Nr. 8 25. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 9. Januar 1915 Steine Illusion. Frauenversammlungen während des Kriegs. Bon Quise Zietz. NotizenWir Frauen. Gedicht von Betty Scherz. teil: Dienstbotenfrage. Für den Frieden. Frauenstimmrecht. -Keine Illusion. In allen Ländern werden die Sozialisten mit Schmerz auf das Jahr 1914 zurückblicken. International betrachtet, brachte es einen geradezu beispiellosen Triumph der kapitalistischen Weltmachtspolitik, die mit elementarer Gewalt der Katastrophe des Weltkrieges zugetrieben hat, ohne daß die sozialistischen Parteien der betroffenen Staaten das Unheil abzuwenden oder auch nur zu mildern vermocht hätten. Ja mehr noch. Immer international betrachtet, wird der Höhepunkt des imperialistischen Triumphes und sein eigentliches Wesen nicht etwa durch die Entscheidungen auf den Schlachtfeldern bezeichnet, nicht durch die Macht- und Gebietsverteilungen zwischen den kriegführenden Staatengruppen, wie sie schließlich als Ergebnis des riesenhaften Ringens erscheinen können. Der eigentliche Sieg der kapitalistischen Weltmachtspolitik ift national, innerhalb der Grenzen der einzelnen Länder errungen worden. Er besteht in der bedingungslosen Unterwerfung der Arbeiterklasse unter die Gebote des Imperialismus, besteht darin, daß dieser die Arbeiterklasse vollständig in den Dienst seiner Ziele genommen und ihnen alle Kräfte und, Einrichtungen nußbar gemacht hat, die Hebel zur Befreiung des werktätigen Volkes sein sollten. Die sozialistischen Parteien der in Betracht kommenden Staaten haben diese Entwicklung der Dinge nicht aufgehalten, sondern von wenigen Ausnahmen abgesehen: der Sozialdemokratie in Serbien und Rußland, der Unabhängigen Arbeiterpartei Großbritanniens sie haben sie bewußt mitgemacht und gefördert. Wir werten heute diese Tatsache nicht, wir verzeichnen sie nur als bindigsten Beweis für unsere obige Auffassung vom Triumph der kapitalistischen Weltmachtspolitik. Dieser Triumph mit seinem Um und Auf hat Illusionen vernichtet, die den Sozialisten aller Länder teure Wirklich feiten dünkten, weil sie ihr Herzblut darangegeben haben, ihnen Leben einzuflößen. Nun haben die Ereignisse gezeigt, daß das, was sie in den proletarischen Massen für Wirklichkeit, für geschichtliches Leben hielten, doch nur erst als Ideologie in ihrem eigenen klaren Erkennen und glühenden Wünschen existierte, eine Fata Morgana in die Zeit hinausgespiegelt. Es ziemt den Sozialisten nicht, darüber zu klagen, sehen, was ist, und aussprechen, was ist, war noch jederzeit eine Quelle ihrer Kraft. Gerade aber darum wäre es gefährlich, wollten sie sich an all den neuen Illusionen berauschen, die in der schwülen Gewitterluft des Weltkrieges wie Pilze emporschießen. Und merkwürdig oder auch nicht wie man's nimmt, nach diesen neuen Illusionen haschen gerade die Hände jener Sozialisten am gierigsten, die in den Wettern und Flammen des Völkerringens nicht bloß alte Selbsttäuschungen verloren, sondern ihnen feierlich beschworene Grundsäße nachgeworfen haben. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Besonders liebevoll gehätschelt wird die Trugidee, daß der gegenwärtige furchtbare Krieg ,, der lezte seiner Art" sei. Sie taucht gern auf, wo Sozialisten die tiefe Tragik empfinden, daß das Ideal der proletarischen Solidarität und Brüderlichfeit von Granaten und Schrapnells verjagt, fremde Herde sucht und stumm sich an die Asche setzt". Es wird von ihr in süßen Tönen gesungen, wenn Kriegsleiden und Kriegsnöte die Leiber und Seelen der Menschen hart bedrängen, wenn die vielgestaltigen, aus den Zeitereignissen heraufgetriebenen Widersprüche und Gegensäße Antwort und Lösung verlangen. Kurz, sie ist Zukunftsmusik, die das Gegenwartselend erträglich machen soll, ein unverfälschtes Seitenstück zur Hoffnung auf die ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Tode. Gewiß: wir Sozialisten sind die letzten, die Zukunftsmusik bespötteln, nur müssen wir die festbegründete überzeugung hegen können, daß sie eines Tages wirklich gespielt wird. Wie aber ist's mit dem Lied vom„ legten Krieg"? Scheint die Meinung berechtigt, daß der jezige gewalttätige Streit der Staaten um Größe und Macht das Ende eines katastrophenreichen Entwicklungsabschnitts der Menschheitsgeschichte sei? Dürfen wir tatsächlich hoffen, daß der Donner seiner Schlachten das erste Salutschießen für den Weltfrieden ist, die Einleitung zum Zusammenwirken der Völker bei friedlicher Kulturarbeit? Wir vermögen diese trostreiche Auffassung der Dinge nicht zu teilen. Unserer Ansicht nach liegt ihr eine vollständige Verfennung der gesellschaftlichen Kräfte und Verhältnisse zugrunde, die in kapitalistischer Weltmachtspolitik und Weltfricgen ihren Ausdruck finden. In der Weltmachtspolitik der Großstaaten mit fortgeschrittener kapitalistischer Entwicklung rebellieren die gesellschaftlichen Produktivkräfte wider die Schranken der nationalen Ausbeutungsmöglichkeit. Die Grenzen des einzelnen Landes sind zu eng geworden für das gewaltige Weben und Walten dieser Kräfte, das gebieterisch einen ausgedehnteren Spielraum berlangt. Der Kapitalismus, der einst als bedeutsamen historischen Fortschritt den Nationalstaat schuf, treibt nun in seiner weiteren Entwicklung über ihn hinaus. Er bedarf der umfassenderen Wirtschaftsgebiete der Nationalitätenstaaten, der Weltreiche. Wir müssen uns den Nachweis dafür versagen, weshalb die geschichtliche Entwicklung gegenwärtig über die blut- und tränenüberströmten Blachfelder des Weltkrieges diesem Ziele zustrebt und nicht über die blumigen Wiesen des Weltfriedens. Wenn wir jedoch den gegenwärtigen Krieg im Lichte der angedeuteten Zusammenhänge sehen, so ist eines klar. Seiner Wurzel, seinem Wesen nach ist es ausgeschlossen, daß seine eherne Faust das Tor künftiger kriegerischer Auseinandersezungen sperrt und dem Friedensengel die Steige bereitet. Umgekehrt: er leitet eine Epoche schwerer, zäher Kämpfe um Weltmacht und Weltherrschaft zwischen den großen kapitalistischen Staaten ein. Tritt das im Verlauf des Krieges selbst nicht mit wachsender Deutlichkeit zutage? Der scheinbare Ausgangspunkt des Schlachtgetümmels entweicht in immer fernere Weiten, verschwindet in Dunst und Nebel; es verstummen 42 Die Gleichheit die Losungen, die ihn hüben und drüben umhallten. Immer greifbarer, hartnäckiger, beherrschender schiebt sich dafür der Gegensatz zwischen Deutschland und Großbritannien in den Mittelpunkt der waffenklirrenden Auseinandersetzungen, der Gegensatz zwischen den beiden wirtschaftlich fortgeschrittensten Staaten der Erde, zwischen der altbefestigten Handels-, Industrie-, Kolonial- und Weltmacht, die kein Tüttelchen ihres Gebiets und ihres Einflusses verlieren möchte, und dem jung emporstrebenden kraftvollen kapitalistischen Reich, das kolonialpolitisch seinen Platz an der Sonne" sucht. Häufiger und unverblümter wird auch in der sozialdemokratischen Presse Deutschlands die Zertrümmerung des englischen Weltreichs" als das Hauptziel des tosenden Waffenganges der Völker bezeichnet. Wähnt man aber im Ernste wirklich eine Weltmacht wie die Großbritanniens, die ihren Zusammenhalt und ihre Stärke aus weitausgebreiteten Wurzeln saugt, könne in einem Kriege von verhältnismäßig kurzer Dauer, könne in dem gegenwärtigen Kriege schon für immer überwunden und am Boden, gehalten werden? Das scheint uns unmöglich, sogar gesezt den Fall, daß der Krieg für England mit einem Kolonialverlust und einer beträchtlichen Schwächung der Flotte, der Finanz- und Wirtschaftsfraft enden würde. Selbst verkleinert wird sich der großbritannische Staat wirtschaftlich und politisch nur um so fester zusammenschließen und so erst aus einem Nebeneinander einzelner Gebiete zu einem eigentlichen Weltreich werden. Davon zu schweigen, daß eine Schwächung Englands die Macht Rußlands namentlich in Asien, aber auch in Europa stärkt. Gegen eine naiv siegesberauschte Auffassung der Dinge spricht die Geschichte der Kolonialkriege des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, spricht das Schicksal der napoleonischen Feldzüge, alles Weltkriege um Weltherrschaft, die gemessen an der zwerghaften kapitalistischen Entwicklung ihrer Zeit nicht minder weit gespannt und bedeutsam waren als der heutige blutige Zusammenstoß der Staaten. Unter Umständen wird Belgiens Schicksal wie Elsaß- Lothringen beweist eine Quelle der Unruhe im neuen Europa" sein, dessen Zufunftsgestaltung, noch ehe daß sie vollendete Tatsache ist, bereits den Appetit Italiens auf Erweiterung seiner Grenzen bedrohlich gereizt hat. Die durch den Krieg von 1914 gesteigerte Spannung zwischen den Vereinigten Staaten und Japan eröffnet den Ausblick auf große Kämpfe um die Verteilung der Welt am Stillen Ozean. Vergessen wir außerdem die Stärke der subjektiven, der menschlichen Kräfte nicht, die durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse geweckt und von ihr getragen werden, denen die kapitalistische Weltmachtspolitik Richtung und Ziel zu geben vermag. In allen Ländern mit weit gediehener kapitalistischer Entwicklung wird das größere Vaterland", wird Weltherrschaft als eine Notwendigkeit nicht nur von den einflußreichsten Gesellschaftsschichten angestrebt, sondern von allen Bevölkerungsschichten empfunden, die auf dem Boden der bürgerlichen Ordnung stehen und diesen Boden erhalten wollen. Außerdem haben die Ereignisse bewiesen, daß die Weltmachtspolitik international über Formeln verfügt und Schlagworte prägen kann, die zauberkräftig auch die proletarischen Massen ergreifen und fortreißen, ja deren sozialistische Vorhut und viele ihrer Führer in einem ungeahnten Maße verwirren. Man täuscht sich an einem Gemisch von Wahrheit und Dich tung, wenn man den Regierungen, die allein den Krieg wollten", die Völker gegenüberstellt, die vom Friedenswillen durchdrungen waren. In allen friegführenden Staaten konnte die Regierung nur zum Schwert greifen, weil trok aller Friedenskundgebungen die sehr große Mehrzahl des Volkes sich so gut wie einheitlich um sie scharte. Aus dem entbrannten Krieg selbst aber dürften höchst wahr scheinlich viele alles andere heraushören als Berta v. Suttners Mahnruf:„ Die Waffen nieder!" Massenstimmungen sind keine Rechenerempel nach Adam Riese; sie lassen sich nicht nach einem Schema F geradlinig aus den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zuständen eines Landes und einer Zeit Nr. 8 allein ableiten, nicht nach der Größe der Opfer an Gut und Blut abschätzen, die gefordert werden, der Gewinne, die vielleicht winken. Der ungeheure, phantastische Kraftaufwand des gegenwärtigen Krieges schafft unstreitig selbstverständlich auf historisch gegebener Grundlage für die Massen aller Länder eine eigene Psychologie, in der die von der Vergangenheit vererbten Traditionen mit Bedürfnissen, harten Wirklichkeiten der Gegenwart und schillernden Zukunftshoffnungen zusammenfließen. Der Kampf der Staaten um Weltmacht entfesselt bei den einzelnen Menschen Instinkte, Wünsche, Leidenschaften, Energien, fordert geistige und sittliche Kräfte heraus, für deren freies und starkes Wirken die kapitalistische Ordnung in Zeiten friedlicher Entwicklung keinen Spielraum gewährt, die sich nur in einer revolutionären Atmosphäre entfalten können. Wir mögen noch so unbeugsam die Ziele ablehnen, die solche subjektive Mächte hervorlocken, die Losungen, denen diese gehorchen, und die Formen, in denen sie sich äußern: ihren Wert und ihre Bedeutung als Faktoren im politischen Leben dürfen wir nicht unterschätzen. Dieser Krieg mit seinem unerhörten Umfang, den eigenartigen Bedingungen seiner Führung, seinen Anforderungen an die Kämpfer und die Daheimgebliebenen greift so bestimmend in das Leben der Massen ein, daß die von ihm erzeugte Stimmung kaum mit dem Friedensschluß verrauschen wird, auch wenn dieser die Völker bis zum Weißbluten erschöpft findet. Aus der vorhin angedeuteten wirtschaftlichen Entwicklung kann ihr reichliche Nahrung zuwachsen. Wir glauben daher nicht, daß auf den blutgedüngten Feldern des Weltkriegs die weiße Lilic des Weltfriedens emporsprießt. Stempelt diese Auffassung den sozialistischen Mahnruf zum baldigen und dauernden Frieden, nicht zur Selbsttäuschung, ja zur Farce? Mit nichten! Als Sozialisten erfassen wir das widerspruchsvolle Spiel der geschichtlichen Entwicklung. Neben den dinglichen und menschlichen Kräften, die zu künftigen Kriegen treiben, erblicken wir andere, die den Frieden vorbereiten. Jedoch ob die Kräfte des Friedens die kriegsschwangeren Gewalten der kapitalistischen Weltmachtspolitik künftig zu hemmen und zu überwinden imstande sein werden, das hängt letzten Endes von der Reife ab, mit der die ArbeiterKlasse aller Länder ihre ganze Stärke und Bedeutung für das Ideal der proletarischen Solidarität, der Völkerverbrüderung einsetzen wird. Nicht bloß national, nein international geschart um das alte sozialistische Banner, aber den Geboten der neuen Taktik gehorchend, die aus veränderten geschichtlichen Bedingungen geboren werden. Diese Reife vorzubereiten ohne trügerische Illusionen und ohne lähmenden Kleinmut, flar in der Erkenntnis, fest im Willen, opferbereit im Tundas ist der Entschluß, mit dem die Sozialisten unter den Flammenzeichen des Weltkriegs über die Schwelle des neuen Jahres treten. Frauenversammlungen während des Kriegs. In vielen Orten des Reiches haben seit Kriegsausbruch Frauenversammlungen stattgefunden, die sich eines sehr starken Besuches erfreuten. Durchweg haben sie sich mit den Maßnahmen der Hilfsaktionen befaßt, die in allen gröBeren Orten unternommen worden sind. Den Frauen ist in diesen Versammlungen Rechtsbelehrung erteilt worden über ihre Ansprüche an die städtischen und staatlichen Unterstügungen, über das Mietsrecht, die Mietsbeihilfe und die in vielen Orten eingerichteten Mietsämter. Es wurde ihnen mitgeteilt, wo sie ihre Kinder unterbringen können, wenn sie selbst der Erwerbsarbeit nachgehen, wo Arbeitsgelegenheit nachgewiesen wird, wer bei Krankheit und im Wochenbett ihnen beisteht und sie pflegt und vieles andere mehr. Und diese Belehrungen waren den meisten Frauen nicht nur Wegweiser und Ratgeber bei materieller Not, sie waren ihnen vielmehr eine Erlösung aus der Vereinsamung, eine Nr. 8 Die Gleichheit Befreiung vom Gefühl des Verlassenseins, oft genug von Verzweiflung. " Ende November und Anfang Dezember haben auch in Berlin eine Anzahl stark besuchter Frauenversammlungen stattgefunden, deren Tagesordnung lautete:„ Wer hilft den Frauen der Krieger und der Arbeitslosen? Unter diesem Thema ist zunächst die ganze Hilfsaktion besprochen worden, wie wir sie in Nr. 1 der Gleich heit" eingehend geschildert haben. Es wurde des weiteren dargelegt, welche Anträge der Parteivorstand und die Generalkommission der Gewerkschaften der Regierung unterbreitet haben, um eine durchgreifende Fürsorge für die Kriegerfrauen und für die Arbeitslosen herbeizuführen; welche Vorschläge die gleichen Körperschaften der Regierung machten, damit die Bevölkerung bestmöglich mit Nahrungsmitteln versorgt und durch die Festsetzung von niederen Höchstpreisen vor der Auswucherung durch Spekulanten bewahrt werde. Bei dem allem wurde wieder und wieder betont, daß es ein soziales Recht ist, das die Frauen der Krieger und die Arbeitslosen in Anspruch nehmen, wenn sie sich ihre Unterstüßung holen, ein Recht, das für die Frauen der Einberufenen zudem gesezlich anerkannt worden ist. Es wurde gesagt, daß die Empfangenden deshalb zwar freundlich und höflich zu sein hätten, wie es sich für jeden anständigen Menschen geziemt, jedoch nicht kriechend und hundedemütig. In den Versammlungen wurde aber auch die Frage aufgeworfen, ob denn nur Staat und Gesellschaft Pflichten gegen die Frauen zu erfüllen hätten oder ob nicht auch die Frauen Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllen müßten? Und diese Frage wurde mit einem sehr energischen und nachdrücklichen Jawohl! beantwortet. Auch die Frauen haben ernste, unabweisbare, heilige Pflichten gegen die Gesamtheit zu erfüllen, vor allem aber auch gegen unsere im Felde stehenden Genossen. Täglich müssen diese aufs neue durch all das Grauen des furchtbaren Krieges hindurch. Sie haben die fast übermenschlichen Strapazen der Riesenmärsche, der Sturmangriffe im feindlichen Kugelregen, die harten Beschwerden in den Schüßengräben zu ertragen. Und zu den körperlichen Leiden gesellen sich die seelischen Qualen: der Schmerz und die Trauer über die Verwüstung blühender Fluren, prächtiger Städte, idyllischer Dörfer, über die Vernichtung herrlicher Denkmäler alter Baukunst, Meisterwerke der Malerei, Erzeugnisse der Literatur, Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen. Stärker aber, weit stärker als die herbe Trauer um die Zerstörung so vieler Kulturwerte ist der bohrende Schmerz um die Massenvernichtung warmen Menschenlebens, um den Verlust so vieler treuer Kameraden, die bald rechts, bald links von den Genossen, bald vor ihren Augen, bald hinter ihrem Rücken fallen, bis schließlich sie selbst an die Reihe kommen. Das alles zu ertragen, dazu gehört viel, sehr viel Körper- und Nervenkraft. Während die Soldaten im Felde Riesenopfer bringen, fönnen sie von denen in der Heimat und insbesondere von ihren Frauen eines fordern: daß diese alles tun, damit die Angehörigen der Krieger, die Kinder, Eltern, Geschwister und nicht zuletzt das eigene Weib gesundan Körper und Geist erhalten bleiben. Und darum haben wir auch Sorge zu tragen, daß der Geist der Roheit, der Barbarei, der Völkerberhezung keine Stätte in den Familien der Volksmassen findet. Die Mütter sollten ihren Kindern wieder und wieder sagen, daß die Russen, die Franzosen und die Engländer, die im Kriege den Deutschen und Österreichern gegenüberstehen, nichts anderes tun, als was diese ihnen tun; daß auch sie ebenso wenig wie wir den Krieg gewollt haben, und daß sie ebenso wie unsere Krieger in dem Glauben fämpfen, ihr Vaterland mit Aufbringung aller Kräfte verteidigen zu müssen. Sie sollten ihren Kindern sagen, daß jeder der Soldaten auf der anderen Seite daheim auch eine Mutter hat, die um ihn sorgt und weint; daß die meisten daheim auch Weib und Kinder zurückgelassen haben, die täglich mit bebender Lippe die Frage wiederholen: Ob unser Vater noch lebt? Ob er gesund heimfehren wird? So sollen die Mütter den Geist edler Mensch43 lichkeit in den Kindern wachhalten und ihre Herzen für ein großes Erbarmen und ein schönes Mitgefühl empfänglich machen. Dank ihnen darf das schöne Goethewort im Kriege nicht vergessen oder gar verpönt werden:„ Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Wie wir uns innerlich zum Kriege stellen, wie sehr wir uns unablässig gegenwärtig halten, daß es eine harte, bittere Not-wendigkeit ist, die uns in das blutige Ringen mit unseren früheren Kampfesgenossen getrieben hat; in wie hohem Maße die sozialistischen Ideale in Herz und Hirn lebendig bleiben und all unser Tun bestimmen, davon wird es auch wesentlich abhängen, wie wir nach Beendigung des Krieges überall wieder leicht und schnell die notwendige kostbare Verständigung finden und das Band internationaler Kameradschaft und Freundschaft neu und fest knüpfen können. Doch noch eine weitere Pflicht wurde den Frauen ins Gedächtnis gerufen: die Pflicht im Dienste der Parteiorganifation, der Gewerkschaften und der Genossenschaften wie für die Verbreitung der Parteipresse zu wirken. Beides: die Organisationen und die Presse sind Kulturwerke, die sich die Arbeiter selber geschaffen haben, und nicht zulezt haben die Genossen, die jezt im Felde stehen, ihre beste Kraft dafür eingesezt. Es wäre das Böseste und Schlimmste, was wir ihnen antun könnten, wenn wir etwas unterlassen würden, das notwendig ist, diese beiden Einrichtungen, die besten Waffen für den sozialen Aufstieg des Arbeitsvolkes und seine Befreiung, intakt zu erhalten, oder wenn wir gar etwas täten, was diese Waffen zu schädigen vermöchte. Frauen, die bisher noch nicht bei uns organisiert waren, sollten jezt in unsere Reihen treten, und die Tatsache ihres Eintritts im Feld postbrief ihrem Manne mitteilen. Eine größere Freude könnten sie diesem sicher nicht machen. Die bereits organisierten Frauen aber müssen mit verdoppelter Kraft in der Organisation und für sie wirken. Ferner: ohne Zeitung fann gegenwärtig fein Mensch sein. Die Frauen der im Felde Stehenden sollten deshalb die Parteipresse abonnieren und nachdem sie selbst sie gelesen, per Feld post ihrem Manne senden. Das Verschicken kostet bekanntlich nichts. In ihren Feldpostbriefen schreiben die Genossen, daß sie geradezu hungrig sind nach sozialdemokratischer Zeitungslektüre, daß jeder Feßen Papier gelesen wird. Da wäre es unverantwortlich, wenn die Genossinnen, die Kriegerfrauen ihren Männern nicht täglich die Parteizeitung schicken würden. Handeln die Frauen in diesem Sinne, so haben auch sie ihre Pflicht erfüllt. Ein starkes Band schöner Solidarität wird die Heimgebliebenen umschlingen, sie werden bereit und wohlgerüstet sein, die Heimkehrenden zu empfangen, wenn erst der furchtbare Krieg beendet sein wird und wir alle wieder gemeinsam für die Verwirklichung der hohen Ideale des Sozialismus wirken können. In allen Versammlungen wurden diese Darlegungen freudig aufgenommen. Es meldeten sich zahlreiche Frauen zum Eintritt in die Partei, und in vielen Briefen an das Bureau sprachen sie ihren Dank aus für die Reden, die sie innerlich aufgerichtet und getröstet hätten. Luise Zieg. Wir Frauen. Wir Frauen in des Alltags Joch, Wir hoffen doch, wir harren doch Ist sie auch weit, es kommt die Zeit Der freien, frohen Menschlichkeit. Noch lastet schwer auf uns die Not, Die Sorg' ums Brot, die Not ums Brot, Doch tragen wissend wir das Joch Und hoffen doch! Und kämpfen doch! Und, wissen, daß nach Kampf und Leid Erstrahlt das Licht der Menschlichkeit! Betty Scherz. 44 Notizenteil. Dienstbotenfrage. Die Gleichheit Streif und Sperre von Dienstmädchen in London. In der Kriegszeit ist ein Ereignis wenig beachtet worden, das unter anderen Umständen sicher Aufsehen erregt und viele Federn in Bewegung gesetzt hätte. London hat seinen ersten Dienstmädchenstreit erlebt, der als eine regelrechte gewerkschaftliche Aktion geführt wird, aber wie viele solcher Aktionen in England nur einen eng begrenzten Umfang hat. Ursache des Konflikts war die schlechte Behandlung, die eine Londoner Beamtengattin ihrem Hauspersonal zuteil werden läßt. Ein Mädchen, das sich durch diese Behandlung geschädigt fühlte, wendete sich an seine Organisation, die„ Domestic Workers' Union" ( Gewerkverein der Dienstboten). Nach erfolglosen Verhandlungen verhängte diese Gewerkschaft Streit und Sperre über den Haushalt der despotischen Dame. Es wurden sofort Streitposten ausgestellt, die zum großen Ärger der„ Gnädigen" aufs beste ihres Amtes walteten. Die bestreifte Dame appellierte an die Polizei, jedoch ohne Erfolg, weil die Streifposten der Dienstmädchen aufs strengste alle behördlichen Vorschriften beachteten. Nun ließ die Dame eine Bewerberin um die Stelle im Auto kommen, um sie vor der AufKlärung durch ihre Arbeitsschwestern zu behüten. Allein auch das fruchtete nichts. Bis vor kurzem war es ihr nicht gelungen, die Sperre zu brechen und ein Mädchen zu erhalten. Der Gewerkverein, der so energisch die Interessen der Dienenden wahrnimmt, ist erst vor ungefähr drei Jahren gegründet worden und hat wie seine festländischen Schwesterorganisationen große Schwierigkeiten zu überwinden. Der allgemeinen englischen Gewerkschaftsbewegung ist er durch eine offizielle Vertretung auf den Jahreskongressen der Trade Unions eingegliedert. Im letzten Jahre hat er auch Anschluß an die internationale sozialistische Frauenbewegung gewonnen und ist im Internationalen Frauenrat der Sozialistischen und Arbeiterorganisation Großbritanniens" vertreten. Um die Die nenden aufzuklären und zu organisieren, hat er viele Meetings im Freien abgehalten namentlich in London. Auch die Gesetzgebung sucht der Gewerkverein zugunsten der Mädchen zu beeinflussen. So veranstaltete er eine Demonstration, um gegen den Gesegentwurf über Führungszeugnisse für Dienende zu protestieren. " 1 Für den Frieden. o. p. Friedensarbeit nud Friedenswünsche der holländischen Genoffinnen. Während auf den Schlachtfeldern die Völker sich in furchtbarem Ringen messen, entfalten unsere Genossinnen in den Niederlanden eine rege Tätigkeit für den Frieden und die internationale Solidarität. Selbstverständlich sind sie auch eifrig und opferbereit am Werk, um der entseglichen Not zu steuern, die im Gefolge des Kriegs das neutrale Holland überflutet. Man denke nur an das Elend der Hunderttausende belgischer Flüchtlinge! Handel und Wandel leidet in großem Umfang unter den Maßnahmen der kriegführenden Staaten, unter dem Seekrieg. Die Arbeitslosigfeit greift um sich. Kurz, der Krieg schafft auch dem Volke der Niederlande schwere Leiden und Nöte, gegen die unsere Genossinnen den Stampf tapfer führen. Jedoch sind sie sich klar darüber, daß sie ihre Kräfte in diesem Kampf nicht erschöpfen dürfen. Ebenbürtig stehen daneben ihre Bemühungen, einen baldigen Frieden herbeizuführen und die Bande zu erhalten und zu festigen, die die sozialistischen Frauen aller Länder miteinander verknüpfen. Davon legt das Leben in den Propagandaflubs Zeugnis ab, das beweisen Versammlungen und die Artikel der Proletarische Vrouw". Seit dem Ausbruch des Kriegs ist ein großer Teil des Blattes um nicht zu sagen der größte der Agitation für den Frieden gewidmet. Immer wieder und immer wieder wird vom sozialistischen Standpunkt aus das Wesen des gegenwärtigen Weltfriegs aufgezeigt, wird mit neuen Tatsachen und Gründen bewiesen, wie bitter not den Völkern Friede und Brüderlichkeit tut, und daß die Frauen in den vordersten Reihen des Wirkens für diese Ideale stehen müssen. So schrieb„ De Proletarische Vrouwv" letthin: ,, Der Krieg ist entbrannt, ohne daß die Frauen irgendwelchen Einfluß darauf ausüben konnten. Trotzdem müssen die Frauen ihren Friedenswillen kund tun, haben sie bereit zu sein, laut und deutlich zu sagen, wie der Friede aussehen muß, den sie fordern. Denn die Frauen müssen ja das lebendige Kriegsmaterial liefern, ihre Söhne werden auf die Schlachtfelder geführt. Männer, die sich bis dahin nie gesehen haben, töten und verwunden einander auf die entsetzlichste Weise. Eben soviel Frauen werden dadurch für immer in Kummer und Sorge gestürzt." Wir müssen die trefflichen Ausführungen über die treibenden Kräfte des jezigen Krieges übergehen. Dem Ringen der Staaten wird die internationale Solidarität der Arbeiter gegenüber gestellt, die kein leerer Wahn, " Nr. 8 feine sinnlose Phrase ist. Auf die größte Interessengemeinschaft begründet, muß sie der Menschheit den Weltfrieden, den Sozialismus bringen. Frauen Hollands, seid bereit, eure Stimme für den Frieden zu erheben. Denn wie der Friede aussehen wird, davon hängt unsäglich viel für das Geschick der Menschheit, für das Nahen des Sozialismus ab. Der künftige Friede muß die Gewähr in sich tragen, daß er zu keinem neuen Krieg mehr führt. Das besagt, daß jedem Land seine nationale Unabhängigkeit verbleiben muß, daß keines unter eine Fremdherrschaft gebeugt wird. Aber der künftige Friede muß auch die Ansätze zur allgemeinen Abrüstung in sich schließen. Der Krieg, der in den beteiligten Ländern die Männer in den Tod zwingt, wird den Frauen überall predigen, wie notwendig es ist, für den Sozialismus zu wirken. Es wird sich dabei zeigen, daß die Frauen international nicht getrennt worden sind, sondern sich verbunden fühlen in dem Wollen eines dauerhaften Friedens als der ersten Voraussetzung für bessere Zustände, die den Sozialismus vorbereiten helfen. Genossinnen, darum rechnen wir auf euch, wenn der Friede naht. Ihr müßt die Ideen des Sozialismus und also auch die der Völkerverbrüderung und des Weltfriedens unter den Frauen des Volkes verbreiten. Das ist eure schöne Aufgabe des Augenblicks. Erfüllt sie mit Hingabe, mit Begeisterung, bis die Zeit des Handelns gekommen ist. Wir rechnen auf euch!" A. F. Friedensbewegung der Kinder in den Vereinigten Staaten. Auf Veranlassung von Katharine Devereur- Blake hat sich in den Vereinigten Staaten ein Komitee von Frauenstimmrechtlerinnen gebildet, deren Aufgabe es ist, die Kinder für die Unterzeichnung einer Friedenspetition an die Staatsoberhäupter der kriegführenden Nationen zu gewinnen. Das Komitee wird sich bei seiner Agitation der Vermittlung der Schulen bedienen, die Schulaufsichtsbehörde von New York unterstüßt das Vorhaben. Kinderorganisationen sollen gegründet werden, die für den baldigen Friedensschluß in dem gegenwärtigen Krieg wirken und der Erziehung für die grundsägliche Friedensidee dienen. Wenn die eingeleitete Tätigkeit der Frauenstimmrechtlerinnen Erfolg hat, so wird in jedem Staat der nordamerikanischen Union ein Stind gewählt, und die Gewählten sollen dann mit den Petitionen nach Washington reisen und sie dort den Gesandten der fremden Mächte überreichen. Der Brief, den die Kinder an die Oberhäupter der kriegführenden Staaten senden sollen, lautet nach, Jus Suffragii", dem Organ des„ Weltbundes für Frauenstimmrecht“:„ Wir, die Unterzeichneten, Kinder von Amerika, bitten zusammen die Herrscher dieser großen Nationen einen sofortigen Waffenstillstand zu beantragen und die Streitigkeiten der kriegführenden Nationen dem Haager Schiedsgericht zu einer friedlichen und gerechten Lösung zu unterbreiten und zu versprechen, alle fünftigen Streitfragen in der nämlichen Weise friedlich zu erledigen. Wir sind die Kinder und Enkel eurer früheren Untertanen, viele von uns sind durch Blut und Zuneigung mit den Soldaten verbunden, die nun auf verschiedenen Seiten um Leben und Tod in diesem entsetzlichen Kriege gegeneinander kämpfen. Wir flehen euch an, diesem schrecklichen Schlachten Einhalt zu gebieten, denn er erscheint uns wie ein wilder Ansturm gegen die Zivilisation. Wir bitten euch deshalb im Namen der hilflosen Kinder Europas und Asiens, die ihrer Väter und Erzieher beraubt sind und die durch die vom Krieg geschaffenen gräßlichen Zustände in nicht wieder gut zu machender Weise geschädigt werden." Ein Brief von Miß Blake an die Kinder erklärt diesen, warum sie die Petition unterzeichnen sollen. In einfachen, ernsten Worten. schildert er die Wirkungen des Krieges und erinnert an das Wort Benjamin Franklins:„ Es hat noch nie einen guten Krieg oder einen schlechten Frieden gegeben." Miß Blake und ihre Mitarbeiterinnen im Komitee werden kaum glauben, durch eine Kinderpetition aus Amerita dem Völkerringen ein Ziel zu setzen. Allein ihr Vorhaben ist nicht nur bezeichnend für die Stimmung großer Frauenkreise, sondern enthält auch einen er zieherischen Gedanken von hohem Werte. Die Kinder können nicht früh und nicht eindringlich genug mit dem Jdeal der Solidarität aller Bölfer und des Friedens durchdrungen werden. Frauenstimmrecht. Fraucu als Parlamentsmitglieder in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die legten allgemeinen politischen Wahlen in der Union haben vier Frauen Sitz und Stimme in den gesetzgebenden Körperschaften gebracht. Es wurden gewählt: Frau Willard Muods in den Senat von Arizona; Fräulein Marian Tours in das Unterhaus von Oregon; Frau Hearty in das Unterhaus und Fräulein Ring Robinson in den Senat von Kolorado. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Die Nachf. 6.m.b.5. in Stuttgart.