Nr. 4 22. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Drets der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich obne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 15. November 1911 Die Frauen und die Reichstagswahlen. Von Luise Ziet. Die 3wedlosigkeit der Strafe. II. Von Julian Borchardt. Die Teuerung.( Für die Lese- und Diskussionsabende.) Von Käte Dunder. Aus der Ges schichte der menschlichen Unwissenheit. III. Von B. Sommer. Schrift für die Proletarierin. Von R. S. Die vierte österreichische Frauenkonferenz. Bon A. P. M. W. schau. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Das Winterprogramm der Nürnberger Jugendorganisation. Von unserer Jugendbewegung. Von Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche RundDer erfolgreiche Ausgang des Streits der Schokoladen- und Buderwarenarbeiter und arbeiterinnen in Dresden. Aus der Holzindustrie. Von fk. Notizenteil: Soziale Elendsbilder. Dienstbotenfrage.Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenbewegung. Die Frauen und die Reichstagswahlen. Die Reichstagswahlen sind ausgeschrieben. Am 12. Januar 1912 finden die Hauptwahlen statt. Mit fiebernder Ungeduld und dabei doch mit Umsicht und Sorgfalt hat die sozialdemofratische Arbeiterschaft ihre Vorbereitungen für den Wahlkampf getroffen, und mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft wird sie ihn führen. Sie ist sich wohl bewußt, daß die bevorstehende Wahl mehr bedeutet als einen Gerichtstag, an dem mit unseren politischen Gegnern gründliche Abrechnung gehalten wird über ihr schier unübersehbares Sündenregister. Sie ist sich wohl bewußt, daß die bevorstehende Wahl auch mehr bedeutet als den Kampf um größeren legislativen Einfluß durch die Eroberung einer möglichst großen Zahl von Mandaten und die Erzielung einer möglichst hohen Stimmenzahl. Sie ist sich völlig klar darüber, daß die bevorstehende Wahl der Ausdruck schärfsten Klassentampfes ist, der sich gegen die bürgerlichen Parteien als die Repräsentanten und Hüter der kapitalistischen Ordnung der Dinge richtet. Erflärlich genug: die Wahlen stehen im Zeichen der Teuerung in Permanenz und der nimmer weichenden Kriegsgefahr. Zwei Dinge, die so grundverschieden scheinen, und die doch der engste ursächliche Zusammenhang miteinander verknüpft, denn beide sind legitime Kinder unserer hochentwickelten kapitalistischen Wirtschaftsordnung und bedingen sich gegenseitig. Eine weit fortgeschrittene Technik steigert die Ergiebigkeit der Arbeit, ermöglicht und erleichtert die Massenproduktion von Waren und verbilligt sie. Aber an einem bestimmten Punkte der Entwicklung treibt fapitalistische Profitgier zur Kartellierung der Unternehmen, zur Vertrustung der Betriebe, führt damit den Kapitalisten alle Vorteile einer hochentwickelten Betriebsform, raubt diese Vorteile jedoch der konsumierenden Gesellschaft, die sie in Gestalt billiger Waren genießen könnte. Die Preise werden ja nunmehr von den vertrufteten Unternehmern fest gesetzt und nicht mehr durch die Konkurrenz geregelt. Die ausländische Konkurrenz wird zudem durch ein raffiniertes und auf die Spize getriebenes Schutzollsystem ferngehalten. Ein Schutzzollsystem, dem neben den Industriellen die Agrarier freudig zustimmten, wofür sie zum Dante die weitestgehende Unterstügung der Industriellen fanden, als es sich darum handelte, ihr eigenes Begehren nach gesteigertem Gewinn zu befriedigen Zuſchriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. durch die Schaffung und den Ausbau der agrarischen Zollund Liebesgabenpolitit. Beiden Gruppen ist damit der innere Markt unbestritten überliefert, will heißen: zur Ausplünderung der Konsumenten preisgegeben. Teuerungspreise senten aber bekanntlich den Konsum. Die breiten Schichten der minderbemittelten und besiglosen Bevölkerung müssen wohl oder übel nicht selten auf Kosten ihrer Gesundheit den Ver brauch einschränken. Für den so entstehenden Warenüberschuß, der noch vermehrt wird durch die weit reichere Menge von Erzeugnissen, welche Absatzgebiete im Ausland zu finden, dazu Anlagemöglichkeiten wir der fortschreitenden Entwicklung verdanken, gilt es nun, für das aufgehäufte Kapital, und so werden unsere herrschenden Klassen Weltpolitifer: Imperialisten! Denn in dem Ringen und Jagen nach gesicherten Absatzgebieten im Ausland, nach eigenem folonialen Besiz bildet die Waffengewalt der einzelnen Staaten noch immer die ultima ratio. Siehe den italienischtürkischen Krieg! Und die Regierungen, als„ geschäftsführende Ausschüsse" der herrschenden Klassen sehen ihre Autorität und Macht ein für die Vermehrung des Heeres, der Flotte und für koloniale Abenteuer. Da aber die Herrschenden keineswegs gesonnen sind, aus der eigenen Tasche die Kosten für diese Dinge zu tragen, die ihrem Interesse nach vielen Richtungen hin dienen, so wird dem Volke zu der schon erwähnten Last der Zölle auch noch die schwer drückende Bürde der indirekten Steuern auferlegt. Ein weiteres Anziehen der Teuerungspreise ist die Folge. kommt alsdann noch, wie in diesem Jahre, die Dürre hinzu, so bildet die dadurch bedingte Preissteigerung den Tropfen, der das übervolle Glas der Lebensmittelteuerung zum Überlaufen bringt. Die Teuerung steigert sich zur Hungersnot. Aber auch ohne Dürre und Mißwachs wird die Teuerung aus den eingangs dargelegten Ursachen bleiben. Die Empörung der arbeitenden Massen darüber muß wachsen. Sie werden zu politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen aufgepeitscht, um eine Linderung ihrer Not durchzusetzen. Eine Linderung, die für sie zur Lebensnotwendigkeit wird. An dem System der in direkten Steuern und Zölle also wollen die Herrschenden nicht rütteln lassen, wie uns Bethmann Hollweg im Reichstag vertündet hat; sie fürchten den völligen Zusammenbruch dieses Systems. Allein sie fürchten auch die Opposition und den Kampf der doppelt und dreifach ausgebeuteten Proletariermassen. Um sich gegen diese zu schüßen, rufen die Herrschenden nach Verschärfung des Strafgesetzes, nach Ausnahmebestimmungen, nach Polizei und Militär gegen die politischen und gewerkschaftlichen Klassenkämpfer! Alles, was die Widerstandskraft und Widerstandslust der Ausgebeuteten stärken und neu beleben könnte, suchen sie zu hintertreiben. Der Arbeiter und Arbeiterinnenschutz, der Kinderschutz stehen im Zeichen des Krebses. Die Reichsversicherungsordnung, die ein weitgreifendes Gesetz sozialer Fürsorge wer den sollte, ist zu einem Ausnahmegesetz schlimmster Art für die arbeitenden Massen, insbesondere für die Frauen geworden. überall im Reiche verweigert man hartnäckig den Frauen die 50 Die Gleichheit Aushändigung politischer Rechte, die doch für sie unentbehrliche Waffen im politischen Kampfe sind; im größten deutschen Bundesstaat: Preußen und in einer Reihe deutscher Kleinstaaten sind auch die Männer zu politischen Heloten degradiert durch die Vorenthaltung eines demokratischen Wahl rechts. Kurzum: Reattion auf der ganzen Linie! Reaktion im Interesse der Aufrechterhaltung und festeren Fundierung der Ausbeutung der arbeitenden Massen, Reattion, um die kapitalistische Ordnung der Dinge zu stützen, die längst zu einer heillosen Unordnung geworden ist, die zu einem Zustand geführt hat, in dem die Produktivkräfte wieder und wieder gegen die einengenden Fesseln der geltenden Eigentumsordnung rebellieren, gegen das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Zu einem Zustand, in dem die Herr schenden zur fortgesetzten Lähmung, Verschwendung und Vernichtung von Produktionskräften und Produktionsmitteln gezwungen sind, um die rebellierenden Mächte noch eine Weile zu bändigen. Zu einem Zustand, in dem die Gesellschaft in ihrem Reichtum zu ersticken droht, während die arbeitenden Massen, die diesen Reichtum erzeugten, in Not und Entbehrungen leben. Gegen die ganze Summe dieser Verhältnisse richtet sich unser Wahlkampf. Die Wahlbewegung gilt es zu nügen, um den richtigen Zusammenhang der gesellschaftlichen Dinge den breiten Schichten des Proletariats flarzumachen und ihnen zu zeigen, daß es in der heutigen Gesellschaftsordnung wohl eine Linde rung der Not und Knechtschaft gibt, aber nimmer ihre Bes seitigung. Tief, unauslöschlich müssen wir es dem Bewußtsein der Werktätigen einbrennen, daß die Beseitigung aller Not und Knechtschaft nur zu erreichen ist dank der Verdrängung des Kapitalismus durch den Sozialismus, daß deshalb ein Wahlsieg nur eine Etappe bedeutet auf dem Wege der Ausgebeuteten zu ihrer endgültigen Befreiung. Nur eine Etappe, aber eine wichtige, notwendige Etappe. Eine Gelegenheit, bei der wir uns zählen, unsere Kräfte messen, unsere Kräfte stärfen, unseren parlamentarischen Einfluß erhöhen, unsere Werbetraft steigern, den Samen unserer Anschauungen ausstreuen in die Herzen und Köpfe der vom Wahlfieber erfaßten und erregten Massen. Eine harte Schlacht, die zu einem glänzenden Siege des Sozialismus werden muß! Der Wahlkampf stellt besonders hohe Anforderungen an die Frauen, die als politisch Rechtlose sich an der Wahl selbst nicht beteiligen dürfen, wenngleich sie an der Gestaltung unserer polis tischen Verhältnisse wahrlich nicht weniger interessiert sind als die Männer. Diesen hohen Anforderungen zu genügen, dazu wird den Frauen der Zorn die Kraft geben, der Zorn ob ihrer Rechtlosigkeit; die Erbitterung über die schier unerträgliche Teuerung und über die Verweigerung aller durchgreifenden Linderungsmaßregeln, der Grimm über den Druck und die Gefahren des Militarismus und der Weltpolitik, über den Krebsgang der Sozialreform und die drohende Verschärfung der Strafgesetzparagraphen, kurz über alles, was uns bedrückt und knechtet. Es gilt jeden Tag und jede Stunde zu nützen, um unsere Anschauungen den uns Fernstehenden nahezubringen, sie ihnen einzupflanzen. Das kann geschehen von der Tribüne in der Versammlung wie an der Arbeitsstätte, auf dem Wege zu ihr und von ihr, im Freundes-, Bekannten- oder Familienkreis. Aber auch alle wahltechnischen Arbeiten sind ebensowohl Sache der Genossinnen wie der Genossen. Flugblätter und Stimmzettel müssen verteilt werden; Listen sind anzulegen und zu führen, am Tage der Wahl gilt es säumige Wähler an ihre Wahlpflicht zu mahnen und manches andere mehr. Bei all dieser Tätigkeit müssen die Genossinnen freilich manches Unangenehme mit in den Kauf nehmen: den Spott und Hohn der Toren und Gedankenlosen, die Beschimpfungen roher und brutaler Gegner, die nicht geringen Strapazen, welche die Arbeit selbst mit sich bringt. Jedoch das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung, die Gewißheit, einer großen und guten Sache zu dienen, das Glücksempfinden, Kämpferinnen für die Befreiung der Mensch heit zu sein, wird über all die Mühen und Kleinlichkeiten des Alltags hinweghelfen. Und ein herrlicher Lohn wird die große Freude am errungenen Siege sein, der uns gewiß ist, sofern Nr. 4 wir alle unsere ganze Kraft anspannen. Darum: Auf in den Wahlkampf! Alle, die zu uns stehen, vor die Front! Mit der ganzen Kraft, der Energie, der Hingabe und Begeiste rung gekämpft, wie das Sozialdemokraten geziemt. Gefämpft mit dem festen unbeugsamen Willen, daß der Wahltag zu einem glänzenden Bekenntnis der proletarischen Frauen und Männer zum Sozialismus werden muß. Luise Ziez. Die Zwecklosigkeit der Strafe. II. Anarchie bedeutet in wörtlicher Übersetzung einen Zustand, in dem es keine Herrschaft gibt. Es liegt ohne weiteres auf der Hand, daß in diesem wörtlichen Sinne auch wir Sozialdemo fraten zu den Anarchisten gehören. Denn auch wir wollen ja einen herrschaftslosen Zustand, auch wir wollen ja jegliche Be herrschung von Menschen durch Menschen beseitigen. Nun hat man sich aber gewöhnt, den Namen„ Anarchisten" für eine ganz bestimmte politische Sette anzuwenden, zu der wir sonst in Gegnerschaft stehen. Es ist mit diesem Namen gegangen wie mit so vielen anderen: er greift zur Bezeichnung dieser Richtung eine Eigenschaft heraus, die nicht ihre wesentliche ist, weil sie sie nicht von Bestrebungen anderer unterscheidet. Das Wesen des„ Anarchismus" ist zum Teil durch seine Taktik, vor allem aber durch seine Anschauungen auf ökonomischem Gebiet bestimmt, wo er tatsächlich nichts weiter ist als ein konsequent durchgeführter Liberalismus. Aber daß er alle und jede Herrschaft beseitigen will, daraus können wir Sozialdemo fraten ihm wahrlich keinen Strick drehen, denn das wollen wir auch. Im Gegenteil, wir werfen ihm gerade vor, daß auf den Wegen, die er einschlägt, dieses Ziel nicht zu erreichen ist. Gleichwohl, der Name hat abgefärbt. Das Wesen der Sache wird fast immer nach dem Namen erklärt. Wenn ein Neuling fragt, was der Anarchismus erstrebe, so wird ihm wohl stets die Herbeiführung eines herrschaftslosen, eines geseglosen Zustandes als dessen eigentliches Programm hingestellt. Wenn das her jemand die Beseitigung der Gesetze als Ziel revolutionärer Bestrebungen bezeichnet, so wird er fast unfehlbar als Anarchist angesehen. Ich zweifle deshalb gar nicht daran, daß nach dem Lesen dieses Aufsatzes viele auch mich für einen Anarchisten halten werden, obgleich ich es nicht gerade als eine Schmeichelei empfinde, mit den anarchistischen Wirrköpfen in einen Topf ge worfen zu werden. Aber das kann alles nichts an der Tatsache ändern, daß der Sozialismus wirklich und wahrhaftig die Beseitigung aller Herrschaft und folglich die Beseitigung aller Gesetze an strebt. Vielleicht wird man hierauf erwidern: Gesetz ist doch nicht dasselbe wie Herrschaft! Freilich wollen wir, daß fein Mensch eine Herrschaft ausüben soll über andere Menschen, und alle diejenigen Gesetze, die solche Herrschaft schaffen oder fichern, wollen wir natürlich beseitigen. Aber Vorschriften, Regeln für das Zusammenleben der Menschen werden doch immer nötig sein! Also Gesetze, wonach die Volksgenossen sich zu richten haben, werden auch wir erlassen, wenn wir die Macht in Händen haben. Nun, ich ergreife gern jede Gelegenheit zur Einigung und Verständigung, und deshalb will ich mich mit diesem halben Zugeständnis zufrieden geben. Ich teile zwar keineswegs die Ansicht, daß die Menschen durchaus Regeln und Vorschriften nötig haben, um miteinander auszukommen. Im Gegenteil, ich halte das für eine recht subalterne Polizeiansicht. Aber ich habe gar nicht die Absicht, mir den Kopf zu zerbrechen über das, was im Zukunftsstaat" nötig sein wird. Für mich handelt sich's nur um den Nachweis, daß im Gegenwartsstaat wir Sozialdemokraten grundsäglich gegen die Strafe überhaupt sein müssen. Und dafür reicht jenes halbe Bugeständnis aus. Es wird darin ausgesprochen, daß wir Feind sein müssen all solcher Gesetze, die irgendeine Herrschaft von Menschen über Menschen schaffen oder schützen. Und ich sage nun: das trifft auf die heute bestehenden Gesetze zu! Eine Ausnahme hiervon gibt es: die Arbeiterschutzgesetze. Doch brauche ich wohl kaum Nr. 4 Die Gleichheit zu sagen, daß auch sie nur eine scheinbare Ausnahme sind. Denn sie wurden im Kampfe gegen die Herrschaft der Aus beuterklasse errungen, sie sind selbst ein Kampfmittel gegen diese Herrschaft. Sie werden also überflüssig in dem Augenblick, wo jene Herrschaft und mit ihr jene anderen Gesetze aufhören. Brinzipiell müssen wir für sie sein, weil sie gegen den Geist der anderen Gesetze ankämpfen. Der Geist der Gesetze unserer bürgerlichen Ordnung besteht darin, das Eigentum und die Autorität zu schüßen. Man nehme sich nur die Mühe, sie durchzustudieren, und man wird es immer wieder finden: vom kleinsten Zivilgesetz, das irgend eine nebensächliche Frage von mein und dein regelt, bis zu den furcht baren Hochverratsparagraphen, die zum Beispiel schon den tät. lichen Angriff auf den Landesherrn, selbst wenn diesem nicht das geringste passiert, mit lebenslänglichem Zuchthaus oder gar mit dem Tode bedrohen, haben sie alle den Zweck, in irgend einer Weise das Eigentum oder die Autorität zu schützen. Fragt man sich, warum gerade diese beiden als Heiligtümer gelten, so ist die Antwort nicht schwer: weil sie die unerläßlichen Garantien der kapitalistischen Ausbeutung sind. Soll das Geschäft der Mehrwertgewinnung regelrecht vor sich gehen, so ist„ Ordnung" nötig, das heißt stramme Unterordnung der Arbeiter unter die Besitzenden, der Ausgebeuteten unter die Ausbeuter und ihre Hilfsknechte. Und diese zu sichern, dazu sind die Gesetze da. Und daß das private Eigentum Voraus setzung dieser Ausbeutung ist, brauche ich wohl kaum erst zu sagen. Mit anderen Worten: Wir haben Gesetze überhaupt nur, weil wir eine Klassenherrschaft haben. Die herrschende Klasse hat die Gesetze gemacht, um ihre Herrschaft über die unter drückte Klasse zu sichern. Ich glaube, selbst der eingefleischteste Bourgeois wird diese Behauptung nicht bestreiten, wenn ich sie in eine etwas andere Form fleide, wenn ich zum Beispiel sage: Zweck der Gesetze ist, den Bestand des Staates und der Gesellschaft zu sichern. Unter „ Gesellschaft" wäre an und für sich jegliches Zusammenleben der Menschen zu verstehen. Und so meint es der Bourgeois auch. Er glaubt, wenn sich jemand den Gesetzen nicht fügen wollte, so wäre ein Zusammenleben der Menschen überhaupt unmöglich. Dabei verwechselt er jedoch das Zusammenleben an sich mit der Art und Weise des Zusammenlebens, die Gesell schaft selbst mit der Gesellschaftsform. Wenn er sagt:„ Der Bestand der Gesellschaft soll gesichert werden," so meint er das mit den Bestand der kapitalistischen Gesellschaft. Und dann find wir einig; genau das meine ich auch: die Gesetze sollen den Bestand der kapitalistischen Gesellschaft schützen, das ist eben: sie sollen das Ausbeutungsverhältnis, die Klassenherr schaft sichern. Hätten wir keine Klassenherrschaft, so hätten wir feine Gesetze. Diese Zusammenhänge sind schon längst aufgedeckt worden, wie ich durch ein paar Beispiele zeigen will. Linguet, ein Nationalökonom des achtzehnten Jahrhunderts, den Mary in seinem Buche Theorien über den Mehrwert" ausführlich behandelt, legt in seinem Werke über„ Die bürgerlichen Gesetze" dar, daß es das Privateigentum sei, welches zu seinem Schuße die bestehenden politischen und sozialen Einrich tungen geschaffen habe. Er nennt die Geseze direkt„ Schutzmaßregeln zugunsten der Besitzenden gegen die Besitzlosen" und schreibt weiter:" So hart es flingt, so ist es doch darum nicht minder gewiß, daß die Geseze gewissermaßen eine Verschwörung gegen den zahlreichsten Teil des Menschengeschlechts( nämlich gegen die Besitzlosen) darstellen." Das Buch ist 1767 erschienen. Womöglich noch deutlicher drückte sich 1775 Necker aus, der berühmte Finanzminister Ludwigs XVI. Er schrieb wörtlich: „ Eine kleine Anzahl von Menschen hat sich in die Erde geteilt und hinterher Gesetze gemacht, um sich gegen die Masse zu einigen und zu schützen, wie man im Walde einen Verhau zur Verteidigung gegen wilde Tiere errichtet." Alles schön und gut, wird man mir vielleicht antworten. Linguet und Necker mögen das gesagt haben. Aber Linguet und Necker waren keine Sozialdemokraten. Was also können ihre Aussprüche für den Sozialismus beweisen? Nehmen wir denn ein paar andere Beispiele. Ich denke wohl, unter Sozial51 demokraten keinem Widerspruch zu begegnen, wenn ich sage: der Sozialismus will die Scheidung der Menschen in Klassen aus der Welt schaffen. Es soll überhaupt keine Klassengesellschaft mehr geben. In seiner Schrift über das„ Elend der Philosophie" erklärt Karl Mary( Originalausgabe von 1896, Seite 243): " Bedingung für die Befreiung der Arbeiterklasse ist die Aufhebung aller Klassen." Weshalb dies die unerläßliche Voraussehung ist, das sagt er wenige Zeilen zuvor mit folgenden Worten:„ Eine unterdrückte Klasse ist die Lebensbedingung jeder auf dem Klassengegensatz beruhenden Gesellschaft." Das bedeutet also: solange es verschiedene Klassen mit gegen. säglichen Interessen gibt, so lange gibt es auch eine unterdrückte Klasse. Folglich, um alle Klassenunterdrückung aufzu heben, ist es nötig, alle Klassen aufzuheben. Freiheit ist unerreichbar ohne Gleichheit. Und nun fährt Mary fort:„ Die Arbeiterklasse wird im Laufe ihrer Entwicklung an Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Gesellschaft ohne Klassen und ohne Klassengegensatz sezen", und dann heißt es unmittel bar weiter: Und es wird feine politische Gewalt im eigent lichen Sinne mehr geben, denn die politische Gewalt ist eben nur die offizielle Zusammenfassung des Klassengegensazes in der bürgerlichen Gesellschaft." Genau in demselben Sinne heißt es im Kommunistischen Manifest( Ausgabe 1906, Seite 25):„ Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeins schaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet." " Ich frage nun: Was bedeutet dies alles anders, als daß der Staat, und somit auch die Gesetze des Staates, nur zu dem Zwecke vorhanden sind, die Klassenherrschaft der Bourgeoisie zu sichern? Heißt es doch an einer späteren Stelle des Kom munistischen Manifestes( Seite 31) noch deutlicher:„ Die Ge setze, die Moral, die Religion sind für den Proletarier ebenso viele bürgerliche Vorurteile, hinter denen sich ebenso viele bürgerliche Interessen verstecken." Wenn aber das zutrifft, wenn die Gesetze zum Schutze bürgerlicher Interessen da sind, zum Schutze der Klassenherrschaftwie kann dann die Sozialdemokratie das Strafen billigen, das doch nur den Zweck hat, diesen Geist der Gesetze zum Ausdruck und zur Wirksamkeit zu bringen? Julian Borchardt. Die Teuerung. Für die Lese- und Diskussionsabende. Von Käte Duncker. Vorbemerkung. Es wird heute wohl keine Frage geben, die gerade die Frauen lebhafter interessiert, als die Frage der fortschreitenden Verteuerung aller Lebensmittel. Des. halb ist diese Frage gewiß ganz besonders geeignet, zum Gegen stand unserer Lese- und Diskussionsabende gemacht zu werden. Jedoch sollten diese Veranstaltungen, die ja vor allem die tiefere grundsätzliche Schulung unserer Genossinnen bezwecken, nicht bei der Behandlung der staatlichen Wirtschaftspolitik stehen bleiben. Denn so groß auch der Einfluß ist, den die Bollgesetzgebung, die Viehsperre und die indirekten Steuern auf die Lebensmittelpreise ausüben, so darf doch nicht vergessen werden, daß diese wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Teue rung nicht veranlaßt, sondern nur verschärft haben. Die legten Ursachen der Teuerung liegen in der Organi sation der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt. Wenn in dem Leseabend auch diese letzten Ursachen erörtert werden, so führt das zu einer Kritik der kapitalistischen Produktionsweise und bietet Gelegenheit, die Teilnehmerinnen mit den wirtschaftlichen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozia lismus befannt zu machen. Nun besigen wir zwar in dem Schriftchen des österreichischen Genossen Bauer eine vortreffliche grundsätzliche Behandlung des Problems der Teuerung. Es wird aber leider nicht möglich sein, dieses Werk ohne weiteres den Frauenleseabenden * Die Teuerung. Eine Einführung in die Wirtschaftspoluik der Sozialdemokratie. Von Otto Bauer. Wien 1910, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand& Co. Preis 80 Pf. 52 Die Gleichheit nicht zugrunde zu legen; erstens weil es für diesen Zweck seinem Werte nach, wohl aber für den Geldbeutel unserer Frauen zu teuer ist; zweitens weil es sein Beweismaterial natürlich fast ausschließlich den österreichischen Verhältnissen entnimmt; und endlich, weil es leider fast völlig vergriffen ist. Deshalb soll im folgenden und einigen weiteren Artikeln versucht werden, unter Anlehnung an den Bauerschen Gedankengang, aber mit Bezugnahme auf„ reichsdeutsches" Tatsachenmaterial den Lese- und Diskussionsabenden eine Grundlage zur prinzipiellen Behandlung der Teuerungsfrage zu schaffen. Es werden zunächst diejenigen Ursachen der Lebensmittel verteuerung behandelt werden, die in der kapitalistischen Produktionsweise als solcher liegen, die Rückständigkeit der landwirtschaftlichen Produktion, die Anarchie in der Produktion über haupt, die Kartelle, Ringe und Trusts, Handel und Spekulation, die Berringerung des Geldwertes. Danach sollen die verteuernden Wirkungen der staatlichen Wirtschaftspolitik zur Besprechung gelangen. Einleitung. Der Kapitalismus hat die Produktivität der menschlichen Arbeit ungeheuer gesteigert. Er hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen"; er hat im Laufe eines Jahrhunderts„ massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle bergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiff barmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden gestampfte Bevölkerungen welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoße der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten."( Mary- Engels, Das Kommunistische Manifest.) Früher beruhte die Produktion meist auf Handarbeit, dadurch war ihre Leistungsfähigkeit sehr beschränkt. Ließ sich einerseits die Anzahl der Hände nicht nach Bedarf vermehren, so ließ sich andererseits auch ihre Kraft nicht beliebig steigern. Heute vervielfältigen zahllose, bis ins einzelne spezialisierte Werkzeugmaschinen den Fleiß und die Geschicklichkeit der menschlichen Hand. Mächtige Kraftmaschinen vertausendfachen die Kraft der menschlichen Muskeln. Das Werkzeug des Menschen hat sich gewissermaßen selbständig gemacht; damit sind der Produktion unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet. In welchem Grade die Maschine die Produktivität der Arbeit gesteigert hat, das mögen einige Zahlen aus der letzten Gewerbezählung veranschaulichen. 1907 wurden im Deutschen Reiche in der Industrie allein 233 360 Betriebe mit motorischer Kraft gezählt. Die Umtriebsund Kraftmaschinen dieser Betriebe repräsentieren 8008405 Pferdestärken. Nun setzt man 1 mechanische Pferdestärke" gleich der Kraft von 3 lebendigen Pferden und 1 Pferdekraft gleich der Kraft von 8 Männern. Die 8 Millionen Pferdes stärken in der Industrie repräsentieren also( mit 24 multipliziert) die Arbeitskraft von 192 Millionen erwachsener Per sonen. Die wirkliche Bevölkerung von Deutschland betrug 1907 -vom Säugling bis zum Greis- ungefähr 62 Millionen. Und dabei sind doch erst die Kraftmaschinen in der Industrie berechnet, noch nicht die arbeitsparenden Werkzeugmaschinen, nicht die zahllosen Maschinen in der Landwirtschaft und im Verkehrswesen. " Diese großartige Entfaltung der Produktivkräfte kommt aber bei der herrschenden Gesellschaftsordnung nicht der Allgemeinheit zugute. Sie hat der Menschheit im Gegenteil furchtbare Opfer gekostet. In einer Gesellschaft, in der Güter für den gemeinsamen Bedarf ge schaffen werden, würde die vermehrte Arbeitsproduktivität dazu führen, für alle Mitglieder der Gesellschaft das Leben reicher und die Arbeitslast geringer zu machen. In einer Gesellschaft, in der die Produktionsmittel Privateigentum sind und in der Waren für den Verkauf produziert werden, gestalten sich die Dinge anders. Zwar dient auch hier jede Erhöhung der Arbeitsproduktivität zur Verringerung der Arbeitszeit, die zur Nr. 4 Herstellung eines Gebrauchsgegenstandes notwendig ist. Aber das führt nicht zu einer Verkürzung der Arbeitszeit für den Arbeiter, sondern zu einer Verminderung der Arbeiterzahl. Jede neue Maschine macht menschliche Arbeitskräfte überflüssig, und das Angebot dieser überflüssigen dient dazu, den Lohn der Arbeitenden herabzudrücken. Dieser Lohn genügt nicht mehr, die Arbeiterfamilie zu erhalten, auch Frauen und Kinder müssen mitverdienen. mitverdienen. Mit der Verringerung der zur Herstellung einer Ware notwendigen Arbeitszeit sinkt der Wert dieser Ware; der Besitzer der fortgeschrittenen Produktionsmittel ist daher imstande, sie billiger zu verkaufen, als es seinen noch technisch rückständigen Konkurrenten möglich ist. Dadurch werden diese entweder gezwungen, sich die bessere Technik auch anzueignen, oder aber sie werden zugrunde gerichtet. So sind noch nicht einmal die billigeren Warenpreise eine Wohltat für alle Glieder der Gesellschaft, sondern sie werden zur mörderischen Waffe, der das städtische Handwerk, die länd liche Hausindustrie erliegen, und der jeder erliegen muß, dem es nicht möglich ist, der rasenden Entwicklung der Produktivfräfte zu folgen, jede neue Erfindung, jede Verbesserung der Maschinentechnik sich nutzbar zu machen. Arbeitslose Arbeiter, ausgebeutete Frauen und Kinder, ruinierte Handwerker und Kleinindustrielle, das sind die Opfer des Siegeszugs der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Das fortwährende Sinken der Warenpreise war das Zeichen, in dem die kapitalistische Produktionsweise anfangs fiegte. Das Kommunistische Manifest konnte vor 63 Jahren sagen:„ Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der die Bourgeoisie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt." Dagegen stehen wir heute einer stetigen Steigerung der Preise gegenüber. Trotz der beispiellosen Entwicklung der Produktivkräfte, trotzdem ein Heer kunstvoller Maschinen der arbeitenden Menschheit dient und den Ertrag ihrer Arbeit hundertfach vermehrt, trotzdem immer neue Umwälzungen in der Industrie die Erzeugungskosten der Waren senken, steigen unablässig die Warenpreise." Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? I. Die kapitalistischen Ursachen der Teuerung. 1. Rückständigkeit der landwirtschaftlichen Produktion.* Nicht auf allen Gebieten der menschlichen Arbeit haben die Produktivkräfte sich in gleicher Weise entwickelt. Gerade die wichtigsten Zweige der Produktion, die Landwirt. schaft und die Viehzucht, sind von der technischen Umwälzung am wenigsten ergriffen worden. Die rasche Entwicklung der Industrie und des Verkehrswesens hat un geheure Menschenmengen in den Städten zusammengehäuft. Diese Menschenmengen wollen ernährt, die Industrie will mit Rohstoffen versehen werden. Aber Landwirtschaft und Viehzucht, die Produktionszweige, die uns mit Nahrungsmitteln versorgen, mit Getreide, Obst, Gemüse, Fleisch, Milch usw., und die der Industrie wichtige Rohstoffe liefern, Flachs, Wolle, Häute, Ole, Talg usw., haben mit der industriellen Entwick lung nicht Schritt gehalten. Zwar hat auch in der Landwirtschaft die Produktivität im Laufe der letzten Jahrzehnte zugenommen. Es betrug der durchschnittliche Jahresertrag eines Heftars: 1878 bis 1887 1900 1909 Roggen Weizen Gerste Kartoffeln Dopp. 8tr. Dopp.- 8tr. Dopp.- Str. Dopp.- Str. . . 9 • 10,0 . 16,1 13,3 13,1 82,1 19,5 19,0 134,5 * Benutzte Literatur: Kautsty, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899, Verlag von J. H. W. Diet. Gothein, Agrarpolitisches Handbuch. Berlin 1910/11, Verlag von Liebheit& Thiesen. Landwirtschaftliche Be triebsstatistit des Deutschen Reiches vom 12. Juni 1907. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich von 1890 und 1911. Den Ges nossinnen sei noch als Material empfohlen: Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 22. Kapitel: Sozialismus und Landwirtschaft. 50. Auflage von 1910. Hofer, Der Bauer als Erzieher. Artikelfolge in der„ Neuen Zeit", 27. Jahrgang, 2. Band. Nr. 4 Die Gleichheit Dafür fam aber auf einen Einwohner des Deutschen Reiches system unmöglich an Anbaufläche für Roggen Weizen Gerste Kartoffeln Ar Ar Ar Ar 1878 1909 • 13,48 9,59 4,12 2,86 3,68 6,24 2,58 5,22 Auch die Entwicklung unseres Viehstandes ist ganz unzureichend. Wenn die Anzahl der Rinder in Deutschland im Laufe der letzten 30 Jahre auch absolut zugenommen hat, so entspricht diese Zunahme doch nicht dem Bevölkerungswachs tum. Auf 100 Einwohner fommen: Rindvieh überhaupt.. Kühe 1878 38 1882 1892 1900 1904 1907 34,6 34,8 33,6 32,3 33 21,6 19,8 19,7 18,6 17,8 17,5 Bleibt so der Viehzuwachs hinter dem Bevölkerungszuwachs erheblich zurück, so noch viel mehr hinter dem erhöhten Fleischbedarf. Der industrielle Arbeiter braucht mehr Fleischnahrung, überhaupt abwechslungsreichere Kost als der meist in freier Luft tätige Landbewohner. So wächst mit der Zunahme der Industrie der Fleischbedarf schneller als die Bevölkerung; und troß einer starken Vermehrung der Schweinezucht( von 7 Millionen im Jahre 1873 auf 22 Millionen im Jahre 1907) ist allmählich ein Mißverhältnis eingetreten, das man als Fleischnot bezeichnen muß. Auf unseren Märkten steigt das Angebot von Fleisch, Milch, Käse und Butter langsamer als der Bedarf. Das ist eine der wichtigsten Ursachen der Teuerung." Sollte die jetzige landwirtschaftliche Produktion vielleicht feiner Erweiterung, feiner größeren Ergiebigkeit mehr fähig sein? Um diese Frage zu be antworten, müssen wir uns furz die Entwicklung der landwirt< schaftlichen Betriebssysteme vor Augen führen. Die älteste und am weitesten verbreitete landwirtschaftliche Betriebsform war die Dreifelder wirtschaft. Der gesamte zu einem Dorfe gehörige Ackerboden war in drei möglichst gleich große Fluren eingeteilt. Jede Flur zerfiel wieder nach Lage und Bodengüte in verschiedene Gewanne oder Kampe, und in jedem Gewann besaß jede Hofstätte ihr Ackerlos. Von den drei Fluren lag in jährlichem Wechsel immer eine brach, die zweite ward mit Sommerkorn, die dritte mit Winterkorn bebaut. Außerdem besaß jedes Dorf gewöhnlich noch unverteilten Boden, Allmende, in Gestalt von Wald und Weide. Außer der Allmende ward aber auch das Brachfeld und die abgeerntete Getreideflur von der Gemeinde als gemeinsame Viehweide benutzt. Das sekte voraus, daß Flur zwang herrschte, das heißt daß die ländlichen Grundbesizer innerhalb einer Flur ihre Ücker alle zu gleicher Zeit und mit derselben Frucht bebauen mußten. Der Flurzwang ward außerdem aber auch durch die Gemenglage bedingt, das heißt dadurch, daß, wie schon erwähnt, die Ackerstücke eines Besizers kein zusammenhängendes Ganzes bildeten, sondern über die ganze Flur verstreut waren. Solange die Naturalwirtschaft herrschte, genügte das Dreifeldersystem sich selbst: es produzierte in stetem Stofffreislauf selbst das Vieh und den Dünger, die zur Bestellung und Ernährung des Bodens notwendig waren. Mit dem Aufkommen des städtischen Handwerkes und damit der Geldwirtschaft geriet diese landwirtschaftliche Betriebsform ins Wanken. In dem Maße, als es möglich wurde, die Erzeugnisse des Bodens zu Geld zu machen, erwachte der Bodenhunger bei der damaligen herrschenden Riasse, dem Feudaladel. Die Grundherren machten den Bauern ihr altes Anrecht auf die Allmenden streitig; sie erklärten das Gemeindeland als ihren Privatbesitz und verwandelten es in Schafweide oder in Forst- und Jagdgebiet. Damit ward der bäuerlichen Viehzucht ihre wichtigste Grundlage entzogen. Durch die Verminderung des Viehstandes litt aber auch der Getreidebau; denn je weniger Vieh, desto weniger Dünger, desto weniger Kräfte zur Feldbestellung. Bu einer höheren Betriebsform überzugehen, etwa Futterpflanzen anzubauen und das Vieh im Stall zu füttern, statt es auf die Weide zu führen, das war bei dem Dreifelder53 Gemenglage und Flurzwang schlossen jede Neuerung aus und wurden so allmählich zu einer unerträglichen Fessel. Trozdem hielten gerade die kleinen Bauern zäh an der alten Betriebsform fest. Erst die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und die politischen Umwälzungen, die sie mit sich brachte, gaben dem Dreifeldersystem mit seiner Beschränfung der freien Verfügung über den Boden den Nest. Für den kapitalistischen Hunger nach Rohstoffen der verschiedensten Art und nach billigen Lebensmitteln für die Arbeiterheere war die Herstellung des vollen Privateigentums an Grund und Boden Bedingung; und diesem Privateigentum mußten Flurzwang und Gemeineigen weichen. Dem Grundbesizer war es nun möglich, durch übergang zur Stallfütterung seinen Viehstand zu vergrößern und dadurch sowohl dem Bedürfnis seines Ackers nach vermehrter Düngerzufuhr als auch dem größeren Fleischbedarf entgegenzukommen. Neben Futterpflanzen konnte er die verschiedensten Handelspflanzen anbauen, je nach Bedarf des Marktes. Dabei stellte sich heraus, daß nicht alle Pflanzen den Boden in derselben Weise aussaugen, ja, daß einige, so Klee und Hülsenfrüchte, ihn unter gewissen Bedingungen sogar verbessern, so daß man durch geeignete Aufeinanderfolge verschiedener Fruchtarten den Ertrag des Bodens bedeutend steigern konnte. Man gelangte zur sogenannten Fruchtwechselwirtschaft. Aber damit war man noch lange nicht an der Grenze der landwirtschaftlichen Produktivität angelangt. Die moderne Wissenschaft gibt uns eine Fülle von Mitteln, den Bodenertrag zu steigern. Sie lehrt uns, welche Nährstoffe die Pflanze dem Boden entzieht; wir wissen daher, welche Nährstoffe wir dem Boden wieder zuführen müssen, damit er auch in späteren Zeiten reiche Frucht trage. Die Kunst des Düngens ist zur Wissenschaft geworden. An die Stelle der alten Dreifelderwirtschaft tritt die auf die Lehren der Agrifulturchemie gestüßte planmäßige Fruchtfolge. Die Wissenschaft lehrt uns die planmäßige Züchtung des Saatkornes und der Viehrassen, die richtige Fütterung des Viehes je nach dem Zwecke, dem es bestimmt ist. Die Wissenschaft stellt auch der Landwirtschaft funstvolle Maschinen, verbesserte Geräte bereit. Sie stellt die Tierhygiene und die Tiermedizin in den Dienst der Viehzucht"( Bauer). Die Einführung der Maschine in die Landwirtschaft allein kann den Bodenertrag schon außerordentlich steigern. Mit Hilfe des Dampfpflugs kann man viel tiefer pflügen als mit dem Gespannpflug. Die Säe- und Drillmaschinen säen weit regelmäßiger und sparsamer, als es die menschliche Hand vermag. Die Erntemaschinen ermöglichen es durch die Schnelligkeit ihrer Leistungen, die Erntearbeiten in wenigen Tagen zu erledigen, wovon der ganze Ernteertrag abhängt, usw. Trotz aller dieser Vorteile macht die Anwendung von Maschinen in der Landwirtschaft nur langsame Fortschritte. Von den 5 736 082 landwirtschaftlichen Betrieben, die 1907 gezählt wurden, haben nur 1497 975, das sind 26,1 Prozent, Maschinen benutzt. Der hauptsächliche Grund dafür liegt in der Bodenverteilung, die bei uns herrscht: ungeheurem Großgrundbesit steht eine heilIose 3ersplitterung in leistungsunfähige 3 mergbetriebe gegenüber. Ein Vergleich der Anteile, die die verschiedenen Größenklassen der landwirtschaftlichen Betriebe an der landwirtschaftlich benutten Gesamtfläche haben, wird das beleuchten. Betriebsgröße In Prozent der Gesamtzahl der Betriebe In Prozent der landwirts schaftlich be nuzten Fläche unter 2 Hektar • • . 58,9 5,4 von 2 bis 5 # • 17,5 10,4 " 5= 20 18,6 32,7 * 20= 100 # 4,6 29,3 über 100 W • 0,4 22,2 11 S4 Die Gleichheit Nr. 4 Beinahe drei Fünftel aller bäuerlichen Besitzer verfügen zusammen über ein Zwanzigstel der Ackerfläche! Die Armut dieser Bauern macht es ihnen unmöglich, Maschinen zu verwenden, die sich ja auch auf ihrem kleinen Stückchen Boden gar nicht rentieren würden. Es haben landwirtschaftliche Maschinen verwendet von den Betrieben unter 2 Hektar..... S,g Prozent von 2 bis 6-..... 32,3- » 3« 23»,..., 72,3» . 20- 103-..... 92,8 über 100-..... 97,4» Aber nicht nur in bezug auf die Maschinenverwendung ist der Kleinbetrieb minder leistungsfähig als der große. Er hat im Verhältnis zu seinem Boden größere Unkosten für Gebäude und Gerätschaften: er muß Futter, Dünger, Saatkorn im kleinen, also teurer einkaufen: von Fruchtwechsel kann bei ihm kaum die. Rede sein usw. Daß der Großgrundbesitz wirklich eine größere Produktivität erreicht als der Kleinbesitz, das beweist ein Vergleich von Mecklenburg-Schwerin, wo der Großgrundbesitz fast KV Prozent der Betriebe ausmacht, mit dem kleinbäuerlichen Württemberg, wo der Anteil der Großbetriebe nur 1,7 Prozent beträgt. Vom Hektar wurden geerntet im Jahresdurchschnitt des Jahrzehnts von 1900 bis IlM: Roggen Welzen Kartoffeln Dopp.-ZIr. Topp.-Ztr. Topp.-Ztr. In Mecklenburg... 17,4 22,8 140,1 - Württemberg... 14,3 13,9 116,3 Zu der Armut des Kleinbauern tritt aber auch noch seine Unwissenheit. Von den meisten Fortschritten auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Produktion hat er noch nicht einmal etwas gehört: er düngt und bebaut sein Stückchen Ackerland, wie er es von seinem Vater gelernt hat. Ein weiterer Grund, der auch kapitalkräftigere Landwirte abhält, durch Maschinenanwendung zu einer höheren Wirtschaftsform überzugehen, sind die überaus niedrigen Löhne der Landarbeiter. Warum soll man eiserne Sklaven einstellen, solange die von Fleisch und Blut noch weit billiger sind? Ja, treibt denn nicht schon die Konkurrenz die Landwirte zur Anwendung der modernen Wissenschaft und Technik? In der Industrie wird doch der Kleinbetrieb durch den technisch überlegeneren Großbetrieb zugrunde gerichtet. Das ist gewiß ein sehr schmerzvoller Prozeß: aber das Ergebnis dieses Konkurrenzkampfes ist die Weiterentwicklung der Produktivkräfte, die Verminderung der Produktionskosten und damit das Sinken der Preise. Warum vollzieht sich dieser Prozeß nicht auch in der Landwirtschaft? Der industrielle Großbetrieb ist jederzeit in der Lage, seine Produktion so auszudehnen, daß seine billige Ware den Markt beherrscht und damit den Preis bestimmt. Das kann der landwirtschaftliche Großbetrieb nicht. Seine wichtigste Produktionsbedingung, der Grund und Boden, ist nicht beliebig vermehrbar, dadurch sind seiner Ausdehnung Grenzen gezogen. Er kann den Kleinbetrieb nicht niederkonkurrieren. Andererseits ist der Bedarf nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen sehr groß: Zollschranken halten die ausländische Konkurrenz fern: die Erzeugnisse des letzten Kleinbauern sind der Gesellschaft noch notwendig.„Übersteigt aber die Nachfrage das Angebot, so bestimmen die unter den schlechtesten Bedingungen produzierenden Unternehmungen den Marktpreis."(Hilferding, Finanzkapital.) Da also in der Landwirtschaft der Konkurrenzkampf bis zu einem gewissen Grade ausgeschaltet ist— der einzige Ansporn für den technischen Fortschritt, den der Kapitalismus kennt—, bleibt hier die Produktion auf einer Entwicklungsstufe stehen, die gegenüber den Möglichkeiten, die die moderne Wissenschaft und Technik eröffnet hat, sehr rückständig genannt werden niuß.„Darum können unsere Landwirte Getreide, Gemüse, Vieh, Fleisch und Milch nur mit sehr hohen Produktionskosten erzeugen, während die Erzeugungskosten in der Industrie stetig und schnell gesunken sind."(Bauer.) Gewiß könnte auch innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung schon mancherlei zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Betriebsweise geschehen. Durch Verbesse- rungderVolksschulen und Einrichtung landwirtschaftlicher Fortbildungsschulen könnten die Bauern geistig auf eine höhere Stufe gehoben und mit den technischen Fortschritten bekannt gemacht werden. LandwirtschaftlicheGenossenschaften können durch Gewährung billigen Kredits dem kleinen Landwirt die Anschaffung besserer Betriebsmittel ermöglichen oder ihm Maschinen leihweise zur Verfügung stellen: sie können den Einkauf von Futter, Kunstdünger und Saatgetreide im großen und daher zu billigeren Preisen bewerkstelligen: sie können dem Bauern seine Produkte abnehmen und rationell verarbeiten, wie zum Beispiel die Molkereigenossenschaften. Auch die fortschreitende Organisation der Landarbeiter und die durch sie bezweckte Steigerung der ländlichen Arbeiterlöhne wird für die Landwirte ein Ansporn sein zur Anwendung technischer Errungenschaften. In letzter Linie jedoch wird das Privateigentum an Grund und Boden immer das Haupthindernis für eine rationelle Lebensmittelversorgung bleiben.„Will die Gesellschaft ihre Mitglieder ernähren, dann kann sie unsere Versorgung mit Lebensmitteln nicht armen Bauern und hochmütigen Großgrundbesitzern überlassen. Sie muß den Boden, den die Grundherrenklasse dem Volke vorenthält, dem Volke wiedergeben: sie muß die Bodenbebauer zur Verwertung der Errungenschaften der Wissenschaft erziehen und anhalten: sie muß ihnen die Mittel zur Entfesselung der brachliegenden Bodeukräfte geben: sie muß sie zu planmäßiger gesellschaftlicher Arbeit vereinigen. Unsere Versorgung mit Lebensmitteln von der Einsicht, der wirtschaftlichen Kraft, der Profitgier der einzelnen unabhängig zu machen, sie der organisierten Gesellschaft selbst zur wichtigsten ihrer Aufgaben zu setzen, die Entfaltung der zeugenden Kräfte des Bodens und der Arbeit von den Schranken der Armnt, der Unwissenheit, der Selbstsucht zu befreien, das ist das letzte Ziel des Sozialismus."(Bauer.) Aus der Geschichte der menschlichen Unwissenheit. Von B. Sommer. III. Das Wesen der Ketzerei.» Gegen diese ganze Wirtschaft, die wir nicht im einzelnen ausmalen können, richtete sich schon seit den frühesten Zeilen der größte Teil der Ketzereien. Man kann sie ihrem Inhalt« nach in dogmatische, rationalistische und antiklerikale einteilen. Die dogmatischen Ketzereien treten besonders in den ersten Jahrhunderten in den Vordergrund, als das Christen« tum sich noch„klärte" und festigte. Sie sind keineswegs nur ideologisches Pfaffengezänke von rein geistigem oder theoretischem Gehalt, sie müssen vor allem als Kämpfe von Priesterfraktionen und ihrer Anhängerschaft angesehen werden, die zur Herrschaft kommen wollten. Solche Priesterfraktionen mit ihrer Gefolgschaft entsprachen den politischen Parteien unserer Tage. Der Denkweise der Zeit gemäß kämpften sie ihre Interessen unter religiösen Formen aus. Die Religion war die gegebene Ideologie. Wie heute alle bürgerlichen Parteien„das Wohl des Volkes" vertreten, so wollten damals alle priesterlichen Richtungen„das Heil der Seele" retten.— Welche ökonomischen und politischen Interessen im einzelnen hinter den Sekten steckten, ist heute nur noch in wenigen Fällen zu ersehen; daß aber solche Interessen dahinter standen, geht daraus hervor, daß in den Streitfragen fast stets das rückständige, das konservative Nr. 4 Die Gleichheit Prinzip siegte. Was bestand, was herrschte, hatte die materielle Macht hinter sich. Während in den dogmatischen Streitereien eine Meinung gegen die andere ausgespielt und zu Sieg oder Niederlage gebracht wurde, bäumte in den rationalistischen Kezereien die menschliche Vernunft sich gegen gewisse kirchliche Behaup tungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet auf. Man müßte ja am Menschentum verzweifeln, wenn es nicht immer vernünftige Leute gegeben haben sollte, die den logischen Widersinn der firchlichen Lehren eingesehen hätten. Doch nur unter ausnahms weisen und günstigen Umständen konnten sich solche Leute Gel tung oder nur einiges Gehör verschaffen. Es ging ihnen wie den späteren ersten Verkündigern des Sozialismus, die mit Hohn, Haß und staatlichen Verfolgungen überschüttet wurden. So haben die alten und richtigen Auffassungen von der Kugelgestalt der Erde, von der Unendlichkeit der Welt, die Leugnung der Götter und der Unsterblichkeit der Seele, also des ganzen alten Geister und Gespensterglaubens, während des ganzen Mittelalters ihre Anhänger gehabt. Wenn auch nur mit Vorsicht, so sind diese Auffassungen doch oft genug ausgesprochen worden. Die Unvorsichtigen oder Kampfesmutigen traf aber mit Zielsicherheit der Knüppel der Kirche. Diese sorgte im Bunde mit den herrschenden Klassen dafür, daß die Menschen damals sich auch nicht in den Schranken der naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnis vom Dogma der Kirche emanzi pierten, innerhalb deren das möglich gewesen wäre. Wirklich gefährlich für die Kirche waren nur die antiflerifalen Häresien- Anschauungen, die sich gegen die Monopole und Machtmittel der Priesterschaft auflehnten, also direkt ökonomischen Inhalt hatten. Der Kampf gegen Bilder und Reliquienverehrung, gegen die Heiligenanbetung und den Wunderfirlefanz mag erst rein dogmatisch gewesen sein. Schließlich aber wandte man sich in den vorgeschritteneren Gegenden doch auch aus anderen Gründen dagegen, besonders war dies in den Städten seit dem zehnten und elsten Jahrhundert der Fall. Man war dort dahinter gekommen, in welchem startem Maße der Glaube an alle diese Dinge, der echt heidnisch und negerhaft ist, von den Priestern im Geldinteresse, im Interesse der Kirchenmacht ausgenügt werde. Widerspruch gegen das klerifale Unwesen wurde auch von Leuten erhoben, die die lateinische Bibel lesen konnten Übersetzungen in diese Sprache gab es natürlich schon sehr früh. Sie fanden, daß in der Bibel nichts stand von der Anbetung aller jener Dinge und Wesen Re liquien, Heilige, Engel, Jungfrau usw., die die Priester forderten, ebensowenig von den großen Vorrechten, die die Geistlichen besaßen und sich anmaßten. Um die reine Lehre" unter die Laien zu bringen, wurden schon in den bezeichneten Jahrhunderten Teile der Bibel, besonders aber das Neue Testament in die Volkssprache übersetzt. Die Kirche eiferte natürlich gegen dieses Tun ebenso stark wie gegen die Ketzereien selbst. Schon 1080 verbot Papst Gregor VII. den Gebrauch einer slawischen Bibelübersetzung in Böhmen, und im zwölften und dreizehnten Jahrhundert folgten noch viele andere Verbote seitens der Konzilien, besonders Verbote südfranzösischer Übertragungen. Der Kirchenvater Auguſtin hatte eine Lehre vertreten, von der nichts in der Bibel steht, nämlich, daß das Schicksal aller Menschen von Gott vorher bestimmt sei( Prädestination und Gnadenwahl). Diese Lehre wurde schon 849 vertezzert, denn sie beeinträchtigte die seit dieser Zeit start hervortretende Lehre vom Recht und der Macht des Priesters, zu binden und zu lösen. Insbesondere untergrub sie den Glauben an die priesterliche Herrschaft über die Seelen im Fegefeuer, ein Glaube, welcher der Kirche sehr viel Geld einbrachte. Gerade deshalb gingen die meisten Seftierer auf diese alte Augustinische Lehre zurück( auch Luther tat dies befanntlich), und sie wurde noch lange auch von vielen Priestern als die allein richtige an erfannt. Die stärkste Opposition aus dem Laienstand richtete sich gegen ein weiteres Hauptmittel der Priestermacht: das vom Priester bewirkte Wunder beim Abendmahl, die Verwandlung von Brot und Wein in wirkliches Fleisch und Blut Jesu. Wenn Feuerbach sagt: Nicht Gott habe die Menschen, 55 der Mensch habe vielmehr Gott gemacht, so ist das eine uralte Erkenntnis. Merkwürdig ist nur, daß dagegen Opposition gemacht werden konnte, da doch das Dogma der katholischen Kirche nichts anderes sagt. Der Priester ist höher als Gott, er kann durch sein Wort bei der Messe Gott machen. Noch 1895 schrieb ein populäres katholisches Sonntagsblatt:" Sehet die Macht des Priesters! Das Wort des Priesters macht aus einem Stück Brot einen Gott! Das ist mehr als die Welt erschaffen!" Infolge des Geschreies, das sich damals in der protestantischen Welt über diese Außerung erhob, ist man jetzt im katholischen Lager etwas vorsichtiger geworden, obwohl man den Lutheranern mindestens entgegnen konnte, daß sie ja ganz dasselbe glauben, wie sich später zeigen wird. Nach dem obigen Grundsatz hat der Geistliche Gewalt über alle Mächte des Himmels und alle Menschen der Erde erlangt. Er ist nicht mehr der Mittelsmann, er ist der Herr Gottes: wenn er ihn nicht macht, so existiert er nicht. Der Geistliche ist auch Herr des Menschen: wem er nicht durch Darreichung seines Gottes die Sünden vergibt, der bleibt unerlöst. Wenn man sich gegen die Lehre von der Transsubstantiation wendete, so empörte man sich gegen jene Priestermacht, die nach dem Glauben der Zeit die Menschheit von der Seligkeit abschnitt, wenn sie aus irgend einem Grunde die Kirchen einer Gegend schloß schloß und das tat sie nicht selten. Die Opposition gegen diese schrankenlose Macht ist schon sehr alt. Sie entstand, seit die christliche Kirche alle Konkurrenz ausgerottet hatte, machte sich natürlich aber erst geltend, als auch den Ketzern einige Machtmittel in den ökonomischen Zuständen zur Verfügung standen. Eine Schrift für die Proletarierin. Wie rege unsere Genossinnen die Werbearbeit unter dem weiblichen Proletariat betreiben, zeigen die steigenden Zahlen der politisch organisierten Frauen. Aber trotz alledem stehen noch immer zahlreiche schwer ausgebeutete Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen unserer weltbefreienden Bewegung indifferent oder gar ablehnend gegenüber. Unablässig und viel muß gearbeitet werden, um sie aus ihrem Schlafe zu rütteln. Auch bei dieser Arbeit finden wir unseren treuesten Bundesgenossen an den Verhältnissen, unter denen das Proletariat in dieser besten aller Welten lebt. Der auf der Arbeiterklasse lastende Druck, der unleugbar die Tendenz zu einer ständigen Verschärfung zeigt, muß die Unzufriedenheit auch der Bedrücktesten und Stumpfsinnigsten erzeugen. Darum ist die sozialdemokratische Werbetätigkeit am aussichtsreichsten, wenn sie bei der ausfeimenden Unzufriedenheit ansetzt und sich bemüht, die wahren Gründe jener Verhältnisse aufzudecken, unter denen die Massen leiden. Das dunkle Gefühl der Grollenden, daß etwas nicht in Ordnung ist, muß sich dann in das klare Bewußtsein ihrer Klassenlage verwandeln. Nun ist nichts so geeignet, den Zorn der Ausgebeuteten zu erregen, wie die Teuerung des gesamten Lebensbedarfs, die in den letzten Jahren ständig zugenommen hat und jetzt, angesichts des nahenden Winters, einem Notstand schlimmster Art entgegen treibt. Und niemand wiederum empfindet das steigende Mißverhältnis zwischen Arbeitslohn und Warenpreisen schmerzlicher als die Arbeiterin, die Arbeiterfrau. Wohl hat sich die Summe, die sie zur Bestreitung des Lebensbedarfs verwenden kann, umt ein Geringes erhöht, aber diese geringe Ausbesserung ist meist mehr als wettgemacht durch die gestiegenen Preise der Lebensmittel, Kleidung, Miete usw. Die Teuerungspreise der Gegen wart mit ihren schweren Folgen für das Leben der einzelnen Arbeiterin und der Arbeiterfamilie machen für unsere Auf klärung Zehntausende von proletarischen Frauen empfänglich, die früher taube Ohren für unsere Worte hatten. Diese Situation gilt es sowohl beim Reichstagswahlkampf durch die Agitation wie bei der Schulungsarbeit durch die Leseabende usw. zu nützen. Eine treffliche Hilfe dabei wird unseren Genossinnen durch das Büchlein des österreichischen Genossen Otto Bauer über„ Die Teuerung".* Otto Bauer, Die Teuerung. Eine Einführung in die Wirtschaftspolitik der Sozialdemokratie. Wien 1910. 99 Seiten Oftav. 80 Pf. 56 Die Gleichheit Nr. 4 Das kleine Werk begnügt sich nicht damit, die politischen Ursachen der Teuerung— Zölle und indirekte Steuern— festzustellen, es geht über die Kritik der„verkehrten" Wirtschaftspolitik und der Junkerhabgier hinaus. Seine Bedeutung besteht darin, daß es in die Tiefe des Gegenstandes eindringt und die Ursachen der Teuerung an den Wurzeln zu erfassen sucht. Ohne Umschweife schreibt Bauer— gleich im ersten Abschnitt— die Schuld an der Steigerung aller Warenpreise dem Widersinn der kapitalistischen Wirtschaftsweise selbst zu. Diese hat in den letzten Jahrzehnten den Erdball erobert. Uber alle Weltteile hat sich die großkapitalistische Industrie ausgebreitet, überall Fabriken aus dem Boden stampfend und unübersehbare Arbeitcrarmeen schaffend. Das Umsichgreifen des Kapitalismus hat eine bedeutende Steigerung des Bedarfs an Lebensniitteln aller Art wie auch an landwirtschaftlichen und industriellen Rohmaterialien im Gefolge. Ganz besonders traf das für den letzten großen wirtschaftlichen Aufschwung zu, der fast ohne Unterbrechung von der Mitte der neunziger Jahre bis zum Jahre 1906 gewährt hat. Die Landwirtschaft und der Bergbau, denen die Beschaffung der Rohstoffe für alle Industriezweige obliegt, sind aber nicht in der Lage, ihre Produktion in demselben Tempo auszudehnen, wie der Bedarf, besonders an Nahrungs- und Bekleidungsmitteln zunimmt. Der Kapitalismus erzeugt also auf der einen Seite gesteigerten Bedarf, ohne auf der anderen Seite für seine Befriedigung zu sorgen. Die Folge ist ein Steigen der Preise aller Produkte. Welchen Anteil an den aufgezeigten Erscheinungen die Rückständigkeit des landwirtschaftlichen Betriebs hat, die Folge des bäuerlichen Kleinbesitzes, das tritt scharf hervor. Ebenso auch der Zusammenhang, der zwischen ihnen und den Wirtschaftskrisen besteht. So ist der erste Abschnitt der Schrift nicht nur eine tiefdringende Erläuterung der Teuerungsursachen, sondern eine Kritik der ganzen kapitalistischen Profitanarchie. Genosse Bauer gibt außerdem eine gute Einführung in das Wesen und Treiben der Kartelle und eine Schilderung ihres Einflusses auf die Warenpreise. Ein Kapitel über Handel und Spekulation erklärt die Wirkung dieser Faktoren auf die Preisbildung, selbstverständlich nicht, ohne daß es Helles Licht auf ihr Wesen und ihre Bedeutung wirst. Tie Ausführungen über das Geld weisen nach, daß die Gewinnungskosten des Goldes, besonders im Goldgebiet Südafrikas, gesunken sind, was gleichbedeutend ist mit einem Sinken des Geldwertes. Der gleichgebliebene Lohn hat heute nicht mehr den gleichen tatsächlichen Wert wie früher. Die einzelne Mark stellt„weniger gesellschaftliche Arbeitszeit dar und hat daher auch eine geringere Kauskrast als vordem". So lernen wir auch in diesem Kapitel die Teuerung von einer ganz neuen Seite betrachten. Äußerst interessant ist der Ausblick, mit dem der erste Ab- schnitt schließt. Die zunehmende Teuerung aller Produkte muß dem Kapitalismus und seinen Nutznießern selbst unbequem werden: sie zeitigt unvermeidlich, mit Naturnotwendigkeit höhere Lohnsorderungen der Arbeiter. Die Organisationen und Sachwalter der besitzenden Klassen, die modernen Staaten und ihre Regierungen, müssen also bemüht sein, die Teuerung zu mildern. Billige Nahrungsmittel und Rohstoffe zu beschaffen ist also ihre Aufgabe. Die soll gelöst werden durch die Erschließung von Länderkomplexen mit urwüchsiger Kultur, also durch die Kolonialpolitik. Dabei geraten jedoch die Interessen der Bourgeoisie der verschiedenen Nationen in Gegensatz zuein- ander, die Kriegsgefahr entsteht, und das Wettrüsten beginnt mit seinen Milliardenausgaben, die durch Zölle und indirekte Steuern gedeckt werden. Das Übel, dem gewehrt werden sollte, wird also verschärst, der Widerstand der Ausgebeuteten muß in der Folge wachsen. Ter Kapitalismus sucht seine Existenzbedingungen zu erhalten und— gräbt dabei sein Grab, an seinen Widersprüchen geht er zugrunde. Der zweite Abschnitt des Büchleins behandelt„Das Eingreifen des Staates in die Preisbestimmung". Zölle aller Art, Seuchenschutzgesetzgebung und Handelsverträge passieren Revue und werden auf Herz und Nieren geprüft. Die Untersuchungen ergeben stets, daß das Interesse des Kapitals überall im Wider- spruch steht mit dem Interesse der Gesamtheit, daß die kapitalistische Produktionsweise in ihrer neuesten Entwicklungsphase, die charakterisiert wird durch das Kartell- und Schutzzollwesen, ein Hindernis für den wirtschaftlichen Fortschritt geworden ist. Die Kapitel auch dieses Abschnitts belehren trefflich über die einzelnen behandelten Gegenstände. Ten Schluß der Schrift bildet ein Abschnitt über„Die Arbeiterklasse und die Teuerung". Er enthält den Nachweis, daß die steigenden Arbeitslöhne keineswegs— wie unsere Gegner behaupten— der Grund für die Teuerung sind. Aus den verschiedensten Ursachen, die alle in ihren Zusammenhängen eingehend dargestellt werden, können wohl erhöhte Arbeitslöhne vorübergehende Preisverschiebungen bewirken, niemals aber dauernde Preissteigerungen auf der ganzen Linie. Die Gedankengänge Bauers im einzelnen wiederzugeben, ist im Nahmen eines kurzen Artikels unmöglich; wer sie verfolgen will, muß die kleine Schrift selbst studieren. Und zu diesem Studium möchten wir den Genossinnen dringend raten. Die Bauersche Schrift gehört zu den Werken, die bei den Zusammenkünften der Frauen gelesen und diskutiert werden sollten. Das Werkchen klingt aus in die Aufforderung zum Kampf gegen die Teuerung. Diesem Zwecke können die Konsumvereine dienen; sie schalten den verteuernden Zwischenhandel aus und beeinflussen die Preisbildung durch die Konkurrenz, die sie den Händlern machen. Auch in der Stärkung der Gewerkschaften müssen wir angesichts der Teuerung unermüdlich sein, damit eine Erhöhung der Löhne erkämpft werden kann, die der Steigerung der Warenpreise entspricht. Ferner — und nicht zuletzt— ist die Kräftigung unserer Partei zum Kampf gegen Schutzzölle, indirekte Steuern und Liebesgaben vonnöten. Das Wirken nach allen drei Richtungen vermag die Lage der Arbeiterklasse zu heben, die Folgen der Teuerung zu mildern, es ist aber außerstande, sie völlig zu beseitigen. Die Teuerung wird auf der Stufe der Entwicklung, die der Kapitalismus erreicht hat, eine ständige Erscheinung sein. Da sie ihre Urwurzeln in der kapitalistischen Prositanarchie selbst hat, muß der Kampf gegen die Teuerung letzten Endes ein Kampf gegen die kapitalistische Produktionsweise überhaupt sein. Der Kampf gegen die Teuerung fällt zusammen mit dem Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse, um die Befreiung der Menschheit vom Joche das Kapitals, des Privateigentums. Für diesen Kampf Streiterinnen werben und erziehen, ist unsere Aufgabe. Und dabei wird uns Bauers Schrift eine treffliche Helferin sein.________ K. 8., Berlin. Die vierte österreichische Frauenkonferenz. I. L. Sechzig Delegierte aus ganz Osterreich waren am 28. und 29. Oktober in Innsbruck zur Frauenkonferenz versammelt. Zum erstenmal nahmen auch Genossen als Delegierte an unserer Tagung teil: die Vertreter von drei Bezirken, wo eine Genossin nicht hatte delegiert werden können, und die Landessekretäre von Böhmen und Steiermark. Auch die Parteileitung sowie die sozialdemokratischen Abgeordneten waren vertreten, überhaupt haben die Parteigenossen ein großes Interesse an der Frauenkonserenz bekundet, was wohl mit dem Wachstum der Frauenorganisalion zusammenhängt. Ist doch die Zahl der weiblichen Parteimitglieder von 7000 im Jahre 1907 auf 13000 gestiegen. Die„Arbeiterinnenzeitung" hat eine Auflage von 2S000 erreicht gegen 16000 beim letzten Parteitag. Der Bericht, den Genossin Proft erstattete, erweckte allgemeine Befriedigung sowohl bei der Frauenkonferenz als auch bei den Delegierten des Parteitags. Im Mittelpunkt der Verhandlungen der Konferenz stand die Diskussion darüber, in welcher Weise die Frauen nach der Beseitigung der vereinsgesetzlichen Hindernisse den Parteivereinen zugeführt werden sollen. Es mag etwas merkwürdig aussehen, daß die Genossinnen eine Frage diskutieren, die noch gar nicht aktuell zu sein scheint. Wohl hat die Regierung dem neugewählten Parlament einen Entwurf zur Änderung des Vereinsgesetzes vorgelegt. In dieser Regierungsvorlage fehlt der Z 30, der Frauen von politischen Pereinen ausichließt, aber gleichzeitig sind Bestimmungen in ihr enthalten, die für unsere Partei unannehmbar sind. Außerdem leidet die Arbeitsfähigkeit des Parlaments unter steligen Regierungskrisen, die Regierung hat keine Nr. 4 Die Gleichheit Majorität und die parlamentarische Arbeit stockt. Da müssen sich leider auch die Genossinnen bescheiden und länger auf die Beratung der Novelle zum Vereinsgesetz warten, als sie gedacht hatten. Wenn bie Innsbrucker Frauenkonferenz dennoch beriet, was zu geschehen habe, wenn der§ 30 beseitigt sein wird, so deshalb, damit dann nicht sofort wieder eine Frauenkonferenz einberufen werden muß. Die Resolution, die das Frauenreichskomitee vorlegte, geht dahin, daß sich die Frauen den politischen Vereinen anschließen sollen, wenn ihnen das Gesetz dies nicht mehr verwehrt. Der weiblichen Parteimitgliedschaft soll aber das Recht zustehen, ein Komitee zu bilden, das mit Zustimmung des Vorstandes die Agitation unter den Frauen zu leiten hat. In den Vorständen ist den Genosinnen nach der Stärke ihrer Mitgliederzahl eine Vertretung einzuräumen. Die bisher bestehenden Komitees der Landesorganis fationen und das Frauenreichskomitee sollen bestehen bleiben, bis endgültig darüber entschieden wird auf dem Parteitag, welcher auf die Aufhebung des§ 30 folgen wird. Auch die Beibehaltung des Obligatoriums für die Arbeiterinnenzeitung wurde als Wunsch der Genoffinnen ausgesprochen. Auf der Konferenz wurde lange und oft leidenschaftlich darüber debattiert, ob die Genossinnen nach dem Anschluß an die gemeinsame Organisation auf jede eigene Rassengebarung verzichten sollen oder ob sie selbständig über die materiellen Bedürfnisse ihrer Agitation entscheiden können. Die überwiegende Mehrheit der Genossinnen und auch der Ges nossen, die zu Worte kamen, sprach sich für die finanzielle Selb ständigkeit aus. Die Genofsinnen befürchten, daß die Parteigenossen den speziellen Notwendigkeiten der Frauenagitation nicht immer Rechnung tragen werden. Genossin Zieß, die von der Konferenz aufs freudigste als Vertreterin der deutschen Sozialdemokratie begrüßt worden war, ergriff in dieser Debatte das Wort. Auf Grund threr Erfahrungen in Deutschland sprach sie sich rückhaltlos für die vollständige Gemeinsamkeit der Organisation und Kassenführung aus. Es wurde ein Antrag der Genossin Freundlich angenommen, durch Agitation die Genossinnen über den Wert der gemeinsamen Organisation aufzuklären. Dieser Antrag und die oben erwähnte Resolution wurden einstimmig angenommen. Die Resolution ward dem Parteitag zur Kenntnis übermittelt. Er überwies fie dem Parteivorstand und dem Frauenreichskomitee zur Bericht erstattung an den nächsten Parteitag. Der Konferenz wurde auch ein Referat über die Bedeutung des Kommunalwahlrechts für die Frauen erstattet. Leider blieb nicht Zeit genug, eine Diskussion darüber zu führen, obwohl dies wichtig gewesen wäre, da sich die Gemeinden mehren, die bei der Reform des Gemeindewahlrechts auch den Rechtsansprüchen der Frauen in mehr oder minder beschränkter Weise Rechnung tragen. Aber immer ist das gewährte Frauenwahlrecht ein beschränktes. Genossin Schlesinger als Referentin über die Frage legte vor und begründete eine Resolution, die alle notwendigen Forde rungen an die Kommunalvertretungen enthält und vor allem das allgemeine und gleiche Wahlrecht ohne Beschränkungen verlangt. Die sozialdemokratischen Gemeindevertreter werden aufgefordert, fich für das Wahlrecht der Frauen einzusehen. Es wurde auf der Konferenz außerdem noch über die Dienstmädchenorganisation, über die Sozialversicherung und über die Lebensmittelteuerung referiert, und die Genossinnen er hielten dabei Winke für die Agitation. Ein besonders eindringlicher Appell erging, die Genossinnen möchten sich zahlreich an den Bildungsbestrebungen der Partei beteiligen und für die Verbreitung der Literatur sorgen, die in erster Linie für die Arbeiterinnen bestimmt ist. Auch die Abhaltung des Frauentages im fünftigen Jahr wurde beschlossen, wie auch die Einleitung einer Agitation für die Reform des Vereinsgesetzes. Sie soll noch in diesem Jahre erfolgen. Dem Parteitag, dem die Frauenkonferenz vorausgegangen war, haben 21 Genossinnen als Delegierte beigewohnt. Gewiß eine stattliche Zahl. Eine Genoffin gehörte auch dem Bureau an, das die Geschäfte des Parteitags leitete. Leider war es diesmal den Genossinnen nicht möglich, an den Verhandlungen des Parteitags aftiv teilzunehmen. Zu Wort fam ihrerseits nur die Sekretärin des Frauenrechtskomitees, Genossin Proft, die über die Frauen bewegung zu referieren hatte. Auf der Tagesordnung des Parteitags stand das Verhältnis zwischen den Bruderparteien der einzelnen Kronländer voran, das heißt unsere Stellung zur zentralisti schen und separatistischen tschechischen Fraktion. Darum blieb leider für die Behandlung der übrigen Tagesordnung wenig Zeit. Der ganze Parteitag stand im Banne der Verhandlungen über das schwierige Problem, die fast zwei Tage ausfüllten. Genosse Adler hielt ein dreistündiges Referat dazu, und die Redezeit war für alle nachfolgenden Debatteredner auf 20 Minuten verlängert worden. 57 Die Erörterungen über die Frage endeten mit der Anerkennung der neuen zentralistischen tschechischen Sozialdemokratie, die an den alten internationalen Traditionen festhält. Abgelehnt wurden aber alle Anträge, die verlangten, daß alle Beziehungen zur separatistischen tschechoslawischen Partei abgebrochen würden. Bei den tschechischen Arbeitern, die unter separatistischer Führung stehen, muß doch endlich die Erkenntnis zum Durchbruch kommen, daß es die Jnteressen der gesamten Arbeiterklasse schädigt, wenn in ihren eigenen Reihen Uneinigkeit und Zwietracht herrscht. Höher als die nationalen Interessen müssen allen Arbeitern die proletarischen Klasseninteressen stehen. Zu dieser Einsicht werden sich auch die tschechischen Arbeiter durchringen. Darum aber sollen ihnen die Wege zum deutschen sozialdemokratischen Proletariat nicht durch Parteitagsbeschlüsse versperrt sein. Tapferkeit und Geduld bes zeichnete Genosse Adler als die schönsten sozialdemokratischen Tugenden, die in diesem Falle geübt werden müßten. Der Parteitag schloß sich seinen Anschauungen durch einstimmige Annahme der vorgelegten Resolution an. Die übrigen Verhandlungsgegenstände: Lebensmittelteue rung und Wohnungsnot, dann die Wehrreform mußten am letzten Tage in Eile durch beraten werden. Hier hätten die Ges noffinnen manches zu sagen gehabt, aber die Rücksicht auf die wenige zur Verfügung stehende Zeit hieß sie schweigen. Beschlossen wurde die Einführung eines Wahlfonds. Die Beitragserhebung bei den weiblichen Parteimitgliedern wurde dem Frauenreichskomitee im Einvernehmen mit der Parteivertretung und den Landeskomitees überlassen. Wir zweifeln nicht, daß die bei weitem meisten Sozialdemokratinnen in Österreich nicht zurückbleiben werden, wenn es sich darum handelt, die Partei zum Kampfe gegen den Feind zu stärken. Alles in allem: die Genossinnen können mit dem Ergebnis der Frauenkonferenz und des Parteitags zufrieden sein. Sie wollen mit aller Energie und Hingabe weiterarbeiten, um die sozialdemo kratische Agitation in immer neue Kreise der proletarischen Frauen zu tragen. Begeisterten Widerhall fand ein Begrüßungsschreiben, das Genossin Zetkin in ihrer Eigenschaft als Sekretärin der sozialistischen Fraueninternationale an die Konferenz gerichtet hatte. Die schwesterlichen Grüße wurden im Namen der Konferenz durch die Vorsitzende auf das herzlichste erwidert. So ist auch auf der Tagung der österreichischen Genossinnen die Solidarität des Proletariats aller Länder zum Ausdruck gekommen, welche angesichts der friegslüsternen imperialistischen Politik der herrschenden Klassen die stärkste Schutzwehr des Weltfriedens ist. A. P. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Ende September fand im zehnten fäch fischen Wahlkreis eine Reihe von Versammlungen statt, die die Proletarierinnen der Partei zuführen sollten. Die Unterzeichnete referierte über das Thema:" Was lehrt die Teuerung die Frauen?" Wie schwer die gestiegenen Kosten des Lebensbedarfes auf den Frauen lasten, zeigte der Besuch der Versammlungen, der durchschnittlich sehr gut war. Wenn man den ausgebeuteten Proletarierinnen die Zoll- und Steuerpolitik der herrschenden Klassen erläutert, ihnen das System der Einfuhrscheine und der Liebesgaben auseinandersetzt, so lodert die Empörung in hellen Flammen in ihnen empor. Ergeht dann die Aufforderung an sie, sich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen, so folgen sie meist der Mahnung in großen Massen. Im zehnten sächsischen Wahlkreis waren bisher nur fleine Anfänge der proletarischen Frauenbewegung vorhanden. Durch die Versammlungen wurde auch dort, wo bis jetzt noch teine einzige Frau organisiert war, eine große Zahl weiblicher Parteimitglieder gewonnen; so in Roßwein 57, in Nossen 47, in Geringswalde 53, in Waldheim 53, in Hartha 26. Die Parteiorganisationen in Döbeln und Leisnig hatten zusammen schon ungefähr 100 weibliche Mitglieder; zu ihnen tamen 42 resp. 19 neue. Die Genossen in Roßwein haben nach der Versammlung eine rege Agitation entfaltet, durch die sie zu den 57 in der Versammlung aufgenommenen 110 weitere Mitglieder hinzugewannen; von diesen 167 neuen Mitstreitern sind 97 Frauen. In allen Orten versprachen die Genossen und Genossinnen, Leseabende für die Frauen einzurichten, um die Ungeschulten mit unseren Ideen vertraut zu machen und zusammenzuhalten. Der Erfolg der Versammlungen beweist, daß es auch in kleineren Orten möglich ist, die proletarischen Frauen für unsere Sache zu gewinnen. Die Saat der herrschenden Klassen reist der Ernte entgegen. Der Einfluß, den politisch aufgeklärte proletarische Frauen auszuüben vermögen, wird sich bei ben Reichstagswahlen zeigen. Minna Reichert. 58 Die Gleichheit Für die bei der Firma Zeiß in Jena angestellten Arbeiterinnen hielt die Unterzeichnete einen Vortrag über„ Die Kulturarbeit der freien Gewerkschaften und ihre Vorteile für die Arbeiterinnen". Die Firma Beiß stellt in der letzten Zeit mehr und mehr Frauen an, um die Löhne der Männer nach Möglichkeit zu senken. Leider haben sich von den 250 in Betracht kommenden Arbeiterinnen bis jetzt erst verschwindend wenige der Organisation angeschlossen. Der Metallarbeiterverband hatte deshalb die Versammlung einberufen, den Arbeiterinnen sollte der Weg gewiesen werden, den sie gehen müssen, wenn sie gegen ihre Ausbeutung ankämpfen wollen. Am Schlusse der Versammlung versprachen die jungen Mädchen, Mitglieder des Metallarbeiterverbandes zu werden, denn sie wollten keine Lohndrückerinnen sein. Der Versammlungsleiter, Genosse Matthes, erklärte, daß er bald wieder eine Versammlung für die Arbeiterinnen einberufen werde, damit alle Gelegenheit haben, dem Verband beizutreten. Die Versammlung war zunächst für den Abend geplant gewesen, fand aber gleich nach dem Geschäftsschluß statt, weil diese Zeit für die Arbeiterinnen günstiger ist. Als unsere Genossin Pute von der Verlegung erfuhr, sorgte sie schleunigst dafür, daß für den Abend des gleichen Tages eine Frauenversammlung einberufen wurde, in der die Unterzeichnete über„ Die Teuerung und die Reichstagswahlen" referierte. Die Annonce, die diese Veranstaltung bekanntgab, fonnte erst am Tage ihres Etattfindens in der Zeitung erscheinen. Trotzdem fam eine prächtige Versammlung zustande, ein Beweis dafür, wie wertvoll und notwendig es ist, daß die Genossinnen die Parteipresse regelmäßig lesen. Besonders in der Zeit des Wahlkampfes ist es wichtig, daß sie ,, auf einen Ruf ihres Organs hin, jederzeit schnell zusammenftrömen. Die Jenaer Ge noffinnen haben gezeigt, daß auch die Frauen pünktlich und zahl reich zur Stelle sein können, auch wenn die Aufforderung zum Erscheinen sie erst in der Abendstunde des Versammlungstags erreicht. Der gute, ernste Wille fann überall Schwierigkeiten über winden. Helene Grünberg. In Altona fand am 10. Oktober eine öffentliche Frauenversammlung statt, in welcher Genossin Zieg über„ Lebensmittelteuerung und Zollwucher" referierte. Die Vortragende schilderte die Verteuerung der Lebensmittel, legte deren Ursachen dar und forderte zum Eintritt in die politischen, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisationen des Proletariats als den besten Mitteln gegen die Auswucherung der Ausgebeuteten durch die Besitzenden. In der Diskussion wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die Brotfabriken von Busch in Hamburg und Berk& Ehlers in Altona die geringen Forderungen der Bäckergesellen nicht bewilligt haben, und daß deren Kampf durch die vielen Arbeiterfrauen erschwert wird, die trotzdem noch bei diesen Firmen kaufen. Genosse Sievert forderte die Frauen auf, bei der bevorstehenden Stadtverordnetenwahl für die sozialdemo kratischen Kandidaten einzutreten. Einstimmige Annahme fand eine Resolution, die in Übereinstimmung mit der Resolution des Jenaer Parteitags Maßregeln gegen die Teuerung fordert und die proletarischen Männer und Frauen auf die Konsumvereine, die gewerk schaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiter aufmerksam macht. Es wurden 57 Aufnahmen für die Partei gemacht und 35 ,, Gleichheit"-Leserinnen gewonnen. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie wurde die Versammlung geschlossen, der über 1000 Personen beiwohnten, darunter ungefähr 800 Frauen. Ein gutes Zeichen das für den Ernst, mit dem die Proletarierinnen sich am nun entbrannten Reichstagswahlkampf beteiligen werden. Emma Blievernicht. Die arbeitenden Frauen Hamburgs erhoben am 10. Oftober in 17 öffentlichen Frauenversammlungen Protest gegen die Teuerung und den Lebensmittelwucher. Zu Tausenden waren sie zu dieser Kundgebung gegen die Wirtschaftspolitik des Deutschen Reiches zusammengeströmt. Die Genossen und Genossinnen tönnen sich faum entsinnen, je so viele Frauen in öffentlichen Versammlungen der Partei beisammen gesehen zu haben. In mehreren Versammlungen bildeten Genossinnen das Bureau. Die Bestellkommissionen hatten in den einzelnen Distrikten den Veranstaltungen rührig vorgearbeitet und so zu ihrem imposanten Verlauf und prächtigen Erfolg beigetragen. Etwa 200 weibliche Parteimitglieder, eine Anzahl Leser für das„ Hamburger Echo" und rund 250 Abonnenten für die Gleichheit" sind an diesem Abend gewonnen worden, soweit die Genossinnen die Zahlen festgestellt haben. Außerdem ist die Hoffnung berechtigt, daß die Versammlungen noch eine gute Nachwirtung in den Bezirken der einzelnen Wahlkreise haben werden. Um die Genofsinnen zu veranlassen, sich rege im politischen Leben zu betätigen, laden die Mitglieder der Bestellkommissionen in den einzelnen Distrikten die organisierten Sozialdemokratinnen zu jeder öffentlichen wie zu jeder Frauenagitationsversammlung" " 1 Nr. 4 - so beißen jetzt die Frauenbildungsabende persönlich ein. Durch diesen Verkehr der Genossinnen untereinander hofft man die Frauen allmählich dahin zu bringen, daß sie die Scheu überwinden, die sie meist vor dem Heraustreten in die Öffentlichkeit empfinden. Die persönliche Art der Agitation soll in ihnen das Zusammengehörigkeitsgefühl der Glieder einer Klasse wecken, den Opfermut und die Freude am Kampfe für eine bessere Zukunft stärken. Unter den Genossinnen herrscht ein guter Geist, der sicherlich immer größere Kreise der proletarischen Frauen ergreifen wird. Die nächste Zukunft muß unserer proletarischen Frauenbewegung große Fort schritte bringen. " eg. Das Winterprogramm der Nürnberger freien Jugendbewegung. Das Nürnberger Jugendheim im Historischen Hof" in der Tucherstraße 20 ist seit dem 16. Oktober den ganzen Winter über wochentags von 8 bis 1/210 Uhr, Sonntags von 2 big 6 Uhr abends geöffnet. An jedem ersten Sonntagvormittag im Monat finden fachkundig geleitete Führungen durch Museen, Ausstellungen usw. statt. Am zweiten und vierten Sonntag werden Ausflüge mit dem Touristenverein„ Die Naturfreunde" unternom men. An je einem Abend der Woche findet ein literarischer Abend und Gesangsunterricht statt. Zweimal im Monat werden die Jugendlichen in das Verständnis der Musik, in das Leben und Wirken unserer großen Denter und in das Reich der Naturwissens schaften eingeführt. Volkswirtschaftliche Vorträge werden jeden vierten Donnerstag gehalten. Jeder Dienstag und Samstag, jeder zweite Donnerstag, zweite und vierte Freitag und jeder erste und dritte Sonntag im Monat ist der Unterhaltung, dem Lesen und Spielen im Jugendheim gewidmet. Das Jugendheim besteht aus einem Gesellschaftssaal und einem Lesezimmer, die beide freundlich eingerichtet sind. Eine Jugendbibliothek steht zur Verfügung, die 200 Bände umfaßt. Es liegen außer der Arbeiter- Jugend", der ,, Arbeiter- Turnerzeitung", der„ Gleichheit", Gewerkschaftsblättern, verschiedene Kunstblätter und zeitschriften aus. Gesellschaftsspiele verschiedenster Art sind vorhanden. Zur kostenlosen Beteiligung an allen Veranstaltungen des Jugendausschusses sind Lehrlinge, jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen im Alter von 13 bis 18 Jahren berechtigt, welche nicht mehr voltsschulpflichtig und Abonnenten der Arbeiter- Jugend" sind, die monatlich 10 Pf. kostet und im Jugendheim bestellt werden kann. Die Abonnementskarte dient als Legiti mation. Die förperliche Ausbildung der Jugendlichen ist durch einen Gegenseitigkeitsvertrag dem Arbeiterturnverein übertragen worden. Jugendlichen, die sich durch eine Abonnentenkarte der ,, Arbeiter- Jugend" ausweisen, können fostenlos an den Turnabenden der Böglingsabteilung teilnehmen. Für die Unfallunterstützungstasse des Arbeiterturnvereins müssen sie 10 Pf. Einschreibgebühr und 25 Pf. Jahresbeitrag zahlen. Mitgliedern der Zöglingsabteilung des Arbeiterturnvereins, die der freien Jugendbewegung nicht angehören, ist es gestattet, fostenlos deren Veranstaltungen beizu wohnen. Alle aufgeflärten Proletarier, namentlich auch die Ar beiterfrauen, müssen die schulentlassenen jungen Proletarier, müssen Lehrlinge wie jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen auf die bildenden Veranstaltungen der freien Jugendbewegung aufmerksam machen. Mehr als bisher noch müssen insbesondere die Mütter bedacht sein, ihre Töchter der Jugendbewegung zuzuführen. Agita tionsmaterial übermittelt gern die Vorsitzende des Jugendausschusses, Helene Grünberg, Breitegaffe 25/27. " + Von unserer Jugendbewegung. Der dritte Jahresbericht der Zentralstelle für die arbeitende Jugend DeutschIands" ist vor kurzem erschienen. Trotz des heißesten Bemühens der Staatserhaltenden, trotz aller Schikanen und Verfolgungen durch Polizei, Gerichte und Behörden aller Art gibt der Bericht ein erfreuliches Bild vom Wachstum der Bewegung. Am besten kommt die Entwicklung in der zunehmenden Zahl der Abonnenten der ,, Arbeiter Jugend" zum Ausdruck. Von 28 100 im ersten Jahre des Erscheinens und 45 000 im zweiten stieg ihre Zahl auf 65612 im dritten Jahre. Neben der Arbeiter- Jugend" sind es die Jugendheime, an deren steter Vermehrung ebenfalls die Ausdehnung der proleta rischen Jugendbewegung gemessen werden kann. Von den 213 be= richtenden Orten haben 147 ein Jugendheim, das je nach dem Umfang der örtlichen Bewegung über einen oder mehrere Räume vers fügt und ein oder zweimal wöchentlich oder aber täglich geöffnet ist. In 74 Jugendheimen find Bibliotheken vorhanden, die 50 bis 600 Bände enthalten. Außerdem liegen in fast allen Heimen eine stattliche Anzahl guter Zeitschriften aus. In allen Jugendheimen ist sowohl das Rauchen wie der Genuß alkoholischer Getränke untersagt. über die Bildungsveranstaltungen für die Jugend gibt folgende Aufstellung Auskunft: Nr. 4 Art der Veranstaltung Die Gleichheit Zahl der Teilnehmer Beran Zusammen staltungen Jugendliche Erwachsene Einzelvorträge Vortragsreihen 1804 61892 7720 . 82 6473 1781 Unterrichtskurse 69 1101 145 Künstler. Darbietungen. 826 25099 14850 69612 8254 1246 39949 Besuche v. Museen, Ausstellungen usw... 282 5711 718 6429 • Die Einzelvorträge verteilen sich auf 162 Orte. In der Bahl der Vorträge steht Leipzig mit 273 an der Spitze. Ihm folgen Hamburg mit 165, Berlin mit 77 und Köln mit 68. Soweit Angaben über die Vortragsthemata gemacht sind, lassen sie sich wie folgt gruppieren: 46 42 Literatur 253 . • Jugendbewegung 222 Jugendschutz. Technik Geschichte 162 Gesundheitslehre 41 Naturwissenschaften. 108 Alkoholfrage. 30 Volkswirtschaft 77 Religion. 27 Geographie und Reisebe Staatsrecht 26 schreibungen 56 Leibesübungen. 25 49 Schule und Erziehung • 48 Kunst Soziales.. Arbeiterbewegung 22 13 Vortragsreihen sind in 50 und Unterrichtsturse in 31 Drten veranstaltet worden. Sie erstrecken sich ähnlich wie die Einzelvorträge auf die verschiedensten Wissensgebiete. Vielfach werden diese Veranstaltungen gemeinsam mit den Bildungsausschüssen arrangiert. Nicht einbegriffen in obige Zusammenstellung sind die Veranstaltungen in Dresden. Nach dem übermittelten besonderen Bericht haben dort ohne die regelmäßigen Zusammenkünfte in den Jugendheimen während des Winters anstaltungen stattgefunden, und zwar: Vorträge Unterhaltungsabende. Diskussionsabende Versammlungen ohne be1076 Ver Künstler. Veranstaltungen. Halbtagspartien. 291 128 . 86 Tagespartien Exkursionen Spielabende Singstunden sondere Tagesordnung. 104 Lese- u. literarische Abende 66 Die Vorträge behandelten folgende Gebiete: Boltswirtschaft u. Geschichte 61 Literatur und Kunst. Naturwissenschaften. Geographie.. Kulturgeschichte. Gesundheitslehre. Sozialwissenschaft und Vers sicherungswesen. 41 ⋅ . 37 Schundliteratur 29 Alkoholismus 22 Allgemeinere Themen 17 • 47 134 51 64 89 16 . . 15 . • . 9 9 6273 53 In verschiedenen Heimen sind Leseabende eingerichtet, die sich einer besonders regen Beteiligung seitens der Jugend erfreuen. Wanderungen, Freispiele, festliche Veranstaltungen, Schulentlassungsfeiern in allen Orten beweisen das wachfende Verständnis der organisierten Arbeiterschaft für die Erziehung thres Nachwuchses. Die Kosten all dieser Veranstaltungen werden nämlich freiwillig von den Arbeitereltern getragen, um ihre Kinder nicht den Veranstaltungen der bürgerlichen Jugendpfleger", wie fte sich so schön nennen, in die Arme zu treiben, obwohl man dort förmlich um die proletarische Jugend wirbt und gern etwas zu gibt, wenn sie nur kommt. Um Jugendliche und Erwachsene auf die gesetzlichen Schuhbestimmungen aufmerksam zu machen und zu ihrer Innehaltung mit heranzuziehen, hat die Zentralstelle dankenswerterweise eine Broschüre herausgegeben„ Der gesetzliche Arbeiterschutz für Jugendliche" von Robert Schmidt. Diese übersichtliche Zusammenstellung ermöglicht allen Lehrlingen und jugendlichen Arbeitern, sich vor gesetzwidriger Ausbeutung zu schützen. Gab es doch nach der letzten Berufszählung im Deutschen Reiche 3362483 erwerbetätige Jugendliche von 14 bis 18 Jahren, darunter 1439399 weibliche. Die Gesamtzahl der Vergehen gegen die Kinder- und Jugendschutzbestimmungen betrug im Jahre 1909 18786 gegen 20814 im Jahre 1908. Jn Wirklichkeit ist die Zahl bei weitem größer, da sehr viele Übertretungen überhaupt nicht zur Anzeige gelangen und die geringe Bestrafung solcher Übertretungen geradezu ein Anreiz zur Mißachtung der Geseze ist. Unpolitische Jugendvereine bestehen zurzeit in 103 Orten, deren Mitgliederzahl 17 755 betragen soll, darunter 2984 weibliche. Auflösungen unpolitischer Jugendvereine finden tägs lich statt, die Begründung ist stets dieselbe, nämlich: daß der Ver59 ein Propaganda für die Sozialdemokratie betreibe, eine Einwirkung auf politische Angelegenheiten bezwecke und die Jugend zum Klassenhaß aufreize. Es würde zu weit führen, hier alles wiederzugeben, was in dieser Beziehung im letzten Jahre an Polizeiwillkür geleistet worden ist. " Daß die politischen Angelegenheiten" nur dann einen Grund zur Auflösung von Jugendorganisationen bilden, wenn vermutet wird, ihr Wirken könne sich in seinen Folgen gegen die Politik der herrschenden Klassen richten, versteht sich von selbst. In christlichen und nationalen Jugendvereinen konnte das Thema„ Weltpolitik" in einer Versammlung behandelt werden, ohne daß die Behörde Grund zum Einschreiten fand. Wenn aber, wie es in Berliner Arbeiterjugendversammlungen geschah, auf der Tagesordnung steht Amerika, Land und Leute" oder" Daniel Friedrich Schubart", so wird diese Veranstaltung aufgelöst, bevor der Referent beginnt. Warum das zweierlei Recht? Der Amtsanwalt hat dies bei der Gerichtsverhandlung ausgesprochen: Man wisse ganz genau, daß nicht über das angegebene Thema, sondern über Partei und politische Angelegenheiten gesprochen werde. Der Herr Amtsanwalt mußte allerdings den Beweis für diese Behauptung schuldig bleiben, und sämtliche Jugendliche wurden freigesprochen, die wegen Beteiligung an diesen„ politischen" Versammlungen angeklagt worden waren. Trotzdem geht die beliebte Praxis weiter. Wenn unsere Regierung in ihrem Haß gegen die Arbeiterbewegung nicht von allen guten Geistern verlassen wäre, hätte sie längst merken müssen, daß sie mit ihren fortwährenden Verfolgungen der beste Agitator für die proletarische Jugendbewegung ist. Aus dem Bericht ist deutlich zu ersehen, wieviel der organisierten Arbeiterschaft auf dem Gebiet der Erziehung der Jugend zu klassenbewußten Mitkämpfern noch zu tun übrig bleibt. Aber ebenso gewiß zeigt er, welch reiche Tätigkeit die Jugendausschüsse im ganzen Reiche entfalten, wie sie weder Mühe noch Kosten scheuen, der Arbeiterklasse das Kostbarste zu erhalten, was sie besitzt: ihren Nachwuchs. Die durchaus nicht zu unterschätzenden Anstrengungen der bürgerlichen Gesellschaft, die Arbeiterjugend in ihr eigenes Lager hinüberzuziehen, wird den Werktätigen ein steter und scharfer Ansporn sein, ihre eigenen Bemühungen zu steigern, Kopf und Herz der jungen Proletarier für die Ideale ihrer Klasse zu gewinnen. M. W. Politische Rundschau. Der Wahltag ist heraus und ebenso die Wahlparole, die die Regierung zum Kampfruf aller„ stantserhaltenden" Parteien machen möchte. Am 12. Januar soll ein Reichstag nach dem Herzen der Wucherzöllner gewählt werden, wenn es nach dem Willen des Herrn v. Bethmann Hollweg geht. Er will die Scharen dieser Parteien durch die Parole sammeln:„ Erhaltung der nationalen Wirtschaftspolitit", hofft wohl auch, durch seine Taktik die Nationalliberalen, die ja auch Zöllner sind, wieder an die Seite der Kons servativen und des Zentrums zu bringen. Der Sozialdemokratie könnte diese Parole schon recht sein. In der Zeit der Teuerung wird sie es ganz besonders erleichtern, die noch nicht in Bewegung gekommenen Wählermassen aufzurütteln und ihnen neue Erkenntnis einzupaufen. Gelegenheit dazu wird aber auch schon die Antwort der Regierung und die Haltung der Parteien in der Teuerungsdebatte geben, die durch die Interpellationen über diese brennende Angelegenheit im Reichstag entfesselt wurde. Mit aller Rücksichtslosigkeit, die ihm zu Gebote steht, hat der Vertreter der Regierung erklärt, daß diese keines von all den Mitteln ergreifen will, die zu einer einigermaßen fühlbaren Linderung des Notstandes gefordert werden. Das Volk soll weiter hungern, denn das Interesse der Junker, der Großgrundbesitzer verlangt das. Das ist der kurze, aber unzweideutige Sinn der langen Kanzlerrede. Nicht einmal eine zeitweise Aufhebung der Zölle auf die wichtigsten Lebensmittel will er zugestehen, nicht einmal eine zeitweise Öffnung der Grenzen für ausländisches Vieh und Fleisch. Besser, das Volk mache eine Hungerkur durch, als daß es Fleisch genösse, das nicht vom nationalen Vieh gewonnen ist, und das deshalb selbstverständlich gesundheitsgefährlich sein muß. Gesundheitlich zuträglich ist nur das teure Fleisch, das die großen Viehzüchter im Deutschen Reiche liefern. Auch die Gesundheit des einheimischen Viehes würde durch die Einfuhr billiger Schlachttiere und wohlfeilen Fleisches aus dem Ausland bedroht werden, die Gesundheit des einheimischen Viehes, das freilich jetzt schon trotz aller Sperren von der Maul- und Klauenseuche arg heimgesucht wird. Als ob es nicht möglich wäre, das ausländische Viel gleich an der Grenze schlachten zu lassen und gleich bei der Einfuhr das gefrorene Fleisch zu prüfen, das übrigens in England 60 Die Gleichheit seit Jahrzehnten von der Bevölkerung ohne Schaden genossen wird. Aber alle diese bange Sorge um die Gesundheit von Menschen und Vieh ist ja nur durchsichtiger, heuchlerischer Vorwand. Die wahre Gorge gilt dem Profit der Großgrundbesizer. Mag das Volt den Hungerriemen enger schnallen, seine unzureichende Lebenshaltung noch tiefer herabdrücken; mögen Krankheiten unter dem Proletariat noch schlimmer wüten als sonst, weil der geschwächte Körper ihren Angriffen keinen Widerstand zu leisten vermag: wenn nur die„ notleidende Landwirtschaft" geschüßt bleibt! Nicht einmal auf furze Frist dürfen in der Zeit schlimmer Not die Zölle und Grenzsperren aufgehoben werden. Weil das der„ nationalen Wirt schaftspolitit" schaden tönnte. In der Tat, wenn das Volk einmal an einem praktischen Beispiel erfahren würde, wie sehr der Forts fall dieser Hindernisse selbst unter ungünstigen Verhältnissen, selbst zur Zeit einer allgemeinen Teuerung, die Lebensmittel verbilligte, so wäre allerdings ein starkes Anschwellen der Bewegung gegen das System des Zoll- und indirekten Steuerwuchers zu erwarten. Deshalb muß das deutsche Volt vor solch gefährlicher Erkenntnis dehütet werden, und sei es um den Preis der Hungersnot!... Etwas Aufreizenderes als diese Kanzlerrede ist dem deutschen Prole tariat faum jemals geboten worden. Fast scheint es, als habe der leitende Staatsmann mit fühler überlegung die schärfste Form für seine Erklärungen gewählt, so daß sie schier wie grausamer Hohn auf das Elend der Massen wirken. Ob er wohl glaubt, daß diese " Festigkeit der Regierung" die Bewegung gegen den Wucher der Zölle und indirekten Steuern eindämmen werde? Jedenfalls beweist seine herausfordernde Haltung, mit welcher Nichtachtung die Herrschenden die Forderungen der Massen selbst in solch fritischen Beiten behandeln. Sie bauen darauf, daß die Massen mit Schafs. geduld zu unsäglichen Leiden auch noch den Hohn ertragen. Sehen sie nicht die Anzeichen, daß diese Geduld zu Ende geht, oder mimen fie die Sorglosen, um zu verbergen, daß ihnen die Angst vor dem Erwachen und Handeln der Massen in den Knochen sigt? Ein ganzes Regiment von Staatssekretären und Ministern marschierte zur Unterstützung des Kanzlers auf. Sie waren gehorsame Handlanger des vorgesetzten Handlangers der besitzenden Klassen. Meist variierten die Herren das schon von ihrem Meister abgehandelte Thema, daß der Zwischenhandel und das unnötige Geschrei über bie Teuerung an der Teuerung schuld seien, daß Reich und Bundes staaten nichts tun könnten, wohl aber die Städte. Der Reichsschatz sekretär Wermuth spannte außerdem noch eine neue Saite auf die alte Fiedel der Wucherzöllnerei. Gegen eine zeitweilige Aufhebung ber Futtermittel- und Lebensmittelzölle machte er geltend, daß das Reich die Erträge der Zölle auch nicht für einige Monate ent behren könne, und das trotz des Goldes, in dem es angeblich dank der Finanzreform" schwimmt. Was besagt das? Den Massen muß das Leben verteuert bleiben, es darf ihnen selbst in Hungerzeiten feine auch nur vorübergehende Erleichterung der Last zuteil werden, weil erstens die Großgrundbesitzer ihren Tribut heischen, und weil zweitens die Besitzenden von direkten Steuern für das Reich verschont bleiben wollen. Das nennt sich ,, ausgleichende Gerechtigkeit" und ist eine glänzende Bestätigung dessen, was die Sozialdemokratie seit je gegen die volksfeindliche Zoll- und Steuerpolitik des Reiches behauptet hat. Diese ist eine Maßregel nacktester Klassenherrschaft der Besitzenden. Nr. 4 und die Rechte doch die Versicherung nicht zu unterdrücken, daß sie die Zölle nur ganz allmählich herabsehen würden. Die Herabsegung darf den Satten und übersatten nicht wehe tun, auch wenn dadurch Hungrige geschaffen werden. Die Stimme des Voltes, sein Schrei nach Brot, sein empörter Protest gegen die schändliche Politik ber Stockprügel auf den Magen fam nur in den Reden der sozialdemokratischen Sprecher Scheidemann und Südekum zum Ausdruck. Die Wahlparole des Reichskanzlers ist inzwischen stilgerecht durch die Forderung nach Knebelgesehen für die Arbeiterklasse ergänzt worden. Der Junkerführer Heydebrand tat dies folgerichtig auf einem sogenannten Parteitag der Konservativen Schlesiens. Ausplünderung und Knebelung gehören zusammen. Die Nationalliberalen wollen es ihrerseits mit dem Appell an den Flottenkoller versuchen. Die„ Magdeburgische Zeitung" for berte dieser Tage die Regierung auf, die Verstärkung der Marine zur Wahlparole zu machen. Die amtliche Wahlbeeinflussung zugunsten der Blauschwarzen wird bei dem eingeleiteten Wahlkampf üppig ins Kraut schießen. Die„ Frankfurter Zeitung" konnte melden, daß die preu ßische Regierung die Landräte angewiesen habe, ihr Mitteilung von Angriffen auf die Regierungspolitik zu machen. Dergleichen " Sünden" soll mit Flugblättern entgegengewirkt werden. Und das ist dabei das Lehrreiche: die Herkunft dieser Wische soll von den Landräten als holdes Geheimnis behandelt werden. Bis jetzt hat noch kein offiziöses Organ Zeit zur Beantwortung der Frage ge funden, aus welcher Kasse diese amtliche Agitation bezahlt wird. Entweder deckt die Regierung die Aufwendungen zur Unterstützung des blauschwarzen Blocks durch öffentliche Gelder, die von allen Steuerzahlern aufgebracht werden müssen, gleichviel welcher poli tischen Farbe sie sind. Oder aber sie nimmt dafür Trinkgelder der interessierten Parteien. Beides ist schlimmste Korruption. Was Wunder? Eine Regierung gegen das Volk kann sich nur durch Gewalt und Niedertracht erhalten. Die Sache hat auch noch eine andere Seite. Die offizielle Aneiferung der Landräte zur Unter stüßung der blauschwarzen Agitation muß auf ihre Amtsführung, auf die Auslegung des Vereinsgesetzes und anderes mehr einwirfen. Das ist an den fünf Fingern abzuzählen. Die bayerische Res gierung bleibt hinter ihrer preußischen Kollegin an Dienstwilligleit für den Block der Junker und Pfaffen kaum zurück. Jm Landtag hat der Ministerpräsident Podewils es als selbstverständlich hin gestellt, daß ein Beamter nicht Sozialdemokrat sein darf. Es zerrinnen die Träume von der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Sozialdemokratie in Bayern! Der Kriegsminister hat zur allgemeinen Warnung mitgeteilt, daß das Ehrengericht einem Reserve offizier die Epauletten aberkannt hat, der in der Stichwahl zur Wahl eines Sozialdemokraten aufgefordert hatte. Kurz, die Spitzen der bayerischen Staatsbehörden bekennen sich offen als beslissene Lakaien des Zentrums. Aber all das ist dieser Partei für Wahrheit, Freiheit und Recht noch nicht genug. Nicht einmal die Warnung hat ihr Genüge getan, die der Eisenbahnminister vor dem Süddeutschen Eisenbahnerverband ausgesprochen hat. Das Zentrum hat im Landtag erneut das Verbot des verhaßten, angeblich sozial demokratischen Verbandes gefordert, der der schwarzen Aucharbeiter. organisation gar zu starke Ronkurrenz macht. Nieder mit dem Roas parole in Bayern. Die Konservativen und Zentrümler waren selbstverständlitionsrecht, wenn es nicht den Schwarzen dient, das ist Zentrumslich von der überagrarischen Rede des Kanzlers hoch entzückt. Grollend hat die alldeutsche und maroffotolle, Rheinisch- Westfälische Zeitung" eine ihr höchst unliebsame Folge festgestellt, welche die Rede des Kanzlers gehabt hat. Seitdem sie den Großgrundbesizern die liebs liche Botschaft von der Sicherung ihrer Zollprofite verkündete, ist die Kritik an der Marokkopolitik der Regierung in den Blättern der Blauschwarzen ganz verstummt. Die Redner der Ritter und Pfaffen waren natürlich ein Herz und eine Seele mit dem Kanzler. Nach seiner Weisheit blieb ihnen eigentlich kaum noch etwas zu tun übrig. Das Zentrum griff daher zu einem jener demagogischen Kniffe, in denen es Meister ist. Es ließ den„ Bauerndoktor" Heim reden, der wohl ein strammer Agrarier ist, aber im Gegensatz zur Mehrheit seiner Partei die Bauerninteressen mehr betont wissen will als die Junkerinteressen. Er schreckt daher vor einer zeitweiligen Aufhebung der Futtermittelzölle nicht zurück, die die Großgrundbesitzer entrüstet ablehnen, weil die Bauern die Futtermittel von ihnen kaufen müssen. Die Nationalliberalen stehen natürlich auch fest auf dem Boden der nationalen" Wucherzollpolitik. Dennoch fühlten sie sich von der Angst vor den Wählern getrieben, den Mund so zu spitzen, als ob sie darin nicht ganz so weit gingen wie die Blauschwarzen. Wenn es aufs Pfeifen ankommt, werden die Herren diese Grimasse lassen. Und die Freisinnigen, die„ Bollen und Ganzen", vermochten bei allen Angriffen gegen die Regierung In Konstanz ist inzwischen die Niederlage des Zentrums voll endet worden. Mit 14045 Stimmen unterlag sein Kandidat in der Stichwahl dem Liberalen, der 15114 erhielt. Die Zentrumsgefolgs schaft stieg zwar gegen die Hauptwahl um 800 Stimmen, erreichte aber doch nicht die Höhe von 1907. Stärker noch als seine Wählers scharen nahmen die Stimmen der Liberalen zu, denen die Sozialdemokratie Hilfe leistete, nachdem sich der liberale Kandidat auf die sozialdemokratischen Stichwahlbedingungen von Jena verpflichtet hatte. Günstiger für das Zentrum ist das Ergebnis der ersten Wahlen zum Landtag Elsaß- Lothringens. Doch da das allgemeine und gleiche Wahlrecht zum erstenmal zur Anwendung fam und die Wahlkreiseinteilung neu war, so fehlt ein Vergleichsmaßstab. Das Zentrum erhielt in dem überwiegend katholischen Gebiet 24 Size, die Liberaldemokraten, die mit den Sozialdemokraten im zweiten Wahlgang gegen Zentrum und Nationalisten zusammen gingen, 13, die Sozialdemokraten 11. Das Zentrum wird eine Mehrheit zusammenbringen, da sich ihm sicher die 10 Abgeordneten des Lothringer Blocks anschließen, eine landsmannschaftliche Gruppe von politisch unbestimmter, aber überwiegend klerikaler Färbung, sowie einige Unabhängige, die ihm ebenfalls nahe stehen. Die Sozial demokratie darf mit ihren Erfolgen, besonders in der Stimmenzahl zufrieden sein. t I Nr. 4 Die Gleichheit Der imperialistische Vorstoß des Deutschen Reiches in Marokko ist nun vorläufig durch den Marotto- Kongo- Vertrag zum Abschluß gekommen. Der Vertrag entspricht wenig der bramarbasierenden Gebärde, mit der Deutschland den Panthersprung tat. Soweit er sich auf die Regelung der Dinge in Marokko selbst bezieht, gliedert er das Land dem französischen Kolonialbesitz ein und hält für Deutschland, wie für die anderen Nationen, das Prinzip„ ber offenen Tür" fest, das heißt er läßt alle Nationen als gleichberechtigte wirtschaftliche Konkurrenten in Maroffo zu. Einzelbestimmungen sichern Deutschland die Verwirklichung seiner wirt schaftlichen Gleichberechtigung. Was politischen Einfluß anbelangt, so können sich die Geschäftsträger der besitzenden und herrschenden Klassen, die Herren Bethmann Hollweg und Kiderlen- Wächter den Mund wischen und ihre Auftraggeber mit ihnen. Als„ Entschädi gung" für seine sehr unfreiwillige Enthaltsamkeit in Maroffo ent hält Deutschland große Länderbrocken im französischen Kongogebiet, an der Süd- und Ostgrenze von Kamerun, eine Abtretung, die das brutale, die Völker vergewaltigende Wesen des Imperialismus hell beleuchtet. In Wirklichkeit hat Frankreich ebensowenig ein Recht, diese Ländereien abzutreten, als Deutschland ein Recht, die Herr schaft über sie anzutreten. Der Jmperialismus schachert mit dem Vaterland, der Freiheit, dem Besitz Wilder und Halbwilder wie der Kapitalist mit Kleiderstoffen und Nahrungsmitteln, und was er mit blutiger Faust eroberte oder mit tückischer List ergatterte, das muß durch Gewalt behauptet werden. Das sicherste Ergebnis des Marokkorummels für das deutsche Volk- wie für das fran. zösische auch ist die Steigerung des Rüstungswahnsinns, sind neue Militär- und ganz besonders Flottenvorlagen, weitere Zoll- und Steuerraubzüge auf die Taschen der Massen, wachsende Drohungen für den Weltfrieden. Darum erhebt das klassenbewußte Proletariat Deutschlands seine Stimme zum schärfsten, wuchtigen Protest gegen die Vergrößerung des Kolonialbesizes, den es grundsäßlich ver wirft, auch wenn er wie in diesem Falle durch diplomatische Mogelei gebracht wird. Entrüstet freischen die Prozentpatrioten, daß sie durch den Vertrag zunächst um einen frisch- fröhlichen Krieg mit neuen Lieferungen und fetten Profiten für sie gekommen sind. Die alldeutschen Hurraschreier bilden ihnen den Chor, der das " Bolt" vortäuschen soll. Die„ besonnenen liberalen" Kreise der deutschen Kapitalistentlasse aber jammern nur leise, mit tränendem Auge und heuchlerischem Anstand über das„ Ungeschick der Regierung", das sie zwingt, alle Hoffnungen zu begraben, die auf eine umfassende Betätigung des deutschen Kapitals und deutschen Unternehmungsgeistes in Marokko gesetzt worden waren"." Behüt dich Gott, es wär' so schön gewesen!" Die Regierung läßt natürlich diese Stoßseufzer Stoßseufzer sein. Sie weiß, was sie der deutschen Bourgeoisie bieten darf. Durch ihre Hausjuristen läßt sie verkünden, daß der Abschluß und die Unterzeichnung des Marokko- Kongo- Vertrags lediglich ihre eigene Sache sei, wie es die Verhandlungen vorher auch gewesen sind. Der Reichstag soll jetzt so wenig wie vorher mit zu entscheiden haben. Der Liberalismus gebärdet sich darob etwas verschnupft, wird aber auch die offene Proflamierung einer Theorie des selbstherrlichen Regiments schlucken, wie er sich mit ihrer Praxis abgefunden hat. Die Ohnmacht des Parlaments in Deutschland vor aller Welt aufs neue bloßgestellt zu haben, das ist auch ein unbestreitbares Resultat der Maroltoaffäre und wahrs haftig nicht ihr am mindesten lehrreiches für die Arbeiterklasse, denn die Besitzenden dulden nicht nur diese Ohnmacht, sie wollen sie. In Österreich ist das Ministerium Gautsch zu Fall gekommen. Ursache davon ist der Streit zwischen Deutschen und Tschechen, von dem die wichtige Frage der Zeuerung völlig in den Winkel ge schoben wird. Vergeblich ist das Bemühen Gautschs geblieben, sich durch nichtswürdige Scharfmacherei gegen die Sozialdemokratie am Ruder zu erhalten. Die schweizerischen Nationalratswahlen brachten der Sozialdemokratie annehmbare Erfolge. Im ersten Wahlgang ges wann sie 10 Mandate, der zweite wird ihr noch mehrere dazu ein tragen. Auch die Stimmenzahl stieg in erfreulicher Weise. Die Eroberung von Tripolis dünkte der italienischen Bourgeoisie anfänglich ein Kinderspiel. Inzwischen hat sie sich jedoch als ein höchst schwieriges Abenteuer enthüllt, das gewaltige Blutopfer heischt. Viele Hunderte italienischer Soldaten sind bereits gefallen die vereinigten Türken und Araber kämpfen mit Todes. verachtung und haben die italienischen Truppen wieder auf die Stadt Tripolis zurückgeworfen. Furchtbare Greuel, Niedermeßelung von Greisen, Frauen und Kindern in Masse zeichnen bereits die Spur des fapitalistischen Raubzugs, der erst in seinen Anfängen steht. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. 61 Roalitionsfreiheit unverfälscht kapitalistischer Art ist es, bie von Berlegern katholischer Literatur und Zentrumsblättern in Regensburg geübt wird. Dafür erbrachten diese Herren den Beweis, als der Buchbinderverband als Tarifkontrahent vor ihnen erschien, um den bisher bestehenden Vertrag zu erneuern. Die Verleger bedeuteten ihm, daß sie seine Mitwirkung bei dem neuen Tarifverhältnis nicht wünschten und dieses nur mit dem christlichen Verbändchen abschließen wollten. Alle Vernunftgründe verfingen nicht gegen den vorgefaßten Willen. Nicht der Hinweis darauf, daß in den betreffenden Betrieben die im Buchbinderverband organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen das numerische übergewicht besitzen; nicht der Hinweis darauf, daß die gleichen Firmen den Buchdruckertarif anerkannt haben und anderes mehr. Die Herren Unternehmer erklärten mit dürren Worten: Wir vers legen hauptsächlich chriftliche Literatur, christliche Vereine und Ges werkschaften sind unsere Kunden; deshalb ist es uns nicht zu vers benten, wenn wir nur christlich organisierte Leute beschäftigen wollen statt solcher Arbeiter und Arbeiterinnen, die weder die christlichen Verlagswerte faufen, noch sie empfehlen, sondern sie bekämpfen. Schon im vorigen Jahre war ausgerechnet am Weihnachtsheiligabend in den Buchbindereiabteilungen der in Frage kommenden Firmen ein Plakat des Inhalts ausgehängt: Nur christlich organisierte Arbeiter und Arbeiterinnen können auf dauernde Beschäftigung rechnen. Der Deutsche Buchbinderverband wird sich dieser goldenen Freiheit" der Koalition, wie das Kapitalistenherz sie meint und begehrt, zu erwehren wissen. Wie aber würden unsere Gegner Zeter und Mordio schreien, wenn ein sozialdemokratischer Verlag sich einfallen ließe, in den Spuren der frommen christlichen Unternehmer zu wandeln. Die Tabatarbeiteraussperrung zieht weitere Kreise. In Westfalen, Lippe und Waldeck haben die Kapitalisten der Tabakindustrie schon nahezu 10000 Arbeiter und Arbeiterinnen aufs Pflaster geworfen. Viele mitarbeitende, nichtorganisierte Frauen der Ausgesperrten wie auch nichtorganisierte Zigarrenarbeiter haben sich den Ausgesperrten angeschlossen. Der Vorstand des westfälischen Zigarrenfabrikantenverbandes lehnte weitere Verhandlungen ab, solange die Arbeit nicht wieder von denjenigen Meuterern" auf* genommen wird, die angeblich die Arbeit ohne Einhaltung der Kündigungsfrist eingestellt haben. Die Leitung der kämpfenden Arbeiterschaft erklärte sich bereit, in diesem Sinne zu wirken, unter der selbstverständlichen Bedingung jedoch, daß der Vorstand des Unternehmerverbandes sich verpflichte, seinerseits dafür zu sorgen, daß die ohne Einhaltung der Kündigung Ausgesperrten zunächst wieder eingestellt würden. Auf diesen Bescheid haben die Unters nehmer bis jetzt keine Antwort gegeben. Da in der Tabakindustrie von Bremen und Hamburg- Altona Arbeit verrichtet wird, die sicher die westfälischen Fabrikanten„ herausreißen" soll, haben dort die Tabatarbeiter und arbeiterinnen beschlossen, auch ihrerseits in den Ausstand zu treten. Nun drohen die Unternehmer damit, daß fie alle organisierten Tabakarbeiter und arbeiterinnen aussperren wollen. Ein großer Kampf steht bevor, dem das gesamte deutsche Proletariat unzweifelhaft weitestgehende Unterstüßung angedeihen lassen wird. Die Lohnsklaven des Tabakkapitals können auf die wärmste Sympathie ihrer Klasse rechnen, gehören sie doch zu den schlechtestentlohnten aller Ausgebeuteten der deutschen Industrie. Durchschnittslöhne von 1,75 bis 2,25 Mt. täglich, wie sie in den Aussperrungsdistrikten gezahlt werden, sind angesichts der Teuerungs preise im buchstäblichen Sinne des Wortes Hungerlöhne. Gegen unbeschreibliches Elend haben sich die Tausende in Westfalen erhoben, von glühender Begeisterung und Rampfesfreudigkeit beseelt. Es ist das Recht ihres Menschentums, für das sie ringen. Wir alle haben die Pflicht, für unsere kämpfenden Brüder und Schwestern mit der Tat einzustehen. Der Verband der Tabatarbeiter geht mit gutem Beispiel voran. Der Vorstand hat bereits eine Extrasteuer für ein Vierteljahr ausgeschrieben. Alle männlichen Mitglieder sollen 50 Pf., alle weiblichen und Lehrlinge 25 Pf. wöchentlich zahlen; die Angestellten der Organisation aber steuern 2 bis 5 Mf., je nach der Höhe ihres Gehaltes. Der Kampf im Steindruckgewerbe steht für die Arbeiter durchaus günstig. In 270 Betrieben befinden sich 4479 Steindrucker und Lithographen im Ausstand. Außerdem sind 1864 Hilfsarbeiter und-arbeiterinnen vom Streit erfaßt worden. Gescheitert sind die Bemühungen des Unternehmerverbandes, die ihm nichtangehörenden Steindruckereibesitzer zur Aussperrung ihres Personals zu bewegen. Ebenso ist der Versuch mißglückt, Streitbrecher anzuwerben. So sind die Kastanien allzu heiß, welche sich die Unternehmer aus dem Feuer dieses Kampfes zu holen gedachten. Hoffen wir, daß sie es bleiben 62 Die Gleichheit Weiter unten berichten wir ausführlich über den erfolgreichen Ausgang des Streits in der Dresdener Schokoladen- und Zuckerwarenindustrie. Der erste Tarifvertrag in der Zigarrenindustrie konnte in Breslau mit einer Firma abgeschlossen werden. Er kommt 500 Arbeiterinnen zugute, die Zulagen von 20 bis 50 Pf. pro Mille erhielten. Als neue Konzentration gewerkschaftlicher Kräfte ist die Angliederung des Stuffateurverbandes an den Bauarbeiterverband zu melden. In einer Urabstimmung erklärten fich 63 Prozent der Mitglieder dafür. Ein hartes Streiturteil wird aus Erfurt gemeldet. Bei der letzten Metallarbeiteraussperrung hatten sich drei Streifende zu Tätlichkeiten gegen Arbeitswillige hinreißen lassen. Diese Herren waren in der Folge auch nicht eine Stunde arbeitsunfähig gewesen. Trotzdem wurden zwei der Angeklagten zu 6 Monaten beziehungsweise 5 Monaten 3 Wochen Gefängnis verurteilt, der dritte„ Sünder", der erst 18 Jahre alt ist, kommt für 2 Monate 2 Wochen hinter Schloß und Riegel. Von Rechts wegen! Denn in der kapitalistischen Ordnung gilt Kapitalistenrecht. # Der erfolgreiche Ausgang des Streiks der Schokoladenund Zuckerwarenarbeiter und-arbeiterinnen in Dresden ist nach sechzehntägiger Dauer zu verzeichnen. Da die Streifenden ge schlossen und treu im Kampfe standen, so befürchteten die Herren Fabrikanten, daß der Kampf ungeschwächt noch einige Wochen fortdauern werde. Als der Oberbürgermeister Dr. Beutler einen Ginigungsversuch anbahnte, so lehnte der Verband der Schokolade fabrikanten wohl dessen Vermittlung ab, erklärte sich aber bereit, selbst mit der Streifleitung zu verhandeln. Die in letzter Nummer mitgeteilten Forderungen der Arbeiter blieben die Grundlage der Verhandlungen, auf der es schließlich zur Einigung fam. Wenn auch die Kämpfenden sich etwas von den geheischten Verbesserungen abhandeln lassen mußten, so haben sie doch eine begrüßenswerte Hebung ihrer Arbeitsbedingungen durchgesetzt. Die Stundenlöhne für Arbeiterinnen bis zu 16 Jahren wurden auf 15 bis 17 Pf., die für Arbeiterinnen über 16 Jahre auf 17 bis 22 Pf. festgesetzt; die betreffenden Löhne der Arbeiter betragen 17 bis 20 Pf. beziehungsweise 22 bis 32 Pf. Gelernte und Spezialarbeiter erhalten bis 40 Pf. pro Stunde. Leider sträubten sich die Unternehmer aus prinzipiellen" Gründen, sich zur allgemeinen Festlegung des 91 stündigen Arbeitstags zu verpflichten, immerhin versprachen sie, für dessen Einführung in den Fabriken zu wirken, wo er noch nicht besteht. Am 1. November sollten die Betriebe wieder voll in Tätig keit gesetzt und die Streitenden alle eingestellt werden. Versamm Iungen der Streifenden beschäftigten sich mit den Einigungsvor schlägen und traten ihnen entgegen erhobener Opposition mit überwältigender Majorität bei. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der süßen" Industrie in Dresden haben durch ihren energischen und wohldisziplinierten Kampf die Anerkennung ihrer Organisation durch die Fabrikanten erzwungen. Dieser Fortschritt und die materiellen Erfolge des Kampfes pro Woche 1,20 bis 2 Mt. Lohnerhöhung und andere wichtige Zugeständnisse noch werden die Lohnsklaven der Schokolade- und Zuckerwarenindustrie fester mit ihrem Verband zusammenschließen. Die Arbeiterinnen haben sich beim Streitposten stehen und Flugblattverteilen als tüchtige Rämpferinnen bewährt, ebenso in der Treue, mit der alle von ihnen aushielten. Mögen sie nun auch in der Arbeit für die Ausdehnung und den Ausbau des Verbandes nicht nachlassen. Daß sie einsichtsvolle Gerwerkschafterinnen bleiben, ist eine Vorbedingung fünftiger Siege. In der Holzindustrie konnte in den letzten Wochen und Monaten trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit eine erhebliche Anzahl Lohnbewegungen mit recht günstigem Erfolg zu Ende geführt wer den. So zum Beispiel ein Streit der Schreiner in Worms, der 22 Wochen gedauert hatte, und ein solcher in Parchim in Mecklenburg nach 20 wöchiger Dauer. In letterem Orte wurde die Arbeitszeit von 59 auf 571/2 Wochenstunden herabgesetzt, und die Stundenlöhne steigen während der Dauer des neu abgeschlossenen Vertrags um 5 Pf. Der Durchschnittslohn wurde auf 38 Pf. bemessen und erhöht sich am 1. Mai 1912 auf 40 Pf. Ein dreitägiger Streif brachte den Arbeitern einer größeren Tischlerei in Göthen 2 Stunden Arbeitszeitverkürzung und insgesamt 8 Pf. Lohnzulage pro Stunde. Die Stockarbeiter in Zerbst konnten einen elfwöchigen Ausstand beenden, der ihnen die Zusicherung einer Lohnerhöhung auf verschiedene Arbeiten brachte. Einen recht schnellen Sieg errangen die 66 Arbeiterinnen und 10 Arbeiter einer Stuhl. rohrfabrik in Bremen. Diese traten in den Streit, weil der Unternehmer Änderungen an der Arbeit vornahm, aber die dadurch entstehende Mehrarbeit trotz wiederholten Vorstelligwerdens nicht bezahlen wollte. Schon nach wenigen Tagen Arbeitsruhe bewilligte Nr. 4 " er 10 Proz. Zulage auf die betreffenden Afforde. Einigkeit macht start! - Der Riesentampf im Hamburger Holzgewerbe ist be endet. Die Arbeiter der Tischlereibetriebe, die 32 Wochen im Ausstand verharrten, gehen jetzt als Sieger aus dem heißen Ringen hervor. Die Arbeitgeber, die sich derzeit vom Rahardtschen Arbeitgeberverband für das deutsche Holzgewerbe losgesagt hatten, glaub ten jetzt unter dem Schuße des noch mehr scharfmacherischen„ Arbeitgeberverbandes Unterelbe" den organisierten Holzarbeitern ihre Bedingungen diktieren zu können. Vor allem galt ihr Kampf dem paritätischen Arbeitsnachweis. Sie verlangten gleich den Bauprogen und den Metallindustriellen die Arbeitsvermittlung für sich. Es half ihnen nichts, daß sie sich einen gelben Arbeiterverein schufen, dessen Arbeitsnachweis mit Unternehmergeld in aller Welt Streit brecher suchte. Gegen eine solch geschlossene Phalang, wie die der im Kampfe geschulten Hamburger Holzarbeiter, mußte sich jener Ansturm als vergeblich erweisen. Jetzt haben sich die Hamburger Arbeitgeber wieder dem Rahardtschen Schutzverband angeschlossen und über diesen die Brücke zu den Arbeitern gesucht. Das zentrale Schiedsgericht, das bei der Frühjahrsbewegung den letzten Rest der Streitigkeiten entschied, wurde zu Ende Oftober nach Berlin zusammenberufen. Vor ihm kam ein Schiedsspruch zustande, dem beide Parteien am 3. November in ihren Versammlungen zugestimmt haben. Der von den Unternehmern so schwer befämpfte paritätische obligatorische Arbeitsnachweis wird von neuem eröffnet und bildet einen Bestandteil des Tarifvertrags. Für ihn gilt in der Haupt sache das Regulativ des Berliner Arbeitsnachweises. Es müssen also alle neu einzustellenden Arbeitskräfte dorther bezogen werden. Die Stundenlöhne werden während der Vertragsdauer um 6 Pf., die Mindestlöhne sogar um 7 Pf. erhöht. Die letteren steigen somit für Tischler auf 65 Pf., Bauanschläger auf 75 Pf. und für Parkettleger auf 80 Pf. pro Stunde. Die Arbeitszeit wird um 1 Stunde verkürzt und beträgt sodann 51 Stunden pro Woche. Die Arbeiter haben damit alles erreicht, was sie von Anfang an forderten. Die Ausständigen haben in dieser langen Zeit große Opfer gebracht, mancher hat zum Wanderstab gegriffen, um den heimischen Arbeitsmarkt zu entlasten. Die in Arbeit Stehenden zahlten außerordentlich hohe Extrabeiträge, um die Unterstützungen ausbessern zu können. Jetzt ist ihnen der Erfolg für ihre Ausdauer geworden, und sie danken der Organisation, die ihnen diesen Sieg erst ermöglichte. Am 6. November konnte die Arbeitsaufnahme ers folgen. Trotzdem wird es noch für längere Zeit viele Arbeitslose in Hamburg geben, da die Aufträge erst wieder herangeholt wer den müssen. Der Zuzug Arbeitslustiger muß deshalb vorerst noch eine Zeitlang unterbleiben. Die oft langwierigen Arbeitskämpfe, die durchgefochten werden, erweisen, daß die Organisation der deutschen Holzarbeiter die für notwendig erachteten Verbesserungen der Arbeitsbedingungen trog allen Widerstandes durchzusetzen vermag. Von der Wertschäzung dieser vereinten Kraft zeugt es, daß immer wieder Lohnbewegungen -selbst umfangreiche ohne Arbeitsniederlegung durchgeführt werden können. So wurde auf diese Weise erst jetzt wieder in der bedeutenden Klavierindustrie Stuttgarts ein neuer Tarif vertrag abgeschlossen. Er verkürzt die wöchentliche Arbeitszeit von 54 auf 53 Stunden und erhöht die Affordlöhne um 6 Prozent. Noch fürzer, nämlich 52 Stunden, ist die Arbeitszeit nach dem neuen Tarifvertrag für die Arbeiterschaft der großen Zimmermannschen Klavierfabrik in Leipzig. Die Mindestlöhne sind dort für Tischler auf 56 Pf., für Maschinenarbeiter auf 51 Pf. nors miert worden. Auch in Klavierfabriken zu Meißen und in Dress den erreichten die Arbeiter Verbesserungen ihrer Lage. Welchen Wert man gerade in der Holzindustrie auf eine kurze Arbeitszeit legt, zeigt der Umstand, daß der Mitte Oktober abge= schlossene Tarifvertrag mit den Berliner Modellfabriken eine solche von 51 Stunden vorsieht, wobei Modelltischler und Modelldrechsler, sofern sie über 21 Jahre alt sind, mindestens 75 Pf. Stundenlohn erhalten müssen. Selbst in Düsseldorf konnten die Modelltischler jetzt eine Herabsegung von 60 auf 57 Stun den nebst Lohnerhöhung durchsetzen. Der durch die Fleischteuerung begünstigte stärkere Fischversand ist für die Korbmacher in Wulsdorf bei Bremerhaven zum Segen geworden. Die starke Nachfrage nach Fischtörben ermöglichte ihnen, eine alte Scharte auszuwegen und sich etwas bessere Akkordpreise zu sichern. Dieser Erfolg rückt den Vorteil einer starken, jederzeit schlagfertigen Organisation in helles Licht. In der langen un günstigen Zeit hatten die Korbarbeiter ihrem Verband die Treue bewahrt, dadurch nur war es ihnen jetzt möglich, die günstige Si tuation schnell ausnüßen zu können. Um den Angehörigen der einzelnen Berufe, die im Deutschen Holzarbeiterverband vereinigt find, Gelegenheit zu geben, ihre be Nr. 4 Die Gleichheit sonderen Intereffen gemeinsam zu beraten, finden von Zeit zu Zeit Branchenkonferenzen statt. Die Vergolder waren zu Ostern in Berlin beisammen. Nun werden um Mitte November die Abgesandten der deutschen Maschinenarbeiter in München und bald darauf die der Stellmacher in Berlin zu solchen Konferenzen zusammentreten. fk. Notizenteil. Soziale Elendsbilder. Vom Arbeiterparadies Saarabien. Harte Zeiten macht die Arbeiterschaft des wichtigen Industriegebiets an der Saar durch, und noch härteren geht sie entgegen. Die Lebensverhältnisse der Saarbergleute sind so erbärmlich geworden, daß Hunderte von Familien königlichen Musteranstalten den Rücken kehren, um in Lothringen oder Westfalen Brot zu suchen. Seit Monaten streiten fich die„ Christlichen" und" Fachabteilungen" darum, wem das Verdienst an den Erfolgen gebührt, den die letzten Beratungen des Bergetats im preußischen Dreiklassenhaus den SaarbergTeuten angeblich gebracht haben. Nun, diese Erfolge sind derart, daß ein großer Teil der Bergleute noch nebenher in einem anderen Beruf Verdienst sucht, daß immer mehr Frauen ins Erwerbsleben hinausgetrieben werden und daß die Prostitution in erschreckender Weise zunimmt. Wir finden die Grubenproletarier als Fuhrleute, in Glashütten, Brauereien, in allerlei Handwerksbetrieben und in Druckereien. Der Lohn, den sie für die Arbeit auf der Zeche erhalten, reicht nicht aus, um ihre Familien vor dem Hunger zu schützen, und so greifen sie nach jedem nur möglichen Nebenverdienst. Natürlich werden sie dabei zu Lohndrückern. Die Unternehmer zahlen den Bergleuten, die sie nebenher" beschäftigen, nicht einmal die Hälfte des Lohnes, den sie einem anderen Arbeiter geben müßten. " Da der Verdienst des Mannes nicht ausreicht, den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, so müssen die Frauen suchen, das Fehlende zu erwerben. In Eppelsborn ist eine Anzahl Bergarbeiterfrauen als Erdarbeiter beim Bau der dortigen Wasserleitung beschäftigt. So werden denn hier durch die preußischen Musterbetriebe" polnische Verhältnisse geschaffen. Wird in einer Zeitung eine Buzz- und Scheuerfrau gesucht, so reißen sich Hunderte von Arbeiterfrauen geradezu um eine solche Stelle. Das Ergebnis ist, daß die Frau, die das Glück hat, die Stelle zu erhalten, sich mit ein paar Pfennigen zufrieden geben muß. Der großen Mehrzahl der Frauen ist es nicht möglich, einen Erwerb zu finden, da es in der hiesigen Gegend an einer Industrie fehlt, die weibliche Arbeitskräfte verwenden kann. Dennoch muß die Frau Geld ins Haus bringen. Die Folge ist, daß manche gezwungen wird, ihren Leib zu verkaufen. Vor einiger Zeit erklärte hier ein Amtsrichter, daß er schon in vielen Orten und Städten tätig gewesen sei, aber eine derartige Unjittlichkeit wie hier habe er noch nie gefunden". Hier, in der Hochburg des patriarchalischen Unternehmertums, das für die Arbeiter väterlich sorgt, indem es keine Selbständigteit, keine Organisation unter ihnen aufkommen läßt, werden Bergarbeiterfrauen auf die Straße getrieben, durch die bitterste Not zu feilen Dirnen erniedrigt. Kann eine Mutter es mit ansehen, wie ihre Kinder hungern, kann sie es ertragen, daß sie ihren Säugling mit schwarzem Kaffee vergiften muß, weil sie außerstande ist, teure Weilch für das Würmchen zu kaufen? Es sind das dieselben Frauen, von denen der verstorbene Vopelius sagte, daß sie mit weißen Handschuhen aus der Küche kommen und das teuerste Gemüse auf dem Markte kaufen". Müssen noch schlimmere Zeiten kommen, bis die ausgebeuteten Männer und Frauen des Saargebiets sich gegen solch fluchwürdige Zustände empören? A. H., Neunkirchen. Dienstbotenfrage. Auf die Verbesserungsbediftigkeit der Dienstbotenverhält nisse hat ein Mann der Wissenschaft und Praxis zugleich in ein dringlichster Weise hingewiesen. Vor dem Siebten Internationalen Kongreß für Kriminalanthropologie wurde auch die Frage der Kriminalität der Dienstmädchen aufgerollt. Der Brüsseler Richter Raymond de Rytete sprach dazu, und das in der Hauptsache auf Grund der Verhältnisse in Brüssel. Er erörterte die Häufigkeit von Hausdiebstählen, Er preffung und Kindsmord unter den dortigen Dienstmädchen und machte in erster Linie die traurige wirtschaftliche und rechtliche Lage der Dienenden für die hohe Kriminalität verantwortlich. Nach 63 bem er so den ursächlichen Zusammenhang zwischen Not, Rechts lofigkeit und Verbrechen festgestellt hatte, fam er zu dem Schluffe, daß den bedauerlichen Erscheinungen durch eine gründliche Hebung der Lage der Dienstboten entgegengewirkt werden müßte. Als Mittel zu diesem Zwecke nannte er die Umwandlung der Dienenden in häusliche Arbeiterinnen, die nach Stunden beschäftigt und entlohnt werden; durchgreifende Wohnungshygiene und Wohnungsinspek tion, die auch die Dienstbotenzimmer erfaßt; berufliche hauswirts schaftliche Ausbildung der Mädchen; gewerkschaftliche Organisation; Achtung der Hausfrauen auch vor der unehelichen Mutterschaft. Diese Forderungen werden mehr als einer der„ Gnädigen" den Schreckensruf abpressen:„ Wir wird so eng!... Nachbarin! Euer Fläschchen!" Frauenstimmrecht. J. K. Die Bewegung für das Wahlrecht aller Großjährigen in Holland gewinnt an Ausdehnung und Kraft. Das bewies die Demonstration bei der Eröffnung des Parlaments am 10. September, dem Tage, an welchem wie festgesetzt der Regierung die Massen. petition für das Wahlrecht aller Großjährigen eingereicht wurde. Das Jahr reger Agitation für diese Forderung ist nicht vergeblich gewesen. Obgleich die Demonstration auf einen Wochen. tag fiel, war die Beteiligung an ihr fast so start wie sonst bei den jährlichen Sonntagsmanifestationen. Ganz besonders auffallend groß war die Zahl der Frauen, die sich heuer an der Wahlrechtskundgebung beteiligten. Diese Beteiligung ist die erste Frucht der sozial demokratischen Agitation für das allgemeine Frauenwahlrecht in Holland. Die Frauen wurden durch sie in die Reihen des tämpfenden Proletariats geführt. Es wird das große Verdienst der deutschen Genossinnen bleiben, ben richtigen geschichtlichen Zusammenhang zwischen der Bedeutung des Frauenwahlrechts und dem Klassenkampf des Proletariats zu erst klar erkannt zu haben. Dieser klaren Erkenntnis verdanken fie die von ihnen vertretene Auffassung, das Frauenwahlrecht müsse zu einer Forderung der praktischen Politik der Sozialdemokratie gemacht und grundsätzlich bei allen Wahlrechtstämpfen auch dann verteidigt werden, wenn seine Einführung noch nicht erreichbar erscheint. Mit dieser ihrer Auffassung sind sie den Genossinnen anderer Länder bahnbrechend vorangegangen. In Holland pflücken wir jetzt die Früchte davon. Hier hat sich gezeigt, wie richtig die Überzeugung ist, daß von den Frauen des arbeitenden Volts das Wahlrecht nicht in erster Linie als eine Forderung ihres Geschlechts betrachtet wird, sondern als eine Forderung ihrer Klasse. Die Agitation für das Wahlrecht aller Großjährigen hat der sozialistischen Partei zahl reiche Anhängerinnen geworben. Die große praktische Bedeutung dieser Agitation ist im Verlaufe des letzten Jahres vielen Genossen und Genossinnen klar geworden. Möchte man sie doch auch bald in unserem Nachbarland Belgien erkennen! Nun gilt es in Holland die Arbeit des letzten Jahres fortzusetzen und zu vervollständigen Von 311317 Unterschriften unter der Wahlrechtspetition konnte festgestellt werden, ob sie von Männern oder Frauen herrührten: 196507 Unterschriften waren von Männern, 114810 von Frauen gegeben worden. Diese Frauen sollen zu klassenbewußten Kämpferinnen für den Sozialismus erzogen werden. Wir müssen sie durch schriftliche und mündliche Agitation zu erreichen suchen. Und die Fortschritte des letzten Jahres geben den holländischen Genossinnen die Überzeugung, daß sie dem Sozialismus in Herz und Hirn von immer mehr Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen eine feste Stätte bereiten werden. H. Ankersmit- Amsterdam. Für die Einführung des beschränkten Frauenwahlrechts in England, wie es die sogenannte Conciliation- Bill( Versöhnungss entwurf) vorgibt, scheint die liberale Regierung nun Neigung zu zeigen. Bekanntlich lehnte sie anfangs das Damenwahlrecht als undemokratisch glatt ab, erst bei der letzten parlamentarischen Behandlung der Conciliation- Bill zeigte sie ihm ein etwas freundlicheres Gesicht. Ministerpräsident Asquith erklärte damals, daß die Regierung für die erneute Beratung des plutokratischen Pfusch werts eintreten werde. Lord Lytton, ein Verfechter des Zensus wahlrechts, hat auch in einem Briefe an Asquith angefragt, ob dieser sein Wort zu halten gedente. Der liberale Ministerpräsident antwortete darauf, daß die im Namen der Regierung gegebenen Versprechungen, die Conciliation- Bill zu fördern, strengstens gehalten werden sollen, sowohl dem Buchstaben wie dem Sinne nach". Die Frauenrechtlerinnen sehen ob dieser Erklärung bereits den Himmel voller Geigen hängen. Es schiert sie feinen Pfifferling, daß die Annahme der Conciliation- Bill die erdrückende Mehrzahl der englischen Frauen nach wie vor ohne politisches Bürgerrecht lassen würde, ja schlimmer noch: daß sie zähe Feinde eines wirklich demokratischen Wahlrechts mit neuen, starten Waffen ausrüstete. 64 Die Gleichheit Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Konservativen ohne Unterschied des Geschlechts für ein beschränktes Frauenwahlrecht schwärmen, weil sie in ihm einen Damm erblicken gegen die Einführung des allgemeinen Wahlrechts aller Großjährigen ohne Unterschied des Geschlechts. Möglich, daß unter dem Eindruck der bedeutsamen Massenbewegungen des englischen Proletariats die liberale Regierung dem Wahlrecht für den weiblichen Geldbeutel um seiner reaktionären Wirkungen willen steigende Gunst zuwendet. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Von Fortschritten der sozialistischen Frauenbewegung in Holland kann berichtet werden. Ungefähr dreißig Parteis und Gewerkschaftsblätter haben dem„ Sozialdemokratischen Frauenverband" ihre Bereitwilligkeit erklärt, einen besonderen Teil für die Frauenbewegung einzurichten. Der Verband hat ein Pressekomitee eingesetzt, das die betreffende Rubrik der Blätter mit Beiträgen versorgt. Wie wir schon früher berichteten, redigiert die Vorsitzende des Verbandes, Genossin Wibaut, feit einiger Zeit die Frauenseite des Zentralorgans der sozialdemokra tischen Arbeiterpartei,„ Het Volk". Für die Verbreitung und Ausgestaltung des Verbandsorgans" De Proletarische Vrouw" find die Genossinnen unablässig tätig. Allmählich steht auch eine größere Zahl von Rednerinnen der sozialdemokratischen Frauenbewegung zur Verfügung. Um die Heranbildung solcher zu fördern, stellt der Verband den sozialdemokratischen Frauenklubs ausgearbeitete Leitsäße über verschiedene Themata zu, nebst der dazu gehörenden Literaturangabe. Wir hoffen, daß dank dieses Mittels in den einzelnen Klubs selbst sich führende Genossinnen heranschulen werden, auch haben die Leitsätze den Vorteil, den bereits rednerisch tätigen Genossinnen die Möglichkeit zu rascher und sicherer Orientierung über bestimmte Fragen zu geben. Das wird zumal solchen Frauenklubs zunuze fommen, die nicht über die Mittel verfügen, sich Rednerinnen von auswärts tommen zu lassen. Immer mehr Parteiorganis sationen fordern Genossinnen zu einem Vortrag über die Frauenarbeit und ähnliche Fragen auf. Die Parteileitung gewährte dem Verband einen Beitrag zu den Kosten seiner Agitation unter den Frauen, und auch sonst gewinnen die Genossinnen für ihr Wirken die steigende Sympathie und Unterstützung der Genossen. Alles in allem: die sozialdemokratische Frauenbewegung Hollands ist in rascherem Fluß als früher, es geht vorwärts. N. Ankersmit, Amsterdam. I. K. Die Jahresversammlung des Internationalen Sozialistischen Frauenrats für Großbritannien hat in London stattgefunden. Die angeschlossenen Organisationen: Sozialdemokratische Partei, Unabhängige Arbeiterpartei, Gesellschaft der Fabier, Liga für die Interessen der erwerbstätigen Frauen und verschiedene Ges werkschaften waren zusammen durch 17 Delegierte vertreten. Erster Gegenstand der Tagesordnung war die Neuwahl einer Leitung für die Körperschaft. Der alte Vorstand wurde einstimmig wiedergewählt, und an Stelle der leider verstorbenen Genossin Mac Donald trat Genossin Murby als Schriftführerin. Genossin Murby, die die Fabier vertritt, nahm das Amt an. Genossin Reeves- Norwich erstattete darauf ein Referat über„ Frauen und Kinder unter dem Armengesetz in Norwich". Die anschließende Diskussion wandte sich auch der Frage der sozialen Fürsorge für Schwachsinnige zu. Es wurde beschlossen, daß sich die nächste Quartalversammlung eingehend mit der Frage beschäftigen und womöglich eine Resolution ausarbeiten soll, die geeignet ist, als Grundlage für eine internatio= nale Erörterung der Frage durch die Genossinnen zu dienen. In den letzten Monaten wurde die Tätigkeit der englischen Genosfinnen vor allem durch die gewaltige Streitbewegung beherrscht, die auch die Arbeiterinnen ergriffen hatte, und durch die damit verbundene Aufgabe, diese der gewerkschaftlichen Organisation zuzuführen. Die ,, Liga für die Interessen der erwerbstätigen Frauen" arbeitet dabei Hand in Hand mit dem„ Landesverband der Arbeiterinnen"( National Federation of Women Workers) und der„ Liga der Frauengewertschaften"( Women Trade Union League). Die erstgenannte Organisation ebnet dabei die Wege und bereitet den Boden für den gewerkschaftlichen Zusammenschluß der Arbeiterinnen. Es sind nicht die Arbeiterinnen eines Berufs oder eines Industriegebiets, die jetzt start das Bedürfnis nach gewerkschaftlicher Organisation empfinden. Nein, überall setzt sich dieses Bedürfnis unter ihnen durch. Jede Trade Union, die der„ Liga der Frauengewerkschaften" angegliedert ist, hat eine stattliche Zahl neuer Mitglieder gewonnen. Giner Gewertschaft von Weberinnen in Yorkshire traten zum Beispiel binnen zwei Tagen 300 neue Mitglieder bei. Guten Zu wachs bekamen die Gewerkschaften der Schneiderinnen, der Schuharbeiterinnen und viele andere noch. Auch die Gewerkschaften, die Nr. 4 Arbeiter und Arbeiterinnen eines Berufs zusammen organisieren, berichten von einem starken Zustrom der Arbeiterinnen. Mehr als 20 neue Zweigvereinigungen haben sich dem„ Landesverband der Arbeiterinnen" angeschlossen, der den Zweck verfolgt, die lokalen zerstreuten Arbeiterinnenorganisationen für ganz Großbritannien zusammenzufassen und dadurch ihre Kräfte zu fonzentrieren. Es sind Arbeiterinnen der verschiedensten Berufe, die sich in den neuen Zweigvereinen organisiert haben: Konservenarbeiterinnen, Sack näherinnen, Zinnschachtelmacherinnen, Kabel-, Blei-, Korsett-, Zuckerwarenarbeiterinnen, Salzverpackerinnen usw. Auch die Putz- und Scheuerfrauen in den Schulen des Londoner Grafschaftsrats haben sich organisiert. Es gibt faum ein größeres Industriezentrum im Lande, in dem die Arbeiterinnen nicht in Bewegung geraten sind und sich zu organisieren beginnen. Es sind namentlich zwei Forde rungen, die allgemein von den Arbeiterinnen erhoben werden: höherer Lohn und kürzere, geregeltere Arbeitszeit. Eine besonders umfangreiche und kräftige Bewegung ist unter den Wäschereiarbei terinnen in Fluß gekommen. So in Cardiff, Swansea, Sunderland, Acton, Hendon und vielen anderen Orten noch. In Car diff allein schlossen sich 1000 Wäscherinnen dem„ Landesverband der Arbeiterinnen" an, und von überallher wird gemeldet, daß große Versammlungen stattfinden, daß der Ruf nach Organisierung ertönt. Die Niedrigkeit des Lohnes und die unwürdige Tyrannei in den Betrieben treiben zusammen die Wäscherinnen zur Auflehnung und zum Zusammenschluß. Es versteht sich, daß die„ Liga für die Interessen der erwerbstätigen Frauen" diese Bewegung mit Rat und Tat fördert. Die Situation der letzten Monate hat ihr eine reiche Fülle von Arbeit gebracht, welche alle Kräfte aufs äußerste anspannt, aber auch gute Erfolge zeitigt. Sie konnte nicht weniger als acht neue Zweigorganisationen gründen, und die Konstituierung von vier weiteren steht bevor. Es ist eine Zeit der Aussaat, und der ausgestreute Samen schießt schnell in die Halme. Frauenbewegung. Frau Minna Caners fiebzigster Geburtstag, am 1. Novem ber, ist mit Recht als ein Ehren- und Freudentag von den Frauenrechtlerinnen gefeiert worden, die zum linten Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung Deutschlands zählen. Und auch über diesen engen Kreis hinaus werden viele mit großer Anerkennung und Sympathie der tapferen und selbstlosen Vorkämpferin der Frauenrechte gedacht haben. Es ist ein arbeits- und kampfreiches Leben, auf das diese frauenrechtlerische Führerin zurückblickt und mit Befriedigung zurück blicken darf, das Leben eines Menschen, der immer strebend sich bemühte". Unter inneren Schwierigkeiten, unter inneren Kämpfen hat Minna Cauer um Erkenntnis gerungen, hat sie sich den Willen zur Tat gestählt, hat sie gehandelt. Die Ideale, denen ihr Lebens. werk dient, und die es gestalten, hat sie mit heiliger Inbrunst durch alle Stürme getragen. So ist die Greisin glaubensstark und jugendfrisch im Kampfe für sie geblieben, wo viele des nachrückenden Geschlechts fleinmütig, wankend die Ziele niedriger und näher gesteckt haben. Minna Cauer steht auf der äußersten Linken der bürgerlichen Frauenbewegung, die ihr viele wertvolle Anregungen, manche kräftigen Impulse verdankt. Sie muß insbesondere an erster Stelle unter denen genannt werden, die den Kampf für das Frauen wahlrecht zum Hauptziel der bürgerlichen Frauenbewegung erheben wollen, die unablässig bemüht sind, die frauenrechtlerischen Kräfte für diesen Kampf zu sammeln und zu schulen. Eine echt demokra tische Gesinnung ist es, die Minna Cauer zur konsequenten, treuen Berfechterin der Frauenrechte macht. Daher bringt diese frauenrechtlerische Führerin dem Vorwärtsdrängen des Proletariats zur politischen Demokratie und nach sozialen Reformen mehr Verständnis entgegen als die meisten ihrer Gesinnungsgenossinnen. Neben der Forderung gründlichen Arbeiterinnenschußes ist es namentlich die Losung des allgemeinen Wahlrechts, für die sie auf dem Boden einer bürgerlichen Auffassung kämpit. Daß sie den Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus nicht finden konnte, daß sie noch immer den Traum von einer Wiedergeburt der bürgerlichen Demokratie in Deutschland träumt: ist bei ihrem Entwicklungsgang und ihrer Wefensart erklärlich. Minna Cauer ist jedoch trotz allem ungebeugt durch die Bürde der Jahre vorwärts gegangen, auch dann, wenn sie nur kleine Gefolgschaft fand oder allein blieb. Sie wird in der Schönheit einer aufrechten liberalen Welt- und Lebensanschauung alten Stils sterben, aber wir wünschen zugleich, daß sie ihr zunächst noch viele Jahre dienen möge. Denn so oft wir mit ihr die Klingen freuzen mußten und vielleicht auch in Zukunft noch freuzen müssen: ihr Wesen und ihr Wollen ehren auch wir aufrichtig. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. M. Dtez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.