Nr. 12 22. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poſt vierteljäbritch ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. 1 Stuttgart 4. März 1912 Mädchenhandel. Spezialisierte Agitation unter den Frauen. Von Luise Zietz. Die Teuerung.( Für die Lese- und Diskussionsabende.) Von Käte Duncker. Den Müttern der darbenden Jugend. Von B. Selinger. Ein Pionier. Von Meta L. Stern. Die Tariferneuerung in der Holzindustrie. Von fk. Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Bericht über die Tätig feit der Genossinnen des fünften sächsischen Wahlkreises im Vereinsjahr 1910/11. Agitationsliteratur. Pauline Hennig † Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Kinderarbeit. Die Arbeitslosenzählung im Deutschen Textilarbeiterverband. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. -Soziale Gesetzgebung. Landarbeiterfrage. Frauenstimmrecht. Die Frau in öffentlichen Amtern. Frauenbewegung. Mädchenhandel. Die Verhandlungen des Reichstags haben vor kurzem eine der scheußlichsten sozialen Erscheinungen unserer Zeit gestreift: den Mädchenhandel, der zu der„ Ehrbarkeit" der bürgerlichen Che und des bürgerlichen Geschäfts gehört, wie die Ausbeutung des Menschen zur Herrschaft des Besizes, wie der Diebstahl zum Eigentum. Die Regierung hatte den Entwurf eines Ausführungsgesetzes zu dem internationalen Übereinkommen vom 4. Mai 1910 vorgelegt, das sich gegen den Mädchenhandel wendet. Danach sollen auch im Deutschen Reiche die von dieser Konvention erfaßten Praktiken des Mädchenhandels ohne weiteres unter die strafbaren Handlungen fallen, wegen deren eine Auslieferung auf Grund der Verträge mit den Staaten erfolgt, für welche das Abkommen gilt. Es erstreckt sich auf folgende drei zehn Länder: Deutschland, Österreich- Ungarn, die Niederlande, Dänemart, Schweden, Rußland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Italien, Spanien, Portugal und Brasilien. Die Redner aller Parteien vom Konservativen bis zu dem Sozialdemofraten stimmten in dem Ausdruck ihrer Befriedigung über die gesetzlichen Maßnahmen zur Bekämpfung des schändlichen Handels mit Luftsflavinnen überein. Naive Gemüter konnten wähnen, daß die einander sonst heftig befehdenden Vertreter gegensäglichster sozialer Interessen sich über Nacht zu einem großen Zugendbund zusammengefunden hätten. Welch ein Erfolg positiver Arbeit!" Wer wäre„ dogmenfanatisch" genug, angesichts des schönen Eifers der bürgerlichen Parteien, der Moral zu ihrem Rechte zu verhelfen, sich an verschiedene Kleinigkeiten" zu erinnern. So an die innere Wesensverwandtschaft der Konservativen mit den Landwirtschaftsbündlern, deren große Tagungen in Berlin von Dirnen und Zuhältern sehnsüchtig als die ertragreichen Jahresmessen ihres Gewerbes erwartet werden. Oder vielleicht an die Zähigkeit, mit der liberale hamburgische Sena toren die Existenz der bekannten„ modernen" Einrichtungen der Hansastadt verteidigen, die nicht Bordelle im polizeitechnischen Sinne des Wortes sind". Schließlich gar an die antisemitische Hand, die den Mantel einsichtigen, weitherzigen Verstehens und Verzeihens über die„ Triole" des echten Germanen Schack zieht, derweilen der antisemitische Mund dazu Buschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Die Erpedition befindet sic in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. aufruft, jeden jüdischen Mädchenhändler an dem ersten besten Baume aufzuhängen". Die sozialen Dinge haben ihre eigene Logit, die über den Absichten, Worten und Taten der Menschen steht. Und sie mischt dem Kampfe der bürgerlichen Gesellschaft gegen die geschlechtliche Unmoral stets eine Dosis Verlogenheit und Heuchelei bei, mögen die einzelnen Träger des Stampfes persönlich noch so ehrlich, noch so überzeugt sein. Die Bestrebungen zur Unterdrückung des Mädchenhandels können sich diesem Los nicht entziehen, denn das fressende übel, das sie ausrotten wollen, ist unlöslich mit dem Wesen der kapitalistischen Ordnung selbst verwachsen. Bei der Zustimmung zu dem Gesetzentwurf konnte sich die kompakte Mehrheit eines parlamentarischen Blocks von Bethmann Hollweg bis Bebel zusammenfinden. In der Würdigung des ursächlichen Zusammenhangs zwischen Mädchenhandel und bürgerlicher Gesellschaft dagegen stand die Sozialdemokratie in jener, glänzenden Isolierung", die ihre größte Stärke ist, weil sie die Augen der Massen außerhalb der Parlamente auf die Natur der herrschenden sozialen Ordnung zwingt und damit wachsende Heere von Stämpfern gegen eben diese Drdnung um sich schart. Wir bedauern daher die Selbstbeschränkung, mit welcher der sozialdemokratische Redner, Genosse Göhre, darauf verzichtet hat, ein breit und wuchtig hingestrichenes Bild von den großen und dauernden Ursachen des Mädchenhandels der Genugtuung gegenüberzustellen, mit der die bürgerlichen Politiker die endlich erreichte bescheidene gesetzgeberische Reform feierten. Bescheiden in ihren Wirkungen zur Tilgung eines Schandflecks der Zivilisation auch dann noch, wenn die internationale Gesetzgebung den sich lückenlos schließenden Ring" von Bestimmungen schmiedet, den Genosse Göhre gegen die raffinierten Händler mit den Leibern und Seelen unglückseliger Frauen forderte. Denn solche Bestimmungen- mit welchem juristischen Scharfsinn sie auch formuliert sein mögen werden in der Hauptsache nur Gesellen sassen, die die Ausmuzung der Nonjunktur auf dem internationalen Lastermarkt zu ihrem Gewerbe machen. Sie sind aber ohnmächtig, den Kräften zu wehren, die diesen Markt selbst schaffen, die die Nachfrage nach fäuflichem Geschlechtsverkehr erzeugen, wie auch das Angebot zu seiner Befriedigung. Auf das Walten und die Macht dieser gesellschaftlichen Sträfte Tenkt schon der Umstand die Aufmerksamkeit, daß- von Brasilien abgesehen die amerikanischen Staaten und die Kolonialländer Großbritanniens, des bibelstarken, prüden Albions!, dem internationalen Abkommen zur Bekämpfung des Mädchenhandels bis jetzt noch nicht beigetreten sind. Es sind das die sogenannten " Importländer" des entsetzlichen Geschäfts. Sind sie etwa der Konvention ferngeblieben, weil in ihnen das durchschnittliche Sittlichkeitsempfinden viel niedriger wäre als in den vertragschließenden Ländern? Das glaube, wer die Pestilenzgerücje nicht wahrnimmt, die den Lasterhöhlen der großen europäischen Residenz- und Hafenstädten entsteigen; wer nie sich vor Ab scheu geschüttelt hat, wenn standinavische Schriftsteller und Schriftstellerinnen die Syphilisation und geschlechtliche Unmoral 178 Die Gleichheit der oberen Zehntausend in ihrer Heimat mit dem erbarmungslofen Naturalismus wissenschaftlicher Forscher bloßlegten; wer auch nicht einen Tropfen von den Schmußlachen geschaut hat, die die Harden- Moltke- Eulenburgprozesse enthüllt haben. Nicht die rückständige Sittlichkeit, die fortgeschrittene kapitalistische Entwicklung ist in unserem Falle das Entscheidende. Die„ Importländer" find Neuland der kapitalistischen Kultur. Noch rascher als in dem alten Europa stampft diese hier große Industrie- und Handelszentren aus dem Boden und häuft in ihnen meist eine überwiegend männliche Bevölkerung an. Unter ihr befinden sich viele Unverheiratete, weil nicht nur der verhältnismäßige Mangel an Frauen die Verehelichung verhin dert, sondern auch die Unsicherheit, das abenteuerliche Hin und Her der Existenz. Um die Menschen brütet die Treibhaushite eines Milieus, in dem sich die ältesten und rohesten mit den modernsten und raffiniertesten Instinkten und Praktiken des Hungers nach Gold und Genuß paaren. Der grausame Nonfurrenzkampf ertötet feinere Regungen des Innenlebens und läßt zur Ausspannung der gequälten, zerrütteten Nerven nach grobem Sinnentaumel statt nach Erhebung verlangen. Bittere Not und brennende Beutegier führen den neuen Herrschaftsgebieten des Kapitalismus in großer Zahl Schiffbrüchige zu, Glücksritter, Leute ohne Durchbildung des Geistes und Charafters, ohne inneren Halt, Verzweifelte und Verwegene, für die es keine Skrupel mehr gibt. Vielerorts steigern klimatische Einflüsse und regellose, eigenartige Lebensbedingungen das geschlechtliche Triebleben. In manchen kolonialen Besitzungen tut die Unvernunft der Beamten ein übriges, den Raum für die Prostitution zu erweitern. Man vergesse nicht das Verbot der Ehe zwischen Weißen und eingeborenen Frauen, das Herr Dr. Solf als Gouverneur von Samoa erlassen hat; die Ent rechtung, die die Herren Dernburg und v. Schuckmann über die Weißen in Südwestafrika verhängten, die mit eingeborenen Frauen im Konkubinat lebten. Überhaupt trägt der Imperiafismus mit feinen erobernden Soldaten, verteidigenden" Schutztruppen, verwaltenden Bureaukraten, mit seinen erwerbstollen Pflanzern, Industriellen, Händlern und Spekulanten, mit seinem System der„ Pfandweiber" und der flotten Coufinen" der Puttkämerlinge geschlechtliche Zügellosigkeit und Ausschweifung über die Welt, damit aber auch den schmutzigen Handel mit Frauenfleisch. Wo immer der triumphierend über den Erdball rafende Kapitalismus fich einmiftet, da schafft er wie für andere Gewerbe auch einen Markt für die Prostitution, die Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleische ist. Einen Markt, auf dem infolge der oben angedeuteten Umstände die Nachfrage nach Dirnen meist das Angebot davon übersteigt. Zwar peitscht die emporblühende Industrie der überseeischen Länder mit harter Fron und Hungerlöhnen Scharen ausgebeuteter Frauen und Mädchen als Verkäufe rinnen ihres Leibes in die Straßen. Die Ausbeutung der Fabritarbeiterinnen in den Südstaaten der nordamerikanischen Union, das Elend der Heimarbeiterinnen in New York und anderen Städten des Dstens fuppelt Tausende dem Lafter. Es gibt jedoch noch Gegenden und Erwerbsgebiete, in denen die geringe Zahl der Frauen zur Versorgung der meisten durch die Ehe führt und der weiblichen Arbeit„ Seltenheitswert" verleiht. Wie die Länder neuer kapitalistischer Kultur zunächst und oft noch lange auf die Einfuhr industrieller Erzeugnisse, auf die Einfuhr der Ware aller Waren angewiesen sind der menschlichen Arbeitskraft, so tommen sie auch ohne den Jmport der Prostitutionsware nicht aus. Wo aber die Ware menschliche Arbeitskraft in der einen oder anderen Form gehandelt wird, da entwickelt sich auch in der einen oder anderen Form der Schacher mit der anderen menschlichen Ware: Frauenleiber. Diese Tatsache geht durch die Geschichte, seitdem die Herrschaft des Privateigentums den lebendigen Menschen zur Beute des toten Besizes werden ließ. In frassester, greifbarster Gestalt bringt das der Mädchenhandel zum Ausdruck, der die Märkte seiner„ Importländer" mit weißen Luftfflavinnen ver sorgt, wie früher der Handel der frommen Engländer, HolNr. 12 länder, Portugiesen und Spanier den Plantagenbesitzern schwarze Arbeitssklavinnen lieferte. Was vermag an diesen Zusammenhängen, die ihre Opfer fordern, das Verbot der Bordelle zu ändern, von dem sich Genosse Göhre das Schwinden des Absatzgebiets für den ruchlosen Handel verspricht? Herzlich wenig. Wir stimmen der Forderung selbst gewiß zu, weil ihre Verwirklichung unserer Meinung nach das traurige Los der Dirnen etwas zu mildern vermag. In den Bordellen fallen sie der härtesten Ausbeutung durch die gemeine Zunft der Wirte, Kuppler usw. anheim, bleiben durch ewige Schulden an ihr schmachvolles Gewerbe gekettet und finden kaum je die Möglichkeit, sich arbeitend aus dem Schmuze wieder zu erheben. Die Jllusion können wir jedoch nicht teilen, daß die Schließung der Bordelle dem Mädchenhandel selbst den Boden abgräbt. Sie mag die Mühen und Gefahren des Gewerbes" steigern, sie trifft es nicht an der Wurzel. Tingel- Tangel, Varietés, AnimierKneipen, einzelne Zuhälter werden Abnehmer der gewinnbringenden lebendigen Ware bleiben, solange die Bedingungen fortbestehen, die Männer als ihre Käufer erscheinen lassen, die auf der anderen Seite aber auch die Verkäuferinnen feiler Umarmungen erzeugen. " Es ist uns nicht möglich, im Rahmen dieses Artikels eingehend die sozialen Zustände darzulegen, die den Mädchenhändlern ihre Opfer ins Garn treiben. In der Hauptsache find es die nämlichen, die in den Jammer der öffentlichen und geheimen Prostitution hinabstoßen. Genosse Göhre hat eindringlich auf sie hingewiesen. Als erfolgreichster Zutreiber der Händler erweist sich die Not, denn auch Unwissenheit, Unerfahrenheit, Leichtsinn sind nur zu oft ihre Kinder.. Die fatte Tugend hat es leicht, über das hungrige Lafter des jungen Dinges den Stab zu brechen, das aus dem grauen, rauhen Einerlei seiner mühsalbeschwerten, darbenden Existenz nach etwas Freude und Genuß drängt und glänzenden Loffungen zu wenig Charakterstärke entgegenstellt. Die Not aber, die in hundertfältiger Gestalt die Geschäfte der Mädchenhändler besorgt, ist der Schatten des Reichtums, den die ausgebeutete Arbeit schaffen muß, solange die kapitalistische Drdnung dauert. Die großen„ Exportzentren" der gemeingefährlichen Burschen finden sich bezeichnenderweise in Ländern, Gegenden und Berufsgruppen, in denen sich der ausbeutende Stapitalismus noch einem ungezügelten Raubtier gleich auf die Habenichtse stürzt, weil diese selbst nicht über sein Wesen aufgeklärt sich zum bewußten Stampfe gegen ihn zusammengeschlossen haben. Diesem Stande der Dinge entsprechend hat Genosse Göhre mit Recht betont, daß die gesetzlichen Maßregeln gegen den Mädchenhandel selbst durch eine großzügige soziale Reformpolitik ergänzt werden müssen. Wir fürchten jedoch stark, daß auf diesem Rhodus die wenigsten der tugendbeslissenen bürgerlichen Politiker tanzen werden, die im Namen ihrer Parteien die volle Schale ihrer sittlichen Empörung über die Mädchenhändler ausgeschüttet haben. Die Probe aufs Erempel wird der Kampf des Proletariats sein gegen Zoll- und Steuerwucher; gegen Militarismus und Imperialismus; gegen Gesindeordnungen und Ausnahmerecht für die ländlichen Arbeiter; der Kampf für die gesicherte Koalitionsfreiheit und die volle Demokratisierung des Wahlrechts, die Einführung des Frauenwahlrechts inbegriffen. Das Geschick der betrogenen und betörten Opfer der Mädchenhändler ist so entsetzlich, daß wir es begrüßen, wenn es internationalen gefeßlichen Verträgen gelingt, jährlich auch nur ein Dugend von Hunderten der Bedauernswerten den Fängen ihrer Verderber zu entreißen. Allein wir verlieren nicht die Tatsache aus dem Auge, daß die kapitalistische Ordnung, dem Ziele solcher Gesegesterte spottend, ihre Wasser weiter auf die Mühlen der skrupellosen Geldjäger treibt. Solange diese Drdnung große Scharen von Männern in dem käuflichen Geschlechtsgenuß ein Surrogat für reine Liebe, clue Entschädigung für den Druck und den Schmutz einer Handelsehe suchen läßt; folange sie große Scharen von Frauen zwingt, mit dem Verkauf ihres Körpers das Brot zu erwerben, das Nr. 12 11 Die Gleichheit chrliche Arbeit ihnen nicht sichert: wird auch der Mädchen händler so wenig wie der Zuhälter, die Supplerin und Gelegenheitsmacherin aus dieser besten und sittlichsten aller Welten verschwinden. Die Preise für die Ware" des schmachvollen Gewerbes werden der Aufwärtsbewegung des„ Gefahrenrisikos" folgen, die als Wirkung scharfer gesetzlicher Maßregeln eintritt. Der Gewinn bleibt und Tockt, und auf jeden Mädchenhändler, der in den Maschen der Gesetze hängen bleibt, kommen mindestens ein halbes Dutzend, die ihnen zu entschlüpfen wissen. Den Nuznießern und Verteidigern der bürgerlichen Gesellschaft aber steht es am allerwenigsten an, sich über diese dunklen Nichtgentlemen billig zu entrüsten. Deren fluchwür diges Tun verkörpert nur in häßlichster Gestalt den Grundjazz, der das Getriebe der bürgerlichen Welt beherrscht: non olet, Geld stinkt nicht, auch wenn es aus den Kloacken der Prostitution aufgehoben wird. Eine Tatsache, die von der Laufbahn jedes Mädchenhändlers erhärtet werden kann, wenn er gerieben genug ist, sich nicht erwischen zu lassen und seine Tage als geachteter, staatstreuer Privatier zu beschließen, der Kirchenfenster stiftet und Jünglingsvereine begönnert. Warum auch nicht? In dieser Gesellschaft neigen sich die sittenstrengsten Frauen und Männer vor der Mutter, die sich einen ruhigen Lebensabend sichert, indem sie die reine Tochter einem abgelebten Greis ins Ehebett zwingt. Staatsmänner werden dekoriert, wenn sie zur Wahrung dynastischer Interessen" ein Fürstenkind dazu bestimmen, eine Krone unter Preisgabe der ererbten Konfession zu erschachern und einen ungeliebten Gatten mit in den Kauf zu nehmen. Die Sozialdemokratie ist unsittlich genug, Schmutz für Schmutz zu halten, auch wenn ihn der Hermelin deckt oder die Kirche mit ihrem Segen besprengt. In der bürgerlichen Gesellschaft aber ist Schmutz Gold, sobald er nur einen Markt findet, auf dem er Kurs hat und mit Profit gehandelt werden kann. Wer sich an den Boden dieser Gesellschaft flammert und von ihrem Geiste erfüllt den Kampf wider Mädchenhandel und Prostitution aufnimmt, gerät sozial und moralisch in den bekannten fehlerhaften Kreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Dies den Massen zum Bewußtsein zu bringen und sie zum Stampfe gegen den Kapitalismus zu führen, das bleibt die positivste Leistung der Sozialdemokratie, um dem Mädchenhandel durch Reformen entgegenzuwirken, um ihn mit der Aufhebung des Privateigentums und der Herrschaft des Menschen durch den Menschen zu beseitigen. Spezialisierte Agitation unter den Frauen. In Nr. 11 der„ Gleichheit" haben wir die Notwendigkeit einer intensiven Agitation besprochen, die alle Möglichkeiten ausnutzt. Wir haben die verschiedenen Methoden dargelegt, die anzuwenden sind, um die durch den Wahlkampf aufgerüttelten Frauenmassen organisatorisch zu erfassen und sie für den Klassenkampf zu schulen. Dabei haben wir der bestehenden Einrichtungen gedacht, die diesen Zwecken dienen, und haben ihren Ausbau, sowie die Schaffung von Neueinrichtungen angeregt. Heute möchten wir eine andere, uns sehr wichtig dünkende Frage besprechen, nämlich die der spezialisierten Agitation unter den Frauen. Bis heute haben wir uns bei unserer Agitation ganz allgemein an das weibliche Proletariat gewandt. Die mündliche und schriftliche Agitation war in der Hauptsache zugeschnitten auf die Arbeiterfrauen und die Industriearbeiterinnen. Weniger berücksichtigt sind dabei andere wichtige Frauengruppen worden, die ihrer sozialen Stellung nach zu uns gehören. Nicht etwa, daß wir sie nicht aufgerufen, nicht in unseren Schriften und Neden für uns reklamiert hätten. Das ist immer geschehen. Aber eine spezielle Agitation, die sich direkt und besonders an die Gruppen wandte, die wir im Auge haben, ist nie oder sehr selten erfolgt. Ich denke da besonders an die weiblichen Handlungsgehilfen: Ver179 käuferinnen, Kontoriſtinnen, Stenotypistinnen; ich denke ferner an die Lehrerinnen, an die Krankenpflegerinnen und andere. Eine besondere sorgfältig vorbereitete Agitation unter den Landarbeiterinnen wird notwendig sein und eine sehr intensive und planmäßige Agitation wird unter dem weiblichen Proletariat in Zentrumskreisen Platz greifen müssen. Unter den Landarbeiterinnen und in Zentrumskreisen ist allerdings auch bisher agitiert worden. Besonders unsere Genossinnen im Rheinland und in Westfalen, in Mecklenburg und im Bezirk Magdeburg haben dabei Hervorragendes geleistet. Wenn ich trotzdem die beiden obengenannten Gruppen von Frauen besonders aufführe, so deshalb, weil ich meine, daß wir unsere Rednerinnen, die aufs Land und in die Zentrumsdomänen gehen, noch mehr als bisher mit gutem einschlägigem Material versehen müssen. Mit Material, das sie zu einem Spezialstudium machen, damit sie bei ihren Reden gleich den geistigen und seelischen Konner mit ihren Zuhöre rinnen finden. Das wird geschehen, sobald diese herausfinden, die da redet, weiß genau Bescheid über die Verhältnisse, in denen wir leben. Haben sie diese Überzeugung gewonnen, so schwinden die Scheu und das Mißtrauen, das Indifferente in der Regel allem Neuen und Unbekannten entgegenbringen. Sie werden sogleich auch mehr Interesse für die allgemein politischen Darlegungen gewinnen, die von den Rednerinnen im Anschluß an die Schilderung der wirtschaftlichen Verhältnisse gemacht werden. Beschäftigen wir uns zunächst mit der Agitation unter den Landarbeiterinnen. Die Genossinnen, die während des Wahlkampfes auf dem Lande agitierten, berichten übereinstimmend, was ich selbst wiederholt erfahren habe: daß die Landarbeiterinnen einen förmlichen Hunger nach Aufklärung, nach Versammlungen und nach einfacher, populärer Literatur haben. In atemloser Spannung lauschen sie, wenn die Rednerin, ausgerüstet mit Material über die traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen das Landproletariat lebt, zunächst eben diese Verhältnisse kritisiert, um alsdann ihren Zusammenhang mit der sozialen Ordnung, mit den gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen und Maßnahmen nachzuweisen. Allgemein ist bei den Landarbeiterinnen der Wunsch lebendig, daß sie nicht nur zu Wahlzeiten, sondern auch in den dazwischenliegenden Perioden über die Vorgänge in der Politik, über die sozialen Zustände aufgeklärt werden möchten durch Versammlungen mit weiblichen Referenten, durch Flugblätter und Broschüren. In Mecklenburg, wo die Bezirksleitung der Partei dem Wunsche nach Versammlungen im weitesten Maße nachgekommen ist, haben wir sehr gute Erfolge zu verzeichnen. Auch organisatorisch. Aus anderen Bundesstaaten liegen Berichte vor, die dasselbe melden. Immer wieder die Agitation auch unter den Landarbeiterinnen anzuregen, das wird die Sache unserer Genossinnen sein, die im Vorstand solcher Kreise sizen, die viel Landgebiet haben. Eine Broschüre für die Landarbeiterinnen ist in Vorbereitung. Genossinnen, die aufs Land zur Agitation gehen, können vom Frauenbureau Material erhalten. Es sind bei der Agitation die besonderen Rechtsverhältnisse zu berücksichtigen, unter denen die Landarbeiterinnen leben: die einschlägigen Gesindeordnungen und für Preußen jenes skandalöse Gesetz vom Jahre 1854, nach dem Landarbeiter und-arbeiterinnen mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft werden, die gemeinsam höheren Lohn fordern oder gemeinsam die Arbeit niederlegen. Es ist weiter zu berücksichtigen, wie sehr die Landarbeiterinnen Stieffinder der Sozialgesetzgebung sind. Der Arbeiterinnen- und Kinderschutz fehlt ganz. Uneingeschränkt kann deshalb die Ausbeutung ihre Orgien feiern. Erst durch die Reichsversicherungsordnung sind die Landarbeiter der Krankenversicherung unterstellt worden, aber leider wie wir früher an dieser Stelle nachwiesen besonderen Bandkrankenkassen ohne Selbstverwaltungsrecht und mit sehr minimalen Leistungen zugeteilt. Mutter und Säuglingsschutz sind hier noch geringer als in den Drtskrankenkassen. Und zu all diesen ungünstigen Verhältnissen kommen noch die erbärmlichen Löhne, die traurigen 180 Die Gleichheit Wohnungsverhältnisse, die gesellschaftliche Jfolierung und der Mangel geistiger Anregung und staatsbürgerlicher Betätigung, um das Leben der Landarbeiterinnen und Landarbeiter zur Hölle zu machen. Der Sozialismus ist deshalb für sie um so mehr das Evangelium der Erlösung. Unsere Pflicht ist es, ihnen dieses Evangelium zu bringen. Die Agitation unter den Frauen in den Domänen des Zentrums bedarf gleichfalls einer sorgfältigen Vorbereitung. Die religiöse Jdeologie, von der die katholische Bevölkerung vom Kindes- bis zum Greifenalter umsponnen wird, ermöglicht es dem katholischen Klerus, einen ungeheuren Gewissenszwang auszuüben. Alles, was der politischen Aufflärung der Massen dienen könnte, wird als Todsünde gebraudmarkt, für welche die Strafe im Jenseits nicht ausbleiben werde. So war es dem Zentrum bisher möglich, trotz allem Verrat an der Arbeiterklasse die katholischen Proletarier um feine Fahnen zu sammeln. So konnte es weite Kreise katholischer Frauen in politischer Rückständigkeit erhalten, konnte künstlich ihren Geist in Brache legen. Den katholischen Frauen erging es wie Thygater, von der Multatuli uns erzählt, daß ihr Vater sie lehrte, Wissen, Begreifen und Begehren sei fündig für ein Mädchen, damit sie in Einfältigkeit verharre und weiter thres Vaters Kühe melke. Jedoch die Klassengegensäge werden immer schärfer; im Westen geht die kapitalistische Entwicklung mit Riesenschritten vorwärts. Ungeheure Reichtümer häufen sich in den Händen der Besitzenden, immer trostlofer wird dagegen die Lage der Besiklofen. Zu der schamlosen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft fügt sich die immer unerträglicher werdende soziale Knechtung durch die großen Scharfmacher. Hinzu kommt der wachsende Zoll- und Steuerdruck, unter dem die Massen leiden. Alles das sind Erscheinungen, die auf die Dauer denn doch nicht ohne Einfluß auf die fanatisierten katholischen Arbeiter bleiben können, und zwar um so mehr, je unermüdlicher wir in unserer Agitationsarbeit sind. Die inneren Zwiftigkeiten im Zentrum, neuerdings das unverhüllte Paktieren mit den Agrariern und das Avancement zur Regierungspartei sind ebenfalls Umstände, die alles in allem guten Erfolg unserer Agitation in den Kreisen des Zentrums versprechen. Soweit die katholischen Proletarierinnen in Betracht kommen, wird unsere Aufklärungsarbeit dadurch erleichtert, daß infolge unseres erfolgreichen Ansturms das Zentrum sich dazu bequemen mußte, feinerseits die Frauen aus ihrer politischen Reserve herauszuholen und auf das politische Kampffeld zu führen. Zwar geschah das feineswegs, um sie politisch zu schulen, sondern um ihre politische Rückständigkeit politisch aktiv zu machen und gegen die Sozialdemokratie auszuspielen. Jedoch wird es dem Zentrum gehen wie dem Goetheschen Zauberlehrling: die Geister, die es rief, es wird sie nicht mehr los. Vorausgesetzt- daß wir alles daransezen, diese Frauen mit unserer Agitation zu er fassen. Das muß versucht werden durch Wort und Schrift. Eine Broschüre, die sich speziell an die katholischen Frauen wendet, ist bereits in Vorbereitung. Eine lebhafte mündliche Agitation muß die schriftliche er gänzen. Die Erkenntnis der geradezu fabelhaften kapitalistischen Entwicklung, die alle sozialen Gegenfäße auf die Spite treibt, muß den Frauen vermittelt, threm Bewußtsein eingehämmert werden. All den Beschuldigungen, die das Zentrum gegen uns erhebt, gilt es das energische und treue Eintreten der Sozialdemokratie für die Interessen der ausgebeuteten Massen gegenüberzustellen. So kehrt beispielsweise regelmäßig, gleich dem Mädchen aus der Fremde, die alberne Anklage wieder: die Sozialdemokratie wolle Ehe und Familie zerstören. Der beste Anlaß das, um nachzuweisen, wie durch ihr kraftvolles Eintreten für den Kinder, den Arbeiter- und Arbeiterinnenschuh, wie durch ihren zähen Stampf gegen die volksanswuchernde Zoll- und Steuerpolitik die Sozialdemokratie ihre Hand schirmend über das bißchen Familienleben des Proletariers legt, wie sie ihm dies Wenige aus den Klauen des Kapitalismus erobern muß. Wenn man uns beschuldigt, wir wollten den Arbeitern und Arbeiterinnen die Religion rauben, Nr. 12 so haben wir den Beweis dafür zu erbringen, daß wir, durch unseren Kampf für eine hellere Gegenwart der Arbeiterklasse, so handeln, wie das Zentrum handeln müßte, sofern es im Sinne der christlichen Nächstenliebe sich betätigen wollte. Wir müssen durch überzeugende Tatsachen erhärten, daß jene die Religion herabwürdigen, die sie in das politische Schlachtengetümmel zerren. Dabei gilt es dann, wieder und wieder festzustellen, daß just die Sozialdemokratie sich gegen diesen Mißbrauch mit aller Schärfe wendet, daß sie die Religion als Privatsache des einzelnen erklärt, als seine ureigenste persönliche Angelegenheit, als innerste Herzens- und überzeugungssache, in die weder eine politische Partei noch Staat und Gesellschaft dreinzureden haben. Wir müssen nachweisen, daß solche äußere Einmischung nur zu dem Zwecke geschieht, die arbeitenden Schichten zu entzweien und sie von einem wirk samen, gemeinsamen Kampfe zur Verteidigung ihrer Interessen abzuhalten. Ganz besonders aber gilt es, die katholischen Frauen mit unserem herrlichen Zukunftsideal und unserer alles umspannenden Weltanschauung bekannt zu machen. Nichts ist mehr geeignet, helle Begeisterung und den Willen zum tatkräftigen Handeln zu wecken, als eine lebendige Schilderung der Entwicklung, die zum Sozialismus drängt, als ein warmherziger Appell an die Zuhörerinnen, mitzuarbeiten an dem großen, erhabenen Wert der Menschheitsbefreiung, an dem herrlichen Bau der Zukunft, in dem es keine Unterdrückten und Ausgebeuteten, keine Hungernden und Darbenden gibt, der nur Freie und Gleiche umschließt, die schaffend das Schöne genießen. Die katholischen Frauen, die in ihrer politischen Rückständigkeit als Sturmkolonnen gegen uns mobilisiert werden sollen, müssen herübergeholt und als Klassenkämpferinnen gegen den Kapitalismus geführt werden. Das ist schwer, aber seit wann hätte uns eine Schwierigkeit, und sei sie noch so groß, abgehalten, etwas zu tun, was wir für nötig hielten? Nötig aber ist diese Arbeit, denn um unsere historische Aufgabe erfüllen zu können, brauchen wir sie alle, alle, die den Kittel und die Jacke der Proletarier tragen. Und sie ist um so dringender, als in jüngster Zeit das Zentrum die katholischen Frauen organisiert und sie mit einem fanatischen Hasse gegen uns zu erfüllen bemüht ist. Mit dem Gesagten haben wir die notwendige spezielle Agitation unter den beiden genannten Frauengruppen kurz umrissen. In einem späteren Artikel werden wir die notwendige besondere Agitation unter den anderen von uns genannten sozialen Frauenfchichten besprechen. Zur Unterstügung der mündlichen Agitation wird das Frauenbureau kurzge haltene Flugblätter und kleine einfache Broschüren abfassen, die sich auch an diese Frauenkreise wenden. Die Teuerung. Luise Zieh. Für die Lese- und Diskussionsabende. Von Käte Duncker. 3. Die Organisation der Produzenten. ( Fortsegung von Abschnitt 3.) Die Zahl der industriellen Kartelle in Deutschland ist sehr groß. Eine 1905 vont Reichsamt des Junern vorgenommene Enquete stellte 385 Verbände fest, von denen die größten und wichtigsten auf das Gebiet der Kohlen- und Eisenindustrie entfallen. 1879 bestanden erst 14 Rartelle, 1910 schätzt man bereits 550 bis 600. In dem kurzen Zeitraum von 30 Jahren haben sich also diese Vereinigungen aus den kleinsten Anfängen heraus zu Erscheinungen entwickelt, die dem Wirtschaftsleben ein völlig neues Gepräge geben. Auch internationale Kartelle bestehen bereits in großer Anzahl; nach Liefmann* waren es 1897 ungefähr 40, 1910 nahe an 100. * Liefmann, Kartelle und Truf: 3 und die Weiterbildung der volkswirtschaftlichen Organisation. Stuttgart 1910.( 2 Mr.) Nr. 12 Die Gleichheit Die Anzahl der Waren, die schon Gegenstand von Kartellen gewesen sind, geht weit über 400 hinaus. Nicht nur für Rohstoffe wie Eisen, Kohle, Kalk, Salz, Wismutund für Massenprodukte- wie Zucker, Papier, Zündhölzer, Seife, Nadeln, Drahtstifte, sondern auch für zahlose Spezialartikel, wie Bisten für Schaufensterdekorationen, Feder abstäuber, Zylinderpuzer, Fahrradlaternen, Abreißkalender, fünstliche Palmen, Taillenstäbe, Druckknöpfe usw. sind Kartelle zustande gekommen. Einige Beispiele mögen die Entwicklung und die Wirksamkeit dieser Organisationen erläutern. Eines der größten und einflußreichsten Kartelle ist das rheinisch- westfälische Kohlensyndikat. Seine ersten Anfänge reichen bis in die Zeit nach dem großen Krach von 1873 zurück. 1877 traten 23 Zechen zu dem„ westfälischen Rohlenausfuhrverein" zusammen, dessen Aufgabe zunächst sein sollte, die englische Kohle aus Deutschland zu verdrängen und der deutschen Kohle den Weg übers Meer zu eröffnen. Ferner suchte man, indem man einen gemeinsamen Normalpreis für Gaskohlen festsetzte, die gegenseitigen Preisunter bietungen zu verhindern( Preiskartell). Doch war diese Vercinigung von kurzer Dauer und geringem Erfolg. Seit 1880 traten wiederholte Versuche auf, durch gemeinsame Regelung und Einschränkung der Kohlenförderung die Preise zu erhöhen( Produktionskartell). Die große Zahl der Außenseiter und die überschreitungen der Mitglieder ließen diese Verbände jedoch immer wieder zusammenbrechen. Daneben entwickelten sich mehrere lokale Kohlenverkaufsvereine, die sich untereinander heftig befehdeten. 1893 trat dann das rheinischwestfälische Rohlensyndikat als reines Verkaufsfartell ins Leben. Die angeschlossenen Bechenbefizer verpflichteten sich, ihm ihre ganze Kohlenproduktion zu verkaufen, mit Ausnahme der für den Selbstgebrauch bestimmten Mengen. Die einzelnen Unternehmungen haben so in bezug auf den Absatz jede Selbständigkeit verloren. Aber auch die Höhe ihrer Produktion wird ihnen genau vorgeschrieben. Es ist zunächst festgesetzt, wieviel Tonnen Kohle jede Grube höchstens an das Syndikat zu liefern hat; doch bestimmt die Syndikatsleitung außerdem noch allmonatlich je nach Lage des Marktes, wieviel Prozent ihrer Beteiligungsziffer" die Gruben wirklich fördern dürfen. Hohe Konventionalstrafen bedrohen den, der die ihm zugeteilte Kohlenmenge auch nur um eine Tonne überschreitet, und diese Strafen werden kurzerhand von den Summen in Abzug gebracht, die die Bechen aus der Syndikatskasse für ihre Kohlenlieferungen zu erhalten haben. Dieselbe Diktatorgewalt wie gegenüber seinen Mitgliedern übt das Syndikat auch gegenüber den großen Kohlenhändlern aus. Eigentliche Kaufleute sind wir nicht mehr," erklärte der Düsseldorfer Großhändler Vowinkel bei der erwähnten Kartellenquete;„ das Kohlensyndikat schreibt uns erstens vor, welche Sorten wir kaufen, zweitens zu welchen Preisen wir sie kaufen, drittens das Absazrevier, wohin wir verkaufen dürfen, viertens die Verkaufspreise, zu welchen wir verkaufen dürfen. Da bleibt von der Freiheit des Handels natürlich nicht viel mehr übrig." Seit 1903 umfaßt das Kohlensyndikat fast sämtliche Bechen des Ruhrgebiets. 1909 entfielen von den 148,8 Millionen Tonnen der deutschen Kohlenproduktion 80,8 Millionen, gleich 54,4 Prozent, auf das rheinisch- westfälische Syndikat. Diese Herrscherstellung nutte die Syndikatsleitung dazu aus, die Preise auf dem gesamten Kohlenmarkt zu regulieren", das heißt stetig hinaufzuschrauben. Es betrugen die Preise, die das Syndikat den Bechen zu zahlen hatte( pro Tonne in Mark): Fettfohlen Flammlohlen Gew. Nuß I Anthrazit Nuß I 1898/1894 8,00 8,00 12,50 16,00 1899/1900 10,10 9,75 13,50 1900/1901 11,10 10,75 14,75 1907/1908 12,10 11,75 15,75 17,00 18,00 19,50 Bei Anbruch der Strife von 1900/01 erhöhte das Syndikat den Tonnenpreis um eine volle Mark gegenüber dem Vorjahr und trug so nicht unwesentlich zur Verschärfung der 181 Arise bet. Das Jahr vorher hatte es durch Förderungseinschränkungen eine künstliche Kohlenknappheit hervorgerufen und diese auch zu einer gehörigen Schröpfung der Konsumenten benützt. Die Preistreiberei blieb aber nicht das einzige Mittel, die Profite der Kohlengrubenherren zu erhöhen. Bei der Erneuerung des Cyndikats 1903 ward der Beschluß gefaßt, daß die Beteiligungsziffer von einer Beche auf die andere übertragen werden kann. Die großen Werke kauften nun schleunigst eine Anzahl von Syndikatsgruben an, die wegen geringer Mächtigkeit der Kohlenschicht oder größerer Tiefe mit höheren Produktionskosten arbeiteten und daher geringeren Profit abwarfen. Diese Bechen wurden stillgelegt und ihre Beteiligungsziffern auf die ergiebigeren Gruben übertragen, wo die zum Kaufe der minderwertigen Werke verwandten Kapitalien nun einen weit höheren Profit abwarfen. Nicht weniger als 33 Bechen wurden aufgegeben; gegen 20 000 Arbeiter verloren ihr Brot und mußten zum Wanderstab greifen; ein großer Teil der im Umkreis der verödeten Gruben ansässigen Bevölkerung, die von den Arbeitern gelebt hatte, ward ruiniert. Die Gruben ließ man einstürzen und sich mit Wasser füllen, obwohl noch große Mengen von Kohle darin enthalten sind, die nun der Gesellschaft verloren gehen. Die ganze Sinnlosigkeit und Kulturwidrigkeit der kapitalistischen Gesellschaft offenbart sich hier: nationales Vermögen wird vernichtet, nur um die Profite einer Handvoll von Großkapitalisten zu mehren. Künstlich hervorgerufener Mangel an einem für die Industrie wie für die Allgemeinheit gleich wichtigen Stoff, Erhöhung der Preise selbst in der Zeit der Krise, Vernichtung nationaler Naturschäze- das sind die vorzüglichsten volkswirtschaftlichen Leistungen des rheinischwestfälischen Kohlensyndikats. Ihm reiht sich würdig an der deutsche Stahl. werfsverband. Auch er ist ein reines Verkaufssynditat. Er entstand durch die Vereinigung einer Anzahl von Einzelverbänden, der Schienengemeinschaft, der Schwellengemeinschaft, des Trägerverbandes und des Halbzeugverbandes, und umfaßte 1911 28 Werte mit einer Beteiligungsziffer von 12,4 Millionen Tonnen; das ist ungefähr ein Fünftel der Weltproduktion. Das in ihm zusammengefaßte Kapital belief sich 1910 auf 13 Milliarden Mark. Diese Größe und Macht ermöglicht es dem Stahlwerksverband, sich nicht nur die gesamte deutsche Eisenwarenindustrie tributpflichtig zu machen, sondern auch die anderen Industriezweige, die ja alle eiserne Arbeitsstlaven brauchen. Seine Machtstellung wird gesichert und befestigt durch die deutsche Schutzollpolitik, die ihm die außerdeutsche Konkurrenz vom Halse hält und ihm zugleich gestattet, sich von den inländischen Eisenverbrauchern den Weltmarktspreis erhöht um den vollen Zollbetrag bezahlen zu lassen. Durch die ungeheuren Profite, die der Stahlwerksverband auf diese Weise dem Inland abpreßt, ist es ihm möglich, sich auf dem Weltmarkt mit geringeren Profiten zu begnügen und durch billige Preise seine auswärtige Konkurrenz zu unterbieten. Im Jahre 1903 wurde verkauft( in Mark): Die Tonne im Inland Die Tonne im Ausland 60 Roheisen. Schmiedeeiserne Träger. 97,50 " Walzdraht 250 Drahtstifte 250 Stabeisen 125 Stahl in Blöcken 92 Eisenbahnschienen 160 44 66 140 140 100 64 105 Durch diese echt nationale" Wirtschaftspolitik wird der deutschen Eisenwarenindustrie der Konkurrenzkampf außerordentlich erschwert. Nicht nur, daß sie durch die hohen Preise, die sie für Rohstoffe und Halbfabrikate bezahlen muß, auf dem Weltmarkt zurückgedrängt wird, sie muß sich auch im Inland den Wettbewerb der ausländischen Eisen. industrie gefallen lassen, die, da sie deutsches Rohmaterial und deutsche Halbfabrikate zu wesentlich billigeren Preisen 182 Die Gleichheit erhält als die deutschen Fabrikanten, trotz aller Schutzölle erfolgreich mit diesen konkurrieren kann. Diese Verhältnisse beranlaßten einen deutschen Halbzeugverbraucher gelegentlich der Kartellenquete zu dem Notschrei: der Verband möge boch seine Volfsgenossen lieber als Ausländer behandeln, thnen doch wenigstens für die für die Ausfuhr bestimmten Gertigfabrikate das Material zu seinen Auslandspreisen geben! Die Preispolitik der Kohlen- und Eisensyndikate hat auf dem Gebiet dieser Industrie zu weiteren Kapital- und Betriebskonzentrationen geführt oder doch wenigstens ihre Entwidlung start gefördert. ( Schluß folgt.) Den Müttern der darbenden Jugend. Des Lebens Märchengarten liegt vor uns. Wir haben eine Plante vom Zaune gerissen; mit heißen Augen und verhaltenem Herzschlag starren wir auf die Pracht da drinnen. Weite grüne Matten dehnen sich vor unseren Blicken, mit tausend Blütensternen besät, die im Windeshauche die Köpfchen einander zuneigen. Mächtige Bäume stehen breitästig und würdeboll, stolz ob der köstlichen Früchte, die sie tragen. Grüngolden flimmern die Sonnenfäden in ihrem Gezweige. Das Brotforn reift ein goldener Dzean- auf reichen Feldern ber Ernte entgegen. Begnadete Täler und Niederungen bieten bes Leibes Notdurft tausendfache Befriedigung. Schweigsame gewaltige Gipfel ragen empor, auf denen die Seele in die Unendlichkeit gehoben wird. Dunkle stille Wälder liegen vor uns mit singenden Quellen und heimlichen Pfaden, die zu den Lempeln der Schönheit und des Wissens führen. Und drüben bort braust das Meer ewig sein wildes Lied, in lachender Kraft den Sturm auf seinem Rücken tragend. So ist alles Schönheit und Stärke, Segen und Fülle. Am staubigen Wegrand aber stehen die Kinder des Elends mit leeren Händen, drängend nach dem Glücke, einen Blick nur in das Zauberland zu tun, einen Klang, einen Sonnenftrahl daraus zu erhaschen. Dort schreitet eine Gestalt über die Flur, sorglich, daß sie die Blüten nicht zertrete. Ein armselig kümmerlich Weib, so bleich, wie nur die Not die Frauen macht. Eine Mutter ist's. Sie hebt die arbeitsrauhen Hände, um Früchte von den herrlichen Bäumen zu brechen. Aber sie bricht sie nicht für ihr darbendes Kind. An ihm vorbei schleppt sie die gefüllten Störbe, um anderen ein köstlich Mahl zu rüsten. Pupurne Rosen windet sie zum duftenden Kranze. Nicht ihres Lieblings Stirne wird er schmücken. Am kühlen Brunnen füllt sie den Krug mit köstlichem Trank, ihr Kind darf seine fieberheißen Lippen nicht daran letzen. Warum dem Kinde keine Blüte, keine Frucht, kein Sonnenstrahl? Nicht die Schuld der Mutter ist es. Sie ringt und schafft vom Morgen bis zur Nacht. Sie müht sich und sorgt, und immer, wohin sie auch getrieben wird, ist ihr Herz bei threm Kinde. Das Herz, in dem tausend ungeweinte Tränen glühen, das zerrissen ist von dem tiefsten Weh, daß es sein Leuerstes im Straßenstaub verschmachten lassen muß. Mutter, sich auf, sieh um dich und lerne den Boden kennen, aus dem das Leid all derer quillt, die in der Not leben wie du. Die Erde ist groß und reich und schön, aber sie ist nicht frei, sie ist nicht allen Menschen zu eigen. Die Schäße, die sie hervorbringt, kommen nur jenen zugute, die seit Jahr tausenden Gold aus dem Blute ihrer unterdrückten Menschenbrüder münzend, mächtig, reich und gewalttätig den Heimatboden an sich gerissen haben. Für sie pflügen und säen die Landarbeiter, für sie füllen sie den Segen der Brotfrucht in gewaltige Speicher, die Maurer und Zimmerleute in ihrem Dienste errichtet haben. Für sie läßt der Müller die Räder treiben und die Körner zu feinstem Mehle zerreiben, das dann auf den silberglänzenden Rücken der Ströme, auf den blizenden Stahlschienen der Eisenbahnen in die Fremde verschickt wird. Ihre Hand ist trotz der Fülle des Reichtums nicht milde und freigebig, sie ist immer zur Faust geballt. Sie geben den Armen, Nr. 12 die für sie schaffen, ein winzig Teilchen nur von dem, was ihnen zukommt, kaum genügend, um ihren und ihrer Kinder Hunger zu stillen. Der Leib der Mutter Erde blutet aus tausend Wunden. Das Gebot der mächtigen Ausbeuter läßt unzählige BergLeute in ihren Eingeweiden nach Gold und Silber und edlem Gestein wühlen, nach Kohlen und nüßlichen Erzen schürfen. Fern sind die Schaffenden dem holden Sonnenlicht, fern dem Waldesrauschen, dem Vogelsang, fern auch dem Silberlachen ihrer Kinder. Und wie die Kraft der Arbeiter, so ist auch der nimmermüde Forschergeist in das Joch der Ausbeutung gezwungen. Gewaltige Maschinen werden erdacht. In den Fabriken surren und sausen die stampfenden Ungeheuer der Arbeit gewaltiges Lied. Was einst unter der Hand des geschicktesten Schlossers, des Webers oder Zeichners öfter Monde zu seiner Vollendung brauchte, ein Weib, ein Kind vollbringt es heute mit Hilfe der Maschine oft in wenigen Minuten. Doch haben auch diese großen Errungenschaften der großen Zahl der Menschen bislang nicht Glück und Segen gebracht. Was immer sie schaffen mögen, die Gewalthaber legen ihre eisengepanzerte Faust darauf und sagen: Es ist unser! Ein Wint unserer Hand läßt alles erstehen, im Hauch unseres Mundes verweht es. Und ewig werden wir auf eurem gebeugten Nacken tanzen, und ewig werdet ihr für uns graben und säen und spinnen und weben und hämmern! Und doch, ihr Mütter, wird's nicht ewig so sein. Immer mehr von der Schar der bienenemsigen Arbeiter wagen es, im Garten des Wissens und der Schönheit aufrecht gehend ihre müden, trüben Augen in dem Meere von Sonnenglanz zu baden, sich die gequälte Seele voll Licht und Lebenskraft zu saugen. Das macht: ein heller Weckruf Klang an ihr Dhr, eines Sturmvogels Morgenlied riß sie aus dem bangen Traume der Knechtschaft. Ein Frühlingswind trieb ihnen ein keimfroh Körnlein flarer Erkenntnis zu; das faßte Wurzel in ihrem Geiste und wuchs dort, vom Morgentau und lauem Regen befruchtet kraftvoll empor. Nun glauben sie nicht mehr an das alte Wort, das mit glühendem Eisen in die Herzen ihrer Väter gebrannt war, ihre Seelen klein und eng, ihre Augen matt, ihren Geist stumpf machte und ihren Willen brach. Daß eines allmächtigen Gottes Gebot oder der Natur herbe Bestimmung sie und alle ihresgleichen für ewige Zeiten zu Sklaven bestimmt habe, die, ausgeschlossen von der Erde Freud und Lust, nur ihre Qual und ihr Leid zu tragen haben sollten. Sie lehnen sich auf wider die Weisheit der trügerischen Tafeln, die geschrieben sind mit Kindertränen und Mutterherzblut und die die Genießenden ihren Augen vorhalten, auf daß die Schaffenden Darbende bleiben. Die nervigten Arme recken sie zu den Sternen empor, wo ihre unveräußerlichen Menschenrechte hängen, und rütteln trotzig an den Ketten, deren Schwere sie zurück in die Tiefe ziehen möchte. Nichtachtend Haß und Hohn, Kerker und Tod, ziehen immer mehr von ihnen hinaus, um ihre schlafenden Brüder und Schwestern zu wecken und in ihre dunkle Nacht die Freiheitsmorgenbotschaft zu tragen. Auch ihr müßt mit ihnen gehen, Mütter der darbenden Jugend! Wohl werden die Kleinen die Armchen um euren Hals schlingen und betteln: bleibt bei uns. Laßt ihre Tränen eure Stärfe sein. Wenn ihr liebt, was ihr einst in seliger Hoffnung unter dem Herzen trugt, dann geht, den Kampf für euer Kinder Glück zu wagen. Erweckt das große mütterliche Erbarmen mit aller freudlosen Kindheit, aller entblätterten und zertretenen Jugend auch in den Herzen derer, die heute noch abseits stehen. Die in banger Furcht vor den Gewalthaberu zittern oder betört und irregeleitet das eigene Necht meuchlings morden helfen. Keiner darf fehlen in den Reihen der Kämpfer, der das Leid der Unterdrückten kennt. Keiner darf ob des eigenen Wohlseins, des eigenen Glückes das Banner der Glücklosen verlassen. Es werden tausend Schwerter dur.) eure Seele gehen. Schreitet ungeachtet eurer Schmerzen weile: empor auf den steinigen Pfaden treuester Pflichterfüllung. Gett der Jugend selbst ein leuchtend Beispiel der lauteren Hingabe. Euren Kindern, die auch einst zu ihrer Stunde an ihrem Pla Nr. 12 Die Gleichheit stehen sollen, kämpfend, daß niemand mehr vor des Lebens Garten am Zaune lungern muß; daß des Volkes Jugend nicht mehr elend sei! Mütter, führt die darbende Jugend dieser hohen Bestimmung entgegen! B. Selinger. Ein Pionier. Die sozialistische Bewegung der Vereinigten Staaten hat vor kurzem einen ihrer trefflichsten Vorkämpfer verloren. In der Nacht des 29. Januar ist plöglich Alexander Jonas gestorben, Begründer und langjähriger Redakteur der New Yorker Volkszeitung", ein Pionier des Sozialismus in Amerika. Obgleich Genosse Jonas seit Jahren nierenleidend war, und bereits im 78. Lebensjahre stand, hatte doch niemand seinen jähen Tod erwartet, denn bis zum letzten Tage war er förperlich und geistig rege. Noch wenige Stunden vor seinem Tode war er auf der Redaktion der„ Volkszeitung" tätig, und die selbe Ausgabe des Blattes, welche die Trauerbotschaft verfindete, enthielt noch einen kraftvoll geschriebenen Leitartikel aus seiner Feder. Alexander Jonas wurde am 16. März 1834 in Berlin geboren. Sein Vater war der Besiger einer bekannten Verlagsbuchhandlung und konnte seinen Kindern eine für damalige Zeit ausgezeichnete Schulbildung geben lassen. In der Familie Jonas herrschte ein reger, strebsamer Geist, der gewiß günstig auf den erwachenden Verstand des Knaben Alexander wirkte und ihn für neue, freiheitliche Ideen empfänglich machte. Zwar waren die Eltern keine Anhänger einer sozialen Revolution in unserem Sinne, der Kommunismus- wie damals der Sozialismus hieß- lag ihnen fern. Aber immerhin waren sie radikal denkende Bourgeois, und während der revolutionären Stürme des Jahres 1848 standen sie ganz unzweideutig auf seiten des Fortschritts und der Freiheit. Ja, Vater Jonas scheint sich sogar bei der autokratischen Regierung so unbeliebt gemacht zu haben, daß er es nach dem Triumpf der Reaktion für ratsam fand, seine Familie eine Zeit lang aus Berlin zu entfernen und in eine kleine Provinzstadt, unter die Obhut einer Tante, zu bringen. Hier vollbrachte unser Alexander seine erste revolutionäre Tat. Das trug sich folgendermaßen zu: Aus Opposition gegen die Regierung, die keine ihrer Versprechungen eingelöst hatte, wurde von den Demokraten die Steuerverweigerung beschlossen. Zu Tausenden wurden im ganzen Lande Flugschriften und Anschlagzettel verbreitet, die das Volk aufforderten, keine einzige Steuer zu entrichten. Die Bewohner jeder Ortschaft wurden dringend darum ersucht, die Bettel sofort an hervorragenden Stellen anzuschlagen. Auch in das Städtchen, wo sich die Familie Jonas damals aufhielt, tam ein Stoß solcher Anschlagzettel, aber niemand fand sich dort, der den Mut hatte, die Verbreitung des Aufrufs zu übernehmen. So wurden die Zettel vorsichtig in einen Winkel der Drtsapotheke gelegt, und dort lägen sie vielleicht heute noch, hätte sich der vierzehnjährige Merander Jonas nicht ihrer angenommen. Zusammen mit seinem um 2 Jahre älteren Bruder ging er unerschrocken ans Werk, und klebte an den belebtesten Punkten der Drtschaft die ominösen Zettel an. Noch in späteren Jahren hat sich Genosse Jonas gern in der Erinnerung daran ergött, mit welch angsterfüllten Mienen die revolutionären Proklamationen von den biederen Bürgern des Städtchens gelesen wurden, und von den Bauern, die aus der Umgegend famen. Die brave Tante war nicht wenig entsetzt, als sie erfuhr, was ihre Neffen gewagt hatten. Der revolutionäre Geist unseres Alexander Jonas wurde auf deutschem Boden geboren, doch erst in Amerika ist er emporgeblüht und gereift. Das ganze Lebenswerk dieses unvergeßlichen Genossen gehörte der sozialistischen Bewegung in Amerika. Ein junger Mann, arm an Hab und Gut, aber reich an hervorragenden Vorzügen des Geistes und Gemütes, kam er vor 43 Jahren nach New York. Zur Zeit seiner Einwanderung war die Sklavenbefreiung eben erst mit Kugel und Schwert errungen worden, und das Land litt noch unter den Folgen 183 des Bürgerkrieges. Die Arbeiterbewegung steckte noch in ihren Anfängen, sie war ohne einen sozialistischen Inhalt. Jonas ergriff zunächst den Beruf als Kaufmann, aber sehr bald vertauschte er ihn mit dem des Journalisten. Er wandte sofort dem politischen Leben seiner neuen Heimat lebhaftes Interesse zu, und lange ehe er das amerikanische Bürgerrecht erworben hatte, besaß er bereits viel gründlichere Kenntnisse der sozialen, politischen und ökonomischen Zustände der Vereinigten Staaten, als die große Mehrzahl der amerikanischen Bürger. Eine der ersten Fragen des öffentlichen Lebens, der Genosse Jones seine Aufmerksamkeit schenkte, war die Frage der Frauenrechte. In den Vereinigten Staaten ist die Frauenbewegung der sozialistischen Bewegung um ungefähr zwei Jahrzehnte vorausgegangen. Sie entstand schon während des Bürgerkrieges, und wurde anfangs von denselben furchtlosen Männern und Frauen getragen, die für die Befreiung der Negerstlaven eingetreten waren. Unter ihnen befanden sich auch viele gebildete, freiheitlich denkende Deutsche, die während der Revolutionsjahre im eigenen Vaterlande alte Vorurteile abgestreift und eine unbefangene Würdigung der Dinge gelernt hatten. Sie gründeten damals den ersten deutschen Frauenstimmrechtsverein in Amerika, und Jonas war einer der Mitbegründer und eifrigsten Anhänger dieser Organisation. Mit Wort und Schrift trat er für die politische Gleichberechtigung der Frauen ein, und zwar zu einer Zeit, da ein Mann, der solche Neuerungen befürwortete, in den Augen der meisten noch als Verrückter oder als Verbrecher galt. Aber das Urteil der Mehrzahl kümmerte Alerander Jonas nicht, denn er war und blieb bis zu seiner legten Stunde einer jener seltenen Geister, die unentwegt das verfechten, das sie als wahr und recht erkannt haben, und wenn die ganze Welt sie deswegen verdammte. So ist er auch sein Leben lang ein treuer, unentwegter Verfechter der Frauenrechte geblieben. Mit allem Nachdruck ist er dafür eingetreten, daß die sozialistische Partei in den Vereinigten Staaten eine rege Agitation für das Frauenstimmrecht betrieb. Die sozialistischen Frauen des Landes wissen, was sie ihm zu danken haben. Als Genosse Jonas, wie schon erwähnt, den Beruf des Journalisten ergriff, war soeben die erste deutsche Frauenzeitung in den Vereinigten Staaten gegründet worden. Es war dies die von den deutschen Vorkämpferinnen Auguste Lilienthal und Mathilde Wendt herausgegebene Wochenschrift " Die Neue Zeit". Jonas wurde stetiger Mitarbeiter der Zeitschrift. Fast gleichzeitig wählte man ihn zum leitenden Redakteur der„ Arbeiterstimme", des offiziellen Organs der damaligen Arbeiterpartei, und diesen Posten bekleidete er, bis die Zeitung einging. Am 4. Juli 1874 wurde die erste politische sozialistische Organisation in Amerika begründet. Sie trug den Namen Sozialdemokratische Arbeiterpartei, der später in Sozialistische Arbeiterpartei umgeändert wurde. Alexander Jonas nahm als Delegierter an dem ersten Kongreß dieser Partei teil. Von den Anfängen der Bewegung erzählte Genosse Jonas gern, und es geschah häufig, daß sich dann ein Kreis junger Genossen und Genossinnen um ihn sammelte, die mit regem Interesse seinen Schilderungen lauschten. Damals- so erzählte der greise Kämpfer wurde jeder, der sich zum Sozialismus bekannte, entweder mit Spott und Hohn überschüttet oder mit einem gewissen, fast verächtlichen Mitleid behandelt. Die Versammlungen waren nichts anderes als bescheidene Zusammenkünfte einiger Genossen, meist Deutscher, in fleinen Sigungszimmern von Restaurants. Die wichtigsten Fragen mußten oft von einer Handvoll Leute entschieden werden. Im Jahre 1878 war Genosse Jonas der erste sozialistische Kandidat für das Amt des Bürgermeisters der Stadt New York und erzielte im ganzen 1600 Stimmen. Der Pionier des Sozialismus hat die große Genugtuung und Freude er lebt, die Bewegung stetig wachsen und gedeihen zu sehen, bis sie heute zu einer Macht in der amerikanischen Politik geworden ist. Gerade die letzten Wahlen haben so verheißungsvolle, viel versprechende Resultate im ganzen Lande ergeben, 184 Die Gleichheit Nr. 12 daß Jonas sich sagen konnte: Der Samen, den ich ausstreuen denken, daß es erst des starten, einheitlichen Willens Tausender von half, hat Wurzeln geschlagen. Das bedeutsamste Werk des Dahingegangenen war die Gründung der„ Volkszeitung", jenes trefflichen sozialistischen Arbeiterblattes, das nun schon seit 34 Jahren furchtlos und unentwegt die Interessen des arbeitenden Voltes vertritt. Anfangs Chefredakteur, später Redakteur des Sonntagsblattes, hat Alexander Jonas während dieser ganzen 34 Jahre der ,, Volkszeitung" seine beste Arbeitskraft gewidmet. Er besaß ein scharfes, flores Urteil und eine ungemein reiche Kenntnis der inneren wie auswärtigen politischen Verhältnisse. Seine Artikel waren bis zuletzt mit der Kraft und dem Feuer eines Jünglings geschrieben. Seiner Tätigkeit an der„ Volkszeitung" widmete bei seinem 70. Geburtstag fein langjähriger Freund und Kampfgenosse L. Werner, Nedakteur des Philadelphiaer „ Tageblattes" folgende ehrende Worte:„ Wenn irgend ein Mann verdient, von den deutsch- amerikanischen Arbeitern verehrt zu werden, so ist Jonas dieser Mann. Die Gründung und Erhaltung einer Arbeiterzeitung ist notwendigerweise von gemeinsamer Arbeit abhängig. Aber insoweit eine einzelne Person als deren Gründer und Erhalter in Betracht kommen kann, war Alexander Jonas gewiß der Gründer und Erhalter der New Yorker„ Volkszeitung". In ihm waren das gute Urteil des Geschäftsmannes und das Talent des sozialistischen Redakteurs eine seltene Kombination- vereinigt. Er ist ein Mann von Geist in unserer Schäßung, bei weitem der beste deutsch- amerikanische Journalist, ein fähiger Redner, und, das beste von allem, ein flarer, ruhiger Stopf, der es verstand, Schwierigkeiten zu ebnen und Mißverständnisse zu beseitigen. Wo guter Rat und schnelles Handeln notwendig waren, konnte man sich stets auf ihn verlassen." Das Leben dieses Mannes war in unbeirrter Hingabe, in schlichter Arbeitsfreudigkeit bis zum letzten Atemzug der Sache des Sozialismus geweiht. Den Wahlspruch seines Lebens hatte fich der jugendliche Merander Jonas selbst in einem herrlichen Gedicht gegeben, das von Vegeisterung überströmt.„ Getreu sei bis ans Ende", hieß es dort. Sein ganzes Leben bis zum Tode, der ihn jäh von der Arbeit hinwegraffte, klingt in einer einzigen, reinen Harmonie in diesem Wahlspruch wider. Genosse Jonas war getreu bis an sein Ende, aber er war noch mehr als das. Nicht in blinder Treue hat er zu den Idealen feiner Jugend gehalten, sondern er hat diese Ideale mit seinem wachsenden Geiste wachsen und reifen lassen. Niemals hat er gezögert, Anschauungen aufzugeben, die veraltet und überlebt waren, und neue Ideen zu ergreifen. Fanatismus war ihm verhaßt, Weitherzigkeit und Vorurteilslosigkeit waren seine charakteristischen Eigenschaften. Sein Leben liegt beschlossen vor uns. Sein Geist wird weiterleben und wirken. In der Geschichte der sozialistischen Bewegung wird der Name Alexander Jonas unvergeßlich bleiben und kommende Geschlechter werden dankbar des Mannes gedenken, der als einer der ersten die Grundmauern legen half für den besseren, freieren Gesellschaftsbau der Zukunft. Meta L. Stern, New York. Die Tariferneuerung in der Holzindustrie. Seit einer Reihe von Jahren schon werden Lohnbewegungen in der deutschen Holzindustrie jedesmal eingeleitet durch die Erneuerung der Tarifverträge in einer Anzahl Drte mit zumeist fort geschritteneren Arbeitsverhältnissen. Und es wird als selbstverständ. lich angesehen, daß diese Tarifbewegungen den beteiligten Holzarbeitern jedesmal eine Verkürzung der Arbeitszeit und staffelweise Lohnerhöhungen bringen. Allmonatlich veröffentlicht ja jetzt die " Holzarbeiter- Zeitung", das Verbandsorgan des Deutschen Holzarbeiterverbandes, eine umfangreiche Liste derjenigen Drte, in denen auf Grund der laufenden Tarifverträge in den nächsten Wochen Verbesserungen in den Arbeitsverhältnissen eintreten, und zwar eintreten ohne jede neue Lohnbewegung. Es handelt sich da zumeist um 1 oder 2 Pf. Mehrlohn in der Stunde oder um Verkürzung der Arbeitszeit um gewöhnlich eine Stunde in der Woche. Die meisten lesen diese Nachrichten regelmäßig, ohne dabei daran zu Holzarbeitern bedurfte, um solchen Forderungen Anerkennung zu verschaffen. Nur aus der Einigkeit der Arbeiterschaft fließt die Macht, die es den Unternehmern geratener erscheinen läßt, innerhalb bestimmter Zeitabschnitte steigende Verbesserungen der Arbeitsbedingungen zuzugestehen, als es jedesmal auf eine Machtprobe an tommen zu lassen. Mit dieser zwar bitteren, aber unvermeidlichen Tatsache haben sich heute wohl schon viele der Unternehmer abgefunden, die im Arbeitgeberschutzverband für das deutsche Holzgewerbe organisiert sind. Wohl versuchen immer wieder einzelne von ihnen, die Tarifbestimmungen zu umgehen oder sich sonst um ihre Verpflichtungen herumzudrüden. Das würde ihnen auch hier und da gelingen, wenn nicht die Beauftragten der Arbeiterorgani sation ständig auf dem Posten wären. Der Kontrolle der vereinbarten Arbeitsbedingungen dienen die regelmäßigen Werkstattfizungen und Mitgliederversammlungen, die zu besuchen darum schon deswegen geboten ist, daß das einmal Errungene auch festgehalten wird. Als im Winter 1906/07 die Arbeitgeber in der deutschen Holzindustrie durch ihre Hartnädigkeit im Berliner Lohnkampf und die nachfolgenden Riesenaussperrungen den Anstoß zur Schaffung der heute bestehenden Tarifgruppen gaben, lag ihnen freilich alles ferner als die Einräumung stückweiser Zugeständnisse. Sie wollten viel. mehr Ruhe in ihrem Hause haben und glaubten, durch das Zwangsmittel der Aussperrung von 15000 Mann den Deutschen Holz arbeiterverband auf einen Reichstarif festlegen zu können. Als Ablauftermin wünschten sie den 31. Dezember als den für lohnfämpfende Arbeiter ungünstigsten Zeitpunkt im Jahre. Es ist anders gekommen, als es die Herren und ihre Hochmögenden Hintermänner wünschten. Damals hatte die deutsche Arbeiterklasse einen ungünstig verlaufenen Reichstagswahlkampf hinter. sich. Die aufgeschreckte Partei der Nichtwähler" hatte dem Bürgertum zu einem Sieg- allerdings zu einem verhängnisvollen Siegverholfen. Glaubte man so die Sozialdemokratie am 25. Januar 1907 niedergeritten" zu haben, so sollte die Niederlage der ArbeiterKlasse durch die Niederzwingung der Gewerkschaften vollendet werden. Es verlohnt sich, daran zu erinnern, daß damals die„ Kölnische Beitung", das Organ der rheinisch- westfälischen Großindustrie, schrieb: „ Dieser gewaltige Kampf, der sich in der Hauptsache zwischen dem Arbeitgeberschusverband für das deutsche Holzgewerbe und dem sozialdemokratischen Holzarbeiterverband abspielt, fann nicht mehr als ein rein wirtschaftlicher angesprochen werden. Er wird vielmehr auf beiden Seiten unter großen politischen Gesichtspunkten geführt. Da es der erste Lohnkampf ist, den die Sozialdemokratie nach ihrer Wahlniederlage zu befiehen hat, so ist es einleuchtend, daß sie diese Gelegenheit benußen will, um in möglichst eindrucksvoller Weise darzutun, daß sie trotz alledem dennoch die Gebieterin sei. Nun ist die Drganisation des Tischlerhandwerkes erst wenige Jahre alt und schien vielleicht nicht derart gefestigt, daß die Sozialdemokratie nicht hätte hoffen dürfen, mit ihr fertig zu werden. Allem Anschein nach hat sie sich aber getäuscht. Die Entschlossenheit, womit die Arbeitgeber in Berlin die Aussperrung vollzogen, und mit der die genamten elf Städte den Solidaritätsvertrag mit Berlin getätigt haben, beweist deutlich, daß der Selbsterhaltungstrieb im Tischlerhandwerk erstarkt und in die richtige Bahn gelenkt ist. Man fann feststellen, daß in den Angehörigen dieses Standes auch das Verständnis dafür erwacht ist, daß fie bei diesem Stampfe die Aufgabe haben, die Wahlniederlage der Sozialdemokratie zu vergrößern. Wer den Versammlungen der kämpfenden Tischlermeister beigewohnt hat, kann wenigstens nicht im Zweifel darüber sein, daß es auch diese politischen Ge sichtspunkte sind, die ihnen den Willen zum Siege erweckt haben." Als es anders gekommen war, wollten die Tischlermeister zwar später solch hochfliegende Absichten nicht wahr haben. Es ist aber nur zu wahrscheinlich, daß sie sich mit durch den Taumel jener Tage fort reißen ließen zu der wahnwißigen Aussperrung, die ihnen die erhoffte Vernichtung der Arbeiterorganisation nicht bringen konnte. Nicht bringen konnte, weil ja der bürgerliche Wahlsieg nicht gewonnen worden war infolge irgendwelchen Zurüdgehens der Organisationen des arbeitenden Volfes. Der Siegestaumel verrauschte. Nicht Vernichtung, sondern Anerkennung des Holzarbeiterverbandes brachte der Abschluß der Aussperrungen von 1907. Der Erfolg des„ Niederreitens" war nicht ein Reichstarif nach dem Herzen der Unternehmer; die mußten sich vielmehr mit drei Tarifgruppen abfinden, die im Vorjahr wider den ausdrücklichen Beschluß der Unternehmerorgani sation sogar auf vier vermehrt wurden. Und der Ablauftermin der Tarifverträge ward auf Mitte Februar gelegt, dem Beginn der besseren Stonjunttur. Noch einmal versuchte der Arbeitgeberschutzverband für das deutsche Holzgewerbe eine Kraftprobe zu- mar Nr. 12 Die Gleichheit 185 kteren, als eS tri? Winter 1909/10 an die Erneuerung der Tarifgruppe aus dem Jahre 1907 ging. Es ist dies die größte der bestehenden Tarifgruppen, und die Aussichten für die Unternehmer schienen hierbei die günstigsten zu sein. Doch die entschlossene Haltung und die Opferwilligkeit der deutschen Holzarbeiter haben diesen probenden Kampf mit Erfolg abgewehrt. Wieder hat das deutsche Proletariat eine Reichstagswahl hinter sich, und zwar eine, die zeigte, daß es geschlossener denn je dasteht. Die Arbeitgeber in der Holzindustrie hatten sich allerdings schon vorher mit dem Gedanken abgefunden, daß sie die Organisation der Arbeiter nicht vernichten oder auch nur mißachten- könnten. Und l» verlief die diesjährige Tariferneuerung wenigstens für die weitere Öffentlichkeit verhältnismäßig füll. Wir haben über die einzelnen Stadien der Verhandlungen bereits berichtet. Freilich war auch die Zahl der Beteiligten diesmal geringer als sonst, sie betrug nur rund SOOO Arbeiter in 15 Städten. In der Frage der Arbeitszeitverkürzung schloffen sich die örtlichen Parteien fast durchweg den Vorschlägen der zentralen Schiedskommission an, die bereits um Mitte Dezember 1911 zusammengetreten war. Die getroffenen Vereinbarungen bestimmen, daß innerhalb der nächsten Vertragsperiode die wöchentliche Arbeitszeit in Lauban und Schönlanke um 3, in Brieg, Heidelberg, Nordhausen und Würzburg um S Stunden, in den übrigen beteiligten Orten um 1 Stunde herabgesetzt wird. Nur Krankfurt a. M. behält die bestehende 52 ständige Arbeitszeit unverändert bei. Schwieriger gestalteten sich die Verhandlungen um den geforderten Mehrlohn, der ja schon durch die unablässig steigende Verteuerung des Lebensunterhaltes zur gebieterischen Notwendigkeit geworden war. lind es genügt auch gar nicht, nur einen Ausgleich für die Preissteigerungen zu schaffen, die Arbeiterschaft will und muß den Stand ihrer Lebenshaltung erhöhen. Manche Unternehmer glaubten schon mit einer Lohnaufbesserung von 3 Pf. in der Stunde das Äußerste geleistet zu haben. Schließlich aber konnten sie sich doch wohl der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Organisation der Holzarbeiter stark genug sei, zu erkämpfen, was man den Arbeitern Vorenthielt. Wo keine Einigung der Parteien zustande kam, entschied die zentrale Schiedskommission, die zu diesem Zwecke um Ptitte Februar über eine Woche lang in Berlin versammelt war. Das Endergebnis war, daß in allen Orten die Stundenlöhne um 6 Pf. erhöht werden, mir in Schönlanke beträgt die Aufbesse- amz bloß 5 Pf., dafür stellt sie sich für Nürnberg auf 7 Pf. Die Gleichen Steigerungen erfahren die Mindest- und Durchschnittslöhne, mir kommen bei diesen in Cassel und Ludwigshafen je 8 Pf. Zuschlag auf die bisherigen tariflichen Sätze. Die künftigen tariflichen Stundenlöhne sind aus der drittletzten Zahlenreihe der nachfolgenden Zusammenstellung ersichtlich. Dabei ist zu beachten, daß e« sich in Cassel, Heidelberg, Brieg, Lauban, Rordhausen, Schönlanke und Neustadt a. Orla um Durchschnittslöhne, in den anderen Orten dagegen um Mindestlöhne erwachsener Arbeiter Hemdelt. Die wirklichen Verdienste der Mehrheit der Arbeiter müssen also in diesen Orten entsprechend höher ausfallen. Die vorstehende Darstellung der Entwicklung von Lohn und Arbeitszeit in den beteiligten Orten seit dem Jahre 1902 zeigt, daß in diesen letzten zehn Jahren recht bedeutend« Fortschritte gemacht worden sind. Ist doch die Arbeitszeit um 3 bis 7 Wochenstunden verkürzt und dabei der Barverdienst durchschnittlich um über S Mk., vereinzelt um beinahe 10 Mk. erhöht worden. Da» ist»in greifbarer Erfolg gewerkschaftlicher Tätigkeit. Denn ohne dies« wäre die ver- tenerung der Lebenshaltung, die in erster Linie unserer„vorzüglichen" Wirtschaftspolitik geschuldet ist, mit ihrer ganzen Schwere auf die Schulter der Arbeiter gefallen. Kein Staatsmann und kein Arbeitgeber hätte daran gedacht, freiwillig die Löhne der Arbeiter entsprechend aufzubessern. Außer diesen materiellen Vorteilen find noch eine Reihe sonstiger Verbesserungen in den neuen Tarifverträgen festgelegt. So unter anderem die Bestimmung, daß Überstunden nur im Einverständnis mit den Arbeitern oder nach der Entscheidung derSchlichtungSkommissionen angeordnet Iverden dürfen, daß die zivilrechtliche Haftbarkeit der Verbände auSgeschloffen bleibt und daß eine neue Arbeitsstelle nicht wieder mit dem dort üblichen niedersten Lohn angetreten werden muß. Wohl sind nun die Vereinbarungen getroffen, ihre Durchführung ober liegt jetzt an den Arbeitern und stellt an ihre Disziplin und ihren Zusammenhalt hohe Anforderungen. In den meisten Städten haben die Arbeitgeberversammlungen die neuen Bedingungen bereits angenommen. Nur in einigen kleineren Orten, in denen die Macht der Arbeitgcberorganisation nicht weit reicht, versuchen die Unternehmer zurzeit noch Schwierigkeiten zu machen oder abzuhandeln. Es wird ihnen nichts helfen. Die Arbeiterorganisation wird darauf dringen, daß die Bestimmungen, welche die Tarisinstanzen schufen, mich überall zur Durchführung kommen. Schwierigkeiten bei der Jnnehaltung der Verträge sterben während der gesamten Tarifbauer nie ganz auS; sie zeigen, daß auch die Tnrifpolitik die Arbeiter nicht von der steten Organisationstätigkeit entbindet, sondern diese zur dringenden Pflicht macht. kb. Aus der Bewegung. von der Agitation. Selten hat sich in Sachsen der Wahlkampf mit solcher Schärfe abgespielt wie diesmal, namentlich in einzelnen Wahlkreisen. Der schneearme Dezember ließ eine weitgehende Agitation zu und ermöglichte eS, daß Dörfer besucht wurden, die bei großem Schneefall nicht erreicht werden können. Vom 21. November bis Mitte Dezember v. I. referierte die Unterzeichnete über„Die ReichStagS- wahl und die bürgerlichen Parteien" in Versammlungen, die in den folgenden Orten des 21. skchsischrn Kreises Annaberg-Buchholz stattfanden: Frohnau, Crottendorf, EhrensriederSdorf, Cran» dorf, Wiesa, Rittersgrün, Unterstützengrün, CunerSdors, Mittweida-MarkerSdorf, Langenberg, Raschau, Pöhla, Buchholz, Oberwiesental. Die Versammlungen waren außerordentlich gut besucht, trotzdem die Teilnehmer oft stundenweite Wege zum Lokal zurücklegen mußten. In einigen Versammlungen beehrten uns die Anhänger StresemannS mit ihrem Besuch. Doch taten diese Gesandten des Herrn den Mimd nicht ans, bis auf den christlichen Gewerlschastsbeamten Pur fürst- Chemnitz, der in Oberwiesental Grausiges vom„Teilen" im Zukunftsstaat und von Bebels und Singers angeblichen Millionen erzählte. Mit Zitaten von Herrn Calwer, Schippe! und dem Korbmacher Fischer suchte er die Sozialdemokratie zu vernichten. Anscheinend hatte er von einer außerordentlichen Wirkung seines Auftretens geträumt, denn zu seinem Schutze hatte er sich des Ortspolizisten versichert. In Trottendorf sagte vor dem Beginn der Versammlung der Büttel zu ein paar neugierigen Spießern:„Es wird wohl niemand kommen, wir haben schon dafür gesorgt." Aber sonderbar, es kamen 350 Personen, die den Saal füllten. Als der Polizist gefragt wurde, was er in der Versammlung wolle, erhob er sich von seinem Platze und erklärte würdevoll, er sei zum Schutze der Ordnung da. Als die Reserentin die Versammelten zur Wahl deS Genossen Grenz aufforderte, erklang der Ruf:„Stresemann fliegt I" Und am 12. Januar ist er richtig mit 2000 Stmmren Verlust geflogen.„Es ist eine Lust zu leben," sagte König August von Sachsen 1907. Wahrlich, eS ist eine Lust zu leben im Jahre 1912! Weitere Versammlungen folgten im Januar d. I. im 15. und 29. söchfischen Wahlkreis in folgenden Orten: Göritzhain, Crumbach, gdöhrSdorf, Oberneuichön- berg, Griesbach und Thum. In Röhrsdorf hatten die Gegner für die gleiche Zeit wie wir eine Versammlung angesetzt. 25 Personen nahmen an ihr teil, 375 an der unseren. In Oberneu- schonberg waren einige junge Leute aus dem Kontor des Hüttenwerkes in die Versammlung gesandt worden, ausgerüstet mit Bleistift und Papier. Was sie notteren sollten: die Ausführungen der Unterzeichneten oder die Namen der Teilnehmer, das wurde uns nicht ganz klar, denn in dem großen Gedränge kamen sie gar nickt zum Schreiben. Auch einige Meister waren anwesend, denen ich den Rat gab, sich meine Ausführungen und nicht die Namen der Ar- 186 Die Gleichheit beiter zu merken. Die Versammlung endete mit dem Rufe:„ Wir wählen Göhre!" Interessant war es am Wahlabend im Wartesaal dritter Klasse auf dem Bahnhof in Flöha i. S. Anscheinend befand sich dort das Wahlbureau der Nationalen. Als die ersten Resultate aus kleinen Dörfern mit 21 bis 42 Wahlberechtigten tamen: Stücklen 5, Pastor Richter 17 oder Stücklen 7, Roth 6, Pastor Richter 16, da brach ein großer Jubel los.„ Das kostet was, eine gute Zigarre aus meinem Sasten, hier, meine Herren!" Für die zweite ähnliche Nachricht wurde Bier spendiert. Kam ein Post- oder Bahnbeamter und brachte eine Depesche für das Wahlkomitee, so gab es ein kleines Glas Lagerbier. Wenn Stücklen fliegen würde! Es ist günstig, Pastor Richter hat sich prächtig geschlagen." Blöglich erklang der Ruf:" Strese manns Sieg ist sicher!" Großer Jubel:„ Na, das kostet was, Herr Direktor!" Wir mußten zu unserem Bedauern fort, der Zug nach Dresden fuhr ein. Ob die Herren in Flöha auch noch um 11 Uhr abends Bier und Zigarren gespendet haben? Marie Wackwitz. In den Orten Mörfelden, Erzhausen und Darmstadt des Wahlkreises Darmstadt fanden im letzten Dezember und Anfang Januar öffentliche Frauenversammlungen statt, die die Parteiorganisationen festigen sollten. Die Unterzeichnete sprach über das Thema:„ Die Stellung der Frauen zur Lebensmittelteuerung und die kommenden Reichstagswahlen". Sie unterzog die Tätigkeit des vergangenen Reichstags einer scharfen Kritit und zeigte den außerordentlich zahlreich erschienenen Proletarierinnen an der Hand von Beispielen, daß unter ihren Folgen die Frauen am meisten zu leiden haben. Diese hätten daher alle Ursache, so bewies sie weiter, bei den Reichstagswahlen die sozialdemokratischen Kandidaten zu unterstützen. Nach einer Schilderung des heute herrschenden Klassengegensatzes forderte sie die Frauen dazu auf, ihren Protest gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung am besten dadurch auszu drücken, daß sie der Sozialdemokratie beiträten und deren Tagespresse wie auch die„ Gleichheit" abonnierten. Lebhafter Beifall folgte dem Vortrag. Zwanzig weibliche und fünf männliche Partei mitglieder und Leser der Parteipresse wurden gewonnen. Der Ausfall der Reichstagswahlen hat inzwischen gezeigt, daß der in den Versammlungen ausgestreute Samen auf guten Boden gefallen war. Am 14. Januar hielt der Fabritarbeiterverband in Münster bei Dieburg eine öffentliche Frauenversammlung ab, die von 280 bis 300 Personen besucht war. Genossin Eisinger sprach über die Frage: Warum sollen sich die Fabritarbeiterinnen organisieren?" Sie kritisierte die Mißstände in der Haarschneiderei und Pelzfabrit in Münster, in welcher schlechte Arbeitsverhältnisse verbunden mit schlechter Behandlung herrschen und armseliger Lohn gezahlt wird. Weder Speise- und Ankleideräume noch Wasch- und Badegelegenheit sind vorhanden. Die Referentin schilderte die Zustände, unter denen die Fabrifarbeiterinnen im allgemeinen leiden müssen, und die ihre Moral gefährden; sie fennzeichnete die Nichtachtung, mit der Werk- und Saalmeister, Betriebsleiter und sonstige kapitalistische Peitschenschwinger die Arbeiterinnen verlegen. Die bewegte Zeit der Reichstagswahlen machte es unmöglich, nur streng gewerkschaftliche Ausführungen zu geben. Jubelnder Beifall erscholl, als die Referentin den Wert der gewerkschaftlichen Erziehung für die Arbeiterinnen klarlegte und auf den sozialdemokratischen Wahlsieg zu sprechen kam, der zwei Tage zuvor, in der alten Bischofsstadt Mainz mit Hilfe der proletarischen Frauen errungen worden war. Der Vortrag schloß mit der Mahnung an die anwesenden Frauen und Mädchen, sich dem Fabritarbeiterverband anzuschließen, nur dann könnten sie wirkungsvoll für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen fämpfen. Sieben neue Mitglieder traten der Organisation Um eine Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft zu gründen, berief das Gewerkschaftskartell in Hahn eine Frauenversammlung mit dem Thema ein:„ Was bietet die Genossenschaft der Arbeiterfrau?" Die Unterzeichnete beantwortete diese Frage. Sie führte aus, daß die Bewegung der klassenbewußten Arbeiterschaft aus drei Zweigen besteht, aus der politischen, der gewerkschaftlichen und der genossenschaftlichen Bewegung. Um ganze Arbeit zu machen, müßten sich die Proletarierinnen allen drei Bewegungen anschließen. An das mit Beifall aufgenommene Referat schloß sich eine Diskussion, in der der Referentin lebhaft zugestimmt wurde. Die Versammlung war von Frauen und Männern gut besucht und brachte nicht nur der Genossenschaft Mitglieder, sondern auch der Partei und der sozialdemokratischen Presse führte sie Abonnenten zu. bei. Apollonia Eifinger. Jm Wahlkreis Meiningen- Hildburghausen sprach Genossin RöhlRigdorf im November und Dezember vorigen Jahres in zwanzig Versammlungen über„ Die Reichstagswahl und die Frauen". In fast allen Orten hatte bis dahin noch keine Frau in einer öffentlichen Versammlung gesprochen, so daß von vornherein auf eine Nr. 12 gute Beteiligung gerechnet werden konnte. Die Erwartung hat auch nicht getrogen. Die Versammlungen in Schwallungen, Steinbach, Wasungen, Wereshausen, Meiningen, Schweina, Gungelstedt, Tunnelborn, Hildburghausen, Bedheim und Unterneubrunn waren sehr gut besucht, auch von Frauen. In Walldorf war das geräumige Lokal überfüllt, und der Saal reichte fast nicht aus in Schwallungen, einem Ort mit kleinbäuerlicher Bevölkerung, die aber ihren Nachwuchs in die Fabrik schicken muß, wenn sie existieren will. Unaufhörlicher Beifall bezeugte, daß Genossin Röhl allen aus der Seele gesprochen hatte. Die Frauen scharten sich nach dem Vortrag um die Referentin und beteuerten ihr, derartiges noch nie gehört zu haben; sie baten sie, wieder zu kommen. Die Versammlung brachte dem sozialdemokratischen Verein in Schwallungen neue Mitglieder. Jn Steinbach wurde nach dem Schlusse der Veranstaltung ein Verein gegründet, dem 23 Mitglieder beitraten. Das gleiche geschah in Tunnelborn, wo die Partei jetzt 36 Mitglieder zählt. Besser besucht hätte die Versammlung in Leimbach sein können, doch wurden auch dort Mitglieder für die Sozialdemokratie geworben. Die weiteren Versammlungen fanden in Orten hoch oben auf dem Thüringer Walde statt, wo die Haus industrie vorherrscht. Die Referentin sammelte dort reiche Er fahrungen, die sie bei der nächsten Agitationstour verwerten kann. überall wurde der Wunsch laut, Genossin Röhl möchte recht bald wiederkommen. Der Erfolg wird nun nach der Vorarbeit nicht ausbleiben. In den zwanzig Orten war die Beteiligung an Versammlungen noch nie so groß wie diesmal. Die Frauen, die sonst in teine politische Versammlung gegangen waren, hatten sich, wenn auch nicht in allen Orten, so doch in den meisten in erheblicher Zahl eingefunden. Diese günstige Situation muß für die Partei ausgenugt werden. Sind die Frauen erst einmal zu der Erkenntnis gelangt, daß politische Angelegenheiten auch sie angehen, so wird es nicht zu schwer fallen, sie der Organisation zuzuführen. Ch. L. Bericht über die Tätigkeit der Genossinnen des fünften sächsischen Wahlkreises im Vereinsjahr 1910/11. Die Genosfinnen hielten wie im Jahre zuvor in jedem Monat einen Dis tussionsabend ab; einmal im ersten Monat fand statt seiner ein Wanderabend statt. In den nächsten vier Diskussionsabenden wurden die folgenden Fragen erörtert: Wie fördern wir die Jugendorganisation?"" Berichterstattung vom Parteitag"," Unsere Gegenwartsforderungen"," Familienrecht". Dann folgte ein heiterer Unterhaltungsabend: Rezitationen, Musik und Gesang bereiteten den Frauen einige frohe Stunden. Später trat eine neue Gestaltung unserer Abende zur Schulung der Genossinnen ein. Während bis dahin bald eine Frage aus diesem, bald aus jenem Gebiet erörtert worden war, legten die Genossinnen auf die Anregung der Genossin Gradnauer hin ihrer Bildungsarbeit ein bestimmtes Programm zugrunde. Sie ließen einen Vortragszyklus über folgende Themata halten:„ Die Stellung der Frauen von den Anfängen der Kultur bis zum Mittelalter",„ Die Frau im kapitalistischen Zeitalter",„ Die Konkurrenz der Geschlechter"," Reform der Hauswirtschaft". Damit war der Zyklus noch nicht beendet, doch sind die übrigen Vorträge schon in das neue Vereinsjahr gefallen. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dieser systematischen Arbeit zur besseren theoretischen Durchbildung der Genossinnen gemacht und empfehlen sie den Genossinnen anderer Städte zur Nachahmung. Auch einige Agitationsversammlungen müssen wir verzeichnen. In einer öffentlichen Frauenversammlung sprach Genossin HannaBerlin über„ Berufsarbeit und Mutterschaft", in einer Volksber sammlung Genossin Zieß über„ Reichstagswahlen und Frauenstimmrecht". Der Frauentag hatte einen außerordentlichen Erfolg und brachte uns neue Kämpferinnen. Der Beſuch aller Veranstal tungen war zufriedenstellend. Trotzdem müssen wir eine größere Beteiligung der Genossinnen an den Diskussionsabenden erstreben. Wir brauchen dringend immer mehr neue Kräfte zur Bewältigung der vielen Arbeit, die in der Dienstboten, der Kinderschutzund der Jugendschußkommission ihrer Erfüllung harrt. Die Zahl der weiblichen Parteimitglieder betrug am Schlusse des Vereins jahrs 449, wir wünschen, daß sie bis zum nächsten Jahresschluß bedeutend gewachsen sein möge. An unserem guten Willen wird es nicht fehlen, unsere proletarische Frauenbewegung zu stärken und zu vertiefen. Martha Kretschmar. Agitationsliteratur. Die Kleine, von uns in letter Nummer der„ Gleichheit" angekündigte Broschüre mit dem Titel„ Bist du eine der Unsrigen?" ist inzwischen in der Buchhandlung Vorwärts in Berlin erschienen. Auf besserem Papier gedruckt und kartoniert foftet sie 10 Bf. das Stüd. Bei größeren Bezügen und ohne Umschlag wird sie für 1½ Pfennig das Stüd geliefert. Namentlich bei Hausagitationen, aber auch sonst, wird sie unseren Genossinnen die Werbung neuer Kampfesgenossinnen erleichtern. L. Z. Nr. 12 Die Gleichheit Pauline Hennig f. Am 19. Februar ist in Leipzig Pauline Hennig im 49. Lebensjahr ganz unerwartet an den Folgen einer Operation verstorben. Genosjin Hennig, aus rein proletarischen Verhältnissen stammend, beteiligte sich nicht unmittelbar an der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Sie war überzeugt, daß die Frauenfrage nur mit der sozialen zugleich gelöst werden könne, und hielt eine besondere Frauenagitation für eine Zersplitterung der Kräfte. Mit ihrer ganzen Persönlichkeit setzte sie sich ein für die Heranbildung der proletarischen Jugend, namentlich der Kinder. Lange, ehe die organisierte Arbeiterschaft der proletarischen Jugenderziehung die gebührende Aufmerksamkeit zuwandte, nahm sie, die Kinderlose, fich des jungen Nachwuchses unserer Vereinsmitglieder an. Die ersten Märchenaufführungen für Kinder und von Kindern leitete Genoffin Hennig mit großer Geduld und Hingabe. So beliebt waren diese Veranstaltungen, daß viele Arbeitervereine aus der Umgegend Leipzigs die fleine Schauspielertruppe beriefen, um ihren Kindern etwas Schönes zu bieten. An schulfreien Nachmittagen las Pauline Hennig den Kindern die alten schönen Volksmärchen vor und be= lebte sie durch Lichtbilder. Auf ihre Anregung und unter ihrer Mitwirkung veranstalteten unsere Ortsvereine Spielleiterkurse für die Sommer- und Kinderfeste der Arbeiterorganisationen. Die dramatische Abteilung des früheren Arbeiterbildungsvereins Leipzig- Lindenau, bie ganz zu verfallen drohte, hob sie gemeinschaftlich mit ihrem Gatten auf ein so hohes Niveau, daß sie wirklich wertvolle Sachen aufführen und damit die Feste der Arbeiter veredeln konnte. Ganz besonders bot die Jugendbücherei einen Wirkungskreis, in dem sich Bauline Hennig seit Jahren mit reichem Erfolg betätigte. Niemand von uns, auch unsere treue Genossin selbst nicht, hätte geahnt, daß es das letzte Zusammenarbeiten war, als sie vierzehn Tage vor ihrem Hinscheiden wie immer an ihrem Plaze in der Bibliothek stand und ganz beiläufig bemerkte, sie könne vielleicht zweimal nicht kommen und müsse sich vertreten lassen. Mit der Jugend unternahmen Genossin und Genosse Hennig Wanderungen in die Umgebung Leipzigs, stets das Empfinden für die Schönheiten der heimatlichen Natur weckend, das Wissen bereichernd, die Herzensbildung fördernd. Und nicht vergessen wollen wir, daß das außerordentlich fruchtbringende Wirken unseres Genossen Gustav Hennig auf dem Gebiet der Jugenderziehung und des Bildungswesens nur ein so umfassendes werden konnte, weil er in Pauline eine so verständnisvolle Gefährtin gefunden hatte. So tief und aufrichtig wir alle um die Geschiedene trauern, ihn trifft doch der VerLust am härtesten. Möge ihm der Gedanke zum Trost gereichen, der uns, die Kämpfer für die Befreiung der Menschheit, nie ganz unglücklich werden läßt, daß wir für die Zukunft leben und daß auch feine treue Weggenossin für die Zukunft gelebt hat. Es war Genossin Hennig vergönnt, sich noch an dem herrlichen Wahlsieg des deutschen Proletariats zu erfreuen und an ihm die fröhliche Hoffmung zu stärfen, daß der endgültige Triumph des Sozialismus in greifbare Nähe gerückt ist. Die Jugend wird der Geschiedenen in Liebe gedenken, und uns wird ihr vorbildliches Wirken zu hingebungsvoller, nie erlahmender Arbeit anspornen. Klara Wehmann. Politische Rundschau. Ein lächerlicheres und zugleich fläglicheres Schauspiel, als es der Nationalliberalismus in diesen Wochen bei der Präsidentenwahl im Reichstag geboten hat, vermöchte selbst die ausschweifendste Einbildungskraft nicht zu erfinnen. Hin und her schwankend zwischen der Gier, ein Stück Macht zu ergattern, und ber Feigheit, durch eine Tat es mit der Realtion zu verderben, haben diese liberalen Helden sowohl Macht wie Achtung verloren. Nach dem schlau berechneten Rücktritt des Zentrumsmanns Spahn bekamen es die Nationalliberalen mit der Angst zu tun; die Rückficht auf ihren guten Ruf erlaubte ihnen nicht, in einem reinen Präsidium der Linken zu sitzen. Herr Paasche mußte nicht gerade freudigen Herzens den Vizepräsidentenposten in Stiche lassen. Der Fortschritt stellte nun zwei Mann fürs Präsidium, allerdings nicht ohne zu seiner Entschuldigung zu erklären, daß er damit der Arbeitsfähigkeit des Reichstags ein Opfer bringe. Die ganze Größe des Opfers fonnte man erst hinterher ermessen. Den Herren Kämpf und Dove, die als Präsident und zweiter Bizepräsident gewählt sind, wurde der Empfang bei Hof verweigert. Bisher hatten die Präsidenten ganz unnötigerweise, da es durch die Verfassung gar nicht vorgeschrieben ist allemal nach der Konstituierung des Reichstags den Gang zu Hof angetreten, um dem Kaiser diese Tatsache mit tiefer Verbeugung zu melden. Bethmann Hollweg hat ihnen diesmal die Schloßpforten sperren lassen, weil das Präsidium nicht vollständig war, das sich bei Wilhelm II. angemeldet hatte. Denn Genosse Scheidemann hatte selbstverständlich 187 die Beteiligung am Hofgang abgelehnt. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hatte den bürgerlichen Parteien vor der Präsidentenwahl unzweideutig erklärt, daß der sozialdemokratische Vizepräsident keine hösischen Verpflichtungen übernehme. Wilhelm II. aber will fein unvollständiges Präsidium empfangen, weil er sonst, wie die bürgerliche Presse zu verstehen gibt, der Sozialdemokratie durch ihr Fernbleiben Gelegenheit zu einer antimonarchischen Demonstration gäbe. Ob er damit seine Bereitwilligkeit erklärt hat, ein Präsidium zu empfangen, dem ein Sozialdemokrat angehört, darüber mögen fich die fortschrittlichen Blätter den Kopf zerbrechen. Die Fortschrittler möchten nämlich die Gelegenheit benutzen, um die Sozialdemokratie von der Notwendigkeit und zugleich von der Gefahrlosigkeit des Hofganges zu überzeugen von dieser durch den Hinweis, daß der sozialdemokratische Vizepräsident keine Abweisung zu fürchten habe. Nun das wäre die geringste Sorge für die Sozialdemokratie. Wenn sie sich weigert, zu Hofe zu gehen, so nicht um der Gefahr willen, daß der Kaiser den Empfang ihres Vertreters ablehnen könnte. Übrigens wäre Wilhelm II. ganz im Recht, wenn er sich die Reberenz einer Partei verbitten würde, die das Königtum grundsätzlich betämpft. Und es wäre auch gerade nicht angenehm, wenn der Träger der Krone mehr Festigkeit in seinen Grundsätzen und mehr Stolz bewiese, denn die Vertreter des Proletariats. Aber das ist nicht das Entscheidende. Selbst wenn sie volle Sicherheit hätte, empfangen zu werden, weigert sich die Sozialdemokratie, zu Hofe zu gehen. Die Sozialdemokratie lehnt es ab, zu Hofe zu gehen, deshalb, weil sie als demokratische und republifanische Partei kein Recht dazu hat, höfische Zeremonien zu erfüllen. Es wäre ja eine Heuchelei sonder gleichen, wollte die Partei, die den bestehenden Staat im allgemeinen und die monarchische Staatsform im besonderen bekämpft, höfische Verpflichtungen übernehmen, die in der Verfassung gar nicht vorgesehen sind. Sie darf das nicht, weil sie sich nicht selbst untreu werden darf, weil sie nicht heucheln darf. Denn damit zerstört sie ihre beste Kraft, das Vertrauen der Proletarier in ihre unbedingte Zuverlässigkeit, in ihren festen, unbeugsamen Willen, das Ganze ihrer Forderungen durchzusetzen. Die Sozialdemokratie hat deshalb auch bei allen Verhand lungen, die sie diesmal wegen der Präsidentenwahl mit den bürgerlichen Parteien geführt hat, keinen Zweifel darüber gelassen, daß ein sozialdemokratischer Präsident keinerlei hösische Verpflichtungen übernimmt. Das ist denn auch unbestritten. Doch auf die armen Nationalliberalen regnete es die schwersten Vorwürfe wegen der entsetzlichen Tatsache, daß ein Teil von ihnen einen Sozialdemokraten ins Präsidium gewählt, ein Teil sogar für Bebel als Präsidenten gestimmt hatte. Im nationalliberalen Lager außerhalb und innerhalb des Reichstags brach eine Empö rung aus, zeitweilig wurde sogar von einer Spaltung der Partei gesprochen. Um daher ihr Vorgehen bei der Wahl des Präsidiums in milderem Lichte erscheinen zu lassen, verbreiteten die Nationalliberalen nachträglich die Fabel, die Sozialdemokratie hätte wenig stens für den Fall der Verhinderung des Präsidenten die Übernahme höfischer Verpflichtungen zugesagt. In offener Reichstagsfizung haben sie diese Behauptung wiederholt und Gröber vom Zentrum und Müller vom Fortschritt haben ihnen dabei Hilfe geleistet. Indes ergibt das bestimmte, unzweideutige Zeugnis Bebels, daß hier nur der Wunsch der Bürgerlichen der Vater der Behauptung ist. Bebel hat lediglich zugesagt, der sozialdemofratische Vizepräsident werde, wenn bei Verhinderung des ersten Präsidenten eine Gelegenheit eintrete, in denen die bürgerlichen Parteien das Bedürfnis nach einem Kaiserhoch oder einem Hofbesuch empfänden, dergleichen nicht verhindern, sondern dann zugunsten des zweiten Vizepräsidenten verschwinden. Solche Rücksicht auf die Mehrheit des Hauses ist selbstverständlich. Daß aber der sozialdemokratische Bizepräsident sich selbst zu solchen Handlungen hergeben wollte, ist natürlich ausgeschlossen. Aus der Hartnäckigkeit aber, mit der die Nationalliberalen an ihrer Legende festhielten, geht klar hervor, daß sie den höchsten Wert darauf legen, es mit Regierung und Schwarzblauen nicht zu verderben. Wenn am 13. März die durch die Geschäftsordnung des Reichstags vorgeschriebene Wiederholung der Präsidentenwahl stattfindet, so wird also die Herrlichkeit des sozialdemokratischen Bizepräsidenten ihr schnelles Ende finden. Die Sozialdemokratie wird darob nicht trauern. Sie kann es ertragen, keinen Mann im Präsidium zu haben, ihre Kraft hat andere Wurzeln. Jedenfalls wird durch die Wahl eines schwarzblau- liberalen Präsidiums die Lage flar getennzeichnet, und alle verstiegenen Hoffnungen auf eine Mehrheit der Linken werden gründlich zerstört. Die Sozialdemokratie fann von solcher Klarheit nur gewinnen. Sie erfährt wieder einmal, daß sie von allen bürgerlichen Parteien streng geschieden ist. 63 verlautet nämlich, daß auch der Fortschritt bereit ist, an einen 188 Die Gleichheit rein bürgerlichen Präsidium teilzunehmen. Damit er dabei auch Blaz neben Zentrum, Konservativen und Nationalliberalen befommen fann, soll noch der Posten eines dritten Vizepräsidenten geschaffen werden. Wie wird sich aber Kaiser Wilhelm freuen, wenn nicht nur drei, sondern vier Präsidenten ihn im Schlosse besuchen werden! Der Reichskanzler Bethmann Hollweg darf sich, wenn dieser Plan zur Reife kommt, eines Erfolges rühmen. Denn er hat sich mit dem ganzen Gewicht seines Amtes bei den Etatsdebatten gegen den sozialdemokratischen Vizepräsidenten ins Zeug gelegt. Der eine Erfolg ist dem Armen zu gönnen, denn sonst sieht es für ihn ziemlich trübe aus. Die Konservativen grollen ihm, weil er diese Undankbaren nicht genügend bei der Korrigierung des Wahlglücks unterstübt hat. Ferner drohen sie und das Zentrum mit offener Empörung, falls die Regierung zur Deckung der neuen Rüstungsvorlagen wieder mit der Erbschaftssteuer fommen sollte. Die Herren Junker wollen ihre Vaterlandsliebe gern durch Bewilligen neuer Rüstungen zu Wasser und zu Lande beweisen, aber sie beben vor Zorn, wenn ihnen zugemutet wird, ihren patriotischen Opfermut auf eigene Kosten zu üben. Zum Zahlen sind doch andere Leute da, wenn nicht die große Masse, die man durch die neuen indirekten Steuern schon bis aufs äußerste auspreßt, so die Bank- und Kaufherren und Industriellen. Diese aber bedanken sich höflichst für den Vorzug; wenn der Besitz einmal blechen soll, so wollen sie wenigstens die Großgrundbefizer mit gefaßt wissen. Deshalb fordern die Liberalen ebenso entschieden die Erbschaftssteuer, wie die Blauschwarzen sie verwerfen. So ist der Reichskanzler in einer bösen Klemme. Für die Rüstungsvorlagen hat er zwar eine sichere Mehrheit, da alle bürgerlichen Parteien hierbei gegen die Sozialdemokratie zusammenhalten. Aber es fehlt ihm die Mehrheit für die Deckung der Kosten. Denn die Sozialdemokratie wird für eine Erbschaftssteuer nur stimmen, wenn sie für Kulturzwecke bestimmt ist oder wenn durch sie bisher bestehende indirekte Steuern ersetzt werden würden. Bethmann Hollweg hat also zurzeit keinen festen Boden unter den Füßen, und in dieser peinlichen Lage konnte er sich bei den Etatsdebatten um so cher als der Kanzler über den Parteien aufspielen. Er machte jeder Partei schulmeisterliche Vorhaltungen. Der Reichsfanzler trat als Reichsabkanzler auf, eine Rolle, die ebenso anmaßend als lächerlich wirkte. Natürlich lag der Schwerpunkt seiner Vorwürfe doch wieder links. Herr Bethmann markierte ben starken Mann, der auf den Volkswillen pfeift, der sich bei den Wahlen gezeigt hat. Die Reichsregierung denkt nicht an Entgegenfommen, sie erklärt schon jett, daß sie sich den Forderungen auf Reform der Reichsverfassung, auf Reichskanzlerverantwortlichkeit, Annäherung an das parlamentarische Regiment, Neueinteilung der Wahlkreise usw. entschieden widersetzen wird. Wobei der Herr Kanzler zugleich wieder zeigte, wie sehr er das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht haßt. Die sozialdemokratischen Stedner sind ihm die Antwort nicht schuldig geblieben. übrigens, ganz hat die Reichsregierung, so trußig fie auch tut, das Wahlergebnis doch nicht zu mißachten gewagt. Sie hat zwar nicht, wie bie Sozialdemokratie forderte, den Kartoffelzoll ganz aufgehoben, aber sie ist doch auf die fortschrittliche Forderung derzeitweiligen Aufhebung eingegangen bis zum 30. April ist der Zoll erlassen. Die Junker haben vergeblich dagegen getobt. Das Zentrum war, wie immer, schlauer. Es stimmte zu, allerdings mit verdrossener Miene und mit der Behauptung, daß die Maßregel nichts nühen werde. Sein Redner, der Abgeordnete Gies. berts Essen, erklärte in der Reichstagsdebatte mit eiserner Stirn, daß das Zentrum seinerzeit gegen den Kartoffelzoll gewesen sei; die Akten des Reichstags beweisen schwarz auf weiß das Gegenteil. Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Gelten die deutschen Gewerkschaften unseren Kameraden im Ausland vielfach als Muster, so scheinen die Feinde des Klassenbewußten Proletariats die deutschen Methoden zur Bekämpfung der Gewerkschaftsbewegung als nachahmenswert anzusehen. Dafür spricht ein vertrauliches Schreiben des Vizekonsuls der Republik Argentinien in Düsseldorf. Dieser Herr, ein Major v. Colditz, hat sich an die Unternehmerverbände mit dem Ersuchen gewandt, ihm ihre Jahresberichte zuzusenden. Seine Bitte begründet er damit, baß die argentinische Regierung großes Interesse an der Bekämpfung von Streiks nehme, da solche dem jungen, reichen Lande schon wiederholt sehr schweren Schaden zugefügt hätten. Die im Deutschen Reiche erprobten Mittel zur Bekämpfung dieses sozialen Übels ließen sich zwar nicht ohne weiteres mit Aussicht auf gleichen Erfolg auf ein Str. 12 fremdes Land übertragen. Immerhin sei es jedoch von großem Rugen, sie au fennen. Die argentinische Regierung will daher die Jahresberichte des Arbeitgeberverbandes haben, denn sie ist der Ansicht, daß nur durch die Organisation der Arbeitgeber den Streits wirksam gesteuert werden könne. Herr v. Coldiz gibt in seinem Schreiben dem Arbeitgeberverband die Versicherung, daß alle ihm gegebenen Mitteilungen unter Hervorhebung ihres geheimen Charakters unmittelbar von ihm selbst weiterbefördert werden. Welche wichtigen Aufgaben doch so ein Konsul zu erfüllen hat! Das republitanische Argentinien wird übrigens mit dem deutschen Muster recht übel beraten sein. Die von den deutschen Unternehmern beliebte Methode der Gewerkschaftsbekämpfung hat bisher mit der Ausrottung des sozialen Übels" verdammt wenig Erfolg gehabt, wie die alljährliche Streifstatistik der Generalfommission beweist. Das Studium dieser Statistit sollte sich die argentinische Regierung lieber angelegen sein lassen, anstatt den Mißerfolgen deutscher Unternehmer nachzustreben. Jm Berggewerbe ballen sich immer mehr Wetterwollen drohend zusammen und kündigen eine internationale Auseinandersetzung zwischen Grubenarbeit und Grubentapital an. Nicht allein in Deutschland und in England erheben die Bergarbeiter For derungen, auch in Frankreich und in Belgien hat unter den Grubenproletariern die Bewegung eingesetzt. In Deutschland ist das Ruhrgebiet der Hauptkampfplag, aber auch in Oberschlesien sind die Bergleute bereits in die Lohnbewegung eingetreten und haben ihre Forderungen beim Zechenverband eingereicht. Seiner alten Gepflogenheit getreu, hat dieser die Forderungen mit der Begründung abgelehnt, er sei dafür nicht zuständig, die Arbeiterausschüsse müßten sich an die einzelnen Grubenverwaltungen wen den. Das ist nun gleichfalls geschehen. Die Bergarbeiter fordern: Erhöhung der Durchschnittslöhne um 15 Prozent für alle Arbeiter und Beseitigung der großen Lohnunterschiede für gleichartige Arbeiter. Achtstündige Schichtdauer im allgemeinen, siebenstündige bei 22 Grad Celsius und sechsstündige bei 28 Grad Celsius, einschließlich der Ein- und Ausfahrt. Überschichten sollen nur bei Unglücksfällen, Betriebsstörungen oder zur Rettung von Menschenleben und Pferden zulässig sein. Keine Aufrechnung der reichsgesetzlichen Leistungen für Snappschaftsinvaliden, Witwen und Waisen durch den Knappschaftsberein auf die Knappschaftsleistungen. Umwandlung des bestehenden Arbeitsnachweises in einen paritätischen. Einschränkung des Straf unwesens. Errichtung eines paritätisch zusammengesetzten Schieds. gerichts unter Vorsitz eines unparteiischen Vorsitzenden zum Zwede der Schlichtung von Streitigkeiten. Einrichtung von Ausschankstätten für alkoholfreie Getränke auf den Zechen. Der Zechenverband sezte die Welt durch die Mitteilung in Erstaunen, daß ab 1. April den Bergarbeitern freiwillig eine Lohnerhöhung gewährt würde. Von diesem Tage ab soll nämlich eine Erhöhung der Sohlenpreise eintreten. Der Zweck der Mitteilung ist durchsichtig. Der Hintveis auf die erhöhten Löhne soll die Kohlenverbraucher bestimmen, die er. höhten Kohlenpreise ruhig als„ göttliche Fügung" hinzunehmen. Natürlich kommt aber nur der geringste Teil der Preiserhöhung den Bergarbeitern zugute. Der größte Teil fließt als Extraprofit in die Taschen der Zechenbarone. Tatsache ist außerdem, daß nur die im Schichtlohn Arbeitenden eine Lohnzulage erhalten sollen, während den im Gedinge( Atford) Beschäftigten der billige Rat erteilt wird, sich durch„ festes Draufhalten" bei der jezigen guten Konjunktur einen Mehrverdienst zu sichern. Als Antwort darauf fanden am Sonntag, den 25. Februar im Ruhrgebiet 20 Massenversamm lungen der Bergleute statt, in denen beschlossen wurde, die Lohnbewegung mit allem Nachdruck zu führen. Bei dieser großen Bewegung ist wieder einmal die Haltung des christlichen Verbandes beziehungsweise seiner Führer bemerkenswert. Diese haben sich früher mit Entschiedenheit bafür erflärt, daß bei einem Streif der englischen Bergarbeiter die deutschen Stameraden Solidarität üben. Jetzt aber lehnen es diese nämlichen Herren ab, daß die Christlichen an der Bewegung teilnehmen. Sie sind im siebenten Himmel wegen des„ Entgegenkommens" der Grubenbesitzer und höhnen darüber, daß die deutschen Bergleute sich vor den Karren der Engländer und Belgier spannen sollen. Diese neue Verräterei der Christlichen hängt in der Hauptsache wohl mit den Reichstagswahlen zusammen. Das heiße Bemühen der christlichen Gewerkschaftsführer, die Reichstagskandidaten bes alten Verbandes zu Fall zu bringen, wurde bekanntlich verständnisinnigst durch die nationalliberalen Busenfreunde der scharfmacherischen Zechenbarone unterstützt. Jetzt sollten sie nun diese Wahlhilfe mit schnödem Undan! lohnen, indem sie ihrer Gefolgschaft gestatteten, den nationalliberalen Grubenbesitzern mit Forderungen unbequem zu werden? Das ginge wider das christliche Gemüt der Herren. So wurde denn auch von einem Organ der Gelben im Ruhrgebiet. Nr. 12 Die Gleichheit den Christlichen bescheinigt, daß ihre Warmung vor dem Streik„ gesunde gelbe Gedanken" enthalte, denen die Gelben nur beipflichten tönnten und denen sie nichts hinzuzufügen hätten. Eine grausame aber gerechte Kennzeichnung! Ob jedoch im Ernstfall die Mitglieder des christlichen Bergarbeiterverbandes den Treubruch ihrer Führer mitmachen werden, bleibt abzuwarten. Das Zutrauen der Arbeiter zu dieser Organisation ist im Schwinden begriffen. Nach dem Jahresbericht für 1911 ist die Entwicklung des christlichen Verbandes zum Stillstand gekommen, während der alte Verband im gleichen Zeitraum auf erfreuliche Fortschritte zurückbliden fann und wohlgerüstet zum Kampfe dasteht. In England erscheint der Streit unvermeidlich, obgleich sich die Regierung um eine Einigung der streitenden Barteien bemüht. Der Premierminister hat ihnen Vorschläge unterbreitet, die auf eine Hinausschiebung des Streits hinzielen und den Grubenbesizern die Anerkennung eines Minimallohns anempfehlen. Beharren die Grubensizer in ihrer ablehnenden Haltung, so kommt es zum Kampfe, denn die Arbeiter denken gar nicht daran, nachzugeben. Die Behörden treffen denn auch bereits ebenso wie in Frankreich Vorkehrungen für den Fall, daß der Ausstand zur Tat wird. Namentlich steht das Militär zur Entsendung in die Streifgebiete bereit. Durch den Streit der Bergarbeiter würden auch andere Gewerbe in großem Umfange in Mitleidenschaft ge= zogen werden, so namentlich die Transportarbeiter zu Wasser und zu Lande. Das zu London tagende internationale Bergarbeiter fomitee hat im Fall eines Ausstands in England eine internationale Attion beschlossen. Die Bauunternehmer rüsten eifrig weiter. Schon gleich nach Beendigung der großen Bewegung im Jahre 1910 haben sie mit thren ausländischen Erwerbsgenossen Kartellverträge abgeschlossen, durch die sich die Unternehmer des einen Landes bei Streifs in einem anderen Lande zur Solidarität verpflichteten. Ferner wurden die Lieferanten von Baumaterialien gezwungen, für je 1000 Mt. verkaufter Materialien 3 Mt. in die Kriegskasse der Baukapitalisten zu zahlen. In einer geheimen Zusammenkunft haben die Unternehmer des weiteren eine Startellierung der Unternehmerverbände der verwandten Berufe der Töpfer, Stuffateure, Maler usw. zustande gebracht. Sie haben beschlossen, eine einheitliche Tarifpolitik zu verfolgen und die Kämpfe gegen die Arbeiter gemeinsam zu führen. Zu diesem Zwecke soll für die in nächster Zeit ablaufenden Tarifverträge ein einheitlicher Ablauftermin bestimmt werden. Auch der Kampf um den Arbeitsnachweis wird in einigen Orten immer noch mit großer Zähigkeit geführt. Durch Tarifvertrag ist diese Frage für das Baugewerbe noch nicht allgemein geregelt. Die Unternehmer wollen ihre parteiischen Nachweise nicht aufgeben, während die Arbeiter mit gutem Recht auf Errichtung paritätischer Nachweise dringen. So ist im Baugewerbe viel Zündstoff angehäuft, und die Unternehmer sinnen auf Krieg. Sollte er kommen, so wird er die Bauarbeiter bereit finden. Über die Tarifregelung in der Herrenmaßschneiderei wird zunächst in der zentralen Schlichtungskommission verhandelt. Wenn die Hauptvorstände feine Einigung erzielen fönnen, so wird der Kampf sich auf 24 Städte erstrecken, da der Unternehmerverband die Tarife für diese Orte gemeinsam erledigen oder aber alle Streitfragen offen lassen will. Er hat schon alle Maßnahmen für einen etwaigen größeren Kampf getroffen. Trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, daß es noch zu einer Einigung kommt. Daß gegen den Geist des Klassentampfes schließlich auch der zünftigste Beruf auf die Dauer nicht gefeit ist, beweist die Bes wegung der Leipziger Schornsteinfeger. Im Schornsteinfegergewerbe herrscht bekanntlich der Zunftgedante noch sehr start. Als Ideal schwebt jedem Schornsteinfeger vor, daß auch er einmal zur Meisterwürde emporsteige, die ihm dank der zünstlerischen Organi sation des Gewerbes ein Einkommen von 10000 bis 20000 Mt. jährlich sichert. Aber die meisten Angehörigen des Berufs sterben, ehe sie ihr Jdeal erreichen, oder sie bleiben arm und werden alt und grau, nachdem sie in jahrzehntelanger gefährlicher Arbeit ein wenig beneidenswertes, getnechtetes Dasein gefristet haben. Geringer Lohn, Kost- und Logiszwang sind die hervorstechenden Merkmale der Arbeitsbedingungen für die Gehilfen dieses Gewerbes. Die Leipziger Schornsteinfeger verlangen daher die Beseitigung des Kost- und Logiszwanges und die Gewährung eines Wochenlohns bon 32 bis 35 Mt. Die reichen Meister bieten ihnen 2 Mt. Zulage und die Teilung des etwaigen Nebenverdienstes der Gehilfen. Hoffentlich ist die Bewegung der erste Anstoß zu der besseren Einficht der Schornsteinfeger, daß nicht in zünstlerischen Vereinen, sonbern nur in einer gewerkschaftlichen Organisation ihre Interessen wirksam vertreten werden können. Der Bergarbeiterverband hat einen herben Verlust zu be flagen. Der Haupttassierer Genosse Horn erlag einem Nerben 189 leiden. Genosse Horn war seit 1880 Mitglied des Zentralvorstandes und verwaltete seit 1903 die Hauptkasse. Noch bei der letzten Reichstagswahl war er, soweit es seine Kräfte erlaubten, agitatorisch tätig. Die Bitternisse des Klassenkämpfers blieben auch ihm nicht erspart; die Klassenjustiz verbannte ihn wegen Beleidigung eines Bergrats für ein Jahr hinter Gefängnismauern. Genosse Horn hat sich um die Sache der Bergarbeiter wohlverdient gemacht. Sein Gedächtnis wird in Ehren bleiben. # Die Arbeitslosenzählung im deutschen Textilarbeiterverband, die im Januar stattgefunden hat, ergab bei insgesamt 132448 Mitgliedern, 83528 männlichen und 48920 weiblichen, am Stichtage 935 Arbeitslose. 194 davon waren Arbeiterinnen. Als auf der Reise befindlich wurden am selben Tage 121 Mitglieder gemeldet, davon 4 weibliche. 28 Filialen mit 1725 Mitgliedern haben sich nicht an der Zählung beteiligt, von der insgesamt 98,7 Prozent der Mitglieder erfaßt worden sind. sch, Genossenschaftliche Rundschau. Ein Ausnahmesteuergeset gegen die Konsum. vereine schärfster Art plant man in Preußen. Nach einer Bestimmung des Entwurfes zu einem neuen Einkommensteuergesetz sollen die Konsumvereine künftig als Einkommen auch die festen Rabatte versteuern, die bisher der Besteuerung nicht unterliegen. Diese Änderung wird nur für die Konsumbereine vorgeschlagen, während Händler und Versicherungsgesellschaften diese Rabatte nach wie vor abziehen können. In Preußen sind schon bisher die Genossenschaften höchst ungleichmäßig behandelt worden. Nach dem geltenden Steuerrecht unterliegen der Eintommenbesteuerung nicht solche Genossenschaften, die ihre Tätig keit nicht über den Kreis ihrer Mitglieder ausdehnen. Konsum vereine sind hiervon jedoch ausdrücklich ausgenommen, obwohl das Genossenschaftsgesetz sie zwingt, ihre Tätigkeit auf den Mitgliederfreis zu beschränken. Die Folge davon ist, daß in Preußen die Konsumbereine bedeutend mehr Steuern zahlen müssen als die anderen Genossenschaften, und daß nahezu 14 800 Genossenschaften in Preußen steuerfrei sind. Es haben die preußischen Genossenschaften des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine im Jahre 1910 rund 800 000 Mt. Steuern gezahlt. Das ist keine Summe, die für den Etat des preußischen Staates eine Rolle spielt. Es ist bei einem Umsatz von 122,3 Millionen Mark jedoch eine Steuerleistung, bei der kein Mensch von ungerechtfertigter Bevorzugung der Konsumgenossenschaften reden kann. Die Ungerechtigkeit, die in dieser Besteuerung der Konsumbereine liegt, ist um so größer, als die bevorzugten Genossenschaftsgruppen bedeutend größere Umsätze haben als die Konsumbereine. Für die dem Reichsverband angeschlossenen preußischen Genossenschaften betrug die Summe des Warenbezugs 204 Millionen Mark und die des Warenabsatzes 338,4 Millionen Mart. Zieht man nun die Umsätze der Zentralen ab, so ergibt sich für den Haupt- und für den Reichsverband eine Gesamtsumme von 431,6 Millionen Mark. Die Angaben über den Hauptverband gewerblicher Genossenschaften und den Reichsverband landwirtschaftlicher Genossenschaften stellen jedoch immer erst einen Teil der genossenschaftlichen Arbeit in Preußen dar. Es kommen noch hinzu die dem Allgemeinen Verband deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften angeschlossenen Genossenschaften von Kleingewerbetreibenden usw. Es fäme weiter die genossenschaftliche Arbeit des Bundes der Landwirte in Betracht. Leider ist das Zahlenmaterial nicht so vollständig, daß man einen Gesamtüberblick über die genossenschaftlichen Umsäße in Preußen gewinnen kann. Jedenfalls zeigt es sich jedoch für jeden Unbefangenen ganz klar, daß die wirtschaftlich viel bedeutungsvollere Arbeit der landwirtschaftlichen und anderen Genossenschaften von der Steuergesetzgebung begünstigt wird, während die Konsumvereine mit hohen Steuern belegt werden. Das ist schon jetzt ein Mißbrauch der Steuerpolitik zu mittelständlerischen Aktionen. Wird der Entwurf angenommen, was die organisierten Konsumenten mit aller Macht verhindern müssen, so wird diese ungerechtigkeit noch gesteigert. Sehr bemerkenswert ist, wie ein bekannter Steuertheoretiker, Dr. Strung, Senatspräsident des preußischen Oberverwaltungsgerichtes, in einem Werte über„ Die Neuordnung der direkten Steuern in Preußen" zur Sache sich äußert. Er sagt in bezug auf die Besteuerung der Konfumvereine folgendes:... Die Vereine zum gemeinschaftlichen Einkauf von Lebens- oder Hauswirtschaftlichen Bedürfnissen im großen und Ablaß im kleinen( Konsumvereine) gehören ebensowenig in die Gesellschafts- wie in die Einkommensteuer. Es ist noch weniger widersinnig, zu einer auf die 190 Die Gleichheit Besteuerung nach der individuellen Leistungsfähigkeit gerichteten Steuer Personenmehrheiten ohne selbständige Rechtspersönlichkeit heranzuziehen, als sie, auch wenn sie gar nicht die Erzielung von Gewinn, sondern nur die wohlfeile Befriedigung von Lebensbedürfnissen ihrer Mitglieder bezwecken, einer Steuer nach dem Einkommen oder dem Geschäftsgewinn zu unterwerfen, und vollends gar die subjektive Steuerpflicht bei der Einkommensteuer davon abhängig machen, was für Gegenstände der Berein ein- und verkauft.... Bekanntlich stammt die Ziffer 5 des Einkommensteuergesetzes auch nicht aus einem Regierungsentwurf, sondern sie verdankt ihre Entstehung Initiativanträgen im Abgeordnetenhaus. Diese waren diftiert von Anschauungen, die letzten Endes darauf hinauslaufen würden, daß die Kon= sumenten nur dazu da sind, sich von dem gewerb= lichen Mittelstand nach dessen Belieben tribut= pflichtig machen zu lassen und deshalb nach Möglichkeit gehindert werden müssen, durch Selbsthilfe oder durch Einkauf in Warenhäusern ihre Lebensbedürfnisse zu billigeren Preisen zu befriedigen, als denen, die ihnen jeder glaubt machen zu müssen. Möchten doch die extremen Mittelstandsparteiler" die Beamtenkonsumvereine sogar am liebsten vollständig unterdrücken mit der Motivierung, der Beamte erhalte sein Einkommen aus der Tasche ber Steuerzahler, und es komme ihm deshalb nicht zu, durch Beteiligung an Konsumvereinen den gewerblichen Mittelstand zu schädigen. Als ob es sich um dem Beamten gewährte Almosen und nicht um einen so redlich und mühsam wie von irgend einem anberen Beruf verdienten, noch dazu gewiß nicht überreichen Arbeitsertrag handelte, über den nach seinem Ermessen zu verfügen und thn durch tunlichst billige Einkäufe so ausreichend wie möglich zu verwenden der Beamte genau so berechtigt ist wie irgend ein an= berer, wie meinetwegen der Kleingewerbetreibende und Handwerker, und als ob endlich der gewerbliche Mittelstand identisch mit der die Beamtenbesoldungen aufbringenden Gesamtheit der Steuerzahler wäre. Jetzt wird ja mit Recht über die un= berhältnismäßige Verteuerung der notwendigften Lebensbedürfnisse durch den Zwischenhandel geklagt. Vielleicht kommt man noch auf die Idee, den ViehHändlern, Fleischern, Bäckern usw. mit Rücksicht auf ihr Gewerbe einen besonderen Einkommensteuerzuschlag aufzuerlegen! Das wäre auch nicht viel anderes als die Heranziehung von Vereinen zum Absatz bestimmter Warengattungen mit Rücksicht darauf, daß fie den Absatz anderer Steuerpflichtiger beeinträchtigen! Wenn es so weiter geht, wie in den beiden lezten Jahrzehnten, ist noch gar nicht abzusehen, wozu man das Mittel der Besteuerung noch alles verwenden wird oder doch wird verwenden wollen." Auf wirtschaftliche Rückständigkeit und krassesten Egoismus werden diese Ausführungen freilich ebensowenig Eindruck machen als ähnliche frühere von maßgebender Seite. Für die Öffentlichkeit und für die Gegner der brutalen Steuervergewaltigung der Arbeitergenossenschaften sind sie aber sicher äußerst wertvoll. Um so mehr, als Strunz nicht nur gegen die Sonderbesteuerung der Konsumvereine sich ausspricht, sondern gegen ihre Besteuerung überhaupt, und zwar aus sozialen Gründen. Er stellt sich auf den burchaus richtigen Standpunkt, daß Genossenschaften zur Besorgung und Verteilung der wichtigsten Bedarfsartikel der breiten Massen keine auf Erwerb gerichtete Unternehmungen sind. In den meisten deutschen Bundesstaaten müssen jedoch die Konsumbereine Staats- und Gemeindesteuern auf ihre Reingewinne" bezahlen, so gut wie jedes Privatgeschäft. Etwas anders lagen bisher die Verhältnisse in Preußen. Dort wurde mehr als wie anderorts ein Unterschied zwischen Dividende" und" Rabatt" gemacht. Beftimmt ein Konsumverein in seinem Statut, daß den Mitgliedern unter allen Umständen ein fester Rabatt auf die entnommenen Waren zusteht, so ist dieser Rabatt steuerfrei, weil er am Jahresschluß nicht als Reingewinn, sondern als Handlungsunkosten in den Geschäftsbüchern und abschlüssen in die Erscheinung tritt. Dieser Rechtsbrauch wird durch eine Entscheidung des preußischen Oberverwaltungsgerichtes für Steuersachen gestützt, und die Konsumbereine haben sich ihm vielfach angepaßt, um einer ungerechtfertigten hohen Besteuerung zu entgehen. Sie verfuhren genau so wie der Privathandel, der denselben Vorteil genießt und beansprucht. Das soll nun durch das neue Gesetz anders werden, das die Gerechtigkeit geradezu auf den Kopf stellt. Den Konsumbereinen soll der Steuervorteil genommen werden, für den Privathandel aber soll er weiter bestehen bleiben. Unverblümter kann man das Steuerunrecht gegen die Arbeitergenossenschaften nicht zum Ausdruck bringen. H. F. Notizenteil. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Nr. 12 Sprechende Zahlen aufreizende Argumente. Vor einiger Beit war unser Parteiorgan in der französischen Schweiz, die„ Sentinelle" in Neuchâtel, in der Lage, an einem mustergültigen Beispiel die schamlose Ausbeutung der Arbeiterinnen in der Uhrenindustrie zu beleuchten. Die Zeigerfabrik ,, Universo" in La Chaux- de- Fonds, die über 300 Arbeiterinnen beschäftigt, hatte ein Vermögen von 76000 Franken und ein Einkommen von nur 3000 Franken zur Be-* steuerung angemeldet. Die Steuerbehörde aber kam dahinter, daß dies Schwindel war, und setzte das Vermögen um 130000 Franken und das Einkommen um 7000 Franken höher an. Unser Bruder blatt weist mun nach, daß die einzelnen Teilhaber der Firma ein Vermögen von über 560000 Franken und ein Einkommen von 82100 Franken haben, so daß die Steuerbehörde erhebliche Nachzahlungen zu fordern hat. Die Quelle, aus der die Steuerbetrüger ihren Reichtum schöpfen, deckt folgende Aufstellung auf. Es verdienten im Tag( in deutsche Währung umgerechnet): 43 Arbeiterinnen 0,78 bis 1,45 Mt. 75 54 104 25 10 . 1,60 = 2, M 2,10 = 2,35 2,40 N 2,72= 2,80= 3,20 M 3,20 4,50 = Diese Hungerlöhne man muß bedenken, daß in der franzö sischen Schweiz die Lebenshaltung viel teurer ist als in deutschen Großstädten erfahren noch eine grelle Beleuchtung durch die Tat sache, daß die 17 bis 18 Jahre alten Arbeiterinnen noch weniger erhalten, nämlich nur 80 Centimes, das heißt 64 Pf. im Tag, und daß die am höchsten entlohnten Arbeitssklavinnen bereits über 50 Jahre alt und bis zu 37 Jahren in dem Arbeitszweig tätig sind. Die Ausbeutung der weiblichen Arbeitskräfte zeigt auch in der„ freien" Schweiz die ganze Strupellosigkeit der kapitalistischen Wirtschaft. Kinderarbeit. rt. Die Rechtsprechung auf dem Gebiete des gewerblichen Kinderschutzes ist der Gegenstand einer Abhandlung, die sich als Anhang in dem Jahresbericht des Badischen Gewerbeaufsichtsamtes für 1911" findet( Seite 155 bis 168). Sie führt den Titel:„ Der subjektive Tatbestand bei Verlegungen der Arbeiterschutzgeseze" und gibt eine Zusammenstellung der Auffassungen von Rechtsgelehrten und Rechtsprechungen über den Schuß der gewerblichen Kinderarbeit. Verfasserin ist die wissenschaftliche Hilfsarbeiterin der Gewerbeinspektion, Fräulein Dr. jur. Siquet. Die Arbeit wird den Kinderschutzkommissionen bei der Durchführung ihrer schweren Aufgabe gute Dienste leisten. Wir empfehlen sie daher der Aufmerksamkeit der Genossinnen. mg. Soziale Gesetzgebung. Von der Wirkung des neuen Stellenvermittlungsgesehes. Die Landesstatistik Badens für das erste Halbjahr 1911 zeigt, daß sich die gewerbsmäßigen Stellenvermittlungen seit Einführung der gesetzlichen Aufsicht im Oktober 1910 stark vermindert haben. Sie sind von 209 im Vorjahr auf 142 zurückgegangen, in den sechs Jahren von 1902 bis 1908 waren sie von 173 auf 229 angewachsen. Mannheim zählte noch 43, Karlsruhe 16, Freiburg 11 gewerbsmäßige Stellenvermittlungen. Das neue Gesetz fordert für den Betrieb der Vermittlung eine behördliche Konzession, die versagt werden kann, wenn der Bewerber unzuverlässig ist, oder wenn am Drte ein Bedürfnis für den Stellennachweis nicht anerkannt wird. Die Geschäftsbücher werden besser kontrolliert, und die Festsegung der Taren für die Vermittlung geschieht durch dieselbe Ve hörde, der die Kontrolle zusteht, in Baden durch den Bezirksrat. Insbesondere hat die Herabsetzung der Tagen zur Verminderung der Nachweisbureaus beigetragen. Es läßt sich heute jedoch noch nicht übersehen, welche Wirkung das neue Gesetz auf den gesamten Geschäftsgang der gewerbsmäßigen Arbeitsnachweise ausübt. Die früheren statistischen Feststellungen über die Arbeitsnachweise wurden für das ganze Jahr gemacht. Nach der vorliegenden amtlichen Statistit stellte sich Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften bei den gewerbsmäßigen Stellenvermittlungen im ersten Halbjahr 1911 wie folgt: Erstes Vierteljahr: 9075 Stellensuchende, davon 6987 weibliche; 8974 verlangte Arbeitskräfte, davon 7589 weibliche; 5668 vermittelte Stellen, davon 4664 für weibliche Personen. Nr. 12 Die Gleichheit Zweites Vierteljahr: 10654 Stellensuchende, davon 8809 weibliche; 11088 verlangte Arbeitskräfte, davon 9200 weibliche; 7062 vermittelte Stellen, davon 5777 für weibliche Personen. Wie zahlreich sich gerade weibliche Arbeitsuchende an die gewerbsmäßigen Stellenvermittlungen wenden, das geht aus den oben mitgeteilten Ziffern hervor, das bestätigt auch die folgende Tabelle vom zweiten Quartal 1911: Zahl der verlangten Berufe Landwirtschaftliche Dienstboten Fabrit- und gewerbliche Arbeiterinnen Wirtschaftspersonal ( Kellnerinnen, Wirtschaftsföchinnen und dergleichen) 4518 Zahl der vermittelten Stellen 17 Zahl der Stellen suchenden Arbeitsfräfte 23 50 4 4640 8531 Buz- und Waschfrauen, Lauffrauen und dergleichen. 184 216 Häusliche Dienstboten 8048 4012 174 1894 Ammen. 6 3 Ladnerinnen, Buchhalterinnen und 88 12 465 241 . Sonstige taufmännische Gehilfinnen 61 Sonstiges weibliches Personal. 1 148 5777 Busammen weibliches Personal 8309 9200 Bei den öffentlichen Arbeitsnachweisen in Baden stellen die Frauen verhältnismäßig fein so hohes Kontingent der Arbeit. suchenden. Die in Betracht kommenden 18 Verbandsanstalten haben im September 1911 zusammen 11000 Stellen vermittelt, darunter 8664 an weibliche Personen; das Angebot betrug 26881 Arbeitsuchende, darunter 6613 weibliche Arbeitskräfte. Es ist leider der Sozialdemokratie nicht gelungen, das Gesetz so zu gestalten, daß der Auswucherung der Arbeitsuchenden durch gewerbsmäßige Stellenvermittler ein und für allemal ein Riegel vorgeschoben worden ist. Wie groß das Interesse der weiblichen Arbeitfuchenden daran ist, daß dies geschieht, zeigen die mitgeteilten Zahlen. Diese lassen aber auch erkennen, wie wichtig es im Interesse der erwerbstätigen Frauen ist ganz besonders der Hausangestellten und häuslichen Arbeiterinnen, daß wenigstens das mangelhafte Gesetz voll dem Schute der weiblichen Arbeitsuchenden nuzbar gemacht wird. Landarbeiterfrage. mg. Für 100 Mark kann sich ein Agrarier die roheste Mik handlung einer kranken Landarbeiterin leisten. In Nr. 6 diefes Jahrganges berichteten wir über folgendes Beispiel von„ Mutter schutz auf dem Lande". Auf dem Gut Milmersdorf bei Templin war die Frau eines Landarbeiters durch eine schwere Unterleibs. operation in ihrer Arbeitsfähigkeit äußerst beeinträchtigt. Sie fam deshalb nicht mehr so oft wie sonst zur Arbeit auf den Gutshof. An einem Tag im Sommer vorigen Jahres begegnete der Frau auf der Landstraße der Bruder des Gutsbesitzers, der als Verwalter tätige Kurt Jffland. Er ritt dicht vor die Frau, schrie sie an, weshalb sie nicht öfter zur Arbeit komme, und hatte auf ihre Erflärung dafür die Antwort:" Faule Sau, faules Schwein, ich sch.... auf Eure Operation." Er ließ sein Pferd vor der Frau hoch aufbäumen, hieb ihr mit der Reitpeitsche einige Male über den Kopf. Dann sprang er vom Pferd, um der Bedauernswerten besser beikommen zu können, und schlug sie derart mit der Faust vor die Brust, daß sie rücklings in den Graben an einen Zaun flog, wo sie liegen blieb. Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn sich nicht der Gemeindevorsteher eines benachbarten Ortes ins Mittel gelegt hätte, der mit seiner Tochter des Weges fuhr. Kurt Ifsland war allerdings aufs höchste entrüstet, daß man ihn in seinem Vergnügen zu stören wagte, und wies den eingreifenden Ortsvorsteher mit den Worten zurück:„ Das gehe ihn gar nichts an, was hier geschehe." Eine Anzeige der Frau beim Gendarmen hatte keinen Erfolg. Es sei nicht seine Sache, meinte der amtliche Hüter der Ordming. Da wurde von anderer Seite eingegriffen und die Frau zur schriftlichen Anzeige und Stellung eines Strafantrags bei der Staatsanwaltschaft veranlaßt. Daraufhin hatte der Prügelheld am 30. Januar bieses Jahres als Angeklagter vor dem Schöffengericht in Templin zu erscheinen. Kurt Jffland erschien im Gerichtssaal in feinem Pelz und mußte nicht wie gewöhnliches Volt auf der Anklagebant Plaz nehmen, sondern durfte auf Wunsch seines Verteidigers sich vor den Schranken ber Anklagebank aufstellen. Es war wohl mehr Feigheit als Scham fiber seine Tat, daß er möglichst alles zu leugnen versuchte. Soweit bas Leugnen nichts nügte, machte der ritterliche Herr Notwehr geltend, Notwehr gegen eine trante Frau von nahezu 50 Jahren! Das war selbst dem Gericht zu start, dem ein Gutsbesitzer und ein 191 Oberförster als Schöffen angehörten. Der Verteidiger bot alles für feinen Schüßling auf und führte als Milderungsgrund den Umstand an, die Mißhandelte sei doch mur eine Arbeiterin, der Angeklagte aber der Dienst herr! Das Schöffengericht erkannte nach dem Antrag des Amtsanwalts auf eine Geldstrafe von 100 Mart. Als strafschärfend hatte der Amtsanwalt eine Vorstrafe des agrarischen Herrenmenschen wegen einer ähnlichen Mißhandlung und seinen Bildungsgrad" geltend gemacht. Der Richter hob in den Urteilsgründen hervor, der Angeklagte habe ohne jede Veranlassung sich so benommen, wie es vielleicht bor 200 Jahren üblich gewesen sein möge, heute aber nicht mehr am Blaze sei. Trotzdem der Angeklagte bereits wegen Körperverletzung vorbestraft sei, habe er schon wieder in derartig roher Weise gehandelt, daß man ihn mit einer erheblichen Geldstrafe belegen müsse. 100 Mt. hält nämlich der Richter für eine„ erhebliche" Geldstrafe. Für einen Proletarier ist es auch eine große Geldsumme, aber dem Herrn Verwalter, dem Bruder des Gutsbesizers, wird ihre Bezahlung faum wehe tun. Was wäre wohl einem Proletarier geschehen, der sich der gleichen brutalen Mißhandlung einer Gutsbesitzersfrau schuldig gemacht hätte? Immerhin war der Angeklagte ziemlich enttäuscht, daß man ihn überhaupt zu verurteilen wagte. Er hatte offenbar seine gänzliche Freisprechung als selbstverständlich angesehen. Gerade vor ihm war ein anderer Brügelinspektor wegen Mißhandlung eines 62jährigen Kuhhirten mit der gelinden Geldstrafe von 25 Mt. davongekommen. So milde auch das Urteil aus. gefallen ist, ist es doch von den Arbeitern des Gutes und der weiteren Umgegend mit großer Genugtuung aufgenommen worden. Der feine Herr ist hier als Rohling bekannt, dem der Stock oder die Reitpeitsche sehr locker in der Hand sigt. Ohne das Eingreifen von dritter Seite hätte freilich kein Hahn nach der rohen Mißhandlung gefräht. Die Landarbeiter müssen ihre Sache selbst in die Hand nehmen und sich durch Zusammenschluß eine menschliche Be handlung erkämpfen. f. Frauenstimmrecht. Das Eintreten der Sozialdemokratie im Reichstag für das Frauenwahlrecht. Kaum daß der neugewählte Reichstag seine Arbeiten begonnen hat, so ist auch die Sozialdemokratie getreu ihrem Wesen und ihrem Programm für das volle Bürgerrecht des weiblichen Geschlechts eingetreten. In der ersten Rede, die zum Etat des Reichs gehalten wurde, ertönte eindringlich die Forderung des Frauenwahlrechts. Der Redner der sozialdemokratischen Fraktion, Genosse Frank, erklärte: „ Wir verlangen, was das Wahlrecht betrifft, daß auch die Frauen hier im Hause Sig und Stimme bekommen( Lachen rechts), daß sie das aktive und passive Wahlrecht erhalten.( Wiederholtes Lachen rechts.) Von Ihrem Lachen, meine Herren, werden die Frauen im Reich Kenntnis nehmen. Glauben Sie nicht, daß Sie damit Ehre einlegen. Mehr als einer von Ihnen sitt hier auf Grund der Wahlarbeit von Frauen, und die Frauen werden gern hören, wie dankbar Sie sich dafür erweisen. Es wäre im letzten Reichstag ganz gewiß von Nutzen gewesen, wenn bei der Besprechung der Mutterschutzfrage und bei der Frage der Wöchnerinnenunterstügung Frauen hätten mitreden dürfen. Nachdem durch die moderne Entwicklung die Frauen aus dem Hause in die Kontore und Fabriken getrieben worden sind, ist es einfach ein Gebot historischer Notwendigkeit und Gerechtigkeit, daß man den Frauen Gelegenheit gibt, hier ihre Wünsche an die Gesetzgebung selbst mit zu vertreten. Wir verlangen aber auch, daß das erweiterte Wahlrecht auf die Landtage, vor allem auf den preußischen Landtag ausgedehnt wird. Die Reform des preußischen Wahlrechts ist längst eine deutsche Frage geworden, und gerade jetzt zeigt sich, wie zeitgemäß unsere Forderung ist." Diese Ausführungen haben auch nicht bei einem einzigen der Reichsboten ein Echo gefunden, die als Vertreter der verschiedenen bürgerlichen Parteien nach unserem Genossen zum Wort, gefommen find. Kein fortschrittlicher Volksparteiler hat es der Mühe wert erachtet, der Interessen und Rechtsforderungen der Frauen zu gedenken. In allen Tönen schwiegen darüber die nämlichen, bollen und ganzen" Linksliberalen, die während des Wahlkampfes den Frauenrechtle rinnen wohlwollend zugelächelt haben. Freilich werden die Herren aus der Zweideutigkeit des Schweigens herausgezwungen werden und Farbe bekennen müssen. Unter den sozialdemokratischen Anträgen, die staatsrechtliche Reformen heischen, befinden sich zwei, die für volles politisches Frauenrecht eintreten. Der eine Antrag fordert für die Reichstagswahlen das Ver hältniswahlsystem, das Stattfinden der Wahlen an einem Sonn oder Feiertag, Gleichartigkeit der Wahlurnen und das Frauen 192 Die Gleichheit wahlrecht. Ein baldigst dem Reichstag zu unterbreitender Gesetzentwurf der Regierung soll darüber bestimmen, daß den Frauen unter den gleichen Bedingungen das attive und passive Wahlrecht gewährt wird wie den Männern". Der andere sozialdemokratische Antrag will die Volksvertretung in den Bundesstaaten und in Elsaß- Lothringen auf demokratische Grundlage stellen. Nach ihm soll Artikel III der Verfassung des Deutschen Reichs folgenden Zusaß erhalten:" In jedem Bundesstaat muß eine auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts gewählte Vertretung bestehen. Das Recht zu wählen und gewählt zu werden haben alle über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts in dem Bundesstaat, in dem sie ihren Wohnsiz haben. Die Zustimmung dieser Vertretung ist zu jedem Landesgesetz und zur Feststellung des Staatshaushaltsetats erforderlich." Wenn diese beiden Anträge zur Verhandlung kommen, so wird sich zeigen, ob all die Liberalen frauenrechtlerisch pfeifen, die im Wahlkampf frauenrechtlerisch den Mund gespitzt haben. Wer das glaubt, zahlt einen Taler. Die englische Arbeiterpartei für das allgemeine Frauenwahlrecht. Dem zwölften Parteitag der englischen Arbeiterpartei, der Ende Januar in Birmingham getagt hat, lag ein Antrag vor, welcher besagte, daß keine Wahlrechtserweiterung annehmbar sei, die nicht auch der Gesamtheit des weiblichen Geschlechts das Wahlrecht gebe. Dieser Antrag tehrte sich gegen die angekündigte Regierungsbill zu einer Wahlrechtsreform, die das politische Recht der Männer eriveitern soll, ohne daß sie den Frauen ihre Gleichberechtigung zu erkannt. Gegen eine solche unvollständige Demokratisierung wenden sich bekanntlich die Suffragettes. Der reaktionären Unterströmung in ihren Reihen entsprechend allerdings nicht in der richtigen Weise, indem sie das allgemeine Frauenwahlrecht fordern. Nein, diese sonderbaren Heiligen der Frauensacje bringen es fertig, in einem Atem ein altes Unrecht zu brandmarken und ein neues zu begehren und zu preisen. Sie verlangen bekanntlich das Frauenwahlrecht„ schlechthin" und wollen sich mit der reaktionären Spottgeburt des be= schränkten Damenwahlrechts der sogenannten„ Versöhnungsbill" begnügen. Leider haben verschiedene Führer der„ Arbeiterpartei" wiederholt der Einführung eines Geldsackswahlrechts für die Frauen zitgestimmt und damit die Beschlüsse ihrer eigenen Partei miẞachtet, die sich wieder und wieder für das Wahlrecht aller Großjährigen ohne Unterschied des Geschlechts ausgesprochen hatte. Aus diesen Irrungen und Wirrungen sollte der oben angeführte Antrag führen. Er soll die Mitglieder der„ Arbeiterpartei" binden, um der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts ihre Zustimmung zu geben, aber auch umgekehrt jede Bill zurückzuweisen, die nicht diese Reform bringt, mag sie eine noch so wichtige Erweiterung des Rechtes der Männer bringen. Diese lettere Bedeutung mit ihren Konsequenzen veranlaßte die Vertreter der organisierten Bergarbeiter, sich gegen den Antrag zu fehren. Sie erklärten, daß sie für die Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts seien, aber an der Verwirklichung der Forderung nicht die Demokratisierung der Rechte der Männer scheitern lassen wollten. So zu handeln sei im Hinblick auf das Frauenrecht selbst unklug, denn dieses gewinne mit dem erweiterten Recht der Männer mehr zuverlässige Verteidiger. Die Mehrheit der Delegierten war jedoch der Meinung, die„ Arbeiterpartei" könne durch eine unbeugsame Haltung im Sinne des Antrags einen starken Druck im Parlament ausüben und dadurch das allgemeine Wahlrecht für beide Geschlechter erobern helfen. Der Antrag wurde mit 919000 gegen 686 000 Stimmen angenommen, deren Gros die Bergarbeiter stellten. Dem Beschluß gemäß vertreten die Mitglieder der Arbeiterpartei bei Demonstrationen für das Frauenwahlrecht den Grundsatz allen Frauen eine Stimme oder keiner". Damit hat hoffentlich alles Liebäugeln mit dem beschränkten Damenwahlrecht ein Ende. Das Franenwahlrecht zu dem Bundesparlament der Bereinigten Staaten hat Genosse Vittor Berger, der einzige sozialistische Abgeordnete dieser gesetzgebenden Körperschaft, in einer be= sonderen Vorlage gefordert. Ein Zusatz zu der Verfassung der linion soll danach festlegen, daß feiner Person auf Grund des Geschlechts das Wahlrecht versagt werden darf. Die Vorlage wird durch eine Massenpetition unterſtügt, zu der die Sozialistische Partei die Unterschriften sammelt. Diese ist auch in den Vereinigten Staaten von allen politischen Parteien die einzige, die geschlossen und energisch für das Frauenwahlrecht eintritt. Die Frau in öffentlichen Alemtern. Frauen als Staatsbeamte in Norwegen. Wir haben bereits früher von dem Gesezentwurf berichtet, der den Frauen das Recht zuerkennen wollte, unter den gleichen Bedingungen wie die Männer Nr. 12 Staatsämter zu befleiden, ausgenommen Ministerposten, geistliche, diplomatische, militärische und tonfulare Stellungen. Der Odelsthing hat im Januar dieſent Gesezentwurf zugestimmt. Eine befoldete Wohnungsinspektorin ist im Oktober legten Jahres für die Anitshauptmannschaft Auerbach in Sachsen ernannt worden. Die neue Beamtin war früher von den Unternehmern der Dresdener Zigarrenindustrie als Kontrolleurin für die Heim arbeit angestellt. In dieser ihrer Haupttätigkeit hat sie gewiß reiche Gelegenheit gehabt, das Wohnungselend fennen zu lernen. Frauenbewegung. Die Art der Zentrumsagitation unter den Frauen konnte man in Recklinghausen gut studieren. Während des Wahlkampfes hat dort im Januar die Partei für Wahrheit, Freiheit und Recht" die erste Frauenversammlung abgehalten. Das nämliche Zentruni, das bis vor kurzen Jahren Mordio schrie und alle Eide schwor, daß die Frau ihre Interessen auf das Haus und den Kochtopf be schränken müsse! Die Zeiten ändern sich. Die Furcht vor der Aufflärung, welche die Sozialdemokratie unter die Proletarierinnen trägt, läßt die flerifale Schutztruppe der Zoll- und Steuerwucherer und Scharfmacher nun selbst tun, was sie den„ Roten" als Schändlichkeit angerechnet hat. Die Recklinghauser Frauenversammlung wurde von Herrn Professor Wildermann geleitet. Frau MiebachDüsseldorf war Referentin. Die Dame gab einen überblick über die Entwicklung der Frauenarbeit, natürlich ohne dabei der kapi. talistischen Ausbeutung an den Karren zu fahren und von Hunger löhnen zu reden. Bei der Erörterung der Berufe, zu denen die bürgerlichen Frauen drängen, befürwortete sie namentlich die ärzt liche Tätigkeit und behauptete, daß katholische Ärztinnen ganz be sonders gewissenhaft sein würden. Die Begründung dafür blieb Frau Miebach schuldig. Politische Schulung der Frauen will sie im Interesse des Mannes und der Kinder gelten lassen. Zur Frage des Frauenwahlrechtes stellte sie sich abwartend:„ wenn es komme, so würden die Katholikinnen es zu nutzen wissen". Sie hielt sich damit im großen ganzen an das Programm der klerikalen Frauenorganisation in Düsseldorf, deren sie auch rühmend gedachte. Die Rednerin ließ übrigens feinen Zweifel darüber, daß die Erfolge der sozialdemokratischen Frauenbewegung die Katholikinnen zur Nacheiferung zwinge. Ein großer Teil des Vortrags bestand aus den kindlichen Mätzchen und den albernen, zusammengelogenen Geschichten, mit denen das Zentrum seine Schäflein vor der ††† Cozialdemokratie gruselig zu machen sucht. Unsere Zeit und der Raum der„ Gleichheit" sind uns zu wertvoll, um all den niederträchtigen Tratsch wiederzugeben, der sich dreist mit den Produkten des Reichsverbandes messen kann. Nur so viel, daß die Sozialdemokraten in Barcelona nicht nur ein Kloster mit vierzehn Schwestern verbrannt haben sollen, sondern hintendrein noch in einem besonderen Autodafé die mit Petroleum begossenen Leichen der frommen Frauen. Die deutsche Sozialdemokratie aber hat 45000 Franken nach BarceIona geschickt. Gemißhandelte Geistliche, ausgeraubte Klöster, aufgespießte Kinder, alle möglichen Schrecknisse in Rußland, Spanien, Portugal und Frankreich ließ der Redekinematograph der Frau Miebach vor den entsegten Zuhörerinnen als Werke der Sozial demokratie vorübergleiten. Katholische Frauen, helft die Sozialdemokraten aus dem Felde schlagen, ehe es in Deutschland zu solchen Greueln kommt, das war die Schlußpointe. Die Versammlung war von gegen 160 Frauen besucht, unter denen es kaum Proletarierinnen gab. Diskussion fand nicht statt. Professor Wildermann forderte nach dem Vortrag die Zuhörerinnen auf, für das Zentrum und auch für die Sozialdemokratie zu beten, vielleicht würden sich die anwesenden Genossinnen" befehren. Genossin Endmann war während der Versammlung Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, die sie dem lebhaften Tun einer Frau Deming zu verdanken hatte, ihres Zeichens Gemüschändlerin.„ Sieket, jeẞt lacht se!"" Jetzt schriewet se!" Mit solchen Ausrufen lenkte die Brave die Blicke der Damen auf die Genossin. Den Höhepunkt erreichte das dieser gewidmete Interesse, als auf der Rednertribüne das Wort„ Genossinnen" fiel. Hier sizet se!" schmetterte Frau Deming triumphierend heraus, und aller Augen flogen der leibhaftigen Sozialdemo fratin zu. Nach Schluß der Versammlung wurden einige Genossinnen bis auf den Marktplatz von einer ganzen Prozession Zentrums damen begleitet, die sich die bequemte Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, so nahe Verwandte des Gottseibeiuns zu begaffen. So geschehen im Jahre des Heils 1912, zu dem Zivecke, die katholischen Frauen politisch zu schulen. Heilige Einfalt! " a. n. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.