Nr. 17 22. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Vost vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 15. Mai 1912 Spezialisierte Agitation unter den Vom neuen Liberalismus. Spezialisierte Agitation unter den Frauen. II. Von Luise Zieß. Der Massenmord der Arbeiter in den Lenagoldbergwerken. Von Ed. Ten. Die weiblichen Angestellten im Gastwirtsgewerbe. Von Hugo Poetzsch. Gewert schaftliche Arbeiterinnenorganisation in Italien. Von Angelita Balabanoff. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Organisationen. Otto Müller, Wirges †. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau.- Aussperrung der Textilarbeiter in Neumünster. Aus der Holzindustrie. Von fk. Die Beendi gung des Kampfes im Schneidergewerbe. Von H. Stühmer. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenstimmrecht. Die Frau in öffentlichen Ämtern. Verschiedenes. Vom neuen Liberalismus. Mit vielem Gefühl und falscher Stimme sangen nach den Neichstagswahlen die journalistischen Harfenmädchen des ,, entschiedenen Liberalismus" von dem Siege über den blauschwarzen Block und der liberalen Mehrheit im neugewählten Parlament. Diese Mehrheit konnte wahre Wunder der sozialen Erneuerung, des demokratischen Fortschritts wirken, wenn sie nur wollte. Und daß die Linke wollen würde, wollen müßte, wer hätte daran zweifeln dürfen? Hatte sie sich doch angeblich im Kampfe gegen die junkerlich- klerifale Reaktion zu einem einigen Volk von Brüdern zusammengefunden. Der Wille und die Entschiedenheit des Liberalismus zu ..positiver Arbeit" wurde täglich im Berliner Tageblatt" beschworen, wo sich der Tatendrang der Fortschrittler um so wortreicher austobt, je geringer der Einfluß dieses Organs auf die Politik der Volkspartei ist. Die lauten länge vom auferstandenen Liberalismus, der wagen würde, wirklich Liberalismus zu sein, fanden hier und da ein Echo in den sozialdemokratischen Blättern. Mit dem bekannten„ Wenn und Aber" wurde der Häckerling von Redensarten und Hoffnungen zu dem Golde einer möglichen Umbildung des Liberalismus nach links" gemacht. Hatte der Liberalismus im letzten Wahlkampf nicht schärfere Töne gegen die Regierung und die Rechtsreaktionäre gefunden, hatte er sich nicht steifnadiger erwiesen als zuvor? Wie falt und grausam hat der Wind im Verlauf von nur einigen Wochen parlamenta rischer Verhandlungen im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaus die Blütenträume von dem„ neuen" Liberalismus verweht. Die volle und ganze" Gegnerschaft der Liberalen gegen die volksfeindliche Zoll- und Steuerpolik der Blauschwarzen hat ihren Ausdrud im Reichstag darin gefunden, daß nicht einmal die Volksparteiler von den Nationalliberalen zu schweigen mit der Sozialdemokratie zusammen für die fofortige glatte Aufhebung des Kartoffelzolls gewesen sind, der die Ärmsten der Armen am härtesten trifft. Die Herren sind vielmehr dem entsprechenden sozialdemokratischen Antrag in den Rücken gefallen. Junkerfromm haben sie sich daZuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöbe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sic in Stuttgart. Furtbach- Straße 12. 11 mit begnügt, nur eine vorläufige Außerkraftsegung der Bestimmung vom 15. Februar bis 1. Mai zu verlangen. Das ist die berühmte Rückzugspolitik des nur Erreichbaren", die durch ihr Ducken den Schamlosigkeiten der Zoll- und Steuerräuber einen Schein der Rechtfertigung verleiht. Im preuBischen Abgeordnetenhaus aber sind in der Kommission für die Beratung des neuen Einkommensteuergesetzes die Volfsparteiler wie die Nationalliberalen noch einen Schritt weiter gegangen. Sie sanken den Junkern und Klerikalen verständnisinnig ans treue kapitalistische Herz. Mit den„ Blauschwarzen" im Bunde haben sie sich dafür erklärt, daß den Haus- und Grundbesizern an Steuern für den Staat 4/2 Millionen, für die Gemeinde 8 bis 9 Millionen jährlich geschenkt werden. Diese Beträge kapitalisiert, machen die nette Liebesgabe" von 300 Millionen Mark aus, um die das Vermögen der bedachten Notleidenden wächst. Die Hausund Grundbesitzer dürfen nämlich nach den Beschlüssen der Kommission von dem steuerpflichtigen Einkommen als Werbungskosten" die kommunalen Realsteuern bis zur Höhe der staatlich veranlagten Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer abziehen. Was die Rechte großmütig verschwendet, muß natürlich die Linke wieder einzubringen suchen. Nach den reformeifrigen Volksparteilern werden in Preußen nicht Einkommen bis zu 1500 Mt. Steuerfrei bleiben, wie die Sozialdemokratie es fordert. Die Steuerpflicht soll vielmehr schon bei 1200 Mt. beginnen, ein Fortschritt", für den sich die preußische Regierung schon vor 30 Jahren erklärt hat. Das Langsam- Voran des Krähwinkler Landsturms ist noc heute das Marschtempo der Fortschrittler geblieben, wenn es sich um die Interessen der Werftätigen handelt. Die angeführten Tatsachen geben einen Vorgeschmack von der„ Steifnadigkeit", mit der der neue Liberalismus den verheißenen Abbau" der lastenden Zölle und indirekten Steuern betreiben wird, wie die Durchführung einer Reichserbschafts. und Einkommensteuer zur Deckung der Kosten des Rüstungswahnsinns. Bei der ersten Beratung über die neue Webrvorlage hat der Nationalliberale Paasche bereits feierlich be. schworen, daß seine Partei nicht daran denkt, dem Militaris. mus den Brocken einer Erbschaftssteuer in den unersättlichen Rachen zu werfen. " Ein anderes Blatt der parlamentarischen Arbeit: Sozialpolitik und Koalitionsfreiheit. Der nationalliberale Serr Bassermann brachte es im Reichstag fertig, mit schluchzender Nührung von den großen Lasten zu reden, die dem Unternehmertum zugunsten der Arbeiter durch die Sozialreform aufgebürdet worden sind. In hohen Tönen rühmte er die Besonnenheit" der Sozialpolitik des Reiches. Der Fortschrittler aber hatte für die Weiterentwicklung der Sozialgesetzgebung seiner Meinung nach genug getan, wenn er bescheiden das Geständnis stammelte, seiner Partei sei es zwar unangenehm", daß die Reichsversicherungsordnung so viele Verschlechterungen enthalte, sie anerkenne jedoch auch deren viele Verbesserungen. Im preußischen Abgeordnetenhaus rafte der volksparteiliche Herr Ehlers ganz im Stile eines Anti 258 Die Gleichheit Nr. 17 semiten oder anderen zünftigen Mittelständlers gegen die Gewerbeaufsicht. Gewiß hat fein Parteigenosse Herr Gothcin im Reichstag bei den Verhandlungen über den Ausstand der Bergarbeiter sehr entschieden der Koalitionsfreiheit der Arbeiter die Stange gehalten. Die Ausführungen anderer fortschrittlicher und gar erst nationaliberaler Redner über diese Lebensfrage des Proletariats waren dagegen bedenklich von des kapitalistischen Gedankens Blässe angekränkelt. Da klang wieder und wieder der Grundton durch, die Koalitionsfreiheit müsse„für alle Seiten" gegen Terrorismus geschützt werden, lies: der Kapitalistenstaat habe die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mit dem Schwerte seiner Machtmittel den kämpfenden Lohnsklaven in den Arm zu fallen. Was denn hatte der„neue" Liberalismus zu Stadthagens wuchtiger Anklagerede gegen die Klassenjustiz zu sagen? Der Vertreter der Nationalliberalen pries die Schreckensurteile im Ruhrrevier. Der Volksparteiler fand einige Nichter- sprüche zwar hart, drückte sich aber um die Stellungnahme zur Hauptfrage herum: der Klassenjustiz gegen Streikende. Die kapitalistische Seele, die sich im Reichstag des allgemeinen Wahlrechts nur verschämt offenbarte, trat hinter den sicheren Wällen des preußischen Geldsackparlaments unverhüllter hervor. Der neue Liberalismus wird weder ein Sturmgeselle im Kampfe für wirksame Sozialreform noch für Sicherung der Koalitionsfreiheit gegen Gesetzesauslegung und Maschinengewehre sein. Ans den Mastern der kapitalistischen Entwicklung— mit ihrer Verschärfung der Klassengegensätze zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, mit ihrer Abschleifung der Gegensätze zwischen den verschiedenen Schichten der ausbeutenden Klassen— verlieren sich die paar Tröpfchen sozialliberalen Ols, mit denen einzelne ehrliche bürgerliche Träumer den brausenden Wogenschwall des Klassenkampfes zu beschwichtigen gedachten. Wird jedoch nicht das Gebiet„reiner Kulturforderungen" die freudige, vorwärtsdrängende Kraft des neuen Liberalismus erweisen? Bis jetzt starren den Fragenden auch auf diesem Felde nur dürre Reiser statt grünender, blühender Zweige entgegen. Herr Kerschensteiner, der bekannte Münchener Pädagog, eine neue Leuchte der Volkspartei im Reichstag, forderte von dem„neutralen Staate" der Armeleutebildung, des erziehenden Schutzmannssäbels, der Bluturteile Wider Streikende„eine Erziehungspolitik" als„Schutzwall gegen die Sozialdemokratie". Welch wirklich„neutrale" Verkörperung des Ideals der Erziehung und der bürgerlichen Freiheit I Im preußischen Abgeordnetenhaus kam es natürlich noch besser. Dort traten die fortschrittlichen Schulmänner Kopsch, Ernst und Schepp Seite an Seite mit den Junkern und Klerikalen für den Religionsunterricht in der Volksschule ein. Zwar setzten sich diese merkwürdigen Jugendbildner dadurch in Widerspruch zu einer Hauptforderung der Erziehungswissenschaft und der wirklich fortschrittlich gesinnten Lehrer. Dafür aber fanden sie sich mit dem allerhöchstseligen Geist Wilhelms I. in der Erkenntnis zusammen: „Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben." Herr Schepp krönte übrigens die volksparteiliche Kulturarbeit durch das Bekenntnis, wie der neue Liberalismus über Bürgerrecht denkt. Er erklärte:„Ein Lehrer darf kein Sozialdemokrat sein." Und das nennt sich bürgerliche Demokratie! Die bekundete Auffassung von der Pflicht der Staatsbeamten wurde von den Fortschrittlern im Reichstag würdig ergänzt. Sie stimmten der Ostmarkenzulage für Postbeamte zu, einem Korruptionsgeld, mit dem der sonst so schäbige Arbeitgeber Staat seiner polenfresserischen Politik gefügige Werkzeuge sichern will. Die demokratische Gesinnungstüchtigkeit des neuen Liberalismus endet also wie die des alten beim Sprachenparagraphen mit der Praxis, die reaktionäre Vergewaltigung einer Nationalität zu unterstützen. Im Wahlkamps hatte der Liberalismus unter ohrenbetäubendem patriotischem Trommelwirbel bekräftigt, was durch seine Taten schon früher den Massen ins Bewußtsein gebrannt worden war: daß die„Vollen und Ganzen" im Bewilligungseifer für Heer-, Flotten- und Kolonialzwecke hinter den blauschwarzen Blockbrüdern wahrlich nicht zurückstehen. Wie könnte es auch anders sein? Der Imperialismus, der aus den Widersprüchen der kapitalistischen Ordnung geboren, all ihre Übel und Verruchtheiten für die frondenden Millionen auf die Spitze treibt, ist zur bestimmenden, herrschenden Form der bürgerlichen Politik geworden. Trotzdem fehlte es nicht an liebenswürdigen Schwärmern, die die nebelhafte Entwicklung des Liberalismus nach links bereits von der Morgenröte einer möglichen Politik der Abrüstung und der internationalen Schiedsgerichte beglänzt sehen. Wie schön und ohne an harte Sachen zu stoßen, ließen sich im luftleeren Raum der Gedankenspekulation die Aussichten erörtern, daß breite Schichten des Bürgertums durch ihre „wohlverstandenen höheren Interessen" veranlaßt werden könnten, dem imperialistischen Rüstungswahnsinn in die Zügel zu fallen. Die Sozialdemokratie müßte nur ihre Aufgabe als politische Erzieherin dieser Schichten richtig verstehen und sich mit Geduld und taktischem Geschick von der schlecht belehrten Bourgeoisie an die besser zu belehrende wenden. Nun haben wir bereits eine Probe aufs Exempel dieses Wähnens. Wäre von dem neuen Liberalismus auch nur ein Aufbäumen gegen die Skorpionen des Rüstungswahnsinns zu hoffen, so hätte er die jetzige Wehrvorlage zerrissen der Regierung in das dreiste Antlitz schleudern müssen. Was ist statt dessen geschehen? Nach dem nationalen Herrn Vasscrmann haben die Volksparteiler Schweikhardt und Haußmann in treuer Gemeinschaft mit Zentrümlern und Konservativen der Regierung bescheinigt, daß„alles zur besseren Ausgestaltung der Wehrmacht getan werden müsse". Mehr Soldaten, Kanonen, Schiffe wollen sie vor den Altar des Mords- und Prozentpatriotismus schleifen, unbekümmert darum, daß das neue Aufrüsten des Deutschen Reiches die berüchtigte Schraube ohne Ende weiter dreht: daß jeder Vermehrung des Heeres und der Flotte hier steigende Rüstungen im Ausland folgen müssen, die ihrerseits zum Sporn für neue Wehrvorlagen bei uns werden. Dürfen wir angesichts dieser Sachlage das bißchen nationalliberale und fortschrittliche Kopfhängerei wegen der Deckungsfrage ernst nehmen? Die besorgt Zahlen murmelnden Lippen werden schließlich doch ja sagen, auch wenn die Deckung der neuen Mehrausgaben eitel Spiegelfechterei ist, auch wenn auf jeden Pfennig, der günstigsten Falles von den Reichen durch Besitz- und Erbschaftssteuer genommen werden sollte, Mark über Mark aus den Taschen der Armen käme. Aber die unerschrockenen und scharfen Worte, die die Herren Haußmann, Müller-Meiningen und andere ihrer Farbe gegen die Flottentreiberei, gegen Kriegsministcr und Reichskanzler gefunden haben? Aber die bittere Kritik, die sie an manchen Einrichtungen und Erscheinungen des Militarismus, an Einzelheiten der Regierungsforderungcn üben? Wir müßten nichts gelernt und alles vergessen haben, wollten wir darob in einen hoffnungsseligen Taumel des Entzückens geraten. Das alles haben wir seinerzeit von Eugen Richter viel wuchtiger und schneidiger gehört. Nicht einmal seine Meisterschaft, groß im kleinen einfacher Nechcnexempcl zu sein, ist auf seine politischen Erben gekommen. Ihre Nörgelei am System, das sie anbeten, verhält sich zu Eugen Nichters Opposition wie das Zwerghündchen einer Dame zum Bullenbeißer des Metzgermeisters. Die ini Kaffeesatz als möglich entdeckte Entwicklung des Liberalismus vollzieht sich in der Rüstungsfrage nach dem Muster der Echternacher Springprozcssion: einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Die Volksparteiler stimmen in der Budgetkommission der sozialdemokratischen Forderung zu, die attive Dienstzeit der Kavallerie auf zwei Jabre herabzusetzen. Mit den Blauschwarzen zusammen verwerfen sie den anderen wichtigeren Antrag unserer Partei, für die Infanterie die«injährige Dienstzeit einzuführen. Schließlich apportieren sie der Regierung die ungefährlich gezauste Nr. 17 Die Gleichheit Wehrvorlage. Das Verhalten der Fortschrittler zum Kolonialetat hat noch unterstrichen, daß der Liberalismus mit vollen Segeln in das uferlose Meer des Imperialismus steuert. Die Waldstein und Kompanie haben sich mit den Arendt, Erzberger und Konsorten als parlamentarische Klopffechter des handelnden und gründenden Großkapitals in den Kolonien zusammengefunden. Ihre rückläufige Entwicklung halten sie nicht einmal des Versuchs einer sachlichen Rechtfertigung wert. Zur Tagesordnung des kapitalistischen Geschäftes gehen sie mit der albernen Hoffnung über, die Sozialdemokratie werde in naher Zukunft, so verlumpt und berlottert wie sie, den grundsätzlichen Kampf gegen den Kapitalismus einstellen. Wie aber steht es mit dem Linksmarsch des Liberalismus auf dem Gebiet, das er als das ureigenste Feld für die Betätigung demokratischer Grundsäge anzusprechen liebt: auf dem Gebiet der verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung? Hier wollte der tatendurstige Geselle wie ein Löwe gegen die blauschwarze Reaktion ankämpfen. So haben wir wenigstens vom Liberalismus selbst gehört. Betrachten wir kurz die Mäler seines Kampfes. Die Rolle der Nationalliberalen bei der Wahl des Reichstagspräsidiums ist in frischer Erinnerung, ebenso das lächerliche Nachspiel des grotesken Zwischenspiels. Die Volksparteiler mußten in der Sache steifnackig bleiben: der Anüppel lag beim Hunde. Allein gegen das Gramm Würde und Selbständigkeit, das sie bewiesen hatten, warfen sie bald darauf ganze Pfunde schwächlichen Zusammenknickens im Kampfe um die Stellung und das Recht des Parlamentes in die andere Wagschale. Wilhelm II. hatte höchst ungnädig dem Hofgang der beiden provisorischen bürgerlichen Mitglieder des Reichstagspräsidiums abgewinkt, weil es dem Liberalismus nicht gelungen war, den sozialdemokratischen Bären am Nasenring höfischer Etikette vor den Thron zu führen. Die aufrechten Liberalen dankten für den aller höchsten Fußtritt, indem sich ihr endgültiges Präsidium vom Sozialdemokraten gereinigt- in tiefster Ehrfurcht vor der entrunzelten Stirn des Raisers neigte. Der Liberalismus ergriff ferner begierig die Gelegenheit, seinen Byzantinismus vor dem italienischen König zu erweisen, in dessen Namen in Tripolis Frauen, Kinder und Greise hingeschlachtet werden. Der Regierungsvertreter Delbrück schnauzte die Reichsboten an, er könne für ihre Mitglieder nicht ein ordnungsmäßiges Recht zur Kritik an der Tätigkeit des Ressorts eines Bundesstaats anerkennen. Der fortschrittliche Reichstagspräsident, der die Rechte des Parlamentes wahrnehmen soll, stotterte dienstbeflissen, seine Stellung decke sich vollkommen mit den Äußerungen des Herrn Staatsfefretärs". Seine Partei rief ihn dafür nicht zur Ordnung. Der nationalliberale Jund verwahrte sich gegen die übertriebenen Forderungen der Sozialdemokratie", daß dem Reichstag die Entscheidung über Krieg und Frieden zustehen solle, und daß der Reichskanzler abdanken müsse, wenn seine Politik sich nicht in übereinstimmung mit der des ParIamentes befinde. Ist jedoch nicht die Ausgestaltung des Interpellationsrechtes eine erste feste Willensäußerung des Liberalismus zur parlamentarischen Macht? Ach, die große" Reform ist bei Lichte betrachtet eine recht harmlose Verbesserung der Geschäftsordnung des Reichstags, in deren Fassung und Praris das Parlament jederzeit unbestritten souverän gewesen ist. Der neue Liberalismus hat außerdem nicht einmal in der Jammerecke der Opposition den Mut gefunden, für den Reichstag das Recht festzulegen, im Anschluß an Interpellationen die Handlungen der Regierung zu billigen oder zu mißbilligen. Er darf bescheiden und zartfühlend nur äußern, ob er ihnen zustimmt oder nicht zustimmt. Eine andere Bindung des Reichstagsrechts nach dem eventuell die Verhandlungen über Interpellationen auf einen bestimmten Sizungstag in der Woche beschränkt werden können ist in der Kommission von dem Volksparteiler Payer 259 in Bundesbrüderschaft mit dem Zentrümler Gröber und dem Konservativen Kreth gegen die Sozialdemokratie durch gedrückt worden. Alles in allem haben die Liberalen- ihr linker Flügel mit inbegriffen- weit weniger mit der Sozialdemokratie gemeinschaftlich gegen die Schwarzblauen für ein wirksames Interpellationsrecht gekämpft, als vielmehr mit Zentrümlern und Konservativen die geheischten Reformen verhunzt. Sie sind mitschuldig daran, daß die erwähnte parlamentarische Befugnis kein Speer ist, der das selbstherrliche Regiment verwunden kann, sondern nur ein geknicktes Grashälmlein, das den Gegner etwas unter der Nase von Gottes Gnaden fizelt. Wer übrigens troz alledem noch an einen möglichen ernSten Kampf des Liberalismus für die politische Demokratie glaubt, der schaue dahin, wo die entscheidenden Schlachten geschlagen werden: nach Preußen. Wie die Partei Bassermanns und Fuhrmanns die Forderung des demokratischen Wahlrechts durch Pluralstimmen für den Besitz und andere neue Geldsacksprivilegien verschandeln will, ist bekannt. Die Fortschrittler ließen aber kürzlich im Dreiklassenhaus durch ihren Wortführer Gyßling erklären, daß sie wohl an der Forderung des Reichstagswahlrechts für Preußen festhielten, sich jedoch nicht darauf versteifen würden". Diese Helden sind also von vornherein entschlossen, nicht kämpfen zu wollen um nicht siegen zu müssen. Und als Unterpfand ihres Ab marsches nach rechts haben sie der Regierung der Moabiteret den Geheimfonds von 300 000 mt. bewilligt, aus dem die Lockspizel und andere Nichtgentlemen des Kapitalistenstaats bezahlt werden, die die Wahlrechtskämpfe und Streikende niederknütteln helfen. Offenbar um darzutun, daß keine Mainlinie mehr den Verfall der Demokratie im Norden und Süden scheidet. Bekanntlich stimmte die Spielart des Linksliberalismus im elsaß- lothringischen Parlament diensteifrig für den„ Gnadenfonds" des Kaisers, gegen dessen glatte Bewilligung sich zunächst sogar die Zentrümler auflehnten. Der prophezeite neue Liberalismus ist der alte Liberalis. mus geblieben, ja er ist zum noch älteren Liberalismus geworden. Das ist der natürliche Lauf der Dinge, denen die Liberalen als bürgerliche Partei unterworfen sind. Wir dürfen ihre Taten nicht messen an ihren Worten noch an den Träumen einzelner in ihren und unseren eigenen Reihen. Wir müssen sie nüchtern begreifen aus der Entwicklung der kapitalistischen Ordnung, deren politische Schutztruppen sie find. Je weniger die proletarischen Massen für ihren Vormarsch von dem Liberalismus erwarten, je bewußter sie nur auf ihre eigene Macht vertrauen, um so wirksamer werden sie diese für ihre Forderungen einsehen. Spezialisierte Agitation unter den Frauen. II. So notwendig wie die besondere Agitation unter den Landarbeiterinnen und unter jenen Frauen und Mädchen Ast, die unter dem geistigen Einfluß des Zentrums stehen, so notwendig ist sie unter den Lehrerinnen und Handlungsgehilfinnen sowie unter noch anderen Gruppen weiblicher Berufstätiger. Unsere Agitation muß an die wirtschaftlichen und öffentlich- rechtlichen Verhältnisse dieser Frauen anknüpfen; sie hat darzutun, wie in der Gegenwart die für sie notwendigen Reformforderungen am nachdrücklichsten und ehrlichsten von der Sozialdemokratie vertreten werden; wie also diese am meisten bestrebt ist, die sozialen Schranken hinwegzuräumen, die der Entfaltung und Betätigung der weiblichen Kräfte entgegenstehen. Gleichzeitig muß natürlich nachgewiesen werden, wie sehr speziell auch diese Frauengruppen an der Verwirklichung des Sozialismus interessiert sind. Daraus ergibt sich alsdann die Notwendigkeit des Eintritts in die Partei und der Mitarbeit für dieselbe. Einige Beispiele mögen das Gesagte beleuchten: Die Lehrerinnen, die den verschiedensten sozialen Schichten entstammen, 260 Die Gleichheit sind nicht nur finanziell schlechter gestellt als ihre männlichen Kollegen, sie sind durch Gesetz auch in ihrer persönlichen Freiheit stark beengt, weil sie gezwungen sind, ihrem Beruf den Rücken zu kehren, sobald sie heiraten. Sie können ihrem Beruf also nur treu bleiben auf Kosten ihres Weibtums. Das Zölibat, das bei den katholischen Priestern zu den furcht barsten Seelenqualen führt, das so viele von ihnen schweren fittlichen Verfehlungen in die Arme treibt, das deshalb von allen einfichtigen Menschen bekämpft wird: das wird leichten Herzens von den Lehrerinnen verlangt. Wenn man graduelle Unterschiede bei der Beurteilung naturwidriger und deshalb unter allen Umständen verwerflicher Einrichtungen machen will, so will uns bedünken, daß es noch verdammenswerter ist, den Lehrerinnen das Zölibat aufzuzwingen als den katholischen Geistlichen. Es ist verdammenswerter im Hinblick auf die Folgen für die Betroffenen und für die Gesellschaft. Zwar müssen beide, Lehrerin und Priester, auf ein Familienleben oder auf ihren Beruf verzichten; diese Tatsache trifft jedoch die Lehre rin weit härter als den Geistlichen, denn für sie bedeutet die Ehelosigkeit sexuelles Notleiden und ein Verzichten auf die Mutterschaft. Für den Geistlichen läuft jedoch das Bölibat feineswegs in allen Fällen auf streng beobachtete Keuschheit und das Verzichtleisten auf die Vaterschaft hinaus, wie allgemein bekannt ist. Die doppelte Moral der bürgerlichen Gesellschaft, die beim Weibe zum totwürdigen Verbrechen, zur höchsten Unmoral stempelt, was beim Manne tolerant übersehen oder gar als interessant" berherrlicht wird, macht das Eheverbot für die Lehrerin zu einer um so stärkeren Fessel, die fest ihre Glieder und ihre Seele umschnürt, die tief einschneidet und blutige Striemen hinterläßt bei jeder freien Bewegung. Doch noch ein weiteres ist als ein schwerer Nachteil zu beachten, der aus dem Zölibat der Lehrerin erwächst. Alle / die mütterlichen Kräfte, die im Weibe schlummern, die es besonders zu dem Amt eines Erziehers befähigen, würden im allgemeinen sicher in höherem und vollkommenerem Maße zur Entwicklung kommen bei einem Weibe, das liebt und das zukunftsfroh ein Kind unter dem Herzen trug. Also auch die Gesellschaft, in deren Dienst die Lehrerin eine der wichtigsten Funktionen als Erzieherin der Jugend ausübt, erleidet eine hohe Einbuße, wenn sie ihre weiblichen Jugendbildner hindert, Weib und Mutter zu sein. Die Lehrerin, die seufzend und murrend die Fessel ihrer sozialen Ausnahmestellung einherschleppt, wird sicherlich um so mehr ihre politische Rechtlosigkeit verfluchen und es dankNr. 17 Aus Arbeiterkreisen, aus Handwerker- und Beamtenfamilien kommen sie in der Hauptsache. Die Art ihrer Beschäftigung ist eine sehr verschiedene und auch ihre Bezahlung. Ihre Existenz ist eine proletarische in doppelter Beziehung: dank ihrem Einkommen und dank der Unsicherheit. Nur ganz wenigen Handlungsgehilfinnen ist die Möglichkeit gegeben, durch ihre eigene Tüchtigkeit im Beruf emporzuſteigen zu besser bezahlten Stellen. Die Arbeitsteilung ist eben auch im Handelsgewerbe eine sehr weitgehende. Die soziale Gesetzgebung hat bisher sehr wenig schüßend und fürsorgend eingegriffen zugunsten der Handlungsgehilfinnen. Das alles find Gründe genug für sie, sich einzureihen in das Heer der Klassenfämpfer, um gewerkschaftlich und politisch durch das gemeinsame Ringen emporzuſteigen. Das um so mehr, da durchweg von den Handlungsgehilfinnen, ganz im Gegensatz zu ihrem niedrigen Gehalt, nicht nur eine anständige, sondern sogar eine schicke, elegante Kleidung verlangt wird, deren Anschaffung Ausgaben verlangen, zu denen der Verdienst keineswegs ausreicht. Entweder müssen da die Eltern helfend eingreifen, und wo die nicht mehr sind oder nicht zu helfen vermögen, da erhebt die Prostitution grinsend ihr Haupt, um eines Tages ihr Opfer zu verschlingen. Bei dieser Kategorie von Erwerbstätigen wird es sich vielleicht empfehlen, die Agitation in engster Gemeinschaft mit der gewerkschaftlichen Organisation zu betreiben oder mindestens, nachdem man mit ihr Fühlung genommen hat. Das wird um so notwendiger sein, als die Stellung und Entlohnung der einzelnen Gruppen unter ihnen so verschieden ist. Darüber kann am besten die gewerkschaftliche Organisation Auskunft geben. Das dort geholte Material muß zu einer kleinen Broschüre und zur mündlichen Agis tation verwendet werden, denn anknüpfend an diese Verhältnisse gilt es, die Notwendigkeit des politischen Kampfes und der Beseitigung des Kapitalismus nachzuweisen. Das Gesagte sollen nur Fingerzeige sein. Beileibe keine auch nur andeutungsweise gegebenen Schilderungen der sozialen Stellung dieser Kategorien weiblicher Berufstätiger. Das nötige Agitationsmaterial zu besorgen: Broschüren, Flugblätter, Rednermaterial, wird Aufgabe des Frauenbureaus sein. Hier sollte nur das Augenmerk unserer Genosfinnen auf diese spezielle Agitation gelenkt werden. Die Agitation unter einigen weiteren Gruppen von Erwerbs. tätigen werden wir nächstens besprechen. Luise Biez. Der Massenmord bar anerkennen, daß die Sozialdemokratie die treueste Bor- der Arbeiter in den Lenagoldbergwerken. kämpferin für das Frauenwahlrecht ist. Denn sie wird längst erkannt haben, wie wichtig und unentbehrlich dieses Recht ist, das zu einer scharfen Waffe in ihrer Hand wird zur Niederringung des Bölibats und anderer Schranken. Die Stellung der Sozialdemokratie zur Schulreform, die wir hier nicht besprechen, sondern nur erwähnen wollen, muß ebenfalls eine starke Anziehungskraft auf alle ernststrebenden Lehrerinnen ausüben und sie uns näherbringen. Das Gefagte gilt in noch höherem Maße von unserem Zukunftsideal. Eine Erzieherin, die Bildnerin der Jugend, die in ihrem Eifer und ihrem Bemühen, aus den jungen Menschentindern Persönlichkeiten zu formen, sich überall gehemmt sieht durch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen ihre Schüler leben, Verhältnisse, die wieder vernichten, was die Lehrerin mit glühender Seele aufgebaut hatte: mit welch heißer Sehnsucht und hoher Freude muß die nicht einer Ordnung der Dinge entgegensehen, in der alle hemmenden Schranken gefallen sind, in der sie im prometheusschen Sinne jagen fönnte: Hier size ich und forme Menschen!" Diese Gedankengänge und noch manche andere müssen in Wort und Schrift unseren Lehrerinnen nahegebracht werden, um fie für unsere Bewegung zu gewinnen. Und die Handlungsgehilfinnen! Sie sind ebenfalls aus sozial verschiedenen Schichten der Bevölkerung hervorgegangen. ,, 107 Arbeiter auf der Stelle getötet, 87 ihren Verlegungen erlegen, 210 verwundet", meldete die Russische Telegraphenagentur aus Bodaibo über das Blutbad, das die verdummte und vertierte Soldateska des Baren unter den Arbeitern der Lenagoldbergwerke angerichtet hat. In Wahrheit ist die Zahl der Opfer viel höher; fie beläuft sich laut einem Telegramm, das Arbeiter, Augenzeugen des Vorgangs an Belouffow, den Dumaabgeordneten aus Sibirien, richteten, auf 270 Tote und 250 Verwundete. Und der Anlaß zu diesem blutigen Gericht, das das in den Lenagoldbergwerken verbündete englische und russische Kapital mit Hilfe der Regierung über die Arbeiter gehalten hat? Hatten vielleicht die Arbeiter mit bewaffneter Hand ihr Recht gewaltfam erzwingen wollen, nachdem fie über einen Monat lang vergeblich für menschenwürdigere Lebensbedingungen geStreift hatten? Oder waren fie etwa verzweifelt genug, um einen Angriff auf der Kapitalisten heiligstes Eigentum zu wagen? Bedrohten sie in gedrängten Scharen das Leben der Sklavenaufseher und der Schmarozzer, für die sie in blutiger Fron fabelhafte Reichtümer aus dem Boden hoben? Nichts von alledem. Wohl waren die Arbeiter ausgehungert und verzweifelt nach dem wochenlangen Streit, wohl kamen sie in dichten Haufen, aber sie kamen wehr- und Nr. 17 Die Gleichheit 261 waffenlos. Was diese Masse von 3000 Menschen zusammen- schloß und fordernd vorwärts trieb, war nicht der Durst nach Gut und Blut ihrer Ausbeuter und Peiniger, sondern das heilige Brüderlichkeitsgefühl. Denn tags zuvor waren auf Verlangen der Bergwerksbehörde ihre Vertreter, das aus 15 Personen bestehende Streikkomitee, ohne jeden gesetzlichen Grund verhaftet worden. Einzig und allein die Freilassung ihrer Vertrauensleute wollten die Arbeiter ruhig, aber entschieden fordern. Im Telegramm der Arbeiter an den sibirischen Abgeordneten heißt es:„Da wir die Ver- Haftung unserer Vertreter für ungesetzlich hielten, begaben wir uns zum Bezirksingenieur Tultschinski und zum Gendarmerioffizier Treschtschenko mit der Bitte, die Verhafteten freizugeben. Während der Unterhandlungen mit dem Ingenieur ertönte das Kommando: Feuer. 270 Mann sind tot, 250 verwundet. Der Ingenieur ist wie durch ein Wunder dem Tode entgangen. Nach der ersten Salve warf sich die Menge zu Boden. Tultschinski lag zwischen Leichen und Verwundeten. Manschoßnochauf Liegende und Fliehende. Jeder Soldat feuerte 15 Kugeln ab. Unter den Verwundeten befinden sich 2 Frauen." Wer aber war es. der auf eine wehrlose Menge wie auf Hasen schießen ließ? Trifft den Rittmeister Treschtschenko, der den Mordbefehl gab, allein die Verantwortung? Nein, er war nur das gefügige Werkzeug der internationalen Kapitalistenbande und der russischen Regierung. Er würde nie den traurigen Mut zu dieser Tat besessen haben, hätte er zu solchem Vorgehen nicht den unmittelbaren Auftrag seiner„Brotgeber", der Lenagoldgesell- schast, gehabt. Er handelte seinen Instruktionen gemäß, die zarische Rechtsprechung gewährt ihm volle Straflosigkeit, und gewiß sieht er sich schon im Besitze eines hohen Ordens. Die wahren Schuldigen dieses niederträchtigen Meuchelmordes sind die Regierung und jene Leute, für die die Gemordeten das Gold zutage schaffen. In Ostsibirien zwischen Witim und Olekma, Nebenflüssen der Lena, liegen in einem von Bergketten durchzogenen und mit weiten Mooren bedeckten Gebiet die Lenagoldfelder. Ehemals suchten hier Chinesen und Koreaner im Sande der Ge- birgsbäche das Gold, den„gelben Teufel". Dann kamen sibirische Flüchtlinge und Abenteurer und gewannen auf urwüchsige Weise das Gold. Sie wurden vertrieben vom Kapital, das hier reiche Beute witterte. Seit sich vor einigen Jahren englische Kapitalisten der Lenagoldfelder„angenom- men" haben, hat die Ausbeute einen glänzenden Aufschwung genommen und die Felder gehören zu den ergiebigsten Goldgruben Sibiriens. Die Lena Goldfield Company besitzt im Gebiet von Witim und Olekma gegen 5V Goldgruben mit einer jährlichen Goldausbeute von mehr als 20 Millionen Rubel. Natürlich entwickelte sich ein wahnsinniges Börsenspiel mit den Aktien dieser Gesellschaft. Der Aufschwung oder Niedergang des Betriebs in den Gruben ist von den Börsenjobbern abhängig, die den Kurs der Aktien künstlich heben oder senken, je nachdem es ihnen vorteilhaft ist. Durch derartige Machenschaften ist zum Bespiel der ehemalige Banklehrling Zdanor im Handumdrehen zum Millionär geworden. Ei: gründete ein Bankgeschäft und„spezialisierte" sich in den Lenagruben. Im Laufe eines Jahres hat er— 5 Millionen Rubel„erworben". Der Polizeikommissär, der an seiner Tür postiert war, gewann an den Lenaaktien 200000 Rubel. Selbst die erzreaktionäre kapitalistenfreundliche„No- woje Wremja" erzählt, daß Zdanors Vorgehen erst für ungesetzlich erklärt und sein Geschäft geschlossen wurde, nachdem alle höheren Beamten der Lenagcfilde ihre zerrütteten Vermögensverhöltnisse aufgebessert und Zdanor die Lcna- aktien zum Sinken gebracht hatte. Das Börsenspiel in den Goldaktien gebt flott weiter, und der Arbeitermord hat höchstens sein Tempo verstärkt. Ten überwiegenden Teil der Unternehmer bilden, wie bereits gesagt, englische Kapitalisten, doch fehlt es auch nicht an„echt russischen Leuten". Da ist zun, Beispiel unter anderen hervorragenden Männern Rußlands Timirasjew, einst Handelsminister, jetzt Mitglied des Reichsrats und Vertreter der englischen Gesellschaft, neben ihm sein Bruder und eine Anzahl höherer russischer Beamten, die alle zusammen Gesetz und Ordnung in Rußland genügend kennen, um sie zu mißachten. Der Generaldirektor der Gesellschaft ist der russisch-jüdische Baron Alfred Günzburg. Diese kleine internationale Kapitalistenbande zieht ungeheure Reichtümer aus der Ausbeutung russischer Proletarier, die ihnen zum Teil der Hunger in den russischen Gouvernements in die Netze treibt. Die Gesellschaft verteilte in manchen Jahren schon 50 Prozent Dividende. Sie hat sich auch zum unumschränkten Herrn des ganzen Lenagoldgebiets aufgeschwungen. Grund und Boden, Wohnhäuser, Handelsbetriebe, die Dampfboote und die einzige Eisenbahn, die diese Wildnis mit der Außenwelt verbindet: alles ist Eigentum der Gesellschaft. In ihren Händen ruht aber auch alle Gewalt. Die Verwaltungsbehörde, die Bergpolizei, das Friedensgericht, der Post- und Telegraphenverkehr zwischen Bo- daibo und Witim, alles ist und lebt in vollkommener Abhängigkeit von ihr. Sie hat die ganze Schar der Regierungsbeamten in ihr Netz verstrickt, weil diese ihr Gehalt aus der Kasse der Gesellschaft beziehen müssen. Die Besitzer der Lenagoldbergwerke haben den Beamten der Bergbehörde Wohnungen zur Verfügung gestellt, sie unterhalten das Gefängnis in Bodaibo. In die Hände dieser Gesellschaft, die mit uneingeschränkter Macht herrscht, sind Tausende rechtloser russischer Proletarier gegeben. Im Winter sind es gegen 6000 Arbeiter, im Sommer wächst ihre Armee auf über 30 000 Mann an. Die Goldgruben werden ihnen zur Mördergrube, aus der sie nur schnelle Flucht rettet. Mehr als ein, höchstens zwei Jahre hält kein Arbeiter es hier aus ohne zu erkranken: meist mit einem Gebrechen belastet, kehrt er aus dieser Hölle heim, zurück in die Not, um sich von dem Goldsegen, den er für andere geschaffen, zu„erholen". Nach 5 bis Kjährigem Aufenthalt in den Lenagoldbergwerken ist jeder Arbeiter gebrochen und arbeitsunfähig. Die Arbeitszeit beträgt 10 bis 11 Stunden. Knietief müssen die Arbeiter oft stundenlang in dem eiskalten Wasser stehen. In den Schächten ist die Lust kalt und feucht und von dem Qualm und Rauch der Lämpchen und Kerzen erfüllt, das Wasser tropft von den Wänden herab, und stets droht dem Arbeiter die Gefahr eines Erdsturzes. Die Löhne für diese gesundheitsmordende Arbeit sind erbärmlich. Ungeheuerlich sind die Einzelheiten der Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Lohnsklaven. Die Presse, die während der ganzen Dauer des Streiks schweigen mußte, beginnt jetzt zu reden: Der„Sibiry", das Jrkutsker Blatt sagt, der unmittelbare Anstoß zur Erhebung der Arbeiter sei der Umstand gewesen, daß man ihnen, die ihren Lohn nicht in barer Münze, sondern in Gestalt von Woh- nung, Kleidung und Lebensmitteln erhalten, Pferdefleisch vorgesetzt habe. Der Ursachen zur Empörung der Arbeiter seien aber mehr als eine gewesen.„Die Besitzer der Lenagoldgruben haben das Geldlohnsystem völlig abge- schaft, statt Münzen oder Reichspapieren laufen sogenannte Talons der Gesellschaft um, vermittels deren die Arbeiter ihre Lebensmittel in den Läden der Bergbesitzer entnehmen. Um nur einen.lebendigen Kopeken' zu erblicken, verkaufen die so doppelt geschundenen Arbeiter ihre Talons um 50 Prozent unter ihrem Werte, verlieren 75 Prozent ihres Lohne? an Händler, die wie Pilze aus der Erde sckießen und sich so maßlos bereichern, daß Bettler von gestern heute zu Millionären werden." So fließt der elende Lohn der Arbeiter zum größten Teil wieder in die Tascken der ausbeutenden Gcsellsckiaft zurück. Die Wobnungsver- bältnisse bilden einen anderen Wunden Punkt in der Laae der Lenabergarbeiter, wie aus dem genannt"» Blatt kernor- geht, das bürgerlich ist und nicht in dem Verda-bt t"nd»i-- ziöser Entstellung kommen kann.„In Baracken, die na-? Schmutz und Ungeziefer starren, Hausen schlimmer als die 262 Die Gleichheit Tiere Arbeiter, Männer und Frauen, Ledige und Verheiratete, hier werden Kinder gezeugt, hier kommen sie zur Welt und gehen elendiglich in unbekannten Massen zugrunde. Der Inspektor Bogdanaritch, der im Auftrag der Regierung die Verhältnisse des Lenagebiets untersuchte, fonnte sich nur mit Mühe von den Läufen säubern, die seine Kleidung bedeckten, nachdem er mehrere dieser Baracken besucht hatte." In den überfüllten Baracken herrscht eine stickige Luft, und die Arbeiter, die 10 bis 11 Stunden in Kälte und Nässe schufteten, haben auf den harten Pritschen kaum Play, die steifgewordenen Glieder zu strecken. Hunderte schmutziger Körper drängen sich um das Feuer, auf dem das färgliche Essen kocht und über dem die nassen Kleider und Hemden getrocknet werden. Damit sich aber der Arbeiter wider all diese schamlose Ausbeutung und Bedrückung nicht auflehnen kann, sind ihm auch juristische Fesseln angelegt. Auf Grund einer ,, freien", aber nichtsdestoweniger selbst nach russischem Gesetz völlig unzulässigen Vereinbarung dürfen die Arbeiter bei Streitigkeiten mit den Unternehmern keinen Rechtsbeistand anrufen. Ang Als Folge solch menschenunwürdiger Zustände sind Arbeiterausstände auf den sibirischen Goldfeldern nicht selten. Der jetzige Streik brach Ende Februar aus. 900 Mann der Andreasgrube legten zunächst die Arbeit nieder unter Hinweis auf die schlechte Behandlung, Mißstände bei der Berechnung und Auszahlung der Löhne, den Mangel an ärztlicher Hilfe und den gesundheitsschädlichen Zustand der Arbeiterwohnungen. Sie verlangten Lohnerhöhung, Auszahlung der Löhne in barem Gelde und unentgeltliche Benußung der der Gesellschaft gehörenden Eisenbahn. Die Antwort der Verwaltung auf diese Forderungen war, daß sie die„ Rädelsführer" entließ und die Behörden um polizeilichen Schutz anging. Nunmehr griff der Streit auch auf die anderen Gruben über, und im März war das ganze Gebiet mit gegen 6000 Mann ausständig. Die Ausständigen wählten einen Streifausschuß und einigten sich auf gemeinschaftliche Forderungen: achtstündige Arbeitszeit, dreißigprozentige Rohnerhöhung, Abschaffung der Geldstrafen und der Auszahlung des Lohnes in Warentalons. Von den Forderungen seien noch hervorgehoben: Aufhebung des 3wanges, die Frauen zur Arbeit in den Bergwerken heranzuziehen und der anderen Vorschrift, in den Baracken der Grubenherren zu wohnen, vor allem in den Massenquartieren, Trennung der Verheirateten und Ledigen; ferner Auszahlung des Lohnes in Krankheitstagen und bei Unfällen, Bezahlung des Lohnes für die Dauer des Streiks, Zurückerstattung der von der Gesellschaft zurückbehal tenen Arbeiterlöhne, die sich auf 300 000 Rubel belaufen. Die Arbeiter verlangen auch, daß sie von den Bergbehörden nicht mit Du angeredet werden. Diese Forderung einer höflicheren Anrede hat der ehemalige Minister und jezige Goldgrubenherr Timirasjew als eine politische Forderung bezeichnet, der man sozialistische Einflüsse anmerke. Mit dem Hinweis auf diese Einflüsse" will Timirasjew die kleine Zahl von administrativ Verbannten bei der Polizei denunzieren, die die bitterste Not in das Garn des Goldgrubenkapitals getrieben hat. Die Gesellschaft lehnte es ab, die Forderungen der Arbeiter auch nur zu prüfen. Die Streifenden verhielten sich aber ruhig und friedfertig. Die Behörden hielten es daher, trotz der stürmischen Bitten der Grubenverwaltung, für unnötig, Militär in das Streifgebiet zu senden. Doch die Hauptverwaltung in Petersburg trieb darauf hin, den Ausstand mit Waffengewalt zu unterdrücken. Der Genere! direktor der Gesellschaft machte geltend, daß der Streik ungebeure Verluste verursache, namentlich infolge der Früh lingsüberschwemmung der Werke. Um dem vorzubeugen, sei es unbedingt notwendig, den Streit selbst mit den Waffen in der Hand zu unterdrücken. Und die Goldgrubenkapitalisten setzten es durch, daß das Handelsministerium den örtlichen Behörden befahl, Militär Nr. 17 zu entsenden. Auf den Werken zogen ein Gendarmerierittmeister mit 200 Mann und der Staatsanwalt ein. Die Unterhandlungen mit den Ausständigen, die dank der Vermittlung des Bezirksingenieurs Tultschinski eingeleitet worden waren, wurden abgebrochen und das Streiffomitee verhaftet. Die Arbeiter verlangen die Befreiung des Komitees und unterstützen diese Forderung durch einen Massenzug. Sie verhalten sich bei dieser Kundgebung ruhig, und man unterhandelt mit Tultschinski. Da, ohne vorher die vorschriftsmäßige Aufforderung, auseinander zu gehen, zu erlassen, kommandiert der Rittmeister Feuer", und ein halbes Tausend Menschen wälzen sich in ihrem Blute. Die gesamte russische bürgerliche Presse, von dem Organ der liberalen Kadettenpartei der„ Rietsch" bis hinab zu der von der Regierung ausgehaltenen Presse, wie sie die ,, Nowoje Wremja", der„ Kolokol" und andere darstellen, ist einig in der Verurteilung der kapitalistischen Untat in Sibirien. Selbst die Mehrheitspartei der dritten Duma, die regierungstreuen Oktobristen haben sich zu einer Interpellation aufgeschwungen. Woher mit einem Male der edle Zorn über vergossenes Arbeiterblut? Ja nun man steht in Rußland vor dem 1. Mai, und da war es zum mindesten verbrecherischer Leichtsinn, die mit Mühe zitrückgehaltene Empörung der Arbeitermassen zu reizen, don Groll, der in ihnen glimmt, zur gefährlichen Flamme anzufachen. Hatten die Unvorsichtigen denn schon die Jahre 1905 und 1906 vergessen, daß sie in einem so ungeeigneten Augenblick auf die Nerven der Arbeiter schlugen? Und die Bcrurteilung des Vorgehens der zaristischen Bluthunde in Cibirien kann sich die patriotische Presse um so eher leisten, als glücklicherweise nicht alle der Goldgrubenbesitzer echt russische Leute sind. Außer Engländern gibt es o Wonne einen leibhaftigen Juden unter ihnen. Welche Aussicht cröffnet diese Tatsache dem Schwarzen Hundert? Aber auch die heilige Empörung der liberalen Parteien in Rußland ist nicht ohne Grund: man steht vor den Wahlen zur viertent Duma, und da tut es gut, das Mäntelchen der Arbeiterfreundschaft aus der Rumpelkammer zu holen und sich graziös um die Schultern zu hängen. Heiß und unverfälscht ist allein der Zorn der Arbeiterklasse. Denn die Opfer des Goldkapitals sind Fleisch von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute. Keine Teilnahme, keine Beileidskundgebungen ihrer falschen Freunde wie echten Feinde vermag sie zu trösten. Auch können keine Versprechungen der Regierung, eine„ objektive" Untersuchung einzuleiten, sie über das Schicksal ihrer lebenden Kameraden in den Lenagoldfeldern beruhigen. Denn während der mit der Untersuchung betraute Generalgouverneur Mitschenko auf nähere Aufklärung über seine Aufgabe wartet, während die Toten noch haufenweis unbegraben liegen und die Verwundeten aus Mangel an Verbandmitteln ihren Verlegungen erliegen, herrscht uneingeschränkt die Mordbubenbande. Derselbe Offizier, der den Befehl zumt Feuern gegeben hat, ist eifrig am Werke, den Boden für die ,, objektive" Untersuchung zu bearbeiten. Nachträglich„ gefundene" Steine, eiserne Gegenstände sollen als Schuldbeweise gegen die Arbeiter dienen, und viele von denen, die dem Tode entgangen sind, erwartet die Zwangsarbeit. Doch die Arbeiterschaft Rußlands schlägt nicht nach bürgerlicher Art die Hände über dem Kopfe zusammen jammernd und wehklagend ob der Verworfenheit der kapitalistischen Welt. Sie nimunt mit erneuter Kraft den Kampf gegen diese Welt auf. Die Arbeiter eines Riewer Maschinenbetriebs eröffneten den Reigen der Kundgebungen für die gefallenen Brüder und gegen ihre Mörder. Sie haben nach Absingen des dumpf düsteren Klagegesangs„ Ewiges Gedenken" die Arbeit zum Zeichen des Protestes niedr gelegt. Ihnen folgten die Arbeiter der Fabriken in Odessa, Cherson und Saratow; fie traten in einen 24stündic Streik. Natürlich geht die Polizei gegen die Streifenden ver. Am Sonntag den 28. April demonstrierten in Peters" Nr. 17 Die Gleichheit burg große Massen von Arbeitern, Studenten und Studentinnen. Eine Menge von 7000 Menschen erschien vor der Rasankirche mit einer roten Fahne und sang das Totenlied. Gendarmerie und berittene Schußleute zerstreuten die Demonstranten. Inzwischen hat auch der Proteststreik in Petersburg riesigen Umfang angenommen. über 100 000 Fabrikarbeiter streiften bereits am 1. Mai. Durch zahlreiche Verhaftungen schürt die Polizei die Bewegung. Das Blut der gemordeten Brüder kittet die durch die Reaktion gesprengten Reihen des russischen Proletariats wieder zusammen. Und hat das Proletariat sich wieder zur Tat, zum Kampfe auf gerafft und die seinen Händen entrissene Fahne wieder entfaltet, so wird es sie nicht sinken lassen, ehe seine gemordeten Brüder gerächt sind. Ed. Ten. Die weiblichen Angestellten im Gastwirtsgewerbe. Das Gastwirtsgewerbe in der amtlichen Gewerbestatistik aufgeführt unter Beherbergung und Erquidung" hat in den legten Jahren einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen. Ist doch die Zahl der Betriebe von 1895 bis zur Zählung im Jahre 1907 von 234 427 auf 329 577 gestiegen. Die darin beschäftigten Personen nahmen von 579 958 auf 803 603 azu, die Betriebsleiter und die im Geschäft tätigen Familienmitglieder einbegriffen. An eigentlichen Hilfskräften wurden 1895 268088, im Jahre 1907 302 352 Personen gezählt; hiervon waren 183 379 weiblich. Die große Zahl weiblicher Hilfskräfte, die als Zimmer-, Küchen- und Wäschemädchen im Gastwirtsgewerbe tätig sind, gelten als gewerbliche Arbeiterinnen, wie das Reichsgericht wiederholt entschieden hat. Freilich fehlt es nicht an Versuchen, sie zu Dienstboten herabzudrücken, weil sie in der häuslichen Gemeinschaft" des Unternehmers aufgenommen und Arbeiten niederer Art" verrichten. Es kommt vor, daß die niederen Instanzen in diesem Sinne entscheiden. So im Jahre 1910 ein medlenburgisches Gericht, das ein Zimmermädchen, welches ohne Nechtsgrund" den Dienst verlassen hatte, zu fünf Tagen Haft verurteilte. Bei solchen Entscheidungen ist in jedem Falle mit Erfolg die höhere Instanz in Anspruch zu nehmen. Auch im Sinne des Krankenkassengesetes sind die im Gastwirtsgewerbe tätigen weiblichen Hilfskräfte wenigstens dann als Gewerbegehilfinnen anzusehen, wenn sie bor wiegend" im Gewerbebetrieb und nicht in der Familie des Gastwirtes beschäftigt sind. Die wirtschaftliche Lage der weiblichen Angestellten in den Hotels, Cafés und Restaurationen ist allerdings in keiner Weise besser als die der Dienstboten. Die famose häusliche Gemeinschaft besteht lediglich in dem Ko st und Logiszwang mit allen den bekannten Mängeln und Nachteilen für die Betreffenden. Hier fehlen auch die persönlichen Beziehungen von Mensch zu Mensch, die sonst zwischen Dienstboten und Privatherrschaft hin und wieder doch vorkommen. Die Gesetzgebung hat die gastwirtschaftlichen Angestellten sehr stiefmütterlich behandelt. Die§§ 105 bis 105 i der Reichsgewerbeordnung regeln die Sonntagsruhe für die in den gewerblichen Betrieben beschäftigten Arbeiter und Angestellten. Durch die Bestimmungen dieser Paragraphen zieht sich wie ein roter Faden der GrundGedanke, daß jeder Arbeiter in den gewerblichen Betrieben Deutschlands seine Sonntagsruhe haben soll. Ausnahmen sind allerdings zulässig. In allen diesen Ausnahmefällen wird aber für die davon betroffenen Arbeiter ein Ersaz geschaffen durch die Bestimmung, daß am darauffolgenden Sonntag eine 36stündige beziehungsweise 48stündige Ruhezeit eintreten muß. 263 Nach§ 105 i finden alle die oben näher bezeichneten Bestimmungen der Gewerbeordnung auf das Gastwirtsgewerbe keine Anwendung. Zwar ist auf Grund des§ 120 e der Gewerbeordnung für das Gastwirtsgewerbe eine Bundesratsverordnung vom 23. Januar 1902 erlassen. Darin wird neben der achtstündigen Ruhezeit, die innerhalb 24 Stunden zu gewähren ist, alle 14 Tage und in Städten von unter 20 000 Einwohnern alle drei Wochen ein Ruhetag von 24 Stunden vorgeschrieben. Als Ersatz für die Sonntagsruhe kann diese Bestimmung nicht angesehen werden; sie beschränkt sich außerdem auf das gelernte Personal. Bon den weiblichen Hilfskräften werden nur die Kellnerinnen, Köchinnen und Kassiererinnen davon erfaßt. Das ganze große Heer des weiblichen Hilfspersonals ist von dieser Regelung ausgeschlossen. Bei den Dienstboten in Privathäusern hat sich wenigstens schon das Gewohnheitsrecht herausgebildet, daß ihnen alle 14 Tage ein Sonntagsausgang zusteht. Mit dem 1. Januar 1910 trat die letzte Novelle zur Gewerbeordnung in Kraft. Durch Abänderung der§§ 135 bis 137 a ist die Arbeitszeit der Frauen und Mädchen in Betrieben von mindestens 10 Arbeitern auf höchstens 10 Stunden täglich festgelegt. Jugendlichen und Arbeiterinnen ist nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens 11 Stunden zu gewähren. Alle Versuche der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstag, diese Bestimmungen auch auf das Gastwirtsgewerbe entsprechend anzuwenden, wurden abgelehnt mit dem Hinweis auf die„ Eigenartigkeit" des Berufs. Wie widersinnig! Das Mädchen, das in der Konservenfabrik mit dem Einmachen von Früchten und Gemüsen beschäftigt ist, wird geschützt; wenn es in der Küche des Hotels dieselbe Tätigkeit verrichtet, ist es schutzlos. Desgleichen wäre die in§ 137 Absatz 3 vorgesehene einstündige Mittagspause für das gesamte Gastwirtspersonal durchaus notwendig. Sie wäre auch leicht durchführbar, da das Personal ja abwechselnd diese Pausen haben kann Die schon oben erwähnte Bundesratsverordnung enthält die Bestimmung, daß täglich eine Ruhezeit von 8 Stunden zu gewähren ist. Für Gehilfen und Lehrlinge unter 16 Jahren soll die Ruhezeit 9 Stunden betragen. Es verbleibt demnach die Möglichkeit einer 16- bezw. 15stündigen Arbeitsleistung, an den gesetzlich erlaubten 60 Ausnahmetagen darüber hinaus. Und dieses Häppchen Arbeiterschutz kommt nur einem Teil, den kleineren zugute, nämlich den gelernten Arbeitskräften; sogar die Jugendlichen sind nur unter dieser Voraussetzung geschützt. Diese Einschränkung bedeutet eine schreiende Ungerechtigkeit gegen das Hilfspersonal, das meist noch mehr geplagt ist wie die gelernten gewerblichen Arbeiter. Der junge Mann oder das junge Mädchen, die als Lernende mit der Zubereitung von Speisen beschäftigt werden, sind von der Gesetzgebung wenigstens etwas geschützt. Das Küchenmädchen, welches das schmutzige Geschirr abwäscht, der Silberoder Kupferpuzer, der das beim Essen oder Kochen benützte Geschirr zu reinigen hat, die Kohlen zuträgt usw., für alle diese Personen läßt das Gesetz eine unbegrenzte Arbeitszeit zu. In der Tat werden sie nicht selten 18 bis 20 Stunden täglich beschäftigt. Dasselbe gilt von den Zimmermädchen usw. Es ist im höchsten Grade widerspruchsvoll, jugendlichen Personen nur dann gesetzlichen Schutz zu gewähren, wenn sie als Lehrling gelten, sie aber von dem Schuße auszuschließen, wenn sie als ungelerntes Hilfspersonal im höchsten Maße angestrengt werden. Für die ungeschützten Mädchen in der Küche, bei der Wäsche und für den Zimmerdienst kommen Arbeitszeiten von 14, 16 und 17 Stunden in Frage. Die Küchen, namentlich aber die Aufwaschräume, sind meist die schlechtesten Räume, die es im Hause gibt: kleine, dunkle und feuchte Löcher, in denen häufig den ganzen Tag bei künstlichem Licht gearbeitet werden muß. Nicht weniger schlimm wie die hier Beschäftigten sind die Zimmermädchen daran, die den ganzen Tag treppauf treppab zu rennen und in den Fremdenzimmern oft recht widerliche Arbeiten zu verrichten haben. 264 Die Gleichheit Statistische Angaben über Arbeitszeiten, Löhne, sonstige Arbeitsbedingungen der im Gastwirtsgewerbe beschäftigten weiblichen Personen sind bisher wenig vorhanden. Die von der Kommission für Arbeiterstatistik in den Jahren 1893 bis 1899 vorgenommenen schriftlichen und mündlichen Erhebungen bezogen sich immer nur auf das gelernte Personal. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Molkenbuhr forderte vergebens die Ausdehnung der Erhebungen auf das Hilfspersonal. Herr v. Rottenburg machte dagegen geltend: wenn sich durch die Erhebungen die Notwendigkeit eines gesetzlichen Eingreifens zugunsten des gelernten Personals herausstellen würde, so sei die Notwendigkeit dazu ohne weiteres auch für das ungelernte Hilfspersonal bewiesen. Das schien einleuchtend. Bis die Erhebungen aber zu Ende gingen, gehörte der Kurs Berlepsch- Rottenburg längst der Vergangenheit an. Es steht also nicht die geringste gesetzliche Schranke hindernd im Wege, die Arbeitszeit für die ungelernten Arbeiter und Arbeiterinnen im Gastwirtsgewerbe zu einer unbegrenzten zu machen. Und in der Tat, 16, 18, ja 20 stündige Arbeitszeiten sind für sie nichts Seltenes. Der Deutsche Hotel dienerverband jetzt mit dem Verband deutscher Gastwirtsgehilfen verschmolzen- hat vor einigen Jahren Untersuchungen angestellt über die wirtschaftliche Lage der Hilfspersonen in den Hotels. Davon wurden auch 169 Zimmermädchen erfaßt. Das ist eine verhältnismäßig geringe Zahl. Die Bedeutung der Ergebnisse dürfte aber dadurch nicht herabgesetzt werden, denn die Angaben treffen für die Mehrzahl zu, sind also typisch. Es wurde festgestellt, daß nicht mehr als 12 Mädchen das Glück hatten, eine Arbeitszeit von„ nur" 14 bis 15 Stunden täglich leisten zu müssen. 61 hatten eine solche von 15 bis 16 Stunden, 87 eine solche von 16 bis 17 Stunden und 9 gar eine Arbeitszeit von 17 bis 18 Stunden. Dazu kamen für die meisten mehrmals in der Woche einige Stunden Nachtwache! Ausgehtage hatten in jeder Woche nur drei dieser Mädchen; 112 nur jede zweite Woche; 23 mußten drei Wochen warten, ehe sie die Tretmühle der Arbeit einmal verlassen durften, und 26 hatten keinen oder keinen bestimmten Ausgehtag. Auf diese Ruhetage haben die Mädchen überhaupt kein Anrecht; sie müssen daher stets den Direktor oder die„ gnädige Frau" um Erlaubnis zum Ausgehen fragen. Der Ausgang währt in der Regel von 3 oder 4 Uhr nachmittags bis 11 oder 12 Uhr nachts; für eine spätere Stunde wird der Urlaubsschein nur felten ausgestellt, weil die Herren Chefs um die Moral der Mädchen sehr besorgt sind. Die Wohnungen" der befragten Mädchen wurden nur zum Teil als„ gut und ausreichend" geschildert, die meisten Angaben darüber lauteten:„ schlecht und umgenügend". Die als„ gut und ausreichend" bezeichneten Räume entsprechen zweifellos in vielen Fällen auch nicht den bescheidenen Anforderungen eines nicht verwöhnten Durchschnittsmenschen, denn die elenden Arbeitsverhältnisse haben die Ansprüche der meisten Mädchen an Bequemlichkeit usw. weit herabgedrückt. So wurde zum Beispiel bei den näheren Angaben vermerkt, daß die als„ ausreichend" bezeichneten Räume im Keller liegen, daß Platz genug vorhanden sei, aber das Licht fehle usw. Von den als„ schlecht" bezeichneten Räumen hieß es unter anderem ständig:„ feuchter Keller; niedere Dachkammer in traurigen Zuständen; unter dem Treppenaufgang; Keller ohne Fenster, ohne Licht, biel Ungeziefer; Kammer, in der man sich nicht aufrichten kann; Kabuse neben dem Klosett; dunkler Boden raum usw." Die Kost ist den übrigen Arbeitsbedingungen entsprechend. Man sollte annehmen, daß in einem Gasthaus für das Per sonal wenigstens eine ausreichende gute Soft abfiele. Das um so mehr, als hier eine weit über das zulässige Maß hinausgehende Arbeitsleistung verlangt wird. Die Annahme trifft jedoch nicht zu. Für die Kost des Personals gilt nur selten der Bibelspruch:„ Du sollst dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden." In großen Häusern wird in der Regel eine Köchin mit der Zubereitung des„ Leuteessens" betraut. Von welcher Beschaffenheit dies in der Regel ist, dürfte daraus Str. 17 erhellen, daß in einem großen Berliner Hotel ein Kochlehrling wegen einer Verfehlung wider die Hausordnung zu 14 Tage ,, Leuteessen" verurteilt wurde. Im günstigsten Falle gibt es Abfälle, schlecht zugerichtet; für das Personal ist alles gut genug. Wir könnten zahlreiche Gerichtsverhandlungen hier anführen, in denen der Beweis erbracht wurde, daß das Personal der Gastwirtschaften häufig genug Essen erhielt, das verdorben und im höchsten Grade gesundheitschädlich war. Auch die von der Zentralfommission für Beseitigung des Koftund Logiszwanges im Jahre 1906 vorgenommenen Erhebungen stellte die mangelhafte, ja oft genug erbärmliche Beköstigung des Hilfspersonals fest. Die Unternehmer selbst haben einmal eingestanden, wie gering sie die von ihnen gewährte Freie Station" bewerten. Vor einigen Jahren nahm die Berliner Gewerbedeputation entsprechend der Abänderung des Krankenversicherungsgesetzes eine neue, eingehende Berechnung vor über Kost und Logis solcher Gewerbegehilfen, die im Hause des Unternehmers wohnen und essen. Ste brachte für Kost und Logis dieser Gewerbegehilfen höhere Beiträge in Ansatz. Die Berliner Gastwirte- Innung wandte sich mit einer Eingabe an die Gewerbedeputation gegen die vorgenommene Klassifizierung, wobei ihr folgendes Geständnis entschlüpfte: Die dortseits angenommenen Säge für Kost und Logis ent sprechen gewiß den Anforderungen, welche im Privathaushalt für einzelne Personen gemacht werden müssen, da die Personen die gleichen Räume wie die Familien bewohnen und die gleiche Beköstigung der Familie erhalten. Grundverschieden liegen dagegen die Verhältnisse im Gastwirts gewerbe. Hier sind die Angestellten, soweit sie freie Wohnung haben,( mur nach Geschlechtern getrennt) in gemeinschaftlichen Räumen untergebracht, und sind diese Schlafstellen fast ausnahmslos Mansarden, welche in privaten Verhältnissen nur als Aufbewahrungsort für Haushaltungsgegenstände benügt werden. Die für die freie Beköstigung notierten Säße sind nach unseren Ermittlungen ebenfalls für das Gastwirtsgewerbe nicht zutreffend. Der Gastwirt tauft bei seinem größeren Bedarf die Lebensmittel wesentlich billiger ein als der Privatmann und beföftigt seine Leute mit den nicht abgesezten Speisen, welche zwar gut, aber ihres Aussehens wegen nicht als Portionen den Gästen verabreicht werden können und deshalb einen Verkaufswert für den Gastwirt eigentlich nicht mehr haben." Damit ist zugegeben, daß die Wohnung zumeist aus einer elenden Rumpelfammer besteht, die andernfalls gar nicht benützt würde; und daß das Essen aus Abfällen zusammengesett ist, die ebenfalls anders nicht an den Mann zu bringen wären. Schließlich ist durch Erhebungen, die der Verband deutscher Gastwirtsgehilfen für das Berliner Kaffeehausgewerbe vorgenommen hat, auch einiges über die Lohnverhältnisse der dort beschäftigten weiblichen Hilfskräfte festgestellt worden, Es wurden in 219 Betrieben 360 Herd- und Küchenmädchen ermittelt. Etwa 40 Prozent der Befragten arbeiteten für einen Lohn von 20 Mt. und darunter; mehr als 50 Prozent erhielten einen Lohn von 21 bis 30 Mt. und nur 10 Prozent einen solchen über 30 bis 35 Mt. monatlich. Die beiden letzten Lohnfäße findet man in solchen Betrieben, in denen ungemein hohe Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Mädchen gestellt werden. Nebst den schwersten Arbeiten, die in anderen Betrieben nur von kräftigen männlichen Personen verrichtet werden, müssen sie meist eine Köchin ersetzen, ohne den Lohn zu erhalten, der für eine solche üblich ist. Dazu ist die Länge der Arbeitszeit für die Küchenmädchen auch hier mindestens eine ebenso lange, als oben angeführt worden ist. Von den Kassiererinnen es wurden deren 247 befragt erhielten 150 mur 30 bis 40 Mr. Monatsgehalt; nur 22 hatten 60 Mr. und darüber. Die 11 Stassiererinnen, die über 70 bis 80 Mt. Monatslohn bezogen, mußten sich Kost und Wohnung auf eigene Rechnung beschaffen. Es ist erklärlich, daß unter diesen Umständen die Gastwirte, ähnlich wie die Landwirte, dauernd über„ Leutenot" flagen. Meistens sind es Mädchen vom Lande, die zu ihnen in Stellung gehen, wenigstens soweit die niederen Arbeiten in Frage Nr. 17 Die Gleichheit tommen. Im übrigen herrscht ein sehr großer Stellenwechsel. Viele Mädchen gehen entweder wieder in Privatdienste oder suchen sich eine andere Beschäftigung, die ihnen mehr Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit bietet. Die Organisation hat bis jetzt noch sehr wenig Einfluß auf die weiblichen Arbeitskräfte im Gastwirtsgewerbe gewinnen fönnen. Dem Verband deutscher Gastwirtsgehilfen, der jetzt rund 14000 Mitglieder zählt, gehören zirka 800 weibliche Mitglieder an, und sie sind zum allerwenigsten Hilfspersonen aus der Küche und dem Zimmerdienst, sondern zumeist Kellnerinnen in München und Nürnberg. Die in der Küche beschäftigten Bersonen sind viel schwerer durch die Agitation zu erreichen als die Kellnerinnen. Dazu kommt noch die ungeheuer starke Fluktuation dieses Personals. Die Mädchen erblicken in ihrer Tätigkeit, mehr noch wie andere Arbeiterinnen, eine vorübergehende und nicht etwa einen Lebensberuf. Solange aber die Organisation und ihre Kraft die Hilfskräfte im Gastwirtsgewerbe nicht erreicht, werden diese Lohnsflavinnen kaum auf Hebung ihrer Lage rechnen können. Der Verband deutscher Gastwirtsgehilfen bemüht sich fortgesetzt, auch die weiblichen Hilfskräfte des Erwerbsgebiets für die Organisation zu gewinnen, um ihr Los zu verbessern. Hugo Poetsch. 265 dieser Zahlen entspräche. Leider ist es dem nicht so. Darüber darf man sich nicht wundern, weil es sich meist um des Lesens und Schreibens unkundige Proletarierinnen handelt, denen das Verständnis der sozialen Zusammenhänge noch ganz und gar abgeht. Am schroffsten tritt dieser bedauernswerte Stand der Dinge jezt während des kapitalistischen Raubkriegs hervor. Die Frauenmassen fehlen im Stampfe gegen den Krieg. Nicht einmal die Hinopferung des eigenen Blutes ihrer Söhne, geschweige denn die Barbarei des Völkermordes überhaupt, hat die breitesten Schichten der Frauen des werktätigen Volkes zur Erkenntnis wachgerüttelt. Klein ist noch die Zahl derer, die ihrer Pflichten als Mütter und kämpfende Prole tarierinnen bewußt geworden sind. Möge es dem seit 1. Januar erscheinenden sozialistischen Frauenblatt vergönnt sein, die große, schwere, bringende Aufgabe zu lösen, das weibliche Proletariat aufzuklären. Wieviel Schwierigkeiten find allein schon zu überwinden, damit das Blatt in die Hände der Frauen und Mädchen gelangt, die am meisten der Aufklärung bedürfen. Lange ist die Reaktion, ist der Haß der Besitzenden gegen die Sozialisten und das Proletariat nicht so offen und unverhüllt zutage getreten wie jetzt. Hat diese Tatsache dazu beigetragen, die Partei als Ganzes innerlich zu stärken und ihr die kampfesfähigen Elemente der ArbeiterKlasse zuzuführen, so werden doch auch einstweilen die indifferenten und ängstlichen Gemüter von ihr ferngehalten und schwerer, langsamer von unserer Agitation ergriffen. Welch bitterer Hohn! Alte, von Arbeit und Entbehrungen gebrochene Mütter und Großmütter lassen sich die kriegslüfternen, bluttriefenden bürgerlichen Zeitungen Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation vorlesen und lauschen andächtig Worten, von denen sich fast ein in Italien. Der legte Gewerkschaftskongreß zu Padua hat, wie bekannt, einftimmig eine Resolution zugunsten der gewerkschaftlichen und politischen Organisierung der Proletarierinnen und des allgemeinen Wahlrechts aller Großjährigen angenommen. Seitdem haben sich bie einzelnen Arbeitskammern mit statistischen Erhebungen über die weiblichen Arbeitskräfte und den Stand der Gewerkschaftsorganisation der Arbeiterinnen beschäftigt. Nach ihren Veröffentlichungen gibt es gegenwärtig in Italien 62 548 gewerkschaftlich organisierte Arbeiterinnen, und zwar verteilen sich diese folgendermaßen auf die einzelnen Provinzen: Provinz. Piemont Lombardei Ligurien Benedig Emilia. Zahl der organisierten Arbeiterinnen Bahl der organisterten Arbeiterinnen 12077 Provinz 2115 9709 414 Romagna Toskana Latium • • 1130 2550 . 2090 2875 . 818 Kampanien. 29765 Sizilien. • Eine genaue Klassifizierung in landwirtschaftliche und industrielle Arbeiterinnen ist leider nicht erfolgt. Man kann jedoch feststellen, daß von den 62543 organisierten erwerbstätigen Proletarierinnen 84486 in der Landwirtschaft beschäftigt waren, 14842 in der Jndustrie, von den übrigen läßt sich nicht genau sagen, ob sie dem Verdienst in der Landwirtschaft oder in der Industrie nachgingen. Wie es leider in Italien vorkommt, haben nicht alle Arbeitskammern bie Fragebogen beantwortet, neun haben mitgeteilt, daß ihnen keine einzige Arbeiterin angehört. Im ganzen haben sich 46 Arbeitslammern an der Statistik beteiligt. Die Frauen machen 12,88 Prozent sämtlicher gewerkschaftlich organisierter Arbeiter aus. Genosse Rigola, Generalsekretär der Gewerkschaften, betont, die Zahl der Gewerkschaftlerinnen sei zwar nicht groß, aber doch immerhin bedeutend, besonders wenn man sich bergegenwärtige, daß auch in den Hilfskaffen auf Gegenseitigkeit die Frauen schwach vertreten seien und taum 20 Prozent der Mitglieder ausmachen. Die Schuld daran liegt jedenfalls nicht an den Frauen, fagt Genosse Rigola, sondern an den Herren Männern, und zwar auch an den organisierten und aufgeklärten, die nicht immer ihre Pflicht tun und ihre Arbeits- und Leidensgefährtin veranlassen, der Drganisation beizutreten". Es mag sein, daß die angegebene Gefamtziffer die Zahl der tatsächlich organisierten Arbeiterinnen in Italien etwas unterschätzt, zumal da es Vereine und Verbände gibt, beren Mitglieder nicht den Arbeitskammern angeschlossen sind. 1901 wurden zum Beispiel 141 809 organisierte Frauen gezählt, die weiblichen Mitglieder fatholischer Vereine usw. mitgerechnet. Die heute borliegende Statistit hat aber ausschließlich die Gewerkschaftsorganisationen erfaßt, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen. * * So bescheiden die angegebenen Zahlen auch sind, so würde es boch um das Proletariat in Italien besser stehen, als es steht, wenn bas Klassenbewußtsein der organisierten Arbeiterinnen der Stärke jedes gegen die Interessen der Ausgebeuteten richtet. In allem und durch alles von den Kulturfortschritten und Kulturgütern getrennt, von ihrem Vaterland enterbt und verhöhnt wird diesen Armsten der Armen gepredigt, fie müßten auf die Größe und den Ruhm ihres Vaterlandes stolz sein und sich der Kultur" freuen, die ihren Söhnen das Leben kostet. Den äußeren Feind, den sie nie gesehen und von dessen Existenz fie früher nichts gehört haben, sollen sie auf einmal so unversöhnlich hassen, daß ihre Wünsche und ihre Gebete nur seiner Vernichtung gelten dürfen, nicht aber der Erhaltung ihrer Söhne und Enkel! Also wird den ausgebeuteten, unaufgeflärten Proletarierinnen in Italien vorgelogen. Nur der völkerbefreiende Sozialismus ist berufen und befähigt, auch sie aufzuklären und zu Angelika Balabanoff. erlösen. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Das Parteisekretariat des Wahlkreises Leipzig- Land hatte vier öffentliche Frauenversammlungen einbe rufen mit der Tagesordnung: Welches Intereffe haben die Frauen an den Bestrebungen der Sozialdemokratie?" Die Vera sammlungen hatten großen Erfolg. Das gleiche Thema wurde be handelt in Versammlungen zu Klotzsche b. Dresden und Schmiedeberg. In Chemnitz- Altendorf fand im Marmorpalast eine Riesen versammlung von Frauen und Mädchen statt, die die Parteis organisation stärkte. 30 Frauen nahmen an einer Volksversamm lung in Staucha teil, einem rein ländlichen Orte, wo außer Baus arbeitern nur Landarbeiter von unserer Bewegung erfaßt werden können. Gegner waren nicht erschienen, obwohl die Helden des Biertischgepolters zu der Versammlung eingeladen worden waren. In Weinböhla und Riesa tagten trok Sturm und Regen prächtig besuchte Frauenversammlungen. Die Tagesordnung war überall die oben angegebene. Versammlungen der Parteimitglieder von Dippoldiswalde und Schmiedeberg hörten einen Vortrag über das Thema:" Was lehren die Reichstagswahlen?" Eine Reihe Diskussionsabende der Genossinnen des 5., 6. und 8. fächsischen Kreises beschäftigten fich mit dem Frauentag vom 12. Mat. Mehrere Gewerschaften veranstalteten Versammlungen, die be sonders der Aufklärung der Arbeiterinnen dienten. So die Fabrit arbeiter in Dresden, Bauten und Niesa; die Tabatarbeiter in Bannewių, die Holzarbeiter in Gunnersdorf, die Textilarbeiter in Leipzig. Während des gewaltigen Kampfes der Bergarbeiter im Revier Ölsnit- Lugau fanden dort überfüllte Versammlungen für die Frauen statt, die aufgerufen wurden, den zähen Kampf ihrer Männer durch Geduld und Begeisterung zu fördern. In all den angeführten Veranstaltungen sprach die Unterzeichnete. Mögen nun die gewonnenen Genossinnen so treu zur Fahne halten wie die alten erprobten Kämpfer und Kämpferinnen. Es muß mit Riesenschritten brwärts gehen. Marie Wadwiz. Wie alljährlich, so hatte auch in diesem Jahre der Bezirksvorstand der sozialdemokratischen Parteiorganisation eine größere Agitaionstour durch Bommern in die Wege geleitet. Als Referentin hatte das Frauenbureau Genoffin Wulff- Berlin ber 266 Die Gleichheit mittelt, die zur allgemeinen Zufriedenheit ihre große Aufgabe erfüllte. Es fanden nicht weniger als 21 Versammlungen statt, die durchschnittlich sehr gut und zwar vorwiegend von Frauen besucht waren. Die Agitation erstreckte sich auf folgende Orte: Stettin, 3üllchow, Grabow, Nemiz, Stolp, Röslin, Neustettin, Kolberg, Gollnow, Janid, Udermünde, Licpgarten, Torgelow, Antlam, 2assan, Wolgast, Greifswald, Garz a. R., Stralsund und Demmin. In allen Versammlungen lautete das Thema:„ Was haben wir von dem neuen Reichstag zu erwarten?" Die Tagesordnung war in der Annahme gewählt worden, daß sich die Wogen der Wahlbewegung noch nicht gelegt hatten, und daß die Freude über den Erfolg der Sozialdemokratie in dem heißen Kampfe noch die Gemüter in Spannung hält. Die Erfahrungen haben bestätigt, wie richtig das war. Alerorten wurden die Ausführungen der Referentin mit großem Interesse verfolgt, und jede Versammlung brachte der Partei neue Mitglieder zusammen 150 Männer und Frauen, der Parteipresse Leser. Für Pommern ist das ein schöner Erfolg, und es wird nun an den örtlichen Organisationen liegen, die neugewonnenen Mitstreiter dauernd zu erhalten und zu überzeugten Sozialdemokraten zu erziehen. Die Agitation war ein Vorspiel des großen Vorstoßes zur Aufrüttelung der Frauen und zur Eroberung ihrer Rechte als Staatsbürgerinnen, der am 12. Mai nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern erfolgt. Sie hat Tausende auf die große Bedeutung unseres Frauentags hingewiesen, hat flar gezeigt, daß die Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes sich aufraffen und immer lauter, dringender den Ruf nach ihrer vollen politischen Gleichberechtigung erheben müssen. Der Frauentag wird bekräftigen, was schon der 1. Mai mit Donnerstimme über die Lande gerufen hat: Die Ausgebeuteten der ganzen Welt fennen keinen Nationalhaß, sie wissen, daß sie alle Brüder und Schwestern sind, die unter dem Joch des Kapitals seufzen. Sie reichen sich die Hände zum Gelöbnis, vereint Ausbeutung und Knechtschaft zu bekämpfen. Weder Sprache noch Religion oder Rasse kann ihren Bruderbund scheiden. Der 12. Mai wird im Zeichen des Kampfes für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stehen und beweisen, daß nicht nur die Proletarier aller Länder", sondern auch die Proletarierinnen sich vereinigen. Berta Horn. " Nach langer Pause fand im Volkshaus zu Remscheid wieder eine öffentliche Frauenversammlung statt. Genosse Wendemuth Solingen hielt einen gut durchdachten Vortrag, in dem er den Frauen vorzüglich darlegte, warum sie sich mit Politik befaffen müssen. An reichen Tatsachen wies er nach, welche wichtigen Dinge für die Frau als Arbeiterin, als Wirtschaftsverwal terin, als Mutter und Erzieherin bei der Politik auf dem Spiele stehen. Eine proletarische Frau, die nicht wie ihr Mann die fezialdemokratische Bewegung fördert, versündigt sich an sich selbst und der ganzen Familie. Die Aufforderung, das Gehörte zu beherzigen und sich immer mehr an der Arbeit der sozialdemokratischen Partei zu beteiligen, schloß den Vortrag. In der Diskussion sprachen Genosse Grüß und Genossin Katt winkel. Besonders eindringlich wurden die Genossinnen noch aufgefordert, tätig zu sein, damit unser Frauentag eine gewaltige Demonstration werde. Mit einem kurzen Schlußwort der Vorsitzenden erreichte die Versammlung ihr Ende. Auf Ersuchen trug Genosse Weyers, ein guter Rezitator, in packender Weise noch einige Gedichte vor. Ihm wurde wie auch dem Referenten großer Beifall zuteil. Hoffentlich wird diese Versammlung Früchte tragen. Frau G. Böttcher. Von den Organisationen. Im Kreise Hagen- Schwelm marschiert die proletarische Frauenbewegung jetzt auch. Den Fortschritt veranschaulichen am besten Ziffern. Am 1. April 1909 gab es 406, am 1. April 1910 367, am 1. April 1911 470, am 1. April 1912 540 weibliche Mitglieder der Parteiorganisation. Dabei ist zu be= merken, daß noch am 1. Januar dieses Jahres die Zahl der organisierten Genossinnen erst 457 betrug. Die nach dem WahlTampf einsetzende rege Agitation hat den Gewinn ton 80 neuen Anhängerinnen gebracht. In allen Orten des Kreises sind Frauenversammlungen abgehalten worden, die im Anschluß an die aufrüttelnde Wahlzeit ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Die Genossinnen sind froh, daß die Zahl der weiblichen Parteimitglieder das erste halbe Tausend überschritten hat, sie setzen alle Kraft ein, um bald das ganze Tausend zu erreichen. Otto Müller, Wirges+. Eine große Lücke ist in die Reihe der Genossen und Genossinnen des Westerwaldes gerissen worden. Unser treuer, aufopfernder Genosse Otto Müller in Wirges ist nicht mehr. Das bedeutet für die Arbeiterschaft des Bezirkes Rosi Wolfſtein. Nr. 17 einen sehr schmerzlichen Verlust. Überall, wo es galt, die Inter essen der Ausgebeuteten zu vertreten, war Genosse Müller mit Rat und Tat zur Stelle. Weder Sturm noch Regen konnten ihn abhalten, als Agitator und Organisator die schwarzen Gegenden des Bezirkes zu durchwandern, dessen Reichstagskandidat er war. Nichts scheute er, um Licht in die Köpfe der Massen zu bringen. Wenn die Gegner tobten, so sette er erst recht seine ganze Kraft im Dienste der Sozialdemokratie ein. Sein unermüdliches Wirten brach vorzeitig seine Gesundheit, aber es blieb nicht unbelohnt. Genosse Müller erlebte noch die Genugtuung, daß sich die sozialdemokratische Stimmenzahl in seinem Wahlkreis verdreifachte. Die Aufklärung und Organisierung der proletarischen Frauen hat unserem Genossen sehr am Herzen gelegen. Er hat sie jederzeit mit Verständnis und Begeisterung gefördert. Jede Gelegenheit benußte er, um den Proletarierinnen zu zeigen, daß der Sozialismus ihr großer Befreier ist und daß sie deshalb mit der Sozialdemokratie zusammen kämpfen müssen. Nun hat der Tod seinem selbstlosen Streben ein vorzeitiges Ziel gesetzt. Die Liebe und Achtung, die der Genosse Müller genoß, kam bei seinem Begräbnis rührend zum Ausdruck. Aus vielen Orten des Wahlkreises waren Genossen erschienen, um ihm das letzte Geleit zu geben. Aber auch die Ehrung der Gegner fehlte nicht: Gendarmerie überwachte den Leichenzug und die Feier am Grabe. Alle roten Schleifen mußten von den Kränzen entfernt werden, ehe der Zug sich in Bewegung setzen durfte; eine vom Bezirks. vorstand gestiftete rote Schleife wurde sogar konfisziert. Schwarze Gaffer ließen höhnische und rohe e Worte fallen. Go anerkannten unsere Gegner auf ihre Weise, was der Verstorbene den Proletariern der Gegend gewesen ist. Diese werden dem erprobten, zielbewußten Kampfgenossen ein bleibendes Andenken bewahren. Berta Swinnes. Politische Rundschau. Die Verhandlungen des Reichstags über die Wehrvorlagen waren wenig bemerkenswert. Kein heftiger Redekampf entspann sich. Da alle bürgerlichen Parteien einig waren in der Bewilligung der Rüstungsforderungen, so war kein Anlaß für die Herren, sich außergewöhnlich zu ereifern. Sie hätten gegen die sozialdemokratische Ablehnung der Vorlage wohl noch nicht einmal das gesagt, was sie vorgebracht haben, wenn sie nicht die Gelegenheit hätten nußen wollen, ihren Patriotismus auf dem düsteren Hintergrund der„ roten Vaterlandslosigkeit" hell erstrahlen zu lassen. Ebensowenig hatten die Regierungsvertreter Grund, sich mit Reden abzumühen, hatten sie doch die Bewilli gung in der Tasche. Sie erfüllten lediglich eine Förmlichkeit, als sie ihre Sprüche hersagten. Mit dem Reichskanzler waren der Kriegsminister und die Staatssekretäre der Flotte und des Schatzes am Regierungstisch angetreten, aber Neues vermochte feiner der vier vorzubringen, und sie haben der aus zwei inhaltslosen Säßen bestehenden schriftlichen Begründung" der Vorlage fein Sterbenswörtchen mehr hinzugefügt. Die Sozialdemo= tratie ließ durch drei Redner ihren grundsätzlichen Einspruch gegen den Militarismus erklären. Die Genossen Haase und Gradnauer behandelten ausführlich die Rüstungen und ihre unheilvollen Folgen, während Genosse Wurm die Deckungsvorlage zerpflückte und aufzeigte, wie sie in Wahrheit eine Deckung vereitle. Hier war denn auch der Punkt, wo die bürgerliche Einigkeit in die Brüche ging. Die Liberalen scheuen die neuen Anleihen und Steuern, die später kommen müssen, wenn die vom Zentrum diftierten Deckungspläne des neuen Schatzsekretärs Kühn durchgeführt werden. Wie dann aber die politische Lage sein wird, das weiß man nicht, und deshalb möchten die Liberalen das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Unter dem frischen Eindrud der Wahlen, die die Feinde der Erbschaftssteuer so bös mitge nommen haben, wäre es jetzt wohl möglich, so glauben sie, die Erbschaftssteuer durchzubringen. Von einer Verschiebung hingegen der Entscheidung fürchten sie die Gefahr, daß unter einer anderen Zusammensetzung der Parteien im Reichstag Steuern beschlossen werden, die einseitig Handel und Gewerbe belasten. Die Regierung aber will es mit Junkern und Zentrum nicht verderben, und sie sucht sich deshalb von der Erbschaftssteuer mit der Ausrede zu drücken, es sei keine Mehrheit dafür vorhanden. Denn die Sozialdemokratie würde für die Erbschaftssteuer nicht stimmen, da sie zur Deckung militärischer Ausgaben bestimmt sei. Diesen bequemen Vorwand hat indes die Sozialdemokratie dem Tangen Bethmann schnell aus der Hand gewunden. In der Kommission für die Dedungsvorlage hat Genosse Wurm im Namen der sozialdemokratischen Fraktion erklärt, daß sie, um schlechtere Nr. 17 Die Gleichheit Steuern zu verhindern, für die Erbschaftssteuer stimmen, würde, da die Bewilligung der Ausgaben durch die bürgerliche Mehrheit doch einmal feststehe. Diese Erklärung hat Konservative und Zentrum und ihren Anhang in arge Verlegenheit und schreckliche Angst gestürzt. Mit guten und harten Worten suchen sie die Nationalliberalen davon abzuhalten, sich mit dem Umsturz" zu berbünden, um die Erbschaftssteuer durchzudrücken. Dadurch würde fich die nationalliberale Partei völlig ins Verderben stürzen. Und unsere aufrechten Nationalliberalen scheinen wirklich Angst davor zu haben, mit Fortschritt und Sozialdemokratie die Steuer gegen die Rechte durchzusetzen. Wenigstens ist die Haltung ihrer Presse zu der Frage mehr als schwächlich, und in der Deckungskommission haben von den drei nationalliberalen Vertretern zwei gegen die Erbschaftssteuer gestimmt, darunter auch der„ Linksnationalliberale" Paasche. Man muß demnach darauf gefaßt sein, daß die Nationalliberalen alle ihre vielen bisherigen Umfälle durch den neuen überbieten, daß sie gegen die Erbschaftssteuer stimmen. Gegen die Erbschaftssteuer, auf der sie seit 1909 ihre ganze Politik aufgebaut haben, die sie im Wahlkampf zum Kriegsruf gegen Rechte und Zentrum gemacht haben. Das klingt zwar unglaublich, ist aber bei dieser Partei nicht unmöglich. Hat sie sich doch auch schon für eine neue Liebesgabe an die Schnapsbrenner mit den Blauschwarzen eben in der Dedungskommission friedlich zusammengefunden. Die Nationalliberalen haben ihren Namen mit unter einen Antrag gesetzt, der den Schnapsjunkern als Ersatz für die wegfallende Liebesgabe eine neue von jährlich 16 Millionen Mark gewährt, und zwar soll diese gezahlt werden aus dem Ertrag der Betriebsauflage als Vergütung für die Herstellung von vergälltem, das heißt für Trinkzwede unbrauchbarem Spiritus und für die Ausfuhr von Branntwein. Dies Geschenk an die Schnapsbrenner haben Konservative, Zentrum und Polen für ihr Prinzip erklärt. Wenn also die Schnapsjunker die 16 Millionen Mark nicht kriegen, so lehnen sie die ganze Vorlage ab und fragen trotz all ihrer glühenden Vaterlandsliebe den Teufel danach, was aus der Deckung der Wehrvorlagen wird. Und die Nationalliberalen leisten ihnen dabei dienstbeslissen Beistand. Das Zentrum hat bei der Wehrdebatte wieder ein Manöver zur Täuschung seiner kleinbürgerlichen, bäuerlichen und proleta= rischen Wähler ausgeführt, denen die katholische Weltanschauung noch mehr am Herzen liegt als die Wahrung der Interessen der fatholischen Bourgeoisie und Junkerschaft. Die Schwarzen haben sich plötzlich in heiligem Glaubenseifer gegen den Due II= unfug erhoben. Nachdem Herr Erzberger zunächst als freiwilliger Regierungskommissar die Vorlagen verteidigt und sein Sprüchlein gegen die Noten hergesagt hatte, griff er zum Schlusse den Fall eines katholischen Militärarztes der Landwehr auf. Dieser war vom militärischen Ehrengericht wegen Duellverweigerung zum schlichten Abschied berurteilt, vom Kaiser aber gnädigerweise zum freiwilligen Ausscheiden veranlaßt worden. Herr Erzberger ging, wie es sich für einen Volkstribunen und Gottesstreiter gebührt, fraftvoll ins Zeug und bezeichnete die faiserliche Kabinettsorder als einen Schlag ins Gesicht des katholischen Voltes. Natürlich mußte der Kriegsminister für den obersten Kriegsherrn und für das standesgemäße Duell in die Bresche springen. Nun vermag selbst der geschickteste Klopffechter nicht darüber hinwegzutäuschen, daß der Schutz des Duellunfugs durch den Kaiser sich weder mit dem Gesch noch mit dem Christentum vereinbaren läßt. Überdies erweist sich der Kriegsminister Herr v. Heeringen auf dem parlamentarischen Fechtboden als äußerst plumper Gesell, ein so schneidiger General er auch auf dem Kasernenhof oder im Manöverfeld sein mag. So polterte er denn mit der offenen Erklärung heraus, daß ein Offizier, der das Duell ablehnt, eben nicht ins deutsche Offizierkorps hineinpasse. Das goẞ Ol ins Zentrumsfeuer. Die schwarze Presse vergoß Ströme von Tränen über diesen neuen Schlag ins Gesicht aller guten Christen, und Herr Spahn gab am letzten Tage der Wehrdebatte eine scharfe Erwiderung der Zentrumsfraktion auf die Erklärung des Kriegsministers ab. Soweit durfte das Zentrum mit der Aktion zufrieden sein. Hatte es doch dem Teile seiner Wähler, der noch etwas demokratisch fühlt, wieder einmal bewiesen, daß es der Regierung die Zähne zu zeigen vermag, wenn die heilige Religion bedroht ist. Auch hat es dem Papste, der es modernistischer Anwandlungen für verdächtig hält, sich wieder einmal als tapferer Glaubensstreiter empfohlen, zugleich aber der Regierung einen Wink gegeben, daß die regierende Bartei nicht umsonst zu haben ist. Aber nun kommt der heiflere Teil der Geschichte, wo es heißt, vom Neden zum Handeln übergehen. Und da haben die vermaledeiten Sozialdemokraten einen Antrag eingebracht, wonach jeder Offizier, der sich duelliert, aus 267 dem Heere zu entlassen ist. Das Unangenehme für das Zentrum ist, daß für diesen Antrag eine Mehrheit im Reichstag zustande tommt, falls es sich den Sozialdemokraten und Fortschrittlern anschließt auf die Nationalliberalen ist natürlich nicht zu rechnen. Ferner, daß die Wehrvorlage die Möglichkeit gibt, die Regierung zur Annahme zu zwingen. Das kann dem Zentrum natürlich nicht passen, denn es will doch regierende Partei bleiben und den einträglichen Bund mit den Junkern nicht gefährden. So sucht es denn nach einem Ausweg und glaubt ihn in einent Antrag gefunden zu haben, wonach kein Offizier wegen Duellverweigerung aus dem Heere entlassen werden darf. Das heißt, es fordert die Regierung nicht auf, den Zweikampf in der Armee auszurotten, sondern verlangt lediglich Duldung für den Duellverweigerer. Das soll das ganze Ergebnis des großen Feldzugs sein, den die Zentrumspresse im Namen des Christentums gegen den Zweikampf geführt hat. Einen winzigen Fortschritt bedeutet es, daß der Reichstag nun endlich gegen die Stimmen der Konservativen die kleinen Anfragen" seiner Geschäftsordnung eingefügt hat, und ferner die Bestimmung, daß am Schlusse von Interpellationsverhandlungen ausgesprochen werden kann, ob der Reichstag der Haltung der Regierung in der Angelegenheit zustimmt oder nicht.. Die Interpellationsverhandlungen über den bayerischen Jesuitengesezerlaß im Reichstag und bayerischen Landtag waren nicht sehr aufregend. Nur daß es im bayerischen Landtag zu Sturmfzenen kam durch die Versuche des Zentrums, die Minderheit des Landtags zu vergewaltigen. Der Bundesrat soll nun den Streit beilegen, indem er eine Auslegung über die Ausführung des Jesuitengesetzes gibt, der auch Bayern sich unterwerfen wird. Es ist indes längst durchgefickert, daß Bethmann Hollweg der bayerischen Regierung hat zusichern müssen, ihre weitherzige Auslegung, die das Gesetz zu einem großen Teil umgeht und den Jesuiten ein weites Tätigkeitsfeld eröffnet, werde der Sache nach zugelassen werden. Der Reichskanzler hat für sich nur einige formale Zugeständnisse herausgeholt, damit er den evangelischen Glaubensstreitern doch auch etwas zu bieten hat. Er erhält den Knochen, das Zentrum das Fleisch die Schwarzen präsentieren ihre Rechnung für die Bewilligung der Wehrvorlagen. Aber sie hüten sich, die Regierung vor die Wahl zu stellen, entweder Aufhebung des Jesuitengesetzes oder Ablehnung der Wehrvorlagen. Obgleich die Sozialdemokraten das Zentrum wieder und wieder aufgefordert haben, den Antrag auf Aufhebung des Ausnahmegeseges einzubringen, für den sie natürlich stimmen würden. Soviel sind die Jesuiten den Schwarzen doch nicht wert, daß die darob ihr inniges Verhältnis zur Regierung und zu den Junkern in Frage stellen möchten. Zudem fürchten auch manche katholische Orden den Wettbewerb der Jesuiten, und das Ausnahmegesetz gegen die Jesuiten ist ein zu bequemes Agitationsmittel, dessen die schwarzen Demagogen nicht gern entraten möchten. Jm preußischen Dreiklassenhaus ging es in diesen Wochen bewegt zu und ein Hagelwetter von Ordnungsrufen entlud sich über die sozialdemokratischen Abgeordneten, die sich die frechen Beleidigungen der Junker und die parteiische Handhabung der Geschäfte durch den Junkerpräsidenten nicht schweigend gefallen lassen. Anscheinend haben sich die Reaktionäre unter Beihilfe der Regierung darauf verlegt, unsere tapferen Sechs planmäßig zu reizen, um einen einleuchtenden Vorwand für die Erdrosselung der Redefreiheit der Opposition zu haben, an der die Geschäftsordnungskommission dieser„ Volksvertretung" bereits arbeitet. Die Junker sollen sich H. B. über den Erfolg dieses ihres Streiches noch wundern! Gewerkschaftliche Rundschau. Die Unternehmerverbände suchen in letzter Zeit nicht allein durch Einwirkung auf die Gesetzgebung dem Kampfe gegen die organisierten Arbeiter besondere Schärfe zu verleihen, sondern sie verstärken auch die Schlagkraft ihrer eigenen Reihen mit Eifer. Die Bauunternehmer haben, wie bereits berichtet, zu diesem Zwecke das probate Mittel erfunden, ihren Materiallieferanten Beiträge für die Kriegskasse abzuzwingen. Von den Metallindustriellen wurde bekannt, daß der Ausschuß ihres Verbandes die Satzungen einer Revision" unterzogen hat. Anstatt der bisher zu leistenden 5 Mk. für je 100 beschäftigte Arbeiter werden nun für einen Arbeiter 30 Pf. Jahresbeitrag erhoben. Es bedeutet das eine Verstärkung der Kriegsmittel um das Sechsfache. Ferner wurde bestimmt, daß auf den Schwarzen Listen verzeichneten Arbeitern sofort gekündigt werden muß, die versehentlich zur Einstellung gelangten. Damit die gelben Schäflein bei einem Strafgericht nicht mit den Schuldigen zusammen ge= 268 Die Gleichheit troffen werden, soll über sie eine besondere Liste geführt werden, die den Bezirksverbänden vierteljährlich, jedenfalls aber immer vor einer Aussperrung zugesandt werden muß. Der Verband hat fich große Exekutivgewalt zuerkannt, um seinen Beschlüssen Nachbrud zu verleihen. Über seine unbotmäßigen Mitglieder kann er Verweis, Geldstrafen und schließlich den Ausschluß verhängen. Die Unternehmer flügeln immer neue und wirksamere Kampfmittel gegen die Gewerkschaften aus. Mit der Aussperrung nach Altersklassen war es nichts, die nach dem Abc versagte ebenfalls, jetzt soll die Aussperrung in Verbindung mit dem Zwangsarbeitsnachweis herhalten, und die gelben Vereine werden als Hilfs. truppen gegen die klassenbewußten Arbeiter aufgeboten. Wie lange noch glauben die Scharfmacher ihr Spiel treiben zu können? Auch die letzten Unternehmer in der Eisenindustrie und im Bergbau werden schließlich zu der Einsicht gezwungen werden, daß der Arbeiter kein Sklave ist, der sich demütig ihren Geboten unterwirft, sondern daß er als wichtigstes Glied im Arbeitsprozeß bei der Festsetzung der Arbeitsbedingungen gehört werden muß. Auch das Kapital in der Schwerindustrie ist nicht unangreifbar für die Waffen der Arbeiterklasse. Das Ruhrgebiet steht immer noch unter den Nachwirkungen des großen Kampfes. Die Grubenherren haben offenbar kein ge= nügendes Vertrauen zu ihrer christlichen Streitbrecherorganisation. Ihre Agenten find in allen Grenzgebieten tätig, um neue Arbeitskräfte anzuwerben. Auch die Feldarbeiterzentrale scheinen fie in ihren Dienst gestellt zu haben. In einem Amsterdamer Blatt war eine Anzeige zu lesen, in der Arbeiter für das Ruhrgebiet gesucht werden; sie sollen sich schriftlich an das Vermittlungsamt der Feldarbeiterzentrale wenden. So sorgen die Batrioten für den Schutz der nationalen Arbeit. Die verräterischen Führer der christlichen Organisation entgehen ihrer Büchtigung nicht. Das Gewerkschaftskartell in Dortmund- hörde gab in einer Versammlung für Arbeiter und Bürger Aufklärung über ben Streit. Die Versammlung endete mit Annahme einer Refolution, die bie Streitbrechergewertschaft verurteilt und die Arbeiter zum Austritt aus ihr auffordert. Besondere Freude be= reitet den christlichen Streifbrechern und der Unternehmerpresse der Ausfall der neuvollzogenen Sicherheitsmännerwahlen. Die Christlichen„ fiegten", der alte Bergarbeiterverband ward niedergerungen". Es fanden Erfahwahlen statt für die infolge des Streiks ihres Amtes enthobenen Sicherheitsmänner. Die Wahlbeteiligung war aber mehr als gering. Von etwa 360 000 im Ruhrgebiet beschäftigten Bergleuten übten nur 10 000 ihr Wahlrecht aus. Die Wahlbeteiligung war auf einzelnen Gruben so kläglich, daß die christlichen Vertreter mit 4, 5 und 6 Stimmen gewählt wurden. Die schwache Wahlbeteiligung ist darauf zurückzuführen, daß die Bergarbeiter der Einrichtung der Sicherheitsmänner durchaus kein Vertrauen entgegenbringen können. Die Einrichtung erweist sich in der Tat als die weiße Salbe" nach dem Herzen der Grubenherren. Dafür verfehlt sie aber auch ihre Wirkung als Beschwichtigungsmittel selbst auf das anspruchloseste Gemüt unter der Arbeiterschaft. Wie die Sicherheitsmänner ihr Amt ausüben können, dafür von vielen Beispielen nur eines. Ein Sicherheitsmann hatte in das Fahrbuch eingetragen: Jm Revier 8, Ort 3, Flög 8 standen Schlagwetter. In der Korbbremse( Ort 5) fehlte die Sicherheitsbarriere." Da nun die Eintragungen in die Fahrbücher von der Bergbehörde gelesen werden, so sehen es die Grubenbeamten als ihre Aufgabe an, diese Eintragungen abzuschwächen. So war denn auch hinter der angeführten Eintragung zu lesen:„ Schlagwetter sind durch Seßen einer Blende beseitigt. Der Bremsberg war zugenagelt. Außerdem war ein Arbeiter dabei, um die Barriere zu reparieren. Folglich war diese Eintragung Blödsinn." Obgleich also zugegeben werden mußte, daß alle aufgezählten übelstände tatsächlich vorhanden waren, wurde der Sicherheitsmann als blödsinnig hingestellt, der durch die Eintragung auf eine große Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Daß die Bergbehörde gegen eine solche Art der Beschwerdeerledigung eingeschritten wäre, ist nicht bekannt geworden. Da ist es wohl erklärlich, daß die Bergleute den christlichen Söldlingen den Gebrauch der„ weißen Salbe" überlassen und ihnen neidlos ihre Siege" gönnen. " Im Hamburger Hafen ist die drohende Streitgefahr einstweilen beseitigt, und zwar dadurch, daß für die größte Gruppe der Hafenarbeiter, für die Schauerleute, ein Tarifvertrag zur Annahme gelangte. Hingegen ist in der Rheinschiffahrt ein Streit ausgebrochen. Das Schiffs- und Maschinenpersonal verlangt Lohnerhöhung und Gewährung von Sonntags- und Nachtruhe. Die Matrosen erhielten bisher 24 Mt. WochenJohn, sie verlangen 4 Mr. mehr; 2 bis 3 Mt. wurden ihnen schon Nr. 17 zugelegt, sie sind aber damit nicht zufrieden. Die Heizer betommen jett 28 Mt. in der Woche, fie fordern 30 Mt. Überzeitarbeit wurde bis jetzt überhaupt nicht bezahlt. Dabei ist die Arbeitszeit gänzlich ungeregelt und überaus lang. Arbeitszeiten von 105 bis 110 Stunden in der Woche sind keine Seltenheiten, ebenso ununterbrochene Dienstzeiten von 60 bis 72 Stunden. Die Bewegung erstreckt sich hauptsächlich auf den Niederrhein, doch kommen auch einige Firmen auf dem Oberrhein mit in Betracht. Die Einstellung der Arbeit ist allgemein, da das Schiffspersonal au etwa 85 Prozent im Transportarbeiterverband und im Verband der Heizer und Maschinisten organisiert ist; etwa 4000 Mann Streifen. In der Metallindustrie des Maingaues und im hannoverschen Bezirk wird ein Kampf um Verkürzung der Arbeitszeit geführt. Für den Maingau kam es in Frankfurt am Main zu Verhandlungen; diese scheiterten jedoch. Die Aussperrung wollten die Unternehmer am 4. Mai vornehmen. Die Arbeiter forderten statt der bisherigen 57stündigen Arbeitswoche die 54stündige. Die Unternehmer wollten die Arbeitszeit nur um eine Stunde, also auf 56 Stunden verkürzen. Die Arbeiter ließen sich schließlich dazu herbei, ihre Forderung auf 55 Stunden herabzusetzen. Auch das war aber den Herren noch zu unbescheiden". An der einen Stunde scheiterten die Verhandlungen. In Hannover wird ebenfalls eine Verkürzung der Arbeitszeit von 57 Stunden auf 54 Stunden in der Woche verlangt. Die Unternehmer lehnen eine allgemeine Festsetzung der Arbeitszeit ab, die Festsetzung soll den einzelnen Firmen überlassen bleiben. Bis jetzt haben die Arbeiter bei einigen Firmen die Arbeit niedergelegt. Der Unternehmerverband hat beschlossen, daß keine Firma unter 57 Stunden wöchentliche Arbeitszeit gewähren darf, nur eine Lohnzulage von 3/2 Prozent soll zugestanden werden. Wenn die Unternehmer ihre Bedingungen durch eine Aussperrung der Arbeiter durchseßen wollen, werden etwa 10 000 Metallarbeiter in den nächsten Tagen aufs Pflaster fliegen. Auf der Vulkanwerft in Hamburg legte die gesamte Belegschaft, 4500 Mann, die Arbeit nieder wegen Maßregelung eines Vertrauensmannes. Vom Verband der Schneider ist eine erfreuliche Zunahme der Zahl der weiblichen Mitglieder zu melden. Neben beinahe 38 000 männlichen Mitgliedern wurden 10 499 weibliche im Jahre 1911 gezählt. Für das große Heer der Arbeiterinnen, die in der Konfektion beschäftigt werden, ist das zwar immer noch eine geringe Bahl, doch beweist der erzielte Fortschritt, daß die Organifationsarbeit nicht bergeblich bleibt. Er muß die Genossinnen anspornen, überall den gewerkschaftlichen Zusammenschluß der Frauen und Mäschen im Schneidergewerbe energisch zu fördern. In frecher Weise wird im Ruhrrevier das Gesetz gebrochen von der Polizei, die Schüzerin des Gesetzes sein soll. Vor einiger Zeit hielt sie Haussuchungen ab in den Geschäftsräumen der Arbeiterzeitungen in Essen und Duisburg und in den an diesen Drten befindlichen Ortsverwaltungen des Transportarbeiter. verbandes. Angeblich sollte der Drucker einer in Duisburg bertriebenen Boftfarte ermittelt werden, die das Bildnis des von einem Arbeitswilligen erschossenen Arbeiters enthält. Die Effener Polizei bemächtigte sich bei der Haussuchung sämtlicher Mitgliederlisten des Transportarbeiterverbandes, obschon diese doch nicht den geringsten Aufschluß über den Drucker der Postkarte geben können. Die gesetzlichen Bestimmungen über die Beschlagnahme verlangen, daß die Listen mit dem übrigen Material unverzüglich dem Untersuchungsrichter überliefert werden müssen. Statt dessen nahm die Essener Polizei von ihnen genaue Abschriften. Doch verriet sie ihre ungefeßliche Handlung selbst. Denn bei der Rückgabe des beschlagnahmten Materials an den Transportarbeiterverband hatte sie das Bech, eine von ihr gefertigte Abschrift der Mitgliederlisten mit aus. zuhändigen. Ihr rechtswidriges Vorgehen frönte die Polizei aber dadurch, daß sie die abgeschriebenen Listen sogleich der Essener Eisenbahndirektion übermittelte. Die Eisenbahndirektion ihrerseits beging einen schweren Eingriff in das Koalitionsrecht der Arbeiter und maßregelte einen in der Mitgliederliste aufgeführten Eisenbahner. Allerdings gab man dem Gemaßregelten zu verstehen, er könne im Eisenbahndienst verbleiben, wenn er weitere Mitglieder bes Transportarbeiterverbandes im Eisenbahnbetrieb namhaft machen wolle. Diese Schurkerei lehnte der Gemaßregelte ab. Hat vielleicht bie Eisenbahndirektion für die Abschrift der Liste gezahlt, wie vor einiger Zeit der Zechenverband? Denn der geschilderte Fall ist ja nicht der erste von der Polizei begangene Rechtsbruch dieser Art. Vor furzem wurde bekannt, daß die Polizei gegen hohe Bezahlung die Mitgliederlisten des Steigerverbandes an den Bechenverband ausgeliefert hat. Die Polizei wird also einmal dafür bezahlt, bab sie das Gesetz schützt, und dann dafür, daß sie das Gesetz bricht. Nr. 17 Die Gleichheit Solange die Scharfmacher noch eine so willige Helfershelferin haben, tönnten sie sich eigentlich ihr Geschrei nach Maßregeln ersparen, bie Soalitionsfreiheit zu erdrosseln. # Die Aussperrung der Textilarbeiter in Neumünster. Zu Beginn dieses Jahres reichten die Arbeiter der Firma Gebr. Hanssen. Brachenfeld einen Mindestlohntarif ein, der zugleich eine Lohn erhöhung vorsah. Bei der ersten Zusammenkunft mit dem Arbeiterausschuß bezeichneten die Unternehmer den Tarif als einen„ Wisch, der in den Papierforb gehöre". Später indessen gaben sie selbst au, daß ein Arbeiter in Neumünster von einem Wochenlohn von 18 M. nicht leben tönne, und sie versprachen bestimmt, eine Lohnerhöhung zu gewähren und die Löhne durch Tarif regeln zu lassen. Zwet Tage darauf brachen die Herren ihr feierliches Versprechen. Nunmehr legten gegen 250 Arbeiter und Arbeiterinnen dieser Firma die Arbeit nieder. Trotzdem verschiedene Fabrikanten die Notwendig teit einer Lohnerhöhung anerkannten, erklärte sich der Fabrikantenverein der Textilindustrie in Neumünster mit der wortbrüchigen Firma einig und unterstützte sie durch die Aussperrung von tausend Arbeitern, darunter 500 Frauen. Jetzt eilt auch noch der Arbeit. geberverband der deutschen Textilindustrie zur Hilfe herbei und gewährt dem Fabrikantenverein in Neumünster seinen Schuß, weil es den Arbeitern nicht um eine Verbesserung der Löhne zu tun set, sondern um die Erzwingung grundsäßlicher Forderungen der Gewerkschaft". Also wenn die Arbeiter auf der Einhaltung eines gegebenen Wortes bestehen, so nennt das der Arbeitgeberverband der deutschen Textilindustrie„ eine grundsätzliche Forderung der Gewerk schaft". Um die Ehrlichkeit der Unternehmer muß es schlimm bestellt sein, wenn auch das noch die Gewerkschaften zu einer grundsätzlichen Forderung erheben müßten. Daß es sich für die Arbeiter jezt nicht um die Erzwingung grundsätzlicher Forderungen handelt, sondern nur um die Milderung der härtesten Not, muß der Arbeitgeberverband wissen. Hat doch die Arbeiterschaft der Firma Gebr. Hanssen und dem Oberbürgermeister von Neumünster offiziell mitgeteilt, sie sei bereit, die eingereichten Mindestlohntarife zurückzuziehen, wenn nur entsprechende Lohnerhöhung für die schlechtest ent lohnten Arbeiter gewährt würde. Doch die Firma wie der Fabrifantenverein lehnten jede Einigungsverhandlung schroff ab. Freilich Zündstoff für eine grundsägliche Abrechnung mit den Ausbeutern ist in Neumünster genügend angehäuft. Es sei nur hingewiesen auf die rohe Behandlung, auf die fortgesette Maßreglung der Stom missionsmitglieder und auf die gemeinen Beschimpfungen, die die Arbeiter seit Jahren erdulden müssen. Die Fabrikanten suchen jetzt Arbeitswillige aus Österreich heranzuholen, namentlich Spinnereiarbeiterinnen wollen fie als Streitbrecherinnen gewinnen. Es wird daher vor Zuzug von Textilarbeitern aller Art nach Neumünster dringend gewarnt. Aus der Holzindustrie. Die organisierten Holzarbeiter haben die letzten Wochen eifrig benutzt, um die Maiforderung des Acht stundentags ihrer Verwirklichung näher zu bringen. Zwar gibt es auch heute noch in der Holzindustrie vereinzelt Arbeitszeiten von über 10 Stunden täglich, es handelt sich aber dabei fast durchweg um weltentlegene Orte oder um Branchen, deren Arbeiterschaft der Organisation bisher noch schwer zugänglich war. Doch erzielt auch hier die Aufklärungsarbeit schrittweis Erfolge. Auf der anderen Seite hatten am Jahresschluß 1911 schon 29600 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Holzindustrie eine tägliche Arbeitszeit von 8 bis 8 Stunden und weitere 59400 eine solche von 8 bis 9 Stunden durch Tarif gesichert. Von 182025 zu dieser Zeit unter Tarifver trägen Arbeitenden hatten nur 9967 eine Arbeitszeit, die länger als täglich 9 Stunden währte. Dies Verhältnis hat sich jedoch in den vier verflossenen Monaten dieses Jahres bereits bedeutend günstiger für die Arbeiter gestaltet. Die große Tarifbewegung bes Frühjahrs brachte die Arbeitszeit in 5 Orten auf 56 beztv. 57, in je 4 Drten auf 54 und 52 und in 2 auf 58 Wochenstunden herab. Bor furzem ist nunmehr die rheinisch- westfälische Tarifgruppe auf friedlichem Wege erneuert worden, und auch dabei wurde eine bedeutsame Arbeitszeitverkürzung durchgesezt. Die Großstädte Bochum, Dortmund, Essen und Hagen- Haspe erzielten für die neue Vertragsdauer eine Stunde Arbeitszeitverkürzung und kommen damit auf 53 Wochenstunden. Für Borbed, Gelsenkirchen und Recklinghausen wurde mit 2 Stunden Verkürzung nunmehr bie 54stündige Arbeitswoche festgelegt, für Glabbed die 55 stündige. In Bottrop, Hamborn und Wanne, die bisher 59 wöchent liche Arbeitsstunden hatten, ist die Arbeitswoche auf 56 Stunden herabgesetzt worden. Für Ahlen, Bitmathe, Büdenscheid und Lütgendortmund gelang es, bie Arbeitszeit auf 57 Stunden wöchentlich zu senten. Zu der Arbeitszeitverkürzung tritt überall eine staffelweise Erhöhung der Stundenlöhne um 5 oder 6 f., wodurch der vertragliche Mindest- oder Durchschnittslohn auf 58 bis 269 63 f. für die Stunde steigt. Der höchste Satz von 68 Pf. wird in Bochum, Dortmund und Essen erreicht. Dieser Erfolg ist um so beachtenswerter, als gerade im rheinisch- westfälischen Industriegebiet allgemein noch recht lange Arbeitszeiten herrschen. Ferner ist dort in der Holzindustrie der Arbeitgeberbund für das Baugewerbe stark ausschlaggebend, und dieser betrachtet es betanntlich als ein besonders frevelhaftes Unterfangen, wenn die Proletarier eine Arbeitszeit von weniger als täglich 10 Stunden fordern. Erschwert werden zudem in diesem Gebiet alle Lohnkämpfe badurch, daß hier neben dem Deutschen Holzarbeiterverband auch noch der Zentralverband christlicher Holzarbeiter und der Gewerk. verein der Holzarbeiter( H.-D.) Mitglieder haben. Allerdings haben auch die Arbeitgeber dort mit mehreren Drganisationen zu rechnen, mit dem Bauarbeitgeberbund und einem Bund der Tischlerinnungen. Von den Erfolgen dieser Gruppenbewegungen abgesehen, find in letzter Zeit auch in zahlreichen einzelnen Orten wesentliche Fortschritte erzielt worden. So ſetzten bie Tischler in Torgau drei Stunden Arbeitszeitverkürzung durch. Der gleiche Erfolg wurde in Weinheim bei zwei großen Firmen errungen, außerdem Lohnausgleich und darüber hinaus 5 Pf. Aufschlag auf den Stundenlohn. In Wilhelmshaven wurde ohne Streit die Arbeitszeit von 54 auf 53 Wochenstunden herabgesetzt, die Löhne steigen um insgesamt 7 Bf. pro Stunde. Die Arbeitszeit wurde ebenfalls in Ahrensburg bei Hamburg und Varel in Oldenburg verkürzt, der Lohn stieg dort um 7 Pf., hier um 5 bezw. 6 Pf. In Mittweida und Garmisch wurden Bewegungen erfolgreich abgeschlossen. Trotzdem stehen aber unablässig größere Scharen von Arbeitern im Lohnkampf. In Berlin streifen gegenwärtig die Stellmacher in 11 Wagenfabriken, desgleichen in der Görliger Waggonfabrit. Der Kampf um Durchführung der Schiedssprüche, die in der Frühjahrsbewegung gefällt wurden, dauert in Brieg und Schönlante nun schon seit Februar an, doch sind gegenwärtig wieder Verhandlungen im Gange. Die Stodarbeiter stehen im Streit in Wald und mit über 400 Personen, darunter viele Arbeiterinnen, auch in Kassel- Bettenhausen. Die Schiffbauer sind ausständig auf den Elbewerften in Schönebed und Um gegend. über 200 Holzarbeiter find an dem Kampfe der Metallarbeiter in Frankfurt a. M. beteiligt. Die Korbmacher ringen in größerer Bahl mit einer Kinderwagenfabrik in Rothen. burg o. d. X. um eine Lohnerhöhung. Nach den bisherigen Erfolgen der Kämpfe ist zu hoffen, daß im laufenden Jahre die Arbeiter der Holzindustrie einen noch größeren Schritt vorwärts kommen als 1911. fk, Die Beendigung des Kampfes im Schneidergewerbe. Wie bereits in Nr. 14 der„ Gleichheit" mitgeteilt wurde, hat Herr Dr. Hiller, Gewerbegerichtsvorsitzender in Frankfurt a. M., im Auftrag des Staatsministers Delbrück die Vermitt lung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen im Schneidergewerbe übernommen. Die Verhandlungen begannen am 26. März in Frankfurt a. M. und nahmen drei Tage in Anspruch. Das Verlangen der Arbeitervertreter, daß örtliche Ver handlungen freigegeben werden sollten, lehnten die Bertreter der Arbeitgeber strikte ab. Herr Dr. Hiller schlug darauf vor, daß ein Lohnzuschlag von mindestens 5 Prozent zu gewähren sei, sowie daß ein Kollegium von drei Unparteiischen über die Beseitigung bon Fehlern und Unebenheiten des letzten Angebots der Arbeitgeber( Ultimatum) entscheiden solle, und zwar nachdem es Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer der einzelnen beteiligten Orte gehört habe. Die Vertreter des Verbandes wie des Gewerkvereins der Schneider( Hirsch- Dunder) lehnten den Vorschlag ab wie noch zwei weitere Vorschläge des Herrn Dr. Hiller. Der Arbeitgeberverband dagegen wie auch die Vertreter des Christlichen Berbandes stimmten schon dem ersten Vermittlungs vorschlag des Unparteiischen zu. Nach dem vierten und letzten Vorschlag Dr. Hillers follten die Vertreter der Arbeiter einem Kollegium von drei Unparteiischen ihre Wünsche vortragen, das bann unbekümmert um das bisherige Angebot der Arbeitgeber über die Höhe des Lohnzuschlags zu entscheiden hätte. Die Verhandlungen sollten am 1. April in Jen a beginnen, am selben Lage seien Streit und Aussperrung aufzuheben. Die Vertreter der Arbeitnehmer verpflichteten sich, diesen legten Vorschlag den Streifenden zur Zustimmung zu empfehlen. Von den Ausständigen stimmten jedoch nur 551 dafür und 4284 dagegen, 22 hatten sich der Abstimmung enthalten. Trobem trat das unparteiische Kollegium, bestehend aus den Herren Dr. Hiller Frankfurt a. M., Magistratsrat b. Schulz Berlin und Gerichtsdirektor Dr. PreunerMünchen am 2. April in Jena zusammen. Nach längeren Beratungen wurden die brei Unparteiischen als Einigungskom 270 Die Gleichheit mission anerkannt. Die Vertreter der Arbeiter aus den einzelnen Städten hatten nun vor der Kommission ihre Forderungen zu begründen, und die Arbeitgebervertreter mußten ihre Gegengründe geltend machen. Die anwesenden Vertreter der Zentralvorstände fonnten jederzeit zugunsten ihrer Mitglieder in die Debatte eingreifen. Nachdem die Unparteiischen" sich auf diese Weise in formiert hatten, zogen sie sich zur Beschlußfassung zurück. Ihrer Entscheidung war in jedem einzelnen Falle eine Begründung beigefügt. Die durch ihren Schiedsspruch erzielten Prozente auf die Grundlöhne betragen für Berlin 8/2, Köln, Trier und Meiningen 5/2, Düsseldorf und Halle 7/2, Hamburg in Klasse Ia 7/2, Ib und IIa 7, IIb 11 und Klasse III 7, Liegniß für schwarze Sachen und Hosen 12, im übrigen 7/2, Lübeck für Zivil- und Damenschneiderei 7/2, für Uniform und Lieferung 5, Magdeburg 7, München 9, Quedlinburg 6, Solingen 5 Prozent. Auf Grund dieser prozentualen Zuschläge hatten die örtlichen Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Prozente auf die einzelnen Tarifpofitionen umzurechnen. Es war ihnen dabei der weiteste Spielraum insofern gelassen, als sie die Prozente auf die einzelnen Positionen verschieden verteilen konnten, vorausgesetzt daß im Durchschnitt der festgelegte Prozentsaß dabei herauskam. Ein Einspruchsrecht gegen die Beschlüsse der Unparteiischen stand weder den Arbeitgebern noch den Arbeitnehmern zu. Am Schlusse der Verhandlungen fand eine kurze Debatte über die Einführung eines Reichstarifvertrags statt. Vereinbart wurde, daß die Zentralvorstände der in Betracht kommenden Organisationen sich verpflichten, innerhalb der nächsten drei Monate unter dem Vorsitz der drei Unparteiischen zur Beratung der Frage zusammenzutreten. Die Parteien wie die Unparteiischen können Anträge dazu einreichen. Im allgemeinen sind die Arbeiter mit dem Abschluß des Kampfes zufrieden, wie die Refolutionen bei der Berichterstattung über die Jenaer Verhandlungen bekunden. Notizenteil. Dienstbotenfrage. H. Stühmer. Dienstmädchen in Kurorten. In der Göppinger Freien Volkszeitung" schreibt ein Dienstmädchen folgende Mahnung, die in weitesten Kreisen bekannt werden sollte:„ Es rückt wieder die Zeit heran, wo die reichen Leute sich in die Kurorte begeben, um sich dort von ihren Strapazen zu erholen. Auch manches Mädchen wird in die Kurorte gelockt und kehrt nach viel Mühsal enttäuscht zurück. Zur Warnung möge mein eigenes Erlebnis dienen. Ich war in einer Stellung als Zimmermädchen und hatte es soweit ganz ordentlich, nur fehlte es mir an Freiheit, auch der Lohn ließ zu wünschen übrig. Als das Frühjahr kam, wollte ich meine Lage verbessern; den gleichen Wunsch hatte meine Freundin. Da wir von verschie denen Mädchen gehört hatten, daß man in einer Saisonstelle in sechs Monaten soviel verdienen würde, wie anderswo in einem Jahr, so entschlossen wir uns, in eine solche Stelle zu gehen. Wir schrieben nun an eine Stellenvermittlerin in Bad Nauheim, die uns gleich mitteilte, daß sie zwei gute Stellen für uns als Zimmermädchen habe. Wir waren ganz glücklich und teilten ihr mit, daß wir kommen würden. Der 1. Mai kam, und wir fuhren zusammen mit anderen Mädchen nach Bad Nauheim. Wir waren unterwegs sehr vergnügt, bis sich ein Mann zu uns gesellte und uns fragte, wo wir hinreisten. Wir sagten es ihm, worauf er erwiderte, daß von da schon viele Mädchen unglücklich wieder zurückgekehrt seien. Wir sollten uns nur nicht überall hintun lassen. Endlich famen wir nach achtstündiger Fahrt in Bad Nauheim an. Am Bahnhof erwartete uns der Stellenvermittler, der uns gleich recht grob empfing. Wir mußten durch viele Straßen gehen, bis wir an das Haus der Stellenvermittlerin kamen. Als wir nach unseren Plägen fragten, gab die Stellenvermittlerin uns zur Antwort: Ihr müßt eben warten, ich muß zuerst sehen, welche Frauen noch ein Mädchen brauchen. So warteten wir bis abends 7 Uhr bei der Frau, ohne zu wissen, wohin. Endlich sagte sie uns, wir müßten bei ihr übernachten, sie könne jezt in kein Haus mehr gehen, es sei zu spät. Als wir fragten, was das übernachten koste, sagte sie ganz ruhig: 2 Mt. Auf dieses Angebot ging ich nicht ein, ebensowenig meine Freundin. Wir sagten der Frau, wir wollten lieber wieder nach Hause fahren, denn wir hatten schon genug, worauf sie uns zur Antwort gab, daß wir nicht gehen dürften, weil wir nach hier verdingt seien und hier bleiben müßten. Es gelang uns nach allerhand Schwierigkeiten und Ausgaben, eine Stelle zu bekommen, während die anderen Mädchen, die kein Geld mehr hatten, vollkommen der Nr. 17 Willkür der Stellenvermittlerin ausgeliefert waren. Diese brachte sie schließlich in sehr schlechten Stellen unter, wo sie das Schlimmste zu erdulden hatten, weshalb sie auch Nauheim nach kurzer Zeit wieder verließen. Ebenso erging es meiner Freundin, die nicht ge= nug zu essen bekam und deshalb auch bald krant nach Hause gehen mußte. Ich hatte in meiner Stelle eine Arbeitszeit von morgens 5 bis nachts 11 Uhr und mußte sehr streng arbeiten. Den Sonntag bekam ich nicht frei. Den erhofften guten Verdienst hätte ich nur erreichen können, wenn ich mich zu allerlei wüsten Zwecken hätte mißbrauchen lassen. So aber habe ich weniger verdient als in meiner anderen Stelle. Ich kehrte, als die Saison zu Ende war, enttäuscht und abgeschunden zurück." Dieses Beispiel zeigt wieder, wie dringend erforderlich es iſt, daß auch die Dienstmädchen die Notwendigkeit begreifen lernen, fich zu organisieren. Denn nur eine starke Organisation fann Un erfahrene vor der gewissenlosen Ausbeutung schüßen, die überall auf sie lauert. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Die vierte Jahresversammlung des Verbandes der sozialdemokratischen Frauenvereine Hollands hat zu Ostern stattgefunden. 22 Frauenvereine waren vertreten. Die Vorsitzende, Genossin Wibaut, erinnerte in ihrem Bericht an die bedeutendsten Vorgänge im verflossenen Geschäftsjahr; an die Agitation, um der Massenpetition für das allgemeine Wahlrecht aller Großjährigen viel Unterschriften zu gewinnen; an die Verhandlungen des Parla ments über wichtige Fraueninteressen; an das bevorstehende Krankenversicherungsgesetz, das wahrscheinlich keinen genügenden Mutter schaftsschutz bringen werde; an die Lehrerinnen und weiblichen Staatsbeamten, denen bei Verheiratung Entlassung droht usw. Genossin Wibaut wies nach, daß die herrschende Bourgeoisie die tiefste Empörung der Frauen herausgefordert habe, und daß diese Em pörung ihren Höhepunkt in dem Kampf für das allgemeine Wahlrecht finden müsse. Sie forderte die Genossinnen auf, energisch da. für zu sorgen, daß der bevorstehende Frauentag zur Kundgebung des ernsten Willens werde, volle staatsbürgerliche Rechte für das weibliche Geschlecht zu erobern. Die Schriftführerin des Verbandes teilte mit, daß nach einem Beschluß des Vorstands der Frauentag am 12. Mai stattfinden werde, am gleichen Tage wie in Deutsch land und Österreich. Die sozialdemokratische Partei unterstützt die Genossinnen kräftig bei der Kundgebung. Die Schriftführerin machte noch weitere Angaben über die Vorbereitungen zum Frauentag. Die Gewerkschafts- und Parteiblätter veröffentlichen über das Frauenwahlrecht und den Frauentag Artifel, die ihnen von dem Preß komitee des Verbandes zugesendet werden. Eine Broschüre über das allgemeine Frauenwahlrecht, von Genossin Wibaut verfaßt, soll Aufklärung über die Wichtigkeit unserer Forderung in weite Kreise tragen. Die Parteiorganisationen verbreiten ein Flugblatt zugunsten des allgemeinen Frauenwahlrechts, das der Parteivorstand herausgegeben hat. Die Genossinnen selbst betreiben eine kräftige Agitation. Sie tragen ein entsprechendes Flugblatt in die Wohnungen und schließlich Handzettel, die zum Besuch der Versammi-. lungen am 12. Mai auffordern. Eine illustrierte Festnummer der „ Proletarischen Vrouw" wird am Frauentag in den Straßen zur Verbreitung gelangen. 20 Rednerinnen haben sich für die Kundgebung gemeldet. Jn 20 Städten, wo Frauenklubs bestehen, wird eine öffentliche Versammlung stattfinden, bei der ein Genosse und eine Genossin die Forderung des Frauenwahlrechts begründen. So werden sich hoffentlich am 12. Mai mit den mächtigen Chören der deutschen und österreichischen Genossinnen helle, freudige länge des Willens der Genossinnen aus Holland mischen. Die Jahresberichte des Vorstands fanden Zustimmung. Die Abonnentenzahl der„ Proletarischen Vrouw" ist von 2200 auf 2700 gestiegen, die Auflage des Blattes beträgt 5000. Der Redaktion wurde Lob für ihre vortreffliche Arbeit gespendet, ebenso dem Preßkomitee, das regelmäßig Gewerkschafts- und Parteiblätter mit Beiträgen für die besondere Frauenseite versorgt. Die Kinderbeilage wird gern gelesen. Die Jahresversammlung hatte den Entwurf eines neuen Verbandsstatuts zu beraten. Als Zweck der Organisation wird darin bezeichnet: Die Propaganda für den Sozialismus unter den Frauen zu fördern, gemäß den Grundsägen der sozialdemokratischen Partei. Mittel zum Zweck sollen sein: Die Gründung von Frauenklubs, Agitationskommissionen oder Korrespondenzen, die Herausgabe eines sozialdemokratischen Frauenblattes; die Verbreitung von Flugblättern; die Mitarbeit zur Ausgestaltung der Frauenseite in Gewerkschaftsund Parteiblättern; die Beschaffung von Studien- und Agitationsmaterial für die Frauenvereine; die Anregung zur Beteiligung der Frauen an den Parteiarbeiten usw. Das Statut bestimmt, daß die Nr. 17 Die Gleichheit Mitglieder des Verbandes auch der sozialdemokratischen Partei als Mitglieder angehören müssen. Der Verband fordert das Recht der Vertretung und Verantwortung vor dem Parteifongreß. Der Partei borstand unterstützte diese Forderung und stellte einen gleichlautenden Antrag zur Tagesordnung des Kongresses. Zum viertenmal aber tam leider der Antrag nicht zur Verhandlung. Das vorliegende Statut gelangte zur Annahme. Der Verbandsvorstand hatte die Abficht gehabt, ihm zur Begründung den Nachweis hinzuzufügen, von welcher Tragweite die Organisation der sozialdemokratischen Frauen ist. Da es jedoch unmöglich war, diese Ausführungen kurz zusammen zudrängen, so wird eine eigene Broschüre zu der Frage erscheinen. Einstweilen begründete die Schriftführerin des Verbandes in einem Referat die Notwendigkeit, sozialdemokratische Frauenorganisationen ins Leben zu rufen. Ihre Gedankenzüge grundsätzlicher Art stügte fie auf die internationalen Erfahrungen praktischer Natur. Die Jahresbersammlung wurde mit einem Aufruf zur stetigen Arbeit für den internationalen Frauentag geschlossen. Frauenstimmrecht. H. A. anDer einheitliche Kampf der organisierten Arbeiterinnen Englands für das allgemeine Frauenivahlrecht wird von den Ge nossinnen vorbereitet. Den äußeren Anstoß dazu hat die angekündigte Wahlrechtsreform der Regierung gegeben. Diese Reform soll zu einer wirklich demokratischen gemacht werden, die fich nicht darauf beschränken kann, die bestehenden Schranken für das Männerwahlrecht niederzureißen, vielmehr das allgemeine Frauenwahlrecht gewähren muß. Um dieſes Biel zu fördern, tagte am 30. März in der Essex Hall zu London eine Konferenz von Vertreterinnen der Arbeiterinnengewerkschaften und derer Organisationen proletarischer Frauen. Die Initiative dazu war von dem„ Verband für Volkswahlrecht"( People's Suffrage Federation) ausgegangen. Die starke Beschickung der Konferenz durch die Frauengewerkschaften erwies, daß die Veranstaltung als notwendig erkannt wurde, mit anderen Worten, daß die organisierten Arbeiterinnen das Bedürfnis nach politischer Gleichberechtigung empfinden. Die organisierten Aufwarte- und Buzz frauen in den Schulen, die dem Londoner Grafschaftsrat unterstehen, die Verkäuferinnen, Schneiderinnen, Munitionsmache rinnen, Buchbinderinnen, Schachtelmacherinnen, Wäscherinnen, Dienstmädchen, Arbeiterinnen in Schokolade- und Zuderwarenfabriken waren durch Delegierte vertreten, ebenso die Hausfrauen und Mütter, die in der Frauengenossenschaftsgilde" und der Gilde der Eisenbahnerfrauen zusammengeschlossen sind. Dazu tamen 27 Delegierte der„ Liga für die Interessen der erwerbstätigen Frauen", die die verschiedensten Berufsgruppen vertraten. Genoffin Macarthur führte den Vorsitz und gab in ihrer Eröffnungsrede einen trefflichen überblick über die Frage, die auf der Tagesordnung der Konferenz stand: das Wahlrecht für das ganze weibliche Geschlecht. Es sprachen die Vertreterinnen vieler Arbeiterinnenorganisationen, und alle waren in der Forderung einig, daß der Kampf für das Wahlrecht aller Großjährigen ohne Unterschied des Geschlechts energisch aufgenommen werden müsse. Besonderen Beifall fand die kurze Ansprache von Genossin Neal, Delegierte der Hausangestellten union. Sie wies die Geschicklichkeit und Fähigkeit nach, die die Frau in der Familie und der Gesellschaft aufwenden muß, um ihre Pflichten zu erfüllen, und begründete damit ihren Anspruch auf die Zuerkennung des Wahlrechts. Mit stürmischer Heiterfeit nahm die Konferenz die Kritik auf, die Genossin Price, Bertreterin der Liga, an den landläufigen Einwänden der Gegner bes Frauenwahlrechts übte. So war fürzlich behauptet worden, die Neuerung müsse dem Parlament zum Schaden gereichen, weil hübsche Frauen dort unbilligen Einfluß auf die Männer ausüben würden. Genossin Price erwiderte darauf, daß alles in allem auch eine hübsche Frau etwas verstand haben könne, und daß es vielleicht in furzer Zeit schon mit ihrer Schönheit vorbei sei". Die Konferenz nahm einstimmig folgende zwei Resolutionen an, von denen die erste von Genossin Hood, die zweite von Genossin Phillipps eingebracht worden war. 1.„ Die Konferenz von Delegierten, die die Gewerkschaften und andere Organisationen bon Industriearbeiterinnen, Handelsangestellten, Hausfrauen und Dienstmädchen vertreten, fordert das Wahlrecht für jede großjährige Frau in der gleichen Weise wie für jeden großjährigen Mann als das einzige Mittel, den Erwerbstätigen jeden Berufs den gebührenden Einfluß auf die Regierung des Landes und die Reform der wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen zu geben." 2. Diese Konferenz fordert die Mitglieder des Parlaments und alle Freunde der Arbeit und des Fortschritts dringend 271 auf, in biefem bedeutsamen Augenblid ihr Kußerstes zu tun, da mit die Regierungsvorlage zur Wahlrechtsreform allen großjährigen Männern und Frauen das Wahlrecht auf Grund kurzer Ortszugehörigkeit sichert." Die Delegierten sind verpflichtet, die beiden Refolutionen ihren Organisationen zur Annahme vorzulegen. Von den Organisa tionen sollen fie dann den betreffenden Parlamentsabgeordneten zugestellt werden. Eine kraftvolle Agitation unter den Arbeiterinnen wird die erhobene Forderung unterstüßen. Da sie einsehen soll, sobald die Regierung mit ihrer Reformbill herauskommt, haben die Genossinnen für dieses Jahr von der Veranstaltung eines Frauentags abgesehen. Sie hoffen, nächstes Jahr zusammen mit den sozialistischen Frauen aller Länder zu demonstrieren. Die Wahlbeteiligung der Frauen an den jüngsten Gemeinderatswahlen in Kopenhagen ist etwas geringer gewesen als 1909. Nach dem offiziellen Bericht des statistischen Bureaus find von 67478 wahlberechtigten Frauen 46 347 zur Urne gegangen, das ist 68,7 Prozent gegen 69,4 Prozent bei der vorigen Wahl. Von den 70326 männlichen Wahlberechtigten haben 56795 abgestimmt, das ist 80,8 Prozent. Die Wahlbeteiligung der Männer ist seit 1909 ganz unerheblich gestiegen, sie hat damals 80,5 Prozent betragen. Daß die Zahl der Wählenden beider Geschlechter gesunken ist, muß mithin allein auf Rechnung der weiblichen Wahlberechtigten geſetzt werden, die auf die Ausübung ihres Bürgerrechts verzichtet haben. Bei der langen Absperrung der Frauen vom öffentlichen Leben ist das nicht verwunderlich. Fleißige Aufklärungsarbeit wird darin Wandel schaffen. Auch die Männer haben erst zur Ausübung und zum richtigen Gebrauch ihres Wahlrechts erzogen werden müssen. Eine Frau als Kandidatin zum böhmischen Landtag ist bei den Nachwahlen im Bezirk Nimburg- Jungbunzlau von Jungtschechen und Nationalsozialen aufgestellt worden. Es ist die Schriftstellerin Kunetnizka, deren Wahl als gesichert gilt. Sie ist nicht die erste Frau, die sich um ein Mandat bewirbt. Bereits bei früheren Hauptwahlen hatten die Sozialdemokraten unsere Genossin Macha als Kandidatin aufgestellt, und auch die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen standen mit einer Bannerträgerin im Felde. Das bestehende Wahlrecht ist ein Besizwahlrecht, das die Wähler nach Klassen Kurienscheidet. In der Kurie der Grundbesizer haben auch die Frauen das aktive Wahlrecht. Ob es ihnen auch in den anderen Selassen zusteht, ist eine strittige Frage, die in einzelnen Wahlkreisen verschieden beantwortet wurde. Jedenfalls ist es im Bejahungsfall an einen Zensus von 8 Mt. gebunden, den die wenigsten proletarischen Frauen entrichten können. Die Wählbarkeit der Frauen als Abgeordnete läßt das Wahlgesetz zu. Kein Frauenwahlrecht in New York und New Jersey, ist das vorläufige Ergebnis der Verhandlungen über die Frauenwahlrechtsvorlagen in beiden Staatssenaten. Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen hatten nach ihrem Sieg in Kalifornien gehofft, daß ihre Forderung nun auch in den beiden hochentwickelten Industriestaaten der Union triumphieren werde. Der Senat von New Jersey wo die Frauen bereits am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts vollberechtigte Staatsbürgerinnen gewesen find lehnte die demokratische Reform mit 17 gegen 3 Stimmen ab. Günstiger war der Ausfall in dem Senate des Staates New York, hier unterlag die nämliche Vorlage zur Einführung des Frauenwahlrechts nur mit 19 gegen 21 Stimmen. Die Macher der beiden großen bürgerlichen Parteien, die sich sonst meist auf das heftigste befehden Repu blikaner und Demokraten waren eins in ihrem Widerstand gegen die Zuerkennung vollen Bürgerrechts an 1/2 Millionen wahlmündiger Frauen. Die sinnlose Tattit der englischen Suffragettes mußte als Vorwand für die Rechtsverweigerung herhalten. Der Senator Mc. Clolland erklärte:„ Und jetzt höre ich, wie das Fensterglas unter den Hammerschlägen der sanften Suffragettes jenseits des Dzeans flirrt." Das Unterhaus des Staates New York hat bereits der Einführung des Frauenwahlrechts zugestimmt, und der Senat kann schon in seiner nächsten Session wieder zu der Frage Stellung nehmen. Es ist daher die Hoffnung lebendig, daß die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts in naher Zukunft bevorsteht. Die Tagesblätter melden, daß in der Stadt New York ein Demonstrationszug von 15000 Frauen und 1000 Männern zur Agitation für das Frauenwahlrecht stattgefunden habe. Das aktive und passive Wahlrecht für den städtischen Urbeitsausschuß in Straßburg ist den Frauen zuerkannt worden, die in städtischen Diensten stehen und ein tägliches Arbeitspensum von acht Stunden haben. Die Frau in öffentlichen Aemtern. Zwei weibliche Mitglieder des italienischen Reichsarbeitsbeirats sind ernannt worden. Beide sind Genoffinnen, die an der 272 Die Gleichheit Spitze von Arbeiterorganisationen stehen: Genossin Carlotta Clerici vertritt die Hilfskaffen und Genoffin Argentina Altobelli ist die Sekretärin des Landarbeiterverbandes, hat in dieser ihrer Eigenschaft mehr als einen Streit der ausgebeute ten Reisarbeiter und-arbeiterinnen geleitet und ist bei Zusammenstößen der Ausständigen mit Gendarmerie und Militär mutvoll vor der Front gestanden. Sie war 1896 zu dem bürgerlichen internationalen Frauentongreß nach Berlin gekommen und sprach dann bei der sozialdemokratischen Gegendemonstration. Die älteren Berliner Genossinnen werden sich des tiefen Eindrucks ihrer Rede erinnern, die eine erschütternde Schilderung von den Leiden und Kämpfen der italienischen Landarbeiterschaft gab. Genossin Altobelli ist die Gattin eines Lehrers an höheren Lehranstalten. Wir möchten den deutschen Gymnasial- oder Realschulprofessor sehen, der sich den gefährlichen Lugus einer Gattin gestatten dürfte, die Führerin einer großen Arbeiterorganisation ist und bei Streiks sich dem Militär entgegenwirft, um es aufzufordern, nicht auf die kämpfenden Brüder und Schwestern zu schießen. Der Mann einer solchen Frau könnte der größte Fachgelehrte und Pädagoge sein: er bliebe nicht eine Stunde im Amte. In Italien wird die gefährliche Umstürzlerin" selbst in ein wichtiges öffent liches Amt berufen, dem ihre Sachkenntnis dienen kann. Dem Arbeiterbeirat liegt es ob, Entwürfe zu Arbeiterschutzgeseßen auszuarbeiten und Erhebungen über die Lage der arbeitenden Klasse vorzubereiten beziehungsweise vorzunehmen. Siz und Stimme haben in der Körperschaft die Vertreter der großen Arbeiter- und Unternehmerorganisationen, der Handelskammern, des Genossenschaftsverbandes, des Hilfskassenverbandes usw. Die Organisationen bringen ihre Vertreter für den Posten in Vorschlag, die Ernennung erfolgt durch den Minister für Ackerbau und Industrie. Die Amtsdauer währt drei Jahre. Weibliche Anwälte in Rußland wird es wahrscheinlich dem nächst geben. Die Dumakommission für die Reform des Gerichtswesens hat sich bereits im vorigen Jahr dafür ausgesprochen, daß die Frau unter den gleichen Bedingungen wie die Männer zur Advokatur zuzulassen seien. Sie begründete ihr Gutachten in der Hauptsache wie folgt:„ Durch die Zuerkennung des Rechtes auf Ausübung der Advokatur, das der Frauenarbeit neue Streise erschließt, wird zweifellos einem Bedürfnis der Bevölkerung entsprochen, die gegenwärtig unter dem Mangel ausreichender Rechtshilfe zu leiden hat.... Überdies wird die Zulassung der Frauen zur Advokatur dank ihrer ganz besonderen positiven Eigenschaften wesentlich zur Hebung des Rechtsstandes beitragen." Nun hat sich Ende März die Duma diesem Gutachten angeschlossen und dem Antrag zugestimmt, den Frauen die Advokatur freizugeben. In Rußland hat sich im allgemeinen die Zulassung der Frauen zu höherer Berufsbildung und Berufstätigkeit viel früher durchgesetzt als in Deutschland. Russinnen studierten an Universitäten der Schweiz und Frankreichs und erhielten Zutritt zu Hochschulen und Hochschulfursen ihrer Heimat, als die„ höhere Tochter" in Deutschland kaum vom Frauenstudium zu träumen wagte und mit Scheu von der Frauenemanzipation" sprach. Ein weiblicher Professor in Christiania wird bald an der norwegischen Landesuniversität amtieren. Der Storthing hat bei Beratung des Hochschulbudgets beschlossen, daß ein neues Professorat für Zoologie errichtet und mit Fräulein Bonnevie besetzt wird. Diese hat sich durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten in Fachkreisen einen guten Namen erworben und gilt für eine außerordentlich tüchtige Zoologin. Von den 123 Mitgliedern des norwegischen Reichstages stimmten nur 44 gegen die Errichtung des Professorats. Für Frauen als Schöffen beim Jugendgericht trat der nationalliberale Professor von Calter mit Wärme ein, als er im Reichstag die bevorstehende Reform der Strafprozeßordnung erörterte. Der erste weibliche Rechtsanwalt in Italien ist von der Advofatenfammer in Livorno einstimmig aufgenommen und in ihre Liste als gleichberechtigt zur Ausübung der Advokatur eingetragen worden. Es ist Frau Modigliano, die Gattin eines sozialistischen Parteiführers. Verschiedenes. Eheschließungen und Ehelösungen in Baden 1910. Die standesamtlich vollzogenen Eheschließungen in Baden zeigen wiederum einen Rückgang, diesmal um 138 oder 0,89 Prozent. Es famen auf 1000 Einwohner Eheschließungen: 1910 7,17, 1909 7,33, im Durchschnitt 1901/10 7,83. 1910 entfiel eine Eheschließung auf 139,4 Einwohner, 1909 auf 136,4, im Durchschnitt 1901/10 auf 127,7. Zieht man nur Personen des heiratsfähigen Alters 21 Jahre bei den Männern, 16 bei den Frauen in Betracht, so kommen 1910 auf 1000 Personen 11,3 Eheschließungen und 28 EheNr. 17 schließungen auf 1000 Stöpfe der wirklich heiratsfähigen ledigen, verwitweten und geschiedenen Bevölkerung. Der wirtschaftliche Niedergang der vorausgehenden Jahre gelangt in den Eheschließungsziffern bis 1910 hinein sehr deutlich zum Ausdruck. Nach dem Alter waren 1910 wie gewöhnlich mehr als zwei Drittel, 67,68 Prozent, sämtlicher eheschließenden Männer und nahezu vier Fünftel, 77,93 Prozent, sämtlicher heiratenden weib. lichen Personen 20- bis 30jährig. Von den übrigen eheschließenden Männern hatten 25,34 Prozent ein Alter von 30 bis 40 Jahren, so daß auf die 40 und mehr Jahre alten männlichen Personen nur 6,98 Prozent entfielen. Von den Heiratenden weiblichen Geschlechts gehörten 13,02 Prozent dem Alter von 30 bis 40 Jahren an, mithin tamen 9,05 Prozent auf sämtliche übrigen Altersklassen. Im Alter von unter 21 Jahren gingen im Berichtsjahr 14 Männer eine Ehe ein, und zwar 1 mit einer Frau von 16 Jahren, 1 mit einer Frau von 19 Jahren und 12 mit Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren. Weibliche Personen unter 20 Jahren wurden 860 geehelicht: im Alter von 60 Jahren und darüber heirateten nur 21 Frauen, dagegen 88 Männer. Von diesen Männern wurden meistens ältere Frauen bevorzugt; 6 schlossen mit 20 bis 30 Jahre alten, 17 mit 30 bis 40 Jahre alten, 26 mit 40 bis 50 Jahre alten, 25 mit 50 bis 60 Jahre alten und 14 mit älteren Frauen den Ehebund. Es sei noch erwähnt, daß ein 75jähriger Mann eine 24jährige Frau, ein 76jähriger Mann eine 33jährige Frau, ein 22jähriger Mann eine 48jährige Frau, ein 26jähriger Mann eine 57jährige Frau und ein 34jähriger Mann eine 61jährige Frau heiratete. Bei den Männern sind im letzten Jahrzent die Wiederverheira tungen fast noch einmal so häufig als bei den verwitweten und geschiedenen Frauen. In 7,04 Prozent sämtlicher im Berichtsjahr eingegangenen Ehen war der Mann verwitwet, die Frau ledig; viel weniger häufig kommen Eheschließungen zwischen ledigen Männern und verwitweten Frauen vor; der Anteil der letzteren betrug im Jahre 1910 nur 2,79 Prozent. Am seltensten, 0,09 Prozent, sind die Verbindungen zwischen Geschiedenen, ihre Zahl be trug mur 22. Es schlossen 63 Männer und 28 Frauen eine dritte, 7 Männer und 1 Frau eine vierte Ehe, und 1 Mann verheiratete sich zum fünften Male. Mit Ministerialdispens wurden 17 Eheschließungen vollzogen, und zwar bei 10 Männern, die das gesez liche Alter das vollendete 21. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, und 7 Frauen. Im Berichtsjahr fanden 10586 Ehelösungen statt, nämlich 10164 durch Tod und 422 durch Scheidung. Die Zahl der Ehe. scheidungen ist um 74 größer als im Vorjahr. In 142 Fällen wurde die Ehe wegen Ehebruchs geschieden, und zwar war 61mal die Frau die Klägerin, 73mal der Mann und Smal flagten beide Teile. Wegen böslichen Verlassens wurden 29 Ehen geschieden; in 18 Fällen war Wahnsinn und in einem Falle Lebensgefährdung die Ursache zur Scheidung, in 192 Fällen unjittliches Verhalten, grobe Mißhandlung und Verunglimpfung. Nichtigerklärung wegen Irrtum in den persönlichen Eigenschaften des anderen Ehegatten und arg listige Täuschung fam 2mal vor. In den übrigen 38 Fällen waren unsittliches Verhalten, grobe Mißhandlung und Verunglimpfung in Verbindung mit anderen Tatsachen Ursache der Scheidung. Im ganzen war 152mal der Mann und 237 mal die Frau der Klägerische Teil; in 33 Fällen flagten beide Teile. Jn 256 Fällen hat die Ehegemeinschaft weniger als 10 Jahre, in 126 Fällen 10 bis 20 Jahre, in 40 Fällen über 20 Jabre gedauert. Achtung Genossinnen! m. g. Der Zentralverband der Hausangestellten Deutschlands sucht für seine Hauptverwaltung in Berlin zum sofortigen Antritt eine geeignete Agitatorin, die die Funktionen einer zweiten Vorsitzenden übernehmen kann. Gehalt nach Übereinkunft, unter Berücksichtigung der Bedingungen des Vereins Arbeiterpresse. Schriftliche Bewerbungen sind erbeten an den Haupt: vorstand des 3entralvorstandes der Hausangestellten Deutschlands, Berlin, Michaelkirchplatz 1. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von J. 6. W. Diez Nachf. G.m.b.8. tn Stuttgart.