Nr. 11 25. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 19. Februar 1915 Worauf es ankommt. Krieg und Volksernährung. Frauenversammlungen in der Schweiz.- Aus der Partei. Gewerk schaftliche Rundschau. Notizenteil: Fürsorge für Mutter und Kind.- Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Für den Frieden.- Frauenstimmrecht. Die Frau in öffentlichen Ämtern. Verschiedenes. Worauf es ankommt. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Erpedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Ausgangspunkt bei allen ohne Ausnahme ist die Versicherung, daß man den Frieden wünsche. Fragt man den Reichskanzler Bethmann Hollweg, so wird er selbstverständlich ausrufen: Aber Deutschlands Reichsregierung wünscht ja seit Für den Frieden.- Frauenstimmrecht. Jahrzehnten nichts sehnlicher als die Erhaltung des Friedens! Beweis: alle diplomatischen Noten, die wir über die Vorgeschichte des gegenwärtigen Krieges veröffentlicht haben. Fragt man den Genossen Scheidemann, so antwortet er: Aber die deutschen führenden Instanzen der Sozialdemofratie haben seit Beginn des Krieges schon dreimal ihrem Friedenswillen Ausdruck gegeben: in den beiden Fraktionserklärungen sowie im Neujahrswunsch des Parteivorstandes an den Labour Leader. Dennoch hält heute sowohl der Reichskanzler wie Genosse Scheidemann die Betonung des Friedenswillens durch deutsche Arbeiter für verfrüht und unangebracht. Der Friede sei noch nicht reif, die Zeit dafür noch nicht gekommen. Vorläufig sei die Losung: Durchhalten!" das heißt ,, Durchhalten!" das heißt weiter Krieg führen. Immer zahlreicher werden die Kundgebungen, in denen sozialistische Frauen aller Länder das Banner des Friedens erheben. In der ersten Reihe dieser Genossinnen stehen nun zum Ruhm der proletarischen Internationale die sozialistischen Frauen Frankreichs. Im Herzen des internationalen Sozialismus, das für die Sache der Arbeiterklasse ganz Europas seit mehr wie einem Jahrhundert so oft schon geblutet hat, in Paris haben tapfere Frauenhände der chauvinistischen Meute zum Troß und unbekümmert um die Fallstricke einer ,, vaterländischen" Zensur den Aufruf der internationalen Sekretärin für den Frieden verbreitet. Das Echo dieser mutigen sozialistischen Tat wird den Friedenswillen der proletarischen Frauen in allen Ländern stärken. Die klassenbewußten Proletarierinnen werden die Losung des Friedens sicher nicht für einen Augenblick mehr fallen lassen. Es ist dies ihr erster und bedeutsamster Anspruch auf eine geschichtliche Rolle in diesen furchtbaren Zeiten. Die Frauen des Proletariats aller Länder sind es, die als erste über die Schlachtfelder hinweg einander die Hand reichen, um gemeinsam für die Rückkehr des Friedens und der Zivilisation zu wirken. Dieses Anzeichen des wiedererwachenden Sozialismus als eines geschichtlichen Faktors ist zugleich ein Anzeichen dafür, daß in der neuen proletarischen Internationale, die aus den Trümmern auferstehen muß, dem weiblichen Geschlecht eine viel tätigere Rolle, eine viel höhere Mission zufällt als bisher. " Doch um den Friedenswillen der sozialistischen Frauen zur wirksamen Kraft zu gestalten, müssen wir uns klar werden über den eigentlichen Sinn und Charakter dieser Losung. Der Wunsch nach Frieden" besagt an sich noch gar nichts. Mit frommen Wünschen ist, wie es heißt, der Weg zur Hölle gepflastert. Und wahrhaftig, der Weg zur gegenwärtigen Hölle des nie dagewesenen Weltkriegs ist buchstäblich mit frommen Friedenswünschen der sozialistischen Parteien und mit Friedensresolutionen der sozialistischen Kongresse gepflastert gewesen. Der politisch und historisch wirksame Wille darf sich nicht auf nebelhafte Ziele richten, er muß scharf, klar und rückhaltlos seine wirkliche Aufgabe ins Auge fassen. Daß aber die Losung des Friedens gar verschieden aufgefaßt und bewertet werden kann, beweist ein Blick auf unsere sozialistische Parteipresse in Deutschland wie im Ausland. Wie über die Frage des Krieges, so gehen über die des Friedens die Meinungen in unseren Reihen naturgemäß auseinander, ja sie gehen nach drei Richtungen auseinander. Fragt man, wann denn nach dieser Auffassung die Zeit gekommen sein wird, hinter die Friedenswünsche die Tat zu sezen, so ergibt sich im Grunde genommen eine einfache Antwort: Wenn die deutsche Regierung Frieden schließen wird, dann wird auch für die deutsche Arbeiterklasse die richtige Zeit gekommen sein, vom Frieden zu reden. Dieser Auffassung hat das Parteivorstandsmitglied Genosse Scheidemann Ausdruck gegeben und mit ihm eine ganze Reihe Parteiblätter sowie die Mehrheit der Reichstagsfraktion. Eine andere Strömung fam neulich in einigen unserer Blätter zum Wort, man begegnet ihr auch im neutralen Ausland, namentlich in Holland, und auf der Kopenhagener Sozialistenkonferenz machte sie sich geltend. Sie begnügt sich nicht mit dem frommen Schweigen und Abwarten. Sie betont, daß die Volksmassen ihren Friedenswunsch laut aussprechen müssen. Ja, sie legt den Nachdruck auf eine ganz bestimmte Gestaltung des Friedens, den wir zu wünschen haben. Hier treten gewisse Formulierungen auf, die sich neben der Forderung:„ keine Landerwerbungen" hauptsächlich richten auf die sogenannte„ Abrüstung", auf„ Abschaffung der geheimen Diplomatie", auf die Schaffung eines ,, europäischen Staatenbundes", und was dergleichen schöne Dinge mehr sind. In verschiedenen Variationen kehren diese Losungen immer wieder, alle von der wohlgemeinten Sorge diktiert, den Frieden, wenn er endlich kommt, nun auch dauerhaft zu machen. Was diesen wohlmeinenden Plänemachern des Friedens vorschwebt, ist das schöne Phantom vom letzten Kriege", mit dem wir uns über die Schrecken der Gegenwart trösten sollen. 62 Die Gleichheit bie Krieg und Volksernährung. Bei Ausbruch des Krieges war es sofort klar, daß die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln auf Schwierigkeiten stoßen muß, wenn sich der Krieg in die Länge zieht. Trozz aller Behauptungen, die bei Behandlung der Zollfragen seitens der Agrarier aufgestellt wurden, ist eben die deutsche Landwirtschaft unter normalen Verhältnissen nicht in der Lage, Nahrung für Menschen und Vieh in genügenden Mengen zu produzieren. An Brotforn muß ungefähr ein Drittel des konsumierten Weizens aus dem Ausland herbeigeschafft werden. Dagegen wurde in den letzten Jahren Roggen in bedeutenden Mengen aus Deutschland ausgeführt. Aber dieser Überschuß über den Eigenbedarf entstand nur, weil durch die Ausfuhrprämien die Ausfuhr zu einem besonders rentablen Geschäft für Landwirte und Händler wurde. Man baute daher Roggen im Überfluß an auf Kosten des Anbaues von Futterstoffen für das Vieh. Diese Stoffe Mais, Gerste, Reisabfälle, Stleie, Erbsen, Olsamen- wurden in gewaltigen Mengen vom Ausland eingeführt. Ferner bedarf es in normalen Zeiten der Einfuhr von Vieh( besonders Schweinen), von tierischen Produkten( Schmalz, Margarine, Butter, Eier), schließlich der Einfuhr von Gemüse, Reis, Obst. Die Statistik spricht hier eine eindringliche Sprache: im Jahre 1912 bezifferte sich der Wert der eingeführten Lebensmittel auf 2945 Millionen Markt, die Ausfuhr auf 790 Millionen Mark. Sobald nun infolge des Krieges die Zufuhr abgeschnitten wurde, entstand die Frage, wie kann für die Ernährung von Menschen und Vieh gesorgt werden? Gleichzeitig galt es aber auch, dem Wucher vorzubeugen, damit nicht einzelne, die Not des Volkes ausnüßend, die Preise in die Höhe trieben. Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands haben denn auch sofort im August der Regierung und der Öffentlichkeit einen Blan unterbreitet, der darauf hinauslief, 1. die Ernte möglichst sorgfältig zu besorgen, 2. dem Boden abzuringen, was irgend noch möglich war( im August war noch manche Möglichkeit gegeben, bis Eintritt des Winters den Boden auszunüßen, zum Beispiel durch Anbau schnell wachsender Futterfräuter), 3. eine rationelle Verwertung der vorhandenen Vorräte herNr. 11 beizuführen, 4. der Preistreiberei entgegenzutvirken.- Diese Vorschläge wurden zunächst wenig beachtet. Es mag daran vor allem der Siegesrausch der ersten Kriegswochen schuld sein. Die deutschen Truppen besetzten Belgien und standen nach furzer Zeit in der Nähe von Paris, drangen in Polen vor, ohne ernsthaften Widerstand zu finden. Da mochten die„ maßgebenden Streife" glauben, der Krieg würde in furzer Zeit siegreich zu Ende geführt werden und man brauche sich um die Zukunft nicht zu sorgen. Es kam anders, und die Dinge stehen heute so, daß ein Ende des furchtbaren Ringens jegt, nach einem halben Jahre, nicht abzusehen ist. " Jene Sorglosigkeit mußte sich indessen schwer rächen. Da man zunächst alles dem beliebten freien Spiel der Kräfte" überließ, wurde eine Vergeudung von Nahrungsmitteln getrieben, die unverantwortlich ist. So stellte sich vor allem heraus, daß gewaltige Mengen von Roggen als Viehfutter verwendet wurden. Zwar wurde vor solchem Treiben eifrig gewarnt, auch die Regierungen und die Organisationen der Landwirte erhoben ihre Stimme dagegen, nur nützte das herzlich wenig. Für den einzelnen Landwirt aber stand die Sache so, daß vor allem sein wertvollstes Besitztum, das Vieh gefährdet war. Am Vich hängt vor allem das Herz des Bauern, es ist, abgesehen von dem materiellen Wert, sein Stolz. Nun wurden sofort die Preise sämtlicher Futtermittel von den Spefulanten unheimlich in die Höhe getrieben; Hafer und Gerste waren bald so teuer wie der Roggen, ja vielfach wurden sie zurückgehalten waren überhaupt nicht zu haben. Wer will sich da wundern, wenn der Bauer, ehe er seine Tiere hungern ließ, Roggen, der noch in der Scheune oder in den Mieten lag, verfütterte und ebenso Kartoffeln. Nicht minder schlimm war, daß große Mengen Roggen und Kartoffeln in den Brennereien zu Schnaps verarbeitet wurden; Endlich griff der Bundesrat ein: am 28. Oktober erging eine Verordnung, die Höchstpreise für Brotgetreide festsetzte, die Verfütterung von Roggen verbot, die Branntweinbrennerei einschränkte. Dabei wurden was die Hauptsache war für Futtermittel keine Höchstpreise eingeführt, und deshalb mußte auch das Verbot wirkungslos bleiben. Denn jetzt wurden die Futtermittel teurer als Roggen, und da hieß es dem Bauern zu viel zumuten: er sollte seinen Roggen billiger verkaufen als den Hafer oder die Gerste! Es ist begreiflich, daß er da lieber die Strafe riskierte. Ein rationelles Haushalten mit den vorhandenen Bodenerzeugnissen war eben nur möglich, wenn man von Anfang an, solange noch die ganze Ernte zur Verfügung stand, eingegriffen hätte. Es galt vor allem die Ernährung der Menschen sicherzustellen, und zu diesem Zweck hätte die Verfügung über Brotforn und Kartoffeln durch Verstaatlichung der Vorräte dem einzelnen entzogen werden müssen. Dann galt es die vorhandenen Futtermittel so zu verwerten, daß eine möglichst große Anzahl Tiere damit hätte durchgehalten werden können. Hierbei mußte vor allem dafür gesorgt werden, daß die Milchfühe erhalten werden und das Arbeitsvieh, erst darüber hinaus wäre das Schlachtvieh zu berücksichtigen. Weil der gesamte Viehbestand nicht durchgehalten werden kann, wäre es notwendig gewesen beizeiten einen Teil zu schlachten, da ja heute die Mittel gegeben sind, in Kühlräumen Fleisch für lange Zeit aufzubewahren und auch auf andere Weise es zu konservieren. Durchführbar wäre das nur gewesen, wenn unverzüglich großzügige Genossenschaften der Landwirte geschaffen worden wären und die Städte ihrerseits mitgewirkt hätten durch planmäßige Arbeit bei Aufstapelung der Vorräte. Nur so konnte das Interesse der Allgemeinheit und gleichzeitig der Landwirte gewahrt werden. Das wären wahrhaftig noch lange keine sozialistischen Maßnahmen gewesen, denn nach wie vor hätte Kauf und Verkauf der Produkte als Ware stattgefunden, nach wie vor wären die Produktionsmittel Privateigentum geblieben, nach wie vor Nr. 11 Die Gleichheit wäre die Produktion in der Form der Lohnsflaverei erfolgt. Aber es wären wenigstens bürgerliche soziale Maßnahmen größeren Stils gewesen, die segensreich gewirkt hätten. Indessen der Staat kann sich auch während des Krieges, ja dann erst recht, dem Einfluß fleiner aber mächtiger Gruppen von Besitzenden nicht entziehen. Die Anarchie und die skrupellose Spekulation dauerten denn auch fort. Die Höchstpreise wie das Verbot der Verfütterung von Brotgetreide wurden umgangen. Durch bloßes Reglementieren, Verbieten, Befehlen läßt sich auf sozialwirtschaftlichem Gebiet wenig erreichen. Daher sah sich die Regierung schließlich gezwungen, zur Enteignung der noch vorhandenen Vorräte an Korn und Mehl zu schreiten. Aber auch in anderer Hinsicht ist die Versäummis schädlich. Man stellt jetzt plötzlich die Kommunalverwaltungen vor die Riesenaufgabe, die Getreidevorräte aufzukaufen, für die Aufspeicherung, für die Verteilung des Getreides an die Mühlen und des Mehles an die Bäcker zu sorgen, außerdem Fleisch aufzukaufen und zu konservieren. Der Apparat, den der Handel hier geschaffen hat, ist überaus kompliziert, das Getreide geht durch die Hände verschiedener Zwischenhändler, ehe es an den Müller, das Mehl, che es an den Bäcker gelangt, und der Kredit spielt dabei eine große Rolle. Es wird abzuwarten sein, ob sich die Kommunalverwaltungen der Aufgabe gewachsen zeigen, aber es ist leicht abzusehen, daß es zu manchen Fehlgriffen kommen muß, eben weil die Aufgabe so plötzlich gestellt ist. Im August, als das Getreide noch zumeist bei den Landwirten lagerte, wäre die Regelung jedenfalls viel leichter gewesen. Soweit die Vorräte an Brotkorn reichen, werden sie nun zu dem bisherigen, allerdings sehr hohen Preise verkauft werden. In der sozialdemokratischen Presse machte ein Artikel die Runde, in dem ausgeführt wurde, die Beschlagnahme der Vorräte bedeute Brot für alle". Es kommt darauf an, daß auf dem Wege der Kommunalpolitik mit ganz anderer Energie als bisher versucht wird, der Arbeitslosigkeit zu steuern, damit die Zahl jener, die es nicht können, möglichst gering bleibt. Aber auch eine andere Aufgabe entsteht: soll an Brot gespart werden, so muß dafür gesorgt werden, daß auch andere Nahrungsmittel möglichst ausgiebig produziert werden. Hier läßt sich manches erreichen, wenn der Gemüsebau mit allen Mitteln gefördert wird. Gerade die Monate vor der Ernte sind gewöhnlich die Zeit, in der es der sorgsamen Hausfrau am schwersten wird, den Tisch zu bestellen. Für diese Zeit gilt es vorzusorgen mit allen verfügbaren Mitteln. Auf dem Lande gilt es, den Anbau von Frühkartoffeln auszudehnen; ferner gilt es, den Gartenbau zu pflegen, da besonders der Gemüsebau, für den sich viele Gegenden Süd- und Westdeutschlands eignen, arg vernachlässigt ist; selbst die Verteilung von Parzellen, die als Baugrund in den Großstädten brachliegen, an Arbeiterfamilien kann hier von einigem Nuzen sein. Dazu bedarf es freilich weitausgreifender und wohldurchdachter Drganisation, denn es muß betont werden, daß gerade heuer die Frühjahrsbestellung infolge des Mangels an Arbeitsvieh sich schwerer gestalten wird als in normalen Zeiten. Wir wollen sehen, ob wenigstens jetzt die Zeit wahrgenommen wird für diese Aufgaben, ehe es zu spät ist. 63 nahmslos einen guten Besuch. Tausende von Frauen kamen, um in ihrer großen leiblichen und geistigen Not Nat und Hilfe, Trost, Mut und Hoffnung zu finden. Es handelt sich dabei nicht nur um Schweizerfrauen, deren Männer oder Söhne zum Schuße des neutralen Landes an der Grenze mobilisiert sind, sondern auch um Tausende von Frauendarunter viele gebürtige Schweizerinnen, deren Männer oder Söhne als Deutsche, Österreicher, Italiener, Franzosen, Russen usw. im ausländischen Militär- und Kriegsdienst stehen. Monatelang erfahren diese Frauen oft nichts über das Schicksal ihrer Lieben und sind deshalb allein schon in gedrückter und verzweiflungsvoller Stimmung. Dazu gesellt sich noch recht häufig tägliche Not und Entbehrung, weil die Militärunterstützung meist bescheiden, ja unzulänglich ist. Man bedenke ferner, daß es zahlreiche Proletarierinnen gibt, deren Männer wohl daheim, aber seit langem gänzlich oder teilweise arbeitslos find, so daß die Familien in vielen Fällen Notstands- und entehrende Armenunterstügung in Anspruch nehmen müssen. Die Arbeiterorganisationen haben getan, was sie konnten, um der Not zu steuern. Sie gründeten eigene lokale Notstandskommissionen und eine zentrale Notstandskommission der organisierten Arbeiterschaft der ganzen Schweiz, sie suchten die öffentlichen Gewalten zu gründlicher sozialer Fürsorge voranzutreiben. Tatkräftig griffen sie ein und standen den Frauen mit Rat und Tat zur Seite. Die lokalen Arbeitersekretariate und Gewerkschaften wirkten in gleicher Weise. So haben die organisierten Arbeiter für die bedrängten Frauen viel Gutes geschaffen, und ihre Leistungen haben zum guten Besuch der Versammlungen beigetragen, in denen die Zeitumstände erörtert wurden. Die Frauen bildeten immer ein aufmerksames Versammlungspublikum. Natürlich wurden sie im Geiste des Sozialismus über die Ursachen des furchtbaren Völkerkrieges aufgeklärt wie über die einzige Bürgschaft zukünftigen Friedens: die treue, unverbrüchliche Solidarität der Arbeiter aller Länder, die Aufrichtung der sozialistischen Ordnung. An der Verwirklichung dieses Ideals hat die große Masse des arbeitenden Volkes das stärkste Interesse, denn es muß im Kriege die größten Opfer an Gesundheit, Leben und bescheidenem Glück bringen, eine unermeßliche Summe von Leiden und Nöten erdulden. Ende Januar sprach unsere bewährte Vorfämpferin Genossin Balabanoff aus Mailand in den sechs Städten St. Gallen, Arbon, Winterthur, Zürich, Baden und Basel in stark besuchten Versammlungen über„ Der Krieg und die Frauen" und" Krieg und Frieden". Ihre Ausführungen kamen aus vollem Herzen und drangen zu aller Herzen. Sie waren vom höchsten Idealismus, von hingebungsvoller Liebe für das ganze Menschengeschlecht erfüllt, und lösten nicht bloß stürmischen Beifall der zahlreichen Zuhörerschaft aus, sondern hinterließen einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Wir bedauern, daß das geltende Kriegsrecht es unmöglich macht, den gedankenreichen Vortrag hier auch nur in großen Zügen wiederzugeben. Genossin Balabanoff bemerkte einleitend, daß die Kunst mit Vorliebe das tiefste Leid durch eine trauernde Mutter dargestellt hat, die den Verlust ihres Kindes beklage. Eine einzelne Figur genüge aber nicht mehr zur Darstellung des unendlichen Jammers, den der traurige Weltkrieg für Millionen gebracht habe. Am härtesten würden die proletarischen Mütter getroffen, die in ihrer millionenköpfigen Gesamtzahl schon im Frieden die Schönheit des Lebens, Glück und Freiheit kaum kennen lernten. Nun dauert der Krieg schon gegen 200 Tage; was haben in so vielen Frauenversammlungen in der Schweiz. Tagen und Nächten Millionen Mütter gelitten! Die MutterSeit Kriegsbeginn, also während den verflossenen sechs Monaten, haben in der Schweiz an zahlreichen Orten, in gröBeren und kleineren Städten sozialdemokratische Frauenversammlungen stattgefunden, die von den Arbeiterinnenvereinen, den lokalen Arbeiterunionen oder den Bildungsausschüssen einberufen worden waren. Sie hatten wohl ausliebe werde von Kirche und Dichtkunst als das Heiligste gepriesen. Allein ohne Rücksicht auf sie hat die erstere den Krieg nicht verhindert, und die andere verherrlicht ihn. Genossin Balabanoff deckte dann als überzeugte Sozialistin den unversöhnlichen Gegensatz auf zwischen den kapitalistischen Weltmachtskriegen und dem Ideal des Sozialismus. Sie kritisierte die verwirrende und zerstörende Rückwirkung des Völker 64 Die Gleichheit ringens auf das Fühlen und Denken der werktätigen Massen. Die proletarische Solidarität muß vernichtet werden, wenn Proletarier gegen Proletarier, wenn Genossen gegen Genossen die Waffe richten. Was tun unter diesen furchtbaren Umständen die Frauen in der Schweiz? Sie waren bis jetzt still und unterwürfig, nun aber sollten sie sich rühren. Es genügt nicht, daß sie Vorträge über Krieg und Frieden hören, es genügt nicht, daß sie für die Neutralität ihres Landes eintreten. Millionen Frauen in der Welt warten darauf, daß die Schweizerinnen mit Wucht und Leidenschaft die Beendigung des Krieges, die Wiederherstellung des Friedens fordern. Von dem Schweizerlande muß ein Ruf ausgehen aus Frauenmund, so gewaltig, so unwiderstehlich, daß er die Schwestern aller Länder fortreißt, tatkräftig ihren Friedenswillen zu bekunden. Stark durch den Sozialismus und für den Sozialismus müssen sie Millionen Menschenleben retten und den Frieden bringen. Der bevorstehende sozialdemokratische Frauentag in der Schweiz bietet Gelegenheit, den Gedanken unserer Genossin Balabanoff zur Tat werden zu lassen. An ihm muß der Aufschrei zahlloser gequälter Frauen- und Mutterherzen erschallen. Frauenunterschriften könnten in Massen für eine Eingabe gesammelt werden, die den schweizerischen Bundesrat auffordert, die Initiative zu einer energischen Friedensaktion aller neutralen Staaten zu ergreifen. Der schweizerische Bundesrat sollte diese Frauenmassenkundgebung für den Völkerfrieden allen Regierungen übermitteln, und die Masse müßte ihr ein weittragendes Echo geben. Vor allem aber müßte die Friedenskundgebung die Frauen der kriegführenden Länder aufrütteln, ihrerseits mutvoll und opferbereit in breitester Öffentlichkeit die Beendigung des Krieges zu fordern. Die Schweiz ist ein internationaler Staat auch im Kriege. Das Band der Republik umschlingt einigend vier einheimische Nationen Deutsche, Franzosen, Italiener und Romanendazu kommt noch eine halbe Million Ausländer aller Nationalitäten, die auf Schweizerboden wohnen. Kein kriegführendes und kein neutrales Land, das nicht in der Schweiz Angehörige hätte, die gewiß überwiegend die schweizerischen Friedensbestrebungen tatkräftig unterstüßen würden. Unsere Frauenversammlungen und unsere sozialdemokratische Frauenbewegung in der Schweiz müssen das Ihrige beitragen zum baldigen Völkerfrieden in der Gegenwart und zu seiner dauernden Sicherung für die Zukunft durch den Sozialismus. Aus der Partei. Ant Zweiten, Dritten und Vierten dieses Monats hat die sozialdemokratische Reichstagsfraktion Sigungen abgehalten. Die Früchte ihrer Beratungen bestehen in mehreren Resolutionen. Am ersten Tage wurde beschlossen: " Die Fraktion schließt sich der über die Abstimmung Liebfnechts abgegebenen Erklärung des Fraktionsvorstandes vom 2. Dezember 1914 an. Sie verurteilt den von Liebknecht begangenen Disziplinbruch aufs schärfste. Sie weist die von ihm verbreitete Begründung seiner Abstim= mung als unvereinbar mit den Interessen der deutschen Sozialdemokratie entschieden zurück. Ebenso verurteilt sie die von Liebknecht im Ausland verbreiteten irreführenden Mitteilungen über Vorgänge innerhalb der Partei. Da der Fraktion nach dem Organisationsstatut nicht die Handhabe zu weitergehenden Maßnahmen zusteht, so muß sie die endgültige Entscheidung dem nächsten Parteitag anheimſtellen." Die Fraktion hat weiter entschieden: " Die Abstimmung der Fraktion im Plenum des Reichstags hat geschlossen zu erfolgen, soweit nicht für den einzelnen Fall die Abstimmung ausdrücklich freigegeben ist. Glaubt ein Fraktionsmitglied nach seiner überzeugung an der geschlossenen Abstimmung der Fraktion nicht teilnehmen zu können, so steht ihm das Recht zu, der Abstimmung fernzubleiben, ohne daß dies einen demonstrativen Charakter tragen darf." Nr. 11 Nach dieser schmetternden Fanfare gegen Liebknecht wurde am zweiten Tage eine bescheidene und sanfte Friedensschalmei geblasen: " Die Fraktion hat sich mit der Frage beschäftigt, wie sich ihre Mitglieder gegenüber Ersuchen der Regierung zur Mitwirkung bei politischen oder wirtschaftlichen Aufgaben verhalten sollen. Die Fraktion wiederholt ihren früheren Beschluß, daß kein Mitglied der Fraktion ohne ihre Zustimmung oder, falls sie nicht ver= sammelt ist, ohne Zustimmung ihres Vorstandes oder des Parteivorstandes die Ausführung von Ersuchen der Regierung übernehmen darf. Sie beauftragt den Vorstand, bei der Genehmigung zurückhaltend zu sein." Wie in der„ Leipziger Volkszeitung" und in anderen Parteiblättern festgestellt ist, bezieht sich diese verschämte, ohne Namensnennung abgefaßte Resolution auf den Abgeordneten Genossen Dr. Südekum. Unser Leipziger Blatt erläutert den Fall folgendermaßen: " In Nr. 12 vom 16. Januar brachten wir einen Artikel des rumänischen Sozialdemokraten Ch. Rakowski aus dem Pariser Golos, worin folgende Stelle vorkommt: Gegen uns treten zum Beispiel deutsche sozialdemokratische Abgeordnete auf.... Ihr könnt euch vorstellen, in welch schwierige Lage die sozialistischen Parteien der neutralen Länder geraten, wenn sich unsere Genossen in den friegführenden Staaten über unsere Köpfe hinweg an unsere herrschenden Klassen wenden, unser Proletariat zum Kriege aufstacheln, unseren Chauvinisten und Reaktionären die Hand entgegenstrecken und alle Arten von Renegatentum und überläufern offen fördern. Diese Säße beziehen sich außer auf französische Genossen, die in der sozialistischen Presse Frankreichs Rumänien zur Teilnahme am Kriege gegen die Zentralmächte aufforderten, auch auf den Genossen Südek um, wie durch die Beschwerde eines nach Deutschland gekommenen rumänischen Genossen bekannt geworden ist. Südekum ward darauf vom Parteivorstand zur Rechenschaft gezogen und hatte zugegeben, daß er im Auftrag der Regierung nach Rumänien ge= reist war, im Anschluß an eine Reise nach Ungarn, die er für das Rote Kreuz unternommen hatte. Er hatte von diesem Auftrag und dieser Reise weder vorher noch nachher aus freien Stücken den Parteiinstanzen Mitteilung gemacht." Zu dem einen„ Fall Südekum" kam aber jüngst noch ein zweiter Fall". Die„ Kölnische Zeitung" brachte eine höchst sensationelle Meldung, gegen die sich Genosse Südefum in einer vom sozialdemokratischen Pressebureau verbreiteten Erklärung wie folgt gewendet hatte: „ Die Kölnische Zeitung machte in ihrer Nr. 84 Mitteilung von phantasievollen Erzählungen eines angeblich in Pontarlier angefommenen französischen Unteroffiziers, in denen auch ich eine Rolle spiele. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, alle Redereien über mich unbeachtet zu lassen, möchte ich dieser Ente doch alsbald den Hals umdrehen, denn soweit von mir in jener Erzählung die Rede ist, ist sozusagen jedes Wort falsch. Der einfache Sachverhalt ist dieser: in einige der Lager, in denen Franzosen verwahrt werden, sind Gerüchte über das Ver= halten Liebknechts und über seine in allen feindlichen Länderneifrigundzielbewußtverbreitete , Erklärung gedrungen, haben dort Gegenstand von Erörterungen unter den Leuten abgegeben und die Befürchtung wach= gerufen, daß bei einzelnen lebhaft veranlagten Franzosen irrige und für sie selbst unter Umständen sehr gefährliche Ansichten( man denke an den traurigen Fall Londsdale!) über Zustände und Volksstimmung in Deutschland entstünden. Einem Ersuchen, mit einigen Franzosen in ihrer Muttersprache zu reden und ihnen den Sachverhalt tlarzumachen, habe ich gerne und mit der gebotenen zurückhaltung entsprochen. Ob sich unter ihnen der phantasievolle Herr aus Pontarlier befunden hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Wohl aber weiß ich, daß alles, was er mir über seine angebliche Mission nach Frankreich in den Mund legt, freie Erfindung ist," Genosse Südekum gab hier selbst zu, auf Ersuchen der deutschen Behörden vor den gefangenen Franzosen Darlegungen über die Ansichten und Stimmungen der deutschen Sozialdemokratie gemacht zu haben. Der Sachverhalt in beiden Fällen zeigt also seine Rolle sonnenklar. Man werte danach den prächtigruhigen zweiten Beschluß der Fraktion, der ganz zartfühlende Diskretion atmet. Nr. 11 Die Gleichheit Am dritten Tage wurde die sanfte Flöte des Pardons von der schmetternden Kriegstrompete abgelöst. Sie erklang zum Gericht über zwei Sünder: Liebknecht und Ledebour. Genosse Liebknecht hatte nämlich den auf seine„ Hinrichtung" abzielenden Fraktionsbeschluß im„ Vorwärts" durch die folgenden Feststellungen beantwortet: W. G.! Gegenüber dem in Ihrer heutigen Nummer veröffentlichten Fraktionsbeschluß bemerke ich: 1. Ich habe gegen die Kriegskredite gestimmt, weil die Bewilligung der Kriegskredite nach meiner überzeugung nicht nur den Interessen des Proletariats, sondern auch dem Parteiprogramm und den Beschlüssen internationaler Kongresse schroff widerspricht, und weil die Fraktion nicht berechtigt ist, einen Verstoß gegen Programm und Parteibeschluß vorzuschreiben. Ich habe diesen meinen Standpunkt dem Fraktionsvorstand in einem Briefe vom 3. Dezember v. J. dargelegt. 2. Irreführende Mitteilungen über Parteivorgänge habe ich nicht verbreitet. Die Fraktion, die zur Fassung eines Beschlusses über diesen Punkt gar nicht zuständig war, hat meinen Antrag, die Entscheidung hierüber bis zu einer gründlichen Aufklärung über allerhand Behauptungen auszusehen, abgelehnt. Berlin, 3. Februar 1915. A. Liebknech t. Darauf antwortete unmittelbar am nächsten Tage ein neuer Volltreffer: " Die Fraktion weist die Behauptung, daß die Bewilligung der Kriegskredite den Interessen des Proletariats, dem Parteiprogramm und den Beschlüssen der internationalen Kongresse widerspricht, mit aller Entschiedenheit zurück. Was die Verbreitung irreführender Mitteilungen an das Ausland durch Genossen Liebknecht betrifft, so wurde mehr als ge= nug festgestellt, um den Beschluß der Fraktion zu rechtfertigen." Neben Liebfnecht lag alsbald auch Ledebour vernichtet am Boden. Dieser Frevler hatte als Mitglied des Fraktionsvorstandes seit vielen Wochen die Einberufung der Fraktion zu einer Sigung gefordert, die sowohl zu dem Fall„ Südekum" wie zu anderen höchst originellen Vorkommnissen Stellung nehmen sollte. Da seine Bemühungen beim Fraktionsvorstand fruchtlos blieben, legte Ledebour sein Amt nieder und richtete an eine Anzahl Fraktionskollegen einen Brief, worin er den Sachverhalt darlegte und schloß: " Ich habe die Art und Weise, wie mein Antrag zurückgewiesen wurde, als eine Verhöhnung nicht nur meiner selbst, sondern auch der Fraktion empfunden. Nach reiflicher überlegung bin ich zu dem Entschluß gekommen, daß ich die Mitverantwortung für diese Art Geschäftsführung nicht länger tragen darf, daß es aber auch meine Pflicht ist, für Abhilfe gegen die zutage getretenen Mißstände zu sorgen. Denn die hier erörterten Tatsachen sind nur Glieder in einer langen Kette von Zerrüttungserscheinungen. Deshalb richte ich an Sie, werter Kollege, das Ersuchen, einen Antrag auf schleunigen Zusammentritt der Fraktion Ihrerseits zu unterstützen." Endlich fand die Fraktionssitung statt. Aber es sollte anders kommen, als sich der altmodische Genosse Ledebour einbildete: die sozialdemokratische Fraktion saß zu Gericht nicht über Südekum und verwandte Seelen, sondern über Liebknecht und ihn selbst, Ledebour. Er wurde mit dem folgenden Beschluß niedergeschmettert: „ Die Fraktion erklärt den von Ledebour gegen die Geschäftsführung des Fraktionsvorstandes erhobenen Vorwurf der Verschleppungs- und Vertuschungspolitik als jeder tatsächlichen Grundlage entbehrend und verurteilt sein Vorgehen aufs schärfst e." In die von Ledebour im Fraktionsvorstand gelassene Bresche ist Genosse Hoch gesprungen, und so ist die ganze Sache glatt erledigt. 11 Neben ihren richterlichen Funktionen hat die Fraktion Zeit gefunden, noch anderen Gegenständen ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Die Fraktion", schreibt der Vorwärts",„ hat sich gestern in eingehender Weise mit der Frage des Friedens beschäftigt. Außerdem hat sie sich mit einer Anzahl wichtiger sozialpolitischer Anregungen befaßt. In allen diesen Fragen wurde eine erfreuliche Übereinstimmung erzielt." Leider crfahren wir nicht, worin diese erfreuliche Übereinstimmung 65 bestand, und welche konkreten, flaren Beschlüsse„ in allen diesen Fragen" gefaßt worden sind. Gewerkschaftliche Rundschau. Die Befürchtung, daß mit oder nach Jahresschluß die Zahl der Arbeitslosen wieder erheblich steigen würde, hat sich glücklicherweise nicht erfüllt. Die Ursachen für den Rückgang der Arbeitslosigkeit sind klar ersichtlich. Auf der einen Seite die riesigen Massen von Männern, die das Heer der Produktion und dem Arbeitsmarkt entzogen hat und entzieht, auf der anderen Seite die ungeheuren Arbeitsaufträge, die der moderne Krieg für bestimmte Industrien schafft und die den schlechten Geschäftsgang in anderen Industrien wettmachen. Zu jenen Industrien gehört vor allem die Metallindustrie; in ihr fiel die Arbeitslosigkeit nach der vom Metallarbeiterverband wöchentlich aufgenommenen Statistik von 19,5 Prozent bei Kriegsausbruch auf 3,4 Prozent als niedrigste Zahl in der ersten Woche des Januar. In einzelnen Gewerben fehlt es sogar an Arbeitskräften, so im Bergbau. Denn auch in jeßiger Zeit ist der Kohlenbedarf sehr groß, während von dem kräftigen Arbeiterschlag, den die Bergleute im allgemeinen darstellen, sehr viele zum Kriegsdienst eingezogen sind. Doch nicht in allen Industrien ist die Arbeitsgelegenheit so günstig. Im graphischen Gewerbe ist die Zahl der Arbeitslosen verhältnismäßig groß, ebenso im Glasergewerbe; auch in der Holzindustrie sind immer noch größere Massen arbeitslos, wenn auch viele aus diesem Gewerbe sich einer anderen Beschäftigung zugewandt haben. All diesen Arbeitslosen widmete auf der Tagung der deutschen Eisenhüttenleute in Düsseldorf der Abgeordnete Dr. Beumer beherzigenswerte Worte. In einer Rede über den Zusammenhang von Wirtschaft und Technik" führte er nach der Tagespresse folgendes aus: Arbeitslosigkeit sei heute durchweg Arbeitsscheu; wer arbeiten wolle, fände dazu reichlich Gelegenheit. Gegen diese Arbeitsschen müßten die schärfsten Maßregeln getroffen werden. Den Behörden müsse man anheimgeben, ob sich nicht für die gelernten Arbeiter der Metallindustrie auf Grund des Kriegsleistungsgeseßes ein Arbeitszwang durchführen lasse, wonach sich die Arbeiter bei Androhung von Strafe zur Arbeit zu melden hätten. Man könne auch an eine ausgedehntere Beschäftigung von Kriegsgefangenen denken! Der Mangel an Arbeitsfräften, der teilweise in der stark beschäftigten Kriegsausrüstungsindustrie herrscht, hatte naturgemäß eine Steigerung der Arbeitslöhne zur Folge. Denn jeder Unternehmer war bemüht, durch höhere Löhne die besten Kräfte an sich zu ziehen. Doch sollten sich die Arbeiter nicht allzu lange der Gunst der Stunde erfreuen. Auf die Klagen der Unternehmerverbände hin schritten das Kriegsministerium und die sächsische Heeresverwaltung durch eine Verordnung gegen solche Steigerungen der Löhne ein, denen doch auch eine Steigerung der Arbeitsintensität entspricht. In Zukunft soll es den Unternehmern verboten sein, mehr als 33½s Prozent Kriegszulage zu dem bestehenden Tarif zu gewähren und etwa noch durch Prämien, Extralöhne, Mietszahlungen, Übernahme der Krankenkassen- und Invaliditätsversicherungsleistungen usw. die Arbeiter sich gegenseitig abspenstig zu machen. Welch schnelles Entgegenkommen doch die Behörden den Wünschen der Unternehmer bewiesen! Die Maßnahme wendet sich im wesentlichen gegen höhere Löhne von Arbeitern, während die Riesenprofite der Unternehmer in der Militäreffektenindustrie gänzlich unangetastet bleiben. Wie immer und überall, fängt auch hier die Sparsamkeit am Arbeiter an und hört auch bei ihm auf; denn Händler und Unternehmer sacken bei den jetzigen Kriegslieferungen Hunderttausende und Hunderttausende ein, ohne daß bisher irgendein Schritt gegen diese Schröpfer des Volksvermögens unternommen worden ist. Es verlautete, die Staatsregierung wolle von der geplanten Verschärfung des Strafgesetzbuchs zum Schuße der Arbeitswilligen Abstand nehmen. Die Richtigkeit dieser Meldung ist sehr stark in Zweifel zu ziehen. Aber selbst wenn in der Zeit des Burgfriedens wirklich solche Stimmungen an manchen Regierungsstellen herrschen sollten, werden sie vorhalten, wenn der Krieg endlich aus ist und wirtschaftliche Kämpfe mit elementarer Gewalt losbrechen? Denn eine Folge dieses Krieges, der dem Nationalreichtum immer tiefere Wunden schlägt und eine Menge mittlerer Existenzen wirtschaftlich ruiniert, 66 Die Gleichheit wird die Verschärfung des Gegensazes zwischen Kapital und Arbeit sein, und damit wird auch der Gegensatz zwischen den organisierten Arbeitern und den Arbeitswilligen, die ihren um Verbesserung der Lebenshaltung fämpfenden Brüdern in den Rücken fallen, in mindestens so schroffer Form hervortreten wie ehedem, und die Unternehmer werden dann auf einen erweiterten Schutz der„ dem Staat nüßlichen Elemente" nicht verzichten wollen. Das geht auch schon aus den Glossen hervor, die die Arbeitgeber- Zeitung" zu der Meldung macht. Sie meint, wenn jezt in der Tagespresse vorsichtig von der„ Neigung" zu einem gesetzlichen Verzicht auf die früher an maßgebenden Stellen bestehenden Anschauungen gesprochen werde, so müßte man derartige Äußerungen vorderhand auf sich beruhen lassen; das ehemalige Scharfmacherblatt will aber wissen und muß es schließlich auch wissen, daß man es an unterrichteter Stelle für ausge= schlossen hält, daß bei der Reform des Strafgesetzbuchs den Arbeitswilligen der Schuß, auf den sie nach Recht und Billigkeit" Anspruch erheben dürfen, verweigert werden sollte. Ein Gesinnungswechsel der Unternehmer in dieser Frage nach dem Kriege ist um so weniger zu erwarten, als sie nicht einmal in der jezigen Zeit auf ihre alten Gepflogenheiten verzichten können. So ist es in der Altenburger Hutindustrie zu einer Aussperrung gekommen, weil die Unternehmer sich weigerten, den alten Tarif zu verlängern. Die größte Firma am Drt hatte zwar die Tarifbedingungen unterzeichnet, wurde aber durch die übrigen später gezwungen, davon zurückzutreten. Die Unternehmer schlossen ihre Betriebe, und die Arbeiter lagen auf der Straße. Beim Bahnbau in Stadthagen- Lippe kam es zu einer Arbeitseinstellung, weil die Unternehmer den Maurern und Hilfsarbeitern die Tariflöhne fürzen wollten. In der Glas- und Porzellanindustrie, die stark auf die Ausfuhr angewiesen sind und daher unter dem nicht endenden Krieg schwer leiden, nüßen die Fabrikanten die Zwangslage der Arbeiter nach Kräften aus. Unter Bruch der Tarifverträge erniedrigen sie die Löhne um 10 bis 20 Prozent, und dem Burgfrieden zum Troß verkünden sie, daß Arbeiter nicht eingestellt werden, die der sozialdemokratischen Bartei oder der Gewerkschaft angehören. Mit den Sozialpolitischen Zwangsmaßnahmen, die die Not der Striegszeit geboren hat, wurde auch im Bäcker gewerbe eine alte Forderung der Gehilfen vorläufig zur Durchführung gebracht. Durch das Nachtbackverbot ist den Bäckereiarbeitern ein großer Teil des Arbeiterschutzes gewährt, den sie bisher von den gesetzgebenden Körperschaften vergebens gefordert hatten: die Nachtarbeit ist für die Bäckereiarbeiter aufgehoben. Wurde die Maßnahme auch nicht mit Rücksicht auf die Arbeiter getroffen, so müssen wir um so mehr mit allem Nachdruck dafür eintreten, daß ihnen der Friede nicht diesen für ihre Gesundheit so wichtigen Schutz wieder entreiße. Notizenteil. Fürsorge für Mutter und Kind. Nr. 11 träge während der Kriegszeit, sowie über die Abhaltung von Versammlungen und geselligen Zusammenfünften, furz über Maßnahmen, die dem Zusammenhang der Genossinnen dienen können. In der Provinz sollen die Funktionärinnen der örtlichen Organisationen bezirksweise zusammenkommen, und eine Wiener Genossin wird dort darüber sprechen, wie auch jetzt für die Partei und ihre Ziele ge= arbeitet werden kann. Auch über den Frauentag wurde gesprochen. Natürlich sind Veranstaltungen wie in früheren Jahren nicht möglich, da Versammlungen mit politischem Charakter durch das Ausnahmegesez verboten sind. Aber es wird erwogen, andere Versammlungen zu veranstalten, in denen die Forderungen der Frauen im Zusammenhang mit den durch den Krieg hervorgerufenen Verhältnissen besprochen werden sollen. Natürlich, immer in dem„ durch die Geseze zulässigen Ausmaß". Allgemein war der Eindruck, daß die Konferenz eine der erfreulichsten Veranstaltungen im Kriegsjahr gewesen ist. Für den Frieden. a. p. Eine Bekundung der internationalen Solidarität und des Friedenswillens der französischen Sozialistinnen ist ein verheißungsvolles Zeichen, das an Bedeutung die mehr oder minder ,, tiefen" Meinungsäußerungen bei weitem übertrifft, mit denen jetzt große und kleine Politiker von Beruf oder von Bierbanksgnaden die Presse anfüllen. Die Genossinnen in Paris haben den Aufruf erhalten, in dem die Internationale Sekretärin die sozialistischen Frauen aller Länder auffordert, mit aller Macht für den Frieden zu wirken. Sie haben sich der Aufforderung ohne Vorbehalt angeschlossen und erklären unter anderem:„ Alle Sozialistinnen Frankreichs werden die Notwendigkeit empfinden, durch Taten auf das Vertrauen in die Kraft und Reinheit des sozialistischen Ideals in den Seelen der Frauen zu antworten, ein Vertrauen, das der Aufruf unserer tapferent Genofsinnen atmet. Sie werden es als eine Ehrenpflicht erachten, diesem Aufruf zu folgen und in der Richtung zu kämpfen, die er uns zeigt, und das mit dem gleichen Mut, von dem er uns ein Beispiel gibt. Ja! Genug der Mezeleien und der Ruinen! Friede!... Auch genug der Schwachheiten! Widerstehen wir der chauvinistischen Hochflut, den macht und ruhmbegierigen Politikastern, den bewußten und unbewußten Demagogen." Unsere mutvollen Pariser Genossinnen haben mehr getan, als eine schöne Solidaritätserklärung abgefaßt. Obgleich die Behörden jede Propaganda für den Frieden streng verboten haben, verbreiteten die Sozialistinnen den Aufruf der Internationalen Sekretärin als Flugblatt in Paris und fügten ihm die Aufforderung an alle # französischen Frauen bei, kraftvoll für den Frieden einzutreten. Sie Kriegsfürsorge für Frauen in freier Ehe in Frankreich. Wie das„ Drgan des Niederländischen Frauenbundes" berichtet hat, wird in Frankreich die Kriegsunterstützung nicht bloß wie bei uns den legitimen Ehefrauen, den ehelichen und außerehelichen Kindern der Einberufenen gewährt, sondern auch den Frauen, die mit einem Manne in dauernder Verbindung leben, die nicht vom Gesetz in aller Form anerkannt ist. Die Meldekarte lautet nämlich auf épouse ( Gattin) oder compagne( Gefährtin). Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Die Jahreskonferenz der Genoffinnen Niederösterreichs hat am 24. Januar stattgefunden. Die Genossinnen des Landeskomitees, das seinen Sitz in Wien hat, waren der Meinung, daß auch ein so furchtbares Ereignis wie der Weltkrieg nicht zu einem Aufgeben ihrer Tätigkeit führen dürfe. Daß sie recht hatten, zeigte sich darin, daß 22 Genossinnen aus 24 Orten der Provinz zur Konferenz kamen. Vertreter der Reichs- und Landesparteileitungen erschienen zur Konferenz, um die Genofsinnen zu begrüßen und ihnen Anerkennung und Dank für ihre Treue und ihr Ausharren in dieser schweren Zeit auszusprechen. Auf der Tagesordnung stand ein einziger Punkt: „ Die Tätigkeit der Frauenorganisation während des Kriegs." Dazu referierten die Genossinnen Popp und Proft. Eine schriftliche Umfrage hatte ergeben, daß während der ersten fünf Kriegsmonate 1421 Genossinnen der Organisation vorläufig verloren gegangen sind. Die Zahl der weiblichen Parteimitglieder betrug in Niederösterreich Ende Juni des Vorjahres 7135, Ende Dezember 5714. Nach den Referaten und der Diskussion faßte die Konferenz Beschlüsse über das Einkassieren und Quittieren der Beiwaren außerdem auf die Verbreitung des Aufrufs durch die sozialistische Presse bedacht. Er sollte im ,, Eclaireur de l'Ain" erscheinen, dem sozialistischen Organ, das in Frankreich dem Imperialismus und Nationalismus die Brüderlichkeit der Proletarier aller Länder entgegenstellt. Der Aufruf er verfiel dem Verbot durch die Pressezensur. Unsere französischen Genossinnen lassen sich dadurch in ihrem Friedenswillen nicht erschüttern. Sie erklären wie Bebel bei der Verhängung des Sozialistengesetzes:„ Nun erst recht!" Die Bedeutung des Auftretens unserer französischen Genossinnen fann man nur voll würdigen, wenn man sich die militärische Lage Frankreichs vergegenwärtigt, die sich nicht mit der Englands, geschweige denn mit der Deutschlands vergleichen läßt. Man bedenke, daß ein großer Teil des Landes- 10 Departements- von den feindlichen Heeren besetzt ist, darunter Gegenden mit der fortgeschrittensten industriellen Entwicklung. Trotzdem haben sich die französischen Sozialistinnen ihre Auffassung der Dinge nicht durch das Schlagwort trüben und verwirren lassen, es dürfe erst von dem Frieden geredet und für den Frieden gekämpft werden, nachdem der letzte feindliche Soldat aus dem Vaterland getrieben, die Grenze gesichert sei. Sie haben so unter den schwierigsten Verhältnissen bewiesen, daß ihnen das sozialistische Ideal höchstes Gesetz ist. Vielleicht daß der eine oder andere neunmalweise Alltagspolitiker den Wert dieser französischen Friedensbekundung dadurch herabzuwürdigen meint, daß er höhnend fragt:„ Aber wie viel oder wie wenig Frauen stehen hinter den handelnden Pariser Genossinnen? Ihre Organisation ist schwach, kaum der Rede wert." Wir antworten darauf: um so mehr Ehre für die wenigen, die den Mut zur Jnitiative gefunden haben; ein um so glänzenderes Zeugnis für die treibende und tragende Macht des Sozialismus. Sie läßt auch den einzelnen start werden, indem sie ihm den Willen und die Kühnheit zur Tat stählt. Nr. 11 67 Die Gleichheit Eine hochwichtige Friedenskundgebung der französischen Gewerkschaften ist ein Manifest der Confédération Générale du Travail( Generalfommission der französischen Gewerkschaften), das in dem sozialistischen Tagblatt Humanité" vom 2. Februar veröffentlicht wurde. Es heißt darin: Genossen! Dem furchtbaren Sturm zum Troß, der gegenwärtig in Europa tobt, erklärt die französische C. G. T., gegen deren Willen und Haltung der Sturm entfesselt wurde, daß sie sich unerschütterlich mit der Sache der Arbeiterinternationale verbunden fühlt.... Das bedeutet, daß die C. G. T. Heute wie gestern Anhängerin des Friedens unter den Völkern bleibt. Stets hat sie ihre Propaganda, ihre Aktion gegen den niedrigen Nationalismus gerichtet, gegen den Eroberungsmilitarismus wie gegen die Rückkehr der vergangenen Staatsformen.... Das sozialistische Ideal annehmen heißt jede Jdee der Herrschaft eines Volkes über andere Völker verwerfen, heißt die Harmonie unter allen menschlichen Wesen durch die Gleichheit aller Völker fordern. Wenn es unter den gegenwärtigen Umständen der französischen C. G. T. nicht möglich ist, die Bedingungen eines Friedens zu formu lieren, den sie so bald wie möglich wünscht, so kann sie immerhin darauf hinweisen, daß die Friedensbestrebungen, wenn sie fruchtbar sein sollen, sich auf ein Ziel richten müssen, das aus diesem Krieg den legten der Kriege macht. Die C. G. T. ist mit ganzem Herzen mit denjenigen, die für dieses Wert einstehen. Von neuem verlangt sie in diesen entsetzlichen Stunden, daß die Arbeiterklassen aller Länder sich ihr anschließen.... Es lebe die Internationale stets und trotz alledem." Eine Bekundung der internationalen Solidarität und des Friedenswillens deutscher Frauenstimmrechtsorganisationen ist an den Weltbund für Frauenstimmrecht gerichtet und lautet: ,, Den Frauen aller Nationen warme herzliche Grüße in dieser unheilvollen blutigen Zeit. Unter dem Druck des frebelhaft entfachten Krieges, der die Erde verheert und die Völker in Haß und Feindschaft gegeneinander hetzt, treibt es uns, die Schwesterhand der Frauen zu suchen, mit denen uns bisher in allen Ländern der Erde das gemeinsame Streben nach dem höchsten Ziele persönlicher und politischer Freiheitinnig verband. Wir hoffen, daß dieses Band der Zufammengehörigkeit selbst durch diesen Krieg nicht zerrissen werden kann. Wir fühlen uns als deutsche Frauen über den Ereignissen dieser Zeit, getragen von der ruhigen Zuversicht, welche die unerschöpfliche moralische und physische Kraft unseres Volkes uns verleiht, und glauben daher, daß wir die ersten sein sollten, zur Bekräftigung des alten Bundes mit aller Herzlichkeit die Hand zu reichen. Männer lenken die Geschicke aller Völker. Der ganze Erdball starrt in Waffen, Männer allein lenken die Geschicke ihres Volkes, Männer herrschen über Krieg und Frieden. Uns Frauen aller Nationen trifft zu Kriegszeiten das gleiche Los, wir müssen Leben hergeben, das wir schufen, wir müssen dulden, daß schöne, warme Menschlichkeit und Güte graufiger € 8 Die Gleichheit Vernichtung anheimfallen; wir müssen arbeiten, der Not steuern, die der Krieg zeitigt; wir müssen Wunden heilen, die Männer unter Ausflügelung der raffiniertesten Vernichtungsmittel ein= ander schlugen. Uns Frauen aller Nationen einigt in Friedenszeiten das gleiche Los die Entrechtung- uns Frauen aller Nationen einigt in Kriegszeiten das gleiche Los schweres Leid zu tragen, tragen zu helfen und zu heilen. Wahres Menschentum kennt keinen Völkerhaß, keine Völkerverachtung. Frauen stehen wahrem Menschentum näher als die Männer. Wir wollen über Völkerkrieg hinweg uns die schwesterliche Hand reichen, wir grüßen uns gesenkten, trauernden Hauptes einiger denn je in dem Bewußtsein, daß nur, wenn die Frauen befreit sind und ihre Staaten lenken helfen, die Welt von der Wiederholung eines gleichen graufigen Erlebnisses verschont bleiben wird." Die Kundgebung ist von folgenden Organisationen und führenden Frauenrechtlerinnen unterzeichnet: Hamburg- Altonaer Verein für Frauenstimmrecht, Vorsitzende Jda Jens. Nürnberger Ortsgruppe für Frauenstimmrecht, Vorsitzende Maria Lange. Ortsgruppe Baden- Baden für Frauenstimmrecht, Vorsitzende M. Maher. Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Marg. Selenka, Stora Max, Maria Holma- Oertel. Als Sozialdemokratinnen können wir gewiß nicht jeden der vorstehenden Säße unterschreiben. Allein die Botschaft sagt so viel Richtiges und Mutiges, daß sie als charakteristisches Dokument für das Fühlen und Denken großer Kreise der Frauen auch an dieser Stelle Veröffentlichung verdient. Frauenstimmrecht. Die politische Gleichberechtigung der Frauen in Island steht dicht vor einem Erfolg. Gegen Ende 1914 hat das Althing, Parlament, einer im Vorjahr beantragten Verfassungsreform zuge stimmt. Nach ihr sollen die Frauen, die über 40 Jahre alt sind, die nämlichen politischen Rechte erhalten, wie sie den über 25 Jahre alten Männern zustehen. Gleichzeitig wurde bestimmt, daß das Alter der Wahlmündigkeit für die Frauen bei jeder neuen Anlegung der Wählerlisten stufenweise herabgesetzt werde, bis auch das weibliche Geschlecht mit dem überschrittenen 25. Lebensjahr das politische Wahlrecht erhält. Der Gesezentwurf zugunsten der Frauen wurde vom Oberhause einstimmig angenommen, im Unterhause fiel eine einzige Stimme gegen ihn. Damit sie in Kraft tritt, muß noch der König von Dänemark seine Zustimmung geben. Diese scheint sicher zu sein, ist aber durch einen Konflikt über eine konstitutionelle Formfrage hinausgeschoben worden. Jsland hat ebenso wie sein eigenes Parlament so auch einen besonderen Landesminister, der vom dänischen König ernannt wird. Der Minister hatte im Auftrag des isländischen Parlaments die Geseßentwürfe zur Verfassungsreform dem König zur Billigung vorzulegen. Das geschah jedoch in Abwesenheit des dänischen Ministerkabinets, das seinerseits die Auffassung vertritt, daß nur unter seiner Anwesenheit der König isländische Gesegentwürfe sanktionieren dürfe. Daraufhin hat der isländische Landesminister sein Amt niedergelegt, und alle Gesezentwürfe bleiben in der Schwebe, bis eine vorgesehene Konferenz die Streitfrage entschieden haben wird. Das Gemeindewahlrecht besigen die isländischen Frauen bereits. Das Wahlrecht der Frauen auf den Philippinen wurde fürzlich im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten gefordert. Der Abgeordnete Mann, Illinois, ein Führer der Republikaner, beantragte ein Amendement zur Verfassung der Kolonie, nach dem das Wort„ männlich" vor Bürger gestrichen und hinter dem Wort „ er" die Worte oder sie" hinzugefügt werden sollten. Der Antragsteller trat mit großer Wärme für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ein. Sein Amendement wurde von den Abgeordneten Bryan aus Washington und Mondell aus Wyoming kräftig befürwortet. Bekanntlich besteht in dem letztgenannten Staate das Frauenwahlrecht seit mehr als fünfzig Jahren und hat sich bewährt. Das Amendement wurde mit 84 gegen 58 Stimmen abgelehnt. Der oberste Verwaltungsbeamte der Vereinigten Staaten auf den Philippinen hatte seine Annahme mit alten Philistergemeinplägen bekämpft, daß der Besitz des Wahlrechts die Fraueninteressen gefährde. Ein Sieg der politischen Frauengleichberechtigung in Viktoria ist zu berichten: Das Staatsparlament dieses englischen Koloniallandes hat einen Gesezentwurf zur Reform des Gemeinderechts angenommen, der den Frauen die Wählbarkeit zu kommunalen Ämtern verleiht. Die betreffende Bestimmung des Entwurfs stieß im Unterhause auf keinen Widerspruch und wurde sogar vom OberHause einstimmig angenommen, dessen Mitglieder auf Grund eines Nr. 11 beschränkten Besitzwahlrechts gewählt werden und früher in ihrer Mehrheit der Forderung von Frauenrechten nichts weniger als hold waren. Die Frau in öffentlichen Aemtern. Frauen in englischen Kriegsfürsorgeorganen. Die Regierung Englands hat die Notwendigkeit anerkannt, Frauen zur Mitarbeit in den Körperschaften zu berufen, deren Aufgabe die Kriegsfürsorge ist. Dem amtlichen Hauptfürsorgeausschuß gehört eine Frau an, eine frühere Fabrikinspektorin. In einem besonderen Fürsorgeausschuß für London allein haben zwei Frauen Siz und Stimme; die eine davon ist die Beatrice Webb, die angesehene Sozialpolitikerin. Außerdem ist ein Ausschuß eingesetzt worden, der aus Frauen besteht und der besonderer Notlage von Frauen entgegenwirken soll. Ihnen gehören die Führerinnen der Frauengenossenschaftsgilde und bekannte Gewerkschaftsführerinnen an. Eine Frau als Mitglied der Kommiffion für die Reform des schwedischen Familienrechts. Die Regierung Schwedens ernannte Frau Broomé als Mitglied der Kommission, die eine Reform des Familienrechts zu beraten hat, und zwar namentlich im Hinblick auf das gegenseitige rechtliche Verhältnis der Ehegatten zueinander und die damit im Zusammenhang stehenden Dinge. Frau Broomé ist vollständig gleichberechtigt mit den männlichen Mitgliedern der Kommission. Ein Antrag zur Erweiterung der amtlichen Lehrtätigkeit der Frauen in Rußland ist in der Duma eingebracht worden. Er fordert für die Frauen das Recht, an den Universitäten und allen höheren Bildungsanstalten als Dozenten und Professoren zu amtieren, an Knabenschulen und-Gymnasien im Zeichnen und in den modernen Sprachen zu unterrichten, als Schulinspektorinnen zu wirken. Die Anstellung soll bei gleichem Gehalt wie für die Männer erfolgen. Verschiedenes. Einige französische Presstimmen über Liebknechts Abstimmung am 2. Dezember 1914 verdienen besondere Beachtung. Nach dem russischen sozialistischen Blatt„ Golos", Nr. 96 vom 3. Januar, schrieb die„ Action Française":" Glaubt Liebknecht nicht! Glaubt ihm nicht! Jm heutigen Deutschland gibt es feinen Jacoby und keinen Bebel; die deutsche Sozialdemokratie ist die Hauptstüße des Regimes, die Hauptschlagkraft der deutschen imperialistischen Bestrebungen." In der„ Information" konnte man lesen:„ Karl LiebInecht? Das ist einfach ein preußischer Agent, ein Protest für den Export, feine Aufgabe ist in unsere geschlossenen Reihen Verwirrung hineinzutragen, unsere Verteidigung zu zerstören." Noch genauer weiß es der„ Matin", ein großes Blatt, das in ganz Europa verbreitet ist. Am 27. Januar 1915 führte er in einem Leitartikel aus:„ Worin hat sich denn der Charakter des Krieges geändert seit August 1914, als Herr Liebknecht die Kredite für den Krieg gegen das republikanische Frankreich bewilligt hatte, bis zum Dezember 1914, wo er sie anscheinend verweigerte? Lediglich darin, daß der Krieg eben 5 Monate gedauert hat anstatt 5 Wochen, und daß dies für Deutschland unbehaglich wird. Während Herr Liebknecht, einen baldigen Frieden' fordert, macht Herr Dernburg, der kaiserliche Abgesandte nach New York, den Vorschlag, diesen als , remis zu betrachten, als ein unentschiedenes Spiel, das man aufschieben soll, bis Deutschland wieder alle Trümpfe in der Hand hat. Ein bezeichnendes Zusammentreffen! Man begreift mun den Sinn und Zweck jener Kampagne, die uns einreden soll, daß es trotz alledem zweierlei Deutschland gibt, davon eines, das friedlich und sanft sei, das die, Verbündeten sich hüten müßten zu brüskieren und zu kränken'." Ebenso genau hört die„ Bataille Syndicaliste" nach derselben Nummer des„ Matin" das Gras der Teufelei wachsen, das Liebknecht gesät hat. Dort schrieb ein„ Veteran der Arbeiterbewegung": „ Deutschland sah, daß in Italien, in Schweden, in Belgien und in Holland die Sozialdemokratie kein Glück mit ihren Versuchen hatte, sich anzubiedern.... Die Dinge gestalteten sich nun derart, daß die deutsche Regierung ein großes Interesse daran hatte, daß ihre Sozialdemokratie... in jenen Ländern ein wenig Ansehen wiedergewänne.... Die neue Haltung Liebknechts im Reichstag so glaubt man zweifellos in gewissen offiziellen Kreisen könnte die Mission erleichtern, die der neue Gesandte in Italien, Herr von Bülow, übernommen hat." Wer als Sozialist handelt, wird von den Patrioten diesseits wie jenseits der Grenze der Verdammnis überliefert, wie Figura zeigt. Berantwortlich für die Nedaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.Ş. tn Stuttgart.