Nr. 4 21. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich obne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mark. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 21. November 1910 Für der Menschheit Zukunft. Eine feudale Ruine. Von Franz Mehring. Eine Wanderung durch die Weltausstellung in Brüssel. I. Von A. Th. - Säuglingsernährung und Säuglingssterblichkeit. I. II. Bon Dr. A. Lipfius. Aus den Erinnerungen einer Krankenschwester. Von Hannah Lewin- Dorsch. Kinderausbeutung auf dem Hotzenwald. Von t. h.Wie können sich unsere Genossinnen am besten bilden? Von L. Radlof. Der Kampf der Frauen um Schutz für Mutter und Säugling. Von Luise Zietz. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Bericht der Genoffinnen von Mannheim. Erste württembergische Frauenkonferenz. Nachtrag zud em Bericht über die Frauenkonferenz des westlichen Westfalens. Sophie Koenen+ Politische Rundschau. Von H, B. Gewerk schaftliche Rundschau.- Tarifabschluß in den Schmöllner Knopffabriken. Von fk. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Indu strie, des Handels- und Verkehrswesens. Soziale Gesetzgebung. Landarbeiterfrage. Frauenstimmrecht. Verschiedenes. Für der Menschheit Zukunft. Wer eine Aussaat schneidet, die kaum in die Halme zu schießen beginnt; wer die Art an den gesunden Stamm eines Baumes legt, welcher Frucht tragen soll: der macht sich eines Wahnsinns schuldig. Darüber wird unter leidlich vernünftigen Menschen fein Streit sein. Nun wohl! Dieser Wahnsinn, zum Verbrechen gesteigert, ist tagtäglich die Schuld der kapitalistischen Ordnung und ihrer Nuznießer. Oder sollte vielleicht mütter liches und kindliches Leben weniger wert sein als Getreide und Obstbäume? Schier will es so dünken, wenn man vergleicht, wie faltblütig, skrupellos der Kapitalismus Hekatomben von Müttern und Kindern opfert, und wie sorgsam bedacht er sein fann, um von Halm und Strauch reiche Ernte zu gewinnen, die Schweinewirtschaft und die Zucht edler Raffepferde zu heben. Und die Verwüstung lebendiger Kräfte da, die Schomung hier hat eine gemeinsame Wurzel: das Drängen nach Profit. Die kapitalistische Ordnung ist und bleibt die Gesellschaft der unvereinbaren Gegensätze auch im einzelnen, weil an ihrer Grundlage mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln der eine allgemeine, große Gegensatz liegt zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, der seine letzte und klassische geschichtliche Form in dem Klaffenantagonismus zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat gefunden hat. Dieser Grundsatz bewirkt es, daß der tote Besitz den lebendigen Menschen knechtet und mordet, und eine der scheußlichsten Arten dieses Mordes ist unstreitig die Hinschlachtung der Mütter und Kinder für den tapitalistischen Profit. Die Geschichte des Kapitalismus ist mit Proletarierblut geschrieben, aber am reichlichsten von allem ist doch das von Frauen und Kindern geflossen. Warum? Weil Frauen und Kinder die billigsten und wehrlosesten der Opfer find. Die Blüte ganzer großkapitalistischer Industrien ist auf einem Boden gewachsen, den weibliche und findliche Gebeine gedüngt haben. Gewiß: wo der Kapitalismus über den stürmischen über schwang seiner Flegeljahre hinaus ist, da hören wir nicht mehr Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. von jenem bethlehemitischen Morden ausgebeuteter Kleinen, von jenem Massenwürgen weiblicher Leiber und Seelen, wie es der Triumphzug der Maschine und des Großbetriebs zum Beis spiel in der englischen, französischen und deutschen Textilindustrie begleitet hat. Das sich aufbäumende Menschentum der Ausgebeuteten und die Furcht der Ausbeutenden vor dem Mangel an Maschinenfutter und Kanonenfutter sind endlich dem profittrunkenen Kapital in den Arm gefallen. Jedoch, wie wenig ist fein Gelüften gezügelt! Noch geht eine Vernichtung mütterlichen und findlichen Lebens ihren entsetzlichen Gang, die die Zukunft der Arbeiterklasse, der Menschheit bedroht. Genossinnen, blättert die Berichte der Fabrikinspektion durch, die Statistik der Arbeiterkrankenkassen, die umfangreiche fachwissenschaftliche Literatur von Ärzten, Hygienikern, Sozialpolitikern. Häuft sich da nicht zu furchtbarer Höhe das Anklagematerial, das den Würger Rapitalismus seines Verbrechens überführt? Wandert durch die Hütten der Arbeit und sucht die Armenkirchhöfe auf! Klingt es da nicht von Siechbetten und Gräbern:„ Wir klagen an!" Da sind Frauen, die die Fruchtbarkeit ihres Leibes qualvoll verhehlend bis furz vor ihrer schweren Stunde bei harter Fron für Bettelpfennige aushalten. Müde Wöchnerinnen, die ungepflegt und fiebernd sich bald nach der Niederkunft erheben, weil sie weinende Kinder und einen Haushalt versehen müssen. Bresthafte Weiber, die nie das tückische Leiden überwinden, das Überbürdung während der Schwangerschaft und mangelnde Fürsorge während des Wochenbettes über sie verhängt haben. Unglückliche, die ihre Liebe und ihres Leibes Frucht verfluchen, denn sie denken all der Pein, die ein Esser, ein Pflegebedürf tiger mehr bedeutet. Da sind Geschöpfchen, die schwächlich und frant nur geboren werden, um bald dahinzuwelfen oder schmerzbeladen zu vegetieren. Säuglinge, denen der Hunger von Ge schlechtern die mütterliche Nahrungsquelle versiegen ließ, denen die Natur der Arbeitsstoffe, mit denen die Mutter hantiert, sie in Gift verwandelt. Da ist ein trostloser Zug kindlicher Verdammter, die sterben und verderben, weil die mütterliche Betreuung fehlt, weil der Zwang des Verdienenmüssens ihren Körper und Charakter meuchelt, ehe sie zur Reife kommen. Am Schlusse das junge Mädchen, das, ohne das Recht der Kindheit auf Freude und Erziehung genossen zu haben, dank der Auswucherung seiner Kräfte physisch gebrochen, seelisch unvorbereitet der Mutterschaft entgegengeht. So schließt sich der Ring, ein Ring des Todes! Kann die kämpfende Arbeiterklasse ihn unangetastet lassen? Mit nichten! Das hieße den Wahnsinn der kapitalistischen Ordnung selbstmörderisch übergipfeln. Der würgende Ring muß um der Befreiung der Klasse willen gesprengt werden, und nur des Proletariats eigene Kraft vermag ihn zu sprengen. Die Zukunft ist der Acker, auf dem die Saaten der Arbeiterklasse reifen. Die Zukunft aber liegt in einer förperlich, geistig, fittlich gesunden proletarischen Jugend beschlossen. Eine solche Jugend bedarf der Mütter, die fraftstrogenden Leibes Kinder tragen, gebären und nähren, die hellen, kühnen Geistes und starten, treuen Herzens Nachkommen erziehen. So sind Mutter und Kind in ihrer Schußbedürftigkeit gegen den Kapitalismus 50 Die Gleichheit unlöslich verbunden, der in seinem Goldhunger die Grenzen der Vernunft wie der Menschlichkeit überrennt. Ein zweiter Kreis schließt sich gegen den Feind, ein Kreis des Lebens! Genossinnen! Ihr kennt die von uns geforderten sozialen Reformen, die sich Glied für Glied zu diesem Schutzkreis für Mutter und Kind zusammensehen. Für einen Teil von ihnen gilt es jetzt ernsthaft zu kämpfen. Es sind das die Forderungen, die in das Gebiet der Reichsversicherungsordnung fallen, welche in der nächsten Zeit zur Verhandlung im deutschen Parlament steht. Dürftig sind die Ansätze zu Mutter- und Säuglings schutz durch die Versicherungsgesetzgebung. Sie müssen vorwärts getrieben werden, und das kann nur das Werk der proleta rischen Massen sein. Die Sozialdemokratie ruft die Proletarierinnen in die ersten Reihen des Kampfes, der wir haben darauf hingewiesen bitter not tut und wie kaum ein zweiter eigenfte Angelegenheit der Frauen ist. Genossinnen, sorgt das für, daß der Ruf gehört und verstanden wird. Je bescheidener die Forderungen sind, um die jetzt zunächst gekämpft werden muß, um so dringlicher ist es, daß sie rasch ihre Erfüllung finden. Der gen Himmel schreiende kapitalistische Frevel an Mutter und Kind muß bald die Losung diftieren: Weiter!" Die katholische Kirche hat Mutter und Kind in ihren Himmel erhoben; die kapitalistische Ausbeutungsordnung hat sie in ihre Hölle hinabgestoßen; der proletarische Klaffenkampf setzt sie auf Erden in ihre Rechte ein. Also will es sein gewaltiges geschichtliches Ziel, die Befreiung des Proletariats, die der Mensch heit Zukunft ist. Eine feudale Ruine.* Eben ist mit rauschendem Tamtam der hundertste Geburtstag der Berliner Universität gefeiert worden, und um so mehr überrascht es, daß die wehlgesinnten Patrioten mit schamhaftemt Schweigen an einem anderen hundertsten Geburtstag vorüber schleichen, der doch ein echt preußischer Geburtstag ist: wir meinen den hundertsten Geburtstag der preußischen Gesinde ordnung am 8. November 1810. Aber vielleicht haben sie ihre guten Gründe dazu, denn der Glanz der Stein- Hardenbergschen Gesetzgebung, worin sie sich so manches Jahrzehnt gesonnt haben, ist mehr und mehr verblichen. Dank dem Fleiße deutscher und französischer Forscher wissen wir heute, daß der„ ruchlose Korse" in viel höherem Grade noch der Wohltäter namentlich des ostelbischen Deutsch land gewesen ist, als durch die allgemeine Tatsache, daß er das vermoderte Reich und den nicht minder vermoderten Staat des alten Frizz zertrümmert hat. Indem Napoleon aus den Ländern, die er im Tilsiter Frieden dem preußischen König entriß, im Osten das Herzogtum Warschau und im Westen das Königreich Westfalen schuf, in beiden Ländern aber durch seine Vasallen moderne Einrichtungen schaffen ließ, setzte er dem preußischen König und dem preußischen Juntertum zwei Sporen in die Flanken, die diese edle Rasse, wenn auch unter heftigem Widerstreben und unter wütendem Geheul, auf die Bahn der Reformen trieben. Die erste Reform war das vielberühmte Oftoberedift von 1807, das die bäuerliche Erbuntertänigkeit aushob. Es ver dankte sein Dasein der Angst vor den bäuerlichen Reformen des Herzogtums Warschau; der Kanzler Schrötter betrieb es, noch ehe der von Napoleon empfohlene Reformminister Freiherr vom Stein die Zügel ergriffen hatte, unter dem einleuch tenden Gesichtspunkt, daß die oft und westpreußischen Bauern - und aus Ost- und Westpreußen bestand damals im wesentlichen der preußische Staat in Massen über die Grenze gehen würden, wenn sie im Herzogtum Warschau bessere Eri stenzbedingungen finden würden als unter der hohenzollernschen Herrschaft. Bekanntlich war das Edift nichts weniger als eine epochemachende Neuerung; es hinfte vielmehr mühsam der eng lischen, französischen, italienischen, holländischen, schweizerischen, dänischen, ja selbst der österreichischen, badischen und schleswig holsteinischen Gesetzgebung nach, und neuerdings haben sogar * Aus Nr. 6 der„ Neuen Zeit". Nr. 4 junkerliche Schriftsteller, die es immer noch nicht verdauen fönnen, mit nicht ganz unebenem Hohne gesagt, indem das Edikt den Bauern zwar die Freiheit der Person, aber nicht auch die Freiheit des Eigentums gewährte, habe es die bäuer liche Klasse in eine viel üblere Lage gebracht, als in der sie sich vorher befunden hätte. Immerhin hatte das Editt aber, wenn es den Bauern auch nur erst die Freiheit der Person gab, doch einen reellen Vor teil für fie. Es beseitigte mit dem Zwangsgesindedienst eine it dem Zwangsgesindedienſt eine ihrer größten Plagen. Und es ist nun höchst charakteristisch, daß derselbe Kanzler Schrötter, der zuerst das Edikt aus Angst vor dem Auswandern der Bauern angeregt hatte, auch der erste war, der trotz des Edikts die Aufrechterhaltung des Zwangsgesindedienstes durch eine Gesindeordnung befürwortete. Ganz im Stil der Junterklasse, die ihre unsaubersten Interessen durch salbungsvolle Redensarten zu verkleiden sucht, wurde der edle Junker zu seinem edlen Vorschlag nur durch die Sorge um das geistige und leibliche Heil der Bauernkinder veranlaßt. Er stellte den Gesindezwang auf dieselbe Stufe mit dem Schulzwang; wie die Eltern gezwungen würden, ihre Kinder in die Schule zu schicken, damit sie nicht ohne die allernotwendigste Bildung aufwüchsen, so müßten sie auch gezwungen werden, ihre Kinder in den Junkerdienst zu geben, damit nicht die borussische Herrlichkeit in einem allgemeinen Müßiggang versumpse. Stein jedoch, der nun im Sattel saß, hatte fein Ohr für diese Forderungen, in denen sich Albernheit und Frechheit so glücklich das Gleichgewicht hielten. Er fertigte sie furzweg mit der Bemerkung ab:" Die bisherige Neigung zum Müßiggang fann nur als eine Folge des Zwanges betrachtet werden und wird sich eben dann verlieren, wenn dieser Zwang und die davon unzertrennliche schlechte Bezahlung aufhört." Natürlich hörten deshalb aber die Junker nicht auf zu wühlen; sie vers langten mindestens einen fünfjährigen Dienstzwang für den gesamten männlichen und weiblichen Nachwuchs der ehedem erbuntertänigen Bevölkerung, Marimal, aber keineswegs Mini mallöhne nicht nur für die Knechte und Mägde, sondern auch für die Taglöhner und ähnliche schöne Dinge mehr. Jedoch auch Stein und sein Mitarbeiter Schön blieben fest; fie verwarfen jede Art von Gesindeordnung, die immer, sei es in dieser, sei es in jener Form, auf die Wiederherstellung der Erbunter tänigkeit hinauslaufe. Es ist bekannt, durch welches infame Mittel dann die Junker mit diesem hartnäckigen Menschen aufcäumten; sie denunzierten Stein wegen seiner franzosenfeindlichen Tendenzen in Paris. Aber mit Stein wurden sie die Sporen nicht los, die Napoleont in ihre Flanken gesezt hatte. Hatten die Reformen im Herzog, tum Warschau den Anstoß zu dem Oktoberedift von 1807 gegeben, so gaben nach der Räumung der Mark Brandenburg durch die französischen Truppen und der Rückkehr des Königs von Königsberg die Reformen des Königreichs Westfalen, die sich vor den Toren Berlins vollzogen, den Anstoß zu der Gesetz gebung Hardenbergs. Ihre Urheber selbst sagten ganz ehrlich, man müsse dem gefährlichen westfälischen Nachbarn in der Gunst der Opinion( der öffentlichen Meinung) den Rang ab laufen", und selbst wenn er es nicht gesagt hätte, so offenbarte sich seine ganze Gesetzgebung, als sie sich gerade vor hundert Jahren in einer ersten großen Welle zu ergießen begann, als ein feineswegs verbesserter Abklatsch der Gesetze, mit denen der König Morgen- Wieder- Lustik diejenigen Deutschen beglückte, die seinem Zepter untertan waren. Freilich mit der einen Ausnahme, die jede Regel bestätigen muß: die Gesindeordnung Hardenbergs war echt preußisches Gewächs. 510 Es ist richtig, daß in ihr nicht alle Blütenträume der Schrötter und Genossen reiften. Das verbot die gefährliche" westfälische Nachbarschaft. Den Zwangsgesindedienst konnte die Gesindeordnung nicht wieder einführen, auch nicht die Maximallöhne, die zu überfordern nach der biederen kurmär fischen Gesindeordnung vom 11. Februar 1769 dem Gesinde bei Buchthausstrafe verboten war. Auf diese Proben christlichgermanischer Gesinnung mußten die Junker tränenden Auges verzichten. Auf der anderen Seite ist es jedoch blühender Un Nr. 4 Die Gleichheit sinn, wenn Treitschke sagt, die Gesindeordnung Hardenbergs sei, nachdem der harte Gesindezwang kaum erst aufgehört habe, den Zeitgenossen als eine radikale Neuerung von unerhörter Kühnheit erschienen. Stein und Schön hatten jede Gesinde ordnung als ein Attentat auf das Oktoberedikt verworfen und dieser Überzeugung noch in dem von Schön verfaßten politischen Testament, das Stein bei seinem endgültigen Austritt aus dem preußischen Staatsdienst unterschrieb, unum wunden Ausdruck gegeben. In der Tat war die neue Gesindeordnung auch unter den damaligen Verhältnissen nichts anderes als ein Ausnahme gesetz gegen die wehrlosesten Schichten der Arbeiterbevölkerung, und die Junker brauchten sie nicht bloß mit einem weinenden, sondern konnten sie auch mit einem lachenden Auge betrachten. Mit dem minderen Rechte des Gesindes gegenüber der Herrschaft, mit der häuslichen Versklavung des Gesindes, mit dem lieblichen Prügelparagraphen usw. hatten sie doch alles Wesent liche erreicht, was sie wollten, zumal da es bei der gutsherr lichen Polizei und der Patrimonialgerichtsbarkeit blieb. Mit der preußischen Verfassung von 1850, die alle Preußen als gleich vor dem Gesetz erklärte, hörte die Gesindeordnung von Rechts wegen auf zu existieren, aber keineswegs von Gewalt wegen. Da es die heiligste überlieferung des preußischen Rechtsstaats" ist, daß in ihm allemal Gewalt vor Recht geht, so blieb es bei der Gesindeordnung, und es war eigentlich über flüssige Mühe, daß sich das seile Obertribunal noch im Schweiße seines Angesichtes abquälte, zu beweisen: die Verfassung sage zwar ausdrücklich, daß alle Preußen vor dem Gesetz gleich sein sollten, aber sie meine das Gegenteil. Die Gesindeordnung blieb nicht nur bestehen, sondern wurde noch verschönert durch das Gesetz vom 24. April 1854, betreffend die Verlegung der Dienstpflichten des Gesindes und der ländlichen Arbeiter, das unter anderem jeden Versuch des ländlichen Proletariats, seine Lebenshaltung durch Arbeitseinstellungen zu verbessern, mit Gefängnis strafe nicht unter einem Jahre bedroht. So ragt diese feudale Ruine noch in die moderne Welt hinein, und es mag auch von ihr gelten, was Genosse Bebel jüngst von der Theaterzensur sagte: schwerlich wird sie eher verschwinden, ehe dem junkerlichen Unwesen im Deutschen Reiche der große Kehraus getanzt worden ist. Gleichwohl dürfen wir heute schon mit einiger Genugtuung sagen, daß die preußische Gesindeordnung an ihrem hundertsten Geburtstag als recht zerpluderte Mummelgreisin erscheint. Das„ Gesinde" ist sich längst seiner Menschenwürde bewußt geworden; es pfeift auf die Be scheidenheit“ und„ Ehrerbietung", womit es die" Befehle und Verweise der Herrschaft" annehmen soll; trotz Knigge hat es sich um den guten Ton große Verdienste erworben, indem es den„ Sauherdenton", den die Gesindeordnung zum Vorrecht der Herrschaft macht, in ganz nette Manieren abzudämpfen verstanden hat, und vor dent Prügelparagraphen haben selbst Herrschaften vom Temperament des Knuten- Ortel eine ganz ehrerbietige" Scheu. Wenn die häusliche Versklavung das Gesinde schlechter stellt als andere Schichten der arbeitenden Klaffen, so bietet sie ihm dafür desto reichlichere Gelegenheit, die„ Herrschaft" zu erziehen, und es soll am hundertsten Geburtstag der Gesindeordnung nicht verkannt werden, daß sie in dieser Beziehung eine recht wohltätige Wirkung gehabt hat. Bei alledem aber bleibt auf diesem Gebiet noch viel zu tun übrig, und der Kampf gegen die Gesindeordnung als Produkt echt preußischer Gesetzgebung darf noch lange nicht aus der ersten Reihe des proletarischen Emanzipationstampfes verschwinden. Franz Mehring. Eine Wanderung durch die Weltausstellung in Brüssel. I. Ganz ist's doch nicht damit abgetan, daß man die Weltausstellungen spöttisch als Riesenjahrmärkte bezeichnet. Sie sind wesentlich mehr. Schon nach ihrer Ausdehnung. Die Brüsseler 51 bedeckt nahezu 100 hektar. Das ist eine Fläche, auf der eine mittlere Stadt Platz findet. Aber auch ihrem Wesen nach. Die Weltausstellungen sind rein kapitalistische Unternehmungen, so sehr sie auch neuerdings mit sozialem Flitterkram verbrämt werden, weil das jetzt so Mode ist. Nicht Zufall war's, sondern es entsprang der inneren Natur des Kapitalismus, daß die erste Weltausstellung vor sechzig Jahren ins Leben gerufen wurde, also zu der Zeit, als die kapitalistische Produktion sich so weit entwickelt hatte, daß die heimischen Märkte nicht mehr die ganze Menge der erzeugten Waren zu verschlucken ver mochten und deshalb der Kapitalismus darauf bedacht sein mußte, den Weltmarkt sich aufzuschließen und zu erobern. Das ist der Zweck der Weltausstellungen von Anfang an gewesen; er ist es heute noch. Gewiß! Die weitaus meisten der Millionen Besucher einer Weltausstellung wandeln nur von Halle zu Halle, von Pavillon zu Pavillon, um sich alle die zahllosen und verschiedenartigen Waren anzuschauen, die hier in erdrückender Menge aufgestapelt sind. Doch gibt es auch nicht wenige, die wochenlang fast ausschließlich in einer bestimmten Abteilung verweilen. Das sind die, welche für ihr spezielles Erwerbsgebict etwas Neues herausschnüffeln möchten, eine technische Verbesserung, eine neue gefällige Form, die weitere Verwendbarkeit eines Rohstoffes, ausgiebigere Betriebsmethoden oder dergleichen. Das alles ist auf einer Weltausstellung zu finden. Wer noch keine besucht hat, ist gänzlich außerstande, sich eine flare Vorstellung zu bilden über die unendliche Mannigfaltigkeit dessen, was da alles zu sehen ist. Es gibt schlechterdings kein Naturprodukt, keine Industrie, fein Kunsterzeugnis, das nicht ausgestellt wäre. Neben riesigen Stämmen tropischer Nutzhölzer liegen duftende Gewürze aus Indien oder kostbare Minerale in rohem Zustande und in ver faussfertiger Bearbeitung. Gold aderförmig in Gesteine eingesprengt, aber auch in nußgroßen gediegenen Stücken. Dort schwimmt auf dem Quecksilber, mit dem ein großer eiserner Kessel gefüllt ist und das allein Zehntausende von Mark wert ist, eine massive Stahlfugel von wohl mehr als zwanzig Zentimeter Durchmesser. Sie kann nicht untersinken, weil das Quecksilber viel schwerer ist; leicht wie eine Feder schwimmt die Kugel auf dem silbernen flüssigen Metall. Da wieder funkeln, sorgsam behütet und unter festem Verschlusse, Edelsteine aller Art, Ru bine, Türkise, Smaragde, Topase, Diamanten- rot, grün, blau, gelb, weiß, das Auge schmerzt von dem feurigen Lichte, das sie ausstrahlen, und das manchem Mädchen, mancher Frau schon soviel Leid gebracht hat. Man darf gar nicht anfangen, alle die Schätze aufzuzählen, sonst wird man nicht fertig. Und erst die Industriehallen! Was soll man da als das Wichtigste herausgreifen? Soll man die kostbaren französischen oder englischen Kostüme erwähnen, leicht und duftig wie Spinn gewebe oder auch aus schwerster Seide gefertigt, von denen jedes 1000 Mt. und mehr kostet? Oder die türkischen und perfischen Teppiche, von den kleinsten und feinsten an bis zu denen in Wandgröße? Oder die kunstvollen Stickereien? Ach, das sieht alles so herrlich aus. Aber ich gedente dabei des Elends der Heimarbeiterinnen in der Konfektionsbranche; ich erinnere mich an das Jammerleben der Spitzenklöpplerinnen im Erzgebirge, an die bleichen Mädchen und Frauen, die mir in den Hauptstädten der englischen Textilindustrie begegneten, an eine große Teppichmanufaktur, die ich bei Brussa in Kleinasien besuchte, in der über 200 Mädchen von 7 bis 17 Jahren ein wahres Gefangenenleben führen mußten. Außer fümmerlichster Kost erhielten sie wöchentlich nur 2 bis 3 Piaster( 1 Piaster gleich 18 Pf.) Lohn für täglich 12 bis 14 stündige angestrengteste Arbeit. Vor solchen Gedanken verblassen die feinsten Sticke reien und Gewebemuster, und man verliert die Lust, noch länger in den Räumen zu weilen, die so grell veranschaulichen, wie das elegante Prozentum mit dem Lebensglück Tausender Frauen und Mädchen des Proletariats erkauft wird. Aber in welche Halle wir uns auch flüchten wollen, überall grinst uns aus den dunklen Ecken und Winkeln hinter den zur Schau gestellten Kostbarkeiten die Not und Entbehrung derer 52 Die Gleichheit entgegen, deren rastloser Fleiß diese Rostbarkeiten erst geschaffen hat. Hier stehen allerliebste Spielsachen aller Art aus Holz, Metall, Papiermaché oder Fell gearbeitet. Aber die Arbeiter frau, unter deren emfigen Fingern sie erstanden sind, kann sie nicht für ihre eigenen Kinder kaufen; sie sind zu teuer. Dort ziehen die feinsten Leder und Galanteriewaren unser Auge auf sich. Wieder zum guten Teile Frauen und Mädchenarbeit. Aber dieselben Frauen und Mädchen müssen sich mit billiger Marktware begnügen. Da wieder werden wohlriechende Seifen und kostbare Essenzen aus duftenden Blumen oder andere kos metische Mittel vor unseren Augen bereitet, und wiederum haben Frauen und Mädchen an der Herstellung hervorragen den Anteil. Selbst in der ungeheuren Maschinenhalle, wo ge waltige eiserne Kolosse ihre Stählernen Fänge ausrecken und dicke ciferne Wellen zerschneiden oder abdrehen, als handle es sich um weiches Wachs, treffen wir auf die Frau; auch hier ist sie am Produktionsprozeß beteiligt. " Keine Industrie ohne Frauenarbeit. In der Bearbeitung von Nahrungs- und Genußmitteln herrscht sie vor. Wir sehen, wie die feinsten Tafelschokoladen und hundert andere süße Leckereien vor unseren Augen entstehen, bis sie durch Mädchen in appetitliche Umhüllungen gepackt und dem Besucher zum Kaufe angeboten werden. Auch wer sonst kein Freund von Süßig feiten ist, nascht hier gern einmal. Für 5 oder 10 Zentimes ( 4 oder 8 Pf.) werden allerlei Proben" angeboten, und das Zeug schmeckt gut. Wer Luft hat, sich für eine Woche den Magen zu verderben, kommt hier zu diesem Bergnügen für billiges Geld. Nun sind wir doch in Details hineingekommen, was gar nicht beabsichtigt war. Aber die Erinnerung an die unerschöpf liche Fülle von Einzelheiten, die eine Weltausstellung uns bietet, ist eben zu mächtig. Und selbst die beredteste Feder müßte sich ohnmächtig fühlen, in furzen Zügen ein lückenloses getreues Gesamtbild alles deffen zu geben, was hier vor das Auge tritt. Nur noch einige Produktionsgebiete seien gestreift, in denen die Frau gleichfalls eine wesentliche Rolle spielt. Dazu gehört die Industrie der Musikinstrumente. Mit Deutschland traten auf diesem Gebiet Frankreich, Belgien, England, Italien und Spanien in Wettbewerb. Aber Deutschlands Ausstellung an Streich, Blas- und Zupfinstrumenten, an Pianos und Konzertflügeln, an Orgeln, Mund- und Ziehharmonikas, an Grammophonen, Phonographen und wie die Dinge alle heißen, ist am vollständigsten. Man ist erstaunt, wenn man erfährt, welche Massen von Musikinstrumenten jährlich in Deutschland hergestellt werden. Für 60 bis 70 Millionen Mark derselben werden allein jedes Jahr nach dem Ausland verkauft, ungerechnet den riesigen Bedarf in Deutschland selbst. 1909 gingen über 50000 Klaviere für mehr als 30 Millionen Mark aus Deutschland ins Ausland, fast 200000 Geigen für 2 Millionen Mart, etwa eine halbe Million Ziehharmonifas für 3 Millionen Mark, viele Millionen Mundharmonikas für 3 Millionen Mark, für 2 Millionen Mark Orchestrions und andere mechanische Spielwerke, für 4 Millionen Mark Klaviermechaniken und Klaviaturen, für 6% Millionen Mark Phonographen und Grammophone, für ben gleichen Betrag Walzen und Platten. Es handelt sich demnach um eine gewaltige Industrie. Und welche herrliche Tonfülle entfirömt den Instrumenten, wenn fundige Hand fie meistert. Jetzt zart und lind wie kosender Abendwind, dann wieder in leidenschaftlicher Glut, daß man sich versezt fühlt in eine Bußtaschente Ungarns, wo Zigeunerinnen in verzehrendem Feuer von ihren Tängern herumgewirbelt werden; dort ein frommes Adagio auf einer Orgel und da ein prickelndes Scher zando von Offenbach, ein leichtbeschwingter Walzer von Strauß, das in Töne verflüchtigte echte Wiener Blut. Man begreist, daß manche stundenlang in den weichen Sesseln dieser Abteilungen ruhen bleiben und im füßen Nichtstun den Weisen lauschen. Viele fleißige Frauenhände haben mitgewirkt, die Musikinstrumente aller Art zu schaffen. Zuletzt rasch noch einen flüchtigen Blick in die Abteilung für das Buchgewerbe, in dem Deutschland neuerdings tonangebend geworden ist. Unter den 103 000 Personen, die 1907 in der deutschen Papierfabrikation beschäftigt wurden und unter Nr. 4 den 73 000 in den Buchbindereien Tätigen befinden sich mehr als die Hälfte Frauen und Mädchen. Fast scheint es, als habe sich die natürliche Zierlichkeit und Sauberkeit des weiblichen Geschlechts auf die Produkte ihrer Arbeit übertragen. Aber dort ist eine neue Falzmaschine in Betrieb. Sie falzt in einer Stunde 4000 große Bogen drei bis viermal. Das ist die Arbeit von sieben bis acht geübten Handfalzerinnen. Sehr gut, daß wieder durch eine Maschine geisttötende menschliche Handarbeit überflüssig gemacht worden ist. Doch was wird aus den sechs bis sieben Mädchen, die auf ihrer Hände Arbeit angewiesen sind und die nun gleichfalls überflüssig werden? Denn die Maschine bedarf zu ihrer Bedienung nur einer Arbeitskraft. Und welche Folgen hat die an sich zu begrüßende neue Erfindung für die Tausende von Falzerinnen, die in Be trieben stehen, deren Besizer nicht imstande sind, sich die zu Monopolpreisen verkaufte Maschine anzuschaffen? Sie werden erheblichen Lohndrückungen ausgesetzt sein, weil ihre Brot geber", die in Wirklichkeit ihre Brotnehmer sind, sonst nicht mit ihren befferbemittelten Ronkurrenten Schritt halten können. Eine Weltausstellung ist eine große Lektion im Anschauung 3unterricht, die für jeden, der verstehen will, den Sozialismus predigt. Wie unendlich wohl wird sich die Welt fühlen, wenn die Maschine und die mit ihrer Hilfe erzeugten Produkte aller Art nicht mehr der Profitmacherei ihrer Besitzer dienen werden, sondern wenn die technischen Fortschritte der Gesamtheit zugute fommen werden. Dann brauchte die tägliche Arbeitszeit noch feine sechs Stunden zu dauern und das Arbeitsjahr keine 300 Tage, und doch würde jeder alles reichlich haben fönnen, was er zu einem vollen Kulturleben braucht. Der französische Philosoph Voltaire schrieb einst:„ Ecrasez l'infâme!"( Ber schmettert die Verruchte!) Er meinte damit die Kirche und allen religiösen Wahnglauben. Auch der Besuch einer Weltausstellung drängt uns den Zornschrei auf die Lippen:„ Ecrasez l'infâme!" Berschmettert den Berruchten, den Kapitalismus, den Verderber des Menschenglücks, den schrecklichen Menschenfresser, den furchtbaren Vampir am proletarischen Blute. A. Th. Säuglingsernährung und SäuglingsSterblichkeit." I. Die Zahl der Kinder, die auf die Ernährung mit Muttermilch verzichten müssen, hat im Laufe der letzten zwei Jahr zehnte in sehr großem Maße zugenommen. So wurden zum Beispiel in Leipzig im Jahre 1890 beinahe 37 vom Hundert der Kinder sechs Monate lang gestillt, 1905 nur noch etwa 16 vom Hundert. In Solingen nährten im Jahre 1902 80 vom Hundert Frauen ihre Kinder nicht an der Brust; die Mütter aber dieser befragten Frauen hatten alle dies getan. In Köln stillten im Jahre 1902 mehr als 60 vom Hundert Frauen ihre Kinder nicht; die Mütter dieser befragten Frauen hatten mit Ausnahme von nur 6 vom Hundert ihren Kindern die Brust gereicht. Ahnliche Zahlen liegen auch für andere Städte vor. Die mitgeteilten Angaben mögen nur als Beispiele dienen. Die Zahl der Frauen, die heute ihre Kinder selbst stillen, ist in den einzelnen Gegenden recht verschieden. Manchmal find es nur wenige Mütter vom Hundert, die ihren Kindern die Bruft nicht reichen, manchmal beträgt die Zahl der Nichtstillenden mehr als die Hälfte der Mütter. Die Art der Ernährung, ob Muttermilch oder Kuhmilch, ist für den Säugling nicht gleichgültig. Untersuchungen, die an verschiedenen Orten angestellt worden sind, haben gezeigt, daß die Sterblichkeit der mit Muttermilch genährten Kinder sehr viel geringer ist als die Sterblichkeit der Säuglinge, die mit Kuhmilch ernährt werden. So starben in Berlin in den Jahren 1895 bis 1896 auf 100 Lebendgeborene bei Ernährung mit Brust milch... Kuhmitch 7 Kinder 39 * Sämtliche Zahlen sind entnommen: Prinzing, Handbuch der medi zinischen Statistit, Jena 1906. Nr. 4 Die Gleichheit Sehr interessant ist eine in Köln vorgenommene Unterfuchung. Auf 100 Lebendgeborene starben bei Ernährung mit Brustmilch, die 9 Monate und länger dauerte. Kuhmilch. # V 3 bis 9 Monate dauerte. 3 Kinder . 12 • weniger als 3 Monate dauerte 35 47 Man sieht hier sehr deutlich, wie für den Säugling die Aussichten, am Leben zu bleiben, sich um so mehr verschlechtern, je mehr die Brustmilch in der Nahrung zurücktritt und der Kuhmilch das Feld räumt. II. Es steht fest, daß die Zahl der Kinder, die mit Kuhmilch ernährt werden, mehr und mehr zunimmt. Ebenso ist erwiesen, daß die Ernährung mit Kuhmilch für das Gedeihen der Säuglinge so nachteilig ist, daß die Sterblichkeit der Ruhmilchlinder um das Vielfache höher ist als die Sterblichkeit der Mutterbrustkinder. Wir müssen uns nun fragen, warum die Zahl der Frauen, die ihre Kinder nicht stillen, zunimmt, und warum die Ruhmilch viel nachteiliger für den Säugling ist als die Muttermilch. Wir wollen zunächst die zweite Frage zu beantworten suchen. Den ersten Anhaltspunkt bekommen wir, wenn wir untersuchen, an welchen Krankheiten die Brust und Flaschenfinder zugrunde gehen. Das Ergebnis einer solchen Untersuchung, die in Verlin in den Jahren 1895 bis 1896 vorgenommen worden ist, zeigt uns die folgende Zusammenstellung: Es starben an Magendarmiatarrh Abmagerung und Erschöpfung An anderen Krankheiten Zusammen Auf 1000 lebend geborene Brustkinder starben an dieser Krankheit 12 225 57 71 Auf 1000 lebendgeborene Flaschenkinder starben an dieser Krankheit 171 24 191 386 Sehen wir uns diese Zusammenstellung näher an! Solche Tabellen sind ganze Romane; in Kürze, in einigen wenigen Bahlen sind in ihnen große Tatsachen zusammengefaßt. Man muß sie darum sehr aufmerksam und sorgfältig studieren. Während die Sterblichkeit überhaupt bei den Flaschen findern mehr als fünfmal so hoch ist als bei den Brustkindern ( vierte Reihe), ist die Sterblichkeit der Flaschenkinder an Magen und Darmtatarrh mehr als vierzehnmal so hoch als bei den Brustkindern( erste Reihe). Oder: von den Brusilindern stirbt der sechste Zeil aller zugrunde gehenden an Magendarmkrankheiten, von den Flaschenfindern dagegen beinahe die Hälfte. Mit anderen Worten: Wenn schon überhaupt die Flaschenkinder schwächlicher und fränklicher sind als die Brustfinder, so find sie durch die Ernährung mit Kuhmilch besonders durch die Krankheiten des Magens und des Darmes gefährdet. Auch an Abmagerung sterben zwölfmal so viel Flaschenfinder als Brustkinder. Das ist wohl eine unmittelbare Folge der Verdauungsstörungen der Flaschenkinder, von denen uns ja die Bahlen für die hohe Sterblichkeit an Magendarmfrankheiten bei ihnen erzählen. Es ist auch leicht verständlich, daß Flaschenkinder, bei denen Störungen der Verdauung so häufig sind und deren allgemeiner Körperzustand darunter leidet auch wenn das Kind nicht auch wenn das Kind nicht gerade an Abmagerung zugrunde geht, allen anderen Krankheiten des Säuglingsalters eher erliegen werden als Brust finder( dritte Reihe der Tabelle), bei denen die Verdauungsstörungen eine viel, viel geringere Rolle spielen. Wir dürfen also sagen, daß die Ernährung mit Kuhmilch dem Säugling vor allem eine Reihe von Verbauungsstörungen bringt, in denen für die Flaschenfinder ein gewaltiger Nachteil gegenüber den Brust findern gegeben ist. Wir wollen nun wissen, warum es bei Ernährung mit Kuhmilch zu Verdauungsstörungen beim Säugling fommt. 53 Wenn die Kuhmilch aus dem Euter des Tieres in einem Gefäß aufgefangen wird, so geraten Bakterien in die Milch. Die Batterien find überall vorhanden, sie hasten auch an den Wänden von allerhand Geschirr und an den Händen der meltenden Personen. In der Milch können die Batterien gut gedeihen und sich vermehren. Die Milchbakterien, die für den Erwachsenen völlig unschädlich sind, gereichen aber dem Säugling zum Verderben. In seinem Darme fommt es durch die Bakterien bei der Verdauungsarbeit zu jenen Störungen, die den Säugling zugrunde richten, wie wir es gesehen haben. Man kann bekanntlich die Bakterien der Milch beinahe vollzählig abtöten, wenn man die Milch entsprechend auftocht. Nehmen wir nun an, wir hätten es in der Pflege unserer Säuglinge so weit gebracht, daß alle Säuglinge ihre Kuhmich völlig bak terienfrei bekämen. Hätte die Kuhmilch dann noch Nachteile für den Säugling, brächte sie ihm auch dann noch Schwierigkeiten bei der Verdauung? Die Wissenschaft ist heute noch nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten. Aber schon heute darf man annehmen, daß bei der Verdauung der Kuhmilch dem Darme des Säuglings mehr zugemutet wird als bei der Verdauung der Muttermilch. Vor allem wissen wir, daß nicht allen Verdauungsstörungen der künstlich ernährten Säuglinge der Bakteriengehalt der Kuhmilch zugrunde liegt. Häufig verträgt das Kind die sonst einwandfreie Kuhmilch nicht. Sehr wichtig für die Beurteilung der Frage ist die Tatsache, daß das Eiweiß der Kuhmilch nicht genau derselbe Stoff ist wie das Eiweiß der Muttermilch! Wie es verschiedene Zucker, zum Beispiel Fruchtzucker, Milchzucker usw. gibt, die gewisse unterscheidende chemische Merkmale haben, so gibt es auch verschiedene Eiweißarten. Und es ist gerade eine Errungenschaft der Wissenschaft in den letzten zehn Jahren, festgestellt zu haben, daß das Eiweiß, aus dem die Zellen des Körpers der verschiedenen Tierarten bestehen, bei den einzelnen Tierarten verschieden ist. Mit der Kuhmilch bekommt der Säugling ein Eiweiß als Nahrung, das in seinen chemischen Eigenschaften sich von dem Eiweiß des Säuglingsförpers sehr unterscheidet. Es ist darum sehr wahrscheinlich, daß die Verdauungsfäfte des Säuglings eine harte Arbeit zu vollbringen haben, wenn sie das genossene Eiweiß der Kuh milch muzbar machen sollen. Diese Schwierigkeiten fallen bei dem mit Muttermilch ernährten Säugling weg. Das ist einstweilen nur eine Annahme, noch keine Tatsache. Eine Annahme aber, die sehr wahrscheinlich ist! Und die uns zugleich zeigt, wie verschlungen die Wege sind, auf denen die Nachteile der Kuhmilchernährung den Säugling ereilen können. Es muß der Wille jeder Mutter sein, ihr Kind zu stillen, wenn keine ärztlichen Bedenken dagegen be stehen. Dr. A. Lipfius. Aus den Erinnerungen einer Krankenschwester. Der Aufsatz in Nr. 26 der„ Gleichheit" über die„ Lage der Krankenpflegerinnen" hat in meinem Herzen ein lebhaftes Echo er vielfach so traurigen Kapitel zu geben. Ich selbst war über ein weckt. Er veranlaßt mich, auch meinerseits einen Beitrag zu diesem. Jahrzehnt lang in der Krankenpflege tätig, und zwar sowohl in tirchlich- fonfessionellen Vereinen strengster und gemäßigter Richtung als auch privatim. Ich kann also aus Erfahrung reden, und will einiges aus dem Leben jener Jahre hier erzählen. Ich hatte das neunzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet, als ich in ein Diakonissenhaus eintrat, von dem glühenden Wunsche beseelt, im Dienste an den Armen und Kranten„ dem Heiland mein Leben zu weihen". So heißt ja der schöne Ausdruck, mit dem man die jungen Mädchen aus frommen christlichen Häusern gern vom Zeitpunkt der Konfirmation ab für die Arbeit in den Diakonissenhäusern zu gewinnen versucht und leider auch vielfach gewinnt. Es geht dann vielen anderen so, wie es mir damals erging. In streng firchlicher Frömmigkeit und engen Anschauungen im Elternhaus erzogen, glaubte ich ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun, wenn ich mich um seinetwillen der schlimmsten Ausbeutung im Krankenhausdienst unterwarf. Freilich, ich sah damals keine Auss " 54 Die Gleichheit Nr. 4 beutung" in all den Ansirengungen, die man uns zumutete, dazu war jene Anschauungswelt noch viel zu lebendig in mir selbst. Erst nachher, als ich mich zu einer anderen Betrachtungsart durchge- kämpft hatte, ist es mir klar geworden, was man damals an uns gesündigt hat. Und mit Jammer denke ich jetzt daran, welcher Raubbau noch heute alle Tage an Tausenden von jungen weiblichen Wesen getrieben wird. Ich bin wahrhaftig die letzte, zu behaupten, man dürfe nicht Opfer verlangen und andere zu freudiger Opferwilligkeit erziehen, wo eine gute und grobe Sache gefördert werden soll. Aber hier liegen Schäden vor, die mit leichter Mühe gebessert werden könnten, sobald der Krankenpflege- beruf in richtiger Weise organisiert wäre; und die Vergeudung, die heute auf diesem Gebiet mit jungen, reichen Kräften getrieben wird, ist geradezu haarsträubend! Im ersten Krankenhaus, in dem ich arbeitete, hatten wir sozusagen von morgens b'/» Uhr bis abends um 9 Uhr Dienst. Es fand keine andere Unterbrechung statt als die paar Mahlzeiten; und diese waren als Erholung kaum anzusprechen, denn sie wurden gewöhnlich in aller Hast hinuntergeschlungen; zum Teil waren sie auch derart schlecht zubereitet, daß sie den Appetit nicht zu reizen und also auch die verbrauchten Kräfte nicht zu ersetzen vermochten. Früh um'/»6 Uhr mußten wir auf der Station antreten und gleich, mit nüchternem Magen, mit der ekelhaftesten Arbeit beginnen, die sich denken läßt: nämlich die Urin- und Speigläser auswaschen! Wie oft hat sich mir bei diesem Werke der„Magen umgedreht" und durch energische Explosionen gegen solche Behandlnng rebelliert. Leider immer vergeblich, denn die Oberschwester, der ich mein Leid zu klagen wagte, meinte nur lächelnd, daran würden wir uns schon gewöhnen! Um 6 Uhr gab es Frühstück für uns Schwestern. Übermüdet von der Last des vorigen Tages und ungestärkt durch ausreichenden Schlaf, schon in nervöser Hast im Gedanken an die nun folgende» arbeitsvollcn Stunde», war es uns fast allen nicht möglich, auch nur eine halbe Semmel zu verzehren; und der schlechte Kaffee, der uns kochend heiß aus den großen Kesseln in die Tassen geschöpft wurde, blieb meist stehen, da es an Zeit mangelte, ihn gehörig erkalten zu lassen. Frau Oberin und einige der älteren Schwestern, die sich besonderer Würde erfreuten, lagen unterdessen meist noch in den Federn und bekamen eine Stunde später ihren guten Kaffee, mit Semmeln und Butler zierlich verziert, auf ihre Zimmer gebracht.— Wenn wir eben glaubten, unsere Kaffeetassen zum Munde führen zu können, so erscholl der Ruf der Oberschwester, welche in Vertretung der Oberin die Morgenandacht zu halten hatte:„Die Schwestern sind wohl fertig, damit wir die Andacht lesen können?" und sogleich begann auch die Verlesung aus dem uns wohlbekannten Buche, das täglich viermal an unserem Tische als Nachspeise erschien. Nach der Verlesung wurde ein freies Gebet von der leitenden Schwester gesprochen, währenddessen wir alle vor unseren Stühlen auf den Knien lagen. Dies Gebet benutzte die Schwester mit Vorliebe zur Entfaltung ihrer Beredsamkeit dem lieben Gott gegenüber, wir Schwestern hingegen zu einem nachträglichen kleinen Schläfchen. Das war gar so bequem, wenn wir den Kopf verstohlen in die auf den Sitz unseres Stuhles gestützten Arme legten. Hin und wieder ist es auch passiert, daß eine der jungen Schwestern während eines in die Länge gezogenen Gebetes plötzlich aus tiefster Seele schnarchte; sie erhielt dann schleunigst «inen gelinden Rippenstoß von der mitfühlenden Nachbarin; und nie verriet nachher jemand von uns, wer die Schnarcherin gewesen war. Den ganzen Vormittag hindurch waren wir aufs äußerste angestrengt; und die Freude, welche die Arbeit gewiß oft hätte in hohem Maße bieten können, ist vielfach ertötet worden durch die unmenschliche Hast, in der sie stets vollführt werden mußte. Zum zweiten Frühstück um 19 Uhr gab es aufgewärmtes Gemüse vom Mittag vorher, das gehörig verdünnt worden war, so daß es aus Tassen getrunken wurde! Es ist dort das einzige Mal in meinem Leben gewesen, wo ich zum Beispiel Sauerkraut, Wirsing und dergleichen aus Tassen habe trinken müssen. Das schönste war, daß uns dazu kein Löffel gestattet wurde; das wäre Luxus gewesen, und Sparsamkeit in jeder Hinsicht war doch- unser vornehmstes Gebot. Jeden Vormittag von 11 bis 12 Uhr hatten wir Probeschwestern Religions- und Berufsunterricht beim Pfarrer. Dieser wurde mit größter Peinlichkeit und Strenge eingehalten, und ein Fehlen wegen zu viel Arbeit, großer Ermüdung oder schlechten Befindens fast niemals erlaubt. Viel wichtiger wäre es allerdings gewesen, man hätte uns mit gleicher Sorgfalt guten fachlichen Unterricht in Anatomie, Hygiene, Verbandlehre und ähnlichem zuteil werden lassen. Damit sah es aber mehr als traurig aus. Offiziell fand zwar in jedem Winter ein Kursus in diesen Fächern statt, der vom leitenden Arzt der Anstalt erteilt werden sollte. Es sollten, glaube ich, zwei- oder dreimal wöchentlich während der Dauer von vier oder fünf Monaten abends Unterrichtsstunden sein. Während desjenigen Winters, da ich unterrichtspflichlig war, haben aber— sage und schreibe!— ganze zwei Stunden stattgefunden; und die eine derselben mußte ich noch versäumen, da man mich, die ich noch gar nichts konnte, aus Mangel an Kräften in eine Privatpflege geschickt hatte! Ich stehe nicht an, zu sagen, daß es in vielen anderen Krankenhäusern mit der Ausbildung der Schwestern besser bestellt ist als in dem, von dem ich eben rede. In den Diakoniffen- häusern aber war es bis vor ganz kurzer Zeit in dieser Hinsicht noch durchaus schlecht bestellt; und es ist geradezu ein Skandal, wie wenig geschult man die jungen Schwestern manchmal hinaussandte, in Privatpflegen, wo sie doch ganz auf sich selbst gestellt sind und der Leitung entbehren, die sie im Krankenhaus von seilen der älteren Schwestern immerhin haben. Ich selbst war bei meiner ersten Privatpflege wie verraten und verkauft. Im August eingetreten, hatte ich gleich zu Anfang sechs Wochen an einem gastrischen Fieber krank gelegen, dann acht oder neun Wochen, wie das so bei uns Sitte war, als Vorprobe im Küchendienst gearbeitet. In den letzten Tagen des November kam ich auf die Kinderstation, wo außer mir drei ältere Probeschwestern unter der Leiterin arbeiteten. Es war üblich, daß die jüngsten Probeschwestern immer zuerst hauptsächlich mit Zimmerputzen, Windelwaschen, Nachtgeschirre ausgießen usw. beschäftigt wurden, aber noch nicht mit der eigentlichen Krankenpflege. So kain es, daß ich nach vierzehn Tagen noch nicht ein einziges Mal selbständig eine Temperaturmessung ausgeführt, vielmehr nur so beiläufig gesehen hatte, wie es die anderen machten. Wo das Fieber beginnt— wie die Messungen an anderen Körperstellen als in der Achselhöhle ausgeführt werden— wie man sehr unruhige Kinder bei der Temperaturmessung zu behandeln hat: davon hatte ich noch keine blasse Ahnung. Als die Leitung des Hauses um Mitte Dezember eine Privatpflegerin zu einem Kinde nach der Stadt schicken sollte und in großer Verlegenheit war, da wählte man mich sicherlich nicht deswegen aus, weil ich schon etwas verstanden hätte. Man wählte mich vielleicht, weil ich ein ernstes, gesetztes Wesen hatte, und weil ich, aus einem sogenannten„guten Hause" stammend, den meisten anderen an Bildung voraus war. Ich mochte also nach außen hin den besten Eindruck machen. Wieviel ich dort in der Pflege leisten konnte, bei einem Kinde, das soeben eine schwere Diphtherie überstanden hatte und noch an ihren Folgen litt, das mag sich jeder selbst sagen; ebenso auch, wieviel ich hätte verderben und schaden können, wenn mir nicht gerade das Glück günstig gewesen wäre, so daß ich ohne böse Zwischenfälle jene Zeit beenden konnte. Wenn ich heute daran zurückdenke, muß ich über die Gewissenlosigkeit der Leiter den Kopf schütteln, die mich damals so unvorbereitet an einen verantwortungsvollen Posten schickten.(Schluß folgt.) Kinderausbeutung auf dem Hohenwald. In der Ersten Kammer der badischen Landstände kam der bekannte Geheime Kommerzienrat Pfeilsticker auf die Unstimmigkeiten zu sprechen, die zwischen der Handelskammer Konstanz und dem Vorstand der badischen Fabrikinspektion bestehen. Er bezog sich auf den Aufsatz einer ausgeschiedenen Assistentin der Fabrikinspektion über ihre Erhebungen betreffend dieHeimarbeit auf demHotzenwald und rügte insbesondere die Bemerkung, daß das„Knöpfeaufnähen der Fluch von über tausend badischcn Kindern sei, und daß an diesen Kartons Kindertränen und Kinderseufzer das Bindemittel seien". Er habe der Sache nachgeforscht und in Erfahrung gebracht, daß die betreffende Fabrik für das Knopfaufnähen in einem Jahre 100000 Mk. ausgegeben habe. Dabei sei dies eine Arbeit, die auf dem Hotzenwald hauptsächlich in den Wintcrmonaten verrichtet werde.„Jetzt," so fuhr der Herr Kommerzienrat fort, „bei dem flaueren Geschäftsgang und zumal die in Frage stehende Fabrik die Absicht hat, überhaupt aus dem badischeu Laude wegzuziehen und nach Aachen überzusiedeln, kommen betrübliche Berichte von der Höhe des Hotzenwaldes, und es wird gejammert, man möchte doch diese Knöpfe wieder hinaus- schickeu, um der Bevölkerung während des Winters Beschäftigung zu geben." Ter Jahresbericht der Fabrikinspektion für 1909 läßt die Sachlage wesentlich anders erscheinen. Er führt aus, daß die Hausindustrie des Knöpscaufnähens vor 3 Jahren in 24 Ge- Nr. 4 " Die Gleichheit meinden des Hohenwaldes in 240 Familien Fuß gefaßt habe, nachdem sie diese Gegend fast 30 Jahre lang gemieden hatte. Sie sei jedoch schon wieder im Begriff, den Hohenwald zu verlassen und sich anderswo anzusiedeln. Das Knöpfeaufnähen pflegt überhaupt rasch auszutauchen und ebenso rasch wieder zu ver schwinden." Der Bericht meint allerdings, daß diese Arbeit noch zu den harmlosen Hausindustrien gehöre. Er hat hierbei jedoch nicht die Kinderausbeutung im Sinne. Daß die von der Fabritinspektion noch für harmlos angesehene Hausindustrie für die Kinder zu einer Ausbeutung der schlimmsten Art werden kann, lehrt der Bericht der Inspektion selbst. Wir lesen dort: " Das Daniederliegen der Textilhausindustrie hat dem Knopfaufnähen den Weg in den Hohenwald geebnet. Mancher Webstuhl mußte stillstehen, die Hand, die ihn bedient hatte, ergriff freudig jede andere Gelegenheit zur Erhöhung des geringen Einkommens, und dies besonders da, wo das Mithelfen von Kindern eine Erhöhung des Verdienstes versprach. Weil leicht zu erlernen und auszuführen, wird diese Arbeit von Kindern im frühesten Alter, selbst von solchen, die noch schulpflichtig sind, erledigt. In der Regel wird den Kindern je nach Alter und Leistungsfähigkeit ein bestimmter Arbeitssay zugewiesen, der von dem Rinde fertiggestellt werden muß, ehe es spielen darf. In zwei Familien waren ungefähr folgende Bestimmungen getroffen: Ein vier Jahre altes Rind hatte täglich eine Karte fertigzustellen, ein Kind von sieben Jahren drei, ein achtjähriges fünf, ein zehnjähriges zehn, ein zwölfjähriges dreizehn Karten. Die zum Aufnähen einer Karte( 144 Knöpfe) erforderliche Zeit schwankt je nach Geschicklichkeit und Alter zwi schen einer Viertelstunde und einem halben Tage. Ter Arbeitsverdienst für das Aufnähen einer Karte beträgt 1 bis 2 Pf.(), je nach der Qualität der aufgenähten Knöpfe, da die besseren Sorten zuvor noch ausgesucht werden müssen. Wenn auch den Vorschriften des Kinderschutzgesetzes allgemein nicht Rechnung getragen wurde, so konnte doch in keinem Falle maßlose und nächt liche Ausbeutung der Kinder durch ihre Eltern festgestellt werden; in weitaus den meisten Fällen waren die Eltern durch die Not gezwungen, zu diesem Erwerb zu greifen und ihre Kinder mitanzuspannen; Tagesverdienste von 40 bis 50 Pf. bei Mittätig keit von Vater, Mutter und vier bis fünf Kindern wurden als Wohltat empfunden." Die in dem letzten Sage liegende Feststellung sollte niemand Veranlassung zu der Behauptung geben, daß milder Sinn das Leitmotiv einer Firma sei, weil sie 100000 Mt. in einem Jahre für Knopfaufnähen aufgewendet hat, also an der Viertel- und Halbtagsarbeit von vier und sechsjährigen Kleinen, wie an der Arbeit schulpflichtiger Kinder unbedingt gut verdient haben muß. An der Tatsache schmachvoller Ausbeutung wird auch nichts geändert, wenn die Not auf dem Hozenwald die Einkehr der Einsicht bei den Bedrängten verhindert und diese selbst um diesen Jammerverdienst betteln läßt. Die schädigende Einwirkung solcher Arbeit auf die Kinder geht schon daraus hervor, daß die Lehrer, wie der Bericht feststellt, darin den Grund geringerer Leistungsfähigkeit in der Schule suchen und eine Einschränkung wünschen. Die Eltern zeigten sich auch ziemlich zugänglich bei den Revisionen und versprachen, fortan die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten, doch ließ sich aus manchen Äußerungen entnehmen, daß die unerlaubte Kinderarbeit nicht aufhören, sondern nur mit größerer Vorsicht weitergeführt werden wird". Mit der angedrohten plötzlichen übersiedlung der Industrie nach Aachen hat es auch seine eigene Bewandtnis. Im ver gangenen Herbst war ein Agent der Firma beim Bezirksamt darum eingekommen, daß das Knöpfeaufnähen für Kinder, die fich noch im Schutzalter befinden, gestattet werden möge. Dadurch hatte das Bezirksamt sich zu einer nochmaligen Bekanntmachung des Kinderschutzgesetzes veranlaßt gesehen. Dem Agenten wurde zur Pflicht gemacht, die Familien auf die gesetzlichen Bestimmungen hinzuweisen. Auch richtete die Firma auf Anregung des Bezirks. amtes ein im gleichen Sinne gehaltenes Schreiben an den Agenten. Diese Vorkommnisse lassen die Firma, für die sich Herr Kommerzienrat Pfeilsticker ins Zeug wirft, in eigentümlichem Lichte erscheinen. Um so bedauerlicher ist es, daß der Minister Freiherr v. Bodman in jener Sitzung der Ersten badischen Kammer nicht das Verdienst der früheren Inspektorin 55 hervorhob, sondern Herrn Pfeilsticker beipflichtete, daß die Beamten„ auch nach Verlassen ihrer Stellung über den Inhalt ihrer amtlichen Wahrnehmungen in dieser Weise sich nicht äußern dürfen". Herr v. Bodman hat mit dieser Auffassung Wasser auf die Mühle der Scharfmacher geleitet! So geschehen im t. h. liberalen Musterland Baden. " Wie können sich unsere Genossinnen am besten bilden? Auf die Ausführungen der Genossin Wack wit in Nr. 26 der Gleichheit" des vorigen Jahrganges möchte ich einiges erwidern. Ich nehme an, daß Genossin Wackwitz ihre Anregungen auf Erfahrungen stützt, die sie bei der praktischen Arbeit gewonnen hat. Leider muß ich gestehen, zum Teil ganz andere Erfahrungen gemacht zu haben wie sie. Wie Genossin Wackwitz die durch bin auch ich im Osten, alle Teile Deutschlands gewandert ist Norden und jetzt im Süden agitatorisch tätig gewesen. In der Frauenbewegung, wie ich von vornherein bemerken will. Daß wir verschiedene Erfahrungen gesammelt haben, mag teils daran liegen, daß eine Frau immer besser einen Einblick in das geistige Leben der Frauen erwirbt als der Mann. Immerhin ist es auch möglich, daß persönliche Ansichten und Eigentümlichkeiten dabei eine Rolle spielen. Die drei von Genoffin Wackwitz gestellten Fragen sind meines Erachtens richtig, aber mit ihrer Beantwortung bin ich nicht ganz einverstanden. In großen und mittleren Industriestädten muß die Referentenfrage leicht gelöst werden können. Es ist hier Pflicht der Genossen, daß sie den Genofsinnen mit Vorträgen und der gleichen hilfreich zur Seite stehen. Vorträge eignen sich zur Schu lung der Genoffinnen auch deshalb besser als Vorlesungen, weil in ihnen die Persönlichkeit mehr zum Ausdruck kommen kann, und weil sie bei einer leidlich geschickten Anordnung des Stoffes weit eindringlicher wirken als das Vorlesen. Solche Vorträge können nicht honoriert werden, und ich weiß aus Schlesien, SchleswigHolstein und der Rheinpfalz, daß die Genossen stets gern unentgeltlich als Vortragende die Ausbildung der Genossinnen förderten. Schwieriger gestaltet sich die Abhaltung von Vorträgen in länd lichen Industrieorten, wo feine Referenten wohnhaft sind, und wo auch der bloße Zusammenhalt zwischen den Genossinnen schon schwer hält. So sehr es unser Wunsch sein muß, daß auch hier die Genofsinnen systematisch geschult werden, müssen wir diese Orte doch zunächst bei diesen Ausführungen unberücksichtigt lassen. Allerdings meine ich, daß überall dort, wo die ländlichen Industrieorte in der Nähe von größeren Städten liegen, auch die Referentenfrage ohne erheblichen Kostenaufwand gelöst werden kann. Wo dies nicht der Fall ist, da müssen sich die Genossinnen behelfen, so gut es geht. An die Stelle der Belehrung durch andere muß für sie die Selbst beschäftigung und Selbstbelehrung treten. Die von Genossin Wackwitz vorgeschlagene Art der Unterweisung in den Bildungsabenden halte ich für bedenklich. Es ist äußerst schwierig, den theoretischen Teil unseres Programms in ansprechender und so leicht verständlicher Weise zum Vortrag zu bringen, daß die von unserer Agitation erfaßten Frauen den Ausführungen folgen, sie innerlich bewältigen können. Man vergesse das geistige Niveau der meisten Arbeiterfrauen nicht. Sie kennen vor allem Haushalts und Kindersorgen. An fie müssen wir mit unseren belehrenden Betrachtungen anfnüpfen, wenn wir ein flar zu erfassendes Bild von den gesellschaftlichen Zuständen und Triebfrästen geben wollen. Die Parteiliteratur muß dabei zur Hilfe herangezogen werden, set es, daß Lektüre für daheim empfohlen wird, sei es, daß bestimmte Broschüren zur Vorlesung und Erläuterung gelangen. Als geeignet zur Einführung in den Sozialismus würde ich Brackes„ Nieder mit den Sozialdemokraten" ansehen oder„ Ziele und Wege der Sozial demokratie" von A. Bebel. Zweifellos können noch andere und bessere Vorschläge gemacht werden. Unser Parteiverlag in Berlin würde sich ein Verdienst erwerben, wenn er die erwähnten Bro schüren mit zeitgemäßen Anderungen oder Anmerkungen von neuem billig verlegte. Die an einfache Gedankengänge gewöhnte Arbeiterfrau würde sich spielend in den Geist dieser volkstümlichen Schrifts chen einleben. Ich setze voraus, daß dort, wo diese Broschüren vors gelesen und erläutert werden, es kundige Genoffinnen sind, die das tun. Wie das Erklären kann auch gutes Vorlesen durch übung er lernt werden. Ein Sprichwort sagt: Fleiß ist Schweiß. Wo immer ich an Frauenleseabenden teilgenommen habe, wollte meist eine Distussion nicht so recht zustande kommen. Das erklärt sich wohl weniger 56 Die Gleichheit aus der Schüchternheit unserer Frauen, als daraus, daß ihnen die behandelten Gegenstände noch fremd erscheinen. Das Eis der Zurückhaltung fann nur gebrochen werden, wenn die des Diskutierens gewohnten Genossinnen durch ihr Beispiel die Angstlichen und Un fundigen anzueifern suchen. Die Früchte werden sich bald zeigen. Wenn ich Genossin Wackwitz recht verstanden habe, hält sie auch das Bebelsche Buch:" Die Frau und der Sozialismus" für geeignet, als Grundlage der Schulung der Genossinnen bei Zusammenfünften zu dienen. Ich möchte dem widersprechen. Das schöne Buch enthält schwere und leichte Partien, auch Teile, die außerordentlich der Erläuterung und Ergänzung bedürfen, wie dies in einem trefflichen Artikel der„ Gleichheit" hervorgehoben worden ist. Ganz abs gesehen davon glaube ich, daß niemals in einem Frauenleseabend das Buch von Anfang bis zu Ende durchgelesen worden ist. Dazu hätte man etliche Jahre nötig, zumal wenn an vielen Stellen die erforderliche gründliche Diskussion einsetzen soll. Das Herausgreifen einzelner Teile würde ich aber als eine Entweihung des schönen Werks betrachten. Auch würden sich die Genosfinnen nicht daran gewöhnen, ein Buch von Anfang bis zu Ende durchzulesen und durchzudenken. Diese Gewöhnung aber erstreben wir gerade! Das Herausgreifen dieses und jenes Kapitels und das spätere Beiseitelegen des Buchs führt nur zu leicht zur 3ersplitterung des Interesses, der Aufmerksamkeit. Wir müssen jedoch zur Konzentration der geis stigen Kräfte erziehen. Nach guter Vorarbeit sollten meines Erachtens drei Vorträge über Bebels Buch gehalten werden: 1. Die Frau in der Vergangenheit, 2. Die Frau in der Gegenwart, 3. Die Frau in der Zukunft. An diese Vorträge müßten sich erläuternde Diskussionen fnüpfen. Vortragende darüber müßten auch für die Drte zu bekommen sein, wo sonst die Welt mit Brettern vernagelt ist. Wenn Genossin Wackwitz weiter empfiehlt, Vorträge über Mutterschaftsversicherung, Säuglingsschutz, Recht des unehelichen Kindes usw. zu halten, schließe ich mich ihrer Anregung an. Halten wir uns aber ftets vor Augen, daß unsere Genossinnen das Wesen des Sozialis mus fennen lernen sollen. Deshalb ist es notwendig, daß solche Vorträge die Anknüpfungspunkte bieten sollen, um die Genofsinnen tiefer in die sozialistische Ideenwelt einzuführen. Die naheliegende Rritit am tapitalistischen Jammertal gibt guten Anlaß dazu. Aus bem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen der kapitalistischen Welt mit ihren Bettelpfennigen für die Massen und den sozialistischen Forderungen und Idealen erwächst der bewußte Wille, für den Sozialismus zu leben und seine Saat auszustreuen. Auf dem Wege zum Sozialismus ersteht den Frauen kein Herr der Heerscharen, der sie durch die Schrecknisse und Abgründe der kapitalistischen Gesellschaft geleitet. Ihre Stärke erwächst ihnen aus dem eigenen energischen Willen, der in dem sieggekrönten Worte seinen Ausdruck findet: Durch! Und dann noch eins. Jch begreife es, daß die Genofsinnen die Abende dadurch fesselnder gestalten wollen, daß sie dieselben mit gemütlicher Unterhaltung verknüpfen. Man halte aber darin Maß. Die gut besuchten Veranstaltungen könnten das Gegenteil von dem bewirken, was erreicht werden soll. Wenn jedoch dem belehrenden Teile des Frauenabends noch ein literarischer oder fünstlerischer beigefügt wird, würde nicht bloß die Anziehungskraft, sondern auch der Wert der Veranstaltung steigen, vorausgesetzt, daß das Gebotene bildend auf Geist und Gemüt wirkt. In Breslau haben wir mit solchen Abenden gute Erfahrungen gemacht. Für nüßlich halte ich es, wenn die Genofsinnen unter Mitwirkung der Genossen mindestens für ein Vierteljahr im voraus ein Programm für ihre Bildungsabende aufstellen, das streng durch geführt wird und den Genoffinnen ermöglicht, sich auf den einen oder anderen wichtigen Gegenstand vorzubereiten. Eine„ programm lose" Zeit ist von übel, erzieht nicht, sondern führt zur Trägheit, Gleichgültigkeit und schließlich zum Verlassen der Abende, die nicht genug bieten. 2. Radlof. Der Kampf der Frauen um Schutz für Mutter und Säugling. Jm kommenden Winter wird im Reichstag das Schicksal der " Reichsversicherungsordnung" entschieden. Außer den allgemeinen Fragen, als das find: Erhaltung des Selbstverwaltungsrechts der Arbeiter in den Krankenkassen, Erweiterung dieses Rechts und übertragung auf die übrigen Versicherungszweige, Reform der Invaliden- und Unfallversicherung, sind es vor allem zwei Probleme, die das besondere Interesse der Frauen beanspruchen: die Mutterschaftsversicherung und die Witwen und Waisenversicherung. Um die Agitation für beide Materien in den weitesten Schichten des weiblichen Proletariats zu fördern, Nr. 4 find vom Parteivorstand zwei Flugblätter herausgegeben worden, die unsere Forderungen präzisieren und begründen und sie dem gegenüberstellen, was in der Regierungsvorlage geboten wird. Gleichzeitig wurde eine besondere Agitation unter den Frauen angeregt. In einer Reihe von Orten hat man diefer Anregung bereits Folge gegeben. So fanden fürzlich in Leipzig zwei start besuchte Versammlungen statt, in denen Genoffin Zieh die Frage der Mutterschaftsversicherung eingehend erörterte. Borher war das Flugblatt verbreitet worden, das sich mit der Frage befaßt. Im September schon hatte dieselbe Rednerin in Frankfurt am Main das Thema in einer Frauenversammlung behandelt. Der sechste Berliner Wahlkreis entfaltete Mitte Oktober eine umfassende Agitation zur Propagierung der Mutterschaftsversicherung. Das oben erwähnte Flugblatt ward zusammen mit einer Versammlungseinladung in 305 000 Exemplaren von Haus zu Haus verbreitet, und am Tage danach fanden acht große Frauenversammlungen statt, in denen die Frage der Mutterschaftsversicherung mündlich behandelt wurde. Alle Versammlungen waren sehr start besucht, zum Teil abgesperrt. Es haben insgesamt 10 bis 12000 Frauen an ihnen teilgenommen. Die Genofsinnen Baader, Matschke, Friedländer, Wurm, Weyl, Hanna, Greifenberg und Zieh hatten die Referate übernommen. Außer unseren Forderungen an die Versicherungsgesetzgebung wurden natürlich auch jene erörtert, die wir betreffs der Arbeiterinnen- und Kinderschutzgesetzgebung stellen, sowie jene dritte Gruppe, deren Verwirklichung Aufgabe der Gemeinde ist. Weil jedoch im Moment die bevorstehende parlamentarische Verhandlung die Forderungen an die Versiche rungsgesetzgebung aktueller macht, wurden diese zunächst herausgehoben und in einer Resolution zusammengefaßt, die in allen Ber sammlungen zur einstimmigen Annahme gelangte. Im nachstehen den bringen wir die Resolution im Wortlaut: " Die steigende Teilnahme der Frau am Berufsleben, die durch das Ergebnis der letzten Berufs- und Gewerbezählung wiederum klärlich beleuchtet wird, bringt schwere Gefahren mit sich für Leben und Gesundheit der Frauen und Kinder der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums. Die Vereinigung von Berufs- und Hausarbeit für die Frauen zur Zeit der Mutterschaft führt häufig zu Unterleibsertranfungen, Erschwerung der Schwangerschaft und Entbindung, Fehl- und Frühgeburten, früher Sterblichteit und Siechtum der Kinder. Die soziale Not zeitigt die gleichen Erscheinungen in weiten Kreisen der unbemittelten Volksschichten, auch wenn die Frau nicht erwerbstätig, aber aus Mangel an Mitteln der Ruhe und Pflege entbehrt zur Zeit der Mutterschaft. Im Interesse der Erhaltung von Leben und Gesundheit der Mütter und Kinder fordern deshalb die Versammelten, daß die Krankenversicherung wie folgt ausgestaltet wird: 1. Ausdehnung der Versicherungspflicht auf alle lohnarbeitenden Frauen, auch auf die landwirtschaftlichen Arbeite rinnen, Dienstboten, Heimarbeiterinnen sowie überhaupt auf alle Frauen, deren Familieneinkommen 5000 Mt. nicht übersteigt. 2. Obligatorische Gewährung einer Schwangerenunter stügung im Falle der durch die Schwangerschaft verursachten Erwerbslosigkeit auf die Dauer von acht Wochen. 3. Freie obligatorische Gewährung der Hebammendienste und freie ärztliche Behandlung der Schwangerschaftsbeschwerden. 4. Ausdehnung der Wöchnerinnenunterstützung von sechs auf acht Wochen. Falls das Kind lebt und die Mutter fähig und willens ist, es selbst zu stillen, ist ein Stillgeld auf die Dauer von 26 Wochen zu gewähren in der Höhe des gesetzlichen Krankengelbes. 5. Erhöhung des Pflegegeldes an Schwangere und Wöchnerinnen für die Dauer der Schuhfrist auf die volle Höhe des durchschnittlichen Tagesverdienstes. 6. Obligatorische Ausdehnung der unter 8 bis 5 an geführten Bestimmungen auf die weiblichen Angehörigen der Rassenmitglieder. 7. Vereinheitlichung der Krankenkassen und Sicherung des Selbstverwaltungsrechts." Hoffentlich folgen im Laufe des Spätherbstes und Winters die übrigen Bezirke dem Beispiel dieser Agitation. Daß die finanz schwachen Kreise die betreffenden Flugblätter auf An trag gratis erhalten, wollen wir hiermit nochmals in Erinne rung bringen. Mit der Verbreitung des Flugblatts zu den Ver sammlungen erreichen die Drganisationen zweierlei: die Voragitation ist eine bessere und wirkungsvollere und danach auch der Besuch der Versammlungen ein stärkerer; außerdem werden durch das Lesen des Flugblatts auch jene Frauen mit der Frage vertraut, die Nr. 4 Die Gleichheit aus irgendwelchen Gründen die Versammlungen nicht besuchen fönnen. Bei unserer weiteren Agitation werden sie alsdann gleich. falls Trägerinnen unserer Forderungen. Eine Broschüre, die die Frage des Mutter- und Säuglingsschutzes behandelt und das wichtigste Material zusammenfaßt, ist in Arbeit und wird in allernächster Zeit vom Parteivorstand herausgegeben. Es versteht sich, daß die Agitation für die Mutterschaftsversicherung verbunden ward mit einer Agitation für Partei und Presse. So wurden zum Beispiel im sechsten Berliner Wahlkreis an einem Abend 350 neue Parteimitglieder und eine stattliche Anzahl Abonnenten für die„ Gleichheit" gewonnen. Auch in Leipzig traten die Frauen zahlreich der Partei bei. Und Frauen waren es, die die ganze Arbeit der Mitgliedererwerbung und Abonnentensammlung schnell und sicher erledigten, in Berlin und in Leipzig. Dessen freuen wir uns besonders. it Luise Ziez. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Jm Wahlkreis Hanau, und zwar in den Orten Hanau, Bockertheim und Forchenheim sprach Genossin Zetkin über„ Die Aufgaben des Proletariats angesichts der wirtschaftlichen und politischen Situation". Von wichtigen Ergebnissen der Berufsund Gewerbezählung von 1907 ausgehend, gab die Referentin ein Bild der wirtschaftlichen Entwicklung, die in der Richtung zur sozialistischen Ordnung vor sich geht. Sie ging dann auf die wirtschaftlichen und politischen Kämpfe zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten ein, die sich mit dieser Entwicklung und den wachsenden Klaffengegensätzen verschärfen. Zum Schlusse begründete sie die Notwendigkeit, die Massen reif und bereit zu machen, außer den bisherigen erprobten Waffen gegebenenfalls auch die neuen Kampfes mittel der Straßendemonstrationen und des Massenstreits anzuwenden. Die glänzend besuchten Versammlungen waren vom Geiste präch tigster Rampfesfreudigkeit getragen und stimmten den Gedanken gängen der Rednerin begeistert zu. Nach eindringlicher Begründung durch Genossin Dißmann gelangte überall eine Protestresolution gegen die geplante reaktionäre Ausnutzung der Moabiter Vorgänge zur Annahme. Die Versammlungen warben der Parteiorganisation neue Mitglieder und erweiterten den Leserkreis unserer Presse. Tätigkeitsbericht der Mannheimer Genossinnen. Die Leis tung unserer Frauenorganisation hat in den letzten anderthalb Jahren eine rege Tätigkeit entfaltet. Aber trotz aller Bemühungen war es nicht möglich, Fortschritte zu erzielen. An jedem Quartalschluß mußte man mit Bedauern vernehmen, daß die weiblichen Mitglieder einen Rückgang zu verzeichnen hatten. Die meisten Genossinnen bes gründeten ihren Austritt aus der Organisation damit, daß der Beitrag von 30 Pf. für sie zu hoch sei, da sie infolge der verteuerten Lebens haltung mit jedem Pfennig rechnen müßten. Alles Zureden und der Hinweis, daß für diesen Beitrag noch die„ Gleichheit" geliefert würde, waren in solchen Fällen erfolglos; wiederholt wurde erklärt, es sei nicht die nötige Zeit zum Lesen vorhanden. Auf Grund dessen wurde in einer Frauenversammlung der Antrag gestellt, den Beitrag auf 15 Pf. herabzusetzen und die Gleichheit" im Abonnement zu liefern. Nachdem noch die Monatsversammlung des Sozialdemokratischen Vereins diesen Antrag angenommen hatte, trat die neue Beitragsform am 1. Januar 1910 in Wirksamkeit. Die Zahl der weiblichen Mitglieder betrug zu Beginn der Berichtszeit 273, am Ende der selben 233; 165 davon sind Leserinnen der„ Gleichheit". Bei der Agitation beschränkte man sich auf die mündliche, durch Abhaltung von Versammlungen. Es fanden 17 Mitglieder und 4 öffentliche Versammlungen statt. Für lehrreiche Themata war stets gesorgt. Genosse Dreyfus erläuterte in verständnisvoller Weise die Bedeutung von„ Soll und Haben". Den neuen Steuerraubzug beleuchtete Ge nosse Strobel. Einen intereffanten Vortrag hielt Genosse Dr. Frant über„ Bilder aus dem englischen Wahlkampf". Die Genossen Meißner und Remmele schilderten„ Das Genossenschaftswesen" und Genosse Geil behandelte das Thema„ Die politischen und wirt schaftlichen Kämpfe der Frauen". Auch die Vorsitzende Genoffin Blase hielt zwei Vorträge über„ Die Stellung der Frau im wirtschaftlichen Kampfe" und den Weihnachtsfrieden der Arbeiterschaft". Zwecks Demonstration für die Einführung des Frauenwahlrechts in den Gemeinden wurde eine größere öffentliche Frauenversammlung abgehalten, die überfüllt und eine würdige Kundgebung für diese Forderung war. Bei dem Versuch, durch Agitation in den Vororten weibliche Mitglieder zu gewinnen, hatten wir Erfolge in Käferthal und Waldhof, wo wir jetzt eine schöne Anzahl Mitglieder haben. dundog " Bei dem Landtagswahlkampf im Oftober 1909 hatten sich mehrere Genossinnen zur Mitarbeit bereit erklärt. In den einzelnen Lokalen 57 halfen sie falzen und kuvertieren, Adressen schreiben, und am Wahltag selbst waren in den Wahllokalen ebenfalls Frauen mit Liſtenführen beschäftigt. Mit freudiger Genugtuung konnten die Ge nossinnen den schönen Sieg vernehmen, zu dem sie mitgeholfen hatten. Es wird stets darauf gesehen, daß zu allen Veranstal tungen weibliche Mitglieder herangezogen werden. So nahmen an den von Genossen Merkel abgehaltenen Lehrkursen drei Genossinnen teil. Auch ist auf den vierteljährlichen Wahlkreisfonferenzen immer eine Genossin als Delegierte anwesend. Dem badischen Parteitag im Jahre 1909 wohnte Genossin Blase und 1910 die Genossin Anna Gewehr als Delegierte bei. In einer Versammlung wurde nach dem Referat des Genossen Merkel eine Kinderschutzkommission ins Leben gerufen. Es erklärten sich zu dieser Arbeit 12 Genossinnen bereit. Wie notwendig eine solche Kommission ist, bewiesen mehrere Fälle, die zugunsten der armen ausgebeuteten Kinder erledigt wurden. Im Monat September wurde die Generalversammlung der weiblichen Organisierten mit Neuwahl der Leitung abgehalten. Die bisherigen drei Beauftragten wurden wieder mit den Agitationsarbeiten betraut, und zwar Genossin Blase als erste Vorsitzende, Genossin Wehner als zweite Vorsitzende und Genossin Gewehr als Schriftführerin. Es wird jedoch dem Vorstand allein niemals gelingen, die Organisation auf die gewünschte Höhe zu bringen, wenn ihm nicht von seiten der Mitglieder selbst die tat fräftigste Unterstügung zuteil wird. Deshalb ergeht der Ruf an alle Genossinnen, sich in treuer und fleißiger Arbeit zusammenzufinden, dann wird auch der Erfolg nicht ausbleiben. Vor allem könnten die Kassiererinnen und Austrägerinnen der„ Gleichheit" zur Agitation Ersprießliches beitragen. Auch die Genossen sollten die Frauenorganisation mehr als bisher fördern. Wir gehen ernsten Zeiten entgegen und dürfen deshalb in der Aufilärungsarbeit nicht erlahmen. Viele Frauen stehen unseren Bestrebungen noch fremd gegenüber. Sie zu gewinnen, muß in Zukunft unsere Aufgabe sein. Denn ohne die Mithilfe der Frau tönnen die Ziele der Sozial demokratie nie verwirklicht werden. Therese Blase. Erste württembergische Frauenkonferenz. Am Sonntag ben 9. Oktober fand in Stuttgart die erste Besprechung sozialdemokratischer Frauen Württembergs statt, und zwar in Ber bindung mit der württembergischen Landesversammlung, die pom 8. bis 9. Oktober dort tagte. Außer den zur Landesversammlung delegierten Frauen waren auch die männlichen Delegierten, die sich für die Frauenagitation interessieren, zur Teilnahme an der Be sprechung aufgefordert worden, und gegen 60 Genossen hatten dem Rufe Folge geleistet. Genossin Zetkin eröffnete die Konferenz und begrüßte als Vorfizzende die Anwesenden. Genossin Duncker führte darauf folgendes aus: Nach dem Bericht des Landesvorstandes hat die Frauenbewegung auch in Württemberg im letzten Jahre erfreu liche Fortschritte gemacht. Die Anzahl der politisch organisierten Frauen ist von 346 auf 808 gestiegen, das heißt von 1,7 auf 3,5 Prozent der Württemberger Parteigenossen; sie hat sich also in einem Jahre reichlich verdoppelt. Jm Vergleich mit der Frauen bewegung im übrigen Deutschland sind wir in Schwaben freilich immer noch arg im Hintertreffen, denn dort machen die Frauen durchschnittlich 12 Prozent der politisch Organisierten aus. Von den ungefähr 300 Ortsvereinen haben über die Hälfte noch keine weiblichen Mitglieder, darunter sind 12 Vereine mit mehr als 100 Männern. Nur 8 Vereine zählen über 25 Frauen zu ihren Mitgliedern. Da bleibt noch viel zu tun übrig, da muß gar manches Vorurteil überwunden werden, das auch in den Kreisen der Genossen gegenüber der Frauenbewegung noch besteht. Die wirtschaftliche Entwicklung macht ja vor den württembergischen Grenzpfählen nicht Halt; auch bei uns werden immer größere Scharen von Frauen der Familie entzogen und ins Erwerbsleben geschleudert. Diese zu organisieren und zu schulen, das ist unsere Aufgabe. Bei aller prinzipiellen Betonung der Einheit der Männerund Frauenbewegung wird es sich doch taktisch empfehlen, ge sonderte Frauen zusammenkünfte neben den allgemeinen Parteiversammlungen zu veranstalten. Schon weil die Familienverhältnisse es vielen Frauen unmöglich machen, zugleich mit ihrem Manne eine Versammlung zu besuchen, vor allem aber, weil in besonderen Zusammenkünften dem Interessenfreis und dem Ver ständnis der Frauen mehr Rechnung getragen werden kann. Mehrere Stuttgarter Bezirke sind seit einiger Zeit dazu übergegangen, alle Monate besondere Frauenversammlungen abzuhalten, und zwar mit gutem Erfolg. Es ist durchaus nicht notwendig, daß in diesen Frauenzusammenfünften immer großartige Referate gehalten werden; fie können sich auch zu einfachen Diskussionsabenden gestalten, in denen kleinere Broschüren oder Artikel aus der„ Gleichheit" gelesen und diskutiert werden. Derartige Besprechungen wirken oft noch 58 Die Gleichheit Nr. 4 weit anregender als Vorträge, weil die Teilnehmer selbsttätig werden können und müssen. Auch das Vorhandensein besonders geschulter Kräfte zur Leitung solcher Diskussionsabende ist nicht absolute Bedingung. Nur muß mit dieser Leitung eine Person betraut werden, der es Ernst ist mit ihrem Streben nach Aufklärung und die etwaige persönliche Reibereien absolut zu verhindern weiß.— Zu einer regen Frauenagitations- und Organisationsarbeit muß auch unsere Presse mithelfen, die bisher der Frauenbewegung leider noch wenig Aufmerksanlkeit schenkt. Mit Gewinnung der Frauen wird unsere Partei nicht nur an Zahl größer, sie wird auch ihre Schlagkraft erhöhen. Die Genossen, die eine aufgeklärte Frau an ihrer Seite haben, werden tüchtigere Kämpfer sein als die. deren Frau ihrem Streben gleichgültig oder gar feindselig gegenübersteht; und in ihren Kindern werden unserem Heere wackere Rekruten erwachsen. An der Diskussion beteiligten sich die Genossinnen Zetkin, Schradin-Reutlingen, Page-Stuttgart, Hiller-Heilbronn, sowie die Genossen Reichel-Fellbach, Lachenmeier-Gmünd, Duncker- Stutlgart und andere. Die Genossinnen Schlad in und Page wiesen darauf hin, daß die Kommunalfragen uns Frauen viele Anknüpfungspunkte sowohl für die Agitation als auch für die praktische Arbeit darböten. Armen- und Waisenpflege, das Schulwesen, Mutler- und Kinderschutz, das feien alles Gebiete, auf denen die Frauen sich betätigen müßten. Genossin Schradin berichtet außerdem noch über die günstigen Erfahrungen, die sie in Reutlingen mit besonderen Frauenversammlungen gemacht habe, zu denen bisher noch nicht organisierte Frauen von Genossen schriftlich eingeladen wurden. Genossin Zetkin gab in kurzen Zügen ein Bild der wirtschaftlichen Entwicklung in Württemberg, die uns die Gewinnung und Schulung der wachsenden Scharen erwerbstätiger Frauen zur Pflicht mache. Sie redete auch besonderen Veranstaltungen zur Aufklärung und Schulung der Frauen das Wort und wies darauf hin, wie die Gewerkschaften, die mit einem großen weiblichen Proletariat zu rechnen haben, so vor allem der Textilarbeiterverband, zu besonderen Veranstaltungen für die Frauenagitalion übergegangen seien. Von mehreren Genossen wurde gewünscht, daß eine Frau in den Landesvorstand gewählt werden solle, die dann eine rege Frauenagitation planmäßig betreiben könne. Zum Schluß wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Landesvorstand wird beauftragt, Mittel und Wege zu suchen, die Frauenbewegung im Lande zu fördern und den Vorurteilen, die noch vielfach in den Reihen der Genossen der Frauenorganisation gegenüber bestehen, mit Nachdruck entgegenzutreten. Zum Zwecke intensiver und planmäßiger Arbeit unter den Frauen fordern die Unterzeichneten, daß gemäß des Organisationsstaluts der Partei eine Genossin als Beisitzerin dem Landesvorstand angehört." Als Beisitzerin für den Landesvorstand wurde von der Frauenkonferenz Genossin Zetkin in Vorschlag gebracht. Die rege Teilnahme— vor allem auch der Genossen— an der Beratung, sowie der Ernst und die Sachlichkeit, mit der die Verhandlungen geführt wurden, berechtigen uns zu den besten Hoffnungen für die Zukunft der württembergifchen Frauenbewegung. Die Resolution, von den Genossinnen Duncker, Zetkin und Schradin vertrete», fand auf der Landesversammlung einstimmige Annahme, und Genossin Zetkin wurde als Beisitzerin in den Landesvorstand gewählt. 0. Nachtrag zu dem Bericht über die Franenkonferenz des tvestlichrn Westfalen. Wie wir berichteten, beschäftigte sich unsere Konferenz mit der Frage, ob es zweckmäßig sei, eine eigene Frauenzeitung für unser Agitationsgebiet herauszugeben. Wir vergaßen mitzuteilen, daß sich Genossin Zieh gegen ein solches Unternehmen aussprach und ersuchte, den Beschluß hinauszuschieben, bis eine Entscheidung über das auf dem Parteilag angeregte Projekt gefallen sei, eine Modezeitung zu schaffen. Genossin Zietz empfahl, die Genossinnen auf das Abonnement der„Gleichheit" zu verweisen. Anna Nemitz. Sophie Koenen-Z-, Ein rascher Tod hat in Hamburg unsere Genossin Koenen von einem qualvollen, tückischen Leiden erlöst. Die Verstorbene gehörte zu der kleinen Schar von Proletarierinnen, deren Herz und Hirn sich bereits vor dem Erlaß des Ausnahmegesetzes dem Sozialismus erschlossen halte. Daher fanden die ersten Anfänge der klassenbewußten Frauenbewegung Hamburgs in ihr eine hingebungsvolle Förderin. Als kaum einundzwanzigjähriges Dienstmädchen trat Sophie lS7S dem Verein für Arbeiterfrauen und-mädchen bei, und die sozialistischen Erkenntnisse, die sie hier erwarb, trug sie in treuer Seele. Ihre Verheiratung mit dem Genossen Heinrich Koenen, der unter dem Schandgesetz in den vordersten Reihen der sozialistischen Arbeiterbewegung kämpfte, befestigte und vertiefte ihre llberzeugung. So trug sie denn ohne Schwanken und Wanken alle Gefahren, Opfer und Bitlernisse, welche die Härte der Zeit über die junge Familie brachte. Wie oft hat Genossin Koenen innerlich fiebernd, äußerlich gefaßt bei Haussuchungen standgehalten, die die wirtschaftliche Existenz und das bescheidene häusliche Glück zu zerstören drohten. Gar manches liebe Mal war sie dabei, wenn es galt, die Polizei hinters Licht zu führen. Und in ihrem Leben haben die Tage nicht gefehlt, wo es nicht bloß sparen hieß, nein verzichten und darben, weil der Kampf für das erkorene Ideal seine Anfordexungen stellte. Mochte es noch so knapp in der Familie hergehen: der gehetzte, bedürftige Mitkämpfer fand hier stets einen gastlichen Tisch. Es lag in der Natur der Dinge, daß auch in Hamburg die proletarische Frauenbewegung lange nach der richtigen Form tasten mußte, in der die Frauen des werktätigen Volks zusammenzuschließen waren. So entstand und verschwand in den weiter zurückliegenden Jahren manche Frauenorganisation, deren Mitbegründerin oder Mitglied Genossin Koenen war. Bei ihren Fähigkeiten wäre es ihr ein leichtes gewesen, Ehrenämter zu erhalten. Jedoch ihr Sinn stand nicht nach persönlichem Ansehen und Ruhm. Meist lehnte sie die Ehrenposten ab, um an anderer Stelle unbemerkt, aber unermüdlich ihre Pflicht als Bekennerin des Sozialismus zu tun. Den Ihrigen war sie die Verkörperung von Liebe und Güte, den Freunden ein Vorbild schlichter, bescheidener Überzeugungstrene. Ihr Scheiden ist ein kaum zu überwindender Schlag für die Angehörigen, zumal für den betagten Gatten, dem die aufopferungsfreudige Gefährtin von Jahrzehnten der Arbeit und des Kampfes entrissen worden ist. Viele werden sie schmerzlich vermissen, alle, die sie kannten, ihr Bild in rühmlichem Angedenken hallen. Politische Rundschau. Der Entwurf des Reichshaushalts für das kommende Etaisjahr 1S11/12 ist veröffentlicht worden. Er erreicht die gigantische Höhe von 2 Milliarden 707 Millionen Mark. Das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben ist nicht erreicht worden trotz der neuen Steuern und trotzdem die noch gar nicht vom Reichstag bewilligte Reichswertzuwachssteuer bereits in den Etat eingestellt wurde. Um den Ausgleich herzustellen, muß noch eine Anleihe von 37 Millionen Mark aufgenommen werden. Bon den Ausgaben entfällt der Löwenanteil auf Heer und Marine. An ordentlichen und einmaligen Ausgaben für den Land- und Waffermilitarismus sind 1 Milliarde IL5 Millionen 473130 Mark angesetzt. Dazu kommen die Kosten der neue» Heeresoerstärkung. Die betreffende Militärvorlage tritt vorerst noch verhältnismäßig bescheiden auf. Für das Jahr IVIl/12 werden 7903717 Mark gefordert. Indes ist dies« anscheinende Bescheidenheit nur eine Maske, die die Heeresverwaltung wegen der kommenden Wahlen vorzubinden für nötig hält. Die Vorlage verlangt an Verstärkungen 107 Maschinengewehrkompagnien, 1 Fußartillerieregiment, 1 Kraftfahrbataillon und 2 Luftschifferbataillone, sowie ein« Heeresinspeklion des Militärverkehrswesens und eine Inspektion des Militärlnftschiffs- und Kraftsahrwesens. Berechnet man nun nach diesen Angaben, auf Grund der bisherigen Stärke der entsprechenden Truppenteile, die Zahl der dafür notwendigen Mannschaften und Offiziere, so kommt man auf 12000 Mann. Es ist seltsam, daß eine solche Verstärkung nur etwa 3'/« Millionen Mark pro Jahr an fortlaufenden und 4 Millionen 177 VSS Mark an einmaligen Ausgaben verursachen soll. Des Rätsels Lösung liegt darin, daß man wichtige Ausgaben, die die Vermehrung erfordert, auf spätere Jahre zurückgestellt hat, in denen man keine Rücksicht auf nahe Wahlen zu nehmen braucht. Diese Taktik ist nicht neu bei unserer Negierung. Schon seit Jahren übt sie das Verfahren, dem Hunde den Schwanz stückweise abzuhacken. Zunächst werden nur die Rahmen für neue Truppenteile aufgestellt.� Später werden sie ausgefüllt unter dem Hinweis, daß sie zu schwach sind. Und die bürgerlichen Parteien, die einmal A gesagt haben, sagen dann auch regelmäßig B. So wird's auch diesmal gehen, das dicke Ende wird nachkommen. Wenn die Vorlage erst in vollem Umfange bekannt gegeben wird, dürfte sich das noch deutlicher als jetzt schon erkennen lassen. Die fortwährende Steigerung der Heeresausgabcn wird bald für sich allein eine Milliarde ausmachen. Die Sozialdemokratie muß in ihrem Kampf gegen den Militarismus diese hinterlistige Methode, die das Volk immer stärker drückende Militärlast noch mehr zu beschweren, klar aufdecke». In Berlin hat vor der dritten Strafkammer des Landgerichts l im Kriminalgerichtsgebäude zu Moabit dersogenannte Moabiter Krawallprozeß begonnen. Eine Schwurgerichlsverhandlung soll folgen. Schon lange vor Beginn ist dem Prozeß unauslöschlich Nr. 4 Die Gleichheit das Brandmal eines politischen Tendenzprozesses aufgedrückt worden. Der Prozeß soll nicht nur die Bestrafung der Angeklagten herbeiführen, sondern zugleich auch Waffen gegen die Arbeiterbewegung, Material für eine neue Zuchthausvorlage oder ein neues Sozialistengeset liefern. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft liest sich wie ein Flugblatt des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie oder wie eine Rundgebung einer Scharf macherorganisation gegen Streifende. Der Widerstand der Firma Kupfer& Co. gegen die Forderungen der Kohlenarbeiter, ja selbst gegen Verhandlungen vor unparteiischen Instanzen wird in der entschiedensten Weise für gerechtfertigt erklärt ein Arbeitgeberein Arbeitgeber verband hätte es nicht besser machen können. Und schließlich behauptet die Anklageschrift, verschiedene Momente sprächen dafür, daß es sich um einen planmäßig organisierten Aufruhr handelte leider kann das noch nicht ganz zweifelfrei erwiesen werden. Aber um so klarer ist es für die Staatsanwaltschaft, daß nur durch die jahrelange systematische sozialdemokratische Verhetzung die Masse zur„ Niederknüppelung der Arbeitswilligen" und zur Entladung thres Hasses" gegen die Arbeitswilligen gereizt worden ist. Sozialdemokratie und Gewerkschaften tragen wegen ihrer Heze gegen Arbeitswillige und Polizei die moralische Schuld an den Vorgängen in Moabit. Der Vorwärts" aber soll durch die fanatische Verfolgung von allem, was mit der Kirche und ihren Einrichtungen zusammenhängt, die Erbitterung geschaffen haben, die in einem Angriff einiger Tumultuanten gegen einen Pfarrer und gegen eine Kirche zum Ausbruch kam. " Damit hatte die Staatsanwaltschaft aber noch nicht genug für die Scharfmacherzunft und die Junkerschaft getan, die eine Wahlparole aus diesem Prozeß schmieden möchten, die den Spießbürger auf die Beine bringt zur Rettung von Thron, Altar und Geldfact. Sie tat noch ein übriges. Durch ein verzwicktes, dem Geiste und den Paragraphen der Strafprozeßordnung und des Gerichtsverfassungsgesehes widersprechendes Verfahren umging sie die Beftimmung, daß niemand seinem gesetzlichen Richter entzogen werden barf. Sie brachte den Riesenprozeß- 35 Personen sind angeklagt vor die Straffammer des Berliner Landgerichts I. Diese Straffammer ist durch ihre drakonische Strenge und durch ihre Zuverlässigkeit" in politischer Hinsicht die Erbin der berüchtigten Brausewetterkammer der neunziger Jahre geworden. Der Vorsitzende der Rammer ist der Landgerichtsdirektor Lieber. Das Verfahren nahm feinen Anfang am 9. November, und die Verteidigung eröffnete es fofort mit einem hartnäckigen Kampfe um den gesetzlichen Richter, der schließlich bis zur Ablehnung des Gerichts wegen Befangenheit führte. Am Sonnabend den 12. November mußte die Verhandlung wegen Erkrankung eines Richters von neuem begonnen werden, und wieder nahm die Verteidigung denselben Kampf auf, allerdings ohne Aussicht auf unmittelbaren Erfolg. Denn die Beschlußkammer des Landgerichts hat den Kollegen von der Lieberfammer bereits im ersten Falle bestätigt, daß sie durchaus unbefangen seien. Und das trotz der Tatsache, daß die Staatsanwaltschaft darauf versessen ist, die Sache dem zuständigen Richter zu entziehen und vor einen zuverlässigen Richter zu bringen, und trotz der blutigen Härte, mit der der Gerichtshof die Untersuchungs, haft verhängt und sogar auf Angeklagte ausgedehnt hat, die wegen der ihnen zur Last gelegten Straftat zu nicht mehr als drei Monaten Gefängnis verurteilt werden können. Die Staatsanwaltschaft hat erklärt, daß sie gar nicht die Absicht gehabt habe, den Prozeß der Lieberkammer zuzuschanzen, und die Beschlußkammer glaubt ihr das ohne weiteres. Die Öffentlichkeit dürfte solch starken Glauben nicht aufbringen, und die Verteidigung hat am Sonnabend den Vertretern der Anklage trocken erklärt, ihre eifrigen Beteuerungen, daß fie gar nicht daran gedacht haben, sich zuverlässige Richter auszusuchen, könnten die Verteidiger nicht im mindesten überzeugen. Die Staatsanwaltschaft kam durch diese immer erneuten Borstöße der Verteidigung in eine schlimme Lage, und wenn es auch nicht gelingen wird, die Angeklagten vor andere Richter zu bringen, so haben doch die Verteidiger durch ihr Vorgehen den Prozeß von vornherein in einer Weise gekennzeichnet, die es den Reaktionären sehr verleiden wird, mit ihm krebsen zu gehen. Wie es übrigens mit dem Anklagematerial aussieht, das sei an einem einzigen Falle gezeigt, der auch die Gleichheit vor dem Gesez, beziehungsweise vor der Justiz in Preußen grell beleuchtet. In den Sizungen vom Mittwoch und Donnerstag erlitt die Angeflagte Frau Reinhardt mehrere Ohnmachtsanfälle und Herz- und Weinfrämpfe. Ein Arzt war nicht zugegen, obgleich die Frau eine Leidende ist, obgleich sie die sechs Wochen ihrer Untersuchungshaft im Lazarett des Gefängnisses verbracht hat. Die Unglückliche mußte sich mit der unzulänglichen Hilfe der Gerichtsdiener begnügen- am ersten Tage kam endlich nach langem Warten ein Gerichtsarzt 59 auf einige Minuten, am Donnerstag war er bis zum Schlusse der Verhandlung noch nicht erschienen. Die Frau Reinhardt ist eben eine Proletarierin, die sich nicht wie der Fürst Eulenburg und die Frau v. Schönebeck- Weber einen Stab von Ärzten mit in den Gerichtssaal nehmen kann, und von Gerichts wegen wurde ihr fein ärztlicher Beistand während der Verhandlungen gestellt, der für die beiden obengenannten Angeklagten in überreichlichem Maße vorhanden war. Die Frau Reinhardt wurde- obgleich sie verheiratet ist und zwei Kinder im Alter von acht und zwei Jahren hat für fluchtverdächtig gehalten, weil sie angeblich eine hohe Strafe zu gewärtigen habe. Sie soll nämlich eine brennende Petroleumlampe auf eine Schar von Schuhleuten geschleudert haben sie ist die fürchterliche„ Petroleuse", mit der die Ordnungspresse die guten Bürger in Schrecken gesetzt hat. Sie selbst versichert, daß sie die Lampe fallen ließ, als sie vor Schrecken über das Eindringen der Schußmannschaft in ihre Wohnung eine Ohnmacht anwandelte. Das flingt mehr als glaubhaft angesichts des Gesundheitszustandes der Frau. Aber die Anklagebehörde versteifte sich darauf, in ihr eine ganz gefährliche Petroleuse zu sehen, und erklärte sie auf Grund der sachverständigen Gutachten der Polizisten für eine Simulantin. Endlich, am Sonnabend, ist die Staatsanwaltschaft zu der Einsicht gekommen, daß die unglückliche Kranke die anstrengende Verhandlung, die drei bis vier Wochen dauern dürfte, nicht auszuhalten vermag und daß sie in ihrem Zustand nicht wird fliehen können. So wurde die Frau endlich aus der Haft entlassen auf Gründe hin, die, wie ihr Verteidiger bitter bemerkte, schon am ersten Tage ihrer Inhaftierung bestanden! Die Ausschlachtung der Moabiter Vorgänge gegen die Arbeiterbewegung dürfte den Reaktionären durch den Verlauf des Prozesses eher versalzen denn erleichtert werden. Sie haben auch sonst kein Glück. Kleine Zusammenstöße, die im Norden Berlins am Wedding anläßlich eines partiellen Fleischerstreits vorkamen, suchte die Scharfmacherpresse zu einer neuen Moabiter Revolution" umzulügen der Schwindel brach alsbald kläglich zusammen. Die Regierungen Badens, Elsaß- Lothringens, Württembergs und Bayerns haben sich genötigt gesehen, da die Fleischteuerung ihnen zu brenzlig wird, die Grenzen für die Vieheinfuhr wenigstens ein ganz flein wenig zu öffnen- Preußen und seine Trabanten aber verharren nach wie vor in Untätigkeit. Ein erfreuliches Resultat hat der Schnapsboykott gehabt. Der Schnapsverbrauch ist etwa um ein Viertel zurückgegangen, cs find rund 500 000 Hektoliter Schnaps weniger getrunken worden als vor dem Boykott. Wenn auch die Verteuerung des Schnapses durch die neue Steuer und die Not der Zeit zu diesem Ergebnis mit beigetragen haben, so ist doch sicherlich der Rückgang zu einem erheblichen Teil dem Boykott zu verdanken. Die Liebesgabe der Junker ist durch diesen Konsumrückgang in Gefahr geraten, weil diese Liebesgabe nur dann sich einstellt, wenn der Verbrauch an Branntwein größer ist als das Kontingent, das heißt die bevorrechtete Menge des Branntweins, von der 20 Mt. weniger Steuer gezahlt wird, die aber zu demselben Preise verkauft wird wie der um 20 Mt. höher besteuerte Schnaps. Der Kontingentbranntwein aber ist vornehmlich auf die Brennereien der Junker im Osten verteilt, die von der bei dem früheren Konsum sich auf 45 Millionen Mark belaufenden Liebesgabe den Löwenanteil erhalten. Der Bundesrat hat nun schleunigst, um den Junkern wenigstens etwas zu retten, das Kontingent herabgesetzt; dadurch wurde aber immerhin die Liebesgabe an die Junker um jährlich 10 Millionen Mark ver.urzt. Dieser Erfolg muß die Arbeiterschaft aneifern, dem Boykott immer weitere Ausdehnung zu verschaffen. In Frankreich ist es gekommen, wie wir es in der vorigen Rundschau als wahrscheinlich annahmen. Briand hat trotz seiner Staatsstreichdrohung die Mehrheit in der Kammer erhalten, nur ein kleiner Teil der Radikalen trat auf die Seite der gegen ihn fämpfenden Sozialisten. Herr Briand bleibt weiter am Ruder. Weil er am unbedenklichsten in der Wahl seiner Mittel ist, gilt er der Bourgeoisie zurzeit als der starke Mann, der den Umsturz am besten zu bändigen vermag. Selbst die sozialistischen Renegaten Millerand und Viviani halten es für besser, aus der Gemeinschaft mit Briand auszutreten, da er nun an die Erdrosselung des Koalitionsrechtes der Eisenbahner gehen will. Aber Briand ersetzt sie durch Bürgerliche und behält die Mehrheit der Kammer. In der Schweiz hat die Forderung der Proportionalwahl zum Nationalrat einen großen Fortschritt gemacht. In der Volksabstimmung unterlag sie zwar noch mit 238928 Stimmen gegen 262066 gegen frühere Abstimmungen bedeutet das jedoch eine so gewaltige Vermehrung der Anhänger des Proporzes, daß ihr naher Sieg in Aussicht steht. 60 Die Gleichheit Die ersten drei Sozialisten sind bei den Kongreßwahlen in den Bereinigten Staaten von Nordamerika in das Bundes parlament eingezogen. Außerdem wurden Erfolge bei den Wahlen zu den Parlamenten der Einzelstaaten erzielt. Auch in Amerika schreitet endlich der Sozialismus vorwärts. Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Sind die Gewerkschaften politische Vereine? Eine juri ftische Preisfrage das. Bei der jetzigen besonders starken reaktionären Strömung, bei dem immer offener zutage tretenden Haffe gegen die politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen entscheiden die Gerichte die Frage meist in bejahendem Sinne. Viele unserer Zentralverbände sind schon gerichtlich auf Herz und Nieren geprüft worden, ob sie nicht doch politisch seien. So vor einiger Zeit der Töpferverband. Nun wird bekannt, daß eine Bahlstelle des Malerverbandes und eine des Bergarbeiterverbandes auf Grund ihrer„ politischen" Tätigkeit mit Strafmandaten bedacht worden sind. Sie hatten die Mitgliederlisten bei der Polizeibehörde nicht eingeliefert! In beiden Fällen wurde gerichtliche Entscheidung beantragt. Dem Zweigverein Thorn des Malerverbandes hat vor Gericht ein ganzer Stab höherer Polizeibeamter nachgewiesen", daß er sich mit politischen Dingen beschäftige, daß auswärtige Referenten politische Fragen erörtert hätten und dergleichen mehr. In der Folge hat auch das Gericht diesen Verband als einen politischen angesehen. In betreff der Bahlstelle des Bergarbeiterverbandes tam es zu feiner flaren Entscheidung. Es ist aber bezeichnend, daß die Staatsanwaltschaft gegen die ersten gerichtlichen Freisprechungen Berufung einlegte, Wichtiger als das jedoch ist ein Umstand. Auch das Landgericht erblickte in den Knappschaftsältestenwahlen, in der Frage der Sicherheitsmänner und der Grubenkontrollen, politische" Angelegenheiten. Nicht die Höhe der Strafe denn die kann nur sehr gering sein ist bei diesem Vorgehen gegen die Gewerkschaften von Bedeutung, sondern die Tendenz in der Auffassung der Richter. Mit welchen Fragen soll sich eine Gewerkschaft befassen, um nicht als politischer Verein zu gelten? Die weltbewegenden Fragen, die in Lotterieklubs oder gar in studentischen Saufvereinen behandelt werden, haben ja wohl für Gewerkschaftsmitglieder keinen Wert. Wenn die Erörterung von Fragen, die mit dem Berufsleben der Bergleute so innig verknüpft sind, wie die Wahlen der Sicherheitsmänner, dem Bergarbeiterverband als politische Handlung an gerechnet werden, so verbleibt den Gewerkschaftsverbänden überhaupt kein Raum mehr für eine unpolitische Betätigung. Das Vorgehen der Polizei und der Gerichte zeigt wieder, welcher Wert einer Erklärung der Reichsregierung über die Handhabung und Auslegung der Gesetze beizumessen ist. Als uns seinerzeit das ,, liberale" Reichsvereinsgesetz beschert wurde und unsere Vertreter im Reichstag seine verschiedenen Schönheitsfehler" scharf fritis fierten, wurde vom Regierungstisch aus feierlich erklärt, daß die Bestimmungen die politischen Vereine betreffend keineswegs Anwendung auf die Gewerkschaften finden sollten. Die Klaffenbewußten Arbeiter haben natürlich feinen Augenblick vergessen, daß dieses Bersprechen auch nicht einen Pfifferling wert war. Sie sind gewitzigt durch die Praxis der deutschen Behörden und Richter, durch das Messen mit zweierlei Maß nach dem obersten Grundsatz: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Aber das erwähnte Versprechen gab den bürgerlich- liberalen Parteien- Forts schritt und Zentrum inbegriffen den heiß ersehnten Vorwand, Glauben an den„ liberalen Geist" des Reichsvereinsgesetzes heucheln und die Verbesserungsanträge der Sozialdemokratie niederstimmen zu können. Und die Arbeiter, die noch am Gängelband dieser Parteien laufen, fielen auf den Schwindel von der„, liberalen Ara" und ihrer vollsaftigen Frucht herein. Die Entwicklung der Dinge hat seither ihre naiven Hoffnungen aufs grausamste zerstört, und es dient nur ihrer Aufklärung, wenn das durch eine wiederholte Abrechnung mit der Praxis des zweierlei Rechtes im Reichstag vor der breitesten Öffentlichkeit festgestellt wird. Die Gewitterstimmung der Lage kommt auch zum Ausdruck in dem Strafprozeß gegen die Moabiter ,, Aufrührer", über den an anderer Stelle diefer Nummer berichtet wird. Im Schuhmachergewerbe rückt eine Generalaussperrung immer drohender heran. In Pirmasens gilt es den Neun stundentag zu erringen. Hier, in der Metropole dieser Industrie, hat sich reichlicher Konfliktstoff aufgehäuft. Besonders scharf zugespitzt haben sich die Dinge in Dresden. Dort streifen seit einigen Wochen die Arbeiter und Arbeiterinnen bei zehn Schuh warenfabrikanten, die dem Unternehmerverband angehören. Sie verlangen eine geringe Lohnerhöhung. Die Unternehmer stellten Nr. 4 ihnen das Ultimatum, die Arbeit bedingungslos wieder aufzunehmen. Da das nicht geschah, hat die Ortsgruppe Dresden des Unternehmerverbandes bei der Zentralleitung den Antrag eingereicht, die Aussperrung über die Schubarbeiterschaft von ganz Deutschland zu verhängen. Eine Delegiertenversammlung der or ganisierten Schuhfabrikanten soll darüber Beschluß fassen. Die fleinen Scharfmacher meinen, den großen nachäffen zu müssen. Doch sie haben nicht entfernt die Macht dazu. Selbst wenn alle Fabrikanten aussperrten, die dem Unternehmerverband angehören, würden immer erst 50 Prozent der im Schuhgewerbe Beschäftigten von der Maßregel betroffen werden. Aber auch nicht einmal so große Kreise würde die Aussperrung ziehen. Der Schuhmacherverband mit seinen 36000 Mitgliedern und seinen guten Kassenverhältnissen fann den Scharfmacherplänchen ruhig entgegensehen. Der Streit der Wäschearbeiterinnen in Bielefeld dauert unverändert fort. Neuerdings versuchen die Unternehmer ihre Aufträge in Berlin ausführen zu lassen. Die Absicht dürfte ihnen aber kaum gelingen. Auch der Kampf in den Geschäftsbücher- und Kartonnage fabriken in Hannover steht noch auf dem gleichen Flecke. Die 1000 Streifenden, von denen über die Hälfte Frauen sind, harren unerschütterlich aus; den Unternehmern gelingt es nicht, Streif brecher von auswärts zu bekommen. Ein Ausstand ist in den Kartonnagefabriken in Frankfurt a. M. in Sicht. In den Pforzheimer Bijouteriefabriken ist die Aussperrung der Arbeiterschaft angekündigt. Die Maßregel würde zahl reiche Arbeiterinnen treffen, da in der betreffenden Industrie die Frauenarbeit eine sehr große Rolle spielt. Die Unternehmer haben bereits den Anfang mit dem Aussperren gemacht und sämtlichen organisierten Arbeitern gekündigt. Es soll sich um zirka 6000 Arbeiter handeln. Ihnen sollen später die übrigen Arbeiter und Arbeiterinnen folgen. Die Unternehmer wollen einen sogenannten Arbeitswilligenfonds gründen zur Unterstützung der Streitbrecher. Jm Bergbau frijelt es wegen der Sicherheitsmänner. Auf einer ihrer Konferenzen haben die Bergherren die Institution der Grubenkontrolle durch die Sicherheitsmänner als harmlose weiße Salbe" bezeichnet. Aber da die Grubenproletarier auch aus dieser sehr unvollkommenen Einrichtung an Nuzen herauszuschlagen suchen, was sie herausschlagen fönnen, soll dem ein Riegel vorgeschoben werden. Es kommt, wie es kommen mußte. Wozu auch hätten die Berggewaltigen die Hungerpeitsche in der Hand? Die Gruben direktionen entlassen diejenigen Sicherheitsmänner, die die Grubenfontrolle ernst nehmen. Eine Bergarbeiterversammlung im Ruhrrevier nahm bereits dazu Stellung und beschloß, gegen dergleichen Maßregelungen alle gefeßlich zulässigen Mittel in Anwendung zu bringen. „ Arbeitswilligenprämien" haben die süddeutschen Textilindustriellen als neueste Kampfmittel gegen die Streits eingeführt. In Hof streiten bei einer Firma die Textilarbeiter schon zehn Wochen für die Anerkennung der Organisation. Der Werband der Unternehmer erklärte diesen Streit selbstverständlich für ungerechtfertigt und beschloß zugleich, jedem der zweihundert Arbeitswilligen 10 Mt. als Judaslohn zu zahlen. Die Streitbrecher die Gnade von modernen haben öffentlich für diese Gnade Stlavenhalterngedankt. Die Textilbarone können sich den Spaß der Ausgabe leisten, denn bei den gezahlten Hungerlöhnen und dem reichen Dividendensegen fällt das Sümmchen schon noch ab. Aller dings hätten sie auch diese Aufwendung sparen können. Tief ge wurzelter Knechtsfinn läßt Arbeitswillige auch ohne besondere Be lohnung Verräterdienste gegen die proletarischen Brüder verrichten.# Tarifabschluß in den Schmöllner Knopffabriken. Was wir in der letzten Nummer nur als Hoffnung auszusprechen wagten, ist inzwischen Tatsache geworden: die Arbeiterinnen und Arbeiter der Steinnuß- und Hornknopffabriken in Schmölln, SachsenAltenburg, haben einen bemerkenswerten Erfolg in ihrer Lohn bewegung erzielt, ohne daß es erst zu einem allgemeinen Kampfe gekommen wäre. Die Stärke der Organisation und das geschlossene Auftreten der Arbeiterschaft haben ihre Wirkung auf die Unternehmer ausgeübt. Erreicht wurde in erster Linie eine Vertürzung der Arbeitszeit um% Stunden pro Woche und eine Vereinheits lichung der Lohnhöhe. Die Löhne werden derart verbessert, daß auf die niedersten Säße die höchsten Zulagen kommen. Die Branchen, die bisher zu Löhnen unter dem Einheitstaris arbeiteten, und ihnen gehörte das Gros der Arbeiterschaft an, erreichten eine durch schnittliche Erhöhung des Verdienstes um 7% Prozent. Das von den Arbeitern so lästig empfundene Kaufen des Ols für die Arbeit bet Licht wird abgelöst. Die Affordarbeiterinnen bekommen in Zukunft, wenn sie sich an Reinigungsarbeiten beteiligen müssen, pro Stunde 20 Pf. Entschädigung, während sie bisher diese Arbeiten 9 111 e g b 31 g T e Nr. 4 Die Gleichheit unentgeltlich zu verrichten hatten. Für das Verpacken wird pro Stunde 5 Pf. mehr gezahlt als seither. Die Lohnzahlung ist von Sonnabend auf Freitag verlegt worden. Die Hornknopffabrik Niedmann, deren Arbeiter bereits in Streit getreten waren, hat außer den sonstigen Zugeständnissen die schlechteren Akkordpositionen ganz erheblich aufgebessert; infolgedessen wurde die Arbeit wieder auf genommen. Nicht alles haben die Knopfarbeiter erreicht, was sie forderten. So zeigten die Fabrikanten wenig Entgegenkommen bei der Aufbesserung der Löhne für Überstunden. Trotzdem ist der ers zielte Fortschritt bedeutungsvoll. Vor allem zeigt er, was ein ge schloffenes Vorgehen zu bewirten vermag. Insbesondere die Ar beiterinnen wird der erfolgreiche Ausgang der Bewegung anfeuern, die noch fernstehenden Arbeitsgenossinnen für die Organisation zu gewinnen. Auf einen Hieb fällt kein Baum! fk. Genossenschaftliche Rundschau. Die beiden fächsischen Großstädte Dresden und Leipzig nehmen in der modernen Konsumvereinsbewegung Deutschlands eine hervorragende Stellung ein. Hier sind die Ausgangspunkte einer proletarischen Konsumvereinsbewegung mit neu zeitlichen Grundsätzen und sozialen Zielen in Deutschland. Von hier aus verbreiteten fich wichtige Anregungen, und hier wurde von Anfang an energisch der Charakter der Konsumvereine als einer sozialen Bewegung betont. Der Leipzig Plagwiger Berein ist nach der Mitglieder Jabl weit über 40 000- der viertgrößte der Welt, und mit feiner Eigenproduktion steht er sogar an erster Stelle. Die Ben tralisation der Mitglieder eines großen Gebiets ist mit der Zeit fast restlos durchgeführt worden, indem die Kleineren Vereine in und um Leipzig in den größten aufgingen. In Dresden hat man ben großzügigen Plan ins Auge gefaßt, alle Konsumvereine von Dresden und den nächsten Vororten zu verschmelzen. Im Stadtgebiet selbst bestehen zurzeit vier Vereine, von denen der Vorwärts mit 28000 Mitgliedern der größte ist. Vor etwa einem Vierteljahrhundert gegründet, sind alle vier Vereine jetzt leistungsfähige Millionenunternehmen. Heute würde man natürlich nicht vier, sondern nur einen Verein gründen. Damals aber lagen die lokalen Verhältnisse noch ganz anders. Aus durch weite Zwischenräume getrennten, fommerziell wenig verbundenen Gemeinden hat sich ein großes einheitliches wirtschafts- und kommunalpolitisches Gebiet entwickelt. Dementsprechend drängte sich mit der Zeit immer mehr die Notwendigkeit auf, aus dem Dresdener Konsumverein eine or ganische Einheit zu bilden. Jahrelang ist der Plan erörtert worden, nun scheint er zur Verwirklichung reif. Das Dresdener Gewerks schaftskartell und die Parteiorganisationen nahmen die Sache in die Hand, und die Verwaltungen der Konsumvereine haben bei einer gemeinsamen Versammlung im wesentlichen ihre Zustimmung gegeben. Schon das Ab- und Zuströmen der Arbeiter aus den einen Bezirken des Stadtgebiets in die anderen nötigt zu einer Bentralisierung. Mit der Verschmelzung der Vereine, zu denen noch einige Vorortsvereine kommen, sollen zugleich etwa notwendige Reformen in der Verwaltung und Ausgestaltung der Tätigkeit der Genossenschaft durchgeführt werden. Wenn nicht unerwartete Hindernisse eintreten, dürfte in drei bis vier Jahren die ganze Aktion durchgeführt sein; die sechs für die Vereinigung in Betracht kom menden Vereine zählten am Schlusse des letzten Geschäftsjahrs insgesamt zirka 55000 Mitglieder und hatten einen Umsatz von etwa 19 Millionen Mart. Diese zwei Zahlen zeigen zur Genüge, daß bie Dresdener Arbeiterschaft ein Riesenprojekt ausführen will. Unter dem Titel: Die deutschen Arbeiterfonsumvereine hat Genosse Paul Göhre im Verlag des Vorwärts ein 655 Seiten startes Buch herausgegeben. Der Verfasser geht auf die wichtigsten Probleme der Entwicklung der Konsumvereine in Deutschland ein, erörtert ihre Aufgaben und Ziele nach sozialistischen Gesichtspunkten und zieht auch scharf die Grenzlinie zwischen bürgerlicher und proletarischer Genossenschaftspolitit. Er weist nach, wie von Grund aus verschieden die Auffassungen auf proletarlicher und bürger licher Seite sind, und daß die deutsche Konsumvereinsbewegung und organisation immer proletarisch gewesen ist. Auch auf die Neutralitätsfrage geht Göhre an mehreren Stellen näher ein; dabei weist er entschieden die bisher von der Leitung des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine beobachtete überneutralität zurück und tritt ein für eine engere Fühlung mit der modernen Arbeiter bewegung im Sinne der Kopenhagener und Magdeburger Resolution. Den größten Naum des Buches nimmt jedoch die Dar stellung der Entwicklung der Konsumvereine in Leipzig, Berlin und Hamburg ein. An vier verschiedenen Typen untersucht Göhre Erfolge und Mißerfolge, Fortschritte, fleinere und systematische 61 Fehler usw. der Bewegung und deckt damit zugleich ihren wesens inneren Zusammenhang mit der modernen Arbeiterbewegung auf. Dieser Teil des Buches liest fich nicht gerade leicht, da der Verfasser bis ins kleinste eingeht. Aber wertvoll ist das Buch als Sammlung von Material zur Beurteilung der Bewegung für jeden, der auf diesem Gebiet fremd ist und sich darüber orien tieren will. Auf dem Magdeburger Parteitag hob der Referent über die Genossenschaftsfrage besonders hervor, daß die bürgerlichen Parteien den Konsumvereinen fast alle mehr oder minder feind lich gegenüberstehen. Eine schöne Illustration dazu lieferte der nationalliberale Parteitag in Kaffel. Die nationalliberale Partei dürfte eigentlich auf Grund ihrer rein tapitalistischen Auffassung des Wirtschaftslebens den Konsumvereinen nicht entgegen treten, weil diese ein höher organisiertes Element in jenem bilden. Aber Konsequenz darf man von dieser Partei nicht erwarten. So. weit die Nationalliberalen nicht Gleichgültigkeit oder laue und sehr verdächtige Freundschaft heucheln, treten sie als offene Feinde der Konsumvereine auf. So geschah es auch in Kassel wieder. Ein Herr Dr. Schröder führte dort aus, in Großstädten scheine ihm ein Bedürfnis für Beamten konsumvereine nirgends vorzuliegen. Er fönne es nicht verstehen, daß gut besoldete mittlere und obere Beamte in Konsumvereinen kaufen, er meine, das sei eine Frage des Taltes. Noch gefährlicher seien die Arbeiterfonsumvereine, weil sie den politischen Zwecken der Sozialdemokratie dienstbar seien. Das sind genau dieselben Redensarten, mit denen die rück ständigsten Mittelständler hausieren gehen. Es liegt aber Methode darin. Die Liberalen machen ja das Wettrennen um die Gunst, das heißt um die Stimmen der Mittelständler mit. Dabei muß ihnen alles zum Besten dienen, auch das Schimpfen auf die Konsumvereine. Der liberale Hansabund hat sich ja ebenfalls wiederholt in gleichem Sinne ausgesprochen. Selbst den Beamten fonfumvereinen wird die Berechtigung aberkannt. Beim Stimmen. fang bringt man gern ein Opfer des Intelleftes. über das Genossenschaftswesen in Japan wurden vor furzem im Internationalen Genossenschaftsbulletin folgende Mitteilungen gemacht: Ende 1900 gab es in Japan 21 Genossen schaften auf Grund des neuen Gesetzes, wovon 13 Kreditgenossen schaften waren. Ende Juni 1900 gab es bereits 5149 Genossen schaften, darunter 1864 Kreditgenossenschaften. 194 Genossen< schaften verfolgten alle ihnen durch das Gesetz erlaubten Zwecke. 744 waren reine Produttivgenossenschaften, während der Rest mehrere Betriebe in sich vereinigte. 1903 zählten 571 Genossen schaften 45 131 Mitglieder, 1907 besaßen 1623 Genossenschaften 151123 Mitglieder. Der durchschnittliche Mitgliederbestand ist von 79 im Jahre 1903 auf 93 im Jahre 1907 gestiegen. Das eingezahlte Anteilscheinkapital betrug Ende 1907 für eine Genossenschaft im Durchschnitt 2970 Mt. oder pro Mitglied 31 Mt. Der Reservefonds pro Genossenschaft 600 Mt., pro Mitglied 3 Mr., die Anleihen 4800 Wt. beziehungsweise 50 Mt., die Spareinlagen 8050 Mt. beziehungsweise 31 Mt. Bon den 151 123 Mitgliederu der 1623 Genossenschaften, die 1907 von der Statistik erfaßt wurden, waren 121136 oder 80,2 Prozent in der Landwirtschaft tätig, 10475 oder 6,9 Prozent waren Händler, 4,7 Prozent Handwerker beziehungsweise Industriearbeiter, 3028 oder 2 Prozent Fischer. H. F. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Fortschritte der Dienstbotenorganisation in Halle a. S. Die Dienstbotenorganisation macht hier unerwartet gute Fortschritte. Vor vier Monaten wurde sie ins Leben gerufen und zählt jetzt schon 150 Mitglieder. In dieser Zeit sind nur drei Mitglieder ausgetreten und vier nach auswärts ver zogen. Dieses schöne Ergebnis ist den Genosfinnen zu verdanken, die sich an der schwierigen Organisationsarbeit mit unermüdlichem Eifer beteiligt haben. Unser Verband ist für die Mädchen eine moralische und mate rielle Stüge und erseht ihnen das Elternhaus. Wir stehen ihnen nicht nur in jeder Weise und jeder Zeit mit Ratschlägen zur Seite, sondern wir greifen auch selbst ein, wo es not tut. In der furzen Zeit des Bestehens der Organisation haben wir bereits vier Mäd chen von ihren Quälern befreit und in neue und gute Stellungen gebracht, in denen sie jetzt ihre Arbeit mit Freuden verrichten. In vielen anderen Fällen haben wir energisch die bedrohten Interessen der Mädchen geschützt. Ferner haben wir uns ihre geistige Weiter bildung angelegen sein lassen und ihnen für die Voltsvorstellungen den Bezug der Vorzugskarten vermittelt. 62 Die Gleichheit Unsere Tätigkeit baut sich auf einen bestimmten Plan auf, den wir bis jetzt mit Erfolg durchgeführt haben. Jeden Monat wird eine Versammlung und eine Vergnügung abgehalten. Für jeden Mittwochabend find Arbeitsstunden angesetzt. In diesen In diesen Stunden haben die Mädchen Gelegenheit, ihre Kleider und Wäsche auszubessern. Dabei gehen ihnen zwei Schneiderinnen mit Anleitungen zur Hand. Zugleich liest eine der Teilnehmerinnen aus einem guten Buche oder einer Zeitung vor. In diesen Arbeitsstunden fühlen sich die Mädchen am wohlsten. Die Beteiligung baran ist fast ebenso groß wie bei den Versammlungen. Doch daß die Nebensachen nicht zum Hauptinhalt der Bewegung werden, das für sorgen die monatlichen Versammlungen mit Vorträgen und Diskussion über die soziale und berufliche Lage der Dienst boten. Referate wurden bis jetzt gehalten von den Arbeitersekres tären Kleeis und Güldenberg, den Genossinnen Baar, Wackwitz und der Unterzeichneten. Besonders erfreulich ist, daß sich die Mitglieder rasch und gern daran gewöhnt haben, an der Agitationsarbeit tatkräftig Anteil zu nehmen. So laden wir jetzt zu den Versammlungen öffentlich nur noch bei besonderen Anlässen ein. In allen anderen Fällen besorgen die Mädchen die notwendigen Vorarbeiten selbst, und ihnen zum Lobe sei konstatiert, daß sie sich unaufgefordert zur Flugblatt- und Handzetfelverteilung einfinden. Eine freudige Abwechslung in das an Annehmlichkeiten nicht ge= rade reiche Dienstbotendasein bringen die Vergnügungen, die für die Mitglieder gänzlich kostenlos sind und an denen sich Angehörige anderer Gewertschaften, Gäste und sonstige Freunde der Sache in überraschend großer Zahl zu beteiligen pflegen. Diesem Umstand vor allem verdanken wir es, daß die Vergnügungen stets mit ansehnlichen überschüssen abschlossen, die dann den Bedürfnissen der Agitation nutzbar gemacht wurden. Die bedeutsamste Errungenschaft unserer Arbeit ist aber wohl die Einrichtung eines Sekretariats und die Anstellung einer Beamtin. Diese Beamtin versieht die Stellen vermittlung, die in kurzer Zeit einen großen Aufschwung genommen hat, und erledigt die laufen den Verbandsarbeiten. Dadurch konnten die Genossinnen, die bis jetzt die Hauptarbeit hatten, entlastet werden. Als Sekretärin ist Genossin Klose provisorisch tätig. Für das bevorstehende Winterhalbjahr haben wir ein reichhaltiges und vielseitiges Arbeitsprogramm ins Auge gefaßt. Wir dürfen hoffen, daß der Verband in seiner verheißungsvollen Entwicklung weiter fortschreiten wird. Zum Schlusse möchte ich noch alle politisch organisierten Frauen auffordern, sich der Dienstbotenorganisation mit aller Kraft anzu nehmen, bei jeder Gelegenheit für sie zu werben und vor allem ihre eigenen Töchter, die als Hausangestellte tätig sind, dem Verband zuzuführen. Johanna Rühle. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens. Zur Frauenarbeit in den kaufmännischen Berufen, speziell in den Warenhäusern, belundet die Handelswacht", das Organ des antisemitisch Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, wie bekannt, eine urreaktionäre Haltung. Charakteristisch dafür ist, wie sie vor etlicher Zeit über einen Prozeß berichtete, in dem 34 Angestellte eines Warenhauses in Lübeck sich wegen Massendiebstahls zu verantworten hatten. Das Geschäft war in Konkurs geraten, und das Personal folgte dem Beispiel des Inhabers und schaffte so viel Waren wie möglich auf die Seite. Eine Verkäuferin suchte auf diese Weise ihre Aussteuer zusammenzubringen. Die Verlesung des Verzeichnisses der von ihr gestohlenen Gegenstände dauerte 20 Minuten. Nun ist es gewiß bedauerlich, wenn die Warenhausverkäuferinnen ihre Hungerlöhne durch Diebstahl und Veruntreuungen zu ergänzen suchen, mehr als unbegreiflich sind jedoch die Schlußfolgerungen, welche die Handelswacht" seinerzeit aus dem Vorfall gezogen hat. Sie schreibt wörtlich: Diebstahl, Hehlerei, Betrug, Untreue, das sind die Früchte der Warenhausfultur, die mit ernster Sorge erfüllen müssen. Nicht allein, daß die Verkäuferinnen von der Diebsucht befallen werden, das schlimmste ist, daß nicht selten auch die Angehörigen der Warenhausmädchen mit ins Verderben gerissen werden. Um nur einen Fall anzuführen. So wurden vor nicht langer Zeit in Magdeburg Mutter und Tochter wegen Diebstahl und Hehlerei verurteilt. Die Mutter hatte einer anderen Frau neue Wäsche verkauft, die diese eben benötigte. Die Verkäuferin hatte erklärt:, Die Wäsche besorgt Ihnen meine Tochter billig, die ist in solchem Geschäft und bekommt dort alles zum Einkaufspreis. Das Mädchen aber hatte die Wäsche in dem Geschäft gestohlen, wo es angestellt war. Dieser Vorgang steht leider nicht vereinzelt da, er ist deshalb ein weiterer Beweis für die sittlichen Gefahren, die unserem Volkskörper aus dem HinNr. 4 einstoßen der gegen Versuchungen aller Art weniger gefeiten jungen Mädchen in die kaufmännische Berufsarbeit drohen. Darum leisten alle diejenigen, die an der Arbeit des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes teilnehmen, der fortdauernden Zunahme weiblicher Arbeitskräfte im Handelsgewerbe entgegenzuwirken, unserem Volte einen guten Dienst. Die Versuchungen und Gelegenheiten zu Eigentumsvergehen sind in den weiblichen Berufs arten weniger groß als im Handelsgewerbe. In jenen aber finden arbeitsfrohe junge Mädchen Arbeitsgelegenheit in Hülle und Fülle.(!) Wirken wir darum weiter dahin, die Mädchen in ihre natürlichen Arbeitsgebiete zurückzuführen." Niemand wird leugnen, daß Diebstahl und Unterschlagungen im Handelsgewerbe leider verhältnismäßig häufig sind, und zwar sind es nicht nur schlecht bezahlte Angestellte, die schuldig wer den, sondern auch leitende Persönlichkeiten, mit dem einzigen Unterschied, daß man die kleinen Diebe hängt und die großen laufen läßt. Die Ursache der häufigen Veruntreuungen ist jedoch nicht in einer besonderen Charakterschwäche des weiblichen Geschlechts zu suchen. In erster Linie ist es die miserable Bezahlung der Angestellten, die dafür verantwortlich ist. Gerade unter den am schlechtesten entlohnten Angestellten befinden sich viele junge Mädchen. Wie sollen Verkäuferinnen mit 30, 40, 50 bis 60 Mt. im Monat auskommen, wenn sie nicht einen Rückhalt an der Familie haben? Nicht alle Verkäuferinnen waren so vorsichtig in der Wahl ihrer Angehörigen, daß sie auf Unterstügung von ihnen rechnen fönnen. Von dem, was der Chef an einem Abend ausgibt, soll seine Ver täuferin einen ganzen Monat lang essen, wohnen und sich kleiden. Unter solchen Verhältnissen sich durchzubringen, ohne aufzuhören anständig zu sein, dazu gehört eine bewundernswerte Energie und ein Verzicht auf die Befriedigung der dringendsten Lebensbedürfnisse. Sicherlich sind auch viele Fabritarbeiterinnen im allgemeinen nicht besser daran, und trotzdem sind unter ihnen die Unterschlagungen nicht häufig. Aus einem naheliegenden Grunde: In wenigen Be rufen ist die Gelegenheit zu Veruntreuungen so groß wie im Handelsgewerbe und besonders in den Warenhäusern, in wenigen auch stellt der Beruf die Anforderungen an den Schein einer gewissen äußeren Eleganz wie dort. Wenn es nach der„ Handelswacht" ginge, so müßte die weibliche Jugend durch eine Radikalfur vor den Versuchungen der Berufsarbeit in den Warenhäusern geschützt werden. Das Blatt möchte die Frauen überhaupt aus dem Handelsgewerbe verdrängen, anstatt daß sie die Beseitigung vorliegender Gefahren durch menschenwürdige Gehälter fordert. Das Mittel wäre ebenso probat als einfach, besonders wenn es wirklich andere Berufe gäbe, in denen junge Mädchen gutgelohnte Arbeit in Hülle und Fülle" fänden. Da solche Arbeitsgebiete aber nur in der frausen Phantasie der Handelswacht" existieren, bleibt den jungen Mädchen, die sich ihrer liebevollen Sorge erfreuen, wohl fein anderer Ausweg, als redlich und ehrlich zu verhungern. Übrigens find Veruntreuungen weiblicher Angestellter verhältnismäßig nicht häufiger als die Verfehlungen von Männern. Darum will es nicht recht einleuchten, warum sich die„ Handelswacht" be= sonders über die Sittlichkeit und Zukunft der Verkäuferinnen in Warenhäusern fürsorglich aufregt. Offenbar soll der logische Fehlschluß, der ihren moralischen Angsten zugrunde liegt, das Bestreben stützen, die Frauenarbeit aus dem Handelsgewerbe zu verdrängen. Nicht darauf kommt es dem Blatte an, das weibliche Geschlecht vor den Gefahren einschlägiger Berufsarbeit zu bewahren, sondern das männliche von einer lästigen Konkurrenz zu befreien. Wie den Versuchungen des Berufs, so kann auch den schädigenden Begleiterscheinungen einer Konkurrenz, welche die kapitalistische Ordnung zur Schmußkonkurrenz werden läßt, nur durch ein Mittel entgegengewirkt werden: durch die gemeinsame Organisation der im Handelsgewerbe Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechts, eine Drganisation, welche den gemeinsamen Feind bekämpft: die Ausbeutung und dadurch bessere Verhältnisse im Beruf schafft. Gine solche Organisation ist der Zentralverband der deutschen Handlungsgehilfen und gehilfinnen. Die proletarischen Eltern, deren Söhne und Töchter im Handelsgewerbe tätig sind, haben die Pflicht, ihre Kinder darüber aufzuklären und dafür zu sorgen, daß sich diese ihrer Gewerkschaft wie auch der sozialdemo R. F. kratischen Partei anschließen. Soziale Gesetzgebung. Kuiffe der Stellenvermittler zur Umgehung des neuen Reichsstellenvermittlungsgesetzes. Hamburg besitzt noch immer feinen allgemeinen städtischen Arbeitsnachweis auf paritätischer Grundlage. Ersatz hierfür sollen die gemeinnützigen Arbeitsnachweise der Patriotischen Gesellschaft, die Arbeitsnachweisungs Nr. 4 Die Gleichheit anstalt von 1848 und die Stellenvermittlung des Hamburger Hausfrauenvereins bieten, Einrichtungen, die zum Teil staat lichen Zuschuß erhalten. Diese einen streng bureaukratischen Geist atmenden Institutionen genügen den billigen Ansprüchen der Arbeit nehmer auf Selbstbestimmung über ihre Arbeitskraft nicht. Daher blühen neben ihnen zahllose, meist sehr einträgliche Bureaus privater Stellenvermittler, die im Städtekompley ihr oft recht dunkles Handwerk treiben. Natürlich auf Kosten der Arbeitsuchenden, denen scheinbar die freie Wahl über die angebotenen Arbeitsstellen gelassen wird. Das neue Reichsstellenvermittlungsgesez, das am 4. Mai d. J. im Reichstag angenommen wurde und seit 1. Oktober in Kraft ist, hat die Hoffnung nicht erfüllt, daß endlich mit dem unerhörten Schmarogertum der privaten Stellenvermittlung gründ lich aufgeräumt und überall im Reiche paritätische Arbeits nachweise eingeführt werden würden. Als es sich um die Schaffung dieses Gesetzes handelte, wurde von bürgerlicher Seite behauptet, daß eine Schädigung des Mittelstandes eintreten müsse, wenn die Fortexistenz privater Stellenvermittler unmöglich sei. Es wurde für diese von Rechts wegen(?) Entschädigung gefordert. Mehr noch aber als die Sorge um den Mittelstand" lag einflußreichen Kreisen die Rücksicht auf das Interesse der großen Kapitalisten am Herzen. Eine wirklich zeitgemäße Reform der Stellenvermittlung hätte die Arbeitsnachweise der Herren Unternehmer zurückgedrängt und damit zu einer Schmälerung des Rechts geführt,„ Herr im Hause" zu bleiben. Dazu kam die Furcht, die Gewerkschaften könnten durch die paritätischen Arbeitsnachweise an Ausdehnung und Stoß fraft gewinnen. So wirkte mancherlei zusammen, daß die bürger lichen Parteien mit der privaten Stellenvermittlung nicht gründlich aufräumten, wie die Sozialdemokratie forderte. Das Gesetz, das endlich zustande kam, war weniger als halbe Arbeit, wenngleich es gemessen an dem alten Stand der Dinge einen Fortschritt bedeutet. Für die Arbeitnehmer aller Art heißt es jetzt auf dem Posten sein, um aus diesem Stückwerk einer Sozialreform die größtmög. lichen Vorteile herauszuholen. Das gilt besonders für Orte, wo bereits ein öffentlicher gemeinnütziger Arbeitsnachweis besteht. Da nach den neuen Verordnungen an solchen Orten tein Bedürf nis für private Stellenvermittlung vorhanden ist, so wird dort auch keine Konzession für neue Arbeitsnachweise erteilt. In dieser Bestimmung tritt die Absicht zutage, dem privaten Ver mittlungswesen allmählich zu steuern und das Augenmerk der Arbeit suchenden auf die gemeinnüzigen respektive paritätischen Arbeitsnachweise zu lenfen. Nach dem neuen Gesetz soll sowohl die Bedürfnisfrage als auch die Höhe der Gebührentage von den Behörden geregelt werden. Es fragt sich aber, ob diese die lettere Frage objektiv, das heißt unbeeinflußt von reaktionären Elementen lösen können. Die Stellenvermittler haben es von jeher verstanden, nach dem Grundsatz zu handeln: Gesetze sind Preisaufgaben für Wortjongleure! Sie sind daher eifrig am Werke, um ihren Inter essen diese Befugnis der Behörden nutzbar zu machen und so ihr gefährdetes Profitschifflein glücklich an den Klippen und Riffen des neuen Stellenvermittlungsgesetzes vorbei in den Hafen eines ruhigen Wohlstandes zu bugsieren. Dafür ein Beispiel. Die Kölner Stellen vermittler haben eine Liste von nicht weniger als 73 verschiedenen Berufsgruppen mit verschiedenen Vermittlungstagen aufgestellt. Je länger diese Liste ist, um so schwieriger find die Grenzen zwischen Höchst und Mindesttare zu ziehen. Mit der untlaren Bezeichnung der einzelnen Berufsgruppen wächst außerdem die Möglichkeit, die Arbeitsuchenden durch die Vermittlungstare zu übervorteilen. Die Hamburger Stellenvermittler haben ein noch raffinier teres System ausgeklügelt, um die Behörden zu täuschen und die Stellensuchenden zu schröpfen. Das Gesetz schreibt vor, daß die Vermittlungsgebühren je zur Hälfte vom Arbeitgeber und Arbeit nehmer getragen werden müssen, stellt aber den Vermittlern frei, auf die Hälfte der Entschädigung zu verzichten. Dieser letztere Passus sollte nun von den Hamburger Vermittlern ausgenügt werden. Sie, wollten den Arbeitgebern ihre Hälfte der von ihnen auf das Doppelte erhöhten Tage erlassen, um die Herren von der Benuzung der unentgeltlichen, gemeinnützigen Arbeitsnach weise abzuhalten. Durch dieses schamlose Manöver würden alle Gebühren den Stellensuchenden allein auferlegt worden sein, obgleich sie gerechterweise und nach dem Willen des Gesetzgebers als die wirtschaftlich Schwächeren davon befreit sein sollten. Dieser Kniff der Vermittler erscheint um so gewissenloser, wenn man bedenkt, daß bisher in Hamburg die Landarbeiter und die Dienstmädchen feine Vermittlungsgebühren gezahlt haben. Um ein Geringes haben nun zwar die Herren Stellenvermittler ihren sauberen Plan forri gieren müssen. Sie haben nicht immer die doppelte Höhe der bis63 herigen Vermittlungstare durchdrücken können, doch haben ihre ein gereichten Tarifftalen der maßgebenden Behörde als Unterlage bei der Festsetzung der Gebührensätze für gewerbsmäßige Stellen vermittler gedient, ohne daß man dem Wortlaut des Gesetzes gerecht geworden wäre, bei Regelung der Gebühren auch die Arbeitnehmer zu hören. Diese Nichtachtung ihrer gesetzlichen Rechte fordert die Hamburger Arbeitnehmer um so energischer zur Opposition heraus, als nach dem§ 17 der Senatsverordnung über den Geschäftsbetrieb der Stellenvermittler vom 28. Sep= tember 1910( Amtsblatt S. 387) nach Anhörung von Vertretern der Stellenvermittler, der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer die Gesamt- und Maximaltagen für die den gewerbsmäßigen Stellen vermittlern zukommenden Gebühren festgesetzt worden sind.(?) Trotz der geradezu jämmerlichen Lohnverhältnisse der Landarbeiter und Dienstboten werden nun auch sie zu diesen Abgaben herangezogen. Zwar hätten sie es, wie teine andere Arbeiter kategorie, in der Hand, ihren Vampiren, den Stellenvermittlern, die Rechnung zu durchkreuzen. Sie brauchten nur die Gunst auszunutzen, die in dem steten Mangel an Landarbeitern und Diensts boten liegt, und müßten die privaten Stellenvermittler meiden. Solange es noch teinen paritätischen Arbeitsnachweis in Hamburg gibt, sollten die Landarbeiter nur den gemeinnützigen Stellennachweis der Patriotischen Gesellschaft aufsuchen und die Dienstmädchen einzig und alleinden Stellennachweisihrer Gewerkschaft, des Hausangestelltenverbandes. Ebenso. dringend wäre es, daß die Bäcker, Schlächter und ganz besonders die in den Gastwirtsbetrieben beschäftigten Personen den unentgeltlichen Arbeitsnachweis ihrer Gewerkschaften benutten. Doch nicht nur die genannten Kategorien von Ausgebeuteten, die gesamte Hamburger Arbeiterschaft hat ein Interesse daran, den beabsichtigten Ausplünderungstrick strupelloser Vermittler illusorisch zu machen. Sie muß deshalb nach Möglichkeit die Stellennach weise der Gewerkschaften ausbauen helfen und immer und immer wieder durch ihre Vertreter in der Bürgerschaft auf die Er richtung allgemeiner, paritätischer Arbeitsnachweise dringen. e. g. Landarbeiterfrage. Ueber die wachsende Verwendung der Frauenarbeit in der Landwirtschaft entnehmen wir den Berufs- und Gewerbezählungen folgende Aufstellungen: Es gab in der Landwirtschaft: Männlich Weiblich • • Männlich Weiblich Selbständige: 1882 2010865 277 168 Summa 2288 033 1895 2221826 346 899 2568725 Angestellte: 1882 60763 1907 2172740 328 234 2500974 1895 1907 78066 82548 5881 18107 16264 Summa 66 644 96173 98812 Arbeiter: 1895 8239 646 1907 3028983 2388 148 4254488 5627 794 7283471 Männlich Weiblich . 1882 B629 959 2251860 Summa 5881819 Aus diesen Zahlen ist einerseits zu ersehen, daß die Zahl der Selbständigen abgenommen hat, eine Abnahme, die noch schärfer hervortritt, wenn man sie der Bevölkerungszunahme gegenüberstellt. Die Zahl der Angestellten und Arbeiter in der Landwirts schaft ist dagegen gestiegen. Die beiden Vorgänge lassen erkennen, daß trop der noch vorhandenen vielen bäuerlichen Kleinbetriebe die Großbetriebe sich vermehrt und entwickelt haben. Daß die Statistik teine größere Abnahme der selbständigen Landwirte vers zeichnet, ist zum Teil mit darauf zurückzuführen, daß bei der letzten Zählung der Begriff des selbständigen Landwirtes außerordentlich weit gefaßt worden ist. Die Statistit ergibt auch einen bedenk lichen Rückgang der männlichen und eine Zunahme der weiblichen Arbeitskraft in der Landwirtschaft. Die betreffende Entwicklung wird durch folgende Tabelle noch klarer gezeigt. Von je 100 länd lichen Arbeitern waren Männlich. Weiblich. 1882 ... 61,71 . • 38,29 1895 57,57 43,43 1907 41,59 58,41 Der Umschwung erklärt sich daraus, daß dank der erbärmlichen Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft die männliche Bevölke 64 Die Gleichheit rung, wenn sie sich irgend freimachen kann, sich der Industriearbeit zuwendet, die verhältnismäßig günstige Lebensverhältnisse ermöglicht. An die Stelle der Männer, die von der Scholle flüchteten, traten die Frauen. Sie wurden um so mehr zur eigentlichen landwirtschaftlichen Arbeit gedrängt, als ihnen das Aufkommen der modernen Großindustrie und des Großhandels die meisten der früheren hausgewerblichen Arbeiten des bäuerlichen Haushaltes entzogen hat. Daß die Ersetzung der Männerarbeit durch Frauenarbeit keinen günstigen Einfluß auf die Lebensverhältnisse der Landarbeiter haben konnte, ist klar. Das um so mehr, als gerade die vorwärtsdrängenden Elemente nach den Städten ausgewandert sind. Diese und andere Gründe noch, so die Zersplitterung und ländliche Abgeschlossenheit, sind von Einfluß darauf, daß die werktätige Bevölkerung auf dem Lande der Agitation schwerer zugänglich ist als das industrielle Proletariat. Freilich sorgt die Politik der herrschenden Klassen dafür, daß auch auf dem Lande der Boden immer mehr für die sozialistische Ideensaat gelockert wird. Frauenstimmrecht. g. b. Stimmrecht und Wählbarkeit zu öffentlichen Aemtern gewährt den Frauen im Kanton Zürich ein Zusatz zur Staatsverfassung, der vor kurzem vom Kantonsrat in zweiter Lesung einstimmig angenommen wurde. Ein Jsländischer und ein Dänischer Frauenstimmrechts: verband sind dem Weltbund für Frauenstimmrecht beigetreten, der bekanntlich die Forderung des allgemeinen Wahlrechts nicht erhebt und seit seinem letzten Kongreß in London nur noch solche Organisationen aufnimmt, die sich damit begnügen, das Wahlrecht für Frauen unter den gleichen Bedingungen zu fordern, unter denen es die Männer besitzen. Der nächste bürgerliche Internationale Frauenstimmrechtskongreß findet 1911 in Stockholm vom 12. bis 17. Juni statt. Verschiedenes. Das Spinnrad als modernes Kulturwerkzeug. Wer hat das Spinnen erdacht? Die Sagen der alten Kulturvölker schrieben es dem Erfindungstalent hoher und allerhöchster Wesen zu. Die Ägypter ihrer angebeteten Jfis, die Hellenen der göttlichen Athene, die Chinesen einer irdischen Majestät, der Kaiserin Jao. Die Spinnwerkzeuge Spindel und Kunkel- waren demnach auf alle Fälle Instrumente des Himmels. Trotzdem waren sie Jahrtausende recht unvollkommen geblieben, bis um das Jahr 1530 der brauns schweigische Bildschniger Jürgen in Watenbüttel das hölzerne, schnurrende Maschinchen des Spinnrads schuf, das den meisten unserer Leserinnen nur aus den Museen bekannt sein mag. Schon in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts begann die Erfindung der mechanischen Spinnerei mit ihren genialen Ma schinen, die keine Gottesgnadenintelligenz ausdachte, und die dem poetischen Flachsspinnen der alten germanischen Häuslichkeit mit seinen romantischen Lichtgängen verliebter Bauernjugend den Untergang verhieß. In unseren Zeiten der kapitalistischen Großproduktion mit ihren Wunderwerken von Spinnmaschinen, die von den schlechtest gelohnten Proletarierinnen bedient werden, fristet das poetische Rädchen mit dem Kunkelstock und der Spule nur noch ein platonisches Dasein in der Gerümpelkammer des Bauernhofs. oder unter den Requisiten eines Stadttheaters. Wenn Goethes verliebtes Gretchen nicht hier und da wieder einmal spänne und flüsterte: Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer", viele Tausende der Stadtbewohner hätten keine Ahnung von der vielbesungenen Schöns heit eines Spinnrädchens. Es ist nicht etwa die Sehnsucht nach der Wiederkehr der alten Romantit, sondern das Bestreben eines gottesgnädigen Sozial reformertums, wenn im zwanzigsten Jahrhundert aristokratische Wichtigtuerei das altertümliche Schnurrädchen wieder eine Auferstehung feiern lassen will. Ein Dorado für diese geniale Sozial reform ist das Musterland Baden, wo Zeit mit Agitationen für die Wiederbelebung des Spinnradbetriebs vergeudet wird. Daß dies mit obrigkeitlicher Protektion geschieht, ist kein Grund dafür, das heiße Mühen für tugendsamen Spinnstubenbetrieb als eine nationalökonomische Klugheit zu lobpreisen. An der Spitze der Propaganda für diese Bewegung steht die badische Großherzogin Witwe, die Tochter Wilhelms I., die auch durch die Prämiierung des Beharrungsvermögens der Dienstboten auf dem Gebiet des sozialpolitischen Samariterdienstes für die notleidende Bourgeoisie unseren Leserinnen bekannt ist. Mit einer lächerlichen Aufdringlichkeit wendet die offiziöse Sozialpolitik ihre Aufmerksamkeit einer Wiederbelebung des Spinnradbetriebs zu. Es lassen sich die hohen Herrschaften wie trauliche Spinnen Nr. 4 zum Volfe herab, um zu sorgen, daß man allüberall spinne. Aber König Ringans Töchterlein, Schön- Rotraut, trieb Besseres den ganzen Tag,„ dieweil sie nicht spinnen und nähen mag". So lesen wir in der bürgerlichen Presse Badens aus dem Schwarzwald:„ Von der Fürstin zu Fürstenberg wird in einem Schreiben an den Wunsch der Großherzogin Luise erinnert, es sollen in den Ges meinden Spinnkurse abgehalten und so die frühere heimische Beschäftigung wieder gepflegt werden. Auf diese Anregung hin wurden in verschiedenen Gemeinden Rädchen von der Bühne heruntergeholt, um sie für die bevorstehenden Kurse richten zu lassen. Mit dem Schlusse der Kurse wird im Frühjahr ein Spinnfest in Donaueschingen veranstaltet, bei welchem Preise zur Verteilung fommen." Solche Spinnfeste wurden in den letzten Jahren schon in vielen Dörfern des Landes abgehalten. Sie kommen in ihrer Wirkung auf eine hurrapatriotische Variante fürstlicher sozialpolitischer Quacks falbereien hinaus, wobei jedesmal die Unentbehrlichkeit dieser gottes gnädigen Volkswirtschafterinnen für die Förderung des so herrlich wachsenden Volkswohlstandes mit Sang und Klang gefeiert werden muß. Ein Orden belohnt die eifrigen Beamten. In der Wirtlichkeit verschwinden die Bauernhöfe immer mehr und gehen in den Privatbesitz des Fürstenbergers ein, der ganze Gemeinden verschlingt. Auch andere adelige Nimmersatte enteignen die stroh dachbeschützten Bauernhütten, in denen dereinst die Spinnrädchen schöner Wälderinnen surrten. Die Bauerndirnen gehen in die Fabriken und weben an der sausenden Maschine das Garn und ihr eigenes Leichentuch. Mit Hungerlöhnen fertigen sie so billiges, so herrliches Getuch, daß selbst ein badischer Hofrat erkennen muß: der heutigen kapitalistisch- großindustriellen Produktion gegenüber ist die Errichtung altfränkischer Spinnstuben eine voltswirtschaftliche- Schnurre. Vielleicht gefällt dem Herrn Hofrat trog dem die eine, unbestrittene Wirkung des monotonen Spinnradbetriebes in der langen, langen Winterszeit: diese Beschäftigung tötet den Geist, hindert das aufkeimende Mädchenvölklein am Denken und Erwachen. Ein großer Vorzug!? Soeben ist erschienen: Berichte an die Zweite Internationale Konferenz Sozialistischer Frauen zu Kopenhagen am 26. und 27. August 1910 Herausgegeben von Klara Zetkin. Preis 30 Pfennig. Einzeleremplare 10 Pfennig mehr für Porto. Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Expedition der Gleichheit. Zur Versendung liegen bereit: Einbanddecken zur Gleichheit Jahrgang 1909/1910. in einfacher, aber guter Ausstattung. a. Die Decke in 4° für das Hauptblatt und die Beilage Für unsere Mütter und Hausfrauen. b. Die Decke in 8° für die Kinderbeilage. Preis zusammen 1 Mark. Bei Einzelbestellungen 30 Pfennig mehr für Porto. Titelblatt und Inhaltsverzeichnis werden den Decken gratis beigegeben. Es empfiehlt sich, die Bestellungen bald an den Verlag gelangen zu lassen. Die organisierten Genosfinnen sollten dafür sorgen, daß die Neuerung in den weitesten Lesertreisen bekannt wird. Auch Decken des Jahrgangs 1908/1909 find noch vorrätig. Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Expedition der Gleichheit. mg. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshobe, Post Degerloch) bet Stuttgart. Druck und Berlag von Paul Singer in Stuttgart.