Nr. 8 22. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 8. Januar 1912 Jm Asyl. Von R. Luxemburg. Zwei Welten. Vor der Ent scheidung. Von Luise Ziez. Für unser Bürgerrecht. Zur Lage der Heimarbeiterinnen in der Hutfabrikation. I. Von Johannes Heiden. Mutter und Kinder in der Armenpflege. Von Edmund Fischer. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Drganisationen. - Tätigkeitsbericht der Leipziger Kinderschutzkommission. Wir können euch doch schlagen! Von Emma Dölz. Politische RundEin Tänzeschau. Von H. B.- Gewerkschaftliche Rundschau. rinnenstreif. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Fürsorge für Mutter und Kind. Soziale Gesetzgebung. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenstimmrecht. Frauenbewegung. Im Asyl. Unsere Reichshauptstadt ist in ihrer Feiertagsstimmung grausam gestört worden. Gerade hatten fromme Gemüter das schöne alte Lied angestimmt: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! als sich die Nachricht verbreitete, daß im städtischen Asyl für Obdachlose eine Massenvergiftung vorgekommen war. Alte und Junge fielen ihr zum Opfer: Handlungsgehilfe Joseph Geihe, 21 Jahre alt, Arbeiter Karl Melchior, 47 Jahre alt, Lucian Szczyptierowski, 65 Jahre alt jeden Tag kamen neue Listen der vergifteten Obdachlosen. Der Tod fand sie überall: im Asyl, im Gefängnis, in der Wärmehalle oder einfach auf der Straße, in einer Scheune verkrochen. Bevor das neue Jahr mit Glockengeläute eingezogen war, wanden sich anderthalbhundert Obdachlose in Todesschmerzen, hatten siebzig das Beitliche gesegnet. Mehrere Tage lang stand das schlichte Gebäude in der Fröbelstraße, das sonst jeder gerne meidet, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Woher kamen die Massenerkranfungen? War es eine Epidemie, war es eine Vergiftung durch den Genuß fauler Speise? Die Polizeibehörden beeilten sich, die gute Bürgerschaft zu beruhigen: es war feine ansteckende Krankheit, das heißt: es lag feine Gefahr vor für die anständige Einwohnerschaft, für die besseren Leute in der Stadt. Der Massentod blieb nur auf die„ Asylistenkreise" beschränkt, auf die Leute, die sich den Genuß sehr billiger", stinkender Bücklinge oder giftigen Fusels zu Weihnachten geleistet hatten. Woher hatten die Leute aber jene stinkenden Bücklinge genommen? Hatten sie sie von einem ,, fliegenden Fischhändler" gekauft oder aus dem Kehricht in der Markthalle aufgelesen? Lettere Mutmaßung wurde abgelehnt aus einem gewichtigen Grunde: der Abfall in den städtischen Markthallen ist nicht, wie sich oberflächliche und nationalökonomisch ungebildete Leute vorstellen, herrenloses Gut, das sich der erste beste Obdachlose aneignen dürfte. Dieser Abfall wird gesammelt und an große Schweinemästereien verkauft, wo er, erst sorgfältig desinfiziert und vermahlen, als Futter für die Schweine dient. Wachsame Organe der Markthallenpolizei sorgen dafür, daß menschliches Gesindel Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. hier nicht den Schweinen ihr Futter unbefugterweise wegschnappt, um es undesinfiziert und unvermahlen zu verschlingen. Die Obdachlosen konnten also unmöglich, wie sich mancher das so leicht denkt, ihren Weihnachtsschmaus aus dem Kehricht der Markthalle aufgelesen haben. Die Polizei fahndet demnach nach dem„ fliegenden Fischhändler" oder dem Budiker, der den Obdachlosen den Giftfusel verkauft hat. Ihr ganzes Leben lang hatten Joseph Geihe, Karl Melchior, Lucian Szczyptierowski nicht so viel Aufmerksamkeit mit ihrem bescheidenen Dasein erregt. Jetzt- welche Ehre! Wirkliche Geheime Medizinalräte wühlen eigenhändig in ihren Gedärmen. Der Inhalt ihres Magens, der der Welt so durchaus gleichgültig gewesen war, wird jezt peinlich geprüft und in der ganzen Presse besprochen. Zehn Herren- hieß es in den Zeitungen sind mit der Züchtung von Reinkulturen des Bazillus beschäftigt, an dem die Asylisten gestorben sind. Die Welt will auch genau wissen, wo jeder Obdachlose erfrankte: ob in der Scheune, wo er tot von der Polizei aufgefunden wurde, oder schon im Asyl, wo er vorher übernachtet hatte. Lucian Szczyptierowski ist plötzlich zu einer gewichtigen Persönlichkeit geworden, und er würde sich sicher bor Eitelkeit blähen, läge er nicht als übelriechende Leiche auf dem Seziertisch. Ja, selbst der Kaiser- der gottlob durch die jüngste Teuerungszulage von drei Millionen Mark zu seiner Zivilliste als preußischer König wenigstens vor dem ärgsten bewahrt isterkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden der Vergifteten im städtischen Obdach. Und seine hohe Gattin ließ in echter Weiblichkeit durch den Kammerherrn v. Winterfeldt dem Oberbürgermeister Kirschner ihr Beileid ausdrücken. Der Oberbürgermeister Kirschner hat zwar von dem faulen Bückling trotz dessen Billigkeit nichts genossen und befindet sich nebst Familie in ausgezeichneter Gesundheit. Auch ist er unseres Wissens mit Joseph Geihe und Lucian Szczyptierowski weder verwandt noch verschwägert. Aber schließlich wem sollte der Kammerherr v. Winterfeldt das Beileid der Kaiserin ausdrücken? Vor den Zeichenteilen auf dem Seziertisch konnte er nicht gut die Grüße der Majestät ausrichten. Und die trauernden Hinterbliebenen"? Wer kennt sie, wer findet sie in den Spelunken, Findelhäusern, den Prostituiertenvierteln oder auch in den Fabriken und Gruben heraus? So nahm der Oberbürgermeister Kirschner in ihrem Namen das Beileid der Kaiserin entgegen, und es gab ihm Kraft, den Schmerz der Szczyptierowskis mit Fassung zu ertragen. Auch im Rathaus bewies man bei der Ratastrophe im Asyl mannhafte Roltblütigkeit. Man refognoizierte, fontrollierte, protokollierte, beschrieb lange Bogen Papier, behielt aber bei alledem den Kopf oben und blieb bei den Todeswindungen andere so mutig und standhaft wie antife Helden im Angesicht des eigenen Todes. Und doch hat der ganze Vorfall einen schrillen Migton in das öffentliche Leben hineingebracht. Für gewöhnlich sieht unsere Gesellschaft im ganzen ziemlich wohlanständig aus; sie hält auf Ehrbarkeit, auf Ordnung und gute Sitten. Frei 114 Die Gleichheit lich gibt es Mängel und Unvollkommenheiten im Bau und Leben des Staates. Aber hat denn die Sonne nicht auch ihre Flecken? Und gibt es denn überhaupt etwas Vollkommenes hienieden? Die Arbeiter selbst, namentlich die beffer gestellten, die organisierten, glauben gern, daß alles in allem Dasein und Kampf des Proletariats in den Grenzen der Ehrbarkeit und Wohlanständigkeit abläuft. Ist denn die ,, Verelendung" nicht als graue Theorie längst widerlegt? Jedermann weiß, daß es Asyle, daß es Bettler, Prostituierte, Geheimpolizisten, Verbrecher und„ lichtscheue Elemente" gibt. Aber das alles wird gewöhnlich als etwas Fernes und Fremdes empfunden, als etwas, das irgendwo außerhalb der eigentlichen Gesellschaft liegt. Zwischen der rechtschaffenen Arbeiterschaft und jenen Ausgestoßenen steht eine Mauer, und man denkt selten an den Jammer, der jenseits der Mauer im Rot friecht. Plötzlich passiert etwas, das so wirkt, wie wenn inmitten eines Kreises wohlerzogener, feiner und freundlicher Menschen jemand zufällig unter kostbaren Möbeln Spuren scheußlicher Verbrechen, schamloser Ausschweifungen aufdecken würde. Plötzlich wird unserer Gesellschaft durch ein grauenhaftes Gespenst des Elends die Maske der Wohlanständigkeit abgerissen, ihre Ehrbarkeit als die Schminke einer Dirne erwiesen. Plötzlich zeigt sich, daß unter dem äußeren Rausch und Tand der Zivilisation ein Abgrund der Barbarei, der Vertierung gähnt; Bilder der Hölle steigen auf, wo menschliche Geschöpfe im Nehricht nach Abfällen wühlen, in Todeszuckungen sich winden und verreckend ihren Besthauch nach oben senden. Und die Mauer, die uns von diesem düsteren Reich der Schatten trennt, erweist sich plöglich als eine bloße bemalte papierene Kulisse. Wer sind die Bewohner des Asyls, die dem faulen Bückling oder dem giftigen Fusel zum Opfer fielen? Ein Handlungsgehilfe, ein Bautechniker, ein Dreher, ein Schlosser Arbeiter, Arbeiter lauter Arbeiter. Und wer sind die Namenlosen, die von der Polizei nicht refognosziert werden fonnten? Arbeiter, lauter Arbeiter oder solche, die es noch gestern waren. Und kein Arbeiter ist vor dem Asyl, vor dem vergifteten Bückling und Fusel gesichert. Heute noch rüstig, ehrbar, fleißig - was wird aus ihm, wenn er morgen entlassen ist, weil er die fatale Grenze der vierzig Jahre erreicht hat, bei der ihn der Unternehmer für unbrauchbar" erklärt? Was, Denn er morgen einen Unfall erleidet, der ihn zum Krüppel, zum Rentenbettler macht? Man sagt: zum großen Teil verfallen dem Armenhaus und dem Gefängnis nur schwache und schlechte Elemente: schwachsinnige Greise, jugendliche Verbrecher, abnorm veranlagte Menschen mit verminderter Zurechnungsfähigkeit. Mag stimmen. Aber schwache und schlechte Naturen aus höheren Klassen kommen nicht ins Asyl, sondern in Sanatorien oder in den Kolonialdienst, wo sie an den Negern und Negerweibern ihre Instinkte ausleben können. Idiotisch gewordene ehemalige Königinnen und Herzoginnen verleben den Rest. ihrer Tage in abgeschlossenen Palästen, umgeben von Luxus und ehrerbietiger Dienerschaft. Für das alte irrsinnige Scheusal, das Tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat, und dessen Sinne durch Mord und geschlechtliche Ausschweifung stumpf geworden sind, für den Sultan Abdul Hamid hat die Gesellschaft als legten Ruhewinkel eine prunkvolle Villa mit Luftgärten, perfekten Köchen und einen Harem aus blühenden Mädchen vom zwölften Jahre aufwärts. Für den jugendlichen Verbrecher Prosper Arenberg ein Buchthaus mit Champagner, Austern und lustiger Herrengesellschaft. Für abnorm veranlagte Fürsten die Schonung der Gerichte, die Pflege heroischer Gattinnen und der stille Trost eines guten alten Weinkellers. Für die sinnesfranke unzurechnungsfähige Offiziersfrau aus Allenstein, die einen Mord und einen Sebstmord verschuldet hatein behagliches bürgerliches Dasein, Seidentoiletten und disfrete Sympathie der Gesellschaft. Nr. 8 Aber die alten, schwachen, unzurechnungsfähigen Proletarier verreden wie die Hunde in Konstantinopel auf den Straßen, an Zäunen, in Asylen, in Gossen, und neben ihnen den Schwanz findet man als einzige Hinterlassenschaft eines fauligen Bücklings. Die Klassenspaltung zieht sich schroff und grausam bis in den Irrsinn, bis ins Verbrechen, bis in den Tod hinein. Für das besigende Gefindet- Schonung und Lebensgenuß bis zum letzten Atemzug, für den proletarischen Lazarus proletarischen Lazarus Skorpione des Hungers und der Giftbazillus des Todes auf dem Kehrichthaufen. Hier schließt sich der Ring des proletarischen Daseins in der kapitalistischen Gesellschaft. Der Proletarier beginnt als tüchtiger und ehrbarer Arbeiter, von Kindesbeinen auf in der Tretmühle der geduldigen täglichen Fron für das Kapital. Zu Millionen und aber Millionen sammelt sich die goldene Ernte in den Scheunen der Kapitalisten, ein immer mächtigerer Strom der Reichtümer wälzt sich durch die Banken, durch die Börsen, indes die Arbeiter in grauer unscheinbarer schweigender Masse tagtäglich die Tore der Fabriken und Werke verlassen, wie sie sie am Morgen betreten- als Habenichtse, als ewige Händler, die das Einzige zu Markte tragen, was sie besitzen die eigene Haut. Von Zeit zu Zeit fegt sie ein Unfall, ein schlagendes Wetter zu Dußenden und Hunderten unter die Erde ein kurzer Zeitungsbericht, eine runde Zahl meldet das Unglüd, nach einigen Tagen sind sie vergessen, ihr letzter Seufzer wird von dem Keuchen und Stampfen der geschäftigen Profitmacherei erstickt. Nach einigen Tagen stehen neue Duzende und Hunderte an ihrer Stelle im Joche des Kapitals. Von Zeit zu Zeit kommt eine Arise, fommen Wochen und Monate der Arbeitslosigkeit, des verzweifelten Ringens mit dem Hunger. Immer wieder gelingt es dem Arbeiter, fich auf eine Stufe der Tretmühle zu schwingen, glücklich, daß er wieder für das Kapital Muskeln und Nerven anspannen darf. Doch die Kraft versagt allmählich. Eine längere Arbeitslosigkeit, ein Unfall, das nahende Alter und dieser und jener muß zur ersten besten Beschäftigung greifen, gleitet aus dem Beruf und sinkt unaufhaltsam hinab. Die Arbeitslosigkeit wird immer länger, die Beschäftigung immer unregelmäßiger. Der Zufall beherrscht bald das Dasein des Proletariers, das Unglück verfolgt ihn, die Teuerung trifft ihn am härtesten. Die ewig gestraffte Energie im Ringen um das Stück Brot lockert sich endlich, die Selbstachtung läßt nach er steht vor den Toren des Asyls für Obdachlose oder, je nachdem, vor den Toren des Gefängnisses. Jedes Jahr sinken so Tausende von proletarischen Existenzen aus den normalen Klassenbedingungen der Arbeiterschaft in das Dunkel der Verelendung. Sie sinken unhörbar, wie der Bodensat, auf den Grund der Gesellschaft als verbrauchte nutzlose Elemente, aus denen das Kapital feine Säfte mehr auspressen kann, als menschlicher Kehricht, der mit eisernem Besen weggefegt wird: der Arm des Gesetzes, Hunger und Kälte wirken hier um die Wette. Und zunt Schluß reicht die bürgerliche Gesellschaft ihren Ausgestoßenen den Giftbecher. Das öffentliche Armenwesen sagt Karl Mary im ,, Rapital" bildet das Invalidenhaus der beschäftigten Arbeiter und das tote Gewicht der Arbeitslosen. Die Entstehung der öffentlichen Armut ist unzertrennlich verbunden mit der Entstehung der vorrätigen unbeschäftigten Arbeiterschicht, beide sind gleich notwendig, beide sind Lebensbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung des Reichtums. Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das ausbeutende Kapital, der Umfang und die Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Ergiebigkeit seiner Arbeit, desto größer die Schicht der Arbeitslosen. Je größer aber diese Schicht im Verhältnis zur beschäftigten Arbeitermasse, desto massenhafter die überzähli gen Berarmten. Dies ist das absolute allgemeine Gesetz der kapitalistischen Produktion. Nr. 8 Die Gleichheit Lucian Szczyptierowski, der auf der Straße endet, vergiftet vom faulen Bückling, gehört ebenso zum Dasein des Proletariats wie jeder qualifizierte, bestbezahlte Arbeiter, der sich gedruckte Neujahrskarten und eine vergoldete Uhrfette leistet. Das Asyl für Obdachlose und der Polizeigewahrsam sind ebenso Säulen der heutigen Gesellschaft wie das Reichskanzlerpalais und die Deutsche Bank. Und der vergiftete Bücklingschmaus mit Fusel im städtischen Obdach ist die unsichtbare Unterlage für den Kaviar und Champagner auf dem Tische der Millionäre. Die Herren Geheimen Medizinalräte können lange den Todeskeim in den Gedärmen der Vergifteten durch das Mikroskop suchen und„ Reinkulturen" züchten: der wirkliche Giftbazillus, an dem die Berliner Asylisten gestorben sind, heißt kapitalistische Gesellschaftsordnung in Reinkultur. Jeden Tag sterben einzelne Obdachlose, brechen vor Hunger und Kälte zusammen kein Mensch nimmt von ihnen Notiz, bloß der Polizeibericht. Nur die Massenhaftigfeit der Erscheinung erregte diesmal in Berlin das große Aufsehen. Nur als Masse, das Elend zuhauf getragen, vermag der Proletarier die Gesellschaft zur Aufmerksamkeit für sich zu zwingen. Selbst der Lette, der Obdachlose wird als Masse, und sei es bloß als Haufe von Leichen, zu einer öffentlichen Größe! Gewöhnlich ist ein Leichnam ein stummes unansehnliches Ding. Es gibt aber Leichen, die lauter reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln. Nach dem Barrikadenkampf am 18. März 1848 hoben die Berliner Arbeiter die Leichen der Gefallenen in die Höhe, trugen sie vor das Königsschloß und zwangen den Despotismus, vor den Opfern das Haupt zu entblößen. Jetzt gilt es, die Leichen der vergifteten Obdachlosen in Berlin, die Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blut sind, auf Millionen Proletarierhänden emporzuheben und ins neue Jahr des Kampfes zu tragen mit dem Rufe: Nieder mit der infamen GesellschaftsordR. Luxemburg. nung, die solche Greuel gebärt! Zwei Welten. Unter heißen Kämpfen, mit dem Ausblick auf weitere harte Auseinandersetzungen mit der befizenden und herrschenden Minderheit zieht das neue Jahr für die deutsche Arbeiterklasse herauf. Die organisierte Tabakarbeiterschaft ringt zäh und opferfreudig, um das Gespenst des nackten Hungers aus den armseligen Wohnungen der westfälischen Brüder und Schwestern zu verscheuchen, die bei trostloser Heimarbeit allen bösen Folgen der Steuer- und Zollpolitik des Reiches ausgeliefert zu den Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten gehören. Unter den Metallarbeitern zittert noch die tiefe Erregung des kaum beendeten schweren Kampfes in Berlin nach, und zum Bereitsein stachelt sie die Gewißheit an, daß die organisierten Scharf macher zu weiteren, größeren Kampagnen rüsten. Es gärt und brodelt im Grubenproletariat, das wieder und wieder von der Regierung Preußens und des Reiches im Bunde mit den Zechenbaronen genasführt und sogar um die mögliche Sicherung von Gesundheit und Leben gegen die drohenden Gefahren des Berufs geprellt worden ist. In vielen anderen Industrien stehen augenblicklich Ausgebeutete in Lohnbewegungen oder auch im Kampfe, und zahlreicher noch sind die Arbeitergruppen, für die sich sichere Zusammenstöße mit dem Unternehmertum ankündigen. Es erweist sich, daß das„ bewährte Wirtschaftssystem" des Deutschen Reiches, das durch die Verteuerung der Lebenshaltung die Reichen reicher, die Armen ärmer macht, die fronenden Massen auf der ganzen Linie vorwärts zum Kampfe treibt. Sie würden sich selbst und ihre greifbarsten Interessen aufgeben, wollten sie nicht den Teuerungspreisen der von ihnen geschaffenen Waren die höhere Bezahlung des einzigen Gutes gegenüberstellen, das ihnen die kapitalistische 115 Ordnung lassen muß: ihrer Arbeitskraft. Die Ereignisse der lezten Jahre lassen es jedoch nicht im Dunkel, daß es bei den gegenwärtigen und fünftigen Kämpfen den Ausbeutenden viel weniger um das Zurückschlagen besserer Arbeitsbedingungen geht, als vielmehr um die Bertrümmerung der gewerkschaftlichen Organisation. Mit den paar Pfennigen Lohnerhöhung und anderen Forderungen noch könnten sich die Herren allenfalls abfinden zumal in den Zeiten, wo der Aufschwung in vielen Industrien wahre Goldströme in ihre Rassen leitet, nicht aber mit der Kampfesbereitschaft und Kampfestüchtigkeit, welche die Organisation gibt. So wird das Ringen um Sein oder Nichtsein der Gewerkschaftsverbände mehr und mehr zum Mittelpunkt, zum eigentlichen Inhalt der wirtschaftlichen Kämpfe zwischen Kapitalisten und Proletariern. Wie in den Massenaussperrungen kommt das in den Bluturteilen des vergangenen Jahres wegen sogenannter Streifvergehen zum Ausdruck, namentlich aber in dem Streben, das gemeine Recht zum gemeinsten Ausnahmerecht gegen die Arbeiter umzudeuten und die bevorstehende Reform des Strafgesetzbuchs zu einer Meuchelung der Koalitionsfreiheit zu mißbrauchen. Die Auseinandersetzungen zwischen den organisierten Ausbeutern und Ausgebeuteten auf wirtschaftlichem Gebiet werden zu Machtproben zwischen diesen unversöhnlichen Feinden, die die bürgerliche Ordnung schafft und gegeneinander treibt. Daher schlägt ihr Ringen in immer höher sich bäumenden Wellen in das politische Leben hinein und erhebt sich auch hier zu einem Kampfe um die Macht und damit letzten Endes um Sein oder Nichtsein der bürgerlichen Ordnung selbst. Die Leidenschaft und Wucht des Reichstagswahlkampfes, dessen Waffenlärm das neue Jahr grüßt, lassen die Ausdehnung und Verschärfung der politischen Gegensätze zwischen den beiden großen gesellschaftlichen Klassen erkennen. Vor diesem Gegensatz versinken die„ Unstimmigkeiten" zwischen den verschiedenen Schichten der Besitzenden gleich wesenlosen Schemen. Als belanglose Razbalgereien erscheinen die Fehden zwischen Konservativen, Zentrümlern und Liberalen über das Maß, in dem sie wie im verflossenen Reichstag auch fünftig die Interessen von Landwirtschaft und Industrie" -lies von Junkern und Schlotbaronen- vertreten wollen; in dem sie sich für Militär- und Marineforderungen, für Kolonialabenteuer und Kriegshezen begeistern; in dem sie „ königstreu bis in die Knochen" mit dem selbstherrlichen Regiment wegen der einen oder anderen Extratour nach links schmollen und grollen oder aber ihm bedientenhaft in dem Bewußtsein schmeicheln, welche trefflichen Dienste es zur Niederhaltung der Habenichtse zu leisten vermag. Da ist auch nicht eine große bürgerliche Partei, die den Wagen der Reichspolitik umkehren und in die Bahnen lenfen möchte, in denen die Geschichte die Arbeiterklasse ihrer Befreiung entgegenführt. Scharf, unverhüllt zeigt es sich, daß über alle häuslichen Zwistigkeiten der Besizenden hinweg die bürgerlichen Parteien einander in die Arme sinken und den Bruderkuß der„ Sammlung" tauschen, wo ihnen in der Gestalt der Sozialdemokratie die politische Sachwalterin der proletarischen Interessen entgegentritt. Gewiß gibt es politische Forderungen, für deren Verwirklichung das deutsche Bürgertum Anschluß nach links, an die ArbeiterKlasse suchen müßte. Die schamlose agrarische Liebesgabenwirtschaft zurückzuwerfen, die politische Herrschaft der Junker in Preußen zu brechen und damit auch die Allmacht der verjunkerten Bureaukratie im Reiche: das wären Fortschritte, aufs innigste von ihm zu wünschen. Da sie jedoch nur im Bunde mit dem klassenbewußt in der Sozialdemokratie kämpfenden Proletariat erzwungen werden könnten, so haben sich unsere Bourgeois mitsamt ihrem Kometenschweif von Kleinbürgern,„ neuen Mittelständlern" und Intelligenzlern bis heute damit abgefunden, daß die Junker wirtschaftlich und politisch im Rohre siten und sich ihre Pfeifen schneiden. Denn lieber lassen sie sich von diesen brutalen Beutepolitikern den Reiterstiefel ins Genic stoßen, als daß sie den 116 Die Gleichheit Nr. 8 Arbeitern einen Zuwachs an Rechten und Macht gönnen Würden. Die Art und Weise, wie der„Linksliberalismus" den berühmten Kampf nach zwei Fronten führt, schließt jeden Zweifel darüber aus, daß die Weichen seiner Entwicklung nach rechts gestellt find. Was besagen alle Eidesschwüre, welche die um Fischbeck, Wiemer und Payer unter dem Zwange unentbehrlicher sozialdemokratischer Stichwahlhilse für die Heiligkeit der Koalitionsfreiheit ablegen, angesichts der Tatsache, daß im sächsischen Landtag fortschrittliche Volksparteiler dazu gehetzt haben, daß die Reform des Strafrechts zu einem Ausnahmegesetz gegen die kämpfenden Arbeiterorganisationen zurecht gehämmert werde? Schwärmt nicht für die weitere„Ausgestaltung" des Heeres die„Frankfurter Zeitung", die sich so gern damit brüstet, eine Vorkämpferin sozialer Reformen und der Demokratie zu sein? Und triefen die Versammlungsreden und Flugblätter der Naumann � Cie. nicht von mordspatriotischen, imperialistischen Phrasen, glühen sie nicht vom Bewilligungseifer der Herren für Rüstungszwecke, von ihrer Begeisterung für den Kolonialschwindel, der die elementarsten Rechte fremder Völkerschaften linier die Füße tritt, um die deutschen Werktätigen besser und länger ausbeuten und knechten zu können? Bürgerliche und proletarische Politik stehen im Neichs- tagswahlkampf so schroff gegeneinander wie die unüberbrückbaren Klassengegensätze selbst, die ihr Nährboden find. Da die Politik des Imperialismus mit ihrem Rüstungswahnsinn und ihrer Kriegsgefahr, mit dem Steuer- und Zollwucher, mit dem Stillstand der Sozialreform und der Knebelung der Koalitionsfreiheit, mit der Verweigerung demokratischer Rechte für die Massen und der Stärkung der persönlichen Negiererei. Hier die Politik des Sozialismus, die sich dem allem mit breiter Brust entgegenstemmt und im Klassenkampf grundsätzlich für eine gerechte Verteilung der Steuerlasten und eine vernünftige Wirtschaftspolitik, für eine durchgreifende Sozialreform und das unbeschränkte politische Recht der Massen streitet und Militarismus und Völkerverhetzung mit ihrem Gefolge ägyptischer Plagen durch die Betätigung der internationalen Solidarität der Ausgebeuteten überwinden will. Aber auch die politischen Waffengänge zwischen Beherrschten und Herrschenden erhalten heute ihre Schärfe weniger durch die einzelnen Forderungen, die dabei in den Vordergrund treten, als durch die Machtstärkung, die für das Proletariat auf dem Spiele steht. Denn kein Säbelrasseln, kein Bitten und Beten kann verhindern, daß der Geschichte ewiges Muß sich erfüllt, daß sich der Sieg je länger je unvermeidlicher dem Proletariat zuneigt, dieweil„der Herrgott noch immer bei den stärksten Bataillonen gewesen ist", wie der alte Fritz gesagt hat. So geht es auch bei der Reichstagswahl den bürgerlichen Parteien und den durch sie vertretenen Schichten der Besitzenden ums Ganze ihrer Klassenherrschaft. Sicher nicht in dem Sinne, daß sie befürchten, der Einzug einer starken sozialdemokratischen Fraktion in den Reichstag sei gleichbedeutend mit der Weltwende der„Expropriation der Expropriateure". Wohl aber insofern, als sie vor der Rückwirkung der parlamentarischen Tätigkeit einer solchen Fraktion auf die Massen zittern, namentlich vor ihrer unbarmherzigen grundsätzlichen Kritik an der heutigen Gesellschaftsordnung. denn sie macht die Ausgebeuteten sehend und gibt ihnen mit dem Ziele ihres Kampfes das Bewußtsein ihrer Macht. In diesem Zusammenhang begreift es sich, daß die diesmalige Reichstagswahl die bürgerlichen Schichten zu einer politischen Aktivität aufgepeitscht hat, die sie im Kampfe gegen Absolutismus und Junkertum iroch stets vermissen ließen. So kann dieser Wahlkampf nicht als bloßes parlamentarisches Scharmützel ausgefochten werden, er ist eine Generalschlacht von historischer Tragweite, ein Treffen zweier Welten. Der„Sammlung" der Ausbeutenden muß das deutsche Proletariat die Sammlung aller guten Geister, aller demente seiner Macht entgegenstellen: das klare Bewußtsein seiner geschichtlichen Aufgaben, den höchsten Idealismus und die unbeugsame revolutionäre Energie. Allein auf sich und die eigene Kraft angewiesen und doch gerade in dieser seiner Isolierung unüberwindlich, zieht es in den Kampf in der Richtung, die ihm sein sozialistisches Endziel weist. Seine Stärke beruht in der Erkenntnis: In diesem Zeichen wirft du siegen! Vor der Entscheidung. Wenn unsere Leser diese Zeilen in die Hand bekommen, trennen uns nur noch wenige Tage von der Hauptwahl, dein Hauptakt des Wahlkampfes. Mutvoll und tapser haben unsere Genossinnen sich in die ersten Kampfesreiben der Sozialdemokratie gestellt, um ini Interesse ihrer Klasse und ihres Geschlechts zu wirken; um die politisch erregte Zeit des Wahlkampfes zu nutzen zur Propaganda für unsere Anschauungen, zur Anwerbung von Kämpfern für unsere Ziele. Um so inehr erfaßt sie daher tiefe Erbitterung und lodernder Zorn, daß sie beim Wahlakt als politisch Rechtlose beiseite stehen und bei der endgültigen Entscheidung nicht mitwirken dürfen. Denn just ihre Beteiligung am Wahlkampf hat in ihnen die Erkenntnis vertieft und befestigt, daß es auch nicht eine politische Materie gibt, die nicht hemmend oder fördernd für das Leben der Frauen ist. Die imperialistische Politik der Herrschenden, die die Kriegsgefahr in Permanenz erhält, läßt die Genossinnen mit Grauen an die Möglichkeit eines Weltkriegs denken. dem gerade die Proletarierinnen„Menschenopfer ungezählt" zu bringen haben werden, weil ihre Söhne, ihre Gatten oder ihre Brüder zur„höheren Ehre des Vaterlandes" mit ihrem Herzblut die neu erworbenen oder zu erwerbenden Kolonien düngen müssen. Ilber auch die immer drückender werdenden Gutopfer, die diese Politik erfordert, die von den wahnsinnigen Rüstungen zu Wasser und zu Lande verschlungen werden, lasten mit bleierner Schwere auf den Schultern der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen. Die nimmer weichende Lebensmittelteuerung, mit all ihren bösen Folgen für das Proletariat, ist in der Hauptsache dieser Politik geschuldet: für die arbeitenden Masten ein festeres und immer festeres Anziehen der Zoll- und indirekten Steuerschraube, infolge des unsinnigen Wettrüstens, für die Herrschenden ein lustigeres Sprudeln der schier unerschöpflichen Profitquelle und ein weiteres Verstärken ihrer Machtfülle. Und diese Machtfülle wird in der skrupellosesten Weiss gebraucht, um der Arbeiterklasse Rechte vorzuenthalten, ihr vorhandene Rechte zu rauben und Reformen zu hintertreiben, deren sie dringend bedarf zu ihrem Aufstieg und ihrer endgültigen Befreiung. Es sei nur daran erinnert, wie wenig in Deutschland von einer freiheitlichen Verfassung die Rede sein kann. Die bürgerlichen Parteien als Vertreter der herrschenden Klassen ließen absichtlich die günstigen Gelegenheiten vorübergehen, bei denen es ihnen ein Leichtes gewesen wäre, die Rechte des Volkes und ihrer parlamentarischen Vertretung zu erweitern. Sie versäumten diese Gelegenheit aus dem einfachen Grunde, weil ihnen„der König absolut" gerade recht ist, solange er ihren Willen tut, solange das„persönliche Regiment" dem„Kampfe" gegen die aufstrebende Arbeiterklasse dient. Es sei serner daran erinnert, daß in Preußen, im größten deutschen Bundesstaat, dank dem. elendesten aller Wahlsysteme zum preußischen Landtag, das Proletariat zum politischen Helotentum verdammt ist. In der Folge haben die arbeitenden Massen bitter wenig Einfluß auf all die wichtigen Materien, über die— leider!— unsere Landtage zu entscheiden haben. Es sei daran erinnert, daß die preußische Reaktion der Reaktion im Deutschen Reich einen festen Rückhalt gewährt und sie voran treibt. Diese Tatsache wird erhärtet durch die geradezu unglaubliche Hetze gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter und Arbeiterinnen, daS just Nr. 8 Die Gleichheit gegenwärtig mehr denn je eine soziale Lebensnotwendigkeit für sie ist. Bedürfen sie seiner nicht allein schon, um die Verschlechterungen ihrer Lebenshaltung abzuwehren, die durch die agrarisch- kapitalistische Sollpolitik des Reiches herbeigeführt wird? Die Scharfmacher in Preußen eröffneten den Reigen, ihr Geschwister in Sachsen und Hamburg folgte nach, und in Bayern war es das Zentrum, das die Landesregierung zum Naube des Koalitionsrechtes der süddeutschen Eisenbahner treiben wollte. Und das vor den Wahlen! Wie wird erst nach ihnen der Tanz der Reaktion losgehen! Der dringend notwendige Ausbau des Arbeiter-, Arbeiterinnen- und Kinderschutzes ist während der letzten Regis laturperiode faft ganz unterblieben, und soviel er in Angriff genommen ward( Behnstundentag für Arbeiterinnen, Heimarbeiterschutz), beleuchteten die parlamentarischen Verhandlungen grell die widerliche Arbeiterschutzheuchelei der Besitzenden, die vor jeder durchgreifenden Reform zurückhuften. Wie in der Neichsversicherungsordnung" die Interessen der arbeitenden Massen, insbesondere die der proletarischen Frauen und Kinder mit Füßen getreten sind, haben wir wieder und wieder in der„ Gleichheit" nachgewiesen. Am parlamentarischen Kampf nicht teilnehmen zu dürfen, wo über unsere vitalften Interessen entschieden wird, das ist hart und empörend. Doch Proletarierinnen geziemt es nicht, zu klagen, sondern zu kämpfen. Die Empörung ob unserer Rechtlosigkeit muß neben dem Borne ob all dem übrigen Unrecht, das wir als Angehörige der Arbeiterklasse zu ertragen haben, zum Ausdruck kommen in unserer intensiven, begeisterten und begeisternden Beteiligung am Wahlkampf. Dürfen wir gleich selber noch nicht wählen, so können wir doch Wähler werben, und je mehr wir für die Sozialdemofratie Wähler werben, desto früher wird auch der Zeitpunkt tommen, wo wir mit vollem Bürgerrecht ausgestattet am Wahlkampf teilnehmen und durch das, was weibliche Eigen art zu geben vermag, unser politisches Leben beeinflussen. Denn wo immer die Fahne der Sozialdemokratie entfaltet wird, da kämpft man auch treu für Frauenrechte. Darum auf, Genossinnen, nüßen wir noch die wenigen Tage, um im Interesse unserer selbst und unserer Klasse die Entscheidung des Wahltages zu beeinflussen. Ein glänzender Sieg der Sozialdemokratie! so muß die Entscheidung fallen. Luise Ziez. Für unser Bürgerrecht. Wo und wann immer es in den letzten Jahren um die Demokratie, um das Recht des Volkes ging, dessen eine große Hälfte die Frauen ausmachen, da haben die bürgerlichen Parteien des Reichstags kläglich versagt. Als das persönliche Regiment 1908 durch seine Gesprächig felt das internationale Geschäft der industriellen, handelnden und spekulierenden Bourgeois gestört hatte, sollte es durch den Parlamentarismus fest an die Kandare genommen wer den. Also verkündeten unter großen, tönenden Phrasen die liberalen Blätter und Politiker. Liberale und Zentrümler ließen es im Reichstag bei den Kolophoniumbliken eines Theatergewitters bewenden. Sie haben ihre Position nicht genützt, um die Machtfülle des Kaisers durch das Recht des Parlamentes, der Volksvertretung einzuschränken. Kanzler und Minister sind nach wie vor lediglich die Diener ihres allerhöchsten Herrn, der Lukanus bringt sie und trägt sie fort, ohne daß der beschränkte Untertanenverstand über das Warum Aufklärung erhält. Ihm muß es genügen, daß er die Steuergroschen zu sammentragen darf, um die Ministergehälter zu bezahlen. Und wie das Volk durch seine erwählten Vertreter nicht bei der Anstellung und Entlassung der höchsten Reichsbeamten ntitspricht, so sind diese ihm auch keine Verantwortung für ihre Amtsführung schuldig. Für den Liberalismus hat sich eine der selbstverständlichsten Forderungen eines wirklich konstitutionellen Staates zu einem so belanglosen Etwas verflüchtigt, daß die ganze und volle" demokratische Fortschrittliche Volks117 partet in thr Einigungsprogramm nicht einmal den alten Grundsatz der süddeutschen Fraktion übernommen hat; die Ministerverantwortlichkeit. Bei dem Finanzreformschwindel trug es das zartbefaitete Gemüt des Herrn Müller- Meiningen mit Gottergebung, daß dem Volke eine neue Steuer- und Zollast von 400 Millionen aufgeladen werden sollte, aber es rebellierte in tiefster sittlicher Entrüftung gegen die„ unwürdige Erpresserpolitik", die Bedrängnis der Regierung auszunügen, um größere Rechte für das Volk zu erzwingen. Was Wunder da, daß in der berühmten Königsberger Rede der Absolutismus dreist wie je sein Haupt erhob und unter Mißachtung des Blattes Papier", das proletarische Rebellenfäuste Preußen eroberten, herausfordernd die Theorie von der Strone von Gottes Gnade allein" verkündete. Und hat nicht erst im letzten Sommer der Panthersprung nach Agadir, hat nicht die Marokkopolitik des Länderraubs und Länderschachers mit ihrem Drum und Dran bestätigt, daß das Instrument des Himmels nicht bloß hinter dem Rücken, sondern auch auf dem Rücken des Volkes munter weiterspielt? Die bürgerlichen Parteien aber ließen die Ausschaltung des Reichstags in den Tagen internationaler Gewitterschwüle zu. Sie steckten die verfassungsgemäße Rechtsforderung in die Tasche, daß das Marokko- Kongo- Abkommen zwischen der deutschen und französischen Regierung zu seiner Gültigfeit die Zustimmung des Reichstags erhalten müsse. Warum das alles? Weil die bürgerlichen Parteien ohne Unterfchied der Regimentsnummer, die ihre Uniform trägt, am Ende doch lieber mit dem Junker Oldenburg gemeinsam dem Kaiser die Aufgabe zuweisen, einen Leutnant mit zehn Mann zur Auseinanderjagung der Volksvertreter zu kommandieren, als sie eine sozialdemokratische Majorität im Reichstag hinnehmen würden. Als politische Schutztruppe der Besitzenden ist ihnen der gewalttätigste," blutigste„ Umsturz" des Reiches„ von oben", der jeder fortschrittlichen Entwicklung Wege und Stege sperrt, das kleinere übel, verglichen mit der friedlichsten Machtbetätigung des Proletariats, die mit der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln alle Springquellen einer höheren Kultur erschließen wird. Diese geschichtlich begründete Tatsache spricht auch aus der Stellung der bürgerlichen Parteien zur Frage eines wirklich demokratischen Wahlrechtes. Der Hauptschlacht dafür, die in der preußischen Wahlrechtskampagne geschlagen wird, sind fie feige ausgewichen, wenn sie den Kämpfenden nicht gar tückisch in den Rücken gefallen sind. Unverlöschlich bleibt das Verhalten der Zentrümler, Nationalliberalen und Fortschrittler den proletarischen Massen ins Gedächtnis gebrannt, von den offenen konservativen Wahlrechtsfeinden nicht erst zu reden. Auch die bürgerlichen Demokraten geben im Reichstag das Recht der Arbeiter auf die Straße den Polizeiverfügungen und Polizeiknüppeln preis, und der süddeutsche Volksparteiler v. Payer segnete im Namen der Drdnung auf Vorschuß die Bajonette und Maschinengewehre, die die Regierung gegen die Wahlrechtskämpfer in Bereitschaft hielt. Und das, obgleich mur politische Bettler und Kinder Hoffnungsvolle Toren sein können, die ein demokratisches Wahlrecht in Preußen als Geschenk des Geldsackparlaments erwarten und nicht als den Preis von Massenkämpfen. Kein Sturm der Entrüstung hat im deutschen Reichstag des allgemeinen Wahlrechts den Reichskanzler unmöglich gemacht, der als Ministerpräsident in Breußen hinter den Wällen des Dreiflassenhauses dieses Wahlrecht und die Demokratie in der verächtlichsten Weise geschmäht hatte. Aber freilich: im Grunde wird das allgemeine Reichstagswahlrecht selbst den bürgerlichen Parteien mit jedem Machtzuwachs unbequemer und verhaßter, den es den„ Meuterern" wider die göttliche Ordnung der kapitalistischen Profitmacherei verleiht. Daher hüten sie sich auch wie der Teufel vor dem Weihwasser vor einer Erweiterung des Reichstagswahlrechts, welche die wirksamste Sicherstellung gegen die Umsturzgelüfte der Junker und Scharfmacher wäre. Der Kapitalismus häuft in Großstädten und Industriezentren Riesenheere von Proletariern zusammen, die um einen 118 Die Gleichheit Teil ihres politischen Rechts geprellt werden, weil keine Neueinteilung der Wahlkreise erfolgt, die diese Bevölkerungsbewegung berücksichtigt. Was schert das die bürgerlichen Parteien, die der ungerechten Wahlkreiseinteilung Mandate auf Kosten der Sozialdemokratie verdanken? Die kapitalistische Ausbeutung zwingt den Proletarier in den Kampf ums Dasein, kaum daß er die Schulbank verlassen hat, sie fürzt seine Lebensdauer beträchtlich ab, fnapp bemessen ist die Zeit, in der er seine Interessen mit der Waffe des Bürgerrechts verteidigen kann. Die Herabsetzung der Wahlmündigkeit auf das 20. Lebensjahr tst eine soziale Notwendigkeit für Hunderttausende junger Proletarier, die reif befunden werden, im bunten Rod den Beutel ber Besitzenden gegen den äußeren und inneren Feind zu schirmen. Die bürgerlichen Parteien aber verhöhnen die Rechtsforderung Mündiger als das Geschrei„ grüner Jungen", als bie politische Emanzipation der„ Säuglinge". 9% Millionen Frauen, die im Hauptberuf erwerbstätig find, 3 Millionen, die nebenberuflich dem Verdienst nachgehen, mehren mit Hand und Hirn den materiellen und kulturellen Reichtum im Deutschen Reich. Sie mühen sich schaffend wie die Männer, sie tragen gleich ihnen alle Lasten des Kampfes ums Brot. Hinter ihnen stehen Millionen von Hausmüttern, die mit klugem Sinn und nimmerrastenden Händen zum Besten der Familie das Wenige verwalten, das der Mann erwirbt, die unter Sorgen und Plagen Kinder erziehen, der Gesellschaft zum Nußen. Wozu mancher Dividendenprotz und mancher regierende Fürst unfähig ist, das tun sie: fie leisten gesellschaftlich notwendige, wertvolle Arbeit. Alle biese Frauen bedürften vollen Bürgerrechts, um den Staat, die Gesellschaft zur Rücksicht auf ihr Wohl und Wehe zu zwingen. Ist es nicht heilige Pflicht für sie, sich um der Thrigen willen gegen die Ausplünderung durch das Unternehmertum, durch den Zoll- und Steuerwucher des Reichs zur Wehr zu setzen, für ihr Fleisch und Blut durchgreifende soziale Fürsorge, ausreichende Bildungsgelegenheit zu heischen? Aber die Millionen Frauen, ohne deren Arbeit das Näderwerk des Wirtschaftslebens stillstehen müßte, die Gesellschaft nicht auszukommen vermöchte: sie sind politisch rechtlos. Und das, obgleich ihre arbeitende Eristenz die volle soziale Rechtfertigung ihres politischen Anspruchs ist. Die bürgerlichen Parteien haben weder ein Auge für den endlosen Zug schwerbebürdeter Weiber, denen ihr Bürgerrecht Stab und Stüße sein könnte, noch ein Ohr für den Schrei nach Gerechtigkeit, der von Millionen Frauenlippen zittert. Mit den urältesten Gemeinpläßen des Philistertums, mit Spässen, die keine Spur von Geist erträglich macht, tun sie das Frauenwahlrecht ab. Hat sich nicht die Fortschrittliche Volkspartei geweigert, diese Forderung in ihr Programm aufzunehmen, und ergreifen nicht manche ihrer Führer jede Gelegenheit, um die Sache und ihre Vorkämpfer zu höhnen? Weiße Raben sind diejenigen ihrer Kandidaten, die sich in der gegenwärtigen Wahlkampagne flipp und klar verpflichtet haben, für das Frauen wahlrecht einzutreten. Die Fortschrittliche Volkspartei aber bezeichnet sich auf ihrer Visitenkarte als die Hüterin des demokratischen Prinzips. Welch eine Selbstverhöhnung, welch eine Schmach! Die bürgerlichen Parteien finden sich als die eine reaktionäre Masse bei dem Kotau vor dem Gottesgnadentum einer Familie zusammen, wie bei der Verteidigung des Gottesgnadentums eines Geschlechts. So schließt sich der Ring ihres Verhaltens zu den Forderungen der Demokratie. Die Macht des toten Besizes geht vor dem Rechte des lebendigen Menschen, das ist die Losung, der sie gehorchen. Nur die Sozialdemokratie trägt im Wahlkampf wie in den großen politischen Schlachten dieser Zeit überhaupt den Massen das Banner der Demokratie voran. Sie beugt sich nicht mit den bürgerlichen Parteien dem hochmütigen Spruch: Des Königs Wille ist das höchste Gesez, sie beantwortet ihn fühn mit dem Nufe: Es lebe die Republik! Sie stellt der„ Affenkomödie" der Wahlrechtsreform im preuNr. 8 ßischen Dreiklassenparlament und in anderen hohen Häusern die Sammlung der Massen zum Kampfe für das volle unbeschränkte Wahlrecht aller Großjährigen entgegen. Sie täuscht sich nicht darüber, daß im Ringen für Bürgerrecht nicht die fadenscheinige Weisheit der Staatsmänner das legte Wort hat, sondern die Macht opferwilliger Massen. Der Reichstagswahlkampf der Sozialdemokratie ist der Auftakt zum Massenaufmarsch für die Rechte der Demokratie. Vorwärts, Proletarierinnen! Mit der Sozialdemokratie, für die Sozialdemokratie in den Kampf um unser Bürgerrecht! Zur Lage der Heimarbeiterinnen in der Hutfabrikation. Von Johannes Heiden. I. Die Hutfabrikation ist einer jener Zweige der Heimarbeit, die ausschließlich oder doch vorwiegend Frauen beschäftigen. Die Lage der Heimarbeiterinnen in dieser Branche wird in zwei Abhandlungen beleuchtet, welche in der Sammlung* von Monographien aus der Heimarbeit enthalten find, die zur Frankfurter Heimarbeitsausstellung des Jahres 1908 gehörten und später vereinigt in Buchform erschienen sind. Die eine Monographie behandelt die Strohhutfabrikation in Darmstadt und ist von Dr. jur. et phil. Artur Human, Syndikus der Handels fammer in Darmstadt verfaßt, die andere, von mir verfaßte, erstreckt sich auf die Hutfabrikation in Frankfurt a. M., im Taunus und im Vogelsberg. Die Heimarbeit in der Hutfabrikation verrichtet fast nur Nebenarbeiten: Garnieren von Herren-, Damen- und Kinderhüten; nur Strohhüte werden auch von Heimarbeiterinnen vollständig hergestellt. Das Garnieren besteht in der Anbringung des Leders im Innern des Hutes, des Einfaßbandes am Hut rand, des Kopfbandes mit Schleife und des Sturmbandes. Alle diese Arbeiten werden in der Hausindustrie sowohl bei weichen wie bei harten Hüten mit der Hand verrichtet. Die Nadel ist das einzige Werkzeug, das hierbei Verwendung findet. Zum Garnieren gehört weiter die Anbringung des Puzes bei Damenhüten. Das Nähen der Plüschkappen für Seidenhüte( oberer Teil, Deckel) wird ebenfalls mit der Hand besorgt, und auch hierbei wird als Werkzeug nur die Nadel verwendet und als Arbeitsmaterial Seide. Den gleichen einfachen Vorgang finden wir beim Nähen des Seidenfutters für Zylinder, das von der Heimarbeiterin zusammengenäht und in der Fabrik in den Hut getan wird. Dagegen werden beim Nähen von Strohborten Maschinen mit Fußbetrieb verwendet. In den Fabriken ist es motorische Kraft, die die Maschinen treibt. Die Ausbildung der Heimarbeiterinnen ist sehr verschieden. Viele von ihnen haben vor ihrer Verheiratung in Fabriken gearbeitet und nach der Heirat ihre Arbeit zu Hause fortgesetzt. Die Lehrzeit ist für Arbeiterinnen, die sich nur mit Garnieren beschäftigen, recht furz; sie beträgt gewöhnlich zwei bis sechs Wochen. Strohhutnäherinnen müssen dagegen eine längere Lehrzeit von neun bis zwölf Monaten und Puhmacherinnen eine solche von ein bis zwei Jahren durchmachen. Für die in kleinen ländlichen Gemeinden gelegenen Fabriken werden, wenigstens zur Saison, fast immer zur Heimarbeit die Frauen der Hutmacher herangezogen, die in dem Betrieb beschäftigt sind. Die meisten Frauen sehen das als ganz selbstverständliche Pflicht an. Verglichen mit der Heimarbeit in anderen Gewerben, zeigt die Heimarbeit in der Hutfabrikation noch lange nicht die schlechtesten Zustände. Trotzdem machen sich auch in ihr eine ganze Reihe der Erscheinungen geltend, die als typisch für die Mißstände in der Heimarbeit bekannt sind. In erster Linie sind * ,, Die Heimarbeit im rhein- mainischen Wirtschaftsgebiet", Monographien, herausgegeben im Auftrag des Wissenschaftlichen Ausschusses der Heimarbeitsausstellung Frankfurt a. M. 1908 von Professor Dr. Paul Arndt. Jena, Gustav Fischer. Der Band enthält in den vereinigten etwa 30 Monographien viel Material, das Beachtung verdient, wenn man auch die Schlußfolgerungen ablehnen mag, zu denen die Verfasser vieler einzelner Abhandlungen kommen. Nr. 8 Die Gleichheit da Beschäftigungsdauer und Beschäftigungsgrad zu nennen, ebenso die Höhe der Löhne, die nicht die Existenz auch nur der alleinstehenden Arbeiterin ermöglichen, geschweige denn sie befähigen, Angehörige zu unterhalten. Während der Saison von 6 bis 8 Monaten wird die Beschäftigung zuweilen sehr erheblich ausgedehnt, und der Arbeitstag übersteigt dann weit das zuläffige Maß. Für die große Zahl von Heimarbeiterinnen, die noch einen Haushalt zu besorgen haben, besteht schon bei normaler Beschäftigung die Notwendigkeit, die Erwerbsarbeit hauptsächlich in die späten Abend- und Nachtstunden zu verlegen, weil nur während dieser Zeit an ein ungestörtes Fortschreiten der Arbeit zu denken ist. So erklärt es sich, daß 4 bis 6 Stunden Nachtarbeit die Regel auch bei vielen Heimarbeis terinnen ist, deren tägliche Arbeitszeit auf den ersten Blick nicht als lang erscheint. Wie weit die Nachtarbeit verbreitet ist, geht daraus hervor, daß von 79 Heimarbeiterinnen, von denen Angaben vorliegen( bei zirka 250 bis 270 beschäftigten Heimarbei terinnen in dem bezeichneten Gebiet), 47 erst gegen 10 Uhr abends und noch später ihr Tagewerk beenden, davon zirka 20 erst gegen Mitternacht. Viele benützen auch die frühen Morgen stunden, um ungestört arbeiten zu können. Sonntagsarbeit ist nicht selten, und sie wird zur Zeit der flotten Saison oft bis auf 10 Stunden ausgedehnt. Der Lohn ist Stücklohn; er ist während des ganzen Jahres gleich, steigt in der Saison nicht und fällt auch nicht in der stillen Zeit. Er ist örtlich verschieden und zeigt auch fleine Differenzen nach der Qualität der Hüte. Besonders bei den Filzhüten für Herren werden die geringeren Qualitäten etwas schlechter bezahlt als die besseren. Nach den Angaben der Arbeiterinnen ist aber die Arbeit bei den geringeren Qualitäten eher schwieriger als bei den besseren. Das Material ist härter und leistet der Nadel mehr Widerstand als das der besseren Qualität. Und die Bearbeitung( Garnieren) muß auch bei den Hüten geringerer Qualität genau so sorgfältig sein wie bei den anderen. Für das Garnieren eines harten Herrenhuts erhält die Arbeiterin 12 bis 18 Pf. Das vollständige Garnieren eines weichen Herrenhuts trägt dagegen der Näherin nur 8 Pf. pro Stüd ein, und bei Strohhüten sinkt der Lohn auf 3 bis 5 Pf. Für Damenhüte schwanken die Preise nach Art der Garnitur; einfaches Garnieren, das heißt Einsetzen von Futter und das Anbringen des Kopfbandes mit Schleife wird mit 4 bis 5 Pf. pro Stück bezahlt; für elegantere Garnituren steigt der Lohn bis zu 25 Pf. Sie erfordern natürlich einen erheblichen Zeitaufwand. Für das Garnieren eines Seidenhuts erhält die Ar beiterin je nach Qualität des Hutes 14 oder 16 Pf. und für das Nähen der Plüschkappe zum Zylinder 10 Pf. pro Stück, und das Nähen des Seidenfutters zum Zylinder wird mit 7 Pf. pro Stück bezahlt. Die Löhne verringern sich noch um die Unkosten für Garn, Seide, Wachs und Nadeln, die zwar nicht sehr hoch sind, bei den geringen Löhnen aber doch ins Gewicht fallen. In einigen Fällen wird den Arbeiterinnen Garn und Seide geliefert. Für die in den Großstädten wohnhaften Arbeiterinnen kommen auch als Unkosten noch die Aufwendungen für Trambahn und der oft 3 bis 4 Stunden betragende Zeitverlust bei der Ablieferung hinzu, die gewöhnlich wöchentlich einmal erfolgt. Ohne Berück sichtigung der Unfosten finden wir Stundenverdienst von 6 bis 42 Pf. verzeichnet. Die hohen Säge werden nur von einigen wenigen Arbeiterinnen erzielt, die seit 10 bis 20 Jahren eine Spezialarbeit verrichten, wie das Nähen von Futter für Seidenhüte. Für die meisten Arbeiterinnen dürfte der Stundenlohn 20 bis 22 Pr. nicht übersteigen, für nicht wenige bleibt er unter diesem Betrag. Es wurde aus dem Lohnbuch einer Hutgarniererin, in das von einem Fabrikangestellten Arbeiten und Lohn eingetragen werden, festgestellt, daß die Arbeiterin während cines vollen Jahres 263,07 Mt. verdient hatte. Die Arbeiterin war 32 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern im Alter von acht und zwei Jahren. Seit acht Jahren war sie als Heimarbeiterin beschäftigt. Zeiten völliger Arbeitslosigkeit hatte sie gar nicht zu verzeichnen; ihr höchster Verdienst für die Lohnzahlungsperiode von zwei Wochen hatte 14,60 Mt., der 119 niedrigste 4,38 Mt. betragen. Sie arbeitet bei normalem Be schäftigungsgrad täglich 8 bis 9 Stunden, in der Saison zu weilen 11 bis 12 Stunden, trotzdem erreicht sie nur einen Durch schnittsverdienst von 5 Mt. in der Woche. Mutter und Kinder in der Armenpflege. Auf dem Kongreß der fortschrittlichen Frauenvereine in Berlin am 28. September 1911 erklärte Frau Ehrlich:" Für die allein stehenden Frauen mit mehreren Kindern ist eine Erhöhung der Armenunterstügung zu verlangen." Diese bescheidene Forderung ist so selbstverständlich jedenfalls für Sozialdemokraten-, daß keine Veranlassung vorläge, davon an dieser Stelle Notiz zu nehmen. Das um so weniger, als sie in bürgerlichen Kreisen nicht die geringste Beachtung gefunden hat und auch nicht zu erwarten ist, daß diese die Lage der armen alleinstehenden Frauen verbessern werden. Wichtig ist jedoch die Tatsache, daß es selbst von diesem Kongreß bürgerlicher Frauen für nötig erachtet wurde, auf die Lage der Frauen mit Kindern in der Armenpflege hinzuweisen. Sie läßt erkennen, daß die Lage der alleinstehenden Frau mit mehreren Kindern ein ganz besonderes Kapitel des fürchterlichsten Elends und zugleich der Schande der heutigen Gesellschaft darstellt. Solche Frauen fallen soweit sie vermögenslos sind und feine Rente beziehen fast durchweg der Armenpflege anheim. In den Großstädten wird für sie verhältnismäßig noch am besten und der gesorgt, weil hier das Armenwesen am geregeltsten Einfluß der Sozialdemokratie am stärksten ist. Trotzdem ist auch in den Großstädten die Unterstützung noch eine ungenügende, oft eine jämmerliche. Aber wesentlich schlimmer sind die alleinstehenden bedürftigen Frauen mit Kindern in den kleinen Orten daran, besonders in den Dörfern. Von allen traurigen Zuständen im Armenwesen ist tatsächlich die Behandlung dieser Frauen die traurigste und empörendste Erscheinung. Eine Statistik gibt es hierüber nicht, und die stummen Zahlen könnten auch nur wenig fünden. Eine Aufzählung aller einzelnen Fälle aber würde viele Bände füllen mit Bildern des schrecklichsten Elends, aber auch der Herzlosigkeit gewisser Kreise der herrschenden Klassen und vor allem: des großen Heldentums jener armen alleinstehenden Frauen, die mit einem bewundernswerten Mut unter unsagbaren Opfern und harter, rastloser Arbeit und Mühe ihr furchtbares Los ertragen und für ihre Kinder kämpfen. Zum Beweis dafür seien einige typische Beispiele wiedergegeben, die tausendfach vermehrt werden fönnten. Und das muß dabei festgehalten werden: diese Beispiele sind nicht etwa aus den oftelbischen Junkergefilden zusammengetragen worden, wo die Zustände im Armenwesen am traurigsten sind, oder aus armen Dörfern des Odenwaldes, Fichtelgebirges oder Erzgebirges. Sie stammen vielmehr aus Vororten einer Großstadt mit verhältnismäßig wohlhabender Bevölkerung und geringen Armenlasten. Eine Frau mit fünf kleinen Kindern, von denen das älteste zehn Jahre alt ist, erhält keinerlei Unterstützung vom Ehemann, der ein unheilbarer Säufer ist, weshalb die Ehe getrennt wird. Die Familie hat ihren Unterstützungswohnsiz verloren, ist landarm, und die Gemeinde hat deshalb die Unterstüßung nicht selbst zu tragen, sondern nur auszulegen, das Geld wird ihr vom Landarmenverband zurückerstattet. Aus diesen Gründen erhält die Frau auch eine wesentlich höhere Unterstützung, als die Gemeinden bezahlen: 8 Mt. pro Woche und freie Wohnung im Armenhaus. Aber schon die geringe Verwaltungsarbeit wird lästig empfunden, die solche Ortsarmen verursachen. Dazu kommt, daß die Kinder den Schuletat belasten, während die Frau weder Steuern noch Schulgeld bezahlen kann. Die Ges meindeverwaltung gibt sich deshalb alle Mühe, die Familie abzuschicken. Die Wohnung" im Armenhaus eine alte, baufällige Hütte ist ein kleines, elendes Loch, in dem die Frau mit fünf Kindern unmöglich längere Zeit hausen kann. Die Armenbehörde rät ihr auch, sich eine Wohnung zu suchen, die Miete soll ihr bezahlt werden. Obwohl die Frau ordentlich und sehr fleißig ist sie stickt vom frühen Morgen bis spät 120 Die Gleichheit in die Nacht für ein Geschäft in Dresden die Kinder auch auf das beste erzogen sind, erhält sie doch im ganzen Dorfe feine Wohnung, denn alle Hausbesizer sind von ihrer Lage unterrichtet. Die wenigen, die vielleicht selbst kein Interesse daran haben, daß die Familie abgeschoben wird, fürchten Unannehmlichkeiten, wenn sie die Frau ins Haus nehmen. Man rät dieser, in einem Nachbarort eine Wohnung zu suchen, wo sie unbekannt ist. Hier kommt sie auch unter die erste Gedie erste Gemeinde ist die Familie los. Nun aber wird der Leidensweg der Frau erst recht qual voll. Die neue Gemeinde gibt ihr zunächst nur 3 Mt. Unter stüßung pro Woche, denn sie zahlt ihren Drtsarmen nicht mehr und befürchtet, daß diese mit Forderungen kommen werden, wenn sie erfahren, daß Landarme höhere Unterstützungssäge erhalten. 8 Mr. erhielt die Frau mit vieler Mühe und nach vielen Laufereien wieder auf Veranlassung der Regierungsbehörde. Aber nun wird ihr die Wohnung gekündigt! Man hat dem Hauswirt gesagt, er werde die Souterrainwohnung seines Hauses nicht mehr vermieten dürfen, wenn er Leute ins Haus aufnehme, welche die Gemeinde belasten. Tagtäglich rennt nun die Armste umher, Wohnung zu suchen, niemand nimmt sie auf, denn schon sind alle Hausbesizer von ihren Verhält niffen unterrichtet. Während der zwei Monate, welche die Frau im Orte wohnte, ist sie nicht zur Ruhe und zum Arbeiten gekommen. Mitten im Winter steht sie nun, hochschwangeren Leibes, mit ihren fünf Kindern auf der Straße. Jm Armenhaus ist nur noch die„ Krankenstube" frei, ein kleines Kämmerchen; hier wird sie nun untergebracht; hier schenkt sie dem sechsten Kinde das Leben. Schließlich findet sie wieder in einer andern Nachbargemeinde eine Wohnung und auch die zweite Gemeinde ist die Familie los! Das Abschiebungsverfahren beginnt hier nun wieder in derselben Weise: nach dem ersten Monat wird der Frau die Woh nung gekündigt. Der Gemeindevorstand läßt den Hausbesitzer dazu einfach durch den Ortsdiener auffordern. Verzweifelt läuft das arme Weib wieder umher, um eine Wohnung zu erhalten; niemand vermietet an die Familie. Eine Zeitlang haust diese nun in einem dunklen Kellerloch, das gar nicht vermietet werden darf. Endlich findet die Frau in Dresden eine Wohnung. Nun hat sich auch die dritte Gemeinde diese Familie vom Halse geschafft. In Dresden beginnt nun wieder dasselbe Spiel: die Armenverwaltung weigert sich, die Miete zu bezahlen- obwohl sie das Geld vom Landarmenverband zurückbekommt!- und die Frau mit ihren sechs Kindern wird auf die Straße gesetzt. Was wir erzählen, hat sich in jeder Einzelheit so zugetragen. Wie ein wildes Tier ist das betreffende arme Weib mit ihren Kindern von Ort zu Ort gehetzt worden; während eines vollen Jahres konnte die Familie keine Ruhe finden. Und das gekennzeichnete indirekte Abschiebungsverfahren wird ganz allge mein geübt in tausenden von Fällen. Die landarmen Familien sind aber trotzdem in den kleineren Orten vielfach noch wesentlich besser daran, als die anderen Drtsarmen. Denn diese erhalten in der Regel viel weniger an Unterstützung. In Vororten von Dresden, wo großstädtische Lebensverhältnisse herrschen, erhält eine alleinstehende Frau, wenn sie arbeitsfähig ist, für sich nichts, nur für jedes Kind pro Woche eine Mark. Einer Witwe mit fünf Kindern im Alter von vier bis zwölf Jahren wurden 5 Mk. pro Woche gewährt; eine Zeitlang aber gar nur 2 Mt., dann 4 Mt., schließlich 3 Mt. Frauen mit drei Kindern erhalten höchstens 3 Mt., vielfach nur 2 Mt. pro Woche und kein Wohnungsgeld. Es dürfte allgemein bekannt sein, welche Behandlung und welche Demütigungen solche Frauen in kleineren Orten erfahren. Als Ausgestoßene, wie Verbrecher werden sie viel fach behandelt. Mit der Einführung der Witwen- und Waisenversicherung wird an der Lage dieser Frauen nichts oder nicht viel geändert. Nur ein Teil der Witwen fällt unter die Versicherung. Die Unterstützungssäge sind so gering, daß die Armenunterstützung trotzdem noch wird einsetzen müssen. Schließlich handelt es sich Nr. 8 aber auch nicht immer um Witwen und Waisen, sondern oftmals um eheverlassene Frauen, deren Ehemänner zum Unterhalt der Familie aus irgend einem Grunde nichts beitragen oder beitragen können: um Familien von Trinfern, geistig Minderwertigen, zwangsweise Untergebrachten usw. Eine beffere Unterstützung und Versorgung dieser Armen zu erreichen, hält in den meisten Orten sehr schwer. Für nichts sind die bürgerlichen Mehrheiten in den Gemeindeparlamenten schwerer zu haben, als für Armenausgaben. Sehr nüßlich könnte es sein, wenn sich dieser Frauen und Kinder die Kinderschußkommissionen annehmen würden, vor allem in den kleineren und mittleren Städten und in den Dörfern. Sie könnten ein großes und wertvolles Material zur Beleuchtung der vorliegenden tieftraurigen Zustände sammeln. Durch Besprechen der einzelnen Fälle in Versammlungen und in der Presse vermöchten sie außerdem hier und da einen wirksameren Druck auf die Gemeindeverwaltungen ausüben, als die kleine sozialdemokratische Minderheit im Gemeindeparlament. Edmund Fischer. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Die Frauen und die Reichstagswahlen", so lautete das Thema, das Genossin Zieh in Leipzig, Markranstädt und Gommern in stark besuchten Versammlungen behandelte. über" Teuerung, Kriegsgefahr und Reichstagswahl" sprach dieselbe Genoffin in überfüllten Versammlungen in Vegesac und Hemelingen. Im letteren Ort verbot der Landrat die Versammlung, weil sie am Bußtag stattfand. Der Vorsitzende Genosse Frasunkewitz machte daraufhin den Vorschlag, die öffentliche Bersammlung zu einer Mitgliederversammlung umzuwandeln, und forderte zu dem Zwecke die Nichtmitglieder auf, den Saal zu verlassen. Das geschah. Im Vorraum traten zirka hundert Personen dem sozialdemokratischen Verein bei und erwirkten sich damit das Recht der Beteiligung an der Versammlung, die nun ungehindert tagen fonnte und mit großem Interesse und lebhafter Begeisterung das Referat entgegennahm. Daß hundert bisher Nichtorganisierter Buße tun und ihrer Parteiorganisation beitreten würden, diesen Erfolg" seines Verbots hatte der Herr Landrat jedenfalls nicht vorausgesehen. Der unfreiwilligen Unterstützung des Herrn unseren Dank. 30 bis 50 Neuaufnahmen von Mitgliedern brachten übrigens auch die anderen Versammlungen. Wenn unsere Genossinnen überall gut die Agitationsversammlungen während der Wahlzeit benußen, werden wir im Wahljahr auch mit unserer Organisation, günstige Fortschritte machen. L. Z. Im Auftrag des Parteisekretariats des Wahlkreises Quedlin burg- Aschersleben sprach die Unterzeichnete in der Zeit vom 28. November bis 3. Dezember in Versammlungen zu Aschersleben, Staßfurt, Quedlinburg, Aten, Calbe und Schönebed über das Thema:" Die Vergeltung naht!" Der Versamm lungsbesuch war in allen Orten sehr gut. Nur Staßfurt machte hiervon eine Ausnahme. Das ist um so bedauerlicher, als gerade dort die Arbeiter in der Kaliindustrie sehr ausgebeutet werden. In den zahlreichen chemischen Fabriken und in den ausgedehnten Salzbergwerken müssen die Arbeiter für fargen Lohn fronden. Zum großen Teil gehören die Bergwerke dem Staate, und daraus erklärt sich wohl auch die Scheu der Arbeiter, unsere Versammlungen zu besuchen. Hoffentlich haben sie am Tage der Wahl etwas mehr Mut, als nur die Faust in der Tasche zu ballen. Besonders hervorzuheben ist die Versammlung in Quedlinburg. Der große Saal war überfüllt, so daß Hunderte der Zuhörer stehen mußten. Hier hatte nicht allein das Interesse für die Reichstagswahlen, nicht nur der Zorn über die Wucherpolitik der herrschenden Parteien die große Zahl der arbeitenden Männer und Frauen in die Versammlung getrieben, noch ein besonderer Umstand ließ die Wellen der Empörung unter der Arbeiterschaft sehr hoch gehen. Kurz vorher hatten in Quedlinburg die Stadtverord netenwahlen stattgefunden, und bei dieser hatten sechs Arbeiter der Firma Gebrüder Dippe, Gärtnerei und Samenzüchterci, es gewagt, öffentlich für den Kandidaten der Sozialdemokratie zu stimmen. Auf Grund einer Denunziation des nationalen„ Arbeitersekretärs" Krause wurden darauf die sechs Arbeiter sämt lich Familienväter entlassen. Unter ihnen befand sich auch ein 58jähriger Mann, der 16 Jahre bei der Firma gearbeitet hatte. Dieser rohe Gewaltstreich des Unternehmers, der da glaubt, seine Lohnfflaven hätten ihm nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Gesinnung verkauft, entfesselte in der Arbeiterschaft einen Nr. 8 Die Gleichheit Sturm der Entrüftung. In der Versammlung wollten nun die Arbeiter Abrechnung mit dem nationalen Arbeitersekretär" halten. Dieser hatte es aber trotz schriftlicher Aufforderung vorgezogen, nicht zu erscheinen. Die Versammelten waren sich alle einig darüber, daß sie am besten Vergeltung für die Unternehmerwillkür üben durch Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels am 12. Januar. Eine größere Anzahl Parteimitglieder und auch Abonnenten für die Parteipresse wurden auf der Tour gewonnen. Margarete Raschewski. Eine Agitationstour durch den braunschweigischen Harzkreis führte die Unterzeichnete in die Orte Cattenstedt, Timm rode, gorge, Hohegeis, Braunlage, RübelandNeuwert und Hasselfelde. Die Tagesordnung lautete: " Die Frauen und die bevorstehenden Reichstagswahlen". Der Harzkreis ist ein abseits liegendes Stück des ersten braunschweigischen Wahlkreises. Durch seine Bevölkerung geht seit langem der Geist des Sozialismus. Man kann wohl sagen, daß die Hälfte Sozialdemokraten find- wenn zum Teil auch nur aus dem Gefühl heraus. Wenigstens ist in dem Kreise stets eine ansehnliche Stimmenzahl für den sozialdemokratischen Kandidaten aufgebracht worden. Die Versammlungen waren denn auch - ausgenommen die in 8orge gut, ja außerordentlich gut besucht. Trotzdem in Braunschweig, bis das neue Vereinsgeset in Kraft trat, an den politischen Versammlungen die Frauen nicht teilnehmen durften, haben sich diese nun schon an den Besuch politischer Veranstaltungen gewöhnt. Nur in Hohegeis war keine Frau in der Versammlung anwesend, sonst waren sie überall zahlreich vertreten. Und die Frauen haben nicht nur den Vortrag mit sichtlichem Interesse verfolgt, sondern es traten auch eine Anzahl von ihnen den sozialdemokratischen Ortsvereinen als Mitglieder bei. In den meist kleinen Orten ist wohl eine entwickelte Industrie vorhanden, doch spielt für sie die Frauenarbeit fast feine Rolle. Nichtsdestoweniger sind die Frauen mit Mühen und Plagen überlastet. Bei dem niedrigen Verdienst der Männer ist beinahe jede Familie darauf angewiesen, ein Stückchen Acker zu bebauen und etwas Vieh zu halten. Die Hauptlast der Wirtschaft fällt den Frauen zu. Sie müssen dem harten Boden die Früchte förmlich abringen, und in dem aufgezogenen Schwein steckt vor allem ihre Blackerei. Die gesamte Arbeiterbevölkerung dieses herrlichen Gebirgslandes kommt nur selten zum Genuß all der Schönheiten, die Tausende von Fremden alljährlich dorthin führt. Nach getaner Arbeit haben die Männer nicht selten lange Nachhausewege. Die Sonntage dürfen auch durchaus nicht immer der Erholung dienen. In der Wirtschaft der Familie gibt es immer auch für den Mann zu tun. So befonders im Sommer. Ist das Gras zu mähen, so zieht man wohl Sonnabend abend auf die fernliegende Wiese und übernachtet dort, um am frühen Morgen gleich mit der Arbeit beginnen zu können, die erst spät abends abge= brochen wird. So ist das Leben dieser Gebirgsbewohner ein stetes Ringen um die Existenz. So haben es denn auch viele von ihnen begriffen, daß die sozialen Verhältnisse unbedingt geändert werden müssen. Diese Überzeugung hat die Politik unserer Gegner in den letzten Jahren besonders gestärkt. Bei den Wahlen wird das sicherlich zum Ausdruck kommen. Frida Wulff. Von den Organisationen. In zwei gut besuchten Versammlungen für die weiblichen Mitglieder der sozialdemokratischen Parteiorganisation von Altona und Wilhelmsburg sprach Genoffin Brandenburg im Dezember letzten Jahres über„ Sittlich keit und sexuelle Erziehung" und" Seguelle Aufklärung in der Familie". Die besonders in Wilhelmsburg sehr zahlreich erschienenen Genossinnen folgten mit großem Interesse dem Vortrag, der die Forderungen der modernen Pädagogik berücksichtigte und unter anderem ein planmäßiges Zusammenwirken von Schule und Haus befürwortete. Anschließende Vorlesungen aus dem vom Dürerbund herausgegebenen Buch:„ Am Lebensquell" beleuchteten trefflich das Neuland der seruellen Erziehung. So wurde in dieser wichtigen Frage ein Stück Aufklärungsarbeit geleistet. Erwähnt sei, daß die meisten Genossinnen sich noch nicht mit der Frage beschäftigt hatten. Lebhaft wurden Wiederholungen ähnlicher Vorträge gewünscht. eg. Die Hamburger Genossinnen haben sich rüstig für den poli tischen Kampf vorbereitet. Seit Oktober sind acht Versammlungen abgehalten worden. über„ Die Frau und die sozialistische Presse" referierte Redakteur Genosse Köpke. Er betonte die Notwendigfeit von regelmäßig erscheinenden Artikeln, die die Frau als Hausfrau, Mutter, Erwerbstätige und Staatsbürgerin interessieren. Die Genoffinnen und Leserinnen der sozialdemokratischen Tages. blätter dürften nicht aufhören, ihren Anspruch auf die Berückfichtigung ihrer besonderen Bedürfnisse geltend zu machen. Die 121 Frau als Trägerin des Genossenschaftswesens", so lautete das Thema, das Genosse Huffmeier behandelte. Der Referent würdigte die Mitgliedschaft der Frau in einem Arbeiterkonsumverein als eine Vorschule der Frau für ihre spätere gewerkschaftliche und politische Betätigung. Die Genossenschaft biete den besten Anschauungsunterricht, den Vorteil des einzelnen durch den Zusammenschluß vieler kennen und hierdurch die Macht großer Ar beiterorganisationen schäßen zu lernen. Sehr interessant war das Referat des Genossen Kleemann:„ Die Reform der Fürsorgeerziehung". Die Diskussion nahm auf die unmenschlichen Zustände in der„ Blohmschen Wildnis" und in Mieltschin Bezug, sie beleuchtete noch andere charakteristische Greuel der sogenannten staatlichen Fürsorge unter der Herrschaft des Kapitalismus. Als Gegenstück wurden die Verhältniffe in der Fürsorge- und Erziehungsanstalt Behlendorf bei Berlin geschildert, die nach den Grundsätzen der modernen Pädagogik geleitet wird und daher auch die Eigenart der einzelnen Zöglinge berücksichtigt. Ein weiterer Vortrag behandelte gründlich unfer Koalitionsrecht", das zwar gefehlich gewährleistet ist, doch vom Unternehmertum oft mit den schäbigsten Mitteln bekämpft wird und in Zukunft durch die in Aussicht stehende Reform des Strafgesetzbuchs noch mehr gefährdet ist. In vier Bersammlungen wurde eingehend über:" Die Frau und die Reichstagswahlen" gesprochen. Die Aufmerksamkeit der weiblichen Organisierten für alle politischen Vorgänge ist erfreulicherweise immer reger geworden. Ihr Verlangen nach praktischer Mithilfe im Wahlkampf ist gewachsen. Die regelmäßigen monat lichen Zusammenkünfte der tätigen Genoffinnen zweds Vorbereitung auf alle praktischen Parteiarbeiten bilden einen festen, willigen und arbeitsfreudigen Stamm von Kämpferinnen heraus, die gewillt und fähig sind, sich ihr Recht im öffentlichen Leben zu verschaffen. Die Reichstagswahlen bieten ihnen reichlich Gelegenheit zu eifriger Mitarbeit. eg. Tätigkeitsbericht der Leipziger Kinderschuhkommiffion. Seit der Neuorganisation der Leipziger Kinderschutzkommission ift mehr als ein Jahr verflossen. Dieser Zeitraum hat ausgereicht, um zu zeigen, welch umfangreiche und außerordentlich nützliche Arbeit von der Kinderschuhkommission bei systematischem Auf- und Ausbau ihrer Organisation geleistet werden kann. Die neugebildete Kommission seht sich zusammen aus der fünfgliedrigen Zentraltommission, sechs Bezirksvertrauenspersonen und mehr als sechzig Vertrauenspersonen. Im April 1910 nahm fie ihre Tätigkeit auf, und bis Ende Juni 1911 hat sie 149 Fälle erledigt, die 292 Kinder berührten. Will man die Tätigkeit einigermaßen richtig würdigen, so muß man bedenken, welche umfangreiche Arbeit zu ihrer Erlebi gung notwendig war, mit welchen Schwierigkeiten insbesondere die Vertrauenspersonen in verschiedenen Fällen zu kämpfen hatten. Erfordert diese Arbeit doch nicht allein opferfreudigen Eifer, sondern vor allem auch ein Herz für die Kinder, Verständnis für die Ursachen ihrer Leiden und ein jederzeit taktvolles Auftreten. In den 149 Fällen haben sich die Vertrauenspersonen nach Kräften bemüht, ihrer schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, und in den weitaus meisten ist ihnen das durch Fürsprache bei den Eltern und Pflegeeltern, durch Belehrung und fortgesetzte Beobachtung auch gelungen. Immerhin mußten 34 Fälle an die Zentralfommiffion zur Weiterverfolgung abgegeben werden, weil jede Einwirkung der Vertrauenspersonen auf die betreffenden Eltern erfolglos blieb. Die Zentralfommission hat das ihr übergebene Material den zuständigen Behörden zugestellt, die mit Ausnahme einiger Gemeindevorstände der Kinderschutzkommiffion das größte Entgegenkommen zeigten. Die unterbreiteten Fälle wurden schnell und eingehend untersucht, wo es möglich war, ward Abhilfe geschaffen, und von dem Ausgang der Sache wurde in der Regel die Zentralfommiffion in Kenntnis gesetzt. Von den erledigten Fällen betrafen 93 eheliche oder Stieffinder, 17 betrafen Zieh kinder und 3 Waifentinder, außerdem mußte die Kinderschußkommission in 36 Fällen gegen gewerbliche Ausnutzung der Kinder vorgehen. Die bei ihr eingereichten Beschwerden richteten sich in 26 Fällen gegen beide Eltern, in 31 gegen die Mutter, in 20 gegen den Vater, in 16 gegen die Stiefmutter, in 7 gegen den Stiefvater, in 14 gegen die Pflegemutter, in 19 gegen den Arbeitgeber, in 9 gegen andere Personen, und in 7 waren befonders mißliche Familienverhältnisse die Ursache des Kinderelends. Am häufigsten machte sich ein Einschreiten gegen Mihhandlung von Kindern notwendig, nämlich 45mal; in 38 Fällen war mangelhafte Pflege und Erziehung die Ursache; in weiteren 26 Fällen lag schlechte Behand I ung der Kinder und in 13 drohende Berwahrlofung und fittliche Gefährdung bor; 27mal handelte es sich um übertretung des Kinderschuhgefehes. 122 Die Gleichheit Wir müssen es uns an dieser Stelle versagen, auf Einzelheiten aus der Tätigkeit der Kinderschußkommission einzugehen, obgleich zahlreiche Vorgänge aus mancherlei Gründen verdienen würden, der Offentlichkeit unterbreitet zu werden, nicht zuletzt deswegen, um zu beweisen, wie notwendig ein durchgreifender Schutz der Kinder ist. Besonders verwerflich ist es, wenn Leute die Hilflosigkeit der armen Kinder zu ihrem geschäftlichen Vorteil ausnuten und einen schwunghaften Handel mit Kindern armer Eltern oder elternlosen Kindern zu treiben suchen. So haben wir zum Beispiel die zuständige Behörde ersucht, gegen einen solchen„ Geschäftsmann" einzuschreiten, der in auswärtigen Zeitungen Adoptiveltern für Kind besserer Herkunft gegen einmalige Abfindung" suchte. Die behördlichen Erörterungen haben zwar in diesem besonderen Falle ergeben, daß der Betreffende wegen allzu geringen Erfolges seine Tätigkeit vorläufig wieder eingestellt hatte. Mancher andere dürfte aber mit mehr Erfolg und mit nicht geringem Vorteil dieses gewissenlose Geschäft betreiben. Darauf lassen jedenfalls nicht wenige Inserate in bürgerlichen Blättern schließen. Es ist durchaus nicht überflüssig, wenn die Kinderschutzkommission auch diesem übelstand ihre Aufmerkſamteit in erhöhtem Maße zuwendet. Noch nach einer anderen Richtung hin hat sich die Tätigkeit der Kinderschußkommission erweitert, nämlich durch übernahme sogenannter Schußaufsichten. Es handelt sich hierbei in erster Linie um die ständige Beaufsichtigung solcher jugendlicher Personen, die mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten sind, denen aber Strafaufschub gewährt, beziehungsweise der Wegfall der Strafe in Aussicht gestellt wurde, wenn sie mittlerweile Besse= rung zeigen. Zu dem letteren Zwed ist die Schußaufsicht außer ordentlich wichtig. Man vergesse nicht, daß es meist die umgebenden Verhältnisse sind, die die verurteilten Jugendlichen zu Verfehlungen führen, und daß eine Änderung dieser Verhältnisse angestrebt werden muß. Die Mithilfe unserer Kinderschutzkommission vermag dabei recht Wertvolles zu leisten. Es ist für eine erfolgreiche Schußaufsicht gewiß nicht gleichgültig, ob die gestrauchelten Proletarierkinder durch Personen beeinflußt werden, die genaue Kenntnis der Ursachen der Verfehlungen und einen ficheren Blick für die vorliegenden sozialen Verhältnisse besitzen, oder ob Leute die Besserungsversuche unternehmen, denen die Verhältnisse völlig fremd sind, in denen solche Kinder leben, und die daher mit den ungeeignetsten Mitteln ihr Ziel zu erreichen suchen. Zurzeit üben zwölf Mitglieder der Kinderschußkommission in 16 Fällen solche Schußaufsichten aus, die uns von der Leipziger Zentrale für Jugendfürsorge überwiesen wurden. Auf dem Gebiet des gewerblichen Kinderschutzes ging die Kommission unter anderem in der Weise vor, daß sie zur Feststellung der Kinderbeschäftigung sogenannte Morgenfontrollen vornahm. Zu solchen Kontrollen ist es freilich nur im Westbezirk( Mitte Dezember 1910) und im Südbezirk( im März 1911) gekommen. Nicht weniger als 23 Kinder wurden in den frühen Morgenstunden beim Backwarenaustragen, 22 beim Milch austragen und 15 beim Zeitungsaustragen betroffen. Die Kinder standen im Alter von 6 bis 14 Jahren, 34 wurden von den Eltern beschäftigt, 16 von Fremden, die Beschäftigung fiel in die Zeit von 5 bis 8 Uhr morgens. In den meisten Fällen war die Verwendung der Kinder gesezwidrig, denn nach dem Kinderschutzgesetz sollen fremde Kinder unter zwölf Jahren auch beim Austragen von Waren überhaupt nicht und Kinder über zwölf Jahre nicht in der Zeit zwischen 8 Uhr abends und 8 Uhr morgens und nicht vor dem Vormittagsunterricht beschäftigt werden. Die Angabe, daß ein großer Teil der Kinder für die Eltern beschäftigt war, ist so zu verstehen, daß die Kinder den Eltern beim Austragen von Zeitungen und Waren behilflich, in Wirklichkeit also ebenfalls für Dritte beschäf= tigt waren. Demnach mußten auch auf sie die für fremde Kinder gültigen Bestimmungen zutreffen. Troßdem besaß nicht ein einziges der beim Warenaustragen betroffenen Kinder eine Arbeitskarte, die das Gesetz vorschreibt. Die Kinderschutzfommission hat sich nicht mit der Kontrolle begnügt, sondern sie ist durch besondere Befragung der Eltern den Ursachen der Kinderbeschäftigung nachgegangen. Drei Hauptursachen der Kindererwerbsarbeit haben sich dabei feststellen lassen: Un= kenntnis der gesetzlichen Bestimmungen, Unverstand einzelner Eltern, in den weitaus meisten Fällen aber bitterste Notlage in den Familien. Es ist gewiß außerordentlich beklagenswert, wenn Eltern jede Belehrung über den Schaden der Kinderarbeit, jedes Eingreifen der Kommission mit der Behauptung zurückweisen, daß sie mit ihren Kindern machen können, was sie wollen. Ebenso fordert es den schärfsten WiderNr. 8 spruch heraus, wenn die Kinder zu gesetzwidriger Arbeit gezwungen werden, obgleich der Vater ein wöchentliches Einkommen von etwa 50 Mt. Hat, wie es in einem Falle festgestellt wurde. Jedoch das sind betrübliche Einzelerscheinungen. In den meisten Fällen wurde die Kinderbeschäftigung so begründet:„ Der Vater ist schon längere Zeit arbeitslos, und es fehlt an dem Notwendigsten, um die zwölfföpfige Familie zu erhalten."" Die Mutter ist Witwe und leidend, so daß die Kinder mit zum Unterhalt beitragen müssen."" Das Kind wird Ostern konfirmiert und soll sich deshalb etwas verdienen, da der Vater, der acht Kinder zu ernähren hat, für das eine Kind nicht besondere Aufwendungen machen kann."" Weil es zum Haushalt gebraucht wird."„ Der Vater ist tot, das Kind unterstüßt seine Mutter ein wenig."„ Der Vater ist invalid und hat sechs schulpflichtige Kinder zu ernähren" usw. Die rege Tätigkeit der Vertrauenspersonen bedeutete auch für die Zentralstelle eine erhöhte Arbeitsleistung, wie sie sich aus der Bearbeitung der Fragebogen, der Erteilung von Auskünften und Anregungen, aus dem Verkehr mit den Behörden und dergleichen ergab. Um das Interesse der Kommissionsmitglieder an ihrer Arbeit stetig wachzuhalten und ihnen neue Anregungen zu geben, find ihnen von der Zentralfommission eine Anzahl schriftlicher Mitteilungen wie auch wichtige, den Kinderschutz betreffende Schriften zugestellt worden. Am 13. April d. J. fand außerdem für die Kommissionsmitglieder unter sachkundiger Führung eine Besichtigung des städtischen Waisenhauses und des Leipziger Kinderkrankenhauses statt. Die Kinderschutzkommission hat nach jeder Richtung eine rege Tätigkeit entfaltet. Möge sich die Einrichtung zum Besten der hilfsbedürftigen Kinder immer mehr entwickeln. A. L. Wir können euch doch schlagen! Es braust ein Sturm durchs deutsche Land, Der bricht das Morsche nieder. Das Volf erhebet hoch sein Haupt Und reckt die kräft'gen Glieder. Sein Zorneslied durchschallt die Welt In diesen Kampfestagen, Wie Donner flingt's und nur wir Frau'n: Wir haben nichts zu sagen. Wohl hat man uns, dem Manne gleich, In harte Fron geschmiedet, Mit flinken Händen schaffen wir, Was euch das Leben bietet. Für uns die Qual durchwachter Nacht, Ums Brot das bange Zagen. Wir bauen an der Zukunft, doch: Wir haben nichts zu sagen. Was immer man zum Leben braucht, Ihr sucht's uns zu verteuern, Nehmt unsrer Kinder leztes Brot Durch Zölle und durch Steuern. Doch wollen wir:" Wo bleibt das Geld?" Mit lauter Stimme fragen, Lacht ihr uns höhnisch ins Gesicht: Wir haben nichts zu sagen. Ihr pochet wohl auf die Armee Und rasselt mit den Spießen, Doch sind es unsre Jungen nur, Die die Kolonnen schließen. Die Mutter zog den Jüngling groß, Der sich im Feld soll schlagen, Doch welchem Feind die Kugel gilt: Das hat sie nicht zu sagen. Ihr hämmertet ein neu Gesez, Verziert mit alten Stücken, Damit ihr mit dem Schein des Rechts Uns, tiefer fönnet drücken. Wenn Witwen und wenn Waisen um Betrogne Hoffnung flagen, Euch kümmert's nicht! Es sind nur Frau'n: Die haben nichts zu sagen. Doch Not und Elend trieb auch uns Empörung in die Wangen. Wir wollen unser gutes Recht Im rauhen Kampf erlangen. Nr. 8 Die Gleichheit Und dürfen wir im Parlament Nicht unsre Meinung sagen, So zeigen wir durch die Partei: Wir können euch doch schlagen! Emma Dölz. Politische Rundschau. Der Wahlschwindel der bürgerlichen Parteien beherrscht die politische Bühne. Zwar fehlt ihm der große einheitliche Zug des Reichstagswahlkampfes von 1907, wo für den bürgerlichen Wähler alle anderen Fragen vor der Hottentottengefahr und den glückverheißenden Aussichten der neu eröffneten ära Dernburg berschwanden. So aus dem Vollen schöpfen wie damals die Bülow und Dernburg fönnen diesmal die Bethmann und Wermuth nicht. Das nationale Bugmittel fehlt, und alle Versuche sind mißglückt, schnell noch eine Vogelscheuche aufzupußen, die die braven Bürger an die Wahlurne jagt, um mit dem Stimmzettel die große Gefahr bom geliebten Vaterland abzuwehren. Die Englandhezze, die diesem Zwecke gut dienen könnte, muß doch mit Vorsicht gehandhabt werden, soll sie nicht ein verheerendes Kriegsfeuer entfachen. Die Regierung kann sich an ihr nicht offen und mit voller Kraft beteiligen, sie ist vielmehr zeitweilig gezwungen, den Eifer und die Begeisterung der Hezer zu dämpfen. Ebenso unmöglich ist es, nach der Finanzreform die Forderung großer Heeres- und Flottenverstärkungen zur Wahllosung zu machen. Kurz, die wahre, alle Bedenken und Erwägungen niedertrampelnde patriotische Erregung will nicht auftommen. Die Regierung muß mit nüchterneren Mitteln arbeiten. So ist ihr die saure Aufgabe geworden, den Wählern einen günstigen Stand der Reichsfinanzen borzutäuschen. Eingeleitet wurde dieser untaugliche Versuch durch die Rede des Herrn Schatzsekretärs Wermuth, deren Untauglichkeit wir in der vorigen Nummer gekennzeichnet haben. Der zweite Streich war nun die Veröffentlichung des Entwurfes für den Reichshaushalt 1912/13 in der offiziösen„ Norddeutschen Allgemeinen Zeitung". Wenn man den Zahlenkunststücken dieses Entwurfes trauen dürfte, so wäre der Reichssädel in leidlicher Verfassung. Aber der Erfolg dieses Wahlmanövers wird schon dadurch beeinträchtigt, daß es allzufrüh angekündigt wurde. Bereits im Sommer des Jahres 1911 haben die Zeitungen der Konservativen und des Zentrums bei der Regierung einen sauber hergerichteten Etat bestellt, mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß damit die Anklagen gegen die Reichsfinanzreform zum Schweigen gebracht werden sollten. Die Regierung hat den Auftrag ausgeführt zur Zufriedenheit der Besteller, die jetzt jauchzend aller Welt verkünden, daß der Steuerraubzug glänzend gerechtfertigt sei. Nun, das müßte schon ein erbärmlicher Finanzkünstler sein, der es nicht verstünde, durch Schiebungen und durch borläufiges Zurückstellen von Ausgaben einen günstig aussehenden Entwurf des Reichshaushaltes aufzustellen. Aber selbst wenn an den Zahlen des Entwurfes nichts auszusehen wäre, so ist das Bild, das sie geben, keineswegs so erfreulich, wie man nach dem Triumphgeschrei der Schwarzblauen annehmen sollte. Zunächst tommt die Regierung auch diesmal nicht ohne Anleihe aus. Das Reich muß 43,8 Millionen Mark pumpen, um die Einnahmen mit den Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringen. Und dies, trotzdem der Schatzsekretär die Einnahmen aus den Zöllen und Steuern um 78,1 Millionen Mark höher einschäßt als im laufenden Jahre und die aus dem Post- und dem Reichseisenbahnbetrieb um 57,1 Millionen, von einigen weiteren kleineren Einnahmesteigerungen abgesehen. Erfüllen sich diese Hoffnungen auf das Steigen der Einnahmen nicht und niemand weiß, wie bald wieder ein Niedergang des Wirtschaftslebens einsetzen und ein Sinken der Reichseinnahmen zur Folge haben kann, so flafft der Fehlbetrag weit, und um ihn zu stopfen, muß das Reich neue Schulden machen. Chnehin erhöht sich die Summe der Schulden um die Kolonialanleihen, die man des besseren Eindrucks wegen besonders aufführt, als ob die Kolonien sie verzinsen würden. Auch diese Last muß, da unsere Kolonien uns nichts einbringen, sondern Millionen Mark an Zuschüssen fordern, von den deutschen Steuerzahlern ge= tragen werden. Im Jahre 1912 soll der Kolonialpump an 34 Millionen betragen, wodurch die Reichsschulden für das Jahr 1912 auf 77,8 Millionen erhöht werden. Und damit dieses klägliche Resultat zustande kommt, mußte zudem noch die Lebenshaltung des Volkes auf das ungeheuerlichste belastet werden. Die schändlichsten, ungerechtesten Steuern, die den Besitzenden kaum fühlbar werden, die Proletarier aber aufs härteste treffen, die indirekten Steuern, bringen den Löwenanteil der Reichseinnahmen auf. Die Einnahmen aus den Zöllen und Steuern sind auf 1610 Millionen Mark gesteigert worden. Im Jahre 1885 ergaben sie 123 nur 290 Millionen Mart um mehr als das Fünffache ist die durch Steuern und Zölle aus der Bevölkerung gepreßte Summe seit 27 Jahren gestiegen. Und dabei ist die Abgabe, die das Volk in Gestalt höherer Preise der Lebensmittel an die Junker und einzelne begünstigte Kapitalistengruppen zu leisten hat, noch nicht einmal mitgerechnet. Die Bevölkerung aber wuchs in diesen 27 Jahren noch nicht einmal um die Hälfte an, nämlich von 46 auf 65 Millionen. Das Beste aber kommt noch. Die ganze schöne Milchmädchenrechnung des Herrn Wermuth fällt nämlich rettungslos zu= sammen, sobald ihre Vorausseßung nicht zutrifft, daß die Ausgaben für Heer, Marine und Kolonien nicht erhöht werden. Nun weiß aber jedes politische Kind, daß dem neuen Reichstag binnen furzem sowohl eine Heeres- als auch eine Flottenvorlage vorgelegt werden wird. Nur der Herr Schatzsekretär Wermuth tut so, als wisse er von nichts. Er sieht keinen Pfennig Mehrausgabe für diese Zwecke vor, und zwar aus dem guten Grunde, weil er keinen Pfennig dafür zur Verfügung hat. Dabei versichert dieselbe„ Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in einem Atem mit der Lobpreisung der guten Finanzlage, daß die verbündeten Regierungen in der Erhaltung und Entwicklung unserer Wehrmacht allezeit eine ihrer ernstesten Aufgaben erblicken und nie zögern werden, danach zu handeln". Was auf gut deutsch heißt, daß die Rüstungsvorlagen, deren Spuren die besorgten Patrioten im Etat vermißten, schon zur rechten Zeit kommen werden. Die rechte Zeit ist aber nach den Wahlen, denken die verbündeten Regierungen. Dann ist es an der Zeit, dem Volke, das seines Rechtes, mitzuentscheiden, wieder einmal auf fünf Jahre beraubt ist, zu sagen, daß der Etatsentwurf durch einen Nachtrag ergänzt werden muß. Ein Nachtrag, der für die Vergrößerung des Heeres und der Flotte und für die sogenannte kulturelle Erschließung der neu erworbenen Kolonialgebiete eine faftige Millionenausgabe fordert. Natürlich muß diese Ausgabe gedeckt werden: entweder durch neue Schulden oder durch neue Steuern! Das ist, bei Licht besehen, die glänzende Finanzlage", das Hauptstück der Regierungswahlmache. Außerdem versuchen es die Herren Minister mit einer Be= einflussung der Beamten und Staatsarbeiter. Durch Erlässe wird diesen eingepauckt, daß es ihre vaterländische Pflicht sei, das Wahlrecht auszuüben. Eine Kontrolle der Abstimmung ist freilich bei der geheimen Wahl nicht überall möglich. So sucht man denn die Leute möglichst durch Erinnerung an ihren Beamteneid zu packen. Den Arbeitern aber gibt man wieder einmal drohend zu verstehen, daß der Staat mit ihrer Arbeitskraft auch ihre Gesinnung gekauft hat und jeden unnachsichtig auf die Straße werfen wird, der irgend einer Handlung zugunsten der Sozialdemokratie überführt wird. Indes find die Junker mit diesen Anstrengungen der Regierung noch lange nicht zufrieden. Sie vergleichen die Tätigkeit der Bethmann und Wermuth mißvergnügt mit der der Bülow und Dernburg und finden, daß diese beiden es doch besser verstanden, die Wähler einzuseifen. Ungestüm fordern sie, daß die Regierung mit allen Mitteln und ganz offen für die schwarzblaue Armee werbe. Den Liberalen, die lärmenden Widerspruch erheben, halten sie mit berechtigtem Hohne vor, daß sich diese Herrschaften 1906/07 den Silvesterbrief Bülows und die orientalischen Märchen Dernburgs schmunzelnd gefallen ließen. Indes verlassen sich die Junker nicht einzig auf die Regierungshilfe sie leisten selbst das Möglichste an Wahlschwindel und Wahlvergewaltigung. In den länd lichen Bezirken sind Knüppel und Steine beliebte Waffen der Nonservativen im Wahlkampf, und sie werden nicht nur gegen die Sozialdemokratie angewendet, sondern auch gegen Fortschrittler und Nationalliberale. Auch mit kräftigen Boykottdrohungen für liberale Händler und Handwerker sparen die Herren Rittergutsbefizer nicht. Für das verbündete Zentrum mißbrauchen die geistlichen Hilfskräfte Kanzel und Beichtstuhl auf das tatkräftigste. Im übrigen sorgt das Zentrum dafür, daß keine falschen Stichwahlen entstehen, indem es in einer ganzen Reihe von Wahlkreisen, in denen es keine Aussichten hat, in der Stichwahl durchzukommen, auf die Aufstellung von Kandidaten zugunsten der Konservativen oder Christlichsozialen verzichtet. Der Vorstoß der sächsischen Konservativen und Liberalen gegen das Koalitionsrecht hat bei den Nationalliberalen Hamburgs begeisterte Zustimmung gefunden. Sie haben schleunigst vor Toresschluß noch einen Antrag in der Bürgerschaft eingebracht, daß der Senat im Bundesrat für die Anträge auf Abwürgung der Koalitionsfreiheit einzutreten hat, die die sächsische Regierung einzubringen versprochen hat. Die hat inzwischen eingesehen, daß fie etwas allzu dreist aufgetreten ist. In ihren amtlichen Blättern hat die sächsische Regierung erklären lassen, daß sie keine neue 124 Die Gleichheit Zuchthausvorlage will, sondern vielmehr eine Reform,„ einen Ausbau des Koalitionsrechtes auf paritätischer Grundlage". Ähnlich suchen sich die sächsischen Nationalliberalen vor dem Zorne der Arbeiterschaft zu retten. Indes wird das nicht gelingen, denn jedermann weiß, was hinter solchen Worten, wie Ausbau des Koalitionsrechtes, Schutz der Arbeitswilligen, steckt. Die Arbeitswilligen werden durch die Strafgesetze, durch den§ 153 der Gewerbeordnung, durch die Klassenjustiz und die Polizei wahrlich mehr als genug geschützt. Wer noch mehr an Schuh für die Streifbrecher verlangt, der verrät damit, daß er dem Koalitionsrecht zuleibe gehen will, daß er den Arbeitern, die von diesem dann nur noch auf dem Papier stehenden Rechte Gebrauch machen wollen, die Hände binden will. Und die Gefahr für das wichtigste Recht der Arbeiterschaft ist groß. Kein fortschrittliches Blatt hat sich gegen den fortschrittlichen Abgeordneten Brodauf gewendet, der in der sächsischen Kammer den Scharfmachern Beistand leistete, fein Zentrumsblatt hat sich gegen den dort enthüllten Plan ausgesprochen! Dieses Schweigen, noch dazu kurz vor der Wahl, sagt genug. Da diese Zeilen erscheinen, trennen uns nur noch wenige Tage von der Entscheidung des Wahlkampfes. Viel steht für das arbeitende Volt auf dem Spiele! Mögen die proletarischen Frauen die letzte Spanne Zeit noch zu eifriger Wahlarbeit nuken. Auch um ihr und ihrer Kinder Schicksal wird gekämpft. Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Der Reichstagswahlkampf greift diesmal weit über den politischen Rahmen hinaus. Die Feinde der Arbeiterklasse richten ihre Geschosse nicht allein gegen die sozialdemokratische Partei, sie suchen vielmehr auch die freien Gewerkschaften zu treffen. Lüge und Verleumdung sollen die Grundlage einer Buchthausvorlage schaffen und Kandidaten in den Reichstag berhelfen, die auf eine solche eingeschworen sind. Um Stimmung für eine Zuchthausvorlage gegen die Arbeiter zu erzeugen, wird dem Spießer mit dem alten Popanz des Bombenwerfers gruselig gemacht. Doch hat sich der Charakter des Dynamithelden und Schnapsbruders verschlechtert: er ist inzwischen Mitglied der Gewerkschaften geworden. Wenigstens deckt die antisemitische „ Staatsbürger- Zeitung" die Dynamitgefahr auf, die in den deutschen Gewerkschaften schlummert. Nachdem das Blatt auf die Dynamitattentate der Gebrüder Namara in Kalifornien hinges wiesen hat, um die wie es kühnlich behauptet der Präsident des amerikanischen Gewerkschaftsbundes wissen soll, stellt es fest, daß wir uns in Deutschland infolge des Umfichgreifens von Sa botage und Gewalttaten gegen Arbeitswillige in erschreckender Weise amerikanischen Zuständen nähern. Um ihre düsteren Weisfagungen noch glaubhafter zu machen, führt das Antisemitenorgan ein Flugblatt an. Es wird zwar nicht verraten, wer dieses Flugblatt herausgegeben und wo es das Licht der Welt erblickt hat; aber sollte es wirklich erschienen sein, so müßte es jeder vernünftige Mensch als Ausgeburt eines franken oder eines Polizisten hirns ansprechen. Wie wenig genau es ja die Scharfmacher bei ihren Beweisführungen" mit der Wahrheit nehmen, zeigt derselbe Hezartikel an anderer Stelle. Um nachzuweisen, welches Streiffieber die roten Gewerkschaften ergriffen hat", führt er falsche Zahlen an. Wohl werden die Ausgaben für Streitunterstüßung bei den„ roten" Gewerkschaften mit 6904 431 t. richtig angegeben. Bei den Hirsch- Dunckerschen und bei den christlichen Gewerkschaften hingegen verwandeln sich die Hunderttausende Mark in Hunderte Mark. Auf Grund seiner Erdichtungen glaubt sich das Antisemitenblatt zu folgenden Forderungen berechtigt: Gewerkschaften dürfen nur als Wohlfahrtseinrichtungen bestehen, Sammlungen für Streifs sind mit Gefängnisstrafen zu belegen, und den Arbeitswilligen ist noch mehr Schuß zu gewähren. Viel Unheil vermag ja der Brandartikel der Staatsbürger- Zeitung" nicht anzurichten. Aber immerhin sollte er eine Mahnung für die Arbeiter sein, das Misthäuflein der Antisemiten vollends aus dem Reichstag hinauszufegen. Was die Gewerkschafter an ihrem Teil dazu helfen können, werden sie sicher tun. " Wieder wird einmal ein mittelbarer Eingriff einer staatlichen Behörde in das Koalitionsrecht der Arbeiter bekannt, der allerdings etwas dreist ist. Die preu ßische Heeresverwaltung hat nämlich eine vertrauliche Rundfrage an diejenigen Automobilwerte gerichtet, deren Lieferungsverträge am 1. Januar 1913 ablaufen. Die Wißbegierige verlangt Auskunft darüber, wieviel Arbeiter beschäftigt werden, ob und in welcher Gewerkschaft diese organisiert sind". Diese Schnüffelei hat natürlich auch einen höheren" Zweck. Es Nr.8 soll ein Druck ausgeübt werden auf die Lieferanten, die nach Meinung einer preußischen Behörde etwa zu viel freigewerkschaftlich organisierte Arbeiter beschäftigen; es gilt, fie anzuspornen, diesen Arbeitern das Koalitionsrecht streitig zu machen. Es heißt in dem Rundschreiben, daß ein Abkommen nicht getroffen werden könne, wenn sich wegen der neuen Bedingungen etwa Schwierigkeiten mit den Firmen ergeben sollten. Die neuen Bedingungen sind betriebstechnischer Art, nicht jede Firma würde sie erfüllen können. Was zum Teufel aber geht es eine Behörde an, ob und wo die Arbeiter ihrer Lieferanten organisiert sind? über solch unerhörten Eingriff der preußischen Heeresverwaltung in die Koalitionsfreiheit wird noch an anderer Stelle geredet werden müssen. Die Verhandlungen zwischen den ringenden Parteien in der Zabakindustrie rücken nicht vom Fleck. In Westfalen haben die örtlichen Versuche zur Verständigung noch zu feinem Ergebnis geführt, das für die Arbeiter annehmbar wäre. Die Unternehmer versuchen inzwischen dadurch Uneinigkeit und Berwirrung in die Reihen der Tabatarbeiter und-arbeiterinnen zu säen, daß sie das Gerücht verbreiten, viele Ausgesperrte seien bereits in die Betriebe zurückgekehrt. An dem Schwindel ist kein wahres Wort. Die Ausgesperrten siehen nach wie vor einig und geschlossen im Kampfe. Für die Buchdruckereihilfsarbeiter und-arbeiterinnen ist eine neue Tarifvereinbarung zustande gekommen. Die Verhandlungen zwischen den Buchdruckereibesitzern und Vertretern des Hilfsarbeiterverbandes waren anfänglich gescheitert. Auf Einladung des Tarifamtes für das Buchdruckgewerbe fanden nun neue Verhandlungen zwischen Vertretern beider Bar teien statt. Sie führten zu dem Ergebnis, daß der bisher geltende Tarif für das Buchdruckereihilfspersonal für weitere fünf Jahre bestehen bleiben soll. Im Holagewerbe bereitet sich eine neue Tarifbewegung bor. Mitte Februar laufen eine Anzahl der im Jahre 1909 abgeschlossenen Verträge ab. Da für sie vierteljährliche Kündigung gilt, so haben 14 Orte die Tarife bereits gekündigt. Verhandlungen find im Gange. Nach den Beschlüssen des letten Verbandstags der Holzarbeiter sind vierjährige Tarifverträge anzustreben, die natürlich auch den Teuerungsverhältnissen entsprechende Lohnaufbefferungen und Arbeitszeitverkürzungen enthalten sollen. Die im Holzgewerbe bestehenden Richtlinien für die Verhandlungen bestimmen, daß zunächst örtliche Verhandlungen stattfinden müssen; wenn diese zu keinem Ergebnis führen, entscheidet eine zentrale Schiedskommission, der je drei Vertreter der Parteien angehören. Kann sich auch diese Tarifbewegung an Umfang mit der vorjährigen nicht messen, so wird sie doch immer noch 6500 Arbeiter umfassen. Jm Steinfeggewerbe plant der Unternehmerverband offenbar einen großen Schlag gegen die verhaßte Arbeiterorganifation. Die Unternehmer wollen nach altem Trick alle bestehenden Tarife auf einen gleichen Ablaufzeitpunkt bringen, um gegebenenfalls den Arbeitern den Kampf auf der ganzen Front aufzwingen zu können. Bisher sind die Steinſegmeister mit ihren großartigen Plänen noch stets gescheitert, und auch diesmal wird es ihnen hoffentlich nicht besser gehen. In den Bergarbeitergebieten greift die Gärung weiter um sich. Dem stetigen Sinken der Löhne können die Bergarbeiter nicht länger ruhig zusehen. Im Ruhrrevier haben sich schon längst Versammlungen für Lohnbewegungen ausgesprochen. Aber auch in den schlesischen Kohlengruben wächst die Empörung der Bergleute. Eine Konferenz der drei Verbände in atto wih beriet über die schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen der dortigen Kohlenarbeiter und forderte Abhilfe. In England nimmt die Bewegung der Bergarbeiter einen träftigen Fortgang. Der Generalstreitsgedante hat bort feste Wurzel gefaßt. Eine Konferenz der Bergarbeiterföderation Großbritanniens hat beschlossen, daß nunmehr die Urabstimmung über den Generalstreik erfolgen soll. Die letzten Verhandlungen mit den Werksbefizern sind ergebnislos verlaufen, in allen Revieren lehnten die Unternehmer die Sicherung eines Mindestlohnes ab. Am 10., 11. und 12. Januar wird die Abstimmung vor sich gehen. Erklären sich Zweidrittel der Abstimmenden für den Ausstand woran nach der jetzigen Lage gar nicht zu zweifeln ist so wird der Generalstreit am 1. März beginnen. Eher in den Streit zu treten, ist nicht möglich, da in einigen Distrikten monatliche Kündigung besteht und somit erst am 1. ebruar zum 1. März gekündigt werden kann. In der Bergwerksindustrie Großbritanniens sind über eine Million Proletarier beschäftigt, die alle die Arme kreuzen müssen, wenn die 604 000 Mit Nr. 8 Di« Gleichheit l25 glieder der britischen Bergarbeitervrganisationen die Arbeit einstellen. Die g roste Bewegung im britischen Kohlenbergbau wird auch auf Deutschland ihre Wirkung ausüben. G Ein Tänzeriunenstreik. Die Tänzerinnen des Balletts des Theaters in Montpellier sind in den Ausstand getreten. Sie fordern halbmonatliche Gagenznhlung, wie sie die Mitglieder des Chors schon haben. Bisher wurde die Gage monatlich und überdies erst fünf Tage nach dem Verfalltag gezahlt. o. x. Genossenschaftliche Rundschau. Uber Stand und Entwicklung der deutschen Konsumvereine im eben' verflossenen Jahre 19ll entnehmen wir der Konsumgenossenschaftlichen Korrespondenz folgende Angaben. Die mahgebende Organisation, der Zentralverband deutscher Konsumvereine, hat eine Zunahme von 19 Vereinen zu verzeichnen, er zählt jetzt 1179. Es sind in vielen Fällen die bestehenden kleinen Konsumvereine zu Bezirkskonsumvereinen verschmolzen, und es ist auch planmäßig daran gearbeitet worden, daß die Gründung von Konsumvereinen nur erfolgte, wenn e» unmöglich war, daß ein in der Nähe gelegener Verein eine Warenverteilungsstelle einrichtete. Die Statistik wird gegenwärtig erst aufgenommen; man kann aber damit rechnen, daß die dem Zentralverband deutscher Konsumvereine angeschlossenen Organisationen 1911 ihre Mitgliederzahl auf 1>/- Millionen gesteigert haben. Es ist also eine Ausdehnung und eine innere Stärkung Hand in Hand gegangen. Der Unterstützungskasse des Zentral- verbandcs find jetzt 219 Genossenschaften angeschlossen, die rund 9999 Personen als Mitglieder angemeldet haben. Die Beiträge beliefen sich auf S7ö 999 Mk. Das ist gegen das Borjahr eine Steigerung von 12S 999 Mk. Das Vermögen der Kasse hat die zweite Million überschritten. Nach Ablauf der fünfjährigen Karenzzeit hat die Kasse mit der Auszahlung von Renten begonnen. Es wurden 3L64 Mk. für Invaliden- und Altersrenten und 1131 Mk. Witwen- und Waisenrenten gezahlt. Die Summe scheint unerheblich, doch darf man nicht vergessen, dah die Kasse erst sechs Geschäftsjahre zählt, und daß ihr natürlich nicht von Anfang an so viele Mitglieder wie jetzt angehörten. Die Großeinkaufsgefellschaft schätzt ihren Gesamtumsatz im Jahre 1911 aus 195 bis 197 Millionen Mark. Die Vermehrung des Umsatzes hat allerlei Reue- rungen zur Folge. So werden in Gröba und Nürnberg neue Lagerhäuser errichtet. In Gröba werden ferner neue Fabrikgebäude und ein neues Verwaltungsgebäude gebaut. Wie stark sich die Tätigkeit der Grostcinkaufsgesellschaft ausdehnt, sieht man am besten daran, daß die von ihr vor einem Jahre in Benutzung ge- nommenen neuen Räume in Hamburg, die eine sehr erhebliche Erweiterung des alten Geschäftshauses brachten, bereits wieder voll befetzt find. Auch der Verlagsanstalt des Zentralverbandes, die gegenwärtig im Geschäftshaus der Großeinkaufsgesellschaft zur Miete wohnt, werden die Räume zu enge, so daß sie sich wohl in absehbarer Zeit ein eigenes Geschäftshaus wird bauen müssen. Sie ist im Laufe weniger Jahre zu einem respektablen Grostbctrieb mit mehr als 2 Millionen Mark Umsatz geworden. An der Ausdehnung der Verlagsanstalt hat auch die konsumgenossenschaftliche Presse teilgenommen. Die Konsumgcnossenschaftliche Rundschau zählt jetzt etwa 19 999 Bezieher, während das Volksblatt in einer Auflage von 999 999 Exemplaren gedruckt wird. Seit dem 1. August v. I. erscheint für den Verband rheinisch-westfälischer Konsumvereine eine Sonderausgabe des Volksblattes, seit dem 1. Januar eine solche des Verbandes nordwestdeutscher Konsumvereine. Können so die deutschen Konsumvereine recht zufrieden auf das Jahr 1911 zurückblicken, so müssen sie sich jedoch darüber klar sein, daß die Zahl ihrer Feinde gewachsen ist. Die Vorgänge im preußischen Abgeordnetenhaus bei der Erörterung des Antrags Hammer sowie verschiedene andere Tteucrpläne zeigen das zur Genüge. Bisher aber haben alle Versuche, die Konsumvereine zu bekämpfen, nur die eine Folge gehabt, sie enger zusammenzuschließen.— Hoffen wir, daß das auch im neuen Jahre der Fall sein wird. Die moderne Arbeiterbewegung wird jedenfalls das Ihrige dazu beitragen, die Konsumvereine mehr und mehr zu machtvollen wirtschaftlichen Organisationen der unbemittelten Massen des Volkes zu entwickeln. Um so mehr, als die Konsum- bereine von allen Seiten bekämpft werden, und die bürgerlichen Parteien bis auf unbedeutende Reste sich im Wahlkampf feindlich gegen die Arbeitergenossenschaften stellen. Wenn die Konsumvereinsmitglieder die vom Zentrakverband ausgegebene Parole befolgen wollen: nur konsumvereinsfreundkiche Kandidaten zu wählen, bleibt ihnen nichts übrig, als bei allen Wahlen nur Sozialdemokraten die Stimme zu geben. Das trifft auf die Landtags- und Gemeindewahlen ebenso zu wie auf die Neichs- tagswahll „Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen." Und wenn in diversen Bundesstaaten und-stätchen des Deutschen Reiches U m- satz steuern gegen die Konsumvereine gemacht werden, muß auch das kleine F ü rftentum Reutz ä. L. dabei sein. So dachte offenbar die Mehrheit des aus ganzen 12 Mitgliedern bestehenden Landtags des Miniaturftaats. Mit 7 gegen 5 Stimmen wurde eine Umsatzsteuer nach folgenden Grundsätzen beschlossen. Die Besteuerung trifft die natürlichen oder juristischen Personen, die das stehende Gewerbe des Klein-(Detail-)Handels mit Waren aus mehr als einer der folgenden vier Warengruppen (folgen die im H 9 des preußischen Warcnhaussteuergesetzes aufgeführten Gruppen) betreiben und einen Jahresumsatz von 199 999 Mk. oder mehr im Detailhandel erzielen. Ferner ohne Rücksicht auf die Höhe des Umsatzes diejenigen, die in einer Gemeinde des Fürstentums im kleinen Waren auch nur einer der genannten Warengruppen von mehr als einer Verkaufsstelle auS oder in einer Niederlassung eines auswärtigen gewerblichen oder landwirtschaftlichen Unternehmens feilbieten. Auch wenn der tatsächliche Reingewinn der erfaßten Organisationen geringer ist, sind mindestens 7 Prozent des erreichten Jahresumsatzes als Einkommen auS dem Detailhandel zu versteuern. Das Fürstentum Reuß ä. L. wird sich also künftig nicht mehr begnügen, die Ersparnisse der organisierten Konsumenten zu Unrecht zu versteuern, es wird für diese Versteuerung auch ein Maßstab angewendet werden, der ein weiteres Unrecht bedeutet. Hoffentlich antworten die Konsumenten damit, daß sie sich in größerer Zahl den Konsumvereinen anschließen und durch Kräftigung derselben die schikanöse Belastung illusorisch machen. ll. Notlzenteil. Dienstbotenfraa«. Reifezeugnifse für„Gesinde" der besseren Gesellschaft. Dem letzten Reichstag lag ein Aktenstück vor, das von einem Apotheker G. aus dem be— rühmten schlesischen Weinort Grimberg stammte. Dieser Herr mediziniert an dem Dienstbotenproblem herum und verordnet für die bessere Versorgung der guten Gesellschaft mit standesgemäßen Dienstboten folgendes Rezept: 1. Es soll neben deni Gesind edienstbuch auch ein Führungsbuch für weibliches Hauspersonal obligatorisch gemacht werden. 2. Der Erwerb dieses Buches soll davon abhängig gemacht werden, daß die Bewerberinnen einen selbstgeschriebenen Antrag nebst kurzer Lebensbeschreibung einreichen und 19 Mk. erlegen. � Der Apotheker erhofft von der erbetenen Ausschmückung der nnttelalterlichen Gesetze, die unter dem„Standesbegriff" Gefinde„verschiedenartige Elemente" zusammenfassen, eine Abhilfe dagegen, daß seit Jahren die Dienstbotenzahl zurückgeht. Die romanhaft klingende Begründung spiegelt getreulich die Ansichten großer bürgerlicher Kreise wider. So heißt es darin: Viele junge Bürgertöchter, besonders solche in Neinen Städten, möchten heutzutage gerne eine Stellung haben und beneiden die Hausmädchen feiner Häuser um ihre hübsche Kleidung und sauberen Hände. Sie können sich im elterlichen Hause nicht so tragen und müssen dort gröbere Arbeit verrichten. Diese Bürgertöchter würden aber Anstoß nehmen an dem kleinen, abscheulich klingenden Wort„Gesinde", und so gehen sie als häusliche Hilfskräfte den Frauen verloren, die solche suchen. Mädchen dieser Art wären jedoch angenehmere und zuverlässigere Hansgenossinnen als die gewöhnlichen Dieirstboten, viel Arger könnte durch ihre Arbeit im Haushalt abgewendet, viel Schädliches erspart werden. Denn der größere Fonds guter häuslicher Erziehung, den sie mitbringen, würde die Anpassung an fremde Verhältnisse erleichtern und die Mädchen dankbar für alle? Gute machen. Sorrst werde jetzt alles Gute mehr al» selbstverständlich, das scheinbar Unangenehme als unerträglicher Druck empfunden. Außerdem sei zu berücksichtigen, daß die Kinder der Herrschaft nicht mehr durch die unfeine Unterhaltung und bösen Angewohnheiten der Dienstboten schlecht beeinflußt würden, weim diese durch Bürgertöchter erfetzt werden könnten. Nachdem der Apotheker so mit Nachdruck gezeigt hat, wie daS Niveau der Bourgeoisfamitie durch gebildetere Dienstmädchen gehoben werden kann, sucht er die Bürgertöchter zu beruhigen, die etwa eine harte Gefindearbeit scheuen sollten. Er verweist auf das, was die moderne Ächnik zur Erleichterimg der häuslichen Arbeiten in den Grotzstadtwohnungen geschaffen hat beziehungsweise schaffen kann: Wasserleitung, Zentralheizung, Gas, elektrisches Licht usw. In der Folge sei die Gesindearbeit so erleichtert, daß sie kaum noch einem jungen Mädchen lästig fallen könnte. Bei gnter Ernährung sei die 126 Die Gleichheit häusliche Betätigung den Mädchen in den Wachstumsjahren viel zuträglicher als der Aufenthalt in Puß- und Schneiderstuben oder in Fabrifluft. Über den Lohn, den die gebildeten" Dienstmädchen erhalten sollen, schweigt des Sängers Höflichkeit. Dagegen hebt der reformeifrige Apotheker zu Grünberg zwei Vorteile hervor, wenn es gelinge, den Zutritt zu dem von ihm geschilderten häuslichen Paradies von einem Bildungsattest( Führungsbuch) und von einer zehnmartsteuer abhängig zu machen, die etwa in den Alters- und Invalidenfonds fließen könnte: erstens sporne die Aussicht auf einen solchen Beruf zu größerem Fleiße und Eifer in der Schule an; zweitens entstünde eine Trennung der Dienenden in Mädchen für Stadt- und Landhaushaltung. Dem Lande würden dann die Mädchen eher zugeführt, die für die Stadt nicht geeignet und von den Herrschaften dort entlassen sind, die aber jetzt meist nicht mehr ins Dorf zurückkehren wollen und oft nur die Zahl der in den Straßen der Großstädte nachts Umherschleichenden vermehren. Für das„ bessere Personal", das der Apotheker so den Städtern verschaffen will, möchte er aber eine Gefahr abwenden: es müßte verhütet werden, daß .je nach eigener Veranlagung und nach Charakter der Herrschaft das Mädchen entweder nichts leistet oder als Mädchen für alles mißbraucht wird". In der Kommission des Reichstags ist diese Dose reform lerischer Quacksalbe beim großen Aufräumen mit den restlichen Eingängen nur einer furzen Probe unterzogen worden. Das Resultat war:„ Ungeeignet zur Erörterung im Plenum, da wir noch kein Reichsgesinderecht haben." Wäre Zeit gewesen, in die Behandlung der Sache einzutreten, so hätte man unter anderem auf die Tatsache hinweisen müssen, daß troß der Ausstattung moderner Großstadtwohnungen mit Errungenschaften der Technik das weibliche Hauspersonal gesundheitlich sehr gefährdet sein kann. So steht zum Beispiel fest, daß die Bedienung der Zentralheizungen, das täglich zweimalige Reinigen und Füllen des Kessels durch weibliche Dienstboten junge Mädchen in furzer Zeit gesundheitlich ruiniert. Daran würde auch das beste Führungsbuch mit der schönsten Lebensbeschreibung eines zarten Bürgertöchterchens nichts ändern. Auch die 10 Mark Standessteuer reizt wie beinahe jeder Satz der famosen Begründung zum heftigen Widerspruch gegen solche soziale Giftmischerei an. Fürsorge für Mutter und Kind. mg. Traurige Ernährungszustände Münchener Schulkinder deckt in der Münchener Medizinischen Wochenschrift eine Untersuchung des Kinderarztes Dr. S. Oppenheimer auf. Die betreffende Untersuchung wurde an zwei Schulen vorgenommen: an der Domschule, die von einer verhältnismäßig großen Anzahl von Kindern aus den besser situierten Kreisen besucht wird, und an der Guldeinschule, in die in der Hauptsache Proletarierkinder gehen. Es stellte sich heraus, daß an dieser Schule von den sechsjährigen Schüle rinnen zwei Drittel unterernährt waren. Noch schlimmer stand es mit der Ernährung bei den höheren Altersklassen: im zehnten Lebensjahr erreichten nur 16,4 Prozent aller Mädchen das Normalgewicht. Was den Brustumfang und die Körperlänge anlangt, wurde die Norm nur von einem ganz verschwindend kleinen Teil der Schülerinnen erreicht, die weitaus größere Mehrzahl stand bedeutend dahinter zurück. Ganz ähn lich wie bei den Mädchen lagen die Verhältnisse bei den Knaben; dabei wurde noch die Norm möglichst niedrig angesetzt. Hätte man sie höher gewählt, so wären unter den sechsjährigen Schülern der Guldeinschule statt 14,3 Prozent gar nur 2,4 Prozent normal genährt gewesen. An der Domschule zeigten sich etwas günstigere Ergebnisse, wie nach der sozialen Zusammensetzung der Schüler zu erwarten stand. Die Guldeinschule ist der Typus einer Vorstadt schule, deren Zöglinge sich zumeist aus den Kindern der Arbeiter rekrutieren, und Dr. Oppenheimer glaubt nicht fehlzugehen, wenn er annimmt, daß in sämtlichen Münchener Volksschulen die Kinder außerordentlich schlecht ernährt sind. Namentlich in der jetzigen Zeit mit ihren wucherisch hohen Lebensmittelpreisen hält er einen möglichst ausgedehnten Ausbau der unentgeltlichen Schulspeisung für dringend erforderlich, um die Kinder nicht ganz der chronischen Unterernährung auszuliefern, die die Entwicklung unserer Jugend dauernd schwer schädigt. Die festgestellten Tatsachen erweisen klärlich die Unvernunft und Grausamkeit der heutigen Gesellschaftszustände, durch die Tausende proletarischer Kinder dem Hunger überantwortet werden. Sie predigen aber auch eindringlich die Pflicht der Mütter, mit aller Energie eine Gesellschaftsordnung zu bekämpfen, die die Kinder solch furchtbarem Lose überantwortet. Mögen die Proletarierinnen der Sünden des Kapitalismus und ihrer Nr. 8 eigenen Pflicht in diesen Tagen eingedent sein, wo es gilt, die nächste Abrechnung mit den Verteidigern der tapitalistischen Ord. nung vorzubereiten. Soziale Gesetzgebung. c. b. Verbot der Nachtarbeit der Frauen in Frankreich. Der französische Senat hat dem Gesetz zugestimmt, das die Berner Konvention über die Nachtarbeit der Frauen und Kinder in den o. p. gewerblichen Betrieben in Kraft setzt. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Von der polnischen sozialdemokratischen Frauen. bewegung in Galizien und Schlesien. Noch vor Schluß des alten Jahres hat die zweite Konferenz der polnischen sozialdemokratischen Frauen in Galizien und Schlesien am 7. Dezember in Lemberg getagt. Es nahmen 14 Delegierte und 30 Gäste an ihr teil. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand die Frage der Organisation. Genossin Kluszynska, die Redakteurin der ,, Glos Kobiet"( Frauenstimme) hielt dazu einen einleitenden Vortrag, aus dem hervorging, daß die Organisation der sozialdemokratischen Frauen nun auch in Galizien Wurzeln zu fassen beginnt. Das Zentralagitationskomitee der sozialdemokra tischen Frauen im österreichischen Polen hatte verschiedene Anträge vorgelegt, denen die Konferenz beitrat. Sie beschloß, daß die bestehenden Frauenorganisationen aufzulösen und daß die Genossinnen gemeinschaftlich mit den Genossen zu organisieren seien. Zwar steht noch der Paragraph des österreichischen Vereinsgefeßes in Kraft, der den Frauen die Mitgliedschaft in polis tischen Vereinen verbietet. Allein da die Genossen meist in sogenannten freien Organisationen zusammengeschlossen sind, so steht dem Beitritt der Genossinnen dazu nichts im Wege. Allen Lokal-, Bezirks- und Landeskomitees sollen Genossinnen angehören, deren Aufgabe es sein wird, in erster Linie für die Agitation unter dem polnischen weiblichen Proletariat in Galizien und Schlesien tätig zu sein.„ Glos Kobiet" bleibt das Zentralorgan der polnischen Genossinnen in Österreich. Die Beschlüsse der Frauenkonferenz wurden beim Parteitag der Sozialdemokratischen Polnischen Partei für Galizien und Schlesien eingebracht, dem die Tagung der Genossinnen vorausgegangen war. Er beschloß nahezu einstimmig die gemeinsame Organisation, wie sie die Konferenz beantragt hatte, und wählte vier Frauen in die Parteileitung: die Genossinnen Konopaco, Malinowska, Moraczewska und Klus. zynska. So ist nicht nur die Gleichberechtigung der Geschlechter voll gewahrt, sondern auch die praktische Möglichkeit gegeben wor den, die höchste Instanz der Partei jederzeit zur kraftvollen Vertretung der proletarischen Fraueninteressen anzuregen. Unsere polnische Frauenorganisation ist unseres Wissens innerhalb Osterreichs die erste, welche die gemeinsame politische Organisation von Frauen und Männern in der Praxis durchführt. Wir versprechen uns von der neuen Organisationsform die besten Erfolge. Der Agitation unter den Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen werden durch sie mehr Kräfte und Mittel nutzbar gemacht, und auch das Interesse der Genossen an dieser Agitation wird steigen, wenn die gemeinsame Organisation für sie verant wortlich ist und ihre Erfolge unmittelbar einheimst. Die För derung der Bestrebungen zur Aufklärung und Organisierung der werktätigen Frau des arbeitenden Volkes in Österreich- Polen tut um so mehr not, als der Hauptteil, Galizien, industriell noch nicht weit entwickelt ist. Aus diesem Umstand erwachsen viele große Schwierigkeiten, die die gemeinschaftliche Organisation besser zu bewältigen vermag als das Häuflein tätiger Genossinnen. Daß dieses trotz dieser Schwierigkeiten die sozialdemo kratische Frauenbewegung in Fluß halten konnte, daß es wenn auch fleine, so doch sichere Fortschritte erzielt hat, verbürgt gute Dora Kluszynska, Oderberg. Erfolge für die Zukunft. Frauenstimmrecht. Generalversammlung des preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht. Am 9. und 10. Dezember fand in Berlin die Generalversammlung des preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht statt. Die ihr beiwohnenden 48 Delegierten waren mit 89 Stimmen ausgestattet. Diese Stimmenhäufung in Berlin, wo der Verein 572 Mitglieder zählt, gibt zu denken, um so mehr, als die Generalversammlung an einem Sonntag tagte. Es schien, als ob man dadurch unliebsame Nr. 8 Die Gleichheit Abstimmungen hätte vermeiden wollen, daß man den bekannteren Führerinnen bis zu je drei Stimmen gegeben hatte, mehr erlauben die Statuten nicht. Die Offentlichkeit war zwar von der Tagung nicht ausgeschlossen, aber sie war ausgeblieben. Abgesehen von ganz wenigen Berliner Stimmrechtsmitgliedern, langweilten sich nur einige pflichtgetreue Pressemenschen während der Verhandlungen im Saale. Aus dem Geschäftsbericht ging hervor, daß jekt zwölf Provinzialvereine mit 36 Ortsgruppen und zusammen 3359 Mitgliedern dem preußischen Landesverein angehören. Die Mittel des Vereins sind sehr gering; im wesentlichen deckte er während der letzten Jahre die Kosten seiner Tätigkeit aus einem Fonds, der Frau Cauer zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt worden ist. Der erste Vortrag beschäftigte sich mit der Berichterstattung über die Hamburger Tagung des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht. Die Referentin, Fräulein v. Harbau, wendete sich in schärfster Weise gegen den früheren Verbandsvorstand sie selbst nannte ihren Vortrag feine sonntägliche Beschäftigung. Sie bedauerte die in Hamburg beschlossene ünderung des§3 der Verbandsstatuten, der nun nur noch für die Frauen allein das allgemeine Stimmrecht verlangt, obgleich in Preußen auch die erdrückende Mehrzahl der Männer noch politisch rechtlos ist. In Zusammenhang mit der Berichterstattung standen die drei Anträge der Ortsgruppen Marburg, Magdeburg und Breslau. Die erstere wollte die Forderung des allgemeinen Wahlrechts ganz gestrichen haben, doch wurde ihr Antrag zurückgezogen. Die Magdeburger Organisation fragte an: Was soll mit den Vereinen werden, die des unglückfeligen§ 3 wegen nicht dem Verband beitreten können oder wollen? Mit diesen„ Bebauernswerten" sind die gemäßigten Frauenrechtlerinnen gemeint. Die Wiederherstellung des§ 8 in der alten Fassung, das heißt das Wahlrecht für beide Geschlechter, forderte der Breslauer Antrag. Der Vorstand trat diesen Anträgen mit der Feststellung entgegen, daß die Beschlüsse des Verbandes auch für den Landesverein bindende seien, und daß nur eine Generalversammlung der Gesamtorganisation sie aufheben könne. Er selbst bedauere die Änderung des§ 3. Wenn die Welt am Montag" auspofaunte, daß der Landesverein das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht als das grundlegende Prinzip seiner Tätigkeit anerkenne, so unterschlägt sie, daß auch in dieser Organisation eine lebenskräftige Minorität besteht, die diese Ansicht nicht teilt, ja bekämpft. Sowohl im preußischen Landesverein wie in dem Verband für Frauenstimmrecht sind viele Gegner des allgemeinen Wahlrechts. Der Vortrag von Frau Tauer über„ Die Organisation der " Frauenstimmrechtsbewegung" gab die Auffassung einer guten bürgerlichen Demokratin wieder, er war daher nicht neutral" und im Verein für Frauenstimmrecht gar nicht am Plaze. Nur durch eine eigentümliche Konstellation, die durch die vorliegenden Anträge entstand, entging er schärfster Kritik. Die sogenannte Neutralität des Frauenstimmrechtsvereins richtet in den Köpfen der bürgerlichen Damen ein unentwirrbares Durcheinander an. Das Frauenstimmrechts- Tohatmabohu dürfte durch die neubegründete„ Deutsche Vereini gung für Frauenstimmrecht" nicht vermindert werden, der sich bereits der gemäßigte schlesische und der gemäßigte rheinisch westfälische Stimmrechtsverein angeschlossen haben und die über ganz Deutschland ihre Nehe ausbreitet. Jm Gegenteil! Dieses bürgerliche Frauenstimmrechtswirrwarr hat für uns Sozialdemokraten vor allem die Bedeutung eines Shmptoms, das den Verfall der bürgerlichen Demokratie anzeigt. Es lohnt sich kaum, sich mit diesem bunten und verfilzten Knäuel aller möglichen und unmöglichen Ansichten auseinanderzuseßen. Aber sehr falsch wäre die Meinung, daß das Sammelsurium der ungezählten Grüppchen von Anhängerinnen des Frauenstimm rechts im großen ganzen der Sozialdemokratie und dem Rechte der proletarischen Frau besondere Sympathien entgegenbrächte. Wir finden da die konservativsten Jdeengänge, die antisemitischen einbegriffen, und die törichtesten und uns feindlichsten Weltanschauungen. Ein Antrag des Landesvorstandes forderte die Ortsgruppen zu lebhaftestem Eintreten für das Gemeindewahlrecht der Frauen auf. Angenommen wurde folgende Resolution: " Die vierte Generalversammlung des preußischen Landesverbandes für Frauenstimmrecht befürwortet das lebhafteste Eintreten für das Gemeindewahlrecht der Frauen. Zu diesem Zwecke emp fiehlt sie allen Provinzialverbänden, möglichst gleichzeitig Petitionen um das Gemeindewahlrecht der Frau an den preußischen Landtag zu richten. Ferner empfiehlt sie lebhafteste Beteiligung an den praktischen und sozialen Aufgaben der Stadt- und Land127 gemeinden. Zur Ausführung empfiehlt die Generalversammlung die Bildung von kommunalpolitischen Kommissionen, in denen Männer und Frauen vertreten sind. Die Provinzialverbände und Ortsgruppen werden angeregt, darauf zu achten, daß die bestehenden Gemeinderechte der Frauen ausgeübt werden." Ein anderer Antrag wünschte unter Zugrundelegung eines Fragebogens eine Enquete bei den Abgeordneten des nächsten Reichstags, um zu erfahren, wie weit diese Herren für Frauenrechte eintreten werden. Über diese Fragebogen wurde nach einem langen Vortrag lang und breit diskutiert. Die einen betonten, daß Beihilfe nur solchen Kandidaten zu leisten sei, die entschieden für das Frauenstimmrecht eintreten; die anderen aber erklärten, fie feien schon mit dem Versprechen zufrieden, daß ein Barlamentarier für einen Teil der Frauenforderungen wirken wolle. Schließlich tam eine Resolution zustande, die besagt:„ Der preußische Landesverein erwartet von seinen Mitgliedern, daß sie keinen Reichstagsabgeordneten unterstüßen, der nicht unzweideutig für die Frauenforderungen eintritt." Damit war der Kautschut fertig. Unzweideutig hat beispielsweise der Reichstagskandidat Mommsen in Berlin erklärt, daß er nicht für das Frauenstimmrecht zu haben sei. Man sollte nun annehmen, daß die Frauen diesem trefflichen Vertreter ihrer Rechte gebührend ge= antwortet hätten. Ach nein! In einer Versammlung der liberalen Frauen wurde jauchzend verkündet:„ Herr Mommsen trete nur momentan noch nicht für das Frauenstimmrecht ein, weil er es noch für aussichtslos halte und nur das Mögliche in der Politik anstrebe." Das Mögliche nämlich, daß ihm die bürgerlichen Frauen tros dieser Hanswursterei große Wahlhilfe leisten. Mit Spec fängt man Mäuse! Frau Plot how, die Berichterstatterin des Berliner Tageblatts" über die Frauenbewegung, hat schon einen begeisterten Vortrag für Mommsens Kandidatur gehalten! Das nennt sich Frauenstimmrechtskämpferinnen! Daß Gott erbarm! Auf Antrag einer Handelsangestellten nahm die Tagung folgende Resolution an:„ Die Generalversammlung spricht ihr Bedauern darüber aus, daß neuerdings die Gesetzgebung wiederum sowohl in der neuen Reichsversicherungsordnung als auch in der Brivatbeamtenversicherung bedenkliche Lücken für die Frauen besonders dadurch offen gelassen hat, daß die Frauen zu den betreffenden Körperschaften nicht dasselbe Wahlrecht haben wie die Männer. Sie erblickt darin eine Herabsetzung der ideellen und materiellen Werte, die von den berufstätigen Frauen für den nationalen Arbeitsmarkt geliefert werden, gegenüber der Männerarbeit. Sie erblickt aber vor allem eine schwere Schädigung der berufstätigen Frauen in dem dadurch geschaffenen Umstand, daß dieselben nicht in der Lage find, ihre Interessen bei den erwähnten Körperschaften in vollem Umfang selbst wahrnehmen zu können. Die Generalversammlung protestiert gegen diese nicht mehr den heutigen Verhältnissen entsprechende Stellungnahme der Regierung gegenüber den berufstätigen Frauen und fordert nachdrücklichst gleiche Behandlung für beide Geschlechter bei den beruflichen Interessenvertretungen." Die nämliche Delegierte brachte auch eine Resolution ein des Inhaltes: Dem deutschen Verband möge mitgeteilt werden, daß die Generalversammlung des preußischen Landesvereins die in Hamburg vorgenommene Änderung des§ 3 bedauere. Unter Protest der anders denkenden Minorität gab die Mehrheit und der neu= trale Borstand der Resolution die Zustimmung. Zum Schlusse hielt Frau Cauer eine Ansprache, in der sie sich dahin aussprach, daß die Brücke zwischen den bürgerlichen und den arbeitenden Frauen nicht abgebrochen werden dürfe. Aus den Wahlen für die Leitung gingen dieselben Vorstandsmitglieder wieder hervor, bis auf eine Änderung aus Gesundheitsrücksichten. Die nächste Tagung findet in Dortmund statt. Die Generalversammlung schloß mit einer Paradevorstellung am Abend! Der ganze neugewählte Vorstand des deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht war in der überfüllten öffentlichen Versammlung, die sich mit den Forderungen der Frauen anden neuen Reichstag befaßte. Zuerst sprach Frau Jel= Iinet über die Geseze im allgemeinen, die den Frauen weniger gerecht werden als den Männern, auch über den neuen Strafgesezentwurf. Dann folgte Fräulein Lischnewsta, die es sich natürlich nicht verkneifen konnte, den selig entschlafenen Reichstag zu preisen. Frau Breitscheidt, die an dieser Stelle als Frauenstimmrechtlerin sprach, wozu bekanntlich ein feiner Takt gehört, den nicht jeder Mensch sein eigen nennt, servierte den Berlinern die Zuckerpillen: Frieden, reichlich Brot und Ausbau der Koalition. Alle Rednerinnen ernteten reichen Beifall, auch Fräulein Lischnewska, wenn auch deren Ausführungen nicht ganz unwidersprochen blieben. Delegierte der verschiedenen Landesver 128 Die Gleichheit eine für Frauenstimmrecht überbrachten Grüße aus ihrer Heimat. Frau Cauer forderte in ihrem Schlußwort die Mündigkeitserklärung des deutschen Volkes. Die neue Vorsitzende des deutschen Verbandes, Frau Stritt, schloß die Generalversammlung, die diese Resolution angenommen hatte:" Damit die Frauen wirksam für den Schutz und die Hebung des weiblichen Geschlechts arbeiten fönnen, damit sie eine angemessene Berücksichtigung ihrer Interessen in der Gesezgebung durchzusehen vermögen, damit sie in den Stand gesetzt werden, ihrer weiblichen Eigenart entsprechend tatkräftig an den großen sozialen Aufgaben unserer Zeit mitzuwirken, bedürfen fie der politischen Gleichberechtigung. Die Ver-sammlung fordert daher den Verband für Frauenstimmrecht auf, an den kommenden Reichstag mit der Bitte heranzutreten, den Frauen das aktive und passive Reichstagswahlrecht zu gewähren, und dieses Ersuchen in jeder Legislaturperiode zu wiederholen, so lange, bis jede Frau als gleichberechtigte Bürgerin ihres Vaterlandes anerkannt wird." Wie sich der Liberalismus des Bürgertums in Württem berg zur Forderung des Frauenwahlrechts stellt, wurde durch die große Versammlung in Stuttgart illustriert, in der der liberale Sammlungskandidat, Oberbürgermeister Mülberger- Eßlingen, sein Programm entwickelte. Für diesen Politiker existiert offenbar die Frau als Glied der Gesellschaft nicht. Auch nicht ein Wort seiner Rede galt den Interessen, den sozialen Bedürfnissen des weiblichen Geschlechts, das heißt der großen Hälfte der Bevölkerung des Deutschen Reiches. Die Ergebnisse der Berufs- und Gewerbezählung von 1907, die auch für Württemberg eine starke Zunahme der hauptberuflich erwerbstätigen Frauen nachgewiesen haben, sind dem Herrn stummes, totes Zahlenwerk geblieben. Frau Perlen fragte im Namen des bürgerlichen Frauenstimmrechtsvereins an, wie der Kandidat des Bürgertums sich zum Frauenwahlrecht stelle. Sie begründete ihre Anfrage mit dem Hinweis auf die ausgedehnte und wachsende Berufsarbeit der Frau. Herr Mülberger hatte für die weittragende soziale Erscheinung und die in ihr verankerte Rechtsforderung nur ein plattes, stumpfes Wigwort, welches zeigte, daß er im legten Grunde nur das Weibchen kennt.„ Wenn die Frauen einen Freund haben, so haben sie mich", rief er mit einer Betonung aus, deren Bedeutung die versammelten viertausend liberalen Bürger sofort verständnisinnig mit der bekannten„ stürmischen Heiterkeit" bestätigten und die der Redner selbst noch durch die Antwort darauf stark unterstrich. Die Forderung des Frauenwahlrechts schob er mit Redensarten beiseite. Was für andere Länder passe, das passe nicht ohne weiteres für Deutschland. Er habe immer befürwortet, daß die Frauen im Erziehungswesen zur Beratung herbeigezogen würden. Aber oft würde das größte Unglück für Kinder und Familie entstehen, wenn die Frau ihre Zeit und Kraft auch noch für Politik verwenden wolle. Diese läppischen Ausführungen fanden die lebhafteste Zustimmung der Versammlung. Bezeichnend genug hatte die Philisterbeschränktheit der gesammelten liberalen Bürger die For derung des Frauenwahlrechts mit so stürmischem Gelächter aufgenommen, daß Frau Perlen empört und tapfer in den Saal rief: „ Es ist eine Schande, daß Sie diese Frage mit Lachen beantworten! Lesen Sie denn feine Zeitungen? Wissen Sie nicht, daß diese Forderung schon in manchen Staaten ganz oder zum Teil verwirklicht ist?" Man stelle diesem Bild von der Auffassung und dem Verhalten des liberalen Bürgertums und seiner führenden Politiker die Sachtenntnis und den Ernst gegenüber, mit denen jeder sozialdemokra tische Kandidat die Frage der Fraueninteressen und Frauenrechte behandelt, die Begeisterung, mit der die sozialdemokratischen Proletarier sich für das Frauenwahlrecht erklären. Man sieht dann greifbar, auf welcher Seite das vorwärtsdrängende neue geschichtliche Leben steht. Trotz des Anschauungsunterrichts der Tatsachen träumen bürgerliche Frauenrechtlerinnen noch von der Wiedergeburt des deutschen Liberalismus, unterstüßen sie ihn im Stampfe gegen die Sozialdemokratie. Gibt es einen bündigeren Beweis von der Stärke des Klasseninteresses, das diese Damen leugnen? Denn im schroffsten Gegensatz zu dem Liberalismus ist die Sozialdemokratie die einsichtsvollste und zuverlässigste Verteidigerin des Frauenwahlrechts. Die letzten Gewerbegerichtswahlen in Paris haben die Rückständigkeit der Arbeiterinnenbewegung in Frankreich gezeigt. In Paris gibt es rund 70000 Arbeiterinnen, die in der Hut-, Blumenund Schmuckfedernindustrie beschäftigt sind. Zu den Gewerbegerichtswahlen steht allen von ihnen das Wahlrecht zu, die über 25 Jahre zählen und das französische Staatsbürgerrecht besitzen. Von den vielen Tausenden Wahlberechtigten hatten sich bei den letzten Gewerbegerichtswahlen nur 51 in die Wählerliften eintragen lassen. Für einen Siz im Gericht kandidierte die Sekretärin der Modistinnengewerkschaft. Sie erhielt im ersten Wahlgang ganze 17, im zweiten nur noch 7 Stimmen. Als Sieger ging ein Mann aus der Urne Nr. 8 hervor. Zwar ist es um die Organisation der paar tausend Arbeiter in der Modenindustrie nicht zum besten bestellt, aber doch ist die Teilnahmlosigkeit der Männer gegen die Gewerkschaft nicht so groß wie bei den Arbeiterinnen. Diesen liegt der Gedante des Zusammenschlusses noch sehr fern. Es ist kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die Arbeiterinnen der schamlosesten Ausbeutung preisgegeben sind. o. p. Das kommunale Frauenwahlrecht für Britisch- Honduras ist beschlossen worden. Viele Frauen ließen sich sofort in die Wählerlisten einschreiben. Leider besagen die vorliegenden Meldungen nichts darüber, ob es sich um ein allgemeines oder nur um ein beschränktes Frauenwahlrecht handelt. Da die englischen Kolonien sich für ihre Einrichtungen zunächst meist an das Beispiel des Mutterlandes halten, dürfte wohl das letztere der Fall sein. Frauenbewegung. E.ikette statt politischen Rechts, das scheint noch immer das Ideal auch mancher bürgerlicher Frauenrechtlerinnen zu sein. Der Verein für Frauenstimmrecht in Frankfurt a M. hatte eine öffentliche Versammlung einberufen, die Stellung zur Reichstagswahl nehmen sollte. Fräulein Augspurg referierte über„ den alten und den neuen Reichstag" und sparte nicht mit einer äßenden Kritik der bürgerlichen Parteien. Von den eingeladenen Reichstagskandidaten war nur Genosse Dr. Quard erschienen, der Bannerträger des Linksliberalismus, Herr Deser hatte sich brieflich entschuldigt und brachte sein Wohlwollen für das Frauenwahlrecht zum Ausdrud. Genosse Quard legte ausführlich den sozialdemokratischen Standpunkt zu den Fragen dar, die das öffentliche Interesse beHerrschen und tief das Leben der Frauen berühren. Er ergänzte Fräulein Augspurgs Kritik an dem Verhalten der Fortschrittlichen Volksparteiler und bezeichnete es als das„ feiger Weiber". Dem Tun und Lassen dieser Herren stellte er lobend„ die tapferen Frauen" gegenüber, die für die Rechte ihres Geschlechts kämpfen. Unter den anwesenden Frauenrechtlerinnen gab es wunderliche Biervögelchen, die behaupteten, Genosse Quard habe durch den Ausdruc feige Weiber" das gesamte weibliche Geschlecht beleidigt. Die ver sammelten Damen nahmen die„ beleidigende" Äußerung zum Vorwand, sich in eine Erregung hineinzusteigern, die sie zu feiner Parole tommen ließ, für welchen Kandidaten die bürgerlichen Frauen im Reichstagswahlkampf eintreten sollten. Und das, ob. gleich der anwesende Parteisekretär der Fortschrittlichen Volkspartei keine bindende Erklärung über die Stellung zum Frauenwahlrecht abgab, vielmehr die Frauenrechtlerinnen mit allgemeinen, nichts. sagenden Redensarten und einem Wechsel auf die Zukunft abspeiste. Was den Kandidaten der Demokraten, den bisherigen Reichstagsabgeordneten Deser anbelangt, so hat sich seine Sympathie für das Frauenwahlrecht bisher unter Ausschluß der parlamentarischen Offentlichkeit betätigt. Uns ist nicht eine Gelegenheit bekannt, wo Herr Deser im Reichstag durch Wort oder Abstimmung für diese Forderung eingetreten wäre. Wenn in Frankfurt tatsächlich bürgerliche Frauenrechtlerinnen wegen Genossen Duards Äußerung für den bürgerlichen Kandidaten arbeiten würden, so erbrächten sie damit nur den Beweis politischer Unreife. Die Frage der Etikette statt der des politischen Rechts zur entscheidenden machen, heißt die Arena des politischen Kampfes mit dem Salon verwechseln. Die Entrüstung der Damen ob des Wortes mutet um so komischer an angesichts der frommen Geduld, mit der sie sich immer aufs neue für die Fortschrittliche Volkspartei begeistern, die die Frau politisch noch auf eine Stufe mit Unmündigen, Ehrlosen und Wahnsinnigen stellt, indem sie sich weigert, die Forderung des Frauenwahlrechts in ihr Programm aufzunehmen. Der bürgerliche Klasseninstinkt läßt die Frauenrechtlerinnen fortschrittliche Fußtritte dem Kampf der Sozialdemokratie für die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts vorziehen. Es sei noch vermerkt, daß Fräulein Augspurg in ihrem Schlußwort die gewohnheitsmäßige Verleumdung auftischte, in allen Ländern sei die Sozialdemokratie nie ernst und tatkräftig für das Frauenwahlrecht eingetreten. Das ewige Aufwärmen macht diesen mageren Kohl wahrhaftig nicht fett. Die Genossinnen Otto und Ennenbach sowie Genossen ließen keinen Zweifel darüber, wie politisch Kämpfende über die aufgerollte weltbewegende Etikettenfrage denten, welche einige Damen so in Harnisch gebracht hatte. Sie nahmen auch Fräulein Augspurg etwas unsänftiglich wegen ihrer unwahren Behauptungen am Dhr. Die Ver sammlung ging in Erregung auseinander. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dtes Nachf. G.m.b.8. tn Stuttgart.