Nr. 20 22. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbeit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft viertelfährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Echlag auf Schlag. Von Rosa Luxemburg. Stuttgart 26. Juni 1912 MißKinderDie Frau in der Jn dustrie und Landwirtschaft Württembergs. IV. Von m. brauchte Frauenfraft in der Krankenpflege. Von M. Kt. elend in Schleswig- Holstein. Von P. R. Von der Aus der Bewegung: Viktor Adler zum 60. Geburtstag. Agitation. Berichtigung.- Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau.- Arbeitslosenzählung im Deutschen Tegtilarbeiterverband. Bon k. sch. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Fürsorge für Mutter und Kind. Familienrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenstimmrecht.- Frauenbewegung. Die Frau in öffent lichen Ämtern. Verschiedenes. Schlag auf Schlag. In der letzten Zeit überstürzen sich Ereignisse, die geeignet sind, dem sozialistischen Proletariat ernste und eindringliche Lehren über seine Klassenpolitik zu erteilen. Seit einer Reihe von Jahren hat sich in der Arbeiterbewegung berschiedener Länder eine Strömung durchzusetzen versucht, die die Notwendigkeit des Zusammengehens der proletarischen Partei mit dem bürgerlichen Liberalismus predigt. Die Beweisführung für die empfohlene Taktik ist äußerst einfach und ansprechend. Zwar sind Sozialismus und Liberalismus unversöhnliche Gegensätze, zwar sind Proletariat und Bourgeoisie geborene Todfeinde und die Endziele beider laufen einander schnurstracks zuwider. Das Proletariat muß die Abschaffung der heutigen Gesellschaftsordnung als seine geschichtliche Aufgabe betrachten, während das liberale Bürgertum umgekehrt die Verewigung der Ausbeutung und der kapitalistischen Klassenherrschaft anstrebt. Aber gibt es denn nicht trotz alledem eine ganze Reihe von näherliegenden Interessen und Aufgaben, die der kämpfenden Arbeiterklasse und der liberalen Bourgeoisie gemeinsam sind? Da ist vor allem das große Gebiet des Kampfes gegen den gemeinsamen Feind, die offene politische Reaktion. In jedem modernen fapitalistischen Staate gibt es noch mächtige Soziale Schichten als überbleibsel der vergangenen feudalen Periode der Geschichte. So das konservative Junkertum, das am liebsten das gesamte moderne Verfassungsleben, Preßfreiheit, Versammlungsrecht, Freizügigkeit abschaffen möchte. So der Klerikalismus, der danach trachtet, das ganze geistige Leben des Volfes im Banne zu halten, die Schule zu verpfaffen, Kunst und wissenschaftliche Forschung zu hemmen. Gegen diese konservativ- klerikalen Mächte der Finsternis müßten Sozialdemokratie und Liberalismus gemeinsame Sache machen. Erst müßten diese ärgsten Feinde jeden Fortschritts aus dem Wege geräumt, erst müßte ihre politische Herrschaft gebrochen werden, dann könnte die Arbeiterklasse gegen die liberale Bourgeoisie mit ganzer Rücksichtslosigkeit Front machen. Namentlich aber sei die Sicherung der modernen Verfassungsrechte, die Erringung des allgemeinen gleichen Wahlrechts überall, wo dieses noch fehlt, das nächste Biel, auf das sich die verbündeten Kräfte der Sozialdemokratie und des Liberalismus zu richten hätten. Dem verZuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöbe. Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. einten Ansturm der Oppositionsparteien fönnte die Reaktion nicht lange standhalten. Und dann!- dann wird erst Zeit sein, an das sozialistische Endziel zu denken. Aber erst die ,, praktische Politik", das heißt das sozialistisch- liberale Bündnis.... Seit einem Dußend von Jahren wird diese Taktik den Arbeitern in allen Ländern in allen Tonarten angepriesen, und sie ist in einer Reihe von Staaten von den Führern der Sozialdemokratie in die Tat umgesetzt worden. Mit welchem Ergebnis? In den jüngsten Tagen geben darauf die Ereignisse in Belgien und in Ungarn Antwort. In Belgien dauert seit fünfundzwanzig Jahren der Kampf der Arbeiterschaft um das allgemeine gleiche Wahlrecht. In der ersten Phase dieses Kampfes war die Arbeiterpartei ganz auf sich allein gestellt und erwartete alles nur von der Masse des Proletariats. des Proletariats. Sie entfaltete in raschem Tempo eine immer größere Macht. Ihre Aktion beruhte ganz auf der Masse, sie lag draußen, auf der Straße. Gewaltige Straßendemonstrationen, Versammlungen, Massenstreiks- das waren damals die Waffen des belgischen Broletariats. Und sie verfehlten nicht ihre Wirkung. Die Flinte schoß und der Säbel haute, Blut floß in den Straßen von Lüttich, Charleroi, Antwerpen. Aber die Reaktion mußte doch vor der Entschlossenheit der Massen kapitulieren. Unter dem Drucke des gewaltigen und ausdauernden Massenstreiks wurde in Belgien das allgemeine Wahlrecht eingeführt. Damals gaben die belgischen Arbeiter das erste Beispiel, eine wie mächtige Waffe das Proletariat im politischen Massenstreit im Kampfe um politische Rechte besitzt. Nun begann in Belgien der zweite Abschnitt des Kampfes. Das errungene allgemeine Wahlrecht ist nicht gleich, sondern auf die schreiendste Bevorrechtung der Bildung" und des Besitzes gegründet, das heißt der Bourgeoisie, die doppelte und dreifache Stimmen hat. Es galt das infame Pluralwahlrecht zu beseitigen. Jezt aber trat in der Taktik der belgischen Arbeiterpartei ein Frontwechsel ein. Schon dank dem Pluralwahlrecht zog eine beträchtliche Fraktion von sozialdemokratischen Abgeordneten ins Parlament ein. Auf die sozialistischen Abgeordneten hat die Luft des bürgerlichen Parlaments die bekannte Wirkung ausgeübt. Es kam bei ihnen die Idee auf, daß die Sozialisten nunmehr gemeinsam mit den belgischen Liberalen gegen die herrschende klerikale Reaktion um das gleiche Wahlrecht zu kämpfen hätten. Die erste Feuerprobe hatte die neue Taktik im Jahre 1902 zu bestehen. Was zeigte sich aber da? Die Arbeiterklasse war durch das Bündnis mit den liberalen Bourgeois gelähmt. An einen ernsten Massenstreit, wie zehn Jahre zuvor, durfte jetzt nicht mehr gedacht werden, denn die liberalen Blockbrüder sind ja als Fabrikanten, Grubenbesizer und Kaufleute die geschworenen Feinde dieses Kampfmittels. Jetzt mußte der Schwerpunkt des Kampfes um das gleiche Wahlrecht ins Parlament selbst verlegt werden. Dort sollte die Redekunst der liberalen und sozialdemokratischen Abgeordneten die herrschende klerikale Partei erschüttern und zum Nachgeben zwingen. Den Arbeitermassen aber wurde dabei nur die Rolle 306 Die Gleichheit des Chores zugewiesen, der zu der Musik im Parlament auf der Straße eine bescheidene und magvolle Begleitung machte. Die Arbeiterdemonstrationen sollten nur als Schreckmittel auf die Regierung wirken, sollten Theaterdonner sein, aber beileibe nicht zu einer ernsten Aktion werden, denn sonst wäre ja der Schreck den liberalen Selden selbst ins Gebein gefahren. So kam eine Aktion zustande, die von vornherein eine Halbheit war und den kläglichsten Zusammenbruch erlebte, den man sich vorstellen kann. Die Arbeiter begannen zu demonstrieren, traten in einen Massenstreik ein, die Führer der Sozialdemokratie beeilten sich aber, die Massen sofort nach Hause zu schicken. Raum war dies geschehen, so verlor jedoch selbstverständlich auch die Aktion im Parlament jede Kraft. Die Reaktion lachte sich ins Fäustchen, und die Wahlreform scheiterte jämmerlich. Doch damit waren die fatalen Folgen des Bündnisses noch lange nicht erschöpft. Da die Führer der belgischen Sozialdemokratie trop der bitteren Lektion von ihrer Taktik des Blods mit den Liberalen nicht zurücktraten, so wirkte diese Lektion nur entmutigend und demoralisierend. Nun, nach dem Zusammenbruch der Bewegung im Jahre 1902, wagte man überhaupt kein energischeres Vorgehen mehr. Die Hoff nungen auf eine Wahlreform wurden nur noch ausschließlicher ins Parlament verlegt. Es kam eine neue verbesserte Muflage der Blodtaktik zur Anwendung. Mit der klerikalen Reaktion, die am Ruder war, hoffte man in der Weise fertig au werden, daß die sozialistisch- liberalen Verbündeten allmählich sogar auf Grund des geltenden Schandwahlrechts die Majorität im Parlament erringen sollten. In der Tat schmolz die klerikale Mehrheit von Wahl zu Wahl zusammen; 1902 betrug fie 24 Stimmen, 1910 nur noch 6. Was schien einfacher als den vorgezeichneten Weg weiter zu verfolgen! Die diesjährigen Wahlen abwarten, gemeinsam mit den Liberalen in den Wahlkampf eintreten, in diesem Wahlkampf die gemeinsame Front gegen die Klerikalen richten und dann die Mehrheit im Parlament einmal erreicht, die klerikale Herrschaft gestürzt wird das gleiche Wahlrecht das Ziel so heißer und so langer Kämpfe- glatt auf parlamen. tarischem Wege, durch Beschluß der liberal- sozialistischen Mehrheit, eingeführt. Eine hübsche Aufmachung das, Klar, einfach und übersichtlich wie eine Schneiderrechnung und„ praktisch" in höchstem Maße. Schade nur, daß auf diese schlaue Taktik, wie auf alle Stücke solcher praktischen" Staatsmannskunst, die die Massenaktion ausschaltet, die Worte passen, die der Dichter von Rolands Stute sagt:„ Wunderschön war die Stute, sie war aber leider tot." Die belgischen Wahlen kamen, und ihr Ergebnis war - ein krachender Bankrott der ganzen Blodtaktik. Die kleritale Steaktion wurde nicht bloß nicht zerschmettert, sondern o Graus!- sie ist erstarkt und auf 16 bis 20 Stimmen Mehrheit gewachsen ins Parlament zurückgekehrt. Die Liberalen find zusammengeschmolzen und das schlimmste überall find auch die Stimmen des sozialistisch- liberalen Blocks zurückgegangen, der meist gemeinsame Kandidaten aufgestellt hatte. Stimmen und Mandate hat die Sozialdemokratie nur in den paar Wahlkreisen gewonnen, wo sie selbständig aufgetreten ist. Der Eindruck war niederschmetternd. Kein Wunder, daß die erbitterten belgischen Arbeiter vor Schmerz und Wut weinten, auf die Straße stürzten, demonstrierten und spontan in einen Massenstreit eintraten, ohne auf thre Führer mehr hören zu wollen. Wie ist die verblüffende Niederlage der liberal- fozialistischen Taktik in Belgien zu erklären? Höchst einfach. Dadurch, daß die schöne Rechnung, wie immer die Rechnungen der sogenannten„ praktischen" Politik, ein Loch hatte: fie rechnete nicht mit dem wichtigsten Faktor mit dem undersöhnlichen Klaffengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Der Masse der belgischen Bourgeoisie graute vor der gemeinsamen Herrschaft im Parlament mit dem sozialistischen Proletariat so sehr, daß sie bei den Wahlen in hellen Scharen ins Lager der Reaktion, des Klerikalismus überlief! Das ist Nr. 20 die schöne Frucht der zehnjährigen Bündnispolitik zwischen Sozialdemokratie und Liberalismus. Während die Arbeiterpartei aus Rücksicht auf ihre bürgerlichen Freunde die Entfaltung der selbständigen Aktion der Arbeitermassen erstickte und die scharfe prinzipielle Klassenaufklärung dämpfte, stürzte sich die Bourgeoisie aus Angst vor ihren proletarischen Freunden der Reaktion in die Arme. Als Mittel, die klerikale Herrschaft zu überwinden, wie als Mittel, die Wahlreform zu erringen, hat sich die Blockpolitik als ein Messer ohne Heft und Klinge erwiesen. Im gegenwärtigen Augenblick steht die Arbeiterpartei in beiden Fragen so weit vom Ziele wie vor zehn Jahren, und nun muß sie wieder auf den Boden zurückkehren, den sie nie hätte verlassen sollen: auf den Boden der felbständigen revolutionären Massenaktion des Proletariats, die allein die Reaktion zu schlagen instande ist, wenn sie alle ihre innere Energie und alle proletarischen Machtmittel ohne Scheu und ohne Rücksicht in Anwendung bringt. Die belgischen Wahlen sind eine harte Lehre. Aber was in Belgien passiert, ist eine Erscheinung von allgemeinem internationalem, typischem Charakter. Allüberall zeigt sich immer mehr, daß der bürgerliche Liberalismus nur noch das verwaschene Aushängeschild einer morschen Ruine ist, in der die nadte Reaktion wohnt. Indem das Proletariat auf diesen Liberalismus baut, auf die eigene Machtentfaltung verzichtet und all sein Hoffen ausschließlich aufs Parlament setzt, begibt es sich selbst seines Einflusses und raubt auch seiner parlamentarischen Aktion die Kraft. Es ist eine Lebensfrage für die Arbeitermassen, sich darüber vollständig klar zu werden, daß heutzutage keine ernste fortschrittliche Reform mehr auf rein parlamentarischem Wege erreicht werden kann. Welche Gestalt und welche Bedeutung heute eine ausschließlich parlamentarische Opposition selbst bei äußerster Zuspizung des Kampfes gewinnt, das zeigen die jüngsten Vorgänge in Ungarn. Hier erleben wir gleichfalls eine Bündnispolitik und einen gemeinsamen Feldzug der Sozialdemokratie mit der Opposition. Was ist aus dem Feldzug im Parlament geworden? Eine Hanswurstiade mit wüstem Geschrei, Tollhäuslerszenen und einem blödsinnigen Revolverattentat als Höhepunkt. Die Kindertrompete ist Waffe und Symbol zugleich dieses parlamentarischen Froschmäusekriegs. Und schließlich genügte die Handbewegung eines brutalen Kerla auf der Präsidententribüne, um die ganze Opposition durch den Leutnant mit zehn Mann" aus dem Tempel der bürgerlichen Gesetzgebung wie Betrunkene aus der Schenke auf die Straße zu werfen. In diesen traurigen und abstoßenden Hanswurstiaden offenbart sich eine sehr ernste Lehre der Zeitgeschichte: die Ohnmacht der rein parlamentarischen Aktion gegen die herrschende Neaktion. Die Vorgänge in Ungarn find in doppelter Hinsicht bezeichnend für das heutige Stadium der Klaffenkämpfe. Das Eingreifen der„ bewaffneten Macht" in die parlamentarischen Kämpfe wie der Gegenstand dieser Kämpfe, die Wehrvorlage, zeigen deutlich, wo die Schwäche, die Achillesferse der hentigen parlamentarischen Opposition liegt. Es ist der Militarismus, vor dem das Bürgertum in allen Ländern zusammenfnickt und die Waffen streckt. Die ungarische ,, Opposition" ist grundsäßlich ebenso Anhängerin des Militarismus wie die herrschende Regierungspartei. Und weil heute in feinem Staate eine bürgerliche Partei mehr wagt, gegen den Militarismus aufzutreten, weil in diesem entscheidenden Punkte fich der innere Verfall des Liberalismus bekundet, so ist damit auch der parlamentarischen Opposition auf allen Gebieten von vornherein das Rückgrat gebrochen. Die liberale Bourgeoisie hat in allen modernen Ländern endgültig vor dem Militarismus fapituliert. Damit aber bestätigt sie, daß ihr heute die Blut- und Eisenpolitik gegen die aufstrebende Arbeiterklasse sowie Kolonialeroberungen und Profite bei den Armee- und Flottenlieferungen wichtiger find als alle schönen Freiheitslofungen. Die Bourgeoisie hat sich dadurch mitsamt ihrem Parlamentarismus der Reaktion auf Gnade und Ungnade ausgeliefert, und diese Tatsache allein genügt, um alle Nr. 20 Die Gleichheit Träume von einem Zusammengehen der Sozialdemokratie mit dem Liberalismus gegen die Reaktion wie Seifenblasen zerstieben zu lassen. Ein Bündnis zwischen beiden kann nur das eine Ergebnis haben: die Macht der Arbeiterklasse zu lähmen, das proletarische Klassenbewußtsein zu verwirren und die Bourgeoisie noch schneller der Reaktion in die Arme 311 treiben. Statt der erhofften Zerschmetterung der Reaktion tritt ihre Stärkung ein. Die Bündnistaktik erweist sich als prinzipieller Verrat an der proletarischen Klassenaufklärung und als praktisches Pfuschwerk obendrein. Das letzte Jahrzehnt bringt Schlag auf Schlag die Beweise. Hageldicht regnen die Streiche auf die unverbesser lichen Schwärmer für ein sozialistisch- liberales Bündnis hernieder. Vor zehn Jahren der Bankrott der Blockpolitik in Frankreich in der Schmach des Milleranderperiments; vor zwei Jahren das offizielle Eingeständnis des Bankrotts der parlamentarischen Illusionen der Parteiführer in Italien und der völligen Zerrüttung der Partei unter ihrem Einfluß; in diesem Jahre im Januar das Fiasko des Stichwahlbündnisses zwischen der Sozialdemokratie und dem Liberalismus in Deutschland; im Februar der Mißerfolg des sozialdemokratisch- liberalen Wahlblocks gegen das Zentrum in Bayern; soeben der Zusammenbruch der zehnjährigen Blockpolitik in Belgien und die groteske Niederlage der vereinigten Opposition im ungarischen Parlament. Sind der Lehren nicht endlich genug? Die Zukunft der freiheitlichen Entwicklung in allen modernen Staaten beruht einzig und allein auf der Macht des Proletariats. Die Macht des Proletariats aber gründet sich auf sein Klassenbewußtsein, auf die revolutionäre Energie der Maffen, die aus jenem Bewußtsein geboren wird, und auf die selbständige, rücksichtslose und konsequente Politik der Sozialdemokratie, die allein jene Energie der Massen entfesseln und zum entscheidenden Faktor des politischen Lebens gestalten kann. R. Luremburg. Die Frau in der Industrie und Landwirtschaft Württembergs. IV. Brauchte der Mann früher einen Anzug, so ging er zum Schneidermeister. Der nahm das Maß zur Hand: Brust umfang, Taillenweite, Beinlänge, alles wurde genau gemessen, die Zahlen trug der Meister fein säuberlich in sein Büchlein ein. Nach acht oder vierzehn Tagen fand die erste Anprobe statt. Die nur lose zusammengeheftete Kleidung wurde am Leibe des Kunden auf passenden Siz probiert, hier etwas nachgelassen, dort etwas weggenommen. Nach einer weiteren Wartezeit war das Werk vollendet. Mit andächtiger Rührung nahm der Kunde den Anzug in Empfang. Wenn heute der kleine Mann" Kleidung braucht, so geht er in ein Ladengeschäft. Der Verkäufer tagiert mit raschem Blid Größe und Umfang des Kunden, auch die Größe seines Portemonnaies. Dann schleppt er eine Anzahl fertiger Anziige herbei. Die ersten drei oder vier passen nicht recht, der fünfte sitzt schon besser, der sechste wird gekauft. Ist noch eine kleine Änderung nötig, so führt sie der Schneider des Geschäftes in fürzester Zeit aus. Eine Stunde später stolziert der Käufer bereits im neuen Anzug durch die Straßen. Die Massenanfertigung besserer Herrenkleidung, die„ besfere Herrenkonfektion" ist in Württemberg einer der wichtigsten Zweige der Bekleidungsindustrie. Die Industrialisierung des Landes, das Anwachsen der städtischen und insbesondere der Arbeiterbevölkerung haben den Markt für fertige und billigere Kleidung geschaffen, als sie der Schneidermeister herstellen kann. In der ersten Zeit haftete der Konfektionsarbeit denn auch der Geruch des Minder1pertigen an. Mehr und mehr geht aber die Männerwelt des besser situierten Mittelstandes ebenfalls dazu über, den Dedarf an Kleidung im Konfektionshaus zu kaufen. Immer 307 seltener verirrt sich ein Kunde zum Schneidermeister, um sich einen Anzug anmessen zu lassen. In der Großstadt hat man sich so schon längst zur Konfektion bekehrt. Der Verbrauch fertiger Herrengarderobe dringt in neuerer Zeit aber sehr rasch mit dem steigenden Verkehr auch in Kleinstädten und auf dem Lande vor. Der kleine selbständige Schneidermeister verschwindet auch hier mehr und mehr. Er wird wie anderwärts zum Heim. arbeiter in der Konfektionsbranche. Der Großunternehmer liefert ihm die in der Fabrik zugeschnittenen Teile eines Kleidungsstücks. Der eine Meister" verfertigt das Jahr hindurch Hosen, Hosen und wieder Hosen, der zweite näht Westen, der dritte Jacketts, der vierte Gehröcke usw. Frau und Kinder müssen helfen und können helfen. Es ist ja keine Kunst mehr, immer und immer wieder dasselbe Kleidungsstück anzufertigen, dessen einzelne Teile schon zugeschnitten sind. Das lernt in verhältnismäßig kurzer Zeit nebenbei die Frau, deren Arbeit bei der Anfertigung von Männerkleidern das zünftige Schneiderhandwerk streng verpönt hatte. Die weibliche Arbeitskraft dringt denn auch in der Herrenkonfektion unaufhaltsam vor. In der Stadt und auf dem Lande sind viele tausend Frauen mit der Anfertigung von Männerkleidern beschäftigt. Die Statistik gibt über ihre Zahl nur sehr ungenügenden Aufschluß. Die Frau des„ Schneidermeisters" trägt sich in die Liste als„ Hausfrau" ein. In Wirklichkeit kann sie aber den Haushalt nur nebenbei versehen. Sie muß mit dem Manne um die Wette nähen, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein. Die Herstellung der Berufskleidung für Handwerker und Arbeiter erfordert noch weniger Kunst als die Herrenkonfektion. Auch in diesem Gewerbe floriert die Heimarbeit, und Heimarbeit besagt auch Frauenarbeit. Die Firma Krempel& Leibfried in Urach zum Beispiel beschäftigt neben 200 bis 300 Arbeitern und Arbeiterinnen in der Kleiderfabrik noch 1000 bis 1500 Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen. Für die Herstellung der Damengarderobe ist die Konfektion herrschend. Die übermächtige Berliner Konkurrenz hat zwar in Württemberg eine starke Undustrie dieser Art noch nicht emporblühen lassen, doch scheint sie im Aufschwung. Schon recht wichtig ist die Konfektion von Kinderkleidung geworden. Jedoch besonderen Umfang hat die Wäschekonfektion gewonnen. Hier überwiegen die weiblichen Heimarbeiter bei weitem. Tausende von Nähmaschinen rasseln in der Stadt und auf dem Lande, in Dachstuben und Kellerwohnungen. Man schätzt die Zahl der Heimarbeiterinnen, die nur Hemden anfertigen, auf mindestens 2000. Die Firma Hayum& Schwarz in Stuttgart, Jupons-, Schürzen- und Wäschefabrik( Filialfabrik in Deggingen a. F.), beschäftigt über 1000 Arbeiterinnen, die Firma Herbst in Im desgleichen. Eine große Zahl Heimarbeiterinnen ist für Unternehmer der Konfektionsindustrie in Stuttgart, Göppingen, Rottweil und an anderen Orten tätig. Für wohl die meisten, jedenfalls aber für die bedeutendsten Firmen der württembergischen Konfektionsindustrie ist es charakteristisch, daß nur ein kleiner Stamm von Arbeitern und Arbeiterinnen in Fabriken und Werkstätten schafft, die meisten aber außerhalb dieser als Heimarbeiter. Viele dieser Heimarbeitenden leben fern vom Siße des Betriebs auf dem Lande. So wird ein großer Teil der Erzeugnisse der Stuttgarter Konfektion in Filderorten angefertigt, bis BöbIingen hin. Allein das Kapital der Branche hat sich auch die halb bis dreiviertel proletarisierte weibliche Bevölkerung entfernterer Gegenden tributpflichtig gemacht. Es beschäftigt Heimarbeiterinnen in Nürtingen, Waiblingen, Winnenden, Schorndorf, ja sogar in Welaheim, wie in der Umgegend dieser Städtchen. Gerade die Verbindung von Betriebs- und Heimarbeit sichert den Unternehmern die höchste Nuzbarmachung und Auswucherung der billigen weiblichen Arbeitskräfte. Die Betriebsarbeit erlaubt die Anwendung der modernsten Technik mit ihren Vorteilen 308 Die Gleichheit und läßt einen fleinen Stamm Elitearbeiterinnen heranbilden, deren Leistungen als Muster die Heimarbeiterinnen außerhalb des Betriebs und zumal auf dem Lande anspornen und vorwärtspeitschen müssen. Die Heimarbeiterinnen ihrer seits werden aber gegen die Betriebsarbeiterschaft ausgespielt, um die Löhne zu senken. So erhält der Unternehmer gute und bessere Arbeit zu niedrigster Bezahlung. Es ist daher kein Wunder, daß die württembergische Konfektion sich rasch einen Markt außerhalb des Schwabenländles erobert hat. Ihre Erzeugnisse gehen nach Sachsen- die Bausiz inbegriffen, nach Berlin und Schleswig. Holstein, sie sind in den lezten Jahren in Rheinland- Westfalen und der Schweiz borgedrungen. Der Aufschwung scheint bestechend, verliert aber seinen Glanz, wenn man bedenkt, daß eine der stärksten Wurzeln der Blüte das Heimarbeiterinnenelend ist. Einen eigenartigen Zweig der Bekleidungsindustrie in Württemberg bildet die Korsett fabrikation. Früher herrschte die Fabrikation gewebter Korsette vor. Auf den Fildern bei Stuttgart und auf der Alb waren viele tausend Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen mit dieser Webarbeit beschäftigt. Mitte der sechziger Jahre betrug ihre Zahl über 6000. Die Firma Ottenheimer in Stutt. gart führte 1871 noch 1 127 000 gewebte Korsette nach dem Ausland aus. 1881 waren es nur 277 000; 1891 123 000; 1906: 4800. Auf die Ursachen des Rückganges dieser Hausindustrie hier näher einzugehen, fehlt der Raum. An die Stelle des gewebten Korsetts ist das aus einzelnen Stoffteilen zusammengefeßte genähte Rorsett getreten. Die Hauptorte der heutigen württembergischen Korsettindustrie sind Stuttgart, Cannstatt, Göppingen, Heu bach und Mögglingen, lettere beiden Orte im Oberamt Gmünd. Für die Korsettfabrikation spielt die Heimarbeit eine entscheidende Rolle. In der Fabrik erfolgt das Zuschneiden der Stoffteile, die von der Heimarbeiterin zusammengenäht werden. Das halbfertige Storsett geht an die Fabrik zurück, wo es fontrolliert wird; auch die Ränder werden hier verpuzt. Das Stäbeeinschieben und Sticken ist wiederum Sache der Heimarbeiterin. Das Einfassen, Deilletieren, Appretieren und Bügeln geschieht dagegen wieder in der Fabrik; das Garnieren wird schließlich von der Heimarbeiterin besorgt. Die Gleichheit" hat in früheren Jahren schon ausführlich über die Lage der Korsettnäherinnen in Heubach und Umgegend berichtet. über die Frauenarbeit im Schuhmachergewerbe, das mit zur Bekleidungsindustrie zählt, haben wir in einem vorhergehenden Artikel bereits Angaben gemacht. In den Wäschereien und Blättereien werden Männer nur in verschwindender Zahl beschäftigt. Der Kleinbetrieb ist hier noch die Regel, Ansätze zur Bildung von Großbetrieben find aber unverkennbar vorhanden. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Arbeitszeit in den kleinen Wäschereien und Blättereien eine ungeregelte und meist eine sehr ausgedehnte ist, die zumal gegen das Ende der Woche kaum Grenzen zu fennen scheint. Etwas besser liegen die Dinge in dieser Hinficht für die großen Betriebe, wo die Arbeitszeit durch das Gesetz beschränkt ist und auch bessere sanitäre Zustände herrschen. In Stuttgart dürfte sich wohl in dieser Gruppe der Verdienst der Arbeiterinnen im allgemeinen mit dem der Arbeiterinnen in Schuhfabriken, Wirkereien usw. decken, von denen nach den Feststellungen der Orts. frankenkasse 1910 noch nicht ganz die Hälfte über 9 f. in der Woche verdienen und faum 10 Prozent 12 Mr. und dar. über. In der Puzmacherei entfallen die meisten erwerbstätigen Frauen mit 541 auf Stuttgart. Was die Arbeitsbedingungen anbelangt, so erscheinen hier manche der schlimmen Züge der Bekleidungsindustrie überhaupt auf die Spitze getrieben, namentlich aber die Unregelmäßigkeit der Arbeitszeit und des Berdienstes. Die Buzzmacherei ist Saisonarbeit. Die stille Zeit dauert monatelang, die meisten Modistinnen" verdienen dann in ihrem 11 Nr. 20 Beruf nicht das Salz zum Brot und sind auf allerlei Nebenerwerb angewiesen, wenn sie nicht von der Familie über Wasser gehalten werden können. Dann folgt eine kurze Periode wahnsinniger Arbeitshat, in der die Arbeiterinnen ihre Kräfte bis zur Erschöpfung, bis zum Busammenbruch anspannen müssen. Und der Verdienst? In seinem wertvollen Buche„ Die geheime und öffentliche ProBuche ,, Die stitution in Stuttgart, Karlsruhe und München", Paderborn 1912, Verlag F. Schöningh, führt Dr. Neher folgendes darüber an. Von 16 Modistinnen im Alter von 18 bis 21 Jahren verdienten 1: 24 Mt. monatlich; 1: 30 M.; 2: 36 MF.; 5: 50 Mt.; 3: 52,50 Mf.; 3: 60 M.; 1: 70,50 Mt. Drei ältere Modiftinnen von 23, 34, 40 Jahren gaben ein Gehalt von 50, 57 und 65 Mt. im Monat an. Eine der Befragten erklärte, daß sie von ihren 50 Mt. Ver dienst 41 Mk. für Kost und Logis allein verausgaben müßte. Dr. Neher zieht das Fazit dieser Zahlen für die Modistinnen sehr richtig mit den Worten:„ Sie darben." und ebenso zutreffend betont er, daß sie mit ihren Hungerlöhnen das Los der meisten Arbeiterinnen des Beklei dungsgewerbes teilen. Sichere Angaben über die Höhe oder richtiger Niedrigkeit des Verdienstes, den diese haben, sind schwer zu erlangen, dafür sorgt die Isoliertheit der Heimarbeiterinnen, zumal derjenigen auf dem Lande. Bon Unternehmerseite wird der Lohn gewöhnlich auf 2 bis 2,50 Mt. pro Tag angegeben. Gewerkschaftsleiter versichern, daß er nicht selten bis auf 90 Pf. finft. Und daß wir diese Versicherungen nicht als ,, übertreibungen hezender Agitatoren" beiseite schieben dürfen, dafür finden wir in dem genannten Werke folgende Tatsachen. In den Werkstätten der Stuttgarter Konfektion erscheinen die Löhne im Durchschnitt über ihrer Höhe, weil der bessere Verdienst der Direttricen und ersten Arbeiterinnen mit eingerechnet wird. Dieser dürfte selten unter 70 Mt. monatlich betragen, steigt aber in manchen Fällen für Direktricen bis 300 Mt. und darüber. Das Gros der Werkstattarbeiterinnen wird mit einem Lohne von 30 bis 50 Mr. im Monat abgespeist, in den ersten Monaten nach der„ Lehre" erhalten recht viele Näherinnen nicht mehr als 60 bis 70 f. täglich. Nicht höher stellt sich die Entlohnung in den großen Fabriken der Konfektionsindustrie. Die Stuttgarter Ortsfrankenkasse weist aus, daß 1908 von 467 Näherinnen von Massen- und Qualitätswaren ungefähr die Hälfte einen unzulänglichen Lohn hatten. 60 von ihnen( 13 Prozent) hatten einen Tagesverdienst von unter 1,20 m.; 169( 36 Prozent) von 1,20 bis 1,79 Mr. Als Durchschnittseinkommen dieser zwei Gruppen Arbeiterinnen für den Monat berechnete die Ortskrankenkasse 30 beziv. 48 Mr. Als Heimarbeiterinnen waren zwei Drittel der Frauen und Mädchen tätig, die unter 36 Mt. im Monat erwarben, ein Fünftel Heimarbeiterinnen befanden sich unter denen mit einem monatlichen Durchschnittsverdienst von 48 Mr. Einen Tagesverdienst von 1,80 bis 2,39 Mt. erzielten nur 107 von den 467 Stuttgarter Näherinnen( 22,7 Prozent); unter ihnen waren 18 Heimarbeiterinnen, also noch nicht ein Zwanzigstel. Nur 53 der Näherinnen( 11,4 Prozent) erschanzten sich tägliche Verdienste von 2,40 bis 2,99 Mk., darunter 5 Heimarbeiterinnen. In den drei höchsten Lohnklassen finden wir zujammen 78 Arbeiterinnen. 41 von ihnen, darunter 4 Heimarbeiterinnen, brachten es auf 3 bis 3,59 Mt. täglich, 15 auf 3,60 bis 4,19 Mr. und 22 auf 4,20 Mk. und darüber, eine einzige dieser Glücklichen war Heimarbeiterin. Diese Zahlen dürften wohl als typisch gelten. Sie lassen helles Streiflicht darauf fallen, daß im allgemeinen Heimarbeit schlecht entlohnte Arbeit ist. Je niedriger der Lohn einer Gruppe der Näherinnen, um so mehr Heimarbeiterinnen finden wir unter ihnen. Das Elend der weitaus meisten Konfektionsarbeiterinnen wird auch bestätigt, wenn wir noch andere Ziffern heranziehen. Die Stuttgarter Ortsfrankenkasse ver Nr. 20 Die Gleichheit 309 zeichnete 1308, daß von 1600„hausindustriell" erwerbstätigen Frauen und Mädchen gegen 16 Prozent 36 Mk. und weniger inonatlich verdienten, und 32 Prozent von 36 bis 54 Mk. Dies zur Kennzeichnung der Lohne in der Stuttgarter Bekleidungsindustrie. Wir haben keinen sachlichen Grund zu der Annahme, daß sie draußen im Lande höher wären. Ilmgekehrt sprechen mancherlei Tatsachen dafür, daß hier noch niedrigere Verdienste vorkommen. Tie winkende Aussicht auf niedrige Löhne ist es ja, die die Konfektionsindustrie in wachsendem Umfang auf das Land zieht. Bei unseren Angaben ist zu berücksichtigen, daß in den letzten Jahren auch in Württemberg Teuerungspreise für den wichtigsten Lebeusbedarf herrschen. Von einem entsprechenden Steigen der Löhne ist in den meisten Branchen der Konfektionsindustrie nichts bekannt geworden. Mit weniger als 2 Mk. täglich kann die alleinstehende Arbeiterin ihren Lebensunterhalt kaun, bestreiten, auch wenn sie sich noch so sehr einschränkt. Und wir müssen annehmen, daß dreiviertel aller Arbeiterinnen der Bekleidungsindustrie unter 2 Mk. täglich erwerben. Wir wiederholen es:»Sie darben/ Wie lang ist der Arbeitstag, den die Lohnsklavinnen in der württembergischen Bekleidungsindustrie für so kargen Verdienst zur Verfügung stellen müssen? Soweit sie— ganz gleich, welcher Branche sie angehören— in Werkstätten und Betrieben fronden, deren Arbeitszeit gesetzlich geregelt ist, haben sie endlich den Zehnstundentag, aber durchlöchert von Ausnahmebestimmungen. Von den größeren Betrieben wird die vorgesehene Erlaubnis zur Überzeitarbeit meist voll ausgenutzt, und das zusammengedrängt in kurzer Zeit, der Saison wegen. Trotz gesetzlicher Vorschrift spielt auch bei mancher Firma noch immer das Mitgeben von Arbeit nach Hause eine sehr große Rolle und zwingt die Arbeiterinnen, den Arbeitstag im Betrieb als ArbeitSnacht daheim fortzusetzen. In den kleineren Werkstätten ist eine gesetzwidrige Verlängerung der Ausbeutung recht häufig. Bei den eigentlichen Heimarbeiterinnen hat sie überhaupt gar keine zeitliche Grenze. Da richtet sie sich ausschließlich nach der Saison, nach dem Markt. In der statten Geschäftszeit ist ein Arbeitstag von 14 Stunden recht häufig, ein solcher von 16 Stunden keine Seltenheit, und wenn hin und wieder die Maschine die ganze Nacht rasselt, die müden Augen halb blind in die aufgehende Sonne blinzeln, so gibt es kein Aufhebens davon. Es muß»geliefert", eS muß verdient werden. Die lange Arbeitszeit steigert natürlich die gesundheitlichen Schädigungen, die vielen Zweigen der Bekleidungsindustrie eigentümlich sind. Wir rechnen dazu namentlich den Aufenthalt in geschlossenen Räumen, die häusig viel zu klein, niedrig, schlecht zu stiften und ungenügend belichtet sind. Dazu noch die gebückte Körperhaltung bei zusammengedrückter Brust, das stundenlange Treten der Nähmaschine, das Einatmen von reichlichem Staub und der schlechten Dünste beim Bügeln. Gesellt sich zu den: allem noch Unterernährung, die das LoS vieler Arbeiterinnen in der Bekleidungsindustrie ist, so kann auf die Dauer auch ein widerstandsfähiger Körper diesen bösen Einflüssen nicht wider- stehen. Die Tuberkulose fordert im Bekleidungsgewerbe die nieisten Lpfer. Sanitätsrat Dr. Elben hat für Württemberg die Zahl der Todesfälle an der Lungentubcr- kulose in den Jahren 1893 bis 1301 ermittelt. Während in der Industrie allgemein durchschnittlich 34,9 Prozent der Todesfälle bei Arbeitern, 27,4 Prozent bei Arbeiterinnen auf diese furchtbare Geißel der armen Leute zurückzuführen sind, waren es in der Bekleidungsindustrie allein 63.6 bezw. 62,7 Prozent. Die Statistik deS Ortskrankenkassen verbau des Stuttgart verzeichnete 1910 für das Bckleidungs- und Reinigungsgewerbe 66 Todesfälle, davon 22 an der Lungentuberkulose, 6 cur Tuberkulose anderer Organe. Es sind viele Tausends erwerbstätiger Frauen und Mädchen Württembergs, die heute in der Bekleidungsindustrie für ihr Brot« arbeiten. Die Berufszählung für 1882 verzeichnete ihrer 19773, di« für 1907 aber 22 839. In den 1078 Betrieben, die 1910 der Gewerbeaufsicht unterstanden, wurden zusammen 11537 weibliche Arbeits- kräfte gezählt, darunter 102 Mädchen unter 14 Jahren, 1752 Jugendliche von 14 bis 16 Jahren und 3683„erwachsene" Arbeiterinnen über 16 Jahren. Die fraglichen Betriebe verwendeten zusammen 7334 erwachsene und 812 jugendliche männliche Arbeiter, dazu 37 Knaben unter 14 Jahren. Man sieht, daß der Großbetrieb der Industrie in allen Altersgruppen die Frauenarbeit bevorzugt. Die Tatsache allein schon läßt auf schlechte Arbeitsbedingungen schließen, zumal auf knappe Löhne. Der Verband der Schneider, Schneide- rinnenundWäschearbeiterDeutschlandshat aus der großen Statistik der Berufs- und Gelverbezählung von 1907 die Zahlen der Arbeiter und Arbeiterinnen in den einzelnen Berufsarten der Bekleidungsindustrie ausgezogen, die für ihn in Frage kommen. Danach waren in Württemberg tätig: 6 Näher und 6694 Näherinnen: 4176 Schneider und 4358 Schneiderinnen: in der Wäschekonfektion 45 männliche und 1339 weibliche Personen', in der Korsettfabrikation 294 Männer und 2546 Frauen und Mädchen: in Wäschereien und Plättereien 132 männliche und 1956 weibliche Arbeitskräfte. Für Stuttgart sind verzeichnet: 773 Näherinnen und 2 Näher: 1112 Schneider und 2006 Schneiderinnen: 17 männliche und 812 weibliche Arbeitskräste in der Wäschekonfektion: die Korsettindustrie beschäftigte 46 Männer und 613 Frauen; in den Wäschereien und Plättereien standen 706 weiblichen Arbeitskräften 27 Männer gegenüber. Die Frauenarbeit herrscht also auf der ganzen Linie vor. Die mitgeteilten Zahlen lassen ihren Umfang in der Bekleidungsindustrie Wohl erkennen, zeigen ihn aber keineswegs vollständig an. Alle Heimarbeiterinnen statistisch zu erfassen, Haft ungeheuer schwer, in Württemberg erst recht, wo sie sich unter die bäuerliche Bevölkerung „verschlupfen". Der landwirtschaftliche Zwergbetrieb, der die Familie nicht ernährt, Frau und Töchter zur Heimarbeit zwingt, stellt der Konfektioilßindustrie zahlreiche billigste Arbeitskräfte. Eine Nähmaschine ist bald beschafft— wenn auch auf Abzahlung—, die Kinder werden mit ins Arbeit»- joch gespamft. Technische Verbesserungen dienen nur dazu, den Lohn der Heimarbeiterin zu senken. Der Werkstattbetrieb wirst trotz der technischen Fortschritte, die er sich nutzbar macht, vorerst oft noch weniger Prosit ab als die Heimarbeit. Die Konzenttation der Betriebe, des Kapitals schreitet übrigens trotz der Betriebsform in der Bekleidungsindustrie Württembergs rasch vorwärts. 1882 wurden gezählt: 41 939; 1895: 39 382; 1907: 28 773. Die Statistik verzeichnete 1907 an abhängigen Erwerbstätigen des Industriegebiet» 1109 Angestellte und 20 555 Arbeiter und Arbeiterinnen, denen sie 1884k„Selbständige" gegenüberstellte. WaS es mit der Selbständigkeit der meisten davon auf sich hat, haben wir bereits eingangs beleuchtet. Zum Schlüsse noch ein Wort über die wichtige Frage: Wie steht die Arbeiterin der Bekleidungsindustrie zu ihrer Gewerkschaftsorganisation? Der Gedanke des Zusammenschlusses und Kampfes schlägt erst langsam unter den Arbeiterinnen der Werkstätten und Fabriken Wurzeln. Unter den Heimarbeiterinnen hat er im allgemeinen noch nicht zu keimen begonnen. Bekanntlich ist es vor allem die Vereinzelung, die diese Ausgcbeutetsten der Ausgebeuteten der Gewerkschaft fern hält und damit dem Arbeitgeber auf Gnade und Ungnade ausliefert. Es entspricht diesem Stande der Dinge, daß der„Verband der Schneider und Schneiderinnen" sich darauf beschränken mußte, die Arbeitsverhältnisse der Werkstubenarbeiterinnen in Stuttgart allein günstiger zu gestalten. Er setzte für sie 9- bezw. 9'/,siündige tägliche Ärbeitszert durch und einen Mindestlohn von 12 Mk. die Woche, was— da die meisten im Akkord schaffen— einen wöchentlichen Verdienst von 16 Mk. bedeutet. Die Heim- 310 Die Gleichheit arbeiterinnen mußten leider bei der Regelung leer ausgehen. Intensivste Aufklärungsarbeit unter ihnen ist Vorbedingung, daß auch ihre Lage gehoben wird. Zu solcher Arbeit mahnt das uns vorliegende Zahlenmaterial, hinter dem sich crschütternde Not verbirgt. Mißbrauchte Frauenkraft in der Krankenpflege. m. In den„ Erinnerungen einer Krankenschwester" in Nr. 4 und 5 der„ Gleichheit", Jahrgang 1910/11, hat Genossin Hannah Levin- Dorsch sehr einleuchtend auseinandergesetzt, wie junge Mädchen religiös fanatisiert ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun glauben, wenn sie sich im Krankenpflegeberuf die unerhörteste Ausbeutung ohne Murren gefallen lassen. Von welchen Folgen die überbürdung der Pflegerinnen für diese selbst wie für die ihnen anvertrauten Kranfen ist, wurde schon früher in einem längeren Artikel in Nr. 26, 1909/10 unserer Zeitschrift auseinandergesezt. Nun dämmert der Tag auch unter den tätigen Frauen dieser dunklen Gebiete, in die Außenstehende kaum Einblick erhalten. Die junge Organisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands, die 3000 Mitglieder umfaßt, hat es sich angelegen sein lassen, in ihr nahestehenden Kreisen statistische Erhebungen zu veranstalten, um der Öffentlichkeit zahlenmäßig nachzuweisen, wie groß die Opfer sind, die die gegenwärtige mangelhaft organisierte Krankenpflege verschlingt. Das Publikum soll aus seiner Gleichgültigkeit gegen diese wahnsinnige Vergeudung von Menschenleben aufgerüttelt werden. Wiederholt haben öffentliche Versammlungen auf die höchst verbesserungsbedürftige Lage der Krankenpflegerinnen hingewiesen. In letzter Zeit hat sich der frauenrechtlerische Kongreß zu Berlin mit ihr beschäftigt, allerdings feineswegs in ausreichend gründlicher und entschiedener Weise. Die Rechtslage der Krankenpflegerinnen ist noch völlig ungeklärt, was hauptsächlich daran liegt, daß der Beruf erst neuen Datums ist. Aus einer Arbeit um Gottes willen" beginnt er ein moderner Erwerbsberuf zu werden. Es ist heute ganz unsicher, ob die Krankenpflegerinnen der Gewerbeordnung oder der Versicherungspflicht unterstehen oder nicht. Der Gesetzgeber hat sich bisher um das Krankenpflegepersonal nicht gefümmert außer im Strafgesetzbuch, wo es für Versehen im Beruf mit Strafe bedroht wird. Gänzlich ungeregelt ist die Arbeitszeit. Als normal gilt eine tägliche Arbeitsdauer von 14 bis 15 Stunden ohne feste Essenspausen und verlängert durch mehrere Nachtwachen in der Woche. Von Diakonissen wird von 5 Uhr früh bis 9 Uhr abends, von katholischen Ordensschwestern sogar noch länger gearbeitet, die Nachtwachen nicht mit eingerechnet. Das Rote Kreuz, das sich seiner besonderen Humanität gegen die Pflegerinnen noch rühmt, bewilligt bei Tag- und Nachtpflege ganze drei Stunden Ruhe am Tage, doch dürfen die flegerinnen auch 48 Stunden hintereinander arbeiten. Als die Moabiter Schußmannschaft an einem der Krawalltage 17 Stunden Dienst gehabt hatte, wurden ihre Ausschreitungen von ihren Vorgesezten mit dieser übermäßigen Anstrengung entschuldigt. Von dem schwachen Geschlecht" werden wie wir gesehen haben in der Krankenpflege 17 Dienststunden als ganz gewöhnliche Leistung verlangt. über diese Dinge zu sprechen, verbietet den Schwestern das Schweigegebot der Mutter- und Ordenshäuser. Treten tie Schwestern aus den Verbänden aus, so hindert die Ronkurrenzklausel sie am Fortkommen. Diese rechtlich gegen die guten Sitten verstoßende Abmachung verbietet den Pflegerinnen nach ihrem Ausscheiden die Ausübung des Pflegeberufs in dem Kreise des Mutterhauses für drei bis zehn Jahre. Eine solche Verpflichtung ist um so ungeheuerlicher, wenn man bedenkt, daß die Schwestern oft nur 20 Mt. Monatsgehalt im Dienste beziehen. Nr.20 Aus dem reichen statistischen Material, durch das Schwester Agnes Karll die Lage der Krankenpflegerinnen beleuchtet hat, sei hier folgendes hervorgehoben: Eine Reichsstatistik über die Gesundheits- und Sterblichkeitsverhältnisse des Pflegepersonals fehlt bis heute. Aus den abgeschlossenen Kreisen der deutschen Mutter- und Ordenshäuser erfährt man nichts. Doch lassen einige Erhebungen, die im Ausland veranstaltet wurden, Rückschlüsse auf die deutsche Kirchliche Krankenpflege zu. In Österreich ergab die Erhebung der Gesellschaft für Tuberkulosebekämpfung in den Ordenshäusern eine Sterblichkeit an Schwindsucht von nicht weniger als 662/10 Prozent; in Skandinavien starben 34 Prozent der Schwestern an Tuberkulose, ja vereinzelt steigt die Schwindsuchtssterblichkeit im Ausland auf 70 bis 100 Prozent. Das Note Kreuz in Deutschland hatte unter seinen Pflegerinnen 1901 eine Tuberkulosesterblichkeit von 30 Prozent. Eine Privatenquete der Berufsorganisation, die 2500 Schwestern erfaßte, berichtet, daß 33 Prozent der Schwindsucht erlagen. Eine Folge der dauernden übermüdung ist auch die hohe Unfallziffer. Außerordentlich zahlreich sind schwere Infektionskrankheiten. Dieselbe Erhebung ermittelte, daß die Pflegerinnen nach durchschnittlich 8 Jahren berbraucht sind. Von 43 Todesfällen, welche die Berufsorganisation in einem bestimmten Zeitraum innerhalb ihres Schwesternkreises registrierte, entfielen nicht weniger als 13 auf Selbstmorde. Einige der Unglücklichen legten in geistiger Umnachtung Hand an sich, die meisten waren verzweifelte, erschöpfte Menschen, die vor dem Zusammenbruch aller ihrer Kräfte standen.... überall fehlt es noch an der richtigen Einschätzung der körperlichen Anstrengungen und seelischen Erschütterungen, die der Pflegerinnenberuf mit sich bringt. Verhängnisvoll waren auch vielfach die aszetischen Prinzipien in der Ernährung, die, wie fast alle übel in der Krankenpflege, von den religiösen Körperschaften stammen. In Amerika und England hat der Krankenpflegeberuf diese ungesunde Entwicklung aus den kirchlichen Institutionen nicht durchzumachen gehabt. Dort finden wir denn auch Verhältnisse, die für Deutschland geradezu vorbildlich sein müßten. In den besten Londoner Krankenhäusern kommen 2 Betten, in englischen Provinzanstalten 5 Betten auf eine Schwester. In Deutschland entfallen durchschnittlich 10 bis 20 Betten auf eine Pflegerin, in kleinen Krankenhäusern nicht selten die doppelte Anzahl. Diese Zahlen beweisen von neuem, daß in der Krankenpflege eine Ausbeutung von Frauenkräften stattfindet, wie sie schlimmer nicht in den finstersten Winkeln der Heinarbeit angetroffen wird. Es ist die höchste Zeit, daß die Gesetzgebung eine Reorganisation der Krankenpflege vornimmt, sowohl im Interesse des ohne Maßen ausgenutzten Pflegepersonals wie auch derjenigen Bevölkerungskreise, die in der Anstaltspflege die verlorene Gesundheit und Arbeitsfähigkeit wieder erlangen sollen. M. Kt. Rinderelend in Schleswig- Holstein. Die bürgerliche Gesellschaft kann sich nicht genug tun, den Arbeitern die„ Segnungen der modernen Kultur" aufzuzeigen, auf daß die Unzufriedenheit der Massen endlich einmal schweige. Von Zeit zu Zeit sieht sich jedoch ein Vertreter der Herrschenden gezwungen, hier und da den Schleier der„ göttlichen Weltordnung" zu lüften, und ein Bild grauen Elends bietet sich dann dem Auge. Doch nicht als Menschen nehmen unsere Herrschenden für gewöhnlich Anteil an den Leiden des Volkes, dringen sie auf Linderung der Not. Vielmehr sind es meist die Bedürfnisse des Staats, der Gemeinde, die sie nötigen, dazu Stellung zu nehmen. Der Staat fühlte sich erst dann veranlaßt, die Kinderausbeutung einzuschränken, als bestimmte industrielle Gegenden das Rekrutenkontingent nicht mehr stellen konnten. Die Gemeinden empfanden mit Schrecken das Wachsen der Armenlaften und suchten mun erst dem Elend entgegenz Nr. 20 Die Gleichheit wirken, um dadurch Entlastung zu schaffen. In derartigem Zusammenhang ist es zu verstehen, daß der letzte SchleswigHolsteinische Städtetag neben der Erörterung anderer Fragen auch ein Referat brachte, das Stadtrat Dr. Pauly- Stiel über Kinderschutz in Schleswig- Holstein hielt. Wir schicken voraus, daß die Provinz Schleswig- Holstein durchaus nicht ein industriell start entwickeltes Land ist. Der Flächeninhalt beträgt 19005 Quadratkilometer. Von der Gesamtfläche kommen nach den Feststellungen von 1900 auf Ackerbau und Gärten 56,8 Prozent, 10,9 auf Wiesen, 11,6 auf Weiden, 6,7 Prozent auf Waldungen. Die Bevölkerung betrug 1905 1504248 Einwohner, das sind 79 auf ein Quadratkilometer. Eine große Verschiebung dieser Verhältnisse hat auch in den verflossenen Jahren nicht stattgefunden. Dr. Pauly stellt fest: Unsere Provinz hatte im Jahre 1880 1127149 Bewohner, von denen 668118 in Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern sagen. 1907 zählte man 1545746, von denen aber nur noch 656983 den ländlichen Gemeinden angehörten. Der gesamte Zuwachs entfiel auf die Gemeinden mit städtischem Charakter, beinahe zwei Drittel des Zuwachses auf Kiel, Altona, Flensburg, Neumünster und Wandsbet. 1882 waren in unserer Heimatproving landwirtschaftlich tätig 188641 Personen, während Industrie und Handel 178401 Menschen beschäftigten. 1907 erwarben zwar weitere 42108 Personen ihren Unterhalt in der Landwirtschaft, aber 144573 mehr Menschen fanden ihr Fortkommen in Industrie und Handel. Die schleswig- Holsteinischen Städte liefern nicht so viele Refruten, wie sie nach dem Reichsdurchschnitt im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl stellen müßten. Namentlich Altona blieb nach den Untersuchungen des Jahres 1906 weit zurück, fogar hinter Hamburg und Bremen, ja selbst hinter dem Durchschnitt der sächsischen und rheinischen Großstädte. Aber auch ein Schaden an seelischer Straft zeigt sich im Anwachsen der Kriminalität, das nach dem Vortragenden um so bedenklicher ist, als in dem gleichen Zeitraum 1905 bis 1908 insgesamt 1032 Kinder der Fürsorgeerziehung überwiesen worden sind. Die weit. aus meisten dieser Kinder stammen aus den Städten. Der Redner führte weiter aus, daß das nicht genüge, was bisher in„ werftätiger Liebe" in Krippen, Warteschulen, Horten, Jugendheimen, Mädchenasylen, Ferienkolonien, Waldschulen, Fürsorgestellen für Lungenkranke, auf Sport- und Spielplägen geleistet würde. Die Grundlagen, die Reichs- und Staatsgesetze zu legen begonnen haben, müssen erweitert werden. Dr. Bauly will Provinzen, Kreise, Städte und Gemeinden stärker dazu heranziehen. Vor allem schweben ihm da vier Tätigkeitsgebiete vor: Fürsorge für Säuglinge, die Verhältnisse der unehelichen Kinder, die Sorge für die armen Kinder und Schutz der erwerbstätigen Kinder. Es ist ein düsteres Bild, das der Redner zur Begründung seiner Forderungen aufrollte. Wir erfahren da, daß von 982 im Jahre 1906 in Stiel gestorbenen Säuglingen 506 an Ernährungsstörungen zugrunde gingen. Bei einer Mindersterblichkeit von 6 Prozent wären im Jahre 1909 in Schleswig- Holstein 3275 Säuglinge weniger gestorben. Um dem übel zu wehren, wird man zunächst der erwerbstätigen Frau es erleichtern müssen, sich selbst und den Neugeborenen richtig zu pflegen. Dr. Pauly empfahl ferner Belehrung und Aufklärung über den Wert des Selbst. stillens, Pflegerinnenkurse, kostenlosen ärztlichen Rat an unbemittelte Mütter. Für die mehr als 14000 Fabrikarbeiterinnen in Schleswig- Holstein sollten Stillstuben in den Fabriken eingerichtet werden. Für die unehelichen Kinder wird die Berufsvormundschaft vieles bessern. Der Kieler Berufsvormund zog 1909 mehr als 60000 Mr. Alimente ein. Bisher haben aber nur Kiel, Altona, Flensburg und Wandsbek Berufsvormundschaften. Das Elend dieser„ Sündenfinder" zeigt sich ebenfalls in der Säuglingssterblichkeit. Im Jahre 1908 wurden in Schleswig- Holstein 4575 Kinder unehelich geboren, von denen rund 1300 im ersten Jahre wieder gestorben sind. Nicht minder groß ist die Not der armen ehelichen Kinder. Die Überwachung ihrer Erziehung will Dr. Pauly gleichfalls in die Hände eines Generalvormundes gelegt wissen. Eine 311 solche Einrichtung besteht bisher in Stiel, Altona und Wandsbet. Am 1. April 1910 hatten schleswig- Holsteinische Städte 1762 Kinder in Stadt- und Landfamilien untergebracht. Nicht weniger als 26 Städte halten dauernd ihre armen Kinder in städtischen Armenhäusern. Aber dieses Hilfsmittel schadet oft mehr als es nützt. Schon aus pädagogischen Gründen allein dürften Kinder auf keinen Fall unter dasselbe Dach mit Siechen, Trinkern, Landstreichern und Verbrechern, ja nicht einmal mit schuldlos Verarmten gebracht werden. Dr. Pauly forderte noch an gesellschaftlichen Maßregeln: Unterbringung der jungen Armenhäusler in ländliche Familien, Errichtung von Heimen zur Pflege tuberku löser Kinder, Fürsorge für die Krüppel. Schäzungsweiſe leben in Schleswig- Holstein 1200 heimbedürftige Krüppel. Aber alles, was geschieht, ist unvollständig ohne Schutz für die erwerbstätige Jugend. In SchleswigHolstein arbeiteten 1910 nicht weniger als 766 vierzehnund fünfzehnjährige Mädchen und 2107 vierzehn- und fünfzehnjährige Knaben in Fabriken. Außerdem wurden 6824 schulpflichtige Kinder gewerblich beschäftigt, davon 2223 in gesezwidriger Weise. Diese Tatsachen, die der Vortrag des Herrn Dr. Pauly feststellte, sind eine einzige ungeheure Anklage gegen die herrschende Gesellschaft. Das ist gewiß dem Mitglied des Kieler Magistratskollegiums nicht zum Bewußtsein gekommen. Die Stellung des Mannes dürfte aber jedem Zweifelfüchtigen eine Gewähr dafür sein, daß die mitgeteilten Tatsachen keine Übertreibungen sind. Im Gegenteil! Das Heer bleicher, frühzeitig dem Tode verfallender Kinder ist viel, viel größer, als uns das amtliche Material zu melden weiß. Und wie groß ist erst das Elend der großen Zahl Kinder auf dem Lande, die heute noch jeglichen gesetzlichen und gesellschaftlichen Schutzes entbehren. Wie lange noch? Es gibt nur ein Mittel! Fort mit einer " Ordnung", in der die schaffende Mutter nur Ausbeutungsobjekte gebären kann, in der den Kindern jegliche Jugendfreude und das Leben frühzeitig geraubt wird. Aus der Bewegung. P. R. Viktor Adler zum 60. Geburtstag. Am 24. Juni feiert einer der besten, hervorragendsten Führer der internationalen Sozialdemokratie seinen 60. Geburtstag: Viktor Adler in Wien. Viktor Adler, der Name ist gleichbedeutend mit dem höchsten Jdealismus, mit feltener Begabung und reichem Wissen, selbstlos und restlos bis zum letzten Fünkchen der Kraft in den Dienst des proletarischen Befreiungskampfes gesetzt. Es ist uns nicht möglich, in diesem Augenblick zu schildern, welch unbergängliches Verdienst sich Viktor Adler um den Aufbau und das geistige Leben der Sozialdemokratie in Osterreich erworben hat; welch großer Anteil ihm an der Entwicklung der sozialistischen Internationale zukommt. Wir müssen uns darauf beschränken, kurz des einfichtsvollen und zuverlässigen Förderers der proletarischen Frauenbewegung in Osterreich zu gedenken, des Kämpfers für die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts und seine Befreiung durch den Sozialismus. Mit Rat und Tat ist Viktor Adler jederzeit den Genossinnen zur Seite gestanden, und wenn in der Offentlichkeit oder in den Reihen der Partei für das Recht der Frauen gestritten wurde, so hat er seine einflußreiche Stimme dafür erhoben. Und dieser sturmerprobte Kämpfer ist ein gütiger, liebenswürdiger Mensch, ist ein treuer Freund wie wenige. Die Genossinnen aller Länder vereinigen sich mit ihren österreichischen Schwestern, um Viktor Adler aufrichtigen Dank und herzliche Wünsche darzubringen. V Bon der Agitation. Im Auftrag der Parteileitung des Wahl. kreises Friedberg- Büdingen fanden in folgenden Orten Frauenbersammlungen statt: Steinbach, Oberroßbach, Rodheim, Bruckenbrücken, Klein Karben, Massen. heim, Bilbel, höchst a. N., Himbach, Altenstadt, Heldenbergen, Obermörten, Büdesheim, Jlbenstadt, Niederflorstadt, Stammheim, Nieder Mockstadt, Nieder- Erlenbach, Wolf, MittelGründau, Hain- Gründau, Diedelsheim, Fried. berg, Büdingen, Rohrbach, Kefenrod, Wenings, 312 Die Gleichheit hizkirchen und Bindsachsen. Trotzdem der Wahlkrets eine beinahe ausschließlich landwirtschaftliche Bevölkerung auf weist, waren die Versammlungen recht gut besucht. Ja, in vielen Orten konnten die Säle die Versammlungsbefucher nicht fassen, und die Leute mußten in großer Zahl von den Treppen und der Straße aus zuhören. Nur in Klein Karben, wo nicht genügend vorgearbeitet worden war, und in Vilbel hätte der Versammlungsbesuch stärker sein können. M In allen Versammlungen sprach die Unterzeichnete über„ Die Frau und die Politik". Mit der größten Spannung lauschten die Versammelten den Worten der Rednerin und gaben durch häufige Zwischenrufe und Beifall ihre Zustimmung fund. Die Frauen bewiesen in allen Versammlungen rege Anteilnahme und ihr Ver ständnis für den Wert des Wahlrechts. Auch Gegner waren in fast allen Versammlungen zahlreich anwesend, verhielten sich aber sehr ruhig und meldeten sich nur in zwei Orten zum Wort. In Nieder Mockstadt erklärte ein Agrarier, die Frau hätte in der Politik nichts zu tun, die Frau gehöre ins Haus usw.; furz, er bewies, daß sein Berständnis sich auf der Höhe des faifer lichen befindet. In Hizkirchen behauptete ein Landwirt, in allen Bunften mit der Referentin einig zu sein. In der Frage der Invaliden- und Altersrentenversicherung allerdings könne er sich nicht mit ihr einverstanden erklären, weil diese die Arbeitgeber zu viel Geld kosten und die Rentenempfänger oftmals noch rüftig genug seien, um ihren vollen Lohn zu verdienen! Beiden Gegnern wurde im Schlußwort die gebührende Antwort zuteil. Wenn im Wahlkreis Friedberg Büdingen auch noch viel Feld brach liegt, das durch uns beadert werden muß, so schreitet bie Bewegung doch rüstig vorwärts. Der Kreiswahlverein hat auch bei dieser Agitationstour viele männliche und weibliche Mitglieder gewonnen, und der Frankfurter Volksstimme" und der Gleichheit" wurden neue Leser zugeführt. Berta Lungwiz. In den Monaten März, April und Mai sprach die Unterzeich nete auf einer Agitationstour durch acht Gaue des Deutschen Textilarbeiterverbandes in insgesamt 52 Versammlungen. Es fanden Versammlungen statt im Gau Kassel 11, im Gau Augsburg 4, im Gau Iauen 3, im Gau Stuttgart 11, im Gau Düsseldorf 5, im Gau Neugersdorf 3 ufw. Die Versammlungen waren zum Teil sehr gut, manche allerdings auch schwach besucht, in allen waren aber die Arbeiterinnen stark vertreten. Wo der Versammlungsbesuch zu wünschen übrig ließ, war dies immer durch die gleichen Gründe verursacht: die Überlastung der Arbeiterinnen mit Berufs- und Hausarbeiten, bie weite Entfernung der Arbeitsstätte vom Wohnort. Ferner hatten die Oster- und Pfingstfeiertage mit der ihnen voraus gehenden vermehrten Arbeitsanspannung der Frauen den Besuch einiger Bersammlungen ungünstig beeinflußt. In Zukunft wer ben die den Festtagen vorangehenden Tage für Versammlungen ausfallen müssen. In den Bezirken, wo in der Textilindustrie viel Arbeiter und Arbeiterinnen aus ländlichen Orten beschäftigt find, pulsiert das gewerkschaftliche Leben weniger stark, und die Agitation erzielt nur schrittweise Erfolge. Dort find naturgemäß auch die Löhne und Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen die schlechtesten. So erreichen in einem Betrieb Nordhausens Puzerinnen einen Lohn von 4 Mt. in der Woche. Leider kümmerten sich bisher die Arbeiterinnen dieses Musterbetriebs um die ge werkschaftliche Bewegung weniger als der Unternehmer, der stets einen feiner Söhne in die Arbeiterversammlungen schickt. Durch ihre Gleichgültigkeit machen es die Lohnstlavinnen dem Herrn leicht, sich um die versprochenen Lohnzulagen herumzudrücken. Und nur durch Anschluß an den Textilarbeiterverband tönnen sie ihren Ausbeuter zwingen, das Gesetz zu beachten, das borschreibt, daß Arbeiterinnen am Sonnabend den Betrieb um 8 Uhr zu verlassen haben, und nicht zuläßt, daß sie noch ¼ nach 5 Uhr auf ihr Geld warten müssen. Noch übertroffen wird die oben angegebene Lohn, höhe" im Betrieb des Kommerzienrats SemIinger in Beil am Main. Hier brachte es eine siebzehnjährige Spulerin sogar in zwei Wochen auf 4 Mt. Das lag natürlich nicht an dem schlechten in diesem Betrieb verarbeiteten Material; nimmermehr würde dies der Herr Kommerzienrat zugeben, der sich als erste Autorität im Baumwollhandel aufspielt. Vielmehr ist nach Herrn Semlingers eigenem schriftlichen Bescheid das Mädchen faul". Aber selbst dieser Lohn von 4 Mt. für zwei Wochen ward nicht ungekürzt ausgezahlt. Es wurden davon noch Strafen abgezogen, so daß das junge Mädchen 17 Bf. für zwei Wochen Arbeit erhalten haben soll. Mit solchen Löhnen wollen fich aber die jungen Mädchen nicht länger zufrieden geben, fie beginnen allmählich auch in diesem Betrieb sich der Organisation Nr. 20 anzuschließen. Den gleichen Schritt tun die Weberinnen, die nach ihrer Meinung von 10 Mt. Berdienst für zwei Wochen nicht leben können. Die Unternehmer beklagen solche Begehrlichkeit" der Arbeiterinnen als ein betrübendes Zeichen der Zeit. In Eintracht war man bisher mit den Arbeiterinnen ausgekommen und hatte aus den Anspruchslosen Riesenprofite herausgeschunden. Daß das anders werden soll, wollen auch die Inhaber der Stuttgarter Tertilbetriebe nur sehr schwer begreifen. Die im Gau Stuttgart schnell und kräftig fich entwidelnde Or ganisation der Textilarbeiter bringt nach Ansicht der Fabrikanten die Arbeiterinnen vom richtigen Wege ab. Es ist den Herren natürlich äußerst unangenehm, daß die Arbeiterinnen das Auswaschen der Maschinenflede, das Reinigen der Arbeitssäle und Aborte nicht mehr ohne Entschädigung besorgen werden. Die Arbeiterinnen meinen auch, daß ihr Lohn nicht durch übernahme weiterer Maschinen, sondern durch bessere Bezahlung der Arbeit erhöht werden muß. Und sie halten es für durchaus notwendig, daß sie selbst ein Wort bei der Festsetzung der bei den verschic densten Anlässen erhobenen Geldstrafen mitzusprechen haben. Weiter verlangen sie, daß die Unternehmer ihnen Nadeln und Nähfaden liefern, und weisen ganz entschieden die Berdächtigung zurück, daß diese Lieferung Anreiz zum Diebstahl geben könnte. Endlich bestehen sie darauf, daß bei den zweiwöchentlichen Lohnzahlungen ihnen ihr sauer verdienter Lohn ganz ausbezahlt wird, und daß der Unternehmer nicht den Lohn für drei Tage einbe hält, um diese Summe in seinem Betrieb arbeiten zu lassen. Wenn die Unternehmer aber glauben, durch Entlassung einzelner Arbeiterinnen die Mehrzahl vom Anschluß an den Deutschen Textilarbeiterverband abzuhalten, so sind sie auf dem Holzweg. Erfreulicherweise hat der Organisationsgedanke unter den Arbeiterinnen des Stuttgarter Gebiets bereits so start Wurzel gefaßt, daß solche Schreckmittel ihre Wirkung gänzlich verfehlen. Much noch in vielen anderen Orten unseres Verbandsgebieis ist die Arbeiterschaft am Werke, die fich hebende Lage der Textil industrie zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen auszunutzen. Und überall beteiligen sich die Arbeiterinnen an diesen Lohnbewegungen, überall nehmen sie vor allem an dem Kampfe um weitere Verkürzung der Arbeitszeit lebhaftesten Anteil. In einigen Orten des Vogtlandes, wo die Unternehmer zur Zeit der Krise die Organisation zu vernichten trachteten, haben Arbeiterinnen das schwierige Werk des Erhaltens und Aufbauens ihrer Organisation in aller Stille betrieben. Nun können sie den kom menden Kämpfen gerüstet entgegensehen. Es geht allerorts vor wärts! Die Versammlungen brachten dem Verband eine stattliche Anzahl neuer Mitglieder. Es darf die Hoffnung ausge sprochen werden, daß die emfige Tätigkeit der örtlichen Funktionäre und der Eifer der in der Aufklärungs- und Werbearbeit tätigen Kolleginnen dem Deutschen Textilarbeiterverband weitere Scharen von Kämpfern und Kämpferinnen zuführen wird. Dann fann in Zukunft durch die Organisation noch Größeres für die Verbesserung der Lebenslage der Textilarbeiter und Textilarbeiterinnen getan werden. Marta Hoppe, Berlin. Unsere Frauenbewegung in Dessau, Coswig und Bölnitz hat durch den Frauentag einen fräftigen Anstoß erhalten. Die Versammlungen waren sehr gut besucht und brachten auch zufriedenstellende greifbare Erfolge. Mit großem Interesse und Verständnis folgten die Frauen den Ausführungen des Referats und äußerten den Wunsch, bald wieder eine Frau sprechen zu hören. Die weitere planmäßige Aufklärungsarbeit verspricht in den drei Orten die besten Früchte. Luise Siedel. Im siebten sächsischen Reichstagswahlkreis fand im Anschluß an unseren Frauentag eine Agitationstour statt. In verhältnis. mäßig starker Zahl nahmen die Frauen an den Versammlungen teil, in denen die Bedeutung der politischen Rechte für die Frauen dargelegt und die Forderung des Frauenwahlrechts begründet wurde. Die Versammelten folgten stets mit der größten Aufmerksamkeit den Ausführungen der Rednerin, und der Beifall am Schluffe des Referats bewies, daß sie ihnen aus dem Herzen gesprochen hatte. Eine Resolution, die die Schlußfolgerung aus der Rede zog, wurde überall einstimmig angenommen. Doch ließen es die Versammelten dabei nicht bewenden, eine große Anzahl bon ihnen trat unseren Reihen bei, so in Meißen 25, in Großenhain 16; in Bratwig, Riesa, Bobersen. Oberau usw., überall gewannen wir neue Mitstreiter und Mitstreiterinnen, im ganzen über hundert. Nun liegt es an der Leitung in den einzelnen Orten, die neu Gewonnenen zu halten und in unserem Sinne zu schulen. In den größeren Orten halten die Frauen bereits Leseabende ab, und in den übrigen sollen solche in Bälde ins Leben gerufen werden. Also auch hier geht es Nr. 20 Die Gleichheit 313 vorwärts, wie übercill, und reicher Ä�gcn erwartet un« in der Zukunft! M. Juchacz. Vrrichtiguug. Irrtümlicherweise haben wir in unserer letzten Nummer mitgeteilt, dah Frau Cauer beim sozialdemokratischen Frauentag in einer der Berliner Versammlungen das Wort ergriffen habe. Die betreffende Nachricht war unwidersprochen durch mehrere Parteiblätter gegangen, so daß wir annehmen mußten, sie stimme. In Wirklichkeit hat Frau Cauer wohl an einer unserer Demonstrationsversainmlungen in Berlin teilgenommen, jedoch sie hat nicht gesprochen, weil die vorgerückte Zeit eine Diskussion ausschloß.__ Politische Rundschau. Zwei ausländische Staaten haben in diesen Wochen die Augen d«r deutschen Arbeiterklasse auf sich gelenkt: Ungarn und Belgien. In beiden kam es zu revolutionären Zuckungen, zu Straßenkämpfen d«S Proletariat» und blutigen Metzeleien der Soldateska, in beiden Ländern machten Teile der Arbeiterschaft den Versuch, den Generalstreik ins Werk zu setzen. Und in beiden Ländern sind die politischen Verhältnisse aus dem Gleichgewicht gebracht und ihre Neuordnung droht weitere heftige Erschütterungen zu bringen. In Ungarn haben die Blutopfer der Arbeiterschaft, die in der Stratzenschlacht des 23. Mai gebracht wurden, die herrschende Junkcr- sippe am parlamentarischen Staatsstreich nicht zu hindern vermocht. Unter ihrem Präsidenten, Grafen TiSza, einem entschlossenen Gewaltmenschen, hat die Mehrheit des Abgeordnetenhauses die Geschäftsordnung des Hauses zerrissen, die Obstruktion der Minderheit zu Boden gerungen, die seit einem Jahr die Beratung der Wehrvorlagen verhindert hatte. Im Handumdrehen ist jetzt die Heeresver- ftärkung bewilligt worden, die die Krone seit Jahren vergeblich forderte. Die obstruierenden Abgeordneten, die lärmend gegen den Stechts- bruch protestierten, wurden sektionsweise durch Polizei aus dem Parlament hinausbefördert. Starke» Militäraufgebot in den Straßen der Hauptstadt sicherte die Parlameirtsmehrheit bei ihrem Gewaltstretch. Die Krone hat ihre Forderung endlich durchgesetzt, sie hat nicht umsonst mit dem allgemeinen gleichen Wahlrecht gedroht. Diese Drohung machte die ungarischen Junker mürbe, die einst trotzig auf d« Forderung standen: Keine Wehrreform ohne Schaffung einer ungarischen Arinee— da» Heer ist in dem Doppelstaat Österreich- Ungarn eine gemeinsame Einrichtung und die Kommandosprache deutsch. Die Mehrheit gab die Opposition auf und bildete die.national« Arbeitspartei' unter TiSza, die nun die Obstruktion niedertrampelte und der Krone die Militärvorlage zu Füßen legte. Die also.vernünftig' wurden, das sind die Vertreter der oberen Schicht der Junker. Sie haben das Monopol auf die OffizierSstcllen in den ungarischen Truppenteilen nicht so dringend nötig— denn auf die Verdrängung der österreichischen Konkurrenten läuft die.national«' Forderung nach einer ungarischen Annee schließlich hinaus. Einmal haben sie, da sie an der nationalen Industrie und am Bank- !»«srn mit Kapitalien beteiligt sind, auch an der imperalistischen Po- littk auf dem Balkan Interesse, für die die größere Armee das Werk- t«ug abgeben soll. Dann aber haben sie eine Wahlreform viel mehr zu fürchten als die Konkurrenz der österreichischen Offiziere im Heere. Di« kleineren hungrigeren Junker dagegen legen naturgemäß mehr W«rt auf die Versorgung ihre» Nachwuchses und haben auch ein ««Wistes Interesse an der Beschränkung des Einflusses der größeren Grundbesitzer. Deshalb fordern sie die Wahlreform, wobei sich ihnen Teil« der Bourgeoisie und de» Kleinbürgertums anschlössen. Doch ist das neue Wahlsystem, da» die Opposition fordert, natürlich vom «letchen Wahlrecht noch so weit entfernt, daß man eS als eine Ver- höhmmg des Begriffs einer Wahlreforn, bezeichnen muß. Nicht nur, daß der größte Teil der Arbeiterklasse weiter wie bisher vom Wahl- «cht ausgeschlossen bliebe, e» werden auch Klauseln gefordert, um Vach Bedarf jedem Sozialdemokraten als einem Frevler am.Nario- valftoat' das Wahlrecht entziehen zu können. Aber selbst dieses Wahlrecht ist der Mehrheit noch zu weitgehend, sie will daS schändliche Zensuswahlsystem beibehalten. Dieses Wahlsystem mit öffentlicher Abstimmung, da» durch eine geradezu tolle Ungleichheit der Wahlkreis« noch verschlimmert wird, hat die ärgste Korruption unter Wählern und Abgeordneten großgezogen, unter seiner Herrschast blüht der Stimmenkauf, der amtliche Wahlschwinde! und die Vergewaltigung oppositioneller Wähler durch Militär und Gendarmen. Einige möglichst unwesentliche Änderungen an diesem Wahlrecht, der«n Inhalt noch nicht feststeht, gibt die herrschende Mehrheit frech »l»«ine Wahlreform aus, Der Kampf im ungarischen Parlament ist also ein Streit zwischen zwei Gruppe» der herrschenden Klassen. Auch wenn die Opposition siegt, kommt für die Arbeiterschaft so gut wie nicht» heraus. Die Parteien, aus denen sie sich zusammensetzt, haben, als sie die Regierung führten, keine Miene gemacht, Ungarn wirklich zu demokratisieren, und haben an Arbeiterfeindlichkeit den TiSza, Lukacs und Konsorten nichts nachgegeben. Der Gegensatz zwischen ihnen und der zurzeit herrschenden Clique ist nicht so groß, wie man nach dem Lärm der parlamentarischen Schlachten, nach der Schändung des Parlaments durch polizeiliche Gewalt schließen könnte. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß die Opposition die Sache lange nicht so tragisch nimmt, als man nach ihrem leidenschaftlichen Gebaren annehmen sollte. DaS Attentat eines einzelnen, des Abgeordneten KovacS, auf den Präsidenten Tisza ändert daran nichts, es ist eine ganz isolierte Handlung; das Benehmen der übrigen ist mehr theatralisch als überzeugend. Und diese mehr oder minder korrupten Vertreter der Opposition eignen sich auch sehr wenig zur Rolle der Volkstribuncn. Die Arbeiterklasse Ungarns hat in dieser Zeit der Verwirrung die Aufgabe, aus den Kämpfen der Herrschenden untereinander für ihre Sache den größtmöglichen Vorteil zu ziehen. Daß es ihr an Mut und Tatkraft nicht fehlt, hat sie in den blutigen Kämpfen de» 23. Mai zu Budapest bewiesen, und in diesen Tagen haben es die Arbeiter der Provinz gezeigt, die in verschiedenen Stadien den Generalstreik proklamierten und in heftigen Zusammenstößen mit Polizei und Militär ihren Mann standen. Inzwischen ist, nachdem das Oberhaus ebenfalls die Wehrvorlage angenommen hat, Ruhe eingetreten. Das Rumpfabgeordnetenhaus wurde schon vorher auf acht Tage vertagt. Es fragt sich nur, wie lange diese Ruhe anhalten wird. Die herrschende Klasse sitzt auf einem Pulverfaß. In dem mit Ungarn zwangsweise verbundenen Kroatien hat der Verfassungöbruch der ungarischen Gewalthaber die Verzweiflungstat geboren, die gewöhnlich der Gesetzlosigkeit von oben zu antworten Pflegt. Ein bosnischer Student namens JukicS schoß ans den königlichen Kommissar C u v a y, der als Werkzeug der Budapester Regierung die kroatische Verfassung zerstört, da» Parlament auseinandergejagt, die Presse unterdrückt und geknebelt und das Versammlungsrecht zerstört hat, um die Kroaten den ungarischen Forderungen willfährig zu machen. Der Kom- missar blieb unverletzt, dagegen wurde sein Begleiter schwer verwundet. An der Gewaltherrschaft ändert das Attentat nicht», sein ganzes Ergebnis ist eine Masscnvcrhaftung bosnischer Studenten— die ungarische Regierung braucht eine Verschwörung. Die stürmischen Vorgänge in Belgien traten im Gefolge der Kammerwahlcn auf, die die klerikale Mehrheit nicht zertrümmerten, sondern verstärkten. Die Liberalen und Sozialisten dachten diesmal sicher die klerikale Burg, die sie jahrzehntelang vergeblich berannt hatten, zu ersteigen, hatten doch seit 1902 die Wahlen regelmäßig eine Schwächung der Klerikalen, eine Ver- ringerung ihrer Mehrheit bewirkt. Und zudem hatte die klerikale Regierung durch ihre Schulgesetzvorlage eine allgemeine Empörung im Lande hervorgerufen. Die Vorlage sollte den unzulänglichen, von unzureichend ausgebildeten Zöglingen klerikaler Seminare und unwissenden Nonnen geleiteten Klosterschulen gewaltig« Staatssubventionen auf Kosten der Gemeindeschulcn sichern. Der Widerstand gegen die klerikale Schulgesetzgebung führte zum engen Bunde der Sozialisten mit den Liberalen, die in verschiedenen Wahlkreisen gemeinsame Kandidatenlisten aufstellten. Sogar die Altliberalen, die bis dahin da» schändliche Vierstimmenwahlrecht verteidigt hatten, erklärten sich jetzt für das gleiche Wahlrecht, für daS die Arbeiterschaft seit langem kämpfte. Allgemein wurde erwartet, daß die Klerikalen diesem Bündnis erliegen müßten. Aber das Gegenteil trat ein, die Mehrheit der Klerikalen stieg von 6 auf 16 Mandate. Von den beiden verbündeten Parteien machte nur die Sozialdemokratie einige Fortschritte, während der Liberalismus einen erheblichen Rückgang erlitt. Dem kleinen radikalen Flügel der belgischen Sozialisten, der vor dieser Bündnispolitik gewarnt hatte, ist durch die Tatsachen Recht gegeben worden. Die Liberalen haben viele Wähler verloren, die aus Angst vor den sozialen Gesetzen, die eine sozialdemokratisch-liberale Mehrheit machen würde, für die Klerikalen stimmten; und die Werbc- kraft der Sozialisten auf die unaufgeklärten Arbeiter ließ nach, weil sie in ihnen infolge des Bündnisses mit den antiklerikalen Liberalen weniger die Vertreter sozialer Forderungen als die Feinde der Religion sahen. So kam das überraschende Wahlergebnis zustande. Die in ihren Erwartungen getäuschte Arbeiterschaft geriet in große Erregung, die sich in Stratzendemonstrationcn und improvisierten Streiks Luft machte. Die siegestrunkeneu Klerikalen benutzten die Straßendemonstrationen zu blutiger Gewalttat. In L ü t t i ch wurde in da» VoltshauS geschossen, und 314 Die Gleichheit mehrere Tote und viele Verletzte waren die Opfer; auch in Antwerpen floß Blut. Der Generalrat der sozialistischen Partei sandte seine Mitglieder ins Land, um die Arbeiter von weiterer Verzettelung ihrer Kräfte abzuhalten, was nach mancherlei Schwierigkeiten gelang. In Bälde soll ein außerordentlicher Parteitag zusammentreten, um einen energischen Feldzug für die Erkämpfung des gleichen Wahlrechtes einzuleiten. Die Entschlossenheit des Proletariats wird im gegebenen günstigen Moment auch vor dem Generalstreit nicht zurückschrecken. Die Klerikalen werden sich indes ihrer Haut wehren, denn ihr Sieg und ihre Herrschaft beruhen nur noch auf dem Unrecht des Pluralwahlrechtes, die Mehrheit der Wähler ist gegen sie. Die nächste Zeit wird daher heftige Kämpfe in Belgien bringen. In Deutschland ist der Streit zwischen der Kölner und der Berliner Richtung im Zentrum beziehungsweise zwischen den beiden Richtungen angehörenden Verbänden der katholischen Arbeitervereine zu heller Lohe entbrannt. Der Papst hat den Berliner Verband belobt, gegen die anderen Vereine, die westund süddeutschen, aber erklärt, daß er sie nicht billigen könne, und wenn er sie auch nicht verbiete, so sehe er doch ihren Bestrebungen voll Sorge zu. Das ist ein Schlag gegen die christlichen Gewerkschaften, die die katholischen Arbeiter mit evangelischen in eine Organisation vereinigen und die deshalb nicht direkt von katholischen Geistlichen geleitet werden können. Die päpstlichen Sympathien gehören den streng katholischen Fachabteilungen, die von der Berliner Richtung gepflegt werden. Die Kölner und die christlichen Gewerkschaften haben nun heftig aufbegehrt und beschuldigen ihre Berliner Brüder in Christo, daß sie sie beim Papste verleumdet hätten. Da der Heilige Vater nicht angegriffen werden darf, so stellen ihn die Kölner als das Opfer falscher Information hin, was der Autorität des unfehlbaren Papstes sicherlich sehr förderlich ist. Der Lärm der Kölner hat indes den Vatikan bedenklich gemacht, er geht vorerst wieder einmal einen Schritt zurück. Ein päpstlicher Uditore" mußte der Zentrumspresse abwiegelnde Erklärungen geben, die indes die Tatsache nicht ver schleiern können, daß der Papst die christlichen Gewerkschaften nicht mag. Immerhin ist vorerst kein offenes Vorgehen Roms gegen sie zu erwarten. Dazu haben diese Organisationen zu hohe Protektoren. Der Reichskanzler hat öffentlich sein Interesse an ihrer Erhaltung fundgegeben, und der preußische Gesandte beim Vatikan hat Vorstellungen bei der Kurie für sie erhoben, die ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Die Regierung schätzt diese Aucharbeiterorganisationen eben als brauchbare Werkzeuge zur Spaltung und Niederhaltung der Arbeiterbewegung. Und sie hat allen Anlaß dazu nach der Probe, die die christliche Streifbrecherorganisation beim letzten Streit der Ruhrknappen von ihrer Gesinnungstüchtigkeit gegeben hat. Da aber die christlichen Gewerkschaften nun sicherlich alles versuchen werden, sich durch gutes Verhalten das Vertrauen des Papstes zu erwerben, und dieser den Streit verwirft, so ist die weitere Annäherung der christlichen Gewerkschaften an die gelben Verräterorganisationen sicher. Der Papst verbietet sie nicht, aber er bricht ihnen das Rückgrat. Das kann freilich der Regierung und den Unternehmern nur lieb sein. Im Nationalliberalismus ist ein heftiger Zerschungsprozeß im Gange. Die Tatsache, daß eine Anzahl nationalliberaler Reichstagsabgeordneter bei der Präsidentenwahl im Stichwahlgang für den sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt hatten, erregte einen solchen Spektakel in der Partei, daß ein außerordentlicher Delegiertentag die Einigkeit wiederherstellen sollte. äußerlich gelang das auch, Bassermann war wieder einmal der Held des Tages. Aber schnell kam der hinkende Bote nach. Die Rechtsnationalliberalen traten zusammen und gründeten eine besondere Organisation innerhalb der Gesamtpartei, den Altnationalliberalen Reichsverband, mit eigenem Sekretariat, das der bisherige Angestellte der Gesamtpartei, der gewesene Reichstagsabgeordnete Fuhrmann, leitet, und einer eigenen Korrespondenz, die bereits kräftig gegen die Jungliberalen vom Leder zieht. Die Leitung der Gesamtpartei sieht diesem Treiben, das die Spaltung in nächste Nähe rückt, hilfslos zu. Der Hansabund hat sich neue Richtlinien gegeben, worin er der Forderung der Scharfmacher nach einer neuen Zuchthausborlage ein vorläufig noch etwas verschämtes Zugeständnis macht. Und der Handelstag sammelt Material für eine solche Vorlage. Die Scharfmacher erhalten stetig größere Gefolgschaft aus der Bourgeoisie; auch das Handelskapital, das bisher eher zu den Linksliberalen hielt, unterliegt mehr und mehr dieser arbeiterfeindlichen Strömung. In Schwarzburg- Rudolstadt hatte die Regierung den Landtag aufgelöst, um die sozialdemokratische Mehrheit loszu Nr. 20 werden. Das Experiment mißlang. Die Sozialdemokraten kehrten in derselben Zahl und mit verstärkter Stimmenzahl zurüd. Eine Wahlrechtsverschlechterung, die die Regierung durchsetzen wollte, ist damit ins Wasser gefallen. Beugt sich die Regierung jetzt dem Volkswillen nicht, so wird es zu heftigen Konflikten in dem kleinen H. B. Ländchen kommen. Gewerkschaftliche Rundschau. England, das Land der sozialen Harmonie, das keine Ausbeuter und Ausgebeutete, sondern nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer fannte, die ihre Differenzen im Rahmen friedlicher Vergleichs. verhandlungen regelten, scheint sich im Laufe zweier Jahre gänz lich gewandelt zu haben. Es zeigt sich, daß hier die Klassengegensätze zu unerhörter Höhe gestiegen sind, sie entladen sich in gewaltigen Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit. Seit Wochen stehen nunmehr die Londoner Transport arbeiter im Streit. Der Kampf nahm seinen Anfang im Londoner Hafen aus anscheinend geringfügiger Ursache, wegen der Beschäftigung eines Unorganisierten. Doch gab diese nur den Anstoß zur Entfachung des großen Kampfes, dessen Ursachen viel tiefer liegen. Seit dem erfolgreichen Streit der Transportarbeiter im vorigen Jahre lassen die Unternehmer nichts unversucht, um den Arbeitern die damals errungenen Vorteile zu entreißen. Die Herren verletzten den Vertrag aufs schwerste und bewußt, dem jezigen Streitfall lag eine förmliche Verschwörung ihrerseits zugrunde. Unverzüglich nahmen sich die Unternehmer der vertragsbrecherischen Firma an und gaben dadurch dem Kampffeld weitere Ausdehnung. Doch sie stießen auf einen kampfesfreudigen Gegner, und der Streit, der sich zunächst auf die Londoner Hafenarbeiter beschränkt hatte, griff sehr schnell auf die übrigen Transportarbeiter über. Die Fuhrleute und Rollkutscher schlossen sich ihren Brüdern an, und die Eisenbahnbehörden mußten die Überführung von Gütern nach den Häfen einstellen. Auch einige Dampfschifffahrtsgesellschaften waren gezwungen, ihren Betrieb ruhen zu lassen. Die englische Regierung hatte gleich zu Beginn des Streites Militär und Polizei aufgeboten. Als aber der Kampf einen immer drohenderen Umfang annahm, suchte sie zu vermitteln. Sie brachte einen Entwurf zu einem Einigungsamte für den Londoner Hafen in Anregung. Danach kann kein Streik und keine Aussperrung erklärt werden, ehe nicht die Veranlassung zu der vorgesehenen Arbeitsniederlegung beziehungsweise Aussperrung der Gegenpartei schriftlich mitgeteilt worden ist. Wenn dann die strittigen Bunfte innerhalb der nächsten sieben Tage nicht geregelt worden find, hat die flagende Partei das Recht, die Angelegenheit dem gemeinschaftlichen Komitee der Arbeiter- und Unternehmerorgani fation zu unterbreiten. Bringt dieses in den folgenden sieben Tagen feine Einigung zustande, so steht es jeder Partei frei, au tun, was ihr beliebt. Weiter schlägt die Regierung vor, daß die Arbeiter wie die Unternehmer eine Raution stellen und bei einer Bank deponieren, um aus dieser Geldsumme bei Vertragsbruch Konventionalstrafen zu zahlen. Ähnliche Vertragsbedingungen bestehen in England schon in anderen Gewerben. Die Führer des Transportarbeiterverbandes hatten nicht geringe Bedenken gegen solche Abmachungen, entschlossen sich aber schließlich doch, die Vorschläge der Regierung anzunehmen. Die Unternehmer dagegen Tehnten sie glatt ab, getreu dem herausfordernden Benehmen, das fie von Anfang an bewiesen hatten. Daraufhin erklärte der Trans. portarbeiterverband den schon angedrohten Generalstreit für ganz England. Der Exekutivausschuß des Transportarbeiterverbandes veröffentlichte ein Manifest, in dem das halsstarrige Verhalten der Unternehmer aufgezeigt und zur Arbeitseinstellung aufgefordert wird. Weiter bittet der Ausschuß um Zuwendung von Geld und Lebensmitteln, die Kinder der Streikenden unterzubringen und zu verpflegen. Der Hilferuf für die 300 000 Kinder der Londoner Ausständigen fand Widerhall im Herzen unserer englischen Genossen. In London trafen sie Vorkehrungen zur Behausung und Ernährung der Kinder, und Genossin Gräfin Warwiď hat sich bereit erklärt, allein für tausend Kinder der Streikenden zu forgen. Der angekündigte Generalstreit für ganz England konnte jedoch infolge Mangels an Geldmitteln nicht ins Werk gesetzt werden, der Ausstand muß auf den Londoner Hafen konzentriert bleiben. In Frankreich sind die Seeleute im Ausstand. In den Häfen Dünkirchen, Havre, Cherbourg, Brest und Bordeaux liegen Dzeandampfer fest und auch die Küstenschiffahrt stodt. Den streifer: den Mannschaften der großen Schiffahrtsgesellschaften haben sich die von Privatjachten angeschlossen. In Brest legten die Matrosen und Heizer sämtlicher Transportschiffe die Arbeit nieder, auf denen Nr. 20 Die Gleichheit Truppen und Munition nach dem aufständischen Marokko befördert werden sollten. Die Schiffahrtsgesellschaften beschlossen, den Matrosen eine Lohnzulage von 10 Franken im Monat zu gewähren. Die Streitenden bestehen aber auf einer Lohnzulage von 20 Franken im Monat. Auf Befehl des Marineministers begaben sich 203 Matrosen und Heizer der Staatsmarine nach Havre, um die Streifenden auf einem Postdampfer zu ersetzen. Dieses Eingreifen der Regierung kann dem Streit nur noch weitere Ausdehnung geben. Aus allen Häfen Frankreichs laufen Sympathielundgebungen der Seeleute mit den Ausständigen ein. Im Zentralschiedsgericht für das Baugewerbe ist es zu einer kleinen Unstimmigkeit gekommen. Die Unternehmer verlangten eine Sigung zu einer Zeit, die für die Vertreter des Zimmererverbandes ungelegen ist. Als ungeachtet deren Einspruch der Vorsitzende des Schiedsgerichts die Sigung dennoch anberaumte, erschienen die Vertreter des Zimmererverbandes und des Bauarbeiterverbandes nicht. Die bürgerliche Presse wußte darauf sogleich beweglich über sozialdemokratische Vertragstreue" zu jammern. Die Tagesordnung der nun für den 10. Juni festgesetzten Schiedsgerichtssitzung zeigt aber, was es mit der Vertragstreue der Unternehmer auf sich hat. Nicht weniger als 21 Klagepunkte beziehen sich auf die unerhörten Zustände in Mecklenburg. Dort hat der Unternehmerverband offenbar seine Mitglieder veranlaßt, den Tarifvertrag durch Sonderabkommen zu durchlöchern, die vielfach mit Gewalt erzwungen werden. Das Vorgehen und die Anträge der Unternehmer sind nicht geeignet, dem Tarifvertrag festen Bestand zu geben, sie sind von der Absicht diftiert, mit Hilfe des Tarifvertrags dem Scharfmacherwillen Geltung zu verschaffen, der in der großen Aussperrung von 1910 nicht durchgesezt werden konnte. Die Lage im Baugewerbe spitzt sich übrigens mit dem Näherrücken des Ablauftermins für den Vertrag im Frühjahr 1913 immer schärfer zu. Die Unternehmer weisen durch Rundschreiben auf den Ablaufstermin hin und regen an, bei Lieferungsverträgen die Streitflausel einzufügen und dergleichen mehr. In den Bauarbeiterverbänden herrscht gleichfalls reges Leben. Eine rührige Werbearbeit zieht immer neue Scharen von Mitgliedern und Mitstreitern heran. Der Bauarbeiterverband hat seit der letzten Aussperrung seine Kasse kräftig gestärkt, er verfügt zurzeit über ein Vermögen von beinahe 10 Millionen Mark. Die Bauarbeiter stehen also den Scharfmacherplänen der Unternehmer wohlgerüstet gegenüber, und sie werden bis zum Frühjahr nächsten Jahres ihre Stellung noch wesentlich verstärkt haben. Das Verbandsorgan der Zimmerer erscheint in einer Auflage von 73 000 Exemplaren, das des Bauarbeiterverbandes in einer solchen von 350 000 Gremplaren, und wenig niedriger ist die Mitgliederzahl dieser Verbände. Hoffentlich ist im nächsten Jahre die wirtschaftliche Lage eine günstigere, augenblicklich gibt sie nicht allein im Baugewerbe Anlaß zu Klagen, sondern auch in der Holzindustrie. In Berlin ist die Arbeitslosigkeit in der leßteren zum Beispiel so groß, daß ein Arbeitsloser im Nachweis mindestens viereinhalb Wochen auf Arbeitsvermittlung warten muß. Der Kürschnerstreit in Weißenfels mußte nun doch bon den Arbeitern unter Verzichtleistung auf wesentliche Punkte ihrer ursprünglichen Forderungen beendet werden. Die Unternehmer lehnten die Einbeziehung der Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen in das Tarifverhältnis ab, sie bewilligten aber den Hilfsarbeitern 5 bis 10 Prozent Lohnzulage; den Arbeiterinnen sollen Zulagen nach dem Ermessen der Unternehmer gewährt werden. Die Arbeitszeit wurde um wöchentlich drei Stunden vertürzt. Neun Wochen hatten die Arbeiter und Arbeiterinnen im Kampfe gestanden. Die Zahl von 50 000 Mitgliedern hat der Schneiderver= band überschritten. Neben 38 996 männlichen Mitgliedern zählt er 11 394 weibliche. Verhältnismäßig schneller als die Zahl der ihm angehörenden Arbeiter ist die Zahl der Arbeiterinnen gestiegen. Im Jahre 1905 wurden erst 2678 weibliche Mitglieder ge= zählt. 1906: 3712, 1907: 7640, 1908 und 1909 fant die Zahl der weiblichen Mitglieder, wie auch die der männlichen, um 1910 auf 8942 emporzuschnellen; 1911 betrug sie 10 499. Der Verband, der im nächsten Jahre sein 25jähriges Bestehen feiert, hat besonders unter den Arbeiterinnen noch ein weites Arbeitsfeld. Namentlich in der Damentonfettion und der Wäscheindustrie, in denen überwiegend Arbeiterinnen beschäftigt werden, müssen noch große Scharen Unorganisierter von der Werbearbeit des Verbandes erfaßt werden. In Erkenntnis der Schwierigkeit dieser Agitations- und Organisierungsarbeit kommen doch hier überaus viele Heimarbeiterinnen in Betracht haben die Gewerkschaftskongresse es den Gewerkschaftskartellen wiederholt zur Pflicht 315 gemacht, die organisierten Männer darauf hinzuweisen, daß sie ihre in der Konfektion usw. erwerbstätigen weiblichen Familienmitglieder dem Schneiderverband zuführen. Diese Beschlüsse seien auch an dieser Stelle noch besonders in Erinnerung gebracht. Der Schneiderverband war übrigens lezthin der Gegenstand täppischer und schmuziger Angriffe durch den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Irgend ein reichsverbändlicher Kindskopf strengt sein armes Hirn in dieser ereignislosen Zeit an, um in den Abrechnungen der Gewerkschaften herumzu schnüffeln und darin den Beweis für die„ Mästung" der Gewerkschaftsbeamten mit Arbeitergroschen zu entdecken. Und immer verfallen diese Arbeiterfreunde" auf denselben Trick grenzenloser Dummheit und Niedertracht, eine große Summe, für die sie keine Aufrechnung finden können oder wollen, einfach als Gehälter zu buchen. 323 251 Mark Arbeitergroschen sollten sich so die Angestellten des Verbandes in die Tasche geschoben haben, das heißt, jeder von ihnen müßte über 30 000 Mark Jahresgehalt bezogen haben. Tatsächlich erhalten die Beamten im Durchschnitt 2700 Mart Jahresgehalt, eine Besoldung, für die jedenfalls keiner der Reichsverbandsangestellten sein ehrenwertes Gewerbe. treibt. Es erübrigt sich, an dieser Stelle näher auseinanderzusehen, wie die Verwendung dieser Summe in der Abrechnung flar und deutlich zum Ausdruck kommt. Die bürgerliche Presse aber, als willige Abnehmerin der Reichsverbandskorrespondenzen, bringt solch blödfinnige Niederträchtigkeiten mit Behagen zum Abdruck und erweist # sich dadurch als deren schmutziger Urheber wert. Arbeitslosenzählung im Deutschen Textilarbeiterverband. Die Maizählung ergab am Stichtage 734 Arbeitslose, darunter 263 weibliche. Am gleichen Tage meldeten sich als auf der Reise befindlich 150 arbeitslose Mitglieder, darunter 5 Arbeiterinnen. Die Zahl der Mitglieder betrug 86 974 männliche und 53 219 meibliche, insgesamt 140 193 in 320 Filialen. Arbeitslos waren demnach 0,63 Prozent der Mitglieder. Das Mehr von 407 Organi sierten gegen den Vormonat wird zum größten Teil von den Arbeiterinnen gestellt. k. sch. Genossenschaftliche Rundschau. Die Zweite Kammer des sächsischen Landtags hat Ende Mai, turz vor ihrer Vertagung bis zum Herbst, noch einen vernünftigen Beschluß gefaßt, der die sächsischen Konsumvereine start berührt: sie beschloß mit großer Mehrheit, daß in Zukunft die Erhebung einer Umsatzsteuer verboten sein soll. Und zwar wurde dieser Beschluß im Rahmen der zweiten Lesung des neuen von der Regierung vorgelegten Gemeindesteuergesetzes gefaßt. Seit dem Jahre 1896 wird in Sachsen ein heftiger Kampf für und gegen diese plumpste und ungerechteste aller Steuern geführt, die in jenem Jahre die Sanktion der sächsischen Regierung erhielt. Vorher war sie überhaupt nicht bekannt, jedenfalls wurde fie nirgends erhoben beziehungsweise eingeführt. Mit der Erstarkung der Konsumvereine und ihres Einflusses auf wirtschaftlichem Gebiet wuchs auch der Haß und die Mißgunst der Krämer gegen diese. Die Mittelständler gewahrten mit Schrecken, daß das im Genossenschaftsgesetz vom Jahre 1889 ausgesprochene Verbot des Verkaufs an Nichtmitglieder die Entwicklung der Konsumvereine eher gefördert, statt wie beabsichtigt war, gehindert hatte. In Sachsen verfielen sie nun zuerst auf den Gedanken, durch eine brutale Sonderbesteuerung das gewünschte Biel zu erreichen. Im Jahre 1896 wurde auf eine Petition des Verbandes der Kaufleute und Kleingewerbetreibenden hin im Landtag ein Beschluß gefaßt, der als das Signal zur Einführung lokaler Umsatzsteuern gelten kann. Nur die 14 sozialdemokratischen Vertreter stimmten gegen diesen Streich. Schon wenige Wochen später erließ die so scharf gemachte Regierung eine Verordnung an die Kreishauptmannschaften, nach der die Erhebung einer Umsatzsteuer durch die Gemeinden zulässig war. Nun begann sofort ein wüstes Rennen nach der Steuer in allen Gemeinden, wo die Mittelständler genügenden Ginfluß hatten und wo entsprechend große Konsumvereine bestanden. Denn man wollte in der Hauptsache nur die Konsumvereine treffen, die man ja auch vom politischen Standpunkt aus haßte, weil sie als Werkzeug der Sozialdemokratie verdächtig waren. In kurzer Zeit waren in 40 Gemeinderäten Umsatzsteuern beantragt und in 23 solche beschlossen. Man arbeitete drauf los ohne jede Vernunft und ohne Kenntnis des Charakters und der Wirkung dieser Steuern. So kam es vor, daß Umsatzsteuern bis zu 4, in einem Falle sogar 5 Prozent beschlossen wurden! Schließlich sah sich selbst die Rcgierung veranlaßt, diesem blinden Draufloshauen etwas zu steuern. Sie erließ eine zweite Verordnung, nach der die Umsatzsteuer höchstens bis zu 2 Prozent erhoben werden durfte. Denn 316 Die Gleichheit es stellte sich heraus, daß die Steuer schon in dieser Höhe einen Betrag von 20 bis 25 Prozent des Reingewinns ausmachte! Und da man die Umsatzsteuer in der Form nicht lediglich den Konfumvereinen abnehmen konnte, diese Absicht vielmehr nur durch die Art der Steuerregulative zu erreichen suchte und in den meisten Fällen auch erreichte, so konnte es immerhin vorkommen, daß in größeren Orten auch Privatgeschäfte davon betroffen wurden. Die gewünschte Lahmlegung oder gar Erdrosselung der Konsumvereine durch die Steuer trat aber nicht ein. Die Konsumbereine nahmen vielmehr einen energischen, rücksichtslosen und sielbewußten Kampf gegen diese ungerechte Besteuerung auf, der mit der Zeit zu nennenswerten örtlichen Erfolgen führte und auch auf die Behörden seinen Eindruck nicht verfehlte. Die soziale Wirkung der Umsatzsteuer im Sinne der Mittelständler war gleich Null. Im Gegenteil! Weite Kreise der Arbeiter, die bisher den Konsumvereinen gleichgültig gegenüberstanden, wurden jezt aufmerksam, nahmen sich der Sache der bedrängten Arbeitergenossenschaften an, und sie wurden auch- Mitglieder! Das Vorgehen der Mittelständler erzielte also genau das Gegenteil dessen, was diese bezweckt hatten, wenn auch eine große Anzahl von Konsumvereinen durch die Steuer in der unglaublichsten Weise geschröpft wurde. In den Gemeinderäten jedoch, in denen auch Arbeitervertreter immer mehr Mitbestimmungsrecht erlangten, wurde die Sympathie zu dieser Sondersteuer merklich kühler. Man konnte sich der Tatsache eines offenbaren Steuerunrechts gegen die Arbeiter doch nicht ganz verschließen. Hier und dort ermäßigte man die Steuer, in einzelnen Fällen schaffte man sie ganz ab oder erhob sie gar nicht erst. In einer Denkschrift der Regierung über die Umfazsteuer im Jahre 1900 wurde festgestellt, daß von 620 über 1000 Einwohner zählenden sächsischen Gemeinden in 80 Umsatzsteuern bestanden, von der fast nur Konfumvereine betroffen wurden. Das war den Mittelständlern zu wenig, und sie schrieben ihren Mißerfolg der Tatsache zu, daß die Umsatzsteuer nicht für das ganze Land obligatorisch sei. Infolgedessen verlangten sie dringend in jedem Landtag eine Landesumsaksteuer. Die Regierung hat das stets abgelehnt, weil sie die Autonomie der Gemeinden in diesem Falle nicht beseitigt wissen wollte. So ist der Kampf um die Umsatzsteuer nun bis auf den heutigen Tag gegangen. Die Mittelständler auf der einen, die Konsumbereine, Warenhäuser und sonstigen großen Geschäfte, namentlich bie Filialgeschäfte, auf der anderen Seite. In den öffentlichen Körperschaften Landtag und Gemeinderat- wurde der Kampf gegen die Umsatzsteuer wirkungsvoll von den sozialdemokratischen Vertretern, und fast nur von ihnen, geführt. Mochten die Gegner zehnmal daraus die Identität von Nonfumvereinen und Partei herleiten. Der Sache beider Organisationen hat das nichts ge= schadet, dem Kampfe aber eine Wucht gegeben, der die Gegner nicht standzuhalten vermochten. Im Landtag wurde die Stellung der Mittelständler immer ungünstiger, da die Konservativen aus der Mehrheit verdrängt sind, und auch einflußreiche wirtschaftliche Korporationen des Privatkapitals entschieden gegen die Umsaksteuer Front machten, die auch dieses zu beeinträchtigen drohte. So wandten sich die Handelskammern Sachsens, der Verband der Industriellen, Vereinigungen von Großkaufleuten und warenhäusern in Eingaben an den jeßigen Landtag entschieden gegen die Umsatzsteuer, die nach der Vorlage des Gemeindesteuergesetzes nach wie vor in der jezigen Form, das heißt fakultativ und bis 2 Prozent, aufrechterhalten bleiben sollte. In der Kommission wurde entgegen der Regierungsvorlage mit nur einer Stimme Mehrheit beschlossen, daß in Zukunft die Erhebung einer berartigen Umsahsteuer glattweg verboten ist. Im Plenum wurde diesem Beschluß mit großer Mehrheit zugestimmt. Mit der Regierung gingen nur die Konservativen und zwei Nationalliberale. Es ist zu wünschen, daß der Beschluß Gejebestraft erhält und damit allen Umsatzsteuerscherereien ein Ende bereitet wird. Hoffentlich folgen dann die anderen Bundesstaaten dem Beispiel Sachsens nach, wie sie ja auch seinerzeit die Umsatzsteuer von Sachsen übernommen haben. über eine genossenschaftliche Schweinemästerei werden im dritten Heft des Landwirtschaftlichen Jahrbuchs für Bayern" interessante Angaben gemacht. Es handelt sich um eine Genossenschaft in Weißenhorn, die jetzt schon im eigenen Betrieb jährlich über 1000 Ferfel erzeugt und an die Landwirte der Umgebung absetzt. Sie wird ihren Betrieb so erweitern, daß sie von jezt ab jährlich steigend 1000, 2000 und 3000 Ferkel für den Bedarf der Städte Ulm und Neu- Ulm liefern fann; sie errichtet in der Nähe der genannten Städte auf einem von diesen unentgeltlich bereitgestellten Grundstüd eine Mastanstalt, in der die Schweine bis zum Gewicht von 110 Kilogramm gemästet werden. Str. 20 Die Kosten der Anlagen werden von der Genossenschaft getragen, aber von den Städten verzinst. Ebenso trägt die Genossenschaft die ganzen Kosten und das Risiko des Betriebs. Die Kosten für die Fütterung( Futtergerste, Fleisch- und Fischmehl) verpflichten sich die Städte durch Anweisung eines laufenden Kredits unberzinelich vorzuschießen. Die Dedung des Vorschusses erfolgt nach und nach durch Abnahme der Schweine zu dem vorausbestimmten Preise. Sicherheit wird den Städten durch Einräumung eines Pfandrechts an den Schweinen und an den Versicherungspolicen gegeben. Jedes in der Anstalt eingestellte Schwein wird zu durchschnittlich 60 Mt. versichert. Die fertiggemästeten Schweine werden von den Städten der Genossenschaft abgekauft, und zwar für die nächsten fünf Jahre zu dem Einheitspreis von 63 Mt. für den Zentner Schlachtgewicht oder 50 M. für den Bentner Lebendgewicht. Die Städte geben die Schweine zum Selbstkostenpreis an jene Megger ab, die sich verpflichten, das Fleisch zu dem von der Stadtverwaltung festgesetzten Preise im Laden zu verkaufen. Die Läden müssen durch eine Aufschrift mit der Preisangabe tenntlich gemacht sein. Der Preis wird wesentlich unter den in den letzten Jahren verlangten Durchschnittspreisen sein. Das Vorgehen der beiden Städte beruht auf dem Gedanken, daß es bei der heutigen Gestaltung der Lebensmittelversorgung unvorsichtig ist, sich bezüglich der Beschaffung der Lebensmittel für die Bevölkerung größerer Städte ausschließlich auf den Handel zu verlassen, daß es vielmehr Aufgabe der Kommunalverwaltungen ist oder werben muß, nicht den Handel auszuschalten und die Lebensmittelversorgung selbst zu übernehmen, aber in die Zufuhr und Preisbildung der Lebensmittel regelnd und ausgleichend einzugreifen. Wie das H. F. Experiment sich weiter gestaltet, bleibt abzuwarten. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Die Wiener Dienstmädchenorganisation ,, Einigkeit" befiebt nun über ein Jahr, und hat Sonntag, den 28. April, die erste Generalversammlung abgehalten. Jede Versammlung der Dr. ganisation sieht fast wie ein Fest aus. Die Mädchen atmen auf, flix einige Stunden nicht nur frei zu sein, sondern sich im Kreise gleich. gesinnter Arbeitsschwestern zu befinden. Es wurden in dem Zeitraum eines Jahres fast 1000 Mitglieder in die Drganisation aufgenommen. Unter ihnen befinden sich hochintelligente Mädchen, die vortrefflic das Wort zu führen und sich gewandt auszudrüden verstehen. besteht eine Stellenbermittlung, bie von den Dienstgeberinnen mehr in Anspruch genommen wird als von den Mädchen. Rechtsschutz wurde einer großen Anzahl von Mitgliedern gewährt und zwar in den meisten Fällen mit Erfolg. Die fleine Bibliothek bes Vereins wurde viel in Anspruch genommen. Die Dienstmädchen. zeitung„ Einigkeit" erfreut sich großer Beliebtheit. Die ganze Agitation wird bisher von in Stellung befindlichen Dienstmädchen selbst betrieben. Vor größeren Versammlungen arbeiten fie bei Nacht mit Kleistertopf und Pinsel, um in der Nachbarschaft der Märkte die Einladungen zu den Versammlungen anzufleben. Und diese Arbeit geschieht auf die Gefahr hin, von einem Polizisten festgenommen zu werden. In den Städten Graz und Salzburg sollen demnächst Ortsgruppen gegründet werden. Die Tätigkeit der„ Einigkeit" läßt die Christlichsozialen nicht ruhen. Am 12. Mai, am Frauentag, wurde in die Volfshalle des Rathauses eine christliche Dienstmädchenversammlung einberufen. Außer bekannten Arbeiterführern" der Chrift lichsozialen ist schon der Herr Vizebürgermeister der Stadt Wien in höchst eigener Person bei den Dienstmädchen als Redner erschienen. Auch bei den Dienstmädchen stehen sich zwei Welten gegenüber. Die Mitglieder der Einigkeit" waren bom Frauentag hinweggeeilt, un der chriftlichen Versammlung beizuwohnen. Dort stand nun die feine, aber tapfere Gruppe der Klassenbewußten Dienstmädchen der großen nach Hunderten zählenden Scharun aufgeklärter, mißbrauchter Mäd chen gegenüber. Unter Führung von Nonnen waren die letteren in die Versammlung gekommen. Die Nonnen gaben nur der Vorsizen. den das Zeichen zum Klatschen und zum Pfuirufen, wenn von So zialdemokraten gesprochen wurde. Denn alle chriftlichen Redner schimpften über die„ Sozis". Das hielt eine Genossin der, Einigkeit" nicht ab, das Wort zu verlangen, um an den Herrn Vizebürgermeister einige Anfragen zu richten. Es gelang ihr, die im Banne der Kleritalen stehenden Mädchen zu Beifallsrufen hinzureißen. Da wurde ihr due Wort entzogen. Nun kam ein christlicher Arbeiterführer" zu Wort und stellte fest, daß die Vorrednerin eine Sozialdemokratin sei. Dieselben Mädchen, die soeben ihrer Arbeitsschwester Beifall gespendet hatten, riefen nun: Pfui". Das ist fleritale Erziehung. Unsere or 21 Nr. 20 Die Gleichbeit ganisierten Dienstmädchen ließen sich nicht einschüchtern, da man feiner von ihnen das Wort mehr gab, machten sie Zwischenrufe. Die Versammlung wurde so stürmisch, daß sie auseinander ging, ohne daß sie geschlossen worden war. Das Auftreten der flassenbewußten Dienstmädchen wird nicht ohne Nachwirkung auf die noch unaufgeHärten Schwestern geblieben sein. Diese werden so wohl behütet, daß sie selbst ihre paar Ausgangsstunden unter der Führung von Ronnen verbringen. Trotzdem wird manch eines der frommen Mädchen zum Nachdenken erweckt worden sein, als das Mitglied der Einigkeit" die Lage der Dienstmädchen erörterte und den Herrn Vizebürgermeister zur Rede stellte, warum seine allmächtige Partei nicht eine bessere Dienstbotenordnung geschaffen habe, da sie doch über die Majorität verfüge. Den Mädchen wurde zugemutet, täglich zwei Stunden für den eucharistischen Stongreß Blumen zu machen und Spizen zu häfeln. Aber nicht etwa bei Tage, in der Zeit, die die Dienstgeberin für sich beansprucht, nein bei Nacht soll diese christliche Arbeit verrichtet werden. An die heilige Notburga" und an die heilige Bila" aber sollen sich die Mädchen wenden, wenn sie in irgend einer Not sind. Dann brauchen sie wahrscheinlich keinen Rechtsschutz. Die Vorsitzende betonte, daß in den 4 Jahren, in denen der christliche Verein besteht, noch nie ein Rechtsschutz notwendig geworden sei. Die protestantischen Dienstmädchen werden sich schließlich auch eine Heilige anschaffen müssen, vielleicht spüren sie dann nicht mehr, was sie heute schwer drückt. a. p. Streit der Dienstmädchen im Seebade Warnemünde. In Warnemünde waren die Dienstmädchen übereingekommen, für die Arbeitsüberbürdung während der Saison eine Zulage zu fordern, im Falle der Ablehnung aber die Arbeit einzustellen. Und sie haben ihren Beschluß in die Tat umgesetzt, und überall, wo ihre Forderung zurüdgewiesen wurde, verließen die Mädchen kurzerhand den Dienst ohne Kündigung. Nun gilt es den Zuzug von Streitbrecherinnen abzuhalten. Fürsorge für Mutter und Kind. Religion, Patriotismus und Mutterschaftsversicherung in Italien. Am 5. April d. J. ist in Italien endlich das Gesez in Straft getreten, das den industriellen Arbeiterinnen die Anfänge einer bescheidenen Mutterschaftsfürsorge bringt. Die„ Gleichheit" hat seinerzeit ausführlich darüber berichtet, so daß wir jetzt nur das Wesentlichste in die Erinnerung zurückrufen. Nach dem italienischen Arbeiterinnenschutzgesetz darf in der Fabrifindustrie eine Wöchnerin die Arbeit erst vier Wochen im Ausnahmefall drei Wochen nach der Entbindung wieder aufnehmen. Die Not zwang sehr viele Arbeiterinnen, diese Schußbestimmung zu umgehen. Hier greift nun das Gesetz über die Mutterschaftsversicherung ergänzend ein. Es sichert jeder industriellen Arbeiterin- der verheirateten wie der lebigen im Falle der Niederkunft oder einer Fehlgeburt eine Unterstützung von 40 Lire= 32 Mart, die in zwei Staten ausgezahlt wird, und zwar auch die erstere davon erst nach der Entbindung. Bei Abtreibungen fällt das Recht auf Unterstützung fort. Die Kosten der Reform werden durch die Versicherungsbeiträge und durch einen Staatszuschuß von 10 Lire pro Entbindung aufgebracht. Jede industrielle Arbeiterin im Alter von 15 bis 50 Jahren muß bei der Mutterschaftskaffe versichert sein. Der Versicherungsbeitrag stellt sich bor dem 20. Lebensjahre auf einen Lire jährlich, vom 20. bis 50. Jahre auf zwei Lire. Der Betrag wird zur Hälfte von der Arbeiterin, zur Hälfte vom Unternehmer bestritten, muß aber von diesem entrichtet und der Arbeiterin in zwei Raten abgezogen werden. Die Stasse wird von einem neungliedrigen Komitee verwaltet, dem je drei Vertreter der Arbeiterinnen und der Unternehmer angehören. Auch Frauen dürfen Mitglieder dieses Verwaltungsrats sein. Einige Hauptmängel des Gesetzes sind augenscheinlich. So namentlich die Beschräntung auf die industriellen Arbeiterinnen, die Niedrigfeit der Unterstützung und der Umstand, daß auch die erste Nate erst nach der Niederkunft ausgezahlt wird. Immerhin ist ein Anfang zur gesellschaftlichen Fürsorge für die arbeitenden Mütter gemacht. Es hat eines langjährigen Ringens der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften bedurft, diese dürftige Mutterschaftsversicherung zu erkämpfent. Staum aber ist die Reform in Kraft getreten, so sind die Klerifalen und die Grozindustriellen auch schon am Werte, den kapitalistischen Profit vor den Rechten der proletarischen Mütter zu schüken. Daß dem so ist, und daß sich Kapital und Kirche verbünden, um die Arbeiterrechte zu schmälern, wird niemanden weiter befremden. Bemerkenswert ist es aber immerhin, wie man den Widerstand gegen die Mutterschaftsversicherung zu begründen und wie man dessen arbeiterfeindlichen Charakter zu verschleiern fucht, auch wie raffiniert die Rückständigkeit der Arbeiterinnen in Sicfem Kampfe ausgenügt wird. Die Klerikalen wenden sich un317 mittelbar an die Arbeiterinnen und heßen sie mit„ moralischen" Schlagworten gegen das Gesetz auf. Es sei unmoralisch, meinen die heiligen Männer, schon mit jungen Mädchen von der Mutterschaftsversicherung zu sprechen und sie zu dieser heranzuziehen. Würden die Pfaffen im Beichtstuhl mit jungen Mädchen von nichts „ Unmoralischerem" als der Mutterschaftsversicherung sprechen, so wäre es wohl um die sittliche Reinheit manches Mädchens besser bestellt! Noch unmoralischer aber sei es, geifern die frommen Verteidiger der Ausbeutung, die unehelichen Mütter durch diese Ver. sicherung zu schüßen. Damit züchte man nur die Prostitution! Die Vertreter der Seidenindustrie machten den proletarischen Müttern das Recht auf Unterstützung in einer Versammlung streitig, die sie bezeichnenderweise mit einer Aufforderung an die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter und Arbeiterinnen eröffneten, sich an den Geldsammlungen für die Luftfriegsflotte zu beteiligen. Für diesen erhabenen 8wed zirkulieren in den Fabrifen Sammellisten. Die Mittel zur Mutterschaftsversicherung müßten auch von den männlichen Arbeitern mit aufgebracht werden, so forderten die Seidenindustriellen, und sie verlangten, daß das Gesetz nicht eher in Kraft treten solle, bis es von Grund aus umgestaltet worden sei. Der allgemeine Verband der Großindustriellen Italiens nahm eine Resolution in dem gleichen Sinne an. Zur selben Zeit wird in den Fabriken gegen das Gesetz gehebt, und Unterschriften werden gesammelt, um eine Volksabstimmung dar. über zu verlangen! Ein großer Teil der unter das Gesez fallenden Arbeiterinnen gehört der Textilindustrie an. Bedenkt man, daß gerade die Textilarbeiter 41,5 Prozent der katholisch organisierten Arbeiter Jtaliens stellen, und daß 22 397 Textilarbeiterinnen den katholischen Fachbereinen angehören, so kann man nicht besorgt genug um das Schicksal der Mutterschaftsversicherung sein. Die Vertreter ber freien Textilarbeitergewerkschaften sind entschlossen, den Kampf gegen die reaktionären Angriffe auf die Mutterschaftsversicherung mit aller Kraft und mit allen Mitteln zu führen. Daß die sozialistische Partei diesen Kampf innerhalb und außerhalb des Parlaments aufnehmen wird, unterliegt keinem Zweifel. Möge bas dreiste Auftreten und das Zusammengehen von Klerikalismus und Chauvinismus, von Kirche und Großindustrie die Arbeiterinnen auf den Weg des Klaffenkampfes weisen! Möge die Art und Wetse, wie die allernotwendigsten und allerbescheidensten gesellschaftlichen Errungenschaften von Unternehmern und Geistlichen bekämpft werden, die proletarischen Frauen zum Kampfe fürs Wahlrecht anspornen! Haben sie erst die Waffe des Wahlrechts errungen, dann können sie auch mit den„ Arbeiterfreunden" jeder Farbe ab. rechnen und durch ein wuchtiges Eintreten für den Sozialismus die endgültige Abrechnung mit dem Kapitalismus und Klerifalls. mus beschleunigen. Angelika Balabanoff. Familienrecht. Die Steffung der unehelichen Kinder im nenen Schweizer Zivilgesetzbuch. Das neue Schweizer Zivilgesetzbuch, das am 1. Januar 1912 in Straft getreten ist, enthält Neuerungen, die im Vergleich zu dem deutschen Gesetzbuch fast alle als Fortschritte zu begrüßen sind. Die früheren Bestimmungen, die jeweils nur für die einzelnen Santone galten, waren oft unglaublich einfichtslos und hart. So war zum Beispiel die Frist für eine Vaterschaftstlage in verschie denen Kantonen so furz bemessen, daß das Erheben einer solchen in den meisten Fällen unmöglich wurde. In andern Kantonen galten die Bestimmmmgen nur für besondere einzelne Fälle und konnten im allgemeinen gar nicht angewendet werden. Vor allem aber drohte allenthalben der aus dem Code Napoléon entnommene berüchtigte Soldatenparagraph:„ Die Nachforschung nach der Vaterschaft ist unter sagt." Er ist glüdlicherweise ganz abgeschafft worden. Man bĭteb aber nicht bei den üblichen Bestimmungen stehen, die auch das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch enthält. Das Schweizer Gesetz räumt dem Vormundschaftsrichter viel größere Rechte ein. Dieser fann den Vater des außerehelichen Kindes nicht nur zur Unterhaltspflicht anhalten, sondern ihn auch zur Anerkennung des Kindes mit Standesfolge" zwingen, falls er der Mutter die Ehe versprochen oder sich mit der Beiwohnung eines Verbrechens schuldig gemacht oder die ihm über sie zustehende Gewalt mißbraucht hat. Das heißt, der Vater muß in diesen Fällen das Kind legitimieren, worauf es seinen Namen erhält, und ihm, wie auch der väterlichen Verwandtschaft gegenüber in die Rechte eines ehelichen Kindes tritt. In den vorgesehenen Fällen kann auch der Mutter eine Geldsumme als Genugtuung gesprochen werden. Diese Bestimmungen erfahren allerdings eine Einschränkung, die eine schwere Uitgerechtigkeit gegen das außer eheliche Kind und seine Mutter bedeutet. Verheiratete Männer fönnen 318 Die Gleichheit zur Legitimierung eines außerhalb der Ehe gezeugten Kindes nicht gezwungen werden, ja, sie haben nicht einmal das Recht, eine solche freiwillig zu vollziehen. Falls eine solche Vaterschaft erwiesen ist, wird der Mutter zwar eine Geldsumme als Genugtuung zugesprochen, natürlich unbeschadet der als Unterhaltsbeitrag festgesetzten Summe, aber die unmöglich gemachte Legitimierung des Kindes trifft in seinen Folgen auch sie. Die Klage gegen den Vater des außerehelichen Kindes fann bereits vor der Niederkunft angestrengt werden, ist aber in jedem Fall vor Ablauf eines Jahres nach der Geburt des Kindes zu erheben. Sobald die Vormundschaftsbehörde von der außerehelichen Geburt Kenntnis erhalten oder die Mutter ihr die außereheliche Schwangerschaft angezeigt hat, wird in allen Fällen ein Beistand ernannt, der des Kindes und der Mutter Interessen dem Vater gegenüber wahrzunehmen hat. Der Beistand kann jedoch nur im Einverständnis mit der Mutter handeln. Er wird nach Ablauf der Klagefrist durch einen Vormund ersetzt, der entweder eines der Eltern ist oder vom Gericht bestellt wird. Die Alimentierung des außerehelichen Kindes dauert bis zum 18. Lebensjahre, also zwei Jahre länger als in Deutschland. Die zu zahlende Summe richtet sich nicht nur nach der Lebensstellung der Mutter, sondern auch nach der des Vaters, der sie entsprechen muß. So ist dem Kinde eines reichen Vaters die entsprechende Erziehung gewährleistet, ja, das Schweizer Gesetz läßt noch eine nachträgliche Erhöhung der Alimentation zu. Es ist nämlich eine Revision zulässig, falls sich die Stellung des Vaters oder der Mutter zugunsten des Kindes geändert hat. Die Rechte des Kindes werden auch durch feinen Vergleich berührt, der zwischen Vater und Mutter abgeschlossen wird und seine Ansprüche irgendwie beeinträchtigen könnte oder gar durch einen Verzicht auf die Rechte seitens der Mutter. Im Erbrecht ist das außereheliche Kind in der mütterlichen Verwandtschaft dem ehelichen gleichgestellt. In der väterlichen Verwandtschaft besteht dagegen nur dann ein Erbrecht, wenn das Kind entweder freiwillig oder durch Urteil des Richters anerkannt worden ist. Hat ein außer ehelicher Erbe in diesem Falle mit ehelichen Nachtommen zu teilen, so erhält der außereheliche Erbe oder sein Nachkomme je mur halb so viel, als einem ehelichen Kinde oder seinem Nachkommen zukommt. Da das allgemeine Schweizer Strafgesetzbuch noch nicht in Kraft getreten ist, wird das Verfahren in Vaterschaftssachen nach dem Prozeßrecht des jeweils in Betracht kommenden Kantons geregelt. Eine Anmerkung hierzu besagt, daß die einzelnen Stantone teine strengeren Beweisvorschriften aufstellen dürfen, als es diejenigen des f. dr. geltenden ordentlichen Prozeßverfahrens sind. Vom Kampf um die Erforschung der Vaterschaft in Frank reich. Die französische Deputiertenkammer hat ohne Debatte das von uns seinerzeit besprochene Gesetz über die Erforschung der Vaterschaft angenommen, das der Senat ausgearbeitet hat, und das den berüchtigten Artifel 340 des Code civil abändert. Nachträglich stellt es sich heraus, daß das neue Gesetz zwei Bestimmungen enthält, die die schwersten Bedenken hervorrufen müssen, und von denen die eine geradezu eine juristische Ungeheuerlichkeit darstellt. Der Artikel 3 des Gesezes legt nämlich fest, daß die im Artikel 400 des Strafgesetzes auf Erpressung gesetzte Strafe von 1 bis 5 Jahren Gefängnis vom Zivilgericht über Personen verhängt werden kann, die bei einem Prozeß, den sie auf Anerkennung der Vaterschaft angestrengt haben, des schlechten Glaubens überführt werden. Außerdem soll in diesem Fall die Ausweisung aus einem bestimmten Bezirk auf die Dauer von 5 bis 10 Jahren zulässig sein! Ein Zibilgericht erhält also die Befugnis, ex officio, von Amits wegen, ohne Antrag der Staatsanwaltschaft und der beklagten Partei, in einem und demselben Urteil die uneheliche Mutter nicht nur mit ihrem Anspruch abzuweisen, sondern sie obendrein noch mit Gefängnis und Aufenthaltsverbot zu bestrafen. Während bei einem Prozeß wegenErpressung alle Vorschriften der Strafprozeßordnung eingehalten werden müssen, würde demnach gegen uneheliche Mütter die bloße Überzeugung des Zivilrichters zur Entscheidung genügen, daß die Klägerin in gutem oder schlechtem Glauben gehandelt hat. Juristisch betrachtet ist diese Bestimmung eine Verlegung der allgemeinen Rechtsgarantien, die Errichtung eines Ausnahmerechts gegen außer eheliche Mütter; praktisch bedeutet sie natürlich eine Einschüchterung, da der Beklagte der Klägerin jederzeit drohen kann, auf schlechten Glauben zu plädieren, und diese der Gefahr preisgegeben ist, vom Gericht ohne vorherige strafgerichtliche Untersuchung und ohne Beistand eines informierten Verteidigers zu schwerer Strafe verurteilt zu werden. Die zweite Bestimmung hat die Tendenz, den Geltungsbereich des Gesetzes einzuengen und die Freiheit des unehelichen Vaters von der Alimentationspflicht als Rassenprivileg fortzuerhalten. Der Artikel 4 des Gesetzes sagt nämlich:„ Das gegenwärtige Gesez ist in Algerien und den anderen französischen Besigungen in allen Nr. 20 Fällen anwendbar, wo wenigstens eine der Parteien französischer Nationalität ist oder der Kategorie der Ausländer angehört, die den französischen Staatsbürgern gleichgestellt sind. Die Lokal regierung hat gleichwohl das Recht zu erklären, daß fie es nur in dem Fall anwenden wird, wo die Mutter und der angeb liche Vater französischer Nationalität sind oder der Kategorie der gleichberechtigten Ausländer angehören." Was das bedeutet, liegt offen zutage. Es handelt sich darum, die der weißen Rasse angehörenden Männer vor den zivilrechtlichen Folgen ihres Geschlechtsverkehrs mit eingeborenen Frauen zu schüßen, die Geschlechtssllaverei der farbigen Rasse aufrecht zu halten. Gegen diese zwei Bestimmungen dieses Gesezes sind zahlreiche Proteste erhoben worden. Die Liga der Frauenrechte und die Liga der Menschenrechte agitieren in Vorträgen und Versanımlungen für die Aufhebung der Bestimmungen. Dafür tritt auch das hochangesehene Juristenkomitee für Gesezreform ein, eine Vereinigung von Richtern, Advokaten und Verwaltungsbeamten, die sich die Reform von Gesezen auf Grund der Praxis zur Aufgabe gemacht haben. Übrigens kommt das Gesetz im Senat noch einmal zur Verhand lung, und wenn der Berichterstatter der Kommission auch für die unveränderte Annahme ist, so ist doch der Einspruch einsichtigerer O. P. Senatoren zu erwarten. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Eine Konferenz der Arbeiterinnen des böhmischen Jfer. gebirges am 2. Juni befaßte sich mit dem Ausbau der politischen Organisation der Arbeiterinnen. An der Konferenz nahmen 96 Genossinnen teil, die von 18 Orten entsandt waren; das Frauenreichskomitee in Wien war durch Genossin Popp bertreten. In 8 Orten des Jsergebirges bestehen erst Organisationen, die etwa 500 Mitglieder haben. Die clende Lage der Proletarierinnen der Gegend erschwert die Aufklärung und Organisierung, macht diese aber um so notwendiger. Die Frauen arbeiten in der Glas- und Textilindustrie. Viele sind als Schleiferinnen, andere als Perlenbläserinnen tätig; die Heimindustrie ist sehr verbreitet, und zahlreiche Kinder werden bis in die späten Nachtstunden zur Arbeit angehalten. Genossin Popp erstattete ein ausführliches Referat über die Pflicht der Prole. tarierinnen, sich am Befreiungskampf der Arbeiterklasse zu beteiligen, und über die Aufgaben und den Ausbau der politischen Organisation. Da die Vertrauensmänner des Kreises und auch der einzelnen Orte anwesend waren, so ist zu erwarten, daß diese die Bestrebungen der Konferenz auf das tatkräftigste fördern werden. Es wurde für die beiden auf der Konferenz vertretenen Bezirke Gablonz und Tannwald je ein Komitee gewählt. Diesen Körperschaften obliegt es nun, im Einvernehmen mit den Vertrauensmännern den Ausbau und die Neugründung von politischen Frauensektionen ins Werk zu sezen. Als Mittel zur Aufflärung und Schulung der Frauen sollen Diskussionen und Vorlesungen dienen. Frauenstimmrecht. a. p. I. K. Eine Frau im böhmischen Landtag. Ein Ereignis von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist aus Böhmen zu melden. Eine Frau hat bei einer Abgeordnetenwahl zum böhmischen Landtag die Mehrheit der Stimmen erhalten. In Nimburg, einer Stadt in Böhmen, war eine Nachwahl notwendig geworden. Die Leitung der jungtschechischen Partei, die sich schon einigemal zugunsten des Frauenwahlrechts ausgesprochen hat, brachte als Kandidaten die Schriftstellerin Bozena Vit- ku= netika in Vorschlag. Die jungtschechischen Wähler von Nimburg erhoben dagegen Widerspruch und stellten von sich aus ihren Bürgermeister als Kandidaten auf. Die Parteileitung hielt jedoch die weibliche Kandidatur aufrecht. Die tschechoslawische Sozialdemokratie in Böhmen bewarb sich um das Mandat durch die auch den Leserinnen der„ Gleichheit" bekannte Genoffin Karoline Mach, Redakteurin der„ Zensky List" ( Frauenzeitung). Obwohl der Statthalter Böhmens, Fürst Thun, seine Bedenken äußerte, er könne doch nicht einer Frau das Wahlzertifikat ausstellen, wurde die Kandidatur der Frau Vik sowie selbstverständlich auch die von Genossin Mach aufrechterhalten. Am 4. Juni fand die Wahl statt, und bei ihr erhielt die jungtschechische Kandidatin 840 Stimmen, der Bürgermeister von Nimburg 769 und Genossin Mach 415. Da keine absolute Mehrheit erzielt wurde, kam es am 13. Juni zu einer zweiten Wahl. Diese endete, wie vorauszusehen war, mit dem Sieg der jungtschechischen Kandidatin. Denn die Sozialdemokraten hatten beschlossen, in der Nr. 20 Die Gleichheit engeren Wahl für sie zu stimmen, und der Bürgermeister von Nimburg hatte feine Kandidatur zurüdgezogen. Bei der engeren Wahl am 18. Juni gaben von 8243 Wählern 1248 ihre Stimme ab, und davon fielen 1141 auf Frau Kunetikka. Da der Statthalter von Böhmen erklärt, er werde der Frau Kunetipfa das Wahlzertifikat nicht ausstellen, wird sich diese an das Reichsgericht wenden. Die Wahlordnung für den böhmischen Landtag schließt nämlich die Wahl einer Frau nicht aus. Der betreffende Paragraph besagt, daß alle diejenigen gewählt werden önnen, die zur Wahl eines Landtagsabgeordneten berechtigt find. Berechtigt au wählen ist aber jeder, der auch das Bemeindewahlrecht befizt, und das eignet in Böhmen auch den Frauen allerdings mit der beschränkenden Voraussetzung eines bestimmten Steuerzensus und Bildungsgrades. Der Statthalter fann daher gegen die Wahl nichts einwenden, es sei denn, er scheute sich nicht zu behaupten, jeder" könne sich nur auf Männer beziehen. Eine solch lächerliche Auslegung wäre aber ganz unhaltbar, spricht doch zum Beispiel das Gesez gar oft, auch menn Frauen einbegriffen sind, nur von Staatsbürgern und nicht ben Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen. Übrigens wurden seinerzeit die Frauenstimmen als gültig anerkannt, die bei den lekten allgemeinen Landtagswahlen in Böhmen abgegeben worden waren. Diesmal wird also über das passive Bahlrecht der Frauen zu entscheiden sein. Die jungtschechische Bartei und die tschechoslawische Sozialdemokratie beztvedten mit den Frauenkandidaturen eine Demonstration für das Frauenftimmrecht zu allen öffentlichen Vertretungen. Und diese ist denn auch durchaus gelungen. Haben doch die beiden weiblichen Randi baten zusammen 1255 Stimmen auf sich vereinigt, während der männliche trotz der Bürgermeisterwürde nur 769 Stimmen erhielt. Bemerkenswert ist, daß Frau Kunetikka hauptsächlich von Männern gewählt worden ist. In einem tschechischen Wahlkreis fanden sich also genug Männer, die es ernst mit dem Frauenwahlrecht meinen und die eine weibliche Kandidatur nicht mit When abtaten, wie sie am deutschen Biertisch gang und gäbe find. Wie immer über diese Wahl entschieden wird, sie ist ein einbrudsvolles Pronunziamento für das Wahlrecht der Frauen, und fie wird voraussichtlich der bürgerlichen Frauenstimmrechtsbewegung in Böhmen mehr Schwung geben. a. p. Das Franenftimmrecht für die Wahlen zu den Kaufmannsund Gewerbegerichten sowie zu den Handels- und Gewerbekammern in Bayern fordert die liberale Fraktion der Abgeordnetenkammer. Nach dem Antrag soll die Kammer die Staatsregierung ersuchen,„ bahin zu wirken", daß die Zuerkennung dieses Rechts an die Frauen baldigst" erfolgt. Man fann faum beschei bener auftreten, weniger fordern, als es hier die liberale Partei tut, die auf den bezeichneten fleinen Gebieten des öffentlichen Lebens nicht einmal bas Recht für die Frauen verlangt, als Gewählte den betreffenden Körperschaften anzugehören. Immerhin bedeutet der Antrag einen Fortschritt, gemessen an dem bisherigen reaktionären Berhalten der Liberalen zur Forderung vollen Frauenrechts. Geschichtliche Notwendigkeiten ſegen sich durch. Frauenbewegung. Bur Frage bed ,, weiblichen Dienstjahres" ging uns von Frau Gnaud- Kühne diese Einsendung zu, die wir besonderer Umstände wegen erst heute zum Abdruck bringen können. Genossin Wurm antwortet darauf turz das Wichtigste, was vom Standpunkt der Arbeiterflaffe aus grundsäglich gegen die befürwortete Neuerung einzuwenden ist. In Nr. 13 der„ Gleichheit" findet sich über das Referat Da 3 weibliche Dienstjahr und die anschließende Diskussion ein Bericht, der eine furze Entgegnung erfordert. Die Kongreßreferentin hat ihre Hauptaufgabe darin gesehen, zu zeigen, warum wir ein Dienstjahr brauchen und wie diese Neuerung fich organisch aus Vorhandenem entwidein läßt. Aber auch an praktischen Winten hat es nicht gefehlt. Davon sei beispielsweise erwähnt: Die Schulentlaffenen dienen das Jahr in fleinen Gemeinschaftshäusern( Baradensystem) ab, und zwar gilt es, die Mädchen aus der Straßen quetschender Enge" hinaus in Luft und Licht aufs Land zu bringen. Der Lehrstoff ist gegliedert, das unterste bescheidenste Pensum begreift, was von jedem deutschen Mädchen verlangt werden muß. Nur eine gut bestandene Aufnahmeprüfung befreit von diesem Benfum usw. usw. Die Diskussion ergab eine erfreuliche Übereinstimmung in bezug auf die Forderung des weiblichen Dienstjahres. Nur eine Rednerin hatte die Referentin nicht verstanden, und das war die in der„ Gleichheit" als die einzige Boltsfreundin unter den Redne319 rinnen hingestellte Dr. Rosa Rempf. Fräulein Dr. Rempf machte aus den Gemeinschaftshäusern Rafernen" und warf mit dem Brustton der überzeugung das Wort Rafernierung" und das von„ der furchtbaren Gefahr"( die das Dienstjahr heraufbeschwöre) in den Saal. Glücklicherweise hat sie nur bei wenigen Anklang gefunden. Fräulein Dr. Kempf fah die furchtbare Gefahr" darin, daß die Landmädchen, um der Dienstpflicht auf dem Lande au entfliehen, in die Stadt abwandern würden ein Einwand, der unbegreiflich erscheint, wenn man bedenkt, daß diese Flucht ihnen ja nichts helfen würde, da sie bei der allgemeinen Dienst pflicht( auf dem Lande zu erledigen!) doch unter allen Umständen aufs Band zurüd müßten! Das Gegenteil dürfte zutreffen. Doch darauf einzugehen, würde zu weit führen. Hier sei nur der eine Gesichtspunkt noch hervorgehoben, daß das ländliche Dienstjahr für alle nicht nur die hausmütterliche Vorschulung der Mädchen aus dem Stadium des Zufalls herausheben, sondern bon größter Bedeutung für ihre körperliche Entwicklung und ihr Gemüt sein würde und sein müßte. Die Landmädchen werden vielfach in der Jugend überlastet, die Großstadtmädchen, die in eine Fabrik oder in ein Ladengeschäft eintreten, verbringen den Tag auch wenn sie nicht überlastet werden überlastet werden in schlechter Luft; zu Berufskrankheiten, zu früher Erschöpfung wird der Keim gelegt. Wenn die schulent lassene weibliche Jugend nun ein volles Jahr gerade in der Entwicklungszeit in guter Luft, bei guter Verpflegung, unter Aufsicht einer hygienisch und pädagogisch vorgebildeten Frau, die die Arbeit zweckentsprechend regelt, verleben würde, so könnte die Gesundheit wesentlich beeinflußt werden. Und welche Erinnerung würde gerade für die Erwerbstätigen dies Jahr sein, das auch der Mühseligsten und Gedrücktesten einmal für zwölf Monate ein gesundes, sorgenfreies Dasein ver= schafft hätte! Diese Gemeinschaftshäuser mit Zwangserziehungsanstalten zu vergleichen, wie Dr. Rosa Kempf tat, berührt von einer Behrerin höchst sonderbar. Wollte sie etwa sagen, daß die Schule, die ja auch zwangsweise die Kinder for dert und hält, der Zwangserziehungsanstalt gleicht und Mizhandlungen duldet? Das Dienstjahr würde schließlich nichts anderes sein als die Verlängerung des Schulzwanges um ein Jahr, freilich mit dem Unterschied, daß in diesem letzten Jahre der körperlichen Entwicklung ganz andere Aufmerksamkeit geschenkt werden könnte und müßte. aber Ein solches Dienstjahr würde dem Reiche für die erwerbstätigen Mädchen große finanzielle Opfer zweifelsohne auferlegen das Geld würde allein schon durch Hebung der Volksgesundheit reiche Zinsen tragen. Dr. Rosa Kempf hat gesorgt, daß die, die etwa diefe Mittel nicht bewilligen wollen, sich hinter die furchtbare Gefahr" verstecken können, die sie an die Wand gemalt hat, diese furchtbare Gefahr, die ein Jahr in guter Luft bei guter Verpflegung", wie die Referentin fagte, für die Töchter des Vol. tes bedeuten tönnte! Heißt das für die erwerbstätige Jugend sorgen? Noch ein Wort über die ausschließliche Ausbildung der Mädchen durch die Mutter, der Dr. Rosa Kempf das Wort redet. Sicherlich wäre es am schönsten, wenn wir am Lande( und in der Stadt) Iauter tüchtige Hausfrauen hätten, die ihre Töchter selbst anlernen könnten. Dr. Rosa Kempf ist der Ansicht, daß dieser ideale Bustand herrscht. Frau Böhm auf Lamgarben, der man füglich ein Urteil zutrauen darf, denkt anders. Mit ihr sehen es viele Frauen als eine Notwendigkeit an, das Land mädchen( so gut wie den jungen Mann vom Lande) noch eine andere Lerngelegen. heit genießen zu lassen und nicht anzunehmen, daß die Bäuerin, weil sie Bäuerin ist, ihre Tochter lehren kann, was fie selber nicht gelernt hat. " F Elisabeth Gnaud- Kühne. Die Entgegnung" von Frau Gnaud- Kühne ist zwar keine Entgegnung auf meinen Bericht, denn sie wendet sich gegen den von mir wiedergegebenen Widerspruch, den Frau Dr. Rosa Rempf gegen Frau Gnaud- Kühnes Vorschlag erhoben hat. Aber ich bin gern bereit, darzulegen, weshalb auch ich ihre Baradengemeinschaftshäuser" für Kasernen halte. Gerade Frau Gnaud- Kühnes vorstehende„ Entgegnung" ist ein Beweis für die Richtigkeit dieser Bezeichnung, und zwar in dem Saze:" Wollte Frau Dr. Kempf etwa sagen, daß die Schule, die ja auch zwangsweise die Kinder fordert und hält, der Zwangserziehungsanstalt gleicht und Mißhandlungen duldet?" Leider ist dies tatsächlich so! Die Schule ist heute und ebenso würde dies bei dem Gemeinschaftshaus für das weibliche Dienstjahr der Fall sein- in den Händen eines Staates, dessen Interessen denen der großen Volksmassen 320 Die Gleichheit feindlich gegenüberstehen. Die heutige Zwangserziehung durch die Schule steht im Widerspruch zu den Interessen der Arbeiterklasse und daher auch in vollem Widerspruch zu den Forderungen der Erziehungswissenschaft. Ebenso würde aber auch eine nach den Wünschen von Frau Gnaud- Kühne eingeführte Gemeinschaftserziehung heranwachsender Mädchen all den reaktionären Einflüssen des kapitalistischen Staates preisgegeben und allen seinen Herrschaftszweden untertan sein. Freilich betrachtet Frau Gnaud Kühne selbst solche reaktionäre Einflüsse als gebotene Erziehungsmittel für deutsche" Mädchen. Hat sie doch in demselben Referat " Das weibliche Dienstjahr" zwei von dem Katholischen Boltsverein in M.- Gladbach herausgegebene Büchlein als„ nicht warm genug zu empfehlende Büchlein fürs Volk" bezeichnet:„ Das häusliche Glück“ und„ Der Wegweiser zum häuslichen Glück". In beiden aber werden„ Genügsamkeit und Bescheidenheit" als höchste Tugenden gepriesen, wird der Trost gegeben:" Das vollkommene, durch nichts getrübte Glück sollen wir erst im Himmel finden." Frau Gnaud- Kühne ist aber nicht nur weltabgewandt, sondern auch weltfremd. Brachte sie es doch fertig, auf dem Deutschen Frauenkongreß laut dem jetzt vorliegenden offiziellen Bericht zu erklären:„ Die finanziellen Mittel( für das weibliche Dienstjahr) müßte für die weniger bemittelten Klassen das Reich tragen. Bei unseren glänzenden finanziellen Verhält nissen brauchten wir nicht einmal eine neue Steuer. Warum sollen wir nicht 25 von den 150 Millionen überschuß von 1911 zur Einführung des weiblichen Dienstjahres erhalten?" Das wurde genau zur selben Zeit gesagt, als im Reichstag die reattionäre Mehrheit durch Erhöhung der Branntweinsteuer bereits wieder neue Lasten auf die Schultern der Äärmsten der Armen legte. Und seither ist die Wehrvorlage mit Hurra bewilligt worden, die die angeblichen überschüsse bis zum letzten Heller aufzehrt und neue Steuerlasten in sichere Aussicht stellt. Von allen Rednerinnen war Frau Dr. Rosa Kempf in der Tat die einzige, deren Ausführungen nicht in der Luft schwebten, sondern sich auf sehr reelle Tatsachen stüßten. Doch mag es Frau Dr. Kempf überlassen bleiben, in eigener Sache das Wort zu ergreifen. Für uns genügt es, gegenüber dieser Entgegnung", die, wie schon gesagt, keine ist, unseren Standpunkt flar dargelegt zu haben. Mathilde Wurm. Die Frau in öffentlichen Aemtern. Frauen als Schulinspektorinnen in großen amerikanischen Städten. In Cleveland( Ohio) ist eine Frau mit dem Amte der Inspektorin über die städtischen Schulen betraut worden: Harriet Keeler. Es ist dies das zweite Mal, daß eine große amerikanische Gemeinde eine Frau auf den wichtigen Posten beruft. In Chicago bekleidet Frau Flagg Young das gleiche Amt. Mit ihr zog eine dringend nötige Reform in dem Schulwesen Chicagos ein. Die dortigen Schulverwaltungen hatten sich ihrer Aufgaben nicht gewachsen gezeigt. Die städtischen Schulen waren zum mechanischen, fabrikmäßigen Betrieb geworden. Sie standen im Zeichen der Einpauferei und Antreiberei. Frau Young ging trop starker Widerstände an die Reorganisation unter der Losung:„ Geistige Führung der Böglinge. statt Antreiberei." Sie hatte Erfolg, der die Stadt Cleveland ermutigte, ihrerseits ebenfalls mit der Schulinspektion eine Frau zu betrauen, die die gleichen Reformen durchführen soll. Harriet Steeler will zu diesem Zweck einen lebendigen Verkehr mit den Lehrerinnen und Lehrern unterhalten, sie bei ihrem Wert aufsuchen, will ihnen nach Kräften dabei helfen und von ihnen Anregungen empfangen, die ihr helfen sollen, das Schulwesen gut zu verwalten. Wie mancher Oberlehrer wird bei uns entsetzt das weise Haupt schütteln, wenn er von diesen Dingen hört, die sich Gott sei gepriesen!. von Deutschland zutragen. weit Eine Frau als Leiterin des neugeschaffenen Kinderamts in den Vereinigten Staaten. In der großen nordamerikanischen Union ist kürzlich die Errichtung eines Kinderamts beschlossen worden, dessen Aufgabe sein wird, sich mit allen Fragen zu beschäftigen, die von erheblichem Einfluß auf die Entwicklung des Kindes sind. Zu diesem Zwecke soll das Amt Material sammeln, Erhebungen veranstalten, Pflege- und Erziehungseinrichtungen prüfen, die Gesetzgebung unterrrichten und anregen usw. Besonders soll es auch der Kinderarbeit und ihren schädlichen Wirkungen seine volle Aufmerksamkeit zuwenden. Das Kinderamt ist dem Ministerium des Handels und der Arbeit angegliedert, bildet aber ein selbständiges Reffort. Da es sich um eine vollständige Neuschöpfung handelt, ist es von großer Wichtigkeit, wer die Leitung des Amtes in die Hände bekommt. Das Komitee philanthropischer und wissenschaftlicher Gesellschaften und Persönlichkeiten, dessen Nr. 20 Initiative und Agitation die Errichtung des Kinderamts besonders mit zu verdanken ist, schlug für die Leitung Miß Julia Lathrop vor. Präsident Taft hat der Anregung des Komitees folgend Miß Lathrop als Leiterin des Amtes ernannt, und der Senat hat die Ernennung bestätigt. Miß Lathrop hat außerordentlich viel getan, damit seinerzeit in Chicago der erste Jugendgerichtshof errichtet wurde, und auch sonst seit langen Jahren mit Verständnis im Dienste der Allgemeinheit gearbeitet. Sie scheint vorzüglich geeignet, das Kinderamt au einer segensreichen Einrichtung zu machen. A18 Mitglied des Verwaltungsrats der Staatsuniversität Illinois ist von beiden großen bürgerlichen Parteien eine Frau auf die Kandidatenliste gestellt worden. Die Kandidatin der Republifaner ist Frau Blaine, die der Demokraten Frau Henrotin. Beide Damen sollen nach der Zeitschrift für das Bildungswesen für den Posten befähigt sein, so daß die Hochschulbildung gefördert würde, ganz gleich ob die Republikanerin oder die Demotratin den Sieg davonträgt. Verschiedenes. Eine sonderbare Kindesunterschiebung. Die Not ließ zwei ledige Mütter einen höchst eigenartigen Ausweg aus ihrer Lage suchen, der sie schließlich vor das Schwurgericht brachte. Die Arbeiterin Valeria Karczewski aus Dortmund hatte unehelich geboren. Auf ihre Klage hin wurde der Vater verurteilt, monatlich 15 Mt. Unterhaltskosten für das Kind zu zahlen. Für sich selbst hatte die Mutter gar keinen Schaden ersetzt bekommen. Das Kind starb nach acht Monaten, und der Vater war nicht zu bewegen, der Mutter noch länger etwas zu bezahlen. Auch nach der Geburt des Kindes hatte er mit ihr noch geschlechtlich verkehrt. Valeria Karczewski hatte das Kind bei fremden Leuten in Pflege gehabt. Diese hatten beim Tode des Würmchens noch über 100 Mt. zu erhalten. Die Biehmutter drängte auf Bezahlung. In dieser Not lernte Valeria Karczewski die Arbeiterin Magdalene Slafrock kennen. Diese war schwanger und wußte sich nicht zu helfen, da der Vater ihres werdenden Kindes fort war und auf Briefe nicht antwortete. einer Dortmunder Im Dudenstift Wöchnerinnenanstalt hatte die Slafrock beim Eintritt gleich 25 Mt. bezahlen sollen, die sie nicht besaß. Beide bedrängten Frauen ber abredeten nun, zusammen zu einer Frau zu ziehen, sich dort als Verwandte auszugeben und die Geburt abzuwarten. Das Kind sollte dann als das der Valeria Karczewski standesamtlich angemeldet werden. Valeria K. wollte dem Vater ihres verstorbenen Kindes mitteilen, daß sie zum zweitenmale von ihm Mutter geworden sei, um auf diese Art Geld zur Bezahlung der Schuld bei der Ziehmutter zu bekommen. Wie verabredet war, wurde es gemacht. Als Magdalena S. niederkam, schrieb Valeria K. dem Vater ihres Kindes, daß sie wieder geboren habe, und daß er doch mun endlich zahlen möge. Als der Mann nichts von sich hören ließ, nahm Valeria K. das vier Wochen alte Kind ihrer Freundin und brachte es nach Gelsenkirchen, wo sie es dem Mann in die Wohnung legte. Magdalena Slafrock war jedoch der Handel bald leid; als ihr das Kind fortgenommen wurde, weinte sie, und alles kam heraus. Als der Mann der Ziehmutter des verstorbenen Säuglings mit Anzeige drohte, wollten sich die gehezten Mädchen vergiften oder im Hafen ertränken. Sie tamen in Untersuchungsvors Schwurgericht haft und von da erst nach fünf Monaten! wegen schwerer Urfundenfälschung". Bei der Verhandlung stellte sich heraus, daß der Schwängerer von Valeria Starczewski diese nicht hatte heiraten wollen, obgleich das arme Mädchen auf die Verehelichung gedrängt hatte. Valeria St. aber hatte sich ge= schämt, das mitzuteilen. Sie gab an, daß sie nur gewollt habe, der Mann möge die Schulden für den Unterhalt des Kindes zahlen, dann sei jeder Teil frei. Das Gericht verurteilte Valeria Karczewski als„ Anstifterin" zur Urkundenfälschung zu einem Jahr Gefängnis und ihre Freundin Slafrock zu drei Monaten. Drei Monate der Untersuchungshaft wurden angerechnet. Bei Magdalena Slafrock wurde nach der Urteilsbegründung die Notlage anerkannt. Also ein Jahr Gefängnis nicht trop, sondern wegen einer ehrenhaften Gesinnung! Denn weder der Grund, ihre Schulden zu zahlen, noch der andere, den Schwängerer zur Heirat zu bewegen, können doch als ehrlos gelten. Hätte Valeria Kr. die Schulden nicht zahlen wollen, so hätte sie einfach abwandern oder ausziehen können. Der Fall zeigt die verfluchte Recht- und Schuglosigkeit unehelicher Mütter w. h. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diet Nachf. 6.m.b.8. tn Stuttgart.