Nr. 8 21. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Stuttgart 16. Januar 1911 Zuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Emma Jhrer+ Kurz ehe daß diese Nummer in Druck geht, trifft uns eine tief schmerzliche Kunde: Genossin Emma Ihrer ist am 9. Januar aus unseren Reihen gerissen worden. Wohl wußten wir, daß seit langen Wochen ein tückisches, gefahrbrohendes Leiden an ihrer Kraft zehrte, aber trotzdem hatten wir nach der vor wenigen Tagen erhaltenen Nachricht gehofft, daß der starke, arbeitsfrohe Lebenswille dieser Unermüdlichen wie so manches Mal schon den Feind zwingen werde. Wir hofften es, weil wir es wünschten aus dem Bewußtsein heraus, wie nötig und wertvoll Genossin Ihrers Wirken für die proletarische Frauenbewegung in ihrer Gesamtheit sei, welch reiche Förderung diese noch von der erprobten Vorfämpferin zu erwarten habe. Nun ist alles Wünschen und Hoffen zu Ende, der Tod hält seine Beute, Emma Jhrer ist nicht mehr. Mit der schmerzlichsten Bewegung schreiben wir diese Worte nieder, die ebenso der langjährigen Freundin gilt wie der rastlosen Kampfgenossin, der glänzenden Agitatorin und Organisatorin, der anregenden Beraterin unserer Frauenbewegung und einer ihrer verdienstvollsten Begründerinnen. In der Tat würde man Genossin Ihrers Bedeutung bei weitem nicht gerecht werden, wollte man sie lediglich nach dem beurteilen so viel es auch ist, was von ihrem Wirken in den Jahren nach außen getreten ist, wo die proletarische Frauenbewegung immer straffer zusammengefaßt, immer einheitlicher der gesamten politischen und gewerkschaftlichen Organisation des Proletariats eingegliedert von Fortschritt zu Fortschritt eilt. Den richtigen Maßstab dafür gibt nur die genaue Kenntnis der Geschichte unserer Bewegung, die in ihrem Werden und Wachsen aufs innigfte mit Genossin Jhrers Tätigkeit verbunden ist. Wegweisend, aufbauend begegnen wir ihr schon an der Schwelle der Versuche, die proletarischen Frauen zum Bewußtsein der sie belastenden sozialen Doppelstlaverei zu erwecken und als Mitstreiterinnen im Befreiungskampf ihrer Klasse zu sammeln und zu erziehen. An der Schwelle der Versuche, das besagt unter allen den Schwierigkeiten, mit denen die Anfänge sozialer Strömungen fast allgemein zu kämpfen haben, unter Schwierigkeiten, die in diesem Falle noch durch die Härten des Sozialistengesetzes verzehnfacht und ver hundertfacht wurden, das altersgraue Vorurteil gegen den Lebensinhalt, die Betätigung des weiblichen Geschlechts nicht zu vergessen. Während Genossin Ihrer mit unvergleichlicher Tatkraft und Opferwilligkeit bemüht war, die Proletarierinnen zu erwecken und zum Kampfe gegen die kapitalistische Ordnung zu führen, fiel ihr nur zu oft noch dieses Vorurteil hindernd in den Arm. Obgleich sich die sozialistische Arbeiterbewegung von ihrem Ursprung an in der Theorie zu voller Gleichberechtigung der Geschlechter bekannte, so setzte sich doch erklärlich genug nicht bloß innerhalb der proletarischen Massen, sondern auch in ihrer kämpfenden Vorhut die Praxis des Grundsatzes nur allmählich und nicht ohne Reibungen durch. Wir behalten uns eine eingehende Darstellung des inhaltsreichen Lebenswerks unserer Genossin in jenen ersten Entwicklungsstadien der proletarischen Frauenbewegung und später noch vor. In dieser Stunde und im Rahmen dieser Zeilen läßt es sich auch nicht einmal unvollständig andeuten. Denn wir wüßten keine Art des Frauenelends, für das Emma Jhrer nicht mit scharfem Blick und mitfühlendem Herzen Linderung durch soziale Reformen geheischt hätte, kein dem weiblichen Geschlecht zugefügtes soziales Unrecht, dem sie nicht im Namen der Gerechtigkeit kämpfend entgegengetreten wäre. So gibt es auch kein Gebiet innerhalb der einen großen klassenbewußten Arbeiterbewegung, dem sie nicht in freudiger und fluger Arbeit ihre Kraft gewidmet hätte. Genossin Ihrer zählte zu den allerersten, welche die Tragweite der gemeinsamen gewerkschaftlichen Organisierung und Schulung der Arbeiterschaft aller Berufe ohne Unterschied des Geschlechts erkannte. Wenn die deutschen Gewerkschaften rasch und konsequent darangegangen sind, die Arbeiterinnen als gleichberechtigte und gleichverpflichtete Mitglieder aufzunehmen, so ist das nicht zum geringsten dem ganz persönlichen Verdienst der unablässigen Aufklärungsarbeit unserer Genossin. unter den Arbeiterinnen wie in den Organisationen zu danken. Zahllose fruchtbare Anregungen sind von ihr ausgegangen, die Werbekraft der Gewerkschaften auf das weibliche Proletariat zu steigern, die Mitarbeit der weiblichen Mitglieder zu erleichtern und zu vertiefen, die neugewonnenen Anhängerinnen aus zahlenden zu verstehenden, tätigen Gewerkschafterinnen zu erziehen. Die Gründung des Arbeiterinnensekretariats der Gewert schaften, die Einrichtung gewertschaftlicher Unterrichtskurse für Frauen und vieles andere noch darf in großem Umfange als ihr Werk angesprochen werden. Gleicherweise hat sie von Anfang an beratend, agitierend, sammelnd das Ihrige zur Entwicklung der politischen Organisationen der Proletarierinnen beigetragen. Von den Frauenvereinen unter dem Sozialistengesetz abgesehen, die sie, von den Behörden gehetzt und bestraft, heute zusammenbrechen sah, um sie morgen mit zäher Energie und frischem 114 Die Gleichheit Mute von neuem aufzubauen, half sie zuerst das System der Vertrauenspersonen schaffen und durchführen, dann unter gewandelten Verhältnissen die Genossinnen organisatorisch der Partei eingliedern, aber auch jederzeit ihre Rechte als Gleich verpflichtete wahren. Mit dem Frauenbureau entstand eine von ihr wieder und wieder dringlich gewünschte Institution. Schon auf dem Parteitag zu Halle vertrat sie eifrig und mit Erfolg die Auffassung, daß ein eigenes Organ für die Aufklärung und Schulung der proletarischen Frauen gegründet werden müsse. Sie war die Begründerin und Herausgeberin der ersten sozialdemokratischen Frauenzeitung in Deutschland:„ Die Arbeiterin" -Die Staatsbürgerin" von Frau Guillaume- Schack konnte fich unter dem Ausnahmegesetz nicht offen als solche geben-, und hat dieses treffliche Agitationsblatt unter großen persönlichen Opfern geleitet, bis es durch die„ Gleichheit" abgelöst wurde. Die Entwicklung der Frauenbildungsvereine, die Vorläufer unserer heutigen Lese- und Diskussionsabende, ist in tatkräftigster Weise von Genossin Jhrers Wirken beeinflußt worden; nicht wenige dieser Organisationen wurden dank ihrer Initiative gegründet und waren stets der Aufmunterung und des Rats von ihrer Seite sicher. Der genossenschaftlichen Bewegung hat fie von Anfang an verständnisvolle Sympathie und Förderung zugewendet. Sie hat eifrigen Anteil genommen an den Bes strebungen, die sozialistischen Frauen der verschiedenen Länder in enge und regelmäßige Verbindung miteinander zu bringen, die internationalen Frauenkonferenzen immer mehr diesem Ziele und damit dem proletarischen Befreiungskampf dienstbar zu machen. Kurz, welch Blatt auch immer aus der Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung wir aufschlagen: es meldet in unverwischbaren Zügen von Emma Jhrers hingebungsvoller Tätigkeit. Ihre glänzende praktische Begabung befähigte unsere Genossin, die Lösung der verschiedensten Aufgaben zu fördern, mit flarem Blick das praktisch Zweckmäßige zu erfassen, mit geduldiger Hartnäckigkeit an seiner Durchführung zu arbeiten. Jdealer Sinn aber im Bunde mit der sozialistischen Erkenntnis ließ diese Vorzüge im Dienste dieser höchsten Menschheitsziele wirksam werden. Unter den hervorragend tätigen Genossinnen in der Partei, vor allem aber in den Gewerkschaften, sind nicht wenige, die wir als ihre Schülerinnen betrachten dürfen, und unter den Führenden unserer Frauenbewegung ist keine einzige, die ihr nicht über das Grab hinaus für Anregung und freund lichen Rat verpflichtet wäre. Wer zählt die Proletarierinnen und Proletarier, die Genossin Ihrer als nimmer rastende Inhaltsverzeichnis. Emma Jhrer+-Die Beschlüsse der Reichsversicherungsordnungskommission in der ersten Lesung: 3. Ein Attentat auf die wichtigsten Rechte der Arbeiter. Bon gh. Folgen der Ehescheidung. I. Von Ernst Oberholzer. Das Der Textilarbeiterverband im Jahre 1910. Von H. Jäckel. Frauenstimmrecht. Von Otto Lang. Eine Dienstmädchen bewegung in Wien. Von a. p. Bericht der Kinderschutz Aus der Bewegung: Sozialistischer Frauentag.. fommission von Altona. Von W. Schönfeld. Aus Pforzheim. Von st. Von der Agitation. Von den Organisationen. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau.- Die Tarifbewegung in der Holzindustrie. Von f. k.- 3weite Konferenz der organisierten Textilarbeiterinnen des Gaues Süd. Bon t. ch. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Kinderarbeit. Fürsorge für Mutter und Kind. Frauenstimmrecht. -Frauenbewegung. Die Beschlüsse der ReichsversicherungsNr. 8 Evangelistin des Sozialismus zu einem höheren Leben erweckt, die sie in der Nacht und Not ihrer proletarischen Existenz mit Trost, glühender Zukunftsfreude und leidenschaftlicher Kampfbegier erfüllt hat? Ihre echte, ungefünftelte Beredsamkeit, die nicht nachahmte, nicht blenden, vielmehr überzeugen wollte, erwärmte die Herzen und erleuchtete die Köpfe. So war sie in ihrer Wirkung unwiderstehlich. Die unversöhnliche Hafserin jedes Vorurteils, die rücksichtslose Verfechterin der vollen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, die unerschrockene Kämpferin gegen alle knechtenden und büttelnden Gewalten war ein grundgütiges Weib, eine durch und durch mütterliche Natur. Das Leben hat Emma Ihrer seine Bitternisse wahrlich nicht erspart, sie haben den Reichtum ihres Empfindens nicht verdorren machen. Mit offenem Herz und offener Hand ging sie unbeirrt durch Enttäuschungen ihre Straße, sie vernahm die kaum gemurmelten Seufzer seelischer Ängste und sah die heimlich geweinten Tränen der stillen leiblichen Not. Und sie half, half, wo immer ein Leid ihre Wege kreuzte, und oft weit über ihre Kräfte hinaus. Aus der Tiefe ihres mitfühlenden Herzens war ihr als junger Frau die starke Kraft gekommen, den Kampf gegen ungerechtigkeit und Knechtschaft in jeder Gestalt aufzunehmen und dabei feine Gefahr zu fürchten, kein Opfer zu scheuen. Eifriges Stu dium hat dann die gefühlsmäßig erfaßte sozialistische Erkenntnis vertieft und befestigt, heilige Herzenssache ist ihr jedoch der Dienst ihres Ideals jederzeit geblieben. So steht sie in unserer Erinnerung, ein schönes Beispiel, daß die Frau in aufopfernder Weise die höchsten Bürgertugenden betätigen und in dem sozialen Schlachtgetümmel dieser eisengepanzerten Zeit ganz Kämpferin sein kann, ohne aufzuhören Weib zu sein. So hält unverlöschliche Dankbarkeit sie uns lebendig im Gedenken alles dessen, was sie uns gewesen ist, was sie der Frauenbewegung, der um Brot und Freiheit ringenden Arbeiterklasse gegeben hat: eine Führerin, die mehr als Gefolgschaft, die Nachahmung verdient. Das kämpfende Proletariat hat denen, die in der Zeiten Sturmgebraus seine siegreichen Fahnen voraustragen, seine Ehren und seine Liebe zu schenken. Es schuldet Emma Jhrer beides über den Augenblick hinaus, wo im ewigen Wechselspiel des natürlichen Seins die Welle sie verschlingt, die sie einst hob. Der stolze gesellschaftliche Bau, in dem eine befreite Menschheit wohnen wird, ist ein Denkmal, dauernder als Erz, das auch Emma Jhrers Wirken fündet. die Krankenkassen für die Krankenversicherung, die Berufsgenossenschaften für die Unfallversicherung und die Versicherungsanstalten für die Invalidenversicherung; lettere sollen auch zur Durchführung der Hinterbliebenenversicherung verwendet werden. In den Ortskrankenkassen, der wichtigsten Gruppe der Krankenkassen, üben die Arbeiter den maßgebenden Einfluß aus; sie stellen zwei Drittel der Mitglieder für die Generalversammlung und den Vorstand der Kasse, während die Unternehmer nur ein Drittel der Mitglieder entsenden. Die Berufsgenossenschaften unterstehen der Alleinherrschaft der Unternehmer, die Arbeiter sind von der Leitung der Berufsgenossenschaft ganz ausgeschlossen. In den Versicherungsanstalten endlich führen die Beamten das Wort, die von dem weiteren Kommunalverband oder dem Staate mit dieser Stellung betraut worden sind; ihnen stehen zwar Vertreter der Arbeiter und Unternehmer in gleicher Anzahl zur Seite, jedoch haben diese Vertreter tatsächlich nur sehr wenig mitzureden. In der ersten Zeit nach dem Erlaß der Krankenversiche ordnungskommiſſion in der ersten Lesung. rungsgesetze erſchien den Unternehmern die Selbstverwaltung 3. Ein Attentat auf die wichtigsten Rechte der Arbeiter. gh. Den heftigsten Kampf haben unsere Genossen im Reichs tag bei der Reform der Arbeiterversicherung um die Träger der Versicherung" zu führen. Unter den„ Trägern der Versicherung" werden in dem Entwurf der Reichsversicherungsordnung die Körperschaften verstanden, die zur Durchführung der Versicherung geschaffen worden sind. Bekanntlich haben wir der Arbeiter in den Ortskrankenkassen nicht bedenklich. Die aufgeklärten Arbeiter waren meistens in den freien Hilfskaffen. Daher konnten die Unternehmer durch einige wenige„ ihrer" Leute, Werkmeister und„ gutgesinnte" Arbeiter, solche Arbeitervertreter für die Generalversammlung und den Vorstand der Ortskrankenkasse wählen lassen, die genau so tanzten, wie ihre Herren pfiffen. Mit der Zeit aber trat hier eine vollständige Umwälzung ein. Immer mehr aufgeklärte Arbeiter wurden in Nr. 8 Die Gleichheit den Ortskrankenkassen Mitglieder, nahmen Anteil an der Tätig feit ihrer Kasse und drangen in die Leitung der Kasse ein. Die Folge davon war, daß diese Ortsfrankenkassen immer besser den Bedürfnissen der Arbeiter angepaßt wurden, immer mehr den Interessen der Arbeiter dienten, eine immer segensreichere Tätigkeit entfalteten. Das erregte bei den Scharfmachern unter den Industriellen böses Blut: wo bleibt fragten entrüstet die Herren- die Autorität der Unternehmer, wenn die Arbeiter sehen, daß sie selbst ihre gemeinsamen Angelegenheiten am besten leiten können, also der Vormundschaft der Unternehmer und der Beamten entraten können. Betrachten es doch die Scharfmacher als ein Gebot der öffentlichen Ordnung und Sicherheit", daß die Arbeiter als unfähig zur Leitung derartiger öffentlich- rechtlicher Einrichtungen hingestellt werden, damit Unternehmer und Beamte sich mit einem Schein von Recht als die unentbehrlichen Be rater und Herren der Arbeiter aufspielen können. Der Widerwillen der Unternehmer gegen die Selbstverwals tung der Arbeiter in ihren Krankenkassen stieg um so mehr, je arbeiterfeindlicher die Alleinherrschaft der Unternehmer in den meisten Berufsgenossenschaften und die Beamtenwirtschaft in den meisten Versicherungsanstalten wurde, und je klarer sich dadurch der Wert zeigte, den für die Arbeiterschaft ihr Selbst verwaltungsrecht hat. Dazu kommt, daß die Arbeiter in den Ortskrankenkassen die Beamtenstellen selbstverständlich mit solchen Personen besetzen, zu denen sie das größte Vertrauen haben, und dabei naturgemäß auch solche Personen möglichst berücksichtigen, die nicht nur die nötigen Fähigkeiten besigen, sondern sich auch in der Arbeiterbewegung als tüchtig und zuverlässig erwiesen haben. Wie gut die Arbeiter hieran taten, das hat die Erfahrung bewiesen; die meisten dieser Kassenbeamten bewähren sich aufs beste. Anders freilich urteilen unsere Gegner. Sie betrachten die Arbeiterbewegung als einen„ Umsturz", als ein„ Verbrechen", und die Arbeiter, die sich in den Dienst der Arbeiterbewegung stellen, als„ Verbrecher", die niemals einwandfreie Beamte sein können. Die Tätigkeit dieser Arbeiterbeamten in den Ortskrankenfassen aber hat ihre moralische und intellektuelle Fähigkeit für diese Amter gegenüber jeder Verdächtigung und Verleumdung glänzend erhärtet. Unsere Gegner wollen sich jedoch nicht belehren laffen. Sie fürchten, daß sozialdemokratische" Beamte in den Ortskrankenkassen ein schlechtes Beispiel geben könnten, und daß schließlich auch die Beamten in den Gemeinden, im Staate und im Reiche beanspruchen würden, sich als Sozialdemokraten betätigen zu dürfen. Aus diesen Gründen bemühten sich unsere Gegner immer eifriger, Stimmung gegen die Selbstverwaltung der Arbeiter in den Ortskrankenkassen zu machen. Da aber die segensreiche Entwicklung der Ortsfrankenkassen das Gegenteil von dem ergibt, was unsere Gegner beweisen wollten, so fanden sich schließlich gewissenlose Verleumder, die entweder ihre Anklagen gegen die Ortskrankenkassen ganz frei erfanden oder kleine Fehler, wie fie überall vorkommen tönnen, aufbauschten und verallgemeinerten und damit eine Hetze gegen die Kassen veranstalteten: die Tätigfeit der Arbeitervertreter in den Ortskrankenkassen wurde als sozialdemokratischer Terrorismus verdammt, die arbeiterfeind liche Wirtschaft in den Berufsgenossenschaften und den Verficherungsanstalten dagegen als eine Musterleistung gepriesen; über jeden selbst erlogenen Fehler in einer Ortsfrankenkasse wurde ein großes Geschrei gemacht, die Klage der Arbeiter über rücksichtslose Behandlung seitens der Berufsgenossenschaften und Versicherungsanstalten dagegen totgeschwiegen. Und bei der jezigen Reform der Arbeiterversicherung ist es die wichtigste Forderung für die Scharfmacher, daß den Arbeitern ihr Selbstverwaltungsrecht in den Ortskrankenkassen entrissen werde. Die Regierungen famen diesem Wunsche nach. Der Regierungsentwurf schlägt die Entrechtung der Arbeiter in bezug auf die Leitung der Ortskrantenfassen vor, die Alleinherrschaft der Unternehmer in den Berufsgenossenschaften und die Beamtenwirtschaft in den Versicherungsanstalten aber sollen bestehen bleiben. 115 In der Reichstagskommission kam es zu einer lebhaften Aussprache über die Selbstverwaltung der Arbeiter in ihren Krankenkaffen. Unsere Genossen konnten aufs klarste nachweisen, daß das Geschrei über die Mißstände in den Ortskrankenkassen ganz unberechtigt ist. Trotzdem schlug sich das Zentrum in der ersten Lesung des Entwurfes auf die Seite der Konservativen und Nationalliberalen und half das Selbstverwaltungsrecht der Arbeiter in einem seiner wichtigsten Punkte vernichten: die Arbeiter sollen auch fernerhin zwei Drittel der Beiträge bezahlen und zwei Drittel der Mitglieder für den Vorstand und Ausschuß der Ortskrankenkassen stellen, die Unternehmer bezahlen nur ein Drittel der Beiträge und stellen nur ein Drittel der Mitglieder für den Vorstand und Ausschuß der Kasse. Dagegen soll die Mehrheit des Vorstandes nicht mehr berechtigt sein, den Vorsitzenden der Kasse zu bestimmen. Vielmehr soll - wie in dem Regierungsentwurf vorgeschlagen war- als Vorsitzender nur der gewählt sein, der die Mehrheit der Stimmen sowohl der Arbeitgebervertreter als auch der Arbeitervertreter im Vorstand erhält. Kommt auf diese Weise eine Wahl nicht zustande, dann ernennt das Versicherungsamt die Aufsichtsbehörde den Vorsitzenden. Dies ist jedoch den Scharfmachern nicht genug. Sie streben mit allen Kräften danach, daß den Arbeitern das Selbstvers waltungsrecht ganz entrissen werde. Auf der anderen Seite müssen die Arbeiter alles einsetzen, um sich ihr Selbstverwal tungsrecht zu erhalten, ja es noch weiter auszubauen und dann auch die Leistungen der Krankenversicherung für die Kranken immer mehr zu verbessern. Jetzt tritt die Kommission in der zweiten Lesung des Ent wurfes wieder an diese Fragen heran. Wie auch immer hier die Entscheidung fällt, das letzte Wort in der Sache wird erst im Plenum des Reichstags gesprochen. Deshalb ist es unsere Aufgabe, alle Arbeiter und Arbeiterinnen über dieses Attentat auf eines der wichtigsten Rechte der Arbeiter aufzuklären. Es ist zu wünschen, daß auch die Leserinnen der„ Gleichheit" den Verhandlungen der Reichstagskommission über das Selbstverwaltungsrecht der Arbeiter aufmerksam folgen. Folgen der Ehescheidung. I. Die Scheidung der Ehe übt zunächst Wirkungen aus auf die Namensführung der Frau. Grundsätzlich behält die Frau auch nach der Scheidung der Ehe den durch die Ehe schließung erworbenen Namen des Mannes. Von dieser Regel läßt das Gesetz nach zwei Richtungen Ausnahmen zu. Einmal gibt es der Frau das Recht, ihren Familiennamen ( Mädchennamen) oder, wenn sie vor Eingehung der geschiedenen Ehe verheiratet war, den Namen wieder anzunehmen, den sie zur Zeit der Eingehung dieser Ehe hatte. Ist jedoch die Frau allein für schuldig erklärt, so kann sie nur ihren Familiennamen wieder annehmen. Andererseits räumt das Gesetz dem Manne das Recht ein, der Frau die Führung seines Namens zu untersagen, wenn sie allein für schuldig erklärt ist. Die Wiederaufnahme des früheren Namens seitens der Frau sowohl wie die Untersagung seitens des Mannes hat in öffentlich beglaubigter Erklärung gegenüber der zuständigen Behörde zu erfolgen. Die Ordnung der Unterhaltspflicht nach der Ehescheidung ist eine sehr verklausulierte und deshalb unklare und undurchsichtige. Man merkt ihr an, wie sehr der Gesetzgeber bestrebt war, alle möglichen Mittel in Anwendung zu bringen, um der Ehescheidungshäufigkeit einen Damm zu setzen und namentlich mittellose Ehegatten oder besser Ehegattinnen von der Anstrengung der Scheidungsklage abzuschrecken. Ein Unterhaltsanspruch ist überhaupt nur dem unschuldigen Ehegatten eingeräumt. Der schuldige Ehegatte verwirkt mit der Scheidung der Ehe den Anspruch auf Unterhalt, er mag noch so bedürftig und der andere Teil noch so vermöglich sein. Sind beide Ehegatten für schuldig erklärt, so hat keiner gegenüber 116 Die Gleichheit dem anderen einen Unterhaltsanspruch. Abgesehen von mangeln der Verschuldung ist sodann Voraussetzung des Unterhaltsanspruchs Bedürftigkeit auf der Seite des berechtigten und Leistungsfähigkeit auf der Seite des verpflichteten Ehegatten. Wenn die Unterhaltspflicht den Mann trifft, so ist die Bedürftigkeit der Frau dann gegeben, wenn diese außerstande ist, ihren standesmäßigen Unterhalt aus den Einfünften ihres Vermögens oder aus dem Ertrag ihrer Arbeit zu bestreiten, sofern nach den Verhältnissen, in denen die Ehegatten gelebt haben, Erwerb durch Arbeit der Frau üblich ist. Wenn die Unterhaltspflicht die Frau trifft, so liegt Bedürftigkeit des Mannes nur dann vor, wenn dieser außerstande ist, sich selbst zu erhalten. Als sehr erhebliche Einschränkung des Unterhaltsanspruchs erweist sich die weitere Voraussetzung der Leistungsfähigkeit. Zwar ist die Unterhaltspflicht unter geschiedenen Ehegatten nicht wie bei der allgemeinen Unterhaltspflicht unter Verwandten davon abhängig, daß der Verpflichtete sie ohne Beeinträch tigung des eigenen standesmäßigen Unterhaltes zu er füllen vermag. Der unterhaltspflichtige geschiedene Ehegatte muß vielmehr dem anderen Ehegatten eine Beihilfe zum Unterhalt auch dann gewähren, wenn er dadurch an seinem eigenen standesmäßigen Unterhalt einen gewissen Abbruch erleidet. Aber diese Beihilfe beschränkt sich immerhin auf ein Drittel der zum Unterhalt verfügbaren Einfünfte, wenn der pflichtige Ehegatte bei Berücksichtigung seiner sonstigen Verpflichtungen außerstande ist, ohne Gefähr dung seines standesmäßigen Unterhaltes die Unterhaltspflicht dem anderen Ehegatten gegenüber zu erfüllen. Wenn zwei Dritteile zum notdürftigen Unterhalt des Pflichtigen nicht ausreichen, so fann dieser so viel zurückbehalten, als zur Bestreitung desselben erforderlich ist, und wenn der pflichtige Ehegatte einem minderjährigen unverheirateten Kinde oder in folge seiner Wiederverhetratung dem neuen Ehegatten Unterhalt zu gewähren hat, so beschränkt sich seine Verpflichtung dem geschiedenen Ehegatten gegenüber auf dasjenige, was mit Rückficht auf die Bedürfnisse sowie auf die Vermögens- und Er werbsverhältnisse der Beteiligten der Billigkeit entspricht. Das Maß des zu gewährenden Unterhaltes bestimmt sich nach der Lebensstellung des Bedürftigen. Es ist also immer der dem Stande, der Lebensstellung des Bedürftigen und nicht des Pflichtigen entsprechende Unterhalt zu gewähren. Nehmen wir an, eine unterhaltsberechtigte geschiedene Frau habe kein Vermögen in die Ehe gebracht und mit ihrem Manne unter dem gesetzlichen Güterstand gelebt, mithin auch von der ehelichen Errungenschaft keinen Pfennig erhalten. Nach der Scheidung findet sie als Näherin einen fümmerlichen Erwerb, der Mann aber lebt in sehr guten Verhältnissen. Das Gesetz verlangt in diesem Falle vom Manne nicht, daß er den zum Leben nicht ausreichenden Erwerb seiner geschiedenen Frau bis zu einem seiner eigenen Lebensstellung entsprechenden Einkommen ergänze, sondern nur bis zu einem dem Stande einer Näherin entsprechenden Betrag. Auf diese Weise wird der wohlhabende Mann geschont und seine frühere Frau deklassiert. Ernst Oberholzer, Zürich. Der Textilarbeiterverband im Jahre 1910. Jm Januar 1910 lastete schon seit zwei Jahren eine furcht bare Krise des Wirtschaftslebens mit bleierner Schwere auf der Textilindustrie, trüb und grau war der Ausblick in die Zukunft. Hunderttausende Textilproletarier seufzten damals noch unter mangelnder Beschäftigung und härterer Not, als sie gewöhnlich auf ihre Existenz drückt. Nur in einigen Branchen der Schafwollindustrie und in der Samtindustrie des Rhein landes waren die Aussichten für das neue Jahr günstig. Die allgemeine Unsicherheit und Depression wurde verstärkt durch Spekulationswut, die ein ebenso rechtmäßiges als ungeheuer liches Kind des Kapitalismus ist. Mächtige und beutegierige Nr. 8 amerikanische Rapitalisten, die vielleicht nie in ihrem Leben die weiße Faser der Baumwolle durch die Finger gezogen haben, kauften, gestützt namentlich auf im Weizengeschäft erworbene" Dollarmillionen, das weiße Gold in großen Mengen, um durch fünstlich hochgetriebene Preise weitere Millionen zu„ verdienen". Um möglichst große Mengen der Baumwolle an sich zu raffen, ließen die Hauptmacher von Zeit zu Zeit große Massen davon auf den Markt werfen, dann sanken die Preise, wodurch jedesmal Hunderte weniger starfe Spefulationsfonfurrenten wirtschaftlich ruiniert wurden. Jeder solcher Preissturz entwertet natürlich auch alles in Fabriken lagernde und verarbeitete Rohmaterial. Das Jahr 1910 begann mit einem Preissturz der Baumwolle. Die Aussichten der großen Baumwolle verarbeitenden Industrien verschlechterten sich immer mehr, und die Produktion in den Fabriken wurde eingeschränkt. Sehr viele Arbeiter und Arbeiterinnen befamen so auss neue die Herrlichkeit und Vortrefflichkeit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu verspüren. Wenige Geldfürsten spielen mit der Existenz vieler Millionen Menschen und steigern ungescheut deren Not, um noch mehr Profit zu erhaschen. Die Proletarier konnten den ganzen Wahnsinn der kapitalistischen Produktion erfassen. Denn als die allgemeine Beschäftigungslosigkeit zu Beginn des Jahres eintrat, da war man in den Fabriken noch nicht fertig mit der Aufstellung der neuen Spindeln, welche die Kapitalisten in der Zeit der Hochkonjunktur planlos bestellt hatten, dem Drange folgend, die Konkurrenz zu schlagen und höhere Gewinne ein zuftreichen. Die Lage einer Industrie wirkt aufs stärkste zurück auf das nie rastende Streben der Arbeiter nach höheren Lebensbedingungen, fie bestimmt in weitgehendem Maße die gewerk. schaftliche Tätigkeit. Die Depression, die auf einem Gewerbe laftet, hält die Arbeiter vom Angriff zurück. So brachte das Jahr 1910 teine große Angriffsbewegungen der organisierten Textilarbeiterschaft. Wohl zeigten sich im Laufe des Jahres in den Baumwollspinnereien und webereien, in den Wirkergebieten und anderen Baumwolle verarbeitenden Zweigen Ansätze zur Besserung der Konjunktur. Es stieg die Zahl der Beschäftigten, ganz besonders der Arbeiterinnen. Die Lager der Verkäufer waren tatsächlich wenig gefüllt, aber verschiedene mit der Rohstoffversorgung zusammenhängende Umstände ließen eine volle Entfaltung des Geschäfts nicht zu. Die Besserung war feine durchgreifende. Immer wieder mußte bald hier bald dort zu Betriebseinschränkungen geschritten werden. Große umfassende Angriffskämpfe fonnten sich daher nicht entwickeln. Die Arbeiterschaft mußte sich begnügen, die mehr oder weniger langen Perioden der Besserung des Geschäftsganges in den verschiedenen Gegenden des Reiches zu schnellem und sicherem Vorgehen auszunutzen, um Besserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erreichen. 109 erfolgreiche Lohnbewegungen ohne Streits geben Zeugnis von dem Leben und der Tätigkeit des Verbandes. Außerdemt wurden noch 16 Angriffstreits und 17 Abwehrstreits mit Erfolg durchgeführt. Nur 2 Angriffstreits blieb der Erfolg verjagt. Durch Streits und Lohnbewegungen wurden erreicht: für 9200 Personen 26000 Stunden Arbeitszeitverkürzung pro Woche und für 18400 Personen 18900 Mit. pro Woche an Lohnerhöhung. Auf Vollständigkeit können die Zahlen noch keinen Anspruch machen. Hartnäckig war der Kleinkrieg, den die Arbeiterschaft für die Durchführung der gesetzlichen Schutzbestimmungen zu führen hatte. Am 1. Januar traten die neuen Bestimmungen der Ge werbeordnung in Kraft, die den zehnstündigen Arbeitstag der Arbeiterinnen und verschiedenes andere festlegen. Und siehe da, wie schon so oft ließen auch diesmal die Verteidiger und Nutznießer des Klassenstaats zu einem großen Teil alle Achtung vor dem Gesetz vermissen. Allen Lehren der Krise zum Hohn weigerten sich die Unternehmer einfach, das Gesetz durchzuführen. Früher gegebene Versicherungen, daß man den durch Gesetz erzwungenen zehnstündigen Arbeitstag wünsche, erwiesen sich als elende Ausflüchte. Kein Mittel wurde gescheut, um den Zweck des Gesetzes zu hintertreiben. In Werdau, Olsnig, Nr. 8 Die Gleichheit Adorf, Hof, Chemnih und zahlreichen anderen Orten mußten die Arbeiter die Durchführung des Gesetzes erzwingen und die Aufsichtsorgane veranlassen, zu diesem Zweck in Funktion zu treten. Im sogenannten sächsisch- thüringischen Industrie gebiet Gera, Greiz usw. wurden eingehende Darlegungen über Inhalt und Sinn des Gesetzes an Unternehmerorganisation und Verwaltungsbehörden abgesandt. Die Arbeiterausschüsse wurden mobil gemacht, ähnlich in anderen Gegenden. Troy alledemt werden die Arbeiterinnen noch heute zum Teil um die Wohltaten des Gesetzes betrogen. Ganz abgesehen davon, daß in einzelnen Betrieben die Minutenzahl der Pausen durch zu frühes Glockenzeichen willkürlich verkürzt wird, hat man in zahlreichen Orten verstanden, durch eine raffinierte Zerlegung der Pausen oder Einlegung neuer Pausen die Frau nach wie vor länger als zehn Stunden an die Fabrik zu fesseln. Man verlängerte die Frühstücks- und Vesperpausen der Arbeiterinnen um zehn oder fünfzehn Minuten, oder legte neue Pausen ein, ließ jedoch die Arbeiterinnen nicht zu gleicher Zeit in ihrer Gesamtheit, sondern nur gruppenweise pausieren. Das Werk geht weiter. Die Arbeitenden sind genötigt, soweit das möglich ist, die Arbeit der jeweilig Pausierenden mit zu verrichten. Der alte Arbeitstag bleibt so bestehen. An verschiedenen Orten, so in Crimmits schau, bemühten sich die Gewerbeinspektoren auf den Protest der Arbeiterinnen um die Aufrechthaltung der Gewerbeordnung. · Es kam teilweise zu Konflikten, wie in Werdau, wo die Arbeiterinnen einfach die Fabrik nach Ablauf von zehn Stunden verließen und, als sie das Tor verschlossen fanden, dieses aus den Angeln hoben. Zum großen Teil ist es gelungen, schließlich das Ziel zu erreichen, wenn auch der Kampf noch nicht als abgeschloffen betrachtet werden kann. Rapitalisten pfeifen auf ihnen unbequeme Gesetze, wenn nicht Arbeiterorganisationen sie zur Gesetzlichkeit zwingen. Eine lebhafte Tätigkeit entwickelte der Verband 1910 in der Agitation und Organisation. Jeder Verband hat die Pflicht, seine Mitglieder in deren eigenem Interesse und zu Nußen der allgemeinen Arbeiterbewegung gewerkschaftlich zu schulen und immer neue Streiter zu werben. Der Textilarbeiterverband suchte das zu erreichen, indem er in allen Bezirken des Reiches die organisierten Arbeiterinnen zu Konferenzen zusammenrief mit darauffolgenden Besprechungen aller Kolleginnen in den einzelnen Orten. Der Verlauf der Konferenzen ist von verschiedenen Seiten in diesem Blatte geschildert worden. Ihre Früchte wird die Zeit reifen lassen. Neben allgemeinen gemischten Konferenzen wurde bei verschiedenen Anlässen eine umfassendere Versammlungsagitation über das ganze Reich entfaltet. Angriffe der Gegner in der schamlosen Art des Reichsverbandes wurden durch Verbreitung von Massenflug schriften zurückgewiesen. Das Unterstützungswesen wurde weiter ausgebaut und nicht zum geringsten der gewerkschaftlichen Schulung der Textilarbeiterjugend ernste Aufmerksamkeit gewidmet. So wurde es möglich, daß der Verband trotz alledem das Jahr 1910 als ein Jahr innerer Stärkung und numerischer Erweite rung buchen kann. Die Bewegung der organisierten Textilarbeiter in den wechselnden Perioden besseren Geschäftsganges und die organisatorische und agitatorische Tätigkeit der vielen Einzelnen und des Gesamtverbandes brachten einen Zuwachs von 12000 neuen Mitgliedern. Der totgesagte Verband erfreut sich des regsten Lebens und neue Scharen sammeln sich unter feine Fahnen. H. Jäckel, Berlin. Das Frauenstimmrecht. Grundgedanken eines fürzlich in Zürich gehaltenen Referats unseres Genossen Otto Lang. Sie reden den Männern ins Gewissen und weisen darauf hin, daß der Grundsatz der Freiheit und Gleichheit, den die Berfassung feierlich aufgestellt, auch für die Frau gelten müsse. Das alles ist recht und gut. Allein wir dürfen bei diesen Anklagen und der Betonung, daß die Gerechtigkeit die Gleichstellung von Mann und Frau- fordert, nicht stehen bleiben, sondern müssen noch einen festeren Boden suchen, in dem diese 117 Forderungen sich vermehren lassen. Ich meine: wir müssen der Frage nachspüren, warum wir heute einen Zustand, der den Frauen vor fünfzig Jahren als ein durchaus natürlicher und selbstverständlicher erschien, als einen ungerechten und unvernünftigen empfinden. Die Geschichte lehrt uns, daß jede Zeit ihre eigenen Ideen und Ideale aufweist und ganz bestimmte Aufgaben zu lösen hat. Wie erklärt sich das? Eine Auffassung geht dahin, es seien die starken Persönlichkeiten, welche ihrem Jahrhundert den Stempel aufdrücken und der Geschichte die Richtung weisen. Allein diese Theorie, welche den Zufall zum Herrn der Weltgeschichte macht und sie jedes inneren Zusammenhangs beraubt, ist offenbar haltlos. Die genauere Beobachtung zeigt uns, daß alle großen Wendungen in den Geschicken der Völker und Staaten durch ökonomische Wandlungen eingeleitet und bedingt werden. Diese wirtschaftlichen Umwälzungen führen zu neuen politischen Machtverhältnissen, zu neuen Schichtungen der Gesellschaft, erzeugen aber auch neue politische und soziale Ideale. Und weil diese Ideale aus dem Boden der wirtschaftlichen Verhältnisse ihre Nahrung ziehen, haben sie Kraft, sich durchzusetzen: Dieselben Verhältnisse erzeugen die sozialen Triebfräfte, die den neuen Forderungen zum Siege verhelfen. Das alles gilt im besonderen auch von der Frauenstimmrechtsbewegung. Nur der naive Unverstand tann glauben, daß unter der Herrschaft des Kapitalismus die Familie ihre alte Bedeutung und Verfassung beibehalten habe. Wir befinden uns in einer wirtschaftlichen Umwälzung, wie die Geschichte wohl noch keine gekannt. Noch vor hundert Jahren wußte man nichts von großen fapitalistischen Unternehmungen, da bildete noch das Handwerk die vorherrschende Betriebsform. Es produzierte nur für einen fleinen, abgeschlossenen Kundenkreis, für dessen Bedarf, nicht für Spekulation. Der Handwerker erfreute sich eines bescheidenen, aber behaglichen und sicheren Wohlstandes. Daß die Stellung der Frau in derartigen Verhältnissen eine ganz andere war als heute, ist einleuchtend. Sie war angewiesen aufs Haus, das ihr damals ein viel größeres Tätigkeitsfeld bot, das eine volle Arbeitskraft und eine große Summe von Kenntnissen und Erfahrungen erforderte. Mit diesem Gesellschaftsbild war die ganze Struktur des damaligen Staates im Einklang, dessen größte Aufgabe darin bestand, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Mit ein paar Ratsherren, Richtern, Lehrern, Pfarrern und Nachtwächtern war er imstande, seine Aufgaben zu lösen. Es ist darum fein Zufall, daß zu jener Zeit von einer Frauenbewegung nichts zu spüren war. Die fapitalistische Unternehmung von heute, die für den Weltmarkt produziert, und die mit großen Kraft- und Arbeitsmaschinen arbeitet, welche die Muskelkraft des Mannes hundertund tausendfältig in sich bergen, bedingt eine ganz andere gesellschaftliche Schichtung. Den Anforderungen der Maschinenarbeit genügt nun auch die Frau und sogar das Kind. Und das kapitalistische Getriebe riß denn auch gar bald Mädchen in den Fabriksaal, und ihnen auf dem Fuße folgte die verheiratete Frau und sogar das zarte Kind. Der Lohn des Handwerkers wurde auf alle verteilt; was er früher allein verdiente, dafür arbeitet heute die ganze Familie. Die patriarchalische Familie löst sich auf, die Familienbande werden zerrissen, die jungen Leute dem Schuße des Elternhauses entzogen und auf eigene Füße gestellt. In welchem Umfang sich diese Umwälzung vollzogen hat, davon erhalten wir ein Bild, wenn wir uns die Zahlen der eidgenössischen Volkszählung vom Jahre 1900 vor Augen halten. Von 1470000 in Berufen tätigen Personen waren 420000 Frauen. Von den 221 Berufen, welche zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz ausgeübt wurden, hatte die Frau bereits 210 erobert, es gab nur 11, die keine weiblichen Arbeitskräfte aufwiesen. 100 000 Frauen arbeiten in der Textilindustrie, 90000 im Put, 60000 in der Konfektion, 20000 waren in die Metallindustrie eingedrungen usw. Aber nicht nur als Arbeiterinnen treten die Frauen in das Erwerbsleben ein, sondern 90000 Frauen haben sich in 146 Berufen selbständig gemacht. 118 Die Gleichheit Diese neuen Verhältnisse schufen naturgemäß auch neue Interessen. Es werden heute in Staat und Kommune Fragen debattiert, die das Wohl und Wehe der Frauen unmittelbar berühren. Die Aufgaben des heutigen Staates sind ganz andere als früher; wir bemühen uns, den früheren Polizeistaat zum Kultur- und Wohlfahrtsstaat umzubilden. Der Aufgabenkreis des Staates mußte sich mit den Fortschritten des Kapitalismus mehr und mehr vergrößern. Mehr als die Hälfte aller Familienväter wären heute nicht mehr im stande, mit ihrem Lohne die naturgemäßen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, die Ausgaben für die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder zu bestreiten. Hier muß der Staat eintreten durch eine wirksame Sozialpolitik. Namentlich die Gemeinden sehen sich genötigt, den Kreis ihrer Aufgaben zu erweitern und dort einzutreten, wo der Kapitalismus sich als steril und unfähig erwiesen hat. Diese zwei Tatsachen: die veränderte Stellung der Frau im Erwerbsleben und die neuen Aufgaben des heutigen Staates drängen die Frau darauf, die politische Gleichstellung mit dem Manne zu fordern. Die Frauenrechtsbewegung bezweckt gar nichts anderes als die Forderung der Anerkennung ihrer neuen Stellung. Der Einwand, die Frau eigne fich ihrer physiologischen und psychischen Eigenschaften wegen nicht zur Teilnahme an den Geschäften des Staates und der Gemeinde, entbehrt jeder Unterlage. Denten wir nur daran, daß diese Eigenschaften sie auch nicht vor der Ausbeutung durch den Kapitalismus geschützt haben. Wir betrachten es als einen großen Gewinn, daß mit der Frau ein neues Element in den Staat eintritt, eine Kraft, ohne welche die neuen Kulturaufgaben des Staates nicht mehr zu lösen sind. Nr. 8 licher ist es, daß ein großer Teil der Mädchen die Verhandlungen gelesen hat. So fonnten sie selbst sehen, daß nur die Sozialdemo fratie es ist, die sich ihrer ehrlich und entschlossen annimmt. Als das neue Gesetz angenommen war, durchgepeitscht und in rascher Folge viermal abgeändert, da enthielt es wenig Gutes für die Mädchen. Was nutzt es ihnen, daß sie nach dem Gesetz, das ,, Dienstordnung" heißt, nunmehr Dienstnehmerinnen" und die Personen, bei denen sie angestellt sind,„ Dienstgeber" genannt werden. Die Paragraphen sind um einige Dußend weniger geworden. Zwar ist die förperliche Züchtigung verschwunden, aber die Polizeiaufsicht ist geblieben. Und das werden die Mädchen am härtesten empfinden. Zu schlimm wurde schon vielen unter ihnen von der Polizei mitgespielt. Die Polizei hat das Recht, im eigenen Wirkungsfreis ohne Verhandlung, ohne Zeugen gehört zu haben, die Mädchen zu Arreststrafen zu verurteilen. Widerrechtliches Verlassen des Dienstes, Verweigerung der Pflichten usw. überliefert die Mädchen der Polizei. Zu dieser Rechtlosigkeit kommt noch die schlechte materielle Stellung der Mädchen. So gibt es für die österreichischen Dienstmädchen feine Krankenversicherung. In Wien besteht zwar eine„ Dienstbotenfrankenkasse" von Gemeinde wegen. Diese ist aber weit mehr eine Versicherung für die Dienstgeberinnen. Denn wenn diese zwei Kronen in die Kasse bezahlen, so haben sie alle Pflichten erfüllt, die ihnen gegen die tranten Mädchen zukommen. Diese müssen im Falle der Erkrankung ins Krankenhaus, wo die Dienstbotentrantentasse die Verpflegungskosten bezahlt, oder sie müssen, wenn sie nicht krank genug sind, um in den stets überfüllten Krankens häusern aufgenommen zu werden, zu Bette gehen und selbst Arzt und Medikamente bezahlen. Viele verfallen so durch Krankheit dem größten Elend oder sie nehmen dauernden Schaden an ihrer Gcsundheit, indem sie sich bemühen, die Krankheit zu verbergen. Auch eine Altersversicherung besteht nicht für die österreichischen Dienstboten. Da allen diesen übelständen auch durch das neue Gesetz nicht abgeholfen wurde, bemächtigte sich besonders der schon älteren weiblichen Hausangestellten eine große Aufregung. Und als sie dann von der sozialdemokratischen Frauen organisation zu einer VersammEine Dienstmädchenbewegung in Wien. lung einberufen wurden, famen fie in Scharen. Es war eine denkI. K. Endlich wird auch in Wien eine Dienstmädchenorganisation gegründet. Schon seit langer Zeit und schon oft haben sich weibliche Hausangestellte an die sozialdemokratische Partei mit dem Ver langen gewendet, sich ihrer anzunehmen und ihnen zu besseren Daseinsbedingungen zu verhelfen. Immer aber überwogen bei den Genossen die Bedenken, ob es möglich sein werde, Personen in so abhängiger Stellung dauernd an eine Organisation zu fesseln. Bereits vor 15 Jahren fanden in Wien start besuchte Dienstmädchen versammlungen statt, in denen hauptsächlich die Gesindeordnung aus dem Jahre 1810 bekämpft wurde. Eine dieser Versammlungen wurde aufgelöst, weil der überwachende Polizeikommissar die Kritik an der Polizei nicht dulden wollte, und die Referentin wegen Beleidigung der Polizei verurteilt. Zur Gründung einer Dienstmädchen organisation tam es aber damals noch nicht; denn die meisten Genossen und Genossinnen meinten, die Umstände seien dafür noch nicht reif. Nun stand im Monat Oktober 1910 im Landtag von Niederösterreich eine neue Dienstbotenordnung für Wien zur Beratung. Die sozialdemokratischen Abgeordneten im Landtag bemühten sich, dem Gesetz einen modernen Charakter zu geben, es in Einklang mit den Erfordernissen unserer Zeit zu bringen, doch drangen sie mit den meisten ihrer Anregungen nicht durch. Selbst der Antrag wurde abgelehnt, eine achtstündige Nachtruhe für die Mädchen sest zusetzen, ihnen jeden zweiten Sonntag acht freie Stunden und jede zweite Woche an einem Wochentag zwei freie Stunden zu ge währen. Diese Forderungen gingen den christlichen Herren im Landtag zu weit; nur dem Antrag stimmten sie zu, daß Mädchen unter 14 Jahren nicht in Dienst genommen werden dürfen. Unsere Genossen verlangten ferner, daß die Dienstbücher abgeschafft werden und vor allem, daß der Polizei die Gerichtsbarkeit in Dienst mädchenangelegenheiten entzogen werden solle. Auch dieser Antrag fiel unter den Tisch. Genosse Renner vertrat den Standpunkt, daß das patriarchalische Verhältnis zwischen„ Herrschaft" und Mädchen den jetzigen Lebensverhältnissen nicht mehr entspreche und daß die Dienstmädchen als hauswirtschaftliche Arbeiterinnen anzusehen seien. Für diese müsse ebenso wie für die Arbeiterschaft ein Gewerbeoder Dienstgericht zuständig sein, das aus Dienstnehmerinnen und Dienstgeberinnen zusammenzusetzen sei. Das ist natürlich Zukunftsmusit für eine Körperschaft, die vorwiegend aus Besitzenden, aus den geborenen Herren" besteht. Auch manch böses und gemeines Wort über die Mädchen fiel in dieser Debatte. Um so erfreuwürdige Versammlung. Noch ein zweiter Saal mußte geöffnet werden, um die herbeiftrömenden Mädchen aufzunehmen. Die Referate fanden begeisterten Beifall; kaum ein Sah konnte gesprochen werden, ohne daß stürmische Rufe der Zustimmung erfolgten. Es redeten auch einige Mädchen, die zur Organisation aufforderten. Zum Schlusse fonnten über 200 Beitrittserklärungen zu einer zu gründenden Dr ganisation verzeichnet werden. Nach drei Wochen, am 18. Dezember, fand wieder eine Versammlung in einem großen Saale statt. Obwohl es der" goldene" Sonntag war, eine Woche vor Weihnachten, war der Besuch wieder großartig, und wieder ließen sich über 200 Mädchen einzeichnen. In dieser Versammlung wurde auch ein Komitee gewählt, dem außer einigen erfahrenen Genossinnen Köchinnen, Stubenmädchen und Kindermädchen angehören. Nunmehr werden die Statuten der Organisation der Behörde eingereicht, und anfangs Februar, so hoffen wir, wird in Wien die sozialdemokratische Dienstmädchenorganisation konstituiert wer den. Andere Städte Österreichs werden dann bald folgen. Aus der Bewegung. a. p. Für den sozialdemokratischen Frauentag ist der 19. März in Aussicht genommen worden. Die jührenden Instanzen haben nach reiflicher Vorberatung bereits die ersten einleitenden Schritte getan, damit diese Veranstaltung der Partei auch der Bedeutung der Sache und der Macht der Sozialdemokratie würdig werde. Der Parteivorstand hat die Organisationen aufgefordert, daß sie in planmäßiger und energischer Weise die Kundgebung vorbereiten. Das Frauenbureau wird in der Parteipresse eine lebhafte Agitation dafür entfalten und außerdem ein geeignetes Flugblatt zur Verbreitung unter den breitesten proletarischen Frauenmaſſen herausgeben. Die„ Gleichheit" wird die schriftliche Voragitation dauernd fördern. Eine besondere Frauenwahlrechtszeitung mit Beiträgen der führenden Genoffinnen des In- und Auslandes soll zur Verbreitung gelangen. Die Veranstaltung wird sich auch der Unterstüßung durch die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft erfreuen. So sind die wichtigsten Vorbedingungen zu einem Erfolg gegeben, vorausgesetzt, daß die Genossinnen selbst überall und in jeder Beziehung den größten, hingebungsvollen Eifer betätigen. Sie dürfen in den nächsten Wochen feine Versammlung, teine Gelegenheit zur persönlichen Aufklärung in Bekanntenkreisen vorübergehen lassen, ohne für den Frauentag zu agitieren. Diese Ver Nr. 8 Die Gleichheit anstaltung ist eine weitere imposante Bekundung der Überzeugungstraft und Treue, mit der die Sozialdemokratie für die volle Rechtsgleichheit der Geschlechter eintritt; aber auch gerade deshalb muß sie zu einem mächtigen werbenden Appell unter den Frauenmassen für die Sozialdemokratie werden. Genossinnen, tut eure Schuldigfeit! Treue für Treue! Bericht der Kinderschuhkommission von Altona. Die Kinderschutztommission, die im Jahre 1909 neu gewählt wurde, bestand im Anfang aus fünf Genossinnen. Da es ihr mit so wenig Mitgliedern nicht möglich war, die Arbeit zu bewältigen, so wurde die Körperschaft im Herbst erweitert, indem noch jeder Bezirk eine Person hineinwählte. Nunmehr besteht die Kommission aus 56 Mitgliedern. Ihre Tätigkeit richtete sich hauptsächlich gegen die Erwerbsarbeit der Kinder in den frühen Morgen- und späten Abendstunden. Die Ausbeutung der Kinder in der Frühe ist weitaus am häufigsten der Fall. So wurden bei einer Razzia am 13. März v. J. in der Zeit von 6 bis 9 Uhr morgens allein 262 erwerbstätige Kinder angetroffen. Ein zweiter Streifzug, den Mitglieder der Kommission aus dem ersten Distrikt abends nach 8 Uhr unternahmen, ergab 11 Fälle. Jm Juli wurden abends nur noch 2 erwerbstätige Kinder angetroffen. Das beweist, daß infolge der Tätigkeit der Kommission die Beschäftigung von Kindern nach 8 Uhr abends schon eingeschränkt worden ist. Die Gesamtzahl der notierten Fälle beträgt 370. Es waren beschäftigt: mit dem Austragen von Brot 92, Milch 92, Zeitungen 142, Fleisch 1, Wäsche 1 und anderweitig 42 Kinder. Leider kümmern sich die Behörden um die Bestimmungen des Kinderschutzgesetzes wenig oder gar nicht. Im Gegenteil machten wir am 13. März die Erfahrung, daß die Polizei erwerbstäige Kinder veranlaßte, uns ihre Namen nicht zu nennen. Große Schwierigkeiten erwuchsen uns für die Klarstellung der Fälle dadurch, daß uns die Kinder oft falsche Adressen angaben. Wir konnten dann keine Rücksprache mit den Eltern nehmen. Häufig war aus den Kindern auch nicht das geringste herauszubringen, weder Namen noch Adresse, ein Zeichen, daß sie entweder von den Eltern oder vom Arbeitgeber aufgehetzt waren. Außerdem mußten einige Kommissionsmitglieder es fich gefallen lassen, daß sie in recht unschöner Weise von den Eltern behandelt wurden. über den Erfolg der erstatteten Anzeigen haben wir näheres nicht erfahren, obwohl wir um Benachrichtigung gebeten hatten. Nur in einem Falle ist uns bekannt geworden, daß es zu einer Anklage gekommen war, und zwar gegen einen Kiftenfabrikanten, weil er in seinem Betrieb zwei Knaben unter zwölf Jahren beschäftigte. Da der Fabritant unsere Angaben bestätigen mußte, so wurde er zu einer Geldstrafe von 3 Mt. verurteilt. Eine wahre Prämie auf die Gesetzesübertretung. Bei der Überwachung des Kinderschutzgesetzes entrollen sich häufig Bilder tiefsten Elendes. Wie oft heißt es, die Not treibt uns dazu, unsere Kinder zum Verdienen zu treiben! Als Beispiel diene folgen der Fall: Der Vater ist frank; er hat bei einem Unfall im Hafen die Wirbelsäule gebrochen; nach seiner Wiederherstellung ist er fast ganz erblindet. Der Mann bekommt monatlich 60 Mt. Unjallrente; das reicht natürlich nicht für eine Familie mit zehn Kindern. Die Frau, die ebenfalls tränklich ist, trägt morgens und abends Zeitungen aus, wobei die Kinder helfen müssen. Am Tage handelt sie noch mit Band und Zwirn. Wir konnten aber auch Fälle feststellen, in denen Eltern ihre Kinder nur aus Habgier ausbeuten. Hier einer davon: Der Mann hat einen Wochenlohn von 45 Mt. Die Frau betreibt nebenher ein Brotgeschäft, und obwohl ihr Sohn fräntlich ist und deshalb öfters von der Schule dispensiert werden muß, wird er von seinen Eltern des Morgens mit Brotaustragen beschäftigt. Da unser Einschreiten nichts nüßte, so meldeten wir die Angelegenheit der Schule, und mit deren Hilfe wurde die Sache geregelt. Weshalb die Milchleute so gern Kinder beschäftigen, hat mir der Milchhändler Heinsohn in der Großen Bergstraße verraten. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß er morgens vor der Schul zeit keine Kinder beschäftigen dürfe, meinte er, es müßten noch viel mehr Kinder beschäftigt werden. Ich erwiderte ihm darauf, daß es doch genug junge, aus der Schule entlassene Leute gebe! Da entgegnete er: Die sind alle faul, und dann muß ich sie auch nach der Fortbildungsschule schicken, und da heßen sie sich nur gegenseitig auf." Es ist notwendig, mit allen Mitteln zu arbeiten, damit die Kindererwerbsarbeit gänzlich ausgerottet wird. Daher ist es Pflicht aller Parteigenossen und Parteigenoffinnen, wenn sie erwerbstätige Kinder antreffen, nichts unversucht zu lassen, um Namen und Adresse der Ausgebeuteten und des Arbeitgebers festzustellen und der Kommission zu übermitteln. Möge jede Frau darauf achten, ob ihr morgens die Brötchen oder die Milch von einem Kinde gebracht werden. Wenn das der Fall ist, so muß sie sofort auf Abhilfe dringen. -Am schlimmsten ist die Ausbeutung der Kinder in der Zeitungs119 folportage. Schon kleine Kinder von fünf Jahren sieht man mit Austragen von Zeitungen beschäftigt. Spricht man mit den Eltern, dann heißt es, die Kinder helfen nur mit. Das ist aber nicht stichhaltig, denn das Austragen von Zeitungen gilt nicht als selbständiges Gewerbe, und Kinder, die dabei ihren Eltern helfen, werden als für Dritte beschäftigt angesehen. Auch hier fonnte fonstatiert wer den, daß die Tätigkeit der Kommission wirksam war. So haben mehrere Frauen das Zeitungsaustragen aufgegeben, weil es ihnen nicht paßte, daß ihre Kinder fortwährend angehalten wurden. Wir hatten auch Gelegenheit, gegen die gesetzwidrige Beschäftigung von Kindern im Gastwirtsgewerbe einzuschreiten. So zum Beispiel am 1. Mai bei Rancke in Groß- Flottbet. Es bedurfte nur eines Hinweises von unserer Seite, und die Sache war erledigt. Dagegen waren bei Siemer in Klein- Flottbek, wo wir unser Pfingstfest abhielten, unsere Bemühungen nicht von Erfolg. Wir sprachen selbstverständlich mit dem Besitzer des Parks. Die Sache lag aber so, daß er die einzelnen Stände im Garten verpachtet hatte und die Pächter die Kinder beschäftigten. Wir sind deshalb an unser Festfomitee mit der Aufforderung herangetreten, bei Abschlüssen für Feiern und Vergnügungen es mit zur Bedingung zu machen, daß feine Kinder beschäftigt werden dürfen. Die eigenartigen Bestimmungen des Kinderschutzgesetzes haben dazu beigetragen, daß einige Kommissionsmitglieder recht mißmutig geworden sind. So verbietet das Gesetz die Beschäftigung von Kindern in der Zeit von 8 Uhr abends bis 8 Uhr morgens. Von diesem Verbot ist die Beschäftigung der eigenen Kinder ausgeschlossen. Unter eigenen Kindern versteht das Gesetz aber nicht nur die leiblichen Kinder, sondern auch die für eigen angenommenen Kinder, die Geschwister und Enkelkinder. Wenn das Gesetz in bezug auf die Beschäftigung eigener Kinder einen so großen Spielraum läßt, muß es in erster Linie unsere Aufgabe sein, einmal festzustellen, wieviel eigene Kinder ausgebeutet werden. Dann können wir um so besser darauf hinwirken, daß die gewerbliche Beschäftigung von Kindern, solange sie die Schule besuchen, überhaupt verboten wird. Um unser Ziel, die gänzliche Beseitigung der Kindererwerbsarbeit zu erreichen, muß die gesamte organisierte Arbeiterschaft mithelfen. Deshalb fordere ich alle auf, uns in unserer Arbeit zu unterstützen. Den Kindern zum Schuh, den Unternehmern zum Truz. W. Schönfeld. Das Jutereffe der Pforzheimer Arbeiterinnen an der All gemeinen Ortskrankenkasse müßte außerordentlich stark sein, entsprechend der Bedeutung, die dieser Einrichtung für sie zufommt. Sind doch von den 36 000 in der Kasse Versicherten annähernd 20 000 Frauen. Leider entspricht aber der Einfluß der weiblichen Mitglieder in der Generalversammlung und im Kassenvorstand durchaus nicht ihrer großen Zahl. Die Generalversammlung zählt seit langer Zeit durchschnittlich 12 weibliche Mitglieder auf Seite der Arbeitnehmer, und im Kassenvorstand saß überhaupt noch nie eine Frau. Dem Prinzip der Gleichberechtigung entsprechend, das die Arbeiterbewegung vertritt, könnten die weiblichen Mitglieder für sich wenigstens die Hälfte der Sitze der Arbeitnehmer in der Generalversammlung und im Vorstand der Kasse in Anspruch nehmen. Aber wir wollen nicht so weit gehen. Wir wären zufrieden, wenn im Gewerkschaftsfartell der für diese Frage maßgebenden Instanz - das Eis gebrochen und die stärkere Vertretung der Frauen in diesen Posten als Notwendigkeit anerkannt würde. Die erste Voraussetzung dafür wäre, daß die weiblichen Gewerkschaftsmitglieder, daß die Genossinnen die Aufmerksamkeit der versicherten Arbeite rinnen und Arbeiterfrauen auf ihr Recht und die Wichtigkeit seiner Ausübung lenkten. Geschieht das, so wird auch das entsprechende Vorgehen des Kartells nicht ausbleiben. Unsere neue badische Gemeinde- und Städteordnung ist gewiß fein vorbildliches Gesetz. Aber selbst sie hat dem Gedanken, die Frauen in weiterem Maße zur sozialen Tätigkeit im öffentlichen Leben heranzuziehen, nicht ganz unbedeutende Zugeständnisse ge= macht. So bestimmt das Gesetz, daß die Wahl von Frauen stattfinden muß in die Kommissionen für das Armenwesen, für Unterrichts- und Erziehungsangelegenheiten, für das öffentliche Gesundheitswesen und für sonstige Aufgaben, bei denen nach Art des Gegenstandes die Mitwirkung von Frauen wünschenswert ist". Nach dem neuen badischen Schulgesetz beträgt die Zahl der aus den Gemeindeeinwohnern in die Ortsschulbehörde zu ernennenden Mitglieder 4 bis 20, und das Gesetz sezt fest, daß darunter bis zu einem Viertel Frauen sein können. Das Krankenversicherungsgesetz ist viel fonsequenter. Es hat den Frauen das aktive und passive Wahlrecht vom 21. Lebensjahr ab gebracht. Wie wenig Beachtung hat aber dieses Recht bis jetzt bei den weiblichen Kassenmitgliedern gefunden. Ein Wandel kann 120 Die Gleichheit da nur geschaffen werden durch die wachsende Aufklärung und Schulung der proletarischen Frauen und Mädchen. Gewiß hat sich in dieser Beziehung mit der fortschreitenden gewerkschaftlichen und politischen Organisierung der Proletarierinnen manches gebessert, aber noch sehr viel bleibt zu tun. Es ist heute angesichts der steigenden Zahl weiblicher Erwerbstätigen eine unabweisbare Forde rung der Gerechtigkeit, daß den Frauen das Wahlrecht und die Wählbarkeit zu allen Zweigen der sozialen Arbeiterversicherung gewährt werden muß. Aber was erfahren wir leider? Die Reaktionäre können frohlockend darauf hinweisen, wie außerordentlich gering bisher die Wahlbeteiligung der weiblichen Versicherten in ben Krankenkassen gewesen ist. Allerdings gibt es Orte, auf welche die Behauptung durchaus nicht zutrifft. Bedauerlich genug gehört Pforzheim trotz der großen Zahl der weiblichen Versicherten nicht zu ihnen. Diese stehen in ihrer großen Mehrzahl den Wahlen zur Generalversammlung noch gleichgültig gegenüber. Jm Interesse der Proletarierinnen, aber auch der gesamten Arbeiterbewegung liegt es, daß die weiblichen Versicherten ausgiebigsten Gebrauch von ihrem Wahlrecht machen. Je größer die Zahl der weiblichen Raffenmitglieder ist, um so gebieterischer ist die Pflicht, auf die Ver waltung der Kasse und die Ausgestaltung ihrer Leistungen den gebührenden Einfluß auszuüben. Die proletarische Frauenbewegung führt mit allen Kräften den Kampf um den Schutz für Mutter und Kind, und die Krankenkassen haben auf diesem Gebiet sozialer Für forge eine wichtige Rolle zu spielen. Das ist nur einer unter den vielen Gesichtspunkten, die die Notwendigkeit erhärten, die Frauen aus ihrer bisherigen Gleichgültigkeit gegen die Krankenkassenwahlen aufzurütteln. Die neue Reichsversicherungsordnung soll die Selbstverwaltung der Versicherten vernichten und die Herrschaft der Unternehmer und Bureaukraten in den Krankenkassen sichern. Da gilt es namentlich auch den Frauen zu zeigen, welche Rechte sie befizzen, und ihnen die gefährdeten Rechte dadurch teuer und wertvoll zu machen. Neben dem direkten praktischen Nutzen, den die Ausübung des Wahlrechts und die Betätigung der weiblichen Mitglieder in den Krankenkassen den Frauen bringt, ist der ideelle Wert für die proletarische Frauenbewegung unverkennbar. Die Mitarbeit in den Krantenkassen macht die Frauen mit der sozialen Gesetzgebung, mit ihren Lücken und Unzulänglichkeiten bekannt, vertieft ihr soziales Verständnis. Die Ausübung des Wahlrechts zu den Krankenkassen fördert die Erkenntnis von der sozialen und politischen Notwendigkeit des Frauenwahlrechts zu allen staatsrechtlichen, öffentlichen Körperschaften. Die Pforzheimer Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen sollten in den vordersten Reihen derer stehen, die durch das praktisch betätigte Interesse an der Ortskrankenkasse ihre soziale Reife bekunden und das Wohl vieler Tausende von Frauen wahrnehmen. st. Von der Agitation. Gegen Fleischwucher und Lebensmittelverteuerung" lautete das Thema in sechs gut besuchten öffentlichen Frauenversammlungen, welche am 1. Dezember v. J. in allen Stadtteilen Magdeburgs stattfanden. Die Voragitation war von den Genossinnen durch die Verbreitung des bekannten Flugblatts der Partei rührig betrieben worden. Magdeburger Genossen referierten, die den aufmerksamen Zuhörerinnen zahlenmäßig nach wiesen, daß dank der Zoll- und Steuerpolitik des Reiches die wichtigsten Lebensmittel tatsächlich mit Wucherpreisen bezahlt werden müssen, und daß nur Großgrundbesitzer und Großkapitalisten Vorteil davon haben. Als schamlos wurde es mit Recht bezeichnet, daß sogenannte Voltsvertreter im Reichstag von einem Fleischnots rummel gesprochen haben. An der Debatte beteiligten sich auch Frauen und forderten zur regen Mitarbeit, zur Beseitigung der politischen Mißwirtschaft in Deutschland auf. Es wurden in den Versammlungen insgesamt 71 Mitglieder für die Partei und 8 Abonnenten für die„ Gleichheit" gewonnen. Die Stimmung, die sich in den Versammlungen träftig äußerte, bietet die Gewähr, daß auch die Magdeburger Genofsinnen bei dem nächsten Wahlkampf dazu beitragen werden, daß den Volksausbeutern das Handwerk gelegt wird. Jda Undeutsch. Im Auftrag des Textilarbeiterverbandes hielt die Unterzeichnete anfangs Dezember v. J. im Gau Oberfranken Verfammlungen in folgenden Orten ab: Hof, Schwarzenbach a. S., Münchberg, Helmbrechts, Weißau, Kulmbach, Bayreuth, Wunsiedel, Marktredwig, Brand, Rehau, Weißenstadt und Rößlau. Zieht man in Betracht, daß der Verband in Oberfranken noch nicht die zahlreiche und feste Gefolgschaft besitzt, die man angesichts der traurigen Lebensverhältnisse vermuten sollte, so kann der Besuch der Versammlungen als gut bezeichnet werden. überall wurden neue Mitglieder für die Organisation gewonnen. In Hof, wo der siebzehnwöchige Streif bei der Firma Münch die Arbeiter aufgerüttelt hatte, war die Versammlung sehr gut, von Nr. 8 gegen 700 Personen besucht. Zu erwähnen ist noch die Versamm lung in Weißenstadt, die als allgemeine Gewerkschaftsversamm lung einberufen worden war. Die früher hier bestehende Zahlstelle des Textilarbeiterverbandes hatte sich nicht halten fönnen. Die Schüchternheit, mit der die erschienenen Tertilarbeiter und arbeiterinnen den Versammlungssaal betraten, zeigte, wie stark noch die Furcht vor dem Unternehmertum ist. Der Wirt des Lotals ist nämlich der Schwager des Inhabers der Textilfabrik in Weißenstadt. Daß er den Ausführungen der Rednerin beistimmte und sich als Mitglied in die Partei aufnehmen ließ, wirkte ermutigend auf die Erschienenen, so daß für den Verband Mitglieder geworben werden konnten. Damit hat auch hier wieder die Organisation Wurzel gefaßt und die weitere gedeihliche Entwicklung wird nicht ausbleiben. Die Agitationstour gewährte einen Einblick in die Lage des Tertilproletariats Oberfrantens. Wochenlöhne von 9 bis 12 Mt. für erwachsene männliche Arbeiter sind nicht selten. Welche Höhe" da die Löhne der Frauen erreichen, läßt sich denken. überhaupt ist hier das Los der Frauen besonders hart, sie müssen unbedingt mitverdienen, und für sie gibt es feine Erholung. Auch die Kinderausbeutung steht in vollster Blüte. So beschäftigen Textilfabriken Kinder vom dreizehnten Lebensjahr an in großer Anzahl. Namentlich eine Kulmbacher Firma tut sich in der Auswucherung der kindlichen Arbeitskraft hervor. Diese Firma möchte auch am liebsten die erwachsenen Arbeiter und Arbeiterinnen den jugendlichen in Behandlung und Lohn gleichstellen. In vielen Orten Oberfrankens herrscht noch die Heimarbeit für die Textilindustrie mit all ihren traurigen Folgeerscheinungen. Natürlich sind die Heimarbeiter schwerer für die Organisation zu gewinnen als die Fabrikarbeiterschaft, obwohl ihre ganz elenden Lebensverhältnisse noch viel dringender ein Eingreifen der Organisation erfordern. Das Versagen und die Unzulänglichkeit des Kinderschutzgesetzes treten hier wie überall in der Heimindustrie besonders traß zu tage. Vom fünften Lebensjahre an werden die Kinder mit an die Arbeit getrieben. Diese wenigen Angaben lassen die elenden Lebensbedingungen der Textilproletarier Oberfrankens deutlich erkennen. Ihre mageren Gestalten, ihre bleichen Gesichter reden unzweideutig von überanstrengung und Hunger und stehen in schreiendem Gegensatz zu den Schönheiten dieser Gegend mit ihren bewaldeten Bergen und anmutigen Tälern. Von der erfrischenden und stärkenden Luft, in der so viele andere Menschen Erholung suchen und finden, spüren die früh dahinsiechenden Textilarbeiter in ihren Arbeitsräumen nichts, die mit Staub und Dunst geschwängert sind. Leider gibt es unter der Arbeiterschaft noch zu viele, die fein volles Bewußtsein ihrer jämmerlichen Lage besitzen, oder die den Mut nicht haben, an ihren Fesseln zu rütteln. Doch die Schar derjenigen wächst, die sich klar darüber sind, was not tut. Das Versammlungsleben, das daniederlag, hat in letzter Zeit einen Aufschwung genommen, die Erkenntnis von der Notwendigkeit und Bedeutung der Organisation hat an Boden gewonnen, und die Angst vor dem Unternehmertum beginnt zu schwinden. So geht es vorwärts trotz aller starken Bemühungen, die Textilarbeiter und-arbeiterinnen im Banne der alten, unternehmerfrommen Auffassung zu halten. Denen, die immer noch zaghaft beiseite stehen, rufen wir zu:" Sie drücken euch nur, folang ihr euch duckt, Solange ihr schafft und euch nicht muckt." Frida Wulff. Die Agitation zur Gewinnung der Frauen für die moderne Arbeiterbewegung brachte mich auf zehn Tage nach Mecklenburg. Ich freute mich darüber um so mehr, als ich seit zwölf Jahren nicht mehr in Mecklenburg tätig gewesen war. Von Lübeck trat ich meine Reise an. Neustadt, ein kleiner Ort mit zirka 2500 Einwohnern, war mein erstes Ziel. Welch stilles, ungewohntes Bild. Zu beiden Seiten der Straße niedrige, höchstens mit Giebelzimmern versehene, meist dürftige Häuschen, vor deren Fenstern der in fleinen Orten übliche„ Spion" prangte, das heißt ein Spiegel, der jeden Straßenvorgang zeigt, so daß die im Zimmer befindlichen Personen ohne große Mühe ihre Neugierde befriedigen tönnen. Die Industrie ist in Neustadt bis jetzt nur durch eine Pantinenfabrit vertreten, in der die weibliche Arbeitstraft gegen eine jämmerliche Entlohnung ausgebeutet wird. Die Versammlung war für die dortigen Verhältnisse recht gut besucht, auch konnten Mitglieder für die Parteiorganisation gewonnen werden; leider fehlt es jedoch an Kräften, die weiter an dem begonnenen Werke bauen. Bei schönem klaren Wetter fuhr ich nach dem etwas größeren Orte Goldberg. Das Bähnlein troch im Schneckentempo durch öde Acker und Weiden. Hier und da sah man auf den kahlen Feldern bereits die junge Saat sproffen, zur Freude nicht nur des Landmannes, sondern auch der Rehe, die in Rudeln von bis zu sechs Stück sich an dem zarten Grün gütlich taten und sich dabei nicht einmal durch das Geräusch des herannahenden Zuges stören ließen. Nr. 8 Die Gleichheit Auch in Goldberg ist die Industrie noch nicht heimisch, der Rapitalismus hat hier erst mit einer Lohngeberei tastend Fuß ge= faßt. In der Stadt war große Not, seit Wochen herrschte dort nachts Dunkel, weil die elektrische Zentrale fich in Zwangsver steigerung befindet. Die Straßenbeleuchtung fehlte ganz, Restaurationen, Geschäfte, Post und Bahnhof waren spärlich mit aus den Rumpelfammern wieder hervorgeholten Petroleumlampen beleuchtet. Glücklicherweise erbarmte sich der Mond der Versammlungsbesucher und beschien ihren Heimweg nach der Stadt. Auch in Goldberg macht sich der Mangel an geeigneten Personen bemerkbar, um die Bewegung in Fluß zu halten. In Sternberg herrscht mehr Leben. Dort bestehen Schneidemühlen und eine Faßfabrit, in der Arbeiterinnen beschäftigt sind. Im Sommer erhalten diese in Anbetracht der durch die Landarbeit vermehrten Arbeitsgelegenheit pro Tag 1,50 Mt., im Winter jedoch bei zehnstündiger Arbeitszeit nur 1,25 Mt. Der Tagelohn der Männer beträgt im Sommer 2,50 Mt., im Winter 1,75 bis 2 Mt. Wie bei solch horrender Bezahlung die Lebenshaltung der Arbeiter fich gestaltet, fann sich jeder leicht denken. In Brüel und Warin warten die wenigen dortigen Genossen sehnsüchtig auf die noch ganz fehlende Industrie, weil sie hoffen, daß mit ihr die Parteibewegung einen Aufschwung nehmen wird. Die Versammlung in Wismar war sehr stark besucht, obgleich dort zurzeit infolge des Stilliegens der Waggonfabrik Arbeitslosigkeit herrscht. Unter der Leitung der Genossinnen tagte eine große Versammlung in Schwerin. In der Sprengkapselfabrik sowie in der Dynamitfabrik zu Dömiz werden Arbeiterinnen gegen 2 Mt. Tagelohn beschäftigt. Da diese Proletarierinnen von außerhalb herangeholt werden, find Arbeiterinnenheime errichtet worden, in denen es außer der Behausung für 35 Pf. eine warme Mahl zeit gibt. Die Beschäftigung in den genannten Fabriken ist äußerst gefährlich; ich lernte ein junges Mädchen kennen, das durch einen Unfall im Betrieb die Sehkraft des linken Auges eingebüßt hat und mit einer Rente von monatlich 10,50 Mt. abgespeist worden ist. In Grabow sind zirka 600 Industriearbeiter vorhanden, doch läßt die Bewegung trotzdem auch hier noch viel zu wünschen übrig. Die Ausführungen über das Thema„ Die Reichstagswahlen und die Aufgaben der Frauen" fanden in allen Versammlungen lebhafte Zustimmung. Es wurden 96 neue Mitglieder und 30 Abonnenten für die Arbeiterpresse gewonnen. Viel Arbeit und wenig Lebensfreude, das ist das Los der mecklenburgischen Arbeiterbevölkerung. Abgesehen von der Last indirekter Steuern und Abgaben, die sie wie die werftätigen Massen von ganz Deutschland trägt, drückt eine direkte Steuer, die Landeskontribution, schwer auf sie. Die großen Steuersummen gehen zum Teil für Apanagen an die Mitglieder des Fürstenhauses darauf. Da ist zunächst die Stiefgroßmutter des regierenden Großherzogs, die Großherzogin Marie, die 186 000 t, erhält. Folgt die Mutter des Großherzogs, Großherzogin Anastasia, sie bekommt 161 000 Mt., der wegen Verschwendung entmündigte Herzog Paul Friedrich 99000 Mt., Herzog Johann Albrecht, der als Regent von Braunschweig eine Zivilliste von 1125 000 Mt. bezieht, erhält 48000 Mt., Herzog Adolf Friedrich, der Afrikareisende, ist mit 40 000 Ml. bedacht, Herzog Heinrich, der Mann der Königin von Holland, die selbst eine Zivilliste von 2100 000 Mt. hat, bekommt 40 000 Mt., Herzog Heinrich Borwin, wie sein Vater wegen Verschwendung entmündigt, erhält 30000 Mart, Herzogin Maria Antoinette, die Schwester des Vorgenannten, wird mit 16 000 Mt. dotiert. Es sind das Ziffern, die auch in Mecklenburg zu denken geben, weil sie den Blick geradezu gewalt sam auf Zustände lenken, die sich nicht mit dem Wohle der arbeitenden Mehrheit des Volkes vertragen. In dieser feimt die Erkenntnis empor, daß sie ihres Glückes Schmied sein und Hand an die Umgestaltung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse legen muß. Trotz aller Schwierigkeiten gewinnt daher auch in Mecklenburg die Sozialdemokratie an Boden. In Bitterfeld fand am 11. Dezember v. J. eine Versammlung statt, in der die Unterzeichnete das Thema erörterte„ Der Arbeiterfrauen Kampf ums Recht". Ihr unmittelbarer Erfolg bestand in der Aufnahme von 15 neuen Parteimitgliedern. Wir marschieren! Am 9. und 10. Dezember v. J. sprach die Unterzeichnete im Auftrag der Zahlstelle Berlin des Bäckerverbandes in zwei gut besuchten Versammlungen über„ Der Kampf der Arbeiterklasse". Die Versammlungen dienten dem Zwecke, die Zuckerwaren und Schokoladearbeiterinnen dem Verband zuzuführen. Birta 5000 solche Arbeiterinnen kommen für Berlin in Betracht, von denen bis jetzt ungefähr 200 der Organisation angehören. Die Agitation unter diesen Arbeiterinnen ist sehr schwer, obgleich sie zum größten Teil unter schlechten Löhnen und miserabler Behand lung leiden und bekanntermaßen noch eine ehr- und schamverletzende förperliche Visitation über sich ergehen lassen müssen. W. Kähler. 121 In den industriereichen niederschlesischen Kreisen Reichenbach- Neurobe und Waldenburg sprach die Unterzeichnete in öffentlichen Versammlungen über das Thema„ Arbeiterfrauen im Kampfe um Recht und Brot". Die Versammlungen erfreuten sich mit einer Ausnahme eines überaus starten Besuchs. In Peterswaldau, Reichenbach, Langenbielau, Friedland und Wüstegiers= dorf waren die Besucher überwiegend Textilarbeiter und arbeiterinnen, in Altwasser, Weißstein, Gottesberg, Hermsdorf, Schlegel und Fellhammer famen hauptsächlich Bergarbeiter und deren Frauen als Versammlungsteilnehmer in Betracht, während in Sandberg und Hausdorf die Arbeiterschaft beider Industrien anwesend war. Schon äußerlich unterscheiden sich die Orte der Textilindustrie und der Bergbaureviere voneinander. In den Weberdörfern findet man niedere Häuschen mit kleinen Fenstern, durch die der Vorübergehende bequem die ganze dürftige Einrichtung übersehen kann. Im Bergbaurevier dagegen herrschen hohe Häuser vor, in der Art großstädtischer Mietfasernen, nur daß hier die Menschen noch enger zusammengepfercht sind als in den Arbeiterwohnungen der Großstadt. 30 bis 40 Familien wohnen in einem Hause, und eine zweifenstrige Stube dient einer ganzen Familie als Wohn-, Schlaf- und Kochraum. Die elende Lage der Arbeiterschaft des Waldenburger Kreises ist ja erst kürzlich in der„ Gleichheit" geschildert worden. Bei den Webern in Reichenbach- Neurode sieht es fast noch trauriger aus. In den Fabriken verdienen Mann und Frau bei intensiver Arbeit zusammen einen Wochenlohn von 14 bis 18 Mr. Die Hausweber bringen es durch 14 stündige tägliche angestrengteste Tätigkeit gar nur zu einem Wochenverdienst von 6 bis 8 Mt. Dafür müssen sie meist noch einmal jede Woche einen 6 stündigen beschwerlichen Weg zurücklegen, um die fertige Ware abzuliefern und neues Garn mitzunehmen. Wie die armen Menschen es fertig bringen, mit ihren Hungerlöhnen auch nur die notwendigsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen, wäre geradezu rätselhaft, wenn man nicht wüßte, welcher Entbehrungen der Mensch fähig ist. Trotz der traurigen Verhältnisse haben unsere Organisationen in allen Orten festen Fuß gefaßt. Der unermüdlichen Tätigkeit der dortigen Genossen gelingt es, immer mehr Anhänger zu gewinnen. Daß in einzelnen Orten, zum Beispiel in Langenbielau, Reichenbach, Altwasser, Weißstein, Gottesberg und Fellhammer Hunderte von Frauen unserer Parteiorgani sation angehören, ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die Ge nossen dort die Notwendigkeit begriffen haben, die Proletarierinnen aufzuklären. In Glay mit seinen drohend über der Stadt ragenden Festungswerken fand eine Mitgliederversammlung der Partei in der Wohnung eines Genossen statt. Ein Lokal steht uns dort nicht zur Verfügung dank der Umtriebe der Diener der alleinfeligmachenden Kirche. Leider war der Besuch der Versammlung sehr schwach. Hat die Kirche in dieser Stadt noch solche Macht über die Gemüter, daß es nur wenige wagten, sich als klassenbewußte Arbeiter zu be= kennen? Um so mehr müssen die wenigen Genossen ihre Kräfte anstrengen, um auch hier für die Partei weiteren Boden zu er obern. In allen Orten wehte ein erfrischender Geist durch die Versammlungen. Aufmerksam folgten die Erschienenen den Ausführungen. 314 Beitrittserklärungen zur Partei bewiesen, daß die Worte der Rednerin auf fruchtbaren Boden gefallen waren. Auch eine Anzahl Abonnenten für die„ Gleichheit" und die örtliche Parteipresse wurden gewonnen. Möge den Frauen Niederschlesiens dieser neue Erfolg ein Ansporn sein, auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten. In zwei öffentlichen Versammlungen in der Provinz Posen, in Rawitsch und Posen, behandelte die Unterzeichnete das Thema ,, Arbeiterfrauen im Kampfe gegen den Lebensmittelwucher". Beide Versammlungen waren gut besucht. Für die Partei konnten einige neue Mitglieder gewonnen werden. Die sprachlichen Verschiedenheiten in der dortigen Gegend erschweren den Genossen die Arbeit und lassen sie nur mühsam Erfolge erringen. M. Bollmann. Von den Organisationen. Im Wahlkreis Hanau- BockenheimGelnhausen- Orb hat die Frauenbewegung erst nach dem Infrafttreten des neuen Reichsvereinsgesetzes Ende 1908 eingesetzt. Im Laufe der verflossenen zwei Jahre nahm sie schon eine erfreu liche Entwicklung. Es gehörten der politischen Organisation weibliche Mitglieder an: am 31. Dezember 1908 in 5 Orten 177, am 30. Juni 1909 in 22 Orten 784, am 31. Dezember in 27 Orten 840, am 30. Juni 1910 in 34 Orten 1138 und gegenwärtig in 39 Orten 1300. Und zwar zählt unsere Wahlkreisorganisation weibliche Mit glieder in 2 Orten je über 100( Hanau 325 und Bockenheim 120), in 6 Orten je 50 bis 99, in 10 Orten je 25 bis 49, in 9 Orten je 10 bis 24 und in 12 Orten je unter 10. Selbst der rückständigste Teil unseres Wahlkreises, der Kreis Gelnhausen- Orb, wo am 30. September 1908 in 6 Orten nur 34 männliche Mitglieder vor 122 Die Gleichheit handen waren, weist jetzt in 11 Orten 88 politisch organisierte Frauen auf. Dabei steht uns in diesem Kreise nicht einmal ein Lokal zur Abhaltung einer öffentlichen Versammlung zur Ver fügung, Mitgliederversammlungen und Besprechungen müssen zum Teil in Privatwohnungen stattfinden. Es geht stetig vorwärts, und auf die Dauer tann sich kein Ort, und sei er noch so rückständig, dieser Bewegung entziehen. Das lehren die vorstehenden Zahlen. Sind sie auch noch nicht ganz befriedigend denn unser Wahlfreis brachte 1907 bei der Reichstagswahl 17 923 sozialdemokratische Stimmen auf, so gibt uns das bisher Erreichte doch die Gewißheit des Erfolgs für die Zukunft. Es ist auch zu beachten, daß in unserem Kreise nicht geringe Schwierigkeiten bei der Durch setzung der Frauenbewegung zu überwinden waren und teilweise noch zu überwinden sind. Denn unser Wahlkreis ist vorwiegend ländlich und enthält zumeist nur fleinere Orte. Hier stehen natürlich der Betätigung der Frauen am politischen Kampfe weit mehr und weit stärkere Vorurteile entgegen als in den Großstädten. Doch wie den Männern, so ist es auch den Frauen durch ernstes Ringen gelungen, die gemeinsame Organisation an immer mehr Orten und immer fester aufzubauen. Erst sind es einzelne, die sich um das Banner der Organisation scharen, und halten die wenigen mutig Stand, so gesellen sich nach der Größe des Ortes recht bald weitere Mitkämpferinnen zu ihnen. Das Jahr 1911 wird harte Arbeit bringen. In den schweren Kämpfen der nächsten Zukunft gilt es, alle proletarischen Frauen und Mädchen zur tätigen Teilnahme aufzurufen und um unsere Fahne zu sammeln. Dies zu erreichen, muß das ernste Bestreben aller Genossinnen sein. r. d. Frauenchöre bestehen innerhalb der badischen Landesorganisation gegenwärtig zwei. Eine anerkennenswerte Probe seines Könnens gab in dem Mannheimer Vorort Rheinau der zum dortigen Arbeitersängerbund gehörende Frauenchor in einem Volfs= konzert neben dem Männer- und im gemischten Chor. Der dreistimmige Frauengesang wirkte erfrischend und zugleich ergreifend auf die Gemüter der Arbeiter. Um so merkwürdiger berührt es, daß die Gründung eines Frauenchors in Karlsruhe im dortigen Parteiorgan redaktionell bekämpft wurde. Möge es diesem neuen Frauenchor gelingen, dem Rheinauer Vorbild gleichzukommen. Die vortrefflichste Organisation des Arbeitergesanges bleibt aber immer der gemischte Chor, für dessen Pflege noch viel zu wenig Interesse besteht. Außer dem gemischten Chor in Rheinau ist in Baden nur noch der von Offenburg( Freiheit") bekannt; in Oberkirch besteht seit einigen Wochen ein guter Ansatz zu einem sozialdemofratischen gemischten Chor. Politische Rundschau. mg. An der Schwelle des neuen Jahres hat das preußische Proles tariat die offiziöse Mitteilung erhalten, daß es in der kommenden Session des Landtags keine Wahlrechtsreform geben wird. Allerdings wagt Bethmann Hollweg nicht, die einfache Erhaltung der Dreitlassenschmach dem preußischen Volte zu verkünden. Aber er will sich eine Galgenfrist erfausen; erst nach den Reichstagswahlen will er mit einer„ Reform" herausrücken. Wenn der preußische Ministerpräsident glaubt, daß das, was er als Wahlrechtsreform zu bieten hat, aufreizend auf die Reichstagswähler wirken muß, so hat er recht. Aber er täuscht sich, wenn er der Meinung ist, daß sein Zaudern, seine Tattit des Hinausschiebens einen besseren Erfolg haben könnte. So oder so, die preußische Wahlrechtsfrage ist das wichtigste Problem unseres politischen Lebens, und sie wird auch den Mittelpunkt der kommenden Reichstagswahlkämpfe bilden. Um so mehr, als Bethmann Hollweg durch die Scherlpresse versichert, daß der Ausfall der Wahlen die Art der Reform mitbestimmen werde. Das wird ein Grund mehr sein, alles daranzusetzen, daß die Wahlen zu einem durchschlagenden Sieg der Sozialdemokratie werden. Ohne daß sich die preußische und überhaupt die deutsche Arbeiterschaft einen Augenblick darüber täuscht, daß zum Sturze der Junterherrschaft in Preußen mehr gehört als Wahlerfolge, als Mandatseroberungen. Der Moabiter Straffammerprozeß steht jetzt nach mehr als achtwöchiger Dauer dicht vor seinem Ende. Ehe er schließt, beginnt bereits der Schwurgerichtsprozeß gegen die angeblichen Rädelsführer. Noch bovor das Urteil im Strafkammerprozeß fiel, ging über die in Moabit tätigen Polizeibeamten ein Ordensregen nieder. Dieser vermag so wenig wie das endgültige Urteil die Polizei von dem gesetzwidrig vergossenen Bürgerblut reinzuwaschen. Denn das Ergebnis der achtwöchigen Verhandlung war der Nachweis, daß die etwaigen Ausschreitungen einzelner Angeklagter feder leicht wiegen gegen die Untaten und Brutalitäten einer großen Zahl von Polizeibeamten. Das Märchen von dem sozialdemoNr. 8 kratischen Aufstand" hat in der Straffammerverhandlung ein so flägliches Fiasko erlebt, daß selbst die Staatsanwaltschaft jetzt leugnet, jemals daran geglaubt zu haben. Um so fester flammert sie sich nach Bethmann Hollwegs Muster an das Gefasel von der moralischen Schuld der Sozialdemokratie an den Moabiter Straßens schlachten. Der Haß, den jahrelange sozialdemokratische Verhegung gegen Streitbrecher und Polizei in der Arbeiterschaft geweckt und geschürt habe, der sei der Rädelsführer in Moabit gewesen, bes hauptet der erste Staatsanwalt Steinbrecht. Richtig ist, daß dieser Haß besteht, aber die Sozialdemokratie brauchte ihn nicht zu wecken und zu schüren, das besorgten die Streitbrecher im Bunde mit dem Unternehmerübermut, das besorgte die Polizei selbst zur Genüge. Die Verteidigung hat in eingehenden Darlegungen nachgewiesen, daß allein die herausfordernde, brutale Haltung der Firma Kupfer & Co., das provozierende Auftreten der Streitbrecher und das auf fällige Einschreiten der Polizei für die Interessen der Unternehmer, der besonders demonstrative Schutz" der Streitbrecher, die sich unter der polizeilichen Bedeckung jede Herausforderung der Streis fenden und des Publikums leisten durften, die ersten Zusammen stöße zwischen Streitbrechern und Streifenden beziehungsweise zwischen Streitbrechern und Polizei auf der einen und der Bevölke rung auf der anderen Seite verschuldet haben. Die Straßenschlachten der letzten Septemberwoche aber kommen ganz und gar auf das Konto der Polizei. Die Polizei schuf durch unzweckmäßige, topflose Maßnahmen und durch unsinnige Absperrung der verkehrs. reichen Straßen des großen Arbeiter- und Beamtenviertels die An sammlungen und weckte durch schneidig- rücksichtsloses Vorgehen, durch Brutalitäten vieler ihrer Glieder eine Erbitterung, die sich in feindseligen Akten gegen die Schußmannschaft Luft machte. Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß diese Akte zum Teil von polizeilichen Lockspizzeln in Szene gesetzt wurden. Am Abend des 26. Seps tember, dem ersten Tage der größeren Unruhen, verließ sodann die Polizei in höchst sonderbarer Weise die Straßen, nachdem sie am Nachmittag auf die von der Arbeit kommenden Proletarier eingeschlagen hatte, und prompt erschien in der Nacht wie auf Bestellung der Janhagel der Weltstadt und verübte Plünderungen und Zerstörungen, wo bei auch sozialdemokratische Gastwirte bedroht, verwundet und auss geraubt wurden, ohne daß die Polizei eingeschritten wäre. Und während sie in den ersten Stunden nach diesen Ereignissen noch der Wahrheit die Ehre gab und den Berichterstattern der Blätter erklärte, daß diese plündernden und demolierenden Scharen aus Janhagel bestanden, wurde bald darauf dieser Sachverhalt zu verdunkeln und alle diese Vergehen der Arbeiterschaft in die Schuhe zu schieben versucht. Daß die aufs höchste erbitterte Arbeiterschaft und das Kleinbürgertum sich gegen die Polizei wandte, daß aus Menschenmengen, in denen Arbeiter die Mehrheit bildeten, die Polizei be= schimpft und beworfen worden ist, das leugnet niemand, das war die Folge des blindwütigen, brutalen Polizeivorgehens. In die Hunderte reichen die Fälle, wo ruhig ihres Weges gehende Arbeiter. frauen und mädchen als Huren, Saue und dergleichen mehr von den„ Schutz" leuten beschimpft und geschlagen wurden, in die Hunderte die Fälle, in denen ruhige Arbeiter und Bürger, die einzeln, nicht in Mengen die Straßen passierten, mit Säbel und Gummitnippel aufs schwerste mißhandelt, ja niedergeschlagen worden sind ein Arbeiter ist an den Folgen der Säbelhiebe gestorben. Das Aufbäumen gegen dieses Treiben der Polizei zeigt lediglich, daß der Proletarier des zwanzigsten Jahrhunderts sich nicht mehr demütig prügeln und beschimpfen läßt, daß er kein Sklave ist, daß der kulturelle Einfluß der Arbeiterbewegung gewirkt hat. Das ist die Schuld, die die Sozialdemokratie an den Vorgängen in Moabit hat, und diese Schuld darf sie als Verdienst stolz in Anspruch nehmen. Daß die Staatsanwaltschaft die Ergebnisse der Beweisaufnahme ignorieren, die Massenhaftigkeit der Polizeiausschreitungen einfach leugnen und nur vereinzelte Mißgriffe zugeben werde, war nach alter Erfahrung trotz der so zahlreichen gravierenden Bekundungen der einwandfreiesten Zeugen nicht anders zu erwarten. Über alles bisher Dagewesene aber geht es, daß die Staatsanwaltschaft einfach alle Zeugen der Verteidigung im Bausch und Bogen für unglaubwürdig erklärt. Dabei bestehen, wie die Verteidigung mit zwingender Logit nachwies, gerade gegen die Polizeizeugen die denkbar schwersten Bedenken. Gegen die einzelnen Angeklagten sind zum Teil geradezu horrende Strafen beantragt worden, gegen einen 15jährigen Laufburschen, der zwei oder drei Steine geworfen hat, ein Jahr Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft behauptet, daß dieser Knabe bewußterweise Aufruhr verübt hat, jeder andere, der ihn sieht, wird überzeugt sein, daß seine Tat nicht anders denn als Unfug qualifiziert werden kann, als ein Unfug, der lange nicht das Maß der Ausschreitungen Bonner faiserlicher Korpsbrüder erreicht, die so milde mit wenigen Tagen Festung geahndet wurden. Aber Nr. 8 Die Gleichheit die Staatsanwaltschaft will den Jungen durch die Gefängnis strafe bessern! Preußische Gefängnisse als Besserungsanstalten! Natürlich werden alle harten Strafen und alle Reden der Staatsanwaltschaft nicht verhindern, daß der Prozeß in der weitesten Offentlichkeit als eine furchtbare moralische Niederlage der Polizei, als eine beispiellose Bloßstellung dieser sogenannten Sicherheitsbehörde wirkt. Selbst ein Blatt wie die„ Nationalzeitung", das Organ der Nationalliberalen, erklärt, der Prozeß habe dem Staatsinteresse nicht gedient, er lasse ein Gefühl der Erbitterung über polizeiliche Mißgriffe und Unvermögen der Behörden zurück. Nur noch die reine Junker- und Scharfmacherpresse hält, unbekümmert um die Ergebnisse des Prozesses, an ihren Lügen mit Zähigkeit fest und sucht die Richter zur Verhängung von Bluturteilen aufzuheben. Ob sie Erfolg hat oder nicht, das Urteil der großen Mehrheit des deutschen Volkes fann das nicht mehr trüben, zu laut sprechen die Zeugnisse, die in dem Verfahren gehört wurden. Der Moabiter Prozeß bedeutet eine Niederlage der Realtion; die Grube, die für die Sozialdemokratie gegraben werden sollte, wurde der Polizei und dem herrschenden System zum Verhängnis. Indes hat die Reaktion schon einen neuen Knochen gefunden, von dem sie hofft, daß er ihr gegen die Sozialdemokratie dienen soll wie der Eselskinnbacken dem Simson wider die Philister. Es ist nichts so dumm, daß es nicht geglaubt wird, sofern es gegen die verhaßte Arbeiterbewegung verwendbar erscheint. Im ganzen Bereich des 15.( badischen) Armeekorps ist den Kommandos ein streng vertrauliches Schreiben zugegangen, wonach in den Weihnachtsfeiertagen an beurlaubte Soldaten sozialdemokratische( 1) Flugblätter verteilt worden sein sollen, die zur Gehorsamsverweigerung am 27. Januar( dem Geburtstag des Kaisers), zur Verweigerung des Parademarsches oder gar zur Proklamierung der badischen Republik auffordern. Obgleich jedermann auf den ersten Blick er tennen muß, daß dieser unsinnige Wisch nur das Erzeugnis eines Narren oder eines Lockspizels sein kann, behauptet die Militärbehörde in ihrem vertraulichen Erlaß ohne weiteres, daß die Blätter von sozialdemokratischer Seite verteilt werden. Und die Scharfmacherpresse nimmt diese unsinnige Behauptung zustimmend auf und schreibt höchst ernsthafte Leitartikel über„ rote Wühlerei im deutschen Heere"! Die Wahlen in England haben keinerlei wesentliche Verände rung in der Stärke der Parteien gebracht, die Hoffnung der Liberalen, daß fie mit vergrößerter Mehrheit ins neue Parlament einziehen würden, hat sich nicht erfüllt, ihr unentschlossenes, zaghaftes Vorgehen gegen die Lords des Oberhauses hat keine Voltsbewegung schaffen tönnen. Sie bleiben nach wie vor auf die Hilfe der Fren und der Arbeiterparteiler angewiesen, wenn sie eine Mehrheit bilden wollen. Was sie nun tun werden, ist noch nicht zu erkennen. Die Arbeiterpartet ist um drei Mandate stärker geworden, sie zählt jetzt 43 Abgeordnete. Die Genugtuung über diesen Gewinn wird indes dadurch sehr gedämpft, daß die sämtlichen 43 Gewählten nur mit Hilfe der Liberalen in einem Falle der Konservativen durchgekommen find, keiner aber aus eigener Kraft. Wo ein Arbeiterparteiler gegen Liberale( beziehungsweise gegen Liberale und Konservative) kandidierte, ist er jedesmal und meist böse durchgefallen. Ebenso ging es dem einzigen Kandidaten der Sozialdemokratischen Partei. Das enthüllt eine große Schwäche der politischen Arbeiterbewegung Großbritanniens. Ihre parlamentarische Vertretung stützt sich nicht auf das Klassenbewußtsein der Arbeiterschaft, sie ist daher abhängig von der Unterstützung der liberalen Partei, und im Gefühl dieser Abhängigkeit wagt sie feine Arbeiterpolitik zu treiben. In Rußland machen sich die Anzeichen eines neuen Erwachens der Voltskräfte nach den furchtbaren Aderlässen der Gegenrevolution bemerkbar. Der Tod Tolstois gab den russischen Studenten Anlaß zu Straßendemonstrationen gegen die Todesstrafe, die der große Dichter mit aller Kraft bekämpft hatte. Auch in der Arbeiterschaft regt sich's wieder. Indes fährt die Reaktion womöglich in ver stärkter Weise in ihrem Wüten fort. Durch brutale törperliche Mißhandlungen, durch Unterstellung unter die Prügelstrafe, treibt sie Scharen politischer Gefangener zum Selbstmord. So entleibte sich im Dezember in einer sibirischen Gefängnishöhle der Revolutionar Ssasonow, der im Jahre 1904 den Blutmenschen Plehwe tötete. Ein furchtbarer Justizmord soll in Japan vollbracht werden. Das Land der aufgehenden Sonne hat noch keine klassenbewußte Arbeiterbewegung, sondern vorerst nur fleine Gruppen sozialistischer Intellektueller, die von der Regierung aufs schärfste verfolgt werden. Ein angebliches Komplott zur Ermordung des Mitados, von an geblichen Anarchisten geplant, wurde entdeckt. Db an der ganzen Schauergeschichte überhaupt etwas Wahres ist, steht dahin, der Anschein spricht schon deshalb dagegen, weil die Regierung die Untersuchung streng geheim führen ließ, das Gericht ebenfalls ge123 heim war und der Presse jede kritische Außerung über die Affäre verboten wurde. Dieses Komplott muß als willkommener Vorwand dienen, fast alle bekannten Sozialisten zu verhaften. Die Richter haben natürlich die Erwartungen der Regierung erfüllt, 26 Sozialisten und Anarchisten sind zum Tode verurteilt worden. Japan wird aber sowenig wie Rußland durch alles Blutvergießen die Entstehung und Entwicklung der Arbeiterbewegung auf die Dauer hindern können. Freilich, es sind nicht bloß halbkultivierte Staaten wie Rußland und Japan, wo Bluturteile und Justizmorde vorkommen, auch hochzivilisierte bürgerliche Staatswesen verzichten im Kampfe gegen die Arbeiterklasse nicht auf solche Waffen. Der Fall Durand in Frankreich, der in der„ Gleichheit" schon an anderer Stelle behandelt wurde, zeigt es flärlich. Inzwischen ist das Todesurteil über den Gewerkschaftssekretär Durand freilich in siebenjährige Kerkerhaft verwandelt worden. Aber dadurch ist der Justizmord nicht aufgehoben, und das französische Proletariat wird nicht abstehen, die Revision des Prozesses Durand zu erzwingen. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Das Urteil gegen den französischen Gewerkschaftssekretär Durand ist von der Revisionsinstanz bestätigt worden. Der zum Tode Verurteilte wurde aber zu siebenjähriger Gefängnisstrafe„ begnadigt". Der Bewegung gegen dieses Urteil der Klassenjustiz haben sich die Gewerkschaften fast aller Länder angeschlossen. Noch ehe die Begnadigung erfolgte, hatte der Zentralvorstand der französischen Gewertschaften erklärt, die Arbeiter seien entschlossen, die Freilassung Durands mit allen Mitteln durchzusetzen, nötigenfalls durch den Generalstreit mit allen seinen Folgen. Sollte das Urteil vollstreckt werden, so würde den dafür Verantwortlichen„ Gleiches mit Gleichem vergolten" werden. Die organisierten Arbeiter Frankreichs werden sich sicher mit der Begnadigung" nicht zufrieden geben, sondern die Freisprechung Durands verlangen. Das Urteil, das schon von vornherein auf recht wackligen Füßen stand, ist inzwischen noch mehr erschüttert worden dadurch, daß der Hauptbelastungszeuge seine Aussagen wesentlich zugunsten Durands abgeändert hat. In der Bergarbeiterbewegung des Ruhrreviers haben jetzt die drei gemeinsam vorgehenden Organisationen, der alte Bergarbeiterverband, der Hirsch- Dunckersche Gewerkverein und die polnische Berufsvereinigung einen Aufruf erlassen, in dem zur Abhaltung von Versammlungen für alle Zechen im Ruhrgebiet aufgefordert wird. Die Meinung der Bergarbeiter selbst zur gegenwärtigen Lage soll zum Ausdruck kommen. Der Streit auf den Gruben in Hausham und Penzberg in Oberbayern konnte mit teilweisem Erfolg für die Arbeiter beendet werden. Einige Arbeiterkategorien erhalten ab 1. Februar, andere bei besserer Konjunktur Lohnausbesserungen. Sämtliche Streifende sind am 27. Dezember wieder angefahren. Der Kampf in der Pforzheimer Edelmetallindustrie ist von den Arbeitern abgebrochen worden. Die Einigungsversuche der Regierung waren ergebnislos. Die Unternehmer stellten Bedingungen, auf die die Arbeitervertreter nicht eingehen konnten. Die Vernichtung der Organisation ist den Kapitalprozen natürlich nicht gelungen, der Verband geht gekräftigt aus dem Kampfe hervor. Zu gelegener Zeit soll der Kampf wieder aufgenommen werden. Die Lohnbewegung in den Rohglasschleifereien der Oberpfalz hat zwar einstweilen noch nicht zum Ausstand geführt; aber eine Einigung wurde bei den Verhandlungen zwischen Arbeitern und Unternehmern doch nicht erzielt, weil die letzteren selbst die revidierten Forderungen der Arbeiter ablehnten. Die bayerische Regierung will vermittelnd eingreifen. Über die allgemeine Tarifbewegung, die sich in der Holzindustrie vorbereitet, wird an anderer Stelle berichtet. Ausgesperrt wurden die Kürschner in Rötha bei Leipzig am Vorabend des heiligen Weihnachtsfestes. Weil die Arbeiter nicht dulden wollten, daß einige ihrer Arbeitsgenossen wegen Zugehörigfeit zur Organisation gemaßregelt würden, ließ der Obermeister der Innung, der im Kirchenvorstand sitt, aus christlicher Nächstenliebe 250 Mann aufs Straßenpflaster werfen. Auch von den Arbeiterinnen wird der Austritt aus der Organisation verlangt. Schwarze Liste und die allezeit unternehmerdienstbeslissene sächsische Polizei müsse im übrigen helfen, die Arbeiter niederzuringe... Der Brauereiarbeiterverband hat in verschiedenen Malzfabriken erfolgreiche Lohnbewegungen durchgeführt. Durch die bürgerliche Presse geht eine Mitteilung, derzufolge auf den Reichswerften Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse - zunächst probeweise erfolgen sollen. Die Arbeitszeit, die jetzt 60 bis 65 Stunden beträgt, würde nach dieser Meldung auf 56. Stun 124 Die Gleichheit den pro Woche verkürzt werden. Des weiteren soll eine Erhöhung der Stundenlöhne um durchweg 2 Pf. und die Festsetzung von Mindestlöhnen für neueingestellte Arbeiter vorgesehen sein, sowie Lohnzahlung Freitags statt wie bisher Sonnabends. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese Verbesserungen als Nachwirkungen der im letzten Jahre auf den Werften geführten Kämpfe der Arbeiter ansieht. Auch foll wohl zugleich den Arbeitern der Staatsbetriebe vor den Reichstagswahlen eine bessere Meinung vom Vater Staat beigebracht werden. Eine Umfrage über Arbeiterferien will der Zentralverband Deutscher Industrieller unter seinen Mitgliedern veranstalten. Es soll festgestellt werden, was für Erfahrungen die Unternehmer mit der Gewährung eines jährlichen Erholungsurlaubs unter Fortzahlung des Lohnes gemacht haben. Wir zweifeln nicht daran, daß diese Auskünfte in überwiegender Mehrzahl günstig lauten werden. Aber wird der Zentralverband der Industriellen daraus die Konsequenz ziehen, seinen Mitgliedern die Gewährung von Ferien für die Arbeiter und Arbeiterinnen allgemein anzuempfehlen? Er hätte damit wohl das erstemal, solange er besteht, etwas vernünftiges getan.„ Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube", so sehr auch die günstige gesundheitliche Wirkung der Ferien den Unternehmern in Form erhöhter Arbeitsleistung zugute fommt. Mit dem Anfang dieses Jahres ist die Verschmelzung der Verbände der Maurer und Bauhilfsarbeiter ins Leben getreten. Auch die Isolierer und Steinholzleger gehören dem Verband an. Hoffentlich erfolgt die Angliederung auch des Zimmerer verbandes in nicht allzu ferner Zeit, so daß dem starkkoalierten Unternehmertum des Baugewerbes eine einige, geschlossene und große Arbeiterorganisation kampftüchtig gegenübersteht. Vortreffliche Erfolge in der Organisierung der Arbeiterinnen hat der Buchbinderverband zu verzeichnen. Dieser Verband hatte als erster die Notwendigkeit der Eingliederung der Arbeiterinnen in die Organisation erkannt und hatte in der Betätigung dieser Erkenntnis der deutschen Gewerkschaftsbewegung ein leuchtendes Vorbild geboten. Von den 3786 Mitgliedern, um die der Verband in den drei letzten Quartalen des vergangenen Jahres zunahm, find 2710 weibliche. Die 12938 weiblichen Mitglieder, die der Buchbinderverband jetzt zählt, bilden nahezu die Hälfte seiner Mitglieder überhaupt. In nicht zu langer Zeit dürfte die Zahl der weiblichen Mitglieder die der männlichen überflügeln. Jm Verhältnis der organisierten zu den unorganisierten Berufsangehörigen haben die Arbeiterinnen bereits einen Vorsprung vor ben Männern; rund 28000 männliche und 17000 weibliche Arbeiter der verschiedenen in Betracht kommenden Erwerbszweige sind noch zu organisieren. Unsere Scharfmacher befinden sich bekanntlich zurzeit auf der Suche nach Material für neue Ausnahmegesetze zum Schuhe der Arbeitswilligen. Sie wollen dieses Material dem Reichstag unterbreiten. Daß man bei der Sammlung nicht sehr wählerisch sein wird, liegt auf der Hand. Die„ Arbeitgeber- Beitung" fafelte zum Beispiel letthin davon, bei einem Buchbinderstreik habe sich ergeben, daß ein vermehrter und energischer Schutz der Arbeitswilligen auf gesetzlichem Wege unbedingt erforderlich sei". Außer allgemeinen Redensarten konnte zwar nichts angeführt werden, was ein solches Verlangen rechtfertigt. Aber die einfache Tatsache, daß die Arbeiter von dem ihnen gesetzlich gewährten Recht Gebrauch machten und„ ,, Streitposten in großer Anzahl" aufstellten, genügt der Zeitung, um von Bedrohung der Arbeitswilligen zu schreiben und nach mehr Schutz für diese zu schreien. Ähnlich dürfte das„ Material" der Scharfmacher zur Begründung vermehrten Arbeitswilligenschutzes aussehen. Und das in den Tagen, wo die Hingegarde nicht bloß in Berlin, sondern auch im badischen Musterländle beim Streit in der Rastatter Waggonfabrit eine behördliche Fürsorge erfährt, wie fie Potentaten von der Art eines Nikolaus II. taum größer zugewendet wird. Den Herren Kapitalisten sind die Instrumente der Hinze& Ko. nicht weniger unentbehrlich wie die Instrumente des Himmels. # Die Tarifbewegung in der Holzindustrie ist bisher über die Vorverhandlungen nicht hinausgekommen. Diese Vorverhandlungen wurden zwischen den Zentralvorständen der Arbeiter- und der Arbeitgeberorganisationen gepflogen und führten zur Vereinbarung einer Reihe von Vertragsbestimmungen, die als Unterlage zu den fommenden örtlichen Vertragsverhandlungen dienen sollen, ohne für die Ortsgruppen bindend zu sein. Derartige einheitliche Vertragsbestimmungen sind in der Holzindustrie nicht mehr ganz neu. Schon die Vertragsgruppen der letzten Jahre zeigen fast gleichlautende Bestimmungen über die Schlichtungskommissionen und über die Kündigungsfristen. Die nun schon zum fünftenmal wiederkehren Nr. 8 ben zentralen Verhandlungen mußten notwendigerweise ein einheitliches Recht und damit möglichst gleichartige Fassungen für alle Vertragsorte erstreben. Alle Wünsche an einen guten und mustergültigen Tarifvertrag werden freilich auch bei derartigen Vorverhandlungen nicht gleich voll in Erfüllung gehen. Dazu ist das Gebiet zu neu, auch führen die gegenseitigen Machtverhältnisse und Interessen zu sehr verschiedenen Auffassungen. Immerhin dürfte die nunmehr vereinbarte Vorlage die künftigen örtlichen Verhandlungen vielfach erleichtern. Die manchmal recht langwierigen Verhandlungen über die Fassung der neuen Vertragsbestimmungen werden sich dadurch oft ganz erübrigen. Die Vorlage der Zentralvorstände, die inzwischen noch von einer zentralen Kommission beider Parteien bearbeitet worden ist, ent hält Bestimmungen über den Geltungsbereich des Vertrags, über Arbeitszeit, Überstunden, Arbeitslohn, Montagearbeiten, Schlich tungskommission, Vertragsdauer und anderes mehr. Die Fassung sieht für jeden Drt Zuschläge für überstunden sowie einen bestimmten Lohnsah( Durchschnitts-, Normal, Mindestlohn) vor. Mit jedem Arbeiter muß innerhalb der ersten sechs Tage seiner Beschäftigung ein Lohn vereinbart werden. Das gilt auch für Affordarbeiter, doch wird mit solchen der endgültige Lohn erst nach Beendigung des ersten Affordes festgelegt. Dieser Lohnsatz wird bei allen außertariflichen Arbeiten garantiert. Der Akfordtarif wird zwischen den Parteien vereinbart. Wo eine Einigung nicht erzielt wird, setzt die Schlichtungskommission die Affordpreise fest. Bestehende Affordtarife können auf Antrag durch die Schlichtungskommission nachgeprüft werden. Für alle Montagearbeiten( Arbeiten außerhalb der Werkstelle), welche über einen halben Tag dauern, sind Zuschläge vorgesehen, die mit der Entfernung von der Werkstelle steigen. Bei der Ausführung von Arbeiten an solchen fremden Orten, wo vertragsmäßig bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen existieren, müssen diese besseren Bedingungen ( höhere Löhne, fürzere Arbeitszeit und dergleichen) gewährt werden. Zur Beilegung von Streitigkeiten, welche aus dem Arbeitsverhältnis entstehen, werden Schlichtungsfommissionen gewählt, die je zur Hälfte aus Arbeitern und Arbeitgebern bestehen. Vor der Entscheidung dieser Kommissionen und derjenigen der Zentralvorstände, die als letzte Instanz vorgesehen sind, dürfen weder Arbeitseinstel lungen noch Aussperrungen erfolgen. Das sind einige der wesentlichsten Bestimmungen des Vertragsmusters. Über die Vertragsdauer ist eine Verständigung seither nicht erreicht worden. Die Arbeiter bestehen auf der vom Holzarbeiterverbandstag geforderten vierjährigen Vertragsdauer, während die Arbeitgeber Verträge von drei oder sechs Jahren wünschen. Die zentralen Instanzen waren sich darüber einig, daß zivilrechtliche Ansprüche an die beiderseitigen Verbände aus den Tarifverträgen nicht hergeleitet werden sollen. Es kann daher zum Beispiel nicht mehr vorkommen, daß die Unternehmer den Verband auf Schadenersatz wegen der Maifeier verklagen, wie dies früher die Hamburger Holzindustriellen taten. Mit der Festsetzung der hier furz sfizzierten Musterbestimmungen ist die diesjährige Tarifs bewegung in der Holzindustrie noch lange nicht abgeschlossen. Diese Vorschläge sollen ja nur den Rahmen bilden, in dem sich die nunmehr beginnenden örtlichen Verhandlungen bewegen. Durch sie erst wird der materielle Inhalt der tünftigen Tarifverträge: Lohn, Arbeitszeit und dergleichen, festgelegt werden. Es läßt sich heute noch feineswegs absehen, welche Schwierigkeiten sich hierbei ergeben werden. Das Mehr oder Weniger dürfte dabei wesentlich von der Stärke der beiderseitigen Organisationen abhängen. Die alten Verträge laufen Mitte Februar ab. f. k. Die zweite Konferenz der organisierten Textilarbeiterinnen des Ganes Süd, der Württemberg und die Pfalz umfaßt, hat am 20. November in Stuttgart getagt. 12 Ortsverwaltungen hatten 26 Vertreterinnen entsendet. Gauleiter Hoschta führte den Vorsitz. Auf der Tagesordnung der Konferenz standen vier Punkte: 1. Bericht über die Tätigkeit seit der ersten Konferenz, 2. Agitation und Organisation, 3. Wahl einer weiblichen Vertrauensperson, 4. Verschiedenes. Die Berichterstattung der Delegierten gab ein Bild von dem Stand der Textilarbeiterschaft im Gau und von der rege betriebenen Hausagitation, wie ihren großen Erfolgen. Die Zahl der gewonnenen Mitglieder beweist am besten den Pflichteifer und die Opferwilligkeit der tätigen Gewerkschafterinnen bei dieser schwierigen Art des Wirkens. Besonders zu erwähnen ist, daß in Sandhofen die Agitation auf große Hindernisse stößt, weil hier das patriotische Unternehmertum viele tschechische Arbeitskräfte beschäftigt. Die Bestrebungen der tschechischen Gewerkschaftsseparatiften, Uneinigkeit in die Reihen der organisierten Tertilarbeiter zu tragen, hatten bisher keinen Erfolg. In dem Bezirk der Trikot Nr. 8 Die Gleichheit fabrikation von Balingen, Ebingen usw. stehen die Arbeite rinnen noch stark unter der Fuchtel der Kirche und sind daher nur schwer für die Organisation zu gewinnen. Dabei ist auch hier ihre Lebenslage feineswegs rosig. In Tuttlingen, wo schlechte Behandlung die Zugabe zu niedrigen Löhnen ist, wurden von den 10 bis 14 Mt. wöchentlichem Verdienst noch Abzüge bis zu 5 Mt. gemacht für Nadeln, Faden und Seide. Für dreiviertelstündige Reinigungsarbeit gibt es 15 Pf. Strafen werden aus den geringfügigsten Anlässen verhängt. In der Süddeutschen Baumwoll industrie Kuchen ist brutale Behandlung die Regel, den Arbeitern wird sogar mit Schlägen gedroht. Dafür predigt der Seelsorger eitel Friede, Zufriedenheit und Nächstenliebe und macht den Mäd chen vor den Sozialdemokraten graulich. Auch in Reutlingen liegen die Dinge ähnlich. Die Arbeiterinnen müssen den Mut haben, fich von dem geistlichen Einfluß loszureißen, wenn sie bessere Lebensverhältnisse erringen wollen. Gauleiter Hoschka berichtete über die Mitgliederbewegung. Er wies nach, daß die Filialen, in denen Hausagitation betrieben wird, einen stetigen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen haben. Das müsse ein Ansporn für die nicht vertretenen Ortsverwaltungen sein, auch ihrerseits eine regere Agitation zu entfalten. Hierauf referierte Genossin DöhringStuttgart über:" Agitation und Organisation". Die Rednerin be tonte, daß die Notwendigkeit der Organisation und der Agitation fich aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen ergebe, und daher wirksam bleibe, solange diese bestehen. Unter Hinweis auf das große Heer der in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen zeigte sie, wie flein noch die Zahl der organi fierten Arbeiter verglichen mit derjenigen der unorganisierten sei. Auf 100 Berufsangehörige kommen in der Textilindustrie nur 18,4 Drganisierte. In Süddeutschland steht die Prozentzahl der Organi fierten sogar noch weit unter dieser Ziffer, hier gibt es noch Orte, wo die Textilarbeiterschaft noch jedes gewerkschaftlichen Zusammenschlusses ermangelt. Es fragt sich nun: wie agitieren wir am besten, um die Organisation auszudehnen und zu befestigen? Die Rednerin begründete eingehend, daß von den verschiedenen Agitationsmethoden die Hausagitation die am meisten Erfolg versprechende sei. Bum Schlusse schlug sie im Einvernehmen mit dem Gauvorstand folgende Resolution yor, die zur Annahme gelangte: " Die am 20. November 1910 tagende Arbeiterinnenkonferenz des Gau Süd beschließt: Die heute anwesenden weiblichen Delegierten verpflichten sich, jedes Vierteljahr einen Bericht über ihre Tätigkeit an die zu wählende weibliche Vertraueusperson des Gaues einzusenden. Der Bericht soll in der Regel Auskunft geben über die Zahl der in der Hausagitation gemachten Besuche, über die Zahl der Aufnahmen, über allgemeine Erfahrungen und über eventuelle Mißstände in den Betrieben. Die weibliche Gauvertrauensperson hat diese Berichte vierteljährlich zusammenzustellen und einen einheitlichen Bericht an den Gauleiter zu erstatten. Die Kosten für die Berichterstattung und eventuelle Entschädigung sind den Delegierten von den Filialkassen, für die Gauvertrauensperson von der Gaulasse zu ersetzen." In der Diskussion ward angeregt, fleinere Bezirkskonferenzen abzuhalten, auf denen wichtige Fragen der Agitation erörtert und die gewonnenen Erfahrungen ausgetauscht werden sollen. Als Vertrauensperson wurde Genossin Döhring gewählt, die mit ihrem Danke für das Vertrauen den Wunsch aussprach, daß die Konferenz den Verband in seinem Kampfe gefördert habe, die darbenden Textilarbeiter aus Elend und Knechtschaft zu befreien. Genosse Hoschka gab zum Schlusse einen Überblick über die Ergebnisse der Konferenz und forderte zu weiterer eifriger Arbeit für den Verband auf. Um die organisierten Arbeiterinnen dafür durch tiefere Ausbildung auszurüften, empfahl er ihnen geeignete Lektüre. Die Tagung wird ihre günstige Wirkung auf die Agitation und insbesondere die Betätigung der Frauen dabei nicht verfehlen. Genossenschaftliche Rundschau. t. ch. In etwa fünfzehn() Artikeln, deren letzter vor kurzem erschien, hat Heinrich Kaufmann, der Generalsekretär des Zentralver bandes deutscher Konsumvereine, in der Konsumgenossenschaftlichen Rundschau" den Internationalen Kongreß in Kopenhagen und den Parteitag in Magdeburg besprochen, soweit beide Tagungen zur Genossenschaftsfrage Stellung nahmen. In Kopenhagen sowohl wie in Magdeburg ist deutlich zum Ausdruck gekommen, daß die politisch organisierte Arbeiterschaft die Konjumvereine als ein wirkungsvolles Hilfsmittel im Klassentampf betrachtet und gewillt ist, dieselben sozial auszubauen, mit sozialem Geiste zu erfüllen. Scharf zum Ausdruck kam infolgedessen auch, daß Sozial demokratie und Konsumvereine in einem möglichst freundlichen Ver125 hältnis zueinander stehen sollen, was sich um so leichter erreichen läßt, als vielfach dieselben Personen in beiden Organisationen tätig sind. Und es ist eine Tatsache, daß die sozialdemokratischen Organisationen, die Parteipresse und die Genossen im allgemeinen im Sinne eines guten Einverständnisses zu arbeiten bemüht sind. Aus den fünfzehn Artikeln Kaufmanns spricht leider ein anderer Geist. Es müßte die leitenden Konsumvereinler freuen, daß die Sozialdemokratie nunmehr so offen und offiziell für die Arbeitergenossenschaften eintritt. Erst recht, da sie der Partei fortwährend vorwerfen, sie fümmere sich zu wenig um die Konsumvereine. Statt dessen versucht Kaufmann in dem Bestreben, von der Sozialdemokratie abzurücken, nachzuweisen, daß die Partei absolut nichts in die Arbeitergenossenschaften hineinzureden habe. Durch die ganze Artikelserie geht ein so unfreundlicher Ton, daß niemand über die Absicht im unflaren bleiben kann. Auf Einzelheiten einzugehen verbietet sich an dieser Stelle schon aus räumlichen Gründen. Unsere Parteipresse möchten wir aber darauf hingewiesen haben. Kaufmann nennt die Kopenhagener Resolution revisionistisch, die Magdeburger radikal. Und die letztere ist ihm offenbar die unbequemere, weil fie Selbstverständlichkeiten" ausspräche. Man müßte meinen, wenn eine solche übereinstimmung über die Bedeutung der Konsums vereine zwischen Partei- und Genossenschaftsinstanzen vorhanden ist, dann wäre alles gut und die Vorbedingung für ein Miteinanderarbeiten gegeben. Kaufmann gibt mit feinem Worte diesem Gedanken Ausdruck! Wie ein roter Faden geht die Auffassung durch die Artikel: Ihr habt uns nichts zu sagen. Wir bestimmen die Richtung. Und mit überlegener Gebärde und Nasenrümpfen wer den allzu große Vertraulichkeiten, die sich die Sozialdemokratie etwa anmaßen sollte, von vornherein zurückgewiesen. Die Partei wird sich über die verschmähte Liebe nicht besonders alterieren; sintes malen die Konsumvereinsbewegung nicht von einzelnen Personen, sondern von der Masse organisierter Arbeiter getragen wird. Es ist aber höchste Zeit, daß derart selbstherrliches Gebaren von den in den Konsumvereinen tätigen Genossen etwas näher nachgeprüft und der Gesamtwille der Masse nachdrücklich zum Ausdruck gebracht wird. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, als ob Kaufmann mit seiner Anschauung auch die des Zentralverbandes vertrete. Im Sommer des Jahres 1911 findet in Dresden eine internationale Hygieneausstellung statt, die ein bedeutsames Unternehmen zu werden verspricht. Umfang, Vielseitigkeit und Art der Ausstellung lassen das schon jetzt erkennen. Sie wird insofern noch ein spezielles Interesse für die Arbeiter haben, als auch die Konsumvereine auf ihr vertreten sein werden. In einer besonderen Abteilung werden der Zentralvorstand und die Großeinfaufsgenossenschaft deutscher Konsumvereine die Entwicklung und Bedeutung der Arbeitergenossenschaften zeigen. Ausstellungsobjekte werden sein: Konsumgenossenschaftliche Literatur, graphische Dar stellungen, Protofolle, Geschäftsberichte, Bilder, Gipsmodelle von Geschäfts, Fabrit- und Verwaltungsgebäuden( vor allem der Eigenbetriebe), Darlegung der kaufmännischen und sozialen Einrichtungen usw. Neben den beiden Zentralinstituten werden wahrscheinlich auch noch einzelne der großen Konsumvereine, besonders die Dresdener, an der Ausstellung sich beteiligen. Es wäre nicht zu verwundern, wenn die Krämer ob des Unternehmens, die Konsumvereine mit Hilfe der Ausstellung zu propagieren, wieder einmal in Entrüstung geraten. Wir müßten uns sehr täuschen, wenn sie gegen die Ausstellungsleitung nicht den Vorwurf erhöben, sie unterstütze die sozialdemokratischen Bestrebungen, indem sie auch den Konsumvereinen die Tür offen hält. Hat man doch von anderer Seite schon ähnlich geflagt, weil die Generalfommission der Ges wertschaften in Dresden eine Heimarbeitausstellung veranstaltet. Die Mittelständler scheinen übrigens in der Bekämpfung der Konsumvereine zu neuen, eigenartigen Methoden greisen zu wollen. So forderten in einem sächsischen Orte, wie die„ Konfumgenossenschaftliche Rundschau" fürzlich berichtete, die Krämer dort in der Zeitung die Handel- und Gewerbetreibenden auf, ohne Ausnahme dem Konsumverein beizutreten. Anteil und Haftsumme seien ja verhältnismäßig flein.„ Auf diese Weise werden fie( die Händler) auf die ihren Interessen entgegenstehenden Bestrebungen des Konsumvereins Einfluß gewinnen, wenn sie dann die Generalversammlungen der Genossenschaft fleißig besuchen. Jammern und Wehklagen nützt nichts, man muß die Sache prattisch anfangen." Das ist doch einmal ein origineller Einfall! Die Krämer wollen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Sie scheinen dabei allerdings zu vergessen oder überhaupt nicht zu wissen, daß die Konsumvereine gegen solche Kunden, die der Genossenschaft nur angehören, um sie zu schädigen und zu verderben, ein sehr einfaches und probates Mittel haben: sie werden einfach 126 Die Gleichheit ausgeschlossen. Die neue Jdee hat also einen großen Halen. Jm übrigen würde, wenn dieses merkwürdige Verfahren der Krämer Schule machte, das Interesse der Arbeiter erst recht auf die Konfumvereine gelenkt. Die beabsichtigte Wirkung bleibt nicht nur aus, fie schlägt vielmehr in das Gegenteil um. So wird die Anwendung dieses überschlauen Gedankens praktisch unmöglich, sonst aber direkt schädlich für die Mittelstandsretter sein. Immerhin muß darauf hingewiesen werden, damit sich die Konsumvereine keine Ruckucks eier ins Nest legen lassen. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Mit der Lage der Nürnberger Hausarbeiterinnen beschäftigte sich eine start besuchte Versammlung, die vom Nürnberger Hausangestelltenverband einberufen worden war. Das Referat hatte die Arbeitersekretärin, Genossin Grünberg, übernommen. Nach ihren Ausführungen sind in Nürnberg 2000 Frauen als Wasch- und Puhfrauen, Zuspringerinnen und Monatsfrauen beschäftigt. Die Arbeits- und Lohnverhältnisse dieser Hausarbeiterinnen sind außer ordentlich schlecht. Für sie besteht kein Arbeiterschutz, feine geregelte Arbeitszeit, keine bestimmte Pause zum Essen. Für 12 bis 16 Stunden hartes Mühen werden 1 bis 2,20 Mt. Taglohn gezahlt, der Stundenverdienst beträgt also 8 bis 14 Pf. Ebenso gering find Frauen entlohnt, die nur stundenweise beschäftigt werden. Auf Neubauten bekommen die Puzfrauen zwar etwas höhere Löhne, allein eine Bezahlung von 20 bis 30 Pf. pro Stunde für ihre äußerst schwere und schmutzige Arbeit ist ebenfalls zu niedrig. In den Fällen, wo die Hausarbeiterinnen das Essen erhalten, ist dieses häufig ganz ungenügend. Nicht selten wird ein dünnes Scheibchen Brot und schlechter Kaffee als Mittagessen verabreicht. In bezug auf Arbeitsund Lohnverhältnisse lauten die Forderungen der hauswirtschaft. lichen Arbeiterinnen: Einführung des Zehnstundentags und eines Mindeſtſtundenlohnes von 30 Pf. Wird Kost gegeben, so soll der Lohn pro Stunde 25 Pf. betragen. Für Überstunden sind 35 Pf. zu zahlen. Auf Bauten beschäftigte Frauen müssen 40 Pf. Mindest= stundenlohn erhalten. Bei diesen Forderungen ist zu bedenken, daß die in den Nürnberger Gemeindebetrieben beschäftigten Putz- und Waschfrauen schon längst 2,60 bis 3,60 Mt. Taglohn bekommen. Sehr ungünstig ist auch die Lage der Hausarbeiterinnen in betreff der Versicherungsgesetzgebung. Die Unfallversicherung fommt für sie gar nicht in Betracht und die Krankenversicherung nur, wenn die Arbeit länger als acht Tage dauert und in einem Gewerbebetrieb stattfindet. Einzig und allein der Invaliditäts- und Altersversicherung sind sämtliche Hausarbeiterinnen unterstellt. Hierfür muß jede Woche eine Marke geklebt werden, auch wenn die Frau nur einige Stunden auf einer Arbeitsstelle tätig ist, und zwar ist zum Kleben der Arbeit geber verpflichtet, bei dem die Arbeiterin zuerst in der Woche tätig ist. Aber selbst diese einzige Versicherung wird nicht immer durchgeführt. Die Frauen scheuen sich oft, die Invalidenkarte zum Kleben vorzuzeigen, weil die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen ein großes Geschrei zu erheben pflegen über die Unverschämtheit dieser Personen", denen man neben fürstlichen Löhnen auch noch Versicherungsbeiträge zahlen solle. Um diesem Gejammer aus dem Wege zu gehen, verzichten die armen Frauen auf ihr fümmerliches Recht. Neben der Forderung einer fürzeren Arbeitszeit und höherer Löhne müssen die Hausarbeiterinnen daher auf die Innehaltung der Verücherungspflicht dringen. Zum Schlusse betonte Genoffin Grünberg, daß die Hausarbeiterinnen Aussicht auf Durchsetzung ihrer Forderungen und Erfüllung ihrer Rechte nur dann hätten, wenn sie sich zusammenschlössen im Hausangestelltenverband. Es folgte eine anregende Dis kussion, in der die angeführten Mißstände durch viele Beispiele erhärtet wurden. Sie zeigten, daß von Justizrats an bis zum Gast wirt herunter miserabel gezahlt, die Arbeitszeit endlos lang ausgedehnt und die Versicherungspflicht außer acht gelassen wird. Auf Wunsch der anwesenden Hausarbeiterinnen soll im Januar wieder eine Versammlung stattfinden, die sich mit ihren Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. ++ Zur Lage der Textilarbeiterinnen in Schlesien. Schlesien ist das Land der schroffsten Gegensätze. Der geradezu fabelhaften Vermehrung des Reichtums der Großindustriellen steht die grenzenlose Armut und leider auch Bedürfnislosigkeit der Arbeiterschaft gegenüber. Die durch Generationen währende Unterernährung als Folge der Ausbeutung durch Junker und Kapitalisten hat das schlesische Proletariat in seiner Widerstandsfähigkeit geschwächt. Nr. 8 Die geistige Entwicklung ist ferner lange aufgehalten worden durch das Pfaffenregiment und den weitverbreiteten Alkoholgenuß, dem gerade dort am meisten gefrönt wird, wo die Schwarzen sich am eifrigsten die Niederhaltung der Arbeiter angelegen sein lassen. Aber es beginnt auch in Schlesien unter den Ausgebeuteten zu tagen. Die gedrückte schlesische Arbeiterschaft rüttelt an den Ketten, die sie fesseln. Daß sie sich ihrer Knechtschaft bewußt wird, dafür sorgt das Unternehmertum selbst. Die Arbeiterinnen müssen für Schundlöhne schuften. Verdienste von 6 bis 7 Mt. pro Woche werden schon als gute bezeichnet, es kommt auch vor, daß Arbeiterinnen 4 Mt., ja sogar 2 Mt. heimbringen, und von diesen Löhnen müssen sie oft noch Pflegegeld für ihre Kinder in der Höhe von 3 bis 3,50 Mit. wöchentlich bezahlen! Zu der miserablen Bezahlung kommen noch Lohnverschlechterungen durch unkontrollierbare Berechnungen, Fehlerstrafen, mehrtägiges Warten auf Retten ohne Entschädigung, willkürliche Lohnabzüge, Leistung von unbezahlter Nebenarbeit usw. Die Bestimmungen der Gewerbeordnung exis stieren für die Unternehmer nicht. Arbeitszeiten werden in der Arbeitsordnung festgelegt, aber gewohnheitsmäßig wird eine Viertelstunde zu früh mit der Arbeit begonnen. Die Reinigung der Arbeitsräume wird als überflüssig betrachtet. Wo sie doch vorge nommen wird, geschieht es während der Arbeitszeit, damit die Arbeiterinnen den Staub schlucken müssen. Schutzvorrichtungen an den Maschinen fehlen, auch gutes Licht ist für Arbeiterinnen Lurus; Trinkwasser, das für jedes Tier gehalten wird, fehlt ebenfalls in vielen Betrieben, von Speiseräumen, Antleideräumen, Waschräumen ganz zu schweigen. Aborte sind nicht in genügender Zahl vorhanden, Verschlüsse an den Aborttüren fehlen, um die Arbeite rinnen kontrollieren zu lönnen. Ein Fabritbesitzer, Leutnant a. D., scheut sich nicht, seine Lohnsflavinnen höchst eigenhändig vom Abort zu holen. In dem Musterbetrieb desselben Herrn gedeiht das Schmarozzertum der Aufseher und Meister vortrefflich. Den Leuten muß nach Ansicht des Expedienten die Arbeit um die Ohren geschlagen werden. Als der Regierungspräsident einmal den Betrieb besichtigte, wurde des guten Eindrucks wegen alles mit Tannengrün ausgeputt; für gewöhnlich aber mangelt es an der elementarsten Reinlichkeit. So müssen sich zirka 400 Personen mit zwei Handtüchern behelfen! Bugabe zu den geschilderten Mißständen ist fast in allen Betrieben die unanständige, zum Teil brutale Behand= lung der Arbeiterinnen durch die Vorgesetzten, die sich zur cynischen Robeit steigert gegenüber schwangeren Arbeiterinnen. Man muß fragen, wie der Gewerbeaufsicht derartige Zustände verborgen bleiben können. Über die mörderische Wirkung der Heimarbeit gibt der Bericht der Laubaner Ortskrankenkasse Aufschluß. Die dort mit dem Säumen der Taschentücher beschäftigten Frauen arbeiten meist bis 2 Uhr nachts. 80 Prozent der Versicherten sind unterleibskrant. Die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organis sation liegt auf der Hand, wenn in diesem Goldlande der Ausbeutung und Willkür Wandel eintreten soll, der die Arbeiterinnen und Arbeiter ihres Menschentums froh werden läßt. Kinderarbeit. Martha Hoppe. Kapitalistischer Kindermord in der Demokratie. So wichtig die politische Verfassung des Staates für den Kampf des Prole tariats ist, so bedeutungslos ist sie für das Wesen der tapita Das äußert sich auch darin, daß die Kinder listischen Ordnung. der Armen in demokratischen Gemeinwesen gerade so sehr der Ausbeutung preisgegeben sind wie in absolutistisch- monarchischen Staaten. Die demokratische Schweiz beweist das am besten. Und was haben unsere Genossen dort nicht alles auf politischem Gebiet erreicht! Sozialdemokratische Mehrheiten in Gemeinden, sozial demokratische Polizeipräsidenten, Minister, Pfarrer, Lehrer usw. gibt es seit Jahren. Aber der Ausbeutungssucht brutaler Profitgier ist damit noch nicht der Boden abgegraben. So rollt die vor turzem veröffentlichte Enquete über die Kinderausbeutung in der Spizenfabrikation von St. Gallen und Umgebung ein erschreckendes Bild sozialer Verhältnisse auf. In St. Gallen ist die Heimindustrie so zu Hause" wie bei uns in Thüringen, im Riesen-, Eulen- und Lausitzer Gebirge, und damit ist es auch der klassische Boden der Kinderarbeit in der Schweiz. Von den dort vorhandenen 43 832 Schulkindern waren ein volles Drittel, 14218, erwerbstätig! Ja, in einzelnen Bezirfen waren fogar 53 bis 58 Prozent aller Kinder gezwungen, den reichen Stickereifabrikanten für ein paar Bettelpfennige zu dienen, damit die Eltern nicht verhungern! Wohl ist für die Fabriken auch in der Schweiz die Kinderarbeit gesetzlich verboten- allein die Fabrikanten umgehen das Verbot dadurch, daß sie den Kindern die Nr. 8 Die Gleichheit Arbeit ins Heim schicken. Geradezu unerhört ist es, daß man sogar Kinder im Alter von noch nicht 8 Jahren zur Erwerbsarbeit verwendet. Von den 14218 arbeitenden Kindern waren 13,4 Pros zent im Alter von 6 bis 8 Jahren. Rund 21 Prozent waren 8 bis 10 Jahre alt, 30 Prozent waren 10 bis 12 Jahre, 33 Prozent über 12 und nur 3,2 Prozent über 14 Jahre alt!„ Ein wenig Arbeit schadet den Kindern nichts, die bekommt ihnen besser als das Herumlungern auf der Straße." So fafeln unsere Gegner. Was den erzieherischen Wert der Arbeit anbelangt, so ist es ein wesentlicher Unterschied, ob es sich um freie oder um ausgebeutete Arbeit handelt. Sehen wir uns außerdem einmal dieses ein wenig Arbeit" näher an: Nur 5,2 Prozent der Kinder arbeiteten täglich 2 Stunden, während 6,8 Prozent bis 4 Stunden, 7,5 Prozent bis zu 6 Stunden, 11,4 Prozent bis zu 8 Stunden, 13,3 Prozent bis zu 10 Stunden und gar 14,4 Prozent über 10 Stunden täglich arbeiten mußten!! Rund 2000 Kinder mußten also eine tägliche Arbeitszeit aushalten, die kaum ein erwachsener Fabriks arbeiter ohne Schädigung seiner Gesundheit erträgt! Dabei hat es das Kind noch schlimmer als der Erwachsene: Es muß neben der Arbeit noch die Pflichten der Schule erfüllen, muß täglich minde stens 6 Stunden Schularbeit leisten, die allein anstrengend genug ist. Leuchtet es da nicht ein, daß der jugendliche Organismus, wenn er nicht zusammenbricht, für das ganze Leben geschwächt wird? Und es ist weiter klar, daß es der Mangel an Lebensfreude für die Moral der Kinder und Jugendlichen von dem ungünstig sten Einfluß sein muß. Handelt dann so ein Kind schlecht, so wird in dem frommen Alpenlande die Schuld dem Mangel an religiöser Erziehung zugeschrieben. Der brave Schweizer Bürger wundert sich obendrein noch über die wahrnehmbare Abnahme der Wehrkraft! Als ob es nicht ganz klar wäre, daß diese schändliche Kinderarbeit am Marke des Volkes zehrt. Das Urteil über diese Sache ändert sich auch nicht, wenn man vernimmt, daß es vielfach gerade Arbeiter und Bauern sind, die ihre eigenen Kinder selbst ins Joch der Ausbeutung spannen. Arbeiter und Kleinbauern leiden unter der Agrarpolitik, die Bodenzersplitterung und Preissteigerung des Grund und Bodens zur Folge hat und für den Arbeiter teure Lebensmittel und für den Kleinbauern hohe Zinsen bringt. Beim Arbeiter kommt noch der niedrige Lohn in diesen Gegenden hinzu und die Unsicherheit des Verdienstes infolge ständiger Krisengefahr und anderes mehr alles Dinge, die zu den Ursachen der Ausbeutung der eigenen Kinder gehören. Es ist klar, daß nur eine starie Arbeiterbewegung hier Wandel schaffen kann, obwohl nicht verschwiegen werden darf, daß die sonst so einflußreiche Sozialdemokratie noch weit mehr als bisher versuchen müßte, auf gefeßlichem Wege dieser Kinderquälerei und Volksvernichtung Einhalt zu tun. Was nüht zum Beispiel die in der Schweiz vielfach eingeführte Unentgeltlichkeit der Geburtshilfe, Fürsorge für Säuglinge usw., wenn die Kinder, sobald sie laufen können, der Ausbeutung profitgieriger Rapitalisten überlassen werden?! Fürsorge für Mutter und Kind. r. a. Die Lebensanssichten des Säuglings. Gewöhnlich weist man die größere Sterblichkeit im Kindesalter dadurch nach, daß man die Zahlen der tatsächlich Gestorbenen in den verschiedenen Altersstufen miteinander vergleicht. Zu ebenso lehrreichen Resultaten gelangt man, wenn man sich die Frage beantworten läßt: Welche Aussicht besteht in den einzelnen Altersstufen, weitere Jahre zu er leben? Es betrug die mittlere Lebenserwartung* 1891 bis 1900 in Jahren angegeben: Jm Alter Im Deutschen Reich männlich In Schweden weiblich männlich weiblich 0 40,6 44,0 50,9 53,6 3 53,9 55,8 56,9 58,6 5 53,3 55,2 56,2 57,9 10 51,1 53,1 52,8 54,6 20 41,2 43,4 44,7 46,8 30 35,5 35,6 37,5 39,3 40 25,9 28,1 29,9 31,8 50 19,0 20,6 22,4 24,0 60 12,8 13,6 15,4 70 7,8 8,1 9,4 10,1 80 4,2 4,5 4,9 5,4 16,6 * Vergleiche Deutsche Sterbetafeln"( Statistik des Deutschen Reiches, Band 200. Berlin 1910). 127 Nach dieser Tabelle hat also ein neugeborener Knabe( von 0 Jahren) im Deutschen Reiche die Aussicht, im ganzen 41 Jahre, ein Mädchen 44 Jahre zu leben. Ist dagegen das Alter von 8 Jahren erreicht worden, so darf der Knabe eine weitere Lebensdauer von noch 54 Jahren, das Mädchen von 56 Jahren erwarten. Sobald das 20. Lebensjahr überschritten ist, mindert sich die Ausficht wieder auf 41 bezw. 43 Jahre. Ist jemand 80 Jahre alt geworden, so kann er nur noch eine Lebensdauer von 4 bezw. 4½ Jahre für sich erwarten. Demnach stehen die Lebensaussichten für einen Neugeborenen schlechter als für ein 5, 10 oder 15jähriges Kind. Sogar die Jahre, die ein Zwanzigjähriger durchschnittlich vor sich sieht, sind in Deutschland nicht geringer als für einen Säugling. In Berlin hat der 20jährige junge Mann bessere Lebensaussichten als der neugeborene Knabe! Daß sich dieses Verhältnis günstiger stellen tann, lehrt die Tabelle über Schweden. Dort ist die mittlere Lebenserwartung für den Säugling und für den Erwachsenen eine längere als in Deutschland( 51: 41 Jahre bei dem männlichen und 54:44 bei dem weiblichen Geschlecht). Wer in Schweden geboren wird, hat bei seiner Geburt 10 Jahre Lebensdauer mehr in Aussicht als der, welcher in Deutschland das Licht der Welt erblickt. Langsam verringert sich dies günstigere Verhältnis; erst bei einem Alter von 80 Jahren wird es ganz ausgeglichen, wo man vernünftigerweise auch keine längere Lebensdauer mehr als 5 Jahre erwarten darf. In Schweden sind die Aussichten eines Neugeborenen, was die Lebensdauer anbetrifft, wenigstens besser als die eines 12jährigen Kindes. Wenn auch die Lebenswahrscheinlichkeit für ein Kind von 11 Jahren noch größer ist als die eines Neugeborenen, so beträgt doch die Differenz der mittleren Lebensdauer für 11 jährige Kinder und für Neugeborene in Schweden nur 1 Jahr, in Deutschland aber 8 Jahre. Wenn wir die mittlere Lebenserwartung in verschiedenen Ländern Europas vergleichen, ergibt sich eine charakteristische Stufenfolge. Die mittlere Lebenserwartung betrug: In Europäisches Rußland* Rumänien. Österreich Preußen- Oft Im Alter 0 Jahre männlich weiblich 5 Jahre männlich weiblich 31 33 49 49 34 35 47 46 88 40 52 52 39 43 47 49 Mitte 40 44 48 51 West. 44 46 49 51 Deutsches Reich England. Frankreich. Niederlande Schweden. 41 44 53 55 44 48 54 56 45 49 53 55 46 49 56 57 . 51 54 56 58 Die Zahlen sind wahrscheinlich noch zu hoch. In Rußland, das sozial die schlechtesten Zustände aufweist, haben die Neugeborenen nur eine Lebenswahrscheinlichkeit von 31 Jahren. Günstigere Aussichten bietet ihnen Rumänien, Österreich, Preußen und das Deutsche Reich. Wer aber in einem der drei Staaten Frankreich, Niederlande oder Schweden geboren wird, darf hoffen, sich der längsten Lebenszeit zu erfreuen. Auch die vorliegenden Zahlen sprechen dafür, wie wichtig es ist, daß umfassende Fürsorge für Mutter und Kind die Lebensaussichten der Neugeborenen verbessert. E. L. Frauenstimmrecht. Noch einmal die Generalversammlung des preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht. Zu unserer Würdigung der genannten Tagung geht uns folgendes Schreiben zu: " In Nr. 7 der„ Gleichheit" werden in dem Bericht über die Generalversammlung des preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht einige irrige Behauptungen aufgestellt. Es wird da ge= sagt, daß der Antrag, die Forderung des allgemeinen gleichen Wahlrechts aus den Satzungen zu streichen, besonders von den Delegierten des Rheinisch- Westfälischen und des Schlesischen Provinzial vereins Verteidigerinnen fand". Gerade die rheinischen, westfälischen und schlesischen Delegierten haben sich aber mit einer einzigen Ausnahme besonders energisch gegen den betreffenden Antrag ausgesprochen und auch gegen den Antrag gestimmt. 2. Bei dem Antrag, daß überall Fühlung mit den sozialistischen Frauen gesucht werden sollte, hat die Berliner Delegierte nicht davor gewarnt, den sozialdemokratischen Elementen zu sehr entgegen zukommen", sondern sie sprach die Befürchtung aus, daß man in 128 Die Gleichheit manchen Städten sich mit immer erneuten Versuchen, ein Zusammengehen mit den Sozialistinnen herbeizuführen, bei diesen lächerlich mache". Daß diese Auffassung eine gewisse Berechtigung hat, wird wohl anerkannt werden müssen. 3. Die Kritik im„ Berliner Tageblatt"( Nr. 624) rührt nicht von einem Mitglied her, sondern von dem Berichterstatter des Blattes; den, verzückten Augenaufschlag" können wir also auch nicht akzep tieren. Was im übrigen die Behauptung angeht, daß die Gegnerschaft gegen das gleiche Wahlrecht im Stimmrechtsverband an Boden gewonnen habe, so sind dafür feinerlei Beweise vorhanden. Im Gegenteil: und es dürfte wohl auch im Interesse der sozialdemofratisch organisierten Arbeiterinnen liegen, wenn die Versuche einer Opposition gegen das gleiche Wahlrecht immer mit so starker Majori tät abgewiesen werden. Tony Breitscheid." Wir haben zu diesen Ausführungen das Nachstehende zu bemerken: Zu 1: Wir bedauern, daß wir betreffs der Antragstellerinnen falsch informiert worden sind. Die Mitteilung stammt von einer Seite, an deren Zuverlässigkeit und gutem Glauben zu zweifeln wir nicht den geringsten Grund haben. Es muß ein Mißverständnis vorliegen, das um so erklärlicher erscheint, wenn man Frau Cauers Jeremiade gelesen hat: Eindrücke aus dem Westen" ( Frauenbewegung" Nr. 24 vom 15. Dezember v. J.). Dort konsta tiert Frau Gauer ausdrücklich, daß in Rheinland- Westfalen durch den, Westdeutschen Verband" eine Spaltung hervorgerufen worden ist, und daß selbiger Verband dafür agitiert, der preußische Landesverein möge doch eine Parole annehmen:„ wie das Wahlrecht ist und wie es sein wird", das heißt auch das preußische Dreitlassen wahlrecht, ein Pluralwahlrecht oder irgend eine andere politische Bevorrechtung des Besitzes. Und die genannte Führerin betont, daß die Zustände in Schlesien ,, ähnlich" unerquicklich seien. Das scheint sehr glaubhaft angesichts der Tatsache, daß eine schlesische Frauenstimmrechtsorganisation sich schon früher sehr nachdrücklich gegen das demokratische Bürgerrecht gewendet hat. Schade, daß Frau Breitscheid ihre Richtigftellung nicht durch die Feststellung ergänzt, wer denn eigentlich den Antrag gestellt hat, die Forderung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts aus den Sagungen des Vereins zu streichen. Nach dem Bericht des Berliner Tageblatts" soll es der Schleswig- Holsteinische Provinzialverband gewesen sein. Woher der kompromittierende Antrag gefommen ist, bleibt übrigens zur Beurteilung der Sache von ganz nebensächlicher Bedeutung. Ob seine Mutter Minchen oder Trinchen heißt, ändert gar nichts an der Tatsache selbst, daß er eingebracht worden ist und eifrige Befürworterinnen gefunden hat, und an der Bedeutung dieser Tatsache. Zu 2: Es erscheint uns wirklich belanglos, ob sich eine Delegierte in der einen oder anderen Lesart ausgedrückt hat. Wir haben die betreffende Außerung aus dem„ Vorwärts" Nr. 290 übernommen, gegen dessen Veröffentlichung kein Protest erfolgt ist, obgleich ein solcher doch den Berliner Frauenrechtlerinnen nahe genug gelegen hätte. Der Gegensatz zwischen bürgerlichen und sozialistischen Frauenstimmrechtstämpferinnen liegt nicht in Außerlichkeiten des persönlichen Verhaltens, sondern in der verschiedenen grundfäßlichen Wertung der politischen Gleichberechtigung und in der Tattit und Kraft des Ringens für ihre Eroberung. Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen werden sich von der Stunde an nicht mehr ,, lächerlich machen", wo sie ohne jede Zweideutigkeit, so zuverlässig und mit aller Energie für das allgemeine Wahlrecht kämpfen, wie das Proletariat dies tut. Zu 3: Der Bericht des„ Berliner Tageblatts" ist in der FrauenRundschau enthalten, deren einzelne Beiträge gewöhnlich und bei wichtigen Gelegenheiten erst recht nicht von dem ersten besten Berichterstatter herstammen, sondern von bekannten führenden Frauenrechtlerinnen. Doch sei dem wie ihm sei: bis jetzt hat weder im Berliner Tageblatt" noch in einem frauenrechtlerischen Organ jemand die ebenso lächerliche als verächtliche Auffassung des Berichts kritisiert. Uns wundert baß, daß Frau Breitscheid diese Auffassung nicht mit einem Teil des Eifers zurückgewiesen hat, den sie zur Korrektur" unserer Ausführungen befundet. Solange führende Frauenrechtlerinnen derartige Ausbrüche serviler Gesinnung nicht mit aller Rücksichtslosigkeit abschütteln, gilt das Wort: ,, mitgegangen, mitgefangen". Was die Schlußbemerkung anbelangt, es sei nicht richtig, daß die Gegnerschaft gegen das allgemeine Wahlrecht im Frauenstimmrechtsverband an Boden gewinne, so stellen wir ihr nur drei Tatsachen aus jüngster Zeit entgegen. Die Opposition gegen die demokratische Forderung im Schleswig- Holsteinischen Berband; Frau Krutenbergs Erklärung zugunsten eines Pluralwahlrechts; das mehr Nr. 8 als zweideutige, das schimpfliche Verhalten von bekannten Mit gliedern des Frauenstimmrechtsverbandes bei den Verhandlungen der Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine" in Heidelberg über das Gemeindewahlrecht. Gute Wünsche, es möchte anders sein, sind gewiß eine schöne Sache, aber gefährlich wäre es, sich durch sie über das täuschen zu lassen, was ist. " Frauenbewegung. Der Bund für Mutterschutz hatte am 3. und 4. Dezember 1910 eine außerordentliche Konferenz einberufen mit der Tagesordnung Die Mutter in der Reichsversicherungsordnung". Frau Stritt leitete die Verhandlungen mit einem Vortrag ein, der über die Bedeutung sozialer Fürsorge für Mutter und Kind manches Gute sagte, aber in der Einleitung durch typisch frauenrechtlerische Be hauptungen fündigte. Sie legte dar, das Verhältnis zwischen Mutter und Kind sei„ Hauptfaktor und ursprünglich treibende Kraft der Zivilisation, sowohl in technisch- gewerblicher wie in sozial ethischer Beziehung". Eine Auffassung das, die sich nicht über feuilletonistische Schönrederei erhebt und die Kulturgeschichte gegen sich hat. Mit der Reichsversicherungsordnung beschäftigte sich eingehend der Vorsitzende der Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, Albert Cohn. Seine sachkundige Kritik des Entwurfs gipfelte in den unseren Leserinnen bekannten Forderungen, welche das klassenbewußte, organisierte Proletariat erhebt. Nach einer lebhaften Diskussion erklärte sich die Tagung für Zusäße zum Entwurf, die diesen Forderungen entsprechen. Soweit, so gut. Dem bekundeten sozialen Verständnis reihte sich jedoch eine Demonstration vollster Verständnislosigkeit an. Nach all den inneren Krisen, die der Bund durchgemacht hat, war diese Tagung eine günstige Gelegenheit, den Nachweis seiner Existenzberechtigung zu erbringen, aber es ist ihm nicht gelungen. Dieselbe Unklarheit, die charakteristisch ist für die gesamte bürgerliche Frauenbewegung, trat auch hier zutage. Die im Augenblick zur Verhandlung stehende Versicherungsordnung ist für die proletarischen Frauen von einer weit größeren Bedeutung als die bürgerlichen Mutterschüßlerinnen begreifen können. Ents stammen diese doch fast ausschließlich wohlhabenden bürgerlichen Kreisen. Und wenn auch dort häufig genug nach dem verhältnismäßig frühzeitigen Tode des Ernährers die Lebenshaltung eine ganz bedeutende Einschränkung erfährt, so tritt doch die Not, die nackte Armut nur in Ausnahmefällen an sie heran. Anders in der Arbeiterklasse. Der Arbeiter erreicht ein Durchschnittsalter von 38 Jahren. Dieser frühen Sterblichkeit entspricht auch die enorm hohe Zahl von rund 2 Millionen Witwen im Deutschen Reiche. Von diesen bleibt die Mehrheit völlig unversorgt zurück. Aufgabe der Gesetzgebung ist es daher, die Hinterbliebenen derer, die frühzeitig ihr Leben der volksvernichtenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung opfern müssen, vor Not und Elend zu schützen. Die von unseren Genossen in der Reichstagskommission gestellte Forderung, alle Witwen, die ein Einkommen unter 5000 Mart haben, in die Versicherung einzubeziehen, ist selbstverständlich von den bürgerlichen Parteien niedergestimmt worden.* Und nun haben die Mutterschützlerinnen, die ihren Namen sehr zu unrecht führen, gezeigt, daß fie die würdigen Frauen der Männer ihrer Klasse sind. Sie beschlossen mit allen gegen eine Stimme, daß nur invalide Witwen einen Anspruch auf Rente erhalten sollen. Diese eine Stimme, die für die allgemeine Witwenversicherung abgegeben wurde, gehörte nicht etwa einem einsichtsvollen weiblichen Mits glied des Bundes für Mutterschutz an, sondern dem linksliberalen Reichstagsabgeordneten Heinz Potthoff, dem, wie er selbst schreibt,** ,, dieser Beschluß vom Standpunkt eines Bundes für Mutterschutz geradezu unverständlich erscheint". Uns allerdings nicht. Denn alle diese bürgerlichen Frauen, mögen sie sich mehr oder weniger volksfreundlich zeigen, mögen sie mehr oder weniger Anlehnung nach links suchen sobald es zum klaren Aussprechen kommt dessen, was ist, bleiben sie stets ihrem Klassencharatter treu, wie wir es auch nie anders von ihnen erwartet haben und erwarten dürfen. Deshalb ist es auch eine der wichtigen Aufgaben der sozialdemokratischen Frauen, dadurch Klarheit zu schaffen, daß in aller Öffentlichkeit und in aller Schärfe die Grenzlinien zwischen den Bestrebungen der Proletarierinnen und denen der bürgerlichen Frauen gezogen werden. Dazu wird auch der von der internatio nalen Frauenkonferenz in Kopenhagen beschlossene Frauentag die beste Gelegenheit geben. Mathilde Wurm. * Ausführliches darüber siehe ,, Gleichheit" Nr. 6 vom 19. Dezember 1910. ** Die Frauenbewegung. Nr. 1. 1. Januar 1911. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.