Nr. 4 A. g. XIII 28. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark. Geburtswehen. Stuttgart 23. November 1917 Ein neues Deutschland will sich gestalten. Langsam hat es sich in langen Friedensjahren vorbereitet. Es würde auch noch lange so langsam weiter gegangen sein, wenn der Strieg nicht gekommen wäre. Er wurde für das neue Deutschland zum Geburtshelfer. Jetzt windet sich das Deutsche Reich in Wehen. Jede Wehe bringt das neue Leben dem Lichte etwas näher. Aber bei dem Ungemach, mit dem die Wehen verbunden sind, vergißt man in jedem einzelnen Falle fast den Fortschritt, und oft genug, wenn die Wehen aussehen, hat es gar den Anschein, als sei alles verloren. Im Juli ist Bethmann Hollweg gegangen. Er war ein Mann, der während des Krieges vieles gelernt hatte. Und gerade darum wurde er von einflußreichen Cliquen, die nichts Ternen und nichts vergessen wollen, gestürzt. Ihm folgte Michaelis, gewissermaßen als ein Versehen der Weltgeschichte. Und dennoch hat auch er das Kommen der neuen Zeit gefördert. Gerade durch seine völlige Unzulänglichkeit für das wichtige Amt des Reichskanzlers hat er das alte Regierungssystem, das des Parlaments mehr oder weniger entraten zu können glaubt, auf das ärgste bloßgestellt und dem neuen parlamentarischen Regierungssystem die Tore weit geöffnet. Und Hertling wurde zu seinem Nachfolger ernannt. Fast schon ganz nach den Methoden parlamentarischer Länder: bevor er die Berufung annahm, verhandelte er mit den Mehrheitsparteien über sein Regierungsprogramm und über Veränderungen in der Regierung. Er gab Zusagen an die großen Parteien und erhielt dafür die Zusage, daß man ihn unterstützen würde. Soweit so gut. Da aber schien plößlich die Geburtswehe wieder einmal auszusehen! Nachdem Herr Hertling Reichs. kanzler geworden war, schien es, als ob er seine Zusagen nicht mehr besonders heilig nahm. Die der Fortschrittlichen Volkspartei versprochenen Vertreter in der Regierung, auf die die Sozialdemokratie, weil sie selber auf jeden Siz verzichtete, fast ebenso großen Wert legte wie die Fortschritts partei selber, sollten plötzlich nicht bewilligt werden. Das Durcheinander schien fast größer als zuvor. Als der Vater der neuentstandenen Hindernisse wurde in der gesamten Presse der bisherige Stellvertreter des Reichskanzlers, Herr Helfferich, genannt. Und so unerträglich wirkte das krampfhafte Fest halten dieses schnell emporgekommenen Mannes an seinem Amt, daß ihm von fast allen Parteien, von links bis rechts, unverblümt gesagt wurde, er möge gefälligst die Tür von draußen zumachen. Endlich hat Herr Helfferich sich dazu entschlossen. Damit war die Bahn frei für den ersten Schritt Deutschlands auf dem Weg zum parlamentarischen Regierungssystem. Herr Hertling als Vertrauensmann der größten Partei des Reichstags, des Zentrums, ist Reichskanzler und Ministerpräsident in Preußen. Sein Stellvertreter im Reiche ist Herr v. Payer, der Vertrauensmann der Fortschrittlichen Volkspartei, einer der vier Mehrheitsparteien des Reichstags. Hertlings Stellvertreter in Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. Preußen ist der Vorsißende der nationalliberalen Partei, der preußische Landtagsabgeordnete Friedberg. Nur die Sozialdemokratie, die vierte der vier Mehrheitsparteien, ist in der Regierung nicht vertreten. Jedoch nicht etwa, weil man sie absichtlich ferngehalten hätte, im Gegenteil, sie ist wiederholt und mit großem Nachdruck aufgefordert worden, einen Vertreter in die Regierung zu entsenden. Aber die sozialdemokratische Partei hat vorläufig darauf verzichtet. Sie glaubt dem Allgemeinwohl und den besonderen Interessen der deutschen Arbeiter zurzeit besser zu dienen, wenn sie außerhalb der Negierung bleibt, die Regierung trotzdem aber unterstützt, soweit diese sich auf dem Boden des von den vier Parteien vereinbarten Programms bewegt. Ob nunmehr das neue Deutschland tatsächlich geboren ist, oder ob die jüngsten Ereignisse nur eine weitere Wehe im schmerzvollen Verlaufe der Geburt der neuen Zeit darstellen, werden die nächsten Wochen und Monate erweisen. Viel steht in der nächsten Zeit auf dem Spiel. In Rußland eine neue Revolution, in Italien ein unerhörter militärischer Zusammenbruch, dazu die Unzerreißbarkeit unserer Flandernfront und die ständigen Wirkungen des U- Bootkrieges das alles läßt die Hoffnung gerechtfertigt erscheinen, daß bei einer klugen und sicheren, von der großen Mehrheit des deutschen Volkes gestützten Politik in Deutschland auch die Geburt des Friedens allmählich näherrückt. Bevölkerungspolitik. Schon in den letzten Jahren vor dem Kriege stand in Deutschland die Bevölkerungspolitik im Vordergrund des Interesses. Seit 1876 gingen die Geburten zurück; trotzdem schien jede Besorgnis um eine etwaige Bevölkerung Deutschlands unnötig, denn noch im Jahre 1912 hatten wir einen Geburtenüberschuß von über 800000 Personen bei einer Sterblichkeit von 16,42 Prozent. Das sicherste Mittel, die Bevölkerungszahl zu heben, ist aber, durch soziale Maßnahmen die Sterblichkeitsziffer herabzudrücken, das heißt also, das geborene Leben zu erhalten. Statt dessen werden von reaktionärer Seite Mittel und Wege zur Bekämpfung des Geburtenrückgangs gesucht, die jeder mütterlich empfindenden Frau die Scham ins Gesicht und die Empörung ins Gehirn treiben müssen. Jedem Zwang zur Mutterschaft wird und muß sich jede denkende und fühlende Frau widersetzen. Willensfreiheit ist auf diesem Gebiet allein Sittlichkeit. Aufgabe der Erziehung ist es, in jedem Mädchen das mütterliche Empfinden voll zur Entfaltung zu bringen, weil es die beste und feinste Wesensart jeder Frau bedeutet. Die Vertreter der Arbeiterschaft, die erkannten, daß die Ursachen des Geburtenrückganges auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet liegen, forderten erhöhten Schutz für Leben und Gesundheit der arbeitenden Frau, furze Arbeitszeit, gute Entlohnung, weitgehende Fürsorge für Mutter und Kind und gründliche Reformen des gesamten Erziehungswesens. Durch den Krieg ist die Frage für alle europäischen Staaten in ein sehr ernstes Stadium getreten. Jedem Volke sterben 26 Die Gleichheit Millionen blühender Menschen; sie sind tot, dem Volksganzen verloren für immer. Und aber Millionen ungeborener Leben kommen durch das Sterben der männlichen Jugend nicht zur Entwicklung. Große Massen der zurückkehrenden Männer wer den infolge körperlichen Siechtums oder erworbener Geschlechtserkrankungen nicht imstande sein, gesunde, lebensfähige Kinder ins Leben zu rufen. Dazu kommt noch, daß viele Frauen infolge der körperlichen Überanstrengungen und Entbehrungen nicht mehr zur Mutterschaft fähig sind. Ein gesunder Bevölkerungszuwachs ist aber für jedes Volk eine Lebensnotwendigkeit; nach diesem furchtbaren Blutvergießen mehr denn je. Um diesen Gefahren, welche der Krieg für den Bevölkerungszuwachs mit sich bringt, zu begegnen, trat bei uns der Reichstagsausschuß für Bevölkerungspolitik ins Leben. Ein zweiter Teil: Bericht über die Arbeiten dieses Ausschusses aus der Feder des Genossen Dr. Duard liegt jetzt für die Zeit vom 23. März bis 15. Mai 1917 vor. Es ist gute Arbeit geleistet worden. Es sind der Reichsleitung Maßnahmen vorgeschlagen worden, welche einen erheblichen Fortschritt im Verhältnis zu dem, was bisher war, bedeuten. Und trotzdem wird in der arbeitenden Mutter das Gefühl aufsteigen: wie bitterwenig ist doch das alles im Verhältnis zu dem, was ich und meine Kinder tragen müssen. Es ist nicht möglich gewesen, im Ausschuß die Forderung der Achtstundenschicht für alle Betriebe durchzusetzen; und doch wäre es für die Erhaltung der Frauenkraft, wäre es besonders für arbeitende Mütter und ihre Kinder so notwendig gewesen. Denn selbst bei einer Arbeitsschicht von acht Stunden hat eine Frau, welche Mutter ist, in der Regel einen Arbeitstag von 14 bis 16 Stunden, häufig aber einen längeren. Rann eine solche Frau noch Erzieherin ihrer Kinder fein? Darf man von ihr verlangen, daß sie weiteren Kindern das Leben gibt? Für die übrigen Betriebe soll eine Arbeitsschicht von 10 Stunden die Regel sein; Ausnahmen dürfen hier wie dort stattfinden. Und mindestens jeder zweite Sonntag foll völlige Ruhe bringen. Das ist auch ein Fortschritt gegenüber dem jezigen Zustand, wo viele Mädchen und Frauen überhaupt keinen Sonntag mehr kennen. Aber es ist nicht das, was Frauen und Jugendlichen in der Gewerbeordnung zugestanden war. Es ist wenig für Menschen, die tagaus und tagein vom Morgen bis zum Abend fürs Brot schaffen müssen; es ist viel zu wenig für eine Mutter und ihre Kinder. Vor allem aber geschieht in der Praxis gar zu wenig für die geeignete Unterbringung der Kinder, während die Mutter an der Arbeitsstätte schafft. Es ist nicht so, daß ein großer Widerstand der Mütter gegen die Einrichtungen der KinderKrippen und Horte zu überwinden wäre, sondern die Heime sind nicht vorhanden, welche den Müttern die Kinder, und damit ihre schwerste Sorge, abnehmen würden. Dies ist auch der Grund, weshalb viele Mütter Nachtarbeit übernehmen. Sie wollen am Tage bei ihren Kindern sein, damit sie nicht ,, auch noch die Mutter entbehren müssen, wenn sie schon den Vater nicht haben". Wie oft ist mir diese Antwort geworden, und ich verstehe sie vollkommen. Die traurige Konsequenz ist aber die, daß diese bedauernswerten Frauen und guten Müt fer zugrunde gehen. Denn viel Arbeit, wenig Essen und fast feinen Schlaf halten auch starke Menschen nicht aus. Dazu kommt die seit 1902 fortgesetzt gestiegene Verteuerung der Lebenshaltung, welche während des Krieges eine Höhe erreicht hat, die es auch der bestbezahlten Mutter unmöglich macht, ihre Kinder so zu ernähren, wie es für eine gesunde Entwicklung notwendig wäre. In diesen wirtschaftlichen Mißständen liegt auch der Grund dafür, daß nach Professor Dr. Silbergleit- in den Jahren 1901 bis 1911 fich nicht so die ersten und zweiten Kinder, wie die dritten, vierten, fünften usw. gemindert haben. In der richtigen Erkenntnis der wirtschaftlichen Nöte der Frauen, beantragt der Ausschuß die„ Aufnahme anständiger Lohnklauseln" und besonders für die Heimarbeit Lohnschutz. Die Betriebsunfälle haben sich während des Krieges infolge fehlender Schutzvorrichtungen, mangelnder Gewerbeauf W Türmerlied. er weiß, wie lang ich wache! Die Nacht will nicht vergehn. Die Welt ist Gottes Sache Ich möchte Frührot sehn. Vom Wachen sind die Wimpern schwer, Ich glaube fast, es geht nicht mehr Soll ich das Morgengrauen Benaraten Nicht schauen? Viel edle Kämpfer liegen Rings auf dem Felde tot Die Finsternisse siegen Noch übers Morgenrot. Die Helden gaben Gut und Blut Dahin der alten Schattenbrut, Es schwell'n die schwarzen Heere Wie Meere. Die Müdheit will ich bannen Und halten gute Wacht, Ich will die Lider spannen Mit meiner letzten Macht. Die höchste Luke sei mein Hort, Ich glaub', ich seh's wahrhaftig dort, Ich seh's durch graue Ritzen Jetzt blizen. Nun will hinaus ich treten Zum äußersten Altan, Nr. 4 Durch Nacht und Tod trompeten; Der Tag, der Tag bricht an! Beim Luzifer, dem Fürst des Lichts, ' s ist nicht für nichts und wieder nichts... Triumph will ich den Helden Vermelden. Karl Hendell. sicht und berufsgenossenschaftlicher Unfallaufsicht gesteigert. Der Ausschuß ist sich einig, daß Abhilfe dringend not tut. Genosse Dr. Quarck fordert Vermehrung der weiblichen Gewerbeaufsichtsbeamten und stellt fest, daß seit 1897, also in zwanzig Jahren, ihre Zahl in ganz Deutschland auf 48 gestiegen sei. Und damit vergleiche man das Anwachsen der Frauenerwerbsarbeit; allein während des Krieges ist die Zahl der erwerbstätigen Frauen um etwa zwei Millionen gestiegen. Für die unehelichen Mütter und Kinder ist der Ausschuß besonders eingetreten. Es war ein trauriger Zustand, daß bisher ungefähr zwei Drittel aller unehelich Geborenen zugrunde gehen konnten infolge mangelnder Pflege und Erzie hung; daß die Mutterschaft geächtet wird, nur weil ihr nicht der gefeßlich geschlossene Ehevertrag vorangeht. Dies war und ist noch heute für viele Mädchen der Grund, ihre erste Mutterschaft zu verleugnen, fie auf heimlichen Wegen aus der Welt zu schaffen und damit oft den Keim zu jeder Fruchtbarkeit in sich zu töten. Wieviel ungeborenes Leben wieviel Menschenglück ist um dieser barbarischen Moral willen vernichtet worden! Nun soll der wirtschaftliche und moralische Leidensweg der unehelichen Mutter gemildert werden, indem der Vater mehr zu seinen Pflichten herangezogen und die Annahme an Kindes Statt sowie die Führung des Vaternamens erleichtert wird. Das norwegische Gesetz über Kinder, deren Eltern die Ehe miteinander nicht eingehen, ist den nun auch bei uns beschrit tenen Weg konsequent zu Ende gegangen. Es gibt dem unchelichen Kind das Recht auf den Familiennamen des Vaters und macht es erbberechtigt. Und dies ist die einzige Möglichkeit, um den Makel der unehelichen Geburt zu löschen und die Vernichtung keimenden Lebens zu verhindern In der Kriegsunterstügung sollen die unehelichen Mütter und Kinder den ehelichen gleichgestellt werden. Ebenso notwendig ist diese Gleichstellung in der Hinterbliebenenfürsorge. Nr. 4 Die Gleichheit Der Ausschuß für Bevölkerungspolitik hat mit seiner Arbeit den richtigen Weg beschritten. Aber unendlich viel muß noch an sozialen Maßnahmen getroffen werden, um die Mutterschaft für die arbeitende Frau zu einer Quelle des Glückes zu machen. Die Schmerzen der Geburt müssen erleichtert und die Möglichkeit muß geschaffen werden, die verlorenen Kräfte schneller wieder zu sammeln. Der Ausbau des Strippen- und Hortwesens muß schneller und gründlicher erfolgen, ohne Rücksicht auf die Kosten. Die jugendliche Arbeiterin, die Mutter der Zukunft, bedarf erhöhten Schußes für Leben und Gesundheit. Eine andere Ernährungspolitik ist gerade im Hinblick auf die Bevölkerungspolitik eine Notwendigkeit. Heute hungern die Kinder des Volkes auf Kosten reicher Prasser. Notwendig ist aber auch, die Möglichkeit für eine erhöhte verantwortliche Mitarbeit der arbeitenden Frauen und Mütter zu schaffen überall da, wo über das Wohl und Wehe der Arbeiterschaft beraten und entschieden wird. Die Sehnsucht nach dem Kind, nach dem Weiterleben in den Nachkommen wird immer in den Menschen wohnen, und dennoch wird es nicht leicht sein, nach den Erfahrungen dieses Krieges die sinkende Geburtenzahl wieder zu heben. Der Staat darf in seinem eigenen Interesse die Kinder nicht zu einer Last für die Eltern, sondern er muß sie zu einem Segen für die Gesamtheit werden lassen. Klara Bohm- Schuch. Eine Erziehungsorganisation. Von Emmy Freundlich in Wien. 2. Der Weg. ( Schluß.) Wie kann nun das Ziel praktisches Leben gewinnen? Die Kinderfreunde in Österreich sind ein Elternverein. Nicht Wohltäter sollen Mitglieder werden, um die Kinder der anderen zu betreuen, sondern die Eltern der Kinder selbst, die betreut werden sollen, müssen sich zusammenschließen, damit das, was der einzelne nicht zu leisten vermag, die Gemeinschaft leistet. Die Eltern selbst sollen die Träger der Gedanken, der Form und der Durchführung werden. Dazu müssen sie erzogen werden, wie wir die Arbeiter zur gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen und zur politischen Arbeit erFeuilleton O lieb, solang du lieben kannst! Olieb, solang du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst. Besuch. Freiligrath. Es klopft. Dem Redakteur kommt in der heutigen Zeit mit ihrer Arbeitsüberbürdung Besuch ungelegener denn je. Aber er muß auch heute mehr als je die Pflicht anerkennen, seine Tür dem Mühseligen und Beladenen zu öffnen. Also:„ Herein!" Die Tür geht auf. Ein plumper, abgeschabter Handkorb schiebt sich durch die Öffnung. Dann wird auch seine Besizerin, eine dunkelgekleidete junge Frau sichtbar. Ich deute auf den vor meinem Tisch stehenden leeren Stuhl. Wie viele solche Gestalten, solche Gesichter habe ich in den letzten Jahren gesehen! In das schwarzglänzende Haar meiner Besucherin hat Frau Sorge unvermittelt leuchtend weiße Fäden gewoben. Das magere Gesicht hat von der ständigen Sorge um den vor dem Feinde stehenden Mann scharfe Linien erhalten. Um den Mund und um die Augen ziehen sich tiefe Falten und Fältchen. In den Augen hat die Erwartung kommenden Unheils ein waches Leuchten entzündet. Sie hat den Korb auf den Schoß gehoben und entnimmt ihm mit ein wenig umständlichen Bewegungen einen Brief. Der Umschlag zeigt die grünbläuliche Gendarmenfarbe mit dem blutroten Kästchen- Aufdruck, der den gerichtlichen Charakter des Schreibens kündet. Sie legt den Brief mit einer hastigen Bewegung vor mich hin, als widerstrebe es der Hand, ihn länger zu halten, als unbedingt nötig. Ein Zittern von Schmerz und Erbitterung läuft über das Gesicht. Die Lippen beben: 27 ziehen mußten. Dieser Elternverein soll an sich nichts anderes sein, als die erweiterte Familie, die alle Glieder vereinigt, damit jeder sein Bestes geben kann. Die Erziehungsmethode, die wir verwenden, ist die alte bewährte proletarische Erziehungsmethode, die„ Organisation". Die Kinder werden vereinigt. Sei es zur Wanderung mit Rucksac und Nagelschuh, sei es zu Spielnachmittagen oder Stadtgängen oder zu Tagesheimstätten und Horten. Immer sind alle die gleichberechtigten Glieder einer Gemeinschaft. Alle haben dieselben Rechte, alle dieselben Pflichten. Gemeinsam muß aufgeräumt und getragen werden, jeder hat seine ihm zugemessene Aufgabe zu erfüllen, jeder hat das Recht auf alles, was die Gemeinschaft an Spielsachen, Wandergeräten usw. besitzt. Die Führer sind nichts anderes als die größeren Kameraden, die mitraten und taten und deren Autorität allein auf der geistigen überlegenheit und der größeren Tatkraft beruht. Die Disziplin ist lediglich eine Frage der Organisation. Wenn fünfzig Kinder in Reihen aufgestellt warten, bis sie den Löffel holen, um essen zu können, so stellen sich die nächsten fünfzig ohne ein Wort der Anleitung neben die anderen, und es erscheint ihnen als das Natürliche, dem sich niemand entziehen kann. Um aber die Disziplin immer fester in den Kindern zu ver antern, gleichsam um ihren Willen zur Disziplin zu stählen, teilen wir die Kinder in Gruppen und Rotten zu je zehn Stück. Jede Gruppe wählt ihren Vertrauensmann, der nur verantwortlich ist für die Drdnung der Gruppe, die Erfüllung ihrer Bedürfnisse, und der gleich dem Werkstättenvertrauensmann der freiwillige und doch von der Gesamtheit bestellte Leiter ist. Strafen können nur von den Kindern gegeben werden, die diese in einer gemeinsamen Sizung bestimmen. Dieses amerikanische System ist bisher nur ein Versuch bürgerlicher Horte gewesen auch einzelne Fröbelsche Erziehungsanstalten haben diese Versuche unternommen, sie sind aber immer der bürgerlichen Erziehung wesens fremd gewesen. Erst in der Erziehungsorganisation des Proletariats finden sie die volle geistige Berechtigung; denn sie sind hier das notwendige Substrat der getstigen Fundamente. Sie sind aber auch der hohe Sinn, der allein im kindlichen Spiel zu liegen vermag, der hohe Sinn, der für die Zukunft die Wege baut. Anscheinend sind wir dasselbe wie eine bürgerliche Erziehungsorganisation, tatsächlich sind wir etwas Neues, eine in sich geistig und praktisch geschlossene Erziehungsgemeinschaft der Arbeiterschaft. Aber auch unsere geistige Methode wird sich mehr und mehr von der der bürgerlichen Erziehung scheiden. Eine Erziehung, die keine „ Gestern hann äch Termin gehatt...", preßt sie hervor. Und dann erzählt sie: ,, Dat war esu kalt diesen Winter. Ming Kolle wore all. Ech hann dree Kleene Kinger to Hus..." Schwerfällig wie Raben im Winde erkämpfen sich die abgehackten Säße mein Dhr. Hart ist der Ton, hart klingt die Mundart, die meine Besucherin redet, das härteste ist der Inhalt. Die Frau sitt mit ihren drei Kindern in dem kleinen Häuschen, das sie sich mit ihrem Mann, der seit Kriegsbeginn in den Argonnen liegt, in besseren Zeiten erschuftet und erhungert hat. Die grimme Bestie Frost springt das Häuslein von allen Seiten an. Der schmale Kohlenvorrat wird klein und kleiner. Mehrmals hat die Frau mit dem leeren Kohlensack auf dem Schlitten die Runde durch den Ort gemacht, ohne bei irgendeinem Händler etwas zu bekommen. Schweren Herzens reißt sie den Holzzaun des fleinen Gärtchens nieder. Doch was ist das bißchen Holz bei der Stälte! Und die Kinder frieren... Wieder macht sich die Mutter mit dem Schlitten auf. Der leere Kohlensack liegt noch darauf festgeschnürt von so mancher ergebnisloser Fahrt. Wieder geht's von einem Kohlenhändler zum andern. Nichts. Achselzucken. Wohl auch ein bedauerndes Wort. Eine Vertröstung auf die nächste Woche. Stumpf und dumpf zieht sie heim. Der Schnee dringt durch die undichten Schuhe. Sie friert, daß ihr die Tränen in die Augen steigen. Oder ist's der Schmerz um die Kinder, der ihr die Tränen entpreßt? Die Kinder frieren. Als sie sie verließ, hockten sie zusammen in der Ecke. Sie haben ihr versprechen müssen, ins Bett zu friechen, wenn's zu schlimm würde. Das Kleinste hat jetzt schon geschwollene Hände und Füße. Ihr Weg führt an der Bahnstation vorbei. Auf einem Geleiſe, ein Stück vor der Station, steht ein Zug. Ein Zug mit Kohlen! Mitten in dem kalten, blendenden Weiß dieses erbarhnungslosen Winters eine Lange Wagenreihe, aus deren quadratischen Wagenkästen sich Haufen von Kohlen erheben, die eine lange schwarze Hügelkette bilden. Himmel, welche Möglichkeiten! Die Kinder brauchen nicht mehr zu frieren! Eine warme Stube. Nur ein paar davon! Nur ein wenig 28 Die Gleichheit Nr. 4 andere Autorität kennt als den vereinigten Willen der Gesamtheit. die andere Wege geht als die üblichen, die wird auch besondere Fähigkeiten zu erwecken trachten, die nicht mit den alten geistigen Methoden zu gewinnen sind. Vor allem muß sie alle Erkenntnisse aus dem praktischen Leben ableiten. Wo sie diese Erkenntnisse nicht unmittelbar gewinnen kann, dort muß sie versuchen, sie durch das Buch zu gewinnen. Nun sind wir an diesen Büchern außerordentlich arm. Außer der wunderbaren Geschichte der Reise Nils Holgersons mit den Wildgänsen, der großartigsten Geographie, die jemals geschrieben wurde, haben wir nicht viele Bücher, die den Kindern geistiges Erleben und sachliche Erkenntnisse vermitteln, am wenigsten solche Erkenntnisse, die dem Kind eine Brücke bauen zwischen all dem, was es an spezialistischer Erkenntnis aus den Einrichtungen unserer ErziehuugSorganisation gleichsam instinktiv gewinnt und der Weltanschauung des Sozialismus, die verborgen in all den Dingen ruht. Die Notwendigkeit aber wird auch die Dichter und Künstler schaffen, und aus dem Bedürfnis wird seine Befriedigung empor- bliihen. Heute kann man diese neue Kinderliteratur nur ahnen, man kann ihre Wege in illusionären Voraussichten zeichnen, aber geschaffen ist sie noch nicht. Da und dort ruht noch ein Schatz in der Weltliteratur verborgen, der gehoben ist oder gehoben wird, aber jede Zeit muß ihre eigene geistige und literarische Verkörperung schaffen, auch für die Kinder. Vom trockenen Schullesebuch zur Reise von Nils Holgerson ist ein weiter Weg, ein ebenso weiter Weg ist von dem Märchenbuch der Lagcrlöf bis zur Kinderliteratur des Sozia- Iismus, die wiederum eine neue Zeit zu sammeln und zu bewahren hat. Heute sollen die Kinder die Schätze der Weltliteratur haben, morgen hoffentlich erstehen ihnen die Dichter, die wie Mutz der Niese schon die neuen Zeiten künden. All diese Erkenntnisse setzen sich in den Organisationen der Arbeiterkinderfreunde Österreichs mehr und mehr in lebenspendende Taten um. Eines sei noch erwähnt: Wir wollen mit den Kindern so wenig als möglich in den engen Stuben leben, wir wollen ihren Lungen und ihren Seelen die Weite erobern, alles, was da kreucht und fleucht, alles, was da wird und wirkt. Große weite Rasenflächen, die im Sommer und im Winter das neue Kinderreich aufnehmen, das ist unserer Sehnsucht großes Ziel. Soviel, als zu erreichen ist, soll die Arbeiterschaft aus eigener Kraft schaffen, einfach nach der Methode der bewährten Organisation der Selbsthilfe. Dort, wo ihre Kraft nicht zu wirken vermag, wo die Beihilfe der Gewerkschaften, der Genossenschaften und der Krankenkassen nicht ausreicht, dort mahnt sie Gemeinde, Land nnd für die paar Tage. Nächste Woche soll sie ja Kohlen zu kaufen kriegen. Was ist das? Paßt da nicht jemand auf? Nein. Ein Weiden- stnmpf driiben am Graben. Mit Gewalt zieht's die Frau von dem Weißen Wege hinüber nach den schlvarzen Wagen. Was gibt der verschüchterten, furchtsamen Frau die Kraft, den Wagen zu erklettern? Mein Gott, zu Hause hocken drei Kindlein auf einem Haufen und suchen sich zu erwärmen. Und das Kleine hat geschwollene und frostgerötete Händchen und Füßchen.... Sie kniet auf einem Wagen. Mit fieberhaft fliegenden Händen füllt sie den Sack. Mit wunderbarer Kraft reißt sie ihn hoch, läßt ihn vom Wagen fallen und springt nach, faßt den Sack und schleppt ihn durch den Schnee nach dem Schlitten. Eine hohe, jauchzende Freude erfüllt sie, als sie den Schlitten mit der kostbaren Fracht über den spiegelglatten Weg heimleitet. Zu Hause brennt bald ein lustiges Feuer. Der eiskalte Ofen erwärmt sich langsam. Bald sprüht er belebende Wärmeschwaden durch den engen Raum. Die Kinder tauen auf. Auf dem Ofen brodelt die Suppe. Langsam lösen sich die Eiskrusten von den Fenstern. Man kann von der warmen Stube aus hinausschauen in die winterliche Ode und Düsternis.--- Am nächsten Morgen erscheint ein Mann in Uniform und mit zusanunengekniffenen Brauen. Er knöpft sich den Mantel auf und wärmt sich die Hände am Ofen.(Gestern um diese Zeit wäre das nicht möglich gewesen!) Man habe von dem Kohlenzuge aus die„Spur" gefunden. Man habe sie auch gesehen. Der Beamte versichert, daß er„alles verstehe". Aber er redet auch etwas vom„Müssen". Ja, sie„mußte" auch. Die Kinder froren. Sie gibt alles zu. Sollten den Kindern Hände und Ohren erfrieren, während der Vater die Wacht in den Argonnen hält?... Die Zeit ging dahin. Die Frau hatte die leidige Sache über den großen und kleinen Sorgen und über dem Herzeleid vergessen. Der Frühling kam und der Sommer, und die Frau fing schon an, in ihrem Garten wieder ein wenig Freude zu empfinden. Staat, ihr zu geben, was sie braucht. Sie nimmt gerne die Pflichten der Arbeit auf sich und leistet die Aufgaben der öffentlichen Einrichtungen: denn sie will für ihre Kinder selbst sorgen. Staat und Gemeinde versuchen ja heute schon, einen Teil dieser Aufgaben privaten Organisationen zu übertragen. Da fordert nun die Arbeiterschaft, daß auch sie ihr Teil übermittelt erhält. Natürlich nur, wenn sie die Freiheit behält, selbst zu leiten und selbst zu gründen, ohne verpflichtet zu sein, auch den Wünschen der Geber Rechnung zu tragen. Unser Kinderreich schreitet rüstig in seinem Ausbau vorwärts, und hunderttausende Kinder erhalten durch uns die Freiheit und das Glück einer Jugend, die Gesundheit und den Willen gestählt für die schweren Kämpfe und die großen Leistungen der zukünftigen Lebensjahre. Unser Wunsch ist es, daß bald in allen Ländern der Welt, überall dort, wo organisierte Arbeiter schaffen und leben, dieses Kinderreich erstehen möge, damit das schöne Wort unseres Dichters wahr werden möge: Damit das Kindervolk, unsere Zukunft, blühe. Aus unserer Bewegung ile. Beuthen, Oberschlesien. Erfreuliches ist endlich auch einmal aus dem dunklen Oberschlesien zu berichten. Nicht nur daß sich die Arbeiterbewegung, besonders die Gewerkschaften und die Presse tüchtig ausbreiten, in dem frommen Beuthen scheint die sozialistische Idee auch unter den Frauen endlich Wurzel zu fassen. So hat hier eine ganze Anzahl Frauen die„Volkswacht" bestellt(wohlgemerkt: nicht etwa auf Veranlassung ihrer Männer!). Auch in die Parteiorganisation lassen sich immer mehr aufnehmen und der Versamm- lungsbesuch der Frauen läßt nicht mehr so zu wünschen übrig ivie früher. So tagte am 21. Oktober eine Frauenversammlung, die gut besucht war. Frau Haul aus Kattowitz erstattete ein vorzügliches Referat über die Rcichs-Frauenkonferenz, das mit lebhaftem Beifall entgegengenommen wurde. In Frau Hauk hat Oberschlesien endlich eine Rednerin gewonnen, die es versteht, in der richtigen Weise zu den Frauen zu sprechen. Eine Anza.il Neuanmeldungen und Volks- wachtbestellungen war das erfteuliche Resultat der Versammlung. Breslau. Eine öffentliche Frauenversammlung fand hier am 15. Oktober statt, in der Genossin Lodahl-Berlin über Frauenschutz und Frauenrechte sprach. Obwohl die Frauen alle Pflichten gegen Reich, Staat und Gemeinde zu erfüllen haben, besitzen sie doch nicht das geringste Recht, um maßgebenden Einfluß auf die Gesetzgebung zu gewinnen. Einen gewissen Schutz gibt man den rechilosen Frauen, soweit sie erwerbstätig sind, durch die sozml- Da kam der gendarmengrüne Brief ins HauS und lud sie vor den Richter. Wegen Diebstahls. „Nnd sie haben mir zwei Tage Gefängnis gegeben!" Sie sagt es leise, verschämt. „In meiner ganzen Familie ist noch nicht eins bestraft. In der meines Mannes auch nicht. Ich bin die erste!" Hier ist es mit der Beherrschung vorbff. Sie schluchzt. Ich sitze stumm. Was hat man als alter Redakteur an Arbeiterblattern nicht schon alles erlebt! Große und kleine Tragödien. Hier reißen aber doch Schmerz und Empörung Zuckungen ins Gesicht, und das Augenuaß will mit Gewalt herauf. „Einen Anwalt können Sie nicht zahlen?" Nein, sie kann keinen zahlen. Ich nehme ein Blatt und kritzle die Berufung darauf. Damit daS verwünschte Urteil wenigstens nicht gleich rechtskräftig wird. Im übrigen muß die Sache überlegt werden. „Ich Hütte an Ihrer Stelle genau so gehandelt! Sie haben getan, was Sie tun mußten!" Sie nimnit ihren Korb. Ich reiche ihr die Hand. Ich geleite sie zur Tür. Unter der Tür bleibe ich stehen, während sie mit schweren Schritten die Treppe hinuntersteigt. Sie ist eine Bestrafte. Und doch ist mir zumute, als sei ich ein Gläubiger und der Herrgott sei bei mir zu Gaste gewesen.... Lnk. Auf dem Kirchhof. Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt, Ich war an manch vergeßnem Grab gewesen. Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt, Die Namen überwachsen, kaum zu lesen. Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer, Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen. Wie sturmestot die Särge schlummerten, Auf allen Gräbern taute still: Genesen. Detlev von Lilienervn. Nr. 4 Die Gleichheit politischen Gesetze. Dieser ist aber recht gering und geht über den Marimalarbeitstag von zehn Stunden und das Verbot der Untertagarbeit nicht erheblich hinaus. Diese geringen Schutzbestimmungen sind zudem noch bei Ausbruch des Krieges außer Kraft gesezt und bisher noch nicht wieder aufgenommen worden; außer einer mangelhaften Schwangeren- und Mutterfürsorge ist von einem besonderen Frauenschutz überhaupt nicht zu reden. Die Durchführung der sozialpolitischen Gesetze, insbesondere der Unfallverhütungsvorschriften, find zum größten Teil den Gewerkschaften zu verdanken, die manchem der Gesetze erst die Wege ebnen, so ist zum Beispiel der gesetzlich festgelegte zehnstündige Arbeitstag für die Arbeiterinnen in vielen Berufen infolge der wirksamen Arbeit der Berufsorganisation durch weit fürzere Arbeitszeit überholt. Die Arbeiterinnen sollten sich deshalb gewerkschaftlich organisieren, denn in ihrem Verbande finden sie den besten Schutz gegen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft. Die organisierte Selbsthilfe muß überall da eingreifen, wo die Gesetzgebung bersagt und der einzelne machtlos ist, fie muß auch einſegen, um unsere Kauffraft zu schüßen, die schon in Friedenszeiten vom Klein- und Großhandel mit all seinen Zwischenstufen ausgebeutet wurde, heute aber ganz und gar der Spielball habgierigster Profitgelüfte ist. Die Konsumgenossenschaft ist hier die gegebene Drganisation, und es ist nötig, diese groß und start zu machen, denn nach dem Kriege brauchen wir starte wirtschaftliche Organi sationen, die imstande sind, die jetzt scharf angestachelte Gewinnsucht des Handels wirksam zu bekämpfen und unsere Lebenshaltung nicht gar zu sehr herunterdrücken zu lassen. Unsere gewertschaftliche und genossenschaftliche Selbsthilfe muß aber getragen werden von einem politischen Machtfaktor, und den finden wir in der Zugehörigkeit zu einer politischen Partei. Es kann für uns feine Frage sein, daß nur die Sozialdemokratie dafür in Betracht kommt, die einzige Partei, die uneingeschränkt die Arbeiterrechte in den Parlamenten vertritt, die einzige, die ziel bewußt für das Frauenstimmrecht strebt. Dieser Partei müssen wir Frauen uns anschließen, wenn wir uns die Rechte als Staatsbürger erkämpfen wollen. Erst die selbsterkämpften Rechte und unsere Mitarbeit an der Gesetzgebung werden uns den Schuß gewähren, den wir als Arbeiterinnen sowohl wie als Trägerinnen der zufünftigen Generation im Interesse der Menschheit zu beanspruchen haben. Dem Vortrag folgte eine furze Diskussion im gleichen Sinne; nach Schluß der Versammlung ließen sich 81 Frauen als Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei aufnehmen. Gert. Die Stellung der Frauen im Zeitalter der Reformation. Von Anna Blos. ( Schluß.) Noch ärger sind die Angriffe des protestantischen Predigers Sommer in Osterweddigen. Er gab im Jahre 1609 ein Werk " Malus Mulier" heraus. Eine gründliche Beschreibung von der Regimentssucht der bösen Weiber, von den Ursachen des häuslichen Weiberkriegs, von der Traktation der Weiber, geheimen Amuletis, Präserfatifen und Arztneien wider die giftige Regierseuch der Weiber, und schließlich von den überaus vortrefflichen Nutzbarkeiten der bösen Weiber." In einer Fortsetzung des Werkes unter dem Titel" Imperiosus Mulier",„ das ist das regiersüchtige Weib, der alte und langwierige Streit und Krieg zwischen des Mannes Hosen und der Frauen Schörze", rühmte sich Sommer, fein Malus Mulier" sei„ durch gute Luft weit und breit in die Lande gesegelt und fast zum Sprichwort geworden". Schließlich wurden im Jahre 1595 in Wittenberg sogar einundfünfzig Thesen in lateinischer Sprache verbreitet, in denen der Beweis erbracht wurde, daß die Weiber keine Menschen seien. Die Schrift wurde an vielen Orten nachgedruckt und in viele Sprachen übersetzt. " Die Disputation" erregte ein solches Aufsehen, daß ein Pfarrer Schoppius in Wernigerode es unternahm, sie ernsthaft zu widerlegen. Er ist der erste protestantische Geistliche, der es für eine Pflicht seines Predigtamts erachtete, in einem eigenen umfangreichen Werke als geharnischter Vorkämpfer der Frauen aufzutreten. Daß es überhaupt möglich war, ernsthafte und umfangreiche Werke über die Frage zu schreiben, ob die Weiber den Menschen zuzurechnen seien, zeigt den Tiefstand der Stellung des weiblichen Geschlechts im Zeitalter der Reformation. Ein Wunder ist es nicht, daß als Folge der vielen Angriffe auf die Frauen die Herenverfolgungen und berbrennungen in jener Zeit einen noch weit größeren Umfang annahmen als vorher. War doch Luther selbst so tief im Herenglauben befangen, daß er fest an vom Teufel gezeugte Kinder glaubte und einem Vater riet, sein Kind, das er für eine Teufelsgeburt hielt, ins Wasser zu wer29 as. Döbeln. Im zehnten sächsischen Kreis haben im September in den Orten Geringswalde, Hartha, Waldheim, Leisnig und Döbeln öffentliche Frauenversammlungen stattgefunden, in denen Frau Juchacz- Berlin über das Thema„ Frauen, Volkswirtschaft, Frieden" sprach. Die Versammlungen waren zum Teil sehr gut be= sucht, auch dort, wo man erst Befürchtungen gehegt hatte und nur schweren Herzens an die Abhaltung der Versammlung herangegangen war. Auch Neuaufnahmen für die sozialdemokratischen Vereine und neue Leserinnen für die„ Gleichheit" konnten in den Versammlungen gewonnen werden, ein Beweis, daß die Versammlungen notwendig waren, und daß sie von Zeit zu Zeit wiederholt werden müssen. unbegreiflicherweise machten einige Stadträte bei Einreichung der Versammlungsanzeige Schwierigkeiten und genehmigten die Ver sammlung des Themas wegen nicht. Der Ortsgruppenvorsitzende von Döbeln wandte sich persönlich an das stellvertretende Generalfommando in Leipzig unter Borlegung der Leitsäge. Daraufhin bekam er die Versammlungserlaubnis. Nun fügte sich auch der Stadtrat mit den Worten:„ Nun habe ich keine Verantwortung!" Auch der Stadtrat von Leisnig verbot die Versammlung kurz vor dem Stattfinden. Der Einsender dieses Berichts wandte sich hierauf gleichfalls beschwerdeführend an das stellvertretende Generalfommando in Leipzig. Dieser Tage erhielt nun der Ortsgruppenvorsigende in Leisnig die Mitteilung vom Stadtrat, daß die Versammlung mit der Rednerin Juchacz stattfinden könne. Warum konnte die Genehmigung nicht gleich gegeben werden? Warum erst ärger, Wege, Geldkosten und unnüße Arbeit? Die Nadelstichpolitik hat doch keinen Zweck. Mögen die Herren Stadträte in Zukunft weniger engherzig sein! = Frankfurt a. M. Am 21. Oktober fand in der Geschlechterstube des Rathauses die erste Frauenkonferenz des Bezirks statt. An ihr nahmen 19 weibliche, 3 männliche Delegierte aus Frankfurt a. M., Wiesbaden, Biebrich, Wetzlar, Hanau, Höchst a. M. und als Vertreterin des Parteivorstandes Genossin Juchacz teil. Um eine engere Verbindung mit den benachbarten Bezirken herzustellen, hatte die Leitung Einladungen zur Teilnahme an die umliegenden Bezirke ergehen lassen. Leider waren die von den Bezirken Mannheim und Offenbach bestimmten Frauen durch Krantheit in letzter Stunde verhindert, so daß wir neben der Genossin Juchacz nur die Genossin Grünberg aus Nürnberg als Gast be grüßen durften. Hoffentlich ist damit aber der Anfang gemacht, daß sich angrenzende Bezirke mehr als bisher über ihre gemeinsamen Aufgaben in der Frauenfrage verständigen. fen. Wörtlich hat Luther erklärt:„ Mit den Heren und Zauberinnen, die Eier aus den Nestern, Milch und Butter stehlen, soll man feine Barmherzigkeit haben; ich wollte sie selber verbrennen." Wie Luther, so traten auch seine Anhänger überall für die Verfolgung und Bestrafung der Heren ein. In Eßlingen fand im Jahre 1562 eine große Herenverfolgung statt. Gegen die zu große Milde des Rats dabei eiferten die evangelischen Geistlichen und der Graf Ulrich v. Helfenstein, der aus habendem Recht und evangelischer Frömmigkeit" im Jahre 1563 auf seinem kleinen Gebiet dreiundsechzig Heren foltern und verbrennen ließ. Reich an grauenhaften Vorgängen ist eine Herenverfolgung, welche im Jahre 1590 in der protestantischen Stadt Nördlingen stattfand. Auf Anregung des Bürgermeisters beschloß der Rat,„ alle Heren mit Stumpf und Stiel auszurotten". Hier nahm sich schließlich die Geistlichkeit der Verfolgten an, aber ohne Erfolg. Die christliche Juristerei hat in den Herenverfolgungen eine ebenso schimpfliche Rolle gespielt wie die christliche Theologie. Der erste, der den Mut hatte, offen und mit Entschiedenheit gegen die Herenverfolgungen und die Anwendung der Folter zur Erpressung von Geständnissen aufzutreten, war ein katholischer Arzt namens Weyer, der um das Jahr 1563 lebte. Auch er erwog die Frage, ob die Frauen den vernünftigen oder unvernünftigen Geschöpfen beigerechnet werden sollten. Aber er meinte, gerade ihrer Schwachheit und Unvernunft wegen müsse man Mitleid mit den Heren haben und sie nicht grausam verfolgen und verbrennen, sondern sie durch christliche Unterweisung von ihrer Verblendung befreien. Sache der Diener göttlichen Wortes, welche der Meinung seien, im Lichte der Wahrheit zu wandeln, und von welchen man annimmt, daß sie fich unermüdlich dem Studium einer reineren Theologie gewidmet hätten, wäre es, die Obrigkeiten und den unverständigen gemeinen Mann eines Besseren zu belehren. Einer der heftigsten Gegner Weyers in Deutschland war der berühmte Dichter Johann Vischer,„ ehrenfester und hochgelehrter Doktor beider Rechte" in Straßburg. Er war ein Anhänger Kalvins, und die deutsche Literatur rechnet ihn zu den größten Schriftstellern seiner Zeit. Er zeichnete sich durch seine republikanische 30 Die Gleichheit Zu dem ersten Punkt der Tagesordnung, Bevölkerungsproblem und Frauenwahlrecht" hatte Genossin Duard- Hammerschlag das Referat übernommen. Sie wies an den Verhandlungen im Verfaffungsausschuß des Reichstags und der verschiedenen Landtage nach, daß außer der sozialdemokratischen Partei keine politische Bartei für das Frauenwahlrecht eintritt, daß aber ohne die Mitwirkung bürgerlicher Parteien kein Stimmrecht für die Frauen herbeizuführen ist. Sie bedauerte, daß der Kampf, den die bürgerlichen Frauen führen müssen, um eine Änderung in den Anschauungen ihrer Parteien hervorzurufen, mit so wenig Energie und Schwung geführt würde. Der fortgesetzte Stampf gegen die Entrechtung der Frau auf den Gebieten des bürgerlichen Rechts, des Strafrechts, der Versicherungsgeseze, im Arbeiterschutz und der Lohngesetzgebung sei eine notwendige Vorstufe zur Erlangung des Frauenstimmrechts. Durch die Einsetzung der Kommission für Bevölkerungspolitik sei neuestens eine Störperschaft geschaffen worden, die sich notgedrungen mit einer ganzen Reihe dieser Fragen beschäftigen müsse. Aus der großen Anzahl wählte sie die Behandlung der Geschlechtskrankheiten und die Frage der rechtlichen Stellung des unehelichen Kindes aus und wies an ihnen nach, inwieweit die Kommission eine Angleichung herbeigeführt habe und was noch zu wünschen übrigbleibe. Sie forderte alle Anwesenden auf, den Arbeiten dieser Kommission das größte Interesse entgegenzubringen. Zum Schlusse machte die Rednerin folgende Vorschläge zur Organisation der Frauenarbeit im Bezirke: 1. Stärkere Beteiligung an den Bestrebungen zur geschlechtlichen Gesundung und Gleichberechtigung, 2. Intensive Mitarbeit bei allen Gemeindeeinrichtungen und Vereinsveranstaltungen für Jugendpflege und Mutterschuß, namentlich Stärfung des Fraueneinflusses in den Ortskrankenkassen, 3. Veranstaltung von regelmäßigen sozialen Ausbildungskursen, 4. Herbeiführung einer Stontrolle über besonders vernachlässigte Gebiete der Frauenfürsorge, 5. Zusammenfassung aller Frauenstimmrechtsorganisationen eines Drts zu gemeinsamer Arbeit. Die Versammlung stimmte diesen Anregungen zu. Alsdann machte der Sekretär G. Wittich eine Reihe von Vorschlägen zur Ausführung der Beschlüsse der Frauenkonferenz in Berlin, die allseitige Zustimmung erfuhren. Der Abend brachte uns eine gutbesuchte öffentliche Frauenversammlung, die auch von Männern zahlreich besucht war. Genossin Juchacz sprach über das Thema„ Krieg, Frauenbewegung und Wirtschaftsleben“. Ihre warmherzigen Worte fanden eine aufmerksame Zuhörerschaft und Zustimmung, so daß eine Reihe von Aufnahmen gemacht werden konnten. Gesinnung aus. Das hinderte aber nicht, daß er die Neuausgabe des„ Herenhammers" übernahm. In der Vorrede sagt er,„ das Buch solle vorzugsweise den Richtern und Obrigkeiten bei Bestrafung der Heren dienen: nur zum allgemeinen Nuben sei es herausgegeben und werde allen wahren Vaterlandsfreunden willkommen sein". Dieser neue Herenhammer" des Kalvinisten verschärft noch die Beschuldigungen und Strafen des ursprünglichen Buches gegen die Heren. Erst im siebzehnten Jahrhundert kam es dahin, daß, wie Friedrich II. sagte, die Weiber in Sicherheit alt werden konnten", hauptsächlich durch den Kampf des Professors der Philosophie Christian Thomafius aus Leipzig. Eine der letzten Herenverbren= nungen im protestantischen Deutschland fand noch 1713 in Tübingen statt. Im Zeitalter der Reformation, des Humanismus, der Renaissance, das als ein Gipfelpunkt kulturellen Lebens gepriesen wird, gediehen die schaurigsten Herenverfolgungen. In den Herenprozessen hat die Mißachtung und soziale Unterdrückung des weiblichen Geschlechts einen furchtbaren Ausdruck gefunden. Die Kirche hat das Ihrige dazu getan, um diese Mißachtung und Unterdrückung aufrechtzuerhalten. Wir wissen von keiner einzigen Frau, die es gewagt hat, gegen das ihrem Geschlecht zugefügte furchtbare Unrecht sich aufzulehnen. Dagegen wissen wir, daß Frauen aus dem Volke im Zeitalter. der Reformation teilgenommen haben an den großen Freiheitskämpfen, die in engem Zusammenhang damit stehen, an den Bauernkriegen.„ Der Volksfrieg dieser Zeit hatte auch seine Hel dinnen," schreibt Wilhelm Zimmermann, der bekannte Verfasser der Geschichte des Bauernkriegs. Die bedeutendste unter ihnen, die schwarze Hofmännin aus Böckingen bei Heilbronn, galt ihren Zeitgenossen auch als Here. Aber sie benutzte die ihr zugeschriebene Zauberkraft, um den Mut der Bauern anzufachen, und wirkte mit kühnster Entschlossenheit für die Sache der Ihrigen, wo kein Mann mehr handelte und sprach.„ Schwarzes unterdrücktes Weib aus der Hütte am Neckar, mit der starken, verwilderten Seele voll Leidenschaft, gleich stark in Haß und Liebe, mit deinem, Gott will es! im Munde und mit deinem Freiheits-, Schlacht- und RacheNr. 4 m. Rüstringen- Wilhelmshaven. Der sozialdemokratische Wahlverein hielt am 15. Oktober eine von reichlich 200 Frauen besuchte Versammlung ab, in der Genossin Wierzbizti aus Hamburg über „ Lebensmittelfragen und Frauenerwerbsarbeit" sprach. Die Referentin gab ein genaues Bild von den Aufgaben und Pflichten der Frauen in der Kriegszeit, woraus sie auch für die kommenden Friedensjahre die richtigen Schlußfolgerungen gezogen wissen wollte. Die Bedeutung der Frauen für das nationale und internationale Wirtschaftsleben habe der Krieg in das rechte Licht gerückt. Nunmehr sei auch die Forderung nach mehr politischen Rechten der Frau im Reiche, im Staat und in der Kommune gerechtfertigt. Zum Schluß ging die Vortragende auf die Schäden ein, die dieser Krieg der gesamten Kulturmenschheit geschlagen habe, und zeigte, welche ungeheuren Werte an Menschenleben und anderen Kulturgütern er vernichtete. Die aufgewandten Mittel ständen in keinem Verhältnis mehr zu den Kriegszielen, die heute in den verschiedenen einander feindlichen Ländern noch aufgestellt würden. Ihre Ausführungen fanden große Aufmerksamkeit und Zustimmung. Die Vorfigende ermahnte zum Schluß die anwesenden Genossinnen zu reger Arbeit im Interesse der Partei, die nicht nur zum Wohle der Frauen, sondern auch zum Wohle der Allgemeinheit ausschlagen werde. Leider war von etwa 800 weiblichen Mitgliedern nur ungefähr der vierte Teil zu der Versammlung erschienen. Durch die Kriegsverhältnisse und die ungünstige Lage des Versammlungslokals ist eine große Reihe von Genossinnen abgehalten worden, an der Versammlung teilzunehmen. Nichtsdestoweniger hat die Versammlung sehr fruchtbringend gewirkt; erfreulicherweise sind auch zahlreiche Klassengenossinnen der Partei beigetreten. Stuttgart. Schon vor dem Würzburger Parteitag war in Stutt gart beschlossen worden, eine rege Agitation unter den Frauen zu veranstalten. Wir haben nun Diskussionsabende eingerichtet, die alle vierzehn Tage stattfinden. An dem ersten Abend berichtete die Genossin Blos über den Würzburger Parteitag und die Frauen. Unsere Erfolge dort wurden freudig begrüßt. In den folgenden Abenden soll die Tätigkeit der Frau in der Gemeinde besprochen werden, und zwar Lebensmittelversorgung, Striegsfürsorge, Mutter- und Kinderfürsorge, Schule, Jugendfürsorge, Armenpflege, Waisenpflege und Berufsvormundschaft, Arbeitsämter, Polizeiverwaltung und anderes. Die Teilnehmerinnen, insbesondere die weiblichen Vertrauenspersonen, verpflichten sich zu regelmäßigem Besuch der Abende und verbreiten das Gelernte in den Zusammenkünften der Frauen in ihren Bezirken. Besonders aktuelle Themen sollen Gegenstand geist wie lebtest du in Sage und Geschichte, in Gesang und Rede, hätte deine Sache gesiegt oder gehörte sie wenigstens nur nicht der Bauernhütte an!" Für uns ist es bemerkenswert, daß diese Frau auf der Seite der Freiheit gekämpft hat zu einer Zeit, in der die Frauen als fast Rechtlose und Vogelfreie, als Berachtete und Heren betrachtet wurden. Welch ein Umschwung seit jener Zeit! Aber nicht die Reforma tion hat ihn herbeigeführt, sondern der Umschwung in den Produktionsbedingungen. Ihm ist die veränderte Stellung und die sich umbildende Wertung der Frau zu danken. Hier liegt die große Reformation für die Frauenwelt, die ihr ein Ansporn sein muß, nicht nachzulassen im Kampfe gegen alles, was ihr entgegentritt, aufzuräumen mit allen Vorurteilen und frei zu werden, innerlich und äußerlich. Die wandelnde Kochkiste. Erzählten wir in einem vorhergehenden Artikel von der Kochkiste als einem notwendigen Küchenmöbel, so wollen wir unsere Leserinnen heute mit der wandelnden Kochtiste bekannt machen. Dabei ist besonders zu beachten: Alle diejenigen, welche gezwungen sind, außerhalb des Hauses ihrer Erwerbsarbeit nachzugehen, brauchen tein faltes Essen mehr zu genießen. Sobald sie im Besitz einer„ wandelnden Kochkiste" sind, können sie diese ständig mit sich führen und von dem darin enthaltenen warmen Essen jederzeit Gebrauch machen. Zur Anfertigung einer Wander- Kochtiste braucht man: Pappe, Zei tungen, etwas Holzwolle und Stoff. Letzterer ist jetzt in der stoffarmen Zeit schwer neu zu haben. Ein altes Tuch, ein Stück einer alten Hose oder etwas ähnliches tut's auch, wenn man es vorher gewaschen hat. Um das Gefäß, das man in die Arbeitsstelle mitzunehmen gedenkt, legt man ein Stück Pappe fest herum und näht dieses fest zusammen, so daß es die Form eines Zylinders hat. Dann legt man um diesen Pappe- Zylinder fünfzehnfach Zeitungspapier. Den Boden bereitet man auch aus Pappe und legt ihn auch mit fünfzehnfachem Zeitungspapier aus. Der Pappe- Bylinder muß mindestens fünfzehn Zentimeter höher sein wie der Topf, den man Nr. 4 Die Gleichheit der öffentlichen Frauenversammlungen sein, in denen die geschulten Genossinnen Gelegenheit haben, sich eifrig an der Aussprache zu beteiligen. Als Referenten für die Diskussionsabende kommen die Genossen und Genossinnen in Betracht, die in einem der Fächer besonders eingearbeitet sind oder in den einschlägigen Kommissionen der Stadtverwaltung sitzen. Die Redaktion der„ Schwäbischen Tagwacht" wurde gebeten, öfter Artikel zu bringen, welche die Frauen besonders interessieren. Unsere Vertreter in der Stadtverwaltung wurden ersucht, soviel wie möglich Parteigenossinnen zur Mitarbeit in der Gemeinde heranzuziehen, für die in den Diskussionsabenden die Grundlagen geschaffen werden. Wenn wir auf diese Weise für die Frauen und mit ihnen arbeiten, hoffen wir, sie dem Sozialismus zu gewinnen, der ihre Interessen am besten vertritt. Anna Blos. m. Eine Frauenkonferenz für das westliche Westfalen tagte am 4. November in Dortmund. Die Beschickung hätte eine bessere sein können. Leider mußte berichtet werden, daß in allen Kreisen des Bezirks ein erheblicher Rückgang der Zahl der politisch organisierten Frauen eingetreten ist; er bewegt sich zwischen 20 und 60 Prozent. Zweifellos ist die Hauptursache auf die während des Strieges bisher unterlassene Werbearbeit zurückzuführen. Den Bericht von der ReichsFrauenkonferenz gab Genossin Schulz( Witten). Im Anschluß daran sprach Reichstagsabgeordneter M. König( Dortmund) zu der Frage " Mutter und Kind". Aus der riesigen Zunahme der Frauenarbeit leitete er die Forderung eines besseren Schutzes für werdende Mütter und die Kinder der Arbeiterinnen ab. Die Aussprache war recht rege. Mit den Verhandlungen und Beschlüssen der Reichskonferenz war man allseitig einverstanden. Lebhaft beklagt wurde, daß in den meisten Orten des Bezirks die Frauen weder zu den Kriegsfürsorgeorganisationen noch zu den Lebensmittelfommissionen hinzugezogen worden sind. Wie ein Genosse mitteilte, hat es schwer gehalten, die Heranziehung von Arbeitern durchzusetzen. Die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Frauenorganifationen wurde im allgemeinen als notwendig erklärt, doch wurde auch ein Fall angeführt, daß dort die proletarischen Frauen offenbar nur für die eigentlichen Arbeiten genehm wären. Es handelte sich dabei um die Errichtung eines Kinderhorts. Bei den Vorberatungen erklärte ein stellvertretender Landrat, daß als Leiterinnen nur Frauen aus„ besseren" Kreisen in Betracht kämen! Eine Arbeitertochter, die sich infolge einer öffentlichen Aufforderung als Helferin hatte ausbilden lassen wollen, wurde zurück= gewiesen! Vielfach ist von bürgerlichen Frauenorganisationen versucht worden, die weibliche Arbeiterjugend zu gewinnen. Es wurde darin unterbringen will. Dann überkleidet man das ganze mit Stoff; innen tut man Futter hinein. Der Stoff muß einige Zentimeter länger wie der Pappe- Zylinder sein. Die Verlängerung dient zum Verschluß. Man schließt den oben umgesäumten Stoff mit einer Schnur, die man wie beim Pompadour hindurchzieht. Wenn man das Essen morgens in dem Gefäß, das man in diese eben beschriebene Stochtiste hineinfegen will, auf dem Herd angekocht hat( natürlich bei festverschlossenem Deckel), tut man es schnell in diesen mit Stoff bezogenen Pappe- Zylinder. Dann legt man noch ein kleines mit Holzwolle gefülltes Kissen auf den Deckel, zieht die Schnur zu, und das Essen bleibt bis mittags heiß. Es kocht ruhig weiter fort. Das Zeitungspapier ist bekanntlich ein schlechter Wärmeleiter. Dieses verhindert das Abkühlen. Wenn das Essen auf dem Herd beim Kochen ungefähr hundert Grad angenommen hat, wird es in der Kochkiste vielleicht auf achtzig Grad herabsinken. Die unter dem Deckel während des Ankochens entwickelten Dämpfe behalten aber diese gleichmäßige Temperatur. Das Essen wird gar und bleibt heiß. Nur muß man stets darauf achten, daß über dem Eſſen immer noch ein leerer Raum bleibt. Der Topf darf immer nur dreiviertel voll sein, damit die sich entwickelnden Dämpfe Plaz darin haben. Bücherschau Berta Mardwald. Hermann Horn, Meer und Matrosen. Aus der Sammlung„ Die Feldbücher". Verlag von Egon Fleischel& Co., Berlin. Preis 1 Mt. Der Verfasser ist, wie er im Vorwort mitteilt, nach einer heißen Jugend, seinen inneren und äußeren Nöten in den Pubertätsjahren dadurch kurzerhand entronnen, daß er Schiffsjunge wurde und jahrelang auf Segelschiffen zur See fuhr. Jetzt schöpft er dichterisch aus jener bunten, sturmbewegten, abenteuerreichen Zeit; die vorliegenden Stizzen eilen wie leichte Kavallerie einem Seeroman, den der Versasser unter der Feder hat, voraus. Horn ist vielen Arbeitern und Arbeiterinnen nicht unbekannt. Sein Roman„ Der arme Buchbinder" ist in mehreren sozialdemokratischen Blättern abgedruckt worden. Die lebendige und dabei innerliche Darstellung, die seinen Roman zu 31 betont, daß die Förderung der Arbeiterjugendbewegung eine der wichtigsten Aufgaben der proletarischen Frauen sei. Am Schlusse der Besprechung kam eine Entschließung einstimmig zur Annahme, int der der Reichstag aufgefordert wird, den Arbeiterinnen- und Jugendlichenschutz unverzüglich wieder im alten Umfange einzusetzen, ihn nach dem Kriege wirksam zu erweitern und die Kriegswöchnerinnenunterſtügung zu einer allgemeinen Mutterschafts- und Elternversicherung auszubauen. Ebenso einstimmig protestierten die Versammelten gegen die Erhöhung der Großhandelszuschläge für Spätgemüse von 18 auf 80 v. H. durch die Reichsstelle für Gemüse und Obst und die dadurch herbeigeführte Belastung der großstädtischen Verbraucher. Den Schluß der Verhandlungen bildete ein Vortrag des Leiters der Dortmunder städtischen Säuglings- und Kinderfürsorge, Herrn Professor Dr. Engel, über„ Geburtenrückgang und Säuglingssterblichkeit", zu dem gewiß noch manches zu sagen wäre, was aber bei der vorgerückten Zeit nicht möglich war. Jedenfalls waren die Verhandlungen sehr anregend, und es ist zu hoffen, daß die allgemeine Erwartung in Erfüllung geht, nämlich daß diese Tagung die Werbearbeit unter den Frauen des Bezirks neu beleben und zu einem baldigen Aufschwung der Frauenbewegung führen möge. Eine Versammlung von Kriegerfrauen. Aus Werdau in Sachsen geht uns der folgende sehr lebendige und anregende Bericht zu, von dem wir hoffen, daß er auch in anderen Orten zu ähnlichen Veranstaltungen Anlaß gibt. Er zeigt, daß die Frauen in Massen in die Versammlungen strömen, wenn man ihnen von den Dingen spricht, die ihr ganzes Sein und Denken zurzeit in Anspruch nehmen. Am 16. Oktober hatte die Parteiorganisation Werdaus in Gemeinschaft mit dem Gewerkschaftskartell nach Leubniz eine Versamm lung der Kriegerfrauen einberufen, die außerordentlich gut besucht war. über tausend Teilnehmerinnen wurden gezählt. Der Referent, Genosse Röhle aus Plauen, erläuterte in leichtverständlicher Weise die Bestimmungen über die Kriegsfürsorge für die Familien der Kriegsteilnehmer und der Hinterbliebenen. Er konnte an der Hand eines umfangreichen Materials nachweisen, daß bei den fortgesetzten Preissteigerungen aller Lebensmittel und Bedarfsgegenstände die gezahlten Unterstügungssäge völlig unzureichend sind und erhöht werden müssen, wenn die Familien nicht der bittersten Not preisgegeben sein sollen. einer beliebten Lektüre machte, zeichnet auch seine Seestizzen aus. Sie haben dazu den Vorteil, daß sie Landratten mit dem Wesen des Meeres, mit seiner ruhigen Schönheit und seiner Poesie, aber auch mit seiner stürmischen Wildheit und Grausamkeit bekannt machen. Das Büchlein ist für Büchersendungen ins Feld sehr zu empfehlen. e. a. Richard Schiller, Vom Schreibtisch in den Krieg. Stizzen. Verlag von Osterroth& Co., Waldenburg i. Schl. Preis 40 Pf. Das kleine Büchlein vereinigt in schmucklosem Gewand eine Anzahl von Erlebnissen des Verfassers, der vom Redaktionstisch unseres Waldenburger Parteiblattes aus fort in den Krieg mußte. Schiller hat zahlreiche Kriegsschaupläße gesehen, stets mit den Augen des Sozialisten; wo es die Örtlichkeit ergab, wie in den flandrischen Städten, auch mit den Augen des Künstlers.( Schiller war früher Bildhauer.) Seine Schilderungen fesseln deshalb den Leser von der ersten bis zur legten Zeile. In schlichter Darstellung weiß er einfache Erlebnisse mit seinen Kameraden, mit der armen Bevölkerung der besetzten Gebiete, mit dem gefallenen Feinde auf die Höhe des Allgemeinerlebnisses zu heben. Bei dem billigen Preise ist es für jedermann erhältlich. * Eingegangene Schriften. hs. Sven Hedin, Bagdad- Babylon- Ninive". 165 Seiten, 26 Abbildungen( 16 Photographien, 10 Zeichnungen Hedins). Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig. Preis: Feldpostausgabe 1 Mt. Hermann Kranold, Arbeiterjugend und bürgerliche Ju gendbewegung. 16 Seiten. Verlag Jugendausschuß für die Chemnitzer Arbeiterjugend. Chemnik 1917. Preis geh. 30 Pf., in größeren Partien für Organisationen 20 Pf. zuzüglich Porto. Bruno Schönlant, In diesen Nächten", Gedichte. Verlag von Paul Cassirer, Berlin. Preis geh. 3,50 Mt., in Pappband 5 Mt. Mir oder Mich? Lern- und Nachschlagebuch für den Selbstunterricht in der deutschen Sprache. Leitfaden zum Gebrauch der Fürwörter. Leichtfaßlich dargestellt von Karl Mann, Lehrer. Verlag von L. Schwarz& Co., Berlin C 14, Dresdener Straße 80. Preis 1,25 Mt. 32 Die Gleichheit Die Diskussion war überaus lebhaft. Die Kriegerfrauen führten Klage darüber, daß sie bei der unzureichenden Unterstügung ge= zwungen seien, in die Fabrik zu gehen, um ihr Einkommen einigermaßen den steigenden Ansprüchen der Lebenshaltung anzupassen. Niemand kümmere sich um die Not der Kriegerfamilien, ob sie im Elend verkommen, langsam verhungern oder dem Verbrechen in die Arme getrieben würden. Sobald aber eine Kriegerfrau zur Erhöhung ihres Einkommens Fabrikarbeit annehme, trete sofort der Beamtenapparat in Tätigkeit, um ihr zu beweisen, daß nun bei einem Verdienst von 12 bis 14 Mark die Woche Bedürftigkeit nicht mehr vorliege. Die Unterstüßung wird ihr dann gekürzt oder ganz entzogen. Wohlgemerkt: nur den Kriegerfrauen der Arbeiterschichten. Den sogenannten„ besseren" Frauen der Beamten und Angestellten, die neben ihrer Kriegsunterstützung einen erheblichen Teil, in vielen Fällen sogar das volle Gehalt ihres eingezogenen Mannes erhalten, von denen verlangt man nicht, daß sie sich den Zeitverhältnissen anpassen. Dort hält man Bedürftigkeit" für vorliegend und zahlt die Kriegsunterstützung weiter. Nur den Arbeiterkriegerfrauen, die sich ihren Lebensunterhalt bei der unzureichenden Unterstüßung ver dienen müssen, werden immer wieder Sparvorschriften gemacht. Nachdem die Kriegerfrauen ihrem gepreßten Herzen Luft gemacht hatten, nahm die gegenwärtig mit der Leitung der Geschäfte der Werdauer Textilarbeiter betraute Genossin Marie Hegen das Wort, um in längeren Ausführungen darauf hinzuweisen, daß die Frauen zu einem erheblichen Teil selbst Schuld daran hätten, daß die Zustände jetzt so unbeschreiblich traurige sind. Hätten sie sich früher schon um die politischen Verhältnisse gefümmert, hätten sie den jahrzehntelang an sie gerichteten warmen und eindring lichen Ermahnungen der Partei- und Gewerkschaftsführer Gehör geschenkt, wären sie dem Ruf, sich starken, festgefügten Organi sationen anzuschließen, gefolgt, so würden sie jetzt nicht so unsagbar viel zu leiden haben. Aber leider sei bisher alles an ihrer Interesselosigkeit abgeglitten. Die Zustände würden auch nicht besser werden, wenn nicht alle Frauen zur Einsicht kommen, daß nur durch Zusammenschluß Besserung herbeigeführt werden kann. Die Rednerin konnte an der Hand von Wirtschaftsrechnungen von Kriegerfrauen nachweisen, daß bei einer Unterstügung von 37 Mt. für die halbmonatliche Unterstützungsperiode die Ausgaben 56,53 Mt. betrugen, obwohl die Familie das Essen aus der allgemeinen Speiseanstalt entnahm. Die den Familien zustehenden rationierten Lebensmittel konnten von den Frauen nicht getauft werden, jede Ausgabe für Vergnügen oder geistige Anregung ist- unmöglich. Und trotz alledem bei 37 Mt. Unterstüßung eine Ausgabe von 56,53 Mt., also 19 Mt. Schulden, die von der nächsten Unterstützung abgezogen werden. Ist es da verwunderlich, wenn die Frauen alle Ratschläge, ihren Männern nicht von der häuslichen Not zu berichten, außer acht lassen und doch einmal ihren Kummer mitteilen? Muß es den auf gefährlichen Posten ausharrenden Mann nicht maßlos erbittern, daß für das schwere Opfer der Pflichterfüllung, das er dem Vaterland bringt, seine Familie daheim bittere Not leiden muß? Solche Zustände sind unhaltbar und müssen beseitigt werden! Die Unterstügungen müssen erhöht werden und die Androhung der Unterstüßungsentziehung bei Aufnahme von Eriverbsarbeit muß unterbleiben. Auch in Zukunft werden die Verhältnisse für die Arbeiterklasse nur bessere werden, wenn die Frauen sich mit der Politik vertraut machen, sich politisch betätigen, sich das Wahlrecht erkämpfen, das man ihnen freiwillig nicht geben will. Sie müssen danach trachten, für die Pflichten, die sie vor dem Kriege, mehr noch während des Krieges erfüllt haben, auch Rechte fordern. Sie müssen Mitglied der Partei und Gewerkschaften werden. Die Rednerin empfahl die Gleichheit" und die Arbeiterpresse für jeden Arbeiterhaushalt und forderte auf, die„ Gleichheit" recht aufmerk sam zu lesen, um die notwendigen Lehren daraus zu ziehen. Nach Schluß der Versammlung konnte die Rednerin 25 Bestellungen auf die„ Gleichheit" entgegennehmen, weitere sollen folgen. Aus der bürgerlichen Frauenbewegung Ein geharnischter Protest. Die bekannten Führerinnen der bürgerlichen Frauenbewegung Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann richten an die Mitglieder des Reichstags ein Schreiben, in dem sie sich in kräftigen Worten mit der Mehrheit des Verfass sungsausschusses auseinandersetzen, die bekanntlich das Frauenwahlrecht abgelehnt hat. Ein Versuch der gesamten politischen Frauenorganisationen, auf einer öffentlichen Versammlung in Berlin zu protestieren, ist sonderbarerweise vom Oberkommando und vom Berliner Polizeipräsidium vereitelt worden. Man fragt erstaunt, was für Sicherheits" gründe dazu Veranlassung gegeben haben. Der Protest der beiden Frauen beruft sich auf die außerordentlichen " Nr. 4 Leistungen der Frauen im Kriege. Wo nur ein Posten vom Manne verlassen werden mußte, waren die Frauen zur Stelle. Und das alles in einer Zeit der Unterernährung und der seelischen Not. Während aber in andern Ländern die Mehrheit der Männer sich nicht mit faden Lobsprüchen begnügt, sondern den Frauen die ihnen gebührenden Rechte mehr oder weniger einräumt, erklären deutsche Parlamentarier, die Frage des Frauenstimmrechts sei eine offene, die Frau gehöre nicht in die Öffentlichkeit, man dürfe sie nicht auf den Markt des öffentlichen Lebens zerren(!), politische Rechte führten nur dahin, daß die Frauen ihre Familienpflichten verlegen". Männer, die solche Behauptungen aufstellen, liefern dadurch den Beweis, daß es ihnen vollständig an Kenntnis der Sache mangelt. Sie bringen abgebrauchte Gemeinpläße und nachweisbare Unrichtigkeiten vor über eine der wichtigsten staatsrechtlichen Zukunftsfragen; den deutschen Frauen ist jedoch jede Möglichkeit genommen, öffentlich dagegen zu protestieren und die Irrtümer zu widerlegen. Solche Zustände gemahnen an Zeiten des russischen Zarismus, sind eines Staates unwürdig, welcher sich andauernd rühmt, das demokratischste Wahlrecht der Welt zu besigen.„ Das Votum des Verfassungsausschusses hat die gesamte deutsche Frauenwelt als schneidende Verlegung empfunden, es steht zudem in Widerspruch mit zahlreichen Entschließungen und Programmforderungen einzelner Parteien. Die deutschen Frauen erwarten daher von der Mehrheit des Reichstags, daß sie dafür Sorge tragen wird, daß bei den bevorstehenden Verfassungsänderungen die Frauen nicht länger den Ehrlosen und Unmündigen zugezählt werden, sondern daß ihnen die längst geforderten politischen Rechte endlich zugestanden werden. Sie erwarten außerdem, daß der Reichstag durchgreifende Maßnahmen trifft, die der deutschen Bevölkerung, Männern und Frauen, endlich das ungestörte Versammlungsrecht zur Vertretung ihrer politischen Interessen wieder sichern." Kleine Mitteilungen. Fräulein Dr. Marie Elisabeth Lüders, die nach ihrer im Dienste des Generalkommandos in Belgien geleisteten sozialen Hilfsarbeit ins Kriegsamt berufen und mit der Organi sation der Frauenarbeit in Deutschland betraut war, hat einen Ruf als ordentlicher Professor für Sozialpolitik an die neugegründete Leopolds- Akademie in Detmold erhalten. Der Obertirchenrat hat Fräulein Oberbach aus Köln nach Ablegung beider geistlichen Prüfungen für die weibliche Seelsorge verpflichtet, die sie vorerst in Kliniken mit weiblichen Insassen ausüben wird. Außerdem soll sie Religionsunterricht erteilen. In Neuß ist einer Lehrerin, die die Rektorinprüfung abgelegt hat, die Leitung einer staatlichen Mädchenschule übertragen. Zunt Rechtsanwalt beim Obergericht wurde vom dänischen Justizministerium die Kandidatin Emilie v. Buchwald ernannt. Die Anwaltschaft beim Obergericht bedeutet eine höhere Rangstufe, auf der nur vom Minister gewählte Anwälte zugelassen werden. Eine Stiftung für mittellose uneheliche Mütter in Höhe von 150000 Stronen hinterließ bei seinem Tode ein schwedischer Großkaufmann in Stockholm. Die Frau im Beruf TI Frauen als Heizer. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat angeordnet, daß jetzt eine genügende Anzahl von Frauen auch im Lokomotivheizdienst ausgebildet werden, damit die männlichen Heizer zu Arbeiten im Werkstättendienst Verwendung finden können. Die Frauen dürfen jedoch nur im Verschiebdienst, wo eine Gefährdung des Betriebes nicht zu befürchten ist, beschäftigt werden. Auch ist gegebenenfalls durch Verkürzung der Dienstpflichten und beson ders sorgfältige Auswahl der weiblichen Sträfte dafür zu sorgen, daß eine gesundheitliche Schädigung der Frauen vermieden wird. 4,6 Millionen Arbeiterinnen in Deutschland. Die Flut der weiblichen Arbeitskräfte im deutschen Wirtschaftsleben schwillt un aufhaltsam an und verstärkt mit jedem Monat die überragende und beherrschende Stellung der Frauenarbeit. Im Januar 1917 zählten die Krankenkassen 3948 349 weibliche Mitglieder, im Februar 4211333, März 3990262, April 3667749, Mai 4593482 und im Juni 4600 651. Bei erheblichen Schwankungen von Monat zu Monat waren im Juni 653000 Arbeiterinnen mehr beschäftigt als im Januar. Von den 4600 651 Arbeiterinnen im Juni waren 2831809 in Gewerbe und Industrie, 627405 in der Land- und Forstwirtschaft, 633 125 in der Hauswirtschaft und der Rest in der Hausindustrie usw. beschäftigt. Gegenüber dem Monat Januar ist die Frauenarbeit in allen Berufsgruppen gewachsen. Im Januar waren noch 10050 mehr männliche als weibliche Arbeiter vorhanden, im Juni umgekehrt 154518 mehr Arbeiterinnen als Arbeiter. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marte Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.H. in Stuttgart.