Nr. 7 26. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 24. Dezember 1915 Friede! Was uns not tut. Von Luise Ziez. Der Narauer Parteitag und die Frauen. Von Z. Gewerkschaftliche Rundschau. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Für den Frieden. Arbeitslosigkeit der weiblichen Erwerbstätigen. Frauenstimmrecht.- Fürsorge für Kriegerfamilien.- Frauenarbeit. Friede! Zum zweiten Male während des Weltkriegs feiert die Christenheit ihr Weihnachten. Zum zweiten Male läuten die Glocken zum Feste der Liebe, während die Kanonen das Lied des Hasses brüllen. Zum zweiten Male singt die fromme Ge-. meinde von der fröhlichen, gnadenbringenden Weihnachtszeit, während draußen im Kriegsgebiet sich die Blutopfer häufen. Friede auf Erden" hängt nicht der Friedens Gedanke mit der christlichen Weihnachtsfeier unlöslich zusammen? Die Kirche gedenkt ja an diesem Tage der Geburt des „ Friedensfürsten", und alle Ausmalungen der messianischen Herrlichkeit im Alten wie im Neuen Testament entrollen uns das Bild eines dauernden, alle Menschen beglückenden Friedens. Der Friede war eben von jeher die Sehnsucht aller Mühseligen und Beladenen, aller derer, die von ihrer Hände Arbeit leben. Der Krieg, das empfand das schaffende Volk schon vor zweitausend Jahren, raubt dem Armen auch noch das Wenige, das er hat. Der Krieg, auch der siegreiche Krieg ist nach dem Ausspruch Moltkes ein nationales Unglück; wer kann das besser erkennen und empfinden als der um seine Existenz schon im Frieden hart ringende Proletarier? So mahnt denn das Weihnachtsfest zunächst die christliche Kirche an ihre Aufgaben: Hüterin des Völkerfriedens, Anwalt einer glücklichen Menschheitszukunft zu sein. Aber die Geschichte der christlichen Kirche ist genau so mit Blut geschrieben wie die Geschichte der weltlichen Staaten. Im Mittelalter war ja auch die Kirche eine irdische Großmacht und in alle wirtschaftlichen und politischen Händel der Zeit verstrickt. Seit der Reformation freilich ist sie aus einer Herrin zur bloßen Bundesgenossin, ja vielfach zur Dienerin des bürgerlichen Nationalstaats herabgedrückt. Zumal den evangelischen Landeskirchen sind darum die Hände gebunden. Sie könnten feine selbständige und tatkräftige Friedenspolitik treiben, wenn sie auch wollten. über einzelne Worte der Sehnsucht und fromme Friedenswünsche kommen ihre Diener nicht hinaus, selbst in der Weihnachtszeit nicht. Wo sollten sie auch die Kraft dazu hernehmen? Etwa aus der vielgenannten Idee des Christentums" heraus? Aber die Ideen machen ja die Geschichte nicht, sondern die großen materiellen Intereffen ganzer Gesellschaftsklassen. Diese formen und ändern die Ideen nach ihrem Bilde. Der katholischen Kirche muß es zugestanden werden: sie ist die einzige religiöse Macht zurzeit, die ihren Beruf, den Frieden zu wahren, nicht ganz vergessen hat. Wieder hat Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. in diesen Tagen der Papst wie schon öfters warme, von innerer Bewegung getragene Worte gegen die zerstörenden Greuel des Krieges und zugunsten eines raschen, gerechten und dauerhaften" Friedens gefunden. Beim Zusammentritt des Konsistoriums hat er eine Ansprache gehalten, die in ihrem entscheidenden Teile die Aufmerksamkeit der um den Frieden ringenden Proletarier wohl verdient. Der Papst hat es als Pflicht des apostolischen Stuhls" bezeichnet ,,, aufs neue auf dem einzigen Mittel zu bestehen, das schnell ein Ende dieses schrecklichen Weltbrandes herbeiführen könnte, um einen derartigen Frieden vorzuberei. ten, wie er von der gesamten Menschheit glühend ersehnt wird, das heißt einen gerechten, dauerhaften und nicht nur für einen Teil der Kriegführenden nugbringenden Frieden". Den Weg hierzu sieht der Papst in einem direkten oder indirekten Gedankenaustausch, der„ mit aufrichtigem Willen und reinem Gewissen" die Ansprüche eines jeden Kriegführenden klarlegt und gebührend prüft und unter Beseitigung der ungerechten und unmöglichen Forderungen, und in dem man nötigenfalls durch billige Kompensationen und Abmachungen dem Rechnung trägt, was gerecht und möglich ist". Es sei unbedingt notwendig, meint der Papst ,,, daß man von der einen wie von der anderen Seite in einigen Punkten nach gibt, daß man auf einige der erhofften Vorteile verzichtet, und jeder müßte gutwillig in Konzessionen einwilligen, selbst um den Preis gewisser Opfer, um nicht vor Gott und den Menschen die ungeheure Verantwortung für die Fortsetzung dieser beispiellosen Schlächterei auf sich zu nehmen, welche, wenn sie noch weiter andauert, für Europas Wohl das Zeichen eines Herabsinkens von dem hohen Standpunkt seiner Zivilisation und seines Wohlstandes bedenten dürfte, auf den es die christliche Religion erhob." Es ist kaum anzunehmen, daß diese Worte des Oberhaupts der katholischen Kirche ganz ungehört verhallen werden. Ebenso sicher ist aber vorauszusehen, daß keine der krieg. führenden Regierungen dadurch auch nur um eines Fingers Breite von dem Wege sich abbringen lassen wird, den sie im Interesse ihrer wirtschaftlichen und politischen Machterweiterung für richtig hält. Hängt ja auch der Fortgang des Krieges zum wenigsten ab von dem guten Willen der Regierenden, als von jenen gesellschaftlichen Mächten, die in der heutigen Wirtschaftsordnung die Politik der Staaten bestimmen. Bitten, Vorstellungen, religiöse Ermahnungen sind kein Geschichte bildender Faktor. Wirtschaftliche Kräfte, die zum Kriege treiben, können nur mattgesezt werden durch eine wirtschaftliche Gegenkraft, der der Frieden Lebensbedingung ist. Diese Gegenkraft sind die Friedensinteressen des Proletariats in allen Ländern. Diese für den Frieden zusammenzufassen und lebendig zu machen ist eine der Hauptaufgaben der sozialistischen Internationale. Nicht nur in Anbetracht der Leiden und Opfer, die der Krieg vom Proletariat fordert, 46 Die Gleichheit ganz besonders auch im Hinblick auf das Endziel der sozialistischen Arbeiterbewegung: die Befreiung der Arbeit vom Joche des Kapitals, der Aufbau einer neuen Gesellschaft mit planmäßig über die ganze Erde geregelter Güterproduktion und Verteilung zum Nutzen der Allgemeinheit. Seinem ganzen Wesen, seiner Ursache, seinen Zielen nach ist der Sozialismus also der gerade Gegensatz zu den nationalen Schranken, Widersprüchen, Feindschaften, die in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung unvermeidlich sind, und darum der geborene Vorkämpfer für den internationalen Frieden. Zu allen übrigen Opfern hin entreißt der Krieg dem Sozialisten gerade den Boden seiner Arbeit. Eine rein nationale Arbeiterbewegung ist von vornherein um die Frucht ihrer Arbeit betrogen, wenn jenseits der Grenzen noch große Massen eines unaufgeklärten, anspruchslosen und demütigen Proletariats eristieren. Die billigen Arbeitskräfte in dem einen Lande sind ein Hemmschuh für den proletarischen Aufstieg im anderen Lande, und auch die politische Reaktion findet in der Rückständigkeit der Volksmassen ihren stärksten Hort. Auch andere mögen also im Hinblick auf die Opfer, das wachsende Elend, die steigende Schuldenlast der Staaten hat doch Weihnachten dem deutschen Volke die kleine Gabe von 10 Milliarden neuer Kriegskredite gebracht!-, die Zerstörung von Menschenleben und Kulturwerten das rasche Ende des Krieges fordern, der Sozialist fordert den Frieden nicht nur um der Gegenwart willen, sondern im Hinblick auf die Zukunft, auf das große Menschheitsziel seiner Klasse. Erst das gibt unserer Friedensarbeit die glühende Begeisterung und Fähigkeit aufopfernder Hingabe. Von untenauf, wie bei allen großen Kulturbewegungen, muß auch in der Sozialdemokratie die Wiederbelebung der Internationale kommen. Der dumpfe Instinkt schon sagt es den Massen, daß nur in ihr eine dauernde Garantie zukünftigen Friedens liegen kann. Gerade dieser Krieg hat gezeigt, wie in der kapitalistischen Gesellschaft auch der ehrlichste Friedenswille einzelner Regierungen das Unheil nicht abzuwenden vermochte. Wir brauchen stärkere Dämme als die Klugheit der Diplomaten und den guten Willen der Politiker. Nur eine sozialistische Wirtschaftsordnung kann diesen Damm bilden. Darum gibt es feine proletarische Friedensarbeit, die nicht zugleich sozialistische Propaganda sein muß, darum ist unser Friedenswille von vornherein zur Ohnmacht verdammt, wenn er nicht gleichzeitig die proletarische Internationale wieder aufrichtet. Von diesem Standpunkt aus muß auch die Interpellation der sozialdemokratischen Fraktion im Deutschen Reichstag beurteilt werden, die den Reichskanzler um Mitteilung der Kriegsziele anging. Die offizielle Bekanntgabe der Kriegsziele wäre gewiß ein bedeutender Schritt vorwärts. Auf ihrer Grundlage lassen sich direkt und indirekt jene Verhandlungen einleiten, von denen der Papst sprach. Ein ehrliches Aussprechen dessen, was man will, könnte viel Haß und Mißtrauen zerstreuen, die jetzt der Anbahnung einer freundlichen Auseinandersetzung noch im Wege stehen. Andererseits liegt die Frage auf der Hand, ob eine sozialdemokratische Fraktion, die bisher noch gar nichts getan, um die internationale Solidarität der Arbeiter wieder anzubahnen und dadurch der Friedensbewegung, daheim wie im Ausland, die starke GrundTage zu geben, ob diese Fraktion eigentlich erwarten konnte, daß die Regierung ihr anders als mit einigen sorgfältig gewählten und allgemein gehaltenen Ausführungen antworte. Der einzige Fortschritt seit der Maisizung des Reichstags besteht darin, daß der Kanzler sein Wort von den„ realen Garantien" durch das Wort von den Ausfallstoren", die man den Gegnern nicht lassen dürfte, erläuterte. Und wie im Mai hat auch diesmal die Fraktion anders als die bürgerlichen Parteien das Kanzlerwort in ihrem Sinne ausgelegt, Eroberungspolitik abgelehnt, sich aber doch mit einer militärischen Korrektur der Grenze indirekt einverstanden erklärt. Von den bürgerlichen Pressestimmen zur Kanzlerrede ist ein Wort des ,, Berliner Tageblatts" der Aufmerksamkeit wert, das der MeiNr. 7 nung ist, unter gewissen Voraussetzungen fönne man sich bis zum Ende der Welt immer wieder vor einem Ausfallstor sehen. Dem Frieden näher gebracht hat die Völker weder die sozialdemokratische Interpellation noch die Antwort des Kanzlers. Es kommt eben nicht nur darauf an, daß vom Frieden geredet wird, sondern daß ihm zugleich die Wege geebnet werden. In der neulichen Tagung des Zentralausschusses der Freisinnigen Volkspartei meinte Herr Bayer, nicht einen irgend beliebigen Frieden wünsche das deutsche Volk, sondern einen, ,, wie wir ihn brauchen". Wir schmeicheln uns nicht, mit Herrn Payer über den Inhalt des gewünschten Friedens einer Meinung zu sein, seine Worte aber wollen wir in unserem Sinne beherzigen. Wir Proletarier fönnen nur einen Frieden brauchen, der die Bedingungen des proletarischen Befreiungskampfes nicht erschwert und nicht schon den Keim zu neuem Zwiespalt und neuem Blutvergießen im Schoße trägt. Friede auf Erden! lautet der christliche Weihnachtstert. Aber wir Proletarier wissen, daß dauernder Friede nur zu gewinnen ist durch den unbeugjamen, tapferen Kampf für den internationalen Sozialismus. Was uns not tut. Unter diesem Titel erhebt Genoffin Luise 8ie z die Forderung einer gleichen Verteilung von Fleisch, Milch, Butter und Fett an die ganze Bevölkerung in derselben Weise, wie dies beim Brot bereits der Fall ist. Außerdem verlangt Genossin Ziez Schutz vor Wucher in der Gestalt niederer Höchstpreise für alle Nahrungsmittel und energische Ausnützung des Rechtes der Beschlagnahme. Da wir erst in der vorlegten Nummer diese und noch weitergehendere Forderungen ausführlich begründeten, können wir uns heute mit dem kurzen Hinweis begnügen, um mit um so größerem Nachdruck die zweite Hauptforderung der Genossin Ziez zu betonen: Schutz und Bewegungsfreiheit für die arbeitenden Frauen ,, Hunderttausende Frauen und Mädchen schaffen heute mehr als vor dem Kriege fürs Brot. Wir wollen die Berufe nicht aufzählen, in denen sie tätig sind. Es gibt kaum einen ohne Frauenarbeit. In den schwersten, den gesundheitsschädlichsten Berufen sowie in jenen, die besondere Geschicklichkeit erfordern, sind sie am Werke. Tag und Nacht! Zu Beginn des Krieges sind Schutzbestimmungen für sie durch ein Notgesetz außer Kraft gesetzt; auf Antrag des Arbeitgebers wird Nacht-, über- und bisher verbotene Arbeit gestattet. Dies Recht wird weidlich vom Unternehmertum ausgenutzt. Niemand hat die Dauer des Krieges vorausgeahnt, bei der Länge der Dauer muß der mangelnde Schutz stark gesundheitsschädlich wirken, er sollte deshalb schnellstens wiederhergestellt werden. Fast überall werden aber auch die Arbeiterinnen niedriger entlohnt als die Männer für die gleichen Leistungen. Das ist doppelt unrecht, weil die Kaufkraft des Geldes bei den herrschenden Teuerungsverhältnissen stark gesunken ist und weil unter dem Burgfrieden keine Lohnkämpfe stattfinden, nicht einmal gebührende Kritik an diesem völlig unbilligen und ungerechten Lohndruck geübt werden kann. Durch die Einschränkung des Vereins- und Versammlungsrechts ist aber auch die Möglichkeit der Aufflärung, der Organisierung der Arbeiterinnen, ihre Erfüllung mit dem Geiste der Solidarität stark erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Während sie also den Lohndruck bei der Teuerung doppelt schwer empfinden, ist ihnen das Recht der Notwehr stark eingeschränkt. Dabei sind bei der Lohnkürzung leider Post- und Bahnbehörden mit bösem Beispiel vorangegangen. Es kann nicht angehen, daß jekt während des Krieges die Frauenarbeit als billigere Produktionskraft sich einbürgert, die nach dem Kriege bei dem Mangel an männlichen Arbeitern Nr. 7 Die Gleichheit nicht nur beibehalten, sondern noch zunehmen wird und dann auf den Männerlohn drückt. Eine Verschlechterung der Lebenshaltung der ganzen Arbeiterschaft würde die Folge sein, um so mehr, weil die Teuerung mit der Beendigung des Krieges sicherlich nicht überwunden sein wird. Die Entwicklung der Technik und der Volkswirtschaft, die uns die Frauenerwerbstätigkeit brachte, bedeutet einen großen kulturellen Fortschritt, und just wir Sozialdemokraten, die wir nicht nur der Gegenwart leben, sondern daneben an die Zukunft und an unser Zukunftsideal denken und für dessen Verwirklichung wirken, wenden uns gewiß nicht gegen die Frauenerwerbsarbeit, soweit sie nicht gesundheitsschädlich für Mutter und Kind ist, wenngleich wir durchaus nicht blind sind gegen die Schäden, die heute bei der geltenden Wirtschaftsweise der Frauenarbeit anhaften, die zu mildern durch Gesetz und soziale Einrichtungen wir unablässig bemüht sind. Aber wagegen wir uns mit aller Kraft wenden, ist die niedrigere Entlohnung und die Herabwürdi gung der Arbeiterin zur Lohndrückerin ihrer Kameraden. Es wäre ein netter Dank des Vaterlandes", wenn die heimkehrenden Krieger solche Zustände vorfinden würden. Reich und Einzelstaaten müssen statt mit bösem, mit gutem Beispiel vorangehen und gleichen Lohn für gleiche Leistungen zahlen. Das ist es, was uns not tut!" 47 zur Prüfung( 1) an die Geschäftsleitung. Schließlich wurde vom Parteitag folgender Beschluß gefaßt: " Der Parteitag vom 20./21. November 1915 erachtet den Zeitpunkt für eine energische Bewegung für das Frauenstimmrecht für gekommen und fordert die kantonalen sozialdemokratischen Parteien auf, die Initiative für das Frauenstimmrecht auf fantonalem und kommunalem Gebiet zu unterzeichnen." Sozusagen noch vor Torschluß gelangte am Sonntagabend der Antrag der Arbeiterinnenvereine Zürich, Bern und Basel betreffend Schaffung eines Heimarbeiterschuggese zes zur Behandlung. Die Arbeiterinnensekretärin Genossin üni Zürich referierte kurz darüber. Ihr schriftlich ausgearbeitetes längeres Referat wird im Parteitagsprotokoll veröffentlicht. Der Antrag selbst wurde ohne weitere Debatte der sozialdemokratischen Nationalratsfraktion in dem Sinne überwiesen, daß sie bald einen bezüglichen Antrag im Parlament einbringen soll. Die Grüße der italienischen Sozialdemokratie überbrachte die Genossin Angelika Balabanoff. Sie und der Genosse Huggler( Bern) dienten zugleich als deutsch- französische Dolmetscher. Auch von den russischen und polnischen Parteigruppen waren Glückwünsche an den Parteitag eingegangen, die mit Freude entgegengenommen wurden. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung des Parteitags, der auch für das ganze innere Leben und die Weiterentwidlung der Partei von Bedeutung sein wird, war die Frage der Neuorganisation der Partei. Auf dem Parteitag in Solothurn war 1901 die Angliederung des schweizerischen Grütlivereins an die Partei erfolgt. Der Grütliverein war Der Aarauer Parteitag und die Frauen. und ist heute noch eine nationale Arbeiterorganisation, der Am 20. und 21. November fand der Parteitag der schweizerischen Sozialdemokratie in Aarau statt. Er war in jeder Beziehung von außerordentlicher Wichtigkeit. Mit seinen 460 anwesenden stimmberechtigten Genossen, wovon 419 Delegierte waren, wies der Parteitag eine großartige Vertretung der Organisationen auf. Reiner seiner Vorgänger hatte eine so hohe Zahl zu verzeichnen. Besonders erfreulich war auch die große Zahl weiblicher Vertreter, davon 28 zu der außerordentlichen Delegiertenversammlung des Arbeiterinnenverbandes erschienen waren, die am Vorabend des Parteitages am Freitag stattfand. Diese Versammlung beschäftigte sich mit der Revision der Verbandsstatuten, für die der Zentral vorstand einen Entwurf vorgelegt hatte, der sich den Forde rungen der Parteieinheit anpaßt, jede Sektion zum Eintritt in die Partei verpflichtet und eine planmäßige Aufklärungsund Organisationsarbeit unter den Arbeiterinnen vorsieht. Das neue Statut wurde nicht definitiv erledigt, sondern soll von den Verbandssektionen weiterberaten werden, die ebentuell bis 31. Dezember 1915 dem Zentralvorstand in Zürich Abänderungsanträge einreichen können. Weiter beschloß die Delegiertenversammlung, der Zentralvorstand soll sich mit den sozialdemokratischen Preßunionen der Schweiz in Verbindung setzen zu dem Zwecke, die Vorkämpferin" den Parteiblättern als Beilage mitzugeben. Da sie jetzt nur einmal im Monat erscheint, soll auch die Frage geprüft werden, ob sie nicht vierzehntägig herausgegeben werden könnte. Die Situationsberichte der Delegierten gaben manche Anregung für die weitere Agitation und Organisationstätigkeit an den einzelnen Orten. Auf dem Parteitag selbst standen zwei Anträge der Arbeiterinnenorganisationen zur Beratung. Der eine forderte die Einleitung einer Volksinitiative zur Einführung des Frauenstimmrechts, der andere die Schaffung eines Bundesgesetzes zum Schuße der Heimarbeiter. Den ersten Antrag hatte der sozialdemokratische Frauenverein Bern gestellt. Er wurde begründet durch die Genossinnen Münch( Bern) und Bloch( Zürich). Beide legten das Hauptgewicht auf ein baldiges Vorgehen. Genossin Haubensad( Bürich) vertrat als Mitglied der Geschäftsleitung der Bartei deren Antrag auf überweisung des Berner Antrags aber auf sozialdemokratischem Boden steht. Bei der Angliederung an die Partei wurden dem Grütliverein weitgehende Bugeständnisse gemacht, die undemokratisch sind und das Gepräge von Privilegien tragen. Die Ortsvereine des Grütlivereins blieben selbständig und gehörten nur durch ihren Gesamtverein der sozialdemokratischen Partei an. Undemokratisch war vor allem die Tatsache, daß das Zentralfomitee des Grütlivereins nicht weniger als fünf Mitglieder in die elfgliedrige Geschäftsleitung der sozialdemokratischen Partei entsandte. Er verfügte allein schon dadurch über fast die Hälfte der Geschäftsleitung, während er mit seinen 10 000 Mitgliedern nur ein Drittel der organisierten Parteimitglieder ausmachte. Dem Parteitag blieben nur noch sechs Mitglieder der Geschäftsleitung zu wählen, und auch diese wurden von den Grütlianern mitgewählt, so daß diese in Wirklichkeit ein doppeltes Wahlrecht ausübten. Das war ein offenbares Unrecht und nur als zeitlich beschränktes übergangsstadium verständlich. Trotzdem widersetzten sich einige nationalistisch gesinnte Führer des Grütlivereins jedem Versuch, ihre Privilegien abzuschaffen, Nachdem nun der Oltener Parteitag 1911 schon einige Vorrechte der Grütlianer beschnitten hatte, hat der Parteitag von Aarau einen weiteren Schritt zur folgerichtigen Demokratisierung der Partei getan. Die Neuorganisation der Partei wurde grundsäglich mit 393 gegen nur 37 Stimmen beschlossen. Mit 273 gegen 127 Stimmen wurden hierauf die Anträge der Berner Genossen angenommen. Demgemäß sollen an Orten mit mehreren Parteiorganisationen die kleineren sich mit den größeren und lebenskräftigen freiwillig verschmelzen. Die Ortsvereine des Grütlivereins gehören von nun an unmittelbar der Partei an. Die Mitgliederzahl der Geschäftsleitung ist auf 15 erhöht, um so Genossen aus allen Landesteilen und Vertreter aller Richtungen heranziehen zu können. Der nationale und gemäßigte Grütliberein hat jetzt drei Vertreter. Natürlich hat es nicht an Fa natikern des Grütlivereins gefehlt, die mit Lostrennung von der Partei drohten. Sie werden nicht auf ihre Rechnung kommen, denn schließlich steht den proletarischen Lohnarbeitern auch im Grütliverein die befreiende Sozialdemokratie höher, als die Verewigung einer undemokratischen Privilegienwirtschaft und die national- sozialpatriotischen Liebhabereien einiger unverantwortlicher Führer ihres Vereins. 48 Die Gleichheit Nr. 7 In der neuen Geschäftsleitung sind die weiblichen Parteimitglieder durch die Genossin Agnes Robmann, Lehrerin in Zürich, vertreten, nachdem Genossin Haubensack nach mehrjähriger Mitarbeit in der Geschäftsleitung ihren Rücktritt erklärt hatte. Zu einem heftigen Parteistreit gab auch die Stellungnahme zur Internationalen Sozialdemokratischen Konferenz in Zimmerwald Anlaß. Die Mehrheit der Geschäftsleitung(acht Mitglieder) hatten in der Partei- vresse eine Erklärung gegen die Zimmerwalder Konferenz erlassen, während zwei Mitglieder in unmittelbarem Anschluß daran ihre Zustimmung erklärten. Die Minderheit hatte auf ihrer Seite so ziemlich die gesamte sozialdemokratische Arbeiterschaft im Lande und ebenso die gesamte Parteipresse wie auch fast ausnahmslos alle Versammlungen, die sich damit beschäftigten. Dem Aarauer Parteitag lagen nun mehrere Anträge auf Stellungnahme zur Zimmerwalder Konferenz vor. Eine Züricher Parteiversammlung beschloß den Antrag: „Der Parteitag begrüßt den Zusammentritt der Konferenz von Zimmerwald, stimmt ihren Beschlüssen zu und beschließt, die von der Konferenz angestrebte Aktion so viel als möglich ideell und materiell zu unterstützen." Die sozialdemokratische Partei des Kantons Neuenburg beantragte: »In Erwägung, daß der wirtschaftliche Ruin, dem Europa entgegengeht, einen allgemeinen Niedergang verursacht, begrüßt die sozialdemokratische Partei des KantonS Neuenburg mit Freuden jeden Versuch zur Wiederherstellung der internationalen Beziehungen und besonders die Konferenz in Zimmerwnld. Die Partei bedauert, daß sich die schweizerische Geschäftslcitung dort nicht offiziell vertreten ließ. Sie verlangt, daß der Aarauer Parteitag der Internationalen Sozialistischen Kommission seine moralische und finanzielle Unterstützung gewähre. Die Partei entbietet allen Genossen in den kriegführenden Ländern, die den Grundsätzen der Internationale und des Klassenkampfes treu geblieben sind, die herzlichste Sympathie. Die Partei fordert einen Frieden auf der Grundlage von der Zimmerwalder Konferenz ausgesprochenen Prinzipien und ist der Ansicht, daß dieser Frieden nicht erreicht werden kann durch die Fortsetzung des Krieges, sondern nur durch die revolutionäre Aktion der Arbeiterklasse." Die Mehrheit der Geschäftsleitung beantragte die Ablehnung dieser beiden Anträge, die Minderheit dagegen deren Annahme. Uber alle diese Anträge wurde lebhaft debattiert, wobei namentlich der letzte Satz des Neuenburger Antrags heiß umstritten ward. Die Stimmung gestaltete sich aber derart für die zustimmenden Anträge, daß sich Genosse Greulich veranlaßt sah, den ablehnenden Antrag der Mehrheit der Geschäftsleitung zurückzuziehen. In der Abstimmung wurde der Schlußsatz des Neuenburger Antrags mit 258 gegen 141 und sodann die beiden Anträge Zürich-Neuenburg zusammen mit 330 gegen 51 Stimmen angenommen, ferner der Internationalen Sozialistischen Kommission ein Beitrag von 300 Franken aus der Parteikasse bewilligt. In einer lebhaften Debatte wurden die Zustände in der schweizerischen Armee kritisch beleuchtet. Die Heeresleitung sei bestrebt, mit aller Gewalt einen undemo- kratischen und volksfeindlichen Kastengeist hineinzubringen und so die Armee zu einer Waffe g e g e n die Demokratie zu machen, während sie doch f ü r deren ungeschmälerte Aufrechterhaltung nach innen und außen da sein soll. Es wurde beschlossen, zwei Jnitiativbegehren auf Abänderung der Bundesverfassung aufzustellen, von denen das eine die Abschaffung des Militär st rafgesetzes und der Militärgerichtsbarkeit in Friedenszeiten und das andere gleicheVerpflegung undBesoldung für Offiziere und Mannschaften bezweckt. Für jedes der beiden Jnitiativbegehren ist die Sammlung von 50 000 Unterschriften notwendig, um sie zur Volksabstimmung zu bringen, und wenn damit dem Part�itagsbeschluß entsprechend bald begonnen wird, dürfte die doppelte und dreifache Zahl der notwendigen Unterschriften aufgebracht werden, da in den weitesten Volkskreisen eine tiefe Empörung gegen das volksfeindliche Gebaren vieler Offiziere und gegen die ganze militaristische Richtung besteht. Ein weiteres Jnitiativbegehren wurde zur Finanzpolitik des Bundes beschlossen. Es wendet sich gegen indirekte Steuern und fiskalische Monopole und fordert eine direkte Bun- des st euer auf Einkommen und Vermögen mit steuerfreiem und ausreichendem Existenzminimum und amtlicher Jnventarisation. Schließlich fand eine Protestresolution gegen die militärgerichtlichen Verfolgungen der Presse, insbesondere unserer Parteipresse, und Kundgebung für die Preßfreiheit einstimmige Annahme. Mit einem begeisterten dreifachen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie wurde am Sonntagabend der Parteitag geschlossen, worauf die Delegierten aus der französischen Schweiz mit erhebender Begeisterung die Internationale sangen. Ter zweite„Kriegsparteitag" der schweizerischen Sozial- deinokratie von 1915 wird nicht nur in deren Geschichte einen hervorragenden Platz einnehmen, sondern auch in der Geschichte der sozialistischen Internationale. 2!. Gewerkschaftliche Rundschau. Ein Gedenktag der deutschen Gewerkschaftsbewegung war am 16. November: die Generalkommission der Gewerkschaften und ihr Vorsitzender, Karl Legien, konnten auf eine fünfundzwanzigjährige Tätigkeit zurückblicken. Eine besondere Feier dieses Tages verbot allerdings die gegenwärtige ernste Zeit. Nur in einem kleine» Kreise wurde des Tages gedacht. Vertreter der Vorstände unserer Zentralverbände, Vertreter des Parteivorstandes und der Konsumgenossenschaften und die ehemaligen Mitglieder der Generalkommission fanden sich zu einem zwanglosen Beisammensein ein. Ernste Ansprachen, in denen manch Stück alter und neuer Gewcrk- schaftsgeschichte eingeflochten war, in denen aber auch wiederholt der im Felde stehenden Gewerkschaftsgenossen gedacht wurde, füllten die schlichte Feier aus. In normalen Zeiten wäre dieser Tag sicher nicht in dieser Einfachheit gefeiert worden. Der gewaltigen Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in diesen fünfundzwanzig Jahren und ihrer Bedeutung im heutigen Wirtschaftsleben hätte es entsprochen, eine große Kundgebung— etwa im Anschluß an einen Gewerkschaftskongreß— zu veranstalten, an der auch Vertreter der internationalen Gewerkschaftsbewegung hätten teilnehmen können.— Mit dem Bestehen der Generalkommission ist zugleich eine fünfundzwanzigjährige Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung verknüpft. ES ist hier nicht der Ort, auch nur in großen Zügen diese Geschichte zu skizzieren. In der ersten Zeit der Gründung der Generalkommission gingen die Meinungen über ihren Wert und ihre Bedeutung nicht allein in Parteikreisen, sondern auch bei den eigenen Gewerkschaften auseinander. Im Laufe der Jahre aber hat sich herausgestellt, wie wichtig eine solche von den Verbänden geschaffene Zentralinstanz ist. Sie hat zur Einheit in der Gewerkschaftsbewegung wesentlich beigetragen. Sie hat aber auch für die Einheitlichkeit in der Einführung gewerkschaftlicher Einrichtungen gewirkt. Vor allem aber hat sie die großen, für die Arbeiterklasse wichtigen sozialpolitischen Aufgaben in den Bereich ihrer Tätigkeit hineinbezogen. Man darf es wohl bei dieser Gelegenheit offen aussprechen: Wenn diese zentrale Kommission der Gewerkschaften nicht bestanden hätte, wäre Arbeiterschutz und Sozialversicherung heute in Deutschland nicht einmal auf der Stufe, auf der sie gegenwärtig stehen. An dieser Stelle muß aber auch der rührigen Tätigkeit der Generalkommisfion für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen gedacht werden. Durch Bildung eines der Generalkommission angegliederten Arbeiterinnensekretariats erhielt dieses Tätigkeitsgebiet eine besondere Förderung. Wenn die Organisationsverhältnissc der Arbeiterinnen auch heute noch immer nicht als befriedigend bezeichnet werden können, so liegt das wirklich nicht an der obersten Leitung der Gewerkschaften, sondern an den Schwierigkeiten, mit denen dabei immer wieder zu rechnen ist. Legien selbst ist stets ein warmer Befürworter der gewerkschaftlichen Arbeitcrinncnbewcgung gewesen. Trotz anfänglicher Gegenströmung in einigen Verbänden ist er konsequent dafür eingetreten, daß Arbeiter und Arbeiterinnen eines und desselben Berufs gemeinsam in einer Organisation zu vereinigen Nr. 7 Die Gleichheit seien. Diesem Zusammenwirken der Kräfte verdanken wir die Erfolge in einigen Industrien, in denen die weibliche Arbeitskraft überwiegt oder doch sehr zahlreich anzutreffen ist. Voraussetzung war natürlich die gute Organisation der Arbeiterinnen. Deshalb sollten auch gerade in der jetzigen Zeit, in der die Frauenarbeit in die Industrie besonders stark eindringt, die Arbeiterinnen den Wert der gewerkschaftlichen Organisation keinen Augenblick verkennen. Die Gewerkschaftsstatistik vom Jahre 1914 zeigt den starken Einfluß des Kriegshalbjahres auf die Entwicklung und Leistung der Verbände selbst. Sie beweist aber auch, daß unsere Zentralverbände in ungebrochener Lebenskraft dastehen. Rund eine Million Mitglieder hatten die Gewerkschaften am Schluß des Jahres 1914 verloren; sie zählten 1 485 428 Mitglieder, 746 551 Mitglieder, darunter 562 Angestellte wurden allerdings nur als zum Heeresdienst eingezogen gemeldet. Die noch fehlenden 200 000 find aber sicher nicht auf Austritte zurückzuführen, der größte Teil von ihnen wird als nicht bei den Vorständen gemeldet ebenfalls zum Heeresdienst eingezogen gerechnet werden müssen. Bedauerlich ist allerdings, daß über 20000 weibliche Mitglieder verloren gingen. Dieser Verlust ist nur darauf zurückzuführen, daß die bitterste soziale Not, von der jetzt besonders die Frauen heimgesucht werden, diese zwingt, die paar Groschen für Gewerkschaftsbeiträge für den färglichen Lebensunterhalt zu verbrauchen. In den Einnahmen und Ausgaben kommt die Kriegszeit besonders zum Ausdruck. Während die Einnahmen an Beiträgen im ersten Halbjahr rund 37/2 Millionen Mark betrugen, wurden im zweiten Halbjahr nur 27/2 Millionen Mark an Beiträgen geleistet; pro Kopf des Mitgliedes ist aber die Beitragsleistung im zweiten halben Jahre etwas höher. Die Ausgaben sind dagegen absolut wie relativ höher; 792 Millionen Mark oder pro Mitglied 38,76 Mark wurden im Jahre 1914 verausgabt, gegen rund 75 Millionen Mark oder pro Mitglied 29,39 Mart im Vorjahr. Die Ausgabe für Streifunterstüßung fiel im zweiten Halbjahr ganz bedeutend, auch die Ausgabe für Krankenunterstüßung, weil diese vielfach aufgehoben wurde, dagegen stieg die Arbeitslosenunterstützung mit 1/2 Millionen Mark im zweiten Halbjahr um das Doppelte gegenüber dem ersten Halbjahr, weil die Industrie nach Kriegsausbruch zunächst ins Stocken geriet und sich erst allmählich wieder erholte. Zur Unterstüßung der Familien der Kriegsteilnehmer wurden bis Jahresschluß 1914 rund 6/2 Millionen Mark gezahlt; die Summe ist bis heute natürlich erheblich gestiegen. Daß sich der Vermögensbestand von 88 Millionen Mart auf 81/2 Millionen Mark verringerte, zeigt, wie stark die Gewerkschaften finanziell geblieben sind. Diese finanzielle Lage hat sich im Kriegsjahr 1915 noch wesentlich gebessert, konnten doch die meisten Verbände auf Grund dessen zur Wiedereinführung aufgehobener oder geminderter Unterstüßungseinrichtungen schreiten, und zahlen sie doch den Familien der Kriegsteilnehmer auch in diesem Jahre wieder eine Weihnachtsunterstüßung. Somit tann schon jetzt als sicher betrachtet werden, daß unsere Zentralverbände diese Kriegszeit ohne allzu große Schwächung überdauern werden, und daß irgend welche Gefahr, die sich bei Ausbruch des Krieges hier oder da erhob, nicht vorhanden ist. Die aus dem Felde heimfehrenden Mitglieder werden ihre Organisationen in der alten ge= festigten Form vorfinden, die ihnen Schutz und Schirm auch nach dem Kriege sein wird. Welchen schädigenden Einfluß das in der Kriegszeit vermehrte Eindringen der Frauenarbeit auf die Arbeitsbedingungen ausüben wird, wenn den zutage tretenden Mißständen nicht rechtzeitig Ginhalt geboten werden kann, erhellt aus der Tatsache, daß in vielen Fabriken ein raffiniertes Kontrollsystem zur Einführung gelangt. So werden zum Beispiel bei Krupp in Essen, wo jezt etwa 7000 Frauen beschäftigt sind, die Frauen auf ihre Arbeitsleistungen hin derart kontrolliert, daß sie dasselbe leisten sollen wie die Männer. Eine solche Ausnutzung der Arbeitskraft muß natürlich eine gesundheitliche Schädigung der Arbeiterinnen im Gefolge haben. Sogar bis auf den Besuch des Aborts werden die Frauen kontrolliert, die Kontrolleurin geht den Frauen zu diesem Bwede bis in den Abort nach. Gegen ein solches Kontrollsystem fönnten sich die Frauen erfolgreich wehren, wenn ihnen die Hilfe der Gewerkschaftsorganisation zu Gebote stünde. Das kann aber nur der Fall sein, wenn die Frauen durch ihre Mitgliedschaft bei der für sie zuständigen Berufsorganisation ihren Willen dazu be= funden. Aus Textilarbeiterkreisen wird vor einer Brellung der Frauen gewarnt. Unter dem Aushängeschild:„ Leichter Nebenverdienst" bie= ten Stickereigeschäfte lohnenden Nebenverdienst durch leichte Handarbeit an. Es wird den Frauen dann eine ganz wertlofe Stidmaschine aufgeschwatzt, mit der sie nichts anfangen können. In Bayern hat das Generalfommando schon vor diesem Schwindel ge49 warnt. Da gerade jetzt die Erwerbsmöglichkeit nicht die beste ist und die Kriegerfrauen oder witwen deshalb besonders geneigt sind, für ihre wenigen Spargroschen oder Rentenbezüge sich einen leichten Nebenverdienst solcher Art zu suchen, so sei hier besonders vor diesem Schwindel gewarnt. # Genossenschaftliche Rundschau. Das Oberschiedsgericht für Angestelltenversicherung in Berlin hatte vor einiger Zeit eine von wenig sozialem Geist zeugende Entscheidung über die Versicherungspflicht der Verkäuferinnen in den Konsumbereinen gefällt. Es ist richtig, daß diese Frage nach dem Inkrafttreten der Angestelltenversiche= rung viel umstritten worden ist. Man betrachtete sie nicht vom rein formellen Standpunkt aus und konnte sich infolgedessen nicht recht flar darüber werden, ob die Konsumvereinsverkäuferinnen unter das der Versicherungspflicht unterliegende kaufmännische Personal zu zählen seien. Schließlich hat aber doch die mehr soziale Einsicht die Oberhand gewonnen, so daß man die Angelegenheit in diesem Sinne erledigt ansah, das heißt die Konsumvereinsverkäuferinnen für versicherungspflichtig erklärte. Dafür spricht ja auch, daß in gewerblichen Streitigkeiten für die Verkäuferinnen der Konsumvereine die Kaufmannsgerichte zuständig sind. Da fiel es einem Konsumberein in Bayreuth ein, die Frage von neuem aufzu= rollen und die Versicherungspflicht seiner Verkäuferinnen zu bestreiten. Sein sozialer Geist reichte nicht weit genug, um die Versicherungsbeiträge für diese weiblichen Angestellten zu bezahlen. Deshalb provozierte er einen Rechtsstreit darüber. Beim Rentenausschuß in Berlin blizte der Konsumverein mit dem Bestreben, sich um die Versicherung zu drücken, zunächst gründlich ab. Der Rentenausschuß entschied vielmehr:„ Die Verkäuferinnen erfüllen alle Voraussetzungen für den Begriff von Handlungsgehilfinnen. Die an Umfang und Bedeutung der Verkaufstätigkeit gegenüber zurücktretenden Reinigungs- und Aufräumungsarbeiten fallen nicht entscheidend ins Gewicht. In ständiger Rechtsprechung ist vom Rentenausschuß in übereinstimmung mit der Rechtsprechung der ordentlichen Gerichte festgestellt, daß auch die Verkäuferinnen von Konsumvereinen, die die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaften befizen, Handlungsgehilfinnen im Sinne des Handelsgesetzbuchs sind, da derartige Konsumvereine als Kaufleute anzusehen sind. Daß die Haupttätigkeit der Verkäuferinnen eine faufmännische ist, bedarf weiter keiner Begründung. Die Versicherungspflicht war somit zu bejahen." Gegen diese Entscheidung legte der Konsumverein in Bayreuth Beschwerde ein. Und er hatte auch wirklich Erfolg, daß sich das Oberschiedsgericht, entgegen der bisherigen Praxis, auf einen dem Rentenausschuß entgegengesetzten Standpunkt stellte. Es hat am 30. August 1915 entschieden:„ Die Beschwerde erscheint begründet. Das Oberschiedsgericht für Angestelltenversicherung hat in früheren Entscheidungen ausgeführt, daß eine eingetragene Genossen= schaft nicht als Kaufmann anzusehen sei, und daß deshalb ihre Angestellten nicht Handlungsgehilfen im gesetzlichen Sinne seien. Die entgegenstehende Rechtsauffassung des Rentenausschusses fann demnach nicht aufrechterhalten werden. Die Auffassung der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte, daß Verkäuferinnen bei einer solchen Genossenschaft, wenn nicht als Handlungsgehilfinnen, so doch als Angestellte in einer derjenigen der Werkmeister und Betriebsbeamten ähnlich gehobenen oder höheren Stellung anzusehen feien, könnte selbst dann nicht beigetreten werden, wenn die Angestellten lediglich als Verkäuferinnen tätig werden. Im vorliegenden Falle schließen überdies die den Angestellten obliegenden Reinigungs- und Aufräumungsarbeiten die Annahme aus, daß die Angestellten eine gehobene Stellung der gedachten Art bekleiden." Da es gegen diese Instanz kein weiteres Rechtsmittel gibt, ist die Entscheidung- wenigstens formell rechtsgültig. Troßdem sie im offenen Gegensatz zu der seit langem praktisch durchgeführten Meinung der großen Genossenschaftsverbände steht! Der Allgemeine Verband deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften hat sich nun an das Direktorium der Reichsversicherungsanstalt mit einer Anfrage gewandt, wie dieses sich zu der Angelegenheit stelle. Die Antwort, die darauf gegeben worden ist, richtet sich gegen das Oberschiedsgericht. Nach näherer Schilderung des Sachverhalts heißt es am Schluß:„ Wir können uns jedoch dieser Auffassung des Schiedsgerichts nicht anschließen und beabsichtigen daher, in Kürze einen Fall, in dem es sich um die Versicherungspflicht von Verkäuferinnen einer eingetragenen Genossenschaft sowie einen solchen, in dem es sich um diejenige eines Lagerhalters einer eingetragenen Genossenschaft handelt, dem Oberschiedsgericht zur Entscheidung zu unterbreiten. Wir müssen daher alle bisher eingelaufe 50 Die Gleichheit nen Rückzahlungsanträge von Genossenschaften zunächst ablehnen, bis die Entscheidung des Oberschiedsgerichts ergangen ist. Bu der Frage, ob sich eine Abänderung des Gesezes empfiehlt, fann hiernach zurzeit noch nicht Stellung genommen werden." Der Vorstand des Zentralverbandes deutscher Konsumbereine war in gleichem Maße gegen die Entscheidung des Oberschiedsgerichts vorstellig geworden. Er hat auch eine ähnliche Antwort erhalten. Nach alledem kann man die Frage zurzeit wieder als schwebend ansehen und nur wünschen, daß sie endlich, jeden Zweifel ausschließend, zugunsten der Verkäuferinnen erledigt wird. Die Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Konsumvereine hat nach ihrem Geschäftsbericht auf das Jahr 1914 einen Gesamtumsatz von rund 25/2 Millionen Kronen zu berzeichnen, das sind reichlich 800 000 Stronen weniger als im Vorjahr. Der Grund dieses Rüdgangs ist natürlich in den Kriegsverhältnissen zu suchen. Es wird darauf hingewiesen, daß die Konsumbereine noch lange nicht in dem wünschenswerten und möglichen Maße die Großeinkaufsgesellschaft als Zentrale für ihren Einkauf benützen. Sehr stark und ganz unmittelbar zeigen sich die Wirkungen des Krieges auch bei den Spareinlagen. Den Abhebungen im Betrag von über 12 Millionen stehen nur 944 000 Kronen Einlagen gegenüber. Das Jahr 1915 dürfte ein noch viel ungünstigeres Bild ergeben. Da auch die Konsumvereinsbewegung in Österreich leider national gespalten ist, besteht außer der österreichischen noch eine tschechische Großeinkaufsgesellschaft. Ihr sind 262 Konsumvereine angeschlossen. Sie hatte einen Umfab bon 3 238 000 tronen, 112 000 mehr als im Vorjahr. Aus der dänischen Genossenschaftsbewegung wird berichtet: über eine ganz neue Erscheinung im Genossenschaftswesen wird aus Jütland berichtet, wo jüngst die erste sogenannte Andelskasse errichtet wurde. Es handelt sich um die bantmäßige Gestaltung der schon bestehenden Sparabteilungen der Konsumvereine und Sparkassen. Leitender Gedanke ist, das überflüssige Geld eines bestimmten Landesteils für diesen zurüczulegen. Grundlage der Kasse ist die unbedingte Solidarität der Mitglieder, die in dem betreffenden Landesteil wohnen müssen. Die Barzahlung zwischen Mann und Mann wird durch ein neues System abgelöst, jeder empfängt durch sein Konto, was ihn zusteht, und zahlt durch sein Konto, was er schuldet. Die Leitung der Kasse bilden Vertreter der Vorstände der lokalen Genossenschaften; sie bestimmt die Höhe des jedem Mitglied zustehenden Kredits, mas natürlich von wesentlichem Vorteil ist, da die Leute orts- und personenkundig find. Man glaubt, auf diesem Wege namentlich die brennende Frage der Beschaffung persönlichen Kredits für den Bauern gelöst zu haben. Notizenteil. Für den Frieden. H. F. Die sozialdemokratischen Parteien und Zimmerwald. Auf Grund der bisher bei der Internationalen Sozialistischen Kommission in Bern eingetroffenen Berichte haben ihren Beitritt erflärt beziehungsweise ihre Zustimmung zu den Zimmerwalder Beschlüssen gegeben die folgenden offiziellen Organisationen: 1. Sozialdemokratische Partei Italiens; 2. Sozialdemokratische Partei der Schweiz; 3. British Socialist Party; 4. Independent Labour Party; 5. Sozialdemokratische Partei Rumäniens; 6. Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, Zentralfomitee; 7. Gozialdemokratische Partei Rußlands, Organisationskomitee; 8. Bartei der Sozialisten- Revolutionäre Rußlands; 9. Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund in Litauen, Polen und Rußland; 10. Die drei polnischen sozialistischen Parteien, Hauptvorstand und Landesvorstand der polnischen Sozialdemokratie und Zentralfomitee der polnischen sozialistischen Partei; 11. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei Bulgariens; 12. Die sozialdemokratische Partei Portugals; 13. Die sozialistische Föderation von Saloniki; 14. Der sozialistische Jugendverband Schwedens und Norwegens; 15. Die Socialist Labour Party Amerikas; 17. Die Socialist Party Amerikas. Im Bulletin der J. S. K.( Internationalen Sozialistischen Kommission) wird dazu bemerkt: Außerdem hat sich eine Reihe von Gruppen der verschiedenen Länder angeschlossen, so besonders einzelne Föderationen der sozialistischen Partei Frankreichs. In anderen Ländern ist die Organi sationsarbeit in vollem Gange. Die Opposition in der Sozialdemokratie Spaniens vertrat auf dem Parteitag, der neulich in Madrid stattfand, mit Energie und Klarheit die Sache des Friedens und der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse. Die Opposition wird geführt von den Nr. 7 Genossen Manuel Vigil und Verdes Montenegro, sie zählte auf dem Parteitag ungefähr ein Drittel der abstimmenden Delegierten. Bigil vertrat laut„ Vorwärts" die Meinung, daß nach dem Kriege, wie auch immer sein Ausgang sein möge, die Kapitalisten aller Länder sich zur gemeinsamen Ausbeutung der Arbeiter vereinigen würden. Deshalb liege es im sozialistischen Interesse, alles zu tun, um dem Kriege so bald als möglich ein Ziel zu setzen. Eine ent sprechende Resolution wurde mit 20 gegen 9 Stimmen abgelehnt. Verdes Montenegro erklärte, er wolle nur von einem Krieg der Arbeiter gegen den Kapitalismus hören. Der Krieg der einen kapitalistischen Gruppe gegen die andere intereffiere ihn nicht:" Ihr sagt, Deutschland sei der Angreifer. Das läßt sich jezt und vielleicht auch später schwer feststellen. Ihr sagt, die Deutschen brachten eine große Armee auf die Beine, aber Ihr vergeßt, daß die Briten eine gewaltige Flotte bauten. Ihr sprecht von der Bekämpfung des Militarismus.... Heute ist es der Kapitalismus, der sich die Beute sichert. Früher behaupteten wir, daß der Kapitalismus in allen Ländern derselbe sei. Heute machen wir Unterschiede zwischen dem Kapitalismus in den verschiedenen Nationen. Ich erinnere mich, daß man sich an dem dem Krieg vorausgehenden 1. Mai erzählte, die Arbeiter hätten kein Vaterland. Die Lage der Welt hängt, was die Unterdrückung betrifft, nicht davon ab, wer Sieger bleibt...." Auch die Resolution dieses offenbar gutgeschulten Sozialisten wurde abgelehnt. Sie erhielt 10 von 35 abgegebenen Stimmen. Die Mehrheit der Delegierten sympathisierte mit den Ententemächten und glaubt noch an das Märchen von dem befreienden und demokratischen Charakter des Kriegs. Auf dem Parteitag der rumänischen Sozialdemokratie, der vom 7. bis 9. November in Bufarest tagte, stand die Frage des Kampfes um den Frieden und die Neutralität im Mittelpunkt der Kongreßberatungen. Auch die Fragen der Drganisation und Propaganda wurden unter dem Gesichtspunkt der Ausnüßung der ener gischen und umfassenden Friedensaktionen behandelt. Schon am Vorabend des Parteitags hatte eine große Boltsversammlung energisch gegen die Forderung der russenfreundlichen Elemente protestiert, die wünschen, daß die rumänische Regierung das russische Heer durch die Dobrudscha nach Bulgarien marschieren lasse. Noch vor Eintritt in die Tagesordnung des Parteitags wurde eine Sympathiekund. gebung für die dem Gedanken des Internationalismus treugeblie benen Genossen, die die Taktik des Burgfriedens verwerfen", beschlossen. Aus dem Jahresbericht, den Genosse Marinescu abstattete, geht hervor, daß noch umfassender als der Wahlrechtskampf der Kampf für den Frieden die Kräfte der Partei in Anspruch ge= nommen hat. 284 große Voltsversammlungen wurden von ihr veranstaltet und fast eine halbe Million Flugblätter wurden im Lande verbreitet, eine zweifellos ganz bedeutende Leistung für die noch kleine Partei. Das Referat des Genossen Frimm über„ Wahl- und Agrarreform" wies auf den Zusammenhang hin zwischen den wirtschaftlich und innerpolitisch reaktionären Großgrundbesitzern und den konservativen Kriegshegern. Er verlangte daher, daß die Aktion der Partei für den Frieden Hand in Hand gehe mit dem Stampfe für die Reformen. Genosse Rafowsti erstattete Bericht über die zweite Baltankonferenz und über die Bimmerwalder Tagung. Der Stongreß beschloß einstimmig, an das von der Zimmerwalder Konferenz eingesezte Bureau eine Zustimmungsdepesche zu senden. Über das Thema: Die Sozial. demokratie und der Krieg sprach Genosse Calin. Das Referat bewegte sich im wesentlichen auf dem Boden der Zimmerwalder Beschlüsse. Die Konferenz machte sich die Beschlüsse der Balkan- und der Zimmerwalder Stonferenz zu eigen. Am 12. Dezember sollen im ganzen Lande Versammlungen stattfinden für die geforderten inneren Reformen und gegen die Kriegshehe. Die wachsende Friedensbewegung in der französischen Partei. Sowohl in Paris wie auch in der Provinz mehren sich die Protest, stimmen gegen die Kriegshaltung des ständigen Verwaltungsausschusses C. A. P.( Commission Administrative Permanente). Der „ Populaire du Centre", das sozialistische Tageblatt von Limoges, enthält in seiner Nummer vom 12. November sowohl einen gegen die C. A. P. gerichteten Leitartikel wie eine scharfe Randbemerkung zur ablehnenden Stellungnahme der C. A. P. gegenüber der Zimmerwalder Konferenz. Ferner berichtet der russische Genosse Martoff über eine Pariser Protestbersammlung, die sich auf den Standpunit der Zimmerwalder Konferenz stellt. Bemerkenswert ist, daß in dieser Versammlung das Fraktionsmitglied Renaudel die ablehnende Haltung zur Zimmerwalder Kon ferenz auch damit zu begründen versuchte, daß er der deutschen Parteiopposition Mangel an revolutionärer Tatkraft vorwarf. Die Parteiführer decken also auch in Frankreich wie anderswo ihre Blöße mit dem beliebten Mittel, auf die Schwächen und Nr. 7 Die Gleichheit Halbheiten des Nachbars zu verweisen. Zugleich ist dies ein Beweis dafür, daß eine energische Friedensbewegung in dem einen Lande durchaus nicht zur Stärkung des Gegners beiträgt. Umgekehrt, breite Boltskreise in Frankreich wären bereit, für den Frieden einzutreten, wenn sie die Sicherheit hätten, daß auch jenseits der Grenze für den Frieden gearbeitet wird. Von der Opposition des Abgeordneten Raffin- Dugens haben wir bereits in der letzten Nummer berichtet. Wie nachträglich befannt wird, war er auch unter den 25 Abgeordneten, die sich bei dem Vertrauensvotum für Briand der Stimme enthielten. RaffinDugens hat seine Stimmenthaltung damals kurz begründet. Das offizielle Organ der französischen Sozialdemokratie schweigt über alle diese Vorgänge. Wie die Sozialisten der Vereinigten Staaten sich zur internationalen Friedensarbeit der sozialistischen Frauen stellen, das wird immer wieder aufs neue durch Sympathiekundgebungen für Genossin Zetkin zum Ausdruck gebracht. Diese Kundgebungen sind erfüllt vom Geist internationaler sozialistischer Solidarität und der entschlossenen, grundsätzlichen Gegnerschaft gegen den Krieg, unter welcher Fahne er auch die Gefilde der Menschheitskultur, der sozialistischen Ideale zerstampft. Voller Zukunftsverheißung ist namentlich ein Schreiben der Schüler der sozialistischen Sonntagsschule und der Liga der jungen Sozia= listen zu Rochester. Die Jugend freut sich mit Recht, daß die Friedensbestrebungen der sozialistischen Frauen aller Länder be= reits start genug hervorgetreten sind, um das Mißfallen der Gegner des Friedens und des Sozialismus zu erregen. Auch eine Kundgebung der Deutsch sprechenden Genossenschaft von Philadelphia sei wegen ihrer entschiedenen und klaren Bewertung der Dinge und Ereignisse erwähnt. Arbeitslosigkeit der weiblichen Erwerbstätigen. Wie schon in den Vormonaten, so war auch im Monat Ottober für die weiblichen Erwerbstätigen die Lage auf dem Arbeitsmarkt ganz unbefriedigend. Das geht vor allen Dingen aus den Berichten der Arbeitsnachweise hervor, die eine Zunahme des Andranges bei den Frauen meldeten. Es tamen nämlich im Oktober auf 100 offene Stellen 182 weibliche Arbeitsuchende gegen 170 im September, während bei den männlichen Personen die entsprechende Verhältniszahl in den gleichen Monaten nur 89 betrug. Diese an und für sich schon hohe Durchschnittszahl von 182 wird von 8 Berufsgruppen noch wesentlich überschritten. So entfielen im Oktober auf 100 offene Stellen im Handelsgewerbe 358, in der Textilindustrie 314, auf& abritarbeit ohne nähere Bezeichnung 251, in der Lederindustrie 240, in der Papierindustrie 224, in der Nahrungs- und Genußmittelindustrie 216, in der Metallindustrie 206 und im Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe 205 weibliche Arbeitsuchende. Eine Steigerung der Andrangziffern gegenüber den vorhergehenden Monaten wird insbesondere von den beiden Gruppen Gast- und Schantwirtschaft und Sonstige Lohnarbeit und häusliche Dienste gemeldet. Es ist dies die Folge der wucherischen Lebensmittelteuerung. Familien, die früher Hauspersonal beschäftigten, be= helfen sich jetzt mit Aufwärterinnen oder verrichten diese Arbeiten selbst. Die Erhöhung der Andrangziffer kommt denn auch in der Zusammenstellung nach Landesgebieten zum Ausdruck. Bei einigen Landesteilen, wie Elsaß- Lothringen und Königreich Sachsen, hat sich da im Laufe des Monats Oktober die Verdienstmöglichkeit ganz erheblich verschlechtert. über die Arbeitslosigkeit der gewerblichen Arbeiterinnen orientieren am besten die gewerkschaftlichen Arbeitslosenzählungen. Diese liegen für den Monat Oktober von 27 Organisationen bor, die über 143 524 weibliche Mitglieder berichteten. Von diesen waren zu Ende Oktober 14343 gleich 10,0 Prozent arbeitslos. Das ist die gleiche Ziffer, die schon im Vormonat September und auch im Mai ermittelt wurde. Eine Zunahme von weiblichen arbeitslosen Mitgliedern meldeten 13 Organisationen. Von diesen hat wiederum, wie schon in den vorhergehenden Monaten, der Textilarbeiterverband die größte Zunahme zu verzeichnen. In dieser Organisation erhöhte sich die Zahl der weiblichen arbeitslosen Verbandsangehörigen von 5350 zu Ende September auf 5805 zu Ende Oktober. Seit Ende Junihat sich nunmehr die Zahl der freiorganisierten arbeitslosen Textilarbeiterinnen um 2787 erhöht. Zieht man jedoch die Arbeitslosenprozentzahlen in Betracht, so stellen die organisierten utarbeiterinnen nun schon seit einem halben 51 Jahre mit 46,5 Brezent die meisten Arbeitslosen. Nicht viel besser ergeht es den Glasarbeiterinnen, von diesen waren zu Ende Oktober 36,1 Prozent ohne Beschäftigung. Dann folgen in weiterem Abstand die Lederarbeiterinnen mit 24,5, die Porzellanarbeiterinnen mit 22,5, die egtilarbeiterinnen mit 15,9, die Buchbindereiarbeiterinnen mit 12,2, die weiblichen Mitglieder des Holzarbeiterverbandes mit 9,7, die weiblichen Mitglieder des Brauereiund Mühlenarbeiterverbandes mit 9,4 und die weiblichen Mitglieder des Schuhmacherverbandes mit 7,5 Prozent Arbeitslosen. Unter 1 Prozent weibliche Arbeitslose hatte nur der Tabatarbeiterverband. Die seit Ende Juni 1914 durch alle Monate festgestellte größere Beschäftigungslosigkeit der weiblichen Verbandsangehörigen gegenüber den männlichen tritt Ende Oktober aufs neue in Erscheinung. Bei der Gesamtzahl der berichtenden Verbände beträgt dieses überwiegen das Zehnfache; denn während sich der Verhältnissaß der Arbeitslosigkeit für die männliche Mitgliedschaft auf 1,0 Prozent stellt, wurde für die weiblichen Mitglieder eine Arbeitslosenziffer von 10,0 Prozent ermittelt. Mit Ausnahme eines kleinen gegnerischen Verbandes, bei dem sich beide Verhältnissäße die Wage halten, zeigt sich die größere Arbeitslosigkeit der weiblichen Mitglieder bei allen berichtenden Verbänden. Besonders scharfe Gegensätze traten in den Gewerkschaften der Hutarbeiter, Glasarbeiter, Lederarbeiter und Porzellanarbeiter hervor. Die noch außerordentlich große Arbeitslosigkeit unter den gewerblichen Arbeiterinnen mahnt erneut, in der öffentlichen Arbeitslosenfürsorge nicht zu erlahmen. Inverzüglich sollte von den Gemeindeverwaltungen für entsprechende Beschäftigung oder ausreichende Unterstützung der Arbeitslosen gesorgt werden. Frauenstimmrecht. b. Der Kampf für die Einführung des Frauenwahlrechts in den bekannten vier östlichen Bundesstaaten der nordamerikanischen Union hat leider noch nicht mit dem Sieg geendet, aber immerhin einen stattlichen Erfolg gebracht. Nach den bis jetzt vorliegenden Zahlen haben sich bei dem Referendum 1074 023 Stim men für die volle politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts erklärt, 1 493 658 dagegen. Das Ergebnis der Abstimmung stellt sich in den einzelnen Staaten wie folgt: New Versey für das Frauenwahlrecht 133 282, dagegen 184 390; New York für: 515 659, dagegen: 700 588; Massachusetts für: 164 505, das gegen: 292 155; Pennsylvanien für: 260 577, dagegen: 316 525. Jn manchen Grafschaften( Bezirken) find für das Frauenwahlrecht bereits größere oder Kleinere Mehrheiten gefallen. So in 32 Grafschaften des Staates Pennsylvanien und in 7 des Staates New York. Die Gegner des Frauenwahlrechts hatten alle Machtmittel aufgeboten, um die von den gesetzgebenden Körperschaften der vier Bundesstaaten bereits zweimal beschlossene Verfassungsreform zu Fall zu bringen. Namentlich haben es sich die Besizer der großen Brauereien und der vielen Restaurants, Trinkstuben usw. ein tüchtiges Stück Geld kosten lassen, das Frauenwahlrecht fernzuhalten. Frau Chapman- Catt, eine der besten Führerinnen der amerikanischen Frauenrechtlerinnen, konnte mit Recht sagen, daß „ König Whisky" eine der Gewalten sei, die über das Frauenwah!= recht triumphiert haben. In sehr vielen Orten ist der Kampf um die Verfassungsreform an erster Stelle als Kampf der Feuchten" gegen die„ Trockenen" ausgefochten worden, das heißt als Kampf der Gegner des gesetzlichen Alkoholverkaufsverbots gegen die Anhänger dieser Maßregel. Es sollen Unsummen aufgewendet worden sein, um Stimmen für die Feuchten" zu kaufen. In manchen Trinkstuben erhielten die Besucher Bons für zwei Gläser Likör oder Bier"," gültig, wenn das Frauenwahlrecht zurückgeschlagen wird". Manche Kirchliche Seften bekämpften die Verfassungsreform umgefehrt deswegen, weil die Frauenrechtlerinnen keine Anhängerinnen des Verkaufsverbots von Alkohol seien. Bekanntlich sind die frauenrechtlerischen Organisationen politisch klug genug gewesen, zu dieser heißumstrittenen Frage überhaupt teine Stellung zu nehmen. " Aber auch andere Märchen mußten herhalten, um gerade den firchlich gesinnten Wählern vor dem Frauenwahlrecht gruselig zu machen. Den protestantischen Settengläubigen kündeten Flugblätter, daß die Einführung des Frauenwahlrechts die politische Macht der„ Papisten", der Katholiken, in manchen Bezirken und Städten verdoppeln und verdreifachen werde. Den Katholiken wurde hingegen als Folge der Neuerung angedroht, daß die„ kezerischen Settierer" fie an die Wand drücken würden usw. Tatsache ist ferner, daß die beiden großen bürgerlichen Parteien, Republikaner und 52 Die Gleichheit Demokraten, in zahlreichen und zumal großen Orten ihre ganze bedeutende politische Maschinerie" gegen das Frauenwahlrecht spielen ließen. Was das bedeutet, kann nur ganz gewürdigt werden, wenn man bedenkt, daß diese„ Maschinerie" ohne Strupel auch mit den verwerflichsten Mitteln arbeitet. In Philadelphia zum Beispiel trieben einige Hundert organisierte Republikaner frauenrechtlerische Straßenversammlungen auseinander. Nicht genug, daß Berittene unter die Versammelten sprengten, wurden diese mit Raketen, Schwärmern usw. beworfen, so daß die Frauenfleider Feuer fingen; an anderen Stellen wieder wurden die Freunde des Frauenwahlrechts durch Spritzen usw. buchstäblich unter Wasser gesezt. In der Stadt New York hat die berüchtigte Organisation der„ Tammany Hall" gegen das Frauenwahlrecht gearbeitet. Wie von frauenrechtlerischer Seite versichert wird, soll die Gegnerschaft der bürgerlichen Parteien einen besonderen Grund haben: Die Furcht, die politisch gleichberechtigten Frauen würden der Korruption des politischen Lebens entgegenwirken und ihren Einfluß für ernste Reformen geltend machen. Von den politischen Parteien ist einzig und allein die soziali stische Parte i fonfequent, treu und eifrig für das volle Bürgerrecht des weiblichen Geschlechts eingetreten. Schon monatelang vor der Abstimmung durch eine planmäßige Agitation, dann an der Urne selbst. Die bekanntesten Führer und Führerinnen der sozialistischen Partei sind im Vordertreffen des Kampfes für das Frauenwahlrecht gestanden. Deshalb sind für dieses dort viele Stimmen abgegeben worden, wo die Sozialisten einen starken Einfluß auf die Wähler haben. So zum Beispiel in Schenectady, eine der sozialistischen Hochburgen. Bei der Bewertung des Ausfalls der Volksabstimmung über das Frauenwahlrecht muß ein Umstand in Betracht gezogen werden. Der Krieg hat auch in den Vereinigten Staaten eine politische Atmosphäre der Reaktion geschaffen, die Neformen nicht günstig ist. Im Staate New Jersey wurde zum Beispiel nicht bloß das Amendement über das Frauenwahlrecht verworfen, sondern es fielen auch die beiden anderen parlamentarischen Beschlüsse zur Verfassungsreform. In Pennsylvanien wurden vier Amendements zur Verfassung abgelehnt. Auch in den anderen Staaten trug die Abstimmung im allgemeinen einen realtionären Charakter. So wäre es irrig, mit dem entzückten Spießẞbürger von einer großen Niederlage" des Frauenwahlrechts zu reden. Das Abstimmungsergebnis über diese Forderung bleibt ein starter Fortschritt, der fünftigen, baldigen Sieg verbürgt. Das ist nicht etwa„ Selbsttrost" der Frauenrechtlerinnen in den Vereinigten Staaten, sondern die Auffassung, der die angesehensten Blätter des Landes ohne Unterschied der Partei und der Stellung zum Frauenwahlrecht selbst Ausdruck verleihen. Die Kämpferinnen für das Bürgerrecht der Frau sind unentmutigt sofort an die weitere Arbeit gegangen. Fürsorge für Kriegerfamilien. Die Hinterbliebenenrenten für die Angehörigen der Vermißten und Verschollenen. In sehr vielen Fällen kommt es vor, daß über den Verbleib von Kriegsteilnehmern nichts bestimmtes festzustellen ist. Das liegt in der Natur" des Krieges. Man führt zunächst diese Personen als Vermißte". Ihre Angehörigen erhalten inzwischen die übliche Familienunterstützung und auf Antrag die Vermißtenlöhnung" vom zuständigen Truppenteil. Aber das währt nur eine beschränkte Zeit. Nach§ 4 Biffer 7 der Anlage 9 der Heerordnung hat die Streichung der Vermißten in den Kriegsranglisten und Kriegsstammrollen zu geschehen, wenn das Ableben mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen" ist. Diese Wahrscheinlichkeit liegt dann vor, wenn während eines Jahres feine Nachricht von dem Leben des Vermißten eingegangen ist. Die Löh= nung des Vermißten wird deshalb an seine Angehörigen auch nur ein Jahr lang gewährt und dann eingestellt. Die Angehörigen können nun die Gewährung der Hinterbliebenenrente beantragen, die ja auch, namentlich auf dem Lande, in der Regel höher ist als die Familienunterstüßung. Um die Rente zu erlangen, müssen die Angehörigen des Vermißten eine schriftliche Erklärung unterschreiben, daß sie seit dem Vermißtwerden keine Nachricht erhalten haben, daß der Vermißte noch am Leben sei. Auch die Leistungen der der Invalidenversicherung angegliederten Hinterbliebenenversicherung werden unter ähnlichen Voraussetzungen gewährt. Nach§ 1265 der Reichsversicherungsordnung wird die Witwen- und Waisenrente und das Witwengeld gewährt, wenn der Versicherte„ verschollen" ist. Er gilt als verschollen, wenn während eines Jahres keine glaubhaften Nachrichten von ihm eingegangen sind und die Umstände seinen Tod wahrscheinlich machen. Das Versicherungsamt kann von den HinterNr. 7 bliebenen die eidesstattliche Erklärung verlangen, daß sie von dem Leben des Vermißten keine anderen als die angezeigten Nachrichten erhalten haben. Den Todestag Verschollener, das heißt den Tag, von dem an die Rente zu zahlen ist, setzt die Versicherungsanstalt nach billigem Ermessen fest. Er kann bei einem Kriegsteilnehmer nur der Tag sein, an dem er zu seinem Truppenteil nicht wieder zurückkehrte. Es ist somit die Rente auf die ganze Zeit des Vermißtseins nachzuzahlen. Ein gewisser Widerspruch besteht hier mit § 1253 der Reichsversicherungsordnung, nach dem die Witwen- und Waisenrenten nur ein Jahr rückwärts, vom Eingang des Antrags gerechnet, gezahlt werden. Ebenso besteht ein Wiederspruch mit § 1300 der Reichsversicherungsordnung, nach dem der Anspruch auf das Witwengeld verfällt, wenn er nicht innerhalb eines Jahres nach dem Tode des Ehemannes geltend gemacht wird. Entscheidungen über die Auslegung dieser Vorschriften liegen noch nicht vor. Jedenfalls empfiehlt es sich aber, die Anträge auf die Hinterbliebenenbezüge so bald wie möglich nach Ablauf des Jahres zu stellen. Darin kann auch keine Pietätlosigkeit gegenüber dem Vermißten gefunden werden, sondern nur eine verständliche Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der Hinterbliebenen. Die sowohl auf Grund des Militärhinterbliebenengesetzes als auch gemäß der Reichsversicherungsordnung gewährten Hinterbliebenenbezüge sind nicht wieder zurückzuzahlen, falls der Vermißte oder Verschollene später doch wieder zurückfehren sollte. Die gezahlten Beträge verbleiben in den Händen der Familienangehörigen, da diese inzwischen einen gesetzlichen Anspruch darauf hatten. Frauenarbeit. F. Kl. Die Ausdehnung der Franenarbeit in der Berliner Metalldreherei wurde kürzlich in einer Versammlung der organisierten Eisen-, Metall- und Revolverdreher durch interessante Angaben beleuchtet. Arbeiterinnen werden heute nicht nur an den Revolver- und Automatenbänken beschäftigt, sondern auch an den Spitzenbänken. Sie leisten also qualifizierte Dreharbeit, und so ist die Meinung widerlegt, als ob solche ausschließlich von Männern verrichtet werden könnte. In einem Großbetrieb sind die weitaus meisten Dreharbeiten an die Frauen übergegangen. Dort werden nur ganz wenige Männer mit dem Anlernen der Arbeiterinnen und einigen bestimmten Arbeiten beschäftigt, die besondere Schulung verlangen. Wie zu den qualifizierten so werden auch zu förperlich sehr anstrengenden Verrichtungen Frauen in steigender Bahi herangezogen. Die Arbeiterin hat 80 Pfund schwere Granaten auf die Drehbank zu heben und zu schruppen, sie kann täglich 36 dieser schweren Arbeitsstücke bewältigen. Eine Leistung das, die sicher die wenigsten Frauen auf die Dauer zu verrichten imstande sind, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu leiden. Die Rücksicht auf die Gesundheit der Frauen, die Mutterschaft und Mutterpflicht, steht überhaupt nicht im Programm der Unternehmer und Direktoren, die immer mehr weibliche Arbeitskräfte in die Metallindustrie einführen. Diese Rücksicht würde sich ja schlecht mit dem Hauptglaubenssatz der Herren vertragen, daß möglichst fetter Profit das Ziel der Industrie sei. So müssen wohl die meisten Metalldreherinnen in Berlin 11 und 12 Stunden täglich schaffen, obgleich die Verrichtungen Muskeln und Nerven überanstrengen, zu chronischer übermüdung und damit zu ernsten Gesundheitsschädigungen führen. Die lange Tagesarbeit läßt sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Bedürfnisse des Heeres rechtfertigen. Sie könnte sehr leicht durch Mehreinstellung von Arbeiterinnen vermieden werden, denn es fehlt in Berlin wahrhaftig nicht an Frauen, die Arbeit und Brot suchen müssen. Aber freilich: vermehrte Nachfrage nach Arbeiterinnen könnte höhere Entlohnung nach sich ziehen, während die Frauen gerade als billige Arbeitskräfte begehrt sind. Im allgemeinen erhalten die Arbeiterinnen in der Berliner Dreherei nur die Hälfte der Akkordsätze, die früher für genau die gleichen Arbeiten den Männern bezahlt wurden. Da ist es denn kein Wunder, daß die Frauenarbeit noch ständig wächst, wenn auch die Beschäftigung in der Dreherei in letzter Zeit erheblich nachgelassen hat. Die festgestellten Tatsachen weisen darauf hin, daß auch in der Metalldreherei die zunehmende Frauenarbeit keine vorübergehende Erscheinung sein wird. Sie mahnen an die Notwendigkeit, auch hier die Arbeiterinnen aufzuwecken, zu organisieren und diese Verbesserungen zu erkämpfen: wirksamen gesetzlichen Schutz der Frauenarbeit; gleichen Lohn für gleiche Leistung und volles politisches Recht für das weibliche Geschlecht. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Verlag von J. H. W. Diep Nachf. 8.m.b.8. tn Stuttgart.