Nr. 7 22. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 25. Dezember 1911 Kampf- Weihnacht! Von B. Selinger.- Gegen den Feind. Die Teuerung.( Für die Lese- und Diskussionsabende.) Von Käte Dunder. Vom Arbeitsnachweis für weibliche Erwerbstätige in Berlin. Von Mathilde Wurm. Wie werben wir Mitglieder für die Partei und Abonnenten für die Presse? Von Luise Zieg. Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Jahresbericht der Bremer Genossinnen. Politische Rundschau. Von H. B.- Gewerkschaft liche Rundschau. Abbruch des Streits in der Berliner Damenkonfettion. Von H. Stühmer. Der Deutsche Holzarbeiterverband. Von fk. GenossenKämpfe in der Juteindustrie. Von eg. schaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.- Frauenbewegung.- Verschiedenes. Kampf- Weihnacht! Auf leichtbeschwingten Sohlen, licht und hold, ging einst die Weihnachtszeit durch unsere Kinderträume. Die dürstenden Seelen suchten Labung am Wunderquell frommer Märchen. In den kleinen Herzen brannte unbewußt und unerkannt die uralte ewig neue Sehnsucht des Menschen geschlechtes: die Sehnsucht nach Erlösung. Sie trug uns auf schimmernden Flügeln empor und ließ uns Kälte und Hunger vergessen. Das Leben lachte kalt und hart ob unserer Träumereien und stieß uns rauh in die Wirklichkeit zurück. Grobe Hände zerrissen den Märchenschleier vor unseren Augen, schmerzhaft grausame Erkenntnisse bohrten sich tief in das Hirn. So haben wir sehen und denken gelernt. Über dem versunkenen Stern kindlichen Glaubens ist der des strahlenden Wissens, zielflaren Wollens uns aufgegangen. Er ist uns Mahner und Rufer zum Kampfe, er ist uns Führer auf dem dornigen Pfade zu dem Bethlehem der Zukunft, das unsere eigene Kraft uns bereiten soll. Weihnachten ist es wieder. Die Kirchenglocken flingen ron Liebe und Versöhnung. In unserer zerrissenen Herzen aber senkt sich ein anderer Ton. Das klägliche Wimmern unserer Christkindlein, die wir sterben sehen müssen, weil der kraftlose Körper der Mutter ihnen den Lebensquell nicht zu spenden vermag. Die frosterstarrte Erde umfängt, was wir so gerne am warmen Herzen gehegt hätten. Und all die tausende strahlender Weihnachtskerzen vermögen nicht uns das erloschene Licht ihrer Augensterne wieder zu entzünden. Da gedenken wir voll flammenden Zornes der Pharisäer, die in der Reichsversicherungsordnung uns und unseren Kleinen aufs neue die staatliche Fürsorge für Leben und Gesundheit verweigert haben. Da erinnern wir uns des falten„ Unannehmbar", mit dem der Geschäftsausschuß unserer herrschenden Klassen über die Qual unzähliger Mutterherzen sich hinwegsetzte. Im Namen einer heiligeren Liebe, als sie je in der engen Brust unserer Gewalthaber geglimmt, erheben wir die soziale Fürsorge für Mutter und Kind zu einer Weihnachtsforderung. Ein Stücklein unserer Erlösung ist in ihr begriffen. Wir auch sind vom Geschlecht jener Gottesmutter, von der man in den Kirchen singt und sagt. Auch unser Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Schoß ist gebenedeit, auch er trägt den Erlöser. Der freilich nicht, ein bleicher Dulder, das Kreuz nach Golgatha tragen wird, der ein schwertgegürteter Held diese Welt der Knechtschaft und Trübsal aus den verrosteten Angeln werfen muß. Um ihn start an Geist und Körperkraft erblühen zu lassen, müssen wir dem Kapitalismus unsere langverlorenen Rechte entreißen. Das Recht auf Gesundheit und Frohsinn und Bildung, das Recht, unseren Kindern Mütter zu sein. Ein kraftvoller Mutterschoß nur wird gesunde Kinder gebären. Ein frohes, stolzes Herz nur wird sie bilden können zu freien Menschen, gleich stark und prächtig im Hasse wie in der Liebe. Ein klarer Geist nur wird sie auf dem rechten Wege richtig zu leiten vermögen. Von dieser Erkenntnis erfüllt, treten wir in die Arena des politischen Kampfes, dort um eine Stunde freie Zeit und um billiges Brot zu ringen. Die Troßknechte der Reaktion haben das höhnische Lachen verlernt, seit die Mütter der ausgebeuteten Klasse ihnen Aug in Auge gegenüberstehen. Sie wissen, die vergessen und vergeben ihnen keine ihrer fluchwürdigen Schandtaten, die sind ihnen mit glühendem Eisen in die Hirne und die Herzen gebrannt, und die Frauen werden Abrechnung halten mit allem, was sie hudelt und büttelt. Es ist nicht wenig, was uns die Gesezesmacher des Klassenstaates seit Jahren an Qual und Hohn und Schmach aufbürdeten. Der Zoll- und Steuerwucher läßt uns von der reifen Frucht der Heimaterde kaum genügend Brot, um den Hunger zu stillen. Die Junker aber und Großkapitalisten füllen sich mit unseren blutigen Zinsgroschen lachend die goldstrogenden Taschen. Den fortgesetzten schamlosen Steuerund Zollraubzügen danken wir, daß das Elend nicht mehr aus unseren dürftigen Stuben weicht. Daß unsere Kinder so oft vergeblich um ein Stücklein Brot betteln, daß wir auch am Weihnachtsfest mit leeren Händen vor sie hintreten müssen. Die Sozialgesetzgebung bringt den Darbenden Steine statt Brot. Für die unschuldigsten Opfer der kapitalistischen Lohnsklaverei, für die armseligen Witwen und Waisen fällt ein abgenagter Knochen vom reichbesetzten Tisch des Prassers. Und doch predigt man uns wieder milde von Liebe und Versöhnung und vom Wohlgefallen auf Erden. Was kümmert auch die Not der Massen die Verkündiger der Nächstenliebe und Brüderlichkeit. Sie hungern ja nicht, sie haben ein schützendes Dach über dem Kopfe, wie es ihr Herr und Heiland nie gehabt, sie tragen Gold, Silber und reiches Erz im Gürtel, denn sie sind wohlbestallte Diener des Klassenstaats. Was geht das arme Weib sie an, das, von der Not getrieben, ihr Kind unter den heranbrausenden Eisenbahnzug wirft? Was ist es ihnen, wenn das Elend und das Laster mit nacktem Leibe durch die Straßen schreiten, wenn der Wahnfinnsschrei der Verzweiflung aus den Elendstiefen zum Himmel sich ringt? Sie werden uns das alte Märlein vom Frieden singen, ob auch der Himmel noch blutiger als heute vom Widerschein brennender Dörfer und Städte leuchte; ob auch noch andere 98 Die Gleichheit Nr. 7 als die starren Leiber und gebrochenen Augen der gemordeten Araberfrauen und-kinder Anklage erheben gegen das furchtbare Briiderpaar Krieg und Militarismus. Die Völker verbluten sich an den„Friedens"forderungen der Gewalthaber. In allen kapitalistischen Ländern droht die gepanzerte Faust nicht allein mehr nach außen, sondern noch brutaler, gewalttätiger nach innen. In Wien wurde das Straßenpflaster mit dem purpurnen Lebenssaft des„inneren Feindes" gefärbt. Und vielleicht ist auch in den Herzen unserer Herrschenden das Kaiserwort an die jungen Proletarier im Waffenrock noch nicht verklungen: Ihr müßt auch auf Vater und Mutter schießen, wenn der oberste Kriegsherr es befiehlt. Das deutsche Proletariat hat in den kommenden Wochen einen Teil der alten Weihnachtsbotfchaft zu erfüllen. Es muß die Pharisäer, die Händler und falschen Schriftgelehrten aus den Tempeln hinauspeitschen, damit endlich dem Volke gegeben werde, was des Volkes ist. Wir müssen der Menschheitserlösung die Wege bereiten, auf denen unsere Kinder wandern sollen. Vorbei an den Gärten von Gethsemane, in denen wir mit blutender Seele gerungen; empor über die grausen Schädelstätten, auf denen man uns martert und ans Kreuz schlägt: in das Land der Freude und des Friedens, in das Land des Sozialismus. B. S e I i n g e r. Gegen den Feind. Wo ist die Frau des Arbeiters, des kleinen Mannes, die heute nicht schwer unter der Verteuerung des Lebensbedarfs litte, die nicht unter wachsenden Sorgen und Entbehrungen wirtschaftete? Der Widersinn der kapitalistischen Ordnung ist es, der die mögliche Billigkeit der Lebenshaltung in Teuerung verwandelt, und die besitzenden Klassen Deutschlands steigern diese Teuerung noch unerträglich, indem sie zusammen mit ihrer wirtschaftlichen auch ihre politische Macht zur Ausplünderung der Massen mißbrauchen. Sie haben die Hand auf der Klinke der Gesetzgebung, Regierungen und bürgerliche Parteien sind gehorsame Diener ihrer Interessen. So ist jenes„bewährte Wirtschaftssystem" des Deutschen Reiches geschaffen worden, das durch Zölle und indirekte Steuern dem Volke den Lebensbedarf jährlich um gegen vier Milliarden verteuert und auch den Bissen trockenen Brotes nicht schont, ja gerade von ihm recht reichlich nimmt. Die große Hälfte dieser Riesensumme wandert in die bodenlosen Taschen der großen Landwirte, Fabrikanten, Händler und Spekulanten, der Nest geht in die Kassen des Reiches und enthebt die Mark- und Talermillionäre der Notwendigkeit, nach ihren Vermögen und Einkünften zur Kostendeckung des Reichshaushaltes beizutragen. Nicht der Überfluß der Neichen und Sehrreichen ist es also, der in diesen Kassen zusammenströmt, es sind vielmehr in der Hauptsache die aufgespeicherten Entbehrungen der Armen und Ärmsten. Diese Tatsache verpflichtet die Frauen der breiten, frondenden Klassen zu der Frage: Wozu verwendet das Deutsche Reich die Tausende und Abertausende von Millionen, um die es uns Brot, Mehl, Fleisch, Speck, Kaffee, Petroleum, Salz, Zündhölzchen, kurz alles und jedes verteuert? Die Frage ist um so dringender, als die Mütter einen langen Wunschzettel von Aufgaben haben, die in ihrem Interesse, im Interesse ihrer Lieben vom Reiche sofort gelöst werden müßten. Greifen wir nur zwei davon heraus. Für Millionen von Familien und einsam dastehenden Arbeiterinnen ist die Wohnungsfrage eine Quelle schmerzlicher Sorgen und Leiden. Ungezählte Kinder siechen jämmerlich dahin, weil sie in dumpfigen, sonnenlosen Hofstuben aufwachsen, in einem engen Heime, das gleichzeitig Wohnraum, Schlafzimmer, Küche und Arbeitsstätte ist. Aus solchen Wohnungshöhlen flüchtet die Behaglichkeit, und auch der tüchtigsten Hausfrau ist es unendlich schwer, ja unmöglich, hier Sauberkeit und Ordnung auftechtzuerhalten. Und wieviel geistige Kraft, wieviel sittliche Gesundheit geht an dem Wohnungselend, insbesondere an dem Schlafstellen- Wesen zugrunde! Fragt danach an all den Stätten, wo die Not oder die bürgerliche Justiz und Polizei Opfer der heutigen Ordnung zusammenkehrt! Eine der wichtigsten, verdienstlichsten Aufgaben des Reiches wäre eine großzügige Wohnungsreform, die ein wirkliches Heim den breiten Massen bereitet, die mit ihrer Arbeit den Reichen Villen und Schlösser bauen und schmücken. Wie würde ein solches Heim die Lebensfreude und Schaffenskrast der Hausmütter erhöhen, wie günstig auf die Familie zurückwirken. Zur Lösung dieser Aufgabe hat das Reich jedoch keine Mittel. Tis paar Millionen, die es bis jetzt dafür verausgabt hat,, sind Lumperei, gemessen an dein furchtbaren Elend, das es zu lindern gilt, sind weniger fast als der bekannte Tropfen, der auf den glühenden Stein niederfällt und verdunstet, kaum daß er ihn berührt. Gibt es des weiteren eine edlere Verpflichtung für das Reich als jene, den Sehnsuchtsschrei der Millionen nach der Entfaltung ihrer geistigen und sittlichen Gaben durch umfassende Maßnahmen zur Volksbildung zu stillen? Niemand wagt heute zu bestreiten, daß der größte, der fruchtbarste Reichtum einer Nation in den gesund erblühten Kräften ihrer Glieder besteht. Volksbildung, die den einzelnen wissend und tatkräftig macht, ist der größte Gewinn, die höchste Ehre eines Landes. Aber wie dürftig— und obendrein oft noch vergiftet— sind nicht die Brosamen, die den Kindern des Volkes als Nahrung für Geist und Charakter von den Gemeinden und Einzelstaaten in den Armeleute- schulen gereicht werden; wie unzulänglich ist alles, was darüber hinaus geschieht, um den Massen auch nur einen bescheidenen Anteil an dem Wissen, an dem Kunstgenuß unserer Zeit zu gewähren. Wie ein Schwert dringt es durch die Seele der Mutter, daß sie die besten Anlagen ihrer Kinder verkümmern sieht, weil das dürftige Einkommen mit kalten, Nein auf die Frage nach besserer Bildungsgelegenheit antwortet. Manch heimlich geweinte Träne, viele bittere Stunden zeichnen den Weg der kultursehnsüchtigen Arbeiterin und Arbeiterfrau, die angesichts hundert starrender Rätselfragen des Lebens die Dürftigkeit ihrer Erkenntnisse empfindet. Das Reich aber, das Millionen aus dem Hunger des Leibes der Werktättgen zieht, wendet nur wahre Bettelpfennige auf, um ihren Hunger des Geistes zu befriedigen. Wozu dienen in der Hauptsache die märchenhaften Schätze, die ihm zufließen? Sie werden von dem Rüstnngswahnsinn verschlungen, der die bürgerliche Gesellschaft beherrscht und auf dieser Stufe ihrer Entwicklung beherrschen muß. Das Heer- und Flottenwesen, die Kolonialpolitik fressen den Löwenanteil der Reichseinnahmen auf. In den 49 Jahren seit der Gründung des Deutschen Reiches haben die Militär- und Marineausgaben allein rund 28 Milliarden erfordert. Dabei sind noch nicht einmal die Kosten der Kolonialpolitik mit eingerechnet, die sich auf Hunderte von Millionen belaufen, und viele andere Aufwendungen ebenfalls nicht, die in engem Zusammenhang niit den Rüstimgen stehen. Bringen wir auch sie in Anrechnung, so steigt die Summe auf mehr als 39 Milliarden. Und das für eine Periode des Friedens, wenn wir von den, barbarisch-grotesken Hunnenfeldzug unter dem operettenhaften Weltmarschall Waldersee nach China absehen und der greuelhaftcn Vernichtung der Hereros unter dem„glorreichen" Kolonialhelden Trotha. Die Phantasie der Armen und Kleinen im Reiche, die mit jedem Nickel rechnen müssen, für die ein Goldfuchs von 29 Mark ein Schatz ist, vermag sich die Riesenbeträgs kaum vorzustellen, die der Nüftungswahnsinn im buchstäblich:!, Sinne des Wortes verpulvert und ins Wasser wirst. Tie Milliarden wurden ja unproduktiv für Zwecke verausgabt, die nicht den Reichtum und die Kultur des Deutschen Reiches vermehrt haben; ganz im Gegenteil. Eine Steigerung der Durchschlagskraft von Granaten und Kanonen- Nr. 7 Die Gleichheit fugeln, und altes Eisen sind die Schiffspanzerplatten geworden, für die die Regierung eben erst Dutzende von Millionen bezahlt hatte. Fruchtbare Acker, rauschende Wälder, ganze Dörfer werden von dem Schießübungsplatz verdrängt, auf dem unsere Artillerie sich darauf vorbereitet, durch wenige wohlgezielte Schüsse Tausende zu morden, die mühevolle Arbeit vieler Geschlechter zu zertrümmern. 700 000 junge, leistungstüchtige Männer sind für Jahre in die Kaserne gesperrt, wo der gedankenlose Drill die wertschaffende Arbeit ablöst. Bescheiden gegriffen gibt das für die Wirtschaft in Deutschland einen Arbeitsausfall von 3 Millionen täglich, von fast 1 Milliarde im Jahre. Hinter all der tollen Verschwendung aber lauert beständig die Kriegsfurie, bereit, die glimmende Eifersucht der ausbeuten den Klassen in den verschiedenen Ländern zu hellen Flammen anzublasen, die vernichtend über die Welt rasen. Denn wie ein hißiges Fieber ergreift der Rüstungstaumel die Staaten und peitscht sie vorwärts, um einander mit den gewaltigsten Werkzeugen des Massenmordes und der Zerstörung zu Lande, zu Wasser und nun auch in der Luft zu überbieten. Ein geringfügiger Anlaß, und die durch betriebsame Kriegsheter künstlich genährte Spannung muß sich entladen. Mindestens 50 Millionen Mark wird dann das deutsche Volk tagaus tagein aufbringen müssen, um Heer und Flotte im Kriegszustand zu erhalten. Und das in einer Zeit, wo Handel und Wandel stockt, wo die Not mit eisernem Griff die Existenz von Millionen packt. Wo bleibt angesichts dieser Verschwendung von Mitteln und Kräften, von Dingen und Menschen jene Rücksicht auf die Interessen von Industrie, Handel, Verkehr und Landwirtschaft, jene„ Sparsamkeit", die das Unternehmertum den Arbeitern predigt, wenn sie ein paar Pfennige mehr Lohn fordern, um ihr Sklavendasein etwas freundlicher zu gestalten? Wo das Rechnen mit dem„ Möglichen", das die Stirn unserer Staatsweisen furcht und ein„ Unannehmbar" auf ihre Lippen drängt, wenn die Sozialdemokratie den Veteranen einen Ehrensold von 360 Mt. im Jahre gewähren will, wenn sie wirksame soziale Fürsorge für Mütter und Säuglinge, für Witwen und Waisen heischt? Gewiß: Wettrüsten, Kolonialbesitz, Kriegsgeschrei und Krieg werfen reichen Gewinn ab für die Lieferanten von zweierlei Tuch, von Kartoffeln und Militärpferden, für die Fabrikanten von rauchlosem Pulver und kleinkalibrigen Gewehren, für Reeder und Börsenjobber; kurz für alle, die dem„ Vaterland" teuer verkaufen, was der Kriegsbereitschaft dient, und die auch aus Strömen vergossenen Bruderbluts mit fester Hand und kaltem Herzen Silber- und Goldstücke herausfischen. Mit den Epauletten oder dem Kolonialamt sichern sie Männern eine Stellung, deren hervorragendste Eigenschaft neben einem alten Namen recht oft nur die Unfähigkeit ist, in einem bürgerlichen Gewerbe " standesgemäß" ihren Unterhalt zu verdienen. Aber würde den ausbeutenden Klassen nicht auch der Weizen blühen, wenn das Volk der Arbeiter, Handwerker, kleinen Kaufleute, Bauern, Beamten nicht durch den Zoll- und Steuerraub zum Entbehren gezwungen wäre, wenn es verbrauchen könnte, wessen es bedarf, um kulturwürdig zu leben? Der Profit würde Fabrifanten und Händlern ebensogut zuwachsen, wenn die Massen für sich genügend Kleidung zu kaufen vermöchten, als wenn sie den Rock bezahlen, der des Königs heißt. Die gute ,, Rapitalanlage", als welche Freiherr Stumm einst das Rüsten feierte, hat einen tieferen Sinn als allein die Profite bestimmter Kreise der Besitzenden. Es ist das Lebensinteresse der ganzen Klasse, es ist ihr Bedürfnis, die kapitalistische Ordnung selbst und mit ihr die Ausbeutung und Beherrschung der Habenichtse durch die Besitzenden zu verewigen. Das Deutsche Reich bedarf eines gewaltigen Heeres, bedarf der„ Seegeltung" einer starken Flotte, wenn es mit eisengepanzerter Faust oder mit diplomatischen Kniffen NoIonien erobern und behaupten will. Und es muß Kolonien haben, weil es ein Reich der Reichen ist, der politische Machtverwalter der befizenden Klassen. Deren Profit steckt in den 99 tausenderlei Waren, die sich in den Kaufläden und Lagerhäusern auftürmen. Fleißige Männer und Frauen haben die Reichtümer geschaffen, aber sie dürfen sie nicht genießen, denn sie können sie nicht kaufen, nicht bezahlen. Nicht um den Bedürfnissen aller, um dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen, waren ja die Leiber und Geister der Lohnsklaven lange Stunden an die rasselnden Maschinen und in die dunstigen Werkstätten gebannt. Reichen Gewinn galt es zu erschanzen für die Wenigen, die im Besitz und in der Macht sind. Aber nur der Verkauf der erzeugten Güter ist der Bauberstab, der den in ihnen verborgenen Gewinn löst. Die besitzenden Klassen bedürfen jenseits der Meere, in einem erweiterten Vaterland" Märkte für ihre Waren, Anlagemöglichkeiten für ihr Kapital, die keine fremdländische Konkurrenz bedroht. Der unverkaufte, unangewendete überfluß, der nach den Kolonien getragen wird, ist das aufgehäufte Darben und Leiden der Massen, wie das auch die Schiffe und Bajonette sind, die den überfluß schützen. Allein trotz des Abströmens der Güter in die Kolonien schwillt und schwillt der Reichtum, den die Ausgebeuteten erzeugen und doch entbehren müssen. Denn die fortschreitende Herrschaft des Menschen über die Natur stellt immer vollkommenere Arbeitsmittel und Arbeitsverfahren in den Dienst der Gütererzeugung. Die Produktivkräfte gewinnen die gewaltigste Entfaltung, ihr Spiel wälzt die Welt um und überschwemmt sie mit planlos ins Blaue hinein geschaffenen Dingen, die sich je länger je mehr stauen müssen, weil die Vielen nicht Verbraucher sein dürfen. Auf der Grundlage des Gegensatzes zwischen einem ausbeutenden Häuflein und ausgebeuteten Millionen, die das Privateigentum an den Produktionsmitteln schafft, werden alle Widersprüche lebendig, welche die bürgerliche Ordnung in ihrem Schoße trägt. Den rebellierenden Kräften, welche diese Ordnung zu sprengen drohen, steht die ausbeutende und herrschende Minderheit ohnmächtig wie Goethes Zauberlehrling gegenüber:„ Die Geister, die ich rief, ich werde sie nicht los". Nur das Proletariat vermöchte das erlösende Wort zu sprechen. Nicht das seid gewesen!", das die elementar waltenden Produktivkräfte in das Dunkel zurückscheucht, sondern Sozialismus", der ihrem Weben und Wirken die Ketten des Privateigentums abnimmt und das erhabenste Biel setzt: die Befreiung und Beglückung aller. Aber dann wäre es für immer vorbei mit der Ausbeutungs- und Herrschaftsgewalt von Menschen über Menschen, und noch sind die Besitzenden start genug, die Besizlosen zu verhindern, die befreiende Formel zu rufen. So denken sie: helfe, was helfen mag, und erblicken in dem Rüstungswahnsinn einen Abzugskanal für die rasende Gewalt der Produktivkräfte. Die gewissenlose Vergeudung, die wir oben gekennzeichnet haben, wirkt dem Steigen der Wasser entgegen, in denen die bürgerliche Gesellschaft zu versinken droht. Gleichzeitig geht von der eisengepanzerten Weltmachtpolitik des Deutschen Reiches eine Losung aus, geeignet, den Sinn des Volkes für seine Lage zu verwirren. Im Namen des Vaterlandes, seiner Ehre, seiner Wohlfahrt soll es rüsten und morden. Jenseits der bunt angestrichenen Grenzpfähle wird den Massen der äußere Feind" gezeigt, um ihre Blicke davon abzulenken, daß der innere Feind" von rechts und links ihre Taschen plündert und ihre stroßende Kraft bindet. Was ist denn der nationale Gegensatz zwischen Deutschland und anderen Staaten, der unter schmetternder Regimentsmusik gepredigt wird? In seinem Kern nichts als die Eifersucht und das Drängeln der besitzenden Klassen um den besten Plaz an der Rahmschüssel des Weltmarktes, um das größte und rosinenreichste Stück Kolonialkuchen, das eine jede dieser nationalen Klassen gern einschieben möchte. Die Bewaffnung der Massen gegen den äußeren Feind soll nichts als ihre Entwaffnung im Ringen mit dem inneren Feind sein. Wenn jedoch alles nicht verfängt, so bleiben schließlich die gezogenen Kanonen das letzte Mittel der Herrschenden gegen 100 Die Gleichheit Nr. 7 die ungezogenen Nationen. Haben das nicht die Batterien verkündet, die des Kommandos harrend gegen die preußischen Wahlrechtskämpfer aufgefahren werden sollten? Die verderbendrohenden Mündungen der Maschinengewehre im Mansfelder Streikrevier? Die bekannten Worte, daß der Soldat auf Vater und Mutter schießen müsse, wenn der oberste Kriegsherr es befiehlt? Wer über diese Zusammenhänge noch im unklaren sein könnte, den muß der patriotische Trommelwirbel belehren, unter dem alle bürgerlichen Parteien im Wahlkampf Rüstungswahnwitz und Kolonialabenteuer als die Rettung des Vaterlandes rühmen, Rüstungswahnwitz und Kolonialabenteuer auch um den Preis, daß die Völker auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs verbluten oder von dem Zoll- und Steuerwucher meuchlings gewürgt werden. An den Massen zu zeigen, daß sie das frivole Spiel der Besitzenden und Herrschenden durchschauen I Ihre Politik ist die der sozialistischen Internationale, die den Völkern den Frieden sichert und ihren Bedrückern unversöhnlichen Kampf ansagt. Darum sind die Massen gewillt, wenn es drauf und drankommt, ihre ganze und stärkste Macht— die Macht der gekreuzten Arme— gegen den Krieg einzusetzen und die mordlüsternen Prozentpatrioten zum proletarischen Frieden zu zwingen. Diese Willensbekundung muß der 12. Januar bestätigen. Den Kriegshetzern, den Förderern des Militarismus und der Weltmachtspolitik auch nicht die Stimme eines aufgeklärten proletarischen Mannes, nicht die Wahlhilfe einer einzigen denkenden Proletarierin. Alle Kräfte vereint bis zum äußersten angespannt, um der Todfeindin des Militarismus und seines Geschwisters, der Sozialdemokratie, den Sieg zu sichern. Heute liegen die Dinge so, daß die Lohnsklaven der kapitalistischn Ordnung in diesem Feinde die ganze Ordnung selbst mit all ihren Greueln bekämpfen. Im Ringen mih ihm kann es kein Paktieren, keine Lässigkeit geben. Auf, gegen den Feind I Die Teuerung. Für die Lese- und DiskusfionSabende. Von Käte Duncker. Aber auch auf dem dritten Produktionsgebiet, dein der Urproduktion, müßten Angebot und Nachfrage miteinander übereinstimmen, wenn ein ungestörter Verlauf des Wirtschaftslebens gesichert sein soll. Die Urproduktion, vor allem Landwirtschaft und Viehzucht, liefert der industriellen Produktion die Rohstoffe, der Arbeiterschaft die Lebensmittel. Wenn die Nachfrage nach den verschiedensten Jndustrieprodukten wächst, wenn die Profite steigen, wenn neue Betriebe gegründet und alte erweitert werden, dann steigt natürlich auch der Bedarf an Rohstoffen aller Art: an Eisen und Kohle, an Baumwolle, Wolle, Häuten, Kautschuk, Holz usw. Zugleich wird auch die Nachfrage nach Arbeitskräften größer, es steigen die Löhne. Und mit der Arbeiterzahl und den Arbeiterlöhnen wächst der Bedarf an Lebensmitteln, vor allem an Getreide. Dabei stellt sich aber ein tiefgehender Unterschied zwischen der Ausdehnungsfähigkeit von Industrie und Urproduktion heraus. Die Industrie kann ihre Produktion durch Einstellung neuer und leistungsfähigerer Maschinen sowie durch Vermehrung ihrer Arbeitskräfte rasch und fast unbeschränkt ausdehnen. Landwirtschaft und Viehzucht dagegen können ihre Produktion nicht willkürlich beschleunigen: sie sind dabei an natürliche Bedingungen gebunden: die Landwirtschaft an den verfügbaren Boden, an die Zeitspanne zwischen Saat und Ernte, an all die unbeeinflußbaren Faktoren, die den Ausfall der Ernte bestimmen: die Viehzucht an die oft sehr langen Zeiträume, die vergehen, ehe die Tiere die Schlachtreife oder die Fähigkeit zur Milch- oder Wolleproduktion erreichen. So bleibt die Erzeugung der Lebensmittel und der industriellen Rohstoffe hinter dem schnell gesteigerten Bedarf der Industrie zurück, und ihre Preise steigen daher schneller als die Preise der Jndustrieprodukte. Dadurch sinken die Profite der industriellen Unternehmer.„Gleichzeitig sieht sich die Arbeiterklasse gezwungen, einen größeren Teil ihres Einkommens für die unentbehrlichsten Lebensmittel auszugeben: sie kann daher weniger Industrie- Produkte kaufen.... Die hohen Preise der Rohstoffe und die sinkende Nachfrage nach Jndustrieprodukten setzen der Erweiterungs- und Gründungstätigkeit der Industrie Schranken. Es sinkt die Nachfrage nach Produktionsmitteln (Maschinen, Werkzeugen usw.), die Industriezweige, die die Produktionsmittel erzeugen(Eisenindustrie, Maschinenindustrie), können ihre während der Hochkonjunktur erweiterten Betriebe nicht mehr voll beschäftigen. Sie entlassen Arbeiter. Mit dem Stocken der Gründungstätigkeit, mit dem Sinken der Profite, mit der Ausdehnung der Arbeitslosigkeit sinkt nun die Nachfrage nach allen Waren. Die industrielle Krise naht heran."(Bauer.) Wir haben hier also eine weitere Ursache der Krisen gefunden in der Tatsache, daß die Produktion von Rohstoffen und Lebensmitteln, an natür- liche Schranken gebunden, mit der stürmischen Entwicklung der Industrie in den Zeiten des guten Geschäftsganges nicht Schritt halten kann. Und dieses Mißverhältnis zwischen der schnellen Ausdehnung der Industrie und der langsamen Ausdehnung der Urproduktion macht sich stets in einer empfindlichen Verteuerung von Lebensmitteln und Rohstoffen fühlbar. Damit wären wir nach langem Umweg wieder bei der Teuerung angelangt: Die Anarchie der Produktion bewirkt, daß die industrielle Produktion höchst ungleichmäßig und sprunghaft vor sich geht, und daß dabei die langsame Ausdehnungsfähigkeit der Urproduktion unberücksichtigt bleibt: das Mißverhältnis zwischen beiden ist eine Hauptursache der allgemeinen Verteuerung der Lebensmittel. Das Mißverhältnis zwischen industrieller und landwirtschaftlicher Produktion wird aber noch dadurch vermehrt, daß die letztere in allen Kulturstaaten allmählich zurückgeht, denn alle Staaten streben danach, ausAgrarstaaten Industriestaaten zu werden. Einst träumte England davon, die Werkstatt der Welt sein und bleiben zu können, der alle übrigen Länder Lebensmittel und Rohstoffe liefern und Jndustrieprodukte abnehmen müßten. Aber neben England trat bald Deutschland auf den Plan, bis Mitte der siebziger Jahre noch ein vorzugsweise Getreide ausführendes und Jndustrieprodukte einführendes, jetzt längst ein Getreide einführendes und Jndustrieprodukte ausführendes Land. Österreich-Ungarn, Rußland und Amerika lieferten ihm Rohprodutte und nahmen ihm seinen Überfluß an Jndustrieprodukten ab. Heute ist Österreich-Ungarn bereits in die Reihe der Länder eingerückt, die große Weizenmengen auS dem Allsland einführen müssen. Auch in Rußland hat die Entwicklung zum Industriestaat begonnen, wenn sie auch durch den Absolutismus stark gehemmt wird. So scheidet ein Staat nach dem anderen als Getreidelieferant aus, um als Getreidekäufer wieder auf dem Weltmarkt zu erscheinen. Der Weltbedarf vo Getreide wächst und mit ihm steigen die Getreidepreise. „Die Vereinigten Staaten von Amerika wachsen zum größten Industriestaat der Welt heran; ihre eigene Bevölkerung verbraucht einen schnell steigenden Teil ihrer Ernte. Die Weizeu- ausfuhr der Vereinigten Staaten ist daher im letzten Jahrzehnt beträchtlich gesunken." Auch die amerikanische Weizeu- produttion nimmt feit einigen Jahren nicht mehr zu. Sic betrug:*"' - Nach KautSky, Der Weg zur Macht. Hamburger AgitatiouS- auSgabe, Seite SV. Nr. 7 Die Gleichheit 101 Durchschnittspreis pro Bushel 1. Dezember Bebaute Fläche Ertrag Acres Bushels 1901. 49,9 Millionen 748 Millionen 1902 46,2 670 1903 49,5 638 1904 44,1 552 1905. 48,9 693 74,8 1906. 47,3 735 M 634 66,7 87,4 1907. 45,2 = M 62,4€ ts. 63,0 69,5 D 92,4= = W Noch andere außereuropäische Länder werden- meist durch europäisches Kapital, das dort angelegt wird zu Industriestaaten und damit zu Getreidekäufern, so Südafrika, Brasilien, Japan.„ Wohl dehnt sich auch der Getreideanbau aus. Jnsbesondere Argentinien und Kanada haben ihre Getreideproduktion überaus schnell gesteigert. In Argentinien ist von 1890/91 bis 1907/08 die mit Weizen bebaute Fläche von 118800 Heftar auf 5759000 Hektar, der Ertrag von 846960 auf 5474000 Tonnen gestiegen, in Kanada von 1890 bis 1907 die Anbaufläche von 2327152 auf 7712000 Acres, die Erntemenge von 1018100 auf 2494000 Tonnen. Aber selbst diese Vermehrung war zu klein, den schnell steigenden Weltbedarf zu decken." So sind denn auch die Getreidepreise auf dem Weltmarkt in stetem Steigen begriffen. Es kosteten 1000 Stilogramm Weizen ( in Mark): Antwerpen. 130 129 133 140 142 130 154 175 191 166 London. 132 141 135 144 149 143 155 160 186 157 . 1901 1902 1903 1904 1905 1906 1907 1908 1909 1910 Ähnlich steht es auf dem Baumwollenmarkt.„ Der Baumwollbedarf der Weltindustrie beträgt heute mehr als 135 Millionen Ballen jährlich. Diesen Bedarf deckt die Produktion heute gerade noch bei guter Ernte. Ist die Witterung ungünstig, bleibt die Ernte hinter dem Bedarf auch mur um ein Geringes zurück, dann steigen die Baumwollenpreise rapid. Die Spimereien müssen den Betrieb einschränken, weil sie sich den erforderlichen Rohstoff nicht beschaffen und die erhöhten Erzeugungskosten auf die Verbraucher nicht abwälzen können." Von den Preissteigerungen einiger Rohstoffe sollen folgende Zahlen reden. 1901 = M 1910 B Baumwolle( pro Doppelzentner in Bremen) 88,5 M. 151,7 Mt. Wolle( pro Doppelzentner in Berlin).. 231,3 336,7 Barakautschuk( pro Kilogramm in Hamburg) 18,60 Die Verteuerung der Rohstoffe führt natürlich zur Verteuerung der aus ihnen gefertigten Waren. Mit den Preisen der Baumwolle und der Wolle sind die Preise der Garne und der Gewebe gestiegen, mit den Holzpreisen die Preise der Möbel, mit den Häutepreisen die Preise des Leders und der Schuhe usw. Teure Lebensmittel, teure Rohstoffe, das ist das Kennzeichen der letzten Jahre. Die Gesellschaft hat die Produktion dieser Waren zu langsam, die Produktion von Produktionsmitteln und Industrieprodukten zu schnell ausgedehnt. Das ist eine der wichtigsten Ursachen der Teuerung, das ist die Wirkung der Planlosigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Die planmäßige Verteilung der Arbeit auf die verschiedenen Produktionszweige ist unmöglich, solange die Herr schaft über die Produktion den Kapitalisten überlassen bleibt, die nur ihr Heißhunger nach Profit leitet. Die planmäßige Leitung der Produktion wird erst möglich, wenn die Gesellschaft selbst, die Gesamtheit aller Arbeitenden, die Arbeitsmittel besißt und die Arbeitenden auf die verschiedenen Zweige der Arbeit verteilt. Erst wenn die Anarchie der Produktion aufgehoben wird, wenn alle Arbeitenden im Dienste der organisierten Gesellschaft stehen und von ihr planmäßig zur Erzeugung jener Güter verhalten werden, die die Gesellschaft braucht, wird es nicht geschehen können, daß auf der einen Seite Taufende vergebens Arbeit suchen und Hunderte von eben erst aufgestellten Maschinen stille stehen, während auf der anderen Seite der Menschheit fehlt, was sie braucht, die Hungernden zu speisen, die Frierenden zu fleiden, die Obdachlosen in varmen Stuben zu bergen."( Bauer.) Vom Arbeitsnachweis für weibliche Erwerbstätige in Berlin. Der Zentralverein für Arbeitsnachweis zu Berlin versendet soeben seinen Jahresbericht. Entsprechend der günstigeren Wirtschaftslage im Jahre 1910 ist seine Vermittlungstätigkeit in allen Berufen und nach jeder Nichtung gestiegen. Daß aber troß einer aufsteigenden Konjunktur im Jahre 1910 die wirtschaftliche Lage der Berliner arbeitenden Bevölkerung sich nicht gebessert, sondern verschlechtert hat, geht deutlich hervor aus dem großen Andrang arbeitsuchender Frauen, deren Zahl prozentual mehr zugenommen hat wie die der Männer. Die Zahl der arbeitsuchenden Frauen vermehrte sich gegen das Jahr 1909 um 27,6 Prozent, die der Männer um 25,3 Prozent. Die genauen Angaben sind folgende: a. Männer und Frauen zusammen. Angebot.. Nachfrage. Besetzte Stellen. Angebot Nachfrage. Besetzte Stellen. Angebot Nachfrage. Besetzte Stellen. # 1909 157241 119702 1910 197721 Gestiegen um 29,1 Prozent 171858 43,6 1 96 950 133353 37,5 b. Männer. 129001 161695 · 25,3 Prozent 84.956 124923 47,0 74734 104510 39,8 c. Frauen. 28240 36026 27,6 Prozent 34746 22216 46 935 28843 36,1= 29,8 V Juf 100 Arbeitsgesuche entfielen offene Stellen: Bet Männern Bei Frauen 1907. 1908 1909 1910 Überhaupt 75,9 67,3 76,1 86,9 70,4 104,5 60,2 101,5 65,9 123,0 77,3 130,2 Auffallend ist die große Differenz zwischen Angebot und Nachfrage weiblicher Personen. Auf je 100 Arbeitsgesuche entfielen hier 130,2 offene Stellen. Scheidet man die Abteilung für Dienstboten aus, so verringert sich diese Zahl ganz bedeutend: es entfallen dann auf 100 Arbeitsgesuch nicht mehr 130,2, sondern nur noch 108,0 offene Stellen. Bei den Männern dagegen ist die Nachfrage weit hinter dem Angebot zurückgeblieben. Hier entfielen auf 100 Arbeitsgesuche nur 77,3 offene Stellen. In der Abteilung für weibliche Erwerbstätige waren ohne Hauspersonal gemeldet 29 638 Arbeitsgesuche, 31 638 offene und 24 128 befette Stellen. Immerhin blieben da an 5000 Frauen übrig, die Arbeit nicht nachgewiesen erhielten, ganz abgesehen von der nicht unbeträchtlichen Zahl jener, die versucht haben werden, auf anderen Wegen wie durch den Zentralverein für Arbeitsnachweis Beschäftigung zu erhalten. In der Abteilung für Dienstboten und Aufwärterpersonal in den beiden Nachweisstellen Gormannstraße und Linkstraße meldeten sich insgesamt 6692 stellensuchende Mädchen und Frauen, 15167 wurden verlangt und 4680 Vermittlungen famen zustande. Die Nachfrage nach Dienstboten war also um 44,1 Prozent höher wie das Angebot. Die Zahlen sprechen Bände für die schlechte Entlohnung und Behandlung der Dienstboten. Eine Bestätigung hierfür gibt die sehr lehrreiche Tabelle der Dienstbotenlöhne, die sich auf die beiden Vermittlungsbureaus Gormannstraße im nördlichen und Linkstraße im westlichen Zentrum Berlins erstreckt. Der Statistiker des Zentralvereins für Arbeitsnachweis hat sich zwar damit begnügt, nur die absoluten Zahlen anzugeben, die recht wenig besagen. Berechnet man aber die Löhne im Verhältnis zur Gesamtzahl der stellensuchenden Mädchen, dann er 102 Die Gleichheit fährt man erst, wie schlecht sich die Mehrzahl der Hausangestellten steht. Es meldeten sich in der Vermittlungsstelle Gormannstraße Linkstraße Insgesamt weibliches Hauspersonal 711 2761 Davon waren: Mädchen für alles. 651 2883 13 249 Kinderfrauen, Kindermädchen 11 67 21 • 14 7 55 710 2761 Köchinnen. Abwaschmädchen Wirtschafterinnen Als maßgebenden Faktor wollen wir nur die zwei ersten Kategorien betrachten, die anderen, weil zu gering an Bahl, ausscheiden. Es erhielten Lohn: Vermittlungsstelle Gormannstraße Bermittlungsstelle Linkstraße 651 Mädchen für alles 2383 18,1 Proz. bis 15 Mt. monatlich 6,6 5,6 10,8 0,9 A 81,6 1,2 N 7,2 = 1,5 M 0,4 9,8 0,7 16 M " 17 B 18 21 V 14,7 Proz. bis 15 Mt. monatlich 1 0 2,3 = 16 5,3 P " 17 M 0 8,4 18 T 19 M 0,6 1 19 V 0 # 20 28,4 1,3 9,4 = D 20 M D B 21 M = 22 M 3,6 # s 0,6 24 22,4 25= 29 M 2,6 B # 22 23 # 0 24= 25= 29 M " 30 Mf. u. darüb. 13 " Köchinnen # # 11 M 0 = 30 Mt. u. darüb.= 249 88,4 Proz. 20 bis 24 Mt. monatlich 4,8 Proz. 20 bis 24 Mt. monatlich 23 " 25= 29= 80,7 30= 34 V 24 25- 29 43,3 27,7 " 30# 84= g 7,7 35 Mt. u. darüb. 35 Mt. u. darüb. Die Zahl der Köchinnen aus der Gormannstraße ist allerdings eine so geringe, daß das Ergebnis der Berechnung nur mit sehr großer Vorsicht zu betrachten ist. Auf beiden Vermittlungsstellen, im vornehmen" Westen sowohl wie in dem viel anspruchsloseren Norden beträgt der Durchschnittslohn 20 Mt. monatlich bei dem„ Mädchen für Alle 3". Rechnet man für Rost und Logis 1,50 Mt. täglich, so ist der DurchschnittsIohn 65 Mt. monatlich, gleich einem Wochenlohn von 16 Mr. Dafür aber unbegrenzte Arbeitszeit, keine freie Minute, nur jeden zweiten Sonntag einen freien Nachmittag, der häufig erst abends um 6 Uhr beginnt. Daß in der Vermittlungsstelle Linkstraße 22 Prozent der Mädchen einen Lohn von 25 bis 29 Mr. erhalten, erklärt sich aus den hohen Anforderungen, die in dieser Gegend an das Mädchen für Alles gestellt werden. Es muß bei diesem Lohn nicht nur selbständig kochen, sondern meist auch zu servieren verstehen, Kinder beaufsichtigen helfen und die vorgeschriebene Uniform für das„ bessere" Haus besitzen, schwarzes Kleid, weiße Schürze. Daß die Löhne der Köchinnen im Vergleich zu denen der übrigen Hausangestellten hoch sind, ist ein Beweis für den außerordentlichen Mangel und großen Bedarf, der an tüchtigen Kochkünstlerinnen herrscht. Wäre Behand. lung und Logis besser, so würde dieser Beruf zweifellos für eine ganze Anzahl von Mädchen und Frauen gute Aussichten bieten. Aus der Altersstatistik geht hervor, daß die höchsten Altersklassen der Mädchen aus den Jahren 1840 bis 1849 und die jüngsten Altersklassen aus den neunziger Jahren die niedrigsten Löhne erhalten. 76 Mädchen sind bereits mit 14 Jahren in Dienst gegangen; 57 von ihnen erhielten bis 15 Mark Lohn, 2 bis 16 Mt., 1 bis 17 Mt., 4 bis 18 Mr., 1 bis 19 Mr. und 11 bis 20 Mk. Leider fehlt in dem Bericht jede Angabe über all die sehr beachtenswerten Fragen, die auf den Aufnahmekarten vorgedruckt sind und von jedem, der Personal sucht, beantwortet werden müssen. Wenn auch Angaben und Wirklichkeit nicht Nr.7 immer ganz übereinstimmen mögen, so wären dennoch bet der Zusammenstellung recht interessante Tatsachen beleuchtet worden. Auf jeder Karte sind nämlich folgende Rubriken auszufüllen: Wie viele Personen zählt der Haushalt? Wie viele Räume die Wohnung? Wie oft hat das Mädchen Ausgang? Wozu alle diese sehr nüßlichen Fragen, wenn aus ihnen keine Nubanwendung gezogen wird, das heißt wenn ihr Resultat der Öffentlichkeit vorenthalten bleibt? Solche Angaben dürften in einem derartigen Jahresbericht nicht fehlen; es könnte dafür unseres Erachtens so manches wegbleiben, was zwar einen schönen Beweis gibt für die Genauigkeit, mit der selbst jedes Telephongespräch eingetragen wird, aber für die Betrachtung der wirtschaftlichen Lage der arbeitenden Klassen völlig überflüssig ist. Das gerade, was nicht in dem Bericht steht, hätte einen überblick über die Lage der Hausangestellten einigermaßen einwandfrei gegeben und zweifellos von neuem bewiesen, daß die Konjunktur den Hausangestellten zwar sehr günstig ist, daß aber diese sie nur wenig auszunüßen vermögen mangels einer kräftigen Organisation. Daß die noch junge Organisation gut gedeiht und bald machtvolleren Einfluß gewinnt, dafür sorgen nicht nur die bereits zu ihr gehörigen Aufgeklärten, sondern auch die Herrschaften" selber mit ihrem Bestreben, Freiheit und Selbständigkeit der Hausangestellten nach wie vor nach allen Richtungen einzuschränken, und das hilft am besten mit, den gesunden Widerstand aller Dienenden wachzurufen. Mathilde Wurm. Wie werben wir Mitglieder für die Partei und Abonnenten für die Presse? Auf unserer diesjährigen Frauenkonferenz ward von einer Genossin, die schon viele Jahre in der Partei tätig ist, die Frage aufgeworfen: Wie fängt man es an, um in öffentlichen Versammlungen so zahlreich Mitglieder für die Partei zu gewinnen, wie hier von einigen Rednerinnen angeführt wurde? Ähnliche Anfragen sind auch schon an unser Bureau gerichtet worden. Komme ich hinaus zur Agitation, so muß ich oft die Erfahrung machen, daß die Vorarbeiten für die sofortige Aufnahme von Mitgliedern gar nicht oder nur mangelhaft gemacht worden sind. Diese Tatsachen sind die Veranlassung zu den nachfolgenden Ausführungen. Für die Orte, wo die Genossinnen und Genossen bisher schon so verfuhren, wie ich darlegen werde, mag es eine Genugtuung sein, daß ihre Methode Schule macht. In der praktischen Arbeit muß manches gesagt werden, was dieser oder jener schon lange wußte", was für andere aber ein wichtiger Fingerzeig ist, der ihnen die Arbeit erleichtert und erfolgreicher gestaltet. Daß meine Ausführungen jegt, in der Wahlbewegung, kommen, hat seinen guten Grund. In der Zeit des Wahlkampfes, wenn die politische Erregung eine große ist, wenn das„ Wahlfieber" die Massen erfaßt hat, wenn in der Folge unsere Versammlungen stark besucht, oft überfüllt sind: dann ist die beste Zeit der Aussaat für unsere sozialistischen Anschauungen, aber auch die beste Zeit für die Gewinnung neuer organisierter Mitkämpfer. Und diese Zeit gilt es zu nutzen. Aber auch für später gilt natürlich dasselbe. Doch kommen wir zur Sache! Unsere weiblichen Vorstandsmitglieder sollten allerorten eine möglichst große Anzahl der weiblichen Parteimitglieder zur praktischen Arbeit innerhalb der Parteiorganisation heranziehen und allmählich heranbilden. Da gilt es den Beitragsammler zu machen, den Bezirksführer oder dessen Stellvertreter. überhaupt sollten unsere weiblichen Mitglieder immer mehr bestrebt sein, sich im Verwaltungskörper der Partei dauernd und planmäßig zu betätigen. Wie viele Genossinnen und welche von ihnen für die einschlägigen Posten in Frage kommen, das ist natürlich vorher mit dem Gesamtvorstand zu besprechen. So erklärt ja auch bekanntlich der betreffende Parteitagsbeschluß, so erfordert es die Praxis und das parteigenössische Nr. 7 Die Gleichheit Prinzip. Aber ebenso wie in der Verwaltung gilt es, alle sonstigen Arbeiten von den Genossinnen mitausführen zu lassen. Für die Aufnahme neuer Mitglieder in öffentlichen Versammlungen muß eine besondere Kommission gebildet werden, die möglichst so groß sein soll, daß jedes ihrer Mitglieder nur einen Tisch in der Versammlung zu besorgen hat. Diese Kommission hat mindestens eine Viertel- bis eine halbe Stunde vor der Eröffnung der Versammlung im Lokal zu erscheinen. Hier erhalten ihre Mitglieder die Aufnahmescheine und die angespizten Bleistifte, für die das weibliche Vorstandsmitglied zu sorgen hat. Sie verständigen sich darüber, an welchem Tische oder in welcher Reihe die einzelne Genossin arbeiten soll, damit es kein Durcheinander gibt, wobei man aneinander vorbeiläuft, an einzelnen Tischen zweimal frägt, an anderen gar nicht. Ist die Arbeit so vorbereitet, so kann der ganze Saal in fünf bis zehn Minuten bearbeitet sein. Sofort nach dem Referat sollte eine kleine Pause eintreten, nachdem zuvor vom Referenten oder Vorsitzenden auf die Notwendigkeit der politischen Organisation aufmerksam gemacht und die Höhe des Monatsbeitrags bekannt gegeben worden ist. In dieser Pause erfolgen schnell und sicher die Aufnahmen für die Partei. Es empfiehlt sich nicht, die Aufnahmescheine auf die Tische vorher zu verteilen und sich mit der Erklärung zu begnügen, Aufnahmescheine liegen aus, man bittet, fie auszufüllen. Den Versammlungsbesuchern muß die Beitrittserklärung so leicht wie möglich gemacht werden, daher hat die Ausfüllung der Scheine durch die beauftragten Genossinnen zu erfolgen! Ist auf diese Weise in der Versammlung eine Anzahl neuer Mitkämpfer und Mitkämpferinnen gewonnen, so haben wir zur Stärkung unserer Organisation, zur Hebung unserer politischen Macht in einer Weise beigetragen, die sicher nicht niedriger einzuschäßen ist als das Wählen der Genossen. Womit ich natürlich nicht sagen will, daß das eine das andere ersezen kann. Gewiß nicht! Beides ist gleich notwendig, gleich wichtig, beides gehört zusammen und ergänzt sich. Könnten wir Frauen wählen, so würden wir es mit Wonne tun. Da wir es nicht können, ist es doppelt unsere Pflicht, in der angegebenen Art für unsere Sache zu wirken und unseren politischen Befähigungsnachweis zu erbringen. Damit leisten wir auch gleichzeitig die wirksamste Vorarbeit für die Eroberung des Frauenwahlrechts, der politischen Mündigkeitserklärung des weiblichen Geschlechts. Aber noch ein weiteres erzielen wir durch diese Tätigkeit unserer weiblichen Mitglieder. Sie gewinnen leichter und gründlicher das Gefühl und das flare Bewußtsein der innigen Zusammengehörigkeit mit der Partei. Ihr Selbstbewußtsein wird gehoben, wenn sie wissen, sie leisten Wertvolles, Unentbehrliches für die Organisation. Die Freude über jeden erzielten Erfolg fettet sie fester an die Partei und ist gleichzeitig der schönste Lohn für alle Mühe und Beschwerden. Wo den weiblichen Mitgliedern die Gleichheit" obligatorisch geliefert wird, ist mit jedem weiblichen Parteimitglied ja auch gleichzeitig eine Leserin für die„ Gleichheit" gewonnen. Wo das nicht der Fall ist, gilt es natürlich, in den Versammlungen ebenfalls Propaganda für die ,, Gleichheit" und auch für die örtliche Parteipresse zu machen. Da hat mich nun die Erfahrung gelehrt, daß es nicht im Interesse der Partei und ihrer Presse liegt, wenn man gleichzeitig auf beides verweist. Sind in der Pause die Parteimitglieder geworben, dann sollte nachher möglichst das erzielte Resultat bekannt gegeben und nun eindringlich auch zum Abonnement der Presse, vor allem der„ Gleichheit", aufgefordert werden, und nun müßten die beauftragten Genossinnen nochmals einen Rundgang an den Tischen unternehmen. Wer sich zum Eintritt in die Partei entschlossen hat, wird dann auch leicht als Abonnent als Abonnent gehalten. der„ Gleichheit" gewonnen und als Abonnent gehalten. 103 Erklärlich genug. Die neu gewonnenen Mitglieder sind ja nicht nur organisatorisch von der Partei erfaßt, sondern auch geistig. In unseren Parteiversammlungen und Leseabenden suchen wir sie weiterzuschulen, und dabei werden wir dann immer auf die Notwendigkeit des Lesens der„ Gleichheit" aufmerksam machen, wir werden auf diesen oder jenen Artikel verweisen, den sie gebracht hat, und so eine stetige Propaganda für sie unterhalten. In den Leseabenden regen wir die Nichtabonnenten des Blattes zum Abonnement an. Anders liegt es, wenn die Frauen sich erst auf unser Organ abonnieren, dann aber, infolge ihrer völligen Ungeschultheit, manches nicht verstehen, was die ,, Gleichheit" bringt und sie wieder abbestellen. Ist das geschehen, so haben wir jeden Zusammenhang mit ihnen verloren und müssen ihn erneut suchen. Im Anschluß an die Propaganda in Versammlungen möchte ich gleich noch eine andere Werbearbeit erwähnen, die ihr folgen sollte: die Hausagitation. Hat eine oder haben eine Reihe von öffentlichen Frauen- oder Volksversammlungen stattgefunden, die eine propagandistische und eine demonstrative Wirkung hatten, hat der Bericht in der Parteipresse sie noch verstärkt und erweitert, so ist es in vielen Fällen zu empfehlen, durch eine Hausagitation diese Wirkung festzuhalten, sie für die Organisation und die Presse nutzbar zu machen. Die Kommission, die in den Versammlungen die Aufnahmen vollzieht, kann dabei die Leitung übernehmen, andere Genofsinnen müssen hinzugezogen werden, um die Arbeit auszuführen; in der Regel wird der Erfolg ein guter sein, der all die aufgewendete Mühe vollauf entschädigt. Ob man die Hausagitation buchstäblich von Haus zu Haus betreibt oder an der Hand der gewerkschaftlichen oder politischen Mitgliederlisten, welche Zeit man dazu wählt: das sind Fragen der Zweckmäßigkeit, die von Fall zu Fall entschieden werden müssen. Die Hauptsache ist, daß diese Agitation vorgenommen wird. Öffentliche Agitation, Agitation in den Leseabenden und Hausagitation, ein planvolles Vorbereiten, ein planvolles Turchführen: so gearbeitet, Genoffinnen aller Orte, und der Erfolg wird euch sicher sein! Wünscht ihr noch irgend eine Auskunft, wir sind gerne bereit, sie euch vom Frauenbureau, Lindenstraße 3, zu geben. Luise Ziet. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Auf Wunsch des Gauvorstandes der Pfalz war die Unterzeichnete vom 18. Oktober bis zum 19. November in der Pfalz agitatorisch tätig. Nicht nur in den größeren Städten, auch in den kleinen und kleinsten Orten fanden Versammlungen statt. In 33 Versammlungen habe ich über das Thema gesprochen: " Das Interesse der Frauen an der kommenden Reichstagswahl". Der Besuch der Versammlungen war überall sehr gut; besonders erschienen die Frauen in großer Zahl, trotzdem die Geistlichkeit großes Argernis an den Versammlungen nahm und den Frauen verbot, den Saal zu betreten, in dem ich sprach. Im„ Christlichen Pilger", einer Sonntagszeitung, gaben die guten Hirten den Frauen den Rat, sich mit Reisigbesen zu bewaffnen und den„ Berliner Engel" mit seiner Wissenschaft herauszukehren, um auf diese Weise zu be weisen, daß die anständig und rechtlich gesinnten Frauen der Pfalz nichts mit den roten Volksbeglückern" zu tun haben wollen. Die geistlichen Hezzereien hatten in dem kleinen Ort Maitammer so gewirkt, daß am Sonntagnachmittag einige christliche Fanatiker unter der Führung des Küstersohnes hinter dem Glase voll, Neuen" beschlossen, die am Abend stattfindende Versammlung zu stören. Ihr sauberer Plan gelang ihnen aber nicht, und sie verhielten sich zuletzt still, als sie sahen, daß ich mich durch ihr Schreien und Toben nicht abhalten ließ, mit dem Zentrum gründlich abzurechnen. Der junge Sohn des Küsters, ein durchgefallener Student, ergriff in der Diskussion das Wort. Seine Ausführungen waren jedoch gänzlich verworren, und als er noch begann, die Interessen der Winzer ungeschickt in den Vordergrund zu rücken, da hatten die Leute keine Geduld mehr, thn länger anzuhören. Im selben Augenblick, als er abtrat, erlosch plöglich das Licht im Saale. Das Schreien und Toben der aufgeregten beiden Parteien verstärkte sich noch in der Finsternis. Wer die Flegelet beging, das Licht auszuschalten, 104 Die Gleichheit ist nicht erwiesen, aber wahrscheinlich wollten die Christlichen damit dartun, daß sie die Dunkelheit mehr lieben als das Licht. Der Erfolg des Abends für uns waren 53 neue sozialdemokratische Mit glieder, davon zwei Drittel Frauen. Jede Versammlung brachte neue Streiter und Kämpferinnen für unsere Bewegung. Insgesamt wurden in den 33 Versammlungen 637 Frauen und 254 Männer für die Partei gewonnen und auch eine schöne Anzahl Leser für die Parteipresse. Wird so weiter gearbeitet, dann macht die proletarische Frauenbewegung auch in der Pfalz erhebliche Fortschritte, wo bislang noch allzusehr der Krummstab über die Frauen herrschte. Im Auftrag des Kreisvorstandes des sechsten hannoverschen Reichstagswahlkreises sprach die Unterzeichnete in Versamm lungen zu Ughusen, Leeste, Verden und Achim über:„ Die Arbeiterklasse und die kommende Reichstagswahl". Sämtliche Ver sammlungen waren sehr gut besucht, besonders die in Verden und Achim, wo die Tabakarbeiter sich seit Wochen in einem Streit zur Unterstützung der ausgesperrten Tabalarbeiter Westfalens befinden. Das Ergebnis der Versammlungen war auch hier die Gewinnung neuer Parteimitglieder, in der Mehrheit Frauen, und Leser für die Bremer Bürgerzeitung". W. Kähler. Jm 16., 19. und 21. sächsischen Wahlkreis sprach die Unterzeichnete in den Orten Burkhardsdorf, Thalheim, Vielau, Schneeberg, Aue, Bernsbach, Schwarzenberg und Grüna über Arbeiterhaushalt und Steuerlaft". Die Versammlungen waren durchweg gut besucht. Besonders glänzend gestaltete sich die Versammlung in Thalheim, wo 600 Männer und Frauen erschienen waren, um Protest gegen die Besteuerung ihres notwen bigen Lebensbedarfs zu erheben. 70 neue Parteimitglieder, die gleiche Anzahl neuer, Gleichheit" leserinnen und eine beträchtliche Zahl Abonnenten für die örtliche Parteipresse waren das Ergebnis einer Versammlung im Strumpfwirfergebiet des Erzgebirges. Dieser glän zende Erfolg ist der gut organisierten Arbeit der Genossen und Genoffinnen am Orte und der Mithilfe der Genossin Wagner- Chemnitz zu danken. Er sollte überall zu gleicher Arbeit anspornen. In Aue war die Versammlung gut besucht, trotzdem sie zu einer Zeit stattfand, die für die Frauen ungünstig ist. Leider mußte in ihr fest gestellt werden, daß die Arbeiterschaft dieses industriereichen Ortes die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation noch nicht begriffen hat. Die Folge ist niedrige Entlohnung. 12 bis 13 Mt. Wochenlohn erhalten Männer, die in der Metallindustrie beschäftigt sind. Um der Familie das Existenzminimum zu schaffen, müssen Frauen und Kinder diese bis zu den jüngsten herunter tätig sein. Es ist an der Zeit, daß die Arbeiterinnen und Arbeiter Aues sich ihren Berufsorganisationen anschließen, um mit deren Hilfe den reichen Fabrikanten höhere Löhne abzutrotzen und so ihren Rindern etwas Jugendglück zu verschaffen. Eine Anzahl Frauen und Männer traten auch hier der Partei bei. Das Ergebnis der ganzen Agitationstour waren 150 Aufnahmen von Mitgliedern für die Partei und ein schöner Zuwachs an Abonnenten für die„ Gleichheit" und die örtliche Parteipresse. Um den Wahlkampf in Mittelbaden einzuleiten, wurden in Rastatt, Mühlburg, Boders weier, Obertirch, Achern, Mörsch, Dos, Gaggenau, Daglanden, Größingen, Berghausen, Durlach, Dillstein, Heidelsheim und Ettlingen Boltsversammlungen mit dem Thema abgehalten:„ Die Frauen und die Reichstagswahlen", über das die Unterzeichnete referierte. Trotzdem die größere Zahl der angeführten Orte in den schwärzesten Winkeln Badens liegt, waren die Versammlungen mit zwei Ausnahmen überaus gut besucht. In Oberkirch war der schlechte Besuch auf das Wirken der schwarzen Sendboten des Zentrums zurückzuführen; unseren Genossen wird dort die Aufklärungsarbeit sehr erschwert. Sehr bedauerlich war die sehr geringe Beteiligung an der Versammlung in Durlach, einem großen industriellen Vorort von Karlsruhe. Wenn nicht eine Anzahl Genofsinnen und Genossen aus Karlsruhe anwesend gewesen wären, so hätte das Referat vor. einem leeren Saale gehalten werden müssen. Um so mehr Freude bereitete die Versammlung in Dillstein, die am Abend des gleichen Tages, einem Sonntag, stattfand. Hier war das Lokal bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Geist, der in allen Versammlungen herrschte, legte Zeugnis davon ab, daß die arbeitende Bevölkerung Badens auf den Tag der Reichstagswahl wartet, um endlich Abrechnung mit den Volksausbeutern zu halten. Hoffentlich reicht die Macht der Gegner nicht aus, die Hoffnungen der Genossen zu vernichten. Die Versammlungen brachten 160 Beitrittserklärungen zur Sozialdemokratie. Das ist ein Beweis für die wachsende Erkenntnis der süddeutschen Proletarier, daß die Partei, die für die höchsten Jdeale fämpft, nicht nur ideell, sondern auch materiell unterstützt werden muß. Im Balkreis Holzminden beschäftigten sich einige Versamm lungen gleichfalls mit dem Thema: Die Frauen und die Reichs Nr. 7 tagswahlen". In Holzminden leidet unsere Bewegung infolge einiger ergebnislofer gewerkschaftlicher Kämpfe unter einer gewissen Flauheit. Die bevorstehende Reichstagswahl scheint jedoch wieder fräftigeres Leben zu entfachen. Das zeigte der Besuch der Ver sammlung. In Stadtoldendorf ist es unseren Genossen erst vor furzem gelungen, ein Lokal zu bekommen. Der Andrang zu der Vers sammlung war groß und sprach für das Bedürfnis nach Aufklärung. Auch in Eschershausen war das Lokal überfüllt. Die Hälfte der Erschienenen mußte stehen. Die freudig getragene Unbequemlichkeit befundete den Ernst der Gesinnung. Viele der Anwesenden hatten bei schlechtem Wetter weite Wege zurückgelegt, um die Versamme lung zu besuchen. Die Sozialdemokratie tann auch in der Holzmindener Gegend auf gute Erfolge hoffen. Minna Bollmann. Jm Wahlkreis Hanau- Bockenheim- Gelnhausen- Orb unters nahm die Genoffin Juchacz- Rixdorf eine mehrwöchentliche Agi tationstour. In fast allen Orten, wo uns Lokale zur Verfügung stehen, sprach sie in öffentlichen Versammlungen über:" Teuerung und Kriegsheye im Zeichen der Reichstagswahlen". Die Veranstal tungen nahmen einen guten Verlauf. Die lebhafte Zustimmung, welche den Darlegungen der Referentin allerorts zuteil wurde, war der beste Beweis dafür, daß diese sich ihrer Aufgabe in wirksamer Weise entledigte. Wenn auch die Versammlungen in erster Linie für die Aufklärung der Frauen bestimmt waren, so erhielten doch auch die zahlreich erschienenen Männer eine fräftige Anfeuerung zum Wahlkampf, der in unserem Wahlkreis ein äußerst scharfer ist. Die Aussaat sozialistischer Jdeen in unserem durchweg ländlichen Wahl freis mit seinen vielen Ortschaften erfordert naturgemäß einen großen Aufwand an Zeit, Kräften und Geld. Um so höher muß dann der Erfolg gewürdigt werden, wie ihn auch die Versamm lungen der Genoffin Juchacz brachten. Als solchen können wir außer der Festigung und Neubelebung unserer Frauenbewegung auch die Rekrutierung neuer Mittämpferinnen bezeichnen. Ihre Zahl konnte nach der steten und intensiven Agitation der letzten Jahre natürlich nicht die Höhe erreichen, wie bei erstmaligen Frauenversammlungen, doch bilden die 166 neugewonnenen Mitglieder 108 Frauen und 58 Männer einen erfreulichen Gewinn. Auch Abonnenten für die Parteipresse wurden geworben. Die Entwicklung der Frauenbewegung in unserem Wahlkreise zeigen folgende Zahlen an. Unsere Organisation zählte an weiblichen Mitgeiedern: Am 1. Januar 1905 in 5 Orten 177, am 1. Januar 1910 in 27 Orten 840, am 1. Januar 1911 in 88 Orten 1264, am 1. Dezember 1911 in 43 Orten 1560. Jn 16 von diesen 43 Orten steht uns jetzt leider kein Lokal zur Abhaltung einer öffentlichen Versammlung zur Verfügung. Doch auch diese Schwierigkeit muß wie so viele andere überwunden werden. Wir stehen in einem harten Wahlkampf. Die politische Rechtlosigkeit wird die Frauen nicht abhalten, dabei ihre Pflicht zu erfüllen. Sie müssen mithelfen, die Sache des Proletariats zum Siege zu führen. R. D. Die sozialdemokratische Partei Badens hatte für die Zeit vom 1. bis 25. November in folgenden Orten Versammlungen einberufen: Schopfheim, Rheinfelden, Maulburg, Thiengen, Grenzach, Freiburg, Waldkirch, Emmendingen, Lahr, Radolfzell, Volkmarshausen, Stockach, Singen, Konstanz, Hausen, Rohrbach, Brombach, Heidelberg, Eppelheim, Schöna, Ziegelhausen und Handschuhsheim. In all diesen Versammlungen sprach die Unterzeichnete über„ Die Frauen und die kommenden Reichstagswahlen". Der Besuch und Verlauf der Versammlungen war durchweg sehr gut, namentlich befanden sich viele Frauen unter den Zuhörern. In einzelnen Versammlungen waren auch bürgerliche Frauen anwesend. In allen Versammlungen waren unsere politischen Gegner erschienen, hier und da in großer Anzahl. In feiner Versammlung fehlten wohl Liberale und Zen trümler, manchmal ergänzt durch Anhänger des Bundes der Land wirte. Die Gegner waren meist in der freundlichen Absicht gekommen, die Versammlung zu stören, was ihnen jedoch nie gelang. In Thiengen erschienen zwölf schwarze Brüder. Sie wurden aufs gefordert zu reden, schwiegen aber wie die Mäuschen. Die Verfammlung in Boltmarshausen wurde mit dem Besuch des ehemaligen Arbeiterkandidaten von Zentrums Gnaden beehrt; dieser hatte allem Anschein nach die feste Absicht gehabt, tüchtig gegen die Sozi loszuschlagen. Aber auch er schwieg beharrlich, trozdem Freunde den sonst so redeluftigen Herrn zum Sprechen ermunterten und die Versammlungsleitung ihm volle Redefreiheit zusicherte. Es wäre ihm auch äußerst schwer gefallen, etwas Stichhaltiges vorzubringen. Die Rednerin hatte nämlich die niedrigen Löhne i: der Spinnerei und Weberei angeführt, in der der Herr Arbeiterkandidat schon jahrelang Meister ist, und sich zum Zeugen für die Richtigkeit ihrer Ausführungen auf ihn berufen. In Voltmars, hausen, Waldkirch, Singen, Lahr, Stockach und Ziegels Nr. 7 Die Gleichheit hausen hatten die Gegner Versammlungen und Theatervorstellungen veranstaltet, um uns die Leute wegzulocken. Doch ohne Erfolg, wie unsere gefüllten Versammlungen bewiesen. In Brombach ereignete sich während der Versammlung das Erdbeben, das einigen Schrecken hervorrief. Verschiedenen Versammlungen wohnten auch Gemeinderäte und Bürgerausschußmitglieder bei, einigen der Bürgermeister der betreffenden Orte. Manche der Herren bedankten sich für die erhaltene Aufklärung. Das Zentrum wühlt in Baden aller orten vor allem im geheimen gegen die Sozialdemokratie. Jeder Weg ist ihm recht, auch der schmutzigste, wenn er nur zu dem gewünschten Ziel führt. Die Parteigenossen Oberbadens lönnen viel davon erzählen. In den katholischen Jungfrauen und Frauen vereinen wird gehetzt und den Mitgliedern gesagt:„ Der Glaube, die Religion ist in Gefahr. Auf, ihr gläubigen Frauen, verteidigt eure Kirche!" Die Ortsgeistlichen unterstüßen die Hezarbeit von der Kanzel herab. Mit welchen Mitteln im Schwarzwald gegen die Sozialdemokratie gearbeitet wird, spottet manchmal jeder Be schreibung. Aufpasser müssen feststellen, wer zur Versammlung geht. Das Unternehmertum beteiligt sich an dieser Spionage. In Rheinfelden wurden Aufpasser vertrieben, die vor dem Lokal standen. Um so erfreulicher ist die kampfesmutige Stimmung, die unter der Bevölkerung Oberbadens herrscht. Die Teuerung und die Finanzreform haben ihre Wirkung nicht verfehlt. In der nahen Schweiz kostet das Pfund Salz nicht 10 Pfennig, sondern 4 Pfennig, das Sechspfundbrot ist um 18 Pfennig billiger als bei uns, bie Preise für Fleisch, Hülsenfrüchte, Mehl, Zucker, Butter und Milch find niedriger als im Deutschen Reiche, Milch und Butter dazu noch besser. Der Unterschied in den Preisen zwischen der Schweiz und Deutschland macht auch für den ärmsten Haushalt wöchentlich 3 bis 4 Mart aus. Die Agitationstour hatte große Erfolge für die Partei und ihre Presse, sie zeigte, daß unsere Jdeen sich durchs setzen. So tönnen wir hoffen, daß die Reichstagswahlen zu einem Volksgericht der Ausgebeuteten über ihre Bedrücker werden. Marie Wackwiz. In der zweiten Hälfte des Oktober hielt die Sozialdemokratie im 17. fächsischen Wahlkreis eine Reihe von Versammlungen ab, in denen die Unterzeichnete über das Thema sprach:" Was lehrt die Teuerung die Frauen?" An den Versammlungen nahmen fast ausschließlich Frauen teil. Den besten Besuch wiesen die Versamm lungen in den Dörfern Gersdorf, Gallenberg und Hermsdorf auf, dagegen hätte die Beteiligung in den Städten Hohens stein, Glauchau und Meerane im Verhältnis zur Einwohnerzahl stärker sein können. In der Versammlung in Callenberg, in der begeisterte Stimmung herrschte, wurden außer 8 Männern die ersten 25 Frauen für die Partei gewonnen. Die Genossen dort zeigten ein lebhaftes Interesse an der Aufklärung der Frauen und versprachen, Frauenleseabende einzurichten, um die Frauen zu schulen. An der Versammlung in Hermsdorf, wo noch nie eine Frau gesprochen hatte, nahmen auch einige Frauen von wohl habenden Bauern teil. Sie waren wohl nur aus Neugierde gekommen, aber die Aufmerksamkeit, mit der sie dem Vortrag folgten, ließ erkennen, daß auch ihnen durch die Ausführungen der Rednerin manches in einem anderen Lichte erscheinen mochte als bisher. In allen Versammlungen äußerten die Frauen den Wunsch, öfter derartige Vorträge zu hören, damit sie über die Vorgänge im öffentlichen Leben aufgeklärt würden. 126 Mitglieder für die Partei und eine Anzahl Leser für die„ Gleichheit" wurden in den sechs Verfammlungen gewonnen. M. Reichert. In Altenwerder, einer Elbinsel in der Nähe Hamburgs, sprach die Unterzeichnete am 8. Dezember in einer Mitgliederversammlung der Partei über:" Die Frauen und die Politit". Die Insel hat 4000 Bewohner. Der Partei gehörten bisher über hundert Genossen an und vier Genossinnen, die vor furzer Zeit beigetreten waren. Die Frauen der Mitglieder waren zu der Versammlung mit ein geladen worden, leider fonnten jedoch nur fünf dem Rufe Folge leisten. Diese fünf schlossen sich in der Versammlung der Partei an. Außerdem wurden neun„ Gleichheit"-Abonnenten gewonnen, die ersten am Orte. Mögen die Genossen und Genossinnen in Altenwerder für unsere große und schöne Sache weiter arbeiten, damit auf ihrer Insel bald feiner mehr unserer Fahne fernsteht. Luise Kähler. In der württembergischen Metallwarenfabrik in Geislingen find fast 300 Arbeiterinnen beschäftigt. Alle Mühe des Metallarbeiterverbandes, sie der Organisation zuzuführen, war bisher umsonst. Der Betrieb beschäftigt gegen 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen, die für verschiedene Gewerkschaften in Betracht kommen. Von ihnen sind allein die Glasschleifer gut organisiert. Am 11. November feierten die Glasschleifer das Fest des fünfjährigen Bestehens ihrer Organisation, auf dem die Unterzeichnete die Feft 105 rede hielt. Da an der Feier auch viele Frauen und Mädchen teilnahmen, die in der Metallwarenfabrik arbeiten, so nahm die Unters zeichnete die Gelegenheit wahr, ihnen die Notwendigkeit des An schlusses an die Gewerkschaften darzutun. Nachher in der Unters haltung rückten die Arbeiterinnen mit ihren Beschwerden und Wünschen heraus. Sie werden nicht nur ungenügend entlohnt, sondern sie haben auch noch unter schlechter Behandlung zu leiden. Die Arbeiterinnen versprachen, sich der Organisation anzuschließen; fie wollen nicht mehr länger Lohndrückerinnen sein und sind entschlossen, sich eine würdigere Behandlung zu erkämpfen. Die„ Gleichheit" war in diesem großen Industrieort unbekannt. Helene Grünberg. Im Auftrag der Parteileitungen des 19. und 21. fächsischen Wahlkreises sprach die Unterzeichnete in öffentlichen Frauenversammlungen zu Annaberg, Grünstädtel, Schlettau, Bärenstein, Sosa, Beierfeld, Bermsgrün, Bockau- Aue und schorlau. Das Thema lautete:" Lebensmittelwucher, die Stellung der Regierung und die Aufgaben der Frauen bei den tommenden Reichstagswahlen." Die Versammlungen waren sehr gut besucht, einige überfüllt, so daß viele Besucher stehen mußten. In Sosa war der Andrang besonders groß; 500 Personen waren im Saale, außerdem standen auf den Treppen Zuhörer, und annähernd 200 Menschen warteten auf der Straße. Die Frauen machten in allen Orten zwei Drittel der Versammlungs teilnehmer aus, ein Zeichen, daß auch im Erzgebirge die Prole tarierinnen begonnen haben, sich gegen ihr trauriges Los auszu lehnen. Im Annaberger Bezirk, in dem die Heimarbeit zu Hause ist, sitzen die Frauen mit ihren Kindern vom frühen Morgen bis zum späten Abend bei den Posamenten- und Perlarbeiten, die in den Städten bewundert werden. Kinder von vier Jahren müssen schon bei der Arbeit helfen. Für eine Woche anstrengender Arbeit sind 4 bis 7 Mt. der Lohn. Mit Tränen im Auge erzählte eine Mutter der Unterzeichneten, sie habe den heißen Wunsch, ihre Kinder vor der Erwerbsarbeit wenigstens im zartesten Alter zu bewahren, aber die allgemeine Teuerung lasse es nicht zu; es seien in der Woche doch einige Pfennige, die durch die Arbeit der Kleinen mehr verdient würden. Die Frauen flagten, schon lange fönnten sie nur ganz wenig Fleisch kaufen, nun sei es ihnen auch unmöglich, die teuren Kartoffeln zu bezahlen. Der Preis schwankt im Erzgebirge zwischen 4,60 und 5,60 Mt. für den Zentner. Als die Unterzeichnete in den Versammlungen auf die Zölle und indirekten Steuern zu sprechen tam und darlegte, wozu deren Ertrag verwendet wird, als fie die Stellung der bürgerlichen Parteien und der Regierung zu der jetzigen Hungersnot kennzeichnete: da brachen die Frauen in heftige Entrüstungsrufe gegen die Lebensmittelverteuerer aus. Sie gelobten, im Bunde mit den Männern dafür zu sorgen, daß am 12. Januar 1912 das Volk seine Quittung ausstellt für die Zaten der bürgerlichen Parteien während der letzten fünf Jahre, besonders aber für die Sünden des schwarz- blauen Blocks. Die Partei gewann durch die Versammlungen viele neue Mitglieder, Männer und Frauen, und die Chemnißer Volksstimme" und die ,, Gleichheit" erhielten neue Leser. Berta Lungwiz. Jahresbericht der Bremer Genoffinnen. Die Zahl der weiblichen Parteimitglieder in Bremen ist im letzten Jahre von 1599 auf 1920 gestiegen. Das ist einer regen Agitation der Genossinnen und Genoffen zu danken. Die Genossinnen warben, wie schon im Jahre zuvor, namentlich durch Hausagitation neue Anhänger, wobei ihnen die Genossen tatkräftig halfen. In den regelmäßigen Zusammenkünften der Frauen, an denen im Durchschnitt fünfzig Genoffinnen teilnahmen, wurde das Erfurter Programm erläutert. Im Anfang des Jahres leitete Genosse Rauch diese Zusammenfünfte; als er Bremen verließ, trat Genosse Schwarz an seine Stelle. Auf den besonderen Wunsch der Genossinnen wurden noch folgende Fragen behandelt:„ Die proletarische Kindererziehung",„ Die Ausbeutung schulpflichtiger Kinder"," Die Frauen im Kampfe gegen den Alkoholismus". Die Vorträge hierüber riefen lebhafte Debatten her vor, welche das Interesse und Verständnis der Genossinnen für die behandelten Fragen bewiesen. Da sich die Frauen bei den Zusammen tünsten noch vor ungefähr einem Jahre in hartnäckiges Schweigen hüllten, so bedeutet ihre Beteiligung an der Diskussion einen freudig zu begrüßenden Fortschritt. Zwei junge Genoffinnen haben sich zu Vortragenden ausgebildet, und wir hoffen, daß sich ihnen in diesem Jahre neue hinzugefellen werden. Wichtig ist, daß sie für ihre weitere Schulung Förderung finden. In den ländlichen Distrikten, die zur Organisation Bremen gehören, find die Bu sammenkünfte der Genoffinnen eingegangen, nur in einem einzigen Orte konnten sie aufrechterhalten werden. Die Ursache ist, daß die ländlichen Parteigenossen ein Stückchen Land besigen, das sie zu sammen mit den Frauen nach Feierabend bearbeiten, solange es · 106 Die Gleichheit noch hell ist. Rommen sie dann gegen 10 Uhr von dieser Arbeit nach Hause, so fehlt den Frauen der Mut, noch nach den Zusammens fünften der Genossinnen zu gehen. Wir werden es aber trotzdem versuchen, auch die Proletarierinnen auf dem Lande für regelmäßige Zusammenfünfte zu gewinnen. In dem ländlichen Distrikt Hastedt, in dem die Frauenabende noch fortbestehen, nehmen jetzt an ihnen 40 Frauen gegen 14 im Anfang teil. Jm September 1910 fanden drei Voltsversammlungen statt, in denen Genossin Gewehr aus Elberfeld über den„ Lebensmittelwucher" referierte. Im Oftober erstattete Genossin Reige- Vegesack in einer gut be suchten Frauenversammlung Bericht über die internationale sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen. Dem Frauentag stellten sich in Bremen viele Hindernisse in den Weg. Es war zum Beispiel nicht möglich, für den Abend einen großen Saal zu bekommen, weil im Winter Sonntags nachmittag um 4 Uhr der Tanz beginnt. So wurden nachmittags zwei Versammlungen abgehalten, in denen die Genossinnen Bosse und Simon referierten. Der Besuch dieser Versammlungen hätte besser sein sollen. Genossin Simon sprach am Abend des gleichen Tages auch im Vorort Woltmershausen in einer gut besuchten Frauenversammlung, die der dortige Frauenchor mit schönen Freiheitschören eröffnete und schloß, über das Frauenstimmrecht. An den Mitgliederversammlungen der Partei nahmen die Genoffinnen in größerer Zahl als in den Vorjahren teil. Am 10. Mai fand in Bremen ein ,, Margaretentag" statt; als Protest gegen diese neue Mode des bürgerlichen Wohltätigkeitsrummels verkauften die organisierten fozialdemokratischen Frauen auf den Straßen rote Nelfen. Sie er zielten dabei einen Überschuß von 1100 Mart, der dem Wahlfonds zugeführt wurde. Genossin Simon ist wieder zur Vertrauens person gewählt worden. Wenn auch langsam, so schreitet die sozialistische Frauenbewegung in Bremen doch stetig vorwärts. Die Genossinnen werden fünftig noch mehr auf dem Posten sein als bisher. Denn wer vorwärts will, der darf nicht stehn, der darf niemals zurücke gehn". Grete Simon. Politische Rundschau. Der Reichstag ist geschlossen und hinterher aufgelöst worden, der Zeitpunkt der Neuwahlen, der 12. Januar, ist amtlich verfündet. Die Bahn zur Abrechnung mit den Volksfeinden ist offen. Der Wahlschwindel der Gegner hat kräftig eingesetzt, schon die letzten beiden Sißungen des Reichstags standen in seinem Dienst. In der vorletzten Sizung mußte der Reichsschatzsekretär Konservativen und Zentrum mit einer rosigen Darstellung des Standes der Reichsfinanzen zu Hilfe kommen. In der Schlußsizung des Reichstags hatte dann der Reichskanzler die undankbare Aufgabe, den Schaden wieder gutzumachen, den er den nationalen Parteien zugefügt hatte, als er ihre Hetze gegen Frankreich und England als eine gewissenlose Wahlmache kennzeichnete. Die patriotische Begeisterung und die Englandheße, von der die Schwarzblauen eine Aufbesserung ihrer elenden Wahlaussichten erhoffen, sollte nicht länger gelähmt werden durch jene Worte, die der Reichskanzler im Kampfe um sein Amt dem Führer der Konservativen entgegengeschleudert hatte. Nunmehr sollte Bethmann Hollweg der imperialistischen Strömung, die der Marolfohandel aufgestaut hatte, neue Bewegung verleihen und damit zugleich die heißbegehrte nationale Wahllosung ausgeben, die die bürgerlichen Parteien im Kampfe gegen die Sozialdemokratie zusammenführen könnte. Und der Reichskanzler scheute sich auch wirklich nicht, sich selbst aufs Maul zu schlagen, indem er seine eigenen früheren Erklärungen gründlich widerlegte und die natio nale Erregung, die er damals so treffend gekennzeichnet hatte, jetzt als begreiflich und nützlich pries. Trotz der paar versöhnlich flingenden Worte, die genau so viel Wert habe wie die des englischen Ministers, hat er in Wirklichkeit nur der Verhezung Englands und Deutschlands neue Nahrung geliefert. Die Englandhezze steht denn auch in vollster Blüte. Was nur zur Erregung chauvinistischer Triebe dienen kann, wird herangeschleppt. So n.uß auch der Prozeß vor dem Reichsgericht, der gegen englische Epione und deutsche Landesverräter geführt wurde, herhalten, um die gefährlichen englischen Absichten und die abgrundtiefe Niederträchtigkeit des heimtüdischen Englands recht grell auszumalen. Die ehrliche Ordnungspresse hat biederen Gesichts getan, als ob solche Spionage ein gräßlicher Ausnahmefall wäre, während sie tatsächlich zum täglichen Handwerk der Regierungen aller Staaten gehört. Der Spießer soll es mit der Angst kriegen. In blasser Furcht vor englischen überfällen wird er dann zur Urne eilen, um durch Abgabe eines nationalen Bettels Deutschland zu retten und die vaterlandsfeindliche Sozialdemokratie zu zerNr. 7 schmettern. Nach den Kosten der Rettung, nach den Ausgaben für die neuen Flotten- und Heeresrüstungen soll er aber in seiner hurrapatriotischen Trunkenheit nicht fragen. Der Hinweis auf die Ausgaben, die die kommenden Rüstungen verursachen werden, ist freilich so kurz vor der Wahl äußerst unangenehm. Deshalb mußte der Schatzsekretär am vorletzten Tage der Reichstagsverhandlungen der Öffentlichkeit von dem glänzenden Stande der Reichsfinanzen erzählen. Er sollte die Wähler in den frohen Glauben versehen, daß die Reichsfinanzreform den Reichssädel so voll gemacht habe, daß selbst bei großen militärischen Mehrausgaben die jeßigen Einnahmen des Reiches zur Deckung des Mehrbedarfes ausreichen, neue Steuern gar nicht nötig werden würden. Das ist nun einfach ausgeschlossen. Selbst wenn alle die Angaben des Schatzsekretärs durchaus unantastbar wären was sie aber keineswegs sind, so stünde eben auf Grund dieser Angaben nur fest, daß die neuen drückenden und ungerechten Steuern zwar mehr Geld in die Kasse gebracht haben, aber daß sie eine völlige Gesundung des Staatshaushalts nicht herbeizuführen vermochten. Auch jetzt muß noch mit Anleihen ge= arbeitet werden, und ein erheblicher Teil der Besserung der Finanzen ist eine Folge des Aufschwunges des Wirtschaftslebens, der die Erträge der Zölle und Steuern stets anschwellen läßt. Sobald der Niedergang den Aufstieg wieder ablöst, werden die Mehreinnahmen zum Teil wieder verschwinden. Die Reichsfinanzreform stellt daher keineswegs den letzten großen Raubzug auf die Taschen der Proletarier und kleinen Leute dar wenn die neuen großen Ausgaben kommen, wird gar bald ein neuer ins Werk gesetzt werden müssen. Selbst in den Kreisen der Junker herrscht wenig Zuversicht auf den Erfolg der Wermuthschen Schaumschlägerei. Dem Blatte der Landbündler, der Deutschen Tageszeitung", ist gar nicht geheuer zumute. Immer wieder ermahnt sie, die Wähler doch nicht durch das Gerede von kommenden großen Rüstungsausgaben zu be= unruhigen, immer wieder versichert sie krampfhaft, alle Angaben über die Kosten der neuen Flottenvorlage, die sich zwischen 350 und 360 Millionen Mark bewegen, hätten nichts zu bedeuten, da die Reichsregierung noch gar nichts beschlossen habe. Indes nützt dies Versteckspiel nicht viel, denn die Werbearbeit für die Vergrößerung des Heeres und der Flotte wird bereits mit Hochdruck betrieben. Macht sich doch bereits deutlich die Eifersucht der Armeekreise auf die glänzenden Aussichten der Flotte bemerkbar. Die Nachrichten darüber, welche unserer Kriegswaffen bei den neuen Rüstungen den Vorrang haben solle, wechseln in lustiger Folge. Doch steht auf alle Fälle eins unverbrüchlich fest: kommen werden beide, sowohl die Heeresvorlage wie die Flottenvorlage, und ihnen wird sich noch eine Luftflottenvorlage anschließen. Neuere Meldungen zeigen, daß die Militärverwaltung eifrig dabei ist, die letzte Errungenschaft menschlicher Kultur zum brauchbaren Mordwerkzeug auszugestalten. So ist neuerlich bei Köln das Bombenwerfen vom lenkbaren Luftschiff aus geübt worden, und stolz wird mitgeteilt, daß sehr befriedigende Ergebnisse erzielt wurden. Bis jetzt hat noch keine der bürgerlichen Parteien Widerspruch gegen diese Pläne erhoben. Auch der Fortschritt hütet sich ängstlich, dem Feldzug für neue Rüstungen entgegenzutreten. Ein verwegenes Spiel treiben die bürgerlichen Parteien im sächsischen Landtag. Anscheinend haben sie daran berzweifelt, noch Wähler aus der Arbeiterklasse zu gewinnen, und so scheuen sie sich nicht länger, den Arbeitern die Faust zu zeigen, um dadurch bei den Unternehmern lieb Kind zu werden. Sie verlangten in Anträgen und Anfragen die Abwürgung des Koalitionsrechtes durch verschärfte Gefeße zum Schuße der Streitbrecher. Die Sozial demokratie führte einen Gegenschlag durch die Interpellation, die die Regierung aufforderte, Maßnahmen zum Schuße des Koalitionsrechtes zu treffen. An der Verhandlung im Landtag fonnten die unentwegtesten Scharfmacher ihre helle Freude haben. Konservative und Nationalliberale überboten einander in den giftigsten und verleumderischsten Angriffen auf die Arbeiter. Die Regierung erklärte sich natürlich mit Freuden bereit, im Bundesrat auf die Schaffung neuer Ausnahmebestimmungen gegen die kämp fenden Arbeiter, wie Verbot des Streikpostenstehens und Verschärfung der Strafen für Streiffünder hinzuwirken. Unsere Ge nossen stellten an der Hand unwiderleglicher Zeugnisse fest, daß der Gebrauch des Koalitionsrechts schon heute den Arbeitern durch Polizei und Gerichte fast unmöglich gemacht wird und daß die Rechtsprechung gegen Streifende als blutigste Klassenjustiz sich be tätigt. Doch die Klarsten Beweise prallten wirkungslos an dem Ministerpräsidenten ab. Hatte dieser doch erst kürzlich eine Rede gehalten, deren Sinn die Ordnungspresse zutreffend in die Worte faßte: Rein sittlich denkender Mensch kann Sozialdemokrat sein. Nr. 7 Die Gleichheit 107 In der Debatte tat sich auch der Redner des Fortschritts hervor, indem er unter dem lebhaftesten Beifall seiner Fraktion den von allen Seiten angegriffenen Arbeitern gleichfalls einen Fußtritt versetzte. Er zeterte über den Terrorismus der Sozialdemokratie und trat mit den Konservativen dafür ein, daß untersucht werde, was sich gegen die»Auswüchse" des Lohnkampfes tun lasse. Im selben Atem erklärte er zwar, daß er das Koalitionsrecht nicht antasten lassen wolle, aber das behauptete die Regierung ja auch, als sie seinerzeit die Zuchthausvorlage einbrachte. Der Fortschritt ist jedenfalls kein zuverlässiger Verteidiger des Koalitionsrechts mehr. Um so tatkräftiger muß die Arbeiterklasse dafür arbeiten, daß dieses Grundrecht durch die Wahlentscheidung gegen die Anschläge der Scharfmacher gesichert werde. Die englische Regierung hat wieder einmal erklären lassen, sie sei bereit, die Flottenrüstungen einzuschränken, wenn Deutschland dasselbe tun werde. Da Deutschland seine Flotte aber verstärken wird, so haben die Völker verstärktes Wettrüsten zu gewärtigen. In Frankreich plant die Regierung die Errichtung einer besonderen Streikgendarmerie, weil sie die Ausbreitung des Antimilitarismus fürchtet, wenn das Heer zur Unterdrückung von Streiks verwendet werden mutz. Die russische Sozialdemokratie führt in und außerhalb der Duma einen-qähen Kampf für die Revision des Prozesses der sozialdemokratischen Abgeordneten der zweiten Duma. Die Unglücklichen, die jetzt in russischen Kerkern hinsiechen, zum Teil schon gestorben sind, wurden, wie sich jetzt herausstellt, die Opfer einer schuftigen Spitzeltat. Die angebliche Verbindung der Fraktion mit angeblichen revolutionären Soldatenorganisationen ist durch Lockspitzel ins Werk gesetzt worden, die die Soldaten organisierten und anstifteten, an die sozialdemokratische Fraktion heranzutreten. Natürlich weigern sich Regierung und die Parteien der Rechten, den Justizmord wieder gut zu machen. Sie können aber nicht verhindern, daß unsere Genossen die empörenden Tatsachen immer wieder an die Öffentlichkeit tragen und Dumasitzung auf Dumasitzung mit ihrer Forderung auf Revision erfüllen. Der italienisch-türkische Krieg schleppt sich unter Greueln weiter hin; die Entscheidung steht trotz eines neuerlichen Sieges der italienischen Ubermacht bei Tripolis noch fern. Ebenso schwankt die Wage noch immer in China zwischen Regierung und Revolutionären. Allerdings ist die unumschränkte Herrschaft der Mandschudynastie für immer niedergeworfen, es handelt sich jetzt darum, ob der parlamentarisch zu regierende Staat die Form einer Monarchie oder einer Republik erhält. L. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Die Reichstagswahlen sind auch für die Gewerkschaften von der größten Bedeutung. Abgesehen von dem einheitlichen Interesse der Arbeiterklasse am Siege der Sozialdemokratie, ist für die gewerkschaftliche Organisation des Proletariats als solche die Neugestaltung des Reichstags von besonderer Wichtigkeit. Bei all den großen sozialpolitischen Gesetzeswerken, die die Gewerkschaften so stark berühren, ist der letzte Reichstag über Forderungen und Bedürfnisse der Arbeiterschaft brutal hinweggestampft. Den kommenden Reichstag werden aber für die Gewerkschaften noch weit bedeutungsvollere Fragen beschäftigen. Er wird über den gesetzlichen Schutz der Arbeitswilligen zu befinden haben, das heißt über ein Ausnahmerecht, das sich in erster Linie gegen die Gewerkschaften richtet. Welche Stimmung dafür in den Bundesregierungen herrscht, bekundet die Erklärung des sächsischen Ministers im Landtag: er werde im Bundesrat für ein solches Arbeitswilligengcsetz wirken. «ollen so die Gewerkschaften an ihrem Lebensnerv getroffen werden, so ist es klar, daß sie solche Pläne am wirksamsten be- kämpfen, indem sie der Sozialdemokratie kräftig Wahlhilfe leisten. Sie ist die einzige Partei, die die Interessen aller Ausgebeuteten im Kampfe gegen alle Ausbeutenden vertritt. Einige Ortsvereine haben die praktische Schlußfolgerung dieser Erkenntnis gezogen. Aus ihren Mitteln haben sie Beiträge zu den sozialdemokratischen Wahlgeldern geliefert. Unsere Behörden, die allezeit auf den Vorteil der besitzenden Klassen bedacht sind, wollen dies nun ausnutzen, um diese Gewerkschaften zu politischen Vereinen zu stempeln. In Sachsen ist das auch bereits geschehen. Unseres Wissens liegt zwar eine Reichsgerichtsentscheidung vor, wonach aus diesem Anlaß eine Gewerkschaft nicht für politisch erklärt werden kann. Aber daß eine Verfügung widergesetzlich ist, macht sie ja in Deutschland noch lange nicht unmöglich. Es ist auch nicht weiter merlwürdig, daß die Behörden vor gleichen Vergehen der Unternehmerverbände die Augen zudrücken. Bisher ist der„Zentralverband der Industriellen" trotz seines Wahlfonds noch nicht für politisch erklärt worden, und viele Unternehmerorganisationen weisen ganz unbeanstandet den staatserhaltenden Parteien Mittel für den Wahlkampf zu. Ferner liegen auch öffentliche Aufrufe von Unternehmerverbänden vor, die zur Betätigung bei politischen Wahlen auffordern. Unter anderen hat in Dresden der Obermeister der Buchbinderzwangsinnung in der Jnnungszeitung einen Aufruf an die Meister und Meistersöhne erlassen, bei den Stadtverordnetenwahlen Hilfe als Listenführer und Schlepper zu leisten,„um der Sozialdemokratie den Sieg zu entreißen". Daß dieser Obermeister konservativer Reichstagskandidat ist, macht die Sache nur noch schöner. Wir sind gewiß die allerletzten, zu glauben, es sei eine politische Nichtbetätigung wirtschaftlicher Machtgruppen möglich. Wenn aber die Gewerkschaften bei ihrer politischen Betätigung von den Behörden belästigt werden, so muß man um so schärfer auf die sich darin äußernde Rechtsungleichheit im Rechtsstaat Deutschland hinweisen. Das Vorgehen der Behörden zeigt auch wieder einmal, wie wenig ernst die Worte der Minister waren, die bei der Beratung des viclgerühmten Reichs. vereinsgcsetzes im Reichstag eine loyale Handhabung des neuen Gesetzes versprachen. Der Berliner Former st reik ist mit geringem Erfolg für die Arbeiter beendet, und damit ist auch die Aussperrung der Berliner Metallarbeiter aufgehoben. Die von Vertretern der beiden Parteien getroffene Vereinbarung hatten die streikenden Former abgelehnt. Daraufhin wurden neue Verhandlungen eingeleitet mit dem Ergebnis, daß die Unternehmer die Erhöhung des Stundenlohns für Hilfsarbeiter von 40 auf 42 Pf. zugestanden und sonst noch einige kleine Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Inzwischen hatten die Metallindustriellen bereits die Aussperrung vorgenommen. Eine zweite Versammlung der Streikenden lehnte auch die neuen Vereinbarungen als ungenügend mit großer Mehrheit ab, allerdings nicht mit der Dreiviertelmehrheit, die für die Weiterführung des Streiks erforderlich gewesen wäre. Damit war der Streik beendet. In der Versammlung wurde stürmischer Unwille über das so magere Ergebnis des neunwöchentlichen Kampfes laut. Es erschien jedoch zweifelhaft, ob bei längerer Dauer mehr hätte erreicht werden können, wenngleich der Aussperrungsbeschluß der Unternehmer noch lange nicht im ganzen Umfang durchgeführt worden war. Hätten die Metallindustriellcn dies getan, so wären allein mindestens 60 00(1 Metallarbeiter ausgesperrt worden. Tatsächlich hatten sich nur 18 84S als ausgesperrt beim Verband gemeldet. Dazu kamen noch 168g Transportarbeiter, 1176 Fabrikarbeiter, 461 Schmiede, 447 Holzarbeiter usf., insgesamt 22 936 organisierte Arbeiter. Werden dazu etwa 8000 Unorganisierte gerechnet, so waren es insgesamt rund 31 000 Ausgesperrte. Die Unternehmer haben, wie jetzt durchsickert, den Aussperrungsbeschluß nicht so einmütig gefaßt, wie in der bürgerlichen Tagespresse gemeldet wurde. Sie hatten überhaupt darauf gerechnet, daß der Beschlutz gar nicht zur Ausführung kommen, sondern daß die Androhung der Aussperrung genügen würde, die Arbeiter zum Nachgeben zu zwingen. Als die Einigung mit den Formern wider Erwarten nicht zustande kam, wurde der Aussperrungsbeschluß in abgeschwächter Form durchgeführt. Eine bessere Zeit und Gelegenheit wird genützt werden, um den Arbeitern größere Erfolge zu erringen. Zur Beilegung der Tabakarbeiteraussperrung sind Verhandlungen eingeleitet, die zunächst an den Ausgangspunkten der Bewegung geführt werden. In W e st f a l e n fanden in zwei Bezirken auf die Anregung eines Landrats und eines Bürgermeisters hin Verhandlungen statt, zeitigten aber kein die Arbeiter und Arbeiterinnen zufriedenstellendes Ergebnis. Was die Unternehmer bieten, ist lächerlich gering. Doch wird versucht, die Verhandlungen fortzuführen. Es sollen auch Verhandlungen mit den fünf Firmen im Gange sein, bei denen die Arbeiter vor Ausbruch der Aussperrung Forderungen gestellt hatten. Im übrigen ist der Kampf unverändert. Den Untcrnehniern ist es trotz aller versprochenen hohen Löhne nicht gelungen, Arbeitswillige zu bekommen. Angesichts der Lage ist es um so dringendere Pflicht aller Proletarier, tatkräftigst die kämpfenden Arbeiter und Arbeiterinnen weiter zu unterstützen. Der Kampf im Steindruckgewerbe wird fortgeführt. Erneute Verhandlungen verliefen ergebnislos, weil die Unternehmer auf der Festsetzung der Arbeitszeit bestanden. In der vorgeschlagenen Form bedeutet diese aber für viele Lithographen und Steindrucker eine Verschlechterung. Eine Aussperrung im Jsoliergewerbe haben die Unternehmer vorgenommen. Die Isolierer gehören dem Bau- 108 Die Gleichheit arbeiterverband an. Sie hatten beschlossen, eine Firma, die hartnädig die getroffenen Tarifvereinbarungen mißachtet, durch Sperrung ihrer Filialen zur Einhaltung des Vertrags zu zwingen. Darauf wurde über sie die Aussperrung verhängt, die wegen des geringen Umfanges dieses Gewerbes keine große Ausdehnung wehmen kann. Biele kleinere Lohnbewegungen und Kämpfe in verschiedenen Gewerben lassen erkennen, wie unwiderstehlich die Verteuerung der Lebenshaltung die Ausgebeuteten aufpeitscht, auf eine Erhöhung ihres fargen Verdienstes bedacht zu sein. Die andauernden Stockprügel auf den Magen machen schließlich auch sonst geduldige Lohnfflaven rebellisch, weil sie ihnen den ungeheuren Abstand zwischen dem reichen Ertrag ihrer Arbeit und den Bettelpfennigen ihrer Entlohnung zum Bewußtsein bringen. Die Tatsache von ihrer Ausbeutung durch die Kapitalisten tritt greifbar, unverhüllt vor sie hin, damit aber auch die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Zusammenschlusses und des Kampfes. Mehr als je ist die Situation der Aussaat sozialistischer Ideen unter den Massen günstig. Das Erstarken der gewerkschaftlichen und politischen Kampfesorganisationen des Proletariats, ihr zielbewußter Anslurm gegen die kapitalistische Ausbeutung und Klassenherrschaft muß bezeugen, daß diese Situation genügt wird. Arbeit, Kampf ist die Losung der Stunde. # Abbruch des Streiks in der Berliner Damenkonfektion. Das„ Berliner Tageblatt" brachte in seiner Abendausgabe vom Montag, den 11. Dezember eine Meldung unter der überschrift: „ Friede in der Berliner Damenkonfektion". Darin wurde mitgeteilt, in einer stürmisch verlaufenen Versammlung der Schneidermeister und Werkstättenbesiger sei mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden, den Streit zu beenden. Eine Kommission solle sofort mit dem Fabrikantenverband in Verbindung treten, um auf der Grundlage festgesetter Mindestlöhne eine Einigung zu erzielen. An der Versammlung sollten annähernd tausend Personen teilgenommen haben. Am anderen Tage aber mußte das„ Berliner Tageblatt" seine Mitteilung widerrufen. Es hatte sich nicht um eine Versammlung und um einen Beschluß streitender, sondern arbeitswilliger Meister gehandelt. Diese hatten den Streit einfach für beendet erklärt, und sie waren willens, mit den Fabrikanten zu verhandeln. Zu der Verhandlung mit den Fabrikanten wurden dann auch noch bie streifenden Meister eingeladen. Die streitenden Meister gingen aber nicht hin, sondern berieten mit den Vertretern des Schneiderberbandes und des Gewerkvereins christlicher Heimarbeiterinnen darüber, was weiter zu geschehen habe. Diese Beratung nun führte zu dem Entschluß, den Kampf abzubrechen, um ihn zu geeigneterer Zeit wieder aufzunehmen. Die irreführende Meldung des Berliner Tageblatts" hatte immerhin Verwirrung in die Reihen der Zwischenmeister getragen; die Zahl der arbeitswilligen Meister war zu groß geworden und es bestand die Gefahr, daß der Streit langsam abbrödeln würde. Mittlerweile hatten die Konfektionäre mit den arbeitswilligen Meistern einen Mindestlohntarif vereinbart. Doch enthält dieser keine Verbesserungen. So sollen für einen Mantel von 185 Zentimeter Länge nur 1,25 Mt. gezahlt werden, für ein Kostüm 3 Mt., für einen Kleiderrod 50 Bf. Von einer Aufbesserung der Löhne der Heimarbeiterinnen war nicht mehr die Rede. Diese Vereinbarungen lehnen die Streifenden rundweg ab. Am Mittwoch, den 13. Dezember wurde in einer gemeinschaftlichen Versammlung der streifenden Meister, Arbeiter und Arbeiterinnen über die Lage Bericht erstattet. Nach eingehender Erörterung wurde folgender Beschluß einstimmig gefaßt: „ Die heute den 18. Dezember versammelten Streifenden beschließen nach Kenntnisnahme des Berichts ihrer Vertreter: Der Streit wird ergebnislos abgebrochen, die Arbeit wird, unter Ablehnung aller von den Fabrikanten gemachten Vorschläge, zu den alten Bedingungen aufgenommen. Etwaige Vereinbarungen der Fabrikanten mit dem gelben Verband werden die Streifenden nicht beachten, da die Rechte der Heimarbeiterinnen in keiner Weise zu wahren versucht wurden. Die Versammelten stellen fest, daß es den Fabrikanten gelungen ist, sich den Ruhm zu erwerben, in Gemeinschaft mit den Ausbeutern des Elends in der Heimarbeit, den anständigen Teil der Meister, der den Heimarbeiterinnen zu ihrem Rechte verhelfen wollte, und die Heimarbeiterinnen selbst im Stampfe niederzuringen. Diesen Sieg haben die Fabrikanten nicht mit ehrlichen Mitteln errungen, sie haben die Wahrheit auf den Kopf gestellt, weil die Vertreter der Streifenden ehrlich deren Interessen vertreten haben. Einmütig erflären die Versammelten, in der Berliner Damenkonfektion wird erst dann Frieden einkehren, wenn ein Tarif eingeführt ist. Die Versammelten verpflichten sich, alle Maßnahmen, welche zu diesem Zwecke unternommen werden, tatkräftig zu unterstützen. Alle in dieser Hinsicht erforderlichen Schritte sollen von der bestehenden vereinigten Kommission unternommen werden." Dieser Beschluß atmet feinesNr. 7 wegs den Geist der Niedergeschlagenheit, und in der Tat war auch die Stimmung der Versammelten durchaus nicht gedrückt, vielmehr äußerst zuversichtlich. Saal und Galerie der„ Neuen Philharmonie" waren überfüllt, und Hunderte mußten umkehren, weil sie feinen Plaz fanden. Alle Redner wiesen darauf hin, wie dringend notwendig der Anschluß an die Organisationen ist; auch die Meister forderten die Arbeiterinnen auf, sich zu organisieren, damit auch den arbeitswilligen Meistern, die mit den Fabrikanten gemeinsame Sache machen, im Kampfe die Arbeitsfräfte entzogen werden können. Dann wird der nächste, in der Hochsaison zu unternehmende Angriff siegreich durchgeführt werden können. Denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben. H. Stühmer. Der Deutsche Holzarbeiterverband hielt in den letzten Wochen Konferenzen für zwei seiner Branchen ab, wo deren besonderen Berufsinteressen behandelt wurden. Es waren dies- wie wir schon furz verzeichnet haben die Arbeiter an den Holzbearbei tungsmaschinen, die dem Verband zu Ende 1910 bereits 11545 Mitglieder stellten, und die Stellmacher mit damals 4773 Mitgliedern. Diese letteren sind heute nur zum geringsten Teile noch in den eigentlichen handwerklichen Stellmachereien beschäftigt, demi in diesen gibt es vielfach mehr Meister als Gesellen. Der größere Teil der deutschen Stellmacher arbeitet heute in den Wagen-, Automobil- und Waggonfabriken, andere wieder in den Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen, neuerdings auch in solchen für Luftfahrzeuge. Von diesen Betrieben haben insbesondere die Automobil fabriken in den letzten Jahren einen riesigen Aufschwung genommen. Unter der kräftigen Beihilfe des Holzarbeiterverbandes waren die Stellmacher in der Lage, die für sie im allgemeinen günstige Entwicklung vorteilhaft auszunüßen, so daß fie an vielen Orten bereits heute in ihren Arbeitsbedingungen den Tischlern gleichgekommen find. Sie haben allein in der Spanne von 1893 bis 1906 ihre wöchentliche Arbeitszeit von durchschnittlich 68,1 auf 58,6 Stunden verkürzt und dabei den Wochenverdienst von damals 18,43 Mr. auf 26,35 Mt. erhöht. In der späteren Zeit haben sie noch größere Erfolge errungen. Die Konferenz, die am 25. und 26. November in Berlin stattfand, wünschte eine baldige statistische Aufnahme für alle in Stellmacherbetrieben beschäftigten Arbeiter. Eine solche würde den Nugen der Organisation hell beleuchten. Aus 51 Drten waren Delegierte erschienen. Boll interessanter Momente waren die Schilde. rungen der örtlichen Arbeitsverhältnisse. Troßdem die Arbeit, besonders in den Waggonfabriken, vielfach eine gewisse Ahnlichkeit aufweist, kommen recht unterschiedliche Löhne vor. Von einer Fabrik wurde berichtet, daß sie noch Leute mit 28 Pf. Stundenlohn einstellt. Die Entlohnungsart ist in den Großbetrieben zumeist der Gruppenafford, wobei oft der einzelne gar keinen Nachweis über seinen wirklichen Verdienftanteil erhält. Aus anderen Orten wiederum kommen Klagen über häufige Erkrankungen infolge Verwendung von Bleiweißfarben. In der Waggonbauindustrie ist die Arbeitszeit meist noch länger als im Automobilbau oder in den großstädtischen Stellmachereien, wo schon häufig der Tarifvertrag die Arbeitsver. hältnisse bestimmt. Die ländlichen Stellmachereien dagegen, die einen großen Teil des Nachwuchses an Arbeitskräften stellen, sind in dieser Hinsicht noch fast ganz ungeregelt. Es kam denn auch auf der Konferenz drastisch zum Ausdruck, daß allgemein die Arbeitsverhältnisse dort am fortgeschrittensten sind, wo die größte Zahl der Berufsangehörigen dem Verband angehört und ihre Interessen mit Entschiedenheit vertritt. Konnten doch solche Drte Stundenlöhne bis zu 80 Pf. vermelden! Die Verhandlungen der Tagung gipfelten denn auch in der Besprechung der Agitationsmöglichkeiten und flangen aus in dem Aufruf zu erneuter kräftiger Werbearbeit für die Organisation. Anders liegen die Verhältnisse bei den Maschinenarbeitern. Hier arbeiten die Branchenaugehörigen zumeist Hand in Hand mit den Tischlern und stehen unter den gleichen Tarifverträgen wie diese. Die Scheidung in eine besondere Berufsgruppe vollzieht sich erst neuerdings mehr und mehr. In Nord- und Westdeutschland rekrutieren sich die Maschinenarbeiter noch heute in der Mehrzahl aus den Tischlern. Daher steht der Lohn in diesen Gebieten für diese Maschinenarbeiter um 3 bis 5 Pf. pro Stunde höher als bei den Tischlern an der Bank". Das ist in der gefährlichen Arbeit der ersteren begründet. Entgegengesett liegen die Dinge zumeist in Süd- und Mitteldeutschland, wo der Ersatz aus den ungelernten Arbeitern entnommen wird; obgleich dort der Arbeiter, der alle Holzbearbeitungsmaschinen beherrscht, nicht minder leistungsfähig sein muß. Da es infolge dieser Sachlage besondere organi satorische Fragen für die Maschinenarbeiter nicht gibt, so konnte sich die Konferenz voll der für sie wichtigsten Frage widmen: dem Unfallschuhe. Welche Bedeutung die Bekämpfung der Berufsgefahren für die Arbeiter an Holzbearbeitungsmaschinen hat, erhellt Nr. 7 Die Gleichheit aus der Tatsache, daß bei den fünf deutschen Holzberufsgenossen schaften in den drei Jahren 1907 bis 1909 allein 59852 Unglücksfälle gemeldet wurden, bei denen 14 959 Verlegten eine Rente be willigt werden mußte, weil sie dauernd geschädigt waren. 505 Personen verunglückten in dieser Zeit tödlich. Eine Statistik der Berliner Maschinenarbeiter ergab sogar, daß innerhalb eines einzigen Jahres üher die Hälfte der Berufsangehörigen irgendwo an der Maschine zu Schaden gekommen war. Die Konferenz tagte vom 12. bis 14. November in München, und war von 46 Orten beschickt. Es wohnten ihr Vertreter süddeutscher Berufsgenossenschaften und Gewerbeinspektionen bei, und neben den Delegierten aus den Holzbearbeitungsfabriken nahmen an ihr auch einige aus den großen Schneidemühlen in Memel und Tilsit und aus den Sägewerken des Bayerischen Waldes teil. In diesen legteren Betrieben herrschen noch mehrfach Arbeitszeiten von täglich 14 bis 18 Stunden, wobei die Übermüdung der Leute die Unfallgefahr beträchtlich erhöht. Zum andern fehlen an sehr vielen sonstigen Holzbearbeitungsmaschinen die geeigneten Schutzvorrichtungen und die Staubabsaugung oder Affordarbeit treibt zu gefahrbringender Haft. In den bayerischen Sägewerken werden selbst Frauen an ungeschüßten Maschinen be. schäftigt, ja man verwendet sie sogar zum Transport der schweren Baumstämme, wobei linfälle häufig sind. Die Forderungen der Maschinenarbeiter waren unter anderem folgende: Vermehrung der Aufsichtsorgane bei den Gewerbeinspettionen und Berufsgenossenschaften, um eine gründliche und wiederholte Revision aller unterstellten Betriebe zu ermöglichen. Anstellung von Gewerbebeamten und Betriebskontrolleuren aus den Kreisen der Arbeiter. Festsetzung eines Magimalarbeitstages von 10 Stunden für alle Betriebe der Holzindustrie und Herabsetzung desselben innerhalb gesetzlich zu bestimmender Frist auf täglich 8 Stunden. Gänzliches Verbot der Frauenarbeit an Holzbearbei. tungsmaschinen, in Sägewerten und Holzlagerplägen. Verbot der Beschäftigung jugendlicher Arbeiter und Lehrlinge unter 17 Jahren an den Maschinen. Einführung von Pflichtsunterrichtskursen für alle Arbeiter an Holzbearbeitungsmaschinen über Unfallverhütung an den Maschinen und Anwendung der vorgeschriebenen Schutz vorrichtungen. Die Arbeiter sind durch diese Behandlung der Fragen erneut auf die Gefahren ihres Berufes hingewiesen worden; an ihnen liegt es jetzt, durch Stärkung ihrer Organisation wie durch Veteiligung am politischen Kampf diese ihre Forderungen durchzusetzen. Mögen die Frauen erkennen, daß auch ihnen wie den Männern die Organisation bitter not tut, und daß der Stampf für bessere Existenzbedingungen gemeinsame Pflicht ist. fk. Kämpfe in der Juteindustrie. Der Tertilarbeiterverband hat im Laufe dieses Jahres auch für die elend gestellte Arbeiterschaft der Juteindustrie um bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. über die Streits und Aussperrungen der Jutearbeiter in Ostrig, Heme. lingen und Bremen ist wiederholt an dieser Stelle berichtet wor den. In Bremen ist der Streit heute noch nicht beendet. Auch die Jutearbeiterschaft von Schiffbek bei Hamburg hat in einem längeren Kampfe schließlich Errungenschaften davongetragen. Sie trat im Juni in den Streif, gezwungen von der gesteigerten Not, die noch verschärft worden war durch ein Sinken des Lohnes infolge schlechten Arbeitsmaterials. Nach siebenwöchiger Dauer fand der Stampf seinen Abschluß durch einen Vergleich, der von den Unternehmern und den Arbeitern, dem Zentralvorstand, dem Gauleiter und der örtlichen Leitung des Textilarbeiterverbandes sowie dem Gemeindevorsteher unterschrieben wurde. Die Direktion des betreffenden Betriebs hatte sich bis zulegt geweigert, mit der Arbeiterorganisation zu verhandeln. Schon die erzwungene Anerkennung der Gewerkschaft allein ist ein Erfolg. Der Kampf brachte außerdem für 1450 Personen eine durch schnittliche Erhöhung des Wochenverdienstes von 52 bis 60 Pf. Die Pünktlichkeits- und Weihnachtsprämie, durch die bisher versucht worden war, die Arbeiterschaft gefügig und anspruchslos zu erhalten, wird jegt wöchentlich in Gestalt höheren Lohnes gezahlt. Die Lohnbücher der Spinnerinnen werden nun alle vier Wochen von den Arbeiterinnen gemeinschaftlich mit der Direktion zu dem Zwed rebidiert, die Ursachen einer eventuellen Lohnreduzierung festzustellen. Für die Schlichter ist ein neuer Lohntarif in Aussicht gestellt worden. Der Ausstand hätte ein noch günstigeres Ergebnis gehabt und würde vor allem nicht so lange gedauert haben, wenn die in Betracht kommende Arbeiterschaft in größerer Zahl organisiert gewesen wäre. Bon etwa 1500 Arbeitern und Arbeiterinnen gehörten rund 850 dem Tertilarbeiterverband nicht an. Die Unorganisierten sind zum großen Teil Ausländer, die durch ihre Nückständigkeit sich als willenlose Ausbeutungsobjekte erweisen. Alles Fügen und Duden 109 hat sie nicht vor der Arbeitslosigkeit bewahrt. As die Spinnerinnen in den Streit traten, weil ihre Lohnforderungen nicht bewilligt wurden, schloß die Direktion den Betrieb ganz. Der Textilarbeiterverband macht jetzt in Schiffbet gute Fortschritte. Vielen Arbeitern und Arbeiterinnen, die der Drganisation bisher noch fernstanden, ist wohl im Laufe des Ausstandes das Verständnis für die Notwendigkeit ihrer Vereinigung gekommen, wenn auch nach dem alten Wort: Wer nicht hören will, muß fühlen. Sie schließen sich jetzt dem Verband in der richtigen Erkenntnis an, daß sie nur mit seiner Hilfe Verschlechterungen ihrer wirtschaftlichen Lage abwehren und Verbesserungen erreichen können. Genossenschaftliche Rundschau. eg. Lebhafte Konsumbereinsdebatten gab es wieder einmal in der 8weiten Kammer des sächsischen Landtags. Den Aulaß dazu boten die allgemeine Vorberatung über den Etat und sozialdemokratische und freisinnige Teuerungsinterpellationen. Neues gegen die Konsumvereine können die Herren Mittelstandsretter, die hauptsächlich in den Reihen der Konservativen sitzen, natürlich nicht mehr vorbringen. Um so mehr muß man die Ausdauer bewundern, mit der sie immer wieder die zum überdruß bekannten „ Gründe" gegen die Arbeitergenossenschaften vortragen. Neu ist auch keineswegs, was sich auch in diesem Falle wieder zeigte, daß allein die sozialdemokratischen Vertreter die Sache der Konsumbereine mit aller Kraft verfechten. Die Haltung der Nationalliberalen im sächsischen Landiag ist zwar nicht gerade ausgesprochen konsumvereinsfeindlich; es fällt ihnen jedoch nicht ein, etwas für diese Genossenschaften zu sagen. Ihr ganzes Verhalten ist zweideutig. Dasselbe muß von den Fortschrittlern gesagt werden, obwohl gerade in ihren Kreisen früher der Genossenschaftsgedanke mit Nachdruck verfochten worden ist. Beide Parteien spekulieren so wie die Konservativen bei politischen Wahlen auf die Stimmen des gewerblichen Mittelstandes, was ihre Haltung zur Genüge erklärt. Es konnte den Konservativen von sozialdemokratischer Seite entgegengehalten werden, daß ja auch der Bund der Landwirte das Genossenschaftswesen für seine Mitglieder nutzbar macht, und daß er dadurch selbstverständlich dieselbe Mittelstandsvernichtung treibt, die man den Konsumvereinen zum Vorwurf macht. Biemlich verlegen aber werden die Mittelstandskämpen, wenn ihnen an der Hand von Tatsachen nachgewiesen wird, wie die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in den Konsumbereinen im allgemeinen musterhaft sind und wie nüklich gerade in der Zeit der gegenwärtigen Teuerung diese Genossenschaften für ihre Mitglieder find. Außerhalb des Kreises der wirtschaftlich unmittelbar betroffenen Konsumvereinsgegner macht das Gejammer über die Konsumbereine wohl kaum noch Eindruck. Die Regierungsvertreter verhielten sich diesen Klagen gegenüber ebenfalls ganz untätig. Die Stellung des Hansabundes zu den Konsumvereinen war bisher insofern unklar, als einzelne seiner Mitglieder darüber sehr verschiedene Auffassungen bekundeten. Neben ausge sprochen feindlichen Gesinnungen wurden auch freundliche laut. Nunmehr hat aber Anfang November der Hansabund einen Mittelstandstag abgehalten, dessen Verlauf keinen Zweifel mehr darüber läßt, daß er an der gehässigen Hehe der Mittelstandsretter wider die Konsumbereine teilnimmt. Ja, die Verhandlungen auf diesem„ Tage" erwecken den Anschein, als sei gerade der Zweck der Tagung gewesen, diese Feindschaft zu befunden. So verneinte der Berichterstatter über„ Konsumvereine und Beamtenkonsumvereine" für die größeren Städte jedes Bedürfnis für solche Ge= nossenschaften. Er erdreistete sich, nach einem Bericht des Organs des Hansabundes, zu sagen, daß die Konsumbereine zu direkten Schädlingen fich ausgewachsen" hätten und machte dergleichen Be merkungen mehr. Wenn er aber davon sprach, daß den Konsumbereinen das sogenannte Lieferantengeschäft untersagt werden müsse, so vermißt man allerdings das Mittel, wie das gemacht und durchgeführt werden soll. Mit diesem Wunsche werden übrigens offene Türen eingerannt, denn es liegt in der Entwicklung der Konsumvereine selbst, daß das Lieferantengeschäft immer mehr ausgeschaltet wird, je enger das Verhältnis zur Großeinaufsgesellschaft wird und je mehr die Eigenproduktion Play greift. Nach alledem fällt eigentlich kaum weiter auf, daß auch die Ausdehnung der Umsatzsteuer auf alle Stonsumvereine, also auch auf die der Beamten, Werke usw., gefordert wurde. Noch schöner tam es aber in der Debatte. Die Hansabündler schweigten förmlich in dem Gedanken, die Konsumbereine zu unterdrücken. So berlangte zum Beispiel ein Redner, daß die Firmen boykottiert werden sollen, die an Konsumbereine liefern. Sehr auffällig war N0 Die Gleichheit Nr. 7 die Haltung des Genossenschaftsanwalts vr. Hans Krüger, der an der Tagung teilnahm, aber nicht Gelegenheit nahm, diesen Bestrebungen tatkräftig entgegenzutreten, wie das seine Pflicht gewesen wäre. Statt dessen schimpfte er ein wenig auf die Sozialdemokratie, die er in der üblichen Weise mit den Konsumvereinen in Verbindung brachte. Daß er es tadelte, wenn die Gemeinden den Verkauf von Lebensmitteln in eigenen Betrieb übernehmen, um die Teuerung für die armen Leute etwas zu mildern, setzt seinem schmählichen Verhalten hie Krone auf. Der Verein für Sozialpolitik will sich in nächster Zeit gleichfalls eingehender mit der Konsumvereinsfrage beschäftigen. Herr Professor W i l b r a n d- Tübingen hat einen Antrag gestellt, in dem unter anderem gesagt wird:„Der Verein für Sozialpolitik wolle die Organisation des Konsums(Konsum- genossenschaftsbewegung) zum Gegenstand seiner nächsten Untersuchungen machen und auf die Tagesordnung seiner nächsten Generalversammlung setzen____ Dem Antrag liegt die Uberzeugung zugrunde, daß es sich dabei um den Eckstein der Sozialpolitik handelt. Durchgeführt und ausgebreitet, wie es nach den vorliegenden Ansätzen und inneren Möglichkeiten für die Zukunft d.nkbar ist, würde die Organisation des Konsums die heute nur eingeschränkt anwendbare Sozialpolitik auf ein sicheres Fundament stellen, ja deren Ziele großenteils selbst erreichen, namentlich im Zusammenwirken mit ihrer Ergänzung, den Berufsvereinen. Neben dieser, allerdings nur allmählich realisierbaren sozialpolitischen Bedeutung der Sache steht ihre volkswirtschaftliche und internationale.... Der Zeitpunkt für das Eingreifen der Wissenschaft ist gerade jetzt günstig. Das Selbstinteresse aller Konsumenten mittleren und geringen Einkommens ist in dieser Zeit der Teuerung aufs lebhafteste angeregt; es kann gerade jetzt um so wirksamer einer zugleich sozialpolitisch grundlegenden Organisation des Konsums vorgespannt werden." Die Herren Professoren stehen wieder einmal recht spät auf, wenn sie erst jetzt zu solcher Erkenntnis kommen. Die österreichische Regierung hat dem Abgeordnetenhaus den Entwurf eines Genossenschaftsgesetzes vorgelegt. Dieser gestattet zwar die bisher unmöglich gewesene Umwandlung der Genossenschaften mit unbeschränkter in solche mit beschränkter Haftung, die Zusammensetzung der Generalversammlungen durch Delegierte und schützt die Mitglieder im Falle des Konkurses vor Vermögenskonfiskation durch die Gläubiger der Genossenschaft. Aber auf der anderen Seite ist er geeignet, den Konsumvereinen schweren Schaden zuzufügen. Es soll wenigstens ein Zehntel des Geschäftsanteils sofort beim Beitritt eingezahlt werden, den Konsumvereinen wird die Errichtung von Zweigniederlassungen verboten und Fabriken sollen sie nur in örtlicher Nähe ihres Sitzes errichten dürfen. An NichtMitglieder darf nicht mehr verkauft werden, sonst tritt Bestrafung ein, und das Spar- cinlagengcschäft der Konsumvereine wird derartig eingeschränkt, daß es geradezu ein Zutreiben der Sparer an die privat- oder staatskapitalistischen Sparkassen bedeutet. Endlich soll noch jeder einzelne Genossenschafter das Recht erhalten, auf Nichtigkeit der Generalversammlungsbeschlüsse zu klagen und die(gelben nationalen) Minderheiten sollen durch eine Vertretung im Vorstand die Möglichkeit zum Stänkern und zur Schädigung der genossenschaftlichen Aktionen erhalten. Bei der agrarisch-zünftlerisch-ar- beiterfeindlichcn Mehrheit des Parlamentes bedeutet die Einbringung dieses Entwurfes einen schweren Angriff auf die Konsumgenossenschaften. Unsere Genossen haben eine lebhafte Protestbewegung gegen dieses Ungeheuer eines Genossenschaftsgesetze» eingeleitet. Dem Verband schweizerischer Konsumvereine gehörten Ende 1910 323 Vereine an. Die berichtenden 318 Konsumvereine zählten zusammen 212 322 Mitglieder, und zwar gab es S Vereine(Basel, Zürich, Genf, Luzern und Bern), die über 19 999 Mitglieder stark waren. Der Bericht stellt dieser Mitgliederzahl die Zahl der im Wirtschaftsgebiet der Vereine befindlichen Haushaltungen gegenüber und kommt zu dem Schlüsse, daß 39 Prozent aller Haushaltungen konsumgenossenschaftlich organisiert sind. Die dem Verband nicht angeschlossenen wilden Vereine, deren Zahl nur gering ist, sind in dieser Berechnung nicht berücksichtigt. Der Gesamtumsatz der Vereine betrug im Berichtsjahr 199 212 999 Franken; 33,8 Prozent der umgesetzten Waren wurden durch die Zentralstelle des Verbandes bezogen. IS Verbandsvereine hatten einen Umsatz von mehr als 1 Million Franken. Der Durchschnittsumsatz pro Mitglied bezifferte sich auf 472 Franken. Der Nettoüberschuß stellte sich auf 8 S99 172 Franken, gleich 3'/» Prozent des Umsatzes. Eigenproduktion trieben 83 Vereine. Der Wert der von ihnen hergestellten Waren bezifferte sich auf 14 293 763 Franken, von denen 8 929 966 Franken auf Bäckereiprodukte kamen. Am 2S. März 1919 wurde in Frankreich ein Gesetz publiziert, das die Errichtung neuer Konsumanstalten(nicht Genossenschaften) verbietet und den bestehenden Konsumanstalten eine Frist von zwei Jahren setzt, binnen deren sie sich auflösen müssen. Unsere Krämer gehen mit diesem Gesetz seit geraumer Zeit hausieren. Sie reden nicht von Konsumanstalten, sondern von Werkkonsumvereinen, und tun, als ob der Beweggrund für die Schaffung des Gesetzes lediglich der Wunsch gewesen sei, dem Mittelstand eine lästige Konkurrenz vom Halse zu schaffen. Be- reits 1899 wurde von einem Deputierten der Kammer ein Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Besserung der Verhältnisse, die bei den Konsum a n st a l t e n herrschten, zum Ziele hatte. Der Gesetzentwurf forderte, daß zum Selbstkostenpreis verkauft würde und daß die Uberschüsse unter die Arbeiter des betreffenden Werkes nach Maßgabe ihrer Käufe verteilt würden. Bei einer Beratung eines Genossenschaftsgesetze» im Jahre 1894 wurde dann von Basly eine Gesetzesbestimmung vorgelegt, die alle Konsummistalten verbot. Diese Bestimmung wurde nicht angenommen, Wohl aber beschloß die Kammer, die Eisenbahnkonsumanstalten zur Umwandlung in Konsumgenossenschaften zu zwingen. Da» Gesetz wurde allerdings nie endgültig verabschiedet. 1899 stellte ein Vorkämpfer der Kleinhändler den Antrag, die Konsumgenossenschaften zu verbieten, nachdem man bereits jahrelang unter Gesichtspunkten des ArbeiterschutzeS diese Frage erörtert hatte. Wie sehr dieser Gesichtspunkt bei der Regelung der ganzen Angelegenheit matzgebend war, zeigt der Umstand, daß der Senat erst eine Umfrage über die Konsumanstalten herbeiführte und daß bei dieser Umfrage die Organisationen der Arbeitgeber und Arbeiter gefragt wurden. Noch deutlicher zeigt es jedoch eine Ausnahmebestimmung, die im Gesetz vorgesehen ist. Die Konsumanstalten der Eisenbahnen können nämlich weiterbestehen. Der Grund dafür ist, daß sich bei den Konsumanstalten der Eisenbahnen nicht die Mißstände gezeigt haben, die sich bei den sonstigen Konsumanstalten ausgebildet hatten. Man hat also in Frankreich in allererster Linie unter dem Gesichtspunkt, den Arbeitgebern es fernerhin unmöglich zu machen, aus dem Konsum ihrer Arbeiter Nutzen zu ziehen und diese durch Borgwirtschaft von sich abhängig zu machen, das Verbot der Konsumanstalten ausgesprochen. Konsumgenossenschaften, die ihre Mitgliedschaft auf die Arbeiter eines bestimmten Werkes beschränken, können weiterbestehen und auch weiter gegründet werden, wenn auch freilich kein Genossenschaftler derartige Gründungen gutheißen wird. Di« dem Zentralverband angehörenden Konsumverein» Österreichs rühren sich lebhaft gegen die auch dort herrschenden Bestrebungen auf Unterbindung der Konsumvereinsbewegung. Wie der„Konsumverein" berichtet, hat unter anderem der Vorstand des Zentralverbandes vor kurzem beschlossen, der Regierung sowi4 dem Abgeordnetenhaus eine Denkschrift zu überreichen, in der auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, der genossenschaftlichen Selbsthilf» einen größeren Spielraum einzuräumen. Insbesondere gelangte di» Überzeugung zum Ausdruck, daß— da die Konsumvereine ein wirksames Gegengewicht gegen die Preistreibereien der Kartell» und ähnlicher Kapitalistenorganisationen sind— die Konsumgenossenschaften von allen steuer- und gewerberechtlichen Beschränkungen befreit werden müssen. Jetzt dagegen werden die Konsumverein« auf daS schwerste geschädigt und in ihrer Entwicklung gehemmt durch die Steuer« und Gewerbebehörden, die unter dem Drucke der Zwischenhändler und Mittelstandspolitiker stehen. Soll den Schäden des Zwischenhandels und der Kartell« begegnet werden, sei vollständig» Assoziationsfreiheit auch für die besitzlosen Volksklassen unbedingt erforderlich. An«ine Ausschaltung des so schädlichen Zwischenhandels ist nur zu denken, wenn alle korrumpierenden Subventionen und Privilegien beseitigt werden, die heute den kapitalistischen Organisationen verliehen sind, und wenn unverkümmert« Rechtsgleichheit auf genossenschaftlichem Gebiet gewährt wird. Um die Organisation des Absatzes und damit auch die Eigenproduktion für den Bedarf zu erleichtern, ward eine Reihe von Forderungen gestellt und begründet. Gleichzeitig erfuhr die herrschend» Wirtschaftspolitik, insbesondere der aus den agrarischen Hochschutzzöllen beruhende Lebensmittelwucher, eine herbe Kritik. Die Konsumvereine werden vom Zentralverband eingeladen, di« Forderungen der Denkschrift in Versammlungen und bei sonstigen Gelegenheiten zu unterstützen. Ferner soll ihnen empfohlen werden, noch im Lause dieses Jahres behufs Werbung von Mitgliedern besondere Aktionen einzuleiten, eine sogenannt« genossenschaftliche Woche zu veranstalten und überhaupt die Propaganda im Hinblick auf di» Teuerung intensiv»» zu betreib«». L. k'. Nr. 7 Notizenteil. Dienstbotenfrage. Die Gleichheit Von der Dienstbotensklaverei. Ein Dienstmädchen, das von ihren drei früheren Herrschaften für zusammen fünfjähriges Fronden die besten Zeugnisse erhielt, lief nach elfmonatigem Dienst beim Telegraphendirettor Frenzel in Berlin davon. Es geschah jedenfalls nicht ohne Grund. In das Dienstbuch wurde nun zu den drei guten Zeugnissen folgendes Attest eingetragen:„ In den ersten brei Monaten brauchbar, da willig und fleißig, wurde allmählich immer schlechter und hat uns durch ihren Trozz, ihre Vergeßlichkeit, Vers logenheit und Naschhaftigkeit vielen Schaden und Arger bereitet. Sie ist nur unseres Töchterchens wegen und weil wir ständig hofften, daß sie sich bessern würde, so lange behalten worden. Beim Mieten hat sie fälschlich angegeben, daß sie fochen und schneidern fönne, und ist ohne Grund heimlich aus dem Dienste entlaufen." -Das Zeugnis wurde am besten dadurch widerlegt, daß das Mädchen Stellung bei einer der früheren Herrschaften bekam. Die Geschädigte ging nun gegen den Telegraphendirektor vor, um fich außer dem rückständigen Lohn auch ein objektives Zeugnis zu sichern. Der Herr Direktor beauftragte einen Rechtsanwalt mit der Antwort, die also lautete: ,, Da Sie rechtswidrig den Dienst verlassen haben, so haben Sie nach§ 168 der Gesindeordnung Herrn Frenzel die da durch entstandenen Mehrkosten zu erstatten. Diese sind folgende: 6,25 Mr. a. Täglicher Lohn für Aushilfen. • b. Waschen und Bügeln der zur Reise erforderlichen Wäsche. . 9,15. . • 4,-. c. Mehrkosten für die Beköstigung außerhalb der Wohnung am 1. Tage Hierzu treten ferner: d. Borschuß e. Versicherungsmarten f. für Ausbessern der durch grobe Fahrlässigkeit beschädigten Möbel. 1,-' 0,48= 3,-= Insgesamt 23,88 Mt. Den Rest Jhres danach verbleibenden Lohnes wird Herr Frenzel Ihnen alsbald zusenden." Der nunmehr vom Dienstmädchen angerufene Polizeipräsident verwies die Klägerin auf den Prozeßweg. Wäre das Mädchen stellenlos, wie tönnte es den Rechtsweg beschreiten? Woher bas Geld nehmen für einen Rechtsbeistand im Kampfe gegen einen Telegraphendirektor, der alle drei Instanzen des Rechtsweges" aushalten kann und durch den versemenden Eintrag in das Dienst. buch die Voraussetzung schuf, die Klägerin verdienstlos zu machen. Der Fall beleuchtet die Rechtlosigkeit, die noch im zwanzigsten Jahrhundert im herrlichen Deutschen Reiche für die Dienenden unter dem Titel besteht:„ Gesinde- Ordnung." mg. Ein Erfolg des Nürnberger Hausangestelltenverbandes. Der Hausmeister des Nürnberger Rathauses scheute sich nicht, seinen Dienstmädchen die Trinkgelder abzuverlangen, die sie von Fremden für die Führung durch das Rathaus erhielten. Er nahm feine Rück ficht darauf, daß die Mädchen doppelt angestrengt sind, wenn sie nicht nur die Hausarbeit zu erledigen haben, sondern auch noch Fremdenführerinnen sein müssen, und daß als solchen ihnen be sondere Ausgaben für Kleidung erwachsen. Die Dienstmädchen, die in unserem Verband organisiert sind, verlangten nunmehr die Frei gabe von zwei Stunden jeden Tag und Nichtabforderung des Trink geldes. Beide Forderungen wurden bewilligt, nachdem die Unterzeichnete als Bevollmächtigte der Ortsgruppe Nürnberg des Verbandes der Hausangestellten mit dem Rathausmeister verhandelt hatte. Die Mädchen hatten bisher an den Hausmeister monatlich durchschnittlich 5 Mt. abgeliefert, die sie nun behalten tönnen, was einer Lohnzulage gleichkommt. Der Fall beweist wiederum, daß die Arbeitgeber über Verbesserungen der Arbeitsbedingungen mit sich reden lassen müssen, wenn die Hausangestellten nur organisiert sind. Der Verband der Hausangestellten schreitet zwar vorwärts, aber noch stehen unendlich viele abseits. Diese durch rastlose Arbeit für uns zu gewinnen, ist unsere Aufgabe im neuen Jahre, auf daß die Organisation immer wirksamer für die Rechte und Forderungen ihrer Mitglieder eintreten fann. Helene Grünberg. Frauenstimmrecht. Das kirchliche Frauenstimmrecht war Gegenstand der Verhand lungen auf der letzten Generalfynode der Provinz Branden burg. Von tirchlich- liberaler Seite war bei dieser der Antrag eingereicht worden, fie möge einen Gesetzentwurf einbringen, der die Frau rechtlich in das evangelische Gemeindeleben einordne und ihr 111 bas aktive und passive Wahlrecht zuerkenne. Die Beratungskommission der Generalsynode beantragte Übergang zur Tagesordnung, weil die Zuteilung des attiven und passiven Wahlrechts an die Frauen zu allerhand Konflikten im firchlichen Leben führen würde, ein praktischer Gewinn taum zu erwarten sei, und weil die Durchs führung des Antrags mit folossalen Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde. Auch die übrigen bekannten„ Gründe" gegen das Frauenwahlrecht tamen aufs Tapet, darunter das Schauergemälde von den Familienzwistigkeiten". Der liberale Antrag fiel; die Generalfynode begnügte sich damit, den kirchlich gesinnten Frauen ein mageres Wasserfüpplein zu reichen. Sie nahm einen Antrag ihres Mitglieds, Professor Dr. v. Soden an, nach dem die Kirchengemeinde- und Synodalordnung so ergänzt werden soll, daß die rechtliche Stellung der Frau innerhalb der kirchlichen Gemeindeorgane eine Regelung erfährt. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Eine sozialistische Zeitschrift für die Aufklärung der englischen. Frauen ist in London unter dem Titel The Link( Das Glied) diesen Herbst gegründet worden. Genossin Margarethe Hids, die Tochter einer der ersten und verdienstvollsten sozialistischen Gewerkschafterinnen in England, hat mehr als zwei Jahre mit nie erlahmender Begeisterung daran gearbeitet, die finanziellen Mittel für dieses Organ zusammenzubringen und einen Stab von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sammeln, die alle Richtungen. der sozialistischen Bewegung in England vertreten. So hofft sie durch The Link nicht nur die Frauen zum Verständnis des Sozia lismus zu erziehen, sondern auch der Einigung aller sozialistischen Fraktionen vorzuarbeiten. Das Blatt soll das erste Glied einer Kette sein, die allmählich alle verbindet, die die Menschheitscr lösung durch den Sozialismus erstreben. Der leicht verständliche Inhalt in schlichter Form will vor allem auch die Herzen der proletarischen Hausfrauen für den Sozialismus gewinnen. Wir wünschen zum Willkommgruß, daß The Link sich bald den Verbrei tungsfreis erobert, den es verdient. Ein sozialistisches Organ für die italienischen Proletarierinnen wird vom 1. Januar 1912 an in Mailand erscheinen. Die Redaktion ruht in der Hand unserer treuen und tapferen Genossin Kulifchoff. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeiten ist sie fcit zwei Jahrzehnten nicht müde geworden, immer und immer aufs neue mit Energie zu praktischer Betätigung der Auffassung zu rufen, daß die Frau im Kampfe für ihr volles Menschentum nur mit dem Proletariat durch den Sozialismus siegen kann, daß aber auch das Proletariat nur seine Befreiung zu erobern vermag, wenn seine Frauen seine Schlachten zielflar und begeistert mitschlagen. Die führenden Genossinnen der sozialistischen Frauengruppe in Mailand, Genossin Balabanoff und andere werden. eifrige Mitarbeiterinnen an dem Blatte sein. Moralisch und materiell wird es an dem Verwaltungsrat unseres täglichen Bariciorgans Avanti eine Stüße haben, ebenso an dem Gewerkschaftsbund, Arbeiterkammern usw. Wir wissen, daß das weibliche Proletariat Italiens mit der Difesa delle Lavoratrici( Verteidigung der Arbeiterinnen) eine schneidige Waffe und eine zuverlässige Führung erhält, die junge sozialistische Fraueninternationale eine treffliche neue Vorkämpferin. Herzlichen Schwestergruß dem Blatt, das in den Tagen des entfesselten Chauvinismus Jtaliens Preic tarierinnen das Banner der internationalen sozialistischen Soli. barität voranträgt. Frauenbewegung. Eine politische Frauenversammlung der Zentrumspartei in Köln bat am 3. November stattgefunden. Sie war von 3000 Personen besucht; der bisherige Reichstagsabgeordnete Giesberts und Pfarrer Kastert referierten über die Leuerungsfrage. Die Wahl des Themas verrät die revolutionierende Wirfung des Zoll- und Steuerwuchers, dessen Folgen vermorschenden Vorurteilen einen kräftigen Stoß geben. Soziale Not lehrt politisch denten. Diese Kölner Versammlung ist von großer prinzipieller Bedeutung. Zum erstenmal hat das Zentrum offiziell mit der Auffassung gebrochen, daß die Politik die Frauen nichts angehe. Wie anders las man es noch vor wenigen Jahren! Da konnte die biedere Zentrumspresse nicht genug Entrüstung über die tttCozialdemokratie ausschütten, die angeblich die Familie dadurch zer stören wollte, daß sie den Frauen politische Aufklärung brachte und auch sie zum Kampfe für ihre Intereffen aufrief. Und wie tapfer schmähte und verhöhnte sie die„ Versammlungsstörzerinnen"! Nun tann das Zentrum auch anders, denn des Lebens leibliche und see lische Nöte zwingen auch die katholischen Frauen in die politische 112 Die Gleichheit Arena, und die anschwellende rote Flut droht große Wählermassen aus dem klerikalen Lager zu reißen. Das Zentrum, das lange schon die Frau als stille, heimliche Helferin in politischen Dingen sich nutzbar gemacht hat, lernt nun auch ihre öffentliche politische Mitarbeit anerkennen. Das zeigte sich gelegentlich des Zentrumssieges bei der Kölner Stadtverordnetenwahl dritter Klasse am 8. Nobember. In einer Wählerversammlung des Zentrums äußerte der Parteivorsitzende Dr. Mertens in seinem Schlußwort unter großem Beifall:„ Nach alter deutscher Sitte danke ich zunächst den Frauen. Zum ersten Male, seitdem die Kölner Zentrumspartei besteht, haben wir die von unseren Frauen uns angebotenen Dienste angenommen und uns gern zunuze gemacht. Viele von ihnen haben eifrig und tatkräftig in der Agitation mitgeholfen und bewiesen, daß sie es verdienen, an unserer politischen Arbeit teilzunehmen." Daß die Frauen es verdienen, nicht bloß an der Arbeit, sondern auch an den politischen Rechten der Männer teilzunehmen, hat der Zentrumsführer noch nicht ausgesprochen. So viel Gerechtigkeitssinn betätigt einstweilen von allen großen Parteien in Deutschland einzig und allein die Sozialdemokratie, auch nicht die Partei für Wahrheit, Freiheit und Recht". Aber es wird die Zeit kommen, wo das Zentrum die Konsequenzen aus dem Wandel der Dinge und Werte, aus der politischen Betätigung der Frauen ziehen muß, wie dies jetzt zum Beispiel Dr. Heim tut. Wie start das Drängen katholischer Frauenkreise nach Betätigung am politischen Leben ist, beweist die Entwicklung des Düsseldorfer Frauenvereins. Es ist das ein Frauenverein gegen das Frauenwahlrecht; außerordentlich rührig ist aber der Anteil, den seine Mitglieder am Kampfe gegen die Sozialdemokratie nehmen, und rasch wächst unter frommer Begönnerung die Zahl der Or ganisierten, die er umschließt. Erscheinungen dieser Art im Lager eines Feindes müssen die Genofsinnen und Genossen anspornen, mit verzehnfachter Energie an der Erweckung und Schulung des weiblichen Proletariats zu arbeiten. Der jeßige Wahlkampf zeigt, daß das Wettrennen der bürgerlichen Parteien um die Wahlhilfe der armen Frau beginnt. Die liberalen Berliner Frauen im Wahlkampf. Wie wir bereits mitteilten, wollen die liberalen Damen unter Fräulein Lischnewskas Führung den ersten Wahlkreis der Reichshauptstadt gegen den Ansturm der Sozialdemokratie verteidigen helfen. Eine Versammlung, die sie zu diesem Zwecke nach dem„ Tiergartenhof" einberufen hatten, hinterließ gerade keinen überwältigenden Eindruck. Wohl war der kleine Saal dicht besetzt, allein der stolz gepredigte Vernichtungszug gegen die böse Sozialdemokratie ward in Wirk lichkeit ein Froschmäusekrieg zwischen den Gönnerinnen des„ entschiedenen, vollen und ganzen" Liberalismus des Herrn Kämpf und den Anhängerinnen des Obersten a. D. Gädke von der Demokratischen Vereinigung. Fräulein Lisch newska war die Löwin des Abends. Sie fühlte sich schon ganz unter den Palmen unferer tropischen Kolonien. Majestätisch grollte ihr Sehnsuchtsschrei nach neuen geraubten Länderstrecken, die die überschüssige deutsche Bevölkerung aufnehmen sollen, während der gut vaterländische Kapitalist durch seine Streitbrecheragenten Böhmen, Jtaliener hereinrufen läßt, um die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter womöglich auf das Niveau von Kulis herabzudrücken. Von den königlichen Kaufleuten und Großindustriellen im Hansabund erhofft Fräulein Lischnewska mit Hilfe der Frauen eine Wiedergeburt des Liberalismus, der Deutschland herrlichen Tagen entgegenführen wird, die die kühnsten Kolonialträume erfüllen. Und um dieser Hoffnung willen brachte es Fräulein Lischnewska fertig, die Ergebnisse des Reichstags der Hottentottenwahl zu rühmen: das polizeilich verschandelte Reichsvereinsgesetz, den volksfeindlichen Schwindel der Finanzreform, ja sogar das Gemisch von Flickwerk und Ausnahmerecht der Reichsversicherungsordnung. Herr Kämpf aber ist berufen, an den weiteren Wunderwerken des Liberalismus hervorragend mitzuwirken. Ihm muß daher die Wahlhilfe aller liberalen Frauen zuteil werden. Die demokratischen Frauenrechtlerinnen sparten an diesen Ausführungen nicht mit ihrer Kritik. Nach ihnen ist Herr Gädke der auserlesene Mann, für den die Frauen eintreten müssen, denn mit Sachkenntnis kann er über den Militarismus urteilen, und ohne Schwanken tritt er für die Frauenrechte ein.„ Ach, gehen Sie doch mit Ihrem Herrn Gädke in andere Kreise," hieß es von einer Seite. Unmutig schallte es zurück:„ Stören Sie uns hier im ersten Wahlkreis nicht, wir müssen sorgen, daß nicht ganz Berlin rot wird." Dies Wort verriet des Pudels Kern. Der pußige Sturm im Finken näpfchen endete zuguterlegt mit Fräulein Lischnewstas feierlichem Schwur, daß die liberalen Frauen im Bunde mit dem Liberalismus und gegen die Sozialdemokratie für Deutschlands Zukunft fämpfen wollen. Bittere, Byzanz! Verschiedenes. Nr. 7 Eine alltägliche Geschichte. Ein zartes, schwaches Mädchen wird auf meine Abteilung gebracht; ich untersuche es im großen Krantensaal und finde nichts als ein leicht erregbares, nervöses Herz, eine allgemeine Erschöpfung, die inneren Organe scheinen durchaus gesund zu sein. Instinktiv weiß ich, hier liegt hauptsächlich ein seelisches Leiden vor, hier hilft nicht der Arzt, sondern nur der teilnehmende, mitfühlende und verstehende Mensch. Ich bitte daher die Patientin in mein Sprechzimmer, geleitet von der Hoffnung, daß es mir in einer Unterredung unter vier Augen gelingen möge, das Ver trauen des Mädchens zu gewinnen, es zu einer offenen Aussprache zu veranlassen. Das Mädchen erzählte mir eine ganz alltägliche Geschichte. " Ich liebte einen Ingenieur, meine Eltern, einfache Arbeiter, bezweifelten von der ersten Minute an den Ernst seiner Absichten und warnten mich unaufhörlich vor dem vornehmen Freier. Ich schlug alle Warnungen in den Wind und glaubte den Worten meines Geliebten. Freudestrahlend ging ich mit ihm, so oft er aus der benachbarten Stadt zu einem Stelldichein kam. Aber nicht lange sollte mein Glück währen. Es war bald kein Zweifel mehr möglich, ich war schwanger, und die Mitteilung hiervon beant wortete mein Bräutigam mit tiefem Schweigen. Von dieser Stunde an hat er kein Wort mehr geschrieben, sich nie nach meinem Bes finden erkundigt, feinen Pfennig Geld hat er geschickt, damit ich für das Kindchen sorgen konnte. Was sollte ich tun? Tagsüber mußte ich mit freundlichem Ge sicht hinter dem Ladentisch stehen und Kunden bedienen, die Nächte verbrachte ich schlaflos, gequält von Verzweiflung, Kummer, Sorge und Angst. Angst vor dem Vater, der von meinem Zustand nichts ahnte. Am schlimmsten von allem aber war die grenzenlose Ent täuschung, der Abscheu und Elel vor dem Verführer. Nach und nach wurde meine körperliche Schwäche und Hinfälligfeit so groß, daß ich einen Arzt aufsuchen mußte. Dieser zog noch einen zweiten zu Rate, und die Herren beschlossen mit Rücksicht auf meine Hinfälligkeit und aus Furcht vor einer beginnenden Lungenerkrantung die Schwangerschaft künstlich zu unterbrechen. Ohne Wissen meiner Eltern lag ich im Krankenhaus, die Operation wurde vorgenommen. Schimpf und Schande wurden von mir ab gewendet, aber- obwohl auch die Lunge wieder ausgeheilt ist ich kann dieses Erlebnis nicht überwinden, ich kann nicht mehr zu Kräften kommen, mein Lebensmut ist gebrochen. Ein volles Jahr lag ich schon im Krankenhaus, über 1000 Mt. haben meine armen Eltern für mich bezahlen müssen, denn ich gehöre keiner Kasse an." Wem drängen sich bei einer solchen Erzählung nicht eine Menge Gedanken auf? Man könnte darauf hinweisen, daß es für ein Mädchen immer sehr unklug und in vieler Hinsicht sehr gewagt ist, sich vor der Verheiratung in geschlechtlichen Verkehr einzulassen; man fönnte warnen, den Eintritt in eine Krankenkasse nicht zu unterlassen usw. Mich interessiert hier aber nur die Frage, wie weit der Mann gesetz lich verpflichtet gewesen wäre, für den entstandenen materiellen und ideellen Schaden aufzukommen. Mir will scheinen, daß die§§ 1715 und 1300 des Bürgerlichen Gesetzbuchs darüber Aufschluß geben. Nach§ 1715 ist der Mann verpflichtet, der unehelichen Mutter die Kosten der Entbindung sowie die Kosten des Unterhaltes für die ersten sechs Wochen nach der Entbindung zu ersehen, ebenso auch die weiteren Aufwendungen, die infolge der Schwangerschaft oder Entbindung notwendig werden. Der Anspruch steht der Mutter auch zu, wenn das Kind tot geboren ist.§ 1300 lautet:" Hat eine unbescholtene Verlobte ihrem Verlobten die Beiwohnung ge stattet, so kann sie, wenn die Voraussetzungen des§ 1298 oder des § 1299 vorliegen, auch wegen des Schadens, der nicht Vermögens schaden ist, eine billige Entschädigung in Geld verlangen." Es scheint aber unzweifelhaft aus dem Gesetz hervorzugehen, daß der Mann die 1000 Mt. und noch mehr hätte zahlen müssen. Weder dem Mädchen noch mir war etwas von diesen Paragraphen bekannt. Ich mußte erst im Gesetzbuch nachlesen, um mich über den Rechtsanspruch der Patientin zu vergewissern. Da ich fürchte, daß noch mehr Menschen unsere Unkenntnis teilen und fein Gesetzbuch zur Hand haben, habe ich diese kleine alltägliche Geschichte geschrieben, um zu mahnen, daß sich junge Mädchen oder ihre Ver wandten in ähnlichen Fällen ja an einen Rechtsanwalt, ein Ar beitersekretariat oder eine Rechtsschutzstelle wenden möchten. Es kann dann wenigstens ein Teil der materiellen Schädigung wieder gutgemacht werden, der der Verlassenen zugefügt worden ist. Dr. med. Marie Kaufmann. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.