Nr. 2 #hdbist 23. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Doft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 16. Oktober 1912 Um den Balkan. Die Hausfrauen und Mütter im Kampfe gegen Teuerung und Hungersnot. Von Luise Ziez. Die Reform in der Kirchengemeindeordnung in Bayern. Von st.- Sargschiffe. Von Joseph Kliche. Der freie Sonnabendnachmittag. Von Marta Hoppe.( Forts.) William Mailly, ein sozialistischer Borkämpfer. Von Meta L. Stern. Aus der Bewegung: Resolutionen des Sozialdemokratischen Parteitags zu Chemniz. Eine Besprechung der weiblichen Delegierten des Parteitags. Von der Agitation. Aus den Organisationen. Jahresbericht der Genossinnen des Wahlkreises Teltow- BeeskowStorkow- Charlottenburg. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Aus der Textilarbeiterbewegung. Bon sk. Der Deutsche Holzarbeiterverband. Von fk. nossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens.-Fürsorge für Mutter und Kind. Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.- Die Frau in öffentlichen Ämtern. Verschiedenes. Um den Balkan. Ge= Die Kriegsgefahr wird wie die Hungersnot immer mehr zu einer ständigen Erscheinung der fortgeschrittenen fapitalistischen Entwicklung unserer Tage. Noch ehe daß der Friedensschluß zwischen der Türkei und Italien dem mörderischen Würgen an der nordafrikanischen Küste auch nur der Form nach Halt geboten hatte, sind die Völker Europas durch neuen friegerischen Lärm geängstigt worden. Auf der Balkanhalbinsel, wo es schon längst, ja dauernd„ kriselt", seitdem der Auflösungsprozeß des einst so mächtigen Osmanenreichs eingesetzt hat, ist die Gefahr einer blutigen Auseinandersetzung in greifbare Nähe gerückt. Und zwar einer Auseinandersetzung, die der Natur der Dinge nach die furchtbarere Drohung eines Weltkriegs in sich trägt. Europa gleicht einer Arena, in der fast alle Staaten wie wütende, knurrende, zähnefletschende Bestien toben, aufgeregt sich die Flanken peitschen und den Sand aufwühlen. Im Vordergrund stehen die kleinen Balkanstaaten Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro auf der einen Seite, die Türkei auf der anderen, mit blutunterlaufenen Augen die beste Minute erspähend, um sich aufeinander zu stürzen. Hinter ihnen liegen Nußland und Österreich mit schielenden, tückischen Blicken, zum Sprunge geduckt, um bei günstiger Gelegenheit aus dem Knäuel der sich zerfleischenden Todfeinde eine lang umgierte Beute an sich zu reißen oder wenigstens dem Nebenbuhler abzujagen. In weiterem Abstand brillen abwartend und gerüstet die übrigen europäischen Großmächte, nicht minder erregt und von Gelüsten geschüttelt als die anderen Bestien, wenn auch vielleicht nach einer Beute an anderer Stelle und zu anderer Stunde. Ein herrliches Bild der Zivilisation", die den rückständigen Balkanvölkern durch die Staaten alter Kultur gebracht werden soll, der Interessen gemeinschaft, die angeblich die christlichen europäischen Großmächte gegen die islamitischen Eindringlinge früherer Jahrhunderte in der Türkei zusammenhält. Bürgerliche Blätter rufen es als Echo klassenstaatlicher Politiker und Diplomaten nach, daß diese neueste Kriegsgefahr Zuschriften an dte Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshobe, Doft Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. ganz plöglich, überraschend heraufgezogen sei. Wie sie lügen! Mit derselben Folgerichtigkeit- man ist versucht, zu sagen Naturnotwendigkeit, mit der im vorigen Jahre der Marokkokonflikt den verbrecherischen militärischen Spaziergang" Italiens nach Tripolis in seinem Schoße trug, mußte diefer Raubzug die Begehrlichkeit der kleinen Balkanstaaten anstacheln, ihr Gebiet auf Kosten der Türkei auszudehnen. Denn er legte nicht nur Beschlag auf einen ansehnlichen Teil der militärischen Kräfte und der Geldmittel des Osmanischen Reiches und verminderte damit die Verteidigungsmacht gegen andere Feinde. Er brachte ein übriges, indem er auch das Unvermögen der türkischen Regierung steigerte, das Erbe der Revolution von 1908 zu verwalten. Mögen Jungtürken oder Alttürken am Ruder sein: sie erweisen sich in zunehmendem Maße außerstande, durchgreifende Reformen zu verwirklichen, die ein gewisses Gleichgewicht zwischen den entfesselten, miteinander ringenden Kräften bewirkt hätten. Außerstande sind sie aber auch, durch Gewalt diese Kräfte zu bändigen, die fortwährend in inneren Wirren explodieren. Neben den alten sozialen Gegensätzen eines Bauernlandes mit feudaler Ordnung tun sich in der Türkei immer klaffender die modernen Klassenunterschiede auf, die der vorwärtsdrängende Kapitalismus schafft. Mit ihnen beiden verschlingen sich die vielen nationalen, die religiösen Gegensäße, die zum Teil erst mit dem stärkeren sozialen Zusammenprallen der einzelnen Bevölkerungsgruppen ihre ganze Schärfe erhalten, zum Teil aber auch den Zusammenstoß auffangen und die feindlichen Kräfte in andere Bahnen lenken. So wirrt sich ein Durcheinander der widerspruchvollsten Interessen und Forderungen zusammen, das auf dem Boden einer Klassengesellschaft, durch eine Klassenregierung fast unlösbar scheint. Die inneren Schwierigkeiten der Lage werden vermehrt durch das plünderungstolle Treiben von Kapitaliſtencliquen aus aller Herren Länder, die mit ihren Anlagen, Spekulationen, Krediten das Land aussaugen und die Zerrüttung der Staatsfinanzen auf die Spike treiben; durch das politische Nänkespiel der europäischen Großmächte, die gleich Geiern auf den Augenblic warten, wo sie ein möglichst großes Stück der ersehnten Beute erschnappen können; durch die außereuropäischen Besitzungen der Türkei- Kleinasien, Babylonien, Mesopotamien und Arabien, die kein festes wirtschaftliches Band mit dem Reiche am Bosporus verknüpft, und in denen ebenfalls zum Teil von dem internationalen Rapitalismus neue Entwicklungen und neue Verwicklungen vorbereitet werden. Vergegenwärtigen wir uns zu dem allem die mit kriegerischen Ruhmesträumen, Ländergier und Freßinstinkten" geschwängerte Atmosphäre, die sich in erstickenden Schwaden mit dem Imperialismus über die Völker lagert. Der Taumel, den sie erzeugt, springt auf Länder und Ländchen über, die wie die Balkanstaaten zum Teil noch im mittelalterlichen Feudalismus stecken. Pflegt doch zumeist das erste zivilisatorische" Werk des sich hier eindrängenden und einnistenden internationalen Rapitals darin zu bestehen, den Nezierungen Obligator. Nebenorgan zum ,, Textilarbeiter" für Frauen, die wie ihre Männer Mitglieder des Deutschen Textilarbeiter- u. Arbeit.cinnen- Berb. jud. 18 Die Gleichheit für Rüstungen zu pumpen, Eisenbahnen, Brücken, Kanäle für strategische Zwecke zu bauen und modernste Produktionsmittel nicht der Lebensfürsorge, sondern des Massenmordes einzuführen. Die Losung von dem größeren Vaterland" mußte in Griechenland, Bulgarien, Serbien usw. berauschend flingen. Konnte sie nicht im Namen von Volks- und Glaubensgenossen vorwärts treiben, die von den stammesfremden, christenhassenden Mohammedanern geknechtet wurden? und hatte es die Diplomatie der Großmächte nicht als ihre vornehmste Aufgabe betrachtet, die nationalen Gegensätze auf dem Balkan zu vertiefen, je nach dem eigenen Vorteil die kleinen Staaten bald zum Schmause an der Türkei zu locken, bald in ihre Grenzen mit der Mahnung zurückzuscheuchen, daß die lebendige Leiche des Statusquo- des bestehenden staatsrechtlichen Zustandes heilig sei? Es ist das Geheimnis des Hanswurftes, wie eifrig zumal Rußland und Österreich seit langem bemüht sind, das Feuer der nationalen Feindschaften auf dem Balkan zu lichterlohen Flammen anzublasen, an denen sie ihre Suppe kochen wollen. Die Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich, die Erhebung Bulgariens zu einem selbständigen Königreich von des russischen Zarismus Gnaden: das sind Vorgänge aus den letzten Jahren, die unstreitig den Appetit der kleinen Balkanstaaten nach Brocken von der Türkei mächtig gereizt haben. Ein letter Stachel für diesen Appetit mag die Rebellion der Albanesen gegen das jungtürkische Re giment mit seinen zentralistischen Bestrebungen gewesen sein, eine Rebellion, die Albanien ein gewisses Maß von Selbstverwaltung und Reformen brachte. Die nicht minder reformbedürftige Lage Mazedoniens ist das gegebene Objekt, an dem sich die vorhandenen Gegensäße bis zur drohenden Entzündung stoßen. Dieser Teil des türkischen Reiches gleicht einem Sammelbecken der verschiedensten Nationen. Mit 1/2 Millionen bilden die Türken die Minderheit der Bevölkerung in Mazedonien, wo 1 Millionen Albanesen, 1 Million Bulgaren, 1 Million Griechen, 1/2 Million Serben und 4 Million Wallachen heimisch sind und größtenteils bunt durcheinander gewürfelt wohnen. Hier verquickte sich die Notwendigkeit einer gründlichen Reform der Agrarverhältnisse, des Steuerwesens, der Gewerbeentwicklung mit nationalen und religiösen Bedürfnissen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Hier verschlingen sich Aufgaben miteinander, von denen jede einzelne in reinlicher Scheidung auch von einem geordneten Staate nicht zu lösen wäre, die aber in ihrem Durcheinander und Miteinander die Türkei geradezu vor die Quadratur des Birkels stellen. Die von den fäbelrasselnden Balkanstaaten geforderte Selbstverwaltung Mazedoniens könnte freilich eben sowenig mit diesen Aufgaben fertig werden. Diese Forderung ist nichts als das bei Kriegen übliche ideologische Feigenblatt der Interessen, um die es geht. Die Vorgänge auf dem Balkan gehören zu den Erscheinungen, die im Gefolge der wirtschaftlichen und politischen Auflösung des alten Türkenreiches austreten, dessen Grundlage die feudale Gutsherrschaft und Bauernwirtschaft war. Diese Grundlage wird zermürbt, seitdem die Geldwirtschaft mehr und mehr die Naturalwirtschaft verdrängt und der Kapitalismus sich durch alle Spalten und Nigen des morschen fozialen Gebäudes einschleicht und festsetzt. Solange die Nachfahren der osmanischen Eroberer, die türkischen Grundherren und ihre politischen Organe, die Unterworfenen mur in Naturalabgaben und Frondiensten zinsen ließen, war auch deren Ausbeutung Grenzen gezogen. Naturalabgaben lassen sich nicht maßlos, unendlich anhäufen, sie bergen daher auch nicht den Anreiz zum barbarischsten Bauernschinden und Bauernlegen in sich. Jahrhundertelang hatten so die unterjochten Griechen, Bulgaren, Serben usw. unter dem Halbmond nicht schlechter wohnen, als die hörigen Bauern Westeuropas im frühen Mittelalter unter Krummstab und christlichem Schwert. Dazu kam noch, daß sie vom Kriegsdienst befreit waren, kein „ Ungläubiger" durfte die Waffen für Allah und seinen Propheten tragen. Ungefähr seit dem Ende des achtzehnten Jahr Nr. 2 hunderts hat der Wandel der Dinge begonnen. Nußland drang gegen die Türkei vor, Ägypten suchte sich unabhängig zu machen, bald war der eine, bald der andere Teil des Reiches bedroht. Die Notwendigkeit, das Heer auszubauen und zu modernifieren, erzeugte ein riesig steigendes Bedürfnis der Regierung nach Geld und schuf Beziehungen zu den westeuropäischen Staaten. Von Süden und Nordwesten her zog die Geldwirtschaft auf dem Balkan ein. Seit die Abgaben der bäuerlichen Massen gegen klingendes Geld verkauft werden konnten, wuchsen sie ins Ungeheuerliche bis zur nackten Erpressung und Ausplünderung. Aber der Umschwung der Verhältnisse zwang auch die Bauern selbst, nicht allein für den Verbrauch der Familie zu produzieren, sondern für den Verkauf. Mit dem allem zusammen gewannen die nationalen Gegensäge zwischen den Türken und den unterworfenen Völkern an Bitterkeit und Kraft. Die Zeit der Aufstände und Befreiungskämpfe von Griechen, Serben, Rumänen, Bulgaren usw. brach an, und sie ist noch nicht abgeschlossen. Denn die kleinen Nationalstaaten haben ihre Unabhängigkeit nur mit dem Segen und der Hilfe der europäischen Großmächte errungen. Ihre Grenzen sind weder nach großen wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Gebiete, noch nach nationalen Gesichtspunkten gezogen worden. Sie sind so willfürlich festgesetzt, wie es die diplomatischen Vertreter der Großmächte für gut befanden, in Eifersucht und Mißtrauen gegeneinander die politische Landkarte zurechtzuftümpern. Die ökonomische Entwicklung aber brandet immer stürmischer gegen diese sie einengenden künstlichen Schranken. Vom profitlüsternen internationalen Kapital gespeist, beginnt in den weltabgelegenen Gebirgstälern und in den weiten Ebenen eine kapitalistische Industrie emporzublühen. Aus Bauernschaft, städtischem Handwerk und Handel steigt eine junge Bourgeoisie mit robusten Begierden nach Gold und Macht empor. Es bildet sich eine städtische Intelligenz, die ein größeres Betätigungsfeld zum Wettlauf um die soziale Position bedarf. Die Hochschutzöllnerei der großen europäischen Staaten wirft lähmend auf die Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte in den kleinen Balkanstaaten zurück und läßt es stark und stärker empfinden, daß Serbien der freie Zugang zum Meere durch eigene Seehäfen fehlt, daß für alle diese Länder die Türkei keinen aufnahmefähigen Markt stellt. Der nationale Chauvinismus findet einen üppigen Nährboden und wird von den regierenden Dynastien gehätschelt, die in Kriegsgeschrei, Schlachten, Erweiterung der Staatsgrenzen das sicherste Mittel erblicken, sich auf ihren schaufelnden Thrönchen zu halten. Hat doch der König von Gottes Gnaden in Serbien seine Krone aus dem Blute von Verschwörungen und Attentaten emporgehoben, und in Griechenland wie in Bulgarien ermangeln die Herrscher der Heiligung durch einen echten nationalen Stammbaum, sintemalen sie beide zu jenem Geschlecht arbeitswilliger, pardon regierungswilliger deutscher Fürsten gehören, das unser Vaterland gern und billig an das Ausland abgibt, wie früher Frankreich seine Tanzlehrer und Friseure, die Schweiz ihre Zuckerbäcker und Italien seine lyrischen Tenöre. Die friegsheßenden Tendenzen, die aus diesem Stande der Dinge auf dem Balkan selbst hervorbrechen, mögen sich jedoch noch so lärmend gebärden, sie sind der Türkei und dem Weltfrieden letzten Endes weniger gefährlich als die Bedeutung, die der„ Orientfrage" für die europäischen Großmächte zukommt. Durch sie erst erhalten sie ihrerseits durchschlagende Kraft und weltpolitische Tragweite. Das Interesse der Großmächte aber an der Lösung der Orientfrage wächst, je reifer sich der Kapitalismus in ihnen austobt, je unaufhaltsamer er von seinen alten Wirkungsstätten aus die ganze Welt in den hastenden Strom seiner Entwicklung reißt und die wirtschaftlichen und politischen Bedürfnisse der einzelnen Staaten hier gegeneinander stellt, dort miteinander verknüpft. Heiß begehrend wie je hat der russische Zarismus seine Blicke auf die Dardanellen gerichtet, und heimlich wie offen arbeitet seine Politik daran, durch einen festen Riegel slawischer Balkanstaaten Österreich den Weg nach Osten und Süd Nr. 2 Die Gleichbeit csten zum Meere zu verlegen, den es mit steigender Dringlichkeit auf Kosten der Türkei suchen muß. Der imperialistische Rausch läßt Italiens Hand vor Gier nach der albanesischen Küste zittern, deren Besitz das Adriatische Meer zu einer italienischen See machen würde. England hat dank seinem alten Gegensatz zu Rußland und seinem neuen zu Deutschland ein brennendes Interesse an der Regelung der Balkanfrage. Milliarden französisches Kapital, das auf der Halbinsel und in Kleinasien angelegt ist, begründen ein solches für Frankreich. Von der Bagdadbahn mit ihrer gewaltigen wirtschaftlichen und politischen Bedeutung für den Gang der Verhältnisse in Kleinasien und dem Zwischenstromland bis zur persischen Grenze hin und darüber hinaus, von zahlreichen anderen Unternehmungen im türkischen Reiche sind starke verbindende Fäden zwischen diesem und Deutschland gesponnen. Zu all diesem die Gegensäße und Solidaritäten, die durch die beiden großen Kriegsbündnisse des Dreibundes- Deutschland, Österreich, Italien- und der Tripleentente- England, Frankreich, Rußland- geschaffen werden. So ist die Balkanfrage heutzutage zu der europäischen Frage schlechthin geworden, und jede Auseinander setzung um sie trägt die Drohung eines Weltkriegs in den Flanken. Wir erleben daher jezt unter bedrohlicheren Umständen als vor reichlich einem Jahre eine Erneuerung des furchtbaren, herzbeklemmenden und doch grotesken Schauspiels, das durch die Marokkoaffäre auf die Bühne der Geschichte gezerrt ward. Kriegsgewölf verfinstert den politischen Himmel. In buntem Wechselspiel jagen einander die Depeschen, die jetzt die Steigerung der Kriegsgefahr, nun ihre Milderung melden. Über die Börse das empfindlichste Organ der kapitalistischen Gesellschaftstreicht in Paris, Berlin, London, Wien usw. der eisige Wind der Panik, die Kurse tollen mit jeder widerspruchsvollen Nachricht auf und ab. Der Weizen der Spekulanten blüht, die Militärlieferanten lachen sich in der Hoffnung auf neue große Profite ins Fäustchen. Die Diplomaten der Großmächte in Konstantinopel und allen möglichen und unmöglichen Residenzen blähen sich wichtig tuend wie leere Schläuche, die mit Luft gefüllt worden sind. Sie depeschieren, chiffrieren, fonstatieren, dementieren für ihre Regierungen. Sie verdunkeln den Klarsten und verwirren den einfachsten Sachverhalt, um den Anschein zu erwecken, daß ihre zünftige Aftenweisheit ein Rezept zur Sicherung des Friedens erflügeln werde, und daß ihre schwachen, gierigen Hände die Weltgeschichte zu zwingen vermögen, sich danach zu richten. Derweilen warten in den wichtigsten Kulturländern Europas die werktätigen Massen mit banger Sorge, ob die bluttriefenden Hände der Kriegsfurie sie mit allen Schrecknissen überschütten und schließlich zur Schlachtbank schleppen werden. Und das in Zeitläuften, wo der grimme Hunger ihre Rücken erbarmungslos geißelt! Vielleicht daß das sagenhafte einige" Vorgehen der Großmächte trotz aller Interessengegensäße tatsächlich zustande kommt und noch einmal den Frieden sichert. Allein vermag dieser lichteste Ausblick des Momentes über die Erkenntnis zu täuschen, daß zwar der Krieg jezt nicht unvermeidlich ausbrechen muß, daß er aber unzweifelhaft jeden Augenblick ausbrechen kann? Denn das gärende, wogende Chaos der Dinge und Möglichkeiten, das wir als Balkanfrage zusammenfassen, wird nicht von den Menschen beherrscht, umgekehrt: seine Stürme wirbeln nach ihren eigenen Gesezen die Menschen mit fort. Trotz des Grausens der besitzenden Klassen vor Kriegen, die die bürgerliche Welt in ihren Fugen erbeben machen und zu zertrümmern drohen, wird daher das gewisseste Endergebnis der gegenwärtigen Arise nicht ein Abrüsten als Unterpfand wachsender Friedenssicherheit sein, sondern ein Aufrüsten zu tödlicher Kriegsbereitschaft. War es nicht gestern erst, daß bei uns in Deutschland die bürgerlichen Parteien neue Hunderte von Millionen für den Ausbau des Heeres und der Flotte bewilligt haben? Heute aber schon ertönt der Ruf, daß angesichts der Balkanwirren das Deutsche 19 Reich nicht gerüstet genug sei, um mit der gepanzerten Faust auf Kanonenrohren eine erste Violine im Konzert der Großmächte zu spielen. Unser bulgarischer Genosse Sakasow hat als einziger Sozialdemokrat in der Sobranje ein rühmliches Beispiel treuester Pflichterfüllung und stolzen Männermuts gegeben. Er allein erhob hier inmitten der chauvinistisch heulenden Meute, begeifert und tätlich von ihr mißhandelt, seine Stimme zum Protest gegen den Krieg. Vor die Front die klassenbewußten Massen des internationalen Proletariats! Die dräuende Sturmflut muß sich brechen an der Bekundung ihres unerschütterlichen Friedenswillens, ihrer Bereitschaft zur Tat. Damit nimmt sich das Proletariat inmitten der Enge und Gebundenheit der bürgerlichen Ordnung ein Stück menschlicher Freiheit der sozialistischen Zukunftsgesellschaft vornweg: sich nicht länger von der Geschichte mißhandeln zu lassen, sondern bewußt Geschichte zu machen. Die Hausfrauen und Mütter im Kampfe gegen Teuerung und Hungersnot. Ein gewaltiger Schrei der Not, eine erbitterte Anklage der Darbenden war es, die am 24. September von den Broletarierinnen Berlins in 27 überfüllten Frauenversammlungen erhoben wurde gegen die staatlich sanktionierte Volksauswucherung durch Krautjunker und Schlotbarone. Gebt uns Brot! Denn wir entbehren und hungern, hieß es, unsere Männer sicchen dahin, weil sie unterernährt sind, unsere Kinder sterben, weil sie im Mutterleib schon hungern mußten und weil dank unserer Entbehrungen ihr natürlicher Nahrungsquell, die Mutterbrust, versiegte oder weil wir, durch die Not zur Brotfron getrieben, ihnen die natürliche Nahrung und die nötige Pflege nicht geben konnten. Unsere Kinder verwahrlosen, weil wir nicht Zeit und Kraft haben, sie zu erziehen und zu betreuen! Wir verkommen im Elend, während der Reichtum der Besizenden dank unserem Fleiß und unseren Entbehrungen sich zu märchenhafter Fülle steigert. Und dieser riesenhafte Reichtum, den wir erzeugten, er wird zur Quelle weiterer Leiden für uns, die uns als Begleit- und Folgeerscheinungen des Imperialismus treffen. Des Imperialismus, jener Erscheinungsform des Kapitalismus, in der er zur höchsten Blüte gedeiht, in der er nach immer größerer Ausdehnung, nach Anlege- und Verwertungsmöglichkeit drängt, dafür aber uns die Kosten dieser Weltpolitik aufbürdet und durch Ausnahmegeseze und rücksichtslose Anwendung all der staatlichen Machtmittel zu unserer Unterdrückung unseren Protest mundtot zu machen sich bemüht. So flagten sie an, die politisch Rechtlosen! Aber sie flagten nicht nur an, sie forderten auch! Sie forderten von Staat und Gemeinde unverzüglich jene Maßnahmen, die geeignet sind, wenigstens die schlimmste Not zu lindern: Öffnung der Grenzen, Suspendierung der Zölle auf Brot, Fleisch, Vieh und Futterstoffe, Aufhebung des Systems der Einfuhrscheine, und von der Kommune die Versorgung der Einwohner mit den wichtigsten Nahrungsmitteln, besonders mit Fleisch zu einem billigen Preis. Und dieser Forderung ward der größte Nachdruck gegeben durch den Aufruf und das Versprechen: Unablässig an der Stärfung der sozialdemokratischen Partei zu arbeiten, durch Werbung von Mitgliedern, durch Verbreitung ihrer Presse. Als Ausdruck des Willens der Versammelten fand folgende Resolution einstimmige Annahme: Die versammelten Hausfrauen und Mütter erklären: Die gegenwärtige Teuerung aller Gebrauchsartikel, besonders die der notwendigen Lebensmittel, ist für die minderbemittelten Volks. schichten unerträglich geworden. Die Volksgefundheit ist auf das schwerste gefährdet. Die Hausfrauen können mit ihrem Wirtschaftsgeld nicht mehr auskommen. Not und Sorge weicht nicht mehr von der Schwelle der Arbeiter 20 Die Gleichheit familien. Die Kinder müssen hungern, Männer und Frauen erleiden durch Unterernährung schwerste Schädigungen. Die Säuglingssterblichkeit nimmt zu. Die Versammelten verlangen deshalb im Interesse der allgemeinen Volkswohlfahrt, im Namen ihrer Familien, vor allem im Namen ihrer hungernden Kinder, daß die Regierung und die Gemeinden unverzüglich Maßnahmen treffen, die notwendig sind zur Linderung der schlimmsten Notlage. Die Versammelten fordern insbesondere: 1. Von der Regierung: Die Öffnung der Grenzen für die dauernde Einfuhr von Vieh und Fleisch, insbesondere auch von Gefrierfleisch. Aufhebung der Zölle auf Bieh, Fleisch, Getreide und Futtermittel. Aufhebung des Systems der Einfuhrscheine. 2. Von der Gemeindeverwaltung: Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, besonders mit Fleisch, möglichst zum Selbsttostenpreis. Die Versammelten versprechen, daß sie mit verstärkter Kraft am Ausbau der politischen Organisation arbeiten wollen, da sie in der zunehmenden Macht und Stärke der Sozialdemokratie das einzige Mittel sehen, der volksausplündernden Zoll- und Steuerpolitik ein Ende zu machen, der Not und Ausbeutung des arbeitenben Volkes entgegenzuwirten und sie schließlich durch die Verwirk lichung des Sozialismus zu beseitigen. Hunderte der Versammlungsteilnehmer traten der Partei bei. Weitere Anmeldungen folgten in den nächsten Tagen. Aus einer ganzen Anzahl anderer Orte sind Meldungen eingegangen über ähnliche Proteste der Hausfrauen und Mütter, die ebenfalls gleichzeitig der Aufrüttelung und Organisierung bisher Indifferenter dienten. An die Genossinnen aller Orterichten wir die dringende Bitte, ähnlich wie in Berlin zu verfahren. Die herrschende Teuerung trifft die Hausfrauen und Mütter am schwersten. Ihre Pflicht ist es, in den ersten Reihen zu stehen, wenn es gilt, mit verstärkter Wucht den Kampf gegen die Auswucherung fortzusetzen. Ihre Pflicht ist es aber auch, mit zäher Energie an der Verstärkung unseres Kampfheeres zu arbeiten, damit die Wucht unseres Ringens zu vergrößern, die uns heute Erleichterung, in der Zukunft Befreiung bringen wird. Auf denn, Genoffinnen, nußet die Stunde! Nieder mit Not und Ausbeutung! Für Freiheit und Brot! Das sei unsere Parole. Luise Biet. Die Reform Nr. 2 Sozialdemokraten betonten ausdrücklich die Forderung der Trennung von Staat und Kirche. Dem Staat soll keinerlei Einfluß auf das religiöse, innerkirchliche Gebiet zustehen, andererseits wurden alle Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln für kirchliche Zwecke von unserer Seite abgelehnt. Diese ablehnende Haltung fonnte uns aber nicht von der Pflicht befreien, zu den einzelnen wesentlichen Bestimmungen des Entwurfes Stellung zu nehmen. Dazu waren wir um so mehr genötigt, als die Kirchengemeindeordnung zu einer erheblichen Verstärkung des geistlichen Einflusses auf den Staat führen mußte, ferner zu einer Schwächung der Rechte der Kirchengemeinde und zu einer beträchtlichen Mehrbelastung ihrer Mitglieder. Wir mußten uns kritisch gegen den Entwurf wenden, damit seine Nachteile vor aller Welt klargelegt wurden. Genosse Dr. Süßheim kennzeichnete das schwächliche und nachgiebige Verhalten der zentrumsfreundlichen Regierung als ein Produkt der innerpolitischen Verhältnisse Bayerns. Die schwarze Mehrheitspartei erstrebe und erziele entgegen den Bestimmungen der Verfassung und der historischen Entwicklung eine Reihe von Rechten, die den Einfluß der Kirche und des Klerikalismus außerordentlich stärke. In der Tat ist es so, daß die ausschlaggebende Zentrumspartei die bisherige staatliche Oberaufsicht über das kirchliche Stiftungsvermögen praktisch beseitigt hat. Sie hat durch ihr Votum der Kirchengemeinde die Verwaltung der Kirchenstiftungsvermögen aus der Hand genommen und damit ihre bisherigen fümmerlichen Rechte der Selbstverwaltung in der Frage des Kirchenvermögens bernichtet. Diese Tatsachen haben für die Zukunft eine um so größere Bedeutung, als nach dem neuen Gesetz nicht nur die Bekenntnisgenossen, sondern auch juristische Personen zur Kirchensteuerpflicht herangezogen werden. Also Körperschaften und Vereinigungen, die den Charakter juristischer Bersonen tragen, müssen, obwohl sie dem Bekenntniskreis einer Kirche fernstehen, Steuer zahlen, ohne einen Einfluß auf die Verwaltung des Kirchenvermögens ausüben zu können. Neben diesen inkonsequenten Bestimmungen bringt das Gesetz eine wesentliche Verschlechterung des aktiven und passiven Wahlrechts zu den Kirchenverwaltungswahlen. Bisher war im rechtsrheinischen Bayern das Stimmrecht dazu von der Vollendung des 21. Lebensjahres abhängig; der Entwurf rückte diese Altersgrenze auf der Kirchengemeindeordnung in Bayern. 25 Jahre hinauf; ferner waren früher wählbar BekenntnisMitte September ist in der bayerischen Abgeordnetenkammer die Beratung des Entwurfes einer Kirchengemeindeordnung zum Abschluß gelangt, bei der auch für das Frauenwahlrecht gekämpft worden ist. Die Geschichte des Entwurfes ist ziemlich lang. Schon 1870/71 hatte ein gemeinsamer Beschluß des Landtags von der Regierung gefordert, im Anschluß an die 1869 erlassenen beiden Gemeindeordnungen für die politischen Gemeinden baldmöglichst einen Gefeßentwurf über die Materie vorzulegen. 37 Vorberatungsjahre waren nötig, bis 1907 diese Vorlage an den Landtag gelangte. Diese Zeit und die bald fünfjährige Behandlung im Landtag lassen schon erkennen, wie schwierig der Rechtsstoff zu behandeln war. Schwierigkeiten entstehen nämlich ftets, wenn es um das Verhältnis zwischen Staat und Kirche geht; und das war in dem Gefeßentwurf der Fall, der die Rechtsverhältnisse der katholischen und protestantischen Kirchengemeinden ordnen sollte. Bei der Regelung des verfaffungsmäßig festgelegten Verhältnisses zwischen Staat und Kirche mußte es zu heftigen Auseinandersetzungen kommen, wenngleich die Regelung innerkirchlicher Verhältnisse so gut wie ausgeschieden war. Der Hauptzweck des Gesezes ist, die entsprechenden Mittel zu beschaffen für die örtlichen Bedürfnisse der Kirche. Das Gesetz ist also eigentlich ein Kirchenumlagegefeß. and fun major l Die Stellung der sozialdemokratischen Fraktion zu dem Gesetzentwurf war von vornherein klar vorgezeichnet. Wir genossen, die das 25. Lebensjahr zurückgelegt hatten, nach dem neuen Gesetz tritt die Wählbarkeit erst mit 30 Jahren ein.! Das aktive und passive Wahlrecht für Frauen brachte der Entwurf nicht, man ist versucht zu sagen: natürlich. Bei dem Vorstoß der Sozialdemokraten, die gleichen Rechte auch den Frauen zuznerkennen, blieb das Zentrum fest auf seinem ablehnenden Standpunkt. Genosse Schneppenhorst begründete namens der sozialdemokratischen Fraktion die Anträge, die auf eine Verbesserung der Wahlbestimmungen hinausgingen und insbesondere ein Mitbestimmungsrecht der Frauen forderten. Aber alle Mühe war vergebens. Nachdem die Haltung des Zentrums zu diesen Fragen genügend gekennzeichnet war, kam der sozialdemokratische Redner noch einmal kurz auf das Recht der Frau in der Kirchengemeinde zu sprechen und führte wörtlich aus: ,, Wir Sozialdemokraten sehen in der Kirche die Gemeinschaft derer, die eines Glaubens find. Die Glaubens- und Sinnesgemeinschaft fennt aber feinen Geschlechtsunterschied für die Wertung ihrer einzelnen Mitglieder. Darüber scheint allerdings in der Zentrumspartei eine andere Auffassung zu herrschen. Der Gedanke, auch der Frau ein Mitbetätigungsrecht in der Gemeinde zuzusprechen, ist nicht neu. Ich darf dafür einige Beispiele anführen. In Hannover hat jedes konfirmierte Kirchengemeindemitglied das Recht, bei Pfarrersowie bei Kirchenvorstandswahlen Einspruch zu erheben. In den älteren preußischen Provinzen können Einsprüche gegen die Wahl der ältesten und der Gemeindevertretung von den Nr. 2 Die Gleichheit Wahlberechtigten erhoben werden, gegen die Pfarrerwahl dagegen von jedem Gemeindemitglied, wenn gegen Lehre, Glauben oder Wandel des Gewählten und gegen die Gesetz lichkeit der Wahl Einwürfe vorzubringen sind. Ebenso verhält es sich in Schleswig- Holstein. In Hamburg und Lübeck haben in der reformierten Gemeinde auch die weiblichen Gemeindemitglieder das Recht zur Wahl, zur Entlassung des Predigers und zur Wahl des Kirchenrats. Der Entwurf einer Kirchenordnung der Augsburger Konfession des Oberkonsistoriums in Elsaß- Lothringen enthält ebenfalls die Anerkennung der Frauenrechte in der Kirche. Die Synode der reformierten Kirche in Elsaß- Lothringen hat das kirchliche Frauenstimmrecht im Prinzip beschlossen. Troßdem also das Frauenstimmrecht in der Kirchengemeinde feine Neuigkeit ist, versucht die Mehrheitspartei, das Wahlstimmrecht der Frau von der Kirche fernzuhalten. Eine berufene Vertreterin der konfessionellen Frauenvereine hat sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigt; sie erklärt in einem interessanten Aufsatz: , Das wirkliche Heimatrecht in der Gemeinschaft, in der nach dem Apostelwort fein Unterschied gemacht werden soll zwischen arm und reich, zwischen Herr und Diener, zwischen Mann und Frau, hat das weibliche Glied der Gemeinde erst dann, wenn es auch an den Fragen der Verwaltung und Bestimmung über leibliche und geistige Güter mit teilhaben darf, wenn das uneingeschränkte Recht der Frau in der Kirche anerkannt ist. Es ist daher für die Frau unbedingt zu fordern das aktive und passive Wahlrecht für die Gemeindevertretung, den Kirchenrat, das Presbyterium oder den Kirchenvorstand. In ähnlichem Sinne hat sich auch Pater Heribert Holzapfel ausgelassen. Er sprach in einem Artikel im Jahre 1910 sich dahin aus, daß es den Mitgliedern des Katholischen Frauenbundes unbenommen sei, sich für die aktive und passive Stimmberechtigung zu entscheiden. Er glaubt, daß die Gleichberechtigung der Frauen doch einmal kommen müsse, und sagte dann weiter: Vielleicht sind wir einmal froh, daß die Frauen das Stimmrecht haben.' ähnliche Äußerungen liegen auch von den einzelnen Katholikentagen vor. Auch hier haben sich Vertreter des Zentrums gegen die Einführung des Frauenstimmrechts in allen Körperschaften nicht ausgesprochen. Ich erinnere Sie ferner daran, daß sich selbst Redner des Zentrums hier im Landtag für das politische Wahlrecht der Frauen ausgesprochen haben. Wenn Sie auf der anderen Seite drüben hier wie auf anderen Tagungen dafür eintreten, daß das Frauenstimmrecht zu billigen sei, dann kann ich nicht verstehen, wie Sie sich nunmehr dagegen wenden, daß wir Sozialdemokraten für die Kirchengemeindeverwaltung die Zulassung der Frauen berlangen." Das Zentrum aber blieb verstockt und eigensinnig, es lehnte selbst für die Kirchengemeinde das Mitbetätigungsrecht der Frauen ab, also auf einem Gebiet, wo es nur Vorteile durch die Mitbetätigung der Frauen geholt hätte. Es geht ihm eben ums Ganze. Weniger um das altersgraue, verstaubte Prinzip, daß die Frau in der Gemeinde schweigen solle. Aber es hütet sich vor der Praris jedes Schrittes zur weiteren Demokratisierung des öffentlichen Lebens. In Bayern wie allüberall verfolgt das Zentrum brutal und rückfichtslos das Ziel, die breitesten Massen des Volkes in Recht Tofigkeit und Machtlosigkeit zu erhalten. Die Ablehnung des Frauenrechts ist nur ein Zweig des ganzen reaktionären Baumes. Die Behandlung der Frage vor der bayerischen Kammer der Abgeordneten zeigt den Frauen wieder einmal, wo sie die zuverlässigen Berteidiger ihrer Rechte zu suchen haben und wo deren Gegner. Sargschiffe. st. In seiner Erzählung vom Untergang der. Anna Holl. mann" hat Gustav Frenssen den Typus der Sargschiffe gezeichnet. Das sind Handelsschiffe, die infolge ihres hohen Alters und der dadurch bewirkten geringen Widerstands 21 fähigkeit gegen Sturm und Wellen größeren Gefahren der See nicht mehr gewachsen sind, die jedoch von gewissenlosen Schiffseignern immer noch verwendet werden. Ja, ein habgieriger Reeder versteht es, gerade aus solchen Schiffen seine größten Gewinne zu ziehen. Entweder hat das Fahrzeug im jahrzehntelangen Dienst des Mannes die höchste Altersschwäche und Untauglichkeit erreicht, oder aber sein Besitzer hat es irgendwo für billiges Geld aufgekauft. In dem einen wie dem andern Falle ist es die feste Absicht des Reeders, aus dem Schiffe noch herauszuholen, was sich herausholen läßt, und sollte der Profit aus Leichen gepreßt werden. Er versichert Schiff und Ladung, und nach einer oberflächlichen Untersuchung durch die in Frage kommende Kontrollstelle wird der schwimmende Sarg den Wogen anvertraut. Ob sich für solch gefährliche Fahrt eine Besatzung findet? In Frenssens Roman lesen wir diese Erklärung, die alles besagt:„ Mich brächten keine zehn Pferde auf einen Hollmann, aber ich habe zu Hause Frau und Kinder, die nach Brot schreien." " Die große Öffentlichkeit beachtet die Seeunfälle der Handelsschiffe verhältnismäßig wenig. Mit den Unfällen in der Bau- und Bergwerksindustrie ist es anders. Durch Telegramme schnell verbreitet, lösen wenigstens die Nachrichten von den großen Ratastrophen doch das übliche Bedauern" der bürgerlichen Welt aus. Ein Handelsschiff indes kann monatelang verschollen sein, ohne daß man überhaupt etwas davon erfährt. Nur der mit dem Gelde rechnende Reeder im stillen Kontor ahnt Unheil, und bald wird bei den Angehörigen der Besatzung der Kummer wach, in banger Sorge fordern sie Auskunft über den Verbleib ihrer Ernährer. Findet ein kleiner Handelsdampfer mit einem Dußend Mann Besabung in den regelmäßigen Herbst- und Winterſtürmen sein ,, Biskaya", so verursacht das weiter feine Erregung. Allerdings wenn eine„ Titanic" mit Millionären in den Fluten versinkt, so ist vom Landesvater bis zum letzten Spießbürger herab alles tief erschüttert. In den 22 Jahren von 1888 bis 1910 famen auf deutschen Schiffen nicht weniger als 50 000 Verlegungen und 9500 Todesfälle vor. Und von deutschen Seeschiffen sind in den acht Jahren von 1901 bis 1909 insgesamt 679 gesunken. Auf diesen Schiffen waren 7237 Mann Besabung, von denen 2013 ihr Grab in den Fluten fanden. Man beachte diese hohen Ziffern in dem genannten kurzen Zeitraum und bedenke, daß hierbei ertrunkene Passagiere nicht mitgezählt sind, und vergleiche dann in seinen eigenen Erinnerungen, wie wenig man eigentlich von diesen Katastrophen gehört hat. Annähernd 700 deutsche Schiffe find in acht Jahren gesunken, man wird sich indessen nur eines, höchstens zweier Dußend von Fällen erinnern, in denen eine Katastrophe zur See größeres Aufsehen erregt hat. Wieviel Todeskämpfe haben da stattgefunden, und wieviele Familien wurden ihrer Ernährer beraubt, ohne daß die bürgerliche Welt sich darüber aufregte. Vor der Macht der Elemente gibt es keinen Schutz," schreiben wohl jeweilig die bürgerlichen Blätter als die Verteidiger der kapitalistischen Profitwirtschaft. In bezug auf die Schiffe ist dies nichts als ein verlogenes Gerede, das dazu bestimmt ist, das phlegmatische bürgerliche Gewissen zu besänftigen. Das geht selbst aus den Sprüchen unserer Seeämter und Oberfeeämter hervor, die doch sicher niemand besonderer Zuneigung für die ausgebeuteten und geopferten Seeleute zeihen wird. Häufig müssen sie feststellen, daß„ der schlechte Zustand des( gesunkenen) Schiffes für die Seefahrt nicht geeignet" war. So lautete eine Stelle in dem Spruch des Danziger Seeamtes vom 9. April vorigen Jahres, das über die Strandung der beiden 40 Jahre alten Dampfer Prinz Heinrich" und" Adler" zu urteilen hatte, und ähnliche Urteile könnten noch mehr angeführt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß, wenn ein Schiff verschollen ist, zunächst auch damit die Zeugen über dessen Zustand verschollen sind. Dem Gerichtshof liegt also meist nur ein einseitiges Zeugnis des Reeders oder des Untersuchungsbeam" 22 " Die Gleichheit ten vor. In dem gewerkschaftlichen Organ der Seeleute kann man in jeder Nummer den Nachweis finden, daß die Kontrolle der ausfahrenden Schiffe ungenügend ist. So hatte die Kontrollstelle nichts an den Dampfern Palermo" ,,, Savona" und„ Genua" der Slomannlinie zu beanstanden gefunden, die vor anderthalb Jahren infolge ihres schlechten Zustandes gesunken sind. Bei der Todesfahrt des Rostocker Dampfers Edith" vor zwei Jahrer mußte gerügt werden, daß bereits bei der Abfahrt Wasser in das Schiff eingedrungen war. Trotzdem war der Kapitän aus Rücksicht auf die Konkurrenz nicht umgekehrt und hatte dadurch die Mannschaft in den Tod geführt. Der Vertreter des Reichsoberseeamtes, Oberregierungsrat Wolfram, sprach damals die Hoffnung aus, ,, daß ein so trauriger Fall, der ein so schlechtes Licht auf die deutsche Seeschiffahrt zu werfen geeignet ist, möglichst selten bleiben möge". Nun, der Herr Oberregierungsrat kennt so gut wie wir diese Seltenheit". Die Besaßung wird wegen Kontraktbruches bestraft, wenn sie davonläuft, weil sie das ihr drohende Unheil vor Augen hat und für sich und ihre Angehörigen das nadte Leben retten will. Daß Frenssen nicht übertrieben hat, wenn er in seinem Buche das Sargschiff 40 Jahre alt sein läßt, ist jedem Kundigen klar. 52 Jahre zählte der vor vier Jahren gesunkene ,, Archimedes" der Stettiner Dampferkompagnie, bei dessen Untergang dreizehn Personen ertranfen. Eine verbrecherische Gefährdung des Lebens der Seeleute ist ferner die überladung der Schiffe. Bis zur äußersten Möglichkeit werden die Dampfer vollgepackt. Vor einiger Zeit fand eine Versammlung der Kapitäne der Handelsmarine statt, bei der erklärt wurde, daß nach der heutigen Tiefladelinie die Schiffe durchschnittlich um 10 bis 13 Prozent zu schwer geladen sind. Natürlich erhöht eine solche überladung die Gefahr für die Seeleute ungemein, die sich in vielen Fällen nicht anheuern lassen würden, wenn nicht die Not sie dazu zwänge. Und auch dem Reedertum steht die industrielle Reservearmee zu Handen. Wenn irgendwo, so ist im Seemansberuf der rücksichtslose Kampf der geschlossenen Arbeiterorganisation gegen die Habgier des Reederkapitals heilige Menschenpflicht. Denn die Maßnahmen, die die Regierung des Klassenstaats für die Sicherheit der Seeleute ergreift, sind ebenso unzuverlässig wie die morschen Planken eines Sargschiffes. Was da zu erwarten ist, hat im Reichstag die Antwort des Staatssekretärs Dr. Delbrück auf eine sozialdemokratische Anfrage gezeigt. Die Sozialdemokratie hatte gefordert, daß der Vertreter der Seeleute zur internationalen Schiffahrtskonferenz hinzugezogen werde. Der Staatssekretär hatte für diese bescheidene Forderung nur ein geringschäßiges Achselzucken. Regierungsbertreter und Reeder pflegen sich bei Katastrophen gewöhnlich mit der Ruhe von Philosophen auf den lateinischen Spruch am Bremer Seemannshaus zu berufen:„ Navigare necesse est vivere non est necesse", das heißt schiffahren ist notwendig, leben nicht. Es ist das die bequeme Moral des ausbeutenden Kapitals, dem Gold alles, Menschenleben nichts ist. Tausende darbender Witwen und Waisen, jammernder Mütter, Schwestern und Bräute fluchen dieser Moral. Auch sie ruft die Frauen zum Kampfe gegen die heutige Ordnung. Josef Klich e. Der freie Sonnabendnachmittag. Bon Marta Hoppe. ( Fortseßung.) ( Referat auf dem elften Verbandstag des Deutschen Textilarbeiterverbandes in Stuttgart.) Selbst wenn die Freigabe des Sonnabendnachmittags auf mehr Schwierigkeiten stoßen würde, als in Wirklichkeit zu beseitigen find, müßten wir auf der Forderung bestehen. Ihre Verwirklichung würde wenigstens in etwas dem schamlosen Raub= bau Einhalt tun, der namentlich mit der weiblichen und jugendlichen Arbeitskraft getrieben wird. Sind aber die Schwierigkeiten, die der Einführung des freien SonnabendnachNr. 2 mittags entgegenstehen, wirklich große oder gar unüberwindliche? Die vom Vorstand des Textilarbeiterverbandes veranstaltete Umfrage gibt darüber zwar keinen genauen, aber doch einen ungefähren Aufschluß. Von den 316 Filialen haben 267 die Fragen beantwortet. Nicht alle Antworten waren brauchbar. Das Ergebnis umfaßt 6451 Betriebe mit 529 045 Personen. Nach der Betriebszählung von 1907 gibt es in der Textilindustrie 161 218 Betriebe mit 1088 280 beschäftigten Personen, von denen 52 Prozent Arbeiterinnen sind. Die Umfrage hat nur einen kleinen Teil der Betriebe umfaßt und etwa die Hälfte der beschäftigten Personen. Die Arbeitszeiten verteilen sich für den Sonnabend folgendermaßen: 11 Betriebe mit 3371 Personen schließen um 12 Uhr 2100 0 2 212 24 51 86 275 V M V M N 29530 = = 1324 57 V 21604 M V 19212 18913 44683 O 81584 404 73465 424 F 2626 M 783 53 335 93220 58507 M 90 M 8112 M 17 = = 815 = 1440 4 M = = 日 D 121 = 1½ = 21/2 = = 12231908 11 = 31/2 4 V 412= 5 = = = = = 51/2= V 6 61/3= = 7 # = Unter den um 4 und 5 Uhr schließenden Betrieben befindet sich eine Anzahl, wo der Feierabend um eine Viertelstunde früher eintritt. Von 2400 Arbeiterinnen wird berichtet, daß sie eine halbe bis zwei Stunden früher aufhören als die Männer. Wie können wir nach dem Ergebnis den Begriff des freien Sonnabendnachmittags feststellen? Wenn man jetzt bei Betriebsschluß bis zu 2 Uhr von einem freien Sonnabendnachmittag redet, so besteht dieser schon für 303 Betriebe mit 58 000 Personen in 48 Orten. Nur in 408 Betrieben, in denen Arbeiterinnen beschäftigt sind, die ja nach den neuen Bestimmungen in der Gewerbeordnung an den Sonnabenden nicht länger als bis 5 Uhr schaffen dürfen, wird noch bis um 5 Uhr gearbeitet. Jn 2533 Betrieben mit 250 305 Personen erfolgt der Arbeitsschluß früher als 5 Uhr. Es ist anzunehmen, daß die noch nach 5 Uhr arbeitenden Betriebe nur männ liche Arbeitskräfte beschäftigen. Es sind das insgesamt 3466 Betriebe mit 160 654 Personen, darunter noch 17 Betriebe mit 815 Personen, die an Sonnabenden bis 7 Uhr arbeiten. Unter den berichtenden 6451 Orten sind nur 22 mit mehr als einem Betrieb, in dem für alle Unternehmen ein einheit. licher Arbeitsschluß besteht. In 48 Orten haben die Arbeiterinnen anderthalb bis drei Stunden früher Feierabend, als allgemein am Orte üblich ist. Der Gedanke des freien Sonnabendnachmittag hat bei unserer Arbeiterschaft also schon Wurzel geschlagen. Daß diese Neuerung den Unternehmern keine Schwierigkeiten macht, wenn sie nur den guten Willen dazu haben, und wenn die Macht der Arbeiterschaft stark genug ist, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, beweist neuerdings das Vorgehen der Kollegenschaft in Lesum. Hier wurde für die Arbeiterinnen der Tauwerkfabrik der freie Sonnabendnachmittag ohne jeden Widerstand gewährt. Daß durch die Forderung des freien Sonnabendnachmittags die nach Verkürzung der täglichen Arbeitszeit nicht in den Hintergrund gedrängt werden darf, sagte ich schon. Zwar sind in der Gewerkschaftspresse Stimmen laut geworden, die befürchten, der freie Sonnabendnachmittag schwäche die Forderung nach dem all gemeinen Achtstundentag ab. Jch behaupte aber das Gegenteil. Gerade der freie Sonnabendnachmittag läßt den Wunsch nach weiterer Verkürzung der täglichen Arbeitszeit erst recht lebendig werden. In Stuttgart haben zirka 6000 Personen, meist Arbeiterinnen in unserer Industrie, den freien Sonnabendnach mittag bei einer täglichen Arbeitszeit von 9/2 Stunden. Diese Arbeiterinnen haben ihren Unternehmern schon erklärt, sie könnten nicht länger als 9 Stunden täglich arbeiten. Der freie Sonnabendnachmittag bringt den Wunsch nach weiterer Verkürzung der täglichen Arbeitszeit durchaus nicht zum Schweigen, sondern läßt ihn also erst recht laut werden. Eines ist nicht zu verkennen: was in bezug auf den freien Sonnabendnachmittag bis jetzt erreicht worden ist, wurde ohne den nach außen scharf in Erscheinung tretenden Widerstand der Unternehmer erreicht. Anders wird die Sache nerden, wenn die Organisation die Forderung allgemein erhebt und Propaganda dafür zu entfalten beginnt. Dann ist es nicht mehr eine Angelegenheit, die zwischen den Unternehmern der einzelnen Orte und ihren Arbeitern oder deren Organisation geregelt wird, Nr. 2 Die Gleichheit sondern dann wird es eine Angelegenheit von prinzipieller Bedeutung, die den Widerstand der Unternehmer Herausfordert. Dann werden die Scharfmacherorgane wieder das bekannte Lied von dem Ruin der Industrie anstimmen, sie werden versuchen, den durch die veränderten Verhältnisse gebotenen berechtigten Forderungen der Arbeiterschaft die Diktatur ihrer mächtigen Organisationen entgegenzusetzen. In frischer Erinnerung ist uns allen noch die Hofer Aus= sperrung, deren Ursache darin bestand, daß die Arbeiter sich den freien Sonnabendnachmittag, der ihnen durch Produktionseinschränkungen gegeben wurde, nicht wieder nehmen lassen wollten. Sie hatten nach Aufhebung der Produktionseinschränkung gegen die Beseitigung der Neuerung heftig opponiert; ganz besonders waren es die Frauen, die den Wert des freien Sonnabendnachmittags schäßen gelernt hatten. Durch Vereinbarung mit ihren Unternehmern erreichten die Arbeiter der in Frage kommenden drei Hofer Betriebe die endgültige Freigabe des Sonnabendnachmittags. Ein wertvolles Zugeständnis, daß auch die Unternehmer darauf vorbereitet sind, die Forderung nach dem freien Sonnabendnachmittag würde bald allgemein erhoben werden, lag zweifellos in der Erklärung des einen Hofer Firmeninhabers:„ Machen wir es jetzt nicht, so bekommen wir die Sache später noch einmal, es ist daher besser, wir regeln es jetzt gleich." Die Regelung der Frage in Hof paßte aber dem Verband süddeutscher Textilindustrieller nicht in den Kram. Als die Augsburger Textilarbeiter, sich auf das Hofer Beispiel berufend, in eine Bewegung für den freien Sonnabendnachmittag eintraten, benußten die Scharfmacher ihre Machtstellung dazu, die Hofer Fabrikanten zu veranlassen, ihre der Arbeiterschaft gemachten Zugeständnisse zurückzuziehen. Der freie Sonnabendnachmittag ging wieder verloren. Es wurde ein einheitlicher Arbeitsschluß in allen Hofer Betrieben für den Sonnabend festgesetzt. Aber der Gedanke an die Einführung des freien Sonnabendnachmittags lebt weiter und wird lebendig bleiben, bis er in die Tat umgesetzt ist. Die Bewegung ist durch die Hofer Aussperrung in Fluß gekommen, wie die an verschiedenen Orten neuerdings erhobenen Forderungen auf den freien Sonnabendnachmittag beweisen. Die durch Unternehmerbrutalität verfügte Aussperrung war der Auftakt zu den Kämpfen, die die Unternehmer den Arbeitern zugedacht haben, wenn diese es wagen sollten, die Grenzen der Ausbeutungsmöglichkeit etwas enger zu ziehen. Dabei bedeutet die Freigabe des Sonnabendnachmittags, wie längst erwiesen ist, nicht einmaleine Herabsehung der Rentabilität der Unternehmungen. Die Unternehmer, die den freien Sonnabendnachmittag in ihren Betrieben eingeführt hatten, haben keinen Schaden davon gehabt, die Arbeiterschaft hatte aber Vorteile, die sie sich nicht ohne Widerstand entreißen lassen durfte. Auch die Unternehmer der 303 Betriebe, die nach der Umfrage Sonnabendnachmittag schließen, würden auf die Vorteile, die sich für die in diesen Betrieben beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen daraus ergeben, recht gründlich pfeifen, wenn sie selbst Nachteile davon hätten. Daß die Arbeitsleistung bei fürzerer Arbeitszeit nicht ab-, sondern zunimmt, ist auch den Unternehmern bekannt, ist ja sogar aus Unternehmerkreisen schon bestätigt worden. über die gesteigerte Arbeitsleistung der Textilarbeiterinnen, insbesondere bei kürzerer Arbeitszeit, hat der italienische Genosse Azi monti vor kurzem beachtenswerte Erhebungen angestellt. Nach ihm konnte die Erhöhung des Arbeitsertrags bei Herabsehung der täglichen Arbeitszeit von 12 auf 11 Stunden beobachtet werden. Beim übergang vom Elfzum Zehnstundentag konnten die Unternehmer schon nach 14 Tagen feststellen, daß der Arbeitsertrag des Zehnstundentags dem des Elfstundentags merklich überlegen war. Bei den in dem beobachteten Bezirk in der Textilindustrie beschäftigten Müttern, die die Erlaubnis haben, zur Stillung ihrer Säuglinge morgens und mit tags je eine Stunde länger vom Betriebe fernbleiben zu dürfen, konnte ferner festgestellt werden, daß sie in achtstündiger Arbeitszeit bei gleichen Löhnen und denselben Artikeln auf den gleichen Stühlen in einer Zahlperiode mehr verdienen als ihre Kolleginnen in zehn Stunden. Ist das nicht Beweis genug für die Produktivität der kurzen Arbeitszeit? Derartige Beobachtungen, bei uns angestellt, würden dieselben, wenn nicht günstigere Resultate zeitigen. Warum sollen wir noch zögern, eine Verkürzung der Arbeitszeit durch Einführung des freien Sonnabendnachmittags zu fordern? ( Schluß folgt.) William Mailly, ein sozialistischer Vorkämpfer. 23 In William Mailly, der allzujung, in voller Manneskraft kürzlich vom Leben scheiden mußte, hat die sozialistische Bewegung der Vereinigten Staaten einen ihrer trefflichsten Kämpfer verloren. William Mailly war im wahrsten Sinne des Wortes ein Sohn des Volkes. In Armut wurde er geboren und auferzogen; sein ganzes Dasein war ein harter Kampf mit materieller Not, und doch hat er sich aus eigener Kraft emporgerungen aus den Tiefen des Elendes und der Unwissenheit zum geistigen Führer des Proletariats. William Mailly wurde als der Sohn armer irländischer Einwanderer in der Fabrikstadt Pittsburg in Pennsylvanien geboren, schon wenige Jahre nach seiner Geburt kehrten seine Eltern jedoch nach der Alten Welt zurück, und so verlebte er seine Kindheit teils in Schottland, teils in England. Die Verhältnisse im elterlichen Hause waren immer die ärmlichsten, und nur den heroischen Anstrengungen und Opfern einer vortrefflichen Mutter von der er immer mit der höchsten Liebe sprach war es zu verdanken, daß der kleine Will wenigstens die elementarsten Schulfenntnisse erwerben fonnte. Als siebzehnjähriger Jüngling kehrte er allein in die Vereinigten Staaten zurück und fand Beschäftigung als Grubenarbeiter in den Kohlenminen von Alabama. Dort herrschten seinerzeit ganz menschenunwürdige Zustände, und Maillys reger Geist, seine Ausdauer und Arbeitskraft und sein geborenes Talent zum Führer rissen ihn bald mitten in den Strom der Arbeiterbewegung. Als in dem Minendistrikt, in dem er arbeitete, der große, denkwürdige Grubenarbeiterstreif von 1893 ausbrach, betätigte Mailly eine solche agitatorische und organisatorische Fähigkeit, daß ihm bald das volle Vertrauen der Arbeiter und der ungeteilte Haß der Grubenbesizer zuteil wurde. Als nach Beilegung des Streifs die anderen Arbeiter in die Gruben zurückkehrten, wurde ihr Führer Mailly nicht wieder eingestellt. So verließ er die Gegend und damit auch zugleich das Gewerbe, aber er ist später immer mit der gewerkschaftlichen Organisation der Grubenarbeiter in engster Verbindung geblieben. Zunächst führte ihn nun das Wanderschicksal des Arbeiters nach Nashville, Tennessee, wo er als Fuhrmann Beschäftigung fand und wo der Zufall ihn auf seine spätere journalistische Laufbahn lenkte. Da er jede freie Stunde dem geiftigen Streben widmete und sich wieder mit Feuereifer in die Arbeiterbewegung warf, erkannten die Leiter einer Arbeiterzeitung, mit denen er in Verbindung trat, bald seine Fähigkeiten und gewannen ihn als Mitarbeiter. In diesen und den folgenden Jahren arbeitete Mailly unaufhörlich an der eigenen vernachlässigten Bildung. Er las Geschichte, er beschäftigte sich eingebend mit Politik und sozialen Fragen, er erwarb nicht unbedeutende literarische Kenntnisse und gewann so allmählich aus eigener Rraft eine tüchtige allgemein menschliche Bildung, die ihn in späteren Jahren jedem bürgerlich Gebildeten gleichstellte. In diesen Johren las und lernte sich Mailly auch zur sozialistischen Weltanschauung durch. Schon während des Grubenstreifs war er zu der Erfenntnis gekommen, daß der gewerkschaftliche Kampf durch den politischen ergänzt werden müsse, und nun fand er in sozialistischen Schriften die feste theoretische Grundlage seiner praktischen Erkenntnis. So wurde William Mailly Sozialist, noch ehe es in den Vereinigten Staaten eine eigentliche sozialistische Bewegung gab. Als im Jahre 1897 die sozialdemokratische Partei von Amerika begründet wurde, war er einer der Mitbegründer und eifrigsten Befürworter der jungen politischen Organisation. In der sozialistischen Partei selber hat Mailly im Laufe der Jahre viele und verschiedenartige, aber immer wichtige berantwortliche Ämter bekleidet. Er war bald in Massachusetts, bald in New York als Organisator tätig; er leitete mehrere lokale Wahlkampagnen; er war während großer 24 Die Gleichheit Nr. 2 Aus der Bewegung. Resolutionen I. Teuerungsfrage. Streits offizieller Berichterstatter für die Parteipresse und leitete zwei Jahre lang das nationale Parteibureau in Chicago. Dabei arbeitete er faft ununterbrochen journalistisch. Er war Mitarbeiter an mehreren sozialistischen Zeitungen des Sozialdemokratischen Parteitags zu Chemnitz. und Zeitschriften; er redigierte erst die Zeitschrift ,, Socialdemocrat" in Haverhill, Massachusetts, und später das Wochenblatt„ The Worker" in New York, und als unser New Yorker Tagesblatt„ The Call" begründet wurde, gehörte Mailly dem ersten Redaktionsstab an. Es war seiner Natur eigen, das, was er tat, immer mit der Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit zu tun. So gab er sich auch in der ersten schweren Zeit mit unermüdlicher Ausdauer der Leitung und Erhaltung des„ Call" vollständig hin. Sein langjähriger Freund und Mitarbeiter Algernon Lee schreibt von dieser Zeit:„ Die, alte Garde im Redaktionszimmer erinnert sich noch lebhaft daran, mit wie großem Enthusiasmus Mailly an die Arbeit ging. Unter den schwersten Bedingungen, wenn die Aussichten fast hoffnungslos schienen, war er seinen Rollegen eine stetige Inspiration." Um die nämliche Zeit begann fich aber in Mailly das schwere Leiden zu äußern, das ihn jetzt frühzeitig dahinraffte, und zwang ihn, die anstrengende Arbeit niederzulegen. Er arbeitete aber trotzdem journa listisch weiter und verfolgte unentwegt das Ziel, auf literarischem Gebiet Größeres zu leisten. Es war sein persönlicher Ehrgeiz, der Wunsch seines Lebens, Mitarbeiter an einem oder mehreren der großen amerikanischen„ Magazines"( Zeitschriften) zu werden, und er stand gerade am Anfang der Erfüllung seiner Wünsche, als der Tod ihn abrief. Es war eine bemerkenswerte Erscheinung, daß dieser Grubenarbeiter, der sich selbst gebildet hatte, sich im Laufe seiner journalistischen Laufbahn zum angesehenen dramatischen Kritifer entwickelte. Mailly verstand es, Bühnenwerke, namentlich solche moderner Schriftsteller, mit einer Feinheit und Schärfe zu zergliedern, daß er die Aufmerksamkeit der Theaterwelt auf sich lenkte. Schon am " Worker" und später am„ Call" bildete die Besprechung von Echauspielen einen Teil seiner Arbeit, und vor ungefähr zwei Jahren wurde er fest als dramatischer Kritiker am " Twentieth Century Magazine" angestellt, einer hervor. ragenden amerikanischen Zeitschrift. Im vergangenen Früh jahr erst eröffnete sich ihm noch ein zweites reicheres Feld der Tätigkeit, das ihm die größte Freude und Genugtuumg gewährte. Das„ Metropolitan Magazine", ebenfalls eine der zahlreichen großen Zeitschriften, die hier erscheinen, machte eine plößliche Schwenkung zum Sozialismus und berief Mailly als Mitglied seines Redaktionsstabs. Seine journa listische Arbeit wurde ihm nicht leicht, denn er mußte fie unter schweren förperlichen Leiden verrichten. Aber seine große geistige Regfamkeit und die Liebe zu seinem Werke hielt ihn aufrecht bis zum Ende. Noch am Tage vor seinem Tode schrieb er seinen lezten Artikel. Persönlich war William Mailly ein liebenswerter Mensch von rauhem äußeren und weichem Gemüt, aufrichtig, vertrauenswürdig und gut. Er lebte neun Jahre lang in ungetrübt glücklicher Ehe mit einer gebildeten Frau, die er als Genossin im sozialistischen Lager kennen gelernt hatte. In treuer idealer Kameradschaft teilten die beiden alle Freuden und Leiden, alle Rämpfe und Bestrebungen, alle Arbeiten und Erfolge. Auch die sozialistische Frauenbewegung hat in Mailly einen treuen Kampfgenossen verloren. Schon lange ehe es in den Vereinigten Staaten eine sozialistische Frauenbewegung gab, hat er auf die Notwendigkeit einer solchen hingewiesen, und immer und überall ist er mit Wort und Schrift für die soziale und politische Gleichstellung der Frauen eingetreten. Ein ganzer Mensch, einer, auf den das Proletariat in seinem Kampfe mit Stolz hinweisen kann, einer, dessen Wirken und Streben noch fortleben wird nach seinem Tode, so bleibt in unser aller Angedenken William Mailly lebendig. Meta 2. Stern, New York. Der Parteitag fonstatiert, daß der Kapitalismus in der stür mischen Entwicklung der beiden letzten Jahrzehnte zu einer ungeheuren Reichtumsvermehrung der Besitzenden geführt hat, während die arbeitenden Klassen durch die zunehmende Verteuerung ihrer wichtigsten Bedarfsgegenstände an der Erhöhung ihrer Lebens. haltung gehindert worden und in Gefahr geraten sind, der Kampferrungenschaften ihrer gewerkschaftlichen Organisationen beraubt zu werden. Der Parteitag sieht in diesem Gegensah der Bereiche rung der wenigen Kapitalmagnaten und der zunehmenden Massenberarmung den stärksten Beweis für die Unvereinbarkeit der kapitalistischen Produktionsweise mit den Interessen der arbeitenden Klassen und für die Notwendigkeit des Sozialismus, das heißt für die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums in ge sellschaftliches Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion. Der Parteitag erkennt in der herrschenden Schußzollpolitik Teutschlands die Ursache der unerträglichen Verschärfung der Teuerung. Er fordert die Beseitigung dieser Wirtschaftspolitik, deren Zweck nur die ungeheuerliche Steigerung der Beute der Großkapitalisten, Großgrundbesizer und Spekulanten, die treib hausmäßige Förderung der Kartelle und Ringe und die Erhöhung ihrer Monopolprofite bildet. Der Parteitag fordert daher eine gründliche Reform unseres Steuersystems mit dem Ziel der Be seitigung aller indirekten Steuern auf die Verbrauchsartikel der Massen und ihre Ersetzung durch direkte Vermögens-, Einkom mens- und Erbschaftssteuern. Der Parteitag fordert die Beseitigung des Systems der Einfuhrscheine, die Aufhebung aller Lebensmittelzölle und der Zölle auf Futtermittel, die den Großgrundbesitz auf Kosten der städti schen und der bäuerlichen Bevölkerung begünstigen. Er fordert insbesondere zur Abhilfe der Fleischnot die sofortige Aufhebung der Vieh- und Fleischzölle, die Öffnung der Grenzen für Bieh und Fleisch unter Beachtung unerläßlicher gesundheit. licher Überwachungsmaßregeln und der entsprechenden Abände rungen des Gesetzes betreffend die Schlachtvieh- und Fleischbeschau, um die Einfuhr von frischem und zubereitetem Fleisch, insbesondere auch von Gefrierfleisch, dauernd zu ermöglichen. Dieselben Junker und Scharfmacher, welche die Aushungerung des Volkes durch ihre Zollwucherpolitik verschulden, wollen nun dessen Widerstand brechen, indem sie das ohnehin schon ungenügende Koalitionsrecht völlig erdrosseln. Der Parteitag protestiert gegen diese infame Vergewaltigung der Arbeiter und fordert vielmehr die Ausgestaltung und Sicherung der Koalitionsfreiheit. Der Parteitag erklärt die sofortige Einberufung des Reichstags für unerläßlich und fordert die arbeitende Klasse auf, den Kampf gegen das herrschende Ausplünderungssystem auch im Hinblic auf die Neugestaltung der gesamten deutschen Handelspolitik und die gemeingefährliche Untätigkeit der kapitalistischen Klassenregierung gegenüber dem schreienden Notstand der Massen mit aller Wucht fortzusetzen. II. Imperialismus. Die unter Verfümmerung der Lebenshaltung des ausgebeuteten Proletariats gewaltig entwickelte Produktion treibt zur Erweite rung der Märkte, die riesige Anhäufung des Kapitals drängt nach neuen Anlagegebieten und Verwertungsmöglichkeiten. Mit der zunehmenden Ausfuhr von Waren und Kapital, von Produktions- und Transportmitteln wird der Weltverkehr immer mehr gesteigert und die Weltwirtschaft ausgebreitet. Die durch das Schußzzollsystem mächtig geförderten Organisationen der Unternehmer, Kartelle und Trusts, die das Wirtschaftsleben in steigendem Maße beherrschen, nußen ihren Einfluß auf die Regierung ihres Staates aus, um die staatlichen Machtmittel ihren Expansionsbestrebungen dienstbar zu machen, von dem Wirtschaftsgebiet der Welt große Teile ihrer Einfluß- und Machtsphäre zu unterwerfen und fremde Konkurrenten auszuschließen. Zu diesem Zweck ist die brutalste Gewalt willkommen, wenn sie Erfolg verspricht. lichen Charakter bereits der Parteitag in Mainz im Jahre 1900 Eine strupellose Raub- und Eroberungspolitik, deren volksfeindgebrandmarkt hat, ist die Folge dieser imperialistischen Ausdehnungsbestrebungen. Um Beutezüge siegreich durchzuführen und den Raub in Sicherheit zu bringen, werden die Mordwerkzeuge in unerhörter Weise vermehrt und vervollkommnet. Nr. 2 Die Gleichheit Bwischen den Staaten, deren Kapitalistenklasse dasselbe Expan fionsbedürfnis hat und zu seiner Befriedigung dasselbe Ziel verfolgt, entstehen schwere Verwicklungen und scharfe Gegensäße, die wiederum den Antrieb für bis zum Wahnwiß vermehrte und verstärkte Rüstungen geben. Die dadurch erzeugte Gefahr eines verheerenden Weltkriegs wird noch verschärft durch die schamlose Heze ber Kapitalmagnaten und Junker, die an der Lieferung von Kriegsmaterial, an der Vergrößerung des Beamtenapparats und ber leitenden Stellen in Heer und Marine besonderes Interesse haben. Der Imperialismus stärkt die Macht der Scharfmacher, gefähr det das Koalitionsrecht und hemmt die Fortentwicklung der Sozialpolitik. Die Rüftungsausgaben bürden den Massen des Volkes unerträgliche Lasten auf, während die Teuerung aller Lebensmittel ihre Gefundheit untergräbt. Die bürgerlichen Parteien sind durchweg in den Bann des Jmperialismus geraten, sie bewilligen widerstandslos alle Forde rungen für Heer und Marine. Die Sozialdemokratie bekämpft auf bas nachdrücklichste imperialistische und chauvinistische Bestrebungen, wo immer sie sich zeigen mögen, pflegt dagegen mit aller Entschiedenheit die internationale Solidarität des Proletariats, bas nirgends feindselige Gefühle gegen ein anderes Volk hegt. Wenn auch der Imperialismus, der ein Ausfluß der kapitalistifchen Wirtschaftsweise ist, nur mit dieser vollständig überwunden werden kann, so darf doch nichts unterlassen werden, um seine gemeingefährlichen Wirkungen zu mildern. Der Parteitag befundet den entschlossenen Willen, alles aufzubieten, um eine Verständigung zwischen den Nationen herbeizuführen und den Frieden zu hüten. Der Parteitag verlangt, daß im Wege internationaler Vereinbarungen dem Wettrüsten ein Ende gemacht wird, das den Frieben bedroht und die Menschheit einer furchtbaren Katastrophe entgegentreibt. Der Parteitag fordert an Stelle beutegieriger Eroberungspolitik die Freiheit des Weltverkehrs und die Beseitigung des nur der Bereicherung von Kapitalmagnaten und Großgrundbesitzern dienenden Schutzollsystems. Der Parteitag erwartet, daß die Barteigenoffen ihre ganze Kraft unermüdlich für den Ausbau der politischen, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisation des klassenbewußten Proletariats einseßen werden, um mit verstärkter Wucht den gewalttätigen Im perialismus zu bekämpfen, bis er niedergerungen ist. Ist es doch die Aufgabe des Proletariats, den auf die höchste Stufenleiter gebrachten Kapitalismus in die sozialistische Gesellschaft überzu führen und so den Frieden, die Selbständigkeit und die Freiheit der Völker dauernd zu sichern. Eine Besprechung der weiblichen Delegierten des Parteitags fand am Montagabend der Parteitagswoche statt. Gewünscht war die Besprechung von den sächsischen Delegierten worden, die über Einzelheiten der Agitations- und Organisationsarbeiten einen Meinungsaustausch wünschten. Genoffin Biek leitete die Situng ein mit dem Hinweis, daß es erfreulicherweise gelungen sei, in einer ganzen Reihe von Bezirken in Frauenkonferenzen die Fragen der Agitation unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse zu besprechen, und für das bevorstehende Geschäftsjahr seien von den wichtigsten Bezirken des Reiches bereits Konferenzen angemeldet. Sturz legte sie dar, was in diesen Konferenzen, die sich als äußerst fruchtbar für die Werbungs- und Schulungsarbeit unter den Genoffinnen erwiesen, zur Besprechung gelangen werde und forderte bie Delegiertinnen auf, ihre Wünsche in bezug auf die Tagesordnung dieser Zusammenfünfte zu äußern. Eine lebhafte Aussprache, an der sich die Genossinnen AgnesDüsseldorf, Bollmann- Halberstadt, Eisinger- Mainz, Wulf, Mittag und Fahrenwald- Berlin, Brandenburg- Hamburg, Grünberg- Nürnberg, Lachermeyer- München, Rösch- Dresden, Schlag- Chemnitz und andere beteiligten, fand statt. Eine turze Diskussion über die Beteiligung der Genoffinnen in der Jugendbewegung entwidelte sich, bei der Genossin Wurm und Lachermeyer gute informierende Ausführungen machten, in denen gezeigt wurde, wie wichtig es ist, auf die Arbeitereltern, besonders auf die Arbeitermütter einzuwirken, damit sie ihre Buben und Mädel der proletarischen Jugendbewegung zuführen. Genossin Schlag wünschte ein stärkeres Werben unter der weiblichen Jugend. In einer Aussprache über den Frauentag wurde allseitig auf das lebhafteste eine Wiederholung der Demonstration für das Frauenwahlrecht gewünscht. Der hohe agitatorische Wert der Veranstaltung wurde einstimmig anerkannt. Einmütigkeit herrschte auch darüber, daß dem Parteivorstand die Festsetzung 25 des Termins zu überlaffen sei, wobei der Wunsch geäußert wurde, möglichst den März zu wählen. Mit Rücksicht darauf, daß der inter nationale Kongreß und damit auch die internationale Frauenkon ferenz erst für das Jahr 1914 geplant find, wurde der Wunsch aus gesprochen, die nationale Reichstonferenz im Jahre 1913 einzuberufen. Gewünscht wurde, auf die Tagesordnung unter anderem zu setzen:„ Die Frauen und die Lebensmittelteuerung" und„ Die Aufgaben der Kinderschußkommiffionen". L. Z. Agitation unter den Bergarbeiterfrauen in Niederschlesien. Als im Frühjahr die englischen Bergleute ihren großen Kampf um den Mindestlohn führten, hielten auch die deutschen Berga arbeiter die Stunde für gekommen, ihre niedrigen Löhne aufzu bessern, die in dieser Zeit der Lebensmittelteuerung gänzlich un zureichend waren. Hier in Niederschlesien kam es erst gar nicht so weit wie im Ruhrrevier, wo die Christlichen ihren Arbeitsbrüdern während des Kampfes in den Rücken fielen. Kaum hatten die niederschlesischen Bergleute ihre Forderungen eingereicht, so ließen auch schon die Gelben durch den bekannten Söld ling des Grubentapitals Fichtner beim Landrat um Gendarmen und Militär bitten. Als dies von bürgerlichen Blättern festgenagelt wurde, brüstete sich Fichtner im„ Feierabend" dies Blatt lassen die Kohlenbarone zur Verdummung und Verknechtung der Bergarbeiterschaft in den Gruben unentgeltlich verteilen- folgendermaßen: Jch, Fichtner II, war beim Herrn Landrat, habe dringend gerade um Militär gebeten, werde es, wenn die Verhältnisse es rechtfertigen, wieder tun, und werde, wenn dieser militärische Schuß für die große Zahl der Arbeitswilligen nicht ausreicht oder nicht möglich ist, dem Reichstreuen Verband die Selbsthilfe empfeh len und dieselbe organisieren.... Wer hat etwas dagegen? Wer tann es ändern? Wer will es wagen, mich im Wiederholungsfall daran zu hindern?" Und richtig wurden auch in den Gruben Schlagriemen, Gummiknüttel, Revolver und andere Erziehungswerkzeuge ausgeteilt. Zu welchem Zwede, weiß man ja. Man wollte wie in Moabit die Massen aufreizen, um der bewaffneten Staatsgewalt ein scheinbares Recht zum Angriff zu geben. Die Hungernden sollten mit blauen Bohnen gefüttert werden. Angesichts dessen konnten die Führer der Bergleute nicht zum Streit raten. Die Verhandlungen wurden abgebrochen, die Grubenherren versprachen aber, den Bergleuten freiwillig zuzulegen. Beim Versprechen bliebs denn auch: die Schichtlöhne sind noch gesunken. Wird es in der Folge den Proletariern immer schwerer, ihr Leben zu fristen, so deckte in dem bereits erwähnten Feierabend" gegen gute Bezahlung Herr Heinrich Grund die wahre Ursache ihrer Not auf:" Not und Elend gibt es nicht, wo dies doch der Fall ist, arbeitet der Mann nicht genug, die Frau versteht nicht zu wirtschaften und einzuteilen, und der Mann gibt obendrein noch zu viel Geld für Alkohol und Tabak aus." Um auf diese Beschimpfung der Arbeiterschaft die Antwort zu geben und um Herrn Grund Gelegenheit zu bieten, seine Worte vor den Arbeiterfrauen zu wiederholen, berief der sozialdemokratische Kreisvorstand 16 Frauen. bersammlungen ein mit dem Thema:" Hat die Arbeiterschaft das maßlose Elend in Niederschlesien verschuldet und verstehen die Frauen nicht zu wirtschaften und zu kochen?" Zu diesen Versammlungen wurde auch Herr Grund brieflich eingeladen, der mutige Verleumder erschien aber in keiner von ihnen. Die 16 Frauenversammlungen waren zum Teil überfüllt und von über 6000 Frauen besucht. Redner war Genosse Arbeitersekretär Ost errot. Er gab einleitend ein Bild der deutschen Wirtschaftspolitik und schilderte dann auf deren Hintergrund die bei uns in Niederschlesien herrschenden Zustände, auf die wir noch zurüdfommen merden. Eine Resolution wurde angenommen, die sich gegen die Lebensmittelteuerung und gegen Arbeiterknebelungsgefeße wendet. In den Versammlungen wurden 150 Frauen für die Partei gewonnen, so daß diese jetzt im hiesigen Kreise neben 3566 männ lichen Mitgliedern 1250 weibliche zählt. Agnes Tittel, Neu- Salzbrunn. Aus den Organisationen. Seit Einführung der Frauenabende in Breslau sind zwei Jahre verflossen, und es verlohnt sich daher ein Rückblick auf ihre Entwicklung. Mit der Errichtung der Frauenabende war ein längst gehegter Wunsch unserer Genossinnen in Erfüllung gegangen, nach einem Mittel zur gründlichen Aufklärungsarbeit unter den Frauen. Seit Anfang der neunziger Jahre, als die Schar der Genossen in Breslau erst nach Hunderten zählte, waren einige Genossinnen bemüht, die proletarischen Frauen und Mädchen zu vereinigen und für die Ziele des Sozialismus zu gewinnen. Die Ordnungsgewalten duldeten das natürlich nicht und lösten mehr als einmal unsere Frauenvereine auf. Auch durch Geldstrafen anerkannten Polizei und Gerichte die tapfere Tätigkeit der betreffenden Genossien. Als dann im Jahre 1908 die Schranken gegen die politische Betäti 26 26 Die Gleichheit gung der Frauen fielen, da wurde mit verstärktem Eifer um weibliche Mitglieder für die Partei geworben. Eine Kinderschutztommission nahm ihre Tätigkeit auf und die Einrichtung von Frauenabenden zur theoretischen und praktischen Schulung der Genossinnen wurde beschlossen. Gründlich wurde vorgearbeitet, ehe man den ersten Frauenabend abhielt. Aus allen Bezirken wurden rührige Genossinnen herangezogen, um sie für die Leitung von Frauenabenden zu schulen. Dieser schwierigen Aufgabe unterzog sich der damalige Leiter unserer örtlichen Parteibewegung, Genosse E. Neukirch, der sich dadurch die dauernde Dankbarkeit der Proletarierinnen erworben hat. Drückt doch auf die Arbeiterfrauen der schlesischen Hauptstadt eine besonders schwere Sorgenlast, und in stummer erzweiflung über die nie endenwollenden Nöte des Lebens halten die Frauen noch fest zur Kirche. Hier gilt es, an die Stelle dumpfer Ergebung den Willen zum Kampfe für ein besseres Schickfal, an die Stelle des Glaubens die wissenschaftliche Erkenntnis zu seken. Am 20. Oktober 1910 fand der erste Frauenabend des sozialdemokratischen Vereins Breslau in acht Lokalen statt; reichlich 400 weibliche Mitglieder und eine Anzahl Genossen hatten sich eingefunden. Vorlesungen waren von vornherein ausgeschaltet, es wurden an allen Frauenabenden aufklärende Vorträge gehalten und an diese schloß sich meist eine sehr rege Diskussion an. Im Anfang waren es nur männliche Redner, die den Frauen und Mädchen die Grundsäße und Endziele der Sozialdemokratie erläuterten und sie in die sozialistische Gedankenwelt einführten. Doch bei den letzten Frauenabenden wirkten bereits sechs Ge= nossinnen und nur noch zwei Genossen als Vortragende. Genosse Th. Müller, der Vorsitzende des sozialdemokratischen Vereins, hatte es unternommen, einige Genossinnen mit agitatorischer Begabung in besonderen Sitzungen zu Rednerinnen heranzubilden. Zwei tüchtige Rednerinnen gewannen wir ferner in den Genoffinnen Gellrich und Friedländer, die aus der demofratischen Vereinigung zu uns übertraten. Auch Genossin See= linger war einige Zeit unter uns tätig. In Breslau sind die Frauenabende ein notwendiger Bestandteil der Parteiorgani jation geworden. Im letzten Tätigkeitsjahr wurden acht Frauenabende mit je acht Versammlungen veranstaltet. An drei Frauenabenden war es möglich, in allen Versammlungen die gleichen Fragen zu behandeln:" Die Frauen und die Reichstagswahlen", Lebensmittelwucher und Warenteuerung"," Die Frauen und die Gemeindepolitik". Lebhafte und anregende Debatten waren fast in jeder Versammlung zu verzeichnen. Unseren Frauenabenden ist es ganz wesentlich mit zu verdanken, daß der sozialdemokratische Verein neben 8486 männlichen Mitgliedern 1538 weibliche zählt. Auf Grund des neuen Vertretersystems für die geschäftsführenden Versammlungen und die Generalversammlungen wurden 65 Genossinnen als Vertreter und 18 als Ersatzvertreter gewählt. Die durch ihre Verfolgung der modernen Arbeiterbewegung in ganz Deutschland berühmte Breslauer Polizei konnte natürlich dem Aufschwung der sozialdemokratischen Frauenbewegung nicht tatenlos zusehen. Sie entsandte in jede der acht Versammlungen des Frauenabends am 19. Februar einen Kommissar und einen Unterbeamten zur Überwachung, indem sie die Versammlungen für öffentliche politische erklärte. Unsere Genossinnen protestierten gegen die Anwesenheit der Polizei in diesen Mitgliederversammlungen. Da die Polizisten die Lokale nicht verließen, wurden sechs der Versammlungen nicht abgehalten. Kurz darauf erhielten sämtliche Vorstandsmitglieder unseres Vereins und die acht Leiterinnen der Frauenabende Strafbefehle im Gesamtbetrag von 420 Mart. Das Schöffengericht als Berufungsinstanz sprach die Vorstandsmitglieder mit Ausnahme des Vorsitzenden frei, ebenso zwei der Leiterinnen. Gegen die Verurteilung der übrigen haben wir Berufung eingelegt. Ferner wurde die Genossin Renner zu 45 Mt. Geldstrafe verurteilt, weil sie in einem Frauenabend ge= sagt hatte, die Polizei benachrichtige die Milchhändler vor jeder Kontrolle. Der Staatsanwalt hatte gegen sie wegen verleumderischer Beleidigung der Breslauer Polizei" sechs Wochen Gefängnis beantragt. Alle diese polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen haben keine einzige unserer Genossinnen entmutigt. Jm Gegenteil, sie stacheln sie erst recht an, ihre ganze Kraft in den Kampf gegen die Herrschenden einzusetzen. Im neuen Jahre finden die Frauenabende allmonatlich statt. Außer den Frauenabenden haben im letzten Tätigkeitsjahr noch eine Anzahl weiterer Versammlungen für unsere Frauen stattgefunden, in denen allen Hunderte neuer Mitglieder für die Partei geworben wurden. Eine glänzende Kundgebung für das volle Bürgerrecht der Frau war in Breslau der zweite sozialdemokratische Frauentag. Leider war der Kinderschußkommission kein sehr erfolgreiches Wirken beschieden. Es ist ein zu schwieriges Gebiet, das diese in Breslau Nr. 2 zu bearbeiten hat und auf dem ihr die Armut unserer Arbeiter. schaft die größten Hindernisse in den Weg stellt. Noch ein großer Teil der Arbeiterschaft empfindet das Kinderschutzgesetz als eine Last, die ihr so farges Einkommen noch mehr schmälert. Die von den Frauen und für die Frauen in Breslau geleistete Arbeit ist nicht unbelohnt geblieben. Der schöne Aufschwung unserer Bewegung ist die Frucht der ausgestreuten Saat. r. Von der proletarischen Frauenbewegung in Chemnik und Umgebung.* Tausende von Textilarbeiterinnen fronen in unserer Gegend dem Kapital. Noch vor wenigen Jahren hielt man es für unmöglich, sie in größerer Zahl der Organisation zuzuführen. Kräftige Töne waren notwendig, um die Schlummernden aufzuweden. Sie wurden im Lager der Unternehmer geblasen. Was alle Agitation des Textilarbeiterverbandes nicht erreicht hatte, das brachte 1911 mit einem Male die Aussperrungswut der Metallindustriellen fertig. Als Tausende und aber Tausende von fleißigen Metallarbeitern aufs Straßenpflaster flogen, erkannte auch die Textilarbeiterschaft in steigender Zahl, wie notwendig es sei, an einer guten Organisation einen festen Rückhalt zu be sitzen. Die Zahl der im Textilarbeiterverband Organisierten stieg von ungefähr 3000 auf mehr als 6000, die weiblichen Mitglieder allein nahmen von 900 auf über 3000 zu. Gewiß ist noch die Fluktuation der Mitglieder, zumal der Arbeiterinnen, eine sehr große, doch hat sich trotzdem die angegebene Zahl nicht nur gehalten, sondern ist langsam, aber stetig weitergewachsen. Sehr erfreulich ist es, daß viele der gewerkschaftlich organisierten Frauen und Mädchen sich fleißig an allen Arbeiten der Organisation beteiligten. Im Gauvorstand, im Filialvorstand, in den Brand, enfommissionen, in der Aufsuchungskommission und nicht zuletzt bei der Hausagitation und bei den Betriebsversammlungen finden wir weibliche Mitglie= der eifrigst am Werke. Die großen und erbitterten wirtschaftlichen Kämpfe haben aber auch zahlreichen Proletarierinnen die Verderblichkeit, den Wahnsinn der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsweise aufgedeckt. In steigendem Maße bricht sich unter den Frauen und Mädchen die Erkenntnis Bahn, daß die bürgerliche Gesellschaft abgelöst werden muß durch die sozialistische Ordnung. Die Folge ist, daß sich in vielen Orten die Zahl der weiblichen Mitglieder in den sozialdemokratischen Vereinen beträchtlich vermehrt hat. Vielerorts wurden Frauendiskutierabende eingerichtet. An solchen Abenden sprach ich zum Beispiel in Lichtenstein Callnberg, Oberlungwiß, Altchemniz, Silbersdorf, Grüna usw. Die Genoffinnen zeigten meist sehr viel Intereffe für den Vortrag. In Grüna, wo ich sechs solche Abende abhielt, erschienen durchschnittlich 29 Genossinnen. Die Diskussion nach dem Vortrag war immer sehr lebhaft, so daß man seine helle Freude daran haben konnte. Daß in dem kleinen Orte der leitende Gedanke der modernen Arbeiterbewegung eine Stätte gefunden hat, zeigt sich auch daran, daß es hier 90 Abonnenten der Arbeiterjugend" gibt. M Auch dem Genossenschaftswesen bringen die Frauen jetzt überall mehr Interesse entgegen. Wie oft war früher nur ein fleiner Teil der Versammlungsbesucher Frauen, wenn genossenschaftliche Fragen behandelt wurden. Jezt übersteigt häufig die Zahl der weiblichen die der männlichen Teilnehmer. Es geht auf allen Gebieten vorwärts mit der unfreiwilligen Hilfe des Ausbeutertums und seiner staatlichen und gesellschaftlichen Schutztruppe, aber auch dank der Erkenntnis, Begeisterung und Cpferwilligkeit der zielbewußten Kerntruppe der kämpfenden Arbeiterklasse. Helene Wagner Chemnitz. Jahresbericht der Genoffinnen des Wahlkreises Teltow. Beeskow, Storkow- Charlottenburg. Aus dem Wahlkreis des Deutschen Reiches, der die größte Wählerzahl aufweist, läßt sich erfreulicherweise berichten, daß es auch dort mit dem politischen Zusammenschluß der Frauen vorwärts geht. Im vergangenen Jahre hat unsere Parteiorganisation um 1082 weibliche Mitglieder zugenommen. Von 32885 Mitgliedern sind 6316 Frauen. Zu berüc sichtigen ist, daß der Wahlkreis trotz der Nähe Berlins eine große Zahl ländlicher Orte umfaßt, wo die Sozialdemokratie mit den rückständigsten wirtschaftlichen Verhältnissen zu rechnen hat. Aber gerade dort ist es doppelt notwendig, daß wir auch die Frauen für unsere Ideen gewinnen, hat es sich doch während der Reichstagswahl gezeigt, wie wertvoll auf dem Lande ihre Mitarbeit ist. Da die Ge nossen in der Regel weit vom Wohnort arbeiten, so ist es ihnen unmöglich, so früh nach Hause zu kommen, um Flugblätter so rasch zu verbreiten, wie sich dies oft genug notwendig macht. Man darf dabei nicht die Gewohnheiten der ländlichen Bevölkerung vergessen * Wegen Raummangels verspätet. Nr. 2 Die Gleichheit und die oft weit auseinanderliegenden Häuser. So wäre manches wertvolle Flugblatt nicht in die Hände der Wähler gekommen, wenn nicht die Genossinnen die Verbreitung mit Eifer und Energie besorgt hätten. Auch sonst war ihre Mitarbeit von großem Nutzen. In größeren Zwischenräumen treten die Funktionärinnen der Partei zu Konferenzen zusammen, um sich über die zweckmäßige jeweilige Art der vorzunehmenden Arbeiten zu verständigen. Bei diesen Zusammenfünften fann man beobachten, wie schulend der politische Kampf auf die Genossinnen wirkt, wie vieles sie lernen, was der Bewegung wieder zugute kommt. Die Genossinnen haben bei einer fruchtbaren Hausagitation Flugblätter und die Broschüre verbreitet:„ Bist du eine der Unsrigen?" Mit diesem Schriftchen soll auch im neuen Tätigkeitsjahr eine Hausagitation großen Stils ge= trieben werden. Ganz besondere Bedeutung wird der Art und Weise beigelegt, wie solche Flugschriften verbreitet werden. Die nämliche Genossin, die in Bezirt, Straße oder Haus das Flugblatt oder die Broschüre verteilt hat, ist verpflichtet, einige Tage darauf in den Wohnungen mit Aufnahmescheinen vorzusprechen. Das hat sich gut bewährt und der Partei manches Mitglied zugeführt. In 32 Orten gehören dem Vorstand der Parteiorganisation Genossinnen an. Auch im Zentralvorstand sind sie vertreten. Der Schulung der weiblichen Mitglieder dienen Leseabende, die in 26 Orten regeimäßig jeden Monat abgehalten werden. Die Teilnehmerinnen haben unentgeltlich die Broschüre erhalten:„ Die Frau und der politische Kampf". Unentgeltlich wird den Funktionärinnen Heft 3 der Frauenbibliothek verabfolgt, die beiden ersten Hefte der Serie aber zu herabgeseztem Preise. Anläßlich des Frauentags wurden 250000 Flugblätter verbreitet und 21 Versammlungen abgehalten. Leider hat die Zahl der„ Gleichheit" leserinnen sich um 99 verringert. Im Interesse der Schulung unserer Genossinnen ist das sehr zu bedauern. Diese Scharte muß selbstverständlich ausgewetzt werden. Die Ge nossinnen sehen den Aufgaben und Kämpfen des neuen Tätigkeitsjahres mit frischem Mut entgegen. Insbesondere freuen sie sich auf den Wahlkampf zum preußischen Landtag, der ein Wahlrechtskampf sein wird, der auch für die Gleichberechtigung des weiblichen Ge= schlechts geführt wird. Eine Frauenkonferenz, die bereits im neuen Tätigkeitsjahr stattfand, hat der Beteiligung der Genossinnen an diesem Wahlkampf schon tüchtig vorgearbeitet. Die Genossinnen hoffen, daß die neuen Aufgaben auch neue Erfolge und größere Siege bringen werden. Marie Juchacz. Politische Rundschau. Kriegsgeschrei erfüllt wieder einmal Europa, und diesmal ist es nicht so sicher, daß es bloß beim Geschrei bleibt. Jm alten Wetterwinkel, auf dem Balkan, hat sich das Unwetter zusammengezogen. Die Balkanstaaten haben ihre Truppen mobilisiert. Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland rüsten fieberhaft zum gemeinsamen Angriff auf die Türkei, die energisch die Gegenwehr vorbereitet. Zwar tun die Diplomaten der Großmächte so, als könnten und wollten sie das Unheil noch verhüten. Die Großmächte sind alle die eifrigsten Friedensschützer, einig in dem Gedanken, den Kriegsbrand nicht zum Ausbruch kommen zu lassen. So lautet die offizielle Lesart. Sie ist indes nicht ganz überzeugend. Jedenfalls haben es die angeblich in dem Wunsch, den Frieden zu erhalten, einigen Großmächte bisher noch nicht zu einem gemeinsamen Schritt bei den Balkanstaaten gebracht. Der Vorschlag Frankreichs, den Gegnern der Türkei als gemeinsamen Entschluß der Mächte zu erklären, daß diese im Falle des Unterliegens der Türkei keinerlei Verschiebung der Grenzen auf dem Balkan dulden würden, so daß den hungrigen Nachbarn des Osmanenreiches jegliche Hoffnung auf Beute genommen würde, ist bis jetzt noch immer ein bloßer Vorschlag. Die bürgerliche Presse hat denn auch die Hoffnung, daß die Mächte den Krieg verhindern könnten, allmählich auf den bescheidenen Wunsch herabgestimmt, daß sie ihn wenigstens lokalisieren möchten. Das heißt, sie hofft nur noch, daß sich aus dem Balkankrieg nicht der europäische Krieg, der Weltkrieg entzünden möge. Nahe genug ist dieser gerückt, wenn am Balkan die Flinten losgehen. Denn unterliegt die Türkei, so werden sich nicht nur Bulgaren, Serben und Griechen in die Beute teilen, sondern dann werden auch Rußland und Österreich und England ihre Interessen wahren", und scharfe Gegensätze klaffen auf. Dem mitteleuropäischen Dreibund Deutschland, Österreich und Italien die letztere Macht ist freilich ein unsicherer Posten steht der neue Dreibund England, Frankreich, Rußland gegenüber. Die Gegenfäße, die der Imperialismus in allen Gebieten der Welt zwischen diesen Mächtegruppen und insbesondere zwischen den führenden Staaten Deutschland und England geschaffen hat 27 das heißt zwischen den Bourgeoisien der Länder-, würden dann im Anschluß an die Streitigkeiten der Balkanstaaten zum welterschütternden Austrag kommen. Die Diplomatie der Großmächte tut so, als sei ihr ganzes Sinnen darauf gerichtet, eine solche Katastrophe zu vermeiden, und als komme ihr die Kriegsgefahr ganz unerwartet über den Hals. In Wirklichkeit aber haben Rußland und Österreich mit aller Macht dazu beigetragen, daß die jetzige Situation entstanden ist, und deshalb ist auch die angebliche Friedensarbeit der Diplomaten nur mit Weißtrauen zu betrachten. Rußland, das vor der Welt vor Eifer schwitzt, den Frieden zu wahren, spielt ganz offensichtlich ein freches Doppelspiel. Russische Machenschaften haben die vier sogenannten christlichen Balkanstaaten zusammengebracht und zu ihrem Vorgehen gegen die Türkei ermutigt. Die Gelegenheit zum Angriff auf das Osmanenreich schien ja seit Ausbruch des italienisch- türtischen Krieges besonders günstig; der Albanesenaufstand, der die Türkei weiter schwächte, war ein neuer Anreiz für die Nachbarn, und als den Albaniern Reformen und weitgehende Selbständigkeit versprochen wurden, da war die Gelegenheit gegeben, für die in der Türkei lebenden Stammesgenossen der Bulgaren, Serben und Griechen das gleiche zu fordern. Die russischen Ermunterungen taten das ihrige. Um Rußland den Wind aus den Segeln zu nehmen, trat Österreich, das die Oberherrschaft auf dem Balkan anstrebt, mit seiner Forderung an die Türkei hervor nach Refor= men in Mazedonien, die den christlichen Volksstämmen Selbstverwaltung gewähren sollten. Die ablehnende Haltung der türkischen Regierung erhitte die nationalen Leidenschaften in den BalkanStaaten, Bombenattentate der nationalistischen Organisationen in Mazedonien, die furchtbare Christenmassakers im Gefolge hatten, schürten das Feuer weiter. Heute ist die Stimmung der Völker in den christlichen Balkanstaaten so, daß die Ferdinand, Peter usw. den Verlust ihrer Thrönchen fürchten müssen, wenn sie sich jetzt im lezten Augenblick noch dem Kriege widerseßen wollten. Starte wirtschaftliche Interessen sind die Untergründe dieser nationalen Kriegsbegeisterung. Denn diese Staaten sind seinerzeit von der europäischen Diplomatie zurechtgeschneidert worden ohne große Rücksicht auf nationale Zusammenhänge und namentlich auf die Möglichkeit gesunder wirtschaftlicher Entwicklung. Daher empfinden sie jetzt unter dem Einfluß des aus dem Westen eindringenden und die alten ausschließlich agrarischen Zustände zersetzenden Kapitalismus besonders heftig den Drang nach der Ausdehnung ihres Gebiets. Die Sozialdemokratie leugnet natürlich nicht das Recht der in der Türkei ansässigen Bulgaren, Serben und Griechen auf nationale Selbständigkeit und Reformen. Aber sie ist die entschie denste Gegnerin von Kriegen, die lediglich die jetzigen Zwerg staaten auf Kosten der Türkei vergrößern sollen und bei der starken Vermischung der Nationalitäten in der Türkei die nationalen Fra gen doch nicht befriedigend lösen könnten. Die Sozialdemokratie des Balkans strebt einen Bund der Balkanrepubliken an, in dem die nationalen und wirtschaftlichen Interessen aller Balkanvölker zu ihrem Rechte kommen können. Einer solchen Lösung stehen freilich die Interessen sowohl Rußlands wie Osterreichs und anderer tapitalistischer Staaten entgegen. Die europäische Diplomatie ist auch diesmal wieder die dunkle Macht, die die Verhältnisse verwirrt und verschlimmert, wenn es freilich auch übertrieben wäre, ihr die eigentliche Schuld an dem Auftauchen der Kriegsgefahr aufzu bürden. Die liegt, wie oben gezeigt ist, viel tiefer. Der Kapitalis mus ist's, der sie schafft und sie ist eine selbstverständliche Erscheinung in der Epoche des Imperialismus, des allgemeinen Strebens der fapitalistischen Staaten nach Ausdehnung ihrer Ausbeutungsgebiete. Während so das deutsche Volk vor der Gefahr steht, in den Strudel des Weltkriegs gerissen zu werden, bekommt es zugleich die Geißel der Teuerung immer schärfer zu spüren. Die Fleischnot ist so unerträglich geworden, daß jezt selbst die unter der Fuchtel der Junker stehende preußische Regierung zu der Erkennt. nis gekommen ist, daß etwas getan werden muß. Lange genug freilich hat Herr v. Bethmann Hollweg gebraucht, bis er zu einem Entschluß gekommen ist, der dem deutschen Volke Abhife der Fleischnotvortäuschen soll. Ernstliche, durchgreifende Maßregeln Aufhebung der Vieh- und Fleischzölle und der Grenzsperren, Beseitigung des§ 12 des Fleischbeschaugefeßes, der die Einfuhr von Gefrierfleisch aus überseeischen Ländern verhindert will der Reichskanzler nicht, mit Rücksicht auf die Interessen der deutschen Landwirtschaft, will heißen der Großgrundbesißer, der Junker. Selbst wenn das Volk hungert, müssen diesen Herren ihre Wucherprofite aus Zöllen und Grenzsperre erhalten werden. Und so wurde denn den darbenden Massen eine Reihe von Verordnungen geboten, die angeblich die Einfuhr von frischem Fleisch erleichtern. 28 28 Die Gleichheit In Wirklichkeit aber werden diese keine Wirkung haben, weil die Gebiete, die für die Einfuhr freigegeben werden, keine erheblichen Mengen von Fleisch zu liefern vermögen. Die Einfuhr von lebendem Vieh bleibt nämlich wegen der Gefahr für das deutsche Vich nach wie vor fast gänzlich verboten. Aus den Nachbarstaaten darf frisches Fleisch eingeführt werden unter erschwerenden Umständen; die Tierkörper müssen mit den Eingeweiden verbunden sein, da der berüchtigte§ 12 des Fleischbeschaugesezes bestehen bleiben soll, natürlich im Interesse des deutschen Voltes. So fönnen, da längerer Transport des frischen Fleisches ausgeschlossen ist, nur die nächsten Grenzgebiete als Lieferanten in Betracht kommen, Gebiete, wo nachgewiesenermaßen eben keine großen Viehbestände vorhanden sind. Rumänien, Bulgarien, Serbien falIen schon wegen der Mobilmachung aus, Belgien und Holland haben nicht viel zu bieten. Das überseeische Gefrierfleisch aber, das in großen Mengen eingeführt werden könnte, bleibt durch den § 12 des Fleischbeschaugesezes weiter ausgeschlossen. Die Frachtund Zollermäßigungen, die auch nur gewährt werden, wenn große Städte die Bezieher sind, sind minimal, kurz, die ganze Maßregel, der sich die Regierungen der Bundesstaaten im wesentlichen angeschlossen haben, ist die reinste weiße Salbe". Und dabei geht diese Maßregel den Junkern noch zu weit in der„ Deutschen Tageszeitung" tobt Oertel über den Schlag, der der deutschen Landwirtschaft versetzt worden ist. In Wirklichkeit meint er den Schlag, der der Zoll- und Grenzsperrpolitik versetzt worden ist. Denn so unzulänglich, ja heuchlerisch die Maßregeln der Regierungen sind, sie sind doch ein amtliches Eingeständnis, daß der Zoll verteuernd wirkt, und die Milderung der Grenz Sperrbestimmungen beweist, daß es mit ihrer Notwendigkeit für die Gesundheit des deutschen Volkes und deutschen Viches sehr schwach bestellt ist. Die Junker haben also schon einigen Grund, unzufrieden zu sein sie fürchten die Konsequenzen. Daß die Volksbertretung nicht so bald dazu komme, Stellung zu nehmen, ist Bethmann ängstlich besorgt. Er hat den sozialdemokratischen Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstags in einem Schreiben an den Genossen Bebel rundweg abgelehnt. Um so mehr müssen die Massen handeln und der Regierung die heuchlerische Maske vom Gesicht reißen. Die preußische Junkerschaft hat in diesen Tagen ihre Genugtuung erhalten für die Auflehnung der sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Borchardt und Leinert gegen ihr parteiisches Polizeiregiment im Landtag und gegen die Durchbrechung der Verfassung durch den Hausknechtsparagraphen der verschärften Geschäftsordnung. Der Prozeß hat mit der Verurteilung unserer beiden Genossen geendet. Das war für jeden vorauszusehen, der die deutschen, besonders die preußischen Richter kennt. Bemerkenswert ist indes, daß nur niedrige Geldstrafen verhängt wurden, was die Reaktionspresse mit Ingrimm vermerkt. Und vor allem hat sich das Gericht vorsichtig um die Frage herumgedrückt, ob die Geschäftsführung des verstorbenen Junkerpräsidenten v. Erffa im Falle Borchardt korrekt war, was der Reaktionspresse abermals Thränen entlockt. Wichtiger als das alles ist freilich der Umstand, daß das Gericht die Geschäftsordnung des Dreiklassenparlamentes trotz ihres flaren Verstoßes gegen die Verfassung für rechtsgültig erflärt hat. Über diese juristisch ganz unhaltbare Auffassung wird das Reichsgericht noch zu entscheiden haben. Allerdings, der Streit ist mehr als ein juristischer: Verfassungsfragen sind Machtfragen. Nur das preußische Proletariat fann schließlich den Haustnechtsparagraphen mitsamt dem Junkerregiment zum Fall bringen. H.B. Gewerkschaftliche Rundschau. Der deutsche Polizist hat von jeher gegen die um ihr Recht tömpfenden Arbeiter eine Schneid entwickelt, die einem inneren Glauben an die Bedeutung seines Amtes für die Ordnung und die Nuhe des Staates entsprang. Beobachtete man allerdings das rücksichtslose Vorgehen von Polizei und Militär bei den letzten großen wirtschaftlichen Kämpfen, so drängte sich einem die überzeugung auf, daß höheren Ortes das kriegerische Gemüt der Ordnungshüter noch besonders angestachelt wurde. Militär und Polizei hatten nicht nur die erhabene Aufgabe, die Ordnung zu schüßen, sondern auch die andere, den Streit durch Waffengewalt zu unterdrücken. Diese Überzeugung ist jetzt als richtig bestätigt worden durch ein amtliches Schriftstück, das der Parteipreffe zuflog. Darin wird ein Gendarm durch den Oberwachtmeister zur Unterdrückung eines Streits tommandiert", und es wird ihm noch besonders aufgegeben, seinen Karabiner mitzubringen. Der Streit, dessen Unterdrückung an befohlen wurde, war ein Ausstand der Holzarbeiter in LilNr. 2 fit. Das hier ergangene Kommando ist ganz gewiß nicht das einzige seiner Art, es ist nur das einzige, das bisher zur Kenntnis der Öffentlichkeit gelangt ist. So ist schwarz auf weiß erwiesen, daß die Arbeiter Polizei und Militär mit ihren Steuergroschen zu ihrer eigenen Bekämpfung erhalten müssen. Nicht nur zum Schutze der lieben Arbeitswilligen, auch nicht bloß um Ruhe und Ordnung durch brutales Vorgehen zu stören, werden die Polizeimannschaften zum Streifplak beordert. Nein, sie haben dazu noch den Befehl, Streifs selbst zu unterdrücken und nötigenfalls mit dem Karabiner ein Loch in das bürgerliche Märchen von den freien Arbeitern" au knallen, vielleicht auch in härtere Dinge. Wenn durch solches Eingreifen der Polizei für die Ausbeuter die streiflustigen" Arbeiter noch nicht zur Räson gebracht werden konnten, so kann wirklich nur noch ein neues Zuchthausgeseh helfen. Ein weiterer ungefeßlicher Eingriff der Polizei in das staatsbürgerliche Recht der Arbeiter wurde aus Straßburg i. E. vem Streik der Tabafarbeiterinnen gemeldet. Dort lief ein Schutzmann bei den Eltern der streikenden Tabakarbeiterinnen herum und suchte sie zu bewegen, sie sollten auf ihre Töchter einwirken, daß diese die Arbeit aufnähmen. Der Verband könne den Streifenden, wie der Polizist versicherte, ja doch nicht helfen. Ihm wurde die einzig richtige Antwort. Als Dank für seinen guten Rat wurde dem Schüßer der Ordnung und der Ausbeutung gewiesen, wo der Zimmermann das Loch in der Wand gelassen hat. Ein bedeutungsvolles gerichtliches Nachspiel wird der Bergarbeiterstreit im Ruhrrevier noch haben. 225 Bergarbeiter haben durch den Bergarbeiterverband beim Landgericht Schadenersattlage gegen den Zechenverband einreichen lasfen. Eine größere Anzahl Bergleute sind nach dem letzten Streit durch schwarze Listen des Zechenverbandes ausgesperrt worden. Sie verlangen nun dafür einen Schadenersatz von rund 60 000 mt. Das Landgericht Essen und das Oberlandesgericht Hamm haben in früheren Urteilen die Aussperrungsmaßnahmen des Bechenverbandes gegen kontraktbrüchige Arbeiter soweit für berechtigt erklärt, als sich die Dauer der Aussperrung auf nicht länger als sechs Wochen erstreckte. Trotzdem ist diesmal- es ist der Weg der Kollektivllage gewählt worden auch für diejenigen Gemaßregelten Klage eingeleitet worden, die kürzere Zeit als sechs Wochen ausgesperrt wurden. Es soll eine endgültige Entschei dung des Neichsgerichts herbeigeführt werden. Die Papierarbeiter und arbeiterinnen in Aschersleben stehen seit einiger Zeit in Streit. Die Besitzer der großen Fabrit, Kommerzienräte, fchenkten vor einigen Jahren der Stadt ein schönes Haus mit Theater, Bibliothek und Lesesaal und ließen sich in einer Festschrift als recht sozial fühlende Männer preisen. Einer der Herren empfahl bei der Einweihung jenes Hauses seinen Klassengenossen, die Arbeiter nicht als Arbeitsmaschinen, sondern als gleichberechtigte Menschen zu betrachten, die vollen Anspruch auf Menschenwürde haben. Wie das gefeierte Recht auf Menschenwürde in der Wirklichkeit aussicht, das wird durch den jetzigen Kampf beleuchtet. Die vielfachen Millionäre, die 1800 Leute beschäftigen, wollen den Arbeiterinnen keine Lohnzulage gewähren, obgleich deren Löhne bis auf 3,60 m. wö. chentlich heruntergingen. 300 Arbeiter und Arbeiterinnen und 300 bis 400 Seimarbeiterinnen mußten die Arbeit niederlegen, um menschenwürdigere Löhne zu erkämpfen. Der Buchbinder. verband, dessen Mitglieder die Streikenden sind, wird durch tatkräftige Unterstüßung der Streikenden den Herren das soziale Gewissen schärfen müssen, damit es sich merktags praktisch äußert und nicht bloß bei Festlichkeiten in schönen Reden austobt. In der Schokoladen- und Zuckerindustrie werden verschiedene Lohnbewegungen geführt. Bei der Firma Moser. Roth in Stuttgart fam nach kurzem Ausstand durch die Vermittlung eines Regierungsbeamten eine Vereinbarung zustande. Diese sichert den 134 Arbeiterinnen bei der Einstellung einen Stundenlohn von 20 Pf. und erhöht auch die übrigen Löhne ein wenig. Bisher verdienten die Arbeiterinnen bei angestrengtester Affordarbeit 13 Mt. wöchentlich, viele noch weniger. In der Bremer Schokoladenfabrik führte die Arbeiterschaft& einen Streit mit Erfolg durch. Auch hier erhalten die Arbeiterinnen nunmehr einen Anfangsstundenlohn von 20 Pf., während der für angelernte Arbeiter auf 40 Pf. steigt. Der Erfolg ist der Geschlossenheit der Arbeiter und Arbeiterinnen im Kampfe zu danfen. Auch in der Herforder Zuckerwarenindustrie und an anderen Orten sind Lohnkämpfe im Gange, an denen Arbeiterinnen besonders beteiligt sind. In der Fischkonservenindustrie, die in den Unterweserorten ihren Hauptsitz hat, beabsichtigen die Unternehmer durch Anwerbung ausländischer Arbeiterinnen nicht allein die Löhne zu drücken, Nr. 2 Die Gleichheit sondern vor allen Dingen um die gefeßlichen Schutzbestimmungen für Arbeiterinnen herumzukommen. Die jetzt in dieser Industrie beschäftigten Arbeiterinnen fordern nämlich einen Maximalarbeitstag und bestehen auf strenger Beobachtung der bundesrätlichen Verordnungen. Die Unternehmer wollen sich aber durch diese ihren Profit nicht schmälern laffen. Sie haben keine Empfindung für die Tatsache, daß die unsaubere und anstrengende Beschäftigung einen besonderen Schuß der Arbeiterinnen verlangt, sollen fie nicht an ihrer Gesundheit Schaden leiden. Der Geldbeutel ist das einzige Ding, das zu ihnen redet. In der Nordhäuser Kautabakindustrie wurde durch die Hilfe des Tabatarbeiterverbandes eine Lohnbewegung ohne Arbeitseinstellung mit Erfolg durchgeführt. Für die in Lohn und Afford beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen wurden beachtenswerte Lohnzahlungen durchgefeßt, die auf das Jahr berechnet rund 100 000 Mt. ausmachen. Der Tabatarbeiter berband stand bisher nur mit der Tabakarbeitergenossenschaft im Tarifverhältnis. Nunmehr gelang es ihm, die obigen Lohnbewegungen bei einer Anzahl Firmen tariflich festzulegen, so daß etwa für ein Drittel der Nordhäuser Kautabatarbeiter und-arbeiterinnen Löhne und Arbeitszeit bis zum 1. April 1915 auf tariflicher Grundlage vereinbart sind. Die Metallarbeiterbewe= gung im Kölner Bezirk schreitet erfolgreich, wenn auch langsam, für die Arbeiter vorwärts. Das Ziel dieser Bewegung ist bekanntlich eine Verkürzung der Arbeitszeit. Jn 26 Betrieben mit 8986 beschäftigten Arbeitern erfolgte bereits eine Regelung der Arbeitszeit, und zwar ist sie meist auf 56 Stunden in der Woche festgesetzt worden. Während, wie wir in letter Nummer meldeten, die Differenzen in der Würstefabrik von Heine& Co. in Halberstadt beigelegt sind, weigert sich die Firma Chr. Förster am selben Ort, für ihr Personal gleiche Arbeitsbedingungen einzuführen. Im Kölner Verkehrsgewerbe wurde von Kutschern, Kraftwagenführern und Fuhrunternehmern gemeinsam ein Streit gegen eine neue Polizeiberordnung geführt, die die Fahrer sehr belästigt. Der Verkehr ruhte vollständig, Arbeitswillige waren nicht vorhanden. Die Polizeibehörde sah sich gezwungen, mit der Streiffommission zu berhandeln, und sie mußte die sofortige Aufhebung einiger Härten der neuen Verkehrsordnung zusagen und für andere Bestimmungen eine ruildere Handhabung versprechen. Der christliche Gewerkschaftskongreß tagt in Dresden. Die Offentlichkeit war auf seine Tagesordnung besonders gespannt. Man mußte erwarten, daß sie eine Behandlung der Kardinalfrage für die christlichen Gewerkschaften bringen werde: ob die katholische Kirche so gnädig sein will, die christlichen Gewerkschaften zu dulden oder nicht. Doch diese Frage steht nicht auf der Tagesordnung. Dafür wird Herr v. Berlepsch ein Referat über sein Lieblingsthema halten: Das reichsgefeßliche Einigungsamt. Die Streifbruchgewerkschaften werden dabei vermutlich auf ihre Rech nung kommen. Der Geschäftsbericht der Christlichen enthält selbstverständlich die üblichen Beschimpfungen der freien Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei und Versuche, ihre Taktik herabzusetzen. Unsere Gewerkschaften werden zur Abwechslung wieder einmal bemitleidet, daß fie sich unter das Joch der roten Revolutionspartei beugen müssen. Nach dem Chemnizer Parteitag war in den Christenblättern von der völligen Verwässerung und von der Wadenstrümpflerei der Sozialdemokratie zu lesen. Die München- Gladbacher Schule ist doch etwas Feines! Wir werden auf den Kongreß zurückommen. Zur Stunde, wo wir schreiben, ist er noch nicht vorüber. # Aus der Textilarbeiterbewegung. Nach 27 Wochen heißen Ringens haben die streifenden Arbeiter der Firma Mautner in Langenbielau ihren Kampf erfolgreich beendet. Der Streit brach aus, weil die schwerreiche Firma den„ Reichenbacher Tarif" einführen wollte, der geringere Löhne vorsah, als in Langenbielau gezahlt wurden. Dieser Tarif gelangt nun zwar doch zur Einführung, aber stark verändert durch erhebliche Zuschläge. Besonders wertvoll für die Arbeiter ist, daß bei dem Vierstuhlsystem nur 20 Prozent in Wegfall kommen, während sonst in Schlesien 30 Prozent abgerechnet werden. Der neue Tarif ist für zwei Jahre festgelegt und von der Firma wie den Organisationsbertretern unterschrieben worden. Die Unterschrift beider vertragschließenden Seiten, so selbstverständlich sie eigentlich ist, bedeutet für die schlesischen Textilmagnaten etwas ganz Unerhörtes. Um diesen Preis hätte die Firma schon bei Beginn des Kampfes den Frieden haben können, sie wollte jedoch den Arbeitern mit allen Mitteln eine Lohnherabsehung aufzwingen. Das ist der Firma nicht gelungen trotz aller ihrer Millionen. Der Ausgang des Kampfes ist der Geschlossenheit der Arbeiter, ihrer Organisation 29 zu danken. Die Firma hat alle Minen springen lassen, um Arbeitswillige heranzuziehen, die Leitung der Organisation war aber immer in der Lage, dies zu vereiteln. Die Folgen des Kampfes werden der Firma noch recht fühlbar werden, da gegen 200 der besten Arbeiter und Arbeiterinnen während des Ausstandes in anderen Betrieben untergebracht worden sind und im Eulengebirge bekanntermaßen Mangel an Arbeitskräften besteht. Schlesiens Textilarbeiter mögen sich an diesem Kampfe ein Bei= spiel nehmen. Nur in der Organisation liegt ihre Stärke! In Mülhausen i. E. steht die Textilarbeiterschaft seit zwölf Wochen in einem größeren Kampfe. Gefordert wurde dort neben entsprechender Lohnerhöhung der freie Sonnabendnachmittag". Als die Arbeiter in zwei Betrieben ihre Forderung durch Arbeitsniederlegung durchzudrücken versuchten, erfolgte in sechs Betrieben die Aussperrung. Der Kampf hat jetzt auf Bühl bei Geb weiler übergegriffen, wo bei der Firma Rogelet 200 Arbeiter ebenfalls die Arbeit einstellten, da die Firma sich weigerte, die Anfertigung von Streifarbeit zu unterlassen. Zur Zeit sind 1000 Arbeiter an dem Kampfe beteiligt. Die„ Christen" begehen auf Befehl ihrer Leitung Streifbruch und arbeiten weiter. Die Mülhausener Aussperrung zieht ihre Kreise bis in das Bankgewerbe. In den sechs größten Bankgeschäften Mülhausens bestand schon seit längerer Zeit am Sonnabend die englische Arbeitszeit. Jetzt haben die Banken auf Betreiben der Textilindustriellen am Sonnabendnachmittag ihre Schalter wieder geöffnet, nach dem Motto:„ Schlechte Beispiele verderben gute Sitten". Wie der Kampf im Elsaß ausgeht, ist heute noch nicht abzusehen, aber das können wir den Unternehmern heute schon verraten: der Textilarbeiterber band ruht nicht eher, als bis der freie Sonnabendnachmittag auf der ganzen Linie errungen ist! Das ist er vor allem den Arbeite. rinnen schuldig. Einen sehr schönen Erfolg haben die Arbeiter durch die vor kurzem zum Abschluß gebrachte Bewegung in den Streichgarnwebereien in Reichenbach i. V. erzielt. Die Bewegung erstreckte sich auf 42 Betriebe mit 2650 Beschäf tigten, von denen 1250 Frauen sind. Sie brachte 617 Arbeitern eine Verkürzung der Arbeitszeit um 22 Stunden in der Woche und 1100 Arbeitern eine Lohnerhöhung von wöchentlich 2 Mr. Die Arbeitszeit ist nun in allen Streichgarnwebereien Reichenbachs die gleiche, und für alle Weber und Weberinnen gilt jebt ein einheit licher Lohntarif. Der Erfolg ist nur der geschlossenen Kraft unserer Organisation zu danken. Versuche anderer Organisationen, die Massen für ihre Sonderzwecke einzufangen, find fläglich gescheitert. Und das ist gut so. Während dieser Bericht in Druck geht, wird wenn nicht alles trügt ein größerer Kampf in der„ Mechanischen Weberei Linden A.-G." in Hannover ausge brochen sein. Die Firma hatte im vorigen Jahre auf Drängen der Arbeiter eine Teuerungszulage bon 1,20 M. in der Woche ge währt. Die Arbeiter verlangen jetzt die Umrechnung der Teuerungszulage auf den Grundlohn und eine Lohnerhöhung von 10 Prozent, ferner für alle im Stundenlohn beschäftigten Arbeiter eine Erhöhung der Löhne um 5 Pf. in der Stunde. Nennenswerte Zugeständnisse hat die Firma, die hauptsächlich Samte herstellt, bis jetzt nicht gemacht, obgleich sie nach ihren eigenen Angaben bis Ende 1913 zu lohnenden Preisen voll beschäftigt ist. Die Mode, die seit mehreren Jahren den Samt lebhaft bevorzugt, bringt ihr beträchtliche Gewinne.' Da ist es nicht mehr als billig, daß bet dem guten Geschäftsgang auch die wertschaffenden Arbeiter fich eine beffere Entlohnung sichern. In Betracht kommen 890 Arbeiter und 736 Arbeiterinnen, die nahezu alle organisiert sind. Um die Bewegung zu zersplittern, haben die Christen ihre Forderungen getrennt eingereicht. Gücklicherweise bilden sie nur eine verschwin dende Minderheit und können daher keinen Schaben anrichten. sk. Der Deutsche Holzarbeiterverband hat im ersten Halbjahr 1912 um 8036 Mitglieder zugenommen, so daß deren Gesamtzahl am 1. Juli 190 786 betrug. Hiervon waren 183 147 männliche, 6680 weibliche und 959 jugendliche Personen. Unter den Ausgaben des Berbandes steht, wie die Holzarbeiterzeitung" berichtet, die Arbeitslosenunterstübung mit 778 038 Mt. an erster Stelle, was mit den Zahlen der Arbeitslosenstatistik zusammen auf eine ungünstige Lage des Gewerbes schließen läßt. Die Krantenunterstützung erforderte 514 919 Mr., die Streitunterstübung aber nur 496 926 Mt., das ist etwa ein Drittel der in dem gleichen Zeitraum des Vorjahres hierfür verbrauchten Summe. Insgesamt wurden im ersten Halbjahr für Unterstüßungen rund 2 Millionen Mark verausgabt. Trotzdem Tonnten dem Vermögen des Verbandes rund dreiviertel Millionen Mark zugeführt werden. Dieses betrug am 1. Juli 1912 in Haupt-, Gau- und Lokalkaffen zusammen 5 825 271 Mt. Ein borläufiger Abschluß der Streifstatistik des Verbandes ergab 494 Lohnbewegungen mit 23 222 Beteiligten. Das Ergebnis der 30 Die Gleichheit Kämpfe bestand in einer Arbeitszeitverkürzung um durchschnittlich 1,8 Wochenstunden für 15 627 Personen und Lohnerhöhung um wöchentlich 2,12 Mt. für 18 979 Personen. Diese Zahlen sind aber nur vorläufige und werden sich für das Jahr selbst noch bedeutend erhöhen. Die Stuhlrohrarbeiter, über deren Lohnbewegung wir in letzter Nummer berichteten, sind inzwischen in Bremen in den Ausstand getreten, weil die Unternehmer nur ganz ungenügende Zugeständnisse machen wollten. In den beteiligten 2 Betrieben haben neben 79 männlichen Personen sämtliche 66 Arbeiterinnen sich dem Kampfe angeschlossen. Genossenschaftliche Rundschau. fk. über Kleinhandel und Konsumvereine mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse Württembergs hat Herr Dr. Kramer ein Buch verfaßt, in dem er die Lage des Kleinhandels untersucht und sein Verhältnis zu den Konsumbereinen erörtert. Derartige Werke sind schon viel geschrieben worden, und soweit die Verfasser die Frage sachlich behandeln, kommen sie immer zu den gleichen Ergebnissen: das Schimpfen der Mittelständler auf die Konsumvereine ist grund- und zwecklos, weil diese aus der wirtschaftlichen Entwicklung hervorgehen und dringenden Bedürfnissen der großen Volksmasse der Minderbemittelten dienen. Zu den Ergebnissen kommt auch das vorliegende Buch. Über das Wesen und die Bedeutung der Konsumvereine schreibt der Verfasser: Kleinhandel und Konsumvereine sind gewiß gegensätzliche Formen der Warenvermittlung; der Keinhandel ist auf dem individualistischen Prinzip aufgebaut, die Konsumvereine erheben sich auf sozialistischer Basis(?). Das darf aber den Blick dafür nicht trüben, daß sich beide bis zu einem gewissen Grade zusammenfinden können. Wir haben schon auf den Nußen hingewiesen, den der Kleinhandel aus der Steigerung der Kauftraft der Konsumvereinsmitglieder erzielt, ebenso auf die Lieferantenverträge, die noch in viel größerem Maßstab ausgebaut werden können. Ein gemeinsames Interesse haben beide ferner an der Bekämpfung der Konkurrenz der untauglichen Elemente im Kleinhandel, worauf wir ebenfalls bereits hingewiesen haben, und ähnlich ist es mit einem gemeinsamen Vorgehen gegen die Übermacht der Kartelle und Syndikate, unter denen beide zu leiden haben. Innerhalb dieser Interessengemeinschaft von Konsumvereinen und Kleinhandel gibt es selbstverständlich Reibungen und Schiebungen hin und her. Aber auf der Seite des Kleinhandels soll man sich klar sein darüber, daß eine künstliche gesetzliche Beschränkung der Konsumvereine den Kleinhandel nicht rettet, daß vielmehr der Hebel zur Besserung der Lage des Kleinhandels anderswo angesetzt werden muß, nämlich an der Sanierung des eigenen Standes, und daß hier nicht der Staat der allmächtige Helfer ist, sondern daß Selbsthilfe auch hier der erste und beste Weg ist dann können vielleicht einmal beide Formen der Warenvermittlung manche Wegstrecke miteinander zusammengehen, statt sich fortgesetzt zu befehden. In dem Verhältnis von Kleinhandel und Konsumvereine kennen wir bisher nur den Kampf des einen gegen den anderen, nur These und Antithese. Wir hoffen, darüber hinaus auch einmal die Synthese zu erleben: die Verständigung beider zur Erreichung gemeinsamer wirtschaftlicher Biele." Diese Ausführungen verraten ja ein gut Teil Optimismus zu= gunsten des Kleinhandels, immerhin liegt manches Berechtigte in ihnen. Für uns liegt das Wesentliche in der Feststellung, daß hier ein Freund der Kleinhändler sich durchaus gegen die mittelstandsretterische Bekämpfung der Konsumvereine ausspricht." Vor einigen Wochen wurde in München der Allgemeine Genossenschaftstag( Schulze- Delitzschsche Genossenschaf ten) abgehalten, und bei dieser Gelegenheit ritt Herr Dr. Crüger, der bekannte, wieder eine Attacke gegen die sozialdemokratischen" Konfumvereine. Er hat herausgefunden, daß diese Konsumvereine in eine neue Entwicklungsperiode" getreten seien. Der Zentralberband der deutschen Konsumvereine sei schon beinahe der sozialdemokratischen Partei verfallen und dergleichen Unsinn mehr. Neues hat der Herr ja nicht gesagt, denn in dieser Weise ist die moderne selbständige Konsumvereinsorganisation von jener Seite beurteilt und bekämpft worden, seit sie besteht. Crüger will mit solchen Methoden offenbar den Konsumvereinen, die noch in seinem Lager sich befinden, vor der modernen Richtung graulich machen. Ein anderer Herr sprach über Kapitalismus und Genossenschaften. In einer Resolution ist ausgesprochen, daß der wachsende Einfluß des Kapitalismus die Kluft awischen den Klassen der mensch lichen Gesellschaft immer mehr erweitert und die sozialen Gegenfäße verschärft. Eine solche Erkenntnis in jenen Kreisen ist Nr. 2 nicht uninteressant, sie klingt fast sozialdemokratisch. Wenn aber daraus gefolgert wird, daß dieser Zustand ernsthaft bekämpft werden müsse und daß ihm entgegengearbeitet werden könnte mit -Schulze- Delitzschschen Genossenschaften und Dr. Crügerschen Rezepten, so zeigt das die ganze Hilflosigkeit jener Leute. Auf der einen Seite sagen sie, die Genossenschaften dürfen sich nicht in den Klassenkampf mischen, auf der anderen Seite werden diese aber als Mittel gegen ihn empfohlen. Der Konsumverein Leipzig- Plagwik, dem Umsatz nach der größte in Deutschland, hat auch im verflossenen Geschäftsjahr wieder gute Fortschritte gemacht. Sein Umsatz betrug beinahe 24 Millionen Mark, damit ist der bürgerliche Breslauer Berein, der weit mehr Mitglieder zählt, um über eine Million überholt. Die Produktionsbetriebe und sonstigen Einrichtungen des Vereins haben wir früher schon einmal näher besprochen. In der diesjährigen Generalversammlung lag aus Mitgliederkreisen ein Antrag vor, einen Mitgliederausschuß zu schaffen, wie er in einigen norddeutschen Vereinen bereits besteht und in Dresden jetzt eingeführt werden soll. In Leipzig wurde der Antrag abgelehnt, auch der Sekretär des Lagerhalterverbandes sprach sich dagegen aus. Wir können dies nur bedauern, da ein solcher Mitgliederausschuß in einem großen Verein der Genossenschaft und der Verwaltung gute Dienste leisten kann. Durch ihn wird auch die Verbindung zwischen Mitgliedern und Verwaltung in derartigen Niesengenossenschaften einigermaßen aufrecht erhaltlen. Es kommt allerdings darauf an, wie ein solcher Ausschuß ausgestaltet wird, grundsäßlich ist aber jedenfalls nichts gegen ihn einzuwenden. Viel leicht sprechen wir später einmal ausführlicher darüber. H. F. Notizenteil. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens. Die Zentralstelle für Lehrstellenvermittlung des Verbandes Märkischer Arbeitsnachweise, die am 16. Februar 1912 gegründet worden ist, hat mit dem 1. August d. J. ihre Tätigkeit begonnen. Für die Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung von Mädchen ist eine eigene Abteilung unter weiblicher Leitung geschaffen worden. Die Tätigkeit der Zentralstelle soll sich sowohl auf die Schülerinnen der städtischen Gemeindeschulen und Fortbildungsschulen in Groß- Berlin erstrecken, wie auf die Schülerinnen von Fachschulen( kaufmännischen und hauswirtschaftlichen usw.), die nach der Schulentlassung zunächst den Besuch einer derartigen Anstalt einer praktischen Lehre vorgezogen haben. Selbstverständlich finden auch junge Mädchen Berücksichtigung, die sich erst später zum Ergreifen eines Berufes entschließen. Eltern, Vormündern oder sonst interessierten Persönlichkeiten wird unparteiischer, sachverständiger Rat bei der Berufswahl ihrer Kinder, Mündel oder Schüßlinge erteilt und genaue Auskunft über die Ausbildungsbedingungen und Erwerbsaussichten in den verschiedenen Berufen gegeben. Die Geschäftsstunden sind an den Wochentagen in den Monaten Februar, März, April, August, September und Oftober von 8 bis 12 und 4 bis 7 Uhr, Sountags von 10 bis 1 Uhr, in den übrigen Monaten von 8 bis 3 Uhr. Durch ein Abkommen mit dem Kaufmännischen Verband für weibliche Angestellte, dem Verband für handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau und den gemeinnüßigen Arbeitsnachweisen in Groß- Berlin ist es der Zentralstelle möglich, Lehr- und Anfangsstellen im Haushalt, in Industrie und Handwerk und in faufmännischen Betrieben voll ständig unentgeltlich zu vermitteln. Wir verkennen und unterschäßen nicht das Gute, was die Zentralstelle" zu leisten vermag. Allein in der großen Sandwüste des Massenelends, die die kapitalistische Ordnung schafft, kann ihr Wirken nicht mehr bedeuten als eine bescheidene Dase, wo wenige den brennenden Durst stillen. Um nur eines herauszugreifen: Troß ihrer Fühlung mit dem Verband für handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau wird es der Zentralstelle" nicht möglich sein, der Ausbeutung vieler Zehntausender gewerblicher Arbeiterinnen auch nur in Berlin und der Mark allein zu wehren und ihnen die Bewegungsfreiheit für Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu fichern. Nicht einmal dem groben Unfug der schändlichen Ausnutzung von Lehrmädchen fann sie in großem Umfang steuern. Ebensowenig vermag sie der harten Fron und den Entbehrungen der weiblichen Handelsangestellten ein Ziel zu sehen. Der Zusammenhang mit dem ,, Kaufmännischen Verband für weibliche Angestellte" tann daran nichts ändern. So fann auch diese wohlgemeinte Gründung die proletarischen Frauen nicht veranlassen, den Schalmeienbläsern des sozialen Friedens zu lauschen, sie rüsten zum Kampfe. Nr. 2 Fürsorge für Mutter und Kind. Die Gleichheit Stillprämien und Kindersterblichkeit. In der württembergischen Oberamtsstadt Heilbronn und ihrer Umgebung hat die kapitalistische Produktion in dem letzten Jahrzehnt große Ausdehnung gewonnen. Fabriken nach Fabriken sind entlang dem Neckar aufgemauert worden, dessen Schiffbarkeit hier beginnt, und die qualmenden Schlote überragen die umliegenden Dörfer, die sich vor wenigen Jahren noch landschaftlicher Reize erfreuten. Mit der Vermehrung der Fabriken hat die Proletarisierung der kleinbäuerlichen Bevölkerung rasch zugenommen. Neben Zehntausenden von Männern find es Tausende von Frauen und Mädchen, die die Woche über von den Landorten herein in die Stadt und die Vororte kommen, um in den Fabriken dem Kapital zu fronen. Die billigere Arbeit der Frauen haben die Heilbronner Industriellen früh schätzen gelernt. Der Ausdehnung der gewerblichen Frauenarbeit find wie überall als düstere Schatten Frauenleiden und Kinderfterblichkeit gefolgt. Je mehr Frauen als Erwerbstätige vom Kapital ausgenutzt wurden, je mehr wütete der Würger Tod unter den Säuglingen. Es starben in dem Oberamtsbezirk Heilbronn von hundert Lebendgeborenen im Jahre 1906: 45; im Jahre 1907: 50 und im Jahre 1908: 44 bor Vollendung des ersten Lebensjahres. Staat und Gemeinden erwiesen wieder einmal ihren Klassencharakter: fie sahen der hohen Kindersterblichkeit tatenlos zu. Ohne Berständnis für das gute Recht der Reichtum schaffenden Frauen des werktätigen Volkes überließen sie es der privaten Wohltätig= teit, durch Almosen dem übel etwas entgegenzuwirken. Fürstenempfänge und Festessen sind offenbar würdigere Gelegenheiten, bas Geld zu verausgaben, mit dem die Steuerzahler die öffentlichen Säckel füllen. Der Bezirkswohltätigkeitsverein des Oberamts Heilbronn machte einen bescheidenen Versuch, gegen die Säuglingssterblichkeit anzufämpfen, die so schwere Antlage gegen die bestehende kapitalistische Ordnung erhebt. Er führte im Jahre 1909 Stillprämien ein, die während sechs Wochen 50 Pf. täglich betrugen. Im folgenden Jahre erhöhte er die Stillprämien auf 1 Mt. pro Tag. Die Unterstüßungseinrichtung soll noch welter ausgedehnt werden. Die Tatsachen erweisen, daß sie einem vorliegenden brennenden Bedürfnis entgegenkommt. Jm allgemeinen scheuen die Arbeiter mit Recht davor zurück, sogenannte Wohltaten zu empfangen. Trotzdem wurde die Einrichtung des Bezirkswohl= tätigkeitsvereins schon im ersten Jahre ihres Bestehens von 211 Müttern in Anspruch genommen. Sie erhielten zusammen 2095 Mt. Stillprämien, die einzelne Wöchnerin also noch nicht einmal ganze 10 Mt. Und doch haben schon diese wenigen Bettelpfen nige die Mütter veranlaßt, ihre Kleinen selbst die ersten sechs Wochen und darüber hinaus zu nähren. Wie groß muß da nicht die Not in der Familie sein! Mehr als zwei Drittel der Säuglinge im Oberamt wurden im ersten Jahre des Bestehens der Einrichtung mit Muttermilch genährt. Daß die Säuglingssterblichkeit erheblich abgenommen hat, steht augenscheinlich im Zusammenhang mit der zunehmenden Ernährung an der Mutterbrust. Von den Säuglingen mit Brustnahrung starben 1909 von hundert nur drei in den ersten zwölf Lebensmonaten; von hundert künstlich ernährten Kindern wurden den Müttern 23 durch den Tod entrissen, noch ehe sie das erste Lebensjahr vollendet hatten. Diese Bahlen lassen den Nußen von Stillprämien erkennen, die eine von den vielen notwendigen Maßnahmen zum Schutze von Mutter und Kind sind, zu denen sich die Organe der bürgerlichen Gesellschaft entschließen sollten und entschließen könnten, um einiger= maßen gutzumachen, was ihre Wirtschaft am Wolke verbricht. Denn noch eins ist klar: so segensreich auch eine Unterstützung wie bie durch den Bezirkswohltätigkeitsverein Heilbronn von den einzelnen armen Müttern empfunden werden mag, sie bleibt doch nur der bekannte Tropfen auf einen heißen Stein. Reich, Staat und Gemeinde müssen mit ihren Mitteln zur Fürsorge von Mutter und Kind eingreifen, und das nicht aus Barmherzigkeit, sondern bon Rechts wegen. Frauenstimmrecht. H. W. I.K. 1346 925 weibliche Wähler in den Vereinigten Staaten. Das Zensusbureau der Vereinigten Staaten veröffentlicht soeben einen Bericht, der die Ergebnisse der kürzlich stattgefundenen Bolkszählung zusammenfaßt. Aus ihm geht hervor, daß jezt in den sechs Staaten unserer Union, die das Frauenwahlrecht einführten, nicht weniger als 1 346 925 Frauen stimmberechtigt sind. Bei der bevorstehenden Präsidentenwahl bilden also die Frauen zum erstenmal in der Geschichte dieses Landes einen wichtigen politischen Faktor. Auch ohne die vom Zensusbureau veröffentlichten Zahlen 31 wäre uns diese Tatsache lebhaft zum Bewußtsein gekommen, und zwar an der gänzlich veränderten Stellungnahme der bürgerlichen Parteien und ihrer Kandidaten. Präsident Taft, den die republikanische Partei wieder für das Präsidentschaftsamt kandidieren läßt, der dicke, phleg matische Mann, ein typischer Vertreter der streng konservativen Richtung, hat bei den Urwahlen an die Wählerinnen von Kalifornien einen glühenden Appell gerichtet, ihn, Taft, zu unterstützen. Er konnte sich nicht gut als politischer Anwalt dieser Frauen aufspielen, da er immer ein Gegner des Frauenstimm rechts gewesen ist. Er berief sich daher ihnen gegenüber darauf, daß während seiner Präsidentschaft in Washington ein Bureau zur Pflege der Kinderwohlfahrt errichtet wurde, das Kinder amt, und daß er eine Frau zu dessen Vorsteherin ernannte. Nebenbei bemerkt, ist diese Wohlfahrtseinrichtung in Wirklichkeit das Werk der Frauenklubs in den Vereinigten Staaten, und es hat Jahrzehnte der Agitation bedurft, ehe das Amt endlich geschaffe wurde. Gouverneur Wilson, der Präsidentschaftskandidat der De motraten, hat Mühe, den Frauen zu versichern, daß er allein der treucste Verfechter ihrer Interessen sei. Seine Haltung zur Förderung der Frauenrechte findet den treffendsten ausdruck in der amerikanischen Redensart:„ Er sitzt auf dem Zaun." Bei einem Wohltätigkeitsbasar, bei dem er zufällig zugegen war, beranlaßten ihn die anwesenden Frauenrechtlerinnen, einer ihrer Versammlungen beizuwohnen und auch einige Worte an sie zu richten. In dieser kurzen Ansprache berührte Wilson die Frage des Frauenstimmrechts nur oberflächlich und sehr vorsichtig wie einen Bienenkorb. Kurz darauf aber schrieb eine ihm befreundete Frauenrechtlerin an eine Frauenzeitung, Gouverneur Wilson sei damit beschäftigt, die Frage eingehend zu studieren, und sie be zweifle nicht, daß er sich endgültig zugunsten des Frauenstimm rechts entscheiden werde. Theodore Roosevelt endlich, Gründer der neuen Fort. fchrittspartei, der ewig neue Überraschungen bereitende Akrobat der amerikanischen Politit, hat jetzt den Schlachtruf ,, votes for women"( den Frauen das Stimmrecht) auf seine Fahne geschrieben und stürmt als Verfechter der Frauenrechte auf den Kampfplatz. Während der sieben Jahre, in denen Roosevelt das Präsidentschaftsamt bekleidete, hat er die bolle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts durchaus abgelehnt. Berichterstattern gegenüber und in Zeitungsartikeln hat er einige Male in verschie denen Variationen das alte Lied gesungen: die Frau gehört ins Haus. In seinem Kreuzzug gegen den" Rafsenselbstmord" hat er wohl hundertmal betont, daß Kinder zu gebären der einzige Beruf der Frauen sei. Niemals hat er den organisierten Frauenrechtlerinnen eine Konzession gemacht, nie das leiseste Versprechen berlauten lassen, ihre Forderungen zu unterstützen. Aber jetzt ist das alles anders geworden, denn weit über eine Million Frauen haben bei der Präsidentenwahl ein Wort mitzureden. Leider sind viele der führenden bürgerlichen Frauenrechtlerinnen töricht und kurzfichtig genug, fich von Roosevelt als Mittel zum Zweck gebrauchen zu laffen. Den Roosevelt von gestern scheinen sie vergessen zu haben, dem Roosevelt von heute jubeln sie zu und beteiligen sich lebhaft an der Organisation und Leitung der Partei, die von ihm und für ihn begründet worden ist. Die sozialistische Partei wirkt unterdessen unentwegt weiter für die politische Gleichstellung der Frau, wie sie es feit ihrer Gründung getan hat. In einem Rundschreiben an sämtliche Parteiorganisationen weist die Korre spondentin des nationalen Frauenfomitees unserer Partei ebenfalls auf die große Zahl der weiblichen Wahler hin und ermahnt die Genossen, die Bemühungen zur Aufklärung und Belehrung der Frauen zu verdoppeln. Die Mahnung wird nicht unbeachtet bleiben. Wissen wir doch, daß die Mehrzahl jener 1 346 925 Wählerinnen Töchter und Frauen des arbeitenden Volkes sind. Meta L. Stern, New York. Das persönliche Kommunalwahlrecht der Frauen in Tirol soll demnächst in den Stadt- und Landgemeinden eingeführt werden. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Aus der sozialistischen Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten. Die bisherige Sekretärin des nationalen Frauenfomitees der sozialistischen Partei Genossin A. Lowe hat ihr Amt niedergelegt, um sich ganz der agitatorischen Tätigkeit zu widmen. An ihre Stelle trat Winnie Branstetter, eine Frau, die ebenfalls langjährige Erfahrungen im Dienste der Partei befißt. Genofsin Branstetter war Mitglied des ersten nationalen Frauenfomitees. 32 Die Frau in öffentlichen Aemtern. Die Gleichheit Drei Schulschwestern zur Unterstüßung der Schulärzte find in den Breslauer Volksschulen angestellt worden. Jeder von ihnen find bestimmte Bezirke zugewiesen, in denen sie als Hilfsorgane der schulärztlichen Fürsorge tätig sind. Einen weiblichen Eherichter hat das Polizeigericht Brooklyn seiner Abteilung für Ehestreitigkeiten zugeordnet. Die Richterin hat zusammen mit ihrem männlichen Amtsgenossen alle Streitig feiten zu entscheiden, und sie ist ausdrücklich angewiesen, die Fragen ausschließlich vom weiblichen Standpunkt aus zu beurteilen. Verschiedenes. Einige Zitate. Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen. So dachte die" Parole, Deutsche Kriegerzeitung, Amtliche Zeitung des Deutschen Kriegerbundes", und bemühte sich, ihr Spänlein beizutragen zu dem Scheiterhaufen, auf dem die Sozialdemokratie verbrannt werden soll. Bekanntlich hat Vater Staat, der preußische, seit einiger Zeit seine Fürsorge" der Arbeiterjugend zugewandt. Mit einigen Millionen hat er eine staatserhaltende Jugendbewegung ins Leben gerufen zu dem ausdrücklichen Zweck, der sozialdemokratischen Jugendbewegung das Wasser abzugraben. Da be= eilen sich nun die waderen Krieger, auch noch hinterherzukommen und durch Gebelfer gegen die sozialdemokratische Jugendpflege ihre Treue und Ergebenheit den staatserhaltenden Kreisen zu beweisen. Man sollte meinen, das Los der hungernden Veteranen ginge sie näher an. Aber nein, jetzt ist ja Jugendpflege in Mode, und da gehört es sich natürlich, daß die" Parole" in Jugendpflege macht. Was sollte man sonst„ oben" von ihr denken! So tischte sie denn in ihrer Nummer vom 31. Juli etliche Schimpfereien gegen die Sozialdemokratie auf, die wenig beachtlich sind. Doch läßt sie die Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne der Welt zu verkünden, wie nach ihrer Meinung die Jugend erzogen werden muß. Und das sieht so aus: 3ucht in der Jugend ist die Vorbedingung für späteres gedeihliches Leben und Schaffen. Zur Zucht gehört aber vor allem Gehorsam, die Fähigkeit des Unterordnens und Einordnens in die gegebenen Wirklichkeiten in der Familie, Gemeinde, Gesellschaft und im Staat. Der jugendliche Wille muß von früh auf gewöhnt werden, daß er sich überall zu fügen hat, daß er zu allererst gehorchen lernen muß, den Eltern, den Erwachsenen, den Lehrern, der von Gott und der Geschichte verliehenen Obrigkeit und Ordnung. Im Kinde, wenn es dereinst ein brauchbares, tüchtiges Glied in der großen vaterländischen Gesamtheit werden soll, muß das heilige Wort gleichsam Fleisch und Blut werden: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe! Für jede größere wie kleinere Gemeinschaft gilt das, sonst gibt es keinen Halt, kein Zusammenwirken. Der Einzelwille muß dem Gesamtwillen, dessen Glied er ist, dienen und folgen. So gebietet es allerwegen die natürliche Ordnung; so muß es sein und bleiben." Gehorchen, unterordnen, sich fügen das ist es, was der " freie" deutsche Krieger dem heranwachsenden Geschlecht beibringen will. Was wir dazu meinen, haben wir oft genug gesagt und wollen es nicht wiederholen. Wir wollen vielmehr heute nur einige Zitate zu dieser Frage beibringen. Der Zufall will es nämlich, daß auch in einer ernst zu nehmenden konservativen Zeitschrift, in den " Preußischen Jahrbüchern", im Juli dieses Jahres ein Artikel über die Jugendpflege erschienen ist, und der kann natürlich ebenfalls an der Frage der Erziehung nicht vorübergehen. Da klingt es aber ganz anders: „ Die Schuld dafür, daß in unserem öffentlichen Leben mehr und mehr ein Mangel an überzeugungstreue und Charatterfestigkeit zutage tritt, wird mit gutem Recht zum großen Teil dem Geist an unseren öffentlichen Schulen zugesprochen. Die Erziehung zur Selbständigkeit, zu freien, willensstarten Persönlichkeiten wird zwar jeder deutsche Lehrer als ein richtiges Jdeal anerkennen; in der Pragis aber begnügen sich sehr viele, wenn nicht die meisten, immer noch damit, bei ihren Schülern eine gute Zucht und tadellosen Gehorsam zu erziehen.... Der englische Knabe lernt nicht nur ge= horchen, sondern auch befehlen. Die Folge davon, daß das bei uns nicht geschieht, ist, daß der Deutsche, wenn er ins Leben hinaustritt, nicht von selbst die Empfindung dafür besißt, wann er ge= horchen und wann er befehlen soll." Diese Empfindung ist allerdings für den Krieger nach dem Herzen der Parole" auch ganz überflüssig, denn der will ja immer nur gehorchen, sein ganzes Leben lang. Aber weiter im Text " Nr. 2 der„ Preußischen Jahrbücher":" Außerdem betrachtet sich der englische Lehrer seinem Schüler gegenüber nicht als Vorgesetzter( entseßlich zu hören für ein treudeutsches Kriegerherz!), sondern als primus inter Pares( Erster unter Gleichen); und dem Schüler wird das Recht zugebilligt, eine unwürdige Behandlung, Miß- und übergriffe zurückzuweisen." Nachbarin, euer Fläschchen! Wo bleibt da die" Bucht", die in Deutschland bekanntlich den jungen Menschen so weit erzieht", daß er in der Kaserne auf Befehl des Vorgesetzten schmutziges Waschwasser trinkt. Ja, bei uns wird eben auf Kriegervereinsmethode erzogen, und die ist natürlich viel besser als die englische. Cder nicht? In dem konservativen Artikel heißt es weiter:" Dürfen wir uns wundern, daß unsere Knaben und Jünglinge, die als mehr oder weniger willen lose Individuen behandelt werden und sich fremder Autorität blindlings fügen müssen, sich auch als Männer durch alles, was mit Selbstbewußtsein auftritt, imponieren lassen und nicht den Mut finden, ihrer überzeugung Ausdruck zu geben und sie unter allen Umständen zu vertreten?" Arme Parole! Und gerade das hat sie den Sozialdemokraten zum schlimmsten Vorwurf gemacht, daß sie die Jugend auf eigene Füße stellen, zu eigenem Willen erziehen will! Aber freilich, wir dürfen nicht vergessen, daß die waderen Krieger, die das geschrieben haben, selbst eine Frucht jener„ Erziehung zur Unterordnung" sind, die sie jetzt mit so vollen Backen preisen. Sie haben es nicht anders gelernt, gehen wir also nicht zu streng mit ihnen ins Gericht. Der Artikel in der konservativen Zeitschrift enthält auch sonst noch treffende Worte über unser Erziehungswesen, zumal an den höheren Schulen, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wolIen. Zum Beispiel diese:" Solange unsere höheren Schulen das bleiben, was sie heute sind, nämlich Examenschulen, Versicherungsanstalten zur Gewinnung staatlicher Berechtigungen, so lange fann es nicht besser werden. Nur der Geist macht lebendig, der auf der Liebe zur Sache, auf der Freude an den Dingen beruht. Der aber kann nicht gedeihen, wo statt der inneren Werte, die in der Arbeit und der Vertiefung in die Gegenstände liegen, der äußere Erfolg, der mit der Sache gar nichts zu tun hat, das Ziel ist, auf das Lehrer und Schüler hinarbeiten müssen.... Solange solche Vorwürfe im Durchschnitt berechtigt sind, und das kann man nicht leugnen, so lange sind die Schulen nicht der Hort des Jdealismus, sondern die Pflegestätte des Materialismus, der in der Sucht nach äußeren Vorteilen und Erfolgen wurzelt, die es nicht fümmert, ob der innere Mensch, die wahrhaftige Persönlichkeit dabei Schaden leidet. Sie hilft selbst das Scheinwesen erzeugen, die Phrase, die äußere Mache, die von den Besten der Zeit als der Krebsschaden betrachtet wird, an dem wir franken." Wenn die höhere Schule, die Schule der Besitzenden, sich aus den eigenen Reihen solche Dinge muß sagen lassen, hätte da nicht der Staat, dieser Regierungsausschuß der Besißenden, alle Veranlas sung, sich erst einmal um diese inneren hauslichen Angelegenheiten seiner Auftraggeber zu kümmern, ehe er es unternimmt, die Arbeiterjugend vor der Sozialdemokratie zu retten? j. b. go Wir empfehlen in einfacher, guter Ausstattung Einbanddecken zur Gleichheit Jahrgang 1911/1912 a. Die Decke für das Hauptblatt und die Beilage ,, Für unsere Mütter und Hausfrauen". b. Die Decke für die Kinderbeilage. Preis zusammen 1 Mark. Bei direkter Zusendung 30 Pf. mehr für Porto. Titelblatt und Inhaltsverzeichnis werden den Decken unentgeltlich beigegeben. Bestellungen nehmen die Austrägerinnen der Gleichheit entgegen. Vorrätig sind noch die Einbanddecken zu den Jahrgängen 1908/1909, 1909/1910, 1910/1911. Preis je 1 Mart. Expedition der Gleichheit, Stuttgart, Furtbachstraße 12. 800 08 Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel). Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. 6.m.b.8. in Stuttgart.