Nr. 27 26. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 29. September 1916 Einladung zum Abonnement.- Von der österreichischen Arbeiterinnenbewegung. Von Adelheid Popp. Die Kriegserwerbslosenfürsorge in Württemberg. Von R.( Schluß.)- Gewerkschaftliche Rundschau. -Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Für den Frieden. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.Frauenarbeit. Verschiedenes. Einladung zum Abonnement. Der Weltkrieg mit seinen Begleiterscheinungen weist gebieterisch die Frauen des werktätigen Volkes auf ihre Pflicht hin, sich zahlreicher als bisher um das Banner des Sozialismus zu scharen, und von einer klaren, festen sozialistischen Weltanschauung beseelt an der gesellschaftlichen Entwicklung tätig mitzuwirken. Denn kein Zweifel: die blutige Auseinandersetzung zwischen den Staaten wird tiefe, langnachhaltende Spuren in dem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben der Völker hinterlassen, und gerade den breiten Massen werden in der Folge die verantwortungsreichsten weittragenden Aufgaben zufallen. An der Lösung dieser Aufgaben zielflar und opferfreudig mitzuarbeiten wird auch die Pflicht der Frauen sein. In allen Ländern hat der Krieg helles Licht darauf geworfen, wie wertvoll, wie unentbehrlich die Mitarbeit der Frauen auf wirtschaftlichem Gebiet und im öffentlichen Leben ist, wie bedeutungsvoll ihr häusliches Walten. In reichem Maße und mit größter Selbstlosigkeit erfüllen die Frauen in dieser schweren Zeit Bürgerpflichten. In der Zukunft hat das nicht nur noch mehr zu geschehen, sondern dem Eifer, der Hingabe muß auch die Einsicht in das gesellschaftliche Getriebe und Geschehen ebenbürtig sein, und die Zielklarheit des Wollens und Handelns, die daraus erwächst. Eine der vornehmsten Sorgen der Frauen selbst muß dabei sein, ohne Wanken und Schwanken es durchzusehen, daß sie ihre Bürgerpflichten auf Grund gleichen und vollen Bürgerrechts für alle erfüllen können. Lauter und eindringlicher, aber auch zielflarer als je muß die Losung erschallen: Heraus mit dem Wahlrecht für alle Großjährigen, ohne Unterschied des Geschlechts. Angesichts der Lage und ihrer Aufgaben gewinnt die Sammlung und Durchbildung der proletarischen Frauen erhöhte Wichtigkeit. Das Werk dieser Sammlung und Durchbildung muß aber von der sozialistischen Weltanschauung beherrscht werden, und zwar von einer sozialistischen Weltanschauung, die sich nicht wie ein schwaches Rohr unter die Ereignisse und Stimmungen des Tages beugt, vielmehr selbst die festen Maßstäbe zur Beurteilung der Ereignisse und Stimmungen gibt. Jm Dienst einer solchen geschlossenen, einheitlichen Weltanschauung will die„ Gleichheit" auch in ihrem 27. JahrZuschriften an die Redaktion der Gleichhelt find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. gang wirken. Denn weit davon entfernt, eine Abschwächung und Abstumpfung der sozialistischen Auffassung gesellschaftlicher Dinge zu lehren, predigt der Krieg mit gewaltiger Stimme die Notwendigkeit der Klarsten Herausarbeitung, der größten Vertiefung der sozialistischen Auffassung, als der unerschütterlichen Grundlage für die künftige Einheit des Erkennens, Wollens und Handelns. Ihrer grundsätzlichen Anschauung getreu wird die„ Gleichheit" entschieden die Interessen der Proletarierinnen auf durchgreifende Reformen in der bürgerlichen Ordnung vertreten, wird sie jedoch auch jederzeit für die Ablösung dieser Ordnung durch den Sozialismus tämpfen. Als Organ der deutschen Genossinnen will sie die Beraterin der proletarischen Frauen für ihre Beteiligung am Befreiungswerk ihrer Klasse bleiben. Sie wird weiter wie ein Vierteljahrhundert lang mit aller Energie und Schärfe fechten für die volle soziale Befreiung des gesamten weiblichen Geschlechts, wie sie einzig und allein in einer foztalistischen Gesellschaft möglich ist. Denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigentumsund Wirtschaftsverhältnissen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, der soziale Gegensatz zwischen Mann und Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit, verschwindet damit auch der Stonflikt zwischen Berufstätigkeit und Mutterschaft in seiner rohen, brutalen Form und mit seinen furchtbaren Folgen. Die Aufhebung der Gegenfäße kann jedoch nur das Werk der ringenden Arbeiterklasse sein. Will die Frau des schaffenden Volkes frei werden, so muß sie sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung anschließen. Diese Verpflichtung den Proletarierinnen zum Bewußtsein zu bringen, die Proletarierinnen für das große Befreiungsringen zu rüsten, das soll wie bisher so auch in Zukunst das Hauptbestreben der„ Gleichheit" bleiben. Daneben will jedoch die„ Gleichheit" noch weitere Aufgaben erfüllen. Jede Nummer hat zwei Beilagen, von denen die eine der besseren Ausrüstung der proletarischen Frau für die Pflichten als Mutter und Hausfrau wie einer guten bildenden Unterhaltungslektüre gewidmet ist, von denen die andere Kinderleftüre bringt, die in dem heranwachsenden proletarischen Geschlecht sozialistisches Fühlen und Denken fördern soll. Wir hoffen, daß das Blatt sich in seinem 27. Jahrgang die alten Sympathien erhält und neue Freunde erwirbt. Der Preis der„ Gleichheit" beträgt vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig. Probe- und Agitationsnummern werden jederzeit unentgelt. lich abgegeben. Eine recht weite Verbreitung der„ Gleichheit" hoffen Die Redaktion und der Verlag. 194 Die Gleichheit Nr. 27 Von der österreichischen Arbeiterinnenbewegung. denen Organisationsgebieten statt. In größerer Auflage ist Beinahe könnte es scheinen, als würden die österreichischen Genossinnen der Ruhe pflegen in der Zeit, wo die Welt die schwersten Erschütterungen erlebt. So ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil: eine intensive Agitationsarbeit wurde während des Winters geleistet und bis in die Sommermonate fortgesetzt. Gleichzeitig wurden alle Vorbereitungen getroffen, um im kommenden Herbst neuerlich mit einer großen Werbeaffion einzusetzen. Richtig ist ja, daß die ersten Kriegsmonate unferer Bewegung eine schwere Erschütterung gebracht haben. Zum Erstaunen aller, die meinten, im Kriege würden sich die Frauen ganz naturgemäß als die„ Träger" der Parteiorganifation bewähren, weil sie ja nicht gemustert" werden, zeigte sich, daß der Stand der weiblichen Mitglieder in Partei wie Gewerkschaften einen starken Rückgang erlitten hat. Nur 36 Prozent sind uns von den weiblichen Mitgliedern der Partei im ersten Kriegsjahr erhalten geblieben. Das Frauenreichskomitee hat in Österreich bekanntlich die politische Organisation und Agitation unter den Frauen zu leiten und der Partei über seine Tätigkeit zu berichten. Es hatte mit Erschrecken wahrgenommen, wie viele unserer weiblichen Mitglieder die Organisation während des Kriegs für entbehrlich hielten. Die Genossinnen gingen daran, Wandel zu schaffen. Die erste Zusammenkunft von weiblichen Vertrauenspersonen aus dem ganzen Reiche fand schon im November 1914 statt. Dort wurde den Genossinnen ein Bild vom Rückgang der Bewegung gegeben, und einhellig fam man zur Überzeugung, daß man nicht länger untätig zusehen könne, wie die mühsam aufgebaute Organisation zu grunde gehe. Die Wiener Genofsinnen fetten mit einer stillen, aber intensiven Agitationsarbeit ein. Für Niederösterreich fand im Februar 1915 eine Frauenkonferenz statt, die den Ausgangspunkt für eine besonders ergebnisreiche Agitationsarbeit unter den Frauen bildete. Versammlungen über die Teuerungsverhältnisse unterstützten die Agitation. Im Herbst 1915 fand abermals eine Landeskonferenz der niederösterreichischen Genofsinnen statt, zu der auch die Vertrauenspersonen aus den anderen Provinzen eingeladen worden waren, damit sie Gelegenheit erhielten, durch das lebendige Wort zu erfahren, daß auch im Kriege die proletarischen Aufgaben erfüllt werden müssen. Es konnten jedoch leider nicht alle Drganisationsleiterinnen Landesvertrauenspersonen genannt zu der Konferenz kommen, weil in einigen Provinzen die Nähe des Striegsschauplatzes das Reisen erschwerte, aber die Vertrauens personen aus den ausschlaggebenden Landesteilen, aus Böhmen, Steiermark und Österreich waren erschienen. Auch ungarische Genofsinnen wohnten der Tagung bei, da uns mit den Sozialdemokratinnen Ungarns ein besonders inniges Verhältnis verbindet. Die Konferenz beschäftigte sich mit dem großen Problem der durch die Kriegsindustrie geschaffenen neuen Arbeiterinnenheere. Man erörterte nach den verschiedenen Seiten hin die Bedeutung der ungeheuren Ausdehnung der Frauenarbeit. Die Organisation der jungen Mädchen wurde besprochen und eine einheitliche Aktion für die Forderung nach Erhöhung der staatlichen Unterhaltsbeiträge für die Kriegerfrauen und-kinder beschlossen. Bald darauf erschien der in der„ Gleichheit" schon erwähnte Erlaß der Heeresleitung über die Mobilisierung der Frauen und bot Gelegenheit, im ganzen Reiche, soweit die Beziehungen der Organifation reichen, Versammlungen abzuhalten mit dem Thema: Die Erhöhung des Unterhaltsbeitrags, Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz. Über diese Aktion und ihren teilweisen Erfolg wurde in der„ Gleichheit" schon berichtet; es muß jedoch im Zusammenhang auf ihn verwiesen werden, weil mit diesem Vorstoß der Genofsinnen der neue Aufschwung der Frauenorganisation zusammenhängt. Landeskonferenzen oder mindestens Besprechungen der Organisationsleiterinnen fanden seither in verschieauch ein Flugblatt zur Verbreitung gelangt, das den Frauen die Notwendigkeit der Organisation darlegt. Mittlerweile war die Zeit des internationalen Frauentags herangekommen, und ohne Übertreibung kann gesagt werden, daß unser Frauentag glänzend gelungen ist. Zum Teil fanden die Versammlungen in überfüllten und polizeilich gesperrten Lokalen statt. Die Propagandaschrift für das Frauenwahlrecht:„ Der Frauentag" wurde vom Frauenreichskomitee herausgegeben und in großer Auflage verbreitet. Versammlungstouren von Genossinnen in die größten Industriegebiete fanden statt, und fast ohne Ausnahme waren unsere Veranstaltungen gut besucht und brachten neues Leben in die Frauenorganisation. Das Steigen um 2000 der im ersten Kriegsjahr stark zurückgegangenen Auflage der Arbeiterinnenzeitung drückt zum Teil die geleistete Arbeit aus. Als Ende März eine Reichskonferenz der Partei stattfand, die an Stelle des durch den Krieg ausgefallenen Parteitags trat, waren auch über dreißig Genossinnen als Delegierte erschienen. Das Frauenreichskomitee vereinigte sie zu einer Besprechung, um dadurch die Arbeiten der Frauenorganisation zu fördern. Alle angeregten Maßnahmen haben sich bewährt. Die auf 36 Prozent des früheren Standes zurückgegangene Zahl der weiblichen Parteimitglieder ist inzwischen wieder auf 62 Prozent gestiegen. Die für den Herbst und Winter geplanten Arbeiten werden, wie wir erwarten, den gleichen Erfolg bringen. Das Frauenreichskomitee wird in den nächsten Wochen eine Werbebroschüre erscheinen lassen, die sich an die Arbeiterfrauen sowie an die neuen Arbeiterinnen wendet, um sie für die Partei wie auch für die Gewerkschaften zu gewinnen. Es ist nämlich auffällig, daß trok der ungeheuren Vermehrung der weiblichen Arbeitskräfte die Gewerkschaften feine neuen weiblichen Mitglieder gewonnen haben, sondern daß deren Zahl von rund 42000 im Jahre 1913 auf 25000 im Jahre 1915 zurückgegangen ist. Die Gewerkschaften für die Erwerbstätigen von Industrien, die durch den Krieg erschüttert, zum Teil ganz stillgelegt worden sind, wie die Textilindustrie, haben naturgemäß starke Verluste an Mitgliedern erlitten. Die Organisationen aber für die Arbeiterschaft der sogenannten Kriegsindustrien haben an weiblichen Mitgliedern nicht gewonnen. Die Genossinnen sehen mit Besorgnis diese Dinge, da ein Zuströmen von unorganisierten und von der Organisation nicht zu erfassenden Arbeiterinnen die wirtschaftliche Lage nicht bloß dieser Proletarierinnen, sondern der gesamten Arbeiterschaft nach dem Kriege ungünstig beeinflussen muß. Viele von den Organisationen im langjährigen, opfervollen Kampf errungene Verbesserungen werden bedroht, wenn unorganisierte weibliche Arbeitskräfte in Stonfurrenzfampf mit den männlichen Arbeitskräften treten. All den Erscheinungen, die im Zusammenhang mit den Wirkungen des Krieges, namentlich der raschen und riesigen Ausdehnung der Frauenarbeit stehen, widmet das Frauenreichskomitee seine Aufmerksamkeit. Die im Druck befindliche Broschüre wird in großer Auflage hergestellt und soll zur Häuser- und Werkstättenagitation benützt werden. Wahrscheinlich dürfte im Anschluß an diese Agitation wieder eine Frauenkonferenz folgen, um Beschlüsse zu fassen, wie die neugewonnenen Mitglieder festzuhalten sind. Im vorstehenden ist furz zusammengefaßt, welche Aufgaben fich die österreichischen Genofsinnen während des Krieges gestellt haben. Außerdem arbeitet noch ein Kreis von geschulten, erfahrenen Genossinnen in der gen ossenschaftlichen Drganisation. In drei Vereinen der Kinderfreunde, die die Sorge um das proletarische Kind auf sich genommen haben, sind ebenfalls Genossinen unermüdlich tätig. Bei der Hilfsaktion in Wien und einigen Provinzstädten wirkt ein kleiner Kreis von Genossinnen mit, danach strebend, daß die Fürsorgemittel für die durch den Krieg in Not geratenen Frauen und Kinder gerecht und unparteiisch verwendet werden. Auch Nr. 27 Die Gleichheit in den Approvisionierungsausschüssen und Kriegstommissionen arbeiten einige Genossinnen sehr verdienstlich und anregend. Unsere Hauptarbeit ist aber die sozialdemokratische Agitation und Organisation. Die Organisation während des Krieges zu erhalten und zu stärken für die Zeit nach dem Kriege: diesem Ziel widmen wir vornehmlich unsere Sträfte. Wären wir schon so weit, die Straft und Zielklarheit unserer Organisationen nach dem Krieg erproben zu können, so würden wir alle befreit und befeligt aufatmen. In dieser Sehnsucht wissen wir uns eins mit den Genossinnen aller Länder. Adelheid Popp. Die Kriegserwerbslosenfürsorge in Württemberg. ( Schluß.) Geradezu unhaltbar ist auch der Umstand, daß nur die Textilarbeiter den Zuschuß bekommen, deren Arbeitgeber die Hälfte davon trägt. Die andere Hälfte des Zuschusses wird aus Reichsmitteln bestritten. Mit welchem Recht entzieht man den Arbeiterinnen eines filzigen oder auch finanziell schwachen Arbeitgebers die Hälfte des Unterstützungszuschusses, die aus öffentlichen Mitteln gedeckt wird? Der Kampf um bessere Erwerbslosenfürsorge darf aber nicht allein den Organisationsleitungen überlassen bleiben. Die Arbeiter, namentlich auch die Arbeiterinnen müſsen selbst mit Hand ans Werk legen, müssen sich rühren und regen, um weitere Verbesserungen zu erreichen. Das nächste Ziel muß sein die Einführung der erhöhten Säße in allen Orten. Die Fürsorgeeinrichtungen der Gemeinden Feuerbach und Stuttgart sind in mancher Hinsicht bedeutend besser als das, was im allgemeinen geschaffen worden ist. Der grundlegende Unterschied ist der, daß in beiden Gemeinden je de erwerbstätige Person selbständig behandelt wird. Auch die Unterstüßungssäge sind allgemein höher. Die Bestimmungen sind im wesentlichen folgende. Die Unterstüßung beträgt pro Tag( für 6Tage wöchentlich): 1. Für Ledige ohne Unterschied des Geschlechts unter 21 Jahren 1,60 Mt., über 21 Jahren 2 Mr. 2. Für Haushaltungsvorstände 3 Mr. 3. Kinderzulagen: Für 1 und 2 Kinder 60 Pf., 3 und 4 Kinder 1,20 Mt. usw. Arbeitslose Frauen, deren Männer in Arbeit stehen, erhalten die Unterstützung wie Ledige; Frauen, deren Männer im Heeresdienst sind, werden den Ledigen über 21 Jahren gleichgestellt und beziehen dazu die Kinderzulage. Sind Mann und Frau arbeitslos, so wird die Kinderzulage nur einmal bezahlt. Die Wartezeit beträgt 6 Tage. Nach vierwöchiger voller Beschäftigung muß sie erneut getragen werden. Für Textilarbeiter besteht keine Wartezeit. Bedingung des Bezugs ist einvierteljähriges Wohnen in Stuttgart oder Feuerbach. Die Unterstützung darf den normalen Arbeitsverdienst bei voller Arbeitszeit nicht übersteigen. Die Unterstüßten werden auf ihren Antrag in der 2. Klasse der Ortskrankenkasse versichert. Kontrollmeldung findet täglich auf dem Arbeitsamt statt. Die in entfernteren Vororten wohnenden weiblichen Arbeitslosen können sich auf der dortigen Polizeiwache zur Kontrolle stellen. Auf sogenannte Kurzarbeiter finden diese Bestimmungen sinngemäße Anwendung. Die obigen Tagessäge werden der Berechnung ihrer Unterstützung zugrunde gelegt. Ihr Arbeitsverdienst wird ihnen nach Abzug der Versicherungsbeiträge zur Hälfte in Anrechnung gebracht. Die Berechnung erfolgt nicht nach arbeitslosen Tagen, sondern nach dem erreichten Verdienst. Ein Beispiel dafür. Eine verheiratete Frau mit 3 Kindern, deren Mann im Heeresdienst ist, hat einen täglichen Unterstützungssatz von 3,20 Mr. zu beanspruchen, also in der Woche von 19,20 Mr. Bei verfürzter Arbeitszeit beträgt ihr Verdienst wöchentlich noch 7 Mt.( nach Abzug der Versicherungsbeiträge), von dem die 195 Hälfte gleich 3,50 Mt. auf die Wochenunterstützung angerechnet wird. Sie erhält also nur 16,20 Mr. Unterstützung und Gesamtverdienst( 16,10+7 gleich 23,20 Mr.) dürfen aber den Durchschnittslohn nicht übersteigen. Die Frau hat laut Bescheinigung ihres Arbeitgebers bei voller Beschäftigung einen Verdienst von nur 17 Mt. wöchentlich. In der Folge müssen ihr von der Unterstüßung weitere 6,20 Mr. gekürzt werden, und sie erhält also 10 Mt. Könnte sie einen normalen Durchschnittsverdienst von 23,20 Mt. nachweisen, so würde sie die volle Unterstützung von 16,20 Mt. erhalten. Die Kurzarbeiterinnen unterliegen nach ihrer erstmaligen Meldung keinerlei Kontrolle, eine Vorschrift, die sich bisher bewährt hat und allen Gemeinden zur Nachahmung empfohlen werden kann. Es wird dadurch den Frauen und Mädchen mancher unnüze Weg und den ausführenden Beamten manche unnüße Arbeit erspart. Die Auszahlung erfolgt überwiegend durch die Arbeitgeber, wo diese sie übernehmen, sonst auf dem Arbeitsamt. Angeschlossene Organisationen können, wie dies der Textilarbeiterverband tut, für ihre Mitglieder die Auszahlung übernehmen. Auch bei den Kurzarbeitern besteht für Textilarbeiter keine Wartezeit, für die übrigen 6 Tage. Arbeit anzunehmen ist der Arbeitslose verpflichtet, wenn ihm solche nach Vorbildung, Beruf, Körperbeschaffenheit und mit Rücksicht auf sein Familienleben zugemutet werden kann und ein angemessener 2ohn dafür gezahlt wird. Lehnt er diese ab, erhält er feine Unterstützung mehr. In Streitfällen entscheidet ein Schiedsgericht. Auch die Unterstüßungseinrichtung in Stuttgart und Feuerbach ist sicher noch keine ideale, und die Säße entsprechen nicht der herrschenden Teuerung. Zumal bei andauernder Teuerung wird sich die Notwendigkeit ergeben, weitere Verbesserungen zu erstreben. Aber immerhin kommt die Erwerbslosenfürsorge in Stuttgart und Feuerbach den wohlbegründeten Ansprüchen der Arbeiterschaft erheblich näher als die Maßnahmen fast aller Oberämter nach dem System der Familienunterstüßung. Sache der Arbeiterschaft selbst ist es, mit Hilfe ihrer Organisationen für weitere Verbesserungen und für dauernde Beibehaltung der Arbeitslosenunterstützung auch nach dem Kriege zu wirken. Gewerkschaftliche Rundschau. R. Unter den Bergarbeitern gärt es, trop des Burgfriedens. Die Gärung ist nur zu berechtigt. Besonders hart werden jetzt Mißstände empfunden, die schon Ursache der großen Bergarbeiterausstände im Jahre 1905 und 1912 gewesen sind. Damals griffen die Staatsbehörden ein, damit es zur Beilegung des Streits kam; der Handelsminister versprach den Arbeitern Abhilfe, die ärgsten Mißstände wurden beseitigt. Nach und nach haben sich aber wieder manche der alten Übel in die Bergwerksbetriebe eingeschlichen. Besonders Klagen die Bergarbeiter viel über ungerechte Behandlung, über die Art der Lohnfestsetzung, über das Strafwesen und vor allem über die Handhabung der sozialen Gesetzgebung. In der Kriegszeit ist es nicht besser geworden, auf einzelnen Werken sogar schlechter. Die Mißstände haben bereits zu einigen partiellen Streits geführt. In anderen Industrien haben sich die Unternehmer dazu verstanden, behuss Reglung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse mit den Arbeitern zu verhandeln. Die Bergwerksbesiger dagegen lehnen entsprechende Verhandlungen ab und verfahren völlig nach Willkür. Da sehr viele Bergarbeiter zum Militärdienst eingezogen worden sind, müssen die noch auf den Werken Beschäftigten Außerordentliches leisten. Überschichten sind an der Tagesordnung. Bei der jetzigen schlechten Ernährung macht sich die Überanstrengung besonders fühlbar, sie geht auf Kosten von Gesundheit und Lebenskraft. Die sehr geringen Lohnzulagen ermöglichen keinen Ausgleich. Recht ungeregelt sind die Verhältnisse im Knappschaftswesen, das durch das Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung nicht berührt und daher auch nicht verbessert worden ist. Für die Bergarbeiter besteht eine besondere sozialpolitische Gesezgebung, die die Kritik herausfordert. Die Zersplitterung der Knapp= schaftstassen ist eine weitgehende. Neben riesig großen Snappschaftstassen gibt es kleine und kleinste, wenig leistungsfähige, die 196 Die Gleichheit trotz sehr hoher Beiträge nur Geringes für die Mitglieder und ihre Familienangehörigen leisten können. Invaliden-, Witwen- und Waisenrenten sind niedrig. Obgleich die Bergarbeiter seit vielen Jahren ein Reichsknappschaftsgesetz fordern, ist eine Vereinheitlichung bis heute noch nicht erfolgt. Mit Recht erschallt immer wieder die alte Forderung, da der Knappe sich auf sozialpolitischem Gebiet hinter den Industriearbeitern zurückgesetzt fühlt. Die Unternehmer aber sezen jedem sozialpolitischen Fortschritt entschiedenen Widerstand entgegen. Die Arbeiterorganisationen forderten die Erhöhung der Renten um 25 Prozent, des Krankengeldes um 20 Prozent. Das lehnten die Werkbefizer ab, obwohl im Vorjahre in den Knappschaftstassen 8 Millionen Mart gutgemacht worden sind. Dafür aber stimmten die Werkbesizer dem Verlangen der Snappschaftsärzte zu auf Gewährung von Ruhegehältern bis zum Betrag von 4500 Mt.; das Honorar der Ärzte soll von 4 auf 5 Mt. erhöht werden und Witwengelder für die Familie der Ärzte sollen zur Einführung gelangen. Die Bergarbeiter sind mit Recht über das Messen mit giveierlei Maß entrüstet. Sie stimmen einer Erhöhung der ärzt lichen Honorarfäße auf 4½½ Ml. zu, eine Neuerung, die eine jähr liche Mehrbelastung der Kassen um 200 000 Mt. bedeutet, sie fordern aber gleichzeitig auch die Erhöhung ihrer Bezüge. Die Entscheidungen über die gegensäglichen Ansichten der Bergarbejter und der Werkbesitzer stehen nach den Statuten der Knappschaftskassen den Bergbehörden zu. Auch die Zahl der beschäftigten Frauen ist in überaus starter Zunahme begriffen. Nach der letzten Novelle zur Gewerbeordnung sollte vom 1. Januar 1915 an keine Arbeiterin mehr auf Bergwerken beschäftigt werden. Mit Kriegsbeginn wurde diese Verordnung wie andere Arbeiterschutzbestimmungen außer Kraft gesetzt, darunter auch das Verbot der Nachtarbeit für Frauen. Dieser Stand der Dinge hat das überhandnehmen der Frauenarbeit im Bergbau sehr gefördert. Namentlich in Oberschlesien werden Frauen auf den Gruben sehr start beschäftigt. Für 1915 ist im Bergbau statt der beschlossenen gänzlichen Beseitigung der Frauenarbeit eine große Zunahme der beschäftigten Arbeiterinnen zu verzeichnen. Ihre Zahl hat sich seit 1913 um 61 Prozent erhöht, sie dürfte im Jahre 1916 noch weiter gestiegen sein. Die eingetretene Lohnsteigerung ist nur sehr gering und entspricht weder der geleisteten Arbeit, noch der Teuerung alles Lebensbedarfs. Die Frauen stehen vielfach an der Stelle des Knappen, sie erhalten aber für die gleiche Arbeit viel weniger als er. Da auch viele Kriegerfrauen bei der geringen Interftügung gezwungen sind, einem Erwerb nachzugehen, so befommen die oberschlesischen Gruben trog niedrigen Löhnen und schweren Mißständen genug weibliche Arbeitskräfte. Die Arbeitszeit beträgt zehn Stunden. Die meisten erwerbstätigen Kriegerfrauen sind schlimm daran. Nach zehnstündiger schwerer Arbeitszeit täglich müssen sie noch die Hausarbeiten verrichten und die Familie versorgen. Im Interesse der Mütter und des Nachwuchses muß verlangt werden, daß die Gesetzesvorschriften zum Schuße der Frauen, Jugendlichen und Kinder schon während der Kriegsdauer wieder in Kraft treten, und daß insbesondere die Beschäftigung von Frauen und Mädchen in Berg- und Hüttenwerken verboten wird. Da die Bergarbeiter bei ihrer harten Beschäftigung die Lebensmittelknappheit besonders hart empfinden, sahen sich die vier Arbeiterverbände gezwungen, durch Eingaben auf die Abstellung der Mißstände hinzuwirken, die bei der Lebensmittelversorgung zutage treten. Die Verbände richteten an den Zechenverband eine Eingabe, in der sie verlangen, daß die Löhne erhöht werden, ferner. daß den Arbeitern durch Vorschüsse und bequeme Rückzahlungsbedingungen im Herbst bei der Kartoffelversorgung geholfen wird, Eine zweite Eingabe ging dem Kriegsernährungsamt in Berlin zu. Sie wendet sich dagegen, daß die Zechenverwaltungen die Gelben bei der Verteilung und beim Verkauf von Nahrungsmitteln bevorzugen. Auf einigen Zechen ist es deshalb zu Streits gekommen. Den Gelben wurden Nahrungsmittel verkauft, die behördlich nicht rationiert waren, es aber sein mußten, wie Mehl, Wurst, Eier, Käse, Butter, Seife. In der Eingabe wird eine gerechte Verteilung der von den Zechen an die Belegschaften gelieferten Fleischwaren und Brotzusatzmarken verlangt. Eine dritte Eingabe ist dem Kriegsministerium zugestellt worden. Sie ist eine Art Gutachten über die Massenspeisung auf den Zechen, das von den Verbänden verlangt wurde. Die Verbandsvorstände erklären, daß sie die Massenspeisung auf den Gruben wegen technischer Schwierigkeiten nicht befürworten könnten. Sie wünschen, daß diese Aufgabe den Gemeinden überwiesen werde, und daß der Preis für eine Portion nicht mehr als 30 Pf. betragen soll. Jm Textilgewerbe wird ebenfalls eine alte Forderung neu erhoben. Es handelt sich um die metrische Garnnumerierung. Die Numerierung der Garne zeigt den Feinheitsgrad der Fäden an. Nr. 27 Die Art der Numerierung bestimmt die Art der Verpackung im Garnhandel sowie die Methode der Preisberechnung im Webgeschäft. In weiterer Folge bestimmt die Art der Garnnumerierung die Zugrundelegung entsprechender Maße und Gewichte bei der Lohnberechnung der Arbeiter und Arbeiterinnen. Es werden heute noch englische, österreichische, sächsische und preußische Numerierungen angewendet. Das hat zur Folge, daß nach englischen Bfunden, französischen Zöllen und Leipziger Ellen gerechnet wird. Die sehr unterschiedlichen Lohnberechnungen auf Grund der vorkommenden Maßund Gewichtsbezeichnungen führen zu einigen übervorteilungen der Arbeiter und Arbeiterinnen. Zwischen Arbeitern und Unternehmern ist es deshalb wiederholt zu Prozessen gekommen, die aber nach der bestehenden Rechtslage für die ersteren feinen günstigen Ausgang hatten. Mit der gesetzlichen Einführung einer einheitlichen Maßund Gewichtsbestimmung, der metrischen Garnnumerierung, würden ( vor allem in der Baumwollindustrie) diese ungerechten Lohnberechmungen unmöglich. Die Textilarbeiter und arbeiterinnen haben wiederholt auf internationalen und nationalen Kongressen die entsprechende Forderung erhoben, ohne daß sie bisher verwirklicht wurde. Den arbeitslosen Tertilarbeitern und arbeiterinnen ist durch eine Bekanntmachung der Rohstoffabteilung des Kriegsministeriums eine Nebenarbeit empfohlen worden, und zwar das Einsammeln von Brennesseln. Der Stengel der Brennessel enthält eine Faser, die als Rohstoff in der Tertilindustrie nugbar gemacht werden soll. Ein Zentner getrockneter Brennesselstengel gibt etwa 13 Prozent brauchbarer Faser. Die Faser soll als Ersatz für Baumwolle zur Herstellung von Hemdentuchen verwendet werden. Für den Doppelzentner entblätterter Brennesselstengel zahlen die errichteten Abnahmestellen 14 Mt. Da zahlreiche Mitglieder des Tertilarbeiterverbandes arbeitslos sind und durch Einsammeln von Brennesseln eine kleine Einnahme zu ihrer fargen Unterstützung finden können, hat der Vorstand dieser Organisation in einem Rundschreiben auf die Nebenarbeit hingewiesen. Selbstverständlich wird erwartet, daß die wenigen Groschen, die dabei zu verdienen sind, von den Behörden bei der Auszahlung der Unterstügung nicht ettva in Anrechnung gebracht werden. # Genossenschaftliche Rundschau. Die Kriegsverhältnisse wirken auf dem Gebiet der Wirtschaft, bes sonders des Haushaltes, zweifellos start auf das genossenschaftliche Denken ein. Daß die Konsumvereine davon befruchtet werden und praktische Erfolge haben, beweist die Tatsache, daß sie während des Krieges eine starke Zunahme an Mitgliedern verzeichnen können. Auf die unmittelbaren Ursachen dieser Erscheinung ist schon früher mehrmals hingewiesen worden. Jetzt wird in den Blättern für Genossenschaftswesen auf einen Vorgang aufmerksam gemacht, der bisher große Beachtung noch nicht gefunden hat. Es handelt sich hierbei um sogenannte landwirtschaftliche Hausfrauenvereine, die schon vor dem Kriege in einigen Bezirken Nord- und Ostdeutschlands bestanden haben. Diese Bewegung scheint durch den Krieg ebenfalls starke Anregung empfangen zu haben. Die landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine bezwecken, Produkte des landwirtschaftlichen Klein- und Mittelbetriebs unter Ausschaltung des Zwischenhandels unmittelbar an die Konsumenten zu bringen. Frauen aus der Stadt und vont Lande bilden zu diesem Zwecke eine genossenschaftliche Organisation, die Produzenten und Konsumenten zugleich umfaßt. Die ländlichen Frauen liefern ihre Produkte an gemeinschaftliche Verfaufsstellen, wo sie von den der Genossenschaft angehörigen Frauen der Stadt entnommen werden können. Auf diese Weise sollen die Produkte billiger und frischer an den Verbraucher gelangen, die Erzeuger aber haben steten und sicheren Absatz. Über diese eigenartige und einfache genossenschaftliche Bewegung wird in dem genannten Blatte unter anderem folgendes ausgeführt:" Die Organisation ist derart gedacht, daß sich Stadt- und Landfrauen zu einer Genossenschaft vereinigen, so daß diese Hausfrauenorganisation die bisher im Genossenschaftswesen fehlende Originalität einer Verbindung von Produzenten und Konsumenten bietet. Die Verkaufsstelle landwirtschaftlicher Hausfrauen ist kein Konsumverein der Stadtfrauen, daher Verkauf an jedermann, auch an Nichtmitglieder möglich, aber auch keine reine Produzentenvereinigung, da die Genossenschaft neben den einliefernden Landfrauen auch die abnehmenden Stadtfrauen umfaßt, so daß schließlich das Risiko der Vereinigung von beiden Gruppen, den Konsumenten und Produzenten getragen wird. Die Bedeutung dieser Organisation wird über ihren Abnehmerkreis hinaus große allgemeine Bedeutung namentlich für eine angemessene Preisregulierung der ländlichen Produkte ausüben und daher auf eine Rückbildung der Nr. 27 Die Gleichheit durch die Kriegsteuerung ungeheuerlich gestiegenen Preise einen heilsamen Einfluß ausüben." Ob sich die zuletzt ausgesprochene Hoffnung in dem gedachten Umfang erfüllt, ist freilich sehr fraglich. Denn diese Art Genossenschaften werden ihrem ganzen Wesen nach doch auf das lokale Gebiet und auf den Kleinbetrieb beschränkt bleiben müssen, wodurch auch ihrer preisnivellierenden Wirkung die Grenzen gezogen sind. Immerhin vermögen sie in diesem Rahmen Ersprießliches zu leisten. Es wird gesagt, daß bereits 45 000 Frauen in dieser Form in vielen Einzelvereinen genossenschaftlich organisiert sind. Die Genossenschaftsblätter bemerfen in einer Fußnote, daß die landwirtschaftlichen Frauenvereine ,, nicht unbedenklich und ungefährlich" zu sein scheinen. Sie wollen deshalb auf die Sache zurückkommen. Die sächsischen Baugenossenschaften haben eine Bauvereinsbank gegründet, die dazu dienen soll, die Tätigkeit dieser Organisationen finanziell zu fördern. Die Bank soll die Aufgaben eines Kreditvereins erfüllen, den Baugenossenschaften Bauvorschüsse verschaffen und dauernde Beleihung unter möglichst günstigen Bedingungen vermitteln. Sie soll ferner bemüht sein, allen Beteiligten: Geldgebern, Handwerkern, Bauausführenden und Lieferanten erhöhte Sicherheit zu bieten, daß fällige Zah= lungen rechtzeitig geleistet und Schädigungen vermieden werden. 42 Vereinigungen haben bei der Gründung ihren Beitritt mit 305 Anteilen und 610 000 Mt. Haftsummen erklärt. Vor kurzem fand in Leipzig eine Konferenz von Ver= tretern der Konsumvereine des dortigen Bezirks statt, in der man sich mit der Lebensmittelfrage beschäftigte. Die Konsumvereine des Leipziger Bezirks repräsentieren gegen 90 000 Mitglieder mit weit über 30 Millionen Mark Umsatz und rund 1700 Angestellten. Der Sekretär des sächsischen Verbandes stellte fest, daß die meisten der sächsischen Konsumvereine über sehr mangelhafte Buteilung von Waren sich beschweren. Der private Kleinhandel wird ihnen gegenüber offenbar start bevorzugt. Dazu und zu der Ernährungsfrage überhaupt wurde schließlich durch Annahme einer langen Resolution Stellung genommen. Man wird diese Resolution wie so viele frühere Eingaben den Behörden übermitteln, und alles wird in der Hauptsache beim alten bleiben. So war es wenigstens bisher. Die sozialdemokratischen Vertreter haben in den Wind gesprochen und zumeist für die Papierförbe in den behördlichen Bureaus gearbeitet. Der Erfolg steht in feinem Verhältnis zu dem Aufwand an Kraft und Zeit für derartige Bemühungen. Darüber dürfte sich jetzt wohl niemand mehr im unflaren sein, der sich um diese Dinge kümmerte. Der Reichsverband deutscher Konsumbereine hat sich auf seinem Genossenschaftstag Mitte Juli durch einen Beschluß ebenfalls sehr kritisch zur Ernährungsfrage geäußert. Es wird sehr richtig darauf hingewiesen, daß die Sicherstellung der nötigen Warenmengen nicht genügt, sondern es müßten auch die Preise so gestellt sein, daß der Konsument fie bezahlen fönne. Dr. Müller vom Zentralverbandsvorstand, der bekanntlich im Vorstand des Kriegsernährungsamts in Berlin sikt, ist darüber jedoch etwas anderer Meinung. Er soll erklärt haben und bis her wurde das nicht bestritten-, daß die hohen Preise zum Teil als unvermeidlich hingenommen werden müßten, die Arbeiter könnten sich von den Unternehmern höhere Löhne zahlen lassen. Das wäre in der Tat eine äußerst einfache Lösung der schwierigen Frage. Dr. Müller vergaß nur, hinzuzufügen, wie es mit der Kriegsunterstützung der armen Familien gehalten werden soll, die oft erbärmlich niedrig ist. Er ist offenbar auch der Meinung, daß die Arbeiter nur höhere Löhne zu fordern brauchen, um sie be= reitwilligst von den Unternehmern zu erhalten. Denn es ist ihm doch sicher nicht unbekannt, daß der gewerkschaftliche Burgfrieden das Streifen im Kriege nicht zuläßt. Nach Fest stellungen der amtlichen Statistik gab es zu Anfang des Jahres 1916 im Deutschen Reiche 35 751 in 18 verschiedene Gruppen eingeteilte Genossenschaften. An erster Stelle stehen die 19 619 Kreditvereine, dann folgen mit 4063 die landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften, weiter 2619 landwirtschaftliche Rohstoffgenossenschaften, 2289 Ronsumvereine, 2071 landwirtschaftliche Werkgenossenschaften und 1390 Wohnungsund Baugenossenschaften. Die übrigen Gruppen schwanken zwi= schen 14 und 546. Seit dem Jahre 1910 ist die Zahl der Genossenschaften um 6314 gestiegen. An Zahl der Mitglieder dürften die Konsumvereine an erster Stelle stehen. Die gewerkschaftlich- genossenschaftliche Vollsfürsorge hatte zu Beginn des Krieges eine Kriegsversicherungstaffe eingerichtet. Jeder, der sich oder einen Angehörigen als Kriegsteilnehmer versichert, zahlt einen Betrag von mindestens 5 Mt. in diese Kasse. Wenn der Krieg vorüber und die Zahi der versicherten 197 Toten festgestellt ist, wird das auf diese Weise angesammelte Kapital an die Angehörigen der Gefallenen oder infolge des Krieges Gestorbenen entsprechend der Höhe des geleisteten Beitrags verteilt. Über den Stand des Unternehmens wird folgendes mitgeteilt: Es sind von den bis jetzt etwas über 50 400 versicherten Kriegsteilnehmern im ganzen wenig über 1000 als tot gemeldet, was einer Sterblichkeit von etwa 2 Prozent entspricht. Dadurch ist die Annahme, daß nicht mehr als 5 Prozent Verluste zu erwarten sind, noch vollauf berechtigt. Bei einem 5prozentigen Verlust würden auf einen Anteilschein für 5 Mt. 125 Mt. zur Auszahlung gelangen. H. F. Notizenteil. Für den Frieden. Maffenverhaftungen in Italien als Antwort der Regierung auf den Friedensruf. Aus Rom wird dem„ Vorwärts" geschrieben: Das Parteisekretariat veröffentlicht im„ Avanti" und in den sozialistischen Wochenblättern ein Communiqué, in dem zunächst von der Politik des neuen Kabinetts die Rede ist, die das Sefretariat als reaktionär bezeichnet. Es wird auf die Strafan= drohung für Verbreitung des Kientaler Manifestes hingewiesen, die in Süditalien die Regel bildete, während man es in Nord- und Mittelitalien unbeanstandet ließ. In Süditalien sind sogar Massenverhaftungen wegen dieser Verbreitung vorgekommen. Gegenüber diesem Tatbestand erklärt das Sekretariat, daß der Parteivorstand allein für die Verbreitung des Manifestes ber= antwortlich zu machen ist, sei es, weil er durch seine Vertreter in Riental an seiner Abfassung mitgewirkt hat, sei es, weil er es drucken und den Parteisektionen mit der Aufforderung, es zu verbreiten, zustellen ließ. Die Minister des Innern und der Justiz werden darum aufgefordert, sich nach dieser Erklärung zu richten und die wegen Verbreitung des Manifestes in Untersuchungshaft befindlichen füditalienischen Arbeiter zu entlassen. Weiter fordert das Communiqué die Sektionen auf, gegen proteftionistische Tendenzen in der Handelspolitik Stellung zu nehmen, die drohen, das Proletariat nach dem Kriege wirtschaftlich schwer zu schädigen zugunsten fleiner industrieller und finanzieller Eliquent und zur Förderung der imperialistischen Vorherrschaft gewisser Handelsstaaten". Siebzig französische Genossen wegen ihrer Überzeugungstrene verurteilt. Wie amerikanischen Zeitungen gemeldet wird, sind in Frankreich in den letzten Wochen nicht weniger als siebzig Anhänger und Anhängerinnen der Minderheit zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Der„ New York Herald", ein ententefreundliches Blatt, bemerkt hierzu, die Aktion der Minderheit sei gefahrdrohend für die Regierung. Sie fordere einen sofortigen Waffenstillstand und lege den Kriegsrüstungen alle möglichen Hindernisse in den Weg. Der Nationalrat der französischen Partei und die Minderheit. Allmählich dringen genauere Berichte hindurch über die Tagung des Nationalrats der sozialistischen Partei in Frankreich. Sie zeigen, daß zwar noch lange nicht von einer Spaltung innerhalb der Reihen der französischen Sozialisten zu reden ist, wohl aber von einem offenen und bereits scharf zugespitzten Kampfe. Sie zeigen vor allem, daß hinter der starken Minderheit der Delegierten eine starke und beständig wachsende Opposition im ganzen Lande steht, gegen die die Mehrheitspolitiker sich nicht mehr ganz sicher fühlen. Die Minderheit betrug bei der Tagung des Nationalrats mehr als ein Drittel( 1081: 1836). Dabei ist zu beachten, daß die Tagung an einem für die Minderheit ungünstigen Beitpunkt stattfand: nämlich als durch die an allen Fronten aufge= flammte Offensive der Ententetruppen die schwankenden Gestalten und unsicheren Kantonisten voll froher Hoffnungen wieder in die Hürde der unentwegt nationalistischen Mehrheit zurückgelaufen waren. Die Zahl der Minderheitsdelegierten im Nationalrat entspricht nicht der wahren Stärke der Oppositionsbewegung im Lande. Ganze Provinzorganisationen, Föderationen, sind seit Ostern zur Minderheit übergegangen, bei einem großen Teil anderer Mitgliedschaften gibt es eine stattliche Minderheit, die es aber zu keiner Delegation brachte. Angesichts dieser Tatsache hat die Mehrheit versucht, die Minderheit zu spalten, indem sie die sogenannten Zimmerwalder oder Kientaler bei den opportunistischen Minderheitsmännern um Longuet und Presseman als besonders gefährliche Burschen anzuschwärzen trachtete. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen besteht darin, daß die Kientaler die Pflicht der natio 198 Die Gleichheit nalen Verteidigung geschichtlich erfassen und im Zeitalter des Jmperialismus ablehnen, daß sie den in allen Ländern international geführten sozialistischen Kampf um den Frieden als wichtigste Aufgabe der Gegenwart anerkennen und demgemäß schon jetzt der Regierung die Kriegskredite verweigern, obwohl ein großer Teil französischen Bodens in den Händen der Deutschen ist. Der größere Teil der Minderheit hat sich noch nicht zu diesem Standpunkt durchgerungen und hält an der Pflicht der Landesverteidigung fest, solange die Integrität Frankreichs durch die Invasion der feindlichen Heere bedroht ist. Sie will trotzdem auf ihre Regierung einen Druck ausüben, damit diese ihre Kriegsziele bekannt gebe und sich zu Verhandlungen bereit erkläre. Sie will vor allem durch VerHandlungen der offiziellen sozialdemokratischen Parteien untereinander die Kluft in der Internationale schließen und so den Völkern einen Weg zur Verständigung weisen. Diese Stellungnahme ist in der Minderheitsresolution festgelegt, die von der Mehrheit verworfen wurde. Wie es scheint, hatte auch die grundsaztreue äußerste Linke durch Brizon eine eigene Resolution im Sinne der Kientaler Beschlüsse einbringen lassen. Von der Mehrheit waren es hauptsächlich Renaudel und Sembat, die den schroffsten Nationalsozialismus vertraten. Ihr heißes Mühen zeitigte nur das Ergebnis, daß sowohl die oppor= tunistische wie die grundsätzliche Opposition sich gemeinsam und in scharfer Form zur Behre seiten. Die Mehrheit hat sich geweigert, die Minderheit zu den permanenten( ständigen) Kommissionen der Partei zuzulassen. Infolgedessen hat die Minderheit erklärt, daß sie wissen werde, sich Respekt zu verschaffen. Sie werde den" Permanenten" das Leben sauer machen und keine Versammlung vorübergehen lassen, ohne ihren Standpunkt zu vertreten. Bei der nach Absätzen erzwungenen Abstimmung über die Mehrheitsrefolution erklärte die gesamte Opposition, daß sie sich„ als abwesend" betrachte. Wie zugespitzt die Dinge in der französischen Partei stehen, be= weisen folgende Worte aus der Rede des Ministers Sem bat: „ Es ist nötig, daß die Mehrheit sich endlich dieser Korruption des fozialistischen Geistes widersetzt, die die Minderheit propagiert." Sembat machte der Minderheit den Vorwurf, daß sie von einer außerordentlichen Strenge gegen Frankreich und von einer einfachen Liebenswürdigkeit gegen den Feind ser. Kurz und bündig kam der grundsägliche Standpunkt der„ Kientaler" in folgendem gelegentlichen Zwischenruf des Genossen BI ancs zum Ausdruc: " Ja, wir stimmen nicht für die Kredite, weil es für uns nicht ein sozialistisches Programm für Friedenszeiten gibt, das man in Kriegszeiten in die Tasche steckt." " Bei der Tagung traten die verschiedenen Richtungen in der Opposition geschlossen gegen die Mehrheit auf. Diese Tatsache bedeutet nicht etwa, daß die Genossen, die auf grundsäßlich internationalsozialistischem Boden stehen, den Gegensatz vergessen hätten, der sie von der opportunistischen Minderheit trennt. Obgleich die„ Kientaler" Opposition flein an Zahl ist, geht sie doch entschlossen und ohne Schwanken ihren Weg. Das beweist ein Schreiben des Genossen Raffin- Dugens, des Abgeordneten vom Departement Isère, an die Zeitschrift De main". Der Genosse schrieb:„ Sie haben mich gebeten, den Lesern Ihrer Zeitschrift die Gesichtspunkte der sozialistischen Minderheit im französischen Barlament darzulegen. Ich danke Ihnen für dieses Zeugnis der Sympathie, das Sie mir hierdurch haben zuteil werden lassen. Leider vermag ich jedoch nicht zu sagen, was meine Kollegen von der Minderheit eigentlich wollen. Sie wünschen eine Wiederaufnahme der internationalen Beziehungen und lehnen doch die Haltung der Männer von Kiental ab. Sie möchten den Krieg beendigt sehen und werden doch morgen die Kredite bewilligen, die es der Regierung ermöglichen, wie in Nanch zu erklären: Wir wollen nicht, daß sie( das heißt die Zentralmächte) uns Friedensvorschläge machen. Wir wollen, daß sie den Frieden von uns erbitten. Wir wollen ihre Bedingungen nicht annehmen. Wir wollen ihnen die unsrigen auferlegen...." Im französischen Barlament zählt die opportunistische Minderheit 30, die grundsätzliche Opposition 3 Mitglieder. Die drei haben den ruhmvollen Mut besessen, ohne falsche Einschäßung großer und kleiner Zahlen ihrer Überzeugung im Parlament offen Ausdruck zu verleihen. Sie empfanden es, daß sie der Zahl nach zwar ein fleines Häuflein sind, moralisch und politisch aber eine Macht bedeuten, die wachsenden Einfluß in Frankreich erhält. Revision des Schreckensurteils gegen die schwedischen Friedensmärtyrer. In Nr. 16 und 18 haben wir unsern Leserinnen ausführlich Bericht erstattet über den Kongreß der schwedischen Jungsozialisten und das Schreckensurteil, das das Gericht gegen drei Genossen fällte, die wegen Propaganda für einen Generalstreit Nr. 27 im Mobilmachungsfalle des Hochverrats angeklagt waren. Nun hat nach vier Monaten das höchste Gericht endgültig entschieden. Die schweren Zuchthausstrafen konnten nicht aufrechterhalten werden. Der Abgeordnete Genosse Hoeglund, gegen den auf drei Jahre Zuchthaus erkannt worden war, wurde statt dessen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Strafe des anarchosyndikalistischen Redakteurs 2. Dlielund wurde herabgesezt. Genosse Dr. Heden wurde freigesprochen. Eine Schweizer Friedenspetition. Dem schweizerischen Bundespräsidenten wurde am 4. September vom schweizerischen Sekretär der„ Neutralen Konferenz" eine Boltspetition überreicht, die von Gemeindebehörden und Vereinen sowie von vielen Privaten aus 844 Gemeinden der Schweiz im Namen von 240147 Bürgern und Bürgerinnen unterzeichnet war. Der Bundesrat wird aufgefordert, die Initiative zur Einberufung einer Konferenz neutraler Staaten zu ergreifen, die sobald die Umstände es irgend gestatten den kriegführenden Regierungen ihre Dienste zur Vermittlung anzubieten und einen Waffenstillstand vorzuschlagen hätte. Auch würde die Konferenz die vorbereitenden Maßnahmen treffen zur Einberufung eines allgemeinen Staatentongresses nach Friedensschluß, um auf diesem Wege die Schaffung einer zwischenstaatlichen Rechtsorganisation anzubahnen. Aus 125 Ortschaften der Westschweiz waren zustimmende Kundgebungen eingelaufen. Kongreß der englischen Gewerkschaften. Am 4. September wurde in Birmingham der englische Gewerkschaftskongreß eröffnet. Uns interessiert hier vornehmlich die Stellungnahme der englischen Gewerkschaftsführer zur Krieg und Friedensfrage. Von seiten des amerikanischen Arbeiterbundes lag eine Einladung vor, wonach am Drte der Friedensverhandlungen der Mächte ein internationaler Gewerkschaftstongreß tagen soll. Der Stongreß erklärte die Teilnahme deutscher Vertreter der Gewerkschaftsbewegung für unmöglich. Thorne führte aus, nach einem Haager Telegramm des Berliner Tageblatts:„ Eine Beratung über den Frieden darf nicht stattfinden, ehe nicht Deutschland aus Frankreich und Belgien vertrieben ist. Neunundneunzig Prozent der englischen Arbeiter würden sich gegen die gegenwärtige oder eine andere Regierung erheben, die Frieden schließen würde, ehe das geschehen ist." Daß Thorne mit seiner Einschätzung der englischen Arbeiter durchaus nicht im Sinne der gesamten Konferenz sprach, zeigte die erregte Debatte, die mun folgte. Der amerikanische Vorschlag wurde mit 1486000 Stimmen gegen die Vertreter von 723000 Stimmen abgelehnt. Wenn man annimmt, daß bei dieser Abstimmung eine reinliche Scheidung zwischen Sozialpatrioten und Friedensfreunden eintrat, so haben die letzteren immerhin eine stattliche Drittelminderheit. Ein Beweis, daß auch in den sonst national verseuchten englischen Gewerkschaften die Friedensbewegung auf dem Vormarsch ist. Zu dem amerikanischen Vorschlag selbst nur so viel: Es leuchtet nicht ein, was ein internationaler Arbeiterkongreß zu gleicher Zeit und am gleichen Orte mit dem Kongreß der Diplomaten erreichen soll? Viel wichtiger ist, daß in den einzelnen Ländern selbst die Arbeiterklasse einen starken und geschlossenen Einfluß auf ihre Regierungen ausübt, und zwar noch ehe die Dinge so weit sind, daß die Diplomaten zusammentreten. Fehlt das kräftige proletarijche Auftreten zu Hause, so ist auch der glänzendste internationale Arbeiterkongreß ein wirkungsloses Marionettentheater, dessen Forderungen und Beschlüsse mit einigen höflichen Worten abgetan werden. Die sozialistische Internationale beruht eben nicht in Instanzen und Kongressen, sondern auf der internationalen Gesinnung und dem klaren Willen zum Sozialismus in den Massen des arbeitenden Volkes in allen Ländern. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Die sozialistische Frauenbewegung in der Schweiz macht trotz der schweren Zeiten gute Fortschritte. Am 9. und 10. September hat in Dlten der Delegiertentag des Schwei zerischen Arbeiterinnenverbandes stattgefunden. Die dem Verband angeschlossenen größeren Arbeiterinnenvereine haben im letzten Jahre einen erfreulichen Mitgliederzuwachs erhalten. Die von den Genossinnen entfaltete und unterstützte Agitation unter den Frauen des arbeitenden Volkes trägt gute Früchte. Dafür ein Beispiel. Etwa 3000 Frauen marschierten in dem Zug, der die Sympathiekundgebung der Bü= richer Arbeiterschaft für die Sozialisten abschloß, die in den verschiedenen Ländern für die Ideale des internationalen Sozialismus mutig und opferbereit wirken. Der Zug umfaßté gegen 20 000 Teilnehmer. Die Frauen sind recht zahlreich in den Versammlungen bertreten, die sich mit der Teuerung beschäftigen, die die düstersten Schatten über das Leben der schwei Nr. 27 Die Gleichheit zerischen Proletarierinnen wirft. Die organisierten Genoffinnen wenden den Teuerungsverhältnissen ihre volle Aufmerksamkeit zu, bestreben sich, die Frauen über die Ursachen des übels aufzuflären und die Energie der Massen auf die Forderung der möglichen Milderungsmaßnahmen zu richten. Die Vorsitzende des Arbeiterinnenverbandes, Genoffin Bloch, wurde am 31. Juli vom Bundesrat Schulthe B empfangen, dem Vertreter des Echweizerischen Volkswirtschaftsdepartements, um ihm die Klagen und Wünsche der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen über die Lebensmittelversorgung zu übermitteln. Die Darlegungen der Genossin waren von größter Deutlichkeit, und so wurde die Unterredung recht lebhaft; der praktische Erfolg bleibt abzuwarten. Die Genoffinnen beteiligten sich auch an der Konferenz vom 6. August, die Vertreter aller modernen, flaffenbewußten Arbeiterorganisationen vereinigte, nämlich: der sozialdemokratischen Partei in den einzelnen Kantonen, der sozialdemokratischen Partei für die gesamte Schweiz, des schweizerischen Gewerkschaftsbundes, der Notstandskommission der schweizerischen Arbeiterschaft, des schweizerischen Arbeiterinnenverbandes und der lokalen Arbeiterunionen. Die Konferenz nahm eine Resolution an, in der es heißt:" In Erwägung, daß die seit Kriegsbeginn eingetretene Teuerung immer bedrohlichere Formen annimmt und die bereits bestehende Unterernährung breiter Volksschichten in besorgniserregender Weise vergrößert; daß die wirtschaftliche Lage der Schweiz infolge der vermehrten Schwierigkeiten in der Zufuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen immer prefärer sich gestaltet und in der Folge die ausreichende Ernährung der Bevölkerung im nächsten Winter ernstlich in Frage gestellt ist; daß die Schwierigkeiten der Ernährungsfrage und der Rohstoffbeschaffung von gewissenlosen Elementen nicht nur zur wucherischen Bereicherung, sondern überdies als Vorwand benützt wird für eine die Neutralität des Landes gefährdende Propaganda, deren Ziel die eventuelle Teilnahme der Schweiz am Weltkrieg ist: beschließt die Konferenz, die ganze Arbeiterklasse des Landes zu einer ener= gischen Aftion gegen diese kriegsheherische Propaganda aufzufordern und den verbrecherischen Versuchen, die Schweiz zur Preisgabe ihrer Neutralität zu veranlassen, mit allen zu Gebote stehen den Mitteln entgegenzuwirken. Die Aktion zur Wahrung der Neutralität steht im engsten Zusammenhang mit der Gestaltung der Ernährungsfrage und bedingt eine zweckmäßige Organisation des Wirtschaftslebens, durch die die Ernährung der Bevölkerung, den gegebenen Verhältnissen entsprechend, sichergestellt wird." Die Resolution zählt dann im einzelnen die Forderungen auf, die dem gezeigten Ziel dienen sollen und die auf dem Gebiet der Bundes-, Kantons- und Gemeindepolitik liegen. Hinter die Forderungen soll der unzweideutig bekundete Wille der Arbeitermassen treten. Die Resolution sagt darüber:" Diese Forderungen find von den gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterorganisationen zum Gegenstand einer allgemeinen Bewegung zu machen, wobei alle Mittel der Organisation und des ge= meinsamen Vorgehens( Presse, parlamentarische Aktion, öffentliche Versammlungen und Demonstrationen) anzuwenden sind. In allen Fürsorgestellen und Kommissionen ist auf eine angemessene Vertretung der Arbeiterschaft au dringen, wobei besonders die Frauenorganisa= tionen zu berüdsichtigen sind.... Um eine wirksame Kontrolle der öffentlichen Märkte herbeizuführen, bilden die lofalen Arbeiterunionen, unter Mitwirkung der Frauen= organisationen, besondere Kontrollfommiffionen. Genügt diese Kontrolle nicht, so find allgemeine Marktdemonstrationen zu organisieren. Die Gewerkschaften haben unverzüglich die Frage der Einleitung von Lohnbewegungen zu prüfen und dementsprechende Forderungen zu stellen." Wie man sieht, ist die Mitwirkung der Frauen an der Verwirklichung der Forderungen vorgesehen, und man erwartet, daß auch die breitesten Frauenmaffen die Bewegung tragen helfen werden. Frauenarbeit. a. ch. Zur Entlohnung der Frauenarbeit in den Frankfurter Kriegsküchen wird uns geschrieben: Als Geschäftsführer der Frankfurter Kriegstüchen möchte ich Sie bitten, die in der„ Gleichheit" Nr. 25 an den Ausführungen der Genoffin Brunner durch Abdruck der„ Korrespondenz" Notiz geübte Stritit in einigen Punkten zu berichtigen. Hierzu stelle ich folgendes fest: Die Löhne der bei uns angestellten Stüchenhilfskräfte betragen 50 bis 70 mt., die der Köchinnen 70 bis 100 Mt. monatlich bei freier Verpflegung. Wir berechnen die Verpflegung zu unseren Selbst 199 kosten mit 45 Mt., so daß der Lohn 95 Mt. für die Hilfskräfte, 125 bis 145 Mt. für die Köchinnen beträgt. Hierzu kommt noch, daß die Versicherungsbeiträge von der Geschäftsstelle getragen werden, die für jede unserer Mitarbeiterinnen 5 Mt. monatlich aus= macht. Das sind meines Erachtens Entschädigungen, wie sie so leicht nicht mehr in einem Hauswirtschaftlichen Betrieb gezahlt werden. Dazu kommt jede Woche ein freier Nachmittag, jedes Jahr acht bis vierzehn Tage Ferien, bei Krankheit Aufbesserung des Krantengeldes bis zur Höhe des Lohnes für die ersten Wochen. Außerdem liefern wir den Mitarbeiterinnen Holzschuhe und Schürzen auf unsere Kosten. Wenn da noch von schlechter oder auch nur ungenügender Zahlung die Rede ist, so darf doch nicht übersehen werden, daß wir uns doch nicht mit einem Male über gewisse ortsübliche Gebräuche und Löhne hinwegsegen dürfen. Ich kann der Redaktion der„ Gleichheit" nur sagen, daß ich noch in keinem Hauswirtschaftlichen Betrieb ähnlich geordnete Verhältnisse gefunden habe, was ich im übrigen für eine Selbstverständlichkeit halte. Bei der Beurteilung unserer Einrichtung kommt noch etwas anderes hinzu. Wir sind ein gemeinnüßiges Institut, kein auf Mehrwerte abzielendes Unternehmen, da darf man doch nicht die gleichen Regeln anwenden wie in einer Fabrit, die auf Kosten der Arbeiter soundso viel überschüsse erzielt. Wir setzen hier monatlich über 40000 Mt. zu. Man verstehe mich nicht falsch: Darunter sollen und dürfen unsere Angestellten nicht leiden, aber ganz darf man doch wohl den sozialen Zweck nicht aus den Augen lassen, sonst würde ich mich bedanken, nun schon zwei Jahre ehrenamtlich meine Straft zu opfern. Die Redaktion der„ Gleichheit" hat recht, wenn sie allgemein dafür eintritt, daß höhere Löhne gezahlt werden, es ist aber nicht damit gedient, wenn man diese Forderung zu straff auf solche Institutionen ausdehnt, wo wir zufällig ein klein wenig Einfluß haben, denn auch da kann man nur auf ortsüblichen Verhältnissen weiterbauen. Bemerken möchte ich noch hierzu, daß wir fast allen Anträgen unserer Mitarbeiterinnen bisher zugestimmt haben, wie ja auch Genoffin Brunner bestätigt. Nun noch eine kleine Randbemerkung, die für die Leserinnen der„ Gleichheit" nicht ohne Interesse sein dürfte. Meine Absicht, immer noch mehr an Entschädigung für unsere Mitarbeiterinnen herauszuholen, wird in schlimmster Weise durchkreuzt durch ein Massenangebot billiger weiblicher Sträfte. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht aus bestimmten Kreisen Angebote zur Küchenarbeit bekommen, die vom Arbeiterstandpunkt aus beschämen. Da bieten sich Frauen an, die„ nur unterkommen wollen", andere, die auf bares Geld nicht sehen", wieder welche, die„ nicht so hohe Ansprüche stellen" usw. Es sind das freilich meist Frauen aus nichtproletarischen Kreisen. Frauen, denen jedes Verständnis dafür fehlt, was sie damit ihren Schwestern, die mitverdienen müssen, antun. Natürlich färbt das ein flein wenig ab, mindestens schädigt ein solches Verhalten den Aufstieg der Arbeiterklasse. Wir lassen uns davon nicht beeinflussen, man kann sich aber leicht ein Bild machen, wie solche Vorgänge in anderen Kreisen wirken. Ich hoffe, daß unsere geregelten Verhältnisse für andere Orte zum Anreiz werden, ein Gleiches zu tun. Th. Thomas, Frankfurt a. Main. Wir danken dem Genossen Thomas für seine Darstellung, die Genossin Brunners Mitteilungen vervollständigt und zeigt, daß die Verwaltung der Frankfurter Kriegsküchen von dem aufrichtigen Bemühen beseelt ist, den dort beschäftigten Frauen gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Unsere Stritit zu berichtigen" sind wir jedoch außer stande. Wir unterschäßen feinen der Vorteile, die die Frant furter Kriegsküchen den angestellten Frauen gewähren; besonders hoch werten wir die durchgeführte feste Regelung der Arbeitszeit mit dem freien Nachmittag in der Woche, den alljährlichen Ferien usw. Trotz alledem ist es uns jedoch unmöglich, die festgesetzten Löhne als Ideal zu preisen, als beispielgebendes Ziel, wie dies in Genofsin Brunners Ausführungen geschah. Gewiß: leider gibt es genug Frauenverdienst, der erheblich niedriger ausfällt als in den Frankfurter Vollstüchen. Aber seit wann messen wir Sozialisten das zu Erstrebende, Fordernde an den niedrigsten Vergleichswerten und nicht an den höchstmöglichen? Das jedoch tut Genosse Thomas, indem er zum Vergleich die Arbeitsbedingungen im Hauswirtschaftlichen Durchschnittsbetrieb heranzieht. Wir Sozialisten haben jederzeit behauptet, daß gerade diese Arbeitsbedingungen im allgemeinen die rückständigsten sind, die es für die Frauenarbeit gibt. Sie sind deshalb nicht als Maßstab der Wertung zu nehmen. Außerdem ist in unserem Fall zweierlei nicht zu übersehen. Die Festangestellten der Hauswirtschaft erhalten Wohnung nebst Beleuchtung, Heizung usw., und einigermaßen einsichtsvolle Familien sorgen auch für Kleidung, Wäsche usw., während die Angestellten der Frankfurter Kriegsküchen für die betreffenden Ausgaben mit ihrem Lohn aufkommen müssen. Die Arbeit in den Kriegsküchen 200 Die Gleichheit ist den Umständen nach mehr oder weniger„ industrialisiert", sie nähert sich nach ihrer Art und den geforderten Leistungen mehr der Beschäftigung in einem industriellen Großbetrieb als dem Schalten und Walten in einem Privathaus. Durch Arbeitsteilung, Dampf, Elektrizität, maschinelle Einrichtungen usw. wird die einzelne Verrichtung erleichtert; wie die Dinge aber heute liegen, läuft die Gesamtsumme der nötigen Leistungen auf große Anspannung der Kraft durch eintöniges, intensives und aufreibendes Schaffen hinaus. Wir find daher der Ansicht, daß die Bezahlung in den Kriegsküchen in Frankfurt wie anderwärts- nicht mit den üblichen Dienstboten löhnen verglichen werden darf, sondern an den Löhnen der„ freien" Arbeiterinnen zu messen ist. Da bleibt die Tatsache bestehen, daß sogar die freien" Wasch- und Scheuerfrauen einen höheren Tagesverdienst haben als die Angestellten in den Frankfurter Kriegsküchen. Genosse Thomas meint freilich, solche Vergleiche von vornherein ein für allemal mit der Berufung darauf abtun zu können, daß die Frankfurter Kriegsküchen gemeinnüßige Einrichtungen seien, die nicht Überschüsse herauswirtschaften, vielmehr bedeutende Zuschüsse er= fordern. Wir würdigen den Charakter und das Ziel der Kriegsküchen, sind aber altmodisch genug, auch in der Zeit des großen„ Umlernens" den Grundsatz festzuhalten, daß gemeinnützige Einrichtungen in jeder Hinsicht Musteranstalten sein sollten. Deshalb anerkennen wir gern, was ehrenamtliche Arbeit in solchen Einrichtungen opferfreudig leistet, können uns aber nicht damit abfinden, daß neben der ehrenamtlichen Arbeit nicht vollbezahlte, höchstbezahlte Arbeit verwendet wird.„ Sparsamkeit" aus Not- und Zweckmäßigkeitsgründen täuscht in diesem Falle über das, was in der kapitalistischen Ordnung gemeinnütziges Wollen schaffen und leisten kann. Die nicht vollwertige Entlohnung in ge= meinnügigen Einrichtungen wirkt überdies auf die Entlohnung im gewöhnlichen Privatbetrieb zurück, der nur der Mehrwertpresserei dient. Genosse Thomas hat natürlich alles getan, was in seinen Kräften stand, um die Arbeitsbedingungen in den Frankfurter Kriegsküchen möglichst günstig, mustergültig zu gestalten. Er trägt teine Verant wortung dafür, daß wir trotz allem Guten, was dort besteht,„ begehrlich" noch Besseres wünschen müssen. Genosse Thomas tommt bei seinem eifrigen Streben nach diesem Besseren nicht um die eine fatale Tatsache herum: Nämlich daß in der kapitalistischen Ordnung auch die gemeinnügigen Einrichtungen im allgemeinen irgendwo mit den Schönheitsfehlern und Muttermalen eben dieser Ordnung behaftet sind. Wir stimmen ihm in dem Wunsche zu, daß die geregelten Verhältnisse in den Frankfurter Kriegsküchen den Genossinnen ein Anreiz werden, nach solchen Verhältnissen zu streben. Doch halten wir die Ansicht aufrecht, daß die Genossinnen überall kraftvoll für noch höhere Entlohnung eintreten müssen, als sie in Frankfurt gewährt wird. Die Redaktion der Gleichheit. Arbeiterinnenlöhne in Leipzig in den letzten zehn Jahren. Unsere soziale Statistit ist noch nicht soweit ausgestaltet, daß sie über die Löhne der Arbeiter gewissenhafte und fortlaufende Ausfunft gibt. Was wir über die Lohnverhältnisse der Arbeiter wissen, beruht auf privaten Untersuchungen oder der Benutzung von Berechnungen für besondere Zwecke. In erster Linie kommen bestimmte Geschäftsergebnisse der sozialen Versicherung in Betracht, insbeson dere der Krankenkassen. Bekanntlich haben die Unternehmer die Verpflichtung, diesen Kassen die Löhne der von ihnen beschäftigten Personen mitzuteilen. Daraufhin werden die Versicherten verschie denen„ Lohnklassen" zugeteilt. Aus der Besetzung der einzelnen Klassen lassen sich Rückschlüsse auf die Lohnverhältnisse der Versicherten einer Kasse ziehen. Die auf diesem Wege erzielten Lohnstatistiken haben besondere Bedeutung seit Einführung der Reichsversicherungsordnung erlangt. Sie erweiterte den Kreis der Krankentassenmitglieder, indem sie die Versicherung auf alle gegen Gehalt oder Lohn beschäftigten Personen ausdehnte, ferner schuf sie große Allgemeine Ortskrankenkassen. Vorbildlich sind namentlich die Lohnstatistiken der Ortskrankenkasse Leipzig geworden, die zu den größten Strantentassen des Reichs zählt. Aus den Feststellungen dieser Kaffe, die das Reichsarbeitsblatt regelmäßig jedes Jahr mitteilt, gewinnt man einen interes= santen Überblick über die Löhne der Arbeiterinnen im Verlauf der letzten zehn Jahre. Es zeigt sich dabei, daß die behauptete Steigerung der Löhne nur eine verhältnismäßig geringe gewesen ist. Die Kasse hat zehn verschiedene Lohntlassen. Für die Arbeiterinnen kommen hauptsächlich die 7. und 8. Klasse in Frage, die Mitglieder mit einem Tagesverdienst von 2,01 bis 3,25 Mt. umfassen. Im Januar 1906 gehörten diesen beiden Lohnklassen 26,0 Prozent sämtlicher weiblicher Pflichtmitglieder an. Dieser Anteil stieg auf 31,6 Prozent im Jahre 1908, 35,3 Prozent im Jahre 1910, 37,8 Prozent im Jahre 1912, 39,3 Prozent im Jahre 1914 und 42,4 Prozent im Januar 1916. In dem Maße, wie die Mitglieder dieser beiden Lohntlassen zugenommen haben, nahmen die Nr. 27 der unteren Klassen ab; die höheren Klassen erfuhren nur eine geringe Zunahme ihres Mitgliederstandes.. Jm Januar 1916 zählte die Leipziger Stasje 55 606 weibliche Pflichtmitglieder. Es hatten davon einen Tagesverdienst: bis 1,50 Mt. 17,6 Prozent, 1,51 bis 2 Mt. 17,0 Prozent, 2,01 bis 2,50 Mt. 20,9 Prozent, 2,51 bis 3,25 Mt. 21,5 Prozent, 3,26 bis 3,50 Mt. 8,2 Prozent, 3,51 bis 4 Mt. 9,2 Prozent, 4,01 bis 4,50 Mt. 2,1 Prozent, 4,51 bis 5 Mt. 1,6 Prozent, 5,01 bis 5,50 Mt. 0,5 Prozent, 5,51 Mt. und mehr 1,4 Prozent. Hieraus geht hervor, daß 77 Prozent der Arbeiterinnen, also mehr als drei Viertel, einen Tagesverdienst nur bis zu 3,25 Mt. hatten. Und das in einer Großstadt wie Leipzig, in der die Lebenshaltung besonders teuer ist. Eine Betrachtung der einzelnen Erwerbszweige ergibt, daß in der Textilindustrie die Löhne verhältnismäßig gut waren. Der Anteil der Arbeiterinnen mit einem Tagesverdienst von 2,01 bis 3,25 Mt. ist hier von 32 Prozent im Jahre 1906 auf 41 Prozent im Jahre 1916 gestiegen. Außerdem gab es 1916 20,5 Prozent Textilarbeiterinnen, die einen Verdienst von 3,26 bis 3,50 Mt. hatten. In der Bekleidungsindustrie stiegen die Arbeiterinnen mit einem Tagesverdienst von 2,01 bis 3,25 Mt. zwar von 20,6 Prozent im Jahre 1906 auf 44 Prozent im Jahre 1916, doch betrug in diesem Jahre die Zahl der Arbeiterinnen mit einem Verdienst von 3,26 bis 3,50 Mt. mur 4,6 Prozent. Arbeiterinnen mit einem Tagesverdienst von 2,01 bis 3,25 Mt. gab es 1906 in der Papierindustrie 35,5 Prozent, im Jahre 1916 aber 38,0 Prozent. 1913 hatte der Anteil der betreffenden Arbeiterinnen 47 Prozent betragen, es ist also seither eine erhebliche Verschlechterung eingetreten. Im Handelsgewerbe erhöhte sich der Anteil der weiblichen Erwerbstätigen, die zu der 7. und 8. Lohnklasse gehören seit 1906 bis 1916 von 28,1 Prozent auf 39,2 Prozent. 1916 hatten 36 Prozent einen geringeren Verdienst, und nur etwa 25 Prozent einen höheren Verdienst als die betreffenden Säge. Verhältnismäßig am besten dürfen die Löhne im Gastwirtschaftsgewerbe sein, in dem 58 Prozent der weiblichen Angestellten einen Verdienst von mehr als 3,25 Mt. hatten. Sehr niedrig sind die Löhne im Nahrungsmittelgewerbe, wo 74 Prozent der Arbeiterinnen weniger als 2,50 Mt. erhielten. Man sieht, was auch andere Tatsachen bestätigen, daß der Krieg auf die Löhne der weiblichen Erwerbstätigen mehr niederdrückend als steigernd F. Kl. gewirkt hat. Verschiedenes. Ich lebe noch! Nach langem, langem Warten eine knappe Feldpostkarte. Nur drei Worte:„ Ich lebe noch!" Es war in den Isonzofämpfen. Sie gingen weiter. Das Bataillon stritt dann tapfer am Doberdo. Was mag wohl seither geschehen sein? Frau und Kinder, greise Eltern und Geschwister Klammern sich an die drei Worte. Tag um Tag vergeht, es kommt kein zweites Lebenszeichen; aber sie lesen immer wieder die alte Karte, glauben, daß die drei Worte eben geschrieben worden sind. Schon ist die Schrift verblaßt, manche Träne hat die Buchstaben weggewischt, aber sie lesen noch immer die drei Worte und schöpfen Trost und Hoffnung aus dem„ Ich lebe noch". ( Aus der Wiener Arbetterzeitung.) Wir empfehlen Einbanddecken zur Gleichheit Jahrgang 1915/1916 und zwar Decken für das Hauptblatt und die Beilage Für unsere Mütter und Hausfrauen sowie Decken für die Kinderbeilage. Preis zusammen 1 Mart. Bei direkter Zusendung 30 Pf. mehr für Porto. Titelblatt und Inhaltsverzeichnis werden den Decken unentgeltlich beigegeben. Vollständig gebundene Jahrgänge der Gleichheit und der Kinderbeilage sind vorrätig. Preis zusammen 4 Mart. Bestellungen nehmen die Austrägerinnen der Gleichheit sowie alle Buchhandlungen entgegen. Vorrätig sind noch die Einbanddecken zu den Jahrgängen 1908/1909 bis 1914/1915. Preis je 1 Mark. Expedition der Gleichheit, Stuttgart, Furtbachstraße 12. 0000000000000000 Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.. in Stuttgart.