Nr. 23 22. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 7. August 1912 Die Prostitution. Die Frau in der Industrie und Landwirtschaft Württembergs. V. Von m. Vom Kinderelend in Berlin. Von H. Barenthin.- Die Beteiligung der Frauen an der Durchführung der Krankenversicherung. Von Fr. Kleeis.- Tertilarbeiterelend im badischen Wiesental. Von Luise Zietz. Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Frauenkonferenz in Baden. -Aus den Organisationen. Aus der Hamburger Frauenbe wegung. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Aus der Textilarbeiterbewegung. Von sk. Notizenteil: Dienstbotenfrage.-Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenstimmrecht. Verschiedenes. Die Prostitution. Der Prozeß der Mainzer Polizeiassistentin hat über den Streitfall selbst hinaus die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Kampf der bürgerlichen Gesellschaft gegen das gewerbsmäßige Dirnentum gelenkt. Wie manches andere Vorkommnis aus der Zeit gab er den Auseinandersetzungen über die Einrichtung und Befugnisse der Sittenpolizei neue Nahrung und damit der Erörterung über die Reglementierung der Prostitution. Denn papierene Gesezesterte und Polizeiverfügungen sind zusammen mit dem Büttelstock die Heilmittel, mit denen die besitzende und herrschende Minderheit die bürgerliche Gesellschaft von dem übel des öffentlichen Lasters" furieren will. Sind aber strafrechtliche und polizeiliche Vorschriften überhaupt soziale Heilmittel, können es Heilmittel gegen eine Erscheinung sein, die, wie die Erfahrung langer Zeiträume zeigt, tief, unausrottbar im Wesen der heutigen Gesellschaftsordnung begründet liegt? Das ist eine Frage, die angesichts der bevorstehenden Reform des Strafgesetzbuchs dringend eine Antwort erheischt, und zwar eine deutliche Antwort der breitesten Volfskreise. Bei dieser Reform wird es ja auch um die strafrechtlichen Bestimmungen gehen, auf die sich die Reglementierung der Prostitution und die Sittenpolizei stützt. Ihr Kernpunkt ist§ 361, 3iffer 6, wo eine Weibsperson" mit Strafe bedroht wird, wenn sie Unzucht gewerbsmäßig treibt, ohne sich der Sittenpofizei unterstellt zu haben oder wenn sie nach ihrer Unterstellung unter die polizeiliche Aufsicht gegen die Anordnungen der Sittenpolizei verstößt. Die patentierten Zionswächter des Scheins bürgerlicher Tugend und Wohlanständigkeit fordern das Weiterbestehen, ja die Verschärfung dieser Vorschriften. Da ihre frömmelnden Moralpredigten und Bibelsprüche allein die gewerbsmäßige Unzucht nicht zu bannen vermochten, so soll die Büttelgewalt helfen. Im Gegensatz dazu heischen bürgerliche Frauenrechtlerinnen und andere Sozialreformler, daß die Reglementierung der Prostitution mitsamt dem Institut der Sittenpolizei aufgehoben wird. Auf welche Seite hat sich das Proletariat, hat sich seine politische Vorkämpferin, die Sozialdemokratie, zu schlagen? Die Antwort ist zweifelsfrei, wenn man die letzten Wurzeln der Prostitution aufspürt, wenn man den Umfang und das Wesen dieser Erscheinung in der bürgerlichen Ordnung der Buschriften an die Redaktion der Gletchhett find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. zahlungsfähigen Moral betrachtet. Gewiß, es stimmt, daß sich in dem Verkauf und Kauf geschlechtlichen Verkehrs die seruelle Sittlichkeit oder richtiger Unsittlichkeit einer Zeit widerspiegelt. Es ist jedoch grundverkehrt, deshalb die Prostitution bloß oder hauptsächlich als eine Frage der Moral zu werten und ihre überwindung lediglich von Sittlichkeitspsalmodien zu erwarten. Sicherlich hat es seine Richtigkeit, daß in der bürgerlichen Auffassung des gewerbsmäßigen Geschlechtsverkehrs unter dem verlogenen Gesichtswinkel der zweierlei Moral für Mann und Weib, daß in anderem Drum und Dran des übels die soziale Vorrechtsstellung des männlichen Geschlechts zum Ausdruck kommt, die Unfreiheit und Rechtlosigkeit oder Minderberechtigung der Frau. Allein es ist ein Irrtum, die Prostitution selbst einzig und allein als die Folge des sozialen Gegensates zwischen den Geschlechtern zu betrachten und in der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Weib das heilende Zaubermittel zu erblicken. Unzweifelhaft trifft es zu, daß die Prostitution, so wie wir sie in unserer Zeit sehen, untrennbar mit der Ordnung des Kapitalismus verbunden ist, von ihr genährt und vermehrt wird. Trotzdem ist es aber ein Fehlschluß dem man in sozialdemokratischen Kreisen oft genug begegnet, daß erst der Rapitalismus die soziale Erscheinung des gewerbsmäßigen Schachers mit dem weiblichen Körper gebracht habe. Das Dirnenwesen ist älter als die bürgerliche Ordnung, es ist so alt wie ihre Grundlage: das Privateigentum. Mit der Herrschaft des Privateigentums wurden die wesentlichsten sozialen Vorbedingungen für die Prostitution geschaffen. Die Gegenfäße zwischen Reichen und Armen, Herrschern und Beherrschten, Ausbeutenden und Ausgebeuteten, ohne deren Vorhandensein das besiglose Weib nicht in Scharen als Händlerin mit seinem Körper auf dem Markt erscheinen könnte. Die Umwertung der Gebrauchsgüter und damit auch der menschlichen Arbeitskraft zur Ware, eine Umwertung, die alles käuflich und verkäuflich werden ließ, was der Mensch leiblich und geistig zu geben vermag. Die Entwicklung der vaterrechtlichen Einehe als einer Einrichtung, die in der Hauptsache wirtschaftlicher, vermögensrechtlicher Art ist, und die in der Folge die persönlichen geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann und Weib unter sachliche Besitz- und Machtverhältnisse beugt. Mit der Entwicklung und Befestigung des Privateigentums trat die Prostitution als gesellschaftliche Erscheinung auf, als Ersatz für die Ehe oder neben ihr zur Schadloshaltung des Mannes für die Schrecken einer unbefriedigenden, verhaßten Ehe. Mit dem Aufkommen der Eigentumsverschiedenheit... tritt die Lohnarbeit sporadisch auf neben Sklavenarbeit, und gleichzeitig, als ihr notwendiges Korrelat, die gewerbsmäßige Prostitution freier Frauen neben der erzwungenen Preisgebung der Sklavin..." Die Frau, die sich in einer bürgerlichen Ehe ohne Liebe und Gemeinsamkeit des Lebenszwecks ,, ein für allemal in die Sklaverei verkauft", hat als Seitenstück die Dirne, die ihren Leib als Lohnarbeiterin zur Stückfarbeit vermietet". In seinem„ Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" hat " 354 Die Gleichheit Nr. 23 Friedrich Engels die großen sozialen Zusammenhänge hell beleuchtet, aus denen die gewerbsmäßige Unzucht hervorwächst. Kraft dieser Zusammenhänge hat sich alle kirchliche wie welt- licheMoral als ohnmächtig erwiesen, mit derProstitntion fertig zu werden- DieKirche der feudalen Gesellschaft gab ihr wie deren weltliche Herren Schutz und Segen, wenn sie den Wirt- schaftsformen derZeitentsprcchend zünftig organisiertwar und pflichtgemäß zinste und steuerte. Und der heutige Staat tut das gleiche, vorausgesetzt, daß die Dirnen reglementiert, kontrolliert und bordelliert sind, auf daß ihr Anblick und ihr Auftreten nicht das Gemüt ihres heimlichen Besuchers verletze und dieser samt den Seinen gegen Verseuchung geschützt sei. Auf der gegebenen Grundlage mußte die bürgerliche Gesellschaft nach ihrem eigenen Bilde die Prostitution um- schaffen. Sie nahm ihr die zünftige Gebundenheit und ließ ste zu riesenhaftem Umfang anschwellen. Die kapitalistische Entwicklung vermehrt unaufhaltsam das Heer der Männer, die ehereif doch nicht zur Gründung einer Familie schreiten können, weil ihre eigene wirtschaftliche Existenz zu unsicher und dürstig ist, als daß sie die Kosten für Haus und Herd auf sich zu nehmen wagten. Die mittleren und unteren Schichten der Besitzenden werden durch das triumphierende Kapital in ihrem Wohlstand, in ihren Einkommensverhältnissen immer mehr zurückgeworfen. Die Studierten gelangen später und schwerer als stüher i-u einer gesicherten, einkömmlichen Berufsstellung: die alte bevorrechtete Lage der bürgerlichen Intelligenz überhaupt verschlechtert sich unter dem Einfluß der steigenden Konkurrenz, der Arbeitsteilung auf vielen Gebieten, wo diese bisher undenkbar schien, und anderer Umstände noch. Auch im Proletariat— wo die Eheschließungen verhältnismäßig am häufigsten sind— bleiben sehr viele Männer ledig. Der Militärdienst verwehrt Hunderttauseuden junger, kräftiger Leute jahrelang die Verehelichung, und der KüstungSwahnsinn des Imperialismus vermehrt die Scharen, deren Los das ist. Wie in den Kasernen, so häuft die bürgerliche Wirtschaft in den großen Industrie-, Handels- und Vcr- kehrSzentren Massen unverheirateter Männer zusammen: Viele Zehntausende wieder sprengt sie im Kampfe um die Existenz losgelöst von der Familie wochenlang, monatelang al» Geschäftsreisende, Agenten usw. durch das Land. Gleichlaufend mit dieserEntwicklungsreihegebteineandere, die für den Mann den alten wirtschaftlichen Zwang zur Eheschließung verändert, ja aufhebt. Auch als Junggesell kann dieser heute eins außerordentlich behagliche Häuslichkeit und alles haben, was in stüheren Zeiten die Familie bot. Frau und Töchter müssen nicht mehr innerhalb der vier eigenen Pfähle schaffen, was dieser dient. Industrie und Gewerbe sorgen dafür, wie für alles, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Tapezierer und Dekorateur richten die Wohnung ein. Dienende halten sie instand, in den Konfektionshäusern ist jederzeit Wäsche und Kleidung nach Wunsch zu haben, in Restaurants steht ein gedeckter Tisch, und in zahlreichen Anstalten winkt Anregung. Unterhaltung, Amüsement jeder Art. Vorausgesetzt, daß der Mann für all das mit dem entsprechenden Portemonnaie begabt ist. So steigert der Kapitalismus die Zahl der Männer, die als Nachfragende nach käuf- stchemGeschlechtsverkehraufdemProstitutionsmarkt erscheinen. Er steigert aber gleichzeitig auch ihr geschlechtliches Triebleben, ihre Gier nach Frauenfleisch durch die ungesunde überhitzte Atmosphäre, die er schafft. Dazu trägt der Tanz der Besitzenden ums goldene Kalb ebensoviel bei, als die Körper und Geist zerrüttende Fron der Besitzlosen, dazu helfen große blühende Industriezweige mit, die aus der Spekulation auf geschlechtliche Brunst ihren Profit ziehen, von der junkerlichen Schnapsbrennerei bis zu den verschiedenen Zweigen pornographischer Afterkunst. Von dem Einfluß einer falschen Erziehung und der doppelten Moral nicht erst zu reden. Die kapitalistische Ordnung erzeugt aber auch auf der anderen Seite ein wachsendes Angebot von Dirnen. Sie zwingt durch die ihr wesenseigene Ausbeutung der Arbeitenden Scharen Unglückseliger, als letzte Ware ihr Weibtum auf den Markt zu tragen und dem ersten besten Käufer auszuliefern. Dabei hat sie einen neuen Zug in den schrecklichen Handel getragen. In der vorkapitalistischen Zeit sammelte die Prostitution die weiblichen Ausgestoßenen und Auswürflinge aller Gesellschaftsschichten, und diese hatten kein anderes Gewerbe als die Feilhaltung ihres Körpers. Heute aber treffen wir auf dem Unzuchtsmarkt nicht nur das weibliche Lumpenproletariat der verhältnismäßig wenigen gewerbsmäßigen Dirnen, die sich aus allen sozialen Gruppen rekrutieren und in der Prostitution ihre einzige Unterhaltsquelle haben. Neben ihnen steht das ungezählte und unzählbare Heer der sogenannten fluktuierenden Prostituierten. Es wird gestellt von Frauen und Mädchen, die nicht gleich den eigentlichen Dirnen Parasiten am sozialen Körper sind, nicht müßige Verzehrerinnen des gesellschaftlichen Reichtums, sondern die zu seinen Schöpfern gehören. Es sind Lohnarbeiterinnen, die sich durch ehrliche Arbeit ernähren wollen, die aber die kapitalistische Ausbeutung mit den Skorpionen von Hungerlöhnen, schwankendem, unsicherem Verdienst und zeitweiliger Arbeitslosigkeit zur Preisgabe ihres Weibtums peitscht. Es ist eine Tatsache, die aus offiziellen Erhebungen und wissenschaftlichen Forschungen erhellt, daß viele Zehntausende von Arbeiterinnen in der Prostitution entweder ständig einen Nebenerwerb oder aber zeitweilig—- in der toten Saison, bei einer Krise— den Haupterwcrb suchen müssen. Das Stück Brot, das ihnen die ausgebeutete Arbeit der Lohnsklavin nicht gewährt, müssen sie als Lustsklavin aus der Gosse aufheben. Es gibt Industriezweige im kapitalistischen Deutschland— so besonders im Bekleidungsgewerbe—, die binnen wenigen Jahrzehnten einige Dutzend Unternehmer zu Millionären werden ließen. Forschen wir nach der Grundlage dieser glänzenden Entwicklung, so stoßen wir zuerst auf die Elendsverdienste der ausgebeuteten Frauen und Mädchen. Hätte der Kapitalismus kein anderes Verbrechen auf dem geschichtlichen Kerbholz als dieses eine: daß er die wertschaffende Arbeiterin in das Dirnentum hinabstößt, es wäre genug, ihn als fluchwürdige Ordnung zu verdammen. Welche Schlußfolgerungen ergeben sich aus dein aufgezeigten Stand der Dinge? Daß die gewerbsmäßige Prostitution nicht verschwinden wird, solange die bürgerliche Gesellschaft besteht. Sie ist ein schwarzer, furchtbarer Schatten, den das Allerheiligste dieser Ordnung wirft: das Privateigentum. Bedeutet aber diese Erkenntnis vielleicht, daß das Proletariat dem Übel und seinen vielgestaltigen entsetzlichen Folgen zusehen soll, die Hände in den Schoß gelegt, bis die soziale Revolution die Menschheit davon erlöst? Keineswegs! Unsere Auffassung verwehrt uns nur den kindlichen Wahn, als ob der Drache des gewerbsmäßigen Lasters durch die Papier- kügelchcn strafrechtlicher und polizeilicher Bestimmungen erlegt oder auch nur ernstlich verwundet werden könnte. Solche Bestimmungen und Maßnahmen haben nur eine todsichere Wirkung. Sie machen die bedauernswerten Opfer der heutigen Gesellschaftsordnung zu einem gehetzten Wild und liefern sie vollständiger, wehrloser der Sippe der Zuhälter, Kupplerinnen, Bordsllwirte und Mädchenhändler aus. Deshalb fort mit Ziffer 6 des Z 3t>1 und ähnlichen Gesetzestexten. Keine Reglementierung, geschweige denn Kasernierung der Prostitution, keine Sittenpolizei! Aber— so rufen entsetzt die Verehrer der flanellenen Tugend und die Gläubigen der Polizeiallmacht— muß dann nicht das„sittliche Empfinden" der honetten Bürger durch das schamlose Treiben des Dirnen- und Zuhältertums ständig beleidigt, muß der Ausbreitung des Lasters nicht Bo- schub geleistet werden? Unbesorgt! Wenn die gewöhnliche Ordnungspolizei den Prostituierten und ihrem Gefolge nur mit dem zehnten Teil der Schneidigkeit und Findigkeit entgegentritt, die ihr gegen Streikposten reickllich zur Verfügung steht: werden sich sogar in dem Sündenbabel Berlin Fricd- richsstraße, Blumensäle und andere lockende Prostitutionshallen in wahre Sittlichkeitstempcl verwandeln, aus denen vor Langeweile der letzte Agrarier unter Führung von Ham- Nr. 23 Die Gleichheit ZS5 mersteins seligem Geist entweicht. Und die Notwendigkeit, die gute, anständige bürgerliche Familie vor den Geschlechtsseuchen zu schützen, vor den Strafen für die Sünden der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied? Es ist erwiesen, daß der von Sittenpolizei und Polizeiärzten erhoffte Schutz eine Täuschung ist. Der Verseuchung der Prostituierten, der Verschleppung der Geschlechtskrankheiten wird wirksamer begegnet, wenn an Stelle der zwangsweisen Untersuchung der Dirnen und Verdächtigen durch den Polizeiarzt die freiwillige Untersuchung in Krankenhäusern, besonderen Stationen usw. tritt. Und zwar eine Untersuchung, die möglichst durch Ärztinnen erfolgt und der kein herabwürdigender, verfemender Beigeschmack anhaftet. In Kopenhagen hat man mit dieser Neuerung recht günstige Erfolge erzielt. Was aber die steigenden Wasser der Prostitution anbelangt, so wird sie keine Beschwörung durch Bibelspruch, Gesetzestext oder Schutzmannssäbel stauen. Sie könnten nur zurückgedämmt werden durch weitreichende soziale Reformen, die daS wirtschaftliche und sittliche Niveau der breitesten Bevöl- kcrungsschichten heben und damit Nachfrage und Angebot auf dem Prostitutionsmarkt verringern. Solcher Reformen ist die bürgerliche Gesellschaft nicht fähig. Sie wird ein Augiasstall bleiben, den erst der eiserne Besen der sozialen Revolution rein fegt.__ Die Frau in der Industrie und Landwirtschaft Württembergs. V. Die Betriebsstatistik vom 12. Juni 1907 berichtet, daß die Zahl der Gewerbebetriebe in der Metallverarbeitung zurückgegangen sei. Sie ist von 9633 im Jahre 1882 auf 8324 im Jahre 1907 gesunken. Die Zahl der in den Betriebsstätten beschäftigten Personen ist jedoch im gleichen Zeitraum von 22 686 auf 42 383 gestiegen. Sie hat sich beinahe verdoppelt. Die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte ist Von 1327 auf 4836 emporgeschnellt, also auf reichlich das Dreieinhalbfache. Die Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate zeigt den gleichen Entwicklungsgang. Die Zahl der Betriebe sank in der angegebenen Zeit von 6256 auf 6207, die Zahl der beschäftigten Personen stieg von 17 068 auf 55 222, die der weiblichen Arbeitskräfte von 225 auf 352K, das sind fast sechzehnmal soviel als im Jahre 1882. Nach dem soeben erschienen Jahresbericht der Gewerbeaufsichtsbeamten Württembergs für das Jahr 1911 unterstanden der Gewerbeaufsicht nur 1162 Betriebe der Metallverarbeitung mit 28905 Arbeitskräften, darunter 4451 weibliche, und zwar 3701 Arbeiterinnen über 16 Jahren, 688 Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren und 62 unter 14 Jahren. Die Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate zählte 1361 revisionspflichtige Betriebe mit einem Arbeiterpersonal von 57 886 Köpfen. Arbeiterinnen über 16 Jahren wurden 3415 verzeichnet, im Alter von 14 bis 16 Jahren 826, Mädchen unter 14 Jahren 48, zusammen 4283. Die vorstehenden Ziffern beleuchten den Entwicklungsprozeß, der sich in den beiden verwandten Gewerbefeldern vollzieht. Die kapitalistische Großindustrie wird auch hier zur herrschenden Macht. Und da sie mit den Fortschritten der Technik immer rascher und durchgreifender triumphiert, so beugt sie auch die Frau mehr und mehr unter das Joch ihrer Ausbeutung. Vervollkommnete Maschinen und Werkzeuge, bessere Arbeitsverfahren, denen wachsende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Chemie und Elektrizität zugrunde liegen, begünstigen eine weitgehende Arbeitsteilung, vereinfachen und erleichtern viele berufliche Verrichtungen. Damit ist dem Einzug der Frauenarbeit Tür und Tor geöffnet. Es ist vor allem die steigende Ausnutzungsmöglichkeit der Elektrizität, die in Württemberg hauptsächlich solche Zweige der Metallverarbeitung zur kräftigen Blüte kommen ließ, die veredeln, verfeinern, Halbfabrikate weiter verarbeiten. Die Fabrikationszweige der Metallverarbeitung, die die weibliche Arbeitskraft in größerem Umfang ausnützen, sind die Edelmetallindustrie und die Verarbeitung unedler Metalle und Metallegierungen. In der Edelmetallindu- st r i e waren nach der Berufszählung 1907 hauptberuflich 3231 Frauen tätig. Im Gegensatz zu der Betriebs- statistik schließt die Berufszählung auch die Frauen ein in leitender Stellung, die wissenschaftlichen Arbeiterinnen und auch 23 selbständige weibliche Gewerbetreibende. Von diesen 3231 Frauen bezeichneten sich 2995 als Fabrik- und Taglohnarbeiterinnen. Will man aber den vollen Umfang der Frauenarbeit in einem Beruf ermitteln, so darf man die Frauen nicht ausscheiden, die außerhalb der Betriebswerkstätten beschäftigt sind. Die einleitend angeführten Zahlen erhöhen sich demgemäß noch, wenn auch nicht bedeutend. Bei der Verarbeitung unedler Metallv und Metallegierungen waren 1254 Frauen hauptberuflich tütig, die Nadel- und Drahtwarenfabrikation verzeichnete 280, die Blechwarenfabrikation 188 hauptberuflich tätige Frauen usw. In der Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate steht in der Verwendung der weiblichen Arbeitskraft die Uhrenfabrikation an erster Stelle. Im Jahre 1907 verwendete sie 1781 Frauen. Wir übergehen diesen für Württemberg außerordentlich wichtigen Industriezweig, da er in einem besonderen Artikel behandelt werden soll. In zweiter Reihe kommt in Betracht die Verfertigung musikalischer Instrumente— mit Ausschluß der Pianofortefabrikation und des Orgelbaues— mit 625 weiblichen Arbeitskräften. Weiter waren bei der Herstellung von Maschinen 321 Frauen beschäftigt, bei der Anfertigung mathematischer, physikalischer, chirurgischer Instrumente und photographischer Apparate 247. Auch beim Wagenbau, in der Automob i l f a b r i k a t i o n, bei der Herstellung elektrischer Maschinen usw. ist die Frau berufstätig. Die nieisten Arbeiterinnen hat, wie bereits bemerkt, die Edelmetallindustrie in den Dienst des Kapitals gespannt. Hauptort der Fabrikation von Gold- und Silberwaren in Württemberg ist S ch w ä b i s ch- G in ü n d, aber auch in Stuttgart, Heilbronn, Eßlingen, U l m und M ü h l a ck e r ist die Edelmetallindustrie daheim. Die Firma Bruckmann � Söhne in Heilbronn verarbeitet jährlich gegen 25 000 Kilogramm Silber. Sie dürfte mit rund 700 Arbeitern und Angestellten die größte Silberwarenfabrik Deutschlands sein. Standort der Industrie ist aber Gmünd mit zirka 140 Fabriken und Werkstätten für Gold- und Silberbijouterie, Ketten, Ringe, optische Goldwaren, Filigranarbeiten usw. Die Goldschmiedekunst Gmünds war schon im fünfzehnten Jahrhundert bekannt und berühmt. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert herrschte die Herstellung von Silberschmuck und Filigranarbeiten vor. Die Volkstracht der ländlichen Bevölkerung begiinstigte das Gewerbe. Neben der hausindustriellen Baumwollweberei war die Herstellung von Silberschmuck, ebenfalls im hausindustriellen Betrieb, die Hauptnahrungsquelle der Bevölkerung in und um Schwäbisch-Gmünd. Der Meister schaffte mit Frau und Kindern, vielleicht noch mit einem oder zwei Gesellen und einem Lehrling in der Familienwerkstatt. Ende der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde in Gmünd die erste Silberwarenfabrik mit Motorbetrieb gegründet. Seitdem hat die Maschinentechnik gewaltige Fortschritte gemacht. Komplizierte Maschinen arbeiten automatisch: Ketten und Schinuckstücke können mit einem ganz geringen Aufwand menschlicher Arbeit verfertigt werden. Trotzdem herrscht in der Gmünder Industrie noch heute der Handbetrieb mit. Kleinmotoren vor. Die größte Fabrik beschäftigt bei gutem Geschäftsgang über 300 Arbeiter und 356 Die Gleichheit Arbeiterinnen; die Arbeiterzahl sinkt aber in den übrigen Betrieben auf 150, 110, 85, 50 und noch darunter. Die Gesamtzahl der in der Gmünder Edelmetallindustrie beschäf tigten Proletarier beträgt rund 2300. Etwa 800 davon also ein Drittel sind Arbeiterinnen. Dazu kommen noch gegen 700 Lehrlinge beider Geschlechter, die Zahl der weiblichen Lehrlinge reicht nahe an 200 heran. Fabriziert werden alle möglichen Lurus- und Gebrauchsgegenstände, Tafelaufsäge im Werte von vielen tausend Mark und einfache Messerschalen, Broschen, Ohrringe, Anhänger, Armbänder, Schlipsnadeln, Manschettenknöpfe, optische Goldwaren usw. Die Frauen haben dabei vorzugsweise das Polieren, Emaillieren, Retteneinhängen und Berlöten und Durchstoßen an Durchbruchpressen zu verrichten. Seltener werden sie auch bei einfachen Artikeln zu Goldschmiede. arbeiten verwendet. Die Organisation der Gmünder Arbeiterschaft leidet schwer unter den Quertreibereien der„ Christen". Zurzeit gehören von den Tausenden nur etwa 800 männliche und 100 weibliche Arbeiter dem Deutschen Metallarbeiterverband an. Der christliche" Verband soll gegen 250 Mitglieder zählen. Dem energischen Wirken des Deutschen Metallarbeiterverberbandes haben es die Gmünder Gold- und Silberarbeiter zu danken, daß die früher geradezu trostlosen Lohn- und Arbeitsverhältnisse etwas verbessert worden sind. Die neunstündige Arbeitszeit ist ihnen vertraglich gesichert. Der Durchschnittslohn der Frauen beträgt pro Stunde 23 bis 24 Pfennig, doch kommen auch noch Stundenlöhne von 12 Pfennig vor. In vereinzelten Fällen bringen es die geschicktesten Arbeiterinen wohl gelegentlich auf einen Verdienst von 30 Pfennig für die Stunde. Die Arbeit in der Edelmetallindustrie ist dem weiblichen Organismus wenig zuträglich. Das Sißen und noch mehr das Schaffen an den Poliermaschinen begünstigt allerlei Leiden der Unterleibsorgane. Wo an den Poliermaschinen Staubabsaugevorrichtungen fehlen, haben die Arbeiterinnen außerdem unter der starken Entwicklung des gefährlichen Metallstaubs sehr zu leiden. Die zum Vergolden, Versilbern und Drydieren verwendeten Säuren entwickeln äzende Dämpfe, die die Gesundheit schwer angreifen. Früher waren in den Arbeitsräumen in der Regel noch Glüh- und Schmelzöfen aufgestellt, die mit ihren Gasen die Luft verpesteten. Darin hat die Gewerbeinspektion Wandel geschafft. Nur in Ausnahmefällen wird noch ein Glühofen im Arbeitsraum geduldet. Auch bei der Verarbeitung unedler Metalle und Metalllegierungen hat sich das Kapital viele Arbeiterinnen tributpflichtig gemacht. Die Berufszählung von 1907 ermittelte in Württemberg 7303 Personen, die in dieser Industrie tätig waren, darunter 1254 Frauen. Die galvanoplastische Industrie für Herstellung reinnidel- und nickelplattierter Waren, von Tafelgeräten und Kunstgewerbegegenständen usw. ist in erster Linie durch die Württember gische Metallwarenfabrik Geislingen mit ihrer Filiale in Göppingen vertreten. Das Riesenunternehmen beschäftigt rund 5000 Arbeiter und Angestellte. Ein streng pariarchalisches" Verwaltungssystem erschwert die Organisierung der Arbeiter und Arbeiterinnen ganz erheblich. Durch„ Wohlfahrtseinrichtungen" der verschiedensten Art sucht die Verwaltung die Arbeiterschaft über ihre nichts weniger als befriedigenden Lohn- und Arbeitsbedingungen hinwegzutäuschen. In der Blechemballagefabri. tation, im Maschinen- und Apparatebau: überall wird die Frau in steigender Zahl ausgebeutet. Kein Ort und kein Berufszweig, wo die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen der Metallindustrie - die der Herstellung von Maschinen usw. inbegriffen nicht sehr verbesserungsbedürftig, vielfach geradezu trostlos wären. Die Organisation beginnt kaum, die Lohnsklavinnen dieses bedeutsamen Industriegebiets zu erfassen. Wie schwer es unter diesen Umständen hält, genaueren Einblick in die Lage der Arbeiterinnen zu bekommen, dafür liefert diese Nr. 23 Antwort eines hervorragenden Gewerkschafters auf die Bitte um Material darüber einen schlagenden Beweis:„ über die Frauenarbeit in der Metallindustrie orientieren am besten die Jahresberichte der württembergi. schen Gewerbeinspektion. Allerdings nur über Umfang und Art der Beschäftigung. über die Lohnverhält. nisse, dieses wichtigste Kapitel, liegt unseres Wissens kein Material vor, das auf Genauigkeit Anspruch er. heben könnte." Nach dem verdienstvollen Buche Nehers, das wir bereits früher wiederholt zitiert haben, befanden sich auch Arbeiterinnen in Flaschnereien unter den 200 Frauen und Mädchen, die 1910 der Ortskrankenkasse in Stuttgart beitraten und von denen nicht weniger als 45 Prozent einen Wochenverdienst von 9 Mt. und darunter hatten und nur 9,5 Prozent wöchentlich mehr als 12 Mr. verdienten. Allerdings gibt es in Stuttgart einen Betrieb der Elektrizitätsindustrie, wo der Taglohn der Arbeiterinnen sich auf 3,50 Mk. stellt. Allein die Zahl der dort beschäftigten Frauen und Mädchen ist klein, und ihr Verdienst kann nicht als typisch für die Verhältnisse gelten. Für den durch Zahlen belegten Entwicklungsgang der Metallindustrie in Württemberg ist die rasch steigende Verwendung weiblicher Arbeitskräfte charakteristisch. Er läßt es zu einer außerordentlich wichtigen Frage für die gewerk. schaftlich und politisch organisierte Arbeiterschaft werden, daß auch die Arbeiterinnen der Metallindustrie von der aufklärenden Agitation gepackt und mit ihren Brüdern zum Kampfe zusammengeschlossen werden. Eine große und dringende Arbeit gilt es da tatkräftig und systematisch in Angriff zu nehmen. Vom Kinderelend in Berlin. m. Die Verwendung und damit auch zugleich die Ausbeutung der kindlichen Arbeitskraft ist eine der bezeichnendsten Er scheinungen der kapitalistischen Ordnung. Wohl gab es auch Kinderarbeit in vorkapitalistischer Zeit, aber ihrem Umfang und ihrer Schwere waren durch die damalige Produktionsweise und die damit zusammenhängenden Verhältnisse enge Grenzen gezogen. Das änderte sich mit dem Auftreten der kapitalistischen Gütererzeugung. Maschinen, verbesserte Arbeitsverfahren, die weitgetriebene Arbeitsteilung ermöglichten die ausgedehnte Verwendung kindlicher Arbeitskraft. Der unersättliche Profithunger der Kapitalistenklasse sorgte für die barbarische, gewissenlose Ausnutzung dieser Möglichkeit. An der Schwelle der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer vielgepriesenen Kultur und Humanität steht geschichtlich einwandsfrei nachgewiesen eine Hinopferung zahlloser Tausende proletarischer Kleinen. Und auch späterhin hat der Rapitalismus mit der kindlichen Arbeitskraft einen verbrecherischen Raubbau getrieben, der an den Wahnwiz des Mannes erinnert, der das faum in die Halme geschossene Brotgetreide abmäht. Ja, diesem Raubbau ist heute noch nicht einmal vollständig gesteuert, wo der Singsang von dem Jahrhundert des Kindes in allen Tonarten erflingt. Ließe das Proletariat den Kapitalismus schrankenlos walten, sich selbst überlassen, das heißt den wilden Profitinstinkten der herrschenden Klassen, so würde er durch seine Verwüstung und Verschwendung der kindlichen Arbeitskraft den Bestand der ganzen Gesellschaft in Frage stellen. Das Erwachen des Proletariats zum Klassenbewußtsein hat jedoch der Ausbeutungswut des Kapitalismus Schranken gesetzt. Die Arbeiterklasse hat es als eine ihrer heiligsten Pflichten erkannt, dem kommenden Geschlecht ein möglichst großes Maß förperlicher und geistiger Gesundheit zu sichern und so aus ihm wehrhafte Streiter für den Klassenkampf heranzubilden. Aus dieser Erkenntnis heraus tritt sie der Kinderausbeutung entgegen, sucht sie der bürgerlichen Gesellschaft immer bessere Geseze zum Schuße der proletarischen Jugend zu entreißen und wacht darüber, daß die bestehenden bescheidenen Anfänge solchen Schutzes respektiert werden. Nr. 23 Die Gleichheit Die von der Berliner Parteiorganisation und der Gewerkschaftskommission eingesezte Kinderschußkommission entwickelt nach dieser Richtung hin eine segensreiche Tätigkeit. Sie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, der Kinderausbeutung, der Kindermißhandlung und der Kinderverwahrlosung entgegenzutreten, eine Aufgabe, die eine der ersten Pflichten des Staates bildeten, wäre er. nicht der Knecht der Besitzenden. Bei ihrer Tätigkeit drängte sich der Kinderschutzkommission als erstes immer wieder die Unzulänglichkeit des Kinderschutzgesetzes auf, das 1903 geschaffen wurde. Es muß in durchgreifender Weise erweitert werden, soll es Wert erhalten. So besteht zwar das Verbot, Kinder vor dem Schulunterricht zu beschäftigen. Die Kinderschutzkommission stellte aber im Mai 1911 fest, daß in Berlin und einigen Vororten 3627 Kinder vor dem Schulunterricht erwerbstätig waren. Insgesamt hat die Kinderschutzkommission 1911 4003 gewerblich tätige Kinder ermittelt, die entgegen den Vorschriften des Gesetzes beschäftigt wurden. Das Alter dieser Ausgebeuteten bewegte sich zwischen 5 und 14 Jahren. Also bereits im zartesten Alter werden die Kinder zur Ausbeutungsfron herangezogen. Im 5. Lebensjahr standen 2 Mädchen und 3 Knaben, 6 Jahre alt waren 6 Mädchen und 7 Knaben, 7 Jahre alt 30 Mädchen und 25 Knaben, 8 Jahre alt 90 Mädchen und 119 Knaben, 9 Jahre alt 92 Mädchen und 184 Knaben, 10 Jahre alt 180 Mädchen und 312 Knaben, 11 Jahre alt 167 Mädchen und 335 Knaben, 12 Jahre alt 294 Mädchen und 587 Knaben, 13 Jahre alt 317 Mädchen und 642 Knaben und 14 Jahre alt 70 Mädchen und 85 Knaben. Bei 395 der Kinder konnte das Alter nicht festgestellt werden. Leider war es nur möglich, bei 111 Kindern die Arbeitszeit zu ermitteln. Sie betrug wöchentlich bei 30 Kindern 21 Stunden, bei 55 Kindern 24 Stunden, bei 15 Kindern 30 Stunden, bei 7 Kindern 36 Stunden, bei 4 Kindern 42 Stunden und bei 1 Kind 48 Stunden. Ungeheuer groß ist die Zahl der Kinder, die mit 8ei tungsausfragen beschäftigt werden. Bei dieser Arbeit spielt die Kinderarbeit infolge der schlechten Bezahlung der Beitungsausträgerinnen eine Hauptrolle. Die bürgerlichen Blätter, vor allem die sogenannten unparteiischen, die mit ihrem ausgedehnten Annoncenwesen riesige überschüsse erzielen, speisen die Austrägerinnen mit Hungerlöhnen ab. So entlohnt zum Beispiel die Morgenpost" siebenmaliges Austragen in der Woche pro hundert Exemplare den Zeitungsträgerinnen monatlich mit 17 Mart, der„ Vorwärts" bagegen sechsmaliges Austragen in der Woche pro hundert Exemplare monatlich mit 23,50 Mark. Demnach bezahlt also der Vorwärts" über 6, Pfennig monatlich mehr für ein Exemplar als die Morgenpost", und dabei wird er einmal in der Woche weniger ausgetragen, auf das Jahr macht das pro Eremplar 78 Pfennig. Da nun die Morgenpost" 300000 Abonnenten hat, steckt sie 300000 mal 78 Pfennig, das find 234 000 Mark, Extraprofit ein. Mit den übrigen Zeitungen verhält es sich ebenso; beim„ Lofalanzeiger" ist der Unterschied noch größer. Bedauerlich ist es, daß diese Blätter leider immer noch von einem großen Teil Arbeiter abonniert werden. Im Vorwärts" wird keine Kinderarbeit geduldet. Würden die bürgerlichen Blätter ihre Austrägerinnen ebenso gut entlohnen wie der Vorwärts", hätten wir sicher nicht mit einem so großen Umfang der Kinderarbeit in den Zeitungsgeschäften zu rechnen. Es ist nichts Seltenes, daß die fleinen Austräger frühmorgens 60, 70 und 80 Treppen laufen müssen. Daß dadurch Körper und Geist der Kinder auf das empfindlichste geschädigt werden, ist selbstverständlich. Große Anforderungen werden auch beini Milch aus. tragen an die Kinder gestellt. Ein befragter 12jähriger Junge erzählte, daß er früh vor der Schule 3 Stunden hintereinander mit Milchaustragen beschäftigt sei. Ein 13jähriger Anabe wurde mit 10 gefüllten Milch fannen angetroffen. In mehreren Fällen war es der Kinderschutzkommission möglich, die Beschäftigung der Kinder zu verhindern. 357 Was die Eltern veranlaßte, ihr Fleisch und Blut der Ausbeutung zu überantworten, war meist schrecklichste Not. Der Bericht der Kommission zählt eine ganze Reihe im Elend befindlicher Arbeiterfamilien auf, deren schulpflichtige Kinder gewerblich tätig waren. Kein Wunder, sagt doch derselbe Bericht, es sei nichts Seltenes, daß ein verheirateter Mann in Berlin mit 18 und 20 Mark in der Woche entlohnt werde. Die Lage der Arbeiterfamilie ist zudem oft so unsicher, daß jede Arbeitslosigkeit oder Krankheit sie dem härtesten Los überantworten kann. Einige Beispiele von vielen. Der Vater einer achtköpfigen Familie ist magenleidend, infolgedessen oft arbeitslos, sein Wochenverdienst beträgt 24 Mark. Die Mutter liegt im Krankenhaus. Das 10jährige Mädchen und der 9 Jahre alte Junge müssen Zeitungen austragen, fie erhalten dafür täglich 10 Pfennig. Die Familie kann auf diese winzige Einnahmen aus der Arbeit der Kinder nicht verzichten. Eine andere Familie hat 4 unerwachsene Kinder, das jüngste davon ist 8 Monate alt. Ein 12jähriger Junge und ein 10 Jahre altes Mädchen handeln mit Schnürsenkeln, die die Eltern aber infolge ihrer großen Armut nur in Ausnahmefällen einkaufen können. Der Vater ist unheilbar lungenkrank; die Mutter hat als Heimarbeiterin Bilder geklebt, wobei sie für 1000 Stück 5 Mark erhielt. Diese Arbeit ging der Frau verloren, weil der Arbeitgeber, wie er erklärte, noch billigere Arbeitskräfte fand. Außerhalb des Hauses kann die Mutter des kranken Mannes und des fleinen Kindes wegen nicht arbeiten. Indem der Staat diese Armsten durch die Last indirekter Steuern noch weiter zu Boden drückt, macht er sich zum unmittelbaren Mitschuldigen an der Ausbeutung findlicher Arbeitskräfte. Die Tätigkeit der Kinderschutzkommission lenkt aber auch die Blicke auf eine andere Seite des proletarischen Kinderelends. Dieses erschöpft sich keineswegs in der Ausbeutung. es wird vervollständigt durch ungenügende Ernährung, durch mangelhafte Pflege und Erziehung. Auch in dieser Hinsicht büßt das proletarische Kind für die Sünden des Kapitalis mus an seinen Eltern. Dieser spannt Vater und Mutter in seine Profitmühle, ohne danach zu fragen, ob sie daneben noch ihre Kinder behüten und erziehen können, ja ob sie diese auch nur genügend zu ernähren imstande sind. Er kümmert fich aber auch nicht darum, ob andere gesellschaftliche Verbände als die Familie deren seitherigen Aufgaben am heranwachsenden Geschlecht erfüllen. Nur sehr allmählich gelingt es dem kämpfenden Proletariat, Staat und Gemeinde dazu zu zwingen, die vorliegenden Pflichten auf sich zu nehmen. unterdessen gehen jährlich ungezählte proletarische Kinder leiblich und geistig zugrunde. Bemerkenswert sind in dieser Sinsicht die schulärztlichen Untersuchungen, die die körperliche Not und in ihrem Gefolge die geistige der Proletarierjugend beleuchten. In Berlin wiesen von 33 000 neu eintretenden Bolfsschülern 3 1,6 Prozent förperliche oder geistige Fehler und Krankheiten auf. Professor Dr. Hartmann schrieb im schulärztlichen Jahresbericht für 1905 bis 1906, die Ursache der großen Kränklichkeit der Kinder sei in erster Linie zu suchen in den ungünstigen häuslichen Berhältnissen, in ungenügender Ernährung, mangelhafter Pflege und in schlechten Wohnungsverhältnissen. In Schöneberg bei Berlin konnte von 1555 untersuchten Boltsschulkindern kaum ein einziges als völlig gesund bezeichnet werden. Ohrenerkrankungen und Gehörleiden sind bei Volksschülern viel häufiger als bei Schülern höherer Lehranstalten. Ebenso verhält es sich in bezug auf Stottern, Taubstummheit, Blindheit, schlechte Zähne, und unheimlich mütet die Tuberkulose unter den Kindern der Armen. Groß ist ferner unter diesen die Zahl der Schwachsinnigen und der Idioten. Die Quelle solch geistiger Defefte der Kinder ist mittelbar und unmittelbar die elende, niedrige Lebenslage der Eltern, und diese steht auch einer Heilung und Besserung im Wege. ,, Sümmerlich, wie der Leib, der sein Beherberger ist, bleibt der Geist im Schatten proletarischer Lebensverhältnisse eine Frucht stiefmütterlicher Entwicklung. In den dumpfen Kam 358 Die Gleichheit Nr. 23 mern des Elends wachsen die Scharen schwachsinniger Kinder heran"(Rühle). Vor zwanzig Jahren wurde die Zahl der schwachsinnigen und schwach befähigten Kinder von Damaschke auf 6(1 660 bis 76 060 für ganz Deutschland angegeben. Die hohe Zahl seelisch beeinträchtigter Kinder ist eine vernichtende Anklage gegen die heutige Gesellschaftsordnung. Die Ergebnisse der schulärztlichen Untersuchungen unterstützen so aufs kräftigste die sozialdemokratische Forderung der S ch ü I e r s p e i s u n g durch die Gemeinde. Zu all dem körperlichen und geistigen Elend der Proletarierkinder kommt noch, daß Zehntausende von ihnen ohne häusliche Aufsicht und jegliche Erziehung aufwachsen. Immer mehr Mütter werden gezwungen, erwerbstätig zu sein, weil der Verdienst des Mannes zur Erhaltung der Familie nicht ausreicht. Die kapitalistische Form der Arbeit macht es aber der erwerbenden proletarischen Frau unmöglich, Pflegerin und Erzieherin ihrer Kinder zu sein. Diese bleiben sich selbst überlassen, niemand kümmert sich um sie, die Straße ist ihre Heimat. Die Eindrücke, die sie hier empfangen, werden gar zu oft für ihr späteres Leben entscheidend. Die Roheiten und Niedrigkeiten, deren Zeugen sie häufig auf der Straße werden, bilden eine Schule des Lasters und der Verderbnis für die leicht empfängliche kindliche Seele. Der Staat greift erst ein, wenn ein Kind, das unter solchen Verhältnissen aufgewachsen ist, eine Tat begeht, die mit den heutigen Rechtsanschauungen im Widerspruch steht. Er hat dann als„Erziehungsmittel" nur Gefängnis oder Fürsorgeerziehung. Im Gefängnis wird das Kind durch seine Umgebung zum bewußten Verbrecher erzogen, und in der Fürsorgeerziehung wird meist jegliches Ehrgefühl durch bestialische Mißhandlungen aus ihm herausgepeitscht, wie es die Blomsche Wildnis und die Hölle von M i l t s ch i e n gezeigt haben. Im Jahre 1669 befanden sich in Preußen 4 4 3 2 5 Minderjährige in Fürsorge und 54116 in Gefängnissen; das sind erschreckende Zahlen. Pflicht des Staates wie der Gemeinde wäre es, Kinderhorte für den proletarischen Nachwuchs zu errichten, der ohne häusliche Erziehung bleiben und der Verwahrlosung anheimfallen muß. Der Verein Berliner Kinderhort hat 1916 durch mehrere Stichproben in den Gemeindeschulen festgestellt, daß mindestens 14666 Berliner Kinder ohne häusliche Aufsicht sind, und daß von ihnen nur 4060 in den vorhandenen Kinderhorten untergebracht werden können. Private Einrichtungen werden auf diesem Gebiet nie leisten können, was geleistet werden muß. Die Berliner freisinnige Stadtverwaltung empfindet aber trotz dieser gefahrvollen Zustände keine Neigung, Kinderhorte in nötiger Zahl zu errichten. In den übrigen deutschen Städten liegen die Verhältnisse nicht viel anders. Für Fürstenempfänge oder anderes Brimborium haben die bürgerlichen Stadtverwaltungen stets eine offene Hand, aber gegen die Erfüllung von Kulturaufgaben sträuben sie sich mit Händen und Füßen. Die Arbeiterklasse fordert von Staat und Gemeinde Einrichtungen, die der gesunden körperlichen und seelischen Entwicklung der Kinder dienen. Solche Einrichtupgen sind durch die gesellschaftliche Entwicklung zur Notwendigkeit geworden. Die kapitalistische Produktion mit ihren Folgen setzt in den ausgebeuteten Massen immer mehr Familien außerstande, ihren Nachwuchs sorgsam zu betreuen und zu erziehen. Vater und Mutter sind in der gesellschaftlichen Produktion eingespannt und müssen den kapitalistischen Mehrwert er- schanzen, der als jene„berauschende Fülle nationalen Reichtums" erscheint, an dem die frondenden Habenichtse keinen Teil haben. Daher ist es nicht Wohltat, sondern Recht, was das Proletariat zum Schutze und zum Gedeihen der Kinder heischt. Und wenn das klassenbewußte Proletariat ohne Ruhen und Rasten gegen die Ausbeutung und Verwahrlosung der Kinder kämpft, so kämpft es damit nicht nur für die Kinder, sondern auch für seine eigene Sache und für die! Sache der Menschheit. H. Barenthin. Die Beteiligung der Frauen an der Durchführung der Krankenversicherung. Die Krankenkassen sind zurzeit die einzigen öffentlichen Körperschaften, die den Frauen das gleiche Recht wie den Männern einräumen. Nach Z 37 des Krankenversicherungsgesetzes besteht je nach den näheren Bestimmungen des Statuts die Generalversammlung entweder aus sämtlichen Kassenmitgliedern, die großjährig und im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sind, oder aus Vertretern, die von den bezeichneten Mitgliedern aus ihre Mitte gewählt werden. Die Kasse muß nach§ 34 einen von der Generalversammlung gewählten Vorstand haben. Die Wahl erfolgt auS der Mitte der Generalversammlung. In ähnlicher Weise wird aus der Mitte des Vorstandes der Vorsitzende gewählt. Hieraus ergibt sich, daß den Frauen alle Ehrenämter, selbst der Vorsitz im Kassenvorstand, offen stehen. Als bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung von der Sozialdemokratie versucht wurde, diese Rechte der Frauen auch auf die anderen Versicherungszweige auszudehnen, wurde verschiedentlich behauptet, die Frauen würdigten die Rechte nicht, die ihnen in der Krankenversicherung eingeräumt sind, und beteiligten sich nur selten an den Generalversammlungsvertreterwahlen. Unterzeichneter hat es daher unternommen, über die Angelegenheit eine Erhebung zu veranstalten. Sie zeitigte äußerst bemerkenswerte Ergebnisse. Es gingen verwertbare Angaben aus über 65 Ortskrankenkassen ein. Diese hatten zusammen 1359 563 Mitglieder, so daß auf eine Kasse im Durchschnitt ungefähr 21666 Mitglieder entfielen. Daraus geht hervor, daß es sich bei dieser Statistik nur um große Kassen in größeren Städten handelt. Unter den Mitgliedern befanden sich 832261 männliche und 527'242 weibliche. Auffällig ist hier zunächst der starke Anteil der weiblichen Mitglieder. Es entfallen auf 100 männliche Mitglieder 63,4 weibliche. Die amtliche Statistik der Krankenversicherung gibt bei allen Kassen auf 160 männliche nur 38,8 weibliche Mitglieder an. Bei den OrtskrckNkenkassen allein entfallen auf 106 männliche Mitglieder 48,3 weibliche. Man sieht also— was nicht überraschen kann—, daß die Hereinziehung der weiblichen Personen in das Erwerbsleben, worauf ja einzig der starke Anteil der Frauen an der Kassenmitgliedschaft zurückzuführen ist, besonders in den großen Städten vorgeschritten ist. Insgesamt stieg die Zahl der weiblichen Mitglieder bei den Krankenkassen des Reiches von '/« Millionen im Jahre 1885 auf 3,7 Millionen im Jahre 1916, also um das Fünffache. In der gleichen Zeit stieg die Zahl der männlichen Mitglieder von 3�/z Millionen auf !ll/z Millionen, also nur um das Zweidreiviertelfache. Bei den von unserer Statistik erfaßten 65 Kassen wurden bei den letzten Wahlen der Generalversammlungsvertreter 148 466 Stimmen abgegeben, und zwar 129 532 von männlichen und 18 874 von weiblichen Versicherten. Es haben demnach 15,5 Prozent der männlichen und 3,5 Prozent der weiblichen Mitglieder überhaupt von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Nun sind allerdings nicht alle Mitglieder wahlberechtigt, sondern zunächst nur jene, die volljährig, das heißt über 21 Jahre alt sind. Das ist besonders bedeutsam für die weiblichen Kassenmitglieder, denn diese befinden sich zu einem verhältnismäßig größeren Teile als die Männer in den jüngeren Altersstufen. Bei den Generalversammlungsvertreterwahlen der Krankenkassen werden aber Wählerlisten nicht geführt und wird auch in der Regel die Zahl der Wahlberechtigten nicht besonders festgestellt. Gleichwohl ist bei einer Anzahl, und zwar bei 32 kleineren Ortskrankenkassen, die Zahl der Wahlberechtigten ermittelt worden, wenn vielleicht teilweise auch nur auf Grund einer Schätzung. Diese 32 Kassen hatten zusammen 304 787 Mitglieder, und zwar 194 474 männliche und 110 313 weibliche. Es kommen daher durchschnittlich auf eine Kasse nur ungefähr 9500 Mitglieder. Bemerkenswert ist hier der geringere Anteil der Nr. 23 Die Gleichheit weiblichen Mitglieder, denn es famen auf 100 männliche Mitglieder nur 56,8 weibliche. Zunächst ist bei diesen kleineren Kassen die Wahlbeteiligung eine geringere als bei den größeren. Bei ihnen gaben nur 17 983 männliche und 2353 weibliche Versicherte ihre Stimme ab. Auf die Mitgliederzahl bezogen, ergibt das 9,3 Prozent männliche und 2,1 Prozent weibliche Wähler. Wahlberechtigte Mitglieder hatten die Rassen 147 011 männliche und 71 161 weibliche. Mithin waren im Durchschnitt 75 Prozent der männlichen und 64 Prozent der weiblichen Mitglieder über 21 Jahre alt und wahlberechtigt. Bezieht man die bei diesen Kassen abgegebenen Stimmen auf die Wahlberechtigten, so ergibt sich, daß 12,2 Prozent der männlichen und 3,3 Prozent der weiblichen Wahlberechtigten sich an der Wahl beteiligten. Es läßt sich nicht bestreiten und es wäre falsch, sich der Einsicht verschließen zu wollen, daß diese Wahlbeteiligung eine sehr geringe ist. Die geringe Anteilnahme der Versicherten an den Vertreterwahlen kommt schon darin zum Ausdruck, daß für gewöhnlich bei den Krankenkassenvertreterwahlen von einem eigentlichen Wahlkampf keine Rede ist, und dieser Mangel eines Wahlkampfes trägt seinerseits wieder dazu bei, die Wahlbeteiligung zu erniedrigen. über die Wahlbewegung machten 58 Kassen Angaben. Bei 51 Rassen beteiligte sich nur eine Partei( Gruppe) an der Wahl der Versichertenvertreter, und zwar die freien Gewerkschaften. Wenn eine Gegenliste nicht vorhanden ist, fehlt der ganze Anreiz eines Kampfes. Die Wahlbeteiligten halten es für zwecklos, zur Wahlurne zu gehen. Nur bei 7 größeren Rassen rangen zwei Parteien um den Sieg. Dabei handelte es sich in allen Fällen um die freien Gewerkschaften und eine Vereinigung nationaler Arbeiter, und ihr Ringen entfaltete bei allen diesen Kassen eine lebhafte Beteiligung. Die gleichen Gründe treffen auch zum guten Teile auf die besonders geringe Beteiligung der Frauen an den Wahlen zu. Diese ist vor allem dort niedrig, wo eine Wahlbewegung nicht stattfand. In Göppingen sind in der Ortskrankenfasse 4395 weibliche Mitglieder. Bei der letzten Wahl wurden aber nur 10 weibliche Stimmen abgegeben. Bei der Gemeinsamen Ortskrankenkasse in Jena( 3104 weibliche Mitglieder) wurden 8 weibliche Stimmen abgegeben, bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Magdeburg( 2471 weibliche Mitglieder) 4, bei der Kaufmännischen Ortsfrankenkasse in Magdeburg( 4901 weibliche Mitglieder) 30, bei der Ortskrankenkasse I in Mannheim( 9498 weibliche Mitglieder) 2, bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse in der Stadt Oldenburg( 1570 weibliche Mitglieder) 2, bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse Hom. burg v. d. H.( 2038 weibliche Mitglieder) 2, bei der Ortsfrankenkasse in Riel( 6020 weibliche Mitglieder) 11, bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse Bremerhaven( 1306 weibliche Mitglieder) 3, bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse Bremen( 8100 weibliche Mitglieder) 29, bei der Ortskrankenkasse in Reichenbach i. V.( 2100 weibliche Mitglieder) 4 usw. überhaupt keine weiblichen Stimmen wurden abgegeben in Mittweida, Schwarzenberg, 3ittau, Flensburg, Aschersleben, Weimar ( 3812 weibliche Mitglieder), Gemeinschaftliche Ortskrankenfasse alle a. S., Wurzen usw. Selbst aber auch da, wo die weiblichen Mitglieder besonders stark vertreten sind, wurden von ihnen wenig Stimmen abgegeben. So wurden bei der Ortskrankenkasse für Schneider in Berlin mit 58 505 weiblichen Mitgliedern 1086 weibliche Stimmen abgegeben. Das sind noch nicht einmal 2 Prozent! Von den männlichen Mitgliedern gaben aber nur 788 ihre Stimme ab. Etwas anders gestaltete sich dagegen das Bild dort, wo ein Wahlkampf stattfand. So wurden in Leipzig, wo die freien Gewerkschaften und eine Vereinigung nationaler Arbeiter um den Sieg fämpften, 3226 weibliche Stimmen abgegeben. In Schneeberg i. S., wo ebenfalls zwei Vorschlagslisten zur Auswahl standen, wurden von 722 wahlberechtigten Frauen 175 Stimmen abgegeben, in Greiz, 359 wo die freien Gewerkschaften und die christlich- nationalen Arbeiter im Kampfe standen, gingen von 4921 weiblichen Mitgliedern überhaupt 2447 zur Wahl. Dasselbe war der Fall in Großenhain, wo von 1277 versicherten Frauen überhaupt 153 von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten. Die neue Reichsversicherungsordnung sieht bekanntlich für die Vertreterwahlen obligatorisch die Verhältniswahl vor. Das wird zweifellos dazu beitragen, die Wahlbewegung zu beleben. Die 65 Kassen hatten 14 265 GeneralversammI ung& vertreter. Auf eine Kasse entfielen im Durchschnitt 218 Vertreter. Unter dieser Gesamtzahl der Vertreter befinden sich 9678 Versicherte und 4587 Arbeitgeber. Erstere bilden daher mehr als zwei Drittel der Gesamtzahl der Vertreter, was auf verschiedene Gründe zurückzuführen ist. Unter den 9678 Vertretern der Versicherten befanden sich 857 weibliche, unter den 4587 Vertretern der Arbeitgeber 30 weibliche. Diese Vertretung des weiblichen Geschlechts entspricht natürlich nicht ihrem Anteil an der Rassenmitgliedschaft. Oben sahen wir, daß auf 100 männliche Mitglieder 63,4 weibliche kommen. Hier ist festzustellen, daß auf 100 männliche Vertreter der Versicherten nur 8,9 weibliche Vertreter entfallen. Noch ungünstiger für die Frauen ist das Verhältnis in den Kassenvorständen. Die Kassen hatten in den Vorständen 557 Vertreter der Versicherten und 273 Vertreter der Arbeitgeber. Es entfallen demnach auf jede Kasse etwa 12 Vorstandsmitglieder im Durchschnitt, und zwar 8 Versicherten- und 4 Arbeitgebervertreter. Unter den Vorstandsmitgliedern aus dem Kreise der Versicherten befanden sich 14 weibliche, unter den aus dem Stande der Arbeitgeber nur 1 weibliche. Es sind nur ganz wenige Kassen mit einer ganz besonders starken Zahl weiblicher Mitglieder, bei denen die Frauen im Vorstand eine Vertretung haben. So ist bei der Ortskrankenkasse Neukölln( Rirdorf) mit 12 606 männlichen und 12 120 weiblichen Mitgliedern eine Frau im Kassenvorstand, bei der Allgemeinen Ortskrankentasse in Stuttgart mit 46 953 männlichen und 19 778 weiblichen Mitgliedern zwei Frauen, bei der Gemeinsamen Ortskrankenkasse in Wiesbaden mit 10 189 männlichen und 8125 weiblichen ebenfalls zwei Frauen, bei der Ortsfrankenkasse für Schneider in Berlin mit 9808 männlichen und 58 505( 1) weiblichen Mitgliedern neben 9 Männern 3 Frauen, bei der Gemeinsamen Ortskrankenkasse in Düsseldorf mit 31 600 männlichen und 10 190 weiblichen Mitgliedern eine Frau aus dem Stande der Versicherten und eine aus dem Stande der Arbeitgeber. Ist auch die geringe Anteilnahme der Frauen an der Durchführung der Krankenversicherung zu erklären, so ist sie doch nicht zu entschuldigen. Natürlich haben die versicherten Männer und Frauen in den Krankenkassenverwaltungen keine gegensäglichen Interessen zu vertreten, sondern sie finden sich zusammen in dem Bestreben, die Krankenfürsorge möglichst auszugestalten. Aber daneben erwachsen für die Arbeiterinnen als Frauen eine Reihe von Bedürfnissen, die zu vertreten sie selbst am berufensten sind. Es sei nur an die Mutterschaftsfürsorge erinnert. Das Krankenversicherungsgesetz und noch mehr die Reichsversicherungsordnung gibt die Möglichkeit, die Schwangerschafts- und Wöchnerinnenunterstützung erheblich auszugestalten. Eine ganze Reihe von Einrichtungen können da bei gutem Willen der Kassenverwaltung getroffen werden. Es ist aber bis jetzt nach dieser Richtung nicht allzuviel geschehen. Gerade hier würde eine starke Vertretung der Frauen in der Kassenverwaltung von günstigster Wirkung sein. Wenn es auch den Männern vielleicht nicht an dem guten Willen zur Ausgestaltung der Kassenleistungen in der angegebenen Richtung fehlt, so mangelt ihnen doch öfter das nötige Verständnis dafür. Die Beteiligung an den Wahlen und die Mitwirkung an der Kassenverwaltung kann auch für die in der Handhabung öffentlicher Rechte ungeübten Frauen eine Schule sein. Den 360 Die Gleichheit Frauen ist der Gang zur Wahl noch etwas Außergewöhnliches, Fremdes. Betätigen sich die Frauen bei der Durch führung der Krankenversicherung mit Erfolg, so wird sie das zu erweiterter Teilnahme an anderen Aufgaben des öffentlichen Lebens anspornen. Fr. Kleeis. Textilarbeiterelend im badischen Wiesental. Das badische Wiesental hat eine alte und ausgedehnte Textilindustrie. Leider sind die wirtschaftlichen Verhältnisse der Textilarbeiterschaft dort überaus traurig. Wie überall! werden unsere Leser denken. Uns scheint jedoch, daß sie im Wiesental noch trauriger sind denn anderswo. Diese Tatsache wirft besonders erbitternd auf denjenigen, der mit trunkenem Blick die Schönheiten des Schwarzwaldes und des reizvollen Wiesentals geschaut hat und nun im Gegensatz zu der üppigen Begetation die verkümmerten Menschen betrachtet, die inmitten all der Naturschönheiten ihres Lebens nicht froh werden können. überarbeit und Entbehrungen sind ihr Los. Die niederen Löhne zwingen Mann und Weib, beide den Tertilbaronen zu fronen. Sind Kinder da, so werden diese von der Mutter früh„ vor Tau und Tag" aus den Betten ge. rissen, in fleine Wägelchen gepackt oder auf den Arm genommen. Im Galopp geht es vor Arbeitsanfang nach der Kleinkinderbewahranstalt, ganz gleich, ob es regnet oder schneit, ob linde Lüfte wehen oder ob bittere Kälte herrscht. Nach Schluß der Fabriken strömen die Frauen zunächst wieder den Kinderbewahranstalten zu, um ihre Kleinen heimzuholen. Die schulpflichtigen Kinder bleiben allein da. heim. Sie wärmen sich selbst das am Abend zuvor gekochte Effen, räumen wieder auf, und mit dem Ernst und der Umficht Erwachsener verschließen sie die Wohnung und verwahren den Schlüssel an einer Stelle, die allen Familienangehörigen bekannt ist. Andere Arbeiterfamilien geben ihre Kinder in Rost und Pflege zu Landleuten, die das Kinderaufziehen" förmlich zu ihrem Beruf gemacht haben. Fast möchte man diese Kleinen, die sich wenigstens frischer Luft und einer gewissen Regelmäßigkeit der Lebenshaltung erfreuen, glücklicher preisen als jene, die morgens und abends beim Weg zur Bewahranstalt allen Unbilden der Witterung preisgegeben sind, und die nach der Heimkehr so schnell wie möglich ins Bett gesteckt werden müssen, weil noch das Tausenderlei der Hausarbeit von der Mutter zu besorgen ist. Bon liebevoller Pflege und sorgsamer Erziehung durch die Eltern fann natürlich bei all diesen fleinen Proletariern nicht die Rede sein. Zeitmangel und übermüdung beider Eltern raubt sie dem einen Teil der Kinder, und der andere bekommt Vater und Mutter höchstens am Sonntag zu sehen. Eine hübsche Illustration zu der vielgerühmten„ Heiligkeit der Familie". Verschiedene Frauen versicherten, sie hätten es wiederholt versucht, daheim zu bleiben, um ein geordnetes Familienleben bereiten zu können. Nach ihren Verhältnissen müssen sie für Kost und Pflege der Kinder viel zahlen, im Hause geht manches zugrunde, wenn das Walten der ordnenden und sorgenden Mutter fehlt, und die Gemütlichkeit, das Anheimelnde der selbst gepflegten Wohnung wird stark entbehrt. Daher hatten sie sich bemüht, mit dem Verdienst des Mannes allein auszukommen, aber trop vieler Entbehrungen, trotz aller möglichen Einschränkungen sei das nicht möglich gewesen. Von der Not getrieben, mußten die Mütter ihre Kinder wieder zu fremden Leuten geben und selbst zurück in die Fabrik gehen! Die Notwendigkeit, daß auch die Frau bar Geld ins Haus bringt, leuchtet ein, wenn man die Lohndüten zu Gesicht bekommt. 24, 26, 28, 30, 32, 34 Mt., selten mehr, oft genug aber weniger wird in vierzehn Tagen verdient. An der vierzehntägigen Auszahlung halten die Unternehmer mit großer Bähigkeit fest, haben sie doch auf diese Weise vierzehn Tage lang den Lohn ihrer sämtlichen Arbeiter und Arbeiterinnen als zinsfreies Betriebskapital im Geschäft. Die langen Zahlperioden aber bewirken, daß die ohnehin bis aufs Blut ausNr. 23 gebeuteten Lohnsklaven borgen müssen, und wer borgt, muß bekanntlich teuer zahlen und mit schlechter Qualität der Waren vorlieb nehmen. In Zell kamen die Fabrikanten sogar auf den schlauen Gedanken, die halbmonatliche Lohnzahlung einzuführen. Der Vorteil für sie und der Nachteil für die Arbeiterschaft liegt auf der Hand. Die Zeller Textilarbeiter vermuteten und jedenfalls mit Recht noch eine weitere Tücke hinter dieser Neueinrichtung. Nämlich: eine beabsich tigte Lohnherabseßung. Als Vorwand, um die Affordsäge zu kürzen, so befürchteten sie, werde man die größere Verdienstsumme nehmen, die naturgemäß bei 15- bis 16tägigen Lohnzahlungen herauskommt. Ein lebhafter Unwille gegen die neue Zahlungsperiode machte sich deshalb bemerkbar. Ob sie jedoch zurückgewiesen wurde, ist mir nicht bekannt geworden. Wären alle Tertilarbeiter und-arbeiterinnen des Orts im Deutschen Tertilarbeiterverband, so würde ihnen die Abwehr der Maßregel ein leichtes sein. Leider ist das aber nicht der Fall. Von ungerechtfertigten Strafabzügen beziehungsweise von einer Beeinträchtigung des ohnehin kurzen Verdienstes erzählten die Klagen von Textilarbeitern in Lörrach. Die Arbeiter und Arbeiterinnen, die an den hohen Jacquardstühlen weiße Ware weben, sehen oft zu ihrem Schrecken, daß von dem Öl, womit der obere Teil des Stuhles geschmiert ist, auf den Stoff tropft und große Flecken macht. Es ist das nicht Schuld der Weber, denn die Stühle werden von Tagelöhnern geölt, und das Herabtropfen soll zudem fast unvermeidlich fein. Das Beschmußen der Ware könnte jedoch durch ein breites Blech verhindert werden, das quer über den Stuhl unterhalb der zu ölenden Teile angebracht wird, wie es in vielen Fabriken geschehen ist. In Lörrach scheint man diese fleine Ausgabe zu scheuen. Statt dessen wird den Webern und Weberinnen aufgegeben, die Flecke aus der Ware zu waschen. Die Firma liefert jedoch weder die Seife, noch vergütet sie die Zeit, die für diese Arbeit nötig ist. Den offenbaren Mangel der Betriebseinrichtung müssen also die Arbeiter mit einer empfindlichen Lohneinbuße bezahlen. Weigern sie sich, die Flecke auszuwaschen, so steht eine Geldstrafe in Aussicht. Wir meinen, die Arbeiter sollten solche Fälle der Benachteiligung vor dem Gewerbegericht austragen. Sie würden zweifelsohne recht bekommen. Ein Gewerbegerichtsbeisiber der freien Gewerkschaften Lörrachs, Genosse Rösch, hat ver sprochen, die Sache in einer Plenarsizung der Gewerbegerichtsbeisiger zur Sprache zu bringen und zu veranlassen, daß diese sich mit einer Eingabe an die Handelskammer wenden und verlangen, daß diesem unglaublichen Zustand ein Ende gemacht wird. Außerdem steht unseren Genossen und Genossinnen ja noch der Weg der öffentlichen Kritik frei. Die öffentliche Kritik ist eine brillante Waffe. An den„ Pranger" gestellt zu werden, scheuen die Unternehmer in der Regel. Und in dem Lörracher Fall kommt nicht nur ihr öffentliches Ansehen in Frage, sondern gleichzeitig auch in hohem Maße ihr Geschäftsinteresse, und das ist für die Herren Industriellen ein gar empfindliches Ding. Man denke: wenn den Kunden der Lörracher Textilfabrikanten bekannt wird, daß sie mit der weißen Jacquardware gewaschenes 3eug erhalten, so werden sie dazu sicherlich kein erfreutes Gesicht machen, vielleicht selbst die Abnahme verweigern. Und ehe die Unternehmer sich dieser Gefahr aussehen, werden sie sich sicherlich dazu bequemen, die notwendigen Einrichtungen zu treffen, um das Beschmußen des Stoffes durch herabtropfendes Öl zu vermeiden. Die angeführten übelstände lenken den Blick der Arbeiter und Arbeiterinnen aufs neue darauf, daß es für sie nur zwei Mittel gibt, sich gegen Ausbeutung und Schifanterung zu schüßen: die Organisation und die Presse. Hätten wir nur ein Universalmittel, diese Erkenntnis schnell und fest in die Herzen und Hirne der Arbeiterschaft einzuhäm mern! Es würde dann bald anders aussehen. Da es aber ein solches Mittel nicht gibt, müssen alle, alle, die die rechte Nr. 23 Die Gleichheit 361 Einsicht besitzen, daran arbeiten, sie weiterzuverbreiten. Jede Gelegenheit zur Agitation für die Gewerkschaft, für die spartei, für die Presse muß genutzt werden, um die Macht der Arbeiter zu stärken und sie in ihrem eigenen Interesse zu gebrauchen. Da ist niemand zu gering, um in diesem Sinne im Dienste der Arbeiterbewegung tätig zu sein. Der erzielte Erfolg und das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung ist herrlichster Lohn für die aufgewandte Mühe. L n i s e Z i e tz. Aus der Bewegung. V»n de? Agitation. Franenversammlungcn in Bade». Die Krauenkonferenz in Baden, über die wir an anderer Stelle berichten, bildete den Abschluß einer Agitationstour durch das ganze Land. Genossin Baumann-Hamburg hatte durch Vermirtlung des Frauenbureaus die Tour übernommen, sie wird selbst über das Ergebnis berichte». Im Anschluß an die Konferenz hatte GenossinZietz gleichfalls einige Versammlungen übernommen. Sie fanden statt in Totnau, Wehr, SSrrach, Fahrnau, Zell, Brombach, Grenzach, Freiburg, Lahr und Karlsruhe, also meist im badischen Oberland. Trotzdem der Versammlungsbesuch zweifellos stark unter der tropischen Wärme litt, so war der organisatorische Erfolg dennoch ein guter und—„manches Auge sah ich blitzen und klopfen hört ich manches Herz', oder um eS mit den Worten unseres Vorsitzenden in Wehr zu sagen:„Unsere Begeisterung für die größten Ziele des Sozialismus ist wieder neu belebt, unser Mut wieder gestärkt worden", und das ist auch ein Erfolg, wenn auch kein sichtbarer. In Wehr sind dt« ersten weiblichen Mitglieder für die Sozialdemokratie gewonnen Worden. In den anderen Orten wurden je 12 bis 2Ü Neuaufnahmen erzielt, insgesanu 13S. Da» ist bei dem verhältnismäßig schwachen Stand der Organisation an den meisten Orten als ein wesentlicher Fortschritt zu begrüßen. In Kreiburg war die Versammlung glänzend besucht. Eine Anzahl Studenten und Studentinnen nahnicn gleichfalls daran teil. Dicht vor dem Vorstandstisch hatten sich einige „teutsche" Jünglinge postiert, die wiederholt durch Lachen und Grimassen die Versammlung zu stören suchten, bei der Diskussion sich dagegen vollständig ausschwiegen. Genossin Zietz brandmarkte in ihrem Schlußwort gebührend da» Betragen der„gebildeten" Jünglinge. Darauf meldete sich noch ein Student der Medizin zum Wort. In der Annahme, der Herr schäme sich des Verhaltens seiner Kom- intlitvnen und wolle dies zum Ausdruck bringen, erhielt er nach d«r Schlußansprache noch das Wort. Aber weit gefehlt, daß dieser Herr sich der studentischen Flegeleien schämte, er bestritt sie und las im übrigen solch konfuses Zeug vor, daß die Versammlung ungeduldig wurde und ihm zurief: wer ihm das aufgeschrieben habe, was er dort vorlese. Nun meinte der Herr Student, eS sei der Versammlung wohl zu hoch, was er biete, sie könne es wohl nicht ver- Schallendes Gelächter antwortete ihm darauf. Aus seinen konfusen Tiraden verstand man nur so viel, daß er sich gegen die »Gleichmacherei der Geschlechter" wandte, die doch seit Adams Zeiten darschiedeir gewesen seien. Genossin Ziey konstatierte zunächst, daß es ihr schwer falle, im Ernst auf das Vorgetragene einzugehen. Unter dem stürmischen Beifall der Versammlung verhöhnte sie alsdann den angehenden Herrn Mediziner, der die Forderung sozialer »»d politischer Gleichberechtigung der Frau anscheinend verwechsle mit einer anatomischen Gleichmacherei der Geschlechter, wozu— das »üsi« ein Mediziner doch am besten wissen— ein Rezept bisher nicht erfunden sei. Während der Antwort der Genossin Zietz betrug fich der angehende Jünger Äskulaps so unanständig, daß er wiederholt zur Ruhe verwiesen werden mußte. Genossin Zietz schloß unter stürmischein Beifall der Versammelten ihre Ausführungen nnt der Vitt« an die Arbeiter und Arbeiterfrauen, sich in ihrer großen Achtung vor der Wissenschaft nicht dadurch wirr niachen zu lassen, daß «in»Jünger der Wissenschaft" hier so unglaublich blödes Zeug vorgetragen und in höchst unanständiger Weise das Gastrecht mißbraucht habe. Nach Schluß der Versammlung trat der„anständige Herr" an die Referentin heran und erklärte, es seien nicht seine Anschauungen gewesen, die er vorgetragen, sondern— die einer Dame, die fi« ihm aufgeschrieben! Und das nennt sich gebildet und sieht in grenzenlosem Hochmut auf tüchtige, selbständige Arbeiter Herabi Pfui Teufel!— An fast allen Orten hat nach der Versammlung noch»ine Besprechung mit der örtlichen Parteileitung stattgefunden, in der die Frage erörtert wurde, wie die gewonnenen weiblichen Mitglieder zu halten und zu schulen seien. L. Z. Krauenkouferenz in Bade». Der Landesvorstand der badischen Sozialdemokraten hatte für den 23. Juni nach Karlsruhe eine Frauenkonferenz einberufen. Sie war auS allen Teilen des Lande? mit insgesamt 29 weiblichen Delegierten beschickt. Als Vertreter der Karlsruher Parteiorganisation war Genosse Dietrich anwesend, als Vertreter der Presse Genosse Winter. Die Leitung lag in den Händen des Genossen Strobel vom Landesvorstand, und als Vertreterin des Parteivorstandes warGenossinZietz zugegen. NachdemGe« nasse Strobel die Konferenz eröffnet, die Erschienenen herzlich begrüßt und die geschäftlichen Formalitäten erledigt hatte, erhielt Genossin Fischer, Mitglied der Karlsruher Parteileitung, das Wort zu einer Begrüßungsansprache. In schlichter, herzlicher Weise bewillkommnete sie die Konferenzteilnehmer und gab ihrer hohen Freude über das Stattfinden der ersten Frauenkonferenz in Baden lebhaften Ausdruck. DaS einleitende Referat über das Thema:„Wie schulen wir die Frauen für die politische Betätigung?" erstattete Genossin Zietz. Einleitend wies die Referentin kurz und präzis nach, daß die Notwendigkeit der politischen Betätigung für die Frau gegeben, daß sie tief und fest verankert sei in der wirtschaftlichen Entwicklung, die den Kapitalismus zum Siege führte. Sie stellte fest, daß besonders zwei Seiten dieser Entwicklung die politische Betätigung der proletarischen Frau in ihrem eigenen Interesse und in dem der Arbeiterklasse zur sozialen Lebensnotwendigkeit gemacht haben: die Wandlung in der Arbeit und damit in der gesellschaftlichen Stellung der Frau, und die Wandlung in den Aufgaben des Staats, seiner Gesetzgebung und Verwaltung. Sodann besprach die Reserentin eingehend die verschiedenen Methoden der öffentlichen Agitatipn zur Aufrüttelung und Organisierung der Proletarierinnen. Sie erörterte die Vorbereitung der Versammlungen, die Wahl des Tages und der Themen, die Methode, um Mitglieder und Abonnenten für die örtliche Partei- Presse und die„Gleichheit" zu gewinnen. Die verschiedenen Methoden der Hausagitation wurden eingehend dargelegt, und mit dem allein hatte schon die Skizzierung der praktischen Mitarbeit begonnen, die die weiblichen Mitglieder innerhalb der Organisation zu leisten haben, und die in ihrer Mannigfaltigkeit und Notwendigkeit beleuchtet wurden. Einen breiten Raum des Referats nahmen die Ausführungen ein über die Schulung der Genossinnen durch Lektüre, Ver- saminlungSbesuch, vor allem aber durch Einrichtung uird Ausbau der Lese- und Diskussionsabende, durch die Beteiligung an den verschiedenen Kursen, sowohl den örtlichen dauernden Bildungseinrichtungen, wie den Wanderkursen der Partei. Die ungeteilte Aufmerksainkeit und der lebhafte Beifall bekundeten bereits das lebendige Interesse der Konserenzteilnehmer, aber noch mehr wurde dieses bewiesen durch die Diskussion, die sich ausnahmslos auf einem sehr hohen Niveau bewegte. Unter den Teilnehmerinnen fiel allgemein die markante Persönlichkeit unserer langjährigen Genossin Notzler-Schopfheim auf, die in Markgräflertracht erschienen war. Genossin Million-Lörrach, die mit großem Eifer im industric- reichen Wiesental für unsere Bewegung tütig ist, fesselte durch die Ruhe und Überlegenheit, mit der sie sich an der Debatte beteiligte. Von leidenschaftlichem Eifer und großer Liebe zur Sache zeugten die temperamentvollen Darlegungen unserer Genossin Knecht- Durlach. Zorn über die viel zu langsame Vorwürtsentwicklung und der lebhafte Wunsch, alle verfügbaren Kräfte der Bewegung nutzbar zu machen, leuchteten aus den Ausführungen der Genossin Amann aus der Bijouteriestadt Pforzheim und der Genossin Bändel- Gaggenau. Von den Schwierigkeiten, die bei der Aufrüttelung und Organisierung der Proletarierinnen zu überwinden sind, aber auch von dem festen Willen, ihrer Herr zu iverden, erzählten die Reden der Genossin M a tz l o w- Freiburg und der Genossin Dühring aus dem Tabakarbeiterort Hockenheim. Von prächtigen Erfolgen bei einer planmäßigen, intensiven Agitation, aber auch von dem lebhaften Wunsch, in Zukunft womöglich noch Besseres zu leisten, berichteten unsere tüchtigen, geschulten Genossinnen Blase, Kehl, Messinger, Wehner und Mohr aus Badens industriereichster Stadt Mannheim. Unsere tüchtige und fleißige Genossin Fischer, sowie die eifrigen Genossinnen Fäßer und Schwerdt aus der Residenz Karlsruhe lieferten wertvolle Fingerzeige für die örtliche Agitation. Genosse Strobel- Mannheim, die Genossen Dietrich und Nitschke aus Karlsruhe und Genossin Zietz beteiligten sich ebenfalls lebhaft an der Diskussion. Beschlossen ward, die Anregungen des Referats in vollem Umfang in der Agitation und bei der Schulung der Genossinnen nutzbar zu niachen. Aus der Mitte der Konferenz ward der Wunsch geäußert, daß auch von Baden demnächst eine Genossin auf die Parteischule geschickt werden möge, Genosse Strobel erklärte namens des Landesvorstandes sein Einverständnis mit dem Vorschlage und teilte mit, daß bei der Auswahl der Bewerber in diesem Jahre der Landesvorstand bereits erwogen habe, ob er einer Frau den Vorzug geben solle. Da aber unter den Bewerbern ein Genosse war, der schon einmal für die Schule bestimmt gewesen, dann aber mit Rücksicht auf die bewrgw 362 Die Gleichheit Nr. 23 Zeit zurückgetreten sei, habe man diesen bevorzugt. In glänzender Rede begründete Genossin Blase folgende Anträge, die nach kurzer, zustimmender Debatte einstimmige Annahme fanden: 1.„Die weiblichen Vorstandsmitglieder in den Ortsvereinen eines Kreises bilden gemeinsam mit der Kreisleitung und den tätigen Genossinnen der einzelnen Orte eine Agitationskommisston, die nach Bedarf zusammentritt, um über die Agitation im Kreise zu beraten." 2.„Die weiblichen Vorstandsmitglieder der Kreise bilden gemeinsam mit dein Landesvorstand eine Agitationskommission für das Land, die nach Bedarf, mindestens aber einmal im Jahre zusannnen- tritt, um über die Agitation im Lande zu beraten." In geschickter, temperamentvoller Rede begründete Genossin Kehl einen Antrag 3:„Bei der Neuwahl des Landesvorstandes ist in diesen eine Frau mit zu wählen." Genosse Strobel erklärte, datz er grundsätzlich nichts gegen den Antrag einzuwenden habe, daß aber zurzeit keine Veranlassung vorliege, den Landesvorstand zu verstärken. Wenn aber die Konferenz und später der Landespartet- tag dem Antrag der Genossin Kehl zustimmen sollten, sei er als jüngstes Mitglied des Landesvorstandes gern bereit, zugunsten einer Genossin zurückzutreten. Von einer solchen Lösung der Frag« toollte keine Genossin etwas wissen. Alle anerkannten lobend das lebhafte Interesse, das Genosse Strobel der Frauenbewegung entgegenbrachte, und die Förderung, die sie durch seine Unterstützung bisher gefunden hat. Er dürfe deshalb nicht aus dem Borstand ausscheiden, statt dessen könne eine Vermehrung der Vorstandsmitglieder vorgenommen werden. Nach lebhafter Diskussion wurde schließlich der Antrag der Genossin Kehl mit großer Mehrheit angenommen. Mit eindringlichen Worten begründete Genossin Messinger einen Antrag, der„die Anstellung eine? weiblichen Sekretärs für Baden' forderte. Der Antrag fand die lebhafteste Unterstützung durch eine Anzahl Konferenzteilnehmer. Genossin Zietz führte aus, daß der Parteivorstand grundsätzllich der Anstellung weiblicher Sekretäre bereits im vorigen Jahre zugestimmt habe. ES sei zweifellos, daß die Frauenbewegung wesentlich schnellere und bessere Fortschritte machen werde, wenn den männlichen Bezirkssekretären weibliche zur Seite gestellt würden. Das bei einer Agitationstour Gewonnene und mühsam Aufgebaute breche so oft bald wieder zusammen, weil eS an Kräften fehle, das Errungene zu hegen und zu Pflegen und es auszubauen. Würden die örtlichen Kräfte öfter eine Anweisung und Unterstützung finden durch eine im Bezirk tätige Sekretärin, könnte manches erhalten und weiterentwickelt werden. Die praktische Durchführung des Vorstandsbeschlusses, Sekretärinnen anzustellen, hänge allerdings davon ab, ob die organisatorischen Vorbedingungen dafür gegeben seien. Genosse Strobel erkärte sodann, daß das letztere für Baden bisher noch nicht der Fall sei. Es seien in Baden zirka 1600 Frauen politisch organisiert. Hinzu komme, daß noch kein Landessekretariat bestehe, dieses erst in diesem Jahre geschaffen werden solle. Sei da» eingerichtet, so könne man auch an die Anstellung einer Sekretärin denken, vorausgesetzt, daß inzwischen die Genossinnen durch fleißig« Agitation ihre Mitgliederzahl vermehrt hätten. Nach diesen Erklärungen zogen die Genossinnen ihren Antrag als noch verfrüht zurück, sprachen aber gleichzeitig aus, damit zu gegebener Zeit wiederkommen zu wollen. Genossin Zietz erinnerte noch daran, daß die Genossinnen ja auch in Berlin eine Zentrale hätten, die ihnen jederzeit gern mit Rat und Tat zur Seite stehe. Die Genossinen, die das Frauenbureau, Lindenstraße 3 bisher in Anspruch genommen hätten, würden bestätigen können, daß sie stets in ausführlichster Weise Antwort erhalten. Manches Hemmnis der Agitations- und Schulungsarbeit sei durch die Vermittlung der Genossinnen im Bureau behoben, mancher Fingerzeig für die praktische Arbeit gegeben worden, und zudem sei doch auch daS Bewußtsein ein beruhigender Gedanke und eine gute Hilfe, in Berlin haben wir zuverlässige Anwälte unserer Sache. Genossin Kehl beantragte weiter, daß die Parteipresse Badens veranlaßt werden möge, der Frauenbewegung eine größere Beachtung zu schenken. Genosse Strobel verwies darauf, daß der Karlsruher „Volksfreund" und die Freiburger„Volkswacht" eine besondere Beilage für die Frauenbewegung eingerichtet hätten, die regelmäßig erscheine, und die Mannheimer.Volksstimme" werde dem Wunsch der Genossinnen gern Rechnung tragen, wenn er ihr übermittelt würde. Genossin Zietz betonte gleichfalls, wie wertvoll es sei, wenn für die Gewinnung der Frauen die Parteipresse die Bestrebungen der Genossinnen unterstütze. Sie empfahl den Genossinnen, alle Mitarbeiter sowohl der„Gleichheit" als auch der örtlichen Parteipress« zu werden. Sie betonte dabei, daß durchaus nicht immer die Einsendung fertiger Artikel und Notizen in Betracht käme. Die Hauptsache sei, daß Material geliefert werde. Die Redaktionen könnten dieses kritisch verarbeiten. Genossin Winter versicherte, daß die Volksfreund-Redaktion jede Mitarbeit der Genossinnen mit Freuden begrüße und die Bearbeitung eingelieferten Materials sehr gerne übernehme. Die Genossinnen erklärten, daß sie durch die erfolgte Aussprache ihren Antrag als erledigt betrachteten, und daß sie im Sinne der Aussprache handeln würden. Die Tätigkeit der Genossinnen in den Kinderschutzkomis- sionen und in der Jugendbewegung fand alsdann noch eine kurze Besprechung. Genossin Kehl regte an, die Dienstbotenbewegung allerorts zu unterstützen, und wo noch keine Zahlstelle des Hausangestelltenverbandes vorhanden sei, an die Schaffung einer solchen heranzugehen, zuvor sich jedoch der genügenden Anzahl von Hilfskräften zu versichern. Genosse Strobel faßte zum Schluß das Ergebnis der Konferenz zusammen, dankte den Teilnehmern und wünschte, daß die erste Frauenkonferenz Badens für die Frauenbewegung des Landes gute Früchte tragen möge. Der interessante und anregende Verlauf der Tagung scheint uns die sichere Gewähr dafür zu sein, daß sein Wunsch, der zweifellos auch der aller übrige» Teilnehmer war, in Erfüllung gehen wird. L. Zietz. AuS den Organisationen. Im Bezirk Mügeln-Heidenau deS 8. sächsischen ReichstagSwahlkreises nehmen die Frauen regen An, teil am Parteileben. Zurzeit gehören der politischen Organisation 213 weibliche Mitglieder an. Mügeln-Heidenau ist der industrielle Mittelpunkt des 8. Kreises, und es liegt darum auch im gewerkschaftlichen Interesse, daß hier neben dem Mann die Frau zum Klassenbewußtsein erwacht und sich den Kampfscharen de> Proletariats anschließt. Es fanden im Tätigkeitsjahr zehn Frauenversammlungen und Diskussionsabend« statt. Rednerisch tätig waren die Genossinnen Rühle-Hall« und Wackwitz-Dresden sowie die Genossen Kim mich, Schwarz und Säg-eling-Mügeln. Am Frauentag nahmen 433 bis 453 Frauen teil. Genosse W i n k l e r, LandtagS- abgcordneter, sprach über die Bedeutung des Frauenwahlrccht». Die Genossinnen planen für den Herbst eine Hausagitation. Ferner sollen im neuen Tätigkeitsjahr die Diskussionsabende weit«« ausgebaut werden, wobei uns das Programm der drei Dresdener Kreise den Weg zeigen wird. Wir werden alles daran setzen, auch in Zukunft die Arbeiterbewegung unter den Frauen zu fördern. Dazu bedürfen wir der tatkräftigen Unterstützung aller Genossinnen. Vorwärts zu neuer Arbeit und neuen Kämpfen für unser« gerechte Sache! Genossinnen B e g e r und Conrad. NuS der Hamburger Frauenbewegung. Seit Januar bis Juni dieses Jahres sind in Hamburg 14 Frauenagitationsversammlungen abgehalten worden, die mit wenigen Ausnahmen sehr gut besucht waren. Zu jeder Versammlung werden die weiblichen Parteimitglieder des betreffenden Wahlkreises beziehungsweise Bezirkes persönlich durch Handzettel von der auS Frauen zusammengesetzten Bestellkommission eingeladen, und diese verbindet hiermit gleichzeitig eine Agitation für die„Gleichheit". Wir berichteten bereits vor einiger Zeit, daß die weiblichen Parteifunktionäre seit Oktober vorigen Jahres regelmäßig monatlich zusammenkommen. Es sind daS die Delegierten zur Landesorganisation und zu den Versammlungen deS dritten Hamburger Wahlkreises sowie die Obleute der weiblichen Bestellkommissionen. Der Zweck dieser Zusammenkünfte ist, einem kleinen Krei» arbeitsfreudiger, aber in der öffentlichen Partcitätigkeit noch unsicherer Genossinnen Gelegenheit zu praktischer Übung zu geben. Er ist— das kurze Bestehen der Einrichtung berücksichtigt— über Erwarten gut gelungen. Nicht nur ist die Mitwirkung der Genossinnen in den Bezirken reger geworden, sondern auch als Vorsitzende und Schriftführerinnen in Versammlungen und Sitzungen betätigen sich schon etliche mit viel Geschick, wie die öffentlichen Frauenversammlungen am 12. Mai bewiesen. Seit Jahresfrist ist unter den Genossinnen der Wunsch immer lebhafter geworden, sich in besonderen regelmäßigen Bitdungsabenden für die politische Betätigung zu schulen. Dieses Bestreben fand leider bei den führenden Genossen kein Entgegenkommen. Ein Antrag, in allen Distrikten monatlich einen Frauenbildungsabend einzurichten, wurde abgelehnt mit dem Hinweis auf das in Hamburg gut ausgebaute Arbeiterbildungswesen. Dieser Zweig des PartcilebenS hat sich gewiß außerordentlich segensreich entwickelt. Leider sind aber selbst für die Teilnehmer an den Unterkursen größere Vorkenntnisse nötig, als die meisten Genossinnen aus ihrer Schulzeit herübergerettet haben. Man muß bedenken, daß die Frauen gewöhnlich erst dann wieder etwas Zeit für ihre Weiterbildung und die Parteitätigkeit erübrigen können, wenn die Kinder ihrer Fürsorge ziemlich entwachsen sind. Hier machte sich schon seit langem eine Lücke in unserem Bildungswcsen fühlbar. Ähnlich wie die Jugendorganisationen mit ihren besonderen Bildungsgelegenheiten Vorschulen für die allgemeine Arbeiterbewegung sind, so muß auch der Frau Gelegenheit geboten werden, sich für die Betätigung im Nr. 23 Die Gleichheit 3SZ öffentlichen Leben im allgemeinen und in der Partei im besonderen vorzubereiten. Man darf nicht vergessen, daß sie gesellschaftlich und wirtschaftlich mehr beengt ist als der Mann. Etwas zur Notwendigkeit Gewordenes läßt sich nicht aufhalten, und so haben die Genossinnen die Sache inzwischen selbst in die Hand genommen. In allen Distrikten Hamburgs haben sich Gruppen von Genossinnen gebildet, die sich monatlich einmal versammeln, um still und ernst an ihrer Weiterbildung zu arbeiten. Zurzeit bestehen 13 solcher Diskutierabende für Frauenbildung, etliche werden noch in nächster Zeit gegründet. Die Veranstaltungen sind zum Teil stark und regelmässig besucht. Die Teilnehmerzahl bewegt sich zwischen 20 und 7S. Die Leitung der Abende haben Schüler und Schülerinnen aus den Oberkursen des Arbeiterbildungswesens unentgeltlich übernommen. Eine Obmännin besorgt für jeden Abend die Einberufung der Teilnehmerinnen und führt die Anwesenheitsliste. Von Zeit zu Zeit werden Vorsitzende und Schriftführerinnen gewechselt, um jeder Genossin Gelegenheit zu geben, sich in der Geschäftsführung zu üben. Die Zahl der Teilnehme- rinnen ist nicht beschränkt. Die Einführung von Gästen ist ge- stattet, um bei unseren Frauen und Mädchen das Interesse für politische Angelegenheiten zu fördern. Doch werden die Zuhöre- rinnen in die Liste der Teilnehmerinnen erst dann eingetragen, wenn sie sich zum Beitritt in die Partei und zum regelmäßigen Besuch der Bildungsabende bereit erklärt haben. Ein eigentliches Unterrichtsprogramm liegt diesen Frauenbildungsabenden nicht zugrunde, vielmehr wird das am kommenden Abend zu behandelnde Thema durch Vorschläge und Mehrheitsbeschluß der Versammlung bestimmt. Dieses Verfahren hat sich sehr gut bewährt, es hat das Interesse der Genossinnen an den Zusammenkünften gesteigert und sie zu lebhafter Diskussion angeregt. Bisher sind eben auf Wunsch der teilnehmenden Genossinnen hauptsächlich Schul- und Erziehungsfragen behandelt worden, ferner kamen unser Parteiprogramm und kommunale Angelegenheiten— Armen-, Waisenpflege usw.— zur Erörterung. Als Vorbereitung für die Frauenbildungsabende wird den Genossinnen ein Lesestoffverzeichnis zugestellt. Es soll hierdurch auch die Freude an einer eigenen kleinen Bibliothek geweckt werden. Eine gemeinschaftliche Sitzung aller Leiter und Obleute bestätigte folgende Grundsätze für die Frauenbildungsabende:„Der Zweck der Frauenbildungs- abende ist: 1. Die geistige Regsamkeit unter den proletarischen Frauen und Mädchen zu wecken und zu fördern und sie zur politischen Mitarbeit im Rahmen der Parteiorganisation zu erziehen. 2. Einzelne besonders regsame Genossinnen für das Arbeiterbildungswesen zu gewinnen. Um diese Zusammenkünfte der Genossinnen lebendiger zu gestalten, lösen sich dieNeferenten undLeiter in den einzelnen Frauenbildungsabenden hin und wieder ab. Es geht ein frischer Zug durch diese Veranstaltungen, der ein gesundes Werden verspricht. Hauptgewicht soll gelegt werden auf die Vorbereitung der Genossinnen zu den allgemeinen Parteiarbeiten. Wie die kräftig aufblühenden Jugendorganisationen werden sich die Frauenbildungsabende als ein nicht zu missendes Glied in der Kette unserer Erziehungsbestrebungen erweisen. Haben wir die Frauen gewonnen, so haben wir durch sie die Jugend I Haben wir die Jugend, dann haben wir die Zukunft I o.g. Politische Rundschau. Die Antwort Englands auf die deutsche Flottenvorlage ist da. Sie lautet, wie vorauszusehen war: Wir rüsten weiter. Die englische Regierung macht ihre Voraussage wahr, daß sie den Umfang ihrer Flottenrüstung ganz nach Deutschlands Vorgehen bemessen werde. Das Programm, das sie zu Anfang des Jahres ausgestellt, wird umgestoßen, um der deutschen Flottenverstärkung eine größere entgegenzusetzen, die das Ubergewicht Englands zur See wahrt. Und mit kaltblütiger Selbstverständlichkeit begann der Marineminister Churchill seine Rede im Unterhaus zur Begründung der Vorlage mit den Worten:„Der unmittelbare Anlaß zu den Nachforderungen ist in dem neuen deutschen Flottengesetz zu finden!" So offen ist die Tatsache des Wettrüstens noch nie vor aller Welt von einem Minister zugegeben worden, so unbedenklich hat noch nie ein Staatsmann den deutsch-englischen Gegensatz berührt, in den die imperialistische Politik die beiden Staaten getrieben hat. Vielleicht kann man es als ein Anzeichen für die verhältnismäßige Ruhe der weltpolitischen Lage betrachten, daß der englische Minister so offen redete, ohne Verwicklungen befürchten zu müssen. Das bedeutet jedoch höchstens, daß wir uns äugen- blicklich nicht in einer so gespannten Lage befinden, daß schon ein deutliches Wort über Maßregeln gegen das Nachbarland den Krieg entzünden könnte. Auf alle Fälle aber sagt die offene Sprache Churchills, daß mit der Möglichkeit eines solchen Krieges beständig zu rechnen ist— sofern darüber die herrschenden Klassen allein zu entscheiden haben. Inwieweit da» Proletariat beider Länder deren Bestrebungen und Entschlüsse beeinflussen kann, welches Gewicht es für den Frieden in die Wagschale zu werfen vermag, hängt von seiner Einsicht, seiner Entschlußkraft und der Stärke seiner Organisation ab. Das Vorgehen der englischen Regierung, die Debatten im Oberhaus und Unterhaus und die Erörterungen der Presse England» und Deutschlands sowie der anderen europäischen Staaten müssen jedenfalls in jedem Zweige des internationalen Proletariats di« Erkenntnis festigen, daß die bürgerliche Gesellschaft kein Heilmittel gegen das Wettrüsten hat. Zurzeit hat ein Abrüstungsabkommen nicht die geringsten Aussichten. Weder in Deutschland noch in England, das haben die Ereignisse der letzten Zeit deutlich gezeigt, gibt es noch eine bürgerliche Partei, die sich dem Militarismus und Marinismus ernstlich zu widersetzen wagte. Im englischen Parlament haben neben den Arbeiterparteilern ganze fünf bürgerliche Radikale gegen den Nachtrag zum Flottenetat gestimmt. Vom Abrüstungsabkommen ist es ganz still geworden. Lord Haldane, der englische Kriegsminister, der als der besondere Träger dieser Idee galt, hat im Oberhaus trocken erklärt, daß man sich zwar nicht über das Abrüsten, aber doch wenigsten» über das Wettrüsten verständigt habe. Das heißt: England hat der deutschen Regierung erklärt, daß es entschlossen sei, die Überlegenheit zur See zu behaupten, daß es also jede deutsche Flottenverstärkung mit einer noch größeren beantworten werde. Und die deutsch« Regierung hat diese angenehme Eröffnung in freundschaftlicher Weise zur Kenntnis genommen und erwidert, daß sie sich bei ihren Entschlüssen betreffend die Flotte nur von den Bedürfnissen de» Reiches leiten lassen könne. Die Kosten haben die Völker zu zahlen. Mit fatalistischer Gelassenheit schauen auch die Liberalen dem Wettrüsten zu. Blätter, die vor einiger Zeit noch den Gedanken der Abrüstung, wenigstens eines Abkommens mit England sehr erwägenswert fanden, wie die„Vossische Zeitung", haben ihn jetzt ganz fallen gelassen und nehmen die neueste Entwicklung als etwa» Unvermeidliches hin. überhaupt scheint man in der bürgerlichen Gesellschaft zu der Anschauung gekommen zu sein, daß gegen diese Konsequenz des Kapitalismus nichts zu machen ist. Der Führer der englischen Konservativen, Bonar Law, hat im Unterhaus ganz offen erklärt, er könne der deutschen Regierung die Ablehnung der Abrüstungsanregungen nicht übelnehmen. England würde, wenn es in gleicher Lage wie Deutschland wäre, ebenso handeln müssen. Deutschland könne nicht in ein Abkommen willigen, das Englmid die Übermacht verbürge. Diesen Punkt streifte auch der Premierminister A s q u i t h, der einst der Welt mitgeteilt hat, daß England gern in eine Rüstungseinschränkung willigen würde. Jetzt denkt er offenbar über die Aussichten eines solchen Planes sehr pessimistisch. Natürlich ist für unsere Rüstungshetzer das Rüsten in England nur ein neuer Anlaß, die endlose Schraube weiterzudrehen. Wehrverein und Flottenverein und ihre Presse sind eifrig an der Arbeit zu beweisen, daß die eben verabschiedete Wehrvorlage gänzlich un- genügend ist. Ein Oberstleutnant a. D. v. Fabricius hat die Heeresverstärkung„einen Tropfen auf einen heißen Stein" genannt. Mit Statistiken über die französischen Truppenteile wird „bewiesen", daß unser Heer noch lange nicht stark genug ist. Verschwiegen aber wird in diesen Statistiken dabei, daß die französischen Bataillone weit schwächer an Mannschaften sind als die deutschen. Nur nicht zu ehrlich I Währenddessen verhungerte ein KLjähriger Veteran in den Straßen von Berlin I Denn das große Deutsche Reich braucht sein Geld für Rüstungen und kann seine Ehrenpflicht gegen die Kämpfer von 1866 und 1876/71 nicht erfüllen. Alle sozialdemokratischen Anträge auf ausreichende Veteranenfürsorge wurden bislang als zu weitgehend, als zu teuer abgelehnt. Jahr für Jahr sterben Veteranen im tiefsten Elend, zum Teil unmittelbar vor Hunger und Entkräftung, greifen andere zum Strick oder zur Pistole— und die bürgerlichen Parteien und die Negierung haben für sie nichts als Worte und höchstens unzureichende Maßregeln. Die Unternehmer sind eifrig am Werke, neue Knebel- gesetze für die Arbeiter zu schaffen. Neben Handelskammern aus allen Teilen des Reiches, die offenbar auf Geheiß der Scharfmacherzentrale Verbot des Streikpostenstehens und ähnliches fordern und allerlei schöne Begründungen mit„Material" dazu geben, sind auch Ortsgruppen des Hansabundes, io die zu L u d w i g s h a f e n, in diesem Sinne tätig. Die Stras- 364 Die Gleichheit gesetzbuchkommission, die das in einigen Jahren zu schaffende neue Strafgesetzbuch vorbereitet, hat die schlimmsten Kautschufparagraphen über sogenannte politische Vergehen und Verbrechen bestätigt, die die Arbeiterbewegung beziehungsweise ihre Redner, Or ganisatoren und Redakteure völlig der Willkür der Klassenjustiz ausliefern sollen. Bommerische Junker schließen sich zu einem Verband zusammen, dessen Mitglieder sich verpflichten müssen, keinem Bauunternehmer Aufträge zu erteilen, der organisierte Arbeiter beschäftigt. In Bayern erklärt der Minister des Innern, daß die Regierung sich in erfreulicher übereinstimmung mit der preußischen darüber befinde, daß Sozialdemokraten als Bürgermeister nicht bestätigt werden dürfen. Einem in der Ausbildung begriffenen Arzt sucht man die Ableistung der vorgeschriebenen praktischen Betätigung an einer Anstalt vor der Aufnahme selbständiger Pragis unmöglich zu machen wegen angeblicher sozialdemokratischer Gesinnung. Kurz, den herrschenden Klassen ist für ihren Kampf gegen das sich organisierende Proletariat kein Mittel zu schlecht oder zu schäbig. Daß es in der bürgerlichen Republik nicht viel besser ist, zeigt der Schweizer Kanton Zürich. Der glänzend gelungene Generalstreik hat die Bourgeoisie in eine solche Angst und besinnungslose Wut bersetzt, daß die Behörden die Streifleiter und was sie dafür halten berhaften, um sie unter der Anklage des Aufruhrs bei einem ruhig verlaufenen Demonstrationsstreit!- vor Gericht zu bringen. Ausländer werden brutal ausgewiesen! Und sozialdemokratische Bertreter in Gesetzgebung und Verwaltung schweigen zu diesem Vorgehen oder billigen es sogar! In der Türkei geht alles drunter und drüber. Das Kabinett hat vor der drohenden Haltung der Armee zurücktreten müssen; bas neue gilt als ein Zugeständnis an die unzufriedenen Offiziere, Tann sich aber bislang nicht entschließen, deren Hauptforderung, die Auflösung der Kammern, zu erfüllen. Der albanische Aufstand nimmt beständig zu, türkische Truppenteile sind geschlagen, andere umzingelt und entwaffnet worden, andere wieder zeigen Neigung, mit den Aufständischen gemeinsame Sache zu machen, und weigern fich, gegen sie zu fechten. Die Kammer erhält Drohbriefe von Offigierkomitees, die jungtürkischen Versammlungen werden gesprengt. Mas aus diesem Wirrsal entstehen wird, ist nicht abzusehen. Sicher ist nur, daß die Gefahr, auf dem Balkan könne sich ein europäischer Krieg entzünden, durch diese Vorgänge verschärft wird. Werkvereine Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Dem Ansturm gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter liegt ein einheitlicher Plan zugrunde, das wird immer erkennbarer. Die Handelskammern, die Unternehmerverbände auf jeder neuen Tagung, selbst die Handwerksmeister bei ihren Zusammenkünften, fie alle fassen inhaltlich gleichlautende Beschlüsse, in denen von der Gesetzgebung ein Verbot des Streitpostenstehens und ein erweiterter Schutz der Arbeitswilligen gefordert wird. Was aus eigenem innersten Antrieb der armen, bedrängten Unternehmer und ihrer Fürsorgezöglinge zu geschehen scheint, ist sicher wohlvorbereitete scharfmacherische Mache. Es ist nur zu wahrscheinlich, daß irgendeine Zentralstelle der Scharfmacherorganisationen die Drähte dieser spontanen Bewegung" zieht und an alle Unternehmerverbände, Handwerksmeistervereine und nicht zu vergessen die gelben durch Rundschreiben die Aufforderung gerichtet hat, sich in dieser Form zu entrüsten und also zu resolvieren. Von allen Ecken und Enden wird die Regierung, werden die gesetzgebenden Körperschaften von den Unternehmern aufgefordert und von den Gelben angewinselt, doch ja zum Schutze der„ ruhigen Arbeiterelemente" neue Zuchthausgeseze gegen die gewerkschaftlich organisierten Proletarier zu erlassen. Polizei und Gerichte arbeiten aber schon so, als ob dieser vom Unternehmerherz heiß ersehnte Zustand bereits gesetzlich herrschte. Täglich sind Gerichtsurteile zu verzeichnen, die das angefochtene polizeiliche Verbot des Streit poftenstehens mit den wunderlichsten juristischen Gedankengängen verteidigen. Für die untergeordneten Instanzen besteht der Reichsgerichtsentscheid nicht, laut dem das Streikpostenstehen erlaubt ist. Polizeiverordnungen heben das Reichsgerichtsurteil auf. Die Entscheidung ist etwas veraltet, daß der Streikposten in menschenleerer Straße kein Verkehrshindernis bildet. Jetzt wird der einsam stehende Streikposten bestraft, wenn er nach der Befürchtung des Herrn Schußmanns ein Verkehrshindernis bilden oder die Arbeitswilligen belästigen könnte. Solche Befürchtung ist aber schon gerechtfertigt, wenn der Herr Schuhmann das Stehen des Streitpostens als lästig empfindet oder sein Auf- und Abgehen für zweck103 erklärt. Seine Majestät der Schußmann gibt den Tenor für das Gerichtsurteil an, er entscheidet in erster Instanz, was arNr. 23 beitenden deutschen Staatsbürgern erlaubt ist und was nicht. Die Gerichte brauchen nur der Polizistenweisheit zu folgen, dann ist alles wohl bestellt im Lande der vollendeten Rechtsgarantien. Wären die Scharfmacher nicht allzu unverschämt, so müßte ihnen dieser Rechts- oder vielmehr Unrechtszustand vollauf genügen. Aber sie haben es ihren Brüdern von der„ anderen Fakultät" abgelauscht, den Agrariern, die unaufhörlich über ihre Not schreien, während sie dem Volk das Geld aus den Taschen stehlen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen müssen sich rüsten, um den Ansturm der Unternehmer und der Reaktionäre auf das Koalitionsrecht abzuschlagen. Stärkung der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiterklasse ist die wirksamste Rüstung für die kommenden Kämpfe. Einer ganzen Welt von Feinden wird bie Schlachtlinie des Proletariats gegenüberstehen. Ebenso rührig wie in der Vorbereitung von Ausnahmegesehen sind die Unternehmer in der zwangsweisen Organiste. rung ihrer Erwerbsgenossen". Dies ist namentlich bei den Bauunternehmern seit einiger Zeit festzustellen. Wieder holt sind Rundschreiben bekannt geworden, in denen unter Hinweis auf den Tarifablauf im nächsten Frühjahr die Bauunternehmer zum Anschluß an die Verbände aufgefordert werden. Der sächsische Bauunternehmerverband hat in einem solchen Schreiben die Unternehmer ermahnt, auch die Lieferanten von Baumaterial zum Anschluß zu pressen. Man will damit nicht nur deren Beiträge für die Kriegskasse gewinnen, sondern vor allem die Möglichkeit erhalten, unfolgsamen Bauunternehmern das Material zu sperren. Ferner ziehen die Scharfmacher im Bau gewerbe den Kreis ihrer Organisation möglichst weit und suchen auch alle Nebengewerbe hineinauzwängen. Um das Ziel zu er reichen, werden Zwangsmittel, Berrufserklärungen angewandt, gegen die alles, was über den Terrorismus der Gewerkschaften schon gefabelt wurde, als das harmloseste Kinderspiel erscheint. Aus den vielen örtlichen Lohnbewegungen, die namentlich in den großen Industrien ja ständig zu verzeichnen find, ragten in den lezten Wochen nur die Kämpfe der Metallarbeiter in Thale am Harz und die Aussperrung der Berliner Dachdecker hervor. In Thale wurde nach vierwöchigem Ausstand der Metallarbeiter Frieden geschlossen, nachdem der Betriebsdirektor den meuternden Lohnftlaven die Zusicherung gegeben hatte, daß allen niedrig bezahlten Hüttenarbeitern eine Lohnerh hung zuteil werden soll. Die Dachbederaussperrung in Berlin ist den Unternehmern völlig mißlungen. Der Tarif war abgelaufen und die Unternehmer boten den Arbeitern einen ver. schlechterten Vertrag an. Als die Arbeiter ihn ablehnten, drohte ber Unternehmerverband an, sämtliche Arbeiter, etwa 900, ausgusperren. Doch die Unternehmer selbst traten nicht hinter diese Drohung, nur rund 100 Arbeiter wurden ausgesperrt. Eine Konferenz von Vertretern der Unternehmerorganisation und der Arbeiterorganisationen im Schneidergewerbe befagte sich unlängst im Beisein von drei Unparteiischen damit, die GrundIngen eines Reichstarifs zu schaffen. Die Anregung hierzu war bei der letzten Tarifberatung von den Unternehmern ausgegangen. Die Arbeitervertreter waren für den Gedanken nicht sehr gu gänglich, weil die Unternehmer dabei eine stärkere Bindung ber Arbeiter beabsichtigten; sie wollten nämlich, daß eine Kündigung einzelner Ortstarife nicht statthaft sein sollte. Die Vorschläge ber Unparteiischen sind schon annehmbarer. In ihnen sind gewisse Grundbedingungen für das Vertragsverhältnis aufgestellt, die eine Einheitlichkeit der Verträge voraussehen und das Recht des Arbeiters als Vertragschließenden mehr wahren. Jedoch wird über diese Vorschläge erst der im August tagende Verbandstag der Schneider endgültig befinden. Den Streit im christlichen Gewerkschaftslager hat der Reichstagsabgeordnete Giesberis wieder ein wenig angefacht. Auf dem Kongreß des christlichen Metallarbeiterverbandstags hat dieser Führer schwer vom Leder gezogen gegen seine an deren Brüder in Christo, gegen die Berliner Fachabteiler. Und das, obgleich von Rom der Befehl gekommen war, vorläufig Ruhe zu halten, bis der heilige Vater den Streit entschieden habe. Gies. berts redete von den Gegnern der christlichen Gewerkschaften und sprach dabei unter deutlichem Hinweis auf die Berliner bon Wegelagerern, die ihre Pfeile meuchlings aus dem Hinterhalt senden. Das ist starker Tabak für die vom Papst Gelobten und Ge hätschelten! Im übrigen haben sich die christlichen Gewerkschaften über die katholische Geistlichkeit als Waffenbrüder im Stampfe gegen die freien Gewerkschaften wirklich nicht zu beklagen. Beim Bergarbeiterstreif im Ruhrgebiet wurde bekannt, daß tatho. Iische Geistliche die Krämer zu beeinflussen suchten, teine. Waren an die Streifenden abzugeben. Das wurde natürlich mit Nr. 23 Die Gleichheit großem Aufwand fittlicher Entrüstung von der christlichen Presse sowohl wie von der Unternehmerpresse bestritten. Jezt ist in einem Prozeß durch die eidliche Aussage einer Bäderfrau festgestellt worden, daß tatsächlich in ihrem Geschäft ein katholischer Geistlicher war, um sie zu veranlassen, den Streifenden kein Brot mehr zu verabfolgen! So handeln die Nachfolger Christi, der die Hungernden speiste.. Die Gelben wissen bekanntlich gar beweglich über den Terror unserer Gewerkschaften zu flagen. Mit welch harmlosen Mitteln diese unschuldigen Lämmlein für ihre Sache Anhänger werben, zeigt das Schreiben des gelben Werkvereins einer chemischen Fabrik. Darin wird einem neu in den Betrieb eingetretenen Arbeiter geraten, dem gelben Verein beizutreten, wenn er Wert barauf lege, längere Zeit auf dem Werke zu bleiben und sich bei der Arbeit wohl fühlen wolle". Wollten unsere Gewerkschaften so mit dem Baumpfahl winken, so würde dieser gleich als Beweisstück für ein neues Zuchthausgesez dienen. Die Segnungen der Reichsversicherungsordnung für Militäranwärter zeigen sich bereits in deutlichster Weise. Der erste Oberstleutnant a. D. hält seinen Einzug als Rassen rendant. Das Versicherungsamt in Bochum hat nämlich diesen Oberstleutnant als Rendanten bestimmt, weil die zentrumschrift lichen Arbeitnehmerbeisißer sich mit den Arbeitgeberbeisißern über die Wahl des Vorsitzenden nicht einigen konnten. Der Herr Offizier bringt natürlich keinerlei Befähigungsnachweis für diesen wichtigen Posten mit. In diesem Falle ist selbst die kürzlich beröffentlichte Verfügung des Ministers außer acht gelassen worden, daß die als Kassenbeamte in Frage kommenden Offiziere eine Vorbereitungszeit von mindestens zwei Jahren durchgemacht und eine Prüfung bestanden haben müssen. Das schimpfliche Verhalten des Bentrums bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung müssen die Christlichen zuerst büßen. Bedauerlich genug bekommen Prote tarier die Rute zu spüren, die die christlichen Führer so eifrig und berräterisch binden geholfen haben! Aus der Textilarbeiterbewegung. Aber der Augsburger Tertil industrie lastet Gewitterschwüle. Seit Monaten steht die Arbeiterschaft in einer Lohnbewegung unter der Führung der zuständigen Organisationen. Gefordert werden: 1. Lohnerhöhung von 15 Progent, 2. Freigabe der Nachmittage vor den Sonn- und Festtagen, 8. einheitliche Regelung der Vergütung für das Warten bei Reparaturen und auf Material, 4. Anerkennung von Arbeiterausschüssen, 5. Aushängen von Lohntabellen in allen Abteilungen, 6. Milderung der Strafbestimmungen. Diese Forderungen wurden in einer Versammlung am 14. Mai von 6000 Textilarbeitern erhoben und am 15. Mai den Fabrikanten eingereicht mit dem Erfuchen, bis zum 25. Mai darauf zu antworten. Daraufhin ließen diese Herren durch den Verband füddeutscher Textilarbeitgeber" den drei beteiligten Arbeiterorganisationen mitteilen, daß sie es grundsäklich ablehnen, mit der Organisation der Arbeiter zu verhandeln. Die Fabrikanten verhandeln also mit ihren Arbeitern nach den Beschlüssen ihrer Arbeitgeberorganisation, aber die Vereinigung der Proletarier wollen sie nicht anerkennen. Die Augsburger Textilarbeiter müssen sich diese Anerkennung noch erkämpfen, und sie werden es auch tun. Am 9. Juni fand eine große Protestversammlung der Arbeiterschaft unter freiem Himmel ftatt, um Stellung zur Antwort der Fabrikanten zu nehmen; fie war von 20 000 bis 25 000 Personen besucht. Tags zuvor hatten die Fabrikanten durch die Zeitungen erklären lassen, daß sie mit den Arbeiterausschüssen über die gestellten Forderungen verhan deln wollten. Die in Augsburg bestehenden Arbeiterausschüsse haben jedoch gar keinen Anspruch auf diesen Namen. Es sind größtenteils die Vorstände der Betriebskrankenkassen, die sich überwiegend aus Angestellten und Vertretern der gelben Werkvereine zusammensetzen. Die versammelten Arbeiter verurteilten in einer einstimmig gefaßten Resolution die Antwort der Fabrikanten. Um eine friedliche Entscheidung zu ermöglichen, beschloffen sie jedoch, in nächster Zeit in allen Betrieben durch Arbeiterkommissionen die Verhandlungen aufnehmen zu lassen. Wie gewöhnlich aber, so htelten auch hier die Unternehmer ihre Zusicherungen nicht. Nur in zwei Betrieben wurden Scheinverhandlungen eingeleitet; fie führten bei der Firma Nagler& Sohn zu dem Zugeständnis von einer„ Lohnerhöhung", richtiger einer Lohnverhöhnung von 35 Pfg. in der Woche, die von den Arbeitern selbstverständlich ab= gelehnt wurde. Der Geschäftsgang der Augsburger Textilindustrie geftattet ohne weiteres wirkliche Lohnzulagen. Das beweifen die durchschnittlichen jährlichen Reingewinne, wie sie nachstehend in dem Jahrfünft 1905 bis 1909 in einigen Betrieben erzielt wurden: Baumwollspinnerei am Stadtbach 1017 955 wt., Mech. Baumwollspinnerei und Weberei 1 407 667 M., Baumwollspinnerei am gegen 335 Sentelbach 157 161 Mt., Baumwollfeinspinnerei 804 475 Mt., Spinnerei und Buntweberei Pfersee 270 579 Mt., Haunstetter Spinnerei und Weberei 304 486 Mt., Spinnerei Wertach 149 901 Mart, Buntweberei L. A. Riedinger 257 577 Mt. Durchschnittlich haben diese acht Betriebe in der angegebenen Zeit 12,60 Prozent Dividende im Jahr verteilt. Außerdem find Millionen und aber Millionen Mark abgeschrieben worden. Weitere Millionen sind aufgespeichert worden in Dispositions- und Spezialreservefonds, in Dividendenreserve- und Wohlfahrtsfonds, die anscheinend nur der Wohlfahrt der Aktionäre dienen. Die Löhne der Arbeiter hinan den heutigen Verhältnissen gemessen find richtige Hungerlöhne. Nach der Lohnstatistik des Deutschen Textilarbeiterberbandes verdienten in der Zeit von Juli 1910 bis Juni 1911 in Augsburg 563 Tertilarbeiter wöchentlich 19,52 Mt., 386 Arbeiterinnen wöchentlich 14,46 Mt. Das sind obendrein Säße, die zweifellos über dem Durchschnitt stehen, die Mehrheit der Aug3burger Textilproletarier verdient weniger. Die durch die technische Entwicklung gesteigerte Leistung der Arbeiter ist in allen Betrieben nur dem Profit der Unternehmer zugute gekommen. In einer Abteilung des größten Betriebs, in der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei, tam es am 22. Juli plöt lich zum Streit, weil die Arbeiterkommission, die verhandeln wollte, mit Schimpf und Hohn empfangen worden war. Die Arbeit wurde aber vorläufig wieder aufgenommen, da der Direktor erklärte, Lohnerhöhungen zu gewähren. Gerade dieser Betrieb hat in dem Jahrfünft 1905 bis 1909 ganz ungeheure Profite eingeheimst. 1 407 667 m. konnten jährlich als Reingewinn gebucht werden. In derselben Zeit sind durchschnittlich 25,2 Prozent Dividende zur Verteilung gelangt. Das Aktienkapital ist also mehr als vollständig zurüdgezahlt worden. Bei 4 500 000 mt. Aftienkapital hat die Firma außer einem Reservefonds in der Höhe von 3 335 827 Mt. noch 3488 337 Mt. in anderen Fonds untergebracht. Hoffentlich kommen die Verhandlungen nun in allen Betrieben in Fluß. Handeln die Unternehmer jeht nicht ehrlich, so spielen fie ein gefähr liches Spiel. Die Macht der Gelben ist gebrochen, die Textilarbeiter gehen in die Organisationen, in die sie als Proletarier gehören. Die Augsburger Textilarbeiter wollen höhere Löhne, um sich fatt effen zu können, die Arbeiterinnen fordern den freien Sonnabendnachmittag, damit es ihnen möglich ist, des Sonntage wenigstens einige Stunden als Mensch zu leben. Notizenteil. Dienstbotenfrage. sk. Eine Lösung der Dienstbotenfrage haben bürgerliche Damen in Essen entdeckt. Einfach, billig, borteilhaft für die Herrschaften. Herz, was willst du mehr? Man höre! Die Austunftsstelle für Frauenberufe in Essen, die mit dem städtischen Arbeitsnachweis in Verbindung steht, hat sich eingehend mit der Frage der vielbeklagten Dienstbotennot beschäftigt. Und sie fand die Ursache der Erscheinung. Die Unzufriedenheit der Dienstherrschaften mit den Dienstboten und die Abneigung junger Mädchen gegen das Dienen erwachsen aus der gleichen Wurzel: dem Mangel einer sachlichen Ausbildung der Hausangestellten. Während in anderen Berufen die jungen Leute nach der Schulentlassung bestimmte Lehrjahre durchmachen müssen, in denen es weniger auf den Erwerb ankommt", treten die Mädchen in häuslichen Dienst, ohne für ihn ausgebildet zu sein. Es sollte daher der Versuch gemacht werden, auch für den Dienstbotenstand" eine Lehrzeit einzuführen, aus der die Dienstherrschaft wie der Dienstbote wirklichen Vorteil ziehen könnte". Es gibt viele Familien, in denen es die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht erlauben, daß die Hausfrau sich ihre Arbeit durch bewährte und gutbezahlte Dienstboten abnehmen läßt. Sie ist gezwungen, selbst in Küche und Haus zuzugreifen und nimmt dabei gern zur Unterstüßung auch mit zur Beaufsichtigung der Kinder ohne beson dere Aufwendung eine weibliche Hilfskraft an. Die Hausfrauen wären in der Lage, junge Mädchen im Haushalt anzuleiten und ihnen eine häusliche Ausbildung zu geben, die besonders im ersten Jahre eine nur geringe Barentschädigung rechtfertigen würde. Es käme solchen Hausfrauen der durch Lehrvertrag zu gewährleistende Nuzen zugute, daß sie bei ernster und gewissenhafter Anleitung der jungen Mädchen im Laufe einer etwa dreijährigen Lehrzeit auch eigenen Vorteil für ihren Haushalt, besonders im letzten Jahre, haben würden. Die große Bedeutung dieser Einrichtung für die Mädchen liegt auf der Hand. Das Bestreben, von vornherein einen Verdienst zu erzielen, ohne die nötigen Gegenleiftungen 366 Die Gleichheit zu gewähren, führt zu den Schäden der modernen Dienstbotennot, insbesondere zu dem mit Recht beklagten ständigen Mädchenwechsel. Eine gründliche Unterweisung in allen häuslichen Arbeiten wird das Interesse des Mädchens an dem Haushalt mehr fesseln, als eine fortdauernde, einseitige, mechanische Tätigkeit. Es wird sich mit mehr Liebe den häuslichen Arbeiten unterziehen, wenn es hierbei nicht ausschließlich eine mechanische Ausnutzung ihrer Kräfte, sondern einen Vorteil für ihre Ausbildung und ihr Fortkommen erblickt." Die Auskunftsstelle hofft, bei„ umsichtigen" Hausfrauen Verständnis und Unterstüßung für ihren Vorschlag zu finden. Sie will darüber informieren, wie der Lehrvertrag ge= dacht ist, welche Pflichten und Rechte beide Teile übernehmen und welche Bürgschaften für die Durchführung des Vertrags seitens der ehrenamtlich tätigen Frauen geboten werden". Auch wir sind überzeugt, daß dem Plane das„ Verständnis umsichtiger Hausfrauen" nicht fehlen wird. Die Aussicht ist lockend genug, daß ein Lehrvertrag ihnen für drei Jahre häusliche Gehilfinnen sichert, die nicht von vornherein auf einen Verdienst schen", die statt der ††† Begehrlichkeit nach gutem Lohn eine nur geringe Barentschädigung" ihrer Dienste in Küche, Haus und bei der Kinderpflege für„ gerechtfertigt" finden. Um es kurz zu sagen: höchste Leistungen bei niedrigstem Lohne, das ist dieses Pudels Kern. Denn werden, können die ehrenamtlich tätigen Frauen" die Bürgschaft dafür übernehmen, daß das vertraglich gebundene häusliche Lehrmädchen wirklich gewissenhaft angeleitet und ausgebildet und nicht in erster Linie ausgebeutet wird? Es ist eine bekannte Tatsache, daß heute recht viele Hausfrauen ihren Ruf als„ umsichtig und erfahren" nur ihren Dienstboten berdanken, daß manche„ Gnädige" vor ihrem Mädchen erröten müßte, menn sie selbst ein Zimmer reinigen oder eine Mahlzeit bereiten sollte. Gewiß wäre eine gründliche Berufsbildung auch für die Hausgehilfinnen wertvoll. Eine solche Ausbildung muß aber durch andere Mittel und Wege gegeben werden als die vorgeschlagene Neuerung. Bei ihr würde in neun von zehn Fällen die Ausbeutung über die Ausbildung der Mädchen die Oberhand haben. Der„ Lehrbertrag" für Dienende ist nichts als ein Verlegenheitsmittel bürgerlicher Damen, mit der Dienstbotenfrage zu Nuß und Frommen der Herrschaften fertig zu werden. Daß der Vorschlag dazu aus Essen kommt, ist begreiflich. Hier hat die gewaltige industrielle Entwicklung eine zahlreiche bürgerliche Intelligenz, technische, kaufmännische Beamte usw., angehäuft. In der Stadt allein gibt es deren gegen 15 000, nimmt man die nähere Umgebung dazu, so dürfte ihr Heer 19 000 betragen. Bei weitem nicht alle von ihnen nähern sich mit Einkommen und Lebensstellung der Bourgeoisie. In vielen Tausenden der Beamtenfamilien ist der Schein glänzend, das Sein ärmlich, oder, wie man in Essen sagt: ist der Hunger größer als der Patriotismus. Wo aber der Schein„ standesgemäßer Lebenshaltung" seine Thrannei ausübt, da wird die „ Dienstbotennot" von der Hausfrau besonders hart empfunden. Da sollte das geplagte eine Mädchen für alles" in jeder Hinsicht das Vollendetste leisten, wenig essen und mit möglichst geringem Lohn zufrieden sein. Was den„ Gnädigen" dieser Kreise an hauswirtschaftlicher Ausbildung abgeht, das werden sie als Lehrmeiste rinnen der Mädchen durch Verständnis für den Vorteil des eigenen Haushalts ersehen. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. I. K. Fortschritt der sozialistischen Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten. Es war ein erfreulicher, ein ermutigender Bericht, den das nationale Frauenkomitee auf dem sozialistischen Barteifongreß erstattete, der Ende Mai getagt hat. Er konnte überall ein Erwachen der proletarischen Frauen und Mädchen mel den, eine beträchtliche Zunahme der weiblichen Mitglieder und ihre rege Beteiligung an allen Aufgaben der Partei. Der offizielle Bericht gibt zuerst einen kurzen geschichtlichen Rückblick auf die Entwicklung der sozialistischen Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten. Es heißt darin unter anderem: „ Bor zehn Jahren war die Frauenbewegung in unserer Partei noch ein unbedeutender Faktor; sie eristierte eigentlich nur in den Köpfen einiger hingebungsvoller Genossinnen. Auf dem Kongreß von 1901, wo die jetzige" Socialist Party" ins Leben ge= rufen wurde, waren zwar acht Frauen als Delegierte zugegen, ihre Stellung aber war die von Einzelpersönlichkeiten, nicht von Vertreterinnen einer Bewegung unter den proletarischen Frauen. Nur kurz bekundete damals die Partei ihre Stellung zur Frauenfrage mit den Worten, daß fie gleiche bürgerliche und poli tische Rechte für Männer und Frauen" erstrebe. Drei Jahre später hatte die Zahl der weiblichen Delegierten nicht zugenomNr. 23 men, und auch in den Berichten des betreffenden Kongresses fuchen wir vergebens die Erwähnung besonderer Interessen und Aufgaben der arbeitenden Frauen oder der Notwendigkeit, die Proletarierinnen mittels der sozialistischen Propaganda zu erfassen. Auf dem nationalen Parteifongreß von 1908 hielten die sozialistischen Frauen eigentlich erst ihren Einzug. Zwanzig Genosfinnen waren als Vertreterinnen von 14 Staaten erschienen, und jede von ihnen brachte ganz bestimmte, klare Vorschläge mit, um ihre proletarischen Schwestern durch unsere Agitation aufzuklären und für die Partei zu werben. Während der Jahre 1904 bis 1908 war die Partei zu der Erkenntnis gelangt, daß die Frauenfrage eine Tagesfrage sei, zu der sie tätig, wirkend Stellung nehmen müsse. Man erwählte ein nationales Frauentomitee, und in dem Parteiprogramm wurde erklärt, daß die Partei unbeschränktes, gleiches Wahlrecht für Männer und Frauen fordert und ihre Mitglieder verpflichtet, für diese Forde rung eine rege Propaganda zu führen". „ Die stille, ernste Arbeit der Bahnbrecherinnen für eine sozialistische Frauenbewegung hatte endlich Früchte getragen. Das nationale Frauenkomitee ging sofort daran, einen Plan zur Agitation unter den Frauen auszuarbeiten, und beröffentlichte eine Reihe von Flugschriften, die verschie dene Seiten der Frauenfrage behandelten. Bereits im Jahre 1910 war die Tätigkeit der Frauen in der Partei so sest begründet, daß der nationale Kongreß jenes Jahres das nationale Frauenkomitee zu einer dauernden Körperschaft innerhalb der Parteileitung machte. Gleichzeitig wurde in dem nationalen Parteisekretariat zu Chicago ein Frauenbureau errichtet und der dauernden Leitung durch eine Sekretärin unterstellt, die bom Frauenkomitee erwählt ward. So hatte nun die sozialistische Agitation unter den Frauen eine feste Grundlage erhalten." Von der Tätigkeit der sozialistischen Frauen während der zwei letzten Jahre teilt der Bericht das Folgende mit:„ Viele lokale Frauenkomitees wurden gebildet und Tausende von Flugschriften für Frauen und Mädchen verbreitet. In fünf Staaten und in 270 Bezirken haben Frauen das Amt als Parteisekretär inne. Ein Mitglied des nationalen Parteivorstandes und zwei Mitglieder des nationalen Ausschusses sind Frauen. Eine Genossin fungiert als internationale Korrespondentin. Acht Frauen bereisen das Land als nationale Agitatorinnen und Organisatorinnen. Es ist uns bisher nicht gelungen, die genaue Anzahl der weiblichen Mitglieder festzustellen, aber wir schätzen sie ungefähr auf ein Zehntel der gesamten Parteimitgliedschaft. In vielen Städten waren bei den letzten Wahlen Frauen in den Wahlbureaus als Kontrollierende usw. tätig. In Kalifornien, wo die Frauen zum ersten Male das Wahlrecht ausübten, gingen Genossinnen von Haus zu Haus und belehrten die neuen Wählerinnen über den Gebrauch des Stimmzettels. Während des Streits der Blusenmacherinnen in New York und der Mäntelschneiderinnen in Chicago halfen die sozialistischen Frauen den Ausständigen mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote standen. Auch in der Verbreitung sozialistischer Zeitungen und Flugschriften waren die Genossinnen unermüdlich tätig sind." „ Seitdem die Frauen in der Bewegung sind, führen sie ihr auch die Kinder zu. New Yort hat mehrere sozialistische Schulen; in Rochester, New York, gibt es eine sozialistische Schule, die ven 200 Schülern besucht wird. Auch in Los Angeles besteht eine große, erfolgreiche sozialistische Schule, die den Namen , Socialist Lyceum' führt. In New Jersey wurde von der Partei ein besonderes Unterrichtskomitee eingesetzt, das einen vorzüglichen Lehrplan für sozialistische Schulen ausgearbeitet hat." Unser Frauentag vom 25. Februar wurde in größerem Umfang als je zuvor begangen. Alle sozialistischen Redner mußten auf Bosten sein, und die Versammlungen waren sehr gut besucht. , Der weiße Sklavenhandel war diesmal das Thema, das im be= sonderen erörtert wurde, und das nationale Frauenkomitee hatte einen längeren Bericht zu der Frage ausgearbeitet. Die kapitalistischen Zeitungen enthielten überraschend lange und ausführliche Berichte über den sozialistischen Frauentag. Auf Anregung des nationalen Frauenfomitees verbreitete die Partei im Jahre 1911 im ganzen Lande eine sozialistische Frauenstimm= rechtspetition. Später wurde diese von dem sozialistischen Kongreßmitglied Viktor 2. Berger aus Wisconsin dem Bundesparlament der Vereinigten Staaten eingereicht." " Das nationale Frauenkomitee hat folgende Flugschriften herausgegeben: Frauen- und Kinderarbeit in der Textilindustrie; Sozialismus gegen Alkoholismus; Lehrerinnen und Sozialis Nr. 23 Die Gleichheit mus; Warum erwerbstätige Frauen Sozialistinnen sein sollten; Das Weib, Gefährtin und Gleichgestellte; Unterernährte Schul Hinder; An die Arbeiterfrau usw. Auf Ersuchen des nationalen Frauenkomitees schrieben einige unserer schriftstellerisch tätigen Genossen und Genossinnen kurze Artikel über Fragen, die für Frauen von besonderer Wichtigkeit sind. Während des Jahres 1011 wurden 28 solcher Artikel an 125 Zeitungen verschickt. Auf folche Art hat das Frauenfomitee 2875 aufflärende Beiträge unter die Massen der Zeitungslejer gebracht. Die ZeitungsagitaHon entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zweige unserer Tätigkeit. Keine andere Frauenagitation im Lande besitzt eine gleiche Möglichkeit, ihre Propaganda in die Heimstätten der Arbeiter zu tragen." Für die Tätigkeit des kommenden Jahres weist der Bericht auf die Notwendigkeit hin, für eine reichere Auswahl von Schriften für Frauen, besonders aber auch für Kinder zu forgen. Er empfiehlt ferner eine regere systematische Agi tation unter den fremdsprachigen Frauen, die in diesem bielsprachigen Lande einen so großen Teil der arbeitenden Bevölkerung bilden. Der Bericht schließt mit folgenden begeisterten Worten:„ Die sozialistischen Frauen sind nicht länger ein unerprobter Fattor. Sie bilden eine ungeheure tragende Macht in ber wachsenden Bewegung der Arbeiterklasse. Mehr und mehr Frauen treten allerorten in die Reihen der Kampfgenossen ein, und so werden Mann und Weib des Proletariats vereint die Freiheit für die ganze Menschheit erringen." Das nationale Frauenfomitee besteht jetzt aus den Genossinnen Berger, Branstetter, Brewer, Carr, Morrow= Die Lowe. Bewis, Wood- Simons, Twining, Unterzeichnete wurde zur auswärtigen Korrespondentin des nationalen Frauenfomitees erwählt. Meta L. Stern, New York. Frauenstimmrecht. Ehrentafel demokratischer Gesinnung. In vorlegter Nummer befaßten wir uns mit den Verhandlungen, die in der Gemeindetommiffion des preußischen Abgeordnetenhauses über frauenrechtlerische Betitionen stattgefunden haben, von denen zwei ein undemokratisches Geficht trugen. Wir hängen heute die Namen der frauenrechtlerischen Drganisationen tiefer, die für die Frauen Breußens in den Gemeinden bas Wahlrecht nur unter den gleichen Bedingungen fordern, unter benen die Männer es befizen. Unsere Leserinnen wissen, daß diese Forderung keineswegs auf die Gleichberechtigung aller großjährigen Frauen in den preußischen Kommunen hinausläuft. Wüßten sie es nicht, so könnten ihre männlichen Angehörigen sie darüber belehren, wie nichtswürdig das bestehende Wahlunrecht in den Gemeinden ben Einfluß der breitesten Boltsschichten zum Vorteil der Besitzenden nebelt. Für die Aufrechterhaltung, Ausdehnung und Stärkung dieses Bahlunrechts haben sich mittelbar die folgenden frauenrechtlerischen Organisationen erklärt: Verband akademisch gebildeter und studierender Lehrerinnen, Abtellung Breslau; Schlesischer Frauenverband, Drtsgruppe Königs. hütte; Schlesischer Frauenverband, Ortsgruppe Ratibor; Schlesischer Frauenverband in Breslau; Schlesischer Frauenverband, Drtsgruppe in Neisse; Verband akademisch gebildeter und studierender Lehre rinnen, Abteilung Bonn; Verein Frauenwohl und andere in Görlig; Berein für Fraueninteressen in Biegnitz; Schlesischer Frauenverband, Drtsgruppe Neumark; Verein Frauenwohl in Beuthen; Schlesischer Werband für Frauenstimmrecht, Ortsgruppe Gleiwiß; Schlesischer Berband für Frauenstimmrecht, Ortsgruppe Hirschberg; Verein für Mutterschutz in Liegnis; Schlesischer Verband für Frauenstimmrecht, Drtsgruppe Görliz; Schlesischer Verband für Frauenstimmrecht, Drts. gruppe Beuthen; Frauenverband der Provinz Sachsen in Magdes burg; Schlesischer Verband für Frauenstimmrecht, Ortsgruppe Lieg mig; Verband akademisch gebildeter und studierender Lehrerinnen, Abteilung Berlin; Verein Frauenarbeit und andere in Flensburg und anderen Orten. Die meisten dieser Gruppen 13- finden wir auch als Trägerinnen der anderen Petition, die das Vorrecht der Grundbesigerinnen in den Landgemeinden nicht aufheben, sondern durch das Recht der persönlichen Stimmabgabe modernisieren und dadurch befestigen will. Es fehlen da nur die drei Abteilungen des Verbands akademisch gebildeter und studierender Lehrerinnen und einige andere Organi fationen, dafür haben noch zahlreichere frauenrechtlerische Vereine aus Schlesien petitioniert. Dieser Landesteil hat überhaupt das Gros der undemokratischen Organisationen gestellt, die durch ihr Borgehen nur den Kampf für ein wirklich allgemeines und gleiches Gemeindewahlrecht zersplittern und seinen Verfechtern in den Rücken fallen. Unsere schlesischen Genossinnen mögen sich im besonderen merken, daß nicht weniger als fünf Ortsgruppen des Schlesischen 367 Verbands für Frauenstimmrecht die beiden Betitionen mit eingereicht haben; der Verband hat sich auch sonst schon durch seine reaktionären Neigungen hervorgetan. Das gleiche trifft auf die Frauengruppen aus Schleswig- Holstein zu. Daß der Verband westpreußischer Frauenvereine und der für die Provinz Sachsen bei dem Spiel nicht fehlen, ist selbstverständlich. Ihnen geben Frauen und Töchter von Großgrundbesigern, Industriellen, höheren Beamten usw. das Gepräge. Dagegen könnte es illusionsreiche Herzen befremden, daß sich die drei Abteilungen Berlin, Breslau und Bonn des Verbands akademisch gebildeter und studierender Lehre rinnen unter den Betentinnen befinden. Sind es nicht gerade Damen mit dem Doktorhut, die am überschwenglichsten von dem einen gemeinschaftlichen Kampf aller Frauen für die staatsrechtliche Gleichheit des weiblichen Geschlechts reden? Sind es nicht akademisch gebildete und studierende Lehrerinnen, die Klasseninteressen, Klassen gegensäge und Klassenfämpfe als böswillige Phantastereien der Sozialdemokratie betrachten und durch die Versicherungen von der „ Mütterlichkeit" des Weibes und seiner„ sozialen Reform- und Liebesarbeit" bannen möchten? Gewiß! Aber die aufmerksame Beobach tung der bürgerlichen Frauenbewegung zeigt auch, daß Reden und Handeln zweierlei ist. Unbeschadet aller ehrlichen Selbsttäuschungen oder unehrlichen Phrasen stehen gerade die akademisch gebildeten und studierenden Lehrerinnen zum großen Teil im Lager der„ gemäßigten" Frauenrechtelei. So ist nicht ihr Verhalten in der fommunalen Wahlrechtsfrage überraschend, wohl aber ihr Mangel an Logit. Die Wahlrechtspetition beruft sich nämlich zur Begrün dung der erhobenen Forderung ganz richtig auf den vollzogenen Umschwung im Wirtschaftsleben, auf die umfangreiche und wachsende Erwerbsarbeit der Frau. Sie verweist auf die millionenköpfigen Heere der weiblichen Erwerbstätigen in Landwirtschaft, Industrie, Handel und Verkehr und der liberalen Berufe. Gleichzeitig aber zieht sie nicht die einzig richtige Konsequenz des aufgezeigten Stands ber Dinge. Sie fordert nicht das allgemeine gleiche Recht für alle die wahlmündigen Erwerbstätigen. Sie läßt sie nur als Staffage aufmarschieren, anerkennt sie aber nicht als gleichberechtigte Gemeindebürgerinnen. Da die petitionierenden Atademiterinnen die Gerechtigkeit in Erbpacht haben, so kann sich die mangelnde Nonsequenz nur aus einem Mangel an Logik erklären. Wie wär's mit einem„ collegium logicum" für die Damen? Ein Hungerstreif englischer Suffragetten hat die Offentlichkeit, hat Behörden und Parlament beschäftigt. Jm Londoner Gefängnis Hollowey büßten ungefähr 70 Frauenrechtlerinnen für die„ kriegerische Taltit", die ihrer Meinung nach das Frauenwahlrecht unfehlbar zunt Siege führen wird. Sie hatten Fensterscheiben zertrümmert, Boli zeiern einen tätlichen Widerstand entgegengesezt, politische Veran staltungen durch Tumulte gestört, wohl auch den einen und anderen Minister wenig ladylike behandelt, oder aber sich mit solchen„ Taten" solidarisch erklärt und zu ihnen aufgereizt". Unter den Häftlingen befanden sich Führerinnen der Suffragetten in angesehener gesellschaftlicher Stellung. So Frau Pankhurst und die schwer reiche Frau Pethick Lawrence, ebenso deren Gatte, einer der leidenschaftlichsten Verfechter des Frauenwahlrechts in jeder Form- auch als reaktionär vergiftetes Damenwahlrecht- und mit allen Mitteln. Der Minister des Innern, Mac Kenna, hatte befürwortet, daß diese drei durch königliche Gnade in die erste Abteilung der Strafgefangenen verseßt, das heißt als politische und nicht als gemeine Ver brecher behandelt würden. Den übrigen Verurteilten blieb diese Gunst versagt. Daraufhin verweigerten mehr als 40 der Inhaftierten beharrlich jede Nahrungsaufnahme. Unter den Protestlern waren Frau Panthurst, Frau und Herr Pethick Lawrence, der einzige Mann, der wegen der Frauenstimmrechtssache gefangen saß. Der Hungerstreit mit feinem Drum und Dran erregte begreifliches Aufsehen. Nach fünf freiwilligen Fasttagen mußte Frau Pankhurst aus Hollowey entlassen werden. Sie ist herzleidend, und die Ärzte fürchteten für sie ebenso die Folge längeren Hungerns wie zwangs weiser Ernährung. Die übrigen Hungerstreiter wurden unter vers zweifelter Gegenwehr mit Gewalt gefüttert. In der Presse erhoben sich zahlreiche Stimmen gegen diese Maßregel und für die Entlassung aller Suffragetten aus dem Gefängnis, beziehungsweise für ihre Behandlung als politische Verbrecherinnen. Schließlich fam es wegen der Angelegenheit wiederholt zu Anfragen und stürmischen Auseinandersetzungen im Parlament. Zuerst fragte der irische Nationalist Healy den Minister des Innern an, ob nicht die Suffragetten sofort aus dem Gefängnis entlassen und das durch von der Tortur der Zwangsernährung befreit werden könnten. Mac Kenna antwortete, daß er die Suffragetten nicht martern lasse. Nun brachte der sozialistische Arbeiterparteiler Bansbury den Antrag ein, das Haus zu vertagen, um in einer späteren Sigung seine Aufmerksamkeit auf höchst wichtige Seiten der Ange 368 Die Gleichheit Nr. 23 legenheit zu lenken: auf die ungleiche Behandlung der Suffragetten und die schädlichen Wirkungen der Zwangsernährung. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt. Am nächsten Tage wiederholte Healh seine Anfrage, richtete sie aber an den Ministerpräsidenten Asquith. Dieser erklärte sich aicherstande, in reine Verwaltungssachen einzugreifen, die dem Minister des Innern unterständen. Übrigens könnten die Suffragetten in wenigen Tagen das Gefängnis verlassen, wenn sie die Zusicherung gäben, keine Fensterscheiben mehr einzuwerfen. Daraufhin sprang Lansbury auf, stürzte auf den Minister» Präsidenten zu und rief unter steigendem Tumult des Hauses, diese Zusicherung könnten die Suffragetten nicht geben. Warum, das wüßte Asquith sehr Wohl: weil sie für ein Prinzip kämpften und dafür im Gefängnis säßen. Das Verhalten der Negierung sei im höchsten Grade ungerecht, denn von anderen politischen Verurteilten sei keine ähnliche Erklärung gefordert worden. Die Minister nennten sich Gentlemen, ließen aber Frauen mit Gewalt füttern und mordeten sie auf diese Weise. Solche Männer müßten aus dem öffentlichen Leben vertrieben werden. Diese Vorgänge seien das Schändlichste, was sich in der Geschichte Englands zugetragen habe. Die Regierung werde bei der Nachwelt als die Mörderin unschuldiger Frauen weiterleben. Während dieser Ausführrmgen wurde Lansbury mehrmals zur Ordnung gerufen und schließlich aufgefordert, das Haus zu verlassen. Er erwiderte zunächst, er denke nicht daran, dieser Weisung nachzukommen, solange man Frauen umbringe und verrückt mache. Die ehrenwerten Herren im Parlament wüßten nicht, was Grundsätze seien. Schließlich verließ der Abgeordnete aber doch das Parlament. Hier verursachte die Frauenstimmrechtsfrage später eine neue Aufregung. Drei Suffragetten warfen die Fenster eines Torwegs im Hause ein und wurden unter dem üblichen Auflauf in Polizeigewahrsam gebracht. Einige Tage nach diesen Vorgängen machte der Konservative Cecil seine schon früher angekündigte Absicht wahr und beantragte wegen der Behandlung der Suffragetten ein Mißtrauensvotum gegen den Minister des Innern. Er betonte dabei, daß er damit die Handlungen nicht verteidigen wolle, die die Suffragetten in das Gefängnis führten. Er halte sie für verrückt und nicht zu rechtfertigen. Aber man dürfe keine unterschiedliche Behandlung für das gleiche Vergehen zulassen. Indem der Minister des Innern die führenden Frauenrechtlerinnen als politische Berbrecherinnen behandeln ließ, nicht so aber die geführten, weniger schuldigen Suffragetten, habe er die Achtung vor dem Gesetz und der Gerechtigkeit verletzt. Als Protest dagegen sei eS zum Hungerstreik gekommen. Zwangsernährung sei schon schrecklich, wenn der Gefangene keinen Widerstand entgegensetze, bei solchem aber— wie ihn die Suffragetten leisteten— sei sie Tortur. Die Sozialisten Keir Hardie und Lansbury sprachen in dem gleichen Sinne, der erstere las außerdem eine von 117 Ärzten unterzeichnete Denkschrift vor, die gegen Zwangsernährung als gegen eine Gefahr für Gesundheit und Leben protestierten. Der Minister Mac Kenna erklärte, die Zwangsfütterung der Suffragetten sei im öffentlichen Interesse notwendig geworden. Von einer Ungerechtigkeit in der Behandlung der Inhaftierten könne nicht die Rede sein. Sein Verhalten habe sich streng in den konstitutionellen Grenzen gehalten. Nach der Verurteilung der Suffragetten habe der Richter mitgeteilt, er könne nicht vorschlagen, diese als politische Verbrecherinnen der königlichen Gnade zu empfehlen, weil sie erklärt hätten, ihre Taten wiederholen zu wollen. Bei Herrn und Frau Pethick Lawrence und Frau Pankhurst liege die Sache anders. Sie gaben die schriftliche Versicherung, sich während ihrer Haft nicht an der Suffragettenbewegung zu beteiligen. Da dieses Versprechen dem Richter genügt«, mußte er als Minister handeln, wie er gehandelt. Das Unterhaus lehnte das beantragte Mißtrauensvotum ab. Trotzdem haben die hungernden Suffragetten über die Regierung gesiegt, sie wurden nach und nach aus dem Gefängnis entlassen. Anfang Juli öffneten sich die Tore von Hollowey für die letzten von ihnen, die im März zu sechs Monaten Strafhaft verurteilt worden waren. Alle erzwangen ihre Freilassung durch den Hungerstreik, nachdem sie eine Zeitlang gewaltsam ernährt worden waren. Sie sind von ihren Gesinnungsund KanrpfeSgenossinnen mit der größten Begeisterung als Märtyrerinnen begrüßt worden. Verschiedenes. Hcrrenrecht in der französischen BourgeoiSdemokratie. Wie der bürgerliche Staat auch in seiner republikanisch-demokratischen Form die heilige VourgeoiSmoral auf die gewalttätigste Unterdrückung und Entrechtung der Frau gründet, mögen einige Fälle aus der französischen Justiz- und Verwaltungspraxis beleuchten. Vor dem Pariser Zivilgericht kam ein Prozeß zur Entscheidung, den ein Fräulein M. gegen Herrn G. angestrengt hatte, einen wohlhabenden Bürstenfabrikanten. Fräulein M. hatte 2S Jahre lang mit G. in freier Verbindung gelebt und ihm 10 Kinder geboren, von denen 4 noch leben. G. löste aber plötzlich das Verhältnis und kümmerte sich um seine Gefährttn und die Kinder nicht mehr. Fräulein M., die ganz mittellos ist, wandte sich nun an das Gericht. Sie forderte eine monatliche Pension von je SO Franken für die beiden noch minderjährigen Kinder, 100 Franken für sich und außerdem 60000 Franken als eine Entschädigung für die jahrzehntelange, im gemeinsamen Haushalt verrichtete Arbeit. Sie begründete diese letzte Forderung unter anderem mit dem Hinweis, daß sie einen Teil des Mietzinses aus eigenen Mitteln bestritten hatte.— Das Gericht gab ihr in der Sache selbst recht. ES bemaß die Pension für die Kinder gemäß ihrer Forderung, aber als Entschädigung für sie selbst hielt es— 3000 Franken für angemessen! DaS macht für die 25 Jahre 120 Franken jährlich und dazu ohne Verzinsung. Für 10 Franken monatlich also hat der wackere Bürger B. eine arbeitsame und treue Haushälterin gehabt, die ihm obendrein das ansehnliche Liebesbudget begüterter Junggesellen ersparte. Das anspruchsloseste Dienstmädchen vom Land hätte an Lohn mehr gefordert, als Herr G. jetzt für ein Bierteljahrhundert Fannlienglück zu zahlen hat. Für die Bourgeoisjustiz ist ja illegitimes Familienglück eine billige Ware. DaS.Verhältnis" dagegen, das dem Bourgeois Geld kostet, legt der Frau moralische Pflichten auf. Das hat ein Gerichtsspruch in gespreizter Pedanterie verkündet, die ihrer selbst spottet. Ein reicher Makler wurde vor einigen Monaten in seinem Bett erstickt gefunden. Ein Gashahn war offen, und der Verdacht, ihn geöffnet zu haben, fiel auf die Geliebte des Toten, die dieser zur Erbin eingesetzt hatte. Indes mußte die Untersuchung gegen sie eingestellt werden. Nun fochten die.gesetzlichen" Erben das Testament an und beschuldigten die Frau der.Undankbarkeit", da sie ihrem Aushälter die Treue nicht bewahrt babe. Das Gericht wies sie ab, aber konnte nicht umhin, in der Urteilsbegründung der Erbin folgende von Bürgertugend triefende Strafpredigt zu halten: .Es ist zuzugeben, daß K., der als Lebemann geschildert wird, Fräulein S. niemals Vorwürfe wegen ihrer Seitensprünge gemacht und nie an einen endgülttgen Bruch gedacht hat. Es ist weiter zuzugeben, daß Fräulein S. wohl, die Selbstachtung vergessend, die elementarsten Gebote des Moralgesetzes verkannt hat, die ihr die Pflicht auferlegten, sich der ihr bezeigten Freigebigkeit durch ein tadelloses Verhalten gegen ihren Wohltäter würdig zu erweisen; andererseits ist jedoch in Betracht zu ziehen, daß Fräulein S. zwar eine vom moralischen Gesichtspunkt aus tadelnswerte Handlung begangen hat, daß sie aber kein gesetzliches Band mit R. verknüpfte, und daß sie demzufolge nicht der im bürgerlichen Gesetzbuch ausgesprochenen Verpflichtung zu gegenseitiger Treue unterworfen war." DaS Gericht spricht also aus, daß die ausgehaltene Frau im Aushälter ihren Wohltäter zu sehen hat, und daß der Geschlechtsverkehr, sobald er teuer bezahlt wird, in die Reihe der philanthropischen Betätigungen aufrückt. Im Grunde ist das dieselbe Auffassung, die aus dem Unternehmer, der die Arbeitskraft der Proletarier kaust, um sie in den Mechanismus der Mehrwerterzeugung einzufügen, einen.Brotgeber" macht, der Anspruch auf Dankbarkeit besitzt.— Und nun ein erbauliches Beispiel der gebietenden.Herrenmoral" aus der Polizeipraxis. Es ist auch ein charakteristisches Kapitel eines Sittenromans aus der eleganten Welt. Herr H. ist eine der Zierden der herrschenden Gesellschaft in Paris. Berühmter Historiker und ehemaliger Minister deö Äußeren, hat er in der französischen Akademie die Empfangsrede an das neuaufgenommene Mitglied zu halten. Aber Herr H. ist unruhig. Zu den Sitzungen der Akademie Pflegt nämlich ein Fräulein V. zu kommen, eine frühere Schauspielerin, zu der er einst in zarten Beziehungen gestanden hat. Fräulein V. hat ihm schon vor einigen Jahren einmal eine unangenehme öffentliche Szene gemacht. Wer bürgt ihm dafür, daß sie nicht heute in der schönen Feierlichkeit der.Unsterblichen" störend dazwischenfährt und überhaupt den Ruf dieser ganzen Gesellschaft komprommittiert, die bekanntlich den .Tugendpreis" vergibt. Herr H. klagt seine Befürchtungen dem Polizeipräfekten Herrn Löpine, und dieser weiß„vorzubeugen". Im Augenblick, da Fräulein V. aus dem Tor ihres Hauses tritt, um in den Wagen zu steigen, wird sie von drei Sittenpolizisten überfallen und nach dem Kommissariat geschleppt, wo man sie so lange festhält, als die Feierlichkeit dauert! Eine.Apachen"tat im Namen der öffentlichen Moral! Aber dieser niederträchtige Angriff auf die persönliche Freiheit bedrückt die Gewissen der Herrschenden nicht immindesten. Hat er doch seine Schuldigkeit getan und die gespreizte Kulturkomödie der.Auslese" der Gesellschaft vor pietätloser Störung behütet! O. L. veranuvorlUch lür dle Redaltton: Frau INara ZetNn(Zundey, WtUzelmShoh«, Post Degerloch det Stuttgart. Druck und Verlag von g. H. w. Die» Rachf.».m.b.H. tn Stuttgart.