Nr. 2 25. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 16. Oktober 1914 Wir Mütter. Von der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Bulgarien. Von Tina Kyrkoff.( Schluß.) Gewerkschaftliches: Aus der Holzindustrie. Von fk. Für den Frieden. Wir Mütter. Wir Mütter empfinden vielleicht, nein gewiß am tiefsten den Ernst dieser geschichtlichen Stunde. Wir Mütter des arbeitenden Volfes, mögen wir uns unter die Anforderungen einer auferzwungenen oder freigewählten Berufstätigkeit beugen, mögen wir still und emsig am häuslichen Herde inmitten der Kinder schalten und walten, mögen wir den Unsrigen und der Gesamtheit mehr mit unserer Hände Werk oder mit unseres Geistes Kraft dienen. Unser Sehnen und Schauen ist seinem innersten Wesen nach über die Gegenwart hinweg auf die Zukunft eingestellt, bleibt auf die Zukunft eingestellt auch dann, wenn unser Empfinden und Tun restlos der jeweiligen Stunde zu gehören scheint. In seinem Mittelpunkt steht die Sorge um das Kind, und das Kind selbst ist ein Stück heranwachsender Zukunft. Weil dem aber so ist, können wir Mütter es nicht daran genug sein lassen, in dem jungen Leben den reifen Menschen von morgen zu hegen und zu pflegen. Nehmen wir diese unsere Pflicht ernst, so müssen wir ebenso eifrig darauf bedacht sein, die gesellschaftliche Umwelt zu gestalten, die Verhältnisse zu beeinflussen, unter denen das Kind seine körperlichen und seelischen Kräfte entfaltet. Auch dabei ist unser Blick der Zukunft zugewandt. Denn welche Mutter des arbeitenden Volkes, die sich nicht durch den Schein über das Sein täuschen läßt, könnte in der gesellschaftlichen Welt des Heute die Bedingungen erfüllt ſehen, die eine gesunde, volle Entwicklungsfreiheit jedem Rinde verbürgen, wo immer auch seine Wiege stand? Wir Mütter müssen um jeden Zoll menschlicher Erhebung unserer Kinder ankämpfen gegen die dunklen Gewalten der Vergangenheit, die unter den grausamen Gesetzen der Vererbung im Rinde selbst ihr Spiel treiben, ankämpfen gegen die nicht barmherzigeren Mächte der äußeren Zustände, die dem heranwachsenden Geschlecht fruchtbares Erdreich, Wärme, Licht und erfrischenden Tau entziehen. Wir Mütter können gar nicht anders, wir müssen Dienerinnen der Zukunft sein, müssen für die Menschen und die gesellschaftlichen Dinge der heraufdämmernden Tage die schaffende Hand am Werke haben. Wir Mütter blicken deshalb unter unnennbaren Qualen nach dem Kriegsschauplab, auf dem der Tod ganze Reihenfolgen von Zukunftsgeschlechtern dahinmäht. Unseres Herzens Schlag mahnt uns daran, daß jeder, der dort starr oder verstümmelt liegt, der Sohn einer Mutter ist; daß mit jedem, der nie mehr oder wenigstens nie mehr mit voller Kraft am stolzen Bau der Menschheitsgeschichte mitwirken kann- und wäre es auch nur als bescheidener Kärrner, eine Zukunftshoffnung, ein Stück Zukunft selbst vernichtet ist. Wir Mütter sehen voll Grausen noch mehr. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Es hat Ideale zertrümmert und befleckt, die den Kämpfern für den bedeutsamsten Fortschritt des Menschengeschlechts voranleuchteten und die sie über die Grenzpfähle, Gebirge und Meere hinaus in heiligen Verträgen miteinander verbanden. Es hat die Erkenntnis getrübt für das, was die Völker einigt, wie für das, was innerhalb der einzelnen kapitalistischen Staaten die verschiedenen Gesellschaftsschichten trennt. Es hat mit dem allem und anderent noch wenigstens vorübergehend einen Teil der jahrzehntelangen Erziehungsarbeit ausgelöscht, die die Mühseligen und Beladenen befähigen sollte, sicheren Schrittes ihren Weg nach dem Kanaan der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu wandern. Wir Mütter wissen, was wir damit verloren haben: ein Stück Zukunftswerk, in dem sich die Arbeiterklasse aus der Nacht und Not ihrer unfreien Eristenz erhoben hatte. Allein aus der Trauer darüber darf nimmermehr Mutlosigkeit an uns heranschleichen und feiges Verzichten. Wir wären unwürdig, die hehrsten Träume der Zukunft geträumt zu haben, sollte uns der Schmerz um Verlorenes und Gefährdetes einen anderen Entschluß einflößen als den: nun erst recht! Glühender, hingebungsvoller denn je müssen wir uns dem Dienste der Zukunft weihen, die im Kinde heranreift, und deren lautes Brausen in den sozialen Dingen auf die Dauer von keinem Kriegslärm übertäubt werden kann. Wir Mütter nehmen den Kampf mit dem Krieg um die Menschen und die Ideale der Zukunft auf. Uns ziemt es, in den vordersten Reihen der wachsenden Scharen zu stehen. Wir fordern für die Zukunft die bedrohten Leiber von Hunderttausenden, die in strenger persönlicher Selbstzucht wie durch das Ringen um eine höhere soziale Ordnung die Menschheit vorwärts führen müssen. Wir heischen die lebendigen Seelen, die Träger von Menschheitsidealen sein sollen, die im Waffenlärm zu Boden getreten werden. Um die Rasse zu ertüchtigen, so wird uns versichert, um grenzenlose Hingabe an die Sache des Vaterlandes großzuziehen. Wir Mütter denken an die Ertüchtigung der Söhne 10 Die Gleichheit und Töchter, die unser Herzblut getrunken haben und für deren Zukunft wir uns verantwortlich fühlen. Wir fordern zu diesem Ziele ein durchgreifendes Verbot der erwerbstätigen Kinderarbeit, die Herabseßung der täglichen Arbeitszeit und den wirksamen Schutz der Jugendlichen, die Erfüllung der Maßregeln, die das sozialdemokratische Programm vorsieht, damit die leiblichen und geistigen Gaben aller Kinder zu schöner Menschlichkeit emporblühen. Wir Mütter denken an das Vaterland, mit dem uns tausend unzerreißbare Fäden der Entwicklung verknüpfen, das uns teuer ist im Gedanken an die mühevolle Kulturarbeit ungezählter Geschlechter, auf deren Schultern wir stehen, und im Bewußtsein unserer eigenen Pflicht, den uns von ihnen hinterlassenen Schatz zu mehren. Wir fordern zu seiner Größe und Unüberwindbarkeit alle jene sozialen Reformen und politischen Freiheiten, die jeden einzelnen seiner Bürger und Bürgerinnen rüsten, um sein volles Erbrecht an der vaterländischen Kultur zu ringen. Wir wären nur Weibchen, keine Mütter, wollten wir unsere Aufgabe darin erschöpft sehen, daß unser Leib die Gußform des Kindes ist. Durch unseren Geist muß das heranwachsende Geschlecht hindurch, wenn wir unsere Pflicht ganz erfassen. Tun wir diese unsere Pflicht! Muttermacht geht über die Nücken und Tücken äußerer Gewalt, geht auch über Kriegsrecht. Muttermacht kann und darf nur eines vorbereiten: die fünftigen Siege des Sozialismus. Ihnen leben wir, für sie erziehen wir die Kinder, wir Mütter. Von der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Bulgarien. Bon Tina Kyrkoff. ( Schluß.) Das Eindringen einer starken sozialdemokratischen Vertretung in das Parlament versette Bourgeoisie und Regierung Bulgariens in heillose Aufregung und Furcht. Das böse Gewissen machte sich geltend ob des Verrats, dessen die Besitzenden und Herrschenden sich am bulgarischen Volfe schuldig gemacht hatten. Sie zitterten, als sie die scharfe und demaskierende Kritik der Sozialdemokratie nahe wußten. Deshalb betrachteten es Bourgeoisie und Regierung als ihre erste Aufgabe, der verhaßten Sozialdemokratie ledig zu werden. Nach dreizehntägiger schmachvoller Tagung löste die Regierung das Parlament auf. Die neuen Wahlen wurden auf den 23. Februar a. St. ausgeschrieben. Der neue Wahlkampf war leidenschaftlicher, hartnäckiger als der vorige. Alle bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien richteten ihre Geschosse gegen die Sozialdemofratie und unternahmen gegen sie einen Kreuzzug mit erlaubten und unerlaubten Mitteln. Um jeden Preis sollte verhindert werden, daß unsere Partei wieder siegreich ins Parlament einziehen würde. Die Rechnung unserer Feinde erwies sich aber als falsch. Wie ein Riese stürmte das bulgarische Proletariat gegen die regierenden, liberalen" Parteien, gegen die groß- und kleinbürgerliche Opposition. Es ist die Freude und die Ehre der organisierten Genofsinnen, daß sie an diesem gewaltigen Kampfe teilgenommen haben. Wie sie während des Krieges keine Ruhe und Rast bei ihrer Agitation und Propaganda für die sozialistischen Jdeen unter den Arbeiterinnen und Arbeiterfamilien kannten, obwohl sie jeden Augenblick die Nachricht vom Tode ihrer Lieben auf dem Schlachtfeld erwarten konnten; wie sie nach dem Kriege ihre Tätigkeit energisch fortsetzten und am 1. Mai viele Arbeite rinnen um unser Banner scharten; so schreckten sie auch nicht zurück vor dem Terror des regierenden„ Liberalismus", der Nr. 2 Bulgarien in ein großes Kriegslager verwandelt hatte und als Hauptfeind, ja als einzigen Gegner die Sozialdemokratie bekämpfte. Unsere Versammlungen wurden aufgelöst, unsere Genossen und Genossinnen geschlagen und mit Verhaftung bedroht. Trotzdem ließen unsere Genossinnen in ihrer Arbeit nicht nach, sie bekundeten einen wunderbaren Heroismus, eine grenzenlose Ergebenheit für die Partei, eine Opferwilligkeit für das sozialistische Ideal, die keine Mühe scheute und vor feiner Gefahr zurückschreckte. Die Polizei heftete sich unseren Genossinnen an die Fersen, sie wurden aus den Versammlungen verjagt, man riß ihnen die Zeitungen, Flugblätter und Stimmzettel aus den Händen, man verhaftete sie, wie es in Sofia und Philippopel der Fall war. Allein schon am nächsten Morgen gingen sie mit noch größerem Enthusiasmus wieder an ihre Agitation unter den Arbeiterfamilien. Der herrliche Sieg des tapferen, heldenmütigen Kampfes gereicht auch den sozialdemokratischen Proletarierinnen zum Ruhme. Trotz des unerhörten Terrors erhielt die sozialdemofratische( engherzige) Partei mehr als 45000 Stimmen und 11 Sige im Parlament. In Bulgarien können Frauen an Versammlungen teilnehmen und auch solche einberufen. Die Frauen haben aber keine darüber hinausgehenden politischen Rechte, durch die sie Anteil an der Gesetzgebung des Landes nehmen könnten. Nur in der Gemeinde stehen ihnen einige sehr eng beschränkte Bürgerrechte zu. So kann zum Beispiel die Frau, die über 21 Jahre alt ist und vollgymnasiale Bildung hat, in den Schulrat gewählt werden. Witwen und Frauen, die das Oberhaupt einer Familie sind und Grundeigentum besigen, können mit darüber abstimmen, wie die Gemeinde über ihren Grund und Boden verfügt. Doch sind auch diese privilegierten Frauen nicht wählbar in kommunale Verwaltungskörperschaften. Bulgarien hat ein Gesetz vom Jahre 1903 zum Schuße der Frauen- und Kinderarbeit, jedoch wird es nicht eingehalten, obgleich es sehr weit davon entfernt ist, eine tatsächliche, wirfsame Zügelung der kapitalistischen Ausbeutung zu ermöglichen. Nach der offiziellen Gewerbestatistik von 1910 waren allein in 266 Unternehmen 2907 Frauen beschäftigt, davon 1077 unter 15 Jahre alt und 1830 von diesem Alter und darüber. Nach der nämlichen Statistik schafften in der Textilindustrie 2459 Frauen und Kinder, in der Steininduſtrie 124, in der chemischen Industrie 124, in der Tabakindustrie 2000, in der Nahrungsmittelindustrie 135. Die Angaben der Statistik über die Frauen- und Kinderarbeit sind jedoch nicht vollständig, da die Erhebung nicht sämtliche Industriezweige und Betriebe erfaßt hat. Wir bekommen feinen Aufschluß über die Frauenarbeit in den Zündhölzer-, Zucker-, Schuhwarenfabriken und anderen Unternehmungen, im Handel usw., obgleich hier sehr viel weibliche Arbeitskräfte verwendet werden. In lezter Zeit beschäftigt man Frauen auch in den Kohlenbergwerfen bei Bernit, wir können aber leider die Zahl dieser Ausgebeuteten nicht feststellen. Während des Krieges hat die Frauenarbeit eine sehr große Ausdehnung erfahren, und die Tendenz dazu dauert fort. Wir übertreiben nicht, wenn wir die Gesamtzahl der in Industrie und Handel beschäftigten weiblichen Arbeitskräfte auf 150 000 schätzen. Kein Gesetz regelt in unserer Heimat die Arbeitszeit; nach der Gewerbestatistik vom Jahre 1910 betrug fie für 721 Arbeiterinnen darunter 254 unter 15 Jahren-10 Stunden, bei 711 Arbeiterinnen darunter 258 unter 15 Jahren 11 Stunden, bei 704 Arbeiterinnen darunter 378 unter 15 Jahren, das ist über die Hälfte 12 Stunden und noch länger. Der Durchschnittslohn der Arbeiterinnen stellt sich fast in allen Industrien und Betrieben auf 60 Centimes bis 1 Frank täglich( 48 bis 80 Bf.); nur in der Textilindustrie, wo die Frauenarbeit überwiegt, beträgt er gegen 93 Centimes. Dies zur Kennzeichnung der Lage, in der sich die bulgarischen Arbeiterinnen heute befinden. Um das Elend dieser Frauen zu mildern, wie um den Befreiungskampf des Proletariats erfolgreich führen zu können, müssen wir unbedingt die Arbeiterinnen gewerkschaftlich organisieren und auch in Nr. 2 Die Gleichheit die Reihen der sozialdemokratischen Partei eingliedern. Die Arbeit dafür noch systematischer zu gestalten und dadurch den Erfolg unserer künftigen Kämpfe vorzubereiten, war die Aufgabe der Ersten konstituierenden Konferenz der sozialistischen Frauenvereine, die am 12. Juli n. St. in Sofia mit folgender Tagesordnung stattgefunden hat: 1. Bericht über den Stand der sozialdemokratischen Frauenvereine. 2. Die Frauenbewegung und die Sozialdemokratie. 3. Die Organisation der sozialdemokratischen Frauen und die Agitation unter den Arbeiterinnen, 4. Gründung eines Sekretariats. 5. Verschiedenes. Die Konferenz hat recht fruchtbare Arbeit geleistet, und wir sind von der überzeugung beseelt, daß wir Ende des laufenden Jahres wenigstens 1000 organisierte Arbeiterinnen in den Gewerkschaften und der Partei zählen können. Alle unsere Kräfte sind auf dieses Ziel gerichtet. Genossinnen aller Länder! Wir legen euch einen kurzen Bericht über die Arbeit vor, die die bulgarischen Genossinnen in einem kleinen Zeitraum verrichten konnten. Eure Kämpfe werden von uns stets mit großem Interesse verfolgt, denn eure Erfolge sind gleichzeitig auch unsere Erfolge. Ihr könnt versichert sein, daß in Bulgarien das kleine Häuflein der bereits organisierten Arbeiterinnen langsam, jedoch sicher und unaufhaltsam die geknechteten Schwestern in die Reihen des zielbewußten Proletariats führen wird, Gewerkschaftliches. In der Holzindustrie haben die letzten Wochen eine geringe Besserung der Arbeitsgelegenheit gebracht. Beim Deutschen Holzarbeiterverband hat sich die Zahl der in Arbeit stehenden Mitglieder von 84 000 um Mitte August auf 94 000 Mitte September gehoben, während in der gleichen Zeit die Arbeitslosenziffer von 60 000 auf 47 500 sant, was allerdings immer noch ein volles Viertel der Mitglieder ausmacht. Die Differenz in den oben angegebenen Ziffern erklärt sich dadurch, daß inzwischen neue Einberufungen zu den Fahnen erfolgt sind, insgesamt waren Mitte September rund 45500 Mitglieder des Verbandes beim Militär. Zwischen den Zentralvorständen der Arbeitgeber- und Arbeiterorganisationen in der Holzindustrie ist jetzt anläßlich des Krieges ein übereinkommen getroffen worden. Es hat die Linderung der Arbeitslosigkeit und die Hochhaltung der Tarifverträge zum Gegenstand. Vereinbart sind dabei unter anderem Eingaben an Behörden zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheit, möglichste Herabseßung der Arbeitszeit auf 6 bis 7 Stunden täglich, bei eiligen Aufträgen Doppelschichten statt Überstunden und Aufrechterhaltung der Tarifverträge. Läßt sich durch solche Maßnahmen die Arbeitslosigkeit auch nicht aus der Welt schaffen, so ist es doch immerhin möglich, ihre Folgen dadurch in etwas zu mildern. Für den Frieden. fk. Eine Konferenz der schweizerischen und italienischen sozialistischen Partei gegen die Ausdehnung und Weiterführung des Krieges hat am 27. September in Lugano stattgefunden. Sie darf das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, der erste schwache Versuch gewesen zu sein, die durch den Krieg zerrüttete sozialistische Internationale wenigstens zum Teil wieder zu sammeln, und zwar auf dem Granit der sozialistischen Grundsätze. Die italienische Partei ließ sich in Lugano durch die Genossen Armuzzi, de Falco, Lazzari, Modigliani, Morgari, Musatti, Ratti, Serati, Turati und Genoffin Balabanoff vertreten; Delegierte der Schweizer Partei waren die Genossen Al= bisser, Ferri, Greulich, Grimm, Naine, Pflüger, Rimathé und Schenkel. Im freundschaftlichen Meinungsaustausch wurden zuerst einige Mißverständnisse über schweizerische Verhältnisse behoben. Die Hauptleistung der Konferenz be= stand jedoch in den vielstündigen Verhandlungen über das Verhalten der Sozialdemokratie zum Krieg. Das Ergebnis der Aussprache ist in einer Erklärung zusammengefaßt, die vom sozialistischen Standpunkt aus die Ursachen des 11 jetzigen Krieges scharf beleuchtet, als das Ergebnis der imperialistischen Politik aller Großmächte". Sie weist deshalb die Gründe ab, mit denen die einzelnen kriegführenden Staaten ihre Mitverantwortlichkeit für die Katastrophe bestreiten, und auf die sich auch die sozialistischen Fraktionen jener Staaten berufen, um ihr Ver= halten zu rechtfertigen. Gerade wegen dieses sozialistischen Gehaltes ist es uns leider unmöglich, unter dem geltenden Kriegsrecht die wichtige Erklärung zum Abdruck zu bringen, in der es unter anderem heißt: Die alten Grundsäße der proletarischen Internationale zu verkünden, ist heute, wo die internationalen Beziehungen der Arbeiter unterbrochen sind, mehr denn je die Pflicht der Sozialisten jener Länder, die von den Kriegsgreueln verschont geblieben find. Demgemäß betrachteten es die unterzeichneten Vertreter der sozialistischen Parteien Italiens und der Schweiz als ihre Aufgabe, mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft gegen eine weitere Ausdehnung des Krieges auf andere Länder anzukämpfen und jeden Versuch, neue Völker in den Krieg hineinzuheben, als ein Verbrechen an der arbeitenden Bevölkerung und an der Kultur zu brandmarken. In diesem Sinne wenden sich die Vertreter der Sozialdemokratie Italiens und der Schweiz an die sozialistischen Parteien der übrigen Staaten. Indem sie so die Grundlage für eine gemeinsame Aktion unter den am Kriege unbeteiligten, aber von seinen Wirfungen betroffenen Völkern gegen die Fortführung der furchtbaren Schlächterei schaffen, ersuchen sie die sozialistischen Parteien der neutralen Länder gleichzeitig, von ihren Regierungen unverzüglich die Einleitung diplomatischer Unterhandlungen mit den Regierungen der im Krieg stehenden Staaten zu fordern, um eine rasche Beendigung des Völkermordens anzustreben." Vom Frauenbund der Deutschen Friedensgesellschaft ist uns der nachstehende Aufruf" In ernster Zeit" zur Veröffentlichung zugegangen: „ Der Frauenbund der Deutschen Friedensgesellschaft hat zu seiner ersten Tagung im Juni dieses Jahres einen wundervollen Brief von Berta v. Suttner erhalten. Sie schrieb, daß sie ihre größte, freudigste Genugtuung empfinde, daß sich ein solcher Bund gebildet hat., Seien Sie mir begrüßt und beglückwünscht, verehrte Kämpferinnen, denn als solche werden Sie sich bewähren müssen: Es wird Ihnen nicht ganz leicht gemacht werden, für die pazifistischen Ideale einzutreten. Die edle Frau ist dahin, sie hat nicht mehr erleben müssen, daß dieser Weltbrand ausgebrochen ist. Anscheinend ist sie unterlegen, Europa steht in Flammen! Nie hat eine eben auf den Plan getretene Organisation wie die unfrige größere Aufgaben und größere Pflichten zu erfüllen gehabt! Jetzt gilt es, zu zeigen, daß wir würdig sind, die Erbschaft von Berta v. Suttner anzutreten wir Frauen, wir Mütter Europas sind dazu berufen. Wir müssen und wir können dafür eintreten, daß dies wirklich der lezte europäische Krieg ist, und daß derselbe bald aufhören muß. Wir hören heute nur nationale Töne, die, soviel Großes und Schönes sie auch auslösen konnten, die Tränen nicht trocknen, die die Mütter und Frauen Europas zu weinen haben. Wir, die wir nicht feige und klein sind, denn es gehört heute wahrlich mehr Mut dazu, sich gegen die allgemeine Stimmung zu richten und seinem Gewissen zu folgen, wir rufen, Friede und abermals Friede'. Wahrlich, ihr Frauen, ihr könntet Kulturerringerinnen werden, ihr könntet neu arbeiten an der Kultur, die heute auf den Schlachtfeldern zerstampft wird, nie war ein Organisationsgedanke mächtiger und wichtiger als der der Friedensbewegung. Noch eine Aufgabe könnt ihr erfüllen, laßt den Haß, den die kriegführenden Männer der Nationen jetzt gegeneinander fühlen, nicht überspringen in eure Herzen und diejenigen eurer Kinder, sondern vermittelt, wo ihr könnt, denn auch dies ist ein Kulturwerk. Wenn dieser Krieg beendet ist, wir hoffen, daß dies so rasch als nur möglich sein, wird, dann brauchen die kriegführenden Völker einander, sie brauchen sich für ihren Handel, ihre Industrie, aber sie brauchen auch einander zum Austausch von Kunst und Wissenschaft, die wahrhaft international ist. Wo sollen wir hinkommen, wenn wir den Haß immer weiter wuchern lassen? Denken wir doch an internationale Ärztekongresse, die der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, denken wir an alle die anderen internationalen Zusammenkünfte der Wissenschaften! Wir können doch keinen Stacheldraht um unsere Länder legen, wir würden gegenseitig geistig ärmer werden, wenn wir die geistigen Güter nicht untereinander tauschen würden. Darum schürt ihr Frauen nicht den Haß, sondern predigt die Versöhnung. 12 Die Gleichheit Nr. 2 über dem Nationalbewußtsein steht die Mensch- wortlichkeit als Mütter unserer Art nicht untätig beiseite stehen. lichkeit! Zeigt ihr Frauen eure Reife, zeigt ihr Frauen, daß ihr das Recht und die Pflicht habt, euren Nationen zuzurufen, Krieg dem Kriege'! Weint nicht im stillen Kämmerlein, sondern fordert euer Recht als freie Bürger, Gleichberechtigung in den Parlamenten, dann werden künftige Kriege unmöglich werden, denn erst ein sich seiner Macht bewußtes Geschlecht kann siegen. Unsere Siege sollen keine Siege auf den Schlachtfeldern werden, sondern unsere Siege sollen dazu dienen, die Menschheit höher zu bringen! Darum, Frauen, tretet zu Tausenden und aber Tausenden den Friedensgesellschaften bei. Frida Perlen, Stuttgart." Unsere Leserinnen wissen, wie wir als Sozialisten die bürgerliche Friedensbewegung grundsätzlich einschäzen. Jedoch wir anerkennen den hohen moralischen Mut, mit dem die bürgerlichen Friedensfreunde sich zu ihrem Jdeal in einer Zeit bekennen, wo der Chauvinismus wie der Niagara einherstürzt. Eine imposante internationale Friedensdemonstration der Frauen von New York hat am 29. August stattgefunden und bei den Zehntausenden von Zuschauern einen tiefen, nachhaltigen Eindruck hervorgerufen. Tausende von Frauen marschierten unter gedämpftem Trommelschall ruhig und gemessen durch die Straßen der Stadt und brachten ihre Gegnerschaft gegen den Krieg zum Ausdruck. Nicht in leidenschaftlichen Worten oder in flammenden Inschriften, wohl aber durch den langen, schweigenden Zug selbst, in dem Frauen jedes Alters und aller Gesellschaftsklassen vertreten waren. Verstärkt wurde der Eindruck durch das Vorherrschen von schwarzer und dunkler Kleidung. Frauen, die in Weiß oder Grau erschienen waren, trugen schwarze Armschleifen als Zeichen der Trauer. Eine starke Abteilung des Zuges bildeten die soziali= stischen Frauen, die an kleinen roten Abzeichen erkennbar waren. Sie demonstrierten zugleich gegen den Massenmord des Krieges und für die einzige wirkliche Friedensbewegung der Welt: den Sozialismus. An der Spitze des Zuges trug Frau Alice Carpenter eine große weiße Fahne, auf der in Blau die Friedenstaube und in gelben Buchstaben das Wort„ Friede" stand. Drei Mädchen trugen weiße Brustschleifen mit der Mahnung:„ Laßt uns Frieden halten", eines davon hielt einen Globus, der mit schwarzen und violetten Schleifen verhüllt war. Die Idee des Friedens und der Internationalität wurde dadurch stark betont, daß deutsche, französische, russische, englische und amerikanische Frauen nicht getrennt nach Nationen gingen, sondern nebeneinander, vereint in ihrem Protest gegen den Krieg. Gine Gruppe für sich bildeten nur die farbigen Frauen, doch waren auch in der sozialistischen Abteilung vereinzelte Negerinnen. Vor dem Kriege aus Europa geflüchtete Frauen bildeten ebenfalls eine Gruppe für sich. In ihre Nationaltracht ge= kleidet, nahmen eine Indianerin und eine Japanerin an der Demonstration teil. Frauen von Brooklyn, New Jersey und aus dem oberen Staate New York waren herbeigeeilt, um sich an der Demonstration für den Frieden zu beteiligen. Zu beiden Seiten des Weges befanden sich eng gedrängte Massen von Zuschauern, die ihrer Sympathie mit der Veranstaltung oftmals lauten Ausdruck gaben. Der Anstoß zu dieser Friedensdemonstration der Frauen ging von Mrs. Villard aus, der Gattin des Besitzers der„ New York Evening Post". Dieses angesehene Blatt wurde von Herrn Villards Vater, einem Deutschen von Geburt, und Karl Schurz vor vierzig Jahren gegründet. Die Frauenstimmrechtlerinnen haben für das Zustandekommen der Demonstration eifrig gewirkt. f. r. Die Friedenskundgebungen des Internationalen Frauenstimmrechtsverbandes. Als der Krieg bereits mit herrischer Faust an die Tore Europas klopfte, trat der Internationale Frauenstimmrechtsverband für den Frieden in einem Manifest ein, das am 31. Juli in London dem Auswärtigen Amt für Großbritannien wie allen ausländischen Gesandtschaften zugestellt wurde. Bekanntlich ist London der Hauptsitz des Verbandes. Das Manifest ist in Vertretung der ersten Vorsitzenden dieser Organisation Frau Chapman- Gatt, die in den Vereinigten Staaten wohnt von zwei der angesehensten Vorkämpferinnen der bürgerlichen Frauenstimmrechtsbewegung unterzeichnet: bon Frau Fawcett, der ersten Vizevorsitzenden des Verbandes, und Fräulein Macmillan, der berichterstattenden Sekretärin. Es lautet: „ Wir Frauen aus der ganzen Welt blicken voller Furcht und Entsetzen auf die gegenwärtige Lage in Europa, die einen Erdteil, wenn nicht die ganze Welt mit dem Unheil, den Greueln des Krieges bedroht. In dieser schreckensvollen Stunde, wo das Schicksal Europas von Entscheidungen abhängt, die mit zu fassen uns Frauen die Macht fehlt, können wir angesichts unserer VerantWir, die machtlos sind, obgleich wir politisch wirken, fordern die Regierungen und Staatsgewalten der verschiedenen von uns vertretenen Länder auf, das drohende Unheil abzuwenden, das seinesgleichen nicht haben würde. In keinem der Staaten, die von dem bevorstehenden Kriegsausbruch zunächst betroffen werden, besitzen die Frauen die unmittelbare Macht, die politischen Geschicke ihres Vaterlandes zu beeinflussen. Sie befinden sich in der geradezu unerträglichen Lage, zusehen zu müssen, daß alles, was ihnen am teuersten und schäßenswertesten ist- Heim, Familie, Rasse-, nicht nur den schwersten Gefahren ausgesetzt wird, sondern weitreichen= den Schädigungen, die abzuwenden oder zu mildern die Frauen ohnmächtig sind. Welches auch immer das Ergebnis des Krieges sein mag, er wird die Menschheit ärmer machen, wird die Zivilisation zurückwerfen und ein starkes Hindernis für die allmähliche Verbefferung der Lebensbedingungen der Volksmassen sein, von denen die wahre Wohlfahrt der Nationen in so hohem Maße abhängt. Wir Frauen von 26 Ländern, die wir in dem Internationalen Frauenstimmrechtsverband zu dem Zwecke zusammengeschlossen sind, die politischen Mittel zu erlangen, um mit den Männern die Macht zu teilen, durch die das Los der Nationen gestaltet wird, wir fordern dazu auf, daß kein Mittel zur Beilegung oder zum schiedsgerichtlichen Austrag von internationalen Streitigkeiten unversucht bleibt, das dazu beitragen kann, zu verhindern, daß die halbe zivilisierte Welt in Blut ertränkt wird." Der Protest gegen den Krieg sollte auch noch am 4. August in London durch ein großes Meeting der Frauenstimmrechtle= rinnen verstärkt werden. Es war zu einer Zeit einberufen worden, wo die Friedenshoffnungen noch nicht völlig erloschen waren, fand aber statt, als bereits der Schlachtendonner die friedenheiſchenden Frauenstimmen übertönte. Daß in jener dunklen Stunde die ein= drucksvolle Kundgebung möglich war, läßt uns wie die fast gleichzeitige ungehinderte Protestbewegung von sozialistischen und Arbeiterorganisationen Auf dem Meeting sprachen Führerinnen der bürgerlichen Frauenstimmrechtsorganisationen verschiedener Länder, und alle erklärten sich eindringlichst gegen den europäischen Krieg. Deutschland war durch Frau Gellrich vertreten, Ungarn durch Frau Schwimmer, die Schweiz durch Frau Thoumaian, Finnland durch Frau Malenberg. Mit besonderer Entschiedenheit wendeten sich die Rednerinnen der großen englischen Frauenstimmrechtsorganisationen gegen den Krieg, so Frau Fawcett, Frau Creighton, Frau Swanwid und andere. Unter den Demonstrierenden befand sich auch Olive Schreiner, die berühmte dichterische Vorkämpferin für Frauenrechte, die die Schrecken des Burenkrieges aus eigener Erfahrung kennt. Proletarische Frauenorganisa= tionen nahmen ebenfalls an der Protestkundgebung teil. Frau Barton, die Vorsitzende der Frauengenossenschaftsgilde, erklärte namens der von ihr vertretenen 32 000 Proletarierinnen, daß überall die Frauen gegen den Krieg seien, zumal aber die Frauen der Arbeiterklasse, die am schwersten unter den Folgen des entfesselten Unheils zu leiden hätten. Sie bestreite, daß es zwischen dem arbeitenden Volke der verschiedenen Staaten Haß und Feindschaft gäbe, die den Kriegsausbruch unvermeidlich gemacht hätten. Die Frauen müßten politische Macht erringen, um sie gegen den Krieg einzusehen. In ähnlichem Sinne sprach Genossin Phi lIips als Vertreterin der Ligafür Frauen der Arbeiter* I asse. Unseren Genossinnen ist bekannt, mit welcher Energie ge= rade die englischen Genossinnen in den letzten Jahren für den Frieden, die Völkerverbrüderung gewirkt haben. 000000000 Wir empfehlen in einfacher, guter Ausstattung Einbanddecken zur Gleichheit Jahrgang 1913/1914 und zwar Decken für das Hauptblatt und die Beilage Für unsere Mütter und Hausfrauen sowie Decken für die Kinderbeilage. Preis zusammen 1 Mark. Bei direkter Zusendung 30 Pf. mehr für Porto. Titelblatt und Inhaltsverzeichnis werden den Decken unentgeltlich beigegeben. Expedition der Gleichheit, Stuttgart, Furtbachstraße 12. oooooooook Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.