Nr. 10 A. g. XIII 28. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Vom Krieg zum Frieden. Stuttgart 15. Februar 1918 Es ist ein unsäglich mühseliger und dornenvoller Weg, den der kommende Frieden zurückzulegen hat, bevor er an sein Ziel gelangt. Wir befinden uns jetzt in der Übergangszeit vom Krieg zum Frieden. Noch rast der Krieg in seiner unbändigen Weise; wenn es nach den Wünschen bestimmter Personen und Kreise gehen sollte, so würde er auch vorläufig noch ungehemmt weiterwüten, ja, er würde in den nächsten Wochen und Monaten Formen annehmen, gegen die alle bisherigen größten Schlachttage und Stürme verblassen müßten. Hunderttausende blühender Menschenleben würden die beklagenswerten Opfer der auf beiden Seiten vorbereiteten Frühjahrsschlachten sein. Aber auch der Friedensgedanke hat an Stärke gewonnen. Vor einem Jahre war er zum ersten Male wie eine verschüchterte Taube aufgeflattert. Millionen friedenssehnsüchtige Menschen begrüßten ihn jubelnd, aber sie trugen betrübt ihre voreiligen Hoffnungen zu Grabe, als sie nach kurzer Zeit nichts mehr von Frieden, um so mehr dagegen vom wilden Kriegsgetümmel hörten und fahen. Doch der Friedensgedanke gewann an Stärke von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Die Stockholmer Verhandlungen, die Reichstagsresolution vom 19. Juli, die Papstnote, vor allen Dingen aber die russische Revolution in ihrer lezten Phase, die die Bolschewiki zur Macht brachte, alles trug neben den dauernden Ursachen der Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht, wie sie aus dem unendlichen Elend der Kriegswirkungen, dem Meer von Blut und Tränen, der nagenden Sorge um das tägliche Brot un erschöpflich herausquellen, dazu bei, den Friedensgedanken aus einem ersten schüchternen Hoffnungsstrahl immer mehr zu einem leidenschaftlich gewollten und mit allen Mitteln erstrebten Ziel der gequälten Menschheit zu machen. Man täusche sich nicht darüber: auch in den anderen Ländern ist die Sehnsucht nach dem Frieden nicht minder groß wie bei uns. Und warum trotzdem kein klar erkennbarer Schritt zum Frieden? Nun, es sind diese Schritte eben nur nicht klar erkennbar, vorhanden aber sind sie auch drüben. Bei den Völkern jenseits der Schützengräben sieht es anders aus als vor einem Jahre oder gar als vor zwei und drei Jahren. Auch dort sind die Menschen unruhig und können nur durch immer neue Mittel mit Mühe beruhigt werden. Ebenso hat sich bei den feindlichen Regierungen der Ton geändert. Man verzichtet auf die wüsten Schimpfereien, man verdichtet die Kriegsziele aus dem verwirrenden und aufreizenden Nebel überspannter und unmöglicher Forderungen zu bestimmteren, fester abgegrenzten Zielen, über die sich bei beiderseitigem guten Willen schon im Wege der Verhandlungen reden lassen würde. Dennoch wollen die Verhandlungen nicht recht in Gang kommen. Und auch dafür gibt es Erklärungen. Wie schwer fällt es schon bei zwei Freunden, die sich auf Leben und Tod verfeindet haben, die Brücke zur Verständigung zu finden! Welche Mühe wird es kosten, die feindlichen Parteien der Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplay 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. deutschen Sozialdemokratie wieder zu gemeinsamer Arbeit zu vereinen, obwohl sie doch im Ziel einig sind! Wie völlig unmöglich scheint die Erfüllung dieses Wunsches zurzeit noch! Da möge man sich nur einmal vergegenwärtigen, um wie unendlich viel schwieriger das Friedenswerk erscheinen muß, das diesen unseligen, fürchterlichen Weltkrieg beenden soll! Wie erbittert sind die Staaten aufeinander! Welche Berge von Gegensägen, Böswilligkeiten, Mißverständnissen türmen sich zwischen ihnen auf! Wo bietet sich in diesem Labyrinth von Trümmern, Leichenbergen, Feindseligkeiten, Lügenhaftigfeiten das rettende Garn, das den Weg ins Freie und zum Frieden führt! Und doch wird der Weg gefunden werden! Wir sprachen von der Feindschaft zwischen zwei Menschen. Der große englische Dichter Shakespeare schildert in seiner düsteren Liebestragödie„ Romeo und Julia" einen solchen erbitterten Streit zweier Familien. Der Streit findet ein schnelles Ende, als die beiden Liebenden aus den verfeindeten Häusern als Leichen vor den Füßen der streitenden Familienväter liegen. Da reichen sich in tiefer Erschütterung Montague und Capulet über die Leichen hinweg die Hände zum Frieden. Große Erschütterungen, größere, als sie der Streit selber mit sich bringt, vermögen oft den Weg zum Frieden zu erzwingen, wenn er auf keine andere Weise gefunden werden kann. Es scheint, als ob auch aus dem Chaos des Weltkrieges keine andere Lösung hinausführt, wenn die verantwortlichen Stellen in allen Ländern nicht bald ihrerseits die erlösenden Worte finden. In Rußland haben wir bereits den völligen Zusammenbruch, ein wildes Durcheinander, den Kampf aller gegen alle. Der Krieg nach außen hat damit für Rußland ein schnelles Ende gefunden, es war sofort zum Frieden bereit. Als die Friedensverhandlungen mit den Mittelmächten an eroberungssüchtigen Bedingungen der Sieger zum ersten Male zu scheitern schienen, erhoben sich die österreichischen Arbeitermassen wie ein Mann und verlangten und erlangten in kürzester Frist von ihrer Regierung Sicherheiten dafür, daß sie den Frieden mit allen Kräften wünsche und herbeizuführen bestrebt sein werde, ohne sich dabei von irgendwelchen Eroberungsabsichten leiten zu lassen. Zur Zeit, da wir diese Zeilen schreiben( Ende Januar), durchzittert ganz Deutschland der erste Stoß eines gewaltigen inneren Erdbebens, das sich aber dadurch von natürlichen Erdbeben unterscheidet, daß es nicht blindlings und zügellos wütet. Die großen Streiks, die über Nacht, elementar, wie eine Naturgewalt, überall in Deutschland ausgebrochen sind, wollen den festen Willen der deutschen Arbeiter bekunden, daß sie an ihrem Kriegsziel: der Aufrechterhaltung eines freien, selbständigen, in seinem Besißstand unversehrten, in seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsfreiheit ungehinderten Deutschland nicht rütteln lassen wollen. Sie wollen nicht weniger als dies, sie haben über dreieinhalb Jahre die größten Opfer und Entbehrungen dafür gebracht. Aber sie wollen auch nicht mehr! Sie wollen 74 Die Gleichheit keine Eroberungen irgendwelcher Art, sie wollen keine Fortsetzung des entsetzlichen Blutvergießens um irgendwelcher Kriegstreibereien willen, sie wollen fein innerlich unfreies und gebundenes Deutschland! Mit der Ruhe und Beherrschtheit, die Deutschlands difzi plinierte Arbeiter auszeichnet, ist die Streifbewegung bisher fast überall verlaufen. Es hängt von den verantwortlichen Männern der Regierung ab, daß es dabei bleibt, und daß die Bewegung dadurch zu einem Hebel des Friedens wird. Endet sie so ruhig, sicher und beherrscht, wie sie begonnen hat, so wird sie die deutsche Kampffähigkeit und Verteidigungsfraft nicht lähmen, wohl aber wird sie aufrüttelnd auf die Arbeiter in den feindlichen Ländern wirken, auf daß auch diese ihre Regierungen friedensbereit machen. Wahrlich, es sind in diesem blutigsten und grausamsten aller Kriege genug Opfer an Menschen und Menschenglück gebracht worden, Millionen von jugendfrischen Romeos in allen Ländern sind gefallen, Millionen von Julias beweinen den frühen Tod des Liebsten, das sie auf der Welt hatten. Mögen die großen Kulturvölfer vor noch größeren und opferreicheren Erschütterungen bewahrt bleiben! An Michel. Willst du deinen Junkern behagen, So mußt du dich also betragen: 3m Frieden stets wacker dich plagen Jm Kriege stets wacker dich schlagen, Viel tragen und vielem entsagen, Nichts wagen und nie was abschlagen, Nie fragen, versagen, noch lagen, Beim Geldgeben niemals verzagen Und all deine Wünsche vertagen: Dann hast du nichts weiter zu sagen. Adolf Glasbrenner. Eine berechtigte Frage. An den Vorstand des neugegründeten Volksbundes für Freiheit und Vaterland hat der deutsche Frauenausschuß für dauernden Frieden die folgende Anfrage gerichtet: ob der Volksbund gewillt ist, bei seinen Bestrebungen für„ inneren Neuaufbau von Freiheit, Glück und Ansehen des Vaterlandes" der rechtlichen und politischen Freiheit der Frauen zu gedenken und die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau im Reich und in den Bundesstaaten ernstlich und wirkungsvoll zu fördern? In der Begründung der Anfrage heißt es:„ Die Fragesteller beabsichtigen keineswegs, dem Volksbund gleich zu Beginn seiner Tätigkeit das Hemmnis eines verwirrenden und belastenden Problems auf den Weg zu legen, sie sind aber der überzeugung, daß in der augenblicklichen Zeitlage ein Kulturvolt, das aufwärts- und vorwärtsstrebt, der Stellungnahme zur politischen Frauenfrage nicht ausweichen kann.... Während das ganze deutsche Volk sich soeben aufrafft, um den Abstand auszugleichen, der auf politischem Gebiete ſeinen Einfluß auf den Staat von dem der westlichen Nationen unterscheidet, während unsere Regierung unter dem Druck des fest betonten Volkswillens einer Demokratisierung und Parlamentarisierung unseres Verfassungslebens sich unterwirft, sind wir zugleich im Begriff, auf einem anderen Felde der Politik uns wiederum von den Westmächten überholen zu lassen und eine neue Rückständigkeit gegenüber ihrem Fortschritt zu schaffen, nämlich in bezug auf die Frauen. Die politische Emanzipation der Frauen ist mehr als eine formelle Maßregel, sie bedeutet eine Wesensänderung des Staatslebens, und diejenigen Großstaaten, welche sie einführen, werden aus ihr tiefgreifende Reformen, eine Verjüngung ihrer Kultur und einen wesentlichen Fortschritt hervorgehen sehen, das beweisen die Tatsachen in den wenigen Nr. 10 Staaten, in denen das Frauenstimmrecht bereits zur Wirkung gelangt ist. Wir lenken die Aufmerksamkeit des Volksbundes auf alle diese Momente, wenn wir ihm empfehlen, bei seiner ferneren Tätigkeit sein Programm auch hinsichtlich der Frauen zur folgerichtigen Durchführung zu bringen." Wir sprechen die Erwartung aus, daß der Volksbund auj diese berechtigte und wohlbegründete Anfrage in Bälde eine zufriedenstellende Antwort gibt. Opfertage. Von Schwester Lydia Ruehland. Die Sammlung„ Deutschlands Spende für Säuglings- und Kleintinderschutz" scheint in den meisten Orten abgeschlossen; die Erträge finderschutz" scheint in den meisten Orten abgeschlossen; die Erträge sind übersehbar. Im Königreich Sachsen sind 650000 Mark eingegangen, das ist, an der Höhe der Aufgaben gemessen, beklagenswert wenig. Was wird man von diesem Betrag unternehmen können? Wird er in die Länge gezogen, so versickert er wie Wasser im Sande, wird er konzentriert auf die größeren Städte, verpufft er wie der Tropfen auf glühender Platte. Die Not ist zu groß. Vielleicht war die an und für sich ganz reizende Postkarte, von der Hand des Kindermalers Professor Zumbusch entworfen, für den. gedachten Zweck teine glückliche Wahl: eine blühende junge Mutter, zwei frische Kinder im Arm ein Bild kompletten Mutterglücks. Jeder sah es, freute sich, daß es dieser Mutter augenscheinlich sehr wohl zumute war- und geht weiter. Aber die gedankenträge Menge muß gepact, geschüttelt, bis in die Tiefen aufgewühlt werden, wenn etwas dabei herausspringen soll. Hier hätte die Kunst einer Käthe Kollwig die rechten Effekte erzielt. Was diese Frau mit oft wenigen Strichen an Leiden und Elend auszudrücken vermag, das packt, das greift wie mit unsichtbaren Händen nach dem Herzen. Als Frau eines Arztes vermochte sie das Armeleutelend an der Quelle zu studieren. Ihre rachitischen Kindergestalten mit den entseglichen Quadratschädeln" find echt und wahr, sind nichts Nachempfundenes. Sie sind haufenweise anzutreffen dort, wo die Leute wohnen mit den vielen Kindern, eng beieinander in niedrigen, schlechtgelüfteten, vollgestopften Stuben, in den finsteren, schmugigen Höfen, in den trostlosen Winkeln der Großstädte. " In diese Kreise dringt jegt ein lichter Hoffnungsstrahl: mau hat gesammelt für ihre Kinder, im ganzen Reiche sind die Gaben ge= flossen an drei Tagen, damit etwas getan" werden soll an den Kindern. Und was soll man nun den Müttern sagen? Täglich fragen sie. Wie soll man ihnen beibringen, daß nun sicher erst eine Anzahl Posten geschaffen werden, die das Geld richtig zu verwalten und zu verteilen haben. Es müssen Hunderttausende von Fragebogen" gedruckt und aufgelegt werden diese ominösen Fragebogen! Wo bloß das Papier immer herkommt für dies überflüssige Schreibwerk! Dann wird wieder eine Zeit vergehen, ausgefüllt mit den üblichen Erhebungen". Als ob das Kinderelend nicht schon laut genug spricht! Angesichts der großen Not an allen Ecken und Enden vermag man " " sich wohl vorzustellen, wie viele Hände sich bittend ausstrecken, in wieviel Augenpaaren Hoffnung glimmt nach Deutschlands Spende", die leider nicht gehalten hat, was man sich von ihr versprechen mußte. Ja, mußte! Man spricht soviel von den Kindern als dem„ köst lichsten Gut", der Zukunft des Voltes". Diejenigen, welche den Vorteil des Bevölkerungszuwachses Deutschlands in diesem Kriege genießen, selber aber daheim bleiben und Reichtümer anhäufen konnten, haben bei dieser Spende bestimmt nicht ihre Schuldigkeit getan. Sonst wäre das Resultat ein anderes gewesen. Nun wird manches unterbleiben müssen. Der krasse Egoismus machte einen dicken Strich durch die Rechnung. Mußte nicht wenigstens in Sachsen mit seiner starken Kriegsindustrie und ihren Riesenprofiten eine Milliarde mindestens zusammenkommen? Was sind 650000 Mari? Wir suchen sonnige Waldpläge, wo wir Baracken aufstellen und kleine Kinder in großer Zahl hinausgeben wollen. Für die Größeren wird leidlich gesorgt. Aber die Kleinen im Alter von 2 bis 6 Jahren, die in Heime nicht aufgenommen werden, weil sie noch nicht stubenrein" sind und zu viel Mühe machen, diese Kleinen, bei denen sich das ganze harte Kriegselend auf den Gesichtern widerspiegelt und im mangelhaften Bau der Glieder, die anmutig sein sollen, statt dessen krumm und ungraziös die Körperchen verunstalten. Diese Kleinen sollten in Massen ins Licht, an die Sonne und so schnell als möglich, damit den Schäden wirksam die Spitze genommen wird denn zurzeit kann„ Deutschlands Reichtum" nicht an die köstliche flare Winterluft weil die Mütter kaum Sachen haben, ihre Blöße zu decken, sie müssen die Kleider auftragen, bis sie in Atome zer Nr. 10 Die Gleichheit flattern, und so bleibt nichts für die Kinder. Des Volfes„ Reichtum" fann nicht an die Luft, es fehlt am Nötigsten, an den Kleidchen und Kittelchen, derweil werden Milliarden um Milliarden aufgebracht für die Zerstörung! Deutschlands Opfertage haben gezeigt, was wir freilich längst wissen: daß die heilige Einheit Mutter und Kind für weite Streise fremde, fernliegende Begriffe find. Auf den Opfersinn seiner Bürger darf sich der Staat nicht verlassen, eher geben die Armsten selber einmal ihre Scherflein zum guten Wert. Den Frauen ist wieder einmal klar die Probe aufs Erempel gegeben worden, daß sie sich nicht auf private Wohltätigkeit stüzen dürfen. Sie müssen fordern, was ihr gutes Recht ist: Anteilnahme der Allgemeinheit an ge= sunden, leistungsfähigen Menschen auf dem Wege sozialer Gesetzgebung. Die Fabrikpflegerin.* Zur Frage der Fabrifpflegerinnen, die zur Beseitigung der Arbeitshemmnisse der Arbeiterinnen von den Frauenreferaten der Kriegsamtsstellen eingestellt werden, ist in Nr. 2 und 5 der„ Gleichheit" schon Stellung genommen worden. Genossin Hanna hat in Nr. 2 die Frage kritisch beleuchtet und darauf hingewiesen, zu welcher Gefahr die Einrichtung der Fabrikpflegerinnen bei den gegenwärtig bestehenden Verhältnissen für die Gewerkschaften werden kann. Trotz aller Stritik sprach aber aus den Ausführungen soviel praktische Sachkenntnis, daß es einigermaßen überraschen muß, wenn die Redaktion der„ Gleichheit" die Auffassung vertritt, Schwester Ruehland trete der Frage erst vom Standpunkt der unmittelbaren Praxis näher. Wohl spricht aus Schwester Ruehlands Darlegungen das Bestreben einer warmherzigen Frau, die versuchen möchte, die Nöte der arbeitenden Frauen und Mütter zu lindern. Aber die Praxis gestaltet sich doch wesentlich anders. Will man praktisch an die Frage herantreten, so hat man doch wohl zunächst ins Auge zu fassen, welchen Nutzen können die Arbeiterinnen davon haben und kann es Aufgabe der Gewerkschaften sein, im Interesse der Arbeiterinnen diese Einrichtung zu fördern? Diese Frage bedarf erst einer recht eingehenden Prüfung. Zunächst trifft es durchaus nicht zu, daß sich die Unternehmer der Erkenntnis Zu dieser wichtigen Frage sind uns noch einige Artikel zugegangen, die wir in ihren wesentlichen Teilen in einer der nächsten Nummern zu veröffentlichen beabsichtigen. Feuilleton Red. Schilt auf dein Vaterland, du edler Denker, nicht! Ist's nicht nach deinem Sinn ein Ländchen auf der Erde, So mach' es dir zur Pflicht, Zu sorgen, daß es eins nach deinem Sinne werde! Fröschle. Gleim. [ Nachbruck verboten.] Aufzeichnungen eines Vaters. Bon Karl Bröger. Fröschle, sein Name und sein Tagewerk. Eigentlich heißt er Christian Friedrich und ist gar kein Frosch, son dern ein schlankes, rankes Kerlchen von heute beiläufig fünf Jahren. Zu dem Namen„ Fröschle" ist er gleich nach der Geburt gekommen, auf jene niederträchtige Weise, die einem Menschen Spignamen verschafft. Als Fröschle nämlich einige Tage da war und sein Vater ihn zum erstenmal richtig betrachten konnte, stand der Vater verlegen und nachdenklich vor dem rosigen Bündel, strich behutsam durch das schüttere Haar des Neugeborenen und wußte, während er sich hilflos den Nacken fraulte, nichts Besseres zu sagen als„ du Fröschle!" Damit war das Kind getauft, und nur, weil Fröschle doch kein Name für einen anständigen Menschen ist, gab man dem Kleinen später noch die beiden Vornamen Christian Friedrich. Fragt man heute den Vater, wie er zu seinem sonderbaren Ausruf und Vergleich gekommen ist, so weiß er das selbst nicht. Der Name war aber einmal da und wurde auch gleich in seiner richtigen Bedeutung von allen verstanden, die um die Geheimsprache der Liebe wissen. Von jener Zeit, die den Namen Fröschle geprägt hat, will ich nun erzählen. Es ist ein ganz wundervoller Zustand, der eigentlich für jeden Menschen aufgezeichnet werden müßte dieses Keinien und Sprossen eines neuen Lebens. Wenn einmal die Zeit kommt, wo dieser Zustand nichts mehr sein wird als eine schöne Erinnerungund Fröschle ist heute schon ein ganz ansehnlicher Frosch-, so kann 75 der Notwendigkeit, Fabrikpflegerinnen einzustellen, nicht mehr verschließen können". Im Gegenteil! Die Unternehmer werden immer nur dem Zwange der Gesetzgebung folgend solche Einrichtungen treffen, zumal sie ja die Fabrikpflegerin selbst bezahlen müssen. Und bis jetzt sind erst die staatlichen Munitions- und Rüstungsbetriebe gehalten, Fabrikpflegerinnen einzustellen. Die materielle Abhängigfeit vom Unternehmer macht die Stellung der Fabrikpflegerin zu einer sehr schwierigen. Sie soll Arbeiterinneninteressen wahrnehmen und wird doch nicht oder nur sehr schwer daran vorbeikommen, Unternehmerinteressen zu vertreten. Zu ihrem Aufgabenkreis gehört, daß sie neben der Beratung in Rechtssachen, Kontrolle der Wohmungen usw. ihre fürsorgerische Tätigkeit auch darauf zu richten hat, die bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen den Arbeiterinnen zu erschließen. Geht man die gemachten Vorschläge der Reihe nach durch, so wird ihre Unausführbarkeit jedem Kundigen sofort klar.„ Reine verHeiratete Arbeiterin sollte im Betrieb aufgenommen werden, wenn sie nicht den glaubhaften Nachweis erbringt, daß ihre Kinder wohl geborgen sind." Wird es in der Praxis auch nur einen Unternehmer geben, der diese Frage stellt oder nachprüft? Oder auch nur einen, der eine Arbeiterin erst dann einstellen wird, wenn die von ihm bezahlte Fabrikpflegerin die Kinder dieser Arbeiterin sachgemäß untergebracht hat? Dazu ist denn doch das Angebot weiblicher Arbeitskräfte zu groß und das Vorhandensein zweckentsprechender Einrichtungen zur Unterbringung von Kindern erwerbstätiger Frauen noch völlig unzulänglich. Auch mit der Reglung der Arbeitszeit beschäftigt sich Schwester Ruehland, doch läßt die Behandlung dieser Frage klar und deutlich ihre völlige Fremdheit in gewerkschaftlichen Dingen erkennen. Daß während des Krieges Frauen und Mädchen auch nachts arbeiten dürfen, scheint in Vergessenheit gebracht zu haben, daß Nachtarbeit weiblicher Arbeiter dank den unausgesetzten Bemühungen der Gewerkschaften vor dem Kriege gesetzlich verboten war und auch in Zukunft verboten bleiben muß, wenn nicht Raubbau mit der Boltskraft getrieben werden soll. Die Nachtarbeit will aber Schwester Ruehland auch für die Arbeiterinnen beibehalten wissen, da sie bei der dreiteiligen Arbeitsschicht Nachtarbeit für Arbeiterinnen vorsieht. Als Beispiel wird die Nachtarbeit der Krankenpflegerinnen herangezogen, wobei aber zu beachten ist, daß es sich beim Nachtdienst der Krankenpflegerinnen um Wartung und Pflege Kranker, also um die Erhaltung von Menschenkraft handelt. Bei der Nachtarbeit der Industriearbeiterinnen handelt es sich aber um die Steigesich der Held mit wehmütigem Vergnügen in eine Zeit zurückversetzen, die nie wiederkehren wird. Als Fröschle noch ein Vierzehntagsmenschlein war, sah er von der großen, schönen Welt nur ein winziges Eckchen. In einem Waschkorb, der auf zivei Stühlen stand, spielte sich der größte Teil seines Tagewerks ab. Sehr ernsthaft verfolgt Fröschle in seinem Waschkorb die Welt und ihr Treiben. Viertelstunden starrt er auf das Tapetenmuster, und die Stirnfalten sprechen von angestrengtem Nachdenken über Sinn und Zweck des Gesehenen. Die kleinen Fäuste, blaẞblauen Radieschen ähnlich, hat Fröschle gegen die Wangen gestemmnt. Behagen atmet jede Miene. Fröschle ist zufrieden und bescheinigt der Schöpfung durch sein Aussehen, daß er sie soweit ganz ge= lungen findet. Aber bald vollzieht sich eine Wandlung dieser freundlichen Weltanschauung. Zunächst recht der kleine Mann die Fäuste energisch gegen die Decke, fährt einigemal aus und runzelt mißbilligend die Stirn. Halb schließen sich die Augen. Dann prustet er heftig durch die Nase, und wunderbare Töne entquellen den verzogenen Lippen, ungeduldig, halb und halb wieder wehmütig. Einen Augenblick horcht Fröschle selbst überrascht auf die sonderbaren Geräusche, die er da erzeugt, dann ein Ruck! und noch einer. Aus dem nun weitgeöffneten Mund dringt gellendes Geschrei, mit bewundernswerter Lungenkraft angesetzt und nur durch die notwendigen Atempausen kurz unterbrochen. Jede Fiber des kleinen Körpers arbeitet und unterstützt die prachtvoll zornige Außerung eines Lebens von vierzehn Tagen. Die Mutter ist eben mit der Zurichtung des Bades beschäftigt. Sie nimmt den kleinen Trompeter auf und redet ihm zu in der lieben, unvernünftigen Weise des Mutterherzens. Doch Fröschle ist nicht zu überzeugen, und daß nun die Mutter den legten Grund ins Treffen führt, den Mütter immer haben, und das zappelnde Bündel abküßt, entrüstet ihn so, daß er ganz blau im Gesicht wird. Erst als die Mutter ihn hochnimmt, verebben die hochgehenden Wogen des Grimms; einige herzhafte Schluckser noch, und Fröschle ist wieder beruhigt. Die Augen werden hell und munter. Sie spenden nach einem Gewitter, bei dem es keinen Tropfen geregnet hat, aufs neue Sonnenschein. 76 Die Gleichheit rung des Unternehmerprofits auf Kosten der Gesundheit der Arbeiterinnen, also um sinnlose Verwüstung von Menschenkraft, die von den Gewerkschaften als Interessenvertretung der Arbeiterinnen immer auf das entschiedenste bekämpft werden wird. Die Durchführung des Achtstundentages ist jahrzehntelang Gegen stand gewerkschaftlicher Forderungen gewesen und wird es auch bleiben. Wohl ist die Arbeitszeit allmählich herabgesetzt worden, aber trotz der von Jahr zu Jahr wachsenden Macht der Getverkschaften ist die Einführung des Achtstundentages noch immer an dem Widerstand des die Gesetzgebung ungünstig beeinflussenden Unternehmertums gescheitert. Nun soll die vom Unternehmer bezahlte Fabrikpflegerin dahin wirken, daß der Achtstundentag eingeführt werde. Die einzelne Person soll erreichen, was der Macht der organisierten Arbeiterschaft bisher nicht möglich war. Wie hoch muß Schwester Ruehland den sozialen Reifegrad" der Unternehmer einschätzen, wenn sie sich solchem Optimismus hingibt! Es liegt int Wesen der fapitalistischen Gesellschaft, grundsätzlich allem, was der Arbeiterklasse zum Besten dienen kann, den heftigsten Widerstand entgegenzuseßen. Soll die Fabrikpflegerin den Arbeiterinnen wirklich nüßen und soll sie ihnen auch persönlich nähertreten, so ist unbedingte Voraussegung, daß sie aus dem Abhängigkeitsverhältnis zum Unternehmer herauskommt. Solange die Fabrikpflegerin bei den von Schwester Ruehland befürworteten Hausbesuchen die die persönliche Freiheit der Arbeitenden einengenden Wohlfahrtseinrichtungen der Unternehmer propagiert, den Arbeiterinnen die Selbstverständlichkeit der diesen zugemuteten niedrigeren Entlohnung zu beweisen versucht, wirkt sie im Interesse der Unternehmer. Auch in den Fällen, wo die Wirtschaft in ständiger Arbeit vom Hause ferngehaltener Frauen nicht ganz forrett befunden wird, diesen der Vorwurf der Faulheit gemacht wird, unt Rechtsauskunft nachsuchende Arbeiterinnen wegen Unkenntnis der Gesetzgebung nicht von der Pflegerin beraten werden fönnen, solange solches und ähnliches vorkommt, so lange wirkt die Fabritpflegerin schädigend für die Arbeiterinnen, die sie von der Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen Interessen abhält, womit sic dem Unternehmer den größten Dienst erweist. Für diese Art Betätigung der Fabritpflegerin liegen Beweise vor. So sieht jetzt die Braris aus. Soll es anders, besser werden, so muß die Tätigkeit der Fabrikpflegerin fest verankert sein im Arbeiterausschuß, dem auch Frauen angehören müssen. Von diesem hat sie Anweisung für die Ausübung ihrer Tätigkeit entgegenzunehmen, ihm hat sie auch Rechenschaft über ihre Tätigkeit abzulegen. Der Arbeiterausschuß Nun soll Fröschle gebadet werden, und gleich weiterleuchtet es wieder in seinem Gesicht. Das Ausziehen läßt er sich noch gefallen, obwohl auch das nicht ganz ohne unwilliges Grunzen abgeht. Zu mehr will er sich aber durchaus nicht verstehen. Die Beine dicht an den Leib gezogen, sucht er den weichen Griffen der Mutterhände zu entschlüpfen, und ein flehentliches Wimmern soll seine Überzeugung von der überflüssigkeit des Bades dartun. Weit geöffneten, schreckhaften Auges fühlt Fröschle das Wasser seinen Leib nezzen. Die Arme fuchteln nach einem Halt in der Luft, und die gebrechlichen Finger krallen sich mit der schwachen Kraft ihrer zwei Wochen in Mutters Morgenrod. In dieser Gebärde drückt sich die ganze Hilflosigkeit der armen Kreatur aus. Der schwerste Teil des Tagelverks ist für Fröschle überstanden, wenn ihn Mutter aus der Wanne hebt und in frische Tücher hüllt. Das bedeutsame Erlebnis des täglichen Bades hat bei Fröschle immer gleiche Wirkung. Wahrhaft rührend ist die Geduld, mit der er nun alles über sich ergehen läßt. Ist aber das letzte Band des Kissens über Fröschle geknüpft, so ist ihm auch schon die ganze Sicherheit seiner winzigen Persönlich feit zurückgekommen. In der Badewanne mag Fröschle nur ein Häuflein Hilfsbedürftigkeit sein, das an Mutters Morgenrock hängt: hier, in seinem Kissen ist er König, und nur ein Wille gilt in diesem Reich. Fröschle will trinken, und weil er nicht einsehen kann, warum das so lange auf sich warten läßt, schickt er eilends seinen Herold aus, der mit Fenfarengeschmetter fund und zu wissen tut. Ein Geschrei geht vor seinem Willen her und schlägt alle anderen Gründe fiegreich aus dem Feld. Auch Mutter beugt sich willig und legt Fröschle an. Die Arme untergeschlagen, den Kopf in die Mutterbrust gewühlt, zeigt Fröschle der übrigen Welt verächtlich die Kehrseite, ist ganz Hingabe und Andacht und durch nichts zu stören in seiner nahrhaften Tätigkeit. Seit es vorfam, daß Mutter einmal mitten im Stillen abgerufen wurde, vermerkt Fröschle Störungen höchst ungnädig. Denn damals geschah, worüber er heute noch im unflaren ift. Im eifrigen Suchen nach der versiegten Milchquelle erwischte da Fröschle die eigene Faust, über die er wie ein Verschmachtender Nr. 10 wird dann auch dafür sorgen, daß die Pflegerin an den gewerkschaftlichen Versammlungen teilnimmt, und wird zu verhindern wissen, daß die Pflegerin ihre Stellung mißbraucht, um die Arbeiterinnen von der Wahrnehmung ihrer gewerkschaftlichen Interessen fernzuhalten. Weitere Voraussetzung ist, daß die Pflegerinnen nicht, wie es jetzt geschieht, ausschließlich den bürgerlichen Gesellschaftsschichten entnommen werden. Gegenwärtig hat es fast den Anschein, als sei der Posten der Fabrifpflegerin nur geschaffen, un im Zeichen der Striegsarbeit fürs Vaterland" den jüngeren weiblichen Angehörigen der Bürgerschichten, die ja in großer Anzahl in den sozialen Frauenschulen vorgebildet werden, Stellen zu schaffen. Die vollständig unzulänglichen Ausbildungskurse für Pflegerinnen lehnen ja, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, die Aufnahme von Arbeiterinnen ab. Und doch hat jede Gewerkschaft mit zahlreichen weiblichen Mitgliedern einzelne, die auf Grund langjähriger Betriebserfahrungen soviel praktisches soziales Wissen erworben haben, wie es in feiner sozialen Frauenschule theoretisch erworben werden fann. Solche Arbeiterinnen werden sich im Interesse ihrer Kolleginnen schon deshalb besser betätigen können als die Angehörigen bürgerlicher Streise, weil sie das weitestgehende Verständnis für die sozialen Bedürfnisse der Arbeiterinnen haben. Besser auszubauende Ausbildungsfurse hätten dann die Aufgabe, diesen Arbeiterinnen die theoretische Einführung in die soziale Gesetzgebung und die Kenntnis über die bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen zu vermittel. So ausgerüstet, würden die praktisch erfahrenen Arbeiterinnen ebenso in ihren Aufgabenkreis hineinwachsen wie die nur theoretisch vorgebildeten Schülerinnen der sozialen Frauenschulen. Auch deren Wissen ist nur Stückwerk. Die Kriegsamtsstellen sollten also nicht sich zum Besuch des Kursus meldende Arbeiterinnen abweisen, weil sie die soziale Frauenschule nicht besucht haben, sie sollten sich besser mit den Vorständen der Gewerkschaften in Verbindung setzen, ehe sie ablehnen. Kommen diese dazu, Vorschläge zu machen, so ist die Gewähr gegeben, daß die Vorgeschlagenen sich soviel soziales Wissen erworben haben, um sich. nach Beendigung des Ausbildungskursus neben den Angehörigen bürgerlicher Schichten behaupten zu können. Die von allen Seiten beanstandete Unzulänglichkeit der Kurse hat aber schon einzelnen Korporationen, wie den konfessionellen Vereinigungen des rheinisch- westfälischen Industriebezirks, Gelegenheit gegeben, in noch schnellerem Tempo, also noch weniger gründlich als die Kriegsamtsstellen, für ihre selbstsüchtigen Zwecke Fabritpflegerinnen ausbilden zu lassen. Daraus ist schon ersichtlich, wozu die Einrichtung der Fabrifpflegerin mißbraucht wird. Es werden zahlherfiel. Aber trotz andauerndem Sangen gab die Faust nicht eint einziges Tröpflein Milch, was Fröschle derart verblüffte, daß er die Faust verächtlich wegschob und in ein sinnendes Brüten über die Unvollkommenheit der Welt verfiel. Von der Weisheit, im Genießen aufzuhören, wenn es am besten schmeckt, hält Fröschle gar nichts. Er hört erst auf, wenn selbst beim besten Willen nicht mehr abzusehen ist, wohin mit dem Segen, und ein ärgerliches Rülpsen unliebsam in die schmagende Seligkeit stößt. Erst jetzt hat Fröschle nichts mehr dagegen, wenn er wieder in den Storb gebracht wird. Ruhig liegt er und überdenkt die verschiedenen Haltestellen seiner täglichen Reise um das Leben. Er ist doch weit herumgekommen: vom Korb in die Badewanne, dann an die Mutterbrust und endlich wieder in den Korb. Die Augen suchen das Tapetenmuster, und Fröschle knüpft seine Gedanken dort wieder an, wo sie das Baden unterbrochen hat. Allmählich gehen ihm die Augen über, herzhaftes Gähnen zwingt die Mundwinkel hoch, und ein seltsamt wesenloser Ausdruck kommt in den Blick. Noch einige tapfere Versuche, wachzubleiben, dann verkünden tiefe, regelmäßige Atemzüge, daß Fröschle schläft und Mutter, Tapete, Badewanne und was er sonst noch sab in seinen Kindertraum hinübergenommen hat.....( Forts. folgt.) Frische Knospen. Jm Winde wehn die Lindenzweige, Von roten Knospen übersäumt; Die Wiegen sind's, worin der Frühling Die schlimme Winterzeit verträumt. Theod. Storm. Gute Bücher. Von Elfriede Schäfer. Wie tönnte man eine freie Stunde, wenn man sie nicht zu einem Spaziergang benut, besser verbringen als mit einem guten Buche! Soll die knappe Zeit, die uns die schwere Arbeit übrigläßt, eine wirkliche Erquickung und Erfrischung bringen, so müssen wir darauf Nr. 10 Die Gleichheit reiche Leute für diesen angeblich dem Wohl der Arbeiterinnen dienen den Posten herangebildet; wieweit damit der Sache gedient wird, ist zweifelhaft. Den von den konfessionellen Vereinigungen Herangebildeten soll die besondere Aufgabe zugewiesen werden, die Arbeiterinnen den konfessionellen Vereinen zuzuführen, um sie an der Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen Interessen zu hindern. Welchen Zwecken mit dieser Art Agitation gedient wird, ist flar ersichtlich. Soll eine Fabrifpflegerin ihre Tätigkeit zum Nußen der Arbeiterinnen ausüben, so muß sie neben dem erforderlichen Maß von Takt und Unparteilichkeit auch den festen Willen haben, sich gegen jede Zumutung, ihre Stellung zu irgendeiner agitatorischen Tätigkeit, ganz gleich nach welcher Richtung hin, benußen zu sollen, ganz energisch zu verwahren. Ihre Aufgaben liegen allein auf sozialem Gebiet, und auf diesem Gebiet soll und kann sie den Arbeiterinneit dienen. Daß ihre Tätigkeit sich allein in diesen Bahnen bewege, darauf werden die Gewerkschaften, deren ausführende Organe die Arbeiterausschüsse sind, ihr ganz besonderes Augenmerk richten müssen. Martha Hoppe. Aus unserer Bewegung Engelbert Pernerstorfer, dem kürzlich verstorbenen hervorragenden österreichischen Parteigenossen, widmet die österreichische Arbeiterinnenzeitung folgende herzliche Gedenkworte:„ Engelbert Pernerstorfer verdient auch den Dank der Arbeiterinnen, der sozialdemokratischen Frauen, der Frauen überhaupt. Nie hat er versagt, wenn Frauen seine Unterstügung wollten. So wie er den Bestrebungen der Arbeiterinnen von allem Anfang an freundlich gegenüberstand, so war er auch den bürgerlichen Frauen bei ihren Bestrebungen nach höherer Bildung und größerem Recht immer ein bereitwilliger Anwalt. Schon zur Zeit, als er noch bürgerlicher Abgeordneter war, hat er in sozialdemokratischen Arbeiterinnenversammlungen gesprochen. Steine Be wegung der Frauen blieb ihm fremd, er kannte auch wie wenige die Literatur zur Frauenfrage. Zur Zeit, als man noch mit weit größerem Mißtrauen als hente den Frauenforderungen gegenüber stand, da tat er einmal den Ausspruch: Ich bin dafür, daß man den Frauen alle Rechte gebe, die der Staat zu vergeben hat, sind fie unfähig, dann wird sich das schon zeigen. Aber er hielt es für ungerecht, den Frauen ohne Probe die Gleichberechtigung abzusprechen.... Seine Gattin Anna war seine treue Weggefährtin, die an allen seinen Bestrebungen warmen Anteil nahm und ohne die, wie Viktor Adler sagte, er nicht hätte sein können, was er war." achten, daß wir sie nicht an ein wertloses oder gleichgültiges Buch verlieren. Solche Lektüre hinterläßt ein schales Gefühl des Unbefriedigtseins in uns, ein gutes Buch aber kann noch eine gute Zeit nachwirken und uns über den Alltag erheben. Wir unterscheiden zwischen dem belehrenden Buch, dessen hoher Wert für alle Vorwärtsstrebenden kaum erst betont zu werden braucht, und dem unterhaltenden, mit dem wir uns beschäftigen wollen. Daß der Lesetrieb ein mächtiger ist, wird niemand bestreiten. Nun gilt es ihm die richtige Befriedigung zu geben. Wie oft sieht man in der Hand junger Mädchen die Groschenhefte der Schundromane. Fragt man die Leserinnen, was ihnen daran gefällt, so sagen sie: „ Ach, es ist so spannend, und dann man kriegt solch Buch so billig!" Spannend", ein gutes Unterhaltungsbuch soll spannend sein und seine Leser festhalten. Die Mittel aber, die ein derartiges Schundheft anwendet, um die Spannung zu eriveden, sind plump und abgeschmackt und gehen weniger auf das Fesselnwollen als auf " Sensation" aus. Und so besonders billig sind diese Romane auch nicht, da sie, bei den gar nicht enden wollenden Fortsetzungen, immer einen Groschen nach dem anderen verschlingen. Wir wollen nun heute auf einige wirklich gute und fesselnde Bücher hinweisen, die man entweder in Voltsbibliotheken leihen oder billig laufen kann. In den meisten Bibliotheken wird Theodor Fontane, der Meister der Erzählungskunst, vertreten sein. Wer„ Effi Brieft", wohl seinen innigsten Roman, in welchem der Dichter die Seele einer jungen, in Glück und Heiterkeit erblühten Frau schildert, die dann durch den Leichtsinn einiger unbedachter Stunden, die längst bergangen und vergessen sind, plöglich in einem ganz unerwarteten Moment von Heim, Kind und Gatten getrennt wird und einen frühen Tod entgegenfiecht, wer diese schöne, junge und liebenswürdige Effi in ihren Schicksalen begleitet hat, der wird gewiß Umschau halten nach weiteren Büchern von Fontane.„ Ellern Klipp", eine Harzer Dorfgeschichte,„ Grete Minde"," Quitt" und" Vor dem Sturm" feien von seinen Romanen noch angegeben. Es gibt aber auch die Möglichkeit, Fontanesche Romane billig zu erwerben. Im Verlag Fischer, Berlin, find folgende für 1 Mark zu haben:„ L'Adultera"," Cécile"," Frau Jenny Treibel"," Mathilde 77 * Brandenburg. Die Genofsinnen hatten schon längere Zeit den Wunsch, daß hier einmal wieder eine Frauenversammlung stattfinden möge. Das ist am 24. Januar geschehen. Genossin Juchacz sprach in dem gutbesetzten Saal des Volkshauses über:„ Die Frauen und der Krieg". Die Zuhörer folgten aufmerksam dem Vortrag, in der Pause wurden neunzehn Frauen für die Partei, sowie einige„ Gleichheit" leferinnen und Abonnenten für die„ Brandenburger Zeitung" gewonnen. Eine Debatte über den Vortrag war von der Behörde leider nicht gestattet worden. Das ist um so mehr zu bedauern, da einige Vertreter der Unabhängigen Sozialdemokratie anwesend waren. Sie machten von dem Recht der Fragestellung ausgiebigen Gebrauch. Jedoch zeigte der Verlauf der Versammlung deutlich, daß sie für ihre Ideen unter den Frauen Brandenburgs keinen guten Nährboden finden. Die ganze Versammlung stimmte auch den Schlußworten der Rednerin lebhaft zu. -0- Bezirk Breslau. Nachdem im ganzen Bezirk während der Kriegsjahre fast jede agitatorische Tätigkeit völlig geruht hatte, ist sie nunmehr wieder auf der ganzen Linie zu neuem Leben erwacht. Bald zu Anfang des Krieges wurde der Bezirkssekretär eingezogen und konnte bis zu seiner im August 1917 erfolgten Entlassung sich um die Arbeiten im Bezirk wenig kümmern. Die bei Ausbruch des Krieges vorhandene Parteisekretärin Genossin Wulff versuchte anfangs noch da und dort Versammlungen abzuhalten, jedoch ohne den erwünschten Erfolg. Durch ein Redeverbot, das sie später erhielt, ruhte die Frauenbewegung dann völlig. Nach dem Übertritt der Frau Wulff zur Partei der Unabhängigen im Juli 1917 übernahm der vom Heeresdienst entlassene Genosse Scholich wieder die Geschäfte des Bezirks. Zunächst blieben auch seine Versuche, öffentliche politische und Mitgliederversammlungen für die Partei abzuhalten, vergeblich, da die erforderlichen Genehmigungen zu diesen Versammlungen von dem stellvertretenden Generalfommando des VI. Armeekorps andauernd versagt wurden. Erst seit Ende vorigen Jahres erhielt Genosse Scholich endlich die Genehmigung zu öffentlichen Frauenversammlungen mit der Tagesordnung:„ Die Aufgaben unserer Frauen jetzt und nach dem Kriege, höhere Wehrunterstügung, Witwen- und Waisenfürsorge". Aber auch diese Versammlungen wurden erheblich eingeschränkt durch eine Verfügung des stellvertretenden kommandierenden Generals des VI. Armeekorps an die Landräte, in der unter anderem verboten wurde, Angriffe gegen Personen oder Behörden zu erheben, vom Frauenwahlrecht zu sprechen, für Unzufriedenheit oder Streit Stimmung zu machen. Einige der Herren Landräte gingen in ihrem übereifer mit ihren Möhring" und" Irrungen, Wirrungen". Dieser letztere( ebenso wie die vorher genannten in Berlin spielend) erzählt die Geschichte eines tapferen Mädchens aus dem Volfe, das, seinem Herzen folgend, einen furzen, glücklichen Sommer hindurch einem jungen Offizier angehört. Dann müssen sich die beiden trennen. Und wie die Lene ihr Schicksal trägt, wie sie ehrlich und selbstlos ihren Weg geht, das schildert Fontane wundervoll. Botho, Lenes Liebster, gibt einmal eine Charakteristik des jungen Mädchens, die sie ausgezeichnet wiedergibt: die Lene lügt nicht und bisse sich eher die Zunge ab, als daß sie flunkerte. Sie hat einen doppelten Stolz, und neben dem, von ihrer Hände Arbeit leben zu wollen, hat sie noch den anderen, alles gradeheraus zu sagen und keine Flausen zu machen und nichts zu vergrößern und nichts zu verkleinern-". Fontane dringt in die Frauen und schildert sie mit bewunderswerter Treue und feinstem Verständnis, handle es sich um eine Weltdame, eine Bürgerliche oder eine Frau aus dem Volfe. " In der erwähnten Fischerschen Sammlung finden sich noch eine Reihe guter Romane anderer Autoren. So sei auf die Arbeiten von dem frühverstorbenen dänischen Dichter Herm. Bang hingewiesen, von denen ganz besonders der von wehmütiger Entsagung durchwehte Roman„ Am Wege" empfohlen sei. Die kleine, zarte Frau Bai und ihr gutmütig- brutaler Stationsvorsteher, das Leben auf der Station und in dem kleinen Gärtchen am Bahndamm, die verschiedenen, glänzend geschilderten Typen aus dem Baischen Verkehrsfreise, all dies reißt den Leser mit, bis er ganz im Bann von Frau Kathinkas zartem Liebeserlebnis, ihrem Verzicht und ihrem tragischen Ende ist. ( Schluß folgt.) Hauswirtschaftliches Die Frühjahrsmode. Mehr als drei Jahre blutigsten Weltkriegs haben dem Modewahn nichts anzuhaben vermocht. Man kann fast sagen, daß es in diesem Kriege ärger als je zuvor getrieben worden ist: In diesem Winter zeigen die„ Damen" auf Befehl der Mode nackte Hälse; im glühendsten Sommer aber haben sie Belzwerk um den Hals getragen! Niemals waren die Kleider so weit und nie die 78 Die Gleichheit Anweisungen an die überwachenden Polizeibeamten noch darüber hinaus, so daß es fast überall vorkam, daß die Redner in den Versammlungen wiederholt in ihren Ausführungen unterbrochen und mit Auflösung der Versammlung bedroht wurden, wenn nicht jede politische Erörterung streng vermieden würde. Fast überall wurden anwesende Militärpersonen, trotzdem die Versammlungen selbst nur zu wirtschaftlichen Zweden genehmigt waren, ausgewiesen oder aufgeschrieben. In mehreren Versammlungen, ganz besonders in dem Streisstädtchen Guhrau, wurden sogar alle anwesenden Männer ausgewiesen. Jugendliche Personen wurden in allen Versammlungen nicht geduldet. Der Besuch der Versammlungen war trotz dieser Hindernisse( oder gerade deshalb?) mit geringen Ausnahmen ein äußerst starker. Die Begründung liegt größtenteils daran, daß die meisten der schlesischen Landräte mit ihren Kreisausschüssen statt der vom Bundesrat in Aussicht gestellten 5 Mf. Erhöhung zur Wehrunterstüßung meistens nur 1 Mf. pro Stopf bewilligten. Eine förmliche Sintflut von Beschwerden der Frauen und Angehörigen der im Felde stehenden Krieger ging in den Bersammlungen nieder. Der Genosse Scholich nahm Veranlassung, an 25 schlesische Landräte eine eingehende wohlbegründete Mahnung zu richten. Bei dem größten Teile blieb die Wirkung dieses und noch weiter folgenden Schreiben nicht aus. In vielen Fällen wurde die Wehrunterstüßung daraufhin auf 3, 5 und in einem Kreise( Liegnit) sogar bis auf 7 Mt. erhöht. In vielen anderen Streisen war aber alles vergeblich, ja, die Schreiben blieben teilweise völlig unbeantwortet. Der Erfolg der VersammJungen war unter diesen Umständen auch ein ganz überraschender. Die anwesenden Frauen und Mädchen drängten sich, um in die Bartei aufgenommen zu werden. In zwanzig Frauenversammlungen, die bis Anfang Januar stattgefunden haben, und in denen die Genossin Berta Lawatsch und die Genossen Neukirch und Scholich redeten, wurden 1015 nene Mitglieder, meistens weibliche, aufgenommen. * Danzig. Am Dienstag, den 22. Januar, fand hier eine von Männern und Frauen gleich start besuchte Versammlung statt. Genoffin Juchacz behandelte das Thema:„ Friedenshoffnungen und Friedenswünsche der deutschen Frauen". Da die Behörden leider die freie Aussprache verboten hatten, nahm die Versammlung folgende kurze Entschließung an:„ Die Versammlung stimmt den Ausführungen der Referentin zu. Sie lehnt die Politik der Vaterlandspartei ab und verlangt erneut einen baldigen Frieden der Verständigung." Ungefähr 50 neue Mitglieder meldeten sich zum Eintritt in die Partei. " Stiefel so hoch, als zu der Zeit, wo die Stoffnot und der LederDie Berliner B. Z. mangel aufs empfindlichste eingesetzt hatten. am Mittag" berichtet über eine Ausstellung von Frühjahrsmoden im Hotel Bristol. Die hübschen, eigenartigen Stostüme und Kleider" feien zum größten Teil noch aus Wollstoff". Wohlgemerkt für das Frühjahr, wogegen das schaffende Volt im Winter Papiergewebe tragen durfte. Es kündige sich deutlich eine neue, höchst reizvolle Modelinie"( also doch eine Errungenschaft!) an, die schon mehr den Störperformen nachgibt, ohne das Bequeme und Zwanglose ganz vermissen zu lassen. Das sei bei dem Kleide„ Leidenschaft" besonders tünstlerisch durchgeführt. Ein anderes Kleid trägt den Namen„ Flitterwochen", ein drittes den Namen„ Garten der Jugend"( womit nicht etwa ein Heldenfriedhof gemeint ist), ein viertes führt den für die ganze Veranstaltung durchaus bezeichnenden Namen„ Zufrieden heit". ☐ Die ,, Austern" der Proletarier. Wer kennt nicht die kleinen Schaltiere, die man jetzt leider so selten in den Schaufenstern der Fischgeschäfte zu sehen bekommt? Die Hausfrauen, die nicht die nähere Vekanntschaft mit diesen äußerlich so schmutzigen, unansehnlichen Tierchen gemacht haben, wenden sich gewöhnlich mit Schaudern ab. Ich will nicht verhehlen, daß ich anfänglich auch zu diesen gehörte. Nachdem ich aber den Muscheln erst den richtigen Geschmack abgewonnen hatte, spähe ich sehnsüchtig nach ihnen aus. Für diejenigen Hausfrauen, die sich noch nicht mit den„ Prole= tarieraustern" befreunden konnten, diene nachfolgendes zur Erklärung. Man lasse sich nicht durch das rauhe, schmußige Außere abschrecken. Wie bei manchem Menschen hinter der rauhen Schale ein guter Kern verborgen ist, so trifft es auch bei der Muschel zu. Es soll nicht verschwiegen werden, daß man die Schalen erst tüchtig bürsten und frazzen muß. Das ist keine kleine Arbeit. Aber sie lohnt sich beim Essen. Hat man die Schalen gründlich gesäubert, am besten mit der Bürste und mit einem Messer nachpuzen, dann spült man die Muscheln tüchtig auf einem Durchschlag, mit faltem Wasser natürlich, ab. Die so tüchtig abgewaschenen Muscheln werden in ein wenig kochendes Wasser getan. Der Boden darf höchstens einen Zentimeter hoch mit Wasser bedeckt sein. Hat man ein Stückchen Nr. 10 Elsterberg i. V. Jn einer am 4. Dezember v. J. stattgefundenen überaus zahlreich besuchten Frauenversammlung, in der Genosse Meier( Zwickau) über„ Kriegsunterstügung und Hinterbliebenenrenten" sprach, wurden in der dem Vortrag folgenden Aussprache ganz krasse Übelstände vorgetragen. Besonders befremdete die Mitteilung, daß die Kriegsunterstützung geteilt zur Auszahlung komme. So werde am 1. und 15. des Monats die Reichsunterstüßung und am 8. und 24. jedes Monats die Kriegshilfe( lies: Bezirksunterstüßung, städtischer Zuschuß und Arbeitslosenunterstügung) ausgezahlt. Die Ursache sei darin zu suchen, daß die Stadtbehörde der Auffassung sei, man dürfe den Kriegerfrauen soviel Geld auf einmal nicht in die Hände geben(!), weil sie sonst nicht auskomment würden. Mit Recht wurde diese ganz unverständliche Maßnahme kritisiert, die eine Beleidigung der Kriegerfrauen bedeute. Desgleichen wurde verlangt, daß die Ungleichheiten bei der Bemessung der Kriegshilfe und der Arbeitslosenunterstügung beseitigt würden. Ferner wurde lebhaft Stlage geführt, daß in ganz eigenartiger Weise den Frauen, die notgedrungen auf Arbeit gehen müssen, die Unterstützungen ganz erheblich gekürzt, zum Teil ganz entzogen werden. Der Referent bemerkte, daß wohl in den meisten Lieferungsverbänden Abzüge erfolgten, sobald die Frauen ein bestimmtes Arbeitseinfom men haben, aber derartige von kleinlichsten Gesichtspunkten ausgehende Behandlung der Unterstügungsabzüge sei ihm bisher nicht bekannt geworden und verdiene die schärfste Verurteilung. Die Bersammlung nahm einstimmig eine Resolution an, in der der Lieferungsverband der Amtshauptmannschaft Plauen und der Stadtrat zu Elsterberg ersucht werden, die unhaltbaren Zustände zu ändern. Als eine weitere öffentliche Frauenversammlung für Mittwoch, den 16. Januar, einberufen war, ließ der Stadtrat zu Elsterberg unserem Bezirkssekretär, Genossen Meier( 3wvidau), mitteilen, er möchte sich zweds einer Aussprache einige Zeit vor der Frauenversammlung bei ihm einfinden. Genosse Meier fam dem Verlangen nach. In der nachmittags mit dem Bürgermeister stattgefundenen Verhandlung, an der später noch drei Elsterberger Genoffinnen teilnahmen, wurde Einverständnis dahin erzielt, daß die Ungleichheiten bei Bemessung der Zuschüsse zur Reichsunterstügung beseitigt werden; die Zuschüsse werden nur noch aus der Kriegshilfe gewährt. Die Arbeitslosenunterstüßung fällt weg. Bei der Festsetzung der Unterstützung wird der wöchentliche Arbeitsverdienst bis zu 10 Mt. nicht, vom Arbeitsverdienst über 10 Mt. pro Woche nur die Hälfte in Anrechnung gebracht. Da den zahlreich auf Arbeit gehenden Kriegerfrauen bisher 50 Prozent angerechnet wurden, bedeutet die NeuregeButter oder ein wenig Milch zum Zutun, so wird die Suppe dadurch natürlich noch schmackhafter. Salz, Pfeffer und Zwiebeln dürfen nicht fehlen. Es ist nur so wenig Wasser nötig, weil die Muschelit beim Kochen sich öffnen und sehr viel Saft ausströmen. Im allgemeinen werden die Muscheln mit den Schalen auf den Tisch gebracht. Es ist aber empfehlenswert, die Schalen in der Küche schon zu entfernen und die Muscheln in einer Tunke zu servieren. Dazu nimmt man von der Muschelbrühe, bräunt ein wenig Mehl, gibt etwas Essig, Kapern, Senf oder Mostrich dazu, alles nach Geschmack. Die Hausfrau hat durch das Entschalen allerdings noch etwas mehr Arbeit. Das Essen ist aber auf diese Art noch bequemer. Berta Marckwald. Gedankensplitter. Der Mann geht dahin mit klirrenden Sporen. Er preist das Selbentum des blutigen Schlachtfeldes und baut ihm Denkmäler von Stein und Eisen. Wo aber ist, so frage ich, der Marmorstein, aufgerichtet den Millionen und aber Millionen Märtyrerinnen des Wochenbettes? Ich sah ihn nie und nirgends. * Die Krone der Männerherrschaft ist der§ 1589 des Bürgerlichen Gesetzbuches:„ Ein uneheliches Kind und dessen Vater gelten nicht als verwandt." Es gehört der ganze Mut höchster moralischer Berkommenheit dazu, bei solcher Gesetzgeberei nicht vor sich selber zu erröten. O Weib, du legtest dein Schicksal in die Band des Mannes, die hart ist und mit Blut befleckt. Darum wurde dein Weg ein Dornenpfad. Ich aber fage dir: Lege dein Schicksal in deine eigene Hand, die weich und milde und menschlich ist, und eine neue Sonne wird über deinem Dasein strahlen. * Der Mann gebärt Gedanken das Weib gebärt eine MenschAlfred Möglich. heit. Nr. 10 Die Gleichheit lung eine wesentliche Besserung. Die am selben Abend int„ Elstergarten" stattgefundene Frauenversammlung war wiederum überfüllt und nahm einen glänzenden Verlauf. Genosse Meier erstattete ausführlich Bericht über die mit dem Bürgermeister stattgefundene Berhandlung. In der dem Bericht folgenden fachlichen Aussprache erflärte sich die Versammlung einmütig mit dem Resultat einverstanden und gab ihrer Freude Ausdruck, daß die Parteileitung sich der Kriegerfrauen in so warmer Weise angenommen habe. Eine Anzahl anwesender Kriegerwitwen schilderte ihre trostlose Lage und ersuchte die Versammlungsleitung, dazu beizutragen, daß das Los der Kriegerwitwen baldigst eine Erleichterung erfahre. Genosse Meier erklärte hierzu, daß die Sozialdemokratie bestrebt sei, eine Erhöhung der Hinterbliebenenrenten herbeizuführen. Leider habe die Regierung dem Beschlusse des Reichstags noch nicht Rechnung ge= tragen. Die Sozialdemokratie werde alles tun, um die allseitig anerkannte Notlage der Kriegerivitwen zu beheben. Die Frauenbewegung in Elsterberg hat in den letzten Wochen erfreuliche Fortschritte gemacht; mögen die Genofsinnen dafür sorgen, daß möglichst alle Frauen der Parteiorganisation zugeführt werden.-eie. Bezirk Görlitz. Erfreuliche Fortschritte. Die Tätigkeit des Bezirkssekretariats in der Fürsorge für Kriegerfamilien zur Herbeiführung besserer Unterstügungen und Vermittelung von Notbeihilfen hatte gezeigt, wie notwendig die Frauen der Aufklärung über ihre Rechte und Ansprüche bedurften. Die Frauen, welche früher mit der Partei weniger Verbindung hatten, waren dadurch auf die Tätigkeit der Sozialdemokratie aufmerksam geworden. Was sie bei Gemeindebehörden und beamteten Personen an Rat und Hilfe und Erfüllung ihrer berechtigten Ansprüche an den geschaffenen Unierflügungseinrichtungen oftmals vergeblich suchten, das fanden die Frauen in unserem Parteisekretariat. Durch die vom Reichstag und Bundesrat beschlossene und ver= ordnete Erhöhung der Familienunterſtügung wurde unser Parteijefretariat erneut zum Eingreifen veranlaßt. Die Frauen verlangten Versammlungen, um Aufflärung über ihre Rechte und Ansprüche zu erhalten. So wurden in allen Kreisen des Bezirks Frauenversamm lungen veranstaltet, die sämtlich sehr zahlreich besucht waren. Der mit großem Beifall aufgenommene Vortrag der Genossin Schilling aus Döbeln, die in allen Frauenversammlungen redete, machte den Frauen die Notwendigkeit der Organisation klar. Wie schon in Nr. 6 der ,, Gleichheit" berichtet wurde, traten in den ersten Versammlungen, die in den Kreisen Görlig- Lauban und Bunzlau Lüben stattfanden, 743 Frauen der Partei als Mitglieder bei. Die im Januar Bücherschau Erich Everth, Von der Seele des Soldaten im Felde. Bemerkungen eines Kriegsteilnehmers. Tat- Flugschriften 10. Eugen Diederichs, 1916. Infolge der Länge des Krieges ist man nachgerade durch die Striegsliteratur übersättigt. Während man in der ersten Zeit vor Wissensbegier darauf brannte, das Neue, Gewaltige und Geheimnisvolle, was sich dort draußen auf den Ebenen Polens, in den Vogesen und Karpathen ereignete, kennenzulernen und die in den Spalten der Zeitungen gedruckten Feldpostbriefe verschlang, möchte man jetzt vom Kriege am liebsten überhaupt nichts mehr sehen und hören. Man hat sich seine Vorstellungen zurechtgemacht und glaubt im übrigen innerlich mit dem Kriege fertig zu ſein. Freilich, das Schicksal der Lieben im Felde bleibt dauernd der Teilnahme sicher und der Wunsch lebendig, ihr Seelenleben lennenzulernen, von dem man wohl ahnt, daß es besonderer Art sein müßte. Hier sind alle die, die selber nie„ draußen" waren, in der Hauptsache auf briefliche Mitteilungen und Schilderungen heimkehrender UrTauber angewiesen. Das gilt in erster Linie von den Frauen. Aber wie wenig erfahren sie doch im allgemeinen von dem wirklichen Seelenleben der Feldkrieger! Diese werden sich meist selber der besonderen Vorgänge in ihrem Innern kaum bewußt, wozu schon ein hohes Maß von Selbstbeobachtung und beherrschtem Innenleben gehört, sie können sie also um so weniger schildern. Anderen, die sich ihrer Regungen bewußt werden, fehlt meist die Fähigkeit der Wiedergabe, denn vom Hirn bis zur Hand ist ein gar weiter Weg und, was auch als groß und verehrungswürdig im Innern lebt, wird, wenn es geschrieben ist, bei den meisten zur bloßen konventionellen Phrase. Nur wo sich eine geschulte psychologische Beobachtungsgabe mit künstlerischer Darstellungskraft vereinigen, kann ein echtes Spiegelbild von Seelenleben entstehen. Hier ist ein Buch, das diese beiden Vorzüge in sich vereinigt und das uns auf seinen 48 Seiten tiefere Einblicke in Herz und Hirn der Feldgrauen tun läßt, als das Hundertfache des üblichen Kriegs79 in den Kreisen Sagan- Sprottan, Grünberg- Freystadt und Weißwasser veranstalteten Zusammenkünfte brachten weitere 814 Nenaufnahmen, so daß die Gesamtzahl der neu aufgenommenen Mitglieder 1557. beträgt. Bemerkenswert ist, daß gerade in den Orten, wo früher die Partei am schwersten Fuß fassen konnte und ihr die größten Schwierigkeiten entgegenstanden, die Versammlungen am besten besucht waren und die meisten Neuaufnahmen gemacht wurden. Und aus allen diesen Ortsgruppen wird erfreulicherweise berichtet, daß die Frauen der Partei treu bleiben. Abmeldungen kommen nur in ganz vereinzelten Fällen als Ausnahmen vor und werden durch Neuaufnahmen wieder wettgemacht. Die Erhaltung der Mitgliedschaft ist jedenfalls auch ein Verdienst der„ Gleichheit", deren jetziger Inhalt den Frauen verständlich ist und den unmittelbaren Interessen der Frauen besser Rechnung trägt als früher. Es ist deshalb allen Kreisorganisationen dringend zu empfehlen, ihren weiblichen Mitgliedern die„ Gleichheit" obligatorisch zugänglich zu machen. Mögen die Erfolge der bisher stattgefundenen Versammlungen auch anderen Bezirken ein Ausporn sein, die noch fernstehenden Männer und Frauen der Arbeiterkreise für die Parteiorganisation zu gewinnen. * Bezirk Ostpreußen. Seit furzer Zeit macht die Frauenbewe ging hier starke Fortschritte. Um diese erfreuliche Bewegung zu unterstügen, veranstaltete der Bezirksvorstand einige Versammlungen in der Provinz. Genossin Juchacz behandelte das Thema:„ Die Frau int Weltkrieg". Sie hatte die Aufgabe übernommen, dabei auch den Frauen das Wirken von Partei und Gewerkschaften während des Krieges für die Feldgrauen und ihre Angehörigen zu schildern. In Rastenburg war das leider zu kleine Zimmer des Gewerkschaftslokals schon beinahe eine Stunde vor Beginn überfüllt. Um die Versammlung überhaupt zu ermöglichen, hatten sich die Genossen Petroleum und Kohlen abgespart. Folgende Entschließung wurde hier angenommen:„ Die anwesenden Frauen und Männer erblicken in dem Beitritt und der Zugehörigkeit zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands das beste Mittel, den Kampf der Partei für einen Verständigungsfrieden, für Brot und gleiches Recht wirksam zu unterstützen. Sie verpflichten sich ferner, mit allen Kräften für die Stärkung der politischen Organisation zu wirken." In Tilsit sollte die Versammlung im Bürgersaal stattfinden. Die Stadtverwaltung hat ihn gemietet, es soll dort später eine Lesehalle eingerichtet werden. Dieser Saal sowie ebenfalls passende geschreibsels auch das der Kriegsberichterstatter. Gewiß gibt es unter diesen Künstler von bildhafter Gestaltungskraft, aber sie kennen den Krieg und den Krieger doch nur aus der Ferne, aus den Blickpunkten höherer Stäbe.„ Mitten drin" sind sie nie, auch wenn sie sich dann und wann in die Feuerzone begeben. Und auch was sie aus Gesprächen mit Schüßengrabenleuten erfahren, ist fast immer, bewußt oder unbewußt, von diesen für die Zwecke der Berichterstattung zurechtgemacht, gefärbt und univahr. Man muß da schon selber mitgemacht haben, wie der Verfasser dieser Schrift. Sie ist 1916 geschrieben und fußt anscheinend in der Hauptsache auf Erfahrungen vom östlichen Kriegsschauplag, namentlich in Bolen. In mancher Hinsicht ließe sie sich nach den neueren Erlebnissen an der Somme, in Flandern und Italien ergänzen und bereichern. Der Verfasser hat es aber schon damals verstanden, mit sicherer Hand das Allgemeingültige und Typische aus der Seele des Soldaten herauszu holen, so daß seine Beobachtungen in gleicher Weise, wie wir bestätigen können, auch für die Seelenvorgänge auf allen anderen Kriegsschauplätzen zutreffen. Was er über Abschied und Ausreise, Gesundheit, Freiheitsgefühl, falsche Idealisierungen, was er über den neuen Lebensstil, das Gehorchen, die Änderungen im Wirklichkeitsbewußtsein, über Wandlungen im Wertbewußtsein, Todesgedanken und religiöse Gefühle zu sagen weiß, ist überaus sein und tief und gehört zu dem Besten, was auf dem Gebiet der Kriegspsychologie überhaupt vorhanden ist. Allen denen, die einen intimen Einblick in das Seelenleben des Frontfriegers gewinnen wollen, können wir diese Schrift warm empfehlen. Bernhard Rausch( im Felde). ★ Eingegangene Schriften. Hermann Kranold, Arbeiterjugend und bürgerliche Jugendbewegung. Chemnitz 1917, Verlag Jugendausschuß für die Chemnizer Arbeiterjugend. 16 Seiten. Preis 30 Pf. Professor Dr. Franz Staudinger, Soziale Wegnotwendigkeiten. Ein Beitrag zur Konsumgenossenschaftstheorie. Verlagsgesellschaft deutscher Konsumvereine m. b. H., Hamburg, Beim Strohhause 38. 115 Seiten. Preis broschiert 1,80 Mt. 80 Die Gleichheit große Nebenräume wurden jedoch nicht hergegeben. Das kleine Jugendheim im Gewerkschaftshaus, das nunmehr gewählt wurde, fonnte trotz Überfüllung nicht die Hälfte der Besucher fassen. Die böse Lokalfrage wird im Osten trotz des Krieges große Anstrengungen unserer Organisationen beanspruchen. Auch Memel hatte eine stark besuchte Versammlung. Trotz der frühen Sonntagvormittagsstunde hatten Frauen und Männer weite Wege nicht gescheut. Man sah viele Frauen in der Tracht der litauischen Bäuerinnen. In Königsberg waren die Frauen der gewerkschaftlich organisierten Kriegsteilnehmer geladen worden. In allen Versammlungen fam es stark zum Ausdruck, daß die Frauen über das Vorgehen der Vaterlandspartei, für die sich gerade hier im Osten Bürgermeister, Landräte und andere beamtete Personen betätigen, stark erbittert sind. Es ist eine Freude, zu sehen, wie die Frauen Ostpreußens ihre politische Urteilsfähigkeit befunden. Etwa dreihundert weibliche und männliche Mitglieder für die Partei, eine Anzahl Leser für die„ Gleichheit" und die„ Volkszeitung" sind der rein ziffermäßige Erfolg dieser Versammlungen. Es wird nunmehr noch rascher vorwärts gehen. Vom Fortgang des Frauenrechts *** Das Frauenwahlrecht in der Gemeinde. Der erste Anirag, den die neu in das Rathaus in Köln eingezogenen drei sozialdemokratischen Stadtverordneten stellten, galt der Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Manu und Weib zu den Gemeindevertretungen. Sie beantragten, daß das Stadtverordnetenkollegium der preußischen Regierung eine ent sprechende Forderung unterbreiten möge. Die ganze rohe politische Vergewaltigung der arbeitenden Massen geht daraus hervor, daß von den Kölner Gemeindewählern 111557 in der dritten Klasse zusammengedrängt sind, während 14965 zur zweiten Klasse und nur 1141 zur ersten Selasse gehören. Der Besitzende hat also hundertmal soviel Einfluß wie der Besizloje. Mit besonderer Wärme begründete Genosse Sollmann die Forderung des Frauenwahlrechts. Er wies darauf hin, daß die Stadtverwaltung auf zahlreichen Gebieten der kommunalen Tätigkeit die Hilfe der Frauen gesucht habe. In vielen Verwaltungszweigen hätten die Frauen nicht weniger gute Arbeit geleistet wie die Männer. Es seien in Köln zurzeit Frauen in folgenden Deputationen und Kommissionen tätig: Armendeputation, Waisendeputation, Deputation für das Wohnungswesen, Schuldeputation, Deputation der städtischen Bäder, Verwaltung der Kinderbewahranstalten, Gesundheitskommission, Küchenkommission, Kommission für die Säuglingsmilchanstalten, Kommission für die Fürsorgestelle für Lungenkranke, Kommission für die Heimarbeit, Kommission für Strohhutnäherinnen, Lebensmittelkommission, Preis prüfungsstelle, außerdem in den Seuratorien für höhere Lehranstalten, Mittelschulen und kaufmännische Fortbildungsschulen. Allerdings seien noch zu wenig Vertreterinnen der Arbeiterklasse vorhanden. Die Stadtverwaltung selbst habe wiederholt erklärt, daß die Frauen den Befähigungsnachweis erbracht hätten. So habe Bürgermeister Löhe am 4. November 1915 bei der Beratung der Armenordnung auf die Mitarbeit der Frauen in der Armenpflege ein hohes Loblied gesungen und dies dahin ausgedehnt, daß die Frau sich durch ihre Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens besonders in dieser Kriegszeit in ganz hervorragendem Maße bewährt habe. Mit solchen Lobsprüchen und dem Verdienstkreuz für Kriegshilfe sei den Frauen jedoch nicht gedient. Sie wollten ihre Rechte. Die bürgerlichen Parteien nahmen die Anträge natürlich nicht glatt an, sprachen sich aber bezeichnenderweise in ihrer Antwort auch nicht gegen das Frauenwahlrecht aus. Die Anträge wurden der Verfassungskommission, in die Genosse Sollmann gewählt wurde, als Material überwiesen. M. Q- H. Frankfurt a. M. Vor einiger Zeit konnten wir berichten, daß sich in Frankfurt a. M. Vertreter der sozialdemokratischen Frauen mit denen der beiden bürgerlichen Frauenstimmrechtsvereine von Zeit zu Zeit zusammenfinden, um aktuelle wichtige Fragen zu be raten und geeignete Maßnahmen zu beschließen. Diese Zusammen arbeit hat sich bis jetzt bewährt und unter anderem zu einer Aktion geführt, die nicht nur die bürgerlichen Frauenstimmrechtsvereine, sondern alle im Verband Frankfurter Frauenvereine zusammengeschlossenen bürgerlichen Frauenorganisationen umfaßt. Seit Bekanntgabe des zweiten Teilberichts des Reichstagsausschusses für Bevölkerungspolitik( Schuß für Mutter und Kind) stand dessen letzte Forderung über die rechtliche Stellung des unehelichen Kindes und die Organisation seiner Fürsorge im Vordergrund des Interesses. Sowohl die sozialdemokratischen Frauen wie der Verband Frankfurter Frauenvereine veranstalteten Versamm Nr. 10 lungen und ließen über diese Vorschläge referieren. Dabei ergab sich, daß bei aller Anerkennung der Arbeiten der Kommission doch eine Reihe von Ergänzungen und Forderungen für nötig erachtet werden, die über die Vorschläge der Kommission hinausgehen. Als ganz besonderer Fehler wurde der Mangel eines leistungsfähigen Trägers der Fürsorge für das uneheliche Kind angesehen und beschlossen, dem Reichstag die Auffassung der Frauen Frankfurts in einer Petition zur Kenntnis zu bringen, deren entscheidende Forderungen lauten: 1. Den Antrag C 10 bahin abzuändern, daß die übernahme der Fürsorge für die unehelichen Kinder und die Übertragung der Generalvormundschaft auf die Kommunalverbände beschlossen wird. 2. Den Antrag C 1 dahin umzuändern, daß im§ 1717 des Bürgerlichen Gesetzbuchs die Worte es sei denn, daß ein anderer ihr beigewohnt hat" gestrichen werden. 3. Als Ergänzung zu den Anträgen C 3 und 4 hinzuzufügen: den§ 1708 des Bürgerlichen Gesetzbuchs dahin zu ändern, daß die auf und absteigenden Verwandten ersten Grades zur Alimen tation verpflichtet werden, falls der Vater des unehelichen Stindes sterben sollte; ferner im§ 1603 in Absatz 1 des Bürgerl. Gesetzbuchs die Worte: „ ohne Gefährdung seines standesmäßigen Unterhalts" zu streichen. 4. Das Erbrecht des unehelichen Kindes dem des ehelichen gleichzustellen und Bestimmungen zu treffen, die dem unehelichen Vater eine Vernachlässigung seiner Verpflichtungen durch Auswanderung unmöglich machen. Wir sprechen die Hoffnung aus, daß sich recht viele Städte in Deutschland finden möchten, die ähnlich wie in Frankfurt am Main zu diesen nicht nur für die Frauen, sondern für die ganze Bevölkerung wichtigen Fragen Stellung nehmen und ihr Interesse bekunden. Im Sächsischen Landtag wurde am 28. Januar über einen von der Fortschrittlichen Volkspartei eingebrachten Antrag verhandelt, der forderte, daß in die Gemischten Ausschüsse der Gemeinden überall Frauen gewählt werden können und ihnen das Stimm recht gesichert sein soll. Wider Erwarten war das Haus mit Einstimmigkeit für die Forderung. Man würde aber sicher fehlgehen, so bemerkt zu diesem Beschluß die„ Dresdener Volkszeitung", wenn man die bürgerlichen Parteien nun als Förderer der Gleichberechtigung der Frauen einschäßen wollte. Wenn sie dem Antrag schließlich zustimmten, so, weil er sich in sehr bescheidenen Grenzen hielt und vor allem die Gemeinden zu nichts verpflichtet. Auch wenn die von den Fortschrittlern geforderten Gesezesänderungen durchgeführt und die Frauen ohne weiteres in die Gemeindeausschüsse gewählt werden könnten, würden sie größtenteils noch lange auf eine Zulassung zu dieser bescheidenen Mitwirkung warten können. Was in dieser Hinsicht möglich ist, zeigt die Tatsache, daß selbst in der fortschrittlich regierten Stadt Zittau den Frauen durch den Stadtrat die Zulassung zu den Ausschüssen versagt worden ist. Und in Dresden lehnten die Stadtverordneten unter Führung der Nationalliberalen es ab, den Frauen Stimmrecht in den Ausschüssen zu erteilen. Es bedarf also auch in Sachsen noch einer unablässigen und rührigen Bewegung der Frauen, wenn sie ein Scheinrecht zu einem wirklichen Recht gestalten wollen. Kleine Mitteilungen. Die Vorsigende des Preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht, Frau Regine Deutsch, seit vielen Jahren in sozialer Arbeit und städtischer Wohlfahrtspflege tätig, wurde von der Stadt Wilmersdorf als stimmberechtigtes Mitglied in die Armendeputation gewählt. In einer an den Rat der Stadt Leipzig gerichteten Eingabe bat die Leipziger Ortsgruppe des Deutschen Reichsverbandes für Frauenstimmrecht gemeinschaftlich mit der Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, eine Revision der Städteordnung in der Richtung vorzunehmen, daß Frauen in die städtischen Kommissionen und Deputationen mit beschließender Stimme aufgenommen werden können". Die Eingabe wurde auf Antrag des Verfassungsausschusses von den Stadtverordneten dem Rate der Stadt zur Berücksichtigung überwiesen.- Die türkische Regierung, die jüngst den Frauen das Studium an der medizinischen Fakultät gestattet hat, hat nunmehr auch an der Handelsschule eine Frauenabteilung errichtet. Auch zur Batte riologie sind die Frauen zugelassen. Die Ausbildung erfolgt in der Weise, daß Frauen, welche die Mittelschulbildung erlangt haben, ins Bakteriologische Institut aufgenommen, um nach zweijähriger Praris zu Hilfsbakteriologen herangebildet zu werden. Achtzehn türtische Frauen wurden im letzten Jahr zum erstenmal aus der Frauenabteilung der Universität Konstantinopel( sieben aus der philolo gischen, drei aus der mathematischen, acht aus der naturwissenschaftlichen Fakultät) promoviert. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.H. in Stuttgart.