Nr. 7 24. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 24. Dezember 1913 Erlösung. Die Tätigkeit der Frau in der Gemeinde. XI. Von Anna Blos. Das Ergebnis. Die Gewinnung der weiblichen Jugend. Von Mathilde Wurm.( Schluß.)- Die Frauen und der Wahlkampf in Italien. Von Angelita Balabanoff. Arbeitende Mütter. II. Von Johann Ferch. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Frauenkonferenz im Bezirk Breslau. Ferienausflüge in Krefeld.- Ferienspaziergänge für Arbeiterkinder in Chemniz. Politische Rundschau. Von H. B. -Gewerkschaftliche Rundschau. Arbeitslosenzählung im Deutschen Textilarbeiterverband. Von sk. Von der englischen Textilarbeiterschaft. Von sk. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens.- Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenstimmrecht. Die Frau in öffentlichen Ämtern. Verschiedenes. Literarisches. Erlösung. Weihnachten in der Zeit der Krise und Teuerung! Der Proletarierin frampft sich das Herz zusammen. Mag es ihr selbst auch geglückt sein, durch ein übermaß von Arbeit und Sparsamkeit ihrer Armut ein paar Pfennige abzulisten, damit die Gesichter ihrer Kinder heller strahlen als die Kerzen am Tannenbaum. Aber da sind die Hunderttausende, denen es an Brot und Obdach gebricht, und wer weiß, wie bald das Schicksal dieser Unglücklichen über die Schwelle derer tritt, die heute noch Verdienst haben. Scheint es nicht ein böser Spuk, der das arbeitende Volk in der Nacht ängstigt, die frommer Wahnglaube die heilige genannt hat? Wäre es wirklich möglich, daß sich in einer Gesellschaft höchster Herrschaft über die Natur ereignet, was dort unvermeidlich ist, wo der Mensch noch unwissend und hilflos mit der Härte und Ungunst der natürlichen Umwelt um seinen Unterhalt ringt? Daß Menschen darben, daß Menschen am Mangel des Notwendigsten zugrunde gehen! Wir sollten Dampf und Blitz zu unseren Sklaven gemacht haben, die märchenhafte Schäße schaffen helfen, wir sollten uns in die Lüfte erheben können, aber ohnmächtig sein, auch den letzten unter uns menschenwürdig zu nähren, kleiden und zu behausen, ihm Leib und Seele in Gesundheit und Kraft zu erhalten? Das obendrein in einer Gesellschaft, die seit fast 2000 Jahren von dem Christentum beherrscht wird, das von seinen ersten Anfängen an mit der allgemeinen Gotteskindschaft und Brüderlichkeit Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen verheißen hat. Und doch! Was Traum und Wahnsinn dinken könnte, ist Wirklichkeit. Wandern wir in dieser Weihnachtszeit durch die Geschäftsstraßen der Städte mit ihren unübersehbaren lockenden Reichtümern, blicken wir in die Gemächer der Besitzenden mit ihrer Behaglichkeit und Schönheit oder auch mit ihrer aufdringlichen, häßlichen Pracht, und wir haben diese Wirklichkeit vor uns. Folgen wir dem Elendsstrom von Arbeitslosen, der sich vor den Toren der Morgenblätter, den Bureaus der Stellennachweise staut, und diese Wirklichkeit steht uns wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Seßen wir unZuschriften an die Redaktion der Gleichheit sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. seren Fuß in die Stätten, darin das arbeitende Proletariat schafft und wohnt, in jede Werkstatt, drin es pocht, in jede Hütte, drin es ächzt", abermals ist es diese Wirklichkeit, die uns aus vergrämten, leidensvollen Gesichtern entgegenstarrt. Der Triumph des Kapitalismus ist der Bankrott des Christentums als Erlöser von allem übel. Der Glanz von Millionen Weihnachtskerzen vermag diese Tatsache nicht zu verdunkeln, im Gegenteil: er zwingt sie der Erkenntnis auf. Was singen und klingen die Glocken von Frieden auf Erden? Lauter als ihre Weihnachtsbotschaft tönt das Hämmern und Pochen in den Riesensälen, wo der fromme Bekenner christlicher Heilslehren Mordwerkzeuge fabrizieren läßt, bestimmt, äußere und innere Feinde zu vernichten. Von Babern her, mitten im Frieden, schnarrt die Stimme des freiherrlichen Leutnants, der seinen" Leuten eine Prämie für das Niederstechen von Volksgenossen verspricht; schallt der Kommandoruf des Obersten, der das bürgerliche Pack mit der Militärdiktatur züchtigt. Der Imperialismus stampft über die Welt, rüstungstoll und mordlüstern Christen wie Mohammedaner und Heiden mit der gleichen Verdammnis bedrohend. Allen Menschen ein Wohlgefallen! Die kapitalistischen Unternehmer, Aktionäre und Finanzfürsten messen mit Scheffeln den Überfluß nach, den die Arbeit in ihre Scheunen tragen mußte. Monarchen von Gottes Gnaden- neu- und altgebackene freuen sich ihrer erhöhten Zivilliste und der reichlichen Apanagen ihrer Familienmitglieder. Die Habenichtse, Männer und Frauen, zählen angstvoll die Groschen, für die sie sich in die Lohnsklaverei verkaufen mußten. Mit einem unterdrückten Schluchzen stellt das Weib des Arbeiters, des kleinen Mannes fest, daß die Verteuerung des Lebensbedarfs die graue Not als Weihnachtsbesuch ins Heim geführt hat. Die kleinen Geschäftsleute erkennen voll Grauen, daß die Konkurrenz des großen Nachbars sie unaufhaltsam an den Rand der Pleite stößt. Was ist aus der Gotteskindschaft aller geworden, aus der christlichen Brüderlichkeit? Der Reiche und Vornehme hat sein eigenes Gestühl im Tempel seines Gottes, an gutem Play; der Arme mag sich hinten in die Ecken drücken. Am Fest der Liebe schließt sich der christliche Mann von Besitz und Bildung mit den Seinen ab, nur seinesgleichen ist als gleichberechtigter Feiertagsgaft gern gesehen. Den Dienstboten die Bescherung in der Küche, vielleicht aus Herkommen oder Koketterie ein Endchen von der Weihnachtstafel, fünf Minuten Aufenthalt bei der gnädigen Herrschaft". Vom überquellenden Reichtum ein paar Mark oder billige Geschenke für die Armen, durch einen Wohltätigkeitsverein verteilt, unter Robesposaunen für die edlen Geber" und salbungsvollen Mahnungen für die Empfänger, die sich der großen Güte" würdig erweisen sollen. Gnade statt Brüderlichkeit, Almosen statt Recht, das ist die Praxis der christlichen Lehre und Gesinnung. Hinter all den Widersprüchen und Lügen, die der Weihnachtsbaum bescheint, tritt das übel aller übel hervor, das kein christliches Dogma zu bannen vermochte. Das Privat 98 Die Gleichheit eigentum an den Produktionsmitteln, das einen Abgrund in der christlichen Welt aufreißt, wie es einen Abgrund in der heidnischen Welt des griechisch- römischen Altertums schuf. Hie Ausgebeutete und Beherrschte hie Ausbeutende und Herrschende, mögen sie einander gegenüberstehen als Sklaven und freie Herren, als Leibeigene und feudale Adlige, als Lohnarbeiter und Kapitalisten. Das Gewand hat sich geändert, aber noch immer ist es der Arme, der vom Privateigentum gefreuzigt wird. Weder der protestantische noch der katholische Bruder" fragt danach, daß diesem Märtyrer ein Heiland geboren und gestorben sein soll. Fest wie je soll er heute an das Marterholz geschlagen bleiben, denn schon kündet sich auf seinen Zügen der bewußte Troß des Empörers, der Gott und den Kaiser lästert". Die Herrschenden zittern vor der Kraft seiner robusten Glieder, und das mit Grund. Dieser Schmerzensmann wird vom Kreuz herabsteigen, weil er des Menschen Sohn und nicht Gottes Sohn ist, nicht ein Idealgebilde, das der Menschheit Phantasie aus inbrünstiger Sehnsucht nach Erlösung schuf, sondern blutvolle Wirklichkeit. Dieser Messias läßt sich nicht vom Himmel hoch hernieder, und kein Gesang von Engelscharen kündet seine Geburt. Und ob er schon aus niedrigem Stall hervortritt, kommt er mit Schwerterklang. Er spottet der Ketten weltlicher Gewalten, und seine Sinne lassen sich nicht von dem Weihrauch religiöser Legenden betäuben. Er kämpft und er wird siegen. Die Stunde der Erpropriation der Expropriateure wird das Christfest, die Sonnenwende der befreiten Menschheit sein. Nr. 7 es ebenso lieblos ist, einem wissensdurstigen armen Kind die Möglichkeit zu versperren, diesen Wissensdurst zu befriedigen, wie es lieblos ist, ein schwachbegabtes Kind reicher Eltern zu zwingen, seinen Kopf mit Wissen zu füllen, das dieser nicht verarbeiten kann. Wir haben früher schon darauf hingewiesen, daß die allgemeine Elementarschule eine Stufe auf dem Weg zur Einheitsschule bildet. Hier müssen wir hinzufügen, daß eine solche Elementarschule nicht bloß die ersten vier Schuljahre umfassen darf, wenn sie wirklich Gutes leisten soll. Die allgemeine vierklassige Elementarschule ist eine halbe Forderung. Ihr steht unsere Forderung gegenüber auf Schaffung einer allgemeinen obligatorischen gemeinsamen Bildungsgrundlage für alle in Gestalt einer Elementarschule bis zum vierzeh..ten Lebensjahr. Wir sind uns klar darüber, daß der unvermittelte übergang von der Zeit des Spielens in den Zwang des Lernens, von der ungebundenen Freiheit in den Schuldrill äußerst unvorteilhaft auf die Gesundheit der Kinder einwirkt. Als Vorbereitung und übergang zur eigentlichen Schule fordern wir deshalb den obligatorischen Kindergarten. Schon Pestalozzi sprach sich gegen den unvermittelten übergang von der Zeit des Spielens in den Klassenzwang aus:„ Man läßt die Kinder bis zum fünften Jahre in vollem Genuß der Natur, man läßt jeden Eindruck derselben auf sie wirken, sie fühlen ihre Kraft, sie sind schon weit im sinnlichen Genuß ihrer Zwanglosigkeit..., und nun, nachdem sie also fünf Jahre diese Seligfeit genossen, macht man auf einmal die ganze Natur um fie her vor ihren Augen verschwinden, stellt den reizvollen Gang ihrer Zwangslosigkeit mit ihrer Freiheit tyrannisch still und wirft sie wie Schafe in ganze Haufen zusammengedrängt in Die Tätigkeit der Frau in der Gemeinde. eine dumpfe Stube, fettet sie stunden-, tage- und jahrelang Von Anna Blos. XI. Die Frau in der Schulbehörde: Die Einheitsschule. Kindergärten. Gemeinschaftliche Erziehung der Geschlechter. Unter dem Einfluß von Kirche und Klassenstaat mußte sich die Volksschule zu dem entwickeln, was sie heute ist, nämlich zur Klassenschule, zur Schule der Armen. Pestalozzi hat das Bildungswesen seiner Zeit mit einem großen Hause verglichen, dessen oberstes Stockwerk zwar in hoher vollendeter Kunst strahlt, aber nur von wenigen Menschen bewohnt ist; in dem mittleren wohnen schon mehrere, aber es mangelt ihnen an Treppen, auf denen sie auf eine menschliche Weise in das obere aufsteigen können; im untersten Stock wohnt eine zahllose Menschenherde, die für Sonnenschein und gesunde Luft mit den oberen zwar das gleiche Recht hat, aber sie wird nicht nur im ekelhaften Dunkel fensterloser Löcher sich selbst überlassen, sondern man macht ihr durch Binden und Blendwerke die Augen sogar zum Hinaufguden untauglich." Diese Schilderung trifft leider auch noch auf das Schulwesen von heute zu. Denn die bürgerliche Gesellschaft baut sich auf dem Klassengegensatz auf zwischen Ausbeutenden und Ausgebeuteten. Und dieser Gegensatz tritt uns auch im Schulund Bildungswesen deutlich genug vor Augen. Die Sozialdemokratie als Gegnerin des Klassenstaats und der Klassenherrschaft ist naturgemäß auch die Gegnerin der Klassenschule. An ihre Stelle will sie die Einheitsschule sezen, die allen Schülern ohne Unterschied des Herkommens, des Geschlechtes und der Konfession eine einheitlich- gleichmäßige Vorbildung gibt. Die Einheitsschule soll der große und breite Unterbau sein, der jedem einzelnen die Gelegenheit und Möglichkeit bietet, entsprechend seinen besonderen Anlagen und Wünschen zu höherer Bildung emporzuſteigen. Natürlich wird nicht angenommen, daß jedes Kind die höchste Entwicklungsstufe erreichen wird, aber es soll jedem Kind der Weg dazu offen stehen. Alle sollen darum den gleichen Anspruch auf Bildungsmittel und Bildungsgelegenheiten haben, auf Verständnis, Sorgfalt, Liebe und Kosten, die für die Entwicklung der natürlichen Gaben verwendet werden. Wir betonen dabei, daß unerbittlich an das Anschauen elender, reizloser, einförmiger Buchstaben und an einen mit ihrem vorigen Zustand zum Rasendwerden abstechenden Gang des Lebens." Der Spieltrieb, der in jedem Rinde wurzelt und der eigentlich schon Arbeitstrieb ist, könnte in den Kindergärten in geregelte Bahnen geleitet werden. Der Beschäftigung der Kinder liegt der Anschauungsunterricht zugrunde, und zwar ein Anschauungsunterricht, der den Schaffenstrieb weckt. Fröbel, der vielfach mißverstandene Gründer der Kindergärten, schrieb: ,, Wer recht anschaut, wer recht angeschaut hat, wer recht sich versenkt hat in die Natur und sie ganz in sich aufgenommen hat, den drängt es, das Angeschaute wieder von sich zu geben, nachdem er es mit seinem Fleisch und Blut durchsättigt und durchtränkt hat: der Schaffenstrieb stellt sich ein. Und dieser Trieb muß von Anfang an als schöpferisches Wesen betrachtet werden." Schon die Kleinen kann man durch Geschichtenerzählen, durch ungezwungene Zwiegespräche fesseln und belehren. Aber man muß dabei versuchen, von dem Gesichtskreis und dem Verständnis der Kinder auszugehen und sich ihm in der Ausdrucksweise anzupassen. Wir haben einen modernen Pädagogen, Berthold Otto in Lichterfelde bei Berlin, der dies Bestreben die Altersmundart nennt. Man muß die Kinder nur fragen lassen, und man wird erstaunt sein, wie wißbegierig sie sind, welch tiefen Sinn ihre Fragen oft haben. ,, Die kindliche Frage ist des Kindes natürliches Lernmittel," erklärt Peter Schmittler in der Schrift: Solf mein Sohn Lehrer werden?" Das ist im Kindergarten zu beachten. Hier müssen die Kinder möglichst viel ins Freie geführt werden, sie müssen im Turnen und in Bewegungsspielen ihre jungen Glieder regen können. Der Übergang aus diesen obligatorischen Kindergärten in die eigentliche Schule darf nicht von einer vorgeschriebenen Altersgrenze abhängig sein. Er soll vielmehr entsprechend dem Wachstum der körperlichen und geistigen Entwicklung der Kinder von Schularzt und Lehrern bestimmt werden. Grundbedingung für die Einheitsschule sind natürlich kleine Klassen und gut vorbereitete Lehrkräfte. In der Einheitsschule sollen Knaben und Mädchen nicht nur die gleiche Ausbildung erhalten, sondern gemeinsam unterrichtet werden. Wir legen großen Wert auf die gemeinsame Erziehung der Geschlechter, Nr. 7 Die Gleichheit weil wir wissen, daß bei getrennten Bildungsanstalten die Mädchenbildung hinter der der Knaben zurücksteht und daß das Mädchen in der Folge schlecht ausgerüstet in das Leben hinaustritt. Das läßt sich aber bei der heutigen Entwicklung der gesellschaftlichen Zustände nicht länger aufrechterhalten. Früher begründete man die Vernachlässigung der Mädchenbildung damit, daß die Frau für ihren natürlichen Beruf als Hausfrau und Mutter keine besondere Bildung nötig hätte. Viele gingen noch weiter. Sie behaupteten, daß die aufgewendeten Bildungsmittel geradezu verschwendet würden, denn die geistigen Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts seien geringer als die des männlichen. Diese Behauptung war dadurch erklärlich, daß der Mann alle Bildung und Kultur als sein Vorrecht für sich allein in Anspruch nahm. Seit aber die wirtschaftlichen Verhältnisse sich geändert haben und die Menschen mit ihnen, seit die Not oder innerer Drang die Frau trieb, einen Beruf zu ergreifen, mit und neben dem Manne zu schaffen, zu erwerben, ist es nicht länger möglich, die Frau geringer zu bewerten als diesen. Es gibt kein Gebiet der Gewerbe, des Handels, der Wissenschaft, der Kunst, auf dem nicht schon heute die Frau gleiche oder doch beachtenswerte, tüchtige Werte schafft wie der Mann trotz ihrer meist schlech teren Vorbildung. Erleichtert wird aber natürlich der Frau die Berufstätigkeit, wenn sie von vornherein die gleiche Ausbildung erhält wie der Mann. Heute stehen schon im Deutschen Reiche weit über neun Millionen weiblicher Erwerbstätiger im Kampfe um die Existenz. Damit die Frau in diesem Stampfe nicht unterliegt, muß sie mit dem gleichen geistigen Rüstzeug für ihn ausgestattet werden wie der Mann. Außerdem bedarf sie dieses Rüstzeugs als Gattin und Mutter. Nur die Frau wird ihrem Manne im idealen Sinne Gattin und Freundin sein können, die auch seine geistige Gefährtin ist, die alle seine Interessen teilt und Seite an Seite mit ihm kämpft. Das Verständnis, die Teilnahme, die der Mann jetzt so häufig außer dem Hause sucht und suchen muß, das alles wird er dann bei seiner Lebensgefährtin finden. So wird die gemeinsame geistige Ausbildung der Geschlechter nicht das gute Einvernehmen zwischen den Gatten zerstören -wie Kurzsichtige und Vorurteilsvolle wähnen, sondern sie wird die Ehe mehr befestigen als die philiströse Gewohnheit, die sie jetzt so häufig mühselig kittet. Und auch für den hohen Beruf der Mutterschaft ist die gemeinsame Erziehung der Geschlechter von Wichtigkeit. Goethe hat einmal gesagt, jede Frau müsse so erzogen sein, daß sie ihren Kindern den Bater ersetzen könne, wenn dieser fehle. Was heißt das anderes, als daß die Frau die gleiche geistige Ausbildung erhalten soll wie der Mann? Schon manche Mutter hat darunter leiden müssen, daß ihre Söhne sich ihr geistig überlegen fühlten. Wenn die Mutter wirklich die geborene Erzieherin ist, so muß sie gerade für diesen Beruf auch geistig vorgebildet werden. Es genügt nicht, daß sie ihre Kinder sauber kleidet und gesundheitsgemäß ernährt. Gottfried Keller hat die Hausfrauen, die ihre Hauptaufgabe in der Sorge für das leibliche Wohl, für Essen und Trinken der Ihrigen sehen, sehr treffend charakterisiert:„ Sonderbarerweise gilt durch den ganzen. germanischen Völkerstrich diejenige für die beste und tugendhafteste Hausfrau, welche am meisten Geräusch macht mit ihren Schlüsseln und mit ihren Schüsseln und Pfannen und nie zu sehen ist, ohne daß sie etwas Eßbares zwischen den Fingern herumzerrt. Was Wunder, daß die Herren Germanen dabei die größten Esser werden, das ganze Lebensglück auf eine wohlbestellte Küche gegründet wird und man vergißt, welche Nebensache eigentlich das Essen auf dieser schnellen Lebensreise ist." Die geistig gutgebildete Frau als die Erzieherin der heranwachsenden Jugend kann sehr wohl dazu beitragen, daß das ganze Leben und Streben auf eine höhere Kulturstufe gehoben wird. Auch als Staatsbürgerin hat die Frau den Anspruch auf gleiche Bildung wie der Mann. Die gemeinsame Erziehung der Geschlechter bildet die beste Grundlage für die Ausübung gleicher Rechte und Pflichten beider im Staatsleben. 99 Von den Gegnern der gemeinsamen Erziehung werden allerdings schwere Bedenken geltend gemacht im Hinblick auf drohende sittliche Gefahren, die damit verbunden sein könnten. Diese Bedenken spielen jedoch keine entscheidende Rolle, wenn es sich um Volksschulen auf dem Lande handelt, die häufig von Knaben und Mädchen gemeinschaftlich besucht werden. Aber die an die Wand gemalten Gefahren bestehen in Wirklichkeit gar nicht. Die Trennung der Geschlechter hat im Gegenteil sehr oft erst solche Gefahren heraufbeschworen. Die jungen Leute werden nicht von klein auf gewöhnt, den Menschen im Mann oder Weib zu sehen, sondern etwas Fremdes, Besonderes, Interessantes, Wunderbares, das die Neugier reizt. Diese Neugier kann, zumal in der Zeit der Geschlechtsreife, unheilvolle Folgen zeitigen. Bei der gemeinsamen Erziehung der Geschlechter fällt die künstliche Entfremdung ført. Der Verkehr wird natürlicher, ungezwungener. Ja nach einem englischen Bericht auf Grund jahrelanger gemeinsamer Erziehung sieht man dort darin das beste, ja das einzige Mittel zur Bekämpfung ,, moralischer Verderbtheit". Man hat auch beobachtet, daß bei aller Kameradschaftlichkeit der Ton der Knaben manierlicher, ritterlicher wird, während die Mädchen sich abgewöhnen, zimperlich und geziert zu tun. Jean Paul, der feinsinnige Beobachter der Kinder, meinte: ,, Die beste Garantie des guten Betragens in einer Schule ist die gemeinsame Erziehung der Geschlechter: zwei Knaben bewahren zwölf Mädchen und umgekehrt." In den Vereinigten Staaten sind fast alle öffentlichen Schulen und der größte Teil der privaten Bildungsanstalten für beide Geschlechter bestimmt. Man hat hier gefunden, daß die gemeinschaftliche Erziehung auf den Charakter und die sittliche Entwicklung der Kinder äußerst vorteilhaft einwirkt. Die spezifisch weibliche Ausbildung kann leicht als Fachunterricht erfolgen durch Koch- und Haushal tungsunterricht, Ausbildung in weiblichen Handarbeiten usw. Das Ergebnis. Die erste Lesung des Reichsetats ist vorüber. Was hat sie dem arbeitenden Volke Deutschlands gebracht? Eine Reihe von Feststellungen, die mit jedem jungen Jahre regelmäßig wie das Mädchen aus der Fremde wiederkehren, leider ohne den Reiz dieser Himmelstochter. Der Militarismus verschlingt den Löwenanteil der Reichseinnahmen. Die Durchführung der Wehrvorlage erfordert schon 1914 mehr Mittel, als sich die Jubiläums- und Jahrhundertfeierseligen vor wenigen Monaten von der Regierung gern vorschwätzen ließen. Die Reichsanleihen gedeihen und mit ihnen die Zinsen, die für die Taschen der pumpenden Vaterlandsfreunde" aus Knochen und Mark der ausgebeuteten Massen herausgewuchert werden. Es sind keine Mittel vorhanden für eine großzügige Wohnungsreform und andere Kulturaufgaben ähnlicher Art. Der gesetzliche Arbeiterschutz und die Arbeiterversicherung sollen nicht weiter gefördert werden, als es die Nuznießer und Herren der bürgerlichen Ordnung erlauben. Daher darf beileibe keine Rede von einer Arbeitslosenversicherung sein, der brennendsten sozialpolitischen Forderung, die das Reich verwirklichen müßte. Das schwarze Elend hunderttausender Darbender und die zehrende Sorge von Millionen Bedrohter wiegen vor den bürgerlichen Barteien und der Regierung des kapitalistischen Reiches nicht einen Strohhalm. Da sind die Bedenken von ganz anderer Schwere, die das bürgerliche Klasseninteresse gegen die Arbeitslosenversicherung in die Wagschale wirft. Dieses Klasseninteresse schiebt die Reichspolitik in entgegengesetter Richtung vorwärts. Die Gefahr für die Koalitionsfreiheit der Arbeiter rückt offenbar in bedrohliche Nähe. Gewiß: Regierung und bürgerliche Mehrheitsparteien scheuen als gebrannte Kinder das Feuer eines Ausnahmegesetzes gegen das Proletariat. Allein sie wissen auch ganz genau, welche Daumenschrauben und spanischen Stiefel für fämpfende Arbeiter klassenstaatliche Büttel und Juristen bei Eifer und Talent im gemeinen 100 Die Gleichheit Recht entdecken können. Die bevorstehende Reform des Strafgesetzbuchs kann dem Schutz der Arbeitswilligen gegen den gewerkschaftlichen Terrorismus dienstbar gemacht werden. Jedoch, so beachtenswert all diese Bekundungen sind, sie treten an Bedeutung hinter den parlamentarischen Vorgängen zurück, die sich um den Fall„ Zabern" mit seinem politischen Drum und Dran abgespielt haben. Dieser Fall selbst war einfach genug. Es bedurfte weder langwieriger Untersuchung noch besonderer Geistesschärfe, um über seine Wesenheit ins Reine zu kommen. In Zabern hatte die Militärgewalt die bürgerliche Gewalt beiseite geschoben. Frech, brutal, ohne viel Federlesens mit der bürgerlichen Ordnung, dem bürgerlichen Gesetz. Widergesetzlich verhaftete Rechtsanwälte und Landrichter wurden gleichsam zum Symbol des Rechtsbruchs. Der Militarismus hatte die Verfassung zerrissen, mit Füßen getreten oder wenigstens den papierenen Schein einer Konstitution, mit dem sich das deutsche Bürgertum sättigt. Mußte nicht die Regierung des Reiches und, wenn sie verjagte, der Reichstag zum Schuße des vergewaltigten Balladiums handeln? Sicherlich! Zornig rauschten es die bürgerlichen Blätter, mit Ausnahme der konservativen, mit leidenschaftlichen Gebärden beschworen es die bürgerlichen Bierphilister. Der große Tag der Abrechnung im Reichstag fam. Der Militarismus verschmähte es, der erwählten Vertretung des deutschen Volkes auch nur die armseligste Kupfermünze eines höflichen Entschuldigungsgestammels zuzuwerfen. Er trat als der Herr und Gebieter auf. Wie der Leutnant den lahmen Schuster in Zabern, so traktierte der Kriegsminister die Zivilkanaille im Reichstag. Er rechtfertigte die Diktatur des hauenden Säbels, der schießenden Flinte. Und der Reichskanzler, der oberste verantwortliche Leiter der deutschen Politik, trat als Handlanger neben den Kriegsminister. Er fegte die Verfassung als alten Papierwisch beiseite und erhob den Offizier in des Königs Rock zur obersten richtenden und rächenden Gewalt. Ob sie wollten oder nicht, Liberale und Zentrümler wurden vom Militarismus und seinem bureaukratischen Hausgesinde an die Seite der Volkspartei und Sozialdemofratie zum Protest gestoßen. Mit erdrückender Mehrheit sprach der Reichstag in aller Form dem Reichskanzler sein Mißtrauen aus. Hoffnungsselige Gemüter schwärmten kindlich von einer Verfassungskrise, von der unvermeidlichen Abdankung des Reichskanzlers, von dem frisch- fröhlichen Kampfe einer parlamentarischen Mehrheit gegen die militärische Diktatur und den Scheinkonstitutionalismus, für die Machtsicherung und Machterweiterung des Reichstags. Rascher fast als das graue Elend des Aſchermittwochs ist das klägliche Ende solcher Selbsttäuschungen gekommen. Die bürgerliche Mehrheit hat es halb angstschlotternd, halb entrüstet zurückgewiesen, sich wie ein Mann mit der Sozialdemokratie gegen Säbelregiment und Absolutismus zu erheben. Sie denkt nicht daran, dem Kanzler den Etat zu verweigern; sie hat nicht den Willen zur parlamentarischen Macht, der den Kanzler aus einem Diener des Kaisers in einen Beauftragten der Volksvertretung verwandelt, der von dieser zum Teufel geschickt werden kann, wenn er ihr Vertrauen nicht mehr besitzt. Dröhnende Worte und große Gesten können über den Ausgang des Falles Babern nicht trügen. Es ist der Triumph des Militarismus und des Absolutismus. Es ist der Verzicht des Reichstags auf Würde und Macht. In der Zeit des Imperialismus sind die besitzenden und ausbeutenden Klassen weder willens noch fähig, auch nur für die Demokratie im bürgerlichen Sinne zu kämpfen ,,, Und das, nachdem wir die Wehrvorlage bewilligt haben!" Mit diesem Stoßfeufzer rieben sich bürgerliche liberale Abgeordnete die Wange, auf der die Ohrfeigen des Kriegsministers und des Reichskanzlers brannten. ,, Auch das noch, gerade weil ihr die Wehrvorlage bewilligt habt", erklärt die Logik der geschichtlichen Dinge. Die Kapitalistenklassen Deutschlands, die ohne den Imperialismus nicht mehr leben können und die vor dem Sozialismus zittern, vermögen den goldbetreßten SäbelNr. 7 helden so wenig zu missen wie den Herrscher von Gottes Gnaden. Das hat der Theaterdonner gegen das persönliche Regiment in den Novembertagen 1908 gezeigt, und das berühmte Wort von dem Leutnant mit den zehn Mann hat es bestätigt. Das ist auch der unzweideutige Sinn der letzten parlamentarischen Auseinanderseßung über Säbelregiment, Nebenregierung, Konstitutionalismus und Parlamentarismus. Es bleibt deshalb ein aussichtsloses Beginnen, wenn sozialdemokratische Abgeordnete den bürgerlichen Parteien wohlmeinend und verständig zureden, den oppositionellen Worten Zaten folgen zu lassen, im eigensten Interesse der bürgerlichen Klassen das Recht und die Macht des Parlaments gegen Militärwillkür und selbstherrliche Regiererei durchzusetzen. Die Klassen der Besitzenden und ihre politischen Vertreter wissen mit dem feinen Instinkt der Herrschgewohnten und in ihrer Gewalt Bedrohten, was ihren Interessen frommt. Und wenn die Sozialdemokraten zu ihnen mit Engelzungen reden würden, die bürgerlichen Parteien ließen sich in dieser geschichtlichen Stunde nicht mehr zum Kampfe für die Demofratie bekehren. Aber die arbeitenden Massen, die noch in der Gefolgschaft des Zentrums und der Liberalen aller Schattierungen laufen? Die Sozialdemokratie gewinnt sie um so sicherer, je grundsätzlicher und schärfer sie sich in ihrem Auftreten von den bürgerlichen Parteien unterscheidet, die wegen des kapitalistischen Profits und der ersehnten Ewigkeit der kapitalistischen Herrschaft das Recht und Wohl des Volkes unter die Füße stampfen. Im deutschen Reichstag gibt es bereits heute keine Majorität mehr, die einen lebenskräftigen Parlamentarismus will, gibt es dagegen vielleicht morgen schon eine Mehrheit, die den Parlamentarismus durch Verschandlung des Wahlrechts, durch Verstärkung der Regierungsgewalt noch weiter entwertet. Lieber den Umsturz von oben als den Umsturz von unten, das ist die Losung der besitzenden Klassen im Reiche. Die tragende Kraft des Kampfes gegen Baberner Zustände und Donaueschinger Jagdabenteuer liegt in den ausgebeuteten Massen außerhalb des Reichstags. Der Kampf wird erst siegreich, wenn das Proletariat mit der Faust auf den Tisch schlägt und quod egos ruft. Ohne diese Tat wird die Reaktion auch die phrasenreichste Entrüstung der bürgerlichen Parlamentarier und die schönsten Mißtrauensvoten mit dem verachtungsvollen Wort abtun, das von dem allerhöchsten Kunstverständigen im Reiche gegen die Kritiker des Architeften v. Ihne gefallen sein soll:„ Die Hunde bellen, der Wagen geht weiter." Die Gewinnung der weiblichen Jugend. Referat von Mathilde Wurm, gehalten auf der Frauenkonferenz von Groß- Berlin am 16. November 1913. ( Schluß.) Nehmen wir an, es seien in den drei lezten Jahren rund 80 000 Gemeindeschüler in Berlin entlassen worden, ungefähr 38 000 na ben und 42 000 Mädchen, zweifellos zu 90 Prozent Arbeiterkinder. Machen wir uns klar, wie viele von diesen für die proletarische Jugendbewegung gewonnen wurden, so läßt das Resultat noch recht viel zu wünschen übrig. Der beste Maßstab hierfür ist die Abonnentenzahl der Arbeiterjugend" nach dem Bericht der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands für das Jahr 1912/13. Danach hatte Berlin allein 13 475 Abonnenten der Arbeiterjugend", Teltow Beestow mit 15 Orten 2454 und Niederbarnim mit 13 Orten 1188. Gemessen an den 80 000 jungen Proletariern von 14 bis 18 Jahren bedeutet die Zahl von 13 475 Abonnenten der„ Arbeiterjugend" nicht mehr als 16,8 Prozent derer, die wir haben müßten. Daß davon nur ein winziger Teil meibliche Abonnenten sind, weiß jeder, der die Bewegung mit Aufmerksamkeit verfolgt. Etwas erfreulicher erscheint ja das Ergebnis, wenn wir die Zahl der organisierten Barteimitglieder mit der Abonnentenzahl der„ Arbeiterjugend" vergleichen. Nach dem letzten Jahresbericht zählt Nr. 7 Die Gleichheit Groß- Berlin 118 798 Parteimitglieder und 17 117 Abonnenten der Arbeiterjugend". Demnach kämen auf je 100 Parteimitglieder 14 Abonnenten. Die Rechnung würde stimmen, wenn diese Abonnenten alles diese Abonnenten alles Kinder von Parteigenossen wären, aber wir müssen eingestehen, daß gewiß die Hälfte aller Leser unseres Jugendblattes nicht Kinder von Partei genossen sind. Es gibt noch eine ungeheuer große Zahl von sozialdemokratischen Eltern schulentlassener Kinder, denen die Arbeiterjugend" nicht ins Haus kommt. Wollen wir aber den Kampf gegen die Schundliteratur erfolgreich kämpfen, unsere männliche und weibliche Jugend auf allen Wissensgebieten in einer ihrem Alter und ihrer Fassungsgabe entsprechenden Weise aufklären, so muß eine rege Agitation einsetzen zum Vertrieb der Arbeiterjugend". In allen Zahl abenden und Leseabenden von GroßBerlin müssen von eigens dazu Beauftragten die Adres sen derjenigen Genossen und Genossinnen gesammelt werden, die Kinder haben im Alter von 14 bis 18 Jahren, dabei sind auch die Eltern zu beachten, deren Kinder beim nächsten Schulschluß die Schule verlassen. Diese Adressen sind entweder an den Jugendausschuß des Ortes oder direkt an das Jugendsekretariat abzuliefern, je nachdem dies den örtlichen Verhältnissen entspricht. Wir haben bereits in einer Abteilung den Anfang mit dieser Arbeit gemacht, und der Erfolg hat uns die Richtigkeit dieser Agitation gezeigt. Wünschenswert ist natürlich, daß für diesen Zweck Agitationsexemplare der Arbeiter jugend" zur Verfügung gestellt werden. Eltern und Kinder sind überhaupt erst mit dem Blatte bekanntzumachen, ähnlich wie es ja auch in der Agitation für den Vorwärts" geschieht. Es wäre aber zwecklos, die ,, Arbeiterjugend" wahllos durch Hausagitation zu verbreiten. Sie würde dann vielfach an solche Familien geraten, die für diesen Zweck noch nicht oder überhaupt nicht in Betracht kommen. Eine Massenverbreitung der Arbeiterjugend" findet ohne dies gelegentlich der SchulentIassungsversammlungen regelmäßig unter der Jugend statt. Damit gewinnen wir eben die nicht parteigenössischen Kinder als Leser und damit für unsere Jugendbewegung. Ein zweites Mittel im Kampfe gegen die Schundliteratur und zur Gewinnung von Anhängern für die Freie Jugendbewegung ist die Agitation für die Benützung unserer Ausleihiugendbibliotheken. Zwar haben wir bis jetzt erst fünf solcher Bibliotheken in BerIin. Aber je reger die Bibliotheken in Anspruch genommen werden, desto mehr ergibt sich die Notwendigkeit der Erweiterung des vorhandenen Bücherbestandes und der Errichtung neuer Bibliotheken. Auch die jezt in allen Berliner Kreisen eingerichteten Bibliotheken, bei denen der Preis des zuerst entnommenen Buches eingezahlt wird, kommen hauptsächlich für die heranwachsende Jugend in Betracht. Es ist Pflicht der Eltern, den Lesestoff ihrer Kinder zu überwachen und nach Möglichfeit zu verhüten, daß ihnen schlechte Bücher in die Hand fallen. Die Mittel hierzu sind ihnen jezt in Berlin durch die Jugendund Kreisbibliotheken in reichstem Maße gegeben. Jedoch mit dem Lesen der Arbeiterjugend" und der fleißigen Benüßung der Bibliotheken ist es nicht getan. Den Jugendheimen müssen weit mehr als bisher die jungen Mädchen zugeführt werden. Hierbei heißt es für viele Eltern ein altes Vorurteil niederkämpfen! Viele Elternund es sind häufig gerade die gewissenhaftesten, die sich wirklich um die geistige Entwicklung ihrer Kinder kümmern glauben noch immer, der zwanglose Verkehr der männlichen und weiblichen Jugend, wie er in unseren Heimen besteht, müsse schlimme Folgen zei tigen. Von der Unrichtigkeit dieser Anschauing haben sich mindestens alle diejenigen bereits überzeugt, die öfters in unseren Heimen zu Gast waren. 101 Es ist heute und hier nicht meine Aufgabe, über die Notwendigkeit der gemeinsamen Erziehung der Geschlechter zu sprechen. Sie wissen alle, daß sie zu den Programmforderungen nicht nur der Partei, sondern aller modernen Volks erzieher gehört. Doch gerade in unseren Reihen stellt man sich in der Praxis der Jugendheime so vielfach diesem Gedanken entgegen. Das Schlagwort von der weiblichen Eigenart" wird im allgemeinen dort gerne gebraucht, wo man gegen die Forderungen auf Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts mit dem männlichen von reaktionärer Seite ankämpft. Freilich, wo von Haus aus gegen die Gleichwertung männlicher und weiblicher Arbeit gesündigt wird, wo der Bruder mit dem legten Bissen im Munde aus der Stube geht und der Schwester. gedankenlos alle Hausarbeit überläßt, so daß ihr keine Zeit zu irgendwelcher Erholung bleibt, dasind die elementarsten Bedingungen einer Erziehung zu sozialem Denken und Empfinden unerfüllt. Wie häufig dies aber noch der Fall ist, beweist der schwache Besuch der Mädchen in unseren Heimen I und II. Jm Heim I beträgt der Durchschnittsbesuch an Wochentagen 140, an Sonntagen 300 Jugendliche, mit durchschnittlich 19 Prozent Mädchen; im Heim II haben wir 160 bezw. 400 Besucher mit 22 Prozent Mädchen. Und dieser farge Mädchenbesuch bessert sich nur äußerst langsam. Eine Zunahme setzte ein mit der Einrichtung von Mädchenabenden, an denen die jungen Leute nur als Gäste zugelassen sind, aber nicht mitreden dürfen. Es wird viel gehandarbeitet, gesungen, gelesen und diskutiert. Auch im Heim III, das am 1. Dezember in Moabit eröffnet wird, werden solche Mädchenabende eingerichtet, die bei den Besucherinnen sehr beliebt sind. Aber was wollen diese drei Mädchenabende für die Riesenstadt Berlin besagen? Die dringende Aufforderung ergeht deshalb an die erwachsenen Genossinnen und an die Mütter, bei der Einrichtung von noch mehr solcher Mädchenabende mitzuwirken. Wo immer diese Einrichtungen entstehen, müßten sich unsere Frauen dazu verpflichten, als Mitleiterinnen tätig zu sein, den jungen Mädchen Beraterinnen und Führerinnen zu werden. Außer in den drei Heimen haben wir bis jetzt erst einen solchen Abend einrichten können. Er fand zum erstenmal statt am Mittwoch, den 26. November, im Bibliothefzimmer, Amsterdamer Straße 15. An den Eltern liegt es, daß diese Abende von ihren Töchtern gut be= sucht werden, und an den Genossinnen, daßẞ wir dank ihrer Mitarbeit viele solcher Abende in Groß- Berlin schaffen können. Ist uns solche Förderung sicher, dann werden auch allen Verfolgungen zum Troy, denen unsere Heime durch die Polizei ausgesezt sind, recht bald neue Heime erstehen, in denen unsere männliche und weibliche Jugend Zeit und Räume findet, wo sie ihre Interessen besprechen, ihre Pläne und Zukunftshoffnungen ungestört austauschen fann. Dafür zu sorgen ist Sache der erwachsenen Arbeiterschaft. Ist schon der Besuch der jungen Mädchen in den Heimen recht gering, so ist ihre Beteiligung an den Veranstaltungen der Freien Jugendbewegung noch viel geringer. Vom 1. Juli 1912 bis 31. März 1913 gab es in Berlin 128 Einzelvorträge aus allen Wissensgebieten. Es beteiligten sich daran rund 11 000 Jugendliche, davon waren 1000 Mädchen, das sind 9 Prozent der Gesamtzah I. Noch schlechter war der Besuch der Mädchen bei den Vortragskursen, in denen die Gesamtzahl der Hörer 3945 betrug, unter denen sich nur 265 junge Mädchen befanden, also 7,4 Prozent! 102 Die Gleichheit Allerdings wäre es verfehlt, zu glauben, daß an dieser Erscheinung nur mangelndes Interesse der weiblichen Jungend die Schuld trage. Die Gründe sind mannigfach. An der Spize steht die doppelte Belastung mit Be ruf und Hausarbeit, unter der auch schon die junge Proletarierin zu leiden hat. Es kommt hinzu, daß viele Eltern, wie schon gesagt, die Tochter nur ungern an unseren gemeinsamen Veranstaltungen teilnehmen lassen, sie häufig direkt davon zurückhalten. Wenn das junge Mädchen endlich doch einmal die Erlaubnis erwirkt, einer solchen Veranstaltung beizuwohnen, so fühlt es sich dann vereinsamt und unwissender als die anderen, die bereits eine gewisse Schulung haben. Die jungen Mädchen sind häufig noch schlechter ernährt als ihre Brüder, trotzdem sie mit Arbeit noch mehr belastet sind als diese. Infolgedessen er müden sie rascher, und der ersehnte Vortrag, von dem sie sich so viel versprochen hatten, langweilt sie bis zum Einschlafen oder - was noch schlimmer ist sie beginnen nach Art der Schulfinder zu albern und sind imstande, die Aufmerksamkeit auch der ernstesten jugendlichen Zuhörer abzulenken und zu zerstreuen. Hiergegen können nur die Mütter helfen. Wenn sie ihren Töchtern ein besseres Los bereiten wollen, als es ihnen selber vielfach beschieden ist, müssen sie dafür sorgen, daß den Töchtern ebensoviel freie Zeit wird wie den Söhnen. Die Töchter und ihre zukünftigen Männer und nicht zuletzt die Partei werden den Nuzen hiervon haben. Aber nicht nur bei Vorträgen und Vortragsfursen ist die weibliche Jugend schwach beteiligt, sie fehlt ebenso bei Museumsführungen und bei Wanderungen. Und gerade bei den Ichteren sollte sie doch ganz besonders stark vertreten sein. Blutarmut und Bleichsucht sind die gewöhnlichen Begleiterscheinungen des Entwicklungsalters der Mädchen, und wenn auch die sonntäglichen Wanderungen hier nicht allein heilen fönnen, so erfrischen sie doch die junge Arbeiterin und verleihen ihr neue Kraft. Turnen, schwimmen, wandern müssen die Mädels dabei genau so wie die Jungen, sonst vergessen sie, daß sie jung sind, vergessen, daß auch sie ein Anrecht darauf haben, jung zu sein und ihre Jugend zu genießen. Auf diesen Wanderungen erleben sie die Goetheschen Verse: Und frische Nahrung, frisches Blut Saug ich aus freier Welt. Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält. Haben die Eltern gar so schwere Bedenken, ihre Töchter an den gemeinsamen Ausflügen teilnehmen zu lassen, so mögen sie doch das eine oder andere Mal mitgehen und sich davon überzeugen, wie harmlos fröhlich die junge Gesellschaft ist, und wie sie unter der Führung älterer Naturfreunde die Schönheit der Natur er kennen und genießen lernt. Mehr Freiheit also unserer weiblichen Jugend, mehr Mitarbeit unserer weiblichen Erwachsenen auf allen Gebieten der Jugendbewegung. Wollt ihr, sozialistische Mütter, eure Töchter dereinst für den Sozialismus gewinnen, dann lehret sie schon heute, daß nur Gemeinsamkeit des Wollens und Handelns zum Ziele führt. Als Gleiche unter Gleichen, als Glieder eurer Klasse müßt ihr eure Töchter der Freien Jugendbewegung zuführen. Allen Widerständen zum Troz ist ihr eine glänzende Fortentwick lung beschieden, wenn sie neben einer wohlorganisierten Selbsthilfe auf die Unterstützung der erwachsenen Arbeiterschaft zählen kann. Die Frauen und der Wahlkampf in Italien. I. K. ,, Wenn die Frauen das Wahlrecht besäßen, wäre die Wahl des sozialistischen Kandidaten sicher." So hieß es meist, wenn unsere Redner von den Versammlungen des letzten Wahlkampfes zurückkehrten, des ersten, der nach der WahlNr. 7 rechtsreform stattfand. Einem ähnlichen Eindruck konnte sich niemand entziehen, der an der Wahlagitation teilnahm. Die sozialdemokratischen Wahlversammlungen wurden unter freiem Himmel abgehalten und gestalteten sich gewöhnlich zu riesigen Meetings; sie waren auffallend zahlreich von Frauen der Arbeiterklasse, des werktätigen Volkes überhaupt besucht. Manchmal bestand mehr als ein Drittel des zuhörenden, zustimmenden und zujubelnden Publikums aus Frauen. Je länger die Agitation dauerte, desto bemerkenswerter wurde die Beteiligung der Proletarierinnen an den Versammlungen, und zwar nicht nur wenn Genossinnen sprachen. Diese Tatsache war für Italien neu, und sie ist wegen ihrer Bedeutung allgemein hervorgehoben worden. Sie ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Gewiß, wir haben darin im großen und ganzen leider noch nicht eine Äußerung tiefen und klaren Klassenbewußtseins zu erblicken und noch weniger eine bewußte grundsätzliche Zustimmung zu dem sozialdemokratischen Programm. Aber immerhin kam in dem Verhalten der Frauen ein instinktives Verständnis dafür zum Ausdruck, daß die Sozialdemokratie die einzige Partei ist, die dem Volfe wirklich nahe steht, seine Leiden begreift und mitfühlt, seine Rechte verteidigt, die Lasten, die es trägt, zu mildern sucht und seine allgemeine Befreiung verficht und vorbereitet. Aus dieser instinktiven Einsicht erwächst den Frauen der arbeitenden Massen das Gefühl großer Anhänglichkeit und dankbarer Anerkennung für die Sozialdemokratie, ein Gefühl, das sich auf die Redner und Kandidaten der Partei übertrug. Die von harter Mühsal und Not gedrückten Frauen fühlten sich geradezu in einem persönlichen Vertrauens- und Dankbarkeitsverhältnis zu ihnen. Das wird begreiflich, wenn man die allgemeine Lage der arbeitenden Frauen in Italien kennt und sich dazu noch vor Augen hält, unter welchen besonderen Verhältnissen die jüngste Wahlkampagne stattgefunden hat. " Das italienische Volk trägt für unabsehbare Zeit die unzähligen Opfer, die ihm der koloniale Raubzug nach Tripolis aufgebürdet hat. Viele Zehntausende von Familien sind durch das grause Ende, durch Siechtum und Krüppeltum ihrer Angehörigen auf das schwerste getroffen worden. Davon abgesehen, gibt es wohl keinen proletarischen Herd, an dem man nicht für die Erfolge" des Krieges büßen müßte. Arbeitslosigkeit, ungeheure Teuerung des Lebensbedarfes, die auch das Stück tägliche Brot zum Lurus macht, unerträgliche Steuerlasten, die die Not noch verschärfen und eine wachsende Zahl von Proletarierinnen zwingen, auf das Allernotwendigste zu verzichten: das sind Hezer", deren Sprache von dem Volke verstanden wird. Sie hat auch das Ohr und Hirn der neuen Wählermassen erreicht, die des Schreibens und Lesens nicht kundig sind. Die Logik der Zustände hat ganz beträchtlich mit zu dem großartigen Erfolg der sozialistischen Wahlagitation beigetragen, hat unserer Partei so überraschend viele Wähler aus dem Volfe zugeführt. Sie hat auch die tiefe Sympathie der Proletarierinnen für die Sozialdemokratie crweckt. Denn die Frauen leiden doppelt schwer unter den übeln, die in der Gefolgschaft der Kriegs- und Wucherpolitik auftreten. Wenn unsere Redner und Rednerinnen in der Wahlagitation auf die Forderung des Frauenwahlrechts zu sprechen famen, so lösten ihre Darlegungen bei den anwesenden Frauen lebhafte Zustimmung aus. Wie war das möglich? Die Zuhörerinnen waren ohne politische Schulung und hatten wahrscheinlich noch nie über die Bedeutung politischer Rechte und über ihre eigene Rechtlosigkeit nachgedacht. Das Verständnis für all das kam ihnen während der Reden. Die an der bürgerlichen Gesellschaft, an der Regierung geübte Kritik, wie not ihnen das Wahlrecht tut. Sie erkannten es als Waffe die Betrachtung der Lage des Volkes machte ihnen begreiflich, im Rampfe gegen Rüstungswahnsinn und Eroberungszüge, gegen Zoll- und Steuerwucher und Beeinträchtigung ihres Koalitionsrechtes. Sie sahen es als Mittel, ihre unter Plagen und Elend erzogenen Kinder vor Unterernährung und Tod Nr. 7 Die Gleichheit zu schüßen. Die erdrückende Mehrzahl der Frauen, die von unserer Wahlagitation erfaßt wurden, stand dem politischen Leben bis dahin fern. Rührend und naiv äußerte sich oft, was ihnen Sinn und Herz bewegte. Sie drängten sich dazu, die Redner und Rednerinnen soweit als möglich zu begleiten, ihren Weg zu beleuchten, wenn er durch dunkle, abgelegene Straßen oder nach fernen Ortschaften führte, ihnen persönlich Glück zur Agitation zu wünschen und das Gelübde abzulegen, alles zu tun, um dem Kandidaten des Volkes zum Siege zu verhelfen. Das alles will viel sagen von schüchternen Frauen, die früher nur ein Heil kannten: die Kirche. Der Sozialismus erscheint ihnen nun als der wahre Erlöser, ihr schlichtes Wesen erfaßt ihn als die Verwirklichung ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Freiheit, mit Leib und Seele gaben sie sich den Ideen hin, die in seinem Namen vor sie getragen wurden. * Eine Episode darf wohl in diesem Zusammenhang hervor gehoben werden. Sie beweist recht deutlich, wie scharf die Proletarierinnen auch in Italien den Krieg verurteilen, wie klar sie einsehen, daß nur die sozialistische Partei als Partei der Enterbten und Ausgebeuteten auftreten darf. Die Wiederwahl unseres Genossen Elia Musatti, der Venedig im Barlament vertritt, ist wohl auch vom internationalen Standpunkt aus einer der wichtigsten Erfolge, die die italienische Sozialdemokratie in der siegreichen Wahlkampagne errungen hat. Musatti gehört zu den radikalsten, überzeugungstreuesten italienischen Genossen. Sein ganzes Leben hat er restlos und aufopfernd dem Sozialismus geweiht. Daß er von den Gegnern ganz besonders scharf bekämpft wird, liegt auf der Hand. Musattis Wahl ins Parlament, 1909, wurde von der ganzen sozialistischen Partei als ein außerordentlich ruhmreicher Sieg begrüßt. Da brach der Tripoliskrieg aus, und in Venedig kam es bei der Abfahrt der Truppen zu einer großen Demonstration. Derartige Rundgebungen ,,, aus dem nationalen Empfinden der Volksseele geboren", wie es heißt, gab es damals an allen Ecken Italiens. Genosse Musatti aber sagte sich, daß er die Bevölkerung Venedigs nicht im Parlament vertreten fönne, wenn sie von mordspatriotischer Gesinnung erfüllt sei, die der sozialistischen Brüderlichkeit ins Gesicht schlage. Er hielt es für eine Pflicht seiner überzeugung und Ehre, den Wählern die Gelegenheit zu geben, eine flipp und klare Entscheidung zu treffen. So legte er sein Mandat nieder, kandidierte aber bei der notwendig gewordenen Nachwahl. Die Gegner jubelten. Musattis Niederlage sollte der höchste Triumph des Mordspatriotismus in ganz Italien sein. Kein Opfer wurde zu diesem Zwecke gescheut, fein Mittel berschmäht. Alle bürgerlichen Parteien wirkten zusammen. In einer Sakristei sanken sich Klerikale und Freimaurer zum Bunde gegen den ,, Verräter am Vaterland" in die Arme. Der ,, nationale" Gedanke siegte. Und nun? Bei den letzten Wahlen wurde Genosse Musatti mit einer Mehrheit von 1500 Stimmen ins Parlament wiedergewählt. Und zwar nicht trotz seiner scharfen friegsfeindlichen Stellung, sondern gerade wegen ihr. Und die großen Versammlungen, in denen der ,, vaterlandslose Geselle" vors Gericht des Volfes trat! Die Frauen ließen in ihrer Begeisterung den Redner manchmal minutenlang nicht zu Worte kommen. Die Rufe wollten nicht enden:„ Nieder mit dem Kriege! Hoch der Sozialismus! Es lebe unser Vertreter Musatti!" Am Vorabend der Wahl fand eine Versammlung statt, an der wohl 10 000 Personen teilnahmen. In einem Stadtviertel, das abgelegen und dicht von Proletariern bewohnt ist. Das vornehme, das reiche Venedig schwimmt im Licht. Die zauberhafte Schönheit seines großen Kanals, die unübertroffene künstlerische Beleuchtung des Plates San Marco und des Domes ziehen Scharen von Fremden an. Aber das Venedig der Genießenden und Satten bat kein armseliges Laternchen für das entlegene Proletarierviertel übrig gehabt. Dunkel sind die Gassen und Gäßchen. Die hier hausenden Frauen sind es mit den Ihrigen gewöhnt, auf Luft und Licht zu verzichten. Als aber am Vorabend der 103 Wahl Musatti und die Unterzeichnete im Viertel sprachen, da hielten es die Frauen des Volkes für eine Ehrenpflicht, selbst Licht zu schaffen, um die Vertreter des Sozialismus willkommen zu heißen. Tausende von Frauen und Kindern beleuchteten mit Wachskerzen den Weg. Es waren die Elendesten unter den Elenden, denen der Sozialismus neue Hoffnungen entzündet hat, die Perlenstickerinnen. Sie haben in ihren Wohnungen kein Fenster, an dem sie arbeiten könnten, sie sitzen vor der Türe, wenn sie die kunstfertigen Finger rühren, um am Ende des anstrengenden Tagewerks einen Verdienst von etwa 70 Centesimos herauszurechnen. Wie Nächerinnen ihrer Not und ihrer Erniedrigung erschienen diese Proletarierinnen in den schwarzen, malerisch über die Schulter geworfenen Tüchern, mit ihrer von Mühsal und Entbehrungen ausgemergelten Gestalt und den tiefschwarzen, funfelnden Augen. Als die Versammlung zu Ende war, drängten die Frauen nochmals in den Vordergrund, um die Redner zurückzubegleiten. Nochmals wurden die Wachskerzen angezündet, und der eindrucksvolle Zug durchlief die sonst so stillen, dunklen Viertel der Armut unter dem lauten Gesang der Arbeitermarseillaise. Die Frauen veranstalteten eine Sammlung, zu der jeder 5 Centesimos spenden und für deren Ertrag eine rote Fahne angeschafft werden sollte. Die Fahne sollte den Frauen gehören und den Sieg des Genossen Musatti jubelnd verkünden. Dem Gegner des Sozialisten wollte die Arbeiterbevölkerung... ein Begräbnis erster Klasse bereiten". Und das hat sie in ihrer Weise getan. Da er Orsi der Bär heißt, so wurde eine bärenartige Puppe in einen Stäfig gesteckt und mit feierlichem Ernst zur letzten Ruhe geleitet. Die Proletarierinnen forderten den Genossen Musatti auf, sofort nach den Wahlen nochmals vor ihnen vom Sozialismus zu reden. Die Genossinnen haben selbstverständlich während des Kampfes in hohem Maße ihre Pflicht getan. Mit dem größten Eifer haben sie die Umstände ausgenützt, um den ausgebeuteten und entrechteten Frauen den Sozialismus näher zu bringen. Die„ Difesa delle Lavoratrici" entflammte immer wieder aufs neue die Begeisterung und Tatkraft der Genofsinnen. Ein längerer Aufruf forderte die Frauen zur energischsten Unterstützung der sozialistischen Kandidaturen auf und legte dar, was sie als Proletarierinnen und Frauen von der Verwirklichung der sozialistischen Forderungen zu erwarten haben. In Mailand wurden große Frauenverjammlungen abgehalten, in denen Genossinnen den Proletarierinnen das Parteiprogramm erklärten. Bei der Hauptund bei der Stichwahl ließen Genossinnen und organisierte Arbeiterinnen sich angelegen sein, Wahlzettel zu verteilen und noch im letzten Augenblick die proletarischen Wähler auf ihre Pflicht aufmerksam zu machen. Ganz besonders betonten sie überall die Bedeutung der Wahlen als eines Protestes gegen die Rüstungstollheit und den Krieg und zeigten dabei, daß diese Übel wesentliche Erscheinungen der kapitalistischen Klassengesellschaft sind. Hie Kapitalismus hie Sozialismus, diesen unversöhnlichen Gegensaz suchten sie den arbeitenden Massen zum Bewußtsein zu bringen. Die Genossinnen dürfen sich der errungenen Siege auch im Gedenken an ihre eigene Arbeit für die sozialistische Partei freuen. Sie begrüßen das Erwachen der Proletarierinnen als eine Verheißung fünftiger erfolgreicher Tätigkeit. Angelika Balabanoff. Arbeitende Mütter. II. Arbeitende Mütter! Hunderttausende eilen in die Fabrifen, gehen in der Industrie unter, sind verdingt um Hungerlöhne an die Agrarfrone, das Gewerbe oder an den Haushalt der Besitzenden. Zur Zeit, da die besitzende Mutter mit glücklichem Lächeln das Kind aus dem warmen, weichen Bettchen nimmt oder zusieht, wie die Wärterin seine Händchen in die mit Seidenbändern geschmückten Ärmel des Jäckchens führt, 104 Die Gleichheit weilt die arbeitende Mutter schon bei der mechanischen Arbeit, die langsam an ihrem Körper nagt und ihn unaufhaltsam zerstört. Fern das Kind, der Obhut irgendeiner vielleicht zweifelhaften Kinderbewahranstalt anvertraut oder der Wartung durch ein anderes unterernährtes Kind. Das Kleine ist in armselige Kleidungsreste gehüllt, das magere Körperchen wird durchwühlt von den Folgen der Arbeit jener Tage, an denen sich der Mutterleib bereits hätte schonen sollen, die Hungerpeitsche ihn aber wieder hinter die Fabrikmauern trieb. Fern von ihrem Fleisch und Blut ringt die arbeitende Mutter, ohne jedoch trotz des Mannes Arbeit immer genug Brot für die Kinder schaffen zu können. Wir sehen sie in den Fabriken, Kleider, Schmuck und Spielsachen erzeugend für die Kinder der Besitzenden, in Bergwerken, Spinnereien, Bleichereien, in allen Berufen, die die Massenproduktion der Gegenwart schafft; sehen sie als Kinderwärterin, Amme, Dienstboten, Wäscherin, Holzträgerin, Lowryzieherin. In den feinsten Blutgefäßen des Kapitalismus spürt man das Wirken der arbeitenden Mutter, die um der Brotsorge willen dem Organismus des Weibes Gewalt antut. In einem Zustand, in dem die Frau der Besitzenden jede ihrer Bewegungen sorgsam überwacht, bei dem sie vom Hausarzt immer wieder gewissenhaft untersucht wird, sehen wir die werdende Mutter des Arbeitervolfes auf den Bauten über Holzgerüste Klettern, schwere Karren schieben oder mit Ziegeln und Mörteln bepackt in die Dachräume emporsteigen. Aus den Dunst wolken der unhygienischen Waschküchen starren ihre glanz losen Augen, die schwachen, kraftlosen Arme ziehen die Wäsche der Besitzenden durch das Wasser, das den Körper erschauern macht. Den die Mutterschaft verratenden Leib an den Trog gepreßt, trocknet sie den kalten Schweiß an der Stirn, wenn fich dem ausgehungerten Körper eine Ohnmacht nähert und ein Fieber ihn durchschüttelt. Ausgehungert? Ja, denn während die besitzende Mutter mit den Kindern und dem Gatten oben speist, bleibt das Essen der arbeitenden Mutter unberührt, und die Märtyrerin krampft rastlos ihre Finger um die letzten Wäschestücke, um nur möglichst bald mit ihrem Mahl den Hunger der Kinder stillen zu können. Ist es in den Fabriken anders, bei dem Heer der Hunderttausende, die im Morgengrauen an ihre Arbeitsstätte wandern, ihr Heim erst im Abenddämmern wiedersehen und ihrem Körper die billigste, minderwertigste Nahrung zuführen? Vergessen wir dabei nicht die Zehntausende landwirtschaftlicher Arbeiterinnen, die sich von ihren Kindern losreißen, um fern von der Heimat im heißen Sonnenbrand das Brot für die Kinder zu erringen, die sonst im Winter verhungern müßten. Untergebracht in einer Scheune, neben oder bei den Tieren, sind sie eine vbertragsmäßig überlieferte Arbeitsware, die den fremden Gutsbesitzer weniger wertvoll dünft als sein teures Vieh. In dieser Scheune träumen Frauen von dem fernen Lehmhäuschen Galiziens oder eines anderen Landes, in dem Kinder nach der Mutter rufen, fie träumen, bis der Morgen naht und der Aufseher sie hinaustreibt auf die Felder wie die Tiere.... Den müden, abgezehrten Zügen der arbeitenden Mutter haben des Lebens Nöte den letzten Schimmer von Frauenschönheit abgestreift. In ihnen sollte der unauslöschliche Haß gegen die Gesellschaftsordnung flammen, die dem Begriff Mutter die höchste Verehrung zollt für die Besitzenden; für die Besitzenden; deren Soldschreiber die Mutterschaft besingen, während die Ausbeutenden als Werkzeuge der kapitalistischen Entwicklung auf dem Mutterleib gerade so herumstampfen wie auf dem Körper des Mannes, des Glaubensbruders und Volksgenossen. Die Ausbeutenden, Herrschenden sind die gleichen Feinde auch der arbeitenden Mutter. Die proletarische Frau, die den Hohn, die Verspottung und die Mißachtung gegen die arbeitende Mutter scharf erkennen will, die wandere Wohnung suchend durch die Straßen der christlichen Städte, teile mit, daß sie Mutter einiger Kinder sei und eine Wohnung benötige. Befizenden mit Kindern oder Tieren wird Einlaß gewährt, aber feiner arbeitenden Mutter mit Kindern. Fühllos schließen sich die Türen vor der Verzweifelnden, die man von der Schwelle Nr. 7 stößt. In das ätherblau ragen die Türme und Kuppeln der Kirchen und Synagogen, und an den Fenstern spiegeln sich das christliche Kreuz und die Steintafeln mit den Gesezen Jehovas. Man kann diese Schande der Kultur nicht zu oft aufzeigen, nie. genug wiederholen. Man muß sie den Verantwortlichen und den Satten immer wieder ins Gesicht schreien und den feilen Vorwurf der„ Heßerei" gebührend kennzeichnen, der fäuselnd, fluchend und heuchelnd gegen dieses Aufzeigen fällt. Arbeitende Mütter! Man könnte nicht müde werden, die Elendsbilder aufzurollen, die sich im Dasein der proletarischen Mutter aneinanderreihen. Sie muß ohnmächtig zusehen, wie ihre Kinder gezwungen sind, schon in frühester Jugend in irgend einem Gewerbe Hilfe zu leisten. Nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Lande, wo die Schule leersteht und die Kinder des ländlichen Proletariats den Bauern an Stelle der schollenflüchtigen Dienstboten ein gutes und billiges Ausbeutungsmaterial stellen. Man gedenke der Kinderarbeit in der Hausindustrie, in der städtischen Heimarbeit, um das unglückselige Geschick der Kleinen arbeitender Mütter zu erfassen. Für die Kinder des Besizes wird der Sport empfohlen, um sie in der schulfreien Zeit zu stärken; Kommissionen treten zusammen, die über Jugendspiele diskutieren. Den Kindern der arbeitenden Mutter mangelt es an den notwendigsten Lehrmitteln, ja sogar an der notwendigen Nahrung und Kleidung. Wer vermag dabei an Spiele zu denken? Die proletarischen Kinder existieren für die bürgerliche Gesellschaft nicht, sie zählen für sie erst, wenn sie als Arbeitsware Gewinnbringer werden. Man nimmt in den Kreisen der Besitzenden offenbar an, daß die arbeitende Mutter nicht erkennen könne, was ihren Kindern geraubt wird. Aber diese fühlt mit wehem Herzen nur zu gut, was ihre Kleinen an sonnigen Freuden entbehren müssen, empfindet den wütenden Schmerz, ihnen das nicht bieten zu können. Jugendspiele, Sport, Theater, Bücher alles ist nur für die Jugend der besseren Menschen". Aber das Elend des Alltags stumpft die hin und wieder. hervorbrechende Bitterkeit der arbeitenden Mutter ab. Die Teuerung zwingt die Gedanken der proletarischen Frau darauf, wenigstens den Hunger der Ihrigen zu stillen. Die agrarische Wucherpolitik und der Wohnungswucher finden in der arbeitenden Mutter das ärmste Opfer, die kartellierten Lebensmittelhändler beuten sie erbarmungslos aus. Und doch sind es gerade viele der arbeitenden Mütter, die den Weg zu den Konsumvereinen nicht nehmen können, da sie sich der Schuldensklaverei der kleinen Händler nicht zu entreißen vermögen. Dazu das geringe, oft durch Arbeitslosigkeit unterbrochene Einkommen des Mannes, der eigene schmale Verdienst, der ein hartes Brot bedeutet. Wehe jener proletarischen Mutter, die von einer Krankheit niedergerungen wird. Dann fehlt der rettende Halt in der Arbeiterfamilie, stürzt nicht selten alles zusammen. Für die Kranke der Armendoktor, das Spital, für biele eine Stätte der Ruhe und Pflege, wie sie noch niemals ihnen eigen war. Stirbt die arbeitende Mutter, so harrt ihrer das Massengrab, an dem die Kinder weinen, da sie das Beste verloren haben. Bleibt sie leben, wird sie alt, so schaut sie bitter das ohnmächtige Sehnen der wirtschaftlich selbst wurzellosen Kinder, die Mutter bei sich zu behalten. Die Verhältnisse sind stärker. Mutter und Kinder müssen scheiden. Aber bis dorthin spielt sich ein trauriges Leben ab. Alles, was geschildert wurde, ist das Durchschnittsschicksal der arbeitenden Mutter an der Seite eines arbeitenden Mannes. Es wäre ein leichtes, Elendsbilder der Witwenschaft anzufügen, Mütter zu zeichnen, die als Bettlerinnen von Tür zu Tür wandern oder gramgebeugt ihre Kinder verschenken müssen.„ Göttliche" Ordnung, wenn das Muttergefühl erwürgt wird unter dem Zwange der nämlichen Mutterliebe, die die Kinder nicht verhungern lassen will. So ist das ganze Leben der arbeitenden Mutter ein greller Kontrast zu dem der befizenden Mutter. Wahllos können die Bilder herausgegriffen werden, um die Gegensäge in ihrer rauhen, entseßlichen Wirklichkeit darzustellen. Diese Gegensäge der arbeitenden Mutter eindringlich und unermüdlich zum Bewußtsein Nr. 7 Die Gleichheit zu bringen, ist eine große Aufgabe. Nur zwei Bilder seien hier wiedergegeben: Durch die Straßen weht heulend und schneidend der Wind, rüttelt an den Fenstern, bläst in die Kamine, daß es wie Wimmern und Weinen klingt. Wie ruht sich's da warm im weichen Bett; der Besitzende und Geborgene fühlt in verdoppelter Annehmlichkeit die wohlige Sorglosigkeit. Die besitzende Mutter blickt mit behaglichem, glücklichem Lächeln auf das Kinderbettchen, worin der Säugling schläft, oder drückt ihn an sich, ihn vor dem Einschlummern noch mit Küssen überschüttend. Unten aber in der menschenleeren Straße der Großstadt schreitet eine arbeitende Mutter, vielleicht an der Seite eines verzweifelnden Mannes, dem das Elend das letzte Hoffen aus dem Hirn geschlagen hat. Ein dünnes Tuch hüllt Mutter und Kind ein, das von Regentropfen, Schnee oder vom Straßenstaub gefüßt wird, den der Sturm aufwühlt. Das Schluchzen der Unglücklichen dringt durch die nächtliche Stille, bricht sich an den versperrten Türen und verklingt irgendwo in einer Haustürbucht, worin vor den Blicken der Schuyleute geborgen Mutter und Kind sich lagern. Seht nach, ob dieses Bild in den Romanen und Novellen zu finden ist, die die Federföldlinge überall in Büchern und Zeitungen ablagern, um unsere Weltordnung als die schönste zu preisen. Man liest von den Tauffesten in prunkvollen Palästen. Man hört nur nebenbei von der Not, die mit dem Kinde der Armut geboren wird. Die arbeitende Mutter, obdachlos mit dem Kinde zu den schimmernden Fenstern eines Bürgerhauses emporſtarrend, worin die Geburt eines Kindes gefeiert wird dies Bild der sozialen Gerechtigkeit im kapitalistischen Staate zeichnet kein gut bürgerlicher Roman. Noch ein Bild des Gegensaẞes: Der Strand eines Seebades oder die in duftendem fühlen Waldesgrün versteckte Sommervilla. Dort weilt die besigende Mutter mit den Kindern, Wochen der ungetrübten Freude an den Schönheiten der Natur genießend. über die sehnigen oder fettgepolsterten Körper der Glücklichen spielen die weißgekrönten Wellen des Meeres, oder es laben sich die Augen an dem milden Grün des rauschenden Waldes, man träumt in seliger Weltvergessenheit Märchen. Die arbeitende Mutter in der Stadt läßt sich abends auf das spärliche Grün eines mit Schutt überlagerten, ausgedörrten Feldes nieder, während die mageren Kinder sich im Straßenstaub herumtummeln. Die Augen der Eltern sehen die Sonne nur im abendlichen Sterben, und da nur durch den Dunst der Straße. Es ist, als ob der Schweiß der arbeitenden Menschen von dem Steinpflaster emporsteigen und die Atmosphäre erfüllen würde. Glücklich diejenigen, die noch in der Sommerglut arbeiten dürfen. Wehe jenen, denen die Flucht der Reichen aus den Städten zur Sommerszeit die Arbeit raubte und damit die Nahrung. Dreimal wehe den anderen arbeitenden Müttern, denen der Mann von der Seite gerissen ward, der irgendwo bei der Waffenübung ,, Krieg im Frieden" spielen muß. Eine Waffenübung bloß. Wie aber, wenn der Ernährer, der Vater, der Sohn in das Feld müssen, um ihr Blut dem Vaterland zu weihen? Dem Vaterland, das die Beute der Besitzenden ist! Die da hinausziehen, um für ein Etwas zu kämpfen, von dem sie nie mehr sahen als den Weg vom armseligen Heim bis in die Fabrik, sie sind sicherlich Opfer dieser göttlichen Weltordnung". Aber die mit den Kindern zurückbleibende Mutter ist ebenso Blutzeugin des Wahnsinns, der diese Ordnung beherrscht, da sie hungern muß bis zum Untergang. So sehen wir eine Armee Unglücklicher, neben deren Los selbst das des ausgebeuteten und geknechteten Mannes noch erträglich dünkt. Auf der arbeitenden Mutter ruht alle Last, aller Jammer, alle Pein der nichtbesitzenden Klassen. Sie wird von allen Bliẞen wirtschaftlicher und sozialer Gewitter betroffen, die oft Körper und Seele verbrennen. Ist es da wunderzunehmen, wenn langsam das Gefühl der Menschenwürde stirbt, wenn stumpfe Ergebung in das Herz der proletarischen Mutter einzieht und sie dem Rufe nicht lauscht, der Millionen unter die Fahnen für die Menschlichkeit ruft? Die vom Leben Zertretene schreit nur auf, wenn Steinschlag, schla105 gende Wetter, Maschinen, glühendes Blei ihr die Lieben rauben, wenn ihre Kinder dahinsiechen, ohne daß sie durch die Hilfemöglichkeiten des Besizes gerettet werden können. Sie flieht die Welt, klammert sich gebrochen in ihrer Mutlosigkeit an die Ihren, zitternd vor den Schicksalsschlägen, die auf ihr armes Haupt fallen, bis der mitleidige Tod ihr die Augen zum letzten Schlummer schließt. Joh. Ferch, Wien. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Agitationsbezirk für den Niederrhein sprach die Unterzeichnete im November in Oberhausen, Mülheim Ruhr, Hamborn, Duisburg und hohenlimburg. Sie behandelte das Thema:" Was wollen die Sozialdemokraten?" Die Versammlungen waren recht gut besucht. Neuaufnahmen von Parteimitgliedern waren überall zu verzeichnen. Drei Versammlungen, die in Ottensen, Altona und Schiffbeck stattfanden, hörten ein Referat über dieselbe Frage. Auch hier hatte die Agitation einen guten Erfolg, allerdings ließ der Versammlungsbesuch in dem Industrieort Schiffbeck viel zu wünschen übrig. Rosi Wolfstein, Witten. Die politische Organisierung der Frauen scheint nun auch in Guben besser in Fluß zu kommen. Der gewerkschaftliche Zusam= menschluß der Proletarierinnen hat schon länger gute Fortschritte gemacht. Die Gewerkschaften mustern in Guben annähernd 900 weibliche Mitglieder. Dagegen hielten sich die Frauen der sozialdemokratischen Organisation noch fern. Sie selbst wie auch manche Arbeiter meinten, die Politik ginge die Frauen nichts an. Nun hat aber eine erfolgreiche öffentliche Frauenversammlung Bresche in Gleichgültigkeit und Vorurteil gelegt. Genoffin Ziet verstand es als Referentin vortrefflich, den zahlreich erschienenen Frauen an Beweisen aus dem alltäglichen Leben klarzumachen, daß die Zeiten sich geändert haben, daß die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen die politischen Dinge aufmerksam verfolgen, daß sie auf politischem Gebiet kämpfen müssen. Besonders eindringlich wies sie auch auf die Pflicht der Proletarier hin, ihre weiblichen Angehörigen zu Kampfgenossinnen heranzubilden. Zurufe während des Vortrags und Beifall am Schlusse bekräftigten, daß Genossin Ziet den Anwesenden aus dem Herzen gesprochen hatte. Die Partei gewann 44 neue Mitglieder, darunter 34 Frauen. So stoßen immer mehr ausgebeutete, gedrückte Frauen zu dem machtvollen Kämpferheer, das Brot, Freiheit, Recht für alle erringen will. H. B. Frauenkonferenz im Bezirk Breslau. Am 12. Oftober fand in Breslau eine Bezirksfrauenkonferenz statt. Sie war von weiblichen Delegierten aus allen größeren Drten des Bezirks besucht, leider hatten aber kleinere Orte es unterlassen, die Tagung zu beschicken, trotzdem es gerade für sie wichtig gewesen wäre, die Winke und Ratschläge zu hören und zu diskutieren, die für die praktische Arbeit gegeben wurden. Auf der Tagesordnung standen Referate über die Gewinnung und Schulung der Frauen, über Kinderschutz und die Agitation unter der weiblichen Jugend. An alle Referate knüpfte sich eine ausgiebige Diskussion. Was die Schulung der Genossinnen anbelangt, so wurde eingehend die Gestaltung der Leseabende und die zu behandelnden Fragen erörtert. Genosse Löbe war der Meinung, daß zu Anfang möglichst leichtverständliche Broschüren, Zeitungsartikel usw. gelesen, daß leichte Stoffe vorgetragen werden müßten. Nach solcher Vorbereitung erst könne unser Parteiprogramm erklärt werden. Genoffin Wulff verfocht dagegen noch einmal ihren bereits im Referat dargelegten Standpunkt, daß unser Programm nicht zu schwer sei, um dem Verständnis der Frauen nahe gebracht zu werden. Allerdings müsse man zu diesem Zweck ausnahmsweise mit der Erörterung des zweiten Teils beginnen, mit dem Programm der geheischten Reformen. Außerdem bedürfe man Leiterinnen oder Referenten, die in populärer Weise den Stoff zu erläutern wissen. Genossin Ziet regte an, daß am Schluß der Leseabende immer ein gemeinsames Lied gesungen werden möchte. Über den Wert der Leseabende die freilich nicht für alle Teilnehmerinnen den gleichen Nugen zeitigen können wußte sie auf Grund der vorliegenden Erfahrungen noch viel Wichtiges zu sagen. Gar manche Genossin wurde durch die Leseabende zur Rednerin herangebildet, wenn solche Heranbildung auch nicht der eigentliche Zweck der Veranstaltungen ist. Andere haben die Anregung und Schulung zu praftischer Betätigung im Dienste der Partei erhalten, und die meisten Teilnehmerinnen sind zu arbeitsfreudigen Genoffinnen geworden. Je nach dem Bildungsgrad der Frauen und den örtlichen Verhältnissen muß Stoff und Art der Leseabende gewählt werden. Viel wurde über Handarbeits 106 Die Gleichheit abende gesprochen. In manchen Orten wurden Handarbeitsabende eingerichtet, weil die christlichen und vaterländischen Vereine, die im Bezirk überall dominieren, durch diese Veranstaltungen die Frauen an sich ziehen. Die Genossinnen Zietz und Wulff warnten jedoch davor, für solche Einrichtungen zu viel Kraft aufzuwenden. Sie sollten nur dort geschaffen werden, wo die Verhältnisse es absolut notwendig machten. In ähnlichem Sinne äußerten sich beide über lokale Unterstügungseinrichtungen. An das Referat der Genossin Wulff über die Mithilfe der Frauen beim Kinderschutz schloß sich gleichfalls eine rege Aussprache an. Gar manchen Fall trauriger Kinderausbeutung und Mißhandlung berichteten nament lich die Genossinnen, die der Kinderschutzkommission Breslau angehören. Genossin Sawatsch mußte leider rügen, daß im eigenen Hause noch nicht aufgeräumt sei, denn beim Austragen der„ Volkswacht" würden Kinder verwendet. Die Kinderschutzkommission habe zwar ihr möglichstes getan, um dieser Kinderbeschäftigung ein Ende zu bereiten, der Verlag hat den schuldigen Austrägerinnen die Ent lassung in Aussicht gestellt. Trotzdem finden sich immer wieder Frauen, die den Vertrag mißachten, der ausdrücklich besagt, daß Kinder unter 14 Jahren beim Austragen der„ Volkswacht" nicht verwendet werden dürfen. Hoffentlich trägt die Konferenz mit dazu bei, daß endlich Wandel geschaffen wird. Wir erwarten auch, daß sie den Anstoß zur Gründung von Kinderschußkommissionen überall im Bezirk gibt. Das Referat der Genossin Zieß über die Agitation unter der weiblichen Jugend zeigte so recht, wie notwendig es ist, auch in dieser Frage Aufklärung in die weitesten Kreise zu tragen. In erster Linie jedoch müssen die Arbeitermütter belehrt und überzeugt werden. Eine gute sozialistische Erziehung des proletarischen Nachwuchses ohne Unterschied des Geschlechts muß einsetzen. Mannigfache Anregung hat die Konferenz gegeben. An den Genossinnen aber auch an den Genossen liegt es nun, daß diese Anregung in den Wintermonaten in die Tat umgesetzt wird. Viel steiniger Boden ist noch zu bearbeiten, zäher Ausdauer bedarf es, um auf diesem Früchte zu ernten. F. W. Ferienausflüge in Krefeld. Der Bildungsausschuß in Krefeld hat im letzten Sommer zum erstenmal Ferienausflüge für Kinder veranstaltet. Sie haben einen nennenswerten Erfolg gehabt. Die Zahl der Kinder nahm ständig zu, die sich an den Ausflügen beteiligten. Es ist dies ein Zeichen dafür, daß die Kleinen Freude an unseren Veranstaltungen und Vertrauen zu den Leiterinnen hatten. Insgesamt haben 10 Nachmittagsaus= flüge unter Leitung von Genossinnen stattgefunden und vier Tageswanderungen unter der Leitung eines Genossen. An den Tageswanderungen nahmen nur größere Kinder teil, die mit der weiteren Umgebung von Krefeld vertraut gemacht wurden. Insgesamt haben sich gegen 3000 Kinder an unseren Veranstaltungen beteiligt. Bei den Nachmittagsausflügen erhielten die Kinder 1 Glas und bei den Tageswanderungen 2 Glas Milch unentgeltlich. Die Gelder für unsere Veranstaltungen sind von Gewerkschaften, der Parteiorganisation und der Genossenschaft ge= währt worden. Sie bekundeten für das Unternehmen das größte Verständnis. Die Mittel flossen so reichlich, daß wir am Ende der Ferien noch über einen kleinen überschuß verfügten. Wie die Organisationen der klassenbewußten Arbeiterschaft, so verdienen auch die Genossinnen herzlichen Dank, die sich in uneigennütziger Weise dem Bildungsausschuß zur Verfügung gestellt hatten. Das Gelingen der Veranstaltungen ist zum großen Teil mit ihr Verdienst. Um mit den Kindern in Fühlung zu bleiben, haben wir ge= plant, sie im Winter von Zeit zu Zeit zusammenzurufen und für sie Märchenabende zu veranstalten. Auch werden wir in den Weihnachtsferien einen Ausflug mit ihnen unternehmen. Denn daß die Kinderspiele und Kinderausflüge eine ständige Einrichtung bleiben müssen, darüber dürfte wohl keine Meinungsverschiedenheit unter uns herrschen. Wir haben alle Ursache, unsere Kinder fest mit uns zu verbinden und unsere Ideale ihnen teuer zu machen. Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft, und die Zukunft muß unser sein! Frau Billstein. Ferienspaziergänge für Arbeiterkinder in Chemnitz. Wie in vielen Städten, so hat sich auch in Chemnitz eine Kommis= sion von organisierten Frauen gebildet, die sich die Aufgabe gestellt hat, während der Ferien mit den Kindern hinaus ins Freie zu wandern. Der Hauptzwed unserer Veranstaltung war, solche Kinder spazieren zu führen, deren Mütter von der wirtschaftlichen Not gezwungen sind, den täglichen Lebensunterhalt verdienen zu helfen. Und solcher Frauen gibt es gerade in Chemnit sehr viel. So hatte sich denn auch für jeden Spaziergang eine große Anzahl von Kindern auf den Sammelpläßen eingefunden, die vorher bekanntgegeben worden waren. Fröhlich ging es von dort aus dem gemeinsamen Ziele zu, durch den Wald, nach hübsch Nr. 7 gelegenen Gartenwirtschaften wie Adelsberg, Tannenmühle, Sechs Ruten und andere. Unter Singen und Jubeln, bei fröhlichen Reigen und anderen Spielen tummelten sich die Kinder nach Herzenslust. Zuweilen veranstalteten wir auch im Volkshausgarten Spiele für die Kinder. Für die Mädchen wurden sogenannte Luftreifen, für die Knaben Ballspiele angeschafft. Heller Jubel ertönte, wenn Genosse Nauth seine Reitschule dem kleinen Volk frei zur Verfügung stellte. Beim Abschluß unserer Wanderungen ging es besonders hoch her. Die Kinder wurden mit Kuchen und Kaffee be= wirtet, und die Genossinnen hatten obendrein noch für kleine Überraschungen gesorgt. Wir können von Anfang bis zu Ende mit dem Ergebnis unserer Veranstaltungen zufrieden sein. Was wir an den Kindern tun, tun wir für die Zukunft der Arbeiterklasse. Hoffen wir, daß im nächsten Jahre unsere Ferienspaziergänge noch eine größere Anzahl von Kindern erfassen, die auf der Schattenseite der Gesellschaft stehen. Rosa Meyer. Politische Rundschau. Raum jemals ist der Jammer der deutschen Zustände so fraß und so in einem Punkte konzentriert zutage getreten wie jetzt in der 8aberner Affäre. Da ist ein Reichskanzler, der krampfhaft beteuert, daß er die Erregung der Bevölkerung über die militärischen Übergriffe sehr wohl versteht, der aber nicht wagt, der offenbar nicht wagen darf, die Gesetzesverletzungen der Soldateska mit dem rechten Namen zu nennen. Da ist ein Reichstag, der dem Reichskanzler mit Fünfsechstelmehrheit ein Mißtrauensvotum erteilt, dessen bürgerliche Mehrheit aber dann nicht wagt, die Konsequenzen aus dieser Kundgebung zu ziehen. Mit Wucht und Eindringlichkeit reden diese Erscheinungen davon, auf welch unsicherem Grunde die Verfassung des Reiches gebaut ist. Gibt es ein unzweideutigeres Zeugnis dafür, daß der Militär ohne weiteres Gesetz und Recht beiseite schieben darf, daß die Rechte des Volkes vom Säbel nach Belieben zerfetzt werden können? In der Verhandlung über die Interpellation hat der Kriegsminister dem Reichstag erklärt, daß der Offizier über den Gesetzen steht, daß er das Recht hat, dem Beleidiger den Degen durch den Leib zu rennen. In der nichtachtendsten; provozierendsten Weise, mit brutaler Rücksichtslosigkeit prokla= mierte er die nackte Militärgewalt. Selbst den militärfrommen Nationalliberalen wurde die Galle ins Blut getrieben, ein Wehlaut auf die Lippen. Des Reiches Kanzler aber ist den Ausführungen des Kriegsministers beigetreten, hat fie noch durch den Satz unterstrichen, daß der„ Rock des Königs" unter allen Umständen respektiert werden müsse. Des Königs Rock! Weiß Herr Bethmann wirklich nicht, daß das Volk den Rock bezahlt, daß das Volk ihn spinnt, webt und näht? Doch davon abgesehen, haben Kriegsminister und Reichskanzler für den Offizier ein Sonderrecht proklamiert, das über allen anderen Rechten, über allen Gesezen steht. Die angebliche besondere, überfeine Ehre des Offiziers wird als Fetisch aufgerichtet, dem der Bürger bei Todesstrafe tiefste Verehrung zu zollen hat. Die empfindliche Offiziersehre wird schon durch ein spöttisches Lachen gekränkt. Wenn in solchem Falle der Offizier sich damit begnügt, den„ Beleidiger" in den Pandurenfeller zu werfen, anstatt ihn sofort abzuschlachten, so übt er damit nach dem Kriegsminister v. Falkenhayn eine Milde. Das sollte die bürgerliche Canaille dankbar anerkennen, statt darüber zu murren! Ein junger Leutnant mag ins Bett machen, er mag noch so dumm herausfordernd und beleidigend daher schwätzen und sich mit Lächerlichkeit be= decken: er ist und bleibt als Träger des Königsrocks eine unantastbare Respektsperson. Seine Ehre muß mit bajonettbewaff= neten Patrouillen geschützt werden und nötigenfalls mit dem Belagerungszustand aus eigener Machtvollkommenheit der Militärgewalt, wenn auch wider das Gesetz. Das alles erdreistet sich ein Kriegsminister im schneidigsten Kommandoton der Volksvertretung ins Gesicht zu schleudern, und ein Reichskanzler übernimmt dafür die Verantwortung. Die elsäs= sischen Zivilbehörden haben vom Bürgermeister von Zavern an bis zum Staatssekretär und Statthalter der Reichslande hinauf mehr oder minder deutlich gegen die Gesetzesbrüche der Militärbehörden in Zabern protestiert. Der höchste Beamte des Reiches jedoch wagte solchen Protest nicht. Er kuschte. Herr v. Bethmann Hollweg ist für die neue Verfassung Elsaß- Lothringens eingetreten. Man darf ihm wohl die Einsicht für die Folgen der jüngsten Vorgänge zutrauen. Er muß es verstehen, daß das Auftreten des Militärs in Scherben geschlagen hat, was seither erreicht worden war, um die reichsländische Bevölkerung mit der Zugehörigkeit zu Deutschland auszusöhnen. Was Nationalliberale Nr. 7 Die Gleichheit und Zentrum erkennen können, das vermag schließlich auch Herr v. Bethmann Hollweg einzusehen. Und ein Blick in die bürgerliche Presse konnte ihn über diese Tatsachen belehren: Die Gefegesverlegungen von 8abern haben selbst im altdeutschen Bürgertum Erregung und Empörung hervorgerufen. Der antimilitaristischen Propaganda der Sozialdemokratie sind neue Rodungsgebiete erschlossen worden. Hätte das dem Kanzler nicht zu denken geben sollen? Wenn dieser trotzdem nicht zu sagen wagte, was selbst die Nationalliberalen von ihm erwarteten und forderten, so fann sogar ein Blinder den Grund dafür mit dem Stock fühlen. Der Kanzler ist in der Tat ohnmächtig gegen das revoltierende Militär. Die geschriebene Verfassung des Reiches weiß davon freilich nichts. Sie läßt alle Regierungsgewalt im Reich in der Hand des Kanzlers vereinigt sein, der deshalb auch allein dem Reichstag verantwortlich ist. Aber dieser Mann an der Spike der Reichsregierung hat nicht die Macht, den jüngsten Leutnant der deutschen Armee zur Ordnung zu rufen, zur Verantwortung zu zichen. Die Armee steht vollständig außerhalb seiner Machtbefugnis, als ein Körper, der ganz vom bürgerlichen Leben isoliert ist. Die Armeebehörden haben von der Zivilgewalt keinerlei Befehle entgegenzunehmen, sie unterstehen nur militärischer Befehlsgewalt. Ihre Spike ist nicht etwa dem Reichskanzler unterstellt, sondern lediglich dem Kaiser, dem obersten Kriegsherrn. Dieser hat seine Befehlsgewalt zu einem gewissen Teil an das Militärkabinett abgegeben, das weder dem Reichskanzler noch dem Reichstag verantwortlich ist, ebensowenig wie der Kaiser. Allerdings ist der preußische Kriegsminister Mitglied der Reichsregierung und hat die Pflicht, Militärangelegenheiten vor dem Reichstag zu vertreten. Seine Befugnisse gehen jedoch nicht über die Verwaltungsgeschäfte hinaus, die eigentliche Kommandogewalt, die Personalien, das heißt der Entscheid über die Ernennungen, die Handhabung der Disziplinargewalt, liegt beim Kaiser be= zichungsweise beim unverantwortlichen Militärkabinett. Wenn der Reichskanzler irgend eine Maßregel gegen einen revoltierenden Obersten oder General durchsetzen will, so kann er das nur auf dem Umweg über den Kaiser beziehungsweise das Militärkabinett tun. Wenn diese Stellen ein Einschreiten ablehnen, so ist er völlig ohnmächtiger kann nur seinen Rücktritt erklären. To bildet die Armee im Staate einen Staat für sich, und das im gefährlichsten Sinne des Wories. So wird im Offizierskorps ge= flissentlich das Gefühl ertötet, daß es unter den Gesetzen des Staates steht. In Reinkultur wird die Gesinnung von Landstrechten gezüchtet, die als einzige Verpflichtung den Gehorsam gegen die Befehle des obersten Kriegsherrn anerkennen. Solche Gesinnung läßt mißachtend auf die Gesetze der bürgerlichen Welt herabbliden, läßt auf Verfassung und Recht des Volkes pfeifen und macht allezeit bereit, auf Befehl des obersten Kriegsherrn auch gegen das Volk zu marschieren, das Kommando zu erteilen, auf Vater und Mutter zu schießen. Über den Bürger und selbst über die Zivilbehörden dünken sich diese Herren Offiziere hoch erhaben in dem Gefühl, daß ihnen keiner von dieser Gesellschaft" etwas zu melden hat. Nicht einmal der Reichskanzler kann ihnen wegen Gesezesbruch einen Staatsanwalt auf den Hals schicken. Die Offiziere unterstehen ja nicht der allgemeinen, sondern einer besonderen Gerichtsbarkeit, bei der wieder Klassengenossen, bei der Offiziere Recht sprechen. Die geheime Verhandlung, die wider das Gesetz für sie besteht, sucht jede mittelbare Einwirkung der bürgerlichen Offentlichkeit zu verhindern. Das rücksichtslose Auftreten des Kriegsministers und das völlige Versagen des Reichskanzlers haben das Verdienst, die Augen der Offentlichkeit wieder einmal auf diese Zustände gelenkt zu haben. Die schwere Gefahr ist grell beleuchtet worden, die unser militärisches System für die Volksrechte bedeutet. Unter Androhung höchster Strafen verpflichtet es die Söhne des Volkes zum sklavischen Gehorsam gegen ein Offizierskorps, das keine Autorität der Gesetze und der Verfassung anerkennt, sondern nur den Befehl des obersten Kriegsherrn. Der deutsche Bourgeois läßt sich sonst wahrlich nicht über diese Dinge graue Haare wachsen. Im Gegenteil. Er hat ja sein gut Teil Vorteil davon. Nichtsdestoweniger mußte sogar dieser Musterpatriot diesmal beklommen erkennen, daß das Deutsche Reich noch weit davon entfernt ist, ein Rechtsstaat zu sein, daß Verfassung und Gesetze beständig bedroht sind vom Säbel des Militärs, das einem einzigen, dem Monarchen und nicht der Verfassung verpflichtet ist. Mit zornigem Stirnrunzeln hat das der Bourgeois einen bangen Augenblic lang erwogen. Dann erinnerte er sich mit voller Klarheit daran, wie notwendig gerade er das Heer braucht. Er kann des Militarismus nicht entraten, um seine imperialistische Raubpolitik nach außen durchzusetzen und um das be107 gehrliche Proletariat im Innern niederzuhalten. Auch seiner politischen Weisheit lezter Schluß sind gezogene Kanonen gegen ungezogene Nationen. Der Bourgeois versteht, daß es auch in seinem Interesse, im Interesse der ausbeutenden Klassen liegt, wenn die Befehlsgewalt über das Heer allein in den Händen des Kaisers und einer dem Reichstag nicht verantwortlichen Behörde liegt. Wird doch die Sozialdemokratie immer mächtiger, und wie sehr sich auch das Parlament gegen ihren Einfluß sträubt, ganz vermag es sich ihm nicht zu entziehen. Hinter den sozialdemo= kratischen Abgeordneten stehen die mehr als vier Millionen ihrer Wähler, stehen die ungezählten, zahllosen Ausgebeuteten, die sich zum Sozialismus bekennen. Das ist der tiefste Grund für das widerspruchsvolle, flägliche Verhalten der bürgerlichen Parteien. Wohl fanden sie scharfe Worte gegen den Kanzler, wohl waren sie für ein Mißtrauensvotum gegen ihn zu haben. Hingegen weigern sie sich entschieden, aus dieser Mißtrauenstundgebung die Konse= quenzen zu ziehen. Imperialismus und Sozialismus hatten wie zwei Zangen das Bürgertum gepackt und hindern es an jeder Tat gegen den Militarismus wie gegen den Scheinkonstitutionalismus. Angesichts der frechen Anmaßung des Offiziers wallt zwar einmal das Blut des Bürgers etwas stürmischer. Er jammert über die „ Ausschreitungen" des Militarismus. Aber er muß sich immer wieder sagen, daß der Militarismus ohne diese Ausschreitungen nicht zu haben ist. Die besitzenden Klassen wissen, daß der Schutz ihres Geldschrankes gegen äußere wie innere Feinde nicht bloß Geld kostet das aus den Taschen der Nichtbesitzenden genommen wird, sondern daß um dieses edlen Zweckes willen auch einige Unbequemlichkeiten in den Kauf genommen werden müssen. Und deshalb lassen es die bürgerlichen Parteien im Kampfe gegen den Militarismus bei einigen unwirschen Worten bewenden. Nationalliberale, Zentrum und die„ unentwegte" Fortschrittspartei arbeiten auch weiterhin mit dem Reichskanzler zusammen, der den Parlamentarismus mit dem Worte vom sogenannten Mißtrauensvotum" höhnte. Nach dem alten Saz:" Pack schlägt sich, Pack verträgt sich." Als getreue Schutztruppe des Kanzlers werden die bürgerlichen Parteien die sozialdemokratischen Anträge zur Verfassungsänderung ablehnen. Diese wollen den unwürdigen Zustand beseitigen, daß ein Reichskanzler, dem fünf Sechstel der Volksvertretung das Mißtrauen ausgesprochen haben, ruhig im Amt bleibe, weil einer es will, der Kaiser. Inzwischen hat die militärische Gerechtigkeit" schon einige der Sünder von Zabern ereilt. Nicht den Leutnant, der die Elsäßer und Franzosen beleidigt hat. Auch nicht den Obersten, der friedliche Bürger wider Recht und Gesez in den Pandurenkeller sperren ließ. Wohl aber drei junge Elsässer Rekruten, die gegen den Gößen der militärischen Disziplin gefrevelt haben sollen. Sie hatten einem Redakteur bestätigt, daß der Leutnant v. Forstner in der Tat in der Instruktionsstunde aufgefordert hat, auf die französische Fahne zu sch...... Nach der militärischen Untersuchung sollte der Schimpf angeblich gegen die Fremdenlegion gefallen sein. Die drei Mann haben dem Redakteur die Wahrheit gesagt, das steht nun fest. Dafür werden sie mit schweren Arreststrafen belegt.„ Ungehorsam gegen einen Dienstbefehl" ist ihr Verbrechen, denn der Oberst hatte den Soldaten verboten, irgend etwas über die Affäre verlauten zu lassen. Die Berechtigung eines solchen Befehls ist durchaus zu bestreiten, aber was tut's? Die Soldaten haben sich gegen die heilige Disziplin vergangen, und das muß schleunigst gerochen werden. Nicht so eilt es mit der Aburteilung des Leutnants, der seinen Taten durch einen Säbelhieb wider einen lahmen Schuster die Krone auffeßte; mit dem Verfahren gegen den Obersten, der die Geseze mißachtete. Die Bürger mögen sich inzwischen damit trösten, daß das 99. Infanterieregiment aus Zabern nach dem übungsplatz verlegt worden ist. Außerdem können sie sich den Kopf darüber zerbrechen, ob die Zaberner darin eine Genugtuung zu erblicken haben oder eine Strafe, weil ihnen die soldatische Kundschaft entzogen ist. Im allgemeinen ist aber das Bürgertum heilfroh, daß man die Maßregel bei viel gutem Willen im Schweiße des Angesichts als ein Nachgeben der Militärgewalt ausdeuteln kann. Damit soll der böse„ Einzelfall" begraben sein. So stand die Sozialdemokratie letzten Endes als die einzige Partei allein, die den Militarismus grundsätzlich bekämpft, die mit Nachdruck die Rechte des Volkes gegen jede Art Gewalt und Unterdrückung berteidigt. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Male. Starf besuchte Versammlungen in allen Teilen des Reiches haben Zeugnis davon abgelegt, daß die arbeitenden Massen sich zum Kampfe für diese Entwicklung immer entschlossener um die Sozialdemokratie scharen. Der Staatssekretär des Innern hat im Reichstag auf die sozialdemokratische Interpellation erklärt, daß die Reichsregie= 108 Die Gleichheit rung die Arbeitslosenversicherung ablehnt. Der Beifall aller bürgerlichen Parteien lohnte ihm dafür. Die Besitzenden weigern sich entschieden, den Opfern der kapitalistischen Wirtschaftsordnung auch nur halbwegs ausreichende Hilfe zu gewähren. „ Laßt sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind!" Oder steckt sie ins Gefängnis! Damit immer mehr Proletarier dieser Art„ Staatsunterstüßung" teilhaftig werden, ließen die Konservativen durch den Mund ihres Etatsredners Graf West arp auf Erlaß eines 8uchthausgesezes gegen Streifende drängen. Der Reichskanzler gab dazu eine gewundene Erklärung. Widelt man das Bündel seiner Betrachtungen, Grwägungen, Meinungen auf, so bleibt als Kern eine tröstliche Versicherung für die Scharfmacher übrig. Gewiß, den Reaktionären werden nicht alle Wünsche nach Niederbüttelung der aufsässigen Arbeiterschaft reifen. Aber immerhin dürfen sie auf die Erfüllung mancher Forderungen rechnen. Die Anzeichen, daß ein Anschlag auf das Koalitions= recht bevorsteht, werden immer bedrohlicher. Vor dem Odium eines Ausnahmegesetzes scheut man zurück, aber man hat den festen Willen, das gemeine Recht als gemeinstes Recht zu handhaben. In Frankreich ist das Ministerium Barthou über eine Steuerfrage gestürzt. An seine Stelle trat das radikale Ministerium Doumergue, das damit begann, seinen Radikalismus sorgfältig zu verstecken. Sein Programm zeichnet sich aus durch die Abwesenheit jeder flaren radikalen Forderung. Vorerst hat das neue Kabinett eine große Mehrheit gefunden, doch zeigten viele Stimmenthaltungen, daß die Herrlichkeit nicht fest gegründet ist. Das bulgarische Volk ist durch die Leiden zweier furchtbaren Kriege gewißigt worden. Es hat der Regierung und den Kriegsparteien bei den Kammerwahlen eine empfindliche Niederlage bereitet und rund 50 Sozialisten in die Kammer geschickt. Die unzweideutige Kundgebung des Volkswillens kann eine neue Epoche der Balkangeschichte einleiten. Gewerkschaftliche Rundschau. H. B. Wer in den Zeitungen die Verhandlungsberichte vom christ= lich nationalen Arbeiterfongre y las und die tagenden Herrschaften sonst nicht näher kannte, der mußte sich über das mutige Auftreten dort freuen.„ Wenn man's so hört, so könnt' es leidlich scheinen." Es fehlte auf dem Kongreß nicht an einer entschiedenen Stellungnahme gegen eine Verschlechterung des Koalitionsrechts und gegen eine Verschärfung der Strafgesetze; sozialpolitische Klagen und Forderungen mancher Art wurden laut; man stimmte für staatliche Arbeitslosenfürsorge, für Wohnungsreform, für Lebensmittelverbilligung und städtische Lebensmittelversorgung und allerhand andere schöne Dinge mehr. Die Vertreter der katholischen Fachvereine fanden mit ihren offe= nen arbeiterfeindlichen Ausführungen starken Widerspruch. So meit wäre alles ganz gut und schön, wenn man die Überzeugung haben könnte, daß den großen Worten auch kraftvolle Taten folgen würden. Allein diese Überzeugung kann kaum jemand hegen, der die führenden Geister im christlich- nationalen Lager seit Jahren an der Arbeit beobachtet hat. Die Herren haben nur zu oft ihr Doppelgesicht gezeigt. Auf Kongressen und vor Proletariern, wo sie mit Worten auskommen können, das Gesicht der biederen, aufbegehrenden Arbeiterfreunde. Im Lager des Zentrums und wo es sich um Entscheidungen handelt, den Kopf der Reaktionäre, der Unternehmerlataien. Hier für Lebensmittelverbilligung, dort für Lebensmittelzölle; hier für Weiterführung der Sozialpolitik, dort für deren Einschränkung; hier für Sicherung des Koalitionsrechts, dort für Arbeitswilligenschutz! Schon die äußere Aufmachung des Kongresses stand in Widerspruch zu den tönenden Beschlüssen. Allerlei Vertreter der höch= sten Staatsbehörden waren im arbeiterfreundlichen Mäntelchen erschienen. Wilhelm II., der allerhöchste Schüßer der Lauffs und Ihnes, hatte huldvollst geruht, den Kongreßteilnehmern 50 Theaterbillette zu spenden. Die Kunst dem Volke wie die Religion! Der Dank für so viel Aufmerksamkeit fam in einem Ergebenheitstelegramm und dem unvermeidlichen Kaiserhoch zum Ausdruck. Wenn der Kaiser die Beschlüsse und Forderungen des Kongresses ernst nehmen würde, so müßte er auch die Teilnehmer daran in die Strafecke der Reichsfeindlichkeit verweisen, müßte er sie jener Rotte von Menschen zuzählen, die„ nicht wert sind, den Namen Deutsche zu tragen". Aber Wilhelm II. kennt seine Pappenheimer. Wie ungenau und irreführend er auch über das Erwachen der Arbeitermassen unterrichtet sein mag, das eine ist ihm bekannt: Arbeitervertreter, denen es ernst mit dem Dienst ihrer Sache ist, die dienern nicht vor Fürstenthronen, die haben festes Rückgrat und steifen Nacken. Die christlich- nationalen Arbeiterorganisationen Nr. 7 werden von der Regierung richtig eingeschätzt als das, was sie sind: ein Bleigewicht, das die vorwärtsschreitende Arbeiterbewegung hemmt. In der Tat: tragen diese Organisationen nicht Zwietracht und Kampf unter die Klassengenossen, die geeint sein sollten zum Ringen gegen das ausbeutende Unternehmertum und seinen politischen Büttel, den Staat. Schon die nächste Zeit wird zeigen, was bei den Führern dieser Orgarisationen Schein, was Wirklichkeit ist. Diese Herren laufen im Schlepptau der bürgerlichen Parteien und führen ihnen proletarische Wähler zu. Im Reichstag ist übergenug Gelegenheit, zu erproben, ob die bürgerlichen Parteien für die Kongreßbeschlüsse zuverlässig eintreten. Wer's glaubt, zahlt einen Taler. Auf dem wirtschaftlichen Kampfplak herrscht gegenwärtig fast töllige Ruhe. Gewiß ist der Monat Dezember fast nie eine Zeit größerer Kämpfe gewesen. Heuer aber ist es der Hinblick auf die furchtbar lastende Krise, der die Kampfeslust lähmt. Nur vereinzelt sind kleine Bewegungen zu verzeichnen. Der Staat hat bis jezt für die Opfer der Krise nur beschwichtigende Worte gehabt, die Kommunen haben bloß vereinzelt, widerwillig und völlig unzulänglich Hilfe für die Arbeitslosen geleistet. Die proletarische Selbsthilfe zieht unterdessen auch auf diesem Gebiet sozialer Aufgaben immer weitere Kreise. In brüderlicher Gesinnung sucht sie die schwärzeste Not der unfreiwillig Feiernden zu lindern. In vielen größeren Städten sind die Partei- und Gewerkschaftsgenossen am Werk, damit ein Freuden- und Hoffnungsschimmer zu Weihnachten das graue Elend der Arbeitslosen und ihrer Kinder erhelle. Sie vergessen nicht, daß Hunderttausende darben, während die Befizenden recht oft ohne Liebe, nur um der konventionellen Heuchelei zu genügen zu Weihnachten das Geld mit vollen Händen hinauswerfen. Überall werden Weihnachtsbescherungen für die Arbeitslosen und ihre Kinder vorbereitet. Mancher, der sein Scherflein zu den Sammlungen dafür beiträgt, weiß nicht, ob nicht auch er schon zu Weihnachten in der großen Reservearmee der Unbeschäftigten steht, die der Kapitalismus schafft, und die er braucht, um die Forderungen der arbeitenden Proletarier in Schranken zu halten. In Berlin konnten Mitte Dezember schon über rund 150 000 Mt. quittiert werden, der Ertrag von Sammlungen und von Zuwendungen der Gewerkschaften und der Partei. Eine respektable Summe das. Und doch will fie für das große Heer der Arbeitslosen und ihrer Familien nicht viel bedeuten. Die Scharfmacher haben mit bodenloser Frechheit darüber gehöhnt, daß die Leistungen der Gewerkschaften für die Arbeitslosen viel zu niedrig seien. Die Verbände, so faselten sie, sollten doch für die Arbeitslosenunterstüßung mit ihren großen Kassenbeständen, ihren aufgesammelten Millionen herausrücken, wenn ihnen die Not der Brüder ohne Verdienst wirklich so sehr am Herzen liegt. Wir glauben's den Scharfmachern gern, daß ihre Freude groß sein würde, wenn die Gewerkschaften den„ gut gemeinten" Rat befolgten. Es könnte den Herren in ihren Kram passen, daß die Verbände sich ihrer Kampfesfonds entäußerten, denn dann wären die Arbeiter zu allem Elend noch schutzlos der kapitalistischen Profitgier ausgeliefert. Ist doch die stark gerüstete Gewerkschaft die feste Schutzwehr der Ausgebeuteten wider die Gelüste ihrer Ausbeuter und Beiniger. Gerade in Zeiten der Krise ist es wichtig, daß die Gewerkschaften mit wohlgefüllten Kassen dastehen. Das Unternehmertum liegt auf der Lauer, um den schlechten Wirtschaftsgang zu Lohnkürzungen und anderen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen auszunüßen. Die Furcht vor kampfestüchtigen Organisationen muß solche Gelüste im Zaume halten. Nur die Angehörigen eines Berufs zeigen sich in der Zeit wirtschaftlichen Niederganges kampfeslustig. Das sind die Ärzte. Ihre organisatorische Vertretung, der Leipziger ärzteverband stellt nach wie vor hohe Forderungen an die Krankenkassen. Verträge, die für einzelne Orte oder ganze Bezirke zwischen Ärzten und Krankenkassen abgeschlossen waren, sind wieder aufgehoben worden, weil sie den Bedingungen des Leipziger Verbandes nicht entsprachen. Das hat ein" Terror" zuwege gebracht, der als schlimmster sozialer Greuel gebrandmarkt wird, wenn es sich um Arbeiter handelt. Mit dem Inkrafttreten der gesetzlichen Bestim= mungen über die Krankenversicherung am 1. Januar 1914 wird es wahrscheinlich zu großen Kämpfen zwischen Krankenkassen und Ärzten kommen. Die Krankenkassen werden vielfach vom Rechte des§370 der Reichsversicherungsordnung Gebrauch machen müssen. Danach können sie bei nichtärztlicher Versorgung der Kranten unter Zustimmung des Oberversicherungsamtes erhöhtes Krankengeld zahlen, von dem dann das erkrankte Mitglied die Kosten der ärztlichen Hilfe selbst bestreiten muß. Wenn die festangestellten ärzte nicht genügend zahlreich sind, um alle franken Kassenmitglieder zu behandeln, so werden sie sich in der Haupt Nr. 7 Die Gleichheit sache darauf beschränken müssen, Krankenscheine auszustellen. Eine interessante Episode aus diesem Kampfe: In Zittau i. S. lehnten die Ärzte eine Vereinbarung mit den Krankenkassen ab, obgleich die Bedingungen ihren Forderungen entgegenkamen. Nun sind österreichische Ärzte angestellt worden, die nicht weit von der Stadt ihren Wohnsitz haben. Möglich ist, daß die Reichsregierung in den Konflikt zwischen Kassen und Ärzten eingreift, um eine zentrale Regelung der Bedingungen für das ganze Reich herbeizuführen. Unter den Ruhrbergleuten gärt es wieder. Feierschichten, Lohnreduktionen und Arbeiterentlassungen rütteln die Grubensklaven aus der Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit empor, in die sie nach dem verlorenen Streit gesunken waren. Eine große Bersammlung in Essen stimmte dem Referenten sehr lebhaft zu, als er zu schleunigem, kraftvollem Aufraffen anfeuerte, damit die drohende Gefahr weiterer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen abgewehrt werde. In der Zeit der Hochkonjunktur haben sich die Löhne nicht entfernt so wie die Riesengewinne der Unternehmer gehoben. Sie sind niedrig genug geblieben und haben nicht Schritt mit der unerhörten Lebensmittelverteuerung gehalten. Und jetzt werden gar die Löhne herabgesetzt, obgleich sich die Unternehmerprofite auf der alten Höhe gehalten haben. Das wurde in der Versammlung einwandfrei festgestellt. Es hieß auch, die Christlichen, die immer mit dem Streik drohen, sollten nur handeln. Der Bergarbeiterverband werde sich nicht nach dem frommen Muster des Streifbruchs schuldig machen. Im Schnorren bei den Unternehmern wollen die Christlichen anscheinend den Gelben erfolgreiche Konkurrenz machen. In Karlsruhe i. B. hat sich ein christlicher Arbeitersekretär mit einem recht unterwürfigen Rundschreiben an die Unternehmer ge= wardt und sie um materielle Unterstügung angebettelt. Natürlich zu einem fapitalistengefälligen Zwede. Nämlich um bei den Krankenkassenwahlen im Sinne der nationalen und staatstreuen Gewerkschaften wirken und die ttt sozialdemokratische" Arbeiterschaft mit Erfolg bekriegen zu können. Ein Vertrauensmann der Christlichen besuchte die Unternehmer, um die milden Gaben einzusammeln. Nach solchen Heldentaten feiern die christlichen und nationalen Organisationen ihre Siege" bei den Krankenkassenwahlen! Schöne Siege das, zu denen sie von Soldknechten der Unternehmer geführt worden sind. übrigens wird die Logik der Dinge dafür sorgen, daß die organisierte klassenbewußte Arbeiterschaft fünftig den Krankenkassenwahlen erhöhte Aufmerksamkeit schenkt. Auch sie werden zu einer Schule der Aufklärung werden. Und dann werden die Führer bald abgewirtschaftet haben, die mit dem Hut in der Hand demütig vor den Ausbeutern winseln, um die zielbewußte Vertretung der proletarischen Interessen aus dem Felde zu schlagen. # Arbeitslosenzählung im Deutschen Textilarbeiterverband. Die Novemberzählung ergab 2223 Arbeitslose, darunter 810 weibliche; im Vormonat waren 2281 und im November des Vorjahres nur 728 Arbeitslose gezählt worden. Am Zählungstag wurden Arbeitslose als auf der Reise befindlich gemeldet: 136, darunter 13 weibliche; im Vormonat waren es 150 und im November des Vorjahres 91. Die Novemberzählung ergab 84 732 männliche und 54 477 weibliche Organisierte, zusammen also 139 209 Mitglieder. Die Novemberzählung umfaßte 98 Prozent der Mitglieder. sk. Von der englischen Textilarbeiterschaft. Nach der Sozialen Bragis" wurden in England 407 360 männliche, 679 863 weibliche Textilarbeiter gezählt. In neuerer Zeit übersteigt in einigen Organisationen die Zahl der weiblichen Mitglieder die der männ lichen. So bei dem Gewerkverein der Weber und Spuler des Bezirks Blackburn, der 1854 gegründet wurde und im Jahre 1910 4510 Männer und 10 523 Frauen umfaßte. Im allgemeinen jedoch ist die Organisierung der Arbeiterinnen hinter der der Arbeiter zurückgeblieben. 1910 waren 196 163 Arbeiter und nur 183 019 Arbeiterinnen der Textilindustrie organisiert. Über die Gleichgültigkeit der Frauen im Gewerkschaftsleben wird sogar in den Organisationen geklagt, wo sie selbst die Mehrheit haben. Auch da überlassen sie den Männern alle Verwaltungsarbeit. Was den Lohn anbetrifft, so scheinen die Textilarbeiterinnen keine glänzenden Erfolge erzielt zu haben, obgleich die Art ihrer Arbeit überwiegend die gleiche wie die der Männer ist. Nach Angaben des Board of Trade( Arbeitsamt) ist 1909 der durchschnittliche Wochenlohn der Männer in allen Zweigen der Textilindustrie auf 28 Schilling 1 Penuh berechnet worden, der der Frauen dagegen auf nur 15 Schilling 5 Pence. Nach Berechnungen von anderer Seite ist ein Mindesteinkommen von 21 Schilling für den Mann und von 12 Schilling für die Frau zu einem ordentlichen Auskommen der 109 Familie erforderlich, vorausgesetzt, daß höchstens zwei Kinder zu erhalten sind. In der Textilindustrie haben jedoch 99 800 Männer und 177 700 Frauen ein geringeres Einkommen als 21 Schilling oder 12 Schilling. Nach einer Aufstellung über Wochenlöhne der Frauen, die sich auf die Jahre 1826 bis 1906 erstreckt, erhielten die Spulerinnen im Jahre 1826 9 Schilling 6 Pence Wochenlohn, 1906 15 Schilling 3 Bence. Die Männer haben in der Textilindustrie ständig und mit Erfolg auf verkürzte Arbeitszeit für die Frauenarbeit hingedrängt. Das hatte auch eine Herabsetzung ihrer Arbeitszeit zur Folge. Seit 1905 ist die Arbeitszeit auf 55 Stunden wöchentlich festgesetzt, und gegenwärtig gilt der Kampf dem freien Sonnabend. Die weitere gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit war Gegenstand einer Zusammenkunft englischer Parlamentarier Arbeiter und Arbeitgeber der Textilindustrie-, die in den letzten Monaten stattgefunden hat. Sie beschäftigte sich mit der im Auftrag der Arbeiterschaft eingebrachten Gesezesvorlage: die Arbeitszeit in Baumwollfabriken auf 48 Stunden wöchentlich herabzusetzen. Die verlangte Herabsetzung der Arbeitszeit beträgt 72 Stunden pro Woche. Die Arbeitervertreter schlagen vor, daß die Verkürzung in drei Etappen geschehen soll. Die Forderung herabgesetzter Arbeitszeit wird damit begründet, daß die Arbeit in den Baumwollfabriken viel anstrengender geworden ist als vor etwa zehn Jahren, wo die lekte Herabsehung stattgefunden hat. Die Maschinen sind seit der Zeit stark verbessert worden und laufen viel schneller. Die Arbeiter sind gezwungen, mit dem Gang der Maschinen Schritt zu halten. Dadurch spannt die Arbeit ihre Kräfte viel stärker an als früher. Von allen Vervollkommnungen der Maschinen haben die Lohnfklaven der Textilindustrie nichts geerntet als angestrengteres Schaffen. Die Arbeitgeber nehmen zu der erhobenen Forderung eine schroff ablehnende Haltung ein. So erklärte Herr E. Travis, der Vizepräsident des Fabrikantenvereins für die Baumwollspinnerei von Oldham:„ Wenn irgend möglich, so möchten wir uns gewiß gern verständigen,... aber ich glaube, auf eine Verständigung in dieser Frage ist nicht zu hoffen. Wir werden diese Vorlage zur Verkürzung der Arbeitszeit in der Baumwollindustrie mit allen unseren Kräften und mit Aufwendung des letzten Pfennigs bekämpfen. Das möchte ich ganz deutlich sagen." Unsere Leserinnen ersehen, daß auch jenseits des Kanals die Textilarbeiterschaft die Verkürzung der Arbeitszeit energisch verlangt. Während die deutschen Textilarbeiter auf den freien Sonnabendnachmittag drängen, fordern ihre englischen Berufsgenossen bereits das„ freie Wochenende", die Freigabe des ganzen Sonnabends. Das muß uns alle anspornen, die Bestrebungen zur Erringung des freien Sonnabendnachmittags mit aller Kraft zu unterstützen. sk. Notizenteil. Dienstbotenfrage. Rechtliches über die Weihnachtsgeschenke der Dienstherrschaften an die Dienstboten. Die Geschenke, namentlich die Weihnachtsgeschenke, spielen für die Dienstboten noch eine große Rolle. Die Dienstherrschaften suchen möglichst daran festzuhalten, die den Hausangestellten zukommende Vergütung für ihre Arbeit nicht in die Form eines bestimmten Lohnes zu bringen, sondern zum Teil in beliebigen Geschenken zu entrichten. Dadurch sollen die Dienenden immer willfährig gehalten und angespornt werden, sich fortgesetzt um die Gunst der Herrschaft zu bemühen. Daher sollten die Dienstboten unter Verzicht auf etwaige Schenkungen lieber einen auskömmlichen Lohn fordern. Indes wird die bestehende Einrichtung nicht so leicht abzuschaffen, sein. Es ist deshalb an= gebracht, die gesetzlichen Bestimmungen zu betrachten, die über die Schenkungen vorhanden sind. Wenn bestimmte oder regelmäßige Geschenke bei Abschluß des Dienstvertrags schriftlich oder mündlich vereinbart worden sind, so bilden sie einen Teil des vertragsmäßigen Lohnes und müssen in allen Fällen von der Herrschaft gewährt werden. Bei einer Berweigerung können die Dienstboten sie einklagen. Derartig festgelegte Geschenke können auch nach Gewährung niemals wieder zurückverlangt oder auf den Lohn aufgerechnet werden. Trotz der vertraglichen Vereinbarung der Geschenke sind aber Schädigungen der Dienstboten nicht ausgeschlossen. Denn über den Umfang und den Wert der Geschenke können die Ansichten weit auseinandergehen. Es empfiehlt sich daher, daß die Hausangestellten ihre Vereinbarungen mit der Herrschaft möglichst klar und zweifelsfrei treffen. Sind Geschenke nicht ausdrücklich vereinbart, so ist es zweifelhaft, ob sie verlangt werden können. Die Dienstboten stehen hier wie in so vielen anderen Fällen- unter einem Ausnahmerecht. Für gewerbliche Arbeiter und Angestellte ist in besonderen 110 " Die Gleichheit Fällen schon wiederholt gerichtlich festgestellt worden, daß berufs-, betriebs-, orts- oder seither übliche Geschenke gewährt werden müssen, auch wenn sie nicht bestimmt im einzelnen Falle vereinbart find. Man hat bei Zweifeln stillschweigende Vereinbarung angenommen. Für Dienstboten besagen die meisten Gesindeordnungen aber das Gegenteil. So sagt§ 34 der altpreußischen Gesindeordnung, daß Weihnachts-, Neujahrs- und andere dergleichen Ge= schenke das Gesinde auch auf den Grund eines Versprechens niemals gerichtlich einklagen" kann. Einige andere Gesindeordnungen enthalten ähnliche Bestimmungen. Diese Vorschriften fassen nur solche Geschenke ins Auge, die gelegentlich versprochen sind. Ausgeschlossen davon sind Geschenke, die als Teil des Lohnes bei Abschluß des Dienstvertrags oder auch später vereinbart worden find. Im§ 36 der preußischen Gesindeordnung steht geschrieben: " In allen Fällen, wo Weihnachts- oder Neujahrsgeschenke während eines Dienstjahres schon wirklich gegeben worden, kann die Herrschaft dieselben auf den Lohn anrechnen, wenn der Dienstvertrag im Laufe des Jahres durch Schuld des Gesindes wieder aufgehoben wird." Die Bestimmung bezieht sich nur auf die angeführten Geschenke, nicht Geburtstagsgeschenke, Trinkgelder usw. Wiederum sollen auch nicht die als Lohn bestimmt vereinbarten Geschenke ge= troffen werden. Die Bestimmung spricht auch nicht vom Zurückverlangen oder vom Zurückgeben des Geschenkes, sondern nur vom Anrechnen auf den Lohn. Ist der Lohn schon gezahlt, so ist auch eine Anrechnung nicht mehr möglich. Solchenfalls wird der§ 36 der altpreußischen Gesindeordnung hinfällig, ebenso die gleiche Bestimmung einer Anzahl anderer Gesindeordnungen. Das Dienstjahr rechnet vom Datum des Dienstantritts an, es fällt nicht mit dem Kalenderjahr zusammen. Wer daher am 1. April 1913 in Dienst trat und vor dem 31. März 1914 den Dienst nicht verläßt, braucht sich die Aufrechnung der Geschenke nicht gefallen zu lassen. Ferner ist nur Anrechnung der Weihnachts- oder Neujahrsgeschenke des betreffenden jedesmaligen Dienstjahrs gestattet, nicht auch die früherer Dienstjahre. Es wird allerdings von einer Entscheidung des Amtsgerichts zu Charlottenburg vom 13. Mai 1912 berichtet, nach der§ 36 der alt= preußischen Gesindeordnung keine Gültigkeit mehr habe. Es wäre gewiß erfreulich, wenn die Gerichte sich dieser Auffassung an= schließen würden. Wer aber die Praris der hier nur zuständigen Amtsgerichte kennt, wird keine starken Hoffnungen darüber hegen fönnen. Von der aufgeführten Ausnahme der möglichen Anrechnung der Weihnachts- und Neujahrsgeschenke auf den Lohn ist ein Widerruf unstatthaft, also ein Zurückverlangen der Geschenke nicht angängig. Es gilt der Grundsatz:" Geschenkt ist geschenkt." Der§ 530 des Bürgerlichen Gesetzbuchs spricht allerdings davon, daß eine Schenfung widerrufen werden kann, wenn hinterher der Beschenkte gegen den Schenker sich eines groben Undanks schuldig macht. Soweit das Verhältnis zwischen Dienstherrschaft und Dienstbote in Frage kommt, gilt die Bestimmung nur für ungewöhnliche Geschenke( Vermögen usw.), die doch höchstens ausnahmsweise vorkommen. Für die üblichen und gewöhnlichen Geschenke( Geburtstags-, Weihnachtsgeschenke usw.) kommt§ 534 in Frage, der bestimmt:„ Schenfungen, durch die einer sittlichen Pflicht oder einer auf den Anstand zu nehmenden Rücksicht entsprochen wird, unterliegen nicht der Rückforderung und dem Widerruf." Da die zuletzt angeführten Geschenke unter diese Art von Schenkungen fallen, können sie auch niemals zurückverlangt werden. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens. F. Kl. Die Frau im Handwerk. An der Gewerbeschule in Freiburg i. B. fand im Sommer ein praktischer Vorbereitungskurs zur Ge= sellenprüfung für weibliche Personen statt. Er hatte 14 Teilnehmerinnen. Die„ Mittelständler" müssen sich mit der Tatsache abfinden, daß die Frau als Berufstätige auch im ehrsamen Handwerk vordringt. Und sie beginnen das mit anderen Augen zu betrachten als früher. Damals erblickten sie das Heil in dem gesetzlichen Verbot der Frauenarbeit. Jezt dagegen sehen sie in dieser ein Mittel, sich möglichst billige Arbeitskräfte zu fichern. Daher ihr Ruf nach fachtechnischer Ausbildung weiblicher Handwerker und die Eröffnung von Anstalten dafür. Solche Ausbildung ist gewiß zu begrüßen. Jedoch sie wird nicht die Hoffnungen erfüllen, die bürgerliche Damen und Mittelstandsretter an sie knüpfen. Sie wird weder der kapitalistischen Ausbeutung und Erniedrigung der Frauenarbeit wehren noch dem Handwerk den goldenen Boden zurückgeben, den die Mammutbetriebe ihm entziehen. mg. Nr. 7 Meisterinnen im Ordensschleier. Die Handwerkskammer Freiburg i. B. veröffentlicht das Ergebnis der Herbstprüfungen, die gemäß§ 133 der Gewerbeordnung in ihrem Bezirk wegen Zuerkennung des Meistertitels im Handwerk stattgefunden haben. Die Prüfung wurde von 143 männlichen und 127 weiblichen Personen bestanden. Unter den letzteren befanden sich 26 Ordensschwestern aus Freiburg. 14 davon erwarben den Meistertitel als Kleidermacherinnen, 11 als Weißnäherinnen und 1 als Stickerin. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. mg. Streiflichter auf die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in den Herzogtümern Koburg und Gotha läßt der Bericht der Gewerbeinspektion für das Jahr 1912 fallen. Unter den 1411 revisionspflichtigen Betrieben in den beiden Ländchen befinden sich 381, in denen Arbeiterinnen über 16 Jahre beschäftigt werden, und 707, wo Jugendliche tätig sind. 595 Betriebe wurden revidiert. In Anlagen mit mindestens 10 Arbeitskräften wurden 30607 Personen verwendet. Die Zahl der erwachsenen Arbeiterinnen war von 5041 im Jahre 1911 auf 5162 gestiegen, die der jungen Leute von 2845 auf 3092 und die der Kinder unter 14 Jahren von 13 auf 14. Frauen wurden beschäftigt in der Steinindustrie, in Ziegeleien und Glashütten, bei der Metallverarbeitung, in der Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate, in der chemischen Industrie, in forstwirtschaftlichen Nebenberufen, in der Textilindustrie, bei der Herstellung von Faserstoffen, der Verarbeitung von Tierhaaren und Abfällen, in der Papier, Leder- und Holzindustrie wie in den Bürstenmachereien, bei der Herstellung von Gemüse- und Obstkonserven, in der Zigarrenund Bekleidungsindustrie, im Reinigungsgewerbe, in den polygraphischen Gewerben und Buchdruckereien. In den revidierten Betrieben frondeten zusammen 5635 weibliche Personen, 4717 erwachsene Arbeiterinnen, 915 Jugendliche und 3 Mädchen unter 14 Jahren. 40 erwachsene und 18 jugendliche Arbeiterinnen erlitten Unfälle, im Vorjahr waren nur 24 und 11 Proletarierinnen von solchen betroffen worden. Wir lesen in dem Bericht:„ Die Unterkunftsräume der Wanderarbeiter in den Ziegeleien gaben verschiedentlich zu Anordnungen Anlaß; in zwei Fällen war das Wohnen von zwei Familien in einem Raume zu untersagen, und im anderen Falle bedurften die Räume einer gründlichen Reinigung. In einer Porzellanfabrik sind vier Räume mit je zehn Betten für männliche Arbeiter und drei Räume mit je zehn Betten für Arbeiterinnen hergerichtet." Diese amtlichen Feststellungen lassen erkennen, wie weit die Ausbeutungspraktiken mancher Unternehmer gehen. In zahlreichen Fällen fand die Gewerbeaufsichtsbeamtin Verstöße gegen die gesetzlichen Vorschriften und Verordnungen zur Regelung der Arbeitszeit wie auch zur Wahrung des Anstandes und der guten Sitte. überschreitungen der gesetzlich vorgeschriebenen zehnstündigen Arbeitszeit für Arbeiterinnen wurden festgestellt: in einer Ziegelei, einer Metallwarenfabrik und einer Korbmöbelfabrik, in drei Betrieben der Kleider- und Wäschefabrikation und in einer Druckerei. In sieben Fällen war die gesezwidrige Beschäftigung von Arbeiterinnen an den Vorabenden der Sonn- und Festtage zu beanstanden. Die Zahl der bewilligten Überstunden war um 11 077 geringer als im Jahre 1911, immerhin mußten von 1152 Arbeiterinnen in 40 Betrieben 37 100 Überstunden geleistet werden. Sonntagsarbeit wurde 5 Betrieben gestattet. Was die Arbeitszeit anbelangt, so verdienen noch diese Ausführungen des Berichts Beachtung: " In einigen Betrieben, in denen die achtstündige Arbeitszeit am Sonnabend erst um 5 Uhr endete, wurde von den Arbeiterinnen, um mehr freie Zeit am Sonnabendnachmit= tag zu haben, der Wunsch nach Einführung einer durchgehenden Arbeitszeit vorgebracht. In der Mehrzahl der in Frage kommenden Betriebe hat sich die gewünschte Änderung durchführen lassen. In den beiden größeren Dampfwaschanstalten, wo anfangs die Besorgnis bestand, daß unter der neu eingeführten achtstündigen Arbeitszeit am Sonnabend das Geschäft recht ungünstig beeinflußt würde, hat man sich an den früheren Arbeitsschluß ge= wöhnt, trotzdem gerade in diesen Betrieben am Sonnabend sich viel Arbeit durch Fertigstellen und Abholen der Wäsche zusammendrängt. Den früheren Sonnabendschluß wissen die Arbeiterinnen, hauptsächlich die Frauen, immer mehr zu schätzen, da sie so in der Lage sind, die nötigen Arbeiten im eigenen Haushalt noch am Sonnabend zu besorgen und am Sonntag sich einige Stunden zu erholen. Trotz der verkürzten Arbeitszeit wird in vielen Betrieben der Lohn voll ausgezahlt." Wie diese Außerung zeigt, läßt sich die Forderung der kürzeren Arbeitszeit am Sonnabendnachmittag sehr wohl durchführen, und Nr. 7 Die Gleichheit die Unternehmer haben sicherlich keinen Schaden davon. Den Arbeiterinnen kommt der freie Sonnabendnachmittag ganz besonders zugute; sie sollten daher auf diese Regelung der Arbeitszeit drängen. Freilich können sie für ihre Forderung nur auf Erfolg rechnen, wenn sie gewerkschaftlich stark organisiert sind. Das ist aber bei den meisten Arbeiterinnenarten leider nicht der Fall. So muß die Mehrzahl der erwerbstätigen Proletarierinnen auch am Sonnabend bis 5 Uhr nachmittags in Fabriken und Werkstätten schuften, ja viele noch länger, wie die Zuwiderhandlungen" zeigen. Daß die Lage mancher Arbeiterinnen im Berichtsjahr auch sonst nicht rosig war, dafür spricht eine Feststellung. Verschiedentlich sind trotz der höheren Kosten des Lebensunterhalts Lohnkürzungen vorgekommen. Die Herren Unternehmer kümmert es natürlich nichts, wie die Arbeiterinnen nun zurechtkommen. Mögen sie den Schmachtriemen fester ziehen! Rücksicht auf das Wohl der proletarischen Kinder fennen die Unternehmer ebensowenig. Daher mißachten sie auch das Kinderschutzgesetz. Es hatten deswegen Verurteilungen zu erfolgen. Der Bericht betont, daß die Zahl der Zuwiderhandlungen gegen das Kinderschutzgesetz nicht abgenommen hat. Die„ Urteile vieler Klassenlehrer über den Einfluß der gewerblichen Arbeit auf die Kinder lassen eine Einschränkung wünschenswert erscheinen". Das ist gewiß sehr milde gesprochen angesichts der start verbreiteten gewerblichen Ausbeutung proletarischer Kleinen in Thüringen. Nach den Schullisten wurden in dem kleinen Aufsichtsbezirk nicht weniger als 1779 Kinder ge= werblich beschäftigt. Man beachte dabei, daß fast nur Kinder erfaßt wurden, die für fremde Leute arbeiteten, nicht aber die Kleinen, die im Elternhaus oder bei Angehörigen einem färglichen Verdienst nachgehen, der nur zu oft die Gesundheit des Leibes und der Seele zerstört. In einigen Betrieben mußte die Kinderarbeit verboten werden; mehrfach waren auch Arbeitskarten zu beanstanden. Die Gewerbeaufsicht ermittelte in 47 Betrieben 96 Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften für die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter. Dabei bemerkt sie, die Feststellung bei kleinen Betrieben sei immer recht schwierig. Wie viele Gesezesübertretungen mögen wohl nicht erfaßt worden sein! Es gibt noch recht viel Arbeit für die Gewerbeinspektion. Vor allen Dingen müssen aber die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst darauf bedacht sein, allezeit für die Durchführung und Erweiterung des Arbeiterschutzes zu sorgen. B. K. leber Lohnsteigerung und Arbeitszeitverkürzung in der amerikanischen Textilindustrie hat nach dem„ Journal of the United Textile Workers of America" das Bureau of Labor Statistics in Washington folgende Angaben gemacht: Von 1890 bis 1912 stiegen die Löhne in der Baumwollindustrie um 61,5 Prozent, in der Wollindustrie um 49,7 Prozent, in der Seidenindustrie um 18,8 Prozent. Von dieser Erhöhung des Verdienstes entfielen auf die Periode von 1910 bis 1912 in der Baumwollindustrie 11,1 Prozent, in der Wollindustrie 12,5 Prozent, in der Seidenindustrie 4,1 Prozent. Am wenigsten sind die Löhne im allgemeinen, wie auch in den Jahren 1910/12 im besonderen in der Seidenindustrie gestiegen. Das größte Steigen der Löhne weist für die ganze Periode 1890/1912 die Baumwollindustrie auf, während von 1910/12 die Löhne in der Wollindustrie die stärkste Erhöhung erfahren haben. Die Verkürzung der Arbeitszeit betrug im Zeitraum 1890/1912 in der Baumwollindustrie 8,1 Prozent, in der Wollindustrie 6,3 Prozent, in der Seidenindustrie 5,8 Prozent. Was zeigen diese Feststellungen? Daß auch in Amerita die geringste Lohnsteigerung mit der geringsten Verkürzung der Arbeitszeit Hand in Hand geht. Textilarbeiter und-arbeiterinnen, beherzigt diese Lehre. Verfürzung der Arbeitszeit bringt euch höhere Löhne. Verlängerung der Fron schafft euch nicht besseren Lohn. Frauenstimmrecht. SS. Ortskrankenkaffenwahlen und Frauenstimmrechtsvereine in München. In München fanden fürzlich die Wahlen zu dem Ausschuß der Ortskrankenkasse statt. In der Hauptstadt des kleritalen Königreichs Bayern, wo trotz moderner Kultur ein Ministerium Hertling möglich ist. Man kann sich denken, wie da der Wahlkampf geführt wurde. Alle bürgerlichen Parteien, Parteichen, Gruppen, Organisationen, die einander sonst wütend bekämpfen, sanken einander brüderlich geeint in die Arme, um zusammen den einen großen Feind niederzuzwingen: die Kandidaten der freien Gewerkschaften. Da gab es liberale Blätter, gegen die die oberste tatholische Kirchenbehörde soeben öffentliche Erklärungen losließ, weil die Sünder in einem geschichtlichen Auffaß die katholische Moral dafür verantwortlich gemacht hatten, daß ganze Staaten dem Untergang entgegengeführt worden seien. Die nämlichen liberalen Blätter unterstützten aber in 111 der gleichen Zeit die klerikalen Gewerkschaften und ihre reaktionären Verbündeten. Es ist immer noch das alte Gespenst des Kommunismus, gegen das die modernen Metterniche kämpfen! In jeder Lebensäußerung der Ausgebeuteten fürchten und hassen sie die Befreiungssehnsucht der Klasse. Nur so erklärt sich der leidenschaftliche Kampf gegen die Kandidatenliste, die die freien Gewerkschaften für die Ortskrankenkassenwahl aufgestellt hatten. Denn das muß hervorgehoben werden: die Münchener Ortskrankenkasse hatte bisher eine musterhafte Verwaltung, und das dank der Vertretung der freien Gewerkschaften. Nichtsdestoweniger kämpfte mit den Zentrumschriften gegen die verhaßte„ rote Internationale" jeder, der bürgerlich empfand und dachte. Am meisten wurden die weiblichen Wähler umworben, insbesondere die neuen Gruppen von Wählerinnen, darunter die Dienstboten. Man rechnete auf ihre Unerfahrenheit in sozialen Dingen und ihre Abhängigteit. Von den schwarzen Demagogen und ihren Bundesbrüdern und Bundesschwestern ist das Menschenmögliche geleistet worden, um weibliche Stimmen zu er= gattern. Besonderes Interesse muß dabei das Verhalten des Vera eins für Frauenstimmrecht beanspruchen. An seiner Spizze steht Lydia Gustava Heymann. Man sollte meinen, daß es seine Sache gewesen wäre, gelegentlich der Krankenkassenwahlen aufzuzeigen, wer die Schuld daran trägt, daß die Frauen bei der Verwaltung der Krankenversicherung das Wahlrecht nur zu den unteren Instanzen befizen, nicht aber auch zu den oberen Ver= waltungsbehörden. Man sollte meinen, daß die Damen des Vereins mit Nachdruck für das volle Verwaltungsrecht aller Versicherten gekämpft hätten. Das taten sie aber nicht. Vielmehr machten sie dem Gewerkschaftsverein den naiven Vorschlag, ab= wechselnd je einen Mann und je eine Frau auf seine Kandidatenliste zu sehen. Der Vorschlag wurde abgelehnt, weil bei den Gewerkschaften die Aufstellung der Kandidaten Sache der orga= nisierten Männer und Frauen selbst ist, und diese kennen bei der Wahl ihrer Vertreter schon längst keinen Unterschied mehr zwischen den Geschlechtern. Der Verein veranstal= tete nun eine Versammlung, in der ein Arzt referierte, der als ernster Sozialpolitiker bekannt ist, Dr. Epstein, dazu Fräulein Anita Augspurg. Nachdem Dr. Epstein einen vorzüglichen Vortrag über die Aufgaben der Krankenkasse gehalten hatte, sprach Fräulein Augspurg zu den Wahlen. Mit keinem Wort ging sie auf das schwere Unrecht ein, das bei der Schaffung der Versicherungsgesetzgebung den Frauen angetan worden ist, mit keinem Wort zog sie die Konsequenzen daraus. Sie befaßte sich auch nicht damit, wie das von Dr. Epstein bertretene Programm für die Krankenversicherung verwirklicht werden könne. Fräulein Augspurg hielt die Kraft ihres Geistes und ihrer Zunge haushälterisch zusammen, um die Liste der Gewerkschaftsgegner zu empfehlen, die Liste des sogenannten sozialen Ausschusses, in dem Klerikale, Liberale, Deutschnationale und Antisemiten einträchtig vertreten waren. Und sie ging noch weiter. Sie schlug sogar vor, am Wahltag sollten die Damen ihre Dienstboten zum Wahllokal begleiten. Fräulein Augspurg begründete ihre Stellungnahme damit, daß auf der reaktionären Liste ein oder zwei Frauen mehr Aussicht hätten, in den Ausschuß gewählt zu werden, als auf der Liste der freien Gewerkschaften. Die frauenrechtlerische Empfehlung wurde in der Diskussion von dem Syndikus eines Industriellenverbandes und einem christlichen Arbeitersekretär mit schmunzelndem Behagen in Empfang genommen. Der Arbeitersekretär Genosse Thomas stellte den Ausführungen des Fräulein Augspurg entgegen, was die Vorsitzende, Fräulein Heymann, bei der Eröffnung der Versammlung erklärt hatte:„ Gebt den Frauen das Wahlrecht, sie werden schon Gebrauch davon zu machen verstehen." Unter lebhaftem Beifall zeigte er den Widerspruch zwischen den Äuße rungen der beiden Damen. Wem die Stellungnahme der Frauenrechtlerinnen zugute komme, das wies Genosse Maurer an den Worten des Industrievertreters und des christlichen Arbeitersekretärs scharf nach. Herr Dr. Epstein wendete sich in seinem Schlußwort gegen die frauenrechtlerische Losung, weil dadurch die Wahl sozialpolitischer Rückschrittler herbeigeführt werde. Alles war vergeblich. Fräulein Augspurg beharrte auf ihrem Standpunkt. Sie hat damit wieder einmal mehr bekräftigt, daß sie kein Verständnis für die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen besißt und daß in der Praxis die beschränkte bürgerliche Nichts- als- Frauenrechtlerei nur den befizenden Schichten, den Reaktionären zugute kommen. Die Wahl war an einem Sonntag. Katholische Pfarrer tamen nach dem Gottesdienst mit ganzen Kolonnen Dienstboten zu den Wahllokalen, Dienstherrschaften führten ihre Mädchen zur Urne, 112 Die Gleichheit und die Damen des Frauenstimmrechtsvereins beteiligten sich an dieser eigenen Art der Ausübung des Frauenwahlrechts. Fräulein Augspurg und Fräulein Heymann haben den zweifelhaften Ruhm, an solchem Gebrauch" des Frauenwahlrechts mitgewirkt zu haben, weil der politische Kampf der Männer so unästhetisch" sei.. Solche Treibereien sind nur eine Karikatur des wirklichen Befreiungskampfes der Frau. Das ist die Wahrheit, mag sie den Frauenrechtlerinnen noch so bitter dünken. Die volle Befreiung des gesamten weiblichen Geschlechts wird erstritten im Klassenkampf des Proletariats. In ihm stehen Mann und Frau Seite an Seite, fest verbunden als Genossen einer Klasse, der die kapitalistische Ordnung ihr Menschentum streitig macht und die es nur ganz durch den Sozialismus gewinnen kann. Die Bemühungen des reaktionären Mischmasches haben den Erfolg gezeitigt, daß die freien Gewerkschaften die Mehrheit im Vorstand der Ortskrankenkasse nicht mehr besitzen, wenn sie auch nach wie vor die meisten Versichertenvertreter stellen. Dieser„ Erfolg" wird den irregeleiteten Wählern und Wählerinnen wohl bittere Enttäuschungen bereiten. -as. Die älteste Wählerin der Welt dürfte Mrs. Sarah Todd sein, eine Schwägerin von Abraham Lincoln, dem berühmten Präsidenten der Vereinigten Staaten und ganzen Manne, der bekanntlich wegen seines Kampfes gegen die Sklaverei durch Mörderhand fiel. Frau Todd zählt 103 Jahre und lebt in Eugene, einer Stadt Oregons. Kürzlich durfte sie zum erstenmal wählen gehen. Als sie gefragt wurde, ob sie ihr Wahlrecht ausüben wolle, antwortete sie heiter:„ Warum sollte ich nicht wählen? Ich bin doch wirklich alt genug dazu." Die Frau in öffentlichen Aemtern. Frauen als Beisitzerinnen der Handwerkskammer Mannheim sollen fünftig amtieren können. Eine Vollversammlung der genannten Körperschaft hatte sich mit einer Statutenänderung zu befassen, die den Frauen den Eintritt in die Leitung der Handelsfammer ermöglichen soll. Die neue Fassung des Statuts lautet: „ Die Beisißer müssen den Gewerben, für welche der Prüfungsausschuß errichtet ist, angehören und zur einen Hälfte Handwerker sein, welche zu Mitgliedern der Handwerkskammer wählbar sind und zwar ohne Rücksicht auf das Geschlecht, so= fern sie im übrigen den zur Bestellung als Schöffen gestellten Bedingungen der§§ 31, 32 des Gerichtsverfassungsgesetzes entsprechen-, und zur anderen Hälfte Gesellen, welche zu Mitgliedern des Gesellenausschusses wählbar sind und die Gesellenprüfung abgelegt haben." Verschiedenes. mg. Die Frau hat in der Gemeinde zu schweigen. Mit diesem Grundsatz hat die katholische Kirche Jahrhunderte hindurch die Rechtlosigkeit der Frau in der Familie und in der Gesellschaft be= gründet. Das Zentrum, als die politische Vertretung des Klerifalismus, hat diesen Grundsatz bis heute aufrechterhalten. Aber das Zentrum kann auch anders. Die Gründung der„ Volksfürsorge" hat den alten Grundsaz ins Wanken gebracht. Die geist= lichen Stüßen des Zentrums versprechen sich für ihre gehässige Be= fämpfung der Volksfürsorge" bei den Arbeitern offenbar keinen Erfolg. Sie versuchen's daher bei den Frauen, um auf dem Umweg über diese dem verhaßten Versicherungsinstitut Schaden zuzufügen. In der Pfarrei ückendorf bei Gelsenkirchen wurden die Frauen zu einer öffentlichen Versammlung zusammenberufen, von dem Kaplan Surholz begrüßt und von dem Pfarrer Röther scharf gemacht, dafür zu sorgen, daß ihre Männer sich dem katholischen Volksverein anschließen. Zwischen diesen beiden geistlichen Agitatoren besprach ein Arbeitersekretär„ Die Aufgaben der katholischen Frau in der Gegenwart". Dieser Frauenberater sagte nach dem Bericht der Gelsenkirchener Zeitung": ,, Ein neuer Feind, der das christliche Familienleben bedroht, sei in neuester Zeit in der sozialdemokratischen Volksfürsorge entstanden. Mit ihr würden meistens die Frauen zu tun haben, da die Männer auf der Arbeitsstätte zu tun haben dürften, wenn die Agitatoren kommen. Durch ein materiell gutes Anerbieten verschafften sich diese Zugang zu den Familien. Die Anbahnung des Versicherungsverhältnisses sei die erste Fesselung an die Sozialdemokratie. Nachdem der Redner den Frauen noch auseinandergesetzt hatte, daß die Volksfürsorge durch die, ungeheure Ansammlung von Geldmitteln sich zu einem, Geldentleihinstitut für den Mittelstand der Hausbefizer entwickeln werde', kam er aufs Geschäft und empfahl die katholische Leokasse!!" Nr. 7 Die Angst wirkt erheiternd, mit der die Klerikalen den Erfolgen der„ Volksfürsorge" entgegensehen, die auch den katholischen Arbeiterfamilien durch ein materiell gutes Anerbieten" die Versicherung in uneigennütziger Weise möglich macht. Die„ Volksfürsorge" ein Feind, der das christliche Familienleben bedroht", das glauben bald die katholischen Frauen nicht mehr. Auch sie werden sich ja überzeugen, daß die" Volksfürsorge" nur den einen Zwed hat, allem Volk die Fürsorge für die schweren Zeiten- die auch in christlichen Familien nicht ausbleiben zu ermöglichen! k. h. Literarisches. Ein proletarisches Märchen. Im Dresdener Parteiverlag erschien ein neues Kinderbuch von Robert Größsch, der den Leserinnen der„ Gleichheit" längst aus einer Reihe lustiger Erzählungen für Kinder bekannt ist, wie auch als Verfasser der frischen Geschichten:„ Verschrobenes Volk". Das neue Buch trägt den lockenden Titel: Muz, der Riese.* Wir bekommen damit ein langersehntes sozialistisches Kinderbuch, geschrieben für die Jugend der letzten Schuljahre, geschrieben mit dem künstlerischen Taft eines Sozialisten, der den jugendlichen Lesern sozialistische Gefühlswerte zu vermitteln weiß, ohne ihnen eine unkindliche Erkenntnis von außen her aufzudrängen. Die glücklichste Form, in der die Aufgabe gelöst werden konnte, war die des Märchens. Eine erdichtete Welt wird hier zum schärferen Spiegelbild der wirklichen, gegenwärtigen und der erstrebten sozialistischen Welt gemacht. Diese zwei Welten, auf die denkbar einfachste Formel gebracht und dann ins Märchenhaft- Groteske übertrieben, stellt Robert Größsch einander gegenüber. Und zwischen beiden Welten steht Muz, der Riese, ein vierzehnjähriger Schuljunge, ausgestattet mit allen Tugenden und Untugenden seines Alters. Er wird eines Tages als Opfer seiner Neugier in das Zwergenland Winziganien verschlagen, in dem die Schmalhänse von den Zahlhänsen bedrückt werden. Dort wird Muz in einer Kette von Abenteuern in die märchenhafte Zwergenwelt verstrickt mit ihren Gegensäßen von Schmalhansnot und Zahlhanslurus. Er begreift dabei nicht die Befreierrolle, die ihm die Schmalhänse in ihrem Glauben an die Prophezeiung des Propheten Donnerwort aufdrängen. So wirkt sein Dasein nur als die äußere Ursache der Befreiung, die die Schmalhänse am Ende eines Krieges gegen das Nachbarland Wunderbarien aus eigener Kraft vollbringen. Muz macht sich währenddessen durch seine nicht zu zügelnde Jungennatur im Lande der Wunderbarier unmöglich, die, von keiner oberen Klasse beherrscht, ein freies Volk sind. Schließlich führt Storch Schwarzfrack Muz, den Riesen, in die Heimat zurück. Das ist in gröbsten Umrissen die märchenhafte Fabel des Buches, in dem es von Episoden, Symbolen und Gestalten wimmelt. So ist ein sozialistisches Kinderbuch entstanden, das sich obendrein durch lebendige, kräftige Form und kerngesunden Humor auszeichnet, ein Kinderbuch, wie wir es sehr nötig brauchen. Und es ist nicht nur ein Kinderbuch. Auf Muz trifft zu, was von allen guten Kinderbüchern gilt: auch der Erwachsene legt das Märchen nicht eher aus der Hand, bis er es zu Ende gelesen hat. Ihm zeigt es sein zweites Gesicht, ihm wird es zu einem satirischgrotesken Spiegelbild der Welt, die um uns ist und gegen die sich unser Kampf richtet. Er sieht hinter der märchenhaften Symbolik des Buches die Kräfte unserer Tage, die verkleidet in den Zaubermächten wiederkehren, die auf der Zwergeninsel wirken. Er erkennt auch die rein menschlichen Züge, mit denen der Verfasser seine Zwerge ausstattete, und so sich selbst davor bewahrte, billig zu idealisieren oder tendenziös zu übertreiben. Man müßte das Buch Seite um Seite durchblättern, wollte man auf alle seine Vorzüge hinweisen. Seinen Gehalt in einer knappen Besprechung erschöpfen zu wollen, hieße den Versuch machen, einen buntgewebten Teppich in einer Streichholzschachtel zusammenzupressen. Der Verlag hat der Ausstattung des Buches alle Sorgfalt zuteil werden lassen. Es zeichnet sich durch gutes Papier, großen, lesbaren Druck und gediegenen Einband aus. Der Dresdener Maler Georg Erler zeichnete den Einband und dreißig Bilder, die den Reiz der Veröffentlichung erhöhen. Alles in allem: dieses Buch follte allen Arbeiterkindern in die Hand gegeben werden. Es ist das proletarische Märchenbuch, dessen Titel einst in den Kindheitserinnerungen kommender Geschlechter fortleben wird. Edgar Hahnewald. * Muz, der Riese. Ein heiteres Abenteuermärchen von Robert Größsch. Mit Bildern von Georg Erler. Verlag von Kaden& Co., Dresden. 160 Seiten. Preis gebunden 2 Mt. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.H. in Stuttgart.