Nr. 23 23. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 6. August 1913 Die Tätigkeit der Frau Kann die Bürde der Von der jüdischen Frauen, auf zur Wahl! Von Fr. Kleeis. in der Gemeinde. V. Von Anna Blos. Hausfrau erleichtert werden? II. Von Th. L. Arbeiterinnenbewegung in Rußland. Von A. L.- Der Budapester Kongreß des Weltbundes für Frauenstimmrecht.( Schluß.) Bon e. r. Das elegante Badekostüm. Von F. Linke. Aus der Bewegung: Friedrich Zietsch und Karl Weiser †. Jahresbericht der Genoffinnen des achten sächsischen Wahlkreises.- Jahresbericht der Genossinnen von Hamburg. Die zweite Frauenkonferenz für den Agitationsbezirk Erfurt. Politische Rundschau. Bon H. B. Gewerkschaftliche Rundschau.- Aus der Textilarbeiterbewegung. Von sk. Arbeitslosenzählung im Deutschen Textilarbeiterverband. Von sk. Mahnung. Von L. K. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.- Frauenbewegung. Frauenstimmrecht. Fürsorge für Mutter und Kind. Die Frau in öffentlichen Ämtern. Verschiedenes. Frauen, auf zur Wahl! Der deutschen Arbeiterschaft stehen in den nächsten Monaten sehr wichtige Wahlen bevor. Und zwar Wahlen, bei denen die Frauen, von geringfügigen Ausnahmen abgesehen, vollständig die gleichen Rechte haben wie die Männer. Es ist nämlich die gesamte Vertretung der Versicher tenin allen Organen der Reichsversicherung neu zu wählen. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Vertreter der Versicherten nur bei der Aufstellung von Unfallverhütungsvorschriften mitzusprechen. Die Vertreter der Arbeiter müssen zu diesem Zwecke in gleicher Zahl wie die Vertreter der Unternehmer herangezogen werden. Die Frauen find dabei gleichberechtigt. In der Invalidenversicherung sind die Ausschüsse und die Vorstände die Organe der Landesversicherungsanstalten. Die ersteren bestehen aus der gleichen Bahl Vertreter der Unternehmer und Vertreter der Versicherten, sie wählen sich ihren Vorsißenden selbst, und die Reichsversicherungsordnung schließt die Wahl einer Frau als Ausschußmitglied und als Ausschußvorsißende nicht aus. Der Vorstand der Versicherungsanstalt setzt sich aus gleichzähligen Vertretern der Arbeitgeber und Versicherten und einer beliebigen Zahl von Regierungsbeamten zusammen, der Vorsigende ist stets ein solcher Beamter. Als Vorstandsmitglieder ersterer Art können ebenfalls Frauen gewählt werden. Die Streitfrage ist zurzeit ziemlich müßig, ob die Behörden als Regierungsvertreter auch Frauen berufen können. Denn selbst wenn es zulässig wäre, würde es doch unter der Herrschaft von Zopf und Schwert nicht geschehen. Die Erweiterung der Frauenrechte hat jedoch Halt gemacht vor den Versicherungsbehörden. Bei den unteren Versicherungsämtern, Oberversicherungsämtern, Landesversicherungsämtern und bei dem Reichsversicherungsamt wirken zwar auch Vertreter der, Unternehmer und Versicherten in gleicher Zahl mit, allein die Reichsversicherungsordnung bestimmt ausdrücklich, daß für diese Posten nur Männer wählbar sind. Alle Bemühungen der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, auch hierbei den Frauen die Gleichberechtigung zu erkämpfen, scheiterten an dem Verhalten der birgerlichen Parteien, die auf keinen Fall die Frau zur Rechtsprechung berufen sehen wollten. Das Vertretersystem in der Reichsversicherung ist äußerst kompliziert. Die Grundlage davon bildet die Wahl der Vertreter zum Ausschuß der Krankenkassen. Diese Vertreter im Ausschuß wählen die Vorstandsmitglieder der Kassen, diese wählen ihrerseits die Vertreter bei den Versicherungsämtern, diese wiederum die Versichertenvertreter in den Ausschüssen der( Invaliden-) Landesversicherungsanstalten und die Vertreter zu den Oberversicherungsämtern, die letzteren allein wählen die Versichertenvertreter bei den Landesversicherungsämtern und bei dem Reichsversicherungsamt. Die Vertreter im Ausschuß der Landesversicherungsanstalten wählen ihrerseits die nicht beamteten Vorstandsmitglieder dieser Körperschaften und die Arbeiterbeisiger für die Beratung der Unfallverhütungsvorschriften bei den Berufsgenossenschaften. Die Reichsversicherungsordnung hat die Rechte der Frauen bei der Durchführung der sozialen Versicherung erweitert. Ehe sie in Kraft trat, waren die Krankenkassen die einzigen öffentlichen Körperschaften, bei denen die Frauen das gleiche Verwaltungsrecht wie die Männer besaßen. Die Neichsversicherungsordnung unterscheidet nunmehr zwischen der Beteiligung an der Verwaltung der Versicherungsträger Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und Invalidenversicherungsanstalten und der Mitwirkung bei den neuen Versicherungsämtera. Die Beteiligung ersterer Art ist den Frauen unbeschränkt zuerkannt worden, und es besteht zwischen ihrem Recht und dem der Männer kein Unterschied mehr. Die Frauen wählen nicht bloß, sie können auch gewählt werden. Nach§ 12 der Reichsversicherungsordnung sind ,, wählbar zu den Organen der Versicherungsträger volljährige Deutsche", wozu natürlich auch die Frauen gehören. Das gilt nicht nur für die Besetzung aller Ehrenämter, sondern auch für die übertragung berufsmäßig ausgeübter oder besoldeter Posten. In der Krankenversicherung kommen in Frage die Ämter als Mitglied des Ausschusses wie in Zukunft die seitherige Generalversammlung heißt und als Mitglied des Vorstandes. Es besteht auch kein gesetzliches Hindernis, eine Frau als Kassenvorsitzende zu wählen. Das Gesetz hat grundsätzlich festgelegt, daß die Unfallversicherung nur von den Unternehmern verwaltet wird. Es steht diesen frei, auch Frauen zu ihrer Vertretung in die Berufsgenossenschaftsversammlung und den Genossenschaftsvorstand zu wählen. Nach§ 853 der Reichsversicherungsordnung haben die Obligator. Nebenorgan zum Tertilarbeiter" für Frauen, die wie ihre Männer Mitglieder des Deutschen Textilarbeiter- u. Arbeit.cinnen- Verb. sind. Die Wahlen zum neuen Ausschuß der Krankenkassen sollen nach den einschlägigen behördlichen Verfügungen zuerst stattfinden, und zwar spätestens im Oktober. In einigen Orten sind jedoch die Wahlen schon für den August ausgeschrieben worden. Die Neuwahlen sollen den der Versicherung neu unterstellten Personen Gelegenheit geben, sich zu beteiligen, ihren Einfluß auf die Zusammenseßung der Ausschüsse geltend zu machen. Vor allem kommen da die Dienstboten, 354. Die Gleichheit Hausgewerbetreibende usw. in Betracht. Die Wahlen der Vorstandsmitglieder der Krankenkassen sollen spätestens in der ersten Hälfte des November erfolgen, die der Vertreter bei den unteren Versicherungsämtern spätestens in der zweiten Hälfte des November. Es werden sich dann schnell die übrigen oben aufgeführten Wahlen anschließen müssen. Geht doch selbst die Amtsdauer der gegenwärtigen Vertreter beim Reichsversicherungsamt nur bis zum 31. Dezember 1913. Sollen auch sie noch rechtzeitig gewählt werden, ſo müßten die Wahlen in überstürztem Tempo erfolgen. Seither haben sich die Frauen an den Krankenkassenwahlen leider nur in geringem Umfang beteiligt. Aus diesem Umstand haben Gegner der Frauenrechte den Schluß gezogen, daß die Frauen mit ihren Rechten bei der Durchführung der Krankenversicherung nichts anzufangen wüßten, es habe daher auch feinen Zweck, diese Rechte auf die anderen Versicherungszweige auszudehnen. Die Frauen müssen beweisen, daß das nicht stimmt: ihre Beteiligung an den Wahlen muß eine rege sein. station Erstens haben die Frauen selbst ein großes materielles Interesse daran, bei der Durchführung der sozialen Versiche rung in umfaffendem Maße mitzuwirken. Die einzelnen Verficherungszweige laffen eine mannigfache Ausgestaltung der Zeistungen durch die Versicherungsträger zu. Das ist namentlich bei der Krankenversicherung der Fall. Es sei besonders an die Mutterschaftsfürsorge erinnert. Die von dem Gesetz vorgesehenen Mindestleistungen dafür find äußerst färglich, die einzelnen Krankenkassen können sie jedoch erheblich steigern und vervollständigen. Das ist bei manchen anderen Leistungen der Versicherung noch der Fall. Auch in der Invalidenversicherung ist vieles ausgestaltungsfähig. So steht den Frauen ein großes Arbeitsfeld offen, manches kann besser werden, wenn sie sich ihrer Aufgabe voll bewußt sind und ihr Recht zielklar ausüben. Bei Unterstützungseinrichtungen, die ihre eigenen Interessen berühren, wissen sie besser, was not tut, als die Männer. Zweitens müssen die Frauen bei den Wahlen gemeinsam mit den Männern die allgemeinen proletarischen Interessen verteidigen. Es sei darauf verwiesen, daß laut§ 15 der Reichsversicherungsordnung die Wahlen nach den Grundsätzen des Verhältnisverfahrens stattzufinden haben. Dort, wo mehrere Vorschlagslisten zur Wahl stehen, wie zum Beispiel bei den großen Ortskrankenkassen, muß dieses Wahlverfahren die Wahlbeteiligung ungemein beleben. Bei den feitherigen Wahlen auf Grund des Mehrheitsprinzips verhalf die bloße Stimmenmehrheit einer Liste zum Siege. Nun aber kommt es darauf an, daß eine Liste recht viele Stimmen erhält, denn nur dann wird eine große Zahl der gewählten Vertreter auf ihre Kandidaten entfallen. Schließlich können auch auf anderen Gebieten Rechte für das weibliche Geschlecht nur erkämpft werden, wenn die Frauen zeigen, daß sie die öffentlichen Rechte zu gebrauchen wissen, die sie bereits besigen. Der Gebrauch von Rechten ist eine Voraussetzung wie Bürgschaft für die Erweiterung von Rechten. Die soziale Versicherung muß ein Feld der Vetätigung werden, auf dem die Frauen erweisen, daß sie reif für die Beteiligung am öffentlichen Leben sind. Deshalb auf, Proletarierinnen, zu den Vertreterwahlen! Fr. Kleeis. Nr. 23 warmen Wohnung noch das behagliche Gefühl, satt zu sein, jemals kennen lernten. Aufgabe der Schulgesundheitspflege ist es, auch da einzugreifen. Denn man kann von frierenden, hungernden Kindern unmöglich erwarten, daß ihr Geist aufnahmefähig ist, daß sie die erforderliche Frische befizen, um den Aufgaben auch nur einigermaßen gewachsen zu sein, die die Schule an sie stellt. Die Gemeinden machen es sich bequem und überlassen am liebsten den Wohltätigkeitsvereinen die Sorge für dieſe armen Kinder, wir haben immer noch erſt vereinzelt Schulspeisung und Schulborte. Das Deutsche Neich, das 1594 Millionen Mark für Heer und Marine im Jahr ausgibt und fünftig noch viel mehr dafür ausgeben wird, nachdem die Wehrvorlage Gesetz geworden ist, hat für die Volksschulen nur 522,9 Millionen Mark übrig. Damit läßt sich nicht viel anfangen, und in den Sizungen der Gemeinderäte kommt es schon bei der Forderung des Milch frühstücks zu erregten Debatten, wie viel mehr noch bei jedem etwas weitergehenden Verlangen. Dabei hat die Zentralstelle für Volkswohlfahrt in Preußen 1908 festgestellt, daß im Winter 22 000, im Sommer 36 000 Kinder kein Frühstück erhielten. In Berlin allein müssen 14 000 Kinder morgens ohne Frühstück in die Schule gehen. Nach der Umfrage der Zentralstelle für Volkswohlfahrt erhalten im Winter 179 009 Kinder mittags nur einen falten Imbiß, im Sommer elma 113 000. Kein Abendessen bekamen im Winter etwa 13 000, im Sommer 22 000 Kinder. Der Verein Berliner Kindervolksküchen hat im Dezember 1912 in 17 Rüchen täglich gegen 9000 Kinder gespeist. Die Berliner Gemeindeschulen werden von etwa 225 000 Kindern besucht, von denen im Winter 31 Prozent, im Sommer 2 Prozent die Speisung in Anspruch nehmen. Ganz armie Kinder erhalten die Mahlzeit unentgeltlich, weniger bedürftige bezahlen 10 Pf. Die Stadt Berlin steuert den lächerlichen Betrag von 17 000 mr. bei. Im übrigen ist dieser Verein wie so viele andere leider für seine Mittel nur auf die Wohltätigkeit angewiesen. Dem Vorsitzenden des Vereins gegenüber aber behauptete der Stadtkämmerer Maaß:„ Es gibt überhaupt keine Not in Berlin; Sie machen sie erst mit Ihren Bestrebungen." Ähnliche Ansichten herrschen auch in anderen Städten. Im Jahre 1911 hatten nach Rühle erst 201 Städte mit über 10 000 Einwohnern Speiseeinrichtungen für Volksschulkinder. In den Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern erhielten nur 5,4 Prozent der Kinder eine Speifung; in den Städten mit 50 000 bis 100 000 Einwohnern 10 Prozent, in den anderen 6,1 bis 8,7 Prozent. In 72 Prozent der Städte sind diese Einrichtungen private Organifationen, nur 28 Prozent der städtischen Behörden sind selbständig vorgegangen. Nicht mehr als 32 Städte verabreichten erstes oder zweites Frühstüc oder auch Mittagessen das ganze Jahr hindurch; bei 28 Prozent dauerte die Speifung nur drei bis vier Monate. Von zahlungsfähigen Eltern wird in 22 Orten ein Ersatz der Kosten verlangt. In 54 Städten verabreicht man zu Anfang des Unterricht an einen Teil der Schulkinder Milch und Brot. Für die bedürftigen Kinder gibt es in 86 Städten ein Mittagessen. Es ist mit Händen zu greifen, wie unzureichend diese Einrichtungen angesichts des bestehenden Elends find. Es ist unsere Pflicht, darauf hinzuarbeiten, daß die Schulspeisung überall eingeführt wird und daß die Gemeinden die Kosten vollständig übernehmen. Dadurch wird dieser Einrichtung der Die Tätigkeit der Frau in der Gemeinde. Stempel einer Wohltat genommen, die anzunehmen vielen Bon Anna Blos. V. Die Frau in der Schulbehörde. und Schulheime. Schulspeisung Schiller schrieb einmal:„ Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat; aber er muß warm wohnen und sich satt gegessen haben, wenn sich die besfere Natur in ihm regen soll." Unendlich viele Kinder befuchen aber die Volksschule, die weder die Wohltat einer drückend ist. Wir müssen dann aber auch der Ansicht entgegentreten, die mir so oft bei den Eltern auffiel, als ob die Leistungen der Stadt für die Volksschulkinder ebenfalls als Wohltat anzusehen wären. Man sieht es für selbstverständlich an, daß die Straßen vor unseren Wohnungen von der Gemeinde beleuchtet werden. Wie viel selbstverständlicher ist es jedoch eigentlich, daß diese es übernimmt, für die Kinder zu sorgen, deren Eltern nicht in der Lage find, sie zu sättigen. Denn wenn sich die bessere Natur in den Kindern regen soll, müssen sie eben satt sein, und nur dann werden sie kräftige, Nr. 23 Die Gleichheit gesunde Menschen, deren Leistungen zum Nußen der Gemeinde und des Staates ausgebildet werden können. Die Schulversäumnisse der Kinder, die Unaufmerksamkeit, das schlechte Lernen sind zum großen Teil auf die häuslichen Verhältnisse zurückzuführen. Von ebenso großem Einfluß wie die Unterernährung sind da der mutterlose Haushalt und die Wohnungsmisere. Nach einer mir vorliegenden Statistik führten in Berlin von 2193 verheirateten Frauen, die in der Fabrik arbeiteten, 11,8 Prozent überhaupt keinen Haushalt. Von 62 Prozent wurde die Hauptmahlzeit abends genossen. Und wie wurden die Kinder dieser Frauen versorgt? 31 Prozent von ihnen waren älteren Verwandten anvertraut; zu verwandten Familien wurden 21 Prozent geschickt. 11 Prozent waren fremden Leuten und 7 Prozent Spielschulen übergeben, während 30 Prozent sich selbst überlassen blieben. Ein Schularztbericht aus Magdeburg lautet: Von 700 Volksschülern schliefen 20 Prozent zu vier, 12 Prozent zu fünf, 7 Prozent zu sechs, 3 Prozent zu sieben, 0,6 Prozent ( vier Schüler) zu acht und 0,3 Prozent( zwei Schüler) gar zu neun in einem Raum. Nur 20529 Prozent Knaben hatten ein eigenes Bett, 3,3 Prozent schliefen zu dritt, ein Junge sogar mit noch drei anderen zusammen. Von den 495 Kindern, die nicht allein schliefen, teilten 283 ihre Lagerstätte mit dem Bruder, 85 mit dem Vater, 72 mit der Schwester, 52 mit der Mutter." Diese Zahlen übertreffen noch die Bernhardschen Daten für Berlin. Dort hatten nämlich 33 Prozent der Kinder ein eigenes Bett, 63 Prozent schliefen zu zweit und„ nur" 0,4 Prozent zu dritt. Nur ein eigenes Bett oder wenigstens ein Sofa, auf dem ich allein schlafen darf," das war der Wunsch, den ich immer wieder fand, als ich die Auffäße einer Volksschulklasse durchsah, in denen die Kinder ihre größten Wünsche ausdrücken sollten. Das eigene Bett, wie selbstverständlich erscheint es den Kindern der besitzenden Klassen, und welch unerreichbarer Lurus ist es für so viele Kinder des Proletariats! Wir hören so viele Klagen über die Verrohung der Kinder, über die Zunahme der Verbrechen unter den Jugendlichen. Besserungsanstalten werden eingerichtet, Rettungshäuser werden gebaut. Warum sett man, nicht da ein, wo des übels Wurzel liegt? All die Kinder, die in überfüllten Wohnungen. leben müssen, wie viel sehen und hören sie, was ihnen besser fremd bliebe. In Berlin gibt es 600 000 Menschen, die einen Raum mit mehr als sechs Personen teilen müssen. In Stuttgart teilen 1535 Menschen einen Raum mit sechs bis neun anderen, 107 Menschen sogar einen Raum mit mehr als zehn Personen! Die ungeheuren Wohnungspreise zwingen die Armen, Schlafgänger aufzunehmen, deren Einfluß auf ihre Kinder unheilvoll sein kann. Unendlich viel förperlichen und sittlichen Gefahren sind auch die Kinder ausgesetzt, die sich in ihrer freien Zeit auf der Straße aufhalten müssen, weil ihre Eltern auf Arbeit sind oder weil ihr Heim überfüllt ist. In den 25 Berliner Kinderhorten finden sich täglich gegen 1800 Kinder ein. Alles das sind Kinder, deren Eltern außer dem Haus arbeiten oder durch Heimarbeit behindert sind, ihre Kleinen bei den Schulaufgaben zu beaufsichtigen und sie davon zurückzuhalten, daß sie sich auf den Straßen herumtreiben. Neben den Schulaufgaben machen die Kinder in den Horten allerhand praktische, häusliche oder wirtschaftliche Arbeiten. Man liest ihnen vor, führt sie im Sommer auf Spielplätze und versorgt die Armen mit Kleidern und Speisen. Die Durchschnittszahl der Zöglinge betrug 1912 bei den Stuttgarter Knabenhorten 836, bei den Mädchenhorten 224. Aber die Zahl der Zöglinge aus den oberen Schuljahren geht fortgesezt zurück. Die Ursache erblickt der Schulrat in der mehr als früher üblichen Heranziehung der schulpflichtigen Kinder zum Gelderwer b. Die traurige Tatsache tritt hier also deutlich zutage, daß trotz des Kinderschutzgesetzes die Kinder mehr als früher zur Erwerbsarbeit herangezogen werden. Es ist das wohl eine Folge der. teuren Zeiten. In dem Bericht aus Stuttgart heißt es weiter: Im äußeren Auftreten der Böglinge lassen die Kleidung, besonders das Schuhwerk oft 4 355 sehr zu wünschen übrig." Mir selbst ist es vorgekommen, daß ein Junge nicht zur schulärztlichen Untersuchung gehen wollte, weil er sich schämte, zu zeigen, daß er kein Hemd besaß. In Berlin gingen gerade die schmußigsten Schüler nicht zum Baden, weil sie sich scheuten, die Mängel ihrer Leibwäsche sehen zu lassen. Nach Quarc sind in Thüringen und Oberfranken die Landschulen angewiesen, trockene Fußbekleidung für Schüler auf Armenkosten" bereitzustellen, und in Hamburg versagte der Senat die staatliche Subvention zur Gewährung von Schuhwerk für schulpflichtige Kinder, weil die Scheu vor der Armenpflege für viele Personen einen starken Anreiz bilde, die Berührung mit der Armenpflege durch Verwertung der eigenen Arbeitskraft möglichst zu vermeiden." Den Einwand, daß durch Schulheime und Schulspeisung Faulheit und Interesselosigkeit der Eltern befördert und der Familienfinn der Kinder zerstört werde, bekommen wir ja oft genug zu hören. Tatsachen beweisen, daß der Familiensinn nicht erst zerstört zu werden braucht, da die Familie des Arbeiters längst durch die Ausbeutung des Kapitalismus zerstört wird, Tatsachen beweisen, daß unzählige Eltern nicht imstande sind, so für ihre Kinder zu sorgen, wie es für deren körperliches und geistiges Wohl notwendig ist. Ich habe dafür nur einige Beispiele vorgeführt, die sich unendlich vermehren ließen. Aus der Lage der Dinge ergibt sich, daß die Sorge für die unter ihr leidenden Kinder von der Gemeinde übernommen werden muß und daß es unsere Aufgabe ist, immer mehr dahin zu wirken, daß durch Schulheime und Schulspeisung den Kindern Ersatz geschaffen wird für alles, was ihnen das Elternhaus nicht geben kann. Kann die Bürde der Hausfrau erleichtert werden? II. Ein anderer Ausblick eröffnet sich, wenn wir den veralteten Kleinbetrieb des Einzelhaushaltes mit seiner zeitund kraftverschwendenden Arbeitsweise, seinen unvollkommenen Arbeitsmitteln und dem Fehlen vernünftiger Organisierung nicht als unabänderlich betrachten, wenn wir die Frage vom Standpunkt eines planmäßigen, genossenschaftlichen Zusammenarbeitens verfügbarer Arbeitskräfte ins Auge fassen. Die einzelne Frau ist allerdings nicht imstande, den vielen widerstreitenden Aufgaben der Familie gerecht zu werden, wohl aber können zehn Arbeitskräfte gemeinsam die Bedürfnisse von zehn Familien in vollkommener Weise befriedigen. Ein bis zwei Köchinnen können mit Hilfe der vielerlei wunderbaren Maschinen, die schon heute in Großbetrieben eingeführt sind, die Nahrung für zehn Familien, für Große und Kleine, für Gesunde und Kranke bereiten. Durch Veschaffung der Lebensmittel und des Brennmaterials im großen würde dabei das fertig zubereitete Essen noch billiger sein als heute das bloße Material im Einzelhaushalt, die Ersparnis an Küchenräumen und-einrichtungen sei nur nebenbei erwähnt. In einem modern eingerichteten Waschhaus mit Maschinenbetrieb würden zwei Arbeitskräfte genügen, um die Wäsche von zehn Familien zu reinigen und zu bügeln. Eine Wärterin kann mehrere Säuglinge bewachen und pflegen, eine Kindergärtnerin oder zwei vermögen die Kinderschar von zehn Familien spielend zu beschäftigen, ein bis zwei Erzieherinnen oder Erzieher die größeren Kinder bei Arbeit, Sport und Wanderungen zu begleiten und zu beaufsichtigen. So würde der gemeinsame Betrieb unter Ausnüßung aller technischen Fortschritte und einer zweckmäßigen Arbeitsteilung die Lebenshaltung steigern und allen Kindern eine gute Pflege und Erziehung sichern. Wir wissen, daß dies keine schönen, aber leeren Phantastereien sind, Ansätze zu solcher Umgestaltung zeigen sich deutlich. Die wirtschaftliche Entwick lung geht in dieser Richtung vorwärts. Sie bereitet eine Organisation der Gesellschaft auf neuer Grundlage vor. Die Aufhebung des Privateigentums an den Produktions 356 Die Gleichheit mitteln wird auch den Haushalt umwälzen, wird den letzten überresten der zwerghaften Gütererzeugung in ihm ein Ende bereiten und ihm alle technischen Errungenschaften nußbar machen, fura sie wird ebenfalls in dieser Beziehung zu einer planvollen Regelung der Wirtschaft führen. Die gesellschaftliche Entwicklung weist auch der Allgemeinheit, weist öffentlichen Einrichtungen einen immer größeren Anteil an der Pflege und Erziehung der Kinder zu. Es fragt sich aber, ob nicht heute schon manches geschehen fann, was in dieser Richtung der sich anzeigenden Entwicklung liegt. Die Antwort darauf ist für wachsende Scharen von Proletariern wichtig. Bahllose ledige Arbeiter beider Geschlechter gehen fern von der Heimat ihrem Broterwerb nach. Für sie gibt es heute feinen Haushalt mehr, Schlafstellen und Schankwirtschaften sind ihr Heim. Vier Millionen verheirateter oder perheiratet gewesener, verwitweter oder geschiedener Frauen find berufstätig. Das bedeutet vier Millionen zerrütteter Haushaltungen und mindestens zwölf Millionen Kinder, denen es an jeglicher Pflege und Erziehung fehlt. Denn unsere göttliche" Weltordnung will es ja, daß gerade diejenigen Frauen zum Verdienen aus dem Hause getrieben werden, die für eine zahlreiche Kinderschar dort doppelt nötig wären. Eine wachsende körperliche Degeneration der Proletarierkinder, eine anschwellende Zahl der jugendlichen Verbrecher sind jedenfalls mit als Folgen dieser Auflösung der Familie anzusprechen, Folgen, die die herrschende Gesellschaft zu erschrecken beginnen. Was aber tut diese herrschende Gesellschaft gegen die furchtbaren Erscheinungen? Der Staat hat das Fürsorgegesetz erlassen. Kinder, deren VerwahrTosung sich schon in einer verbrecherischen Handlung bemerk. bar machte, werden danach viel zu spät einer Erziehung überwiesen, die recht oft von Fürsorge nichts erkennen läßt, sondern die Verwahrlosung nur vollendet. Wohltätige Vereine veranstalten Schülerspeisungen und errichten Krippen und Kinderhorte. Abgesehen davon, daß die private Wohltätig feit Hunderten als Gnade gewährt, worauf Millionen ein Recht haben, hilft sie obendrein in einer Weise, die die Proletarier unbedingt verwerfen müssen. Der Arbeiterin steht nicht das Recht zu, ihre Kinder einer dieser wohltätigen Anstalten zu übergeben, fie muß sich die Aufnahme durch demütigende Bittgänge bei fremden Damen erbetteln, ihre Not bloßstellen und Bedürftigkeit und Würdigkeit" nachweisen. Sie hat keinen Einfluß auf den Geist, in dem diese Anstalten geleitet werden, feinen Einfluß auf die Wahl der Personen, denen sie ihre Kleinen anvertrauen muß. Darum muß die Kraft der organisierten Arbeiterklasse auch dafür eingesetzt werden, daß die Gesellschaft Einrichtungen schafft, die in ausreichender und würdiger Weise Ersatz für die Funktionen des Einzelhaushaltes bieten. Die Frauen, denen die Mitarbeit in den Parlamenten und Gemeindevertretungen versagt ist, müssen die männlichen Vertreter ihrer Klasse in dieser Richtung anfeuern und vorwärts drängen. Wie unsere Abgeordneten in den Parlamenten für immer weitergehenden Arbeiterinnenschuß, für ausreichende Witwen- und Waisenversorgung und für eine Mutterschaftsund Säuglingsfürsorge eintreten, so müssen unsere Vertreter in den Gemeinden mehr und nachdrücklicher noch als bisher städtische Ledigenheime, städtische Krippen und Kindergärten, Schülerspeisungen und alle jene Einrichtungen fordern, die den Kindern für die schulfreie Zeit den Aufenthalt in gefunden Räumen, liebevolle und verständige überwachung und Beratung bei Spiel, Arbeit, Spaziergang usw. sichern, furz Einrichtungen, die in vollkommenerer Weise für die leibliche und geistig- fittliche Pflege und Erziehung des Nach wuchses leisten, was heute Millionen von Familien nicht mehr leisten können. Noch andere Aufgaben drängt das Vergehen und Werden der gesellschaftlichen Dinge den sozialdemokratischen Gemeindevertretern auf. Ranalisation, Rehrichtabfuhr, Wasserleitung sollten gerade in Arbeitervierteln und Industrieorten allen Anforderungen der Hygiene entsprechen und auch im Hinblick auf Zeit- und KraftersparNr. 23 nis der Hausfrauen eingerichtet sein. Vielerorts könnte die Gemeinde ohne erheblichen Kostenaufwand automatisch funktionierende Abgabestellen von heißem Wasser einrichten. Sie müßte bei der Gewährung von Baukonzessionen darauf bestehen, daß auch den Arbeiterwohnungen in vollem Maße alle jene Einrichtungen für Wasserzufuhr, Licht, Heizung, Reinigung usw. nutzbar gemacht werden, die die moderne Technik ermöglicht und die die Wirtschaftsführung wesentlich vereinfachen und erleichtern und das Heim behaglicher gestalten helfen. Wieviel Zeit und Kraft könnte nicht die Arbeiterfrau auf Kinderpflege und ihre eigene Bildung verwenden, wenn ihrer Wohnung kaltes und warmes Wasser zugeleitet würde, wenn diese mit elektrischem Lichte oder wenigstens mit Gas versehen wäre und womöglich Zentralheizung hätte. Besonders wichtig ist auch die Errichtung kommunaler Wasch-, Trocken- und Bügelanſtalten, die mit den neuesten Maschinen und Einrichtungen ausgestattet zum Selbstkostenpreis beziehungsweise auch unentgeltlich den Hausfrauen offenstünden. Sie könnten oft in Verbindung mit den öffentlichen Badeanstalten errichtet werden. Auf der Grundlage der fortgeschrittenen Technik unserer Zeit sind noch viele Neuerungen denkbar, durch welche die Gemeinde die häuslichen Verrichtungen vermindern und erleichtern könnte. Ph Leider ist die politische Macht der Arbeiterklasse dank der ungerechten Wahlsysteme in den meisten Einzelstaaten und Gemeinden noch so schwach, daß die Kommunen nur langsam und unvollkommen unseren Forderungen nachgeben. Tagegen besitzt das Proletariat in den Genossenschaften Drganisationen, die machtvoll aufblühen und unabhängig genug sind, um sich an die Lösung der wichtigen Aufgabe zu wagen, eine bessere Organisierung der Lebenshaltung anzubahnen. Die Konsumgenossenschaften haben sich in kurzer Zeit zu mächtigen Gebilden entwickelt. Sie haben eine Mitgliederzahl von Hunderttausenden und einen Umsatz von Millionen. Sie könnten die Wirtschaftsführung erleichtern, wenn sie vorgekochte trockene und grüne Gemüse, Kartoffeln, Obst führen würden. Doch sie können mehr tun. In allen Großstädten haben die Konsumvereine in jedem Stadtviertel Verkaufsstellen. Könnten sie nicht ebensogut allmählich in jedem Stadtteil ein genossenschaftliches Speisehaus errichten? Ein solches Speisehaus würde sich rentieren wie jede private Gastwirtschaft, ebenso ein damit verbundenes Ledigenheim. Die Räume des Speisehauses könnten tagsüber Kindern zum Aufenthalt dienen, deren Eltern berufstätig sind usw. Entsprechend der Zahl der Kinder wären beruflich gebildete pflegende und erziehende Kräfte für den ganzen Tag beziehungsweise für die schulfreien Nachmittagsstunden zu besolden. Die dazu erforderlichen Geldmittel könnten zum Teil durch überschüsse aus dem Gasthausbetrieb, zum Teil durch kleine Beiträge der Eltern aufgebracht werden, sogar wohltätige Anstalten erheben ja heute schon solche Beiträge. Schwieriger wäre die Versorgung der Säuglinge in Abwesenheit der Mütter. Aber auch hier ließe sich Hilfe schaffen, indem man in den genossenschaftlichen Betrieben selbst Mütter von Säuglingen als Arbeitskräfte bevorzugte und ihnen Gelegenheit gäbe, ihre Kinder zwischen der Arbeit zu nähren und zu versorgen. So würden diese genossenschaftlichen Speisehäuser in einfachster Form wenigstens der dringendsten Not nicht weniger abhelfen können. Manche zum Erwerb gezwungene Mutter könnte ohne bange Sorge um ihre Kleinen zur Arbeit gehen. Sie fände zur Mittags- und Abendzeit ein warmes Mahl im geheizten Raume, fie träfe ihre Kinder vergnügt und unversehrt an und dürfte mit ihnen ihre Mittagspause in Ruhe genießen. Noch eine andere Neuerung könnten die Genossenschaften einführen. An einer Zentralstelle, etwa in der genossenschaftlichen Bäckerei, fönnte im großen ein Mittagsmahl bereitet werden, wie es den Gewohnheiten und dem Geldbeutel der Arbeiterklasse entspricht. Das fertige Essen würde entweder in Speisesälen an den verschiedenen Ausgabestellen verzehrt oder dort portionsweise abgeholt. Nr. 23 Die Gleichheit In vollkommenerer und erweiterter Form könnten Einrichtungen der geschilderten Art überall dort entstehen, wo durch die Kommunen, durch Baugenossenschaften oder gar durch Arbeiterkonsumvereine selbst Arbeiterwohnungskolonien geschaffen würden. Hier wäre gleich von Anfang an für die nötigen gemeinsamen Einrichtungen in großzügiger Weise unter Benutzung der modernen technischen Hilfsmittel zu sorgen: Ledigenheime, Zentralfüche, Speisehaus, Waschhaus, Badeanstalt, Kinderspielplatz, Näume für die Gesellig keit. Da die Bewohner neuer Arbeiterwohnhäuser vornehmlich der bestsituierten Schicht des Proletariats angehören, würde es hier weniger darauf ankommen, den Frauen die Erwerbsarbeit außer dem Hause zu ermöglichen. Bielmehr könnte hier durch planmäßige Organisation, durch genossenschaftliches Zusammenwirken der Hausfrauen die Lebenshaltung der Mitglieder gehoben, könnten Zeit und Mittel für höhere Kulturzwecke freigemacht werden. Die Aufgaben, die der Einzelhaushalt heute in so ungenügendem Maße erfüllt, würden in vollkommenerer Weise gelöst. In dem Maße, in dem die Arbeiterklasse sich durch den gewerkschaftlichen und politischen Klassenkampf größere Einnahmen, mehr Freistunden und einen wachsenden Anteil an den Kulturgütern erringt, würden auch die Genossenschaften den Kreis der skizzierten Aufgaben immer weiter ziehen und zu Mittelpunkten nicht nur des materiellen, sondern auch des geistigen Lebens werden. Wir vergessen nicht, daß es nur beschränkte Kreise des Proletariats sind, denen diese Entwicklung zugute kommen wird. Aber diese beschränkten Kreise haben die Verpflichtung, die ganze fruchtbare Kraft des genossenschaftlichen Gedankens zu zeigen und in jeder Beziehung vorbildlich zu wirken. Die unerläßliche Vorbedingung dafür, sowohl die Gemeinden wie die Genossenschaften zu Schöpfungen zu drängen, die gerade proletarischen Frauen ihre übergroße Bürde erleichtern können, ist eine lebhafte Beteiligung des weiblichen Proletariats am Kampfe ihrer Klasse und an der Genossen schaftsbewegung. Nur unter tatkräftiger und begeisterter Mitarbeit der Frauen können die angedeuteten Neuerungen entstehen und zweckmäßig gestaltet werden. Nur durch das Einleben der Frauen in den Geist der genossenschaftlichen Zusammenarbeit auf allen Gebieten können solche Einrich tungen eine Vorahnung der Möglichkeiten einer planvollen kulturellen Lebensgestaltung für alle geben, wenn erst die Enge der kapitalistischen Ausbeutungswirtschaft gesprengt und das sozialistische Gesellschaftsideal Wirklichkeit geworden ist. thou Th. L. Von der jüdischen Arbeiterinnenbewegung in Rußland. Seit 25 Jahren gibt es in Rußland eine jüdische Arbeiterbewegung. Seit 16 Jahren besteht dort eine organisierte sozialdemokratische Partei des jüdischen Proletariats: der Bund". In diesem ganzen Zeitraum war aber nichts zu hören von besonderen Frauenorganisationen, von einer proletarischen Frauenbewegung. In der allgemeinen jüdischen Arbeiterbewegung wurde nicht empfunden, daß man sich zur Agitation unter den jüdischen Arbeiterinnen einer besonders leichten, volkstümlicheren, faßlichen Sprache bedienen müsse; kein Bedürfnis nach einer Sonderorganisation für erwerbstätige Frauen machte sich geltend. In all diesen Beziehungen liegen die Dinge ganz anders als für die russische Arbeiterin. Die jüdische Arbeiterin wurde so früh wie ihr männlicher Klassengenosse zur sozialistischen Kämpferin, mancherorts sogar noch früher als er. Schulter an Schulter kämpfte sie mit ihm, stellte sich dieselben. Aufgaben wie er, beteiligte sich an denselben propagandistischen Vereinigungen und Agitations. versammlungen wie er und schöpfte Wissen und Belehrung aus denselben Schriften, die er studierte. Gewiß eine seltene Erscheinung! Ist ja sonst im allgemeinen die Arbeiterin rückständiger als der Arbeiter. 357 Als die ersten modernen jüdischen Arbeiterorganisationen in Rußland entstanden- zunächst im Nordwestgebiet, in Litauen, später in Polen und im Süden, machten die Frauen einen beträchtlichen Teil der industriell tätigen Proletariermassen aus. Größere Gruppen jüdischer Lohnarbeiter fronten damals in der Heimindustrie als Bürstenbinder, Strumpfwirker, Weber, Gamaschenstepper, in kleinen Betrieben ohne motorische Kraft, wo Zigaretten, Zündhölzer, Kuverts hergestellt wurden, im Schneidergewerbe und im Handel. In all diesen Erwerbszweigen war die Arbeiterin stark vertreten. Die Strumpfwirkerei lag früher ausschließlich in Frauenhänden, jezt dagegen haben wir im jüdischen Ansiedlungsgebiet" auch männliche Strumpfwirker. In den Zigaretten- und Zündholzfabriken bildeten die Frauen schon damals wie heute die Mehrheit der Arbeitskräfte. Ebenso in der Schneiderei. Auch zu dem Handelsproletariat stellte und stellt die jüdische Frau ein zahlreiches Kontingent. Und als unter der jüdischen Arbeiterschaft eine Klassenbewegung in Fluß kam, erfaßte sie in gleicher Weise Frauen wie Männer. Die ersten modernen Fachorganisationen der jüdischen Arbeiterschaft Rußlands waren 1886 bis 1888 die Streifkasse der Strumpfwirferinnen und diejenige der Schneiderinnen zu Wilna. Die ersten organisierten Lohnkämpfe und Streits der jüdischen Proletarier wurden von den Strumpfwirkerinnen in Wilna und den Zigarettenarbeiterinnen ebendaselbst und in Bialystok geführt. Ein Umstand muß hervorgehoben werden, der das Erwachen der jüdischen Arbeiterinnen in Rußland begünstigt hat. Sich der Arbeiterbewegung anschließen, bedeutete in der Zeit ihrer Anfänge, sich von allem Hergebrachten loslösen, die religiösen Gebräuche und Sagungen inbegriffen; bedeutete vor den nächsten Anverwandten etwas verbergen. Die Bewegung mußte im geheimen wirken, sie konnte sich nur im Widerspruch mit den Gesezen, im Kampfe mit den Behörden entwickeln. Sie war illegal", ungeseßlich und mit großen Gefahren verbunden. Niemand durfte in sie eingeweiht werden, dessen Kräfte nicht gebraucht wurden und der nicht als durchaus zuverlässig galt. Für Müßige gab es in ihr feinen Platz. Wer sich der Bewegung ergab, mußte einen ernsten innerlichen Kampf durchfechten; scharfe Reibungen zwischen Eltern und Kindern blieben nicht aus. Und da zeigte es sich, daß es der Arbeiterin oft leichter als ihrem Bruder fiel, sich von dem alten geheiligten Herkommen loszusagen. Der religiösen Tradition stand sie ferner als er. Der Knabe mußte dreimal täglich beten, das Mädchen war von diesem Zwange frei. Je weniger Bande sie an die alte Welt knüpften, desto rascher erfolgte ihr übertritt zur neuen. Auch auf das Lesen verstand sich die jüdische Proletarierin in der Regel ebensogut wie ihr Bruder. Und wenn sie sich auch an hohen Festtagen im hebräischen Gebetbuch nicht immer leicht zurechtfinden konnte, las sie dafür oftmals flinker als ihr Bruder in weltlichen Schriften, die zwar auch mit hebräischen Lettern gedruckt, aber in der jüdischen Umgangssprache abgefaßt sind. Von Anfang an nahm die Arbeiterin einen hervorragenden Anteil an der jüdischen Arbeiterbewegung und genoß als gleichwertige Kampfesgenossin Ansehen. In den stürmischen Jahren der Revolution stand sie in den ersten Reihen, auf dem gefährlichsten Posten. Bei den Lodzer Barrikadenkämpfen im Juli 1905, in den Warschauer Oktobertagen, in der schwierigen Periode des„ Selbstschutzes" in Homel, Kiew, Odessa und anderen Städten hat die jüdische Arbeiterin höchsten Heldenmut entfaltet. Und unter den Opfern der revolutionären Kämpfe welch eine lange Liste von Frauennamen! Unsterblich lebt in den weitesten Kreisen der jüdischen Arbeiterschaft die Erinnerung an zwei Märtyrerinnen fort: an Esther Riskind und Fanny Grabelsky. In den Zeiten des revolutionären Sturmes leisteten auch Arbeiterinnen als Leiterinnen der Bewegung Hervorragendes, traten Arbeiterinnen durch hinreißende Beredsamkeit hervor. Von Stadt zu Stadt zogen Kämpferinnen, Agitatorinnen und weilten nirgends länger als zwei bis drei Monate. überall 358 Die Gleichheit standen auch Frauen an der Spiße der Bewegung und betätigten eine beispiellose Energie. Ihre Namen mußten sie bei ihrem Wirken ebenso oft wechseln wie ihre falschen Bässe, und dennoch wußte in der Regel die Masse der Werktätigen, wen sie vor sich hatte. Denn unsichtbare Fäden wurden von Stadt zu Stadt gesponnen, und Legenden umwoben die Namen derer, die der Stolz der Arbeiterschaft waren und die Seele ihrer Bewegung, ihrer Kämpfe. Allein nur wenig sind bisher in der revolutionären Bewegung die Arbeiterinnen mit besonderen Forderungen als Frauen aufgetreten. Im Programm des jüdischen„, Bundes", der ein Teil der allgemeinen sozialdemokratischen Partei Rußlands ist, wird politische Gleichberechtigung für das weibliche Geschlecht, Mutterschutz usw. gefordert. Jedoch niemals haben diese Forderungen in der Praxis eine besondere Rolle gespielt. Das erklärt sich vor allem durch den besonderen Charakter der revolutionären Bewegung in Rußland. Vom freien Rußland erhoffte man im ganzen alles Gute, ohne es im einzelnen näher darzulegen. Der politische Inhalt der Agitation mußte, natürlich genug, mehr allgemeiner Natur sein. Ferner beteiligten sich an der illegalen, gefahrvollen Bewegung in der Hauptsache nur ledige Arbeiterinnen. Außerdem besaßen ja auch die Männer feine politischen Rechte. Wie die Dinge lagen, fehlte es an den Umständen, die zu einer besonders nachdrücklichen Betonung von Frauenrechten und Frauenforderungen veranlaßt hätten. Anders aber stehen die Verhältnisse nun. Tausende jüdischer Arbeiterinnen darunter viele verheiratete Frauen, Mütter in mittleren Jahren beteiligen sich jetzt an der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung. Die Notwendigteit sozialer Forderungen, die die Frauen besonders angehen Mutterschuß, Kinderfürsorge usw.-, wird ihrem Berständnis tagaus, tagein praktisch nähergerückt. Auch die Forderung politischer Rechte für die Frau gewinnt für sie immer mehr praktische Bedeutung. So beginnt die jüdische Arbeiterin in Rußland allmählich ihre Kräfte zu sammeln zum Kampf für ihre Rechte und Ansprüche als Frau. Und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die jüdischen Arbeitermassen in diesem Kampfe zusammen mit den proletarischen Schwestern des ganzen Riesenreiches den Mut und die eiserne Energie entfalten werden, die schon einzelne Frauen und kleinere Fähnlein von Arbeiterinnen in der allgemeinen revolutionären Bewegung bewiesen haben. Damit müssen auch all die Forderungen der proletarischen Frauen die sozialpolitischen wie die rein politischen wichtige Punkte wichtige Punkte im Arbeits- und Aktionsprogramm der allgemeinen Bewegung werden. Denn bei aller stärkeren Betonung der Forderungen, die die jüdischen Arbeiterinnen als Frauen zu erheben haben, zeigt sich erfreulicherweise nicht die geringste Neigung zur Gründung besonderer Frauenorganisationen. Der Kampf für die Rechte der Frau, und zumal der proletarischen Frau, wird von der jüdischen Arbeiterschaft in Rußland durchgefochten werden als der Kampf der Ausgeheuteten und Unterdrückten ohne Unterschied des Geschlechts wider Ausbeutung und Unterdrückung jeder Art. Der Budapester Rongreß A. L. Nr. 23 trotzdem warf der Kampf der Suffragetten seinen Schatten über den Kongreß und erzwang sich Aufmerksamkeit. Die gemäßigten Frauenrechtlerinnen mögen fich wenden und drehen wie sie wollen: die Suffragetten bleiben ihr fiamesisches Zwillingsgeschwister. Nicht nur die Unklarheit über ihr Ziel ist es, die sie mit der gemäßigten bürgerlichen Frauenrechtelei verbindet. Es ist auch der vollständige Mangel an richtigem geschichtlichem Sinn für die Bedingungen politischer, sozialer Kämpfe, jener Mangel, aus dem ihre ,, kriegerische" Taktik geboren wird. Aber was die Suffragetten von ihren bürgerlichen Schwestern trennt, das ist die Gleichgültigkeit, ja Verachtung für die Geseze der bürgerlichen Gesellschaft, das ist die grenzenlose, selbstlose Hingabe, die weder Arbeitshaus noch Hunger, noch den Tod scheut. Blut spricht in der Geschichte sozialer Kämpfe und politischer Parteien eine eindrucksvolle Sprache. Und der Wirkung dieser Sprache konnte sich auch der Kongreß nicht entziehen, so ungemein peinlich das den ,, maßvollen, klugen" Führerinnen war. Das Präsidium hatte viele Anfragen erhalten, wie der ,, Weltbund" sich zu den Suffragetten stelle. Die Vorsitzende, die Amerikanerin Frau Chapman- Catt, erklärte, daß der Bund nicht befugt sei, sich für oder gegen eine Taktik nationaler Gruppen auszusprechen. Die ,, Gleichheit" hat bereits in Nr. 21 die zur Annahme gelangte Resolution mitgeteilt, deren Zweideutigkeit mit dem gröbsten Bindfaden genäht ist. In der Tat: die Resolution spricht sich unmittelbar weder für noch gegen die Taktik der Suffragetten aus, läßt aber zwischen den Zeilen die Ansicht herauslesen, daß diese Taktik der Einführung des Frauenwahlrechts hinderlich ist. Von Sitzung zu Sigung wartete zumal das Kongreßpublikum mit größter Spannung darauf, daß die anwesenden Vertreterinnen der Suffragetten sprechen würden. Endlich, am letzten Tage, durften sie das tun. Mrs. Despard, die greife Vorkämpferin für Frauenrechte, deren Hingabe und Feuer auch dem Gegner Achtung abnötigt, erklärte schlicht:„ Wir brechen die Gesetze unseres Landes, weil wir glauben, daß sie schlecht sind." Sie bedauerte, daß der Kongreß zeige, wie wenig die Frauenrechtlerinnen mit den Arbeiterinnen gingen. Und in jener Unklarheit über die Klassengegensäße, die bei Mrs. Despard ihre Wurzel in einer weitspannenden demokratischen Gesinnung hat, meinte sie: Die Wahlrechtsfrage solle nicht bloß die Nationen, sondern auch die Klassen verbinden. Die Proletarierinnen allein verständen in England, daß die Suffragetten sich für ihre Ideale opferten. Eine zweite Vertreterin der„ revolutionären Taktik" kam noch zum Worte: Frau Sanderson- Cobden, eine Tochter des berühmten Freihändlers Cobden. Mrs. Chapman Catt in Person antwortete den beiden Suffragetten. Es war der einzige Augenblick des Nongresses, wo ihre vornehm- fühle" Art sie im Stiche ließ, wo die Vorsitzende lebendig, fast leidenschaftlich wurde. Frau Chapman- Catt wehrte sich dagegen, daß man die Suffragetten mit der Glorie des Heldentums umgebe. Sie erklärte, daß es zu allen Zeiten Heldinnen für die Frauenwahlrechtssache gegeben habe, und daß auch Heldinnen jene vielen Ungenannten und Unbekannten seien, die ihr Leben dieser Sache still widmen. Ob die Vorsitzende bei diefem Sage an die Hunderttausende proletarischer, sozialistischer des Weltbundes für Frauenstimmrecht. Frauen gedacht hat, die für die Befreiung ihrer Klasse und Von e. r. ( Schluß.) Ein Hauptinteresse beanspruchten auch die Debatten über die Stellungnahme des Rongresses zu den englischen Suffragetten und ihrer Taktik. Gewiß, diese Frage stand gar nicht auf der Tagesordnung. Die Drahtzieherinnen der Tagung hatten es für wichtiger ge halten, daß die übrigens geistvolle und sympathische Amerifanerin Perkins Gilman über„ Die neuen Mütter" sprach, und daß man seine Gedanken darüber austauschte, wie die ,, mondaine Frau", die Dame der oberen Zehntausend, als Anhängerin des Wahlrechts geworben werden könne. Aber ihres Geschlechts kämpfen? Näher liegt der Gedanke, daß ihr die Teilnehmerinnen des Kongresses vorschwebten, die einige Tage vorher in großer Toilette die breiten Treppen der Fischerbastei hinaufgeschritten waren und oben den glänzenden Willkomm des Bürgermeisters von Budapest entgegengenommen hatten. Die Suffragetten hatten darum nachgesucht, daß zwei ihrer Organisationen in den Weltbund aufgenommen würden:„ Women's Freedom League of England"( Liga für die Freiheit der englischen Frauen) und„ Women's tax resistance society"( Vereinigung für die Steuerverweigerung der Frauen). Das Ergebnis des Nededuells über ihr Ansuchen war, daß die Suffragetten außerhalb des Weltbundes Nr. 23 Die Gleichheit bleiben. Ihre Organisationen haben nicht die statutengemäß vorgeschriebene Zahl, um dem englischen Nationalverband der gemäßigten Frauenstimmrechtlerinnen beitreten zu können. Dieser beriet wohl über die Herabsezung der Bahl, lehnte sie jedoch ab. Wie böse Zungen behaupten, damit er keine von den 12 Stimmen an die Suffragetten abgeben müsse, die jeder nationale Verband besitt. Mrs. Despard 3 Lob der Arbeiterinnen und ihre Mahnung zum Zusammengehen mit ihnen zeitigte übrigens eine erwähnenswerte Episode. Frau Lindemann, eine deutsche Delegierte, erklärte, die sozialdemokratischen Frauen wollten nicht mit den bürgerlichen zusammengehen. Someit, so gut. Leider aber hat es Frau Lindemann unterlassen, mit den Gründen für das Nichtwollen die ganze Wahrheit mitzuteilen. Nämlich von den Klassengegensätzen abgesehen die Tatsache, daß gerade in Deutschland die bürgerlichen Frauenstimmrechtlerinnen noch nie einheitlich und mit aller Kraft für das Wahlrecht aller großjährigen Frauen wie Männer eingetreten sind. Große Gruppen von ihnen sind dagegen dem Kampfe der Sozialdemokratie für dieses Recht in den Rücken gefallen, indem sie seine Feinde unterstützten. Und augenblicklich sind die Damen weiter als je davon entfernt, für das allgemeine Wahlrecht zu kämpfen. Haben sie doch eine ihrer ältesten und verdienstvollsten Vorkämpferinnen, Frau Cauer, wegen ihres treuen Festhaltens an diesem Ideal aus dem preußischen Frauenstimmrechtsverein herausgegrault. " Der Behandlung der Frage des Mädchen handels griff die Pariser Advokatin Madame Verone vor. Sie hatte in einer öffentlichen Abendversammlung das Thema zu behandeln: Frauenstimmrecht und Moral" und verbreitete sich dabei auch über die Prostitution. Frau Verone sagte, in jedem zivilisierten Lande sei es verboten, daß ein Mann ein Mädchen unter fünfzehn Jahren heirate. Aber in jedem solchen Lande sei es dem Manne erlaubt, wegen seiner Lust einer flüchtigen Stunde ein Mädchen, das kaum dem Schutzalter entwachsen ist, ins Unglück zu stürzen, ihm die Schmach und die Bürde der unehelichen Mutterschaft aufzuladen oder es mit einer entsetzlichen Krankheit anzustecken. Die Gesellschaft, deren Geseze das zulassen, hat nur an die Rechte des Besizes gedacht, nicht an die Volksrechte, nicht an die Kinder und Mütter, die geschützt werden müssen. ,, Es gibt keine unehelichen Mütter," rief Frau Verone aus, ,, es gibt nur Mütter." Zur Frage des Mädchenhandels hielt Mrs. Chapman- Catt das einleitende Referat. Sie fand scharfe Worte gegen den weißen Sklavenhandel". Besonders wirkungsvoll wendete sie sich gegen die westlichen christlichen Nationen, die alljährlich ihre sogenannten Kolonisatoren in alle Weltteile senden, und deren Heere Demoralisation und Prostitution in den Kolonien verbreiten. Aber Frau Chapman- Catt legte die Wurzel der beklagten Erscheinungen nicht bloß: die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die vom Kapitalismus auf die Spitze getrieben wird. Die englische Delegierte Frau Royde war diesen Dingen etwas näher gekommen. Sie erklärte:„ Es gibt keine größere Grausamkeit, als daß bürgerliche Frauen ihrem Körper die Keuschheit erhalten und sich ihrer Tugend rühmen, indem sie die Körper armer Frauen verkaufen lassen. Wenn wir eine Moral haben, die das erlaubt, eine Moral für die Herrschenden und eine für die Beherrschten, so ist das eine unmoralische Moral!" Auch ein eifriger Vorkämpfer des Frauenwahlrechts nahm zu der Frage das Wort: der päpstliche Prälat Dr. Gießwein. Nach seiner Meinung spricht es gewichtig für das Frauenwahlrecht, daß dieses in Amerika von den Besitzern der berüchtigsten Lasterhöhlen befämpft wird. Die zu der Frage angenommene Resolution ist bereits in Nr. 21 veröffentlicht worden. " Es versteht sich, daß der Kongreß auch Berichte über den Stand der Frauenstimmrechtsbewegung in den einzelnen Ländern hörte, wie über die Wirkungen des Frauenwahlrechts dort, wo es seit längerer oder fürzerer Zeit besteht. Besonders wurden die Fortschritte des Frauenrechts und Kinderschutzes 359 in Australien, wie der Mutterfürsorge in Finnland als Früchte des Frauenwahlrechts angesprochen. Die Tagung beschloß verschiedene Änderungen am Statut des Weltbundes. Die Zahl seiner Vorstandsmitglieder wurde von 7 auf 11 erhöht. Der Vorsiz blieb in den Händen von Mrs. ChapmanCatt. Fräulein Kramers- Rotterdam, die seitherige aufopfernde Herausgeberin des Bundesorgans„ Jus Suffragii" tritt von ihrem Bosten zurück. Ein besserer internationaler Nachrichtendienst soll organisiert werden. Diese Beschlüsse sind zusammen mit der Stellungnahme zu den verhandelten Fragen das wichtigste greifbare Ergebnis des Kongresses. Es ist mager. Vergegenwärtigt man sich den gewaltigen Aufwand an Zeit, Kraft und Geld, das betäubende Tamtam für den Kongreß, so drängt sich der Ausruf auf die Lippen:„ Wieviel Lärm um einen Eierkuchen!" Was mögen bei diesem Lärm die armen, unaufgeklärten fünf ungarischen Feldarbeiterinnen empfunden und gedacht haben, die als Kongreßteilnehmerinnen erschienen waren? Ob ihnen wohl die Augen dafür aufgegangen sind, daß der versammelte glänzende Stab bürgerlicher Damen nicht die Avantgarde ist, die für die ausgebeuteten Frauen in den Kampf zieht? Das elegante Badekostüm. In der illustrierten Beilage einer großen Berliner Tageszeitung sehe ich ,, elegante Badekostüme" abgebildet:„ Schwarzer Schwimmanzug mit kleiner schwarzweiß gestreifter Bluse"," Rotseidenes Badekleid mit rotweiß getupfter Bordüre"," Braunſeidener Badeanzug mit buntgestickter Bordüre", Badekostüm aus schwarzer Seide mit türkischer Seidenbluse". Die Bilder müssen jeden Mann in helles Entzücken versetzen. Wirklich, die Frauen der Zahlungsfähigen können sich sein fleiden! Mitunter sogar schön! Denn fein“ und„ schön" decken sich bekanntlich selten, zumal wenn man fein" im landläufigen Sinne gebraucht. Freilich, wenn ein gesunder, unverbildeter Mensch ins Wasser steigt, freut er sich darauf, daß ihn die Flüten umspülen. Er fühlt sich wohlig und erfrischt, wenn er unbehindert von Kleidern in dem nassen Element die Glieder frei regen kann, wenn das Wasser überall hindringt, alle Boren anfeuchtet und öffnet. Das ist die richtige, gesunde Freude am Baden. Was aber macht der Bourgeois daraus? Er kauft sich zuerst einen Badeanzug, einen Anzug, der ihn möglichst ganz umhüllt. Und mit dem steigt er ins Wasser. Das nasse Zeug klebt überall am Körper und hemmt jede Bewegung. Im Wasser selbst geht's noch, weil dieses das Gewicht des Anzugs trägt. Aber sowie der ,, fein" gekleidete Badende aus dem Wasser heraussteigt, dann flatscht alles naß und lappig um den Körper herum, und bis er in seine Zelle gekommen ist, muß er mit dem nassen Lappen herumlaufen. Dabei gibt er dem Winde immer neue Gelegenheit, die Nässe kühlend zu verflüchtigen, wodurch dem Körper so viel Wärme entzogen wird, daß eine Erkältung todsicher ist. Wer von den Leserinnen ist schon einmal mit solchen klatschnassen Lappen am Leibe herumgelaufen? Gräßliches Gefühl! Ekelhafter Anblick! Aber die feinen Damen laufen so herum. Vielleicht sind sie so gut abgehärtet, daß es ihnen nichts schadet? Ich für meinen Teil glaube das von den verweichlichten Geschöpfen weniger. Wozu aber dann den ganzen Körper reich mit Seide bedecken? Nun, die Wahrheit ist, daß es diesen Damen in der Hauptsache gar nicht aufs Baden ankommt! Sie promenieren in ihren reizenden Badefostümen am Strande und bieten dadurch ihren Männchen oder denen, die es werden sollen, einen Nervenkibel. Es ist ja das Gewerbe mancher dieser Damen, Nervenkitel zu erzeugen, und die Sinnlichkeit der Männer reizen, das bildet auch den Lebensinhalt vieler der übrigen Damen, die den ersteren Schmußkonkurrenz machen. Der nackte weibliche Sörper, selbst der schönste, reizt aber keinen Lebemann mehr, erst der klug verhüllte oder besser der raffiniert teilweise verhüllte tut das. Man muß alles ahnen, was unter den seidenen 360 Die Gleichheit Röckchen, Höschen und Spizen ist, das gibt den erwünschten Nervenreiz. Manche der Damen tun vielleicht auch ganz flug daran, ihren häßlichen oder durch Modetorheiten verhunzten Körper zu verstecken. Und so laufen denn die Damen in seidenen Badekostümen" herum und in seidenen oder famtenen Schuhen! Sie haben's ja dazu, laßt ihnen ihr Vergnügen! Aber woher stammt all das Geld, das sie dafür brauchen! Wenn der hochelegante" seidene Anzug ein paarmal im Wasser war, was ist er dann noch? Meist nur ein häßlicher Lappen, feinesfalls ein„ schickes" Kostüm für eine Dame. Mit einem einzigen Badekostüm ist's also nicht getan. Eine Dame der Gesellschaft braucht für einen Sommer mehrere. Das greift ins Geld. Was für eine Kleidung ausreichen würde, an der eine Arbeiterfrau ihr halbes Leben lang ihre Freude haben könnte, das wird hier in einer Saison vergendet und vertan. Es ist eine frevelhafte Verschwendung mit den Gütern der Welt und mit den Arbeitskräften der Gesellschaft. An jenen ,, eleganten Badekostümen" klebt der Schweiß vieler Ausgebeuteter; der Schweiß der Männer und Frauen, die auf dem Acker und in der Fabrik fronden und durch ihre Mehrarbeit das prasserische Leben der den Lurus Genießenden wie das entbehrungsvolle de entbehrungsvolle der im Dienste des Lurus Schaffenden ermöglichen: Seidenraupenzüchter, Spinner, Weber, Färber und Schneiderinnen. Die Näherin allein hat vielleicht zur Herstellung der Herrlichkeit zehnmal soviel Zeit gebraucht, als die Dame das Kostüm auf dem Leibe hat, um einige Stunden lang die lüfternen und wohlgefälligen Blicke der Männchen darauf zu lenken. So widersinnig und verbrecherisch die Vergeudung menschlicher Arbeitskraft zur Herstellung von Mordinstrumenten ist, so wahnsinnig ist ihre Vergeudung zur Her stellung von Flittertand. Derweil sich am Strande in den Modebädern die elegante faulenzende Welt in Badekostümen fpreizt, laufen viele Hunderttausende fleißiger Proletarier in häßlichen alten Lumpen herum. Leider sehen die Werktätigen viel zu wenig von jenem Leben und Treiben, denn dieser Anschauungsunterricht müßte sie zum schärfsten Kampf aufpeitschen gegen eine Gesellschaftsordnung, deren unvermeidliche Früchte solche soziale Gegenfäße und so viel Wahnsinn, so große Schamlosigkeit unter gleißender Hülle sind. F. Linke. Aus der Bewegung. Friedrich Zietsch und Karl Weiser t. Der unerwartete Tod des Genossen 8ietsch hat unserer Bewegung eine Kraft entriffen, die trotz ihrer Jugend schon viel gegeben hatte und für die Bukunft noch reiche Leistungen versprach. Der Verstorbene war die Verkörperung eines Proletariers, der um die Entfaltung scines Menschentums ringt und die unter Nöten und Kämpfen entwickelten schönen natürlichen Gaben felbstlos und treu für die Befreiung feiner Klasse einsetzt. 1877 in Berlin geboren, lernte Genosse Bietsch in seinem Beruf als Porzellanarbeiter die Lage der Ausgebeuteten nicht bloß kennen, sondern auch verstehen. Verstehen in all ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen, die den Kapitalismus als den Beiniger und Knechter und den Sozialismus als den Erlöser der proletarischen Massen erweisen. Der Aufenthalt in der Schweiz, in Wien und Paris weitete den Ho rizont des jungen strebsamen Proletariers und bereicherte sein Innenleben. So konnte er, in die Heimat zurüdgefehrt, bald auf gewerkschaftlichem und politischem Gebiet Bemerkenswertes leisten und auf vorgeschobenem Posten stehen. Der Dreiundzwanzigjährige wurde Redakteur des„ Saalfelder Volksblatts", und zwei Jahre später, 1902, faß Genosse Bietsch als Abgeordneter im Landtag für Sachsen- Meiningen. Von 1903 an wirkte er wieder in Berlin. Er leitete die Ameise", das Verbandsorgan der Borzellanarbeiter, war internationaler Gewerkschaftssekretär seiner früheren Berufsgenossen, wurde 1908 zum Stadtverordneten in Charlottenburg und 1909 bei der Nachwahl in Roburg als Reichstagsabgeordneter gewählt. Der Siß ging bei den letzten Wahlen verloren, und Genoffe Zietsch wurde 1912 zum Sekretär der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gewählt. Mit außerordentlichem Fleiß und Geschid hat er das wichtige Amt verwaltet, wer einer Auskunft über parlamentarische Fragen bedurfte oder MaNr. 23 teriak dazu, dem war er ein freundlicher, hilfsbereiter Berater. Genosse Bietsch hat jederzeit regen Eifer bekundet, die Proletarierinnen aufzuklären und für den Kampf ihrer Klasse zu organisieren. Als Redakteur der„ Ameije" wie als Agitator hat er in diesem Sinne gewirkt. Die Gleichheit" hat mit ihm einen fachkundigen, geschätzten Mitarbeiter verloren. Schon der trockene Umriß dieses proletarischen Kämpferlebens läßt empfinden, wie reich sein Inhalt gewesen ist. Mit Trauer gedenkt das deutsche Proletariat der Kürze dieses Lebens, mit Stolz seines Inhalts und seines Ziels. with und Karl Weiser war kein politischer Kämpfer, aber ein ganzer Mann, der mit Leib und Seele dem Sozialismus anhing und auf literarischem Gebiet mannhaft für seine überzeugungen wirkte. Die Eltern hatten ihn für die Gottesgelahrtheit bestimmt, in dem jungen Weiser war jedoch das vererbte Schauspielerblut mächtig, und er suchte und fand seinen Weg zur Bühne. Als Charakterbarsteller hatte er trotz seiner Jugend bald Erfolg. In dem berühmten Meininger Ensemble nahm er lange Jahre eine der ersten Stellen ein. Anfangs der neunziger Jahre folgte er einem Ruf an das Weimarer Hoftheater, an dem er eine führende Persönlichkeit blieb. Jn Weimar ist er im 67. Lebensjahr ciner Blutvergiftung erlegen. Karl Weiser hatte als Freiwilliger 1870/71 vor Sedan und Paris gekämpft, vom Ideal eines einigen und freien Deutschlands auf das Schlachtfeld getrieben. Als er aus dem Krieg zurüdkehrte, drängte sich ihm überwältigend die Erkenntnis auf, daß das geeinte Deutschland ein Reich der Reichen 3 zeigt ben Denker, aber auch gegen die Ausgebeuteten den Charakter, daß diese Erkenntnis vollendete, was Weisers demokratisches Empfinden schon vorbereitet hatte: das Bekenntnis zum Sozialismus. Weifer befreundete sich innig mit Johann Most und veröffentlichte in der Chemnitzer Freien Presse" unter dem Pseudonym Siegfried viele flangvolle frische Kampfesgedichte. Er ist der Verfasser mehrerer Dramen, die freiheitliche Gesinnung und edle Menschlichkeit atmen und unter denen als Hauptwerk das vierteilige Jesusspiel hervorragt. Die Zensur berbot die Aufführung, weil Weiser in diesem Drama nicht den Gottessohn der Kirche dargestellt hat, vielmehr einen großherzigen, starken Menschenfreund und Menschheitsbefreier. Weiser hat die Freude erlebt, daß sein Gedicht„ Die Hekatoncheiren"( Die Hunderthändigen) in Musik gesetzt worden ist und von Arbeiterfängern vor die breitesten Boltsmaffen gebracht werden soll. Die erste Aufführung ist für den Jenaer Parteitag geplant. Das Gedicht ist eine Berherrlichung des Proletariats, das in seiner Doppeleigenschaft als ausgebeutete und als menschheitsbefreiende Klaffe gezeigt wird. Noch in den Tagen der Krankheit beschäftigte fich Weiser mit dem Gedanken, seine politischen Gedichte gesammelt herauszugeben, und ein langjähriger verständnisvoller Freund, Genoffe Adolf Ged, sollte ihm bei dieser Arbeit helfen. Bis zu seinem letzten Atemzug hat Weiser für seine sozialistische Überzeugung geglüht, ein feltenes Beispiel von Jdealismus und Charakterstärke in der kleinen Welt der künstlerisch Schaffenden und Genießenden. Jahresbericht der Genosfinnen des 8. sächsischen Wahlkreised. Unser Wahlkreis gehört zu den Gegenden, wo die sozialistische Arbeiterbewegung schon früh Fuß zu faffen begann. In seinen einsamen Waldstrichen fanden in der Zeit des Sozialistengesetes oft wichtige Beratungen statt. Damals blühte die Steinindustrie, namentlich in Pirna, Posta und Struppen. Die Steinarbeiter stellten neben den Tabakarbeitern damals wohl die Elitetruppen der Partei. Auch die Proletarierinnen im Kreise begannen früh zu erwachen. Unsere verstorbene Genofsin Eichhorn, die Genossinnen Schmidt und Köhler wie die Unterzeichnete waren wiederholt zu Vorträgen, Zusammenkünften und Aussprachen mit den Genossinnen in Pirna und anderen Orten. Eine wirtschaftliche Umwälzung im Baufach drängte jahrelang die besferen Steinarbeiten zurück. Anhaltende Arbeitslosigkeit trat unter den Steinarbeitern ein, die Hunderte von ihnen zum Fortzug zwang, andere in die schlecht lohnenden Betriebe der Papierindustrie trieb. So gingen sehr viele wertvolle Kräfte der Bewe gung verloren. Die schwere Zeit drückte auch auf die junge prole= tarische Frauenbewegung und raubte ihr fast den Atem. Die Nöte und Sorgen des Lebens waren allzu groß und lasteten besonders auf den Frauen. Unter diesen Umständen gewann die Heimarbeit rasch an Boden. In Sebnih und anderen Orten noch lam die Blumenindustrie in Schwung. Agenturen und Ausgabestellen für Heimarbeiterinnen diefes Gewerbezweiges schossen wie die Pilze aus der Erde. Gemeindevorstände, Kaufleute und Beamtenfrauen wetteiferten miteinander, um eine solche Ausgabestelle zu bekommen. Frauen und Kinder wurden in Menge in das Nr. 23 1 Die Gleichheit Joch einer Heimarbeit gespannt, die spottschlecht bezahlt wurde. Obgleich eine Organisation der Blumenarbeiterschaft entstand, war es doch zuerst nicht möglich, der schrankenlosen Ausbeutung einen Riegel vorzuschieben. Ganz besonders hat sich Genoffin Ihrer später um die Organisierung der Heimarbeiterinnen in der Blumenindustrie verdient gemacht. Die Generalkommission der Gewerkschaften hat tatkräftig geholfen, daß der Blumenarbeiterverband erstarkte und sich ausdehnte. Die gesamte Arbeiterbewegung die gewerkschaftliche wie die politische wurde schließlich durch die Gründung von Verkaufsstellen des Konsumvereins Dresden gestütt. Mit ihnen tamen neue tätige Kräfte in den Kreis, und der Mut zu frischer Arbeit wurde allerorten belebt. In dem vierten Bezirk des Wahlkreises Sebniz- Neustadt herunter bis Schandau war es vor allem Genosse Schirmer, der mit einer Handvoll Genossen unermüdlich für die Bewegung wirkte. Als die Frauenbewegung wieder in kräftigen Fluß fan, nahm Genossin Schirmer die Leitung in die Hand. Sie ist heute als Vertreterin der Genofsinnen in der Ortsverwaltung tätig. Nach dem Jahresbericht 1912/13 zählte die Partei in Sebnih 67 Genossinnen, in Neustadt 12, in Stolzen 2. Das mag menig erscheinen, wer aber die Verhältnisse kennt, dem reden diese Zahlen von unermüdlicher Agitationsarbeit. 8um dritten Agitationsbezirk der Kreis ist in vier Bezirke geteilt gehört Kopiz, Lohmen, Birkwik und Königstein. In diesen Orten sind zusammen 20 Genofsinnen politisch organisiert. Das ist ein Fortschritt, denn der Bezirk ist ein ländlicher, wo von hundert Wegen der Agitation nur zehn Erfolg haben. Im zweiten Bezirk: Pirna, Struppen, Neundorf, Gottleuba, Bergieshübel liegen die Verhältnisse ähnlich. In Birna hat die Partei 25, in Struppen 19 Genosfinnen geworben. Die Ortsverwaltungen der Wahlkreisorganisation sollen auch hier alles aufbieten, um die Frauenbewegung zu fördern. In Birna wird seit drei Monaten der Versuch gemacht, die Genofsinnen durch besondere Zusammenkünfte der weiblichen Mitglieder zusammenzuhalten und zu schulen. Jedoch von der einfichtigen Betätigung der Ortsverwal tung allein hängt der Aufschwung unserer Frauenbewegung in der Gegend nicht ab. Unerläßlich dafür ist die freudige Mitarbeit der Genofsinnen selbst, zumal aber aller jener Genofsinnen, die schon früher zur richtigen Erkenntnis gekommen sind. Wer da weiß, der fell anderen von seinem Wissen mitteilen, der hat die Pflicht, mit dem empfangenen Pfunde im Dienste des Sozialismus zu wucher. Birna beherbergt Taufende von Arbeitern und Heimarbeiterinnen in seinen Mauern. Es ist ein alter Sitz der Partei. Hier muß sich eine blühende Frauenbewegung entwickeln. Im ersten Bezirk: Groß- 8fcha chwi, Mügeln, Groß- Luga, Dohna und Glashütte pulfiert ein fräftiges Parteileben. Alle Veranstaltungen für die Frauen sind glänzend besucht. Hier war auch der Frauentag ein schöner Erfolg. Allmonatlich finden in Mügeln, Dohna und Sporbit für die diefen Orten zugeteilten Gruppen Frauenverfammlungen statt, den Vorträgen liegt ein gemeinfam ausgearbeitetes Programm zugrunde. In Mügeln beträgt die durchschnittliche Besucherzahl 52, in Dohna 28 und in Sporbiz 47. Mügeln hat 212 weibliche Mitglieder, Groß3fchachwih 110, Dohna 61 und Glashütte 8. Die Zahl der organisierten Geneffinnen beträgt im ganzen Kreis 537. Die Maifeier verlief hier glänzend und Tausende von Frauen nahmen an ihr teil. Unter den Frauen wurde das Flugblatt verbreitet: Frauen heraus!" Jm unteren Bezirk waren es ausschließlich Genoffinnen, die ihren Stolz dareinsekten, es auszutragen, ebenso die Broschüre:„ Hör mal zu!" In einer Reihe von Gruppen sind Genossinnen mit in der Verwaltung tätig. Das Zusammenarbeiten mit den Genossen ist ein gutes. Bis zum Jahresschluß war Genossin Maihe Vertreterin der Genofsinnen im Kreisvorstand der Partei. Leider war sie durch Krankheit ein halbes Jahr lang verhindert, das Amt auszuüben. Daher würde der Boften von der Kreiskonferenz der Unterzeichneten anvertraut. In der Kinderschuhkommission, die für den Kreis ein neues Wirkungsgebiet eröffnet hat, find die Genoffinnen eifrig tätig. An der letzten Kreistonferenz nahmen acht Genosfinnen als Delegierte teil. Unsere Gegner find im Kreise eifrig an der Arbeit. Sie verteilen fromme Traktätchen und christliche Blätter, fie rufen die Arbeiterfrauen, sich als Mütter an den Veranstaltungen des Jungdeutschlandbundes ufw. zu beteiligen, fie gründen hier und da Arbeiterfrauenbereine. Unser Werk werden sie mit dem allem um so weniger hindern, je mehr die Genoffinnen felbft recht eifrig mitarbeiten, ihren proletarischen Schwestern den Weg zu zeigen, der zur Befreiung führt. Genoffinnen, ihr alle, die ihr wißt, daß nur der Sozialismus der Befreier des Weibes aus Not und Knechtschaft ist: tut eure Pflicht. Marie Wadwit. 361 Jahresbericht der Genoffinnen von Hamburg. Das letzte Geschäftsjahr hat die Hoffnung auf eine gesunde Weiterentwicklung unserer Frauenbewegung im Tempo der Vorjahre glänzend erfüllt. Die weibliche Mitgliedschaft hat in den letzten 9 Monaten einen Zuwachs von 1331 zu verzeichnen, sie ist von 8004 auf 9335 gestiegen. Von dem Mehr entfallen auf den dritten Hamburger Wahlkreis allein 1181 neue weibliche Mitglieder, während dort die männlichen nur um 746 zugenommen haben. Zu unserem Erfolg haben wesentlich die in 17 Stadtteilen monatlich stattfindenden Frauenbildungs- und Diskutierabende beigetragen, an denen auch Richtorganisierte teilnehmen können. Für die Lehrkurse der Zentraltommiffion für das Arbeiterbildungswesen leisten die Frauenabende ebenfalls gute Vorarbeit. Aus den Reihen der Teilnehmerinnen daran haben fich 13 Schülerinnen für den Winterkursus und 8 Schülerinnen für den Sommerkursus gemeldet. Insgesamt fanden 19 Frauenagitationsversammlungen statt, die einen steigenden Besuch aufwiesen. In ihnen wurden Fragen behandelt, die für die Aufklärung und Schulung der Frauen von besonderer Bedeutung sind und namentlich auch die Mutterschaft und das mütterliche Wirken berücksichtigten. Die Bestellfommissionen der Genosfinnen in den einzelnen Distrikten luden durch 4100 Handzettel zu den Versammlungen ein. Im Oftober wendeten fich 18 öffentliche Frauenversammlungen an breitere Kreise der Proleterierinnen. Hier stand auf der Tagesordnung:„ Die Frau im Kampfe gegen Teuerung und Hungersnot". In diesen Versammlungen, zu denen im ganzen Stadt- und Landgebiet Flugblätter verteilt worden waren, sprachen die Genossinnen Ruben, Weyl und 8iez Berlin und Genossin Wad wit Dresden mit gutem Erfolg. Zum diesjährigen Frauentag wurde in 18 öffentlichen Frauenversammlungen für das Frauenwahlrecht demonstriert, zirka 5000 Frauenwahlrechtszeitungen wurden verkauft und eine stattliche Anzahl neuer Parteimitglieder und„ Gleichheit"= abonnenten gewonnen. Der Wunsch war allgemein, daß der Frauentag fünftig wieder an einem Sonntag stattfinden möge. Von den Obleuten der weiblichen Bestellkommiffionen wurde dem Vorstand der Landesorganisation der Antrag unterbreitet, eine Parteisekretärin anzustellen. Sie solle die Aufgabe haben, die besonderen Interessen der weiblichen Parteimitglieder zu wahren, Interessen, die in der besonderen sozialen Stellung der Frau im öffentlichen wie im privaten Leben ihre Ursache haben. Die Antragstellerinnen beriefen sich darauf, daß der Parteitag in Jena 1911 die Anstellung von Sekretärinnen in Aussicht genommen habe. Der Antrag fand diesmal noch keine Berücksichtigung, da es fich bei der kürzlich vorgenommenen Neubeseßung einer Sekretärstelle um die Erledigung von Bureauarbeiten handelte und nicht um die eventuelle Anstellung einer Kraft, die die Agitation leitet. Von der Zentralbildungskommission wurden in den verschiedenen Stadtteilen wissenschaftliche Vortragszyklen mit Themen veranstaltet, die die Frau besonders interessieren. Drei Vorträge behandelten:„ Die geistige Entwicklung des Kindes mit Anwendung auf die Erziehung", drei Vorträge:" Die geschichtliche Entwicklung der Frauenfrage" und weitere drei Vorträge:„ Aus der Praris der Kindererziehung". Dant guter Propaganda durch die Bezirksführer und in den Frauenbildungs- und Diskutierabenden erfreuten sich alle Vorträge eines sehr guten Besuches, der fich zwischen 120 und 220 Teilnehmerinnen bewegte. In 6 Sitzungen wurde von den weiblichen Funktionären der Partei über gemeinsame Agitationsarbeit beraten, wie über den Ausbau der Frauenorganisation. Eine interne Frauenkonferenz tagte am 19. Oftober. Zu ihr waren die Delegierten der Landesorganisations- und Kreisversammlung und die Obleute der weiblichen Bestellfommiffionen geladen. Genoffin 8ies referierte über die Agitation unter den Frauen. Von der Zentralfommission für das Arbeiterbildungswesen wurde am 30. Dezember eine Ver sammlung für alle in der Partei und den Gewerkschaften täti= gen Genoffinnen einberufen. Auf der Tagesordnung stand: Aussprache über eventuelle Maßnahmen zur Veranstaltung von Frauenbildungsabenden. Weitere Zusammenfünfte der gleichen Art sollen periodisch folgen, um die Agitation unter den Frauen, namentlich auch unter den gewerblich tätigen Proletarierinnen zu beleben und zu vertiefen. In einer Bersammlung der Referenten und Verwaltungsmitglieder der Partei und Gewerkschaften hielt im März Genoffin Dunder- Berlin einen belehrenden Vortrag über„ Die Frauenfrage". Auch sie befürwortete warm die Einrichtung von Frauenbildungsabenden. Die Beteiligung der Genoffinnen an allen Parteiberanftaltungen ist ständig im Wachsen. In den Leitungen der Jugendabteilungen, in den Kinderschuhkommis 362 Die Gleichheit sionen und neuerdings in dem Ausschuß zur Förde▪ rung von Jugendspielen sind Genoffinnen mit Erfolg als Helferinnen tätig. Das Arbeitsgebiet unserer Partei wird immer umfangreicher. Neue Aufgaben in wachsender Zahl und Bedeutung harren ihrer Lösung. Eine gutgeregelte Arbeitsteilung ist immer mehr geboten, soll das gesunde Fortschreiten der Gesamtbewegung nicht Schaden leiden. Die Sozialdemokratie ist nicht nur politische Kampfpartei. Sie ist die Wegbereiterin des Sozialismus und damit die Trägerin der breitesten und weitest zielen den Kulturbewegung. Die in rasender Schnelle vorwärtsstürmende soziale Entwicklung läßt das deutlich erkennen. Die Frauenfrage ist ein Glied in der langen Rette der zu lösenden Kulturfragen, und an ihrer Lösung hat die proletarische Frauenbewegung an ihrem Teil im Rahmen der gesamten sozialistischen Bewegung mitzuwirken. Wie unsere heiß umstrittene und verfolgte proletarische Jugendbewegung wird auch unsere Frauenbewegung sich entfalten, getragen von dem Verständnis der zielklaren Proletarier, unseren Feinden zum Troh, den Unterdrückten und Ausgebeuteten zum Segen. Mit neuem Mut und frischer Kraft gehen die Hamburger Genossinnen an die weitere Arbeit mit dem festen Vorsatz, au lernen, zu wirken und zu werben. e. g. Die zweite Frauenkonferenz für den Agitationsbezirk Erfurt wurde am 13. Juli in Erfurt abgehalten. Sie war aus 10 Orten mit 16 Delegierten beschickt. Der Erfurter Frauen und Mädchenchor begrüßte die Konferenz mit dem prächtigen Gesang eines stimmungsvollen Liedes. Genosse Reißhaus eröffnete sie mit einer herzlichen Ansprache, die in dem Wunsche gipfelte, die Beratungen möchten für die Frauenbewegung reiche Früchte zeitigen. Das Referat über„ Die Frau als Helferin im Befreiungskampf der arbeitenden Klassen" hielt die Unterzeichnete; den zweiten Vortrag über„ Die Agitation seit der Konferenz 1912" hatte Genosse Apel Erfurt übernommen. Es sei daraus hervorgehoben, daß die Zahl der weiblichen Parteimitglieder sich auch in diesem Bezirk zufriedenstellend erhöht hat, doch läßt die sehr schwierige Arbeit zur Durchbildung der Genossinnen noch manches zu wünschen übrig. In der Diskussion trugen die Genossinnen und Genossen ihre Erfahrungen und Wünsche vor. Dem Ausbau der Lese- und Diskussions abende wurde großes Gewicht beigelegt, über das Wie konnte man manch guten Rat hören. Als Mangel empfinden es die Genossinnen, daß in dem Vorstand mancher Wahlkreise keine Frau sißt. Dadurch wird es den mit der Agitation betrauten Genossinnen erschwert, sich mit dem Leben der Organisation vertraut zu machen und in steter enger Fühlung mit ihr zu bleiben. Als erfreuliches Zeichen der Regsamkeit unserer Genoffinnen in Erfurt muß es gewürdigt werden, daß sie Ferienspaziergänge eingerichtet haben, an denen in diesem Jahre 230 Kinder teilgenommen haben. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: „ Die am 13. Juli in Erfurt tagende Konferenz von Delegierten der Frauen, die in den sozialdemokratischen Vereinen des Agitationsbezirks organisiert sind, erneuert den vorjährigen Beschluß bezüglich der Agitation unter den proletarischen Frauen und Mädchen. Die Konferenz ist der überzeugung, daß nur durch syste= matische Aufklärung über die politischen Geschehnisse des Tages, über die bürgerlichen Parteien und deren Machenschaften auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet sowie über die Sozialdemo= fratie und ihre Notwendigkeit und Forderungen das Interesse und eine rührige Mitarbeit der weiblichen Unterdrückten für den Befreiungskampf der arbeitenden Klasse möglich ist. Die Konferenz spricht die Erwartung aus, daß nach dieser Richtung hin die delegierten Genossinnen in ihren Ortsvereinen wirken und innerhalb der letzteren Einrichtungen schaffen, die Wissen und Tatkraft der proletarischen Frauen und Mädchen fördern helfen. Um das zu ermöglichen, wird der Wunsch ausgesprochen, daß die Ortsvereine dem§4 des Organisationsstatuts für die sozialdemokratische Bartei mehr als bisher entsprechen." Die Genoffinnen gingen mit dem festen Vorsatz auseinander, alles daranguseßen, um das gestedte Biel zu erreichen: die Eingliederung zahlreicher Proletarierinnen in die Barteiorganisation, die Heranbildung der Frauen und Mädchen zu zielflaren und D. Baader. tampfesfreudigen Sozialistinnen. Politische Rundschau. Die Wehrvorlage ist bewilligt eine neue Vorlage ist in Vorbereitung! So wußte in diesen Wochen eine angeblich gut unterrichtete Korrespondenz zu melden. Eine Neubewaffnung der Artillerie folle erfolgen, und begleitet werde diese Vorlage durch eine kleine Marineverstärkung eine Vermehrung der AusNr. 23 landskreuzer tue not. Die Meldung ist sofort von offiziöser Seite sehr entschieden dementiert worden, kein Wort davon soll wahr sein. So hieß es bekanntlich auch, als die ersten Andeutungen über die eben erledigte Wehrvorlage in der Presse auftauchten. Damals wußte das Kriegsministerium von nichts, genau so wie diesmal erst durch den Generalstab kam ihm später die Erleuchtung. Man braucht den offiziösen Ableugnungen daher nicht allzuviel Bedeutung beizulegen, zumal in der bürgerlichen Presse auch schon Treibereien einsehen, die die öffentliche Meinung neuen Forderungen für die Flotte geneigt machen sollen. Diesem edlen Zwede dienen Notizen, in denen die alten und angeblich veralteten Schiffe der deutschen Kriegsflotte aufgeführt werden die Folgerung daraus ist natürlich, daß schleunigst Ersatzbauten beschafft werden müssen. Recht hat das Dementi wahrscheinlich darin, daß die Vorlagen noch nicht gerade in der kommenden Reichstagssession präsentiert werden. Etwas Zeit zur Erholung wird man dem durch den Wehrbeitrag etwas mitgenommenen Patriotismus unserer Besitzenden schon lassen müssen, ehe man ihn aufs neue anspannt. Aber nach einer kleinen Ruhepause wird es wieder von Frischem losgehen. Denn der Militarismus ist unersättlich. Und für imperialistische Politit kann ein Staat nie start genug gerüstet sein. Indes zieht die wirtschaftliche Strife unheilverkündend am Horizont auf. Die kapitalistische Ordnung muß wieder einmal eingerenkt werden durch die Unordnung; die überproduktion, die in der Zeit der guten Konjunktur Blaß gegriffen hat, muß durch eine Zeit der Produktionseinschränkung wieder ausgeglichen werden. Aus dem überfluß werden wieder Mangel und Not entspringen, eine Erscheinung, die in ihrem Widerfinn eines der wesentlichsten Merkmale der kapitalistischen Gesellschaft bildet, und einen der schlagendsten Beweise für die Notwendigkeit, diese durch die sozialistische zu ersetzen. Die Krise wird über die Arbeiterklasse schwere Leiden bringen. Schon steigt die Zahl der Arbeitslosen erheblich. Jetzt gilt es, die Regierungen und Gemeinden wachzurütteln, daß sie rechtzeitig Vorsorge zur Linderung mehr ist ja in dieser kapitalistischen Ordnung nicht möglich des kommenden Notstandes treffen. Denn er wird um so schlimmer werden, als er in eine Zeit der allgemeinen Teuerung fällt. Zwar sind die Preise der notwendigen Lebensmittel gegen 1912 etwas gefallen, sie stehen aber immer noch beträchtlich höher als 1911.Wenn die Preise sich auch nicht stetig aufwärts bewegen, wenn zeitweise kleine Rückgänge zu verzeichnen sind, so ist doch für gröEere Beiträume das Steigen der Preise nicht zu verkennen. Die Teuerung wurzelt in weltwirtschaftlichen Ursachen, in der zunehmenden Industrialisierung der Welt und in der technischen Rückständigkeit der Landwirtschaft, die sich aus dem Privateigentum am Boden ergibt. Deshalb ist die Teuerung auch eine interrationale Erscheinung, die weder Schutzzoll- noch Freihandelsländer verschont. Nur daß die Schutzzolländer doppelt leiden: unter der allgemeinen Teuerung und unter ihrer fünstlichen Verschärfung durch die Zölle. Die Nußnießer des Bollwuchers aber, die Agrarier, wehren sich mit Händen und Füßen gegen jede Ermäßigung oder gar Aufhebung der Zölle. Sie wollen im Gegenteil Fei der kommenden Erneuerung der Handelsverträge höhere Säße durchdrücken und die Lücken" des Bolltarifs ausfüllen. So hat fürzlich zu Breslau eine Versammlung von Organisationen der Obst und Gemüsezüchter die Schaffung hoher Obstund Gemüsezölle gefordert, damit der deutsche Bürger und Proletarier nur ja tein Nahrungsmittel mehr genießen kann, das ihm nicht künstlich verteuert worden ist. Die Herren nennen das pfiffig „ die Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft des ausländischen Obstes und Gemüses". In Berlin wird demnächst vor dem Kriegsgericht der Prozeß gegen fieben Zeugoffiziere stattfinden, die sich von Beamten der Firma Krupp zum Verrat militärischer Geheimnisse verleiten ließen gegen entsprechende Schmiergelder. Das Vrfahren ist die Folge der Enthüllungen des Genossen Liebknecht über das Struppsche Geschäftsverfahren. Mehr als 1000 Einzelfälle stehen unter Anklage. Bemerkenswert ist, daß das Kriegsministerium das Bestreben zeigt, die Verhandlungen dieses Prozesses hinter berschlossenen Türen stattfinden zu lassen. Und sie wären doch für die Offentlichkeit von höchster Bedeutung, da sie zur Klärung der Frage beitragen werden, inwieweit die Direktion der Kruppschen Werke, die sich bekanntlich ganz unschuldig stellt, an dem Treiben ihres Berliner Agenten Brand beteiligt ist. Aber auch sonst wird der Prozeß auf das Verhältnis zwischen Regierung und Rüstungstapital Streiflichter werfen, und das deutsche Volt hat Veranlassung genug, zu fordern, daß gründlich in diese Dinge hineingeleuchtet werde. Das Kriegsministerium aber hat die Aften mit dem Hinweis versehen, daß es die Öffentlichkeit ausgeschlossen Nr. 23 Die Gleichheit wünsche, weil sonst die Interessen der Landesverteidigung verlegt werden würden ein Argument, dem kein Kriegsgericht widerstehen wird. Als dann freilich selbst in der bürgerlichen Presse gegen diesen Vertuschungsversuch gemurrt wurde, da wurde be= sänftigend mitgeteilt, erstens habe das Kriegsgericht vollständig selbständig über die Öffentlichkeit der Verhandlung zu befinden was richtig ist, bei der Abhängigkeit der Richteroffiziere von ihren Vorgesetzten aber nicht viel besagen will und zweitens sei eine „ beschränkte Öffentlichkeit in Aussicht genommen", nur bei Er1. örterung militärischer Geheimnisse solle die Verhandlung geheim geführt werden. Hinterher kam dann aber die Erklärung, daß se ziemlich alles, was im Prozeß zur Sprache kommen wird, militärisches Geheimnis darstellt, so daß von der Öffentlichkeit kaum etwas übrig bleiben wird. Dabei liegen die meisten der Fälle, um die es sich dreht, um Jahre zurück und betreffen schon veraltete Konstruktionen, bei denen nichts mehr zu verraten ist. Daß die Firma Krupp ein großes Interesse am Ausschluß der Öffentlichfeit hat, steht fest das ist aber nur ein Grund mehr, diesem Blane entschieden entgegenzutreten. fi Das Zentrum hat bei der Ersazwahl im oberbayerischen Reichstagswahlkreis Weilheim eine böse Schlappe erlitten. Zwar hat es das Mandat noch mit 74 Stimmen Mehrheit behauptet, es hat aber 4227 Stimmen gegen 1912 verloren, die fast sämtlich dem Bauernbündler zufielen. Dem Todesmarsch von Arys ist einer auf dem Truppenübungsplatz in der Senne bei Paderborn gefolgt. 50 Reservisten brachen dort zusammen und zwei von ihnen sind. gestorben. Die Militärverwaltung hat es nicht für nötig befunden, den traurigen Fall vor der Öffentlichkeit darzulegen man erfährt nicht einmal, ob die schuldigen Vorgesezten zur Verantwortung gezogen. werden! Auf dem Balkan dauert das blutige Ringen der ehemaligen Verbündeten an. Der Kampf wird nicht nur gegen Bewaffnete geführtgegenseitig beschuldigen sich Griechen, Serben und Bulgaren der scheußlichsten Greuel an der wehrlosen Bevölkerung, an Frauen, Greisen und Kindern. Nachdem die Numänen ohne Widerstand zu finden bis dicht an die bulgarische Hauptstadt heranmarschiert waren, hat Bulgarien ihnen ein gröBeres Stüd seines Gebiets zugesichert. Darauf hat Rumänien den Vormarsch eingestellt und bemüht sich, die Serben und Griechen zum Abschluß eines Waffenstillstandes zu bewegen, dem Friedens verhandlungen in Bukarest folgen sollen. Die Bemühungen find bis jetzt aber ohne Erfolg geblieben, da Serbien und Griechenland nur dann die Feindseligkeiten einstellen wollen, wenn Bulgarien ihre Friedensbedingungen angenommen hat, das ist Abrüstung und Abtretung der strittigen mazedonischen Gebiete. Ihre Etreitkräfte seßen den Vormarsch erfolgreich fort. Zugleich hat die Türkei die Gelegenheit benutzt, um über die durch den Conderfriedensvertrag zwischen ihr und Bulgarien festgesetzte Grenzlinie vorzubringen, das von den Bulgaren preisgegebene Adrianopel wieder zu besetzen, ja in Bulgarien selbst einzufallen. Die hilflose bulgarische Regierung, die alle ihre Truppen gegen die Serben und Griechen braucht, hat die Großmächte aufgerufen, die Türkei zur Umkehr zu bestimmen. Und die Großmächte haben denn auch in Konstantinopel erklärt, daß sie der Türkei nicht gestatten würden, das im Londoner Vertrag abgetretene Gebiet, insbesondere Adrianopel wieder zurückzunehmen. Die Türkei scheint indes zu denken, daß die Großmächte im Verlauf der beiden Balkankriege schon viel erklärt haben, ohne ihren Willen durchsetzen zu können. Der Vormarsch der brennenden und plündernden türkischen Truppen dauert an, und die türkische Regierung verkündet mit Entschiedenheit ihren Entschluß, Adrianopel zu behaupten. Damit ist neuer Zündstoff auf den europäischen Brandherd gehäuft, die Gefahr einer Verwidlung zwischen den Großmächten ist wieder näher gerückt. Rußland droht mit einer Besetzung Armeniens, womit die Frage des Bestandes der asiatischen Türkei ins Rollen käme. Ein zweites Ungewitter, daß dem Weltfrieden gefährlich werden sfönnte, hat sich im äußersten Osten zusammengebraut. Jm Süden Chinas ist ein ernstlicher Aufstand der Südprovinzen gegen die > Zentralregierung zu Peking ausgebrochen. Der aufständische Süden wird insgeheim von Japan unterstüßt. Die Truppen der Regierung sind zurzeit im Vorteil, doch ist die Entscheidung noch nicht abzusehen. Diesen Zeitpunkt hat Rußland zu einem neuen Vorstoß in der Mongolei benußt. Führt er es ans Biel, so werden die anderen Großmächte Kompensationen" verlangen, und gefährliche Gegenfäße tun sich auf. In Frankreich ist das Gesetz über die dreijährige Dienstzeit schließlich durchgedrückt worden. Doch ist der tapfere und zähe 363 Kampf unserer französischen Genossen in der Kammer, der noch zuletzt von einer großen Massendemonstration in einem Pariser Verort begleitet wurde, nicht umsonst gewesen. Die öffentliche Meinung ist bis in die Tiefe aufgerüttelt worden, und große Scharen sind der sozialistischen Propaganda zugänglich gemacht worden. Die holländische Sozialdemokratie hat erfreu= licherweise den Eintritt in ein liberales Ministerium abgelehnt drei Ministerposten waren ihr angetragen gewesen. In Rußland hat die zarische Regierung die zwei Tageblätter der Sozialdemokratie in Petersburg, Prawda" und" Lutsch", unterdrückt, nachdem die unaufhörliche Verfolgung der beiden Organe durch Polizei und Justiz sie dank der Opferwilligkeit der Genossen nicht zu erdrosseln vermocht hatte. Das Wiederaufleben der Arbeiterbewegung wird durch diese brutale Gewaltmaßregel nicht verhindert werden. H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Schlimme Blüten treibt der Unternehmerterroris= mus in den Zwangsinnungen. Segar der preußische Handelsminister Sydow war gezwungen, im preußischen Abgeordnetenhaus sich mißbilligend darüber zu äußern. Werden doch durch die ungesetzlichen Zwangsmaßregeln der Innungen selbst Ausbenter und nicht nur Arbeiter geschädigt. Nunmehr hat der Handelsminister an die Oberpräsidenten und die diesen unterstellten Lehörden einen Erlaß gerichtet, worin er nochmals gegen die Methoden der Innungsbrüder Stellung nimmt und das unter Hinweis auf die vielen Klagen über die terroristischen Maßnahmen der Zwangsforporationen. Der Minister erklärt es für unzulässig, wenn Zwangsinnungen ihre Mitglieder bei Strafe verpflichten, alle gewerkschaftlich organisierten Gesellen zu entlassen und nur solche Gesellen in Arbeit zu nehmen, die einen bestimmten Revers unterzeichnen. Ebenso wenn sie ihren Mitgliedern bei Strafandrohung verbieten, Eonderverträge mit den Arbeitern abzu= schließen und wegen der Nichtbefolgung solcher Vorschriften Strafen festseßen. Beschlüsse, die lediglich dazu dienen, die Innungsmitglieder zur Befolgung der von den Unternehmern getroffenen Verabredungen zu nötigen, um günstigere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erlangen, würden übrigens wider die Vorschriften der Gewerbeordnung gegen den Koalitionszwang verstoßen. Eine Verpflichtung der Innungsmitglieder, nur bestimmte Gesellen in Arbeit zu nehmen oder bestimmte Gefellen zu entlassen, sei auch nach§ 41 der Gewerbeordnung unzulässig. Die Aufsichtsbehörden follen auf solche wider die guten Sitten verstoßenden Maßnahmen achten und entsprechend den ministeriellen Vorschriften verfahren. Ob das geschehen wird, steht auf einem anderen als dem papierenen Blatte des Handelsministeriums. Bisher wurde der Terrorismus der Innungen in weitestgehendem Maße durch die Behörden unterstüßt. Gegenüber der verschärften Klassenjustig und angesichts des systematischen Kampfes gegen die Arbeiterorganisationen sind solche ministeriellen Ermahnungen in den Wind gesprochen. Wir werden dafür bald Leweise erbringen können. Die Werftarbeiterbewegung hat nicht allein zum Kampfe gegen die Unternehmer, sondern auch zu Konflikten in den Reihen der Organisationen geführt. Ehe nach der Meinung der Organisationsleitungen die Verhandlungen mit den Werftbesitzern völlig erschöpft waren, legten die Arbeiter in Hamburg, Stettin, Riel, Bremen und Flensburg die Arbeit nieder. Die Arbeiter trieb zu ihrem schnellen Schritte die Empörung über das hinhaltende Venchmen der Unternehmer. Diese suchten durch ungenügende Zugeständnisse die Bewegung zu berschleppen. Dazu kam, daß unter der Arbeiterschaft sich die Meldung verbreitete, die Organisationsvorstände hätten die Arbeitsniederlegung beschlossen. Tausende von Werftarbeitern stellten die Arbeit ein. Die Zentralvorstände, unter ihnen besonders der des Metallarbeiterverbande 3, verlangen demgegenüber die Einhaltung der statutarischen Bestimmungen, sie erklären diese Streiks als ohne ihre Zustimmung erfolgt und verweigern die Mittel zu ihrer Unterstützung. Die Arbeiter haben die Bercchtigung ihrer Handlungsweise nachzuweisen versucht, sie forderten in Versammlungen die Zentralvorstände auf, ihren ablehnenden Standpunkt aufzugeben, und verlangten die Einberufung außerordentlicher Verbandstage. Die Zentralvorstände beharren jedoch auf ihrem Standpunkt. Die Stettiner Bahlstelle des Metallarbeiterverbandes beschloß daraufhin, keine Gelder an die Zentralkaffe abzuführen und von den vorhandenen und eingehenden Beträgen die Streifenden zu unterstüßen. Die Werftbesißer sind auf der Suche nach Streifhrechern, sie haben auf Logierschiffen im Hafen bereits Arbeitswillige einquartiert. Der 364 Die Gleichheit Erfolg des Kampfes für die Arbeiter ist durch die Zerwürfnisse im eigenen Lager von vornherein sehr in Frage gestellt. Die Lage war sonst für die Arbeiter sehr günstig. Die Werften haben Hochsaison, und die Werftarbeiter sind gut organisiert. Eine außer ordentliche Generalversammlung der Schiffszimmerer mißbilligte zwar die Arbeitsniederlegung, beschloß aber dennoch, volle Streifunterstüßung an die Arbeiter zu zahlen. Nunmehr hat auch der Metallarbeiterverband auf Anfang August nach Berlin eine außerordentliche GeneralversammI ung berufen, die zu der verwirrten Situation Stellung nehmen soll. Damit wird dem Verlangen der Mitglieder entsprochen, die durch eine Generalversammlung des Verbandes entschieden wissen wollen, ob der Vorstand mit der Verweigerung der Streikunter stützung im Rechte ist. Die Aussperrung der Perlenarbeiter im Fichtelge= birge wurde nach zwölfwöchiger Dauer beendet. Die so elend entlohnten Arbeiter ihr durchschnittlicher Jahresverdienst beträgt 700 bis 800 Mt. verlangten eine zehnprozentige Lohnberlangten eine zehnprozentige Lohnerhöhung. Nach vielen ergebnislosen Versuchen der Organisationsleitung des Glasarbeiterverbandes sowie eines Regierungsvertreters tamen endlich doch Verhandlungen zustande. Den Arbeitern wurde eine sofortige Lohnerhöhung von 5 Prozent und eine wei tere von 5 Prozent vom 1. Mai nächsten Jahres ab zugestanden. Der Boykott gegen die Kaffeezusak- und Bichorien fabrik von Gebrüder Weiß in Frauendorf bei Stettin brachte den Arbeitern einen Erfolg. Ihre Forderungen wurden zum größten Teil bewilligt. Der Boykott über die Fabrikate des Unternehmens ist aufgehoben. Bevor die Firma sich zum Nachgeben entschloß, durften bekanntlich die Hinzegardisten einen Streikenden meucheln. Jm Malergewerbe mißachtet ein beträchtlicher Teil der Unternehmer unentwegt die Schiedssprüche. Die Malermeister in Rheinland- Westfalen verharren im Tarifbruch und benuten alle terroristischen Mittel, um den Gehilfen den vereinbarten Lohn streitig zu machen. Aber auch anderwärts verweigern Unternehmer die allgemeine Durchführung der Lohnerhöhungen, die den Gehilfen durch Schiedsspruch zugestanden worden sind. Die Unparteiischen hatten eine Sißung des Haupttarifamtes einberufen, die sich mit diesem Verhalten befassen sollte. Allein die Tarifbrecher erschienen einfach nicht. Leider ist die Geschäftslage im Malergewerbe gegenwärtig so schlecht, daß die Arbeiter nicht zum Streit greifen können, um die tarifbrüchigen Unternehmer zur Einhaltung der Vereinbarungen zu zwingen. Dennoch soll den wortbrüchigen Ausbeutern nichts geschenkt werden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wenn Arbeiter sich so treulos erwiesen, so möchten wir einmal hören, wie die Scharfmacherblätter fläffen und nach gesetzlichen Zwangsmaßnahmen schreien würden. Die nationalpolnische Bergarbeiterorganisa tion ist finanziell fast gänzlich zusammengebrochen. Bekanntlich leitete sie im Frühjahr dieses Jahres in Oberschlesien eine Bewegung der Bergarbeiter ein, ohne daß sie sich mit den anderen Bergarbeiterorganisationen verständigte und auch nur annähernd genügende Kampfesmittel besessen hätte. 75 000 Bergarbeiter wurden von der Leitung der Organisation unter allerlei albernen Versprechungen in einen gänzlich planlosen Streik geführt. Die sogenannten Führer rechneten findlicherweise mit einem Nachgeben der Zechenbesizer innerhalb vier bis fünf Tagen. Als ihr Traum sich nicht erfüllte, flüchteten jene Strategen aus dem Streikgebiet und überließen die armen genarrten, hungernden Bergleute ihrem Schicksal. Zu Tausenden verlassen nun die pol= nischen Bergleute die nationale Organisation. Um sie bei der Fahne zu halten, schickte ihnen die Organisationsleitung eine schriftliche Aufforderung, die empfangene Streifunterstüßung zu rückzuzahlen, die ihnen nur leihweise gegeben worden sei. Durch die Schuld folle jedoch ein Strich für die gemacht werden, die bei der Organisation bleiben würden. Aber dies Schreckmittel verfängt nicht. Nach den Angaben des Vorstandes hat der Streik die Polnische Berufsvereinigung etwa eine Million Mark gekostet, und da das Vermögen nur 895 000 Mt. betrug, so hat die Kleine Organisation rund 100 000 Mt. Schulden. Sie wird sich von dent finanziellen und moralischen Schlage, den sie erlitten, nicht wieder crholen, ihre Bedeutungslosigkeit im wirtschaftlichen Kampfe ist damit besiegelt. Hoffentlich erkennen die polnischen Bergarbeiter aus dieser Sachlage, daß sie ihr Heil nicht auf dem Boden des Rassen, sondern des Klassenkampfes erringen müssen. Im Lager der Gelben sieht's gleichfalls sehr bedenklich aus. Auf ihrem letzten Bundestag in Augsburg kam es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen der Berliner und der Effener Richtung. Die Berliner forderten eine Erklärung, daß kein Nr. 23 Werkvereinsmitglied wegen seiner Abstimmung bei politischen Wahlen in seinen Verbandsrechten benachteiligt werden dürfe. Der Antrag wurde abgelehnt, und die Berliner wollen sich nun von den anderen Herrschaften trennen. Die Firma Lebius und Frau scheint schon so gute Geschäfte mit der Dummheit gemacht zu haben, daß sie derart auftrumpfen kann. Sonst hat dieser Streit der gelben Brüder keine Bedeutung. Ob sie vereint oder getrennt die Bestrebungen der klassenbewußten Arbeiter bekämpfen und den Unternehmersold dafür in eine oder zwei Kassen fließen lassen: das bleibt schließlich ganz gleich. # And der Textilarbeiterbewegung. In Bocholt i. W. sind zurzeit rund 7000 Textilarbeiter und-arbeiterinnen qusgesperrt. Die Führung der Arbeiterschaft in diesem Kampfe hat der christliche Textilarbeiterverband, der gegenwärtig dort 4000 Mitglieder zäht - allerdings sind von ihnen 3000 erst während der Bewegung der christlichen Organisation beigetreten. Der Deutsche Textilarbeiterverband ist mit 130 Mitgliedern beteiligt. In Bocholt sowie im gesamten Münsterland haben die Textilarbeiter in den letzten Jahren wiederholt den Versuch gemacht, ihre Löhne zu verbessern. Aber jedesmal, selbst wenn nur Lohnabzüge abgewehrt werden sollten, antworteten die Unternehmer mit der Aussperrung, und zwar auch ganz unbeteiligter Arbeiter, um die Textilsklaven am Boden zu halten. Um dieselbe Zeit nun, als die christliche" Organisation in Krefeld den lämpfenden Färbern in den Rücken fiel, inszenierte sie die Bewegung in Bocholt. Die Lage war für den christlichen Verband infolge seiner Verrätereien in Krefeld brenzlich geworden. Er brauchte notwendig eine eigene größere Bewegung, wenn er nicht alles Ansehen und Vertrauen verlieren wollte, und das nicht nur etwa bei der Arbeiterschaft im allgemeinen, sondern auch bei seinen eigenen Mitgliedern. Nebenbei bemerkt ist der Vorsitzende des christlichen Verbandes, Matthias Schiffer, auch Reichstagsabgeordneter für Bocholt. Um aus der Krefelder Sackgasse herauszukommen, um das Odium des Streifbruches wenn auch nicht abzuwaschen, so doch zu verwischen, voltigierten die christlichen Führer über die„ Encyclica singularis quadam" hinweg auf das Kampffeld in Bocholt. Die Arbeiter stellten folgende Forderungen: Erhöhung des Lohnes ab 1. Mai um 15 Prozent; generelle Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit mit einheitlichem Arbeitsbeginn, Arbeitsschluß und einheitlichen Pausen; einheitliche Entlohnungs- und Berech mungsmethode in den Webereien; wöchentliche Lohnzahlung, die tunlichst in der letzten Hälfte der Woche stattzufinden hat. Die fast ausnahmslos katholischen Arbeitgeber aber ließen ihr„ praktisches Christentum" im hellsten Lichte erstrahlen. Sie lehnten rundweg alle Forderungen ab, so bescheiden und berechtigt diese auch sind. Schrieb doch in seinem letzten Bericht der Gewerbeinspektor für Münster:" Die Löhne der Textilarbeiter haben sich im allgemeinen auf der früheren Höhe gehalten; für einige we nige Arbeitszweige sind geringe Verbesserungen eingetreten. Obgleich der Verdienst der Leute nicht schlecht ist, kann von einer befriedigenden Lebenshaltung der Arbeiter doch nicht gesprochen werden, da die Lebensmittel, insbesondere das Fleisch erheblich im Preise gestiegen sind." Dank der Politik der Christlichen ist aber heute kaum zu hoffen, daß die Arbeiter ihre bescheidenen und notwendigen Forderungen durchsetzen. Den Führern des christlichen Verbandes ist vor ihrer eigenen Courage angst geworden. Es ist fast kein Tag vergangen, wo sie das Unternehmertum nicht unmittelbar oder mittelbar um Verhandlungen angefleht hätten. Daß ein solches Bauchrutschen nicht dazu beiträgt, die erhobenen Forderungen durchzudrüden, versteht auch der Dümmste. Auf alle Bemühungen zu einem Entgegenkommen auch von dritter Seite haben die Bocholter Unternehmer nur ein goldenes Nichtschen in einem silbernen Büchschen gezeigt. Sie antworteten, daß sie bereit eien, die Löhne bis 15. August zit regeln, vorausgefeßt, daß die Arbeit sofort und bedingungslos aufgenommen würde. Auf dieses ganz unbestimmte Versprechen einer„ Lohnregulierung" hin wären die christlichen Führer bereit gewesen, die Arbeiter wieder in die Betriebe hineinzutreiben. Nur sollten die Unternehmer zusagen, daß die am 14. Juli gemachten Bugeständnisse aufrechterhalten würden. Nämlich: einheitliche Entlohnung, bessere Bezahlung der Wartezeit und Überstunden, Einführung der wöchentlichen Lohnzahlung und des Zehnstundentags. Infolge des unablässigen Bettelns der christlichen Führer fühlen sich die Unternehmer aber so sicher, daß sie jede solche Bindung ablehnen. Häite der christliche Verband den Kampf ruhig un entschlossen geführt, ohne den Gegner fortwährend um Frieden anzuwinseln, so wäre mit Bestimmtheit auch ein Erfolg für die Arbeiter zu erwarten gewesen. Am 20. Juli hatten die Ausgesperrten über die Fortführung des Kampfes zu entscheiden. Wie Nr. 23 Die Gleichheit „ Der christliche Textilarbeiter" schreibt, waren ihnen von ihren Führern flar und deutlich die Folgen eines Weiterstreikens vor Augen geführt worden. Trotzdem aber haben sie mit 1920 gegen 54 Stimmen beschlossen, den Kampf fortzusetzen. Wir sind die ersten, die den Bocholter Textilarbeitern einen vollen Erfolg wünschen. Ein solcher ist aber ausgeschlossen unter der Leitung von Leuten, die noch vor kurzem die größte Energie cntfaltet haben, um einen Lohnkampf der Arbeiter zu brechen. Unter solch unzuverfäffiger Führung ist auch nicht die geringste Gewähr für einen Sieg vorhanden. Wollen die Bocholter Tertilarbeiter aus ihrem Elend heraus, so müssen fie fich der freien Gewerkschaftsbewegung, dem Deutschen Textilarbeiterverband anschließen. Wenn der Kampf in Bocholt den dortigen Textilarbeitern die Augen darüber öffnet, wer allein ihre Sache ehrlich und entschlossen bertreten fann, so ist der Kampf nicht umsonst gewesen. sk. Arbeitslosenzählung im Deutschen Textilarbeiterverband. Die Junizählung ergab 1295 Arbeitslose, darunter 415 Arbeiterinnen. Im Vormonat waren 1180, im Juni des Vorjahres 635 Beschäftigungslose verzeichnet worden. Am gleichen Tage wurden als auf der Reise befindlich gemeldet 209 arbeitslose Mitglieder, darunter 8 weibliche; im Vormonat waren es 189, im Juni des Vorjahres 170. Im zweiten Quartal 1913 waren 5053 Verbandsmitglieder insgesamt 73 726 Tage arbeitslos, im gleichen Quartal des Vorjahres 3375 Mitglieder 36 994 Tage. An Arbeitslosenunterstützung wurden in diesem Zeitraum an 2671 Männer für 35 648 Tage 39 423 Mt. und an 924 Frauen für 14 407 Tage 11 625 Mr. ausgezahlt. Für Arbeitslose auf der Reise betrug die Reiseunterstützung 8297 Mt. Die Junizählung erfaßte 99 Proz. der Mitglieder. Die Zahl der Mitglieder betrug 87 979 männliche und 55 634 weibliche, zusammen 143 613 Mitglieder.- Die wirtschaftDie wirtschaftliche Lage in der Textilindustrie hat sich gegen den gleichen Zeitraum des Vorjahres erheblich verschlechtert. Im Vorjahr war die Arbeitslosenziffer 2,43, dieses Jahr aber 3,52. Dabei ist auch die Arbeitslosigkeit für den einzelnen eine längere geworden. Während voriges Jahr auf jeden Fall von Arbeitslosigkeit 10,96 Tage entfielen, so dieses Jahr 14,59 Tage. Erhöhte Arbeitslosenziffer mit längerer Arbeitslosigkeit drückt der Lage der Textilarbeiterschaft den Stempel auf. sk. Mahnung. In der Stadt Aachen sind 19802 Arbeiterinnen gewerblich tätig. Sie verteilen sich nach den letzten Zählungen auf die Hauptindustriezweige wie folgt: Textilindustrie Nadelindustrie Nahrungsmittelindustrie Bekleidungsgewerbe Handelsgewerbe. . 6964 2364 2403 2199 2953 Von dieser großen Schar von Lohnarbeiterinnen ist nur eine sehr geringe Bahl gewerkschaftlich organisiert. So gehören zum Veispiel dem Deutschen Tegtilarbeiterverband nicht mehr als 118 Frauen und dem Deutschen Metallarbeiterverband bloß 40 an. Die Zahl der Organisierten steht in einem schreienden Mißverhältnis zu der Zahl der Beschäftigten. Die„ Gleichheit" wird in Aachen in 100 Exemplaren von Frauen gelesen. Während die Männer rund 4000 gewerkschaftlich Organisierte zählen, stehen Tausende ihrer weiblichen Angehörigen der Organisation noch fern. Ja, noch schlimmer: nicht selten fommt es vor, daß die Frauen und Töchter christlichen Organi sationen angehören, während der Mann oder Vater freier Gewerkschafter ist. Viele politisch und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter, die in unserem Lager stehen, tun rein gar nichts, um die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen aufzuklären und zusammen zuschließen. Sie tragen noch ein Stück des alten Spießbürgerzopfes und meinen, die Frauen brauchten sich um das allgemeine Leben nicht zu kümmern. Und das angesichts der Scharen von Arbeiterinnen, die nach den Fabriken und Werkstätten strömen. Wäre ein jeder aufgeklärte Arbeiter sich der Notwendigkeit der Propaganda unter den Frauen bewußt, so müßten unsere Gewerkschaften bald Hunderte, ja Tausende weiblicher Mitglieder gewinnen. Wären die Textilarbeiterinnen hinlänglich organisiert, sie brauchten sich keine Lohnabzüge von 25 Prozent gefallen zu lassen, wie sie zum Beispiel die Firma Raß und Langstadt ihren Spulerinnen zurzeit zumutet. Unmöglich würden sich dann auch die Aachener Spinnereiarbeiterinnen dazu erniedrigen, in großem Umfang Streifarbeit zu verrichten, wie das leider während des Spinnereiausstandes in Verviers der Fall gewesen ist. Die Aachener Spinnereiarbeiterinnen haben dadurch ihre kämpfenden Arbeitsbrüder im nahen Verviers schwer geschädigt. Dessen waren sich aber die Unorganisierten ebensowenig 365 wie des Entehrenden ihrer Handlungsweise bewußt. Nur durch den gewerkschaftlichen Zusammenschluß fann in ihnen das Bewußtsein von der internationalen Solidarität aller Ausgebeuteten geweckt werden. Hätten die Aachener Textilarbeiterinnen den Weg zu ihrer Organisation gefunden, so wären auch die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in den hiesigen Spinnereien nicht so erbärmliche, wie sie heute sind. Daß der Verdienst der Frauen vielfach so gering ist, darf für sie kein Grund sein, der Gewerkschaft fernzubleiben, muß vielmehr gerade ein Ansporn werden, von ihrem Rechte zur Vereinigung Gebrauch zu machen. Mögen alle, die es angeht, Frauen wie Männer, aus den kurzen Darlegungen ihre Folgerungen ziehen. L. K. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Wie Dienstmädchen behandelt werden. Anna Heusinger war bei einem Herrn Maiwald in Berlin, Markgrafenstraße 14, seit 1910 in Stellung. Am 12. April dieses Jahres war das Mädchen abends nach 10 Uhr noch in der Küche beschäf= tigt, als der Herr eintrat und brüllte:„ Warum brennt das Licht im Schlafzimmer nicht?" Die in der Küche anwesende Frau Maiwald antwortete:„ Das habe ich ausgemacht!" Der Herr rief trotz dieser Aufklärung dem Mädchen barsch zu:„ Warum antworten Sie nicht?" Anna erwiderte:" Ich war ja nicht hinten, das Licht bat Ihre Frau ausgemacht!" Nun schrie Herr Maiwald:„ Halten Sie den Mund!" und schlug dabei das Mädchen ins Gesicht. Als Anna Heusinger erklärte, fie lasse sich nicht schlagen und werde morgen ihre Sachen packen, mischte sich Frau Maiwald in den Streit und sagte:„ Sie sind ein ganz freches und irrfinniges Frauenzimmer!" Das Mädchen blieb natürlich die Antwort nicht schuldig, und nun schlugen Herr und Frau in rührender ehelicher Gemeinschaft auf Anna ein. Diese flüchtete nach ihrem Zimmer, wo sie von den beiden„ Gebildeten" weiter geschlagen und gestoßen wurde, bis sie an der Erde lag und um Hilfe rief. Die„ Gnädige" holte nun einen Topf mit kaltem Wasser und goß das dem Mädchen ins Gesicht und über den Leib. Darauf wurde Anna Heusinger an den Haaren emporgezogen, und es hieß:" Nun vorwärts in die Küche, jeht wird erst noch abgewaschen!" Nach einer solchen Behandlung weigerte sich selbstverständlich das Mädchen, für die milde Herrschaft noch weiter Dienste zu verrichten. Darauf machte die Dame Miene, wieder handgreiflich zu werden. Das Mädchen beantwortete dies mit den Worten:" Fassen Sie mich noch einmal an, dann schlage ich Sie mit dem Topf ins Geficht!" Die Gnädige ging aber trotz der Warnung zum Angriff über und erhielt dafür den Topf wirklich ins Gesicht, worauf das Mädchen die Treppe hinunter zur Portiersfrau flüchtete. Bemerkt muß werden, daß der Sohn den Eltern zugerufen hatte: ,, Bedenkt doch, was ihr macht, an dem Mädchen dürft ihr euch nicht vergreifen!" Die Portiersfrau nahm das Mädchen in Schutz und wurde dafür von Frau Maiwald alte Klatschliese" tituliert. Anna Heufinger lief mit aufgelöstem Haar, blutender Nase und in nassen Kleidern zur Polizei. Bu einem Schuhmann, der sie zurückbegleitete, äußerte die Gnädige:„ Schade um jeden Schlag, der daneben ging!" Eine andere, im gleichen Hause wohnende Herrschaft nahm das Mädchen für die Nacht auf, und am nächsten Tage erhielt Anna ihre Sachen und ihren Lohn bis zu dem Tage, wo sie verprügelt worden war. Ins Zeugnis schrieb die Herrschaft:„ Treu und ehrlich, ihr Wesen gibt öfters Anlaß, zu klagen." Um diese Bemerkung ganz zu würdigen, muß man fefthalten, daß das Mädchen seit 1910 bei Maiwalds diente und im vorigen Jahre sein Lohn von 80 auf 100 Taler aufgebessert worden war. Anna Heusinger fuhr zu ihren Eltern, die ouf einem Gutshof im Braunschweigischen arbeiten. Vor der Abreise von Berlin hatte sie bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag erstattet. Diese Hüterin des Rechts stellte jedoch das Verfahren wegen Mangel an Beweisen" ein. Da Anna Heusinger leider nicht int Hausangefielltenverband organisiert war, wollte sie sich mit dem Bescheid begnügen. Ein in der Landagitation tätiger Genosse verwies fie jedoch an das Braunschweiger Arbeitersekretariat. Nun wurde die feine Herrschaft noch nachträglich beim Amtsgericht Berlin auf Zahlung von 75 Mt. Lohn für ein Vierteljahr und das übliche Koftgeld verklagt. Daraufhin erklärten sich Maiwald3 bereit, 100 Mt. zu zahlen, wenn die Klage zurückgenommen werde. Da das Mädchen nach einigen Wochen Beschäftigung ge= funden hatte und somit nicht mehr Lohn für das volle Vierte! jahr verlangen konnte, zog es die Klage zurück und erhielt die angebotene Entschädigung. Die Lust zum Dienen ist Anna " 366 Die Gleichheit Heusinger ein für allemal vergangen. Sie hat an ihren Erfahrungen mit gnädigen Herrschaften genug. Diese vertreiben sich selbst die Dienstboten und jammern dann beweglich, daß die Mädchen nicht mehr dienen wollen. Zur Behebung der Dienstbotennot erwarten bürgerliche Kreise so viel von Hauswirtschaftsschulen. Wären daneben nicht auch Schulen für die Bildung und Erziehung der Herrschaften nötig? St. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Niedrige Löhne und grobe Mikstände als Zugabe finden sich in der Spinnerei von Chr. Dierig in Langenbielau. Das wurde kürzlich in einer Betriebsversammlung festgestellt. Die Spinnerei beschäftigt 50 männliche und 200 weibliche Arbeitskräfte. Das in ihr fabrizierte Garn wird in der Weberei der Firma weiterverarbeitet, so daß diese also die Kosten spart, die sonst beim Absatz der Ware erwachsen. Sie wäre dadurch in der Lage, höhere Löhne als andere Spinnereien der gleichen Art zu zahlen. Trotzdem sind bei der Firma Dierig wie wir bereits früher hier mitteilten die Löhne bedeutend niedriger als in anderen Spinnereien, wo die Arbeiter sich fest organisiert haben. Troz der höheren Löhne konnten aber diese Firmen für das vergangene Jahr 14 bis 30 Prozent Dividende verteilen. Man kann daraus schließen, daß die Spinnerei Dierig für die Besizer eine wahre Goldgrube ist und daß hier ein Heidengeld aus der Arbeiterschaft herausgepreßt wird. Der spottniedrige Verdienst der Arbeiterinnen und Arbeiter wird noch bei jedem Anlaß durch hohe Strafen gekürzt, die bis zu einem vollen Tagesverdienst betragen können. Für die Lohnauszahlung steht eine eigentümliche Gepflogenheit im Schwange. Die Lohnberechnung um= faßt die Zeit von Montag früh bis Samstag abend, die Auszahlung des Verdienstes erfolgt jedoch erst Mittwoch oder Donnerstag der folgenden Woche. Als Prämie dafür, daß die Arbeiterschaft das alles hingenommen hat, hat die Firma Dierig die Löhne in der Flyerei herabgesetzt. Ob auch in anderen Abteilungen vom fargen Verdienst abgebrochen werden soll, das wird davon abhängen, ob die Arbeiterinnen und Arbeiter endlich aufwachen und sich organisieren. Wenn sie etwas auf sich halten und ihre Menschenwürde fühlen, des Wertes ihrer Leistungen sich bewußt find, so müßten sie ihre Pflicht zur Vereinigung erkennen. Denn auch sonst fordern die Verhältnisse in der Spinnerei die schärfste Kritik heraus. Den Arbeiterinnen wird eine sehr rohe BehandIung zuteil. Besonders der Meister Waibel scheint nie etwas von Knigges Umgang mit Menschen gehört zu haben. Er betitelt die ihm unterstellten Arbeiterinnen als„ Schweinebande"," Saubande" usw. Der Meister Waibel sucht auch oft die Aborte der Arbeiterinnen auf, stellt sich dort vor die Frauen hin, die er auslacht oder beschimpft, je nachdem er gerade gelaunt ist. Damit er vom Vorraum der Aborte aus alle hier befindlichen Arbeiterinnen mit einem Blick sehen kann, hat er von allen sechs Klosetts die Riegel entfernt. Darf es bei solchem Verhalten noch wundernehmen, daß der Mann die Arbeiterinnen mit Vorliebe duzt, auch die älteren verheirateten Frauen? Der jugendliche Meister Heilmann in der Flyerei soll ebenfalls die Arbeiterinnen gern schimpfen. Freilich machen es höhere Beamte nicht besser. Vor einiger Zeit beschwerten sich Andreherinnen bei dem Direktor Edert, weil sie zu lange auf Spulen warten mußten und dadurch nichts verdienen konnten. Der Herr ließ sie jedoch gar nicht ausreden, sondern brüllte sie an: Hinaus, ihr Saustüde, ihr Schweine!" Jm Arbeitssaal hat der Meister Waibel fast sämtliche Fensterriegel mit Draht umwickeln lassen, so daß sie nicht mehr aufgehen. Die Fenster können mithin nicht geöffnet werden, und in dem Arbeitsraum herrscht eine Atmosphäre, die jeder BeschreiLung spottet. Als großer Mißstand wird es ferner empfunden, daß die Arbeiterinnen an Sonnabenden über die zulässige Zeit hinaus im Betrieb festgehalten werden. Statt der gesetzlich festgelegten acht Stunden Arbeitszeit werden es in der Spinnerei bei Dierig oft genug neun Stunden und mehr. Selbstverständlich verlangt die Firma nicht direkt längere Arbeitszeit, jedoch durch ihre Maßnahmen zwingt sie die Arbeiterinnen dazu. Sonnabends sollen sämtliche Maschinen geputzt werden, und da diese erst um 14 Uhr stehen bleiben, so haben die Arbeiterinnen bis gut 4 Uhr mit dem Buzzen zu tun. Es wird 5 und 25 Uhr, ehe sie sich dann selbst gewaschen und umgekleidet haben. Schließlich ist der starke Geduldsfaden der Arbeiter und Arbeiterinnen bei Dierig gerissen. Sie sind mit ihren Beschwerden an die Öffentlichkeit getreten. Die Firma hat daraufhin Kenntnis" davon genommen und Abhilfe in Aussicht gestellt. Inwieweit sie ihr Versprechen halten wird, das liegt zum guten Teil in den Händen der Arbeiterschaft selbst. Nr. 23 Hält sie zusammen und tritt dem Deutschen Textilarbeiterverband bei, so ist der Tag nicht mehr fern, wo es wenigstens von den am härtesten empfundenen Übelständen heißen wird: sie sind gewesen. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. j. 1. I. K. Die sozialistische Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten soll durch die Arbeit der Nationalen Frauenkomitees der Sozialistischen Partei tatkräftig gefördert werden. Diese Körperschaft hat die Aufmerksamkeit der Partei zunächst auf die folgenden dringlichen Aufgaben gelenkt. Im Hinblick auf den Stand der Frauenwahlrechtsfrage in der Union muß die Sozialistische Partei bei allen ihren Veranstaltungen zeigen, daß sie die politische Organisation ist, die mit der größten Entschiedenheit für das volle Bürgerrecht aller Frauen eintritt. Die Genossinnen sind verpflichtet, die Aufmertsamkeit der Genossen immer wieder aufs neue auf diese Forderung zu lenken und ihr die Unterstützung der gesamten Partei zu sichern. In den Staaten der Union, wo das Frauenwahlrecht noch nicht besteht und wo Sozialisten den gesetzgebenden Körperschaften angehören, sollen die Vertreter der Partei Anträge für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts einbringen; in den Staaten, wo dem Volke das Recht der Initiative und des Referendums für Verfassungsänderungen zusteht, hat die Partei die geeigneten Maßregeln zu ergreifen, damit die Forderung des Frauenwahlrechts zur Volksabstimmung kommt. Die sozialistischen Organisationen müssen der politischen und sozialen Erziehung der Frauen die größte Aufmerksamkeit zuwenden, damit die vielen wahlberechtigten Staats- und Gemeindebürgerinnen den richtigen Gebrauch vom Stimmzettel machen. Diese Schulung hat auf dem Boden der Auffassung vom Klassenkampf zu erfolgen. Die gewerkschaftliche Organisierung der lohnarbeitenden Frauen und Mädchen ist eifrigst zu fördern. Von den mehr als 5 Millionen weiblicher Erwerbstätiger, die es in den Vereinigten Staaten gibt, sind nur 7 Prozent gewerk schaftlich organisiert. Das nationale Frauenkomitee schärft den Genossinnen die Pflicht ein, soweit sie einem Beruf nachgehen, ihrer Gewerkschaft sich anzuschließen, jedoch in ihrer Gesamtheit alle Kämpfe zu unterstüßen, in denen Arbeiterinnen um bessere Existenzbedingungen ringen und die Gesetzgebung zum Schuße der Arbeiterinnen voranzutreiben. Zum Zwede der entsprechenden systematischen und einheitlichen Arbeit soll die Partei in allen Industriezentren ein besonderes Komitee einsetzen, dem möglichst Genossinnen angehören sollen, das aber auch aus Genossen bestehen kann. Eine rege Aufklärungs- und Organisationsarbeit ist auch unter den Farmerfrauen zu entfalten, deren Lage kaum besser als die der Lohnarbeiterinnen ist. Man zählt davon in der Union über 6 Millionen, und in 9 Staaten des Westens besitzen diese Frauen das Wahlrecht. Damit die Farmerfrauen von der sozialistischen Agitation erfakt werden, befürwortet das Nationale Frauenkomitee, daß in den Schulhäusern der ländlichen Bezirke Versammlungen abgehalten werden. Im Staate Kansas hat die Partei damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Bei jeder Agitationstour ließ man der ersten Versammlung in einem Ort binnen kurzem eine zweite folgen, die die Ergebnisse der früheren Veranstaltung befestigte. Das Nationale Frauenfomitee fordert des weiteren die Genossinnen und Genossen zur fleißigen Werbearbeit unter den Volksschullehrerinnen auf. Diese müssen mit der sozialistischen Literatur bekannt gemacht werden, denn sie beeinflussen in hohem Grade die Entwicklung der proletarischen Jugend. Nach der letzten Volkszählung gab es an den Volksschulen der Vereinigten Staaten 445 687 Lehrkräfte, davon waren 327 206= 73 Prozent Frauen. In den Staaten, wo den Frauen das Wahlrecht in Schulangelegenheiten zusteht, sollen die Genossinnen und Genossen dafür sorgen, daß die Proletarierinnen in die Wählerlisten eingetragen und zum Verständnis des Bildungswesens erzogen werden. Der Frauentag soll fünftig möglichst an dem gleichen Datum fiattfinden wie in Europa. Das Nationale Frauenfomitee hält es für zwedmäßig, daß die organisatorisch tätigen Genoffinnen bei Agitationstouren sich wenigstens 2 Tage an einem Ort aufhalten und alle besuchten Orte auf der Rückreise nochmals berühren. Es verspricht sich davon eine nachhaltigere Wirkung der Arbeit und eine engere Fühlung zwischen den Genossinnen und Genoffen, die sich der Erwedung und Schulung der Frauen widmen. Von der Verwirklichung dieser Anregungen ist ein fräftiges Fortschreiten der sozialistischen Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten zu erwarten. Nr. 23 Frauenbewegung. Die Gleichheit Ein internationaler Franenkongreß in Paris hat kurz vor der Budapester Tagung stattgefunden. Er war von der französischen Sektion des Internationalen Frauenbundes einberufen, einer frauenrechtlerischen Organisation, die nicht mit dem Weltbund für Frauenstimmrecht verwechselt werden darf. Sie faßt international ähnlich wie der Bund deutscher Frauenvereine Frauenvereinigungen zusammen, die die verschiedensten Bestrebungen verfolgen. Das Frauenwahlrecht ist also unter den von ihr verfolgten Zielen eines unter vielen. Der Kongreß zu Paris tagte vom 2. bis 10. Juni und war überwiegend von Französinnen besucht, jedoch waren fast alle dem Frauenbund angeschlossenen Länder durch einige Delegierte vertreten. Er hat sich in erster Linie als eine fleißig und ernst arbeitende Veranstaltung erwiesen. In recht eingehenden Beratungen behandelte er: 1. Die Mitarbeit der Frau in der Armen- und Wohlfahrtspflege. 2. Die Frau in der öffentlichen Gefundheitspflege, zumal im Kampfe gegen die Tuberkulose und den Alkoholismus. 3. Erziehungsfragen, darunter der Kampf gegen die Demoralisation der Jugend durch Schmutz und Schund in Wort und Bild. 4. Recht 3fragen, die zivilrechtliche Stellung der Frau, die elterliche Gewalt, Aufhebung der Ausnahmeregeln zur Sittengesetzgebung usw. 5. Arbeiterinnenfrage, Arbeiterinnenschutz, Kinderschutz, Mindestlöhne. 6. Wissenschaft und Kunst, die Stellung der Frau in den akademischen Berufen. 7. Stimm= recht. 8. Frieden. Wir werden auf diesen Kongreß noch zurüdfommen. Frauenstimmrecht. Fortschritte desFrauenwahlrechts in den Vereinigten Staaten. Innerhalb von wenigen Wochen sind zwei bedeutende Errungenschaften zu verzeichnen. Der Staat Illinois hat den Frauen das Präsidentschaftswahlrecht zuerkannt, und ein Komitee des Bundessenats hat ein Amendement zur Konstitution empfohlen, das das allgemeine Frauenstimmrecht einführt. Der Staat Illinois ist der erste östlich des Mississippi, der das Bürgerrecht seiner Frauen anerkannt hat. Er ist ferner der crste Staat der Union, der die Neuerung nicht durch eine Urabstimmung der Bürger einführt, sondern auf dem kürzeren Wege einer gesetzlichen Bestimmung. In Illinois befinden sich nun die Frauen in der seltsamen Lage, daß sie wohl an den Präsidentschaftswahlen der ganzen Union teilnehmen können, aber nicht an den Wahlen zu den gesetzgebenden und verwaltenden Körperschaften im eigenen Staate. Die Fortdauer dieser Beschränkung ist aber nur noch eine Frage der Zeit. Der Zuerkennung des nationalen, des Präsidentschaftswahlrechts an die Frauen in Jllinois wird in naher Zukunft unzweifelhaft die Einführung des staatlichen und fommunalen Frauenwahlrechts folgen. Da Illinois ein bedeutender Industriestaat ist und da die weiblichen Massen der arbeitenden Bevölkerung fortan unzweifelhaft von dem neuen Recht Gebrauch machen werden, so ist die Einführung des Frauenwahlrechts dort für die sozialistische Partei von besonderem Interesse. Unsere Genossen und Genofsinnen werden in diesem Staate mit verdoppeltem Eifer ihre Propaganda unter den Frauen betreiben. -Daß ein Komitee des Bundessenats die Abänderung der Bundes konstitution empfohlen hat, ist zwar von keinem unmittel baren praktischen Erfolg, doch kommt dem Beschluß deshalb Be= deutung zu, weil sich zum erstenmal eine Mehrzahl von Vertretern der Bundesverwaltung zugunsten des Frauenwahlrechts erklärt hat. Die Entscheidung ist eines der vielen Zeichen der Zeit, daß in den Vereinigten Staaten die politische Gleichberechtigung der Frau rasch ihrer Verwirklichung näherrüdt. Wie stark die Stimmung zugunsten des Frauenwahlrechts in der ganzen Union gewachsen ist, geht ferner daraus hervor, daß in letzter Zeit wie kurz berichtet wurde in sieben Staaten die gesetzgebenden Körperschaften Vorlagen für die Einführung des Frauenwahlrechts angenommen haben. Es find: Nord- und Süddakota, Nebada, Montana, New York, New Jersey Pennsylvanien. Die Wähler der betreffenden Staaten werden teils in diesem Herbst, teils im kommenden Jahre durch Urabstimmung das entscheidende Wort über die Reform zu sprechen haben. Meta L. Stern, New York. und Die Potemkinfchen Dörfer des Franenrechts in Ungarn, die den ausländischen Teilnehmerinnen am Internationalen Frauenstimmrechtstongreß zu Budapest von den ungarischen Frauenrechtlerinnen in lieblicher Eintracht mit den Behörden vorgeführt worden sind, sind von manchem Streiflicht 367 beleuchtet worden. So erfährt man unter anderem nachträglich, die tagenden Gläubigen und Ungläubigen aller Nationen hätten es sehr bitter empfunden, daß es ihrem spiritus rector, der amerianischen Predigerin Anna Shaw wohl gestattet wurde, in der protestantischen Kirche zu Buda„ das lautere Wort Gottes" zu verkündigen, daß ihr aber das Besteigen der Kanzel dabei strengstens verboten war. Die zu dem Verbot gegebene Begründung mußte die politischen Backfischchen besonders anmuten, die in allen Sprachen berzückt von den Kulturfortschritten in Ungarn schwärmten. Es hieß nämlich, die Kanzel sei zu heilig für eine Frau!" So durfte Shaw nur zu ebener Erde unter ihren Anhängerinnen stehend predigen, und die armen frauenrechtlerischen Lämmlein der„ einen Herde", von der Reverend Shaw zu falbadern pflegt, famen um einen Teil des erwarteten Genusses. Die besonder3 Hangvolle Stimme der Predigerin soll nämlich nicht voll zur Geltung gekommen sein, als sie in schluchzenden Tönen von„ dem fliegenden Mann und der Frau im Ochsenkarren" sprach. Wer denkt bei diesem Verbot im„ fortschrittlichen" Ungarn nicht an die Toleranz der Kirchenbehörde in Basel, die beim internationalen sozialistischen Kongreß die Umstürzler" von der Kanzel herab die sozialistische Friedensbotschaft predigen ließ? übrigens ist der Weihrauch, mit dem die Frauenrechtelei die Gestalt ihrer Predigerin" umnebelt, ein charakteristisches Anzeichen der inneren Verfassung breiter bürgerlicher Frauenkreise. Frau Shaws Verdienste um die Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten in allen Ehren! Als Predigerin jedoch ist sie geradezu der vollkommenste Typus ganz alltäglicher pfäffischer Beredsamkeit, die ebenso jedem auf die Nerven fallen muß, der von echter Religiosität beseelt ist, wie denen, die nur eine Spur künstlerischen Empfindens haben. Wenn je, so verrät in diesem Falle das Klangvolle Wort und die sorgfältig einstudierte Geste, daß die Kutte noch nicht den Mönch macht. Die Frauenrechtlerinnen stellen sich kein geringes Armutszeugnis aus, indem sie den Schein für das Sein nehmen. Davon zu schweigen, welch geistige Unfreiheit es verrät, wenn die Frau als Predigerin oder Angepredigte in dem Bannfreis irgend einer Kirche hocken bleibt, statt daß sie sich in freiheitlicher Gesinnung aus jedem solchen Banne löst. Fürsorge für Mutter und Kind. a. n. Ueber die Mutter- und Säuglingsfürsorge in den Vereinigten Staaten veröffentlichten wir in Nr. 21 eine Notiz, die wir in der Frauenbeilage mehrerer großen Tageszeitungen gefunden hatten und die unwidersprochen geblieben war. Obgleich wir gewöhnlich ähnlichen Notizen mit einer guten Dosis Mißtrauen gegenüberstchen, glaubten wir in diesem Falle die gemeldeten Fortschritte unseren Leserinnen mitteilen zu sollen. Leider ist unser guter Glaube nicht berechtigt gewesen. Die Nachricht stimmt nicht, wie uns Genosse Hepner mitteilt, der mit Liebknecht und Bebel zusammen im berühmten och verratsprozeß die Schönheiten der Klassenjustiz in Deutschland kennen lernte und lange Jahre in den Vereinigten Staaten als Bahnbrecher für den Sozialismus gewirkt hat. Dieser ergraute und verdienstvolle Vorkämpfer des Proletariats, ein vorzüglicher Kenner der Verhältnisse in Nordamerika, schreibt uns: Werte Genosjin! Mit Ihrer Notiz Die staatliche Unterstützung mittelloser Mütter" in 23 Staaten der Union in der Nummer vom 9. Juli find Sie einer Mystifikation zum Opfer gefallen wie dasjenige Parteiblatt, dem Sie die Mitteilung entlehnten. In der ganzen Union gibt es feinen Staat, dessen gesetzgebender Körper sich zu der Höhe solcher Anschauung aufschwingen könnte, daß des Staates Verpflichtungen sich auch auf jenes Gebiet erstrecken. Nun gar Pennsylvania, dessen Obergericht bisher alle in anderen Unionsstaaten endlich durchgesetzten fleinen Arbeiterschutzmaßregeln für verfassungswidrig erklärt hat. Und die reaktionäre Legislatur von Missouri sollte den mittellosen Frauen Gefangener eine Pension bewilligen! sat Die in Frage kommende kleine Notiz soll einfach eine Verspottung der modernen, seit kurzem so siegreichen Frauenrechtsbewe gung in den Vereinigten Staaten sein und auf ihre„ Gefahren" Hinweisen: die nicht ohne Grund von den Reaktionären befürchteten Folgen des allgemeinen Frauenstimmrechts in der Richtung von staatlicher Unterstüßung mittellofer Mütter. Die amerikanischen großen Tageszeitungen enthalten nämlich am Schluß des politischen Teils sehr häufig einen humoristisch- fatirischen Artikel oder kleine Notizen dieser Art. Amerikafeindliche deutsche Korrespondenten in New York schmuggeln nun solche Beiträge um die Bereinigten Staaten in gut bürgerlichen Augen lächerlich zu machen machen als Berichte von Tatsachen in die deutsche Presse 368 Die Gleichheit ein. Ungefähr neun Zehntel dessen, was ich im Feuilleton deutscher Klätter über Amerika finde, gehört zu dieser Kategorie Nachrichten, ez sind mißbräuchlich als ernsthafte Berichte ausgegebene grosschlächtige Humoresken oder Satiren, die, weil sie oft ein Körnchen Wahrheit enthalten, Fernstehenden ohne Schwierigfeit als bare Münze aufgehalst werden können. Ich habe mir viele Mühe gegeben, hiervon die Redaktionen einiger Parteiblätter zu überzeugen. Es ist mir das aber leider nicht gelungen. Für die Wahrheit meiner Behauptung habe ich einen Beweis erbracht. Mit einer Einleitung, die diesem meinem Briefe an Sie entsprach, habe ich im Sonntagsblatt der„ New Yorker Volkszeitung" eine Blütenlese solcher Amerikahistörchen veröffentlicht, die ich in angesehenen deutschen Tageszeitungen gefunden hatte, im ganzen 5 bis 6 Spalten. Dadurch, daß unser ame= rikanisches Hauptorgan diese Amerikageschichten als Beweise dafür abdruckte, daß man in Deutschland über die Vereinigten Staaten viclfach irregeführt wird, glaubte ich darauf hinwirken zu können, daß unsere Parteipresse von ähnlichen Notizen frei bliebe. Aber auch dieses Mittel blieb erfolglos. Ich ließ ein halbes Jahr später meine New Yorker Volkszeitungsartikel„ Die Vereinigten Staaten in der Presse Deutschlands" erheblich vermehrt im Feuilleton der Schwäbischen Tagwacht" erscheinen. Allein auch das blieb völlig wirkungslos. Nun passierte es auch der„ Gleichheit", daß sie auf ein Amerikahistörchen hineingefallen ist. Da ich glaube, daß an ihr noch nicht Hopfen und Malz verloren ist, entschließe ich mich, in dieser Sache wenn auch nicht mit Vergnügen"„ die Feder zu ergreifen" und Sie zu warnen. Ihr Adolf Hepner. Besten Gruß! Wir sprechen Genossen Hepner besten Dank für seine Aufflärung aus, die es den Genossinnen ermöglicht, die Notizen der Tagespresse aus den Vereinigten Staaten fritisch zu lesen und zu würdigen. Voll Reu und Bußfertigkeit geloben wir an unserem Teil Besserung: noch größeres Mißtrauen gegen die„ Amerikahistörchen" und eventuell eine Anfrage beim Genossen Hepner. Die Frau in öffentlichen Aemtern. Als Wohnungspflegerin am Städtischen Wohnungsamt in Charlottenburg wird vom 15. August dieses Jahres an Fräulein Dr. Marie Lüders tätig sein. Sie hat lebten Winter bereits einige Monate beim Wohnungsamt für Charlottenburg gearbeitet und ist in ihrer amtlichen Stellung den männlichen Pflegern koordiniert worden. Die Mitarbeit der Frauen in städtischen Deputationen for. dern die Verbündeten Frauenvereine von GroßBerlin" in einer Eingabe an den Vorstand des Preußischen Städtetags. Sie lautet:" Der Städtetag möge bei den gesetzgebenden Körperschaften Preußens dahin vorstellig werden, daß die hemmenden Schranken beseitigt werden, welche die boll verantwortliche Mitwirkung der Frauen in den städtischen Deputationen hindern." Eine Reihe Frauenvereine hatte in dem gleichen Sinne eine Petition an das Preußische Abgeordnetenhaus gerichtet. Die Gemeindekommission dieses Parlaments be riet im April darüber und beschloß, die Petition der Staatsregierung zur Berücksichtigung" zu überweisen. Die erste öffentliche Steuereinnehmerin in den Vereinigten Staaten ist im Staate Kolorado ernannt worden. Verschiedenes. Ada Negri als Vortragende vor italienischen Emigranten in Zürich. Die berühmteste zeitgenössische Dichterin Italiens hat jüngst zum erstenmal das Podium betreten, um ihre Gedichte vorzutragen. Die italienischen Emigranten von Zürich hatten sie darum gebeten, wo Ada Negri sich seit einigen Monaten aufhält. In ihrem Antwortbriefe hatte die Dichterin erklärt, daß sie der Einladung gern Folge leiste, und das um so lieber, weil sie von Arbeitern ausgehe. Sie freue sich darauf, vor Arbeitern zu sprechen, mit denen sie sich immer eins fühle, mit denen sie ge= meinsame Schmerzen, gemeinsames Leid verbinde. Zu den Arbeitern fühle sie, das ehemalige Proletarierkind, sich hingezogen, und zu ihnen könne sie ganz mit dem Herzen sprechen. Eine einzige kurze Notiz im sozialdemokratischen Boltsrecht" hatte genügt, den Saal des Volkshauses bis in den letzten Winkel zu füllen; viele mußten umkehren, weil nicht ein Stehplätzchen mehr übrig geblieben war. Als Ada Negri den Saal bc= trat, wurde sie mit füdlicher Lebhaftigkeit begrüßt. Kinder hatten mit einem Eckstehplätzchen vorlieb nehmen müssen. Die Dichteriu schloß eines davon in ihre Arme und setzte es auf ihren eigenen Stuhl. Das wurde symbolisch erfaßt und stürmisch applaudiert. " Die Freundin der Schwachen!"," Die Helferin der Unterdrüdten!". Nr. 23 diese und ähnliche Rosenamen rief man ihr auf Italienisch zu. Ada Negri dankte dafür mit herzlichen Worten: Sie sei zwar schonungsbedürftig, allein Arbeitern ihre Verse von der Liebe, vom Schmerz und von der Brüderlichkeit vorzutragen, das sei ihr eine Freude. Die Arbeiter grüße sie als ihre Freunde und Leidensgenossen, als die Erinnerung an ihre Proletarierjugend. Sie grüße die Wackeren, die im täglichen Stampfe ums Dasein Opfer bringen, fie grüße ihre last- und leidbeladenen Gattinnen, ihre greisen Eltern und ihre zufunftsfrohen Kinder. Und während rings die Augen der ergriffenen Zuhörer feucht wurden und aus den Winkeln leises Schluchzen der italienischen Frauen lang, erzählte Ada Negri von der eigenen schweren Jugend: von dem kleinen träumerischen Mädchen, das jeden Mittag seiner in die Fabrik gebannten Mutter die Suppe brachte und sich von der dröhnenden Stätte der Arbeit nicht trennen konnte. Stundenlang habe sie als Kind dem Orchester der Hunderte von Arbeitsinstrumenten gelauscht, als wolle sie deren Rhythmus festhalten für alle Zeit. Die Dichterin dankte herzlich für den Gruß, den ihr das„ Volksrecht" tags vorher geboten habe. Sie freue sich mit den Arbeitern all der schönen Fortschritte, die sie errungen haben und noch weiter erringen werden. Zum Schlufse ermahnte Ada Negri ihre Landsleute, ihren so berechtigten Kampf um Menschenrechte und Befreiung würdig und der Kultur ihrer Heimat angemessen auszufechten. Die Zuhörer weinten und jauchzten vor Freude. Wer die Dichden terin so sprechen hörte mit wohltuender, weicher Stimme überkam die Empfindung, daß ihre Gedichte aus tiefstem Herzen geströmt sind. Er verstand, daß es ihr möglich war, die feinsten Regungen der Seele, phantasievolle Träume, begeisterte Hoffnungen und ängstliche Sorgen des Mutterherzens in flingenden Versen auszudrücken. Aber ihm wird auch klar, daß es die soziale Frage gewesen ist, der Kampf der Unterdrückten, der der Dichterin innerstes Wesen geformt hat.... Und dann sprach Ada Negri ihre Verse. Manche, die wir schon kennen, und andere, die uns unbekannt waren. Strophen voll hellodernder Begeisterung und jugendlichen Rebellentrobes wechselten ab mit solchen, aus denen tiefes Mitgefühl flang. Mit leisem Beben in der Stimme sprach sie das Gedicht Begräbnis während des Streiks". Jeder fühlte, daß es ihr tiefer Ernst war mit der Hoffnung, daß aus Zehntausenden von Kämpfenden bald Millionen werden möchten:" Nicht für uns! Für jene heiligen Zeiten unserer Kinder Freudenjahr!" Jm Gedicht Gassenjunge" betonte sie besonders Ach sich', ich möcht' zu ihm heruntersteigen Und zieh'n ihn an mein Herz; Ich möchte, ihn umarmend, meinen Schmerz, Mein Mitleid, meine Traurigkeit ihm zeigen.... Auch mir ist stets das Unglüd treu geblieben, Ein Dornenreis bin ich gleich dir, Die Mutter schafft' auch in der Werkstatt mir, Ich kenne jedes Leid... ich muß dich lieben." Laut sprach aus jedem Verse die Wahrheit jenes Wortes der ,, Tempeste"( Stürme):" In meinen Adern rollt das Blut, das Blut des Volkskinds heiß und stolz!" Ein Strauß weißer Rosen, von Kindeshand überreicht, war der Dank der Zuhörerschaft. Ada Negri erwiderte ihn mit einer Zugabe aus dem vierten Bändchen ihrer Gedichte„ Dal profondo"( Aus der Tiefe), das in Deutschland noch nicht bekannt ist. Während die ergriffene Menge sich verlief, feuchteten sich ihre Augen. Die Gegenwart fam ihr zurüd; kampf- und leidbeschwert durch die zerbrochene Ehe, durch vieles andere noch. Dieser Gegenwart war die Dichterin für zwei Stun den entronnen. Ada Negri als Vortragende vor italienischen Arbeitern, das ist ein ganz anderes Bild, als wir es seit vielen Jahren von ihr ja schon gewöhnt waren. Da hatten wir sie nur noch als elegante Dame oder spielende Mutter im reichen Hause des Großfabrifanten kennen gelernt, da war sie so schmuckbeladen unter ihresgleichen zum Empfang der italienischen Königin in Mailand erschienen, daß die konservative Presse schreiben konnte, unter all den geputzten Damen sei nur eine einzige Frau gewesen: die Königin. Und bemerkenswerter noch: Ada Negris Gedichte erschienen in den reaktionärsten Blättern Italiens. Nun haben wir mit einem Schlage eine Ada Negri vor uns, die mit der hinreißenden Stimme der Jugendzeit zu uns spricht. Kündet das eine entscheidende Wendung oder eine Gefühlslaune? Wir denken dabei an Margens wahres Wort über Heine: Die Dichter sind sonderbare Käuze, man muß sie ihre eigenen Wege gehen lassen. r. a. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von J. 6. W. Diez Nachf. 8.m.b.8. in Stuttgart.