Nr. 26 A. g. XIII -18127. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. 8.............. Seit vier Monaten Stuttgart 28. September 1917 kennen die Leserinnen der„ Gleichheit" ihr Blatt nunmehr in der neuen Form und unter der neuen Leitung. Wir glauben in dieser Zeit alles getan zu haben, was in unseren Kräften stand, um die Versprechungen zu erfüllen, die wir unseren Leserinnen in der ersten von uns herausgegebenen Nummer gegeben haben. Erfreulicherweise ist die Leserzahl in den letzten Monaten wieder Schritt für Schritt in die Höhe gegangen. Das ist für uns das beste Zeichen, daß wir auf dem richtigen Wege find. Zahlreiche Frauen, die in der„ Gleichheit" mehr suchten als eine regelmäßige gedrängte Übersicht des tief bedauerlichen Parteizerwürfnisses, die von ihr schlichte Belehrung über politische Angelegenheiten, fachliche Aufklärung über die mannigfachen Vorgänge in der Frauenbewegung, aber auch stimmungsvolle Erholung von der Unraft des öffentlichen Lebens durch schöngeistige Unterhaltung suchten, sie kehren jetzt in unseren Leserkreis zurück. Was wir besonders erbeten hatten: die fleißige Mitarbeit aus den Kreisen der Leserinnen, ist uns weit über Erwarten erfüllt worden. Es strömt uns eine Fülle von Aufsätzen aller Art zu, so daß wir über die darin zum Ausdruck kommende geistige Regsamkeit innerhalb der proletarischen Frauenbewegung hocherfreut sind. In ganz besonderem Maße gilt das auch von unserer Kinderbeilage. Sahlreiche Briefe in rührend- kindlichem Stile geben uns zu erkennen, daß die Knaben und Mädchen mit Luft und Liebe an ihrer Beilage hängen und nicht die Zeit erwarten können, bis die nächste Nummer in ihre Hände gelangt. Wir glauben deshalb, aus Anlaß des Quartalwechsels an unsere Leserinnen die Bitte richten zu dürfen, daß sie mit Eifer und Tatkraft für die Werbung neuer Leserinnen arbeiten. Jede unserer Leserinnen hat eine Verwandte, eine Freundin, eine Mitarbeiterin, eine Nachbarin, die eigentlich ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrer Denkungsweise nach schon längst Bezieherin der„ Gleichheit" sein müßte. An sie tretet heran, liebe Leserinnen, und über zeugt sie von der Notwendigkeit, unser Blatt regelmäßig lesen zu müssen. Die bescheidenen Kosten eines Abonnements stehen in keinem Verhältnis zu der Anregung, die ihnen unser Blatt bietet. Laßt uns nicht vergeblich bei euch angeklopft haben! Gebt uns die Möglichkeit, in Kürze über starken 3uwachs unserer Leserzahl in allen Gegenden Deutsch lands berichten zu können. Redaktion und Verlag der„ Gleichheit". Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. Vertagt! Die kriegsmüde Welt, vor allem die Frauen sind um eine enttäuschte Hoffnung reicher: die Stockholmer Friedenskonferenz ist wieder einmal vertagt worden, vorläufig bis in den Oktober oder November hinein. Dann stehen wir schon mitten im vierten Kriegswinter drin und dürfen uns darauf gefaßt machen, daß der ganze Winter mit dem wilden Lärm des Krieges und dem heiseren Geschrei der Kriegspolitik erfüllt sein wird, ehe von Stockholm nur die ersten erlösenden Worte der international wieder geeinigten und zusammenarbeitenden Sozialisten er klingen. Es ist ein trauriger, aber sonnenklarer Beweis für die ungeheure Schwierigkeit, das gegenwärtige jahrelange Ningen der Völker mit einem verständigen Frieden zu beenden, wenn es nicht einmal den bis an die Schwelle des Krieges zu internationaler Dent- und Gefühlsgemeinschaft verbundenen Sozialisten der feindlichen Länder gelingen will, eine vorläufige vorbereitende Besprechung untereinander zustande zu bringen. Deshalb müssen auch alle sonstigen nur denkbaren Möglichkeiten, den Frieden allmählich herbeizuführen, mit heißem Bemühen und sorgsamer Vorsicht benutzt werden. Nichts darf als unwichtig oder gleichgültig beiseite geschoben werden, was den kommenden Frieden so oder so einen Schritt vorwärts bringen kann. Aus diesem Grunde haben wir die Papstnote begrüßt. Mochte dabei eine unausgesprochene Nebenabsicht gewesen sein, das damals rüstig vorschreitende sozialistische Friedenswerk von Stockholm zu entwerten! Was schadete es! Wenn nur dem Frieden damit genutzt wurde! Aus diesem Grunde begrüßen wir die Wilsonsche Antwort, soweit sie Friedensbedingungen formuliert, die den Richtlinien der Stockholmer Konferenz, des Papstes und des Deutschen Reichstags sich annähern, und wir verurteilen die überheblichkeit, mit der sich gleichzeitig Wilson in die inneren Verhältnisse Deutschlands einmischt, weil er hierdurch weder dem Frieden noch der Demokratisierung Deutschlands nutzt. Aus diesem Grunde begrüßen wir die tapfere Gegenwehr unserer Truppen im Westen und die kraftvollen Vorstöße im Osten, besonders die Einnahme Rigas und die Zurückwerfung der russischen Armeen; denn diese unerreichten Leistungen unserer feldgrauen Brüder, Väter, Söhne, Gatten da draußen zeigen den Feinden, daß sie auf einen Frieden durch militärische Niederwerfung Deutschlands nicht zu rech nen haben; daß das deutsche Volk trotz des drei Jahre lang währenden Krieges noch immer die Kraft hat, auf einen Schelmen anderthalbe zu setzen; daß die Feinde sich deshalb früher oder später zu dem Verständigungsfrieden entschließen müssen, zu dem wir schon seit langer Zeit bereit sind. Aus diesem Grunde bedauern wir das durch und durch unsozialistische Verhalten der sozialistischen Arbeiter Englands und Frankreichs, die nicht die Kraft haben, ihre eigenen Re 182 Die Gleichheit gierungen zum Verzicht auf die Eroberungsziele zu zwingen, und nicht den Mut, ihren Regierungen zum Truz und dem Sozialismus und dem Frieden zum Nutz nach Stockholm zu gehen, statt dessen aber in der unheilvollen Verblendung verharren, den deutschen Sozialdemokraten in hochfahrender Weise Verhaltungsmaßregeln geben zu wollen. Wir bedauern das um so mehr, als sich dadurch der internationale Sozialismus, der bei der Schaffung des Friedens in erster Reihe wirken müßte, selber ausschaltet oder doch in den Hintergrund stellt, was für seine Stellung nach dem Kriege, sowohl in den einzelnen Ländern als auch als internationale Macht, verhängnisvoll ist. Wir bedauern aufs tiefste, daß die französischen und engfischen Sozialisten nicht erkennen, wie sie durch ihr Verhalten nur die Interessen ihrer eigenen kapitalistischen Kasten und Regierungen fördern. Aber wir verzagen darum nicht! Der Friede ist trotz alledem auf dem Wege. Und wir deutschen Sozialdemokraten haben unseren Anteil daran, wenn dem so ist. Wir werden auch weiterhin unsere Schuldigkeit tun: jede Friedensmöglichkeit aufs wärmste unterstützen, jede Kriegshezzerei im eigenen Lande aufs schärfste bekämpfen, jede aufkommende Verzagtheit unterdrücken, arbeiten und nicht verzweifeln! Der Schnitter. Es ging ein Schnitter durch das Land, Mit welkem Leib und dürrer Hand, Zum Mähen. Da hoben sich der Tücher viel Zu Frauenaugen stumm empor, Um die es war wie Tränenflor... Sie mochten ihn nicht sehen. Der Schnitter aber ging und sann Und setzte dann die Sense an Zum Mähen. Und was er mähte, sank dahin Und ging den letzten dunklen Gang, Und seine Sense schrie und sang Vom Werden und Verwehen.... Er aber geht und fällt und mäht Und kennt nicht früh und kennt nicht spät Beim Mähen. Und wo der Sense Klinge streift Nach ihres Schnitters dunklem Sinn, Da finken ganze Länder hin Und müssen still vergehen. Es ging ein Schnitter durch das Land, Ein Schnitter ging im Weltenbrand Mit wellem Leib und dürrer Hand, Dahin durch dich, mein Vaterland, Zum Mähen.... Werner Peter Larsen( München). Rechts oder links! Die bewährte Vorkämpferin der Frauenrechtsbewegung Minna Cauer kommt in einer kritischen übersicht über die gegenwärtige Lage der Stimmrechtsbewegung zu folgendem konsequenten Schlusse: Rechts oder links das dürfte nunmehr die Losung auch in der Frauenwelt sein. Im Reichstag hat sich zur Durchsetzung einer Friedensresolution eine Mehrheit gefunden, zusammengesetzt aus Sozialdemokratie, Fortschrittliche Volkspartei, Zentrum und hie und da auch aus anderen Parteien, die an ihre Fraktionsbeschlüsse sich nicht binden zu wollen wohl erklärt hatten. Können wir mit Sicherheit auf eine Mehrheitspartei aus der Frauenwelt rech Nr. 26 nen, die eine freiheitliche Entwicklung mit aller Kraft, mit starkem Willen auf den ver= schiedenen Gebieten herbeizuführen bereit ist und auf weitschauenden Grundsäßen beruht? Vorbereitet und angebahnt muß es werden, die Zeit drängt dazu. Immer wieder müssen wir betonen, ein Entweder- Oder wird von den Frauen wie von den Männern gefordert. Und das ist gut so." Neuorientierung, neue Zeit" und all die vielge= brauchten Worte könnten bald zum Schall und Rauch werden, falls nicht Handlungen und Taten folgen. Wir wissen nicht, was die nächsten Monate, ja Wochen uns bringen werden, das Eine steht fest nur Kraft, Wille und Mut bringen auch der Frauenwelt ihre Rechte. Nur keine Phrasen mehr! Wir haben schon viel zu viel gehört und -schweigend geduldet. Das macht mitschuldig. So intensiv wir auch unsere Blicke in die ganze Welt hinauswenden, ebenso intensiv müssen wir unseren Sinn auf die innere Entwicklung richten. Die Politik des neuen Reichskanzlers kennen wir noch nicht. Seine erste Rede im Reichstag brachte in seiner Stellungnahme zur äußeren und inneren Politik keine Klarheit. Der Reichskanzler erklärte:„ Nach Erlaß der Allerhöchsten Botschaft vom 11. Juli über das Wahlrecht in Preußen stelle ich mich selbstverständlich auf deren Standpunkt." Halten wir das fest! Im Herbst werden wir hoffentlich erfahren, wie dieses„ Selbstverständliche" aussieht. Im Abgeordnetenhaus gibt es eine konim Verservative Mehrheit, und diese Mehrheit ist sehr zäh sagen innerer freiheitlicher Entwicklung. Zunächst wäre es notwendig, daß sich eine Mehrheitspartei aus der Frauenbewegung bildete, die die Forderung des Frauenstimmrechts auf ihr Banner schriebe! In diesem Zeichen könnten die bürgerliche und die proletarische Frauenbewegung vereint marschieren und vereint schlagen. Denn da die Gleichheit des Wahlrechts in Zukunft außerhalb aller Debatten steht, sollte auch der daraus entstandene Zwiespalt der bürgerlichen Frauenstimmrechtsbewegung sein Ende haben. Zu Eigenbröteleien ist jetzt keine Zeit. Nur gemeinsames Vorgehen der gesamten Frauenbewegung kann den Durchbruch durch die Front der männlichen Frauenwahlrechtsgegner erzwingen. In Reih' und Glied! Schon vor dem Kriege gab es Hunderttausende von Frauen, die in der Fabrik, in Handel und Gewerbe in Reih' und Glied mit dem Manne standen. Aber nur ein Teil von ihnen hatte die daraus entspringenden Pflichten und Rechte erkannt: die Pflicht, in die gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Männer einzutreten, das Recht, mit den Männern gemeinsam über ihr Wohl und Wehe zu entscheiden. Durch den Krieg sind viele Hunderttausende von Frauen, die sonst nie daran gedacht hätten, in den gesellschaftlichen Arbeitsprozeß hineingezogen worden. Sie müssen arbeiten wie Männer, ihnen drohen die gleichen gesundheitlichen Gefahren, sie leiden unter den gleichen Mißständen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse wie die Männer, sie haben die gleichen Vorteile wie die Männer, wenn durch die gewerkschaftliche Organisation eine Besserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse erzielt wird. Früher hat die Frau oft genug den Mann mit Widerstreben in die Versammlungen geben sehen, ihr tat das Geld leid, das er für den Verbandsbeitrag und für den Versammlungsbesuch ausgab. Heute denken viele Frauen anders. Sie haben den Wert des Zusammenschlusses der Arbeiter erkannt. Sie fämpfen in Reih' und Glied mit ihren männlichen Berufskollegen. Aber größer ist die Zahl der Frauen, denen diese Erkenntnis noch nicht aufgegangen ist, die den Beruf nur noch lediglich als eine beschwerliche Last zum Geldverdienen auffassen, von der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Arbeit aber nichts verstehen und nichts verstehen wollen! Nr. 26 Die Gleichheit Größer ist die Zahl der Frauen, die auch über die politischen Ursachen, die ihren Mann in den Krieg und sie selbst in die Fabrik gezogen haben, noch wenig oder gar nicht nachgedacht haben, die von politischer Aufklärung nichts wissen wollen. Das geht auch jene zahlreichen Frauen an, die nicht erwerbstätig zu sein brauchen, aber über den Krieg jammern, ohne über seine Ursachen und die Mittel zu seiner Beendigung jemals nachzudenken. Alle diese Frauen und Mädchen müssen für die Organisationen gewonnen werden. Sie müssen hinein in ihre Gewerkschaften, um dort Schulter an Schulter mit dem Manne für die Besserung ihrer Lebenslage zu kämpfen. Sie müssen hinein in die politische Organisation, in den sozialdemokratischen Verein, um dort Seite an Seite mit dem Manne sich Belehrung zu holen und an politischen Entscheidungen mitzuwirken. Organisation ist die Zauberformel, die auch schwache Einzelkräfte zu starken Lei stungen befähigt! Durch Organisation hat Deutschland in diesem furchtbarsten aller Kriege bis jetzt sein Dasein aufrechterhalten. Durch Organisation haben die deutschen Arbeiter erreicht, was sie an wirtschaftlichem und politischem Einfluß besitzen. Durch Organisation kann die Arbeiterschaft auch in Zukunft nur ihre sozialistischen und demokratischen Ziele erreichen. Durch Organisation allein können auch nur die Frauen aus ihrer heutigen unfreien Stellung heraus und zu gleichen Rechten mit dem Manne gelangen. Darum hinein in die Organisationen, Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen! Marschiert in Reih' und Glied! Politisch unreif?" Allemal, wenn das Frauenwahlrecht zur Sprache kommt, wird von Freund und Feind darauf hingewiesen, daß das weibliche Geschlecht politisch unreif sei. Feuilleton Was verschmerzte nicht der Mensch! Vom Höchsten Wie vom Gemeinsten lernt er sich entwöhnen, Denn ihn besiegen die gewalt'gen Stunden. Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren. Ein grünes Blatt. Von Theodor Storm. Schiller. Schiller. ( Fortsetzung.) anz blaue!" sagte sie, die sind von meiner Mutter!" Ga " Bon deiner Mutter? Hast du denn eine Mutter?" " Du bist nicht flug!" sagte das Mädchen, indem sie aufsprang.„ Sie hat vor vier Wochen den Vogt geheiratet. Seit dem bin ich beim Großvater." Nun wurde er völlig wach. Ich bin irre gegangen", sagte er ,,, in der eigenen Heimat. Du mußt mir auf den Weg helfen, du wie heißt du denn?"" Regine!" sagte sie. ,, Regine... und ich heiße Gabriel!" Sie sah ihn groß an. ,, Nein, nicht der Engel Gabriel!" ,, Lache nur nicht!" sagte sie,„ den kenne ich besser als dich!" „ Der Tausend. So bist du wohl des Schulmeisters Enkelkind?" Sie sagte:„ Mein Vater war Schulmeister, er ist im vorigen Frühjahr gestorben." Beide schwiegen einen Augenblick; dann stand Gabriel auf und bedeutete ihr, wie er noch bis zum nächsten Morgen jenseits der Fähre in der Stadt sein müsse. Sie zeigte mit der Hand nach dem Walde.„ Dort wohnt mein Großvater," sagte sie, du fannst erst Vesper mit uns essen; nachher weise ich 183 Die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zeitigte eine Literatur, die einerseits das Selbstbewußtsein des weiblichen Geschlechts und seinen Willen zur Selbsterziehung weckten, und andererseits die allgemein herrschenden Anschauungen über Frauenleben zugunsten freierer Sitten zu beeinflussen suchte. Bei Anwendung der neuen Ideen vom gleichen Menschenwert des Weibes aber zeigten sich die Hindernisse nicht nur infolge engherziger Moralbegriffe bei allen Gesellschaftsklassen, sondern auch durch altehrwürdige Gesetzesschranken. So mußten die Frauen, wenn sie vorwärts kommen wollten, sich politischen Fragen zuwenden und den Wert politischer Waffen kennen lernen. Die Schriften, welche aus der Frauenbewegung in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hervorgegangen sind oder für sie wirken, sind daher durchweg politischen Charakters. Die bedeutendste Schrift, welche zugleich die proletarische Frauenbewegung aus der Taufe hob, ist Bebels Buch:„ Die Frau und der Sozialismus". Ihr Grundgedanke ist:„ Die Frau wird durch Beseitigung der Klassenherrschaft aus der Geschlechtssklaverei befreit werden," und die Schlußfolgerung: „ Die Eroberung des Frauenwahlrechts ist die wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratischen Partei." Aber Bebel ist tot und sein beredter Mund ist stumm. Doch die Gegenwart steht in ungeheuer drängenden täglichen politischen Kämpfen, die uns in schier atemloser Spannung halten. Die Frauen tragen alle Lasten des Krieges, durch Verkehrtheiten der Regierung und Böswilligkeiten der ländlichen Streise noch unnüberweise erschwert. Ein Volt ohne politische Freiheiten, ohne politische Waffen und demzufolge ohne politische Einsicht übt dann wohl das Urrecht aller leidenden Kreatur: es schlägt wild um sich und wirft sich zerstörend auf die Zeichen der stagnierenden Regierungsgewalt. In Rußland, in den Südstaaten immer wo politische Rechtlosigkeit politische Unreife erhält, sind die meisten Aufstände und Revolutionen zu zählen. Dagegen haben wir bei uns bisher ein ruhiges Zuwarten beobachten können. Die Männer, welche in Berlin für Deutschlands Schickfalsrad das Geleise legen, sind vom Volke gewählt. Jeder Deutsche hat einem von ihnen sein Vertrauen mit auf dir den Weg." Als Gabriel das zufrieden war, trat sie von dem schmalen Fußpfad auf die Heide hinüber und schlug die Richtung nach dem Walde ein. Die Blicke des jungen Mannes folgten unwillkürlich ihren Füßen, wie sie behend und sicher über die harten Stauden dahinschritten, während bei jedem Tritt die Grillen vor ihr aufflogen. So gingen sie mitten durch den Sonnenschein, der wie ein Goldneß über den Spitzen der Kräuter hing; mitunter rieselte ein warmer Hauch über die Steppe und erregte den Duft der Blüten um sie her. Schon hörten sie dann und wann im Walde das Rufen der Buchfinken und in den Wipfeln der hohen Buchen das scheue Flattern der Waldtauben. Gabriel aber, des Reiseziels gedenkend, hub an zu singen: Es liegen Wald und Heide Im stillen Sonnenschein. Wir hätten gerne Frieden; Doch ist es nicht beschieden, Gestritten soll es sein. Nun gilt es zu marschieren In festem Schritt und Tritt; Der Krieg ist losgelassen, Er schreiet durch die Gassen, Er nimmt uns alle mit! So leb' denn wohl, lieb' Mutter! Die Trommel ruft ins Glied. Mir aber in Herzensgrunde Erklingt zu dieser Stunde Ein deutsches Wiegenlied. ,, Krieg?" sagte Regine, indem sie stehen blieb und sich nach dem Sänger umwandte. Gabriel nickte. " ,, Sprich nicht davon zum Großvater," sagte sie ,,, er glaubt doch nicht daran." 184 Die Gleichheit den Weg gegeben. Das Vertrauen eines ganzen Volkes ist die Macht, auf die sich der Reichstag stüßt. Aber deutlicher als jemals ist jetzt zu sehen, daß auch die weibliche Bevölkerung trop politischer Rechtlosigkeit versteht, politisch klug zu handeln. Würde sie sich sonst so still verhalten haben in diesem Juni, wenn sie nicht fähig wäre, sich zu sagen: Auch das noch muß getragen werden, damit nicht noch Schlimmeres kommt! Jeder ruhige Tag jezt trägt uns politische Frucht für die Zukunft! Wer die Haltung des weiblichen Geschlechts in Deutschland, vornehmlich im Proletariat, jezt richtig zu deuten weiß, braucht wahrlich um seine politische Reife nicht mehr zu bangen! Ella Wierzbilski. Aus unserer Bewegung An die Genoffinnen! Der Monat Ottober soll ein allgemeiner Werbemonat für unsere Frauenbewegung sein. Es gilt die Vorbereitungen dazu schleunigst zu treffen. Das Material ist den Drganisationsleitungen zugegangen. Sie werden sich mit den am Drt tätigen Genossinnen verständigen, wie die Arbeit am besten durchzuführen ist. Wo das noch nicht geschehen ist, müssen sich unsere tätigen Genossinnen darum bemühen. Jede Genossin muß für das Gelingen der Sache interessiert werden. Mit einem zur Arbeit aufmunternden Brief nuß ihr das Werbematerial( Flugblätter, Broschüren, verschiedene Nummern der„ Gleichheit" und Aufnahmescheine) zugestellt werden. Es ist notwendig, daß unsere Genossinnen diese Schriften selber aufmerksam lesen, daß sie ferner gerade jetzt die Tageszeitungen verfolgen, weil darin wertvolle Beiträge führender Genossinnen und Genossen zur Frauenfrage erscheinen werden. Die Frage: wo und bei wem agitieren wir? ist gewiß nicht schwer zu beantworten. Es stehen viele abseits, die zu uns gehören und gewonnen werden können. Die Kriegerfrauen, die in der ersten Verwirrung ihre Mitgliedschaft aufgegeben haben, werden, soweit sie erwerbstätig sind, gern wieder die kleinen Beiträge für„ Gleich,, Und du?" fragte Gabriel. Was glaubst du selber denn?" „ Ich? Was geht uns Dirnen der Krieg an?" Der junge Mann sagte nichts darauf, und beide setzten schweigend ihre Wanderung fort. Aus der formlosen Masse des Waldes trat nun das Laub der Buchen und Eichbäume in scharfen Umrissen hervor, und bald gingen sie im Schatten des Geheges entlang, bis sie das Ende desselben erreicht hat ten. Hier, wo auch die Heide aufhörte, stand im Scheine der Nachmittagssonne eine kleine Kätnerwohnung. Eine Kaze, die sich auf dem niedrigen Strohdach gesonnt hatte, sprang bei ihrer Ankunft auf den Boden und strich spinnend um die Halbgeöffnete Haustür. Sie traten in eine schmale Bordiele, welche an den Wänden hin mit leeren Bienenkörben und mancherlei Gartengeräte ganz besetzt war. Zu Ende derselben flinkte Regine eine Tür auf, und Gabriel sah über ihre Schulter in ein kleines Zimmer; aber es war nichts drinnen als einsamer Sonnenschein, der an den Messingknöpfen des Ofens spielte, und der Pendelschlag einer alten Schwarzwälder Wanduhr. ,, Wir müssen nach dem Immenhof," sagte das Mädchen. Gabriel lehnte seine Büchse in eine Ecke des Zimmers; dann gingen sie in den Garten, der unmittelbar unter den Fenstern lag. Aus der Haustür waren sie unter das Laubdach eines mächtigen Kirschbaumes getreten, der seine Zweige über das Haus breitete; ein gerader Steig zwischen schmalen Gemüsebeeten führte sie durch den Garten und aus diesem heraus auf eine kleine Wiese, von welcher ein viereckiges Plätzchen durch dichte Buchenhecken abgezäunt war. Die kleine Pforte, welche den Eingang zu demselben verschloß, war niedrig genug, daß Gabriel über sie hinweg das Innere übersehen konnte. Als sie herangetreten waren, gewahrte er gegenüber an der Laubwand, schon in halbem Schatten, ein Nr. 26 heit" und Mitgliedschaft im Sozialdemokratischen Verein entrichten. Wenn sie das aus Mangel an Mitteln nicht können, müssen sie von jetzt ab wieder regelmäßig zu unseren Veranstaltungen geladen werden. Bei ihnen gilt es anzufragen, ebenso bei den Frauen unserer Parteigenossen, soweit sie noch nicht organisiert sind, sie sind durch das Lesen der Parteipresse und durch ihre Männer schon für den Gedanken der politischen Organisation vorbereitet. Unzählige Frauen stehen heute in der Erwerbsarbeit, sie fühlen den Druck der Ausbeutung, ihre Berufs-, Mutter- und Hausfrauenpflichten sind nur unter großen Mühen und persönlichen Opfern und auch dann nur mangelhaft miteinander zu vereinigen. Hier erwächst unsern ebenfalls erwerbstätigen Genossen und Genossinnen eine schöne Pflicht. Bur Hausagitation und für die Werbearbeit in Werkstatt und Betrieb empfiehlt es sich, daß wir das Flugblatt und die„ Gleichheit" abgeben mit der freundlichen Bitte, es doch einmal zu lesen, und daß wir dann nach einigen Tagen mit dem Aufnahmeschein in der Hand noch einmal nachfragen, ob die Freundin oder Kollegin zur Aufnahme in die Partei und zum Abonnement auf die„ Gleichheit" bereit ist. Öffentliche Versammlungen oder Frauenmitgliederversammlungen mit geladenen Gästen( Frauenabende), gut vorbereitet, wie es in Nr. 23 der Gleichheit" empfohlen wurde, leiten am besten die gesamte Werbearbeit ein. Genossinnen, die Arbeit ist notwendig, zeigen wir, daß wir ihrer gewachsen sind! M. D. München.( Die Frauenarbeit in und nach dem Kriege.) In einer Sigung der Frauenagitationskommission München wurde beschlossen, um die Frauenorganisation zu heben, weiter auszubauen und zu stärken, in nächster Zeit in den verschiedenen Bezirken Versammlungen abzuhalten. In der auf den 28. August im großen Saal des Gewerkschaftshauses in München einberufenen, sehr gut besuchten Frauenversammlung sprach Genossin Emilie Mauerer über„ Die Aufgaben der Frau in und nach dem Kriege". Die Vortragende wies in ihren interessanten Ausführungen auf die überaus großen und schwierigen Aufgaben hin, welche die Frauen während des Krieges im gesamten Wirtschaftshölzernes Bienenhäuschen, worauf die Strohkörbe nebenund in doppelter Reihe übereinander standen. Seitwärts auf einem Bänkchen saß ein Greis in der Bauerntracht dieser Gegend. Die Sonne schien auf seine gänzlich weißen Haare. Eine Drahtmaske, ein leerer Korb und anderes Gerät lagen neben ihm auf der Erde, in der Hand hielt er einen Melissenstengel, den er aufmerksam zu betrachten schien. Im schärferen Hinsehen bemerkte Gabriel, wie das Kraut von einzelnen Bienen umschwärmt wurde, während andere von den Blättern auf die Hände des alten Mannes hinüberkrochen. Ist das dein Großvater?" fragte er das Mädchen. ,, Es ist eigentlich mein Urgroßvater," sagte sie;„ er ist schon undenkbar alt." Sie zog das Pförtchen zurück. ,, Bist du es, Regine?" fragte der Greis. Ja, Großvater." Die Königin hat gestern abend umsonst gesungen," sagte er. Nun muß ich morgen wieder auf den Posten." Indem wandte er den Kopf und sah nach den Ankommenden hinüber. Treten Sie nur herein, junger Herr," sagte er. ,, Mit den Schwärmen hat es heut ein Ende."( Fortsegung folgt.) Mein Kind... Mein leines Kind ist die reinste und lieblichste Stnospe meines Herzens. Rein aus reinster Liebe und schön, wie nur immer eine Liebesblüte sein kann. Seine Händchen sind weiße duftende Lilienblätter, und die Fingerspitzen sind rosig wie das erste heimliche Erröten des jungen Tages. Sein Körperchen ist runde, wonnigliche Zierlichkeit. Seine unwillkürlichen Bewegungen und Biegungen find lustige Schelmerei, find hastig und wild in Begleitung Kleiner, molliger Lächeln. Nr. 26 Die Gleichheit leben in allen Ländern übernommen haben. In München allein sind zurzeit viele Hunderte von Frauen in der Armenpflege, in Kriegswohlfahrtsausschüssen und anderen ähnlichen Körperschaften tätig. Haben sie in diesen Körperschaften in jeder Beziehung ihren Geschlechtsgenossinnen beratend und helfend zur Seite gestanden, so haben die Frauen auch in allen Zweigen und Berufen des Wirtschaftslebens ihren„ Mann" stellen müssen. Nach lebhafter Aussprache stellte sich die Versammlung einstimmig auf den Standpunkt der Reichskonferenz der sozialdemokratischen Frauen. Sie nahm entschieden Stellung gegen den unerhörten Lebensmittelwucher, besonders gegen die neuerliche Preissteige rung des Fleisches, den Wucher beim Verkauf von Obst und sonstigen Lebensmitteln sowie beim Verkauf von Leder und anderen Gebrauchsgegenständen. Die Versammelten fordern mit allem Nachdruck das aktive und passive Wahlrecht für die Frauen in Reich, Staat und Gemeinde. Hierbei mitzuwirken, muß Aufgabe jeder Genossin sein. In einem Schlußwort wies Genosse Mezger darauf hin, daß die Frauen mehr als bisher sich zu einer festge= fügten Organisation zusammenschließen sollen, und legte dringend nahe, nur die Arbeiterpresse zu halten, insbesondere die„ Gleichheit", das Organ der Frauen, um so aus ihren Reihen tüchtige Kämpferinnen für die politische Gleichstellung aller Frauen zu erziehen. Dr. Der Bezirk Niederrhein veranstaltete in den Tagen vom 10. bis 22. August eine Reihe öffentlicher Versammlungen für Frauen. Als Rednerin war Genossin Reige- Hamburg gewonnen worden. Die Tour begann in Elberfeld, es ging weiter nach Essen, Krefeld, Duisburg, Mülheim, Lintfort, Ober. hausen, Mörs und endigte in Hamborn. Glänzend besucht waren die Versammlungen in Mülheim und Hamborn. Auch Mörs und Lintfort hatten gute Versammlungen. In den übrigen Orten hätte der Besuch besser sein können. Genossin Reige behandelte die Themen: „ Staatsbürgerrechte der Frauen“ und„ Die Frauen und der Krieg". Die Stimmung in den Versammlungen war gut. Es wurden insgesamt 1500 Besucher gezählt. Die Werbearbeit für die Organisation ergab 102 neue Leserinnen für die Gleichheit. Es trat in die Erscheinung, daß dort, wo fleißig in„ Opposition" gemacht wird, das Interesse für die Versammlungen nicht allzu groß war. Das muß allen Genossinnen am Niederrhein Ansporn sein, noch mehr als bisher für die alte sturmerprobte Parteiorganisation einzutreten und zu werben für die„ Gleichheit", die in keiner Arbeiterfamilie fehlen darf. Mein Kind ist die leuchtende Perle meiner Seele Seele herrlichstes Gut. meiner Kein Schmerz bewegt sein samtenes Leibchen, der nicht in mir wiedertönte. Du meines Herzens Einssein, das nichts weiß und alles bedarf! Ich bin nun nie mehr allein, wenn der Wirbelwind tanzt und mit harten Knöcheln an die Scheiben pocht. Und nächtlicherweile, wenn es manchmal ganz grauslich ist und die Kälte gähnend lauert vor der Schwelle, um durch die Tür und durch die Fenster ins Zimmer zum warmen Ofen vorzubringen, dann berge ich mein Kleines liebkosend an die nährende Brust, und uns ist herzlich warm, und ich höre die Afforde der Seligkeit, das alte Lied der Mutterliebe. Alle meine Sinne hüten mein Kindchen und wollen es bewahren vor jedem Leid. ten In diesem kleinen Liedchen träume ich sprießende Wirklichkeialle meine Träume wissen anderes und anderes. Ich werde niemals sehr traurig sein die größte Hoffnung treibt Blüte und Frucht: Mein Kindchen wird ein aufgehender Stern sein unter den Menschen ja ja! Das ist wahr! Meine Träume wissen es! feine Nein, ich will nicht anders denken nichts vom Bösen häßlichen Gefichter der schlimmen Ahnungen will ich mehr sehenwarum auch? Ich sehne mich doch so sehr, in ihm glücklich und stolz zu wer den. Ich wache für ihn und bin nie müde für ihn. Schon in der Zeit, als es noch pochte unter meinem Herzen, hatten die Monde erwartende Seligkeit. Wie ich ihn erhoffte und ersehnte! Und jetzt ist mir, als sei ich reiner mit ihm, durch ihn geworden. Ein friedliches Glücklichsein schläft mir im Blut. Immer fallen mir neue Liebkosungen ein, die die nackten rundlich- zarten Gliederchen betasten mit allen Fühlfäden der Poesie. Wenn ich seinen Mund küsse oder seine seidenen Härchen streichle wie lachen wir beide wir wissen nicht warum, aber das Glück zittert um uns herum. Vom Fortgang des Frauenrechts 185 Der schwedische Verband für Frauenstimmrecht hat einen Jahresbericht herausgegeben, dem wit folgendes entnehmen: Weder der Weltkrieg, noch irgendwelche andere Ursachen haben im Laufe des Jahres 1916 das Anwachsen der Stimmrechtsbewegung verhindert. Die Zahl der Stimmrechtsvereine betrug im Dezember 1915 215 mit 14416 Mitgliedern; 16 weitere Vereine traten bis heute hinzu, und zwar hauptsächlich infolge der unermüdlichen Propagandaarbeit zweier Reiserednerinnen in dem schwer zugänglichen, aber dankbaren Norden. Sehr lebhaft ist auch die Aufklärungsarbeit des Verbandes gewesen. Die belehrenden Kurse, die aus den Mitteln der Stiftung von Frau Bergman- Osterberg bestritten werden( 5000 Kronen im Jahre), sind in drei Distrikten veranstaltet worden( mit 237 Vorträgen vor 17171 Hörern). Etwa 50000 Exemplare von Flugblättern wurden verteilt, und die Zeitschrift„ Frauenstimmrecht" ( rösträtt för kvinnor) erreichte eine Auflage von rund 43000 Eremplaren. Eine aufklärende Artikelferie fand in 21 Zeitungen Aufnahme und dadurch etwa eine viertel Million Leser. Der Frauenkalender, die einzige gewinnbringende Veröffentlichung des Verbandes, er= zielte 700 Stronen Reingewinn. Von den einzelnen Stimmrechtsvereinen wurden überdies noch etwa 100 Vorträge über die verschiedensten Themata veranstaltet. Aus alledem geht hervor, daß weder die Aufklärungsarbeit, noch das Verlangen nach Aufklärung durch den Widerstand erlahmt ist, dem die Frauensache leider noch immer begegnet, vor allem bei der Regierung. Zweimal hat der Verband im Laufe des Jahres durch Deputationen seine ausführlich begründete Forderung nach einer Regierungsvorlage sowohl dem Reichstag von 1916 wie dem darauffolgenden unterbreitet und sich dabei auf die Thronrede von 1914( zu Minister Staafs Zeit) und das darin gegebene Versprechen berufen beide Male bergebens. Der Zentralvorstand, der sich aus je einem Mitglied der einzelnen Stimmrechtsverbände zusammensetzt, hielt seine dreißigste Jahresversammlung unter lebhaftester Beteiligung der nördlichen wie der südlichen Provinzen des Landes ab. Kleine Mitteilungen. Der Oberkirchenrat des„ Musterländles" Baden hat Fräulein Oberbeck nach bestandenem theologischen Examen als Hilfsseelsorgerin in Heidelberg ernannt. Sie wird im wesentlichen Religionsunterricht erteilen und die Seelsorge der weiblichen Insassen in Krankenhäusern, Kliniken und Gefängnissen übernehmen. In Meisterschwanden hat eine Kandidatin der Theologie die O, mein kleines Kind! Deine strahlenden Augen sind meine ge= heimnisvolle Verheißung, du bist gesunde Schönheit meines Blutes blühe hinein in den Frühling! Die Sonne springt bald freudiger und feuriger in den Tag! Du mein junger Frühling- süßes Kind! herbstbild. A. Z. Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt. friedrich hebbel. " Die Frauenfrage" von Lily Braun.* Von Anna Blos. In den letzten Vorträgen, welche die verstorbene Parteigenoffin Lily Braun noch kurz vor ihrem Tode hielt, malte sie mit Vorliebe das Bild der Frau aus, die mit vollen Händen Samen in die fruchtbare Erde streut. Der Wunsch, zu denen zu gehören, die Samen ausstreuen, um die geistige und materielle Befreiung der Frau herbeizuführen, hat die kluge und warmherzige Frau von dem Augenblick an erfüllt, als sie an sich selbst all die Not erlebte, unter der heute die Stellung der Frau im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben leidet. In diesem Streben hat sie nicht immer die richtigen Wege gefunden, und wir können uns mit ihren Kampfmethoden nicht überall einverstanden erklären. Darüber dürfen wir aber das Gute und Große nicht vergessen, was Lily Braun geschaffen hat. Ihre Hinter * Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1901. 186 Die Gleichheit Stellvertretung des beurlaubten Pfarrers auch bei der Sonntagspredigt übernommen. Der Rechtsschutzverband für Der Rechtsschutzverband für Frauen( Vorsitzende Frau Margarete Bennewiz) hat an die zustän digen Ministerien sämtlicher deutschen Bundesstaaten die Bitte gerichtet, es möge den hierzu akademisch vorgebildeten Frauen gestattet werden, die beiden juristischen Staatsprüfungen abzulegen und den dazwischen liegenden juristischen Vorbereitungsdienst zu leisten. Der„ Daily News" zufolge war einer der britischen Vertreter auf der Kriegsgefangenenkonferenz im Haag eine Dame. Es sei das erstemal, sagt das Blatt, daß eine Dame an diplomatischen Verhandlungen teilnehme.- Auf Veranlassung einiger liberaler Mitglieder der schwedischen Zweiten Kammer hielt die Juristin Eva Andén vor der Zweiten Kammer einen Vortrag über den zurzeit vorliegenden Gesegentwurf zum besseren Schuß der unehelichen Kinder. Wie berichtet wird, waren die Abgeordneten fast vollzählig zu diesem Vortrag erschienen. Frau Andén vertrat in ihrem Referat die von den Frauenorganisationen aufgestellten Forderungen. Der„ Vossischen Zeitung" zufolge hat sich in der Türkei eine Frauenaktiengesellschaft gegründet. Mit einem Aktienkapital von 30 000 Ltqs wurde in Konstantinopel die Damenwarenhaus- Aktiengesellschaft begründet; nach den Sagungen dürfen nur Frauen im Aufsichtsrat und im Betrieb tätig sein. Diese Gründung ist ein Beweis für das Erwachen der Frauenwelt in der Türkei. -0Habt Achtung vor euch selber, ihr Frauen! Betrachtungen bei einem Straßenbahn- Zusammenstoß. Ich saß lesend im vorderen Wagen der elektrischen Straßenbahn, als mich der Aufschrei der Mitfahrenden aufblicken ließ und ich zu meinem Schrecken sah, wie der Wagen gegen ein die Straße kreuzendes Fuhrwerk angefahren war und dieses eine Weile vor sich her schob, da es der Führerin auf der abschüssigen Bahn nicht gleich gelang, den Wagen zum Stehen zu bringen. Während ich Klopfenden Herzens angestrengt aus dem Fenster sah, um zu erspähen, ob Menschenleben bei diesem Unglücksfall in Gefahr ge= kommen waren, hatten sich die Mitfahrenden bereits soweit ge= faßt, daß sie sich den erlittenen Schreck vom Herzen reden konnten. So flang es denn aufgeregt durcheinander:„ Es ist doch eigentümlich, die Straßenbahnführerinnen haben doch unausgesetzt zusammenstöße."„ Ach ja, die Führerinnen sind eben nicht so zuberlässig wie die Führer."" O nein, wie sieht man sie manchmal mit lassenschaft für die Frauen der arbeitenden Klassen ist das große Werk über die Frauenfrage. Diese Hinterlassenschaft ist so wertvoll, daß schon um ihretwillen der Name Lily Brauns in der Geschichte der Arbeiterinnenbewegung an erster Stelle genannt werden muß. Waffen wollte sie schmieden in diesem Werk für die Unterdrückten. Klingen und Pfeile wollte sie ihnen geben zum Kampf um die Befreiung des weiblichen Geschlechts. Leider ist das Buch bei den Arbeiterinnen verhältnismäßig wenig bekannt. Abgesehen da von, daß man es in Kreisen, die der Verfasserin übel gesinnt waren, zu unterdrücken versuchte, ist der Preis so hoch, daß das Werk der Allgemeinheit schwer zugänglich ist. Es ist schon im Jahr 1901 erschienen und hat keine Neuauflage erlebt. Seit dem verhältnismäßig furzen Zeitraum ist die Entwicklung der Frauenfrage in ein anderes Stadium getreten. Namentlich der Krieg hat hier große Umwandlungen hervorgerufen. Eine sachgemäße Umarbeitung respektive Ergänzung des Werkes wäre dringend notwendig. Dann aber müßte aber auch eine billige Volfsausgabe hergestellt werden, die es allen auf dem Gebiet der Arbeiterinnenfrage tätigen Frauen möglich macht, das Buch als Grundlage für Agitation, Belehrung, Diskussionsabende zu benüßen und daraus zu lernen. Der Wert des Buches liegt vor allem darin, daß wir überhaupt feines haben, das die Frauenfrage bei außerordentlich fleißigem Quellenstudium vom Standpunkt der Frau aus so gründlich und umfassend behandelt. Aus dem Doppelerlebnis der Liebe und der Mutterschaft heraus ist das Buch geschrieben. Bei aller Wissenschaftlichkeit appelliert Lily Braun in jedem Satz in warmem Gefühl an die Mütterlichkeit, erfüllt von der Hoffnung, daß dies Empfinden alle Mütter über die Wiege des eigenen Kindes hinaus zu weltumspannender Kraft einigen und antreiben sollte. Gerade in diesen Tagen, in denen der Gedanke, die Arbeiterinnen zu einigen und stark zu machen, neu auflebt, ist ein Hinweis auf Lily Brauns " Frauenfrage" deshalb am Plaz. Wir finden darin zunächst eine historische Übersicht über die Entwicklungsgeschichte des Weibes, die zugleich eine Leidensgeschichte ist. Die Unfreiheit des Weibes von den ältesten Zeiten an ist be= gründet durch das Naturgesetz der Mutterschaft, die die Mutter an Nr. 26 ihren Wagen dahinrasen, es ist geradezu unberantwortlich."„ Oft möchte man glauben, sie schlafen: wie kann es nur angehen, daß die Führerin den Wagen nicht gesehen hat." So schwirrte das Gerede durcheinander. Jeder bemühte sich, noch einen Kommentar hinzuzufügen, um zu beweisen, daß die Führe= rinnen an allen Unglücksfällen schuld seien. Den Haupttrumpf aber glaubte eine der Mitfahrenden auszuspielen, indem sie nicht einmal, sondern, damit es auch ja gehört wurde, ein paarmal mit erhobener Stimme sagte:„ Und dann braucht nur ein Soldat vorn auf der Bahn zu stehen, so geht das Erzählen an, und die Führerin interessiert sich weit mehr für diesen als für ihre Arbeit!" Ein Grund, den anzuführen in diesem Falle um so törichter war, als weit und breit kein Soldat zu sehen war, geschweige denn einer auf dem Vorderperron gestanden hätte! Und nun wird man natürlich glauben, daß es Männer waren, die so abfällig die Arbeit der Frau als Straßenbahnangestellte beurteilten. Ach nein die Schamröte steigt mir bei der Erinnerung wiederum ins Gesicht, es war nicht ein Mann darunter, sondern es waren sämtlich liebe Mitschwestern, die es nicht empfanden, wie sie sich mit jedem Wort, das sie sprachen, selbst ins Gesicht schlugen! Schlimm genug, daß wir Frauen nur zu oft unsere ganze Energie und Kraft aufwenden müssen, um uns gegenüber der Verständnislosigkeit des Mannes durchzusehen; von unseren eigenen Geschlechtsgenossinnen sollten wir doch unter allen Umständen verlangen können, daß sie erst nachdenken, bevor sie die eigenen Schwestern verurteilen. Ob diese Frauen und sie stehen ja leider nicht vereinzelt da noch nie darüber nachgedacht haben, was es bedeutet, täglich bis zu zehn Stunden still auf einem Fleck zu stehen, in jedem Augenblick die volle Geistesgegenwart zu behaupten, ganz zu schweigen davon, daß die schwere Handhabung der Bremse einen ziemlich großen Aufwand von Körperkraft bedingt. Gerade wir Frauen, die wir nur zu gut wissen, wie sehr wir unter allen Schwächen unseres Körpers zu leiden haben, wie aber auch jeder seelische Eindruck auf unsere Nerven wirkt, wir sollten Bewunderung empfinden, wenn wir die Straßenbahnführerinnen so sicher und ruhig an ihrem Plaze sehen. Diese Frauen sind größtenteils Kriegerfrauen und nur zu oft Witwen. Wer aber sieht ihnen die Sorgen und Nöte an, die sie innerlich bewegen mögen, wenn sie, die Augen fest auf die vor ihnen liegende Bahn gerichtet, ihre ganze Aufmerksamkeit darauf lenfen, die Sicherheit des fahrenden Publikums wahrzunehmen! das Kind fesselt. Auch das Mutterrecht, das bei zahlreichen Völkern nachgewiesen werden kann, bedeutet durchaus keine Oberherrschaft der Frau. Sie galt lediglich als Stammhalterin, solange der Geschlechtsverkehr noch nicht durch die Einehe geregelt war. Durch die Mutterschaft entstand die erste Arbeitsteilung. Die Frau wurde durch die Kinder an die Scholle gefesselt, baute ihnen die schützende Hütte, fertigte ihnen wärmende Kleidungsstücke, sorgte für ihre Nahrung. Der Mann zog zu Kampf und Jagd aus, aber rohe physische Bedürfnisse führten ihn immer wieder in den Schutz der Hütte, und die uralten Triebfräfte der Natur, Hunger und Liebe, führten schließlich zur Gründung der Familie. Der Mann sicherte sich die geschickte Arbeiterin, und sein Wunsch, rechtmäßige Erben seines Besitzes zu haben, gab der Frau ihren Wert als Mutter legitimer Kinder. Auch dieser Wert beruht also auf ökonomischen Rücksichten. Darauf beruht aber auch die Unfreiheit der Frau. Religion und Gesetz sanktionierten die Einehe und damit die Unfreiheit der legitimen Frau. Der Lohn ihrer Tugend war dauernde Gefangenschaft. Die Strafe des Lasters, der Prostitution war Freiheit. Alle Vorurteile und Anschauungen in bezug auf die Stellung der Frau sind zurückzuführen auf die wirtschaftlichen Ursachen, die zur Ehe geführt haben. Die Unfreiheit der legitimen Frau war die gleiche bei den Völlern des Orients, bei den kulturell hochstehenden Griechen und Römern, wie zur Zeit des Christentums, durch das weder die rechtliche, noch die wirtschaftliche, noch die sittliche Lage des weiblichen Geschlechts gehoben wurde. Schon im Altertum wurde die Arbeitskraft der Frau, natürlich insbesondere die der minderbemittelten Frau, nach Kräften ausgenügt. Aber auch in der Feudalzeit hatte sie nur die Wahl, Arbeits- oder Lustsklavin zu sein. Schon damals war aber die Arbeit der Frau nicht lediglich auf das Haus beschränkt. Schon damals konnte die minderbemittelte Frau nicht ausschließlich die Tätigkeit als Hausfrau und Mutter ausüben. Sie war gezwungen, den eigenen Haushalt, die Kinder zu vernachlässigen, um als Hörige in den Werkstätten der Burgen, Höfe und Klöster zu spinnen, zu weben, zu nähen und zu sticken, oder um die Haus- und Feldarbeit für den Lehnsherrn zu verrichten. Nr. 26 Die Gleichheit Gewiß gehört der Beruf der Straßenbahnführerin zu denjenigen, die nach dem Kriege einer ernsten Prüfung unterzogen werden müssen, um festzustellen, ob sie nicht den Körper und die Nerven der Frau gesundheitlich viel zu sehr gefährden, als daß es nicht richtiger wäre, sie dem Manne zu überlassen. Welcher vernünftige Mensch aber möchte, wenn jetzt besonders viele Unglücksfälle geschehen, dafür der Fahrlässigkeit des oder der einzelnen die Schuld beimessen! Der Krieg, der die Menschen plötzlich vor die schwersten Aufgaben stellt, ohne ihnen Zeit zu lassen, sich erst so wie im Frieden in ihr Amt einzuarbeiten, bringt wie so viele übel auch dieses mit sich. Das gilt von der Arbeit des ungeschulten Mannes ebenso wie von der der schlecht ausgebildeten Frau. Wir Frauen aber, die wir wissen, wie schwere Kämpfe um unsere Rechte uns nach dem Kriege noch bevorstehen, können gar nicht genug hervorheben, was wir jetzt zur Aufrechterhaltung der Volkswirtschaft leisten, um zu begründen, daß wir alle Ursache haben, gleiche Rechte mit dem Manne zu verlangen! Hierfür aber ist auch das, was heute die weiblichen Straßenbahnangestellten in Wind und Wetter leisten, eine ernste Mahnung. 187 auf allen Arbeitsgebieten, wo sie den Mann erseßen, aufstellen müssen. Sie müssen dies verlangen: 1. weil die elementare Gerech= tigkeit verlangt, daß die Arbeit nach ihrem Wert und nicht nach dem Geschlecht des Ausführenden bezahlt wird; 2. aus persönlichem Interesse; 3. aus Solidaritätsgefühl anderen Frauen gegenüber, da es sich erwiesen hat, daß niedrige Löhne immer eine Herabwertung des Berufes zur Folge haben; 4. aus Pflichtgefühl gegen den Mann, dessen Arbeitsverhältnisse durch die niedrigen Frauenlöhne geschädigt werden." Diese Forderungen stimmen mit den Forderungen der sozialistischen Frauen und der Gewerkschaften in Deutschland durchaus überein. Kleine Mitteilungen. Die Veröffentlichungen des Reichs- Statistischen Amtes über den weiblichen Arbeitsmarkt und die Berichte aller Arbeitsnachweise lassen den starken und unaufhaltsamen Rückgang in der Zahl der Dienstboten erkennen. Die neueren Ergebnisse der Prüfungskommission für die Lehrerinnenprüfung weisen einen anhaltend starken Andrang nach, besonders auch für die wissenschaftlichen Fächer. Dieser Zudrang vermehrt die an sich schon bezüglich der Verwendung weiblicher Lehrkräfte bestehenden Luise Schroeder( Ottensen). Schwierigkeiten. Ein Bedarf an Lehramtskandidatinnen liegt nicht Die Frau im Beruf Die Gleichstellung der weiblichen Handwerker mit den männlichen forderte in einem Dringlichkeitsantrag auf dem in Leipzig abgehaltenen Allgemeinen Schneiderbundestag die Vertreterin der thüringischen Damenschneiderinnen. Vor allem wurde das Recht beansprucht, in den Innungen Vorstands- und Obermeisterämter bekleiden oder aber eigne Innungen errichten zu dürfen. Der Antrag wurde gegen neun Stimmen in folgender Fassung angenommen:„ Der Bundestag möge allen Obermeistern anheimgeben, sich mit den maßgebenden Schneiderinnen im Drte in Verbindung zu setzen und sie zur Gründung eigner Innungen zu bewegen, bei ungenügender Anzahl in Verbindung mit den Damenschneidern." Wir sind keine Freunde der Innungen. Aber wenn schon, denn schon! Der schwedische sozialistische Frauenkongreß nahm nach einer Diskussion über die Frauenarbeit nach dem Kriege nachstehende Resolution an und sandte sie an die schwedische gewerbliche Landesorganisation, die beschloß, sie der Berner Konferenz im Herbst dieses Jahres zur Behandlung zu übergeben. Die Resolution lautet: „ Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist die Forderung, die die Frauen Durch das Aufblühen der Städte wurde die Stellung der minder bemittelten Frau nicht gebessert. Die Handwerker zogen ihre Frauen, Töchter und Mägde zur Hilfe heran. Die große überzahl der Frauen, eine Folge der vielen Kriege, brachte ein ungeheures Angebot weiblicher Arbeitskräfte mit sich. Auch hier blieb das Ideal der nicht auf den Erwerb angewiesenen Hausfrau und Mutter für die Minderbemittelten unerreicht. Der Kampf der Zünfte gegen die Frauenarbeit führte zur Hausarbeit, und diese wurde begünstigt durch die Erfindung der Spinn, Web- und Strickmaschinen. Dazu kam die Tatsache, daß der Frauenarbeit im Verlauf des Kampfes gegen sie immer mehr der Stempel des Unehrlichen, sittlich Verwerflichen aufgeprägt wurde. Dieses Vorurteil ist auch heute nicht überwunden. Im Zusammenhang damit steht die Rechtlosigkeit der Frau, die ihr den Kampf um Besserung ihrer Lage so sehr erschwert. Aufgenommen wurde dieser Kampf zuerst in der französischen Revolution mit dem Erfolg, daß die leidenschaftlichste Vorfämpferin, Olympe de Gouges, auf das Schafott gebracht wurde, und daß alle Frauenvereine aufgelöst und verboten wurden. Indes ließ sich der Stein, nachdem er ins Rollen gebracht war, nicht mehr aufhalten. Die Sturmglocken der Revolution hatten die Frauen aller Länder geweckt. Während die bürgerlichen Frauen um das Recht nach Bildung kämpften, forderten die proletarischen Frauen das Recht auf Arbeit, und gemeinschaftlich erhoben sie Anspruch auf Gleichheit vor dem Gesez. Mit diesen Kämpfen beschäftigt sich der für uns weitaus wertvollste Teil des Werkes. ( Schluß folgt.) Bücherschau Wer trägt die Schuld am Kriege? Von Dr. Ed. David, Mitglied des Reichstags. Berlin, Verlag Buchhandlung Vorwärts Paul Singer. 40 S. 1 Mt. Genosse David, der von Anbeginn des Krieges an der beredtste Wortführer der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion in ihren inneren Auseinandersetzungen wie gegen Angriffe von außen ge= wesen ist, bietet in dem Buche seine Rede, die er am 6. Juni 1917 vor; die Zahl der bereits vorhandenen geprüften Lehrerinnen ist so bedeutend, daß auf ihre baldige Annahme oder Anstellung nicht ge= rechnet werden kann. In Godesberg besteht schon seit einiger Zeit eine„ Flickschusterei" für die weniger bemittelte Bevölkerung. Mit der Geschäftsführung sind drei sich abwechselnde, ehrenamtlich ar= beitende Damen betraut. Des großen Andrangs und der Lederknappheit halber ist man nun dazu übergegangen, Lehrgänge zu veranstalten, damit die Krieger- und Arbeiterfrauen, an die dabei in erster Linie gedacht ist, kleine Reparaturen selbst im eignen Hause machen können. Für diese sind die Lehrgänge unentgeltlich, besser gestellte Frauen haben eine Gebühr von 10 Mt. zu zahlen. Die Zulassung von Frauen zur Zentralschule für Ingenieure ist in Frankreich durch den Handelsminister beschlossen worden. Die Entscheidung des Handelsministeriums, dem die Schule unterſtellt ist, erfolgte auf Antrag des Vorstandes der Schule. Der Beschluß gibt den Frauen die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten wie dem Mann für den Ingenieurberuf. Nach den Feststellungen des letzten Vierteljahrs 1916 wurden in England Frauen beschäftigt: in Munitionswerken 400000, in Marine- und Heeresverwaltung 200000, im Transportwesen 50000, in Schreibstuben 100000, in der Eisenindustrie 60000, im Gastwirtschaftsbetriebe 40000, in Nahrungsmittelgesellschaften 80000, in der Landwirtschaft 85 000, im graphischen Gewerbe 10000, vor dem holländisch- skandinavischen Friedenskomitee in Stockholm gehalten hat. Unsere deutsche Delegation war nicht nach Stockholm gegangen, um sich dort vor irgendeinem internationalen sozialistischen Gerichtshof zu verantworten, sie hielt dort eine allgemeine Untersuchung der Schuldfrage am Kriege nicht für notwendig und zeitgemäß, ihr war es viel mehr als um ein Herumstöbern in der düsteren Vergangenheit um die Schaffung einer helleren Zukunft, um praktische Arbeit für den Frieden zu tun. Als aber das holländisch- skandinavische Friedenskomitee großen Wert auf eine Darlegung der deutschen Genossen über ihre Ansichten über die Schuldfrage legte, sträubten sich unsere Genossen in dem ruhigen Bewußtsein, jederzeit ihre Schuldigkeit getan zu haben, nicht lange, sie beauftragten den Genossen David damit, die deutsche Antwort zu formulieren. David hat das in einer geradezu glänzenden und anerkennenswerten Weise getan. Er hat das gesamte umfangreiche Material über die Schuldfrage, also die imperialistischen Grundursachen des Krieges, die diplomatische Vorgeschichte, die unmittelbaren Ursachen für den Ausbruch des Krieges, in einer ebenso knappen wie übersichtlichen und klar gegliederten Weise zusammengestellt und mit so unwiderleglicher Logit aneinander und ineinandergefügt, daß es jeden Ententesozialisten zur Besinnung bringen müßte, wenn er es vor die Augen bekäme. Aber daran gerade fehlt es ja leider! Es ist bedauerlich und unerhört zugleich, daß sich die Sozialisten im feindlichen Ausland selber die Augen verbinden oder sie sich doch von ihren Regierungen ohne viel Widerstand verbinden lassen, damit sie die Wahrheit nicht zu sehen brauchen. Das zeigt erst wieder ihr Verhalten in der Stockholmer Frage. Jeder Genossin, die sich über die eigentlichen Ursachen und Urheber des Krieges noch nicht klar sein sollte, empfehlen wir dringend die Lektüre des Davidschen Buches. Sie wird daraus die erwünschte Aufklärung erfahren, und zugleich wird es in ihr die leider immer noch so bitter notwendige innere Widerstandskraft im Ertragen der schweren Nöte des Krieges stärken, wenn ihr unzweideutig bewiesen wird, daß Deutschland nicht die Schuld, ganz gewiß nicht die Hauptschuld am Kriege und noch weniger die Schuld an seiner entsetzlichen Verlängerung trägt. hs. 188 Die Gleichheit im Erziehungs- und Lehrfach 80000, als Handlungsgehilfinnen und Verkäuferinnen 180000, in verschiedenen Berufen, wie Textilindustrie, in Apotheken und anderen, 100000. Volkserziehung Mütterfürsorge. Eine besondere Fürsorge für die Kinder der in der Rüstungsindustrie beschäftigten Mütter plant die Kriegsamtsstelle in den Marken, mit deren Durchführung der GroßBerliner Ausschuß für Kinderfürsorge betraut wurde. Die entstehen. den, auf 100000 Mart veranschlagten Kosten werden bereits zur Hälfte von der Landesversicherungsanstalt Berlin gedeckt, und man hofft, daß für die Aufbringung der anderen Hälfte die Stadt Berlin eintreten wird. " Eine Mutterschule in Leipzig. Aus Leipzig wird der„ Vossischen Zeitung" berichtet, daß die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Volkswohlfahrt in Leipzig die Errichtung einer Mustermutterschule nach den Plänen, die 1906 der Jugendforscher und Jugend. erzieher Kurt Walter Diy Meißen der Öffentlichkeit unterbreitete, beabsichtigt. Nach dieser Mutterschule sollen dann weitere Mutterschulen eröffnet werden. Man wird abwarten müssen, wie die Mustermutterschule eingerichtet sein wird und wie sie arbeitet, ehe man dazu Stellung nehmen kann. Die Heimkriegsküche. Von Berta Marcwald. Wie wurde man im Anfang des Strieges mit Kochrezepten aller Art überschüttet. Was in einem Rezept gespart werden sollte, wurde im anderen wieder aufgehoben. Wenn die Damen zum Beispiel Startoffelbraten ohne Fett empfahlen, als wirklich noch Fett massenhaft da war, konnte man kaum glauben, daß diese Art des Kartoffelbratens auch für die Damen angewandt wurde; das war doch sicher nur etwas für ihre Mädchen". Jedenfalls wenn ein neues Kochrezept angepriesen wurde, schüttelte man sich schon vor dem Lesen vor Grausen: Brr, schon wieder eins! Wohl hätte uns eine gleichmäßige Nationierung aller Lebensmittel, wie unsere Genossen es seit Beginn des Krieges vorschlugen, vor vielem Unangenehmen bewahrt. Wenn es ging, das Getreide zu beschlagnahmen und dadurch das Brot zur gleichmäßigen Verteilung aller zu bringen, warum sollte es da nicht mit allen anderen Lebensmitteln ebenso zu verfahren möglich sein? Leider, leider sind viele Fehler von unserer Regierung in der Lebensmittelversorgung gemacht worden und werden heute noch gemacht. Von unseren Genossen im Reichstag und wo sonst sie Gelegenheit haben, bei der Voltsernährung mitzuhelfen, wird immer wieder versucht, übelständen soviel wie möglich abzuhelfen. Darum sind sie aber doch da. Und an uns Frauen ist es, uns in dieser schwierigen Zeit den jeweiligen Verhältnissen anzupassen, so gut es geht. Dazu ist es vor allem nötig, daß wir das Vorhandene, was jetzt in unsere Küche gelangt, recht vorteilhaft und nach Kräften ausnüßen, damit uns von dem Wenigen, das unserem Körper jetzt zugeführt wird, nichts verloren geht. Die Menge Kochrezepte im Anfang des Krieges hatten keine Berechtigung, weil ja noch alles reichlich da war und deshalb keine oder nur in den seltensten Fällen praktische Bedeutung hatten. Heute aber, da alles nur noch in bescheidenen Mengen zu haben ist, kann man für wirklich praktische Winte nur dankbar sein. Denn das Wenigvorhandene muß uns voll ausgenügt zugute kommen. * * Vor allem leiden wir wohl alle mehr oder weniger unter Fett mangel. Da es nun einmal unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist, mehr zu erlangen, ist man leider gezwungen, mit dem Wenigen hauszuhalten. Einige Ratschläge zur wesentlichen Erleichterung mögen dazu helfen, uns auch über diese schreckliche, fettlose Zeit hinwegzubringen. Es ist wohl wenig bekannt, daß man zum Beispiel Zwiebeln ohne Fett vorzüglich bräunen fann. Man legt die feingeschnittenen Zwiebeln in die Pfanne, läßt sie in ihrem eigenen Fett( man sagt die Zwiebeln schwißen") bräunen. Um das Anhängen an die Pfanne zu vermeiden, gießt man von Zeit zu Zeit ein Tröpfchen Wasser( aber wirklich nur ein Tröpfchen) hinzu, bis die Zwiebeln schön braun gebraten sind. Wenn der Geldbeutel eine Tomate zuläßt, diese hineingeschnitten, etwas Salz, Essig, ein wenig Zucker hinein, hat man eine herrliche Tomatentunke. Ebenso kann man ein Stückchen Fleisch in der Pfanne ohne Fett dämpfen. Man muß zuerst in Scheiben geschnittene Zwiebeln Nr. 26 in die Pfanne tun. Das Fleisch, das im letzten Augenblick gesalzen, nach Belieben auch gepfeffert ist, wird auf die Zwiebeln gelegt, ein Schälchen darauf gedeckt, und so läßt man auf gelindem Feuer das Fleisch in seinem eigenen und dem Zwiebelsaft dämpfen. Merkt man nach einiger Zeit, daß die Zwiebeln auf der unteren Seite braun sein könnten, hebt man das Schälchen ab, legt das Fleisch da hinein, macht die Zwiebeln auf die oben angegebene Art vollständig braun, legt das Fleisch auf die andere Seite darauf und deckt dann das Schälchen wieder darüber. Das Fleisch läßt man nach Belieben halb oder ganz durchbraten. Es wird besonders saftig, wenn man es fertig noch auf einer heißen Stelle zehn Minuten zugedeckt stehen läßt. Fleisch und Fisch in seinem eigenen Saft gar werden zu lassen, ist auf folgende Art zu empfehlen: Vor allen Dingen ist dazu ein eiserner Topf nötig. Auf seinen Boden legt man einen Blumenuntersatz oder eine Asbestplatte, oder was man sonst als Isolierplatte für geeignet hält. Dann deckt man den Topf zu und stellt ihn auf mäßiges Feuer zur Erwärmung. Natürlich darf der Topf nicht von vornherein auf eine große Flamme gestellt werden, weil er sonst plazen würde. Während der Topf sich allmählich erhigt, wäscht man den Fisch, respektive das Fleisch sauber ab, trocknet es ab, salzt es im letzten Augenblick, würzt nach Geschmack, nimmt Zwiebeln, Wurzeln, zum Fisch empfiehlt sich eine in Scheiben geschnittene Zitrone, und tut das Fleisch, respektive den Fisch zusammen mit den Gemüsen und Gewürzen in eine imprägnierte Tüte. Von der Tüte müssen vorerst die gummierten Seiten umgebogen werden, damit das Gummi nicht an das Fleisch kommt. Mit der Hand wird über die Tüte gestrichen, damit die falsche Luft Herauskommt. Dann wird die gefüllte Tüte oben zugeknifft und in den inzwischen heiß gewordenen eisernen Topf gelegt, dieser wird fest zugedeckt, und dann läßt man es 10 bis 15 Minuten lang dämpfen. Dabei ist zu beachten, daß die gefüllte Tüte, die vorher auf einen Teller gelegt war, nicht bis an den Rand des Topfes reicht, sondern ein Spielraum zur Entwicklung der heißen Dämpfe bleibt. Nach 10 bis 15 Minuten wird der Topf in die Kochkiſte ge= stellt, wo der Braten, respektive der Fisch fertigkocht. Der Extrakt, der sich in der Tüte entwickelt, kann vom Fleisch zur Tunke oder Suppe, je nachdem, verwandt werden. Beim Fisch hat man eine pitante Soße. Auf diese Art spart man das Fett, das sowieso jetzt eine Rarität ist, und der Eiweißgehalt des Fleisches sowohl als auch des Fisches bleibt voll zur Ernährung erhalten. * * Die Kochtiste sollte in keinem Haushalt fehlen. Es ist das kein Ersatzmittel, sondern als ein unbedingt notwendiges Küchenmöbel zu betrachten. Viel Zeit, Mühe und Geld wird durch den Besitz einer Kochtiste erspart. Eine solche ist sehr einfach herzustellen. Eine einfache Holzkiste, ein alter Waschtopf, eine alte Truhe aus Großmutters Zeiten kann zur Kochkiste auf folgende Weise umgewandelt werden: Man legt die Wände und den Boden der Stifte fünfzehnfach mit Zeitungspapier aus, macht dann aus Holzwolle ein Nest, in das der Topf paßt, den man mit Essen zum Fertigkochen hineinzustellen gedenkt. Der Topf muß erst kalt hineingepaẞt werden. Über die Holzwolle lege man noch einen Bogen Zeitungspapier. Beim Hineinstellen des heißen Topfes ist darauf zu achten, daß der Deckel fest schließt, damit die heißen Dämpfe nicht ent weichen können. Dann werden oben auf den Topf auch noch Holzwolle und Zeitungen getan und der Deckel fest verschlossen. Wenn man das auf dem Herd angekochte Essen abends oder morgens in die Kochliste stellt, hat man mittags zur rechten Zeit sein Essen fertig. Kein Anbrennen ist zu fürchten. Kein Umrühren und fortwährendes Herdstehen ist nötig. Ruhig kann man seiner Beschäftigung nachgehen. Nach dem Kochen vergesse man nicht, die Kochkiste stets tüchtig zu lüften. Eine ganz primitive Kochliste ist noch folgende: Dreißig Bogen Beitungspapier werden auf den trodenen Küchentisch gelegt, aber nicht aufeinander, sondern kreuz und quer. Der heiße Topf mit dem Essen wird daraufgestellt, das Papier fest um den Topf umgeschlagen, obenüber auch noch eine Menge Bogen. Dann wird das Papier fest angebort", so. daß keine Luft zwischen Papier und Topf etwa herankommt, und dann wird das Papier mit Bindfaden oder einer alten Schürze oder Tischtuch oder Handtuch fest umschnürt. Die oben angegebene Kochmethode bedeutet eine vollständige Revolutionierung in unserer Küche. Wer sich aber erst einmal mit der neuen Kochkunst befreundet hat, wird sicher von ihr nicht abgehen. Ich finde, sie reizt zum Nachdenken, wie man alles noch besser machen kann. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.5. in Stuttgart.