwellenden Ansturm der sozialdemokratischen Arbeiter schaft auf die Landtagssige im westfälisch- rheinischen Industriebezirk zu sichern, sind die Nationalliberalen bereit, die volksfeindliche Schand. vorlage des Schnapsblocks mitzuverantworten, wenn sie noch mehr verschlechtert wird. Allerdings spricht das Fraktionsinteresse des Zentrums gegen den Fortfall der Urwahlbezirksdrittelung. Jedoch aus Außerungen der führenden Zentrumspresse, der„ Kölner Volkszeitung" zum Beispiel, geht hervor, daß ihm der Beitritt der Nationalliberalen zum Bündnis der Wahlrechtsräuber schon ein Zugeständnis wert wäre. Anscheinend erwägt man in Zentrumstreifen, ob nicht eine Einigung auf der mittleren Linie zwischen den nationalliberalen und den Zentrumsinteressen möglich wäre, so daß zwar nicht die Steuerdrittelung in den Gemeinden, aber doch in größeren Beairten als die Urwahlbezirke erfolgte. Auch das würde noch eine erhebliche Verschlechterung des Wahlrechts für das Proletariat be. deuten indes, nachdem das Zentrum schon so viel für die Reattion getan hat, kann es ihm auf etwas mehr ja schließlich nicht ankommen. Die Tatsache, daß solche Spekulationen überhaupt möglich sind, daß die Nationalliberalen als Faktor in solche Berech nungen eingesetzt werden können, zeigt jedenfalls, was es mit dem Gerede vom Linksabmarsch der Nationalliberalen und von der Möglichkeit eines Blocks von Bassermann ois Bebel auf sich hat. Steht es doch auch mit dem Liberalismus der neuen fortschrittlichen Volkspartei ziemlich bedenklich. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung hat der Freisinn sich nicht entschließen können, dem sozialdemokratischen Antrag beizutreten. der gegen die total ungerechtfertigten und ungefeßlichen Maßnahmen des Berliner Polizeipräsidenten vom 6. März protestierte. Von einer Anerkennung des Rechts auf die Straße wollte der Freifinn nichts wissen, er vermochte sich lediglich zu einem Protest gegen das Ver Nr. 14. Die Gleichheit bot der Versammlung unter freiem Himmel aufzuschwingen. In Kiel aber verweigerte der Freifinn in der Stadtverordnetenversamm lung schlankweg die Verhandlung des sozialdemokratischen Wahl rechtsantrags und ebenso ließ er es stillschweigend zu, daß dem sozialdemokratischen Sprecher vom vorsitzenden Bürgermeister ohne weiteres das Wort entzogen wurde, als er die Brutalitäten der Polizei gegen die Wahlrechtsdemonstranten brandmarkte. Was von seinem neuen Programm zu halten ist, zeigt die salomonische Entscheidung, die die fortschrittliche Parteileitung für Lübeck getroffen hat. Diese hat ihren dortigen Parteimitgliedern erklärt, daß die Forderung des Parteiprogramms hinsichtlich des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts der besonderen Verhältnisse halber" auf die Hansastädte keine Anwendung finden soll! Und beruhigt fonnten also die Lübecker Fortschrittler zu ihrem Vorsitzenden den Dr. Görtz machen, der für die läbische Wahlrechtsverschlechterung gestimmt hat. Inzwischen hat die Justiz ihre Arbeit gegen den Wahlrechts fampf aufgenommen. Selbstverständlich hagelt es Verurteilungen doch kann selbst der kritikloseste Freund der Polizei nicht behaupten, daß diese Verurteilungen Erfolge für sie darstellten. Im Gegenteil, die Prozesse haben samt und sonders aufs unzweideutigste bestätigt, daß die Wahlrechtsdemonstrationen des Proletariats seine muster haste Disziplin erwiesen haben. Der Polizei ist auch der letzte Fetzen eines Vorwandes für ihre blutigen Attacken genommen worden. Und das geschah trotz der Beschleunigung der Prozesse, die den Angeflagten die Beschaffung von Entlastungszeugen sehr erschwerte, trotz des Bestrebens der Gerichte, nur Schußleute zum Zeugnis zuzulassen. Unter allen den Anklagen ist denn auch keine einzige mit ernsterem Hintergrund es handelt sich fast ausschließlich um Demonstranten oder auch Unbeteiligte, die nach den brutalen Angriffen der Polizei ihrer nur zu begreiflichen Empörung durch Rufe wie„ Bluthunde" Luft gemacht haben. Aber auch solche, die nichts weiter getan haben, als ein Hoch aufs freie Wahlrecht auszubringen, wurden vor den Richter geschleppt, und bei allem Verständnis der Gerichte für die Bedürfnisse der Polizei haben sie doch nicht umhin fönnen, in einigen Fällen Freisprüche zu fällen. Eine ganz besondere Blamage für die Polizei bedeutete aber der Prozeß gegen den verantwortlichen Redakteur des Vorwärts", den Genossen Barth. Sein angebliches Verbrechen be steht in der trotz der ungerechtfertigten Verbote des Polizeipräsidenten wiederholten Ankündigung des Wahlrechtsspazierganges vom 6. März. Der Angeklagte ist freilich zu einem Monat Haft verurteilt worden, da das Schöffengericht der gekünstelten Deduktion des Polizeipräsidenten und des Staatsanwalts beitrat, daß der Wahlrechtsspaziergang nicht genehmigte Umzüge, wandernde Versammlungen" darstelle. Aber viel wichtiger als dies Ergebnis find die Tatsachen, die in der Beweisaufnahme festgestellt wurden. Aus dem Munde liberaler Redakteure, durch ihr beeidetes Zeugnis wurde erhärtet, daß die Disziplin der Demonstranten musterhaft, daß weder von einer Störung des Verkehrs, geschweige denn von einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit die Rede war. Für die Verbote des Polizeipräsidenten fehlte also jeder gesetzliche Grund, die standalösen Attacken der Polizei auf die Demonstranten können auch nicht mit dem Schatten eines Vorwandes gerechtfertigt werden. Nicht minder als durch Entlastungszeugen wurde das System Jagow durch seine eigenen Glieder blamiert, durch die als Belastungszeugen geladenen Polizisten. Sie zeigten sich von einem derartigen finnlosen Fanatismus wider die Wahlrechtskämpfer erfüllt, daß sie die tollsten Räubergeschichten über gewalttätige Absichten der Demonstranten ohne weiteres für bare Münze nahmen. Das Gericht fonnte nicht umhin, in der Begründung seines Urteils die muster haste Disziplin der Demonstranten anzuerkennen. So wurde diese Verhandlung, die die Blamage des Herrn v. Jagow vom 6. März verdecken sollte, zu ihrer Vollendung! Indes soll der Herr Polizeipräsident ein Pflaster bekommen der Präsident des Herrenhauses, der Junker Frhr. v. Manteuffel, hat einen vertraulichen Aufruf zur Sammlung einer Ehrengabe für die Berliner Schuhmannschaft erlassen, der seinen Weg in die Presse sand. Der Aufruf begründet die Samm lung damit, daß die Berliner Schuhmannschaft zurzeit in außer ordentlich schweren Diensten stehe. Ihre treue Pflichterfüllung werde aber von einem Teil der Bevölkerung mit unerhörten Beschimpfungen vergolten, denen selbst die Kinder von Schuhleuten durch ihre Mitfci, üler ausgesetzt seien. Deswegen sollten„ vorurteilslose und gerecht denkende Bürger" mit einer Ehrengabe den Schuyleuten ihre Sympathie ausdrücken. Die Herren Reaktionäre wollen also eine Kundgebung für die Polizei zustande bringen. Da ihre Zahl jedoch zu gering ist, um zu imponieren, so wollen sie ihre numerische Schwäche im Vergleich 221 zu den Wahlrechtsdemonstranten verbergen, indem sie nicht mit ihrer Person, sondern mit ihrem Gelde eintreten. Geldgeflapper soll die lauten Anklagen gegen das brutale Polizeiregiment übertönen, zugleich sollen die Polizisten durch ein Trinkgeld für ihre Wahlrechtsattacken belohnt und zu Wiederholungen angeeifert wer den. Daß der Herr Polizeipräsident gegen diese Trinkgeldwirt schaft nichts einwenden wird, steht ja nach der Annahme der 800 Mt. außer Frage, die der Weinhändler Kreßmann gleich nach dem 6. März spendete. Liberale Blätter schütteln freilich den Kopf zu dieser Haltung, sie befürchten mit Recht, daß solche Vorgänge die Anschauungen der Arbeiterklasse und aller freiheitlich Denkenden über die Polizei noch erheblich verschärfen müssen. In voller Deutlichkeit läßt der Aufruf erkennen, daß die herrschende Junterschaft die Polizei als ihren Wachhund betrachtet, den sie nach Bedarf auf die rechtheischenden Massen der Bevölkerung loslassen kann, und dem sie einen Extralohn spendiert, wenn er die Aufgabe als Bluthund gut erfüllt hat. Das Proletariat hat es nicht zu bedauern, wenn diese Tatsache auch den blödesten Augen offenbar werden muß. In England hat jetzt die liberale Regierung den Kampf gegen das Oberhaus burch Resolutionen aufgenommen. Sie sehen eine Beschränkung der Rechte der Lordskammer vor, so daß diefe in Finanzdingen überhaupt feinen Einfluß mehr hat und andere Vorlagen durch ihre Ablehnung nur für einige Jahre, aber nicht auf die Dauer verhindern könnte. Von der Umgestaltung dieser Resolutionen in Gesetzentwürfe und bis zu deren Durchbringen gegen die Lords ist indes noch ein weiter Weg, und es ist noch sehr ungewiß, ob die Liberalen diesen Weg zu Ende zu gehen die innere Kraft haben werden. Das Schicksal des liberalen Kabinetts ist sehr unsicher. Die Jren, denen der Kampf gegen das Oberhaus nicht energisch genug ist, fönnen jeden Augenblick abfallen und das Ministerium stürzen. Die Regierung verhandelt mit ihnen, und es wird behauptet, daß sie zu einem Einverständnis mit ihnen gelangt sei indes ist die Meldung noch nicht sicher beglaubigt. Die Arbeiter partei hat zu den Resolutionen einen Zusatz beantragt, der die völlige Abschaffung des Oberhauses fordert. Indes scheint es, daß das Ministerium ihrer vollen Unterstüßung sicher ist. Auf dem Kongreß der Unabhängigen Arbeiterpartei, der zu Ostern tagte, war ein erheblicher Teil der Delegierten mit der bedingungslosen Unterstützung der Liberalen nicht einverstanden und auch Keir Hardie befürwortete ein selbständigeres Vorgehen. Wie es be schaffen sein soll, darüber ist indes Genaueres nicht gesagt worden die Verhandlungen machen den Eindruck, daß ein Teil der Vertretung der Arbeiterschaft unsicher in der Taktif geworden ist und noch tastend nach neuen Wegen sucht. Jm Wahlkreis Glamorgan, in dem letzthin eine Nachwahl stattfand, erlebte England zum ersten Male eine Koalition der Liberalen und Konservativen gegen die Arbeiterpartei. Ein bedeutsames Zeichen das für die Zuspigung der Klaffengegensäße, für den Beginn des Prozesses zur Bildung einer einzigen bürgerlichen Partei gegen den Sozialismus. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Zur Förderung des gesetzlichen Arbeiterschutzes müssen die Gewerkschaften immer wieder aufs neue die Initiative ergreifen, denn an ihr mangelt es den bürgerlichen Gesetzgebern ganz be deutend. Diese gehen erst vorwärts, wenn sie dazu gezwungen sind. Auf das Drängen der organisierten Arbeiter sind die bundesrätlichen Bestimmungen zurückzuführen, die dem besseren gesundheitlichen Schutz der Arbeiterschaft im Buchdrucker, Steinarbeiter- und Malergewerbe dienen sollen. Für den Schutz von Gesundheit und Leben einer anderen Arbeiterkategorie haben sie jetzt einen Vorstoß unter nommen. Die Feuergefährlichkeit des Zelluloid ist bekannt. Sie hat zahlreiche Unglücksfälle gezeitigt, die namentlich auch Arbeiterinnen verhängnisvoll geworden sind. Zelluloid wird besonders in der Kamm, Stock- und Schirm industrie und bei der Her stellung von Galanterie- und Luguspapierwaren in steigender Menge verwendet. Die polizeiliche Kontrolle der Betriebe, die es verarbeiten, ist ungenügend. Sie muß unwirksam bleiben, solange nicht durch gesetzliche Vorschriften über die Einrichtung der Betriebe und die Art der Fabrikation größere Sicherheit für Leben und Ge sundheit der Beschäftigten garantiert wird. Das Zelluloid wird vielfach in fleinen Betrieben verarbeitet, wo es besonders an den Maßnahmen fehlt, die die Gefährlichkeit des Materials herabsetzen. Die feinen Späne, die bei der Verarbeitung des Zelluloids entstehen, entzünden sich sehr leicht schon beim Warmlaufen der Fräse maschine. Offenes Licht und Heizung erhöhen die Feuersgefahr außerordentlich. In der Folge sind Brände nicht selten, bei denen 222 Die Gleichheit Menschen umkommen oder schwere Brandwunden erleiden. So wurde erst wieder vor einiger Zeit ein entsetzliches Brandunglück aus einem Betrieb in Berlin gemeldet, der Zelluloid verarbeitet. Die daselbst beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen hatten schon oft in öffentlichen Versammlungen auf die außerordentlich große Gefahr ihrer Beschäftigung aufmerksam gemacht und gesetzliche Schutzmaßnahmen verlangt. Auch der Holzarbeiterverband hat wiederholt das gleiche getan. Nun haben sich die beteiligten Gewerkschaften der Sache angenommen und eine entsprechende Petition an Bundesrat und Reichstag gesandt. Ihre Eingabe stüßt sich auf Enqueten, die vom Holzarbeiter und vom Buchbinderverband veranstaltet worden sind; den Ergebnissen ist ein Gutachten des Professors Dr. Th. Petersen beigegeben. Gefordert wird zunächst, daß die Zelluloid verarbeitenden Betriebe konzessionspflichtig nach§ 16 der Gewerbeordnung gemacht werden. Die Arbeitsräume sollen nur zur ebenen Erde oder in der obersten Etage eines Hauses liegen, und die Räume, in denen Zelluloid verarbeitet wird, getrennt von den übrigen Räumen eines gemischten Betriebs gehalten werden. Die Räume sollen ferner so geräumig und die darin befindlichen Maschinen so aufgestellt sein, daß den Arbeitern im Falle der Gefahr eine schnelle Flucht ermöglicht wird. Aus dem gleichen Grunde soll auf freie Ausgänge größere Sorgfalt gelegt werden. Heizung und Licht sollen in den Arbeitsräumen ohne offene Flamme beschafft werden. Die Beschäftigung von jugendlichen Personen, Hausarbeit und Verarbeitung von Zelluloid im Gefängnis soll verboten werden. Im Baugewerbe hat die Spannung nicht nachgelassen, sie ist vielmehr durch eine offene Kriegserklärung der Unternehmer noch verschärft worden. Am 22. März hat in Dresden eine außer ordentliche Generalversammlung des Arbeitgeberschutzverbandes getagt, die sehr stark beschickt war. Die von den Vertretern der Unternehmer bei der Verhandlung abgegebenen Erklärungen hat sie im wesentlichen sanktioniert und sich somit auf den völlig ablehnenden Standpunkt gestellt. Die zwischen den Parteien strittigen Tarifforderungen bleiben somit bestehen. Da diese Forderungen der Unternehmer von den Arbeitern auf jeden Fall abgelehnt werden müssen, so steht wahrscheinlich der große Kampf bevor. Noch ist Waffenstillstand unter den Parteien vereinbart, und die Tarife, die am 31. März abliefen, sind verlängert worden. Beide Parteien stehen sich kampfgerüstet gegenüber. Hinter den Bauarbeitern stehen die gesamten Gewerkschaften des Deutschen Reiches und sicher auch die des Auslandes. Die Bauarbeiter selbst be= funden die größte Opferwilligkeit; aus einigen Orten liegen schon Beschlüsse vor, daß die Gewerkschaftsmitglieder für die ersten vier zehn Tage des Streits feine Unterstützung beanspruchen werden. Nach vorliegenden Nachrichten sollen die Unternehmer der Hilfe der inländischen und ausländischen Arbeitgeber versichert sein können. Die Einigkeit unter den Herren scheint aber keine allzu große zu sein. Der Vorsitzende der Berliner Unternehmerorgani sation verließ vorzeitig die Dresdener Tagung. Seither haben in Berlin bereits zwischen den Parteien Verhandlungen stattgefunden, über deren Ergebnis bei der Niederschrift dieser Zeilen noch nichts bekannt war. In Hamburg führten dagegen Verhandlungen zum Abschluß eines bis 1913 gültigen Vertrags. Der Lohn erhöht sich ab 1. April pro Stunde um 8 Pf., ab 1. Juli um weitere 2 Pf. Damit ist der Frieden für das Gebiet des Vierstädtebundes ge sichert und in die Scharfmacherphalany Bresche gelegt. Der schroffste Progenstandpunkt wird zurzeit noch von den Bauherren in Mittelund Süddeutschland vertreten. Die Durchführung des Reichstarifs begegnet im Maler. gewerbe noch manchen Schwierigkeiten. Die örtlichen Tarifämter find schwer zu bilden, da der unparteiische Vorsigende nicht immer zu haben ist. Bürgermeister, Ortsvorsteher lehnen es vielfach ab, den Vorsitz zu übernehmen; an Orten, wo Gewerbegerichte be stehen, läßt sich der Schwierigkeit wesentlich leichter begegnen. Die Gewerberichter sind zur Annahme des Amtes bereit. Immerhin sind schon in vielen Städten die Arbeitsbedingungen tariflich geregelt worden, und Ende Mai wird das Haupttarifamt tagen. Im Holzgewerbe ist es nicht zu dem drohenden Kampfe gekommen. Nur in wenigen Städten gelangten die Verhandlungen noch nicht zum Abschluß, in den meisten sind die Lohn- und Arbeitsbedingungen tariflich geregelt. Welche Errungenschaften die Holzarbeiter ihrer Bewegung zu danken haben, wurde bereits in letter Nummer mitgeteilt. Die Verträge, welche Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen sichern, gelten durchgängig drei Jahre. Im Münchener Schuhgewerbe ist es zu einer Einigung zwischen Arbeitern und Unternehmern gekommen. Die Stundenlöhne erhöhen sich um 6 bis 10 Prozent, der Minimallohn beträgt für Zuschneider 28 Mt., für Vorrichter 24 Mt., für SteppeNr. 14 rinnen 16 Mt. Die Arbeitszeit wird auf 9% Stunden verkürzt. Der Abschluß eines Tarifvertrags für die Landschaftsgärtner erfolgte in Hamburg. Aus Nürnberg konnte ein völliger Sieg der Gärtner gemeldet werden. Ihr Verband steckt noch in vielen Orten im Lohnkampf. Auch die Bäcker haben in verschiedenen Städten Forderungen gestellt, wobei die auf Abschaffung des Kost- und Logiswesens immer wiederkehrt. Die oberfränkischen Textilsklaven rütteln an ihren Fesseln. In Bayreuth haben die Spinnereiarbeiter und arbeiterinnen die Arbeit niedergelegt. Die Unternehmer erklärten, daß 13 Mt. Wochenlohn genug sei. In vielen anderen Gewerben zeigen sich ebenfalls lebhafte Bewegungen der Ausgebeuteten zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. So sind für die Steinarbeiter eine Reihe fleiner Lohn- und Tarifbewegungen zu verzeichnen, ebenso für die Sattler und Portefeuillearbeiter und für die Maschi. nisten und Heizer. Diese Bewegungen spiegeln das Vertrauen wider, das die Arbeiter und Arbeiterinnen zu der Macht ihrer Gewerkschaftsorganisation haben, eine Macht, die heute schon Hunderttausenden von Arbeiterinnen zum Segen gereicht. # Konfeffionelle Arbeiterinnenorganisationen in Baden 1908. Es wurden Ende 1908 im Großherzogtum Baden 289 tonfessionelle Vereinigungen der Arbeiterschaft gezählt mit 41 000 Mitgliedern, worunter aber nur 29 317, die der Arbeitnehmerklasse angehören. In den 29 Vereinen mit nur weiblichen Mitgliedern ( 4713) waren 4383 Arbeiterinnen und Dienst boten organi siert. In Baden vollzog sich der Zusammenschluß der weiblichen Industriearbeiterschaft und der weiblichen Dienstboten zu konfessionellen Organisationen erst in den letzten Jahren. Die örtlichen Organisationen beider Geschlechter sind wieder in großen Verbänden zusammengefaßt. Von den Vereinen mit nur weiblichen Mitgliedern gehörten 1908 an: 1. dem Verband süddeutscher katholischer Arbeitervereine( Sitz München) 16 Vereinigungen mit 2088 Mits gliedern, davon 1763 Arbeitnehmerinnen; 2. dem Diözesanverband katholischer Dienstbotenvereine( Sitz Freiburg) im süddeutschen Verband( Siz München) 11 Vereinigungen mit 2320 Mitgliedern ( nur Arbeitnehmerinnen). Die Landesstatistik( Mitteilungen Band III, 1910) bemerkt: Bei den Vereinen, die dem Verband füddeutscher katholischer Arbeiterinnenvereine angehören, handelt es sich um ganz junge Organi sationen, die erst wenige Gründungsjahre hinter sich haben, doch zeigen die Anfänge bereits eine fräftige Entwicklung. Die katholischen Arbeiterinnenvereine des süddeutschen Verbandes haben sich im Lande seit 1906, wo der Verband zum erstenmal die Zahl seiner Mitglieder bekannt gab, von 6 mit 837 Mitgliedern( davon 710 Arbeiterinnen) bis Ende 1908 auf 16 mit 2088( wovon 1763 Arbeiterinnen) vermehrt. Verschiedene Vereine sind an Kranken- und Sterbeunterstützungskassen, und zwar meistens an die Verbandskasse München oder an die Allgemeine Zentralfranken- und Sterbekasse der katholischen Männer- und Arbeitervereine Deutschlands in Offenbach a. M. angegliedert, 5 haben eigene Sparkassen." Jm Berichtsjahr ließen nur 3 Vereine soziale Kurse abhalten; sonst suchten die konfessionellen Organisationen dem Bildungsbedürfnis ihrer Mitglieder zu entsprechen durch Veranstaltung von Vorträgen und durch einzelne Unterrichtskurse im Kochen, Nähen, Bügeln sowie durch ganze Haushaltungskurse. Einzelne Vereine fanden Anschluß an die katholischen Arbeitersekretariate in Baden. Alle Organisationen von Arbeiterinnen berechneten ihr Vereins. vermögen am Jahresschluß 1908 auf 2023 Mt. Die dem Verband süddeutscher katholischer Dienstboten( Siz München) ange schlossenen katholischen Organisationen für weibliche Dienende machen Fortschritte. Außer in den größeren Städten fanden sie schon an einigen kleineren Pläßen Eingang. Jetzt beginnt auch die Organisation der Frauen im Anschluß an die evangelischen Arbeitervereine Deutschlands( Siz Hannover) sich festen Fuß zu verschaffen. In der Sterbekasse des Landesverbandes der evangelischen Arbeitervereine Badens( Sitz Freiburg), dessen Mits gliederzahl im Berichtsjahr von 3351 auf 3258 fant, besteht eine Sterbetasse( 1212 Mitglieder), der auch 540 Ehefrauen ange schlossen sind. Die vorstehenden Angaben mahnen zu energischer Arbeit, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen des kämpfenden Proletariats zuzu führen. Notizenteil. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. mg. Um eine bittere Erfahrung reicher ist die Arbeiterschaft in Mutschen, einer kleinen Stadt in der Umgebung von Wurzen. Als vor einem Jahre bekannt wurde, in Musschen solle eine Porzellan Nr. 14 Die Gleichheit fabrit errichtet werden, gaben sich besonders die Arbeiterinnen den schönsten Erwartungen hin. Mit der Arbeit hofften sie einen Verdienst zu finden, der sie vor Mangel und Entbehrungen schüßen würde. Es war ein schöner Traum! Zwar hat ein großer Teil von Frauen in der neuen Fabrik von Müller& Co., Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht, Arbeit gefunden, aber nicht den Verdienst, der den schrecklichen Mangel von ihrer Schwelle scheuchen sollte. Dafür sind jedoch die schönsten Hoffnungen der Firma auf billige und willige Arbeitskraft ganz in Erfüllung gegangen, sie ist nicht umsonst aus Thüringen nach Sachsen übergesiedelt. Während sie einer ge ringen Anzahl von Arbeitern, die sie fich von dort mitgebracht hat, bis zu 24 Mr. Wochenlohn zahlt, erhalten die einheimischen Ar beiter nur 15 bis 18 Mt. wöchentlich. Noch schlimmer aber ist es um die Löhne der Arbeiterinnen bestellt. Die Gießerinnen verdienen von 3 bis höchstens 8 Mt. die Woche. Malerinnen und Packerinnen bringen es bei einer Arbeitszeit von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends auf 10 bis 12 Mf. die Woche, doch diese„ Glücklichen" bilden nur einen fleinen Teil der frondenden Frauen. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen verdient nicht über 8 bis 5 Mt. die Woche. Bürgerliche Blätter brachten einen Fall, in dem eine Frau nach einer schweren Arbeitswoche sage und schreibe 25 Pf. heimgebracht hat. Für mangelhafte oder schlechte Arbeit zahlt die Firma nicht etwa geringere Löhne, sondern überhaupt gar nichts, obwohl sie die Arbeit annimmt. Da die Ar beiterinnen in diesem Falle nicht entlassen werden, so liegt die Bermutung nahe, daß die ehrenwerte Firma aus der Ungeübtheit der Arbeiterinnen ein Extraprofitchen schlägt. Wir verdienen nur 4 Mt. die Woche, tlagten 16 bis 20jährige Mädchen. Nur 8 Mt. wöchentlich," jammerte eine hochschwangere Frau, die in der Fabrit schaffen mußte. So groß das Elend auch ist, die Arbeiterinnen dürfen die Arme nicht tatenlos finfen lassen. So unendlich schwer es unter diesen Umständen auch ist, Geldopfer für die Organisation aufzu bringen: es muß geschehen, es gibt keinen anderen Weg, um zu besseren Arbeitsbedingungen zu gelangen. Nur geschlossenes, orga nifiertes Zusammengehen kann dem Jammer dieser Lohnftlavinnen und Stlaven Abhilfe schaffen. Drum hinein in den Verband! Agnes Fahrenwald. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens. Die weibliche Arbeiterschaft in der badischen Tabakindustrie. Nach den soeben erschienenen statistischen Mitteilungen des badischen Ministeriums, welche mit dem 1. Oftober 1909 abschließen, betrug in der badischen Tabatindustrie die Zahl der Betriebe für die Jahre 1907, 1908 und 1909: 935; 934; 938. Die Zahl der darin beschäftigten Arbeiter stellte sich auf 39085; 40997; 40088. Jn den 86 badischen Amtsbezirken verwendete die Tabalindustrie: 1. Oftober 1908 40997 Arbeiter, darunter 28250 weibliche. Jugendliche: 5431, darunter 8615 weibliche. 1. Oftober 1909 40088 Arbeiter, darunter 27 329 weibliche. Jugendliche: 5212, darunter 3460 weibliche. Erwachsene 16 bis 21 Jahre: Erwachsene 16 bis 21 Jahre: 3114 männliche, 6989 weibliche; 21 bis 50 Jahre: 7090 männliche, 15965 weibliche; über 50 Jahre: 727 männliche 1681 weibliche. 3116 männliche, 6768 weibliche; 21 bis 50 Jahre: 7110 männliche, 15527 weibliche; über 50 Jahre: 790 männliche, 1574 weibliche. Das Ant Bruchsal zählt die meisten Betriebe der Tabakindustrie, nämlich 187 mit 7854 Arbeitern, darunter 5069 weibliche und 1122 Jugendliche, von denen wieder 685 weiblichen Geschlechts find. Im Amt Heidelberg find in 69 Betrieben 2597 weibliche und nur 990 männliche Arbeiter beschäftigt; ähnlich liegen die Dinge im Amt Emmendingen. Man fann sich nach diesen Zahlen eine Vorstellung davon machen, wie groß der Kreis der Lohnfklaven in Baden ist, die als Tabakarbeiter in besonderem Maße durch die Finanzreform bitterer Not überantwortet worden sind. Frauenstimmrecht. mg. Eine Erweiterung der kommunalen Frauenrechte vor dem weimarischen Landtag. In der furz vor Ostern beendeten ersten Session des weimarischen Landtags sind ein paar wichtige 223 Fragen behandelt worden, welche die Gewährung größerer Rechte für die Frauen betreffen. Zunächst handelte es sich um eine Betition von Frauen aus den größeren Orten des Landes, in der um eine Abänderung der Gemeindeordnung ersucht wird. Den Frauen, die das Bürgerrecht erworben haben, soll in Zukunft auch das Recht zugestanden werden, bei den Wahlen ihren Stimmzettel perfönlich abgeben zu können. Es ward in dem Gesuch darauf hingewiesen, daß die veränderten Zeitverhältnisse und die vollständige Umwälzung des gesamten Wirtschaftslebens auch die Frauen in die Öffentlichkeit und in den Kampf ums Dasein gedrängt haben. Ihre Ausschaltung von der Teilnahme an verschiedenen öffentlichen Einrichtungen sei als eine Schädigung der Allgemeinheit anzusehen. Das Gesuch wurde der Regierung als Material überwiesen. Der Minister des Innern erklärte sich mit einem Teile der Forderungen vollständig einverstanden. Die Bestimmung der Gemeindeordnung sei veraltet, nach der die Frauen wohl das Bürgerrecht in der Ge meinde erwerben dürften, aber mit der Abgabe ihrer Stimme eine männliche Person beauftragen müßten. Von sozialdemokratischer Seite wurden bei dieser Gelegenheit wieder die weitergehenden Forderungen betreffs Erweiterung der politischen Rechte der Frauen hervorgehoben. Natürlich waren die ländlichen Abgeord neten von dem Verlauf der Verhandlungen nicht sehr erbaut. Sie stellten sich auf den Standpunkt, daß wohl ein Teil der in dem Gesuch enthaltenen Wünsche für die Städte angebracht sei, daß diese aber für die Landorte gar nicht in Betracht gezogen werden fönnten. Ahnlich war es mit dem anderen frauenrechtlerischen Gesuch, in dem um Abänderung des Schulgesetzes gebeten wurde. Den Lehrerinnen und Müttern der Kinder soll das Recht gewährt wer den, eine direkte Vertretung in den kommunalen Schulverwaltungen ( im Schulvorstand) zu erhalten. Bezüglich der Lehrerinnen wurde anerkannt, daß ihnen eine Vertretung in der Schulverwaltung zu geben sei, weil ihnen die gleichen Pflichten wie den Lehrern obliegen. Den Frauen als Vertreter der Eltern den Eintritt in die fommunale Schulverwaltung zu ermöglichen, wurde als zu weit gehend angesehen. Diese Forderung fand nur zum Teil Berück sichtigung, indem man allgemein den Eltern der Kinder eine Ver tretung im Schulvorstand zugestehen wollte. Das Gesuch wurde der Regierung zur wohlwollenden Berücksichtigung überwiesen. Der Schulvorstand setzt sich jetzt zusammen aus dem Bürgermeister und feinem Stellvertreter, den Geistlichen des Ortes, in deren Konfession Unterricht in der Volksschule erteilt wird, und dem Leiter der Schule sowie einem Lehrer, der vom Lehrerfollegium gewählt wird. Der Gemeinderat eines jeden Ortes wählt aus seiner Mitte nun noch so viel Mitglieder hinzu, wie andere Mitglieder bereits vorhanden sind. Vor einer Reihe von Jahren blieb der Versuch des damaligen Ministers erfolglos, sozialdemokratische Gemeinderatsmitglieder aus dem Schulvorstand auszuschließen. So befinden fich in mehreren Orten des Landes schon seit Jahren sozialdemofratische Mitglieder in den Schulvorständen. Ob dann das Schulgesetz eine Erweiterung dahingehend erfährt, daß die Eltern der Kinder eine Vertretung im Schulvorstand erhalten sollen auch Frauen hinzugezogen werden, das ist bei der Engherzigkeit der meisten Gemeindevertretungen noch recht zweifelhaft. Daß die Mehrheit des Landtags zu den recht geringfügigen Zugeständnissen bereit war, ist feineswegs auf volles Verständnis für die aufge rollten bedeutungsvollen Fragen zurückzuführen. Einer der Abgeordneten plauderte recht naiv den Grund dafür aus, indem er ertlärte: Man muß den Damen gegenüber immer recht galant sein!" Daraus läßt sich schließen, daß die Herren gegen die Prole tarierinnen, die in jenen Kreisen ja nicht als Damen" betrachtet werden, etwas weniger galant sein, würden. B. - wenn Vom Frauenstimmrecht in Schweden. Bei den Gemeindewahlen, die Mitte März in Schweden stattfanden, kamen zum erstenmal die Bestimmungen der Wahlrechts- und Verfassungsreform von 1909 zur Anwendung. In der Folge ist in Schweden das Proportionalwahlsystem mit vierziggradiger Stimmenſtala eingeführt und das aktive und passive Wahlrecht unter den gleichen Bedingungen, wie sie für die Männer in Geltung sind, auch auf die Frauen ausgedehnt worden. Dabei gilt nicht wie in Norwegen die Steuerleistung des Mannes auch für die Ehefrau, sondern diese muß ein eigenes Einkommen versteuern, dessen Mindestbetrag allerdings auf nur 15 Kronen angesetzt ist, dies alles unter der Bedingung, daß das gemeinsame Einkommen von Mann und Frau das steuerfreie Minimum um mindestens 50 Kronen überschreitet. In Stockholm zum Beispiel, wo das steuerfreie Minimum 650 Kronen beträgt, müßten Mann und Frau zusammen 700 Kronen Einkommen haben, damit die Frau wahlberechtigt werde. Von den bürgerlichen Parteien waren verschiedene weibliche Kandidaten aufgestellt worden, 224 Die Gleichheit allerdings in einer Weise, die für ihr Durchdringen nicht zu viel hoffen ließ. Unsere Partei trat infolge der Wahlreform zum erstenmal selbständig auf und nahm eine Genossin, Fräulein Mansson, auf ihrer Lifte. Genossin Mansson ist Inhaberin eines Geschäfts und hat sich besonders in der Armenpflege und um den Kinderschutz verdient gemacht. Wie es zu erwarten war, wurde sie gewählt, da alle Parteigenossen für sie stimmten. Von den übrigen weiblichen Kandidaten errang nur ein Mitglied der konservativen Partei einen Sitz im Stadtverordnetenhaus: Fräulein Palm gren, die von Beruf Pädagog ist. Daß die kleine sozialdemofratische Fraktion der Stadtverordneten eine Frau zu ihren Mitgliedern zählt, zeigt, wie ernst es der Partei mit dem Prinzip der Gleichberechtigung ist. Wäre die Rücksichtnahme auf die Rechte des weiblichen Geschlechts in den bürgerlichen Parteien ebenso groß, so müßten die Frauen, entsprechend der Stärke der einzelnen Parteien, dort recht zahlreich vertreten sein. Die Teilnahme der Frauen an den Wahlen war eine sehr lebhafte. Für die Landsthingwahlen, die im Mai stattfinden sollen, besitzen die Frauen zwar nicht das passive, aber das aktive Wahlrecht, das zudem nach ziemlich plutokratischen Bestimmungen ausgeübt wird. Den Landsthings steht die Regelung kommunaler Angelegenheiten und die Wahl der Abgeordneten für das Oberhaus zu, auf dessen Zusammensetzung die Frauen durch ihr Kommunalwahlrecht also einigen Einfluß haben. Von welcher Bedeutung dies ist, zeigte sich besonders deutlich im letzten Jahr, als dem Reichstag ein Antrag vorlag, laut dem den Frauen das aktive und passive politische Wahlrecht unter den gleichen Bedingungen gewährt werden sollte, wie sie bei den Männern Anwendung finden. Die Zweite Kammer nahm diesen Antrag einstimmig an, die Erste Kammer lehnte ihn ab, ohne daß auch nur eines ihrer Mitglieder dafür eingetreten wäre. Gine Interpellation des Genossen Lindhagen, die Einführung des politischen Wahlrechts für Frauen betreffend, war ebenfalls erfolglos. Der Staatsminister erklärte, daß die Untersuchungen über die Zweckmäßigkeit der Einführung des Frauenwahlrechts noch nicht beendigt seien, die 1906 einem besonderen Komitee übertragen wurden, und daß sich über den Zeitpunkt ihrer Vollendung nichts voraussagen lasse. I. K. Eine Agitation für das Frauenwahlrecht in Italien wird hauptsächlich von bürgerlichen Frauenrechtlerinnen betrieben, wobei nicht immer klar zum Ausdruck kommt, ob diese das allgemeine Frauenwahlrecht oder nur ein beschränktes Damenwahlrecht fordern. Das nationale Frauenstimmrechtskomitee der Frauenrechtlerinnen hatte bei dem sozialistischen Zentralkomitee für das allgemeine Stimmrecht angefragt, ob die sozialistische Partei noch für die Forderung des Frauenstimmrechts eintrete. Der Abgeordnete Turati wurde mit der Antwort darauf betraut. In der Hauptsache erklärte dieser:„ Die sozialistische Partei verlangt nicht das Stimmrecht für alle einem abstrakten Naturrecht zuliebe, das überall und zu jeder Zeit gleicherweise Geltung hätte. Für uns hat die Eroberung des Stimmrechts, wie die aller verwandten Rechte, wirk lichen Wert nur insoweit, als sie ihrem Wesen nach dem Proletariat zugute tommen, das heißt insoweit sie gegebenen ökonomischen Bedürfnissen des Proletariats entsprechen und dessen klarer Erfenntnis davon.... Die gleichzeitige Einführung des Stimmrechts der Frauen mit dem der Männer hätte in unserem Sinne feinen unmittelbar wohltätigen Einfluß. Daher könnten die beiden Forderungen wenn das Gesetz der allmählichen Entwicklung es ratsam erscheinen läßt sehr wohl zeitlich getrennt werden. Und das wegen des noch so trägen politischen Klassenbewußtseins der Masse der proletarischen Frauen. Diese würden bei ihrem vors zeitigen Eindringen in die politische Arena zu einer gegebenen Zeit wahrscheinlich jene konservativen Strömungen stärken, die jetzt wie sonst in der Hoffnung auf sicheren Gewinn sich in Italien und anderwärts auch dem auf die Männer beschränkten allge meinen Stimmrecht geneigt zeigten. Unzweifelhaft muß das allgemeine Frauenstimmrecht nach unserer Meinung binnen kurzem das allgemeine Stimmrecht der Männer vervollständigen. Das eine ist die notwendige Ergänzung des anderen. Aber beide Ziele werden um so schneller und sicherer erreicht werden, und um so weniger Enttäuschungen werden davon zu befürchten sein, je mehr inzwischen die Massen der proletarischen Frauen unter dem Antrieb der Bedürfnisse und der von der Propaganda geweckten Erkenntnis ihrer Lage in den ökonomischen und politischen Kämpfen ein eigenes, unabhängiges und waches sozialistisches Bewußtsein entwickelt haben. So, wie es sei es auch nur schrittweise und langsam im männ lichen Proletariat gekommen ist. Wir sind der Meinung, daß die Frauenkomitees, die sich die Eroberung des Stimmrechts zur Aufgabe machen, in diesem Sinne arbeiten sollten, nicht in Verfolgung metaphysischer Abstraktionen, sondern im wirklichen Interesse des Nr. 14 demokratischen und sozialen Fortschritts. Wer in einem Kampfe um das Frauenstimmrecht sich ohne Unterschied an alle Parteien wendete und die tatsächliche politische Klassenentwicklung übersähe, machte sich unserer Meinung nach eines unheilbaren Widerspruchs schuldig, und seine Arbeit wäre zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Jedenfalls verspricht eine Aktion, die etwa zur Eroberung eines Frauenstimmrechts eingeleitet würde, das auf den gegenwärtigen beschränkten Grundlagen beruhte oder einen bestimmten Grad von Bildung und Einkommen zur Voraussetzung hätte, nur eine unnüße Verdoppelung des Wahlkörpers; ja noch wahrscheinlicher eine Verschlechterung des gegenwärtigen Regimes und eine Hemmung der demokratischen und sozialen Entwicklung. Eine solche Aktion könnte daher, wie wir glauben, nicht einen Anspruch auf Unterstützung durch die sozialistische Partei erheben, sondern sollte logischerweise aus den angedeuteten Gründen Hilfe bei den konservativen Parteien und besser noch bei den Klerikalen suchen, die ja die kon servativen Interessen am schärfsten und ausgesprochensten vertreten." Nach diesem Briefe lehnt es die sozialistische Partei in Italien mit Recht ab, eine Frauenstimmrechtsbewegung zu unterstützen, welche nicht klipp und klar für das volle Bürgerrecht aller großjährigen Frauen eintritt. Aber ebenso scheint es, daß sie unter Umständen mit Unrecht geneigt wäre, den Kampf für das allgemeine Männerstimmrecht nicht auch als Kampf für diese Forderung zu führen. Die Gründe, auf die sich Turati dafür beruft, sind seinerzeit auch gegen das allgemeine Männerwahlrecht geltend gemacht worden. Lassalle hat sie widerlegt, indem er sagte, daß das allgemeine Wahlrecht der Lanze des Achilles gleiche: es heilt die Wunden, die es schlägt. Das allgemeine Frauenwahlrecht ist das beste Mittel, das ,, noch so träge politische Klassenbewußtsein" der proletarischen Frauenmassen zu wecken und zu schulen. Die politische Gleichberechtigung der Frauen von Natal ( Südafrika) forderte der Abgeordnete Haggar in einem Antrag an die gesetzgebende Versammlung dieses englischen Koloniallandes. Der Antrag wurde in zweiter Lesung mit 19 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Gegen die erste Erörterung der Forderung im Parlament, 1894, bedeutet das einen Fortschritt. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Der achte Jahreskongres des Frauenverbandes der nor wegischen Arbeiterpartei in Christiania, über den wir schon furz in Nr. 12 der" Gleichheit" berichtet haben, beschloß, an die Ortsvereine die Aufforderung zu richten, energische Agitation für das neugegründete Verbandsorgan„ Kwinden"(„ Die Frau") zu entfalten und dafür soweit wie möglich Gelder zu bewilligen. Ferner erklärte es der Kongreß für dringend wichtig, daß eine besoldete Geschäftsführerin angestellt und ein Bureau für die politische Frauen organisation errichtet werde. Deshalb wurde dem Hauptvorstand der Auftrag erteilt, diese Angelegenheit in die Wege zu leiten und mit dem Parteivorstand zwecks Bewilligung der nötigen Mittel zu beraten. Von den übrigen Verhandlungen ist hervorzuheben, daß der Kongreß sich mit den Regierungsvorschlägen zur Verbesserung der Lage unehelicher Kinder und ihrer Mütter einverstanden erklärte und einen Beschluß für die Errichtung fommunaler Kindergärten herbeiführte. Zur Frauenwahlrechtsfrage endlich wurde folgende Resolution angenommen:„ Der Frauenverband der nor wegischen Arbeiterpartei ersucht das Storthing, den nun eingegangenen Vorschlag zur Ausdehnung des kommunalen Wahlrechts für die Frauen anzunehmen( das jetzt bestehende Frauenwahlrecht ist durchaus plutokratisch), so daß die Frauen im Herbst unter denselben Bedingungen wie die Männer zur Wahl schreiten können. Der Kongreß erklärt, daß die Frauen durch ihr großes Interesse für die Fragen des Gemeinwesens und durch ihre Teilnahme an den Wahlen bewiesen haben, daß nun keine irgendwie haltbaren Argumente gegen das allgemeine kommunale Frauenwahlrecht an geführt werden können. Da das begrenzte Wahlrecht eine große Ungerechtigkeit speziell gegen die Frauen der Arbeiterklasse ist, ersuchen wir das Storthing dringend, den erwähnten Vorschlag anzunehmen." Zur Beachtung! Raummangels halber mußten verschiedene Einsendungen zur Frauenkonferenz und die Genossenschaftliche Rund= schau" zurückbleiben. " Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmhöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.