Nr. 4 27. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhaltsverzeichnis. Stuttgart 24. November 1916 Hornberger Schießen. Die Erklärung der Arbeitsgemeinschaft zu den Kriegskrediten.- Die sozialdemokratische Frauenbewegung in Serbien. Von Libertas. Gewerkschaftliche Rundschau. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Aus dem öffentlichen Leben. Für den Frieden. Frauenstimmrecht.- Arbeitslosigkeit der weiblichen Erwerbstätigen. -Frauenbewegung. Hornberger Schießen. Kaum daß der Deutsche Reichstag seine Tore geöffnet hatte, gab er dem nahezu einstimmigen Willen Ausdruck, die Regierung möge ihm wenigstens ein Quentchen Recht zur Mitent scheidung in den großen Fragen der Auslandspolitik gewähren. Staum daß seine Tore durch kaiserliche Verordnung geschlossen worden waren, erfolgte die Antwort der Regierung darauf: Das Manifest, das ein neues Königreich Polen von zweier Monarchen Gnaden schafft. Eine Entscheidung, deren große Tragweite für die gegenwärtige Kriegspolitik, für die Gestal tung der Dinge nach dem Kriege auf der Hand liegt, eine Entscheidung, die trotzdem mit vollständiger Ausschaltung des Reichstags gefallen ist. Dieser wurde wieder einmal vor eine fertige Tatsache gestellt. Die beiden Vorgänge beleuchten blizes hell die Entwicklungsstufe nach abwärts, auf der der Parlamentarismus angelangt ist. Was im Reichstag zwischen ihnen liegt, verstärkt ihr klärendes Licht. Unter dem Schlachtendonner des imperialistischen Weltkriegs sind die Reichstagsverhandlungen zum harmlosen Hornberger Schießen geworden. Lassen wir die Tatsachen sprechen! 11 Der Reichstag verhandelte über den herzlich bescheidenen Antrag seines Haushaltungsausschusses, die Mitwirkung an der auswärtigen Politik betreffend, den wir in Nr. 2 charatterisiert haben. Herr Gröber vom Zentrum setzte bei der Begründung mit einem kräftigen Durafford parlamentarischen Rechts- und Machtempfindens ein. Die Kanonen sind die letzten Mittel der Könige," so rief er geschichtskundig aus, die Geldbewilligung ist das letzte Mittel des Parlaments." Die Vertreter der Nationalliberalen redeten beinahe wie Anno dazumal, als der Liberalismus noch im Stampfe für politische Ideale gegen den Absolutismus stand. Herr Stresemann beschwor die Schatten des Befreiungskrieges von 1813 und der 1848 er Revolution herauf, um von der Notwendigkeit zu überzeugen, nicht bloß von Neuorientierung zu reden", sondern den ersten Schritt dazu" in Gestalt der geforder ten kleinen Ronzession" zu tun. As Redner der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft kennzeichnete Genosse Ledebour den vorliegenden Antrag als bloßen Notbehelf" und verfocht die Forderung vollster demokratischer Regierung. An Gröbers Äußerung anknüpfend, deutete er auf die Wege zum Ziel. Es ist möglich, die Neuorientierung durch das Machtmittel der Parlamente zu erzwingen, das in dem Budgetrecht liegt. Wir haben freilich noch andere Mittel, und auch das Volk hat noch andere Mittel, wenn das Parlament versagt." Kurz, von den Konservativen abgesehen, stellte sich Zuschriften an die Redaktion der Gleichhelt find zu richten an Frau Klara Zetkin( Sundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bel Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. der Reichstag in geschlossener Front hinter den Antrag des Haushaltungsausschusses. Als Vertreter des Reichskanzlers hatte Staatssekretär Dr. Helfferich gleichwohl nur eine fühl abweisende Handbewegung dafür. Er betonte, daß„ der Tagung der Kommission auch über den Krieg hinaus nicht Folge geleistet werden kann". Es fehlte nicht an Protesten gegen feine Stellungnahme." Mit der Erklärung des Staatssekretärs Dr. Helfferich können wir uns nicht einverstanden erklären," versicherte der Nationalliberale von Richthofen. Und das Ergebnis? Das obenerwähnte Manifest läßt keinen Zweifel darüber. Hornberger Schießen. Bei den Verhandlungen über Schußhaft, Zensur, Belagerungszustand ging es um Grundelemente der persönlichen, der politischen Freiheit. Die Redner aller Parteien fanden die schärfsten Worte zur Brandmarkung der gemeingefährlichen Übelstände, die auf dem Boden des Belagerungszustandes geil emporschießen. Genosse Dittmann von der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft erhärtete durch ein vernichtendes Tatsachenmaterial die Willkür der Schuzhaft, die Rechtlosigkeit der Opfer, die Qualen, denen sie preisgegeben sind. Er zeigte dem erregt, ja empört zuhörenden Hause, was führende, sturmerprobte Stämpfer des internationalen Sozialismus wie Genosse Mehring und Genossin Luxemburg, was der heranreifende treffliche Nachwuchs, wie die Genossen Meyer, Negge, Orter, die Genossinnen Dunder, Spahn und kaum der Schule entwachsenen Proletarierinnen in der unerschütterlichen Überzeugungstreue ihrer Weltanschauung erdulden. Oft genug, ohne daß ihnen eine konkrete Straftat" nachgewiesen werden kann, nur weil sie, wie die Genossen Mehring und Meyer,„ eine den Behörden nicht genehme Gesinnung" bekundeten, oder wie Genossin Luremburg„ einen geistigen Einfluß auf die Arbeiterklasse ausüben, der sich im Sinne einer entschiedenen sozialistischen Opposition geltend macht". Unter dem Eindruck der angeführten Tatsachen wurde die hochfahrende Antwort des Staatssekretärs Dr. Helfferich geradezu als Provokation des Reichstags empfunden. Der nationalliberale Vizepräsident des Parlaments, Herr Paasche, der wahrhaftig nicht rührseliger politischer" Prinzipienreiterei" verdächtig ist, erklärte:" Ich glaube der großen Mehrheit des Hauses aus dem Herzen zu sprechen, wenn ich sage, die Ausführungen des Abgeordneten Dittmann haben einen so überzeugenden Eindruck gemacht, daß sie auf Tatsachen begründet waren. Sie haben im Hause einen solchen Sturm der Entrüstung entfesselt, daß man erwartet hätte, daß der Staatssekretär die schärfsten Worte der Verurteilung gefunden hätte. Wenn solche Zustände möglich sind, so wäre es im Interesse des Reichs und des deutschen Volks gewesen, wenn der Staatssekretär offen und ehrlich gesagt hätte: Solche Zustände können und wollen wir nicht dulden." Der brausende Entrüstungssturm der Parlamentarier zerrte und riß an gar zu üppig gewucherten wilden Schößlingen des Belagerungszustandes, den Baum selbst aber knickte er nicht. Unbeachtet verhallte Genossen Dittmanns Mahnung: 26 Die Gleichheit ,, Stimmen Sie unserem Antrag auf Aufhebung des Belagerungszustandes zu und helfen Sie damit Zustände mit Stumpf und Stiel ausrotten, die eine Schmach und Schande für den deutschen Namen find." Der Antrag der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft wurde abgelehnt. Ein Kurpfuschermittelchen, so meint man, wird die beklagten und verurteilten Übel heilen. Einstimmig gelangte der Gesezentwurf der Kommission zur Annahme, der die Schuzhaft regeln und mildern soll. Als Vorsitzender der Kommission und in ihrem Auftrag richtete Genosse Scheidemann„ die dringende Aufforderung an die verbündeten Regierungen, so schnell als möglich Stellung zu diesem Gesetz zu nehmen und ihre Zu stimmung dazu zu geben". Aber schon diese Mahnung des getreuesten Eckard der Regierung Bethmann Hollweg läßt den starken Zweifel durchblicken, daß der Wille des Reichstags zur Tat werde. " Zur Behandlung der brennenden Zensurfrage brachte der Reichstag nicht einmal mehr das energische Wort und die stürmende Geste auf, wie bei den Verhandlungen über die Schutzhaft. Große Heiterkeit" hatte im allgemeinen die fittliche Entrüstung über schreiende Vergewaltigung der Preßund Meinungsfreiheit abgelöst. Einen besonderen Zug erhielten die zweitägigen Zensurdebatten durch den Akt der Notwehr, daß Genosse Stadthagen mit anderem Anklagematerial auch den Vorwärtskonflikt auf die Reichstagstribüne tragen mußte. Mußte, weil Belagerungszustand und Zensur den Hinterhalt schufen, aus dem der Parteivorstand gegen die oppofitionelle Redaktion hervorgebrochen ist; mußte, weil Belagerungszustand und Zensur keinen anderen Weg zur Aufklärung des Tatbestandes offen ließen. Auch zur Zensurfrage wäre das nötige parlamentarische Wort die Forderung nach Aufhebung des Belagerungszustandes gewefen. Der Reichstag hat es nicht gesprochen. Er überwies die entsprechenden Anträge zusammen mit einer Vorlage zur gesetzlichen Reglung des Belagerungszustandes einer Kommission. Für die Zwischenzeit verlangt er die Einsetzung einer militärischen Beschwerdeinstanz. Die„ Bremer Bürgerzeitung" vom 2. November faßt das Ergebnis der Verhandlungen über Schutzhaft und Zensur also zusammen:„ Wer lebt des Glaubens, daß es jetzt zu Ende sei mit alle dem, was Belagerungszustand und Zensur uns in über zweieinviertel Jahren des Weltkriegs gebracht? Wer kann wirklich glauben oder glauben machen wollen, die Nr. 4 fetzlich zur Zahlung von Zuschlägen zu verpflichten,„ die zur Behebung der Bedürftigkeit notwendig sind". Die Kriegerfrauen wissen aus bitterer Erfahrung, daß diese Formel auf ein goldenes Nichtschen in einem silbernen Büchschen hinauslaufen dürfte. Die Regierung aber hat auf des Reichstags bescheidenes Begehren mit einer„ ungenügenden Erklärung" erividert. Traurig muß das sogar ihr hoffnungsfreudiger Knappe, Genosse Scheidemann, rügen. Wesensgleich liegen die Dinge in Betreff der Ernährungsfürsorge. Knappheit und Teuerung aller Mittel des Lebensbedarfs zeugen blutiges Elend. Der Reichstag nahm wie mehrmals schon in breitspurigen sachverständigen" Beratungen und Anregungen mit aufgeblasenen Backen einen großen Anlauf, um Preiswucher, künstlicher Entblößung der Märkte, Bevorzugung der Begüterten entgegenzuwirken. Allein der große Ansatz endete wieder in einem kraftlosen Herumhüpfen vor dem Ziel. Die Regierung aber wird nicht über den Zaun helfen, sondern umgekehrt von ihm zurücktreiben. Die treuherzigen Versicherungen des Lebensmitteldiktators sagen darüber genug. Hornberger Schießen! Der Reichstag ließ sich jedoch nicht heimschicken, ohne zwei „ positive Leistungen" vollbracht zu haben. Mit der Ablehnung des Antrags, der die Enthaftung des Genossen Liebknecht forderte, lieferte er zum zweiten Male die Immunität seiner Mitglieder an die Militärdiktatur aus. Er bewilligte mit zwölf Milliarden die sechsten Kriegskredite. Die sozialdemo kratische Mehrheitsfraktion fand sich bei dieser positiven Leistung in alter, schöner Harmonie mit den bürgerlichen Parteien zusammen. Wie schon gewohnheitsmäßig auch ohne den Aufwand einer neuen Begründung. Nur die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft störte den brüderlichen Chor durch ihr Nein, eine Erklärung und Genossen Bernsteins Rede. Die positive Leistung des Zwölfmilliardenkredits und das Hornberger Schießen gehören zueinander wie zwei Afte eines Schauspiels, dessen Verfasser und Regisseur der imperialistische Kapitalismus ist. Bis die erwachten Massen mit klarem, kühlem Blick, Erkenntnis zum Willen und Willen zur Tat werden lassen, wird der Parlamentarismus immer ausgeprägter die Wesenszüge des Hornberger Schießens tragen. Reichsregierung werde nun ganz sicher für Abhilfe sorgen? Die Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Was über die Scheußlichkeiten der Schußhaft oder über das Unerträgliche der Zensur gesagt worden ist, gehöre von nun an der Vergangenheit an, werde sich niemals wiederholen? Ein Heuchler oder Narr der, der es glauben möchte; ein kompletter Narr ganz sicher, der das glauben würde!" Hornberger Schießen! Der Reichstag hatte sich mit noch anderen Begleiterschei nungen des Krieges zu beschäftigen. Beide sozialdemokratischen Fraktionen riefen ihn auf, wirksamer der Not breitester Boltsmassen zu steuern. Die sozialdemokratische Mehrheitsfraktion hatte beantragt, die Unterstützung der Kriegerfamilien zu erhöhen. Der Unterstützungssatz sollte monatlich mindestens 20 Mr. für die Frau, 10 Mt. für jeden anderen unterstützungsberechtigten Angehörigen betragen. Die Gemeinden und Gemeindeverbände sollten verpflichtet sein, angemessene Zuschläge zu zahlen, die mindestens 50 Prozent der angegebenen Sätze betragen müßten. Die Sozialdemotratische Arbeitsgemeinschaft heischte mehrere Verbesserungen bei der Anwendung des Unterstütungsgesetzes, darunter die Aufhebung des harten Paragraphen, daß den Familien von Eingezogenen die Unterstützung entzogen wird, wenn der Soldat eine Gefängnisstrafe von mehr als sechs Monaten zu verbüßen hat. Der Reichstag lehnte alle diese Anträge ab. Ein Scherflein nur fiel in die Hand der darbenden Kriegerfrauen und-finder. Eine Resolution, in der der Reichskanzler ersucht wird, die Unterstügungsfäße im Sinne" des sozialdemokratischen Antrags zu erhöhen und die Gemeinden gezu den Kriegskrediten. Nach dem Reichstagsbericht des Vorwärts" hat Genosse Bernstein im Namen der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft diese Erklärung verlesen: Die Stellung der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft zu den geforderten Kriegskrediten ist bestimmt durch ihre Stellung zum Kriege selbst, zur Politik, die ihn herbeigeführt hat, und zur Politik, die ihn fortdauern macht. Wir sind grundsägliche Gegner dieses Krieges, wie wir grundsätzliche Gegner aller Kriege find. Denn alle Kriege haben in unseren Tagen Klasseninteressen und Klassenvorurteile der Herrschenden und Besigenden zur Ursache. Konflikte zwischen den arbeitenden Klassen verschiedener Länder, die zu ihrer Austragung dieses brutalen Mittels bedürfen, sind eine Undenkbarkeit. In feinem Lande. hat am Vorabend dieses Krieges die Arbeiterklasse nach ihm verlangt, in allen hat die Sozialdemokratie bis zur letzten Stunde mit Leidenschaft sich gegen ihn aufgelehnt. Wenn er trotzdem hereingebrochen ist, so hat das überwiegen von Interessen, Einrichtungen und Auffassungen, die wir als verderblich auf das entschiedenste bekämpfen, den Entscheid dafür gegeben. Diese Interessen und Auffassungen: das imperialistische Streben nach Machtausbreitung, die kapitalistische Sucht nach Ausbeutungsmonopolen, ein nationalistischer Dünkel und der Militarismus mit seinen veralteten Ehrbegriffen lassen trotz all der furchtbaren Erfahrungen und Opfer dieses Krieges es zu keinen Friedensverhandlungen, geschweige denn zu einem Friedensschluß kommen. Zu ihnen gefellt sich als Feind des Nr. 4 Die Gleichheit Friedens das Interesse von Klassen, denen der Krieg ein Mittel ist, auf dem Rücken der breiten Masse der Bevölkerung einen verbrecherischen Wucher zu treiben.( Stürmische Unterbrechungen.- Vizepräsident Dr. Paasche: Derartige Äußerungen fann ich auch im Namen einer Fraktion nicht zulassen!) Die Auswucherung des Volkes, die Zerstörung von Werten, die Zerrüttung der Finanzen haben neben dem unerhörten Massenopfer an Menschenleben und Menschengesundheit einen Grad erreicht, der gebieterisch fordert, dem Spiel jener Mächte Einhalt zu tun. überall nimmt er indes noch ungehemmt seinen Gang. Was insbesondere Deutschland anbetrifft, so kann keiner der Gründe, die man hier für die Notwendigkeit der Dauer des Krieges geltend macht, von uns als stichhaltig anerkannt werden. Wir wollen klar und ohne Umschweife, daß statt der Gewalt der Waffen das demokratische Selbstbestimmungsrecht der Völker zur maßgebenden Grundlage der Beziehungen der Nationen gemacht wird, daß der Grundsatz der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit rückhaltlos anerkannt und die Möglich keit geschaffen wird, diesen Krieg mit Einleitung einer Ära der allgemeinen Abrüstung zu beenden. Die Völker ersehnen den Frieden, der sie erlöst vom Alp des ihren Wohlstand crdrückenden und ihre Sicherheit ständig bedrohenden Militarismus. Ein Friedensprogramm, das diesen Grundsätzen in jeder Hinsicht gerecht wird, würde von ihnen allen mit Begeisterung begrüßt werden. Eine von dem Gedanken der internationalen Solidarität der arbeitenden Klassen mit allen Konsequenzen dieses Gedankens geleitete Politik ist allein imstande, die Arbeiter der Kulturwelt zu einer einzigen großen Friedenspartei zu vereinigen. Die Regierenden geben uns heute das Beispiel größter Ratlosigkeit. Sie konnten den Krieg entfesseln, sie finden aber nicht den Weg, ihm ein Ende zu gebieten. Eine Politik, welche die Völker in die gegenwärtige furchtbare Lage gebracht hat, auch nur mittelbar zu unterstützen, würden wir für Pflichtvergessenheit halten. Wir fordern ein entschiedenes Verlassen dieser Bahn, wir verlangen eine wahrhaft demokratische auswärtige Politik, wie wir für die Verwirklichung der Demokratie im Innern als die beste Friedensgarantie kämpfen. Wir sind nicht in der Lage, die Verantwortung für die Weiterführung der von uns für verderblich erkannten Politik zu übernehmen, und lehnen daher die geforderten Kredite ab. Die sozialdemokratische Frauenbewegung in Serbien. 27 wie in den anderen, älteren europäischen Kulturstaaten. So ist auch die sozialistische Frauenbewegung erst sechs Jahre alt. Im folgenden ein gedrängter Überblick über sie. Mit der allgemeinen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung mußte sich unvermeidlich auch eine sozialdemokratische Frauenbewegung entivickeln. Am 12. September 1910 fand eine von der Sozialdemokratie Serbiens einberufene Frauenversammlung statt, die die Auffassung der Partei zur Frauenbewegung in dieser Resolution festlegte: „ Die Frau ist durch ihre soziale Lage sowohl nach Geschlecht wie auch als Proletarierin dazu berufen, energischen Anteil an den Kämpfen der Sozialdemokratie zu nehmen. Denn die Sozialdemokratie ist als echte und konsequente Verfechterin der Demokratie die einzige Partei, die grundsätzlich alle privatrechtlichen und öffentlich- rechtlichen Gesetze bekämpft, die die Frau in Abhängigkeit und Unterwerfung halten. Und als revolutionäre Partei, die für eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft kämpft, ist die Sozialdemokratie die einzige bewußte soziale Kraft, die die vollkommene Befreiung nicht nur des Proletariats verbürgt, sondern auch der Frau. Diese volle Befreiung kann nur durch die Aufhebung des Kapitalismus und die Aufrichtung der sozialistischen Ordnung verwirklicht werden. Die Versammlung erklärt dementsprechend: Daß die Frauen ein Interesse und die Pflicht haben, durch ihren Beitritt zur politischen und gewerkschaftlichen Organisation an dem Stampf der Sozialdemokratie teilzunehmen und ihn zu unterstützen. Die Arbeiterin gehört neben den Arbeiter, die Sozialdemokratin neben den Sozialdemokraten. Zum Zwecke der systematischen Agitation und der Propaganda unter den Frauen, die im Sinne der vorstehenden Auffassung, also im Geiste des Sozialismus zu betreiben ist, beschließt die Versammlung: 1. Es ist ein Zentralsekretariat der sozialdemokratischen Frauen zu gründen mit dem Sitz in Belgrad. Das Sekretariat tritt durch seine Mitglieder mit Genoffinnen in allen Orten des Landes in Verbindung und bereitet für den nächsten Parteitag eine allgemeine Landeskonferenz der sozialdemokratischen Frauen vor. 2. Es wird ein Organ für die sozialistische Agitation und Propaganda unter den Frauen gegründet, dessen Redaktion und Herausgabe von dem Parteivorstand zu unterstüßen ist. 3. Die Genossen sind aufzufordern, die sozialistische Frauenbewegung zu fördern und in erster Reihe dafür zu wirken, daß ihre Frauen und Schwestern sich für diese interessieren. 4. Das Sekretariat der sozialdemokratischen Frauen ist ein Drgan der Aus Serbien ist uns von einer führenden Genossin der Partei, das dem Parteivorstand angegliedert ist und durch folgende Bericht zugegangen: Bis zu der Tragödie Serbiens wußte man im übrigen Europa sehr, sehr wenig von dem Land und seinem Leben. Es war dem großen Europa so gut wie unbekannt. Was über Serbien und die Serben berichtet wurde, war fast ausnahmslos recht oberflächlich oder voller Irrtümer. Serbien ist ein junges Land, das erst seit sechzig Jahren ein selb. ständiges staatliches Leben führt. Fünf Jahrhunderte lang seufzte es unter drückendem, fremdländischem Joch, es mußte den verschiedensten Stulturen widerstehen, um seine eigene Stultur zu bewahren. Seine Existenz war immer ein Kampf auf Tod und Leben, ein Kampf um selbständiges nationales Sein oder Nichtsein. Nie war es ganz unabhängig, stets hatte es sich mit vielen, ihm weit überlegenen Feinden auseinanderzusetzen. Serbien hat als Staat eine ungünstige, ja geradezu unglückliche geographische Lage. Deshalb war es schon im Altertum wie auch in der Neuzeit ein Zantapfel zwischen den Großmächten, die gierig danach trachteten, das Land unter ihre Herrschaft, ihren Einfluß zu bringen. Das serbische Volt hatte im Ausland keinen wahren Freund und mußte sich in den schwersten Zeiten immer selbst helfen. Es lebte bis in die jüngste Vergangenheit hinein unter patriarchalischen Zuständen, abgeschlossen von anderen Völkern. Daher sind auch fast alle modernen Ideen und Bewegungen in Serbien jungen Datums und noch nicht so hoch entwickelt seine Sekretärin im festen und steten Zusammenhang mit der Partei steht. Die Versammlung ist überzeugt, daß sie auf die Zustimmung der Genossinnen und arbeitenden Frauen im ganzen Lande rechnen kann. Sie betont, daß mit der wirtschaftlichen Entwicklung auch bei uns die Frauen in immer größeren Scharen die Fabriken, Werkstätten und Bureaus füllen. Sie weiß, daß diese tatsächlichen Umwälzungen in den Lebensbedingungen auch das Interesse unserer Frauen für das öffentliche Leben erwecken müssen, und daß das Erkennen der veränderten Lage die Frauen dazu treibt, sich für die Beteiligung am öffentlichen Leben und am Befreiungskampf des arbeitenden Volkes zu bilden. Der Kampf für die volle Befreiung der Frau kann nicht mit Erfolg in dem engen Nahmen der bürgerlichen Frauenbewegung geführt werden, mit den Zielen, wie sie von Frauen gepredigt werden, die Anhängerinnen der rechtlichen Gleichheit der Geschlechter sind. Er muß in sich begreifen das Eintreten für alle Forderungen der Frauen auf fulturellem, politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiete, er muß der Kampf sein, wie er in der ganzen Welt von der Sozialdemokratie und den sozialdemokratischen Frauen geführt wird." Dem Landessekretariat der sozialistischen Frauen Serbiens gehören fünf Genofsinnen an, die Redakteurin der„ Gleichheit", des Frauenorgans, und ein Delegierter des Partei 28 Die Gleichheit vorstands. Nach der Errichtung des Sekretariats begann eine Zeit reger Tätigkeit. Unser Organ, die Gleichheit" wurde 1911 gegründet, es konnte jedoch während des Balkankrieges 1912/13 nicht erscheinen. Am 1. Juli 1914 zählte es trotzdem 3000 Abonnenten. Das Blatt erschien zweimal monatlich und hatte zuletzt eine Beilage,„ Die Zukunft", für unsere Kinder. Die„ Gleichheit" fand bei den arbeitenden Frauen Serbiens großen Anklang, sie wurde gern gelesen und wirkte besonders agitatorisch für die politischen und wirtschaftlichen Ziele der Partei. Am 1. Mai 1914 nahmen mehr als 2000 Frauen an der sozialdemokratischen Rundgebung teil, und das war das Verdienst der„ Gleichheit". Bald brach der Weltkrieg aus, und unser Blatt konnte nicht weitererscheinen. Unsere Bewegung hatte mit der Zeit mehr und mehr Erfolge aufzuweisen. Es konnten zwei Landeskonferenzen abgehalten werden. Die erste fand am 28. Mai 1911 statt und war mit 22 Delegierten beschickt. Man zählte damals nur 222 gewerkschaftlich und 139 politisch organisierte Frauen. Die zweite Landeskonferenz tagte am 29. Januar 1914, es nahmen 28 Delegierte an ihr teil. Nach dem erstatteten Bericht war eine rege Tätigkeit entfaltet worden. Es hatten 3 große Versammlungen und 4 Vorträge stattgefunden, außerdem 30 Sizungen und Besprechungen der leitenden Genosjinnen, 9000 Flugblätter waren durch Hausagitation zur Verteilung gelangt. Die Hausagitation wurde auch sonst gepflegt. Genosfinnen suchten die Arbeiterinnen in ihren Wohnungen auf, weil sich das als die beste Art erwies, die Frauen aufzuklären und zu gewinnen. Unsere Bemühungen waren mit Erfolg gekrönt, denn wir zählten im Jahre 1914 schon 3000 gewerkschaftlich organisierte Frauen, die sich auf das ganze Land verteilten und fast alle auch der Partei beigetreten waren. Es muß ausdrücklich bemerkt werden, daß auch in Serbien die Arbeit zur Erweckung des weiblichen Proletariats weit schwerer ist als die Agitation unter den männlichen Proletariern. Von dem Augenblick an, wo bei der Proletarierin das Gefühl und die Erkenntnis von der Notwendigkeit und Bedeutung des Kampfes wachgerufen ist, beginnt ihre geistige Erhebung, die innere Befreiung von Irrtümern, Schwächen und der Macht der Tradition, kurz von der Sklavengesinnung, die der Seele des Weibes jahrhundertelang eingepflanzt worden ist. Die Frauen denken dann über ihre Lage in der Gesellschaft nach, wie über die Gründe ihrer Unterordnung unter den Mann. 1914 kam es in allen Textilfabriken zu Leskovac zu einer allgemeinen Aussperrung der Arbeiter, beziehungsweise zu einem Streit. Den Anlaß dazu gab unsere Maifeier, an der alle Arbeiter teilgenommen hatten. In den Textilfabriken waren die Arbeitsbedingungen ganz schlecht, geradezu unerträglich. Die solidarisch handelnden Arbeitgeber verstießen gegen alle Vorschriften der Gewerbeordnung. So beschloß die Arbeiterschaft, den Kampf aufzunehmen. Er dauerte vom 18. Mai bis 10. Juli und mußte nur infolge der Kriegserklärung abgebrochen werden. Dieser Kampf wurde in mustergültiger, idealer Solidarität von 840 Arbeiterinnen geführt, es gab in den Betrieben nur einige wenige Arbeiter. Keine einzige Streifbrecherin wurde verzeichnet, keine Verräterin an der Organifation. Das war ein erster und echt proletarischer Kampf der arbeitenden Frauen Serbiens. Auch während des Weltkriegs war das Sekretariat der sozialistischen Frauen tätig. Die Genoffinnen haben durch die sozialdemokratischen Abgeordneten der serbischen Skuptschina( ParIament) ein Memorandum übergeben, in dem sie das Elend der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen und ihrer Kinder schil derten und von der Stuptschina ein Gesetz forderten zur Unterstüßung der Familien der Krieger und Notleidenden. Das selbe Schriftstück wurde auch der Regierung zugestellt. Es war von 3000 Frauen unterzeichnet. Auf Grund dieser Eingabe wurde in der Shuptschina ein Unterstügungsgesetz angenommen, nach dem alle Krieger- und Armenfamilien Beihilfe. erhalten sollten. Seit der Begründung des Sekretariats waren die Verhältnisse für die Entwicklung und Betätigung unserer sozialistischen Nr. 4 Frauenbewegung fast stets außerordentlich ungünstig. Serbien hat von 1911 bis 1915 vier blutige Kriege geführt. Es ist nicht nötig, über das namenlose Elend, das sie uns brachten, zu schreiben, weil die ausländischen Genossinnen den Krieg und seine zerstörenden Folgen kennen gelernt haben. Wir serbischen Genossinnen haben bis zur Niederlage Serbiens unsere Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen gesucht, jetzt gibt es jedoch keine Möglichkeit, daß die sozialistische Frauenbewegung als selbständige Bewegung existiert und wirkt. Wir hoffen, daß die Bewegung unserer Schwestern in Deutschland und allen Ländern kraftvoll vorwärts schreitet, den sozialistischen Idealen treu dienend. Die sozialdemokratischen Frauen Serbiens würdigen mit größter Freude die Betätigung und Stellungnahme der Genosjinnen, die unentwegt für unsere bessere Zukunft kämpfen, indem sie für die Ideen des internationalen Sozialismus mit Wort und Tat wirken. Trotz dem Donner der Kanonen, troß der Bomben und Granaten, die fast bis auf den heutigen Tag Vernichtung und Grauen in unser Land tragen, grüßen wir unsere deutschen Schwestern, unsere Schwestern aller Länder mit dem alten internationalen Ruf:„ Es lebe das große Ringen des klassenbewußten Proletariats der ganzen Welt! Es lebe der internationale Sozialismus! Es lebe die sozialistische FrauenLibertas. bewegung aller Länder!" Gewerkschaftliche Rundschau. Auch im zweiten Kriegsjahr haben die Zentralverbände ihre Aufgaben erfüllen können. Nach einer Statistik der Ge= neralkommission der Gewerkschaften für das Jahr 1915 haben die weiteren Einberufungen der Mitglieder zum Heeresdienst auf die Tätigkeit der Gewerkschaften etwas lähmend zurückgewirkt. Besonders hat es sich fühlbar gemacht, daß es in der Folge an Vertrauensleuten und Funktionären mangelte. Mein trotz dieser und anderer Hemmungen haben sich die Gewerkschaften den schweren Kriegsnöten gewachsen gezeigt. Dafür liefert die vorliegende Statistik den Beweis. Streits und Aussperrungen von Bedeutung fanden im Berichtsjahr nicht statt. Dagegen kam es vielfach zu Lohnbewegungen wegen Teuerungszulagen. Die Aufbesserung der Löhne beziehungsweise die Gewährung von Kriegszulagen wurden meist durch Verhandlungen erreicht, nicht selten haben die Militärbehörden dabei mitgewirkt. Zu den vielen Aufgaben, die den Gewerkschaften infolge des Krieges erwuchsen, gehörte insbesondere auch die Fürsorge für die Familien der Kriegsteilnehmer und für die Kriegsbeschädigten. In der Kriegsbeschädigtenfürsorge stoßen die Gewerkschaften mit ihrer Tätigkeit leider noch häufig auf Widerstände bei den Behörden. Die Frage der Arbeitsvermittlung wurde durch den Krieg für die Gewerkschaften besonders brennend. Vor Kriegsausbruch hatten die Gewerkschaften ohne die Verbände der Hausangestellten und der Landarbeiter rund 2/2 Millionen Mitglieder. Im Jahre 1915 schlossen sie mit 982 863 Mitgliedern ab. Unter den Gewerkschaftsmitgliedern wurden 172 101 weibliche gezählt. Der Mitgliederverlust ist leider nicht allein auf die Einberufungen zum Heeresdienst zurückzuführen, es ist auch die unangenehme Tatsache festzustellen, daß trop der außerordentlich starken Zunahme der Frauenarbeit 43 700 weibliche Mitglieder den gewerkschaftlichen Organisationen verloren gegangen sind. Erfreulich ist es, daß im Laufe des Jahres 1916 die rückläufige Bewegung zum Stillstand kam, daß eine bemerfenswerte Zunahme der weiblichen Mitglieder erfolgte. Auch Männer find den Gewerkschaften fahnenflüchtig geworden. Selbstver ständlich haben die Einnahmen an Beiträgen durch den Rückgang der Mitglieder eine gewaltige Verminderung erfahren. Die Gesamteinnahme ging von rund 70 800 auf 41 500 Mt. zurück. Die Gewerkschaften waren trotzdem in der Lage, ihre bisherigen finanziellen Verpflichtungen vollauf erfüllen zu können, sie bermochten namentlich die Unterstützung der Kriegerfamilien durchzuführen. Für diese wurden seit Kriegsausbruch bis Juni 1916 rund 18 Millionen Mark aufgewendet. Die Ausgaben für Krantenunterstübung verringerten sich start, auch die für Not stands unterstützung gingen von etwa 3/2 millionen im Jahre 1914 auf 1 800 000 mt. im Jahre 1915 zurück. Während die Gesamtausgaben im Jahre 1914 79% Millionen Mark betrugen, beziffern sie sich im Jahre 1915 noch nicht ganz auf 35 Millionen. Die Daheimgebliebenen haben die Pflicht, Nr. 4 Die Gleichheit die Tätigkeit der Gewerkschaften in vollem Umfang zu ermög lichen. Nach Friedensschluß werden an diese erhöhte Anforderungen herantreten. Deshalb heißt es für alle, mit ganzer Energie und Opferfreudigkeit für die Stärkung der Organisationen Sorge zu tragen. Die Arbeiterinnen, die Genossinnen müssen dabei ihre vollste Schuldigkeit tun. Keine Lauheit! Keine Lässigkeit! Gegen die Aufbesserung der Arbeitslöhne wenden sich neuerdings gewisse Unternehmerverbände. So wurde vom Unternehmerverband für das Baugewerbe in Sachsen bekannt, daß er sich durch ein vertrauliches Zirkular an seine Mitglieder wandte. Welches war der Zweck der Übung? Der Verband verlangte von den Mitgliedern entschiedene Abweisung jeder Forderung der Arbeiter auf Lohnerhöhung. Zur Begründung führte er das sonderbare Argument ins Feld, daß eine Lohnerhöhung gegen die bestehenden Tarife verstoße! Durch die Einberufungen würden die Arbeitskräfte noch knapper, und jeder Bauunternehmer müsse sich die Freiheit bewahren, den Bau eine Zeitlang stilliegen zu lassen. Das wäre das sicherste Mittel gegen diejenigen Arbeiter, die sich die Notlage der Unternehmer zunuze machen wollten, um hohe Löhne herauszuschlagen. Wenn die Arbeiter wüßten, daß der Unternehmer sich durch Konventionalstrafen in einer gewissen Zwangslage befindet, so wäre er ihnen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Nach der dringenden Bitte, diese Mahnung ernstlich zu beachten, schließt das Zirkular„ Mit deutschem Gruß". Aus dem Schriftstück geht mit aller Klarheit hervor, daß in Unternehmerkreisen vielfach die Absicht besteht, gegen die notwendigen Lohnaufbesserungen mit Hilfe der Unternehmerorganisationen Front zu machen. Von Patriotismus und Wohlwollen für die proletarischen Volksgenossen" ist trotz des " deutschen Grußes" nichts zu spüren. In der gleichen Bahn gehen die Holzindustriellen vor. Es fand eine gemeinsame Konferenz von Vertretern der Unternehmer und der Arbeiter statt, die zu den erhobenen Forderungen der Arbeiter und zu der bevorstehenden Kündigung der Tarifverträge Stellung nehmen sollte. Sie führte zu feiner Einigung. Die Unternehmer erklärten zwar wiederholt, nicht jedes Entgegenkommen ablehnen zu wollen, doch waren ihre Zugeständnisse so winzig, daß die Arbeitervertreter nicht darauf eingehen konnten. Die Unternehmer boten eine Teuerungzulage von 25 Prozent. Bei der Berechnung der Zulage sollten die Tariflöhne von 1914 Geltung haben. Die Herren knüpften an die Lohnaufbesserung die Bedingung, daß die Arbeiter sich ganz allgemein zur Leistung von Überstunden verpflichten sollten. Die Tariflöhne stellen aber im Holzgewerbe schon zu Friedenszeiten durchgängig sogenannte Mindestlöhne dar. Mit ihnen ist lediglich die unterste Lohngrenze für die schwächsten Arbeiter gezogen. Wie niedrig die Vertragslöhne noch in vielen Orten sind, ergibt die Statistik des Verbandes. In mehr als 30 Orten betragen die Vertragslöhne 34 bis 45 Pf., in 40 größeren Drten 46 bis 50 Pf. die Stunde. Beim Lohnzuschlag von 25 Prozent würde die Zulage 11 bis 12 Pf. ausmachen, einen Stundenlohn von durchschnittlich 46 bis 60 Pf. ergeben. Das ist ein Sab, der in feinem Verhältnis zu der jetzigen verteuerten Lebenshaltung steht. Die Verhandlungen mußten deshalb scheitern. Das Reichsamt des Innern will unter seiner Leitung die Parteien zu erneuten Verhandlungen zusammenberufen. # Genossenschaftliche Rundschau. Die meisten der Konsumvereine schließen am 30. Juni ihr Geschäftsjahr und geben dann um die jetzige Beit ihre Jah resberichte heraus, deren Studium für den, der sich für die Bewegung interessiert, oft recht lehrreich ist. Wir können an dieser Stelle davon nur kurz Notiz nehmen, und auch das nur für die größten und bedeutendsten Genossenschaften. Fast alle diese Berichte können auch diesmal wieder eine erhebliche Zunahme von Mitgliedern feststellen. Wenn alle neueingetretenen Mitglieder den Vereinen auch nach dem Kriege treu bleiben, dann müßte die Bewegung einen riesigen Aufschwung nehmen. Wir haben schon früher einmal den Vorgang spezieller behandelt und darauf hingewiesen, daß die Agitation sich vornehmlich mit die Aufgabe stellen muß, die in der Kriegszeit gewonnenen Mitglieder zu erhalten und zu überzeugten Genossenschaftsanhängern zu erziehen, denn sehr oft haben sie nur aus der Not eine Tugend gemacht. Wie nötig die angedeutete Erziehungsarbeit ist, zeigt zum Beispiel der Bericht der Berliner Konsumgenossenschaft. Er meldet einen Zuwachs von rund 26 000 neuen Mitgliedern, sagt aber zugleich, daß andererseits 9828 ausgeschieden sind. Darunter befanden sich 7656, die ausgeschlossen werden mußten, weil sie in den letzten drei Jahren keine Marken abgeliefert, das heißt keine Waren ent29 nommen hatten. Also Papiersoldaten! ähnlich wird es fast überall liegen, und das war auch vor dem Kriege schon so. Nach dem Kriege ist mit einer Verschlimmerung dieses Zustandes zu rechnen, wenn es nicht gelingt, der rückläufigen Bewegung mit Erfolg entgegenzuarbeiten. Immerhin verblieb dem Berliner Verein ein Zuwachs von 16172 Mitgliedern, ihre Gesamtzahl betrug ant 30. Juni dieses Jahres 110 467. Damit ist der Zahl der Mitglieder nach diese Genossenschaft an die Spitze aller deutschen Konsumvereine, wahrscheinlich aller Vereine der Welt getreten! Jm Umsazz freilich sind ihr andere Vereine überlegen, denn er betrug " nur" 24 Millionen Mark. Das ist weniger wie beim Ham= burger, Leipziger und Dresdener Verein, immerhin aber gegen das Vorjahr eine Steigerung um über 6, Millionen Mark. Der Verein hat 124 Verkaufsstellen in 32 verschiedenen Ortsgemeinden. An zweiter Stelle der Zahl der Mitglieder nach steht der Kon= sum-, Bau- und Sparverein" Produktion" in Hamburg. Sein Geschäftsjahr geht gleich mit dem Kalenderjahr. Die Produktion" hat im ersten Halbjahr 1916 eine Zunahme von 9644 Mitgliedern zu verzeichnen, deren Zahl damit auf 93 271 gestiegen ist. Daß dieser Verein eine sehr vielseitige Tätigkeit entfaltet, sagt schon sein Name und wurde auch hier wiederholt erörtert. Auf seine Vielseitigkeit mag es auch zum Teil wenigstens zurückzuführen sein, daß der Umsatz zur Mitgliederzahl im Vergleich mit anderen Vereinen in einem gewissen Mißverhältnis steht. Auf den sehr niedrigen Durchschnittsumsatz pro Mitglied und den hohen Prozentsatz überhaupt Nichtkaufender wurde ebenfalls schon früher hingewiesen. Der Verein führt seit fünf Jahren einen jetzt noch schwebenden Prozeß wegen Verweigerung der Zahlung von Umsatzsteuer. Die strittige Summe ist inzwischen auf eine halbe Million angewachsen! In der Schlächterei wurden für knapp 7,4 Millionen Mark Waren umgesetzt; die Militärlieferungen sind da noch nicht eingerechnet. Der Konsumverein„ Vorwärts" in Dresden kann mit einer effektiven Steigerung um 2453 eine Mitgliederzahl von 72 203 buchen. Der Umsatz erhöhte sich um beinahe 3 Millionen, auf knapp 26 Millionen Mark. Der Verein beschäftigt 1105 Personen und unterhält 135 Verkaufsstellen in 67 Gemeinden. Wir haben es hier jedenfalls mit dem ausgepräg testen aller Bezirkskonsumbereine zu tun. Der Verein besteht 28 Jahre und hat mit der Zeit sieben andere Konsumbereine in sich aufgenommen. Er befitt 33 Geschäfts- und Wohnhäuser sowie zwei große, moderne Bäckereien, die einen Umsatz von über 5 Millionen Mark hatten. Ein großes Geschäft Manufakturwaren usw. setzte allein fast 13 Millionen Mark Der Jahresbericht des Konsumvereins MünchenSendling fonstatiert eine Zunahme von 2304 Mitgliedern. Der Umsatz stieg auf 13,3 Millionen Mark. Der Mann= heimer Konsumverein zählt zurzeit 17 225 Mitglieder, der Umsabz beziffert sich auf rund 4,9 Millionen Mark. Schließlich mögen noch einige Biffern des bedeutendsten ungarischen Konsumvereins in Budapest gegeben sein. Dieser Verein hat im letzten Geschäftsjahr 1915/16 in bezug auf die Mitgliederzahl einen wohl beispiellosen Aufschwung genommen, denn sie stieg von 31 335 auf 47 218. Das ist ein Zuwachs von fast 16 000 neuen die Mitgliedern! Der vierte Teil der Einwohner von Budapest Familien der Mitglieder gerechnet wird nun durch den Konsumverein mit Waren versorgt. Der Umsatz betrug freilich nur 12 165 000 kronen. Dabei ist allerdings die rasche Vermehrung der Mitglieder zu berücksichtigen, die als Käufer erst im laufenden Geschäftsjahr in Betracht kommen. um. Unter der überschrift: Kaiser und Konsumgenossenschaften widmet die Konsumgenossenschaftliche Rundschau" eine halbe Spalte einem Vorgang, der offenbar ihrer Meinung nach hochwichtig ist. Sie berichtet, daß der Kaiser am 30. Oktober in Berlin bestimmte Honoratioren empfing, unter denen sich auch der Vorstand des Kriegsernährungsamts befand, und unter diesem wieder Dr. Müller vom Zentralverband. Auch mit ihm habe sich der Kaiser länger unterhalten, über das Gespräch könne aber begreiflicherweise nicht berichtet werden". Weiter heißt es wörtlich in der Notiz:„ Der erste Konsumgenossenschafter und Sozialdemokrat, der in amtlicher Eigenschaft zum Kaiserhof ging, ist jedenfalls in einer Weise aufgenommen worden, die bei der deutschen Arbeiterschaft Anerkennung finden muß." Der Inhalt des Gesprächs bilde„ einen beachtenswerten Beitrag zur Frage der Neu orientierung nach dem Kriege". Was Dr. Müller tut, ist in diesem Fall seine persönliche Sache, und seine Freude über den Empfang sei ihm unbenommen. Auf die deutsche Arbeiterschaft aber sollte die„ Konsumgenossenschaftliche Rundschau" doch lieber nicht exemplifizieren. H.F. 30 Notizenteil. Aus dem öffentlichen Leben. Die Gleichheit Das Urteil gegen Genossen Liebknecht rechtskräftig. Vor dem Ersten Senat des Reichsmilitärgerichts in Charlottenburg fand am 4. November die Revisionsverhandlung in dem Prozeß gegen Genossen Karl Liebknecht statt. Bekanntlich ist Genosse Liebknecht in zweiter Instanz vom Oberkriegsgericht zu 4 Jahren, 1 Monat Zuchthaus, 6 Jahren Ehrverlust, Ausstoßung aus dem Heere, unter Anrechnung von 6 Monaten auf die Untersuchungshaft verurteilt worden, weil er sich versuchten Kriegsverrats, erschwerten Ungehorsams und Widerstands gegen die Staatsgewalt schuldig gemacht haben soll. Die gegen das Urteil eingelegte Berufung Liebknechts ist nun von dem obersten militärischen Gerichtshof verworfen worden. Die Strafe wird damit rechtskräftig. Diese Entscheidung hatte ein Vorspiel im Reichstage. Wir haben in der letzten Nummer schon kurz mitgeteilt, daß dieser einen Antrag der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft auf Haftentlassung Liebknechts abgelehnt hat. In der Sitzung vom 27. Dktober, die darüber zu entscheiden hatte, tamen unter anderem die Motive zur Sprache, die Liebknechts Handeln bestimmten. Der Fortschrittler von Baher schlug im Auftrag der Kommission die Ablehnung des Antrags vor. Nach ihm nahm Genosse Landsberg als Sprecher der sozialdemokratischen Mehrheitsfrattion das Wort. Er stellte fest, daß Liebknechts Ziel nicht sei,„ daß Deutschland zugrunde gerichtet wird, sondern daß ein Friede herbeigeführt wird, der keines der am Kriege beteiligten Länder schwächt, sondern zu einer allgemeinen Verständigung und Versöhnung der Völker führen kann. Diesen Frieden will er dadurch erzielen, daß er die Massen in allen am Kriege beteiligten Ländern in Bewegung setzt, damit sie ihren Willen zur Beendigung des Krieges den Regierenden aufzwingen." Genosse Landsberg unterstrich, was ohnehin männiglich weiß: daß er mit Liebknechts Politik nicht einverstanden ist. Er plädierte dafür, daß das Verfahren bis zu einer leidenschaftsloseren Zeit hinausgeschoben werde. Als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft sprach Genosse Stadthagen. Er trat zunächst für die Immunitätsrechte der Abgeordneten ein und fuhr dann nach der Tagespresse fort:„ Liebknecht hat stets mutig und ehrlich für seine Überzeugung gestanden. Am Schluß der zweiten Verhandlung, als ihm die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt wurden, hat er ausgerufen: Nieder mit der Regierung, nieder mit dem Krieg! und hat damit erneut die Quintessenz der Absicht seines Vorgehens bekundet." Stadthagen stellte fest, daß es für einen internationalen Sozialisten keinen Landesverrat gebe. Als die Kunde sich verbreitete," sagte er weiter,„ die Anklage wegen Kriegsverrat sei erhoben, legten zahlreiche Arbeiter in Berlin die Arbeit nieder, um dagegen zu protestieren. Das zeigt das Rechtsempfinden des Volkes. Das Eintreten für den Frieden ist das einzige, was Liebknecht getan hat. Wenn man denjenigen, der das tut, wegen Kriegs- und Landesverrat bestraft, so ist man jenseits der Grenze jedes Rechts. Gegen den inhaftierten Liebknecht wurde eine Heze inszeniert, die der Wahrheit ins Gesicht schlug. Im Prozesse erster Instanz war vom Gericht klipp und klar ausgesprochen, daß der Angeklagte lediglich seiner politischen Überzeugung gefolgt ist und daß ehrlose Gesinnung deshalb nicht vorliegt. In der Mitteilung an die Presse wurde dieser Passus ausradiert und dafür von Fanatismus gesprochen. Zugleich wurde der Presse unter Benütung des Belagerungszustandes verwehrt, das richtigzustellen. Nach der Verhandlung zweiter Instanz tam eine vertrauliche Anweisung an die Redaktionen, daß fie lediglich den offiziellen Bericht mitteilen dürfen. Dieser offiziöse Bericht enthielt den Zusatz, Liebknecht habe auch selbst eingestanden, daß er durch die Flugblattverbreitung und durch die Veranstaltung der öffentlichen Demonstrationen eine Schwächung der deutschen Kriegsmacht bezweckte. Es ist unwahr, daß Liebknecht irgendein solches Eingeständnis gemacht hat." Genosse Stadthagen betonte start, daß es sich letzten Endes nicht um das Recht Liebknechts handle, vielmehr um das Recht des Parlaments. Als letzter Redner sprach Genosse Rühle. Er sagte:„ Liebknecht steht dem Antrag so fern wie möglich. Er wird die Ablehnung des Antrags als größte persönliche Genugtuung betrachten und als glänzendste Rechtfertigung der Bolitif, die er hier vertreten hat, die von Hunderttausenden draußen vertreten wird, und die in Zukunft mit Entschiedenheit und Rücksichtslosigkeit fortgesetzt werden wird trotz aller Verfolgungen und Unterdrückungen. Die Befreiung Liebknechts wird das Werk des arbeitenden Volles sein, und zwar als eine Frucht des Klassenkampfes, der immer noch den Angelpunkt aller sozialdemokratischen Politik bildet. Die arbeitenden Massen werden sich auf ihre historische Pflicht besinnen, und fie Str. 4 werden von ihrer Macht Gebrauch machen, um ihren Zielen zunt Siege zu verhelfen. Wenn der vorliegende Antrag nicht benutt wird, um durch das Fenster hindurch den Massen zuzurufen, was sie für ihre Befreiung zu tun haben, so bleibt er ein Spiel mit Worten. Diejenigen, die für diesen Antrag stimmen und gleichzeitig den Raubzug des Imperialismus unterstüßen..."( Vizepräsident Dove ruft den Abg. Nühle wegen dieses Ausdrucks zur Ordnung. Abg. Vogtherr[ Soz. Arbg.]:„ Der Ausdruck war berechtigt." Abg. Vogtherr wird ebenfalls zur Drdnung gerufen.) Abg. Rühle( fortfahrend):„ Diejenigen, die für diesen Antrag stimmen und gleichzeitig die Politik der Herrschenden Klasse unterstützen, haben das Recht verwirkt, Vertreter der proletarischen Massen zu sein. Ich weiß, daß ich im Sinne Liebknechts spreche und in seinem Sinne handle, wenn ich nicht an dieses Parlament appelliere, sondern an die Millionen, die draußen stehen, und wenn ich diese Millionen aufrufe, ihre Pflicht zu tun." Der Antrag der Geschäftsordnungskommission wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Polen angenommen. Zwei Berliner Jugendgenosfinnen wegen Flugblattverbrei tung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Wie die Tagespresse mitteilt, standen zwei Jugendgenosfinnen vor der 133. Abteilung des Schöffengerichts Berlin: die 18jährige Arbeiterin Hermine Streh und die gleichalte Schreiberin Elisabeth Trobach. Sie wurden beschuldigt, im Juni dieses Jahres Flugblätter verbreitet zu haben, die nicht die vorgeschriebenen Vermerke über Druder und Verleger oder Herausgeber trugen. Am Tage der Verhaftung des Genossen Liebknecht hatten die Angeklagten derartige unzulässige Zettel in Berlin und Charlottenburg verteilt, außerdem noch größere Flugblätter, in denen unter anderem die Frauen zu einer Protestversammlung gegen den Krieg aufge= fordert wurden. Dabei waren sie von der Polizei verhaftet und dann in Schußhaft genommen worden, die dreieinhalb Monate währte. Die Schutzhaft der beiden jungen Mädchen war ein Martyrium, bleibt zugleich aber auch ein erhebender Beweis von der hohen sittlichen Kraft, die die sozialistische Weltanschauung zu berleihen vermag. Niemand kann ohne die tiefste Bewegung lesen, was Genosse Dittmann über den Fall in der Reichstagssigung vom 28. Oktober vorgetragen hat, um die schmachvollen Mißstände zu beleuchten, die im Schatten der Schutzhaft und des Belagerungszustandes üppig ins Kraut schießen. Genosse Dittmann sagte: " Zwei 18jährige Mädchen aus Berlin wurden am 27. Juni berhaftet, weil sie Einladungszettel verteilt hatten, in denen die Arbeiterfrauen aufgefordert wurden, in Massen am Potsdamer Plaz zu erscheinen, um gegen das Verfahren gegen Liebknecht zu protestieren. Der Inhalt der Zettel verstößt gegen keinerlei Strafgesetze. Auch das, Nieder mit der Regierung!' auf den Zetteln ist nicht strafbar. Junius alter bezeichnet es sogar als vornehmstes Kriegsziel, den Reichskanzler zu beseitigen, und einer seiner Geistesverwandten hat bekanntlich den gemütvollen Nat gegeben, den Reichskanzler über den Haufen zu schießen. Also trotzdem die Zettel nichts Strafbares enthalten, wurden die Mädchen vom Polizeirevier in Charlottenburg auf das dortige Polizeipräsidium und am anderen Tage im grünen Wagen zum Alexanderplatz gefahren.( Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Dreieinhalb Monate hat man beide Mädchen widerrechtlich in Schußhaft behalten.( hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Man hat sich nicht gescheut, sie zeitweise mit einer Prostituierten zusammenzusperren.( Große Unruhe bei den Sozialdemokraten. Pfuirufe.) Wenn die Mädchen aus diesem königlich preußischen Schutzhaus ohne Schaden an Leib und Seele zurückgekehrt sind, so danken sie das nicht zum wenig sten der hohen sittlichen Lebensanschauung, die ihnen im Jugendbildungsverein insbesondere von der Genoffin Dunder eingeimpft worden ist, wie sie selbst mit Stolz bekennen. Eine Stelle aus einem Briefe eines der beiden Mädchen zeigt einesteils die Größe der sittlichen und physischen Gefahr, in der sich die jungen Mädchen befunden haben, andererseits aber auch die sittliche Größe, die ihnen die Vertrautheit mit der sozialistischen Weltanschauung verlich, und die den Schmutz von ihnen abprallen ließ. Das Mädchen schreibt: Die vierte der Frauen war eine Prostituierte, die unter Kontrolle stand. Sie sagte, sie wolle wieder einen ordentlichen Lebenswandel führen. Ich will mich über sie in keiner Weise moralisch entrüsten. Ihren geistigen und sittlichen Tiefstand entschuldigte Abstammung, Erziehung und früheres Leben. Vater und Mutter irrsinnig, ersterer tot, lektere im Irrenhaus, sie selber von flein auf im Waisenhaus. Abwechselnd in Fürsorgeerziehung, später mehrere Male Arbeitshaus, schließlich Gefängnis und Kontrolle. Sie war jähzornig und etwas nervös. Um des lieben Frie Nr. 4 Die Gleichheit dens willen sagten wir nichts, auch wenn sie oft in schamloser Weise aus ihrer Vergangenheit erzählte. Wir waren vorsichtig in bezug auf die Benutzung des gemeinsamen Waschbeckens usw. Sie mochte das als peinlich empfinden, und es kam zu einem Bruch, der das ohnehin unerquickliche Zusammenleben fast unerträglich machte. Nach acht Tagen kam sie dann fort, und wir atmeten auf. Diese Stelle aus dem Briefe eines 18jährigen Arbeitsmädchens ist ein Kulturdokument( Sehr wahr! bei den Sozialdemo= fraten), ist ein glänzendes Zeugnis für den hohen sittlichen Wert der proletarischen Bildungsarbeit( lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten), die man jetzt so eifrig verfolgt, aber auch ein Dokument der Schmach und Schande für ein Gewaltsystem, unter dem die sittlichen Empfindungen junger Mädchen derart mit Füßen getreten werden.( Erneute lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die fittliche Gefährdung solcher jungen Mädchen besteht dort auch bei der Einzelhaft, denn die räumlichen Verhältnisse zwingen die Häftlinge, durch die Fenster Ohrenzeugen der von den Strafgefangenen geführten Gespräche zu sein.( Hört, hört!) Darüber schreibt das Mädchen: ‚ Da der größte Teil der Strafgefangenen aus Prostituierten bestand, so war der Charakter dieser Unterhaltungen so, daß sie für jeden Menschen, in dem noch nicht alle Scham, alles Gefühl für Hohes, Reines, noch nicht alles Menschentum zertreten oder erstickt war, eine Qual bedeutete. ( Hört, hört!) Zu dem Schmerz über so viel Verkommenheit und Entartung, die sich unter anderen Verhältnissen vielleicht hätten berhüten lassen, gefellte sich der Ekel.'( Bewegung.) So schreibt ein 18jähriges Arbeitermädchen. Monatelang hat man die beiden Mädchen und manche ihrer Leidensgenossen in dieser Atmosphäre ge= lassen.( Hört, hört!) Die Sprache ist zu arm, um solche Scham losigkeit gebührend zu brandmarken."( Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) = Uns deucht, daß auch vom Boden des bürgerlichen Rechtes aus betrachtet durch die lange Schußhaft mit ihren entseßlichen Einzelheiten die„ Missetat" der beiden jungen Mädchen reichlichst ge= ahndet war. Das Gericht war jedoch anderer Meinung. Die Angeklagten selbst standen aufrecht und mutig zu ihrem Tun. Der Vorsitzende äußerte, daß sie bei ihrer Jugend sich wohl der Tragweite ihrer Handlung nicht voll bewußt gewesen sein könnten. Daraufhin erklärten beide junge Mädchen, daß sie sich vollkommen klar darüber gewesen seien, was sie getan hätten. Der Amtsanwalt beantragte 6 Monate Gefängnis, der Gerichtshof erkannte auf je 6 Wochen Strafhaft. In der Begründung des Urteils heißt es, mitbestimmend für das Strafmaß sei der aufreizende Inhalt der Bettel, als strafmildernd komme jedoch das jugendliche Alter der Angeklagten in Betracht. Ferner sei darauf Rücksicht genommen worden, daß die Angeklagten sich bereits längere Zeit in Schußhaft befunden hätten. Die Schubhaft wurde jedoch nicht auf die Strafe angerechnet. Leo Trotzky auf dem Schub. Der in Paris lebende russische Revolutionär und Schriftsteller Leo Troyky erhielt den Befehl, Frankreich binnen 14 Tagen zu verlassen. Der Grund dafür ist offenbar darin zu suchen, daß Genosse Troßky der Herausgeber der sozialistischen Zeitschrift„ Nascha Slowo" ist, die in Paris erschien und von der französischen Regierung verboten wurde, weil sie die Grundsätze des internationalen Sozialismus verteidigte und daher scharfe Kritil an allen den Sozialdemokraten übte, die im Zeichen der heiligen Einigkeit und des Burgfriedens die Grundsäße preisgaben. Der„ Avanti" berichtet, daß Spanien dem Genossen Trotzky ein Asyl verwehrt, und daß auch die freie Schweiz den unbequemen Gaft nicht über ihre Grenzen lassen will. Genosse Trotzky befindet sich in einer seltsamen Lage: aus der Heimat hat ihn der Zarismus vertrieben, aus Frankreich ist er ausgewiesen, Deutschland und Österreich sind ihm verschlossen, andere Länder schließen die Tür vor ihm zu. Der„ Avanti" meint, Trogly werde sein Leben im Luftschiff beschließen müssen. Für den Frieden. Die Friedensaktion der Vereinigung für demokratische Kontroke der Politik in England. Nach einer Meldung des Vorwärts" hat der leitende Ausschuß dieser Gesellschaft, der„ Große Rat", am 10. Oftober folgende Beschlüsse gefaßt: " Der Rat bestätigt von neuem seine unerschütterliche Überzeugung, daß eine dauernde Neuordnung nicht auf der Grundlage eines Frie dens gesichert werden kann, der auf das Eroberungsrecht gegründet ist, und dem ein Handelskrieg folgen würde. Vorausseßung einer dauernden Neuordnung ist vielmehr einzig und allein ein solcher Friede, der den Nationalitätsansprüchen gerechte Berücksichtigung angedeihen läßt und den Grundstein zu einer tatsächlichen europäischen Gemeinschaft legt. Der Rat ist der Ansicht, daß dieses 31 Ziel nicht durch einen verlängerten Zermürbungsfrieg erreicht werden kann, der Siegern und Besiegten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ruin bringen muß. Er verlangt daher dringend, daß ein Versuch zur Feststellung gemacht wird, ob wir nicht jetzt durch Verhandlungen alles erreichen können, was der Sieg sichern oder verteidigen sollte. In Anbetracht der günstigen Lage der Ententemächte zu Lande und zur See fordert der Rat ferner die englische Regierung im Verein mit den anderen Vierverbandsregierungen auf, sofort klar und ohne die Möglichkeit eines Mißverständnisses die Ziele anzugeben, die sie zu erreichen wünschen, und dadurch Verhandlungen zur Beendigung des Blutvergießens und zur Schaffung eines Frie= dens zu beginnen, der nach den Worten des Premierministers zur Jnthronisierung öffentlichen Rechtes als leitenden Gedankens der europäischen Politik führen wird. Der Nat erhebt scharfen Widerspruch gegen den jüngsten Angriff des Kriegsministers gegen jeden Staat, der seine guten Dienste zur Herbeiführung eines gerechten und dauernden Friedens anbieten sollte. Er bestreitet das Recht Lloyd Georges, über diese Frage im Namen des Volkes zu sprechen. Er würde die Bermittlung jedes Volkes oder mehrerer Völker willkommen heißen, die zur Herbeiführung eines dauernden Friedens bestimmt wäre." In den neutralen Staaten wird es sicher nicht an Bereitwilligkeit fehlen, den Frieden zu vermitteln. Solange aber bei den kriegführenden Völkern der Friedenswille nicht eine solche Macht geworden ist, daß kein Minister mehr wagen kann, ihn als Luft zu behandeln, sind mehr oder weniger fromme Wünsche für einen baldigen Frieden zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Die kanadischen Arbeiter gegen Registrierung und Dienst: pflicht. Nach dem„ Vorwärts" meldet die englische Zeitung„ Daily Telegraph" aus Montreal: Die Arbeiterorganisationen haben in verschiedenen Teilen Kanadas gegen den Vorschlag der Kommission für nationale Dienste protestiert. Dieser Vorschlag fordert die Registrierung aller Industriearbeiter als Mittel zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Die Arbeiterorganisationen weisen die Neuerung zurüd, weil die Registrierung fich auf die Arbeiterklasse beschränkt, den Charakter eines Ausnahmegesetzes gegen diese trägt und mithin nicht die Wehrpflicht aller wehrtüchtigen Männer ohne Unterschied der Klasse vorbereitet. Frauenstimmrecht. Die Einführung des kommunalen Frauenwahlrechts in Nußland sieht ein Gesetzentwurf vor, den der Minister des Innern, Protopopoff, zur Eröffnung der Duma ausgearbeitet hat. Danach soll die Selbstverwaltung der Gemeinden auf folgender Grundlage reformiert werden: 1. Ausdehnung der Rechte und der Zuständigkeit der Gemeinden. 2. Ausdehnung des Wahlrechts. 3. Beteiligung der Frauen an den kommunalen Wahlen. Genaue Angaben liegen zurzeit noch nicht vor. Immerhin scheinen die vorstehenden Angaben auf eine„ Neuorientierung" hinzudeuten, wenn auch nur in Rußland. Um das Frauenwahlrecht in Holland. Mehreren Berliner Tageszeitungen ist aus dem Haag berichtet worden, daß der Minister Cort van der Linden sich im Namen der Regierung gegen jeden Versuch erklärt habe, die Einführung des Frauenwahlrechts durch die bevorstehende Verfassungsreform zu sichern. Wir hoffen, bald Genaues aus Holland selbst zu erfahren. Eine Befürwortung vollen Bürgerrechts für das weibliche Geschlecht im Dentschen Neichstag. Der Reichstag verhandelte neulich über den Antrag, ihm wenigstens durch einen Ausschuß ein Zipfelchen des Rechtes zur Mitentscheidung über die Auslandspolitik zu gewähren.( Siehe den Leiter in Nr. 2:„ Worauf es ankommt.") In den Debatten dazu begründete Genosse Lede= bour als Redner der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft die Forderung eines vollständigen demofratisch- parlamentarischen Regierungssystems. In diesem Zusammenhang trat er unter anderem nachdrücklich für das Frauenwahlrecht ein. Er sagte:„ Die Weltgeschichte marschiert jetzt mit Siebenmeilenstiefeln. Ich hoffe noch zu erleben, daß die Parlamente in allen Staaten auf breiteste demokratische Grundlage gestellt werden. Dazu gehört aber, daß auch die Frauen das Wahlrecht bekommen und selbst im Parlament bertreten sind. Durch die Kriegserfahrungen ist auch der eine Einwand widerlegt worden, der immer dagegen erhoben wurde: daß die Frauen nicht Kriegsdienst tun. In allen Tonarten wird jetzt von allen Parteien gerühmt, wie außerordentlich wirkfam die Frauen heutzutage die Männer unterstüßen. Dann muß man ihnen aber auch das Wahlrecht geben und erst dadurch das 32 Die Gleichheit ganze Volk zur Mitwirkung bei der Erledigung der Reichsgeschäfte heranziehen, die in vollster Offentlichkeit, nicht in geheimen Konventikeln geführt werden müssen. Die Neuorientierung dürfen Sie nicht als Geschenk von der Regierung erwarten, sondern sie kann nur erkämpft werden mit allen Mitteln, die dem Parlament, dem Volke zur Verfügung stehen." Vielsagend genug fand die Forderung des Frauenwahlrechts nur den Beifall der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft. Aber wen darf das wundern angesichts der Tatsache, daß die Mehrheit der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen darauf verzichtet hat, gegenwärtig volles Bürgerrecht für das weibliche Geschlecht mit allem Nachbrud zu begehren. Arbeitslosigkeit der weiblichen Erwerbstätigen. Die Arbeitslosigkeit der weiblichen Erwerbstätigen im britten Quartal 1916. Das Überangebot weiblicher Arbeitskräfte, gemessen an der Zahl der offenen Stellen, hat im dritten Quartal andauernd nachgelassen. Die Zahl von 158 Arbeitsgesuchen weiblicher Personen, die nach den Berichten der deutschen Ar= beitsnachweise noch im Juni auf 100 offene Stellen tamen, sant im Juli auf 154, im August auf 142 und im September auf 134. Das bedeutet einen Rückgang um 15,2 Prozent, der fast genau der Abnahme männlicher Arbeitsuchender um 15 Prozent entspricht, deren Zahl von 80 bis 60 auf 100 offene Stellen ge= sunken ist. In den gleichen Monaten des Vorjahres war dagegen eine Steigerung der Angebote weiblicher Arbeitskräfte um 8,3 Prozent zu verzeichnen gewesen, ihre Zahl hatte sich von 157 auf 170 erhöht. Der Rückgang der Andrangziffer weiblicher Beschäftigungsloser betrug im zweiten Quartal zwar nur 2,5 Prozent, doch hat er seit April ununterbrochen angehalten. Dies läßt hoffen, daß der Rückgang nicht nur ein vorübergehender sein wird, und daß auch weiterhin mit einer Besserung des Arbeitsmarktes für die Frauen gerechnet werden kann. In allen drei Monaten des Quartals wurde der Gesamtdurchschnitt weiblicher Arbeitsuchender von 134 in folgenden Berufsgruppen überschritten, die im Juni und September diese Ziffern aufwiesen: Webstoffgewerbe • Handelsgewerbe Junt September 628 621 340 343 • . 217 140 236 162 135 Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe 218 Fabrikarbeit ohne Bezeichnung. Papierindustrie. Den günstigsten Stand zeigen am Ende des Quartals die Landwirtschaft mit 64 und der häusliche Dienst mit 87 Arbeitsgesuchen auf 100 offene Stellen. Im Webstoffgewerbe wird seit Beginn des Quartals erstmalig, aber andauernd die Zahl der weiblichen Arbeitsuchenden von der der männlichen übertroffen. Von der Landwirtschaft abgesehen, ist das in keinem Beruf der Fall. Im September stehen in der Textilindustrie 781 männlichen 621 weibliche Arbeitsuchende auf je 100 offene Stellen gegenüber. Von den einzelnen Landesteilen weisen immer noch Elsaß= Lothringen mit 495 und das Königreich Sachsen mit 258 die höchsten Andrangziffern weiblicher Erwerbsloser auf, während Posen mit 90 und Hessen mit 94 den niedrigsten Stand haben. An dem Rückgang gegen den Schluß des zweiten Quartals find alle Landesteile mit Ausnahme von Elsaß- Lothringen be= teiligt. Jn 13 Landesteilen( von 24) ist die Abnahme der Andrangziffer seit Juni eine ununterbrochene. über dem Durchschnitt von 134 stehen 10, unter ihm 14 Landesteile. Eine ähnliche Besserung des Arbeitsmarktes für die Arbeiterinnen zeigen, wenigstens gegen den Schluß des Quartals, auch die Mitteilungen der Fachorganisationen über die Arbeitslosigkeit weiblicher Erwerbstätiger. Auf je 100 weibliche Mitglieder der berichtenden 37 Verbände kamen Arbeitslose am Stichtag der Monate: Juni 9,5, Juli 9,5, August 9,5, September 8,1. Diese Ziffern besagen aber noch etwas anderes als die hervor gehobene Tatsache. Nämlich daß die Arbeitslosigkeit der weiblichen Organisierten im September 12mal, im August zirka 14mal, im Juli 10% mal größer war als die Erwerbslosigkeit der männlichen Mitglieder. Diese betrug nur bei 3 Verbänden im September mehr als 2 Prozent und blieb bei zwei Dritteln aller Verbände unter 1 Prozent. Bei 2 Verbänden, denen der Brauereiund Filzwarenarbeiter, ist die Arbeitslosigkeit der weiblichen Mitglieder mehr als zwanzigmal größer als die der Männer. über dem Durchschnitt von 8,1 Prozent weiblicher Arbeitsloser hatten am Ende des Quartals 4 Verbände, die folgende Zahlen aufweisen: Hut und Filzwarenarbeiter. Lederarbeiter Tertilarbeiter . Porzellanarbeiter. • • • Juni Nr. 4 September 59,8 Proz. 45,5 Proz. . 71,8= 21,0 = 19 = . 20 18,2= 15,2: " Alle übrigen Verbände bleiben bei weitem unter dem Durch schnitt. Von allen Organisationen mit mehr als 500 weiblichen Mitgliedern hatten die wenigsten weiblichen Beschäftigungslosen die Transportarbeiter mit 0,4 und die Tabakarbeiter mit 0,5 Prozent. Sämtliche Verbände berichteten insgesamt über 23 767 Fälle von Arbeitslosigkeit weiblicher Mitglieder gegen 23 718 im zweiten Quartal. Da aber im dritten Quartal über 156 671 weibliche Mitglieder berichtet wurde, im zweiten Quartal jedoch nur über 149 970, kann von einem kleinen Rückgang ge= sprochen werden, der auch in der Dauer der Arbeitslosig keit zum Ausdruck kommt. Sie stellte sich im einzelnen Falle auf 22 Tage gegen 23 im zweiten Quartal. Den wirklichen Umfang der Arbeitslosigkeit erkennt man am besten in einer Gegenüberstellung von Mitglieds- und Arbeitslofentagen. Leider ist dabei eine Trennung nach den Geschlechtern nicht durchgeführt. Im dritten Quartal entfielen auf je 100 Mitgliedertage 1,9 Arbeitslosentage gegen 2,1 im zweiten Quartal. Den Durchschnitt überschritten folgende 7 Organisationen: Verband der Hut- und Filzwarenarbeiter mit = Textilarbeiter mit. 0 = = Porzellanarbeiter mit Buchbinder mit. Lederarbeiter mit Friseurgehilfen mit Glaser mit • • 39,5 11,7 7,0 4,3 3,4 2,5 2,4 Da sich hierunter auch die 4 Verbände befinden, die die meisten weiblichen Arbeitslosen haben, so läßt sich ungefähr auf den wirklichen Umfang der Erwerbslosigkeit der Arbeiterinnen in diesen Verbänden schließen. Aus den Berichten läßt sich nicht erkennen, ob bei den arbeitslosen Tagen auch die herabgeminderte Arbeitsdauer beziehungsweise Erwerbsgelegenheit derer mitgerechnet worden ist, die nicht völlig arbeitslos sind, sondern beschränkte Arbeitszeit haben, wie zum Beispiel Textil-, Konfektions- und Schuharbeiter. Bei den letzteren ist dies sicher nicht der Fall. Es ist wirklich nicht denkbar, daß bei allgemeiner Beschränkung der Arbeitszeit in der Schuhindustrie nur rund 13 000 Arbeitslosentage auf 17 700 Mitglieder im Quartal kommen. Zieht man die beschränkt Arbeitenden zur Berechnung heran, so wäre in Wirtlichkeit die Zahl der arbeitslosen Tage eine beträchtlich höhere als die angegebene. R. Frauenbewegung. Arbeiterinnenfürsorge der organisierten christlichen Frauen in England. Kantinen, Erholungs- und Wohnräume für Fabrit arbeiterinnen will die Gesellschaft Junger Christlicher Frauen" in England schaffen und sucht durch eine kräftige Propaganda die Mittel dazu zusammenzubringen. In allen größeren Zeitungen fordert sie auf, sie zu diesem Zweck mit Geld zu unterstüßen. Die Gesellschaft begründet ihre Bitte damit, daß in den meist Hals über Kopf erbauten Munitionsfabriken alle Einrichtungen der genannten Art fehlen. Den Arbeiterinnen, die schwer arbeiten müßten, sei es nicht möglich, für wenig Geld ein ordentlich zubereitetes Mittagsmahl zu erhalten, und es fehle vor allem auch an geeigneten Aufenthaltsräumen, wo sie die Mittagsmahlzeit einnehmen könnten. Die Schlafstellen ließen alles zu wünschen übrig. Die Christlichen Frauen wollen dafür Sorge tragen, daß nicht zu weit von den Arbeitsstätten in Gasthäusern billige Zimmer für die Arbeiterinnen zur Verfügung gestellt werden. Die Organisation rechnet aus, daß sie für 1 Pfund Sterling( 20 Mt.) ein Bett, für 5 Pfund eine Schlafstelle ausstatten, für 20 Pfund eine Schlafstelle bauen und ausstatten könne, für 500 Pfund einen Ruhe und Erholungsraum. Die Bestrebungen der Christlichen Frauen sind gewiß lobenswert, legen aber eine Frage nahe. Wäre es nicht richtiger, die Unternehmer von Staats wegen durch Gesetz zu zwingen, daß sie für geeignete Unterkunft und durch gute Löhne für ordentliche Ernährung ihrer Arbeiterinnen sorgen? Die Unternehmer ziehen ja nachweislich aus der Arbeitskraft der Frauen Riesengewinne. Natürlich nur in England. Wer anders denkt, sündigt wider den Burgfrieden. t. b. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. 6.m.b.g. tn Stuttgart.