Nr. 12 A. g. XIII 28. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgelb 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark. Von Frieden zu Frieden. Stuttgart 15. März 1918 Die große Liquidation des Krieges hat begonnen. Wir schrieben vor einiger Zeit, daß der Lauf des Krieges dem Laufe einer Kugel gleiche, die in langer aufsteigender Linie allmählich ihren höchsten Punkt erreiche. Sei sie hier angefommen, so könne sie sich nach neueren ballistischen Untersuchungen wohl einen furzen Zeitraum hindurch wagerecht in der Schwebe halten, sinte dann aber, von der Schwerkraft der Erde angezogen, zu Boden, unaufhaltsam, in immer schnellerem Lauf und in wesentlich verkürzterer Linie als bein Aufstieg. Wir sprachen damals die Vermutung aus, daß der höchste Punkt des Strieges erreicht sei, und daß er fortab gleich falls in schnellerem Ablauf seinem Ende zueilen werde. Unsere Vermutung scheint sich zu bestätigen. Die militärischen Ereignisse standen schon seit Wochen und Monaten nicht mehr im Vordergrund des öffentlichen Interesses, um so mehr aber die Friedensbemühungen. Allerdings droht im Westen eine Offensive von fürchterlicher Ausdehnung und Gewalt, die Hunderttausende von Menschenleben auf beiden Seiten fosten würde. Der deutsche Reichskanzler Graf Hertling hat in seiner Reichstagsrede vom 25. Februar mit fast beschwörenden Worten die verantwortlichen Staatsmänner der Entente auf diese Gefahr aufmerksam gemacht und ihnen erneut, um das große Blutvergießen zu verhindern, die Bereitschaft zu Friedensverhandlungen nahegelegt. Wir wollen hoffen, daß auch die Westmächte vor der großen, geradezu fürchterlichen Verantwortung und Blutschuld zurückschrecken, die diese Offensive auf ihre Häupter laden würde. Militärisch braucht Deutschland diese Offensive wohl kaum zu fürchten, so daß für die Westmächte die militärische und politische Situation nach dem Abschluß des entseglichen Blutbades nicht günstiger, eher sogar ungünstiger sein würde als jetzt. Das Ende des Krieges würde dadurch leider wohl hinausgeschoben, aber kommen würde es doch. Die Menschheit ist des Krieges so fatt, so überdrüssig, sie verabscheut ihn in allen Ländern und in allen Schichten der einzelnen Völker so von Herzensgrund, daß seine Stunde in absehbarer Zeit geschlagen hat, sei es mit oder ohne Offensive im Westen. Nur, daß nach einer Offensive die gegenseitige Verbitterung der Völker noch größer und die schier unheilbaren Schäden der Kultur und Gesittung noch größer und grauenhafter sein würden, als sie es jetzt schon sind. Inzwischen schreitet die Liquidation des Krieges im Dsten rasch vorwärts. Der erste Friedensvertrag in diesem greuel vollsten aller Kriege, der Friedensvertrag zwischen der jungen ukrainischen Volksrepublik einerseits und dem Vierbund anderseits hat die Zustimmung des Deutschen Reichstags gefunden. Es haben nur die Polen und die unabhängigen Sozialdemofraten dagegen gestimmt. Die ersteren, weil sie durch eine Bestimmung des Friedensvertrags die Rechte des neuzuschaffen den polnischen Staatswesens benachteiligt glaubten, die unabHängigen Sozialdemokraten, weil ja, warum eigentlich? ja, warum eigentlich? 63 ist ein demokratischer Frieden, wie ihn auch die Unabhängigen bisher stets verlangt hatten, ein Frieden der VerZuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. ständigung, ohne Entschädigungen und gewaltsame Gebietserwerbungen, obendrein ein Frieden, den auf der Gegenseite eine fast rein sozialistische Regierung unterzeichnet hat. Er ist vor allen Dingen aber der erste Friedensvertrag in diesem Kriege überhaupt, der Bresche schlägt in den eisernen Ring des Krieges, der der Menschheit und Menschlichkeit endlich wieder ein Tor öffnet, das die Herzen der Menschheit wieder mit Hoffnung und Zuversicht erfüllt. Gegen einen solchen Frieden zu stimmen, heißt den parteipolitischen Doktrinarismus auf die Spitze treiben. Wir sind überzeugt, daß die große, große Mehrzahl der Arbeiter, vor allen Dingen aber fast restlos alle Arbeiterfrauen die Abstimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion billigen werden, die im Gegensatz zu den Unabhängigen dem ersten Friedensvertrag zugestimmt hat. Der zweite Friedensvertrag, vielleicht auch schon der dritte, wird unterzeichnet sein, wenn diese Zeilen vor die Augen unserer Leserinnen kommen. Die Ereignisse schreiten so schnell, daß ihnen eine vierzehntäglich erscheinende Zeitschrift wie die Gleichheit", deren Redaktionsschluß zudem lange vor dem Erscheinungstag liegt, nicht folgen kann. Wir mußten das bei unserem vorigen Leitartikel in besonders unangenehmer Weise erfahren insofern, als die Fußnote, in der wir die zwischen Niederschrift und Korrektur des Artikels eingetretene politische Änderung mit Rußland noch eiligst zur Kenntnis brachten, bis zum Erscheinen der Nummer auch schon wieder durch neuere Ereignisse überholt war. Mit Rußland wird der Friede in diesen Tagen( Anfang März) unterzeichnet werden. Es ist kein Vertrag, dem man, wie dem mit der Ukraine, gern und bereitwillig zustimmen fann. Daß er fein reiner Frieden der Verständigung geworden ist, daran tragen freilich die russischen bolschewistischen Machthaber die Hauptschuld. Nunmehr ist er ein Frieden, zu dem die deutsche Macht das besiegte Rußland zwingt. Es sind Bestimmungen darin enthalten, besonders in ihrer schroffen Formulierung, gegen die sich ein Sozialdemokrat auflehnt. Es muß ferner genau untersucht werden, ob diese und andere Bestimmungen einem zukünftigen freundnachbarlichen Verhältnis mit Rußland die Wege verbauen. Ferner müssen Garantien dafür geschaffen werden, daß die von Rußland losgelösten Randvölker, Kurland, Litauen, Estland und Livland, nicht in verschleierter Form von Deutschland annektiert werden, sondern sich nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker frei entfalten können. Wie die sozialdemokratische Fraktion sich zu dem russischen Friedensvertrag stellt, steht zu dieser Zeit noch nicht fest. Ebenso liegt es mit dem Frieden mit Rumänien. Auch dieser Staat hat erst durch Druckmittel zum Frieden gezwungen werden müssen. Es steht einem Frieden der Verständigung ferner die Erinnerung an die heimtückische Nolle im Wege, die die rumänischen Machthaber bis zum Eintritt Rumäniens in den Krieg den Mittelmächten gegenüber gespielt haben. Schließlich kommen noch Wünsche unserer bulgarischen Verbündeten auf die Dobrudscha als altes bulgarisches Land in 90 Die Gleichheit Betracht. Trotzdem muß auch mit Rumänien ein Vertrag möglich sein, der das rumänische Volk nicht unter den Sünden einstiger Machthaber leiden läßt, und der möglichst bald ein vertrauensvolles politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zusammenarbeiten mit Rumänien möglich macht. Welches Land dann dran ist mit dem Friedensschluß? Wir wissen's noch nicht. Jeder Tag kann in dieser bewegten, historisch bedeutsamen Zeit neue Überraschungen bringen. Die beste wäre es, wenn die vom Reichskanzler Grafen Hertling dem Westen besonders Amerika, England und Belgien gegen über erneut zum Ausdruck gebrachte Friedensbereitschaft endlich ein freundliches Echo fände. Die ganze Welt würde befreit aufatmen! künftiger Friede. Es glüht das Blut, das freudig ward pergolfen Für die erfehnte Deltverbrüderung; Sein roter Schein, der durch die nacht gefloffen, Erhellt der Zeiten tieffte niederung. Im Glorienftrable spricht's von heißem Lieben Und rötet mählich felbft den kalten Stein, Auf den Tyrannenfauft in Lettern eingefchrieben Die„ Rechte", die dem mächtigen Recht verleihn. Ein Tag bricht an, wo sich die menfchheit fragen, Sich felbft beftürmen wird in tiefer Scham: Was fie des Haffes Pflug fo lang getragen, Bis endlich, endlich die Erkenntnis kam! Dergebens waren nicht der Ketzer Träume, In denen edle Tatkraft fich verjüngt, Und üppiger grünen die Olivenbäume, Do rotes Herzblut ihre Durzeln düngt. Prudhomme. Gegen die Geschlechtskrankheiten! Zu den heimtückischsten Feinden der menschlichen Gesell schaft gehören die Geschlechtskrankheiten. Ihre Besonderheit gegenüber anderen Krankheiten besteht darin, daß sie den Menschen inmitten einer Funktion überfallen, die für die Erhaltung und Fortpflanzung der menschlichen Gesellschaft unbedingt notwendig ist und die die Natur deshalb mit Luftgefühlen verbunden hat, wie sie in gleicher Stärke bei keiner zweiten menschlichen Funktion wirksam sind. Die Allgewalt dieses Naturtriebes läßt deshalb die Menschen immer von neuem die Gefahren unterschäßen, die mit einem unvorsichtigen Geschehenlassen des Triebes verknüpft sind. Eine zweite Besonderheit unterscheidet sie dadurch vor fast allen anderen Krankheiten, daß die Geschlechtskrankheiten als etwas Schimpfliches oder zum mindesten doch Peinliches angesehen werden. Während die Menschen sonst ohne Bedenken über ihre Krankheiten sprechen, oft sogar im Übermaß und mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, während sie durch die Aussprache mit Leidensgenossen sich gegenseitig beraten und helfen, sucht der Geschlechtskranke seine Strankheit zu verheimlichen. Er möchte in der Achtung seiner Mitmenschen nicht sinken. So groß ist diese Sorge in vielen Fällen, daß die Bedauernswerten nicht einmal den Rat eines sachkundigen Arztes in Anspruch zu nehmen wagen, sondern entweder ihre Strankheit verschleppen oder damit zu irgendeinem Kurpfuscher gehen. Mit vielen anderen bösartigen Krankheiten gemein haben die Geschlechtskrankheiten dagegen die großen Gefahren der Ansteckungsfähigkeit, der gefährlichen Nachkrankheiten, der Verwüstung des infiszierten Organismus und der Nachwirkung auf Kinder und Kindeskinder. Nr. 12 In der Hauptsache unterliegt der außereheliche Geschlechtsverkehr der Gefahr der Ansteckung; es sind also junge unverheiratete Männer und Frauen am meisten gefährdet. Aber der außereheliche Verkehr beschränkt sich nicht nur auf die Unverheirateten, so daß auch in zahlreiche Familien das Gift dieser Krankheiten getragen wird und dadurch nicht nur körperlich in gefährlichster Weise weiterwirkt, sondern auch das innere seelische Verhältnis von Mann und Frau anfrißt und zerstört. Die zahlreichen Gefahren der Geschlechtskrankheiten bildeten schon vor dem Striege eine ständige Sorge von Ärzten, Sozialpolitikern und Menschenfreunden. Durch den Krieg aber sind die Gefahren in geradezu unheimlicher Weise gesteigert wor den. Millionen von Männern, besonders auch von verheirateten, find aus ihrem normalen Leben herausgerissen, sind auf Monate und Jahre von ihrer Frau getrennt worden. Nicht alle Männer besigen so viel Selbstzucht und Charakterstärke, daß sie dem in ihnen tätigen und durch die lange Enthaltsamkeit erst recht aufgeftachelten Naturtrieb Widerstand zu leiſten vermögen. Die lange Trennung von ihrer Familie und vom geordneten bürgerlichen Leben lockert ohnehin manche Sitten und Grundsäße, die in Friedenszeiten auf festem Grund zu ruhen schienen. Es kommt mancherlei Verführung durch leichtsinnige Kameraden und durch Frauen hinzu, die ihrerseits durch die lange Trennung von ihren Männern in seruelle Not geraten sind. Die Folge ist ein außerordentlich gesteigerter außerehelicher Geschlechtsverkehr und eine höchst beängstigende und gefahrdrohende Zunahme der Geschlechtsfrankheiten, denen wiederum durch die mangelnde ärztliche Versorgung nicht rechtzeitig und nicht tatkräftig genug entgegengetreten werden kann. Diese Erwägungen haben den Ausschuß des deutschen Reichstags für Bevölkerungspolitik gleich nach seinem Zusammentritt im Frühjahr 1917 veranlaßt, die Frage der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten an die Spitze seiner Beratungen zu stellen. Er ist auch in eingehenden Verhandlungen zu wertvollen Ergebnissen gekommen, die jetzt der Reichsleitung Anlaß gegeben haben, dem Reichstag einen Gesezentwurf zur Bekämpfung der Geschlechtskrantheiten vorzulegen. Gleichzeitig hat sie noch einen zweiten Entwurf gegen die Verhinderung von Geburten ausgearbeitet, auf den wir später zurückkommen werden. Die Gefeßentwürfe sind dem Bevölkerungsausschuß des Reichstags zur Prüfung und Vorberatung überwiesen worden, der auch sofort mit Eifer an die Arbeit gegangen ist. In den Grundzügen sind sich die Parteien einig. Im einzelnen treten besonders Meinungsverschiedenheiten über die Frage zutage, ob die vom Gesezentwurf vorgesehene Strafverfolgung geschlechtskranker Personen, die, trotzdem sie von ihrer Strankheit wissen, dennoch den Beischlaf ausüben, nur auf Antrag des oder der Geschädigten oder ohne weiteres auch auf Anzeige Dritter eintreten soll. Die sozialdemokratischen Vertreter wünschen das lettere; sie wollen dadurch dem übel entschlossener zu Leibe gehen, als es der Gesezentwurf vorsicht. Eine zweite strittige Frage ist die, ob die Behandlung Geschlechtsfranter nur staatlich approbierten Ärzten gestattet sein soll. Hierbei werden die alten Gegensätze zwischen der staatlichen Heilkunde und der von nicht wissenschaftlich vorgebildeten Männern und Frauen ausgeübten Heilmethode eine große Rolle spielen. Für die Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen ist der Gesebentwurf von großer Bedeutung. Jetzt während des Krieges und ebenso später sind die Frauen in ungeahnter Weise in das wirtschaftliche Leben hineingezogen worden. Sie haben sich eine wirtschaftliche Selbständigkeit errungen, die sie weit mehr noch als früher in den Stand setzt, auch selbständig über das höchste und schönste persönliche Gut, das sie zu vergeben haben, über ihren Körper, zu verfügen. Sie werden dabei vielleicht nicht immer die überlieferten Formen bürgerlicher Eheschließung wahren und wahren können. Um so mehr müssen sie vor der Gefahr geschützt werden, sowohl in ihrem eigenen Interesse, wie zum Wohle ihrer Nachkommen und damit auch Nr. 12 Die Gleichheit der Gesellschaft, daß sie durch den Leichtsinn oder die Gewissenlosigkeit von Männern um ihre Gesundheit und damit oft genug um ihr ganzes fünftiges Lebensglück betrogen werden. Ehe und Hausrat nach dem Kriege. Auf dem Möbelmarkte haben sich schon jetzt unerträgliche Zustände herausgebildet, die in der Zeit der übergangswirtschaft nach dem Kriege noch ärger zu werden drohen. Wir möchten aus einer Reihe von Gründen die Augen der Arbeiterfrauen rechtzeitig auf diese Angelegenheit lenken und zugleich unsere Genosfinnen auffordern, in Verbindung mit geeigneten Organisationen( Gemeindebehörden, Gewerkschaftskartellen, Konsumgenossenschaften, Bildungsausschüssen) sich an allen praktischen Bestrebungen zu beteiligen, die eine wirksame Hilfe in dieser besonderen Not versprechen. Zu diesem Zwecke haben wir den Genossen M. Kayser, der als Redakteur der„ HolzarbeiterZeitung" für die Frage in besonderem Maße sachkundig ist, gebeten, uns einen orientierenden Artikel darüber zu schreiben. Starke volkswirtschaftliche Interessen fordern nach dem Kriege eine Hebung der Geburtenhäufigkeit. Das hat zur Voraussetzung, daß die Eheschließung erleichtert wird. Die Eheschließung ist in der Regel gleichbedeutend mit der Gründung eines eigenen Hausstandes. Mangelt es den Ehestandskandidaten an den nötigen materiellen Mitteln, um eine Wohnung zu mieten und sie auszustatten, dann unterbleibt häufig die Ehe zum Schaden der Volkswirtschaft. In dieser Hinsicht hat der Krieg sehr schwierige Verhältnisse gezeitigt. Es sind viele Tausende von Kriegstrauungen geschlossen worden mit der Absicht, erst nach dem Kriege ein eigenes Heim zu gründen. Die Ausführung dieser Absicht wird aber sehr erschwert werden durch den Mangel an Wohnungen und an Wohnungseinrichtungen. Die Wohnungsnot ist ein Stapitel für sich, wir wollen uns hier nur mit der immer fühlbarer werdenden Möbelnot beschäftigen. Von einer eigentlichen Möbelnot kann man jezt noch nicht sprechen. Es sind noch reichliche Vorräte vorhanden. Aber die Preise der Möbel sind so ungeheuer in die Höhe gegangen, daß sie für die breite Masse umerschwinglich geworden sind. Dabei muß damit gerechnet werden, daß nach Kriegsende eine wirkliche Möbelnot eintreten wird. Dann werden nicht nur die kriegsgetrauten Paare als Käufer auf dem Markt erscheinen, ihnen wird sich die sicher nicht kleine Zahl derer anschließen, die ihren Hausstand aufgelöst haben, als der Ehemann Feuilleton Viele Dinge find's, Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen: Doch andre können nur durch Mäßigung Und durch Entbehren unser eigen werden. Der mutige Schneider. Von Klementine Krämer. Goethe. er junge Baron Yvorg macht ein lustiges Gesicht:„ Der Schneider an der Front!... Andreas Risselmann, der Schneider! Was du nicht fagst, Hochthal! Der Schneider, der Schneider an der Front?!" Und sein lustiges Gesicht wird zu einem erstaunt- lustigen, wie er die Einzelheiten vernimmt: Man habe jenem in der Garnison die ältesten Uniformen zu flicken zugemutet. Ich bitte dich, Yvorg, Risselmann als Flickschneider! Runde Flicke, quadratische Flicke von morgens bis in die Nacht. Er, bei dem jede Hose wie sagtest du doch immer?-, jede Hose ein Gedicht, jede Weste ein Capriccio, jeder Rock ein Weihfestspiel, ich bitte dich, er ein Flickschneider! Und dana ja- da meldete er sich kurzerhand hinaus und hat bereits die Tapferfeitsmedaille und das Eiserne." „ Erster?" ,, Unsinn, zweiter, aber immerhin..." „ Also, was sagst du, Hochthal; hast du Worte?"- und der Leutnant Yvorg schlägt sich krachend auf den reitledernen Schenkel. Also, Hochthal, was sagst du? Ja ja, der Strieg! Alle Tage lernt man was Neues zu. Das mutige Schneider lein." * 91 zum Heeresdienst eingezogen wurde. In den langen Kriegsjahren ist ein neues Geschlecht zum heiratsfähigen Alter herangewachsen. Wenn der Krieg zu Ende ist und die jungen Männer zurückkehren, muß die Zahl der neuen Ehen schon aus diesem Grunde eine starke Steigerung erfahren, wenn die Eheschließung nicht künstlich gehemmit wird. Die Möbelteuerung und die bei dem großen Andrang zu er wartende Möbelnot können dann als hemmende Faktoren eine große Bedeutung erlangen. Möbel kosten jetzt das Zwei-, Drei-, ja noch mehrfache des Friedenspreises, und es wird sicher Leute geben, die diese Preissteigerung auf die hohen Arbeiterlöhne zurückführen. Aus den in neuerer Zeit von Interessenten veröffentlichten Stalfulationen ergibt sich, daß der Arbeitslohn der Posten ist, der am wenigsten gestiegen ist. Wenn hier die Steigerung mit 100 Prozent angegeben ist, dann ist dabei schon start nach oben aufgerundet. Am stärksten wird der Möbelpreis durch den Preis des Holzes beeinflußt, der um das Dreifache und mehr gestiegen ist. Andere Materialien, die aber in geringereu Mengen gebraucht werden, find verhältnismäßig noch viel teurer geworden, wie Leim, Politur, Schellack usw., bei denen die Preissteigerung 500 bis 600 Prozent und mehr beträgt und die nur sehr schwer zu haben sind. Der hohe Preis der neuen Möbel hat die Nachfrage nach gebrauchten Möbeln stark gehoben. Diesen Umstand hat sich der Handel zunuze gemacht. Der Altmöbelhandel hatte von je eigenartige Geschäftsgrundsätze; im Kriege hat er es aber besonders bunt getrieben. Für alte Möbel werden von den Trödlern wahrhaft haarsträubende Preise gefordert. Dabei üben die Altmöbelhändler und ähnlich auch die großstädtischen Abzahlungsgeschäfte beim Verkauf ihrer Vorräte eine gewisse Zurückhaltung. Sie bereiten sich auf die Hochkonjunktur vor, die sie nach dem Kriege erwarten. Die Gewinne, die sie erhoffen, werden um so höher werden, als diese beiden Kategorien von Kaufleuten es vortrefflich verstehen, auch beim Einkauf die Konjunktur auszunüßen. Es ist allgemein bekannt, daß man für gebrauchte Sachen, auch für Möbel, vom Althändler nicht viel bekommt. Weniger bekannt ist es, daß auch die Abzahlungsgeschäfte beim Einkauf von Möbeln oft sehr billig fahren, wenn sie dem armen Tischlermeister, der notwendig bares Geld braucht, Daumenschrauben ansehen. Die Möbelnot hat in neuerer Zeit viele Gemeindebehörden mobil gemacht. Diese Bewegung zur Beschaffung billiger Möbel für die minderbemittelte Bevölkerung und besonders für die Kriegsteilnehmer hat erst etwa Ende November vorigen Jahres eingesetzt, fie Acht Tage danach hatte der Unteroffizier Andreas Risselmann einen Gefangenentransport in die Nähe seiner Heimatstadt zu geleiten und erwirkte drei Stunden Urlaub, die Mutter wiederzusehen. Da steht die auf dem Bahnsteig und erwartet den Sohn: „ Andreas, mein Junge!" und streichelt ihm die Backen und das Kreuz und das Bändchen der Tapferkeitsmedaille:„ Mein Sohn!" Glücklich trippelt sie neben ihm dem Ausgang zu. Draußen vor der Halle hält eine vornehme Dame die Schritte an: Frau Risselmann, ist das nicht das ist wahrhaftig, das ist ja Ihr Herr Sohn!" " Ja, mein Sohn" erwidert die Mutter und blickt stolz an ihm empor:„ Andreas, weißt du, das ist die Frau Baronin Yvorg.". " vorg" macht der Schneider langsam. Und die Dame:" Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, Sie müssen doch meinen Sohn kennen, den Leutnant vorg?" " Leutnant vorg?" wiederholt der Schneider und steht stramm. Die Baronin erfreut:„ Sie kennen ihn, wissen mir am Ende von ihm zu sagen?" Wiederum steht der Schneider stramm: Zu Befehl, nein, gnädige Frau." Nein?..." Die vornehme Dame denkt:„ Er scheint ein dummer Sterl zu sein, dieser Schneider. Steht stramm, als wäre ich sein oberster Kriegsherr, und ich will doch nichts anderes sein als die Mutter meines Jungen und ein liebes Wort über ihn hören. Damit scheint es aber nichts zu werden." So reicht sie Mutter und Sohn die Hand und geht. * * 92 Die Gleichheit hat aber schnell eine größere Bedeutung erlangt. Zunächst richteten einige Stadtverwaltungen ihre Aufmerksamkeit auf den Altmöbelmarkt. In ähnlicher Weise wie die Altkleiderversorgung sollte eine Altmöbelversorgung der ärmeren Bevölkerung erfolgen. Wenn es gelingen würde, die gewerbsmäßigen Auffäufer auszuschalten, die aus Nachlässen oder aus sonstigen Quellen stammenden gebrauchten Möbel durch die Gemeinde zu erfassen, die sie dann herrichten läßt, um sie billig zu verkaufen, dann könnte damit einiger Nuzen ge= stiftet werden. Für die Bekämpfung der Möbelnot bedeutet aber die städtische Bewirtschaftung der Altmöbel nur einen Tropfen auf den heißen Stein. Das scheint man auch sehr bald erkannt zu haben, und das Interesse richtet sich jetzt immer mehr auf die großzügige Beschaffung neuer Möbel, neben welcher die Altmöbelbewirtschaftung nur ergänzend im Auge behalten wird. Die Drganisation der Möbelversorgung ist noch im Fluß; es haben sich noch feine bestimmten Grundsätze herausgebildet. An dem einen Ort wird die Sache von der Gemeindeverwaltung unmittelbar in die Hand genommen, an anderen Orten werden mit Unterstützung aus Gemeindemitteln gemeinnützige Gesellschaften gebildet, oder die erforderlichen Mittel werden auf sonstigen Wegen aufgebracht. An manchen Stellen wird von vornherein in Aussicht genommen, die Möbel gegen Abzahlung abzugeben, während man an anderen das Prinzip der Barzahlung durchführen will. Am großzügigsten ist man bisher in Köln vorgegangen, wo die Stadt zwei Millionen Mark für die Möbelversorgung bewilligt hat. Es sind auch bereits sehr große Aufträge für Möbellieferung vergeben worden. Neben der Lieferung für den sofortigen Bedarf hat man dort auch an die Zukunft gedacht und vorläufig 4000 Zimmereinrichtungen in Auftrag gegeben, die für die Möbelversorgung in der Übergangswirtschaft bestimmt sind. Diese Möbel werden rahmenfertig geliefert und nach dem Kriege von zurüdtehrenden Tischlern und Malern fertiggestellt werden. Damit wäre zugleich dafür gesorgt, daß eine Anzahl Kriegsteilnehmer Beschäftigung findet. Daß bei einer so großzügigen Möbelversorgung auch eine bedeutende Verbilligung erzielt werden kann, ergibt sich aus der Begründung, die der Vorlage in der Kölner Stadtverordnetenversammlung gegeben wurde. Dort wurde unter anderem erwähnt, daß für Küchen, die im Frieden 140 bis 180 Mt. fofteten, jetzt im freien Handel 900 Mt. gefordert werden. Ihre Abschlüsse ermöglichen es der Stadt, eine gediegene Küche für 500 Mt. zu liefern. - Die Möbelteuerung ist zu einem erheblichen Teil durch die hohen „ Andreas, du warst ja doch so sonderbar?" meint Frau Risselmann im Weitergehen. Dabei blickt sie auf und sieht fein Gesicht, weiß wie eine Kaltmauer. Und große Schweißperlen stehen darauf. Nämlich: Gestern um Sonnenuntergang haben sie den jungen Leutnant Yvorg im Schatten der alten Ahornbäume des französischen Schloßparkes begraben. Und er Andreas Risselmann hat noch selber das Zelttuch über die Leiche breiten helfen. Dies aber der Baronin zu sagen, dazu hatte er nicht den Mut gefunden- der mutige Schneider. ( Nachdruck verboten.) Fröschle. ( Fortsetzung.) Aufzeichnungen eines Vaters.- Von Karl Bröger. Dem Reinen ist alles rein! Munter wippt Fröschle auf den Knien seines Vaters. Fröschle liebt dieses Spiel und der Vater weiß nicht anders, als daß er sich täglich mindestens ein Viertelstündchen diesem Zweck zur Verfügung stellen muß. Als kluger Mann versucht der Vater auch gar nicht erst, sich um diese Pflicht zu drücken, denn Fröschle hält in seinem Tagewerk auf Ordnung und ist unerbittlich in allen Dingen, die sein Vergnügen betreffen. Fröschle wippt also, und damit bei diesem Bergnügen die Hände nicht zu kurz kommen, untersucht er nebenbei den stattlichen Haarschopf des Vaters. Dabei muß Fröschle gefunden haben, daß der dicke Wald, in dem seine Finger wühlen, recht wohl eine Auflichtung vertragen könnte. Ohne langes Besinnen geht Fröschle frisch zur Arbeit über; er rodet und rupft mit allen zehn Fingern und nimmt jedes„ Au!", das sein Eifer dem Vater entlockt, für eine Anerkennung und Aufforderung. Den sichtbaren Erfolg seiner Arbeit - ein Büschel ausgerissene Haare- hält Fröschle dem Vater stolz unter die Nase, und blankes Krähen befundet die innige Selbst aufriedenheit mit der Leistung. Nr. 12 Holzpreise verursacht. Hier könnten die Staatsverwaltungen Helfend eingreifen. Als größter Forstbejizer hat der Staat die Möglichkeit, regulierend auf die Holzpreise zu wirken. An einigen Stellen sind auch bereits Zusicherungen in dieser Hinsicht erfolgt. So ist dem Verein Schwäbisches Bürgerheim", der die Möbelversorgung für ganz Württemberg übernehmen will, bei seiner fürzlich erfolgten Gründung von der staatlichen Forstverwaltung Holz zu er= mäßigtem Preise in Aussicht gestellt worden. Es wäre nur zu wünschen, daß die vorerst noch ziemlich verzettelte Bewegung in ein gewisses System gebracht und daß sie mehr nach einheitlichen Gesichtspunkten geleitet würde. Eine umfangreiche Möbelproduktion auf Grund der jetzt in Angriff genommenen Bewegung wird wohl erst nach Kriegsende in Angriff genommen werden können. Jezt fehlt es vor allem an Arbeitern. Die Tischlereien und Möbelfabriken sind bei sehr reduziertem Arbeiterbestand ganz überwiegend für friegswirtschaftliche Zwecke beschäftigt. Es fehlt auch an Holz, an Leim und an sonstigen Materialien. Wird aber die Produktion für die planmäßige Möbelversorgung in vollem Umfange aufgenommen, dann ist auch eine günstige Gelegenheit gegeben, geschmacksbildend auf das große Publikum gu wirken. Der Kampf gegen die Schundmöbel, die mit ihren Muschelauffäßen und lächerlichen Berzierungen auf den verbildeten Geschmack spekulieren, fönnte mit größerer Aussicht auf Erfolg ge= führt werden. Das Publikum kann dazu erzogen werden, zu be= greifen, daß es mit den aufgedonnerten Möbeln aus dem landläufigen Abzahlungsgeschäft eine liederlich zusammengehauene Arbeit meist aus schlechtem Material ins Haus bekommt. Eine nach großen Gesichtspunkten arbeitende Möbelversorgung wird den Hauptwert auf saubere und gediegene Arbeit legen und bei dem breiten Publikum das Verständnis dafür wecken, daß schlichte und einfache Formen bei guter Ausführung wirklich schön find. Diese Geschmacksbildung, die durch die Möbelversorgung erzielt werden kann, wenn sie in richtige Bahnen geleitet wird, ist nur ein Nebenzweck, dessen Bedeutung aber nicht unterschäßt werden sollte. Bei der Aktion handelt es sich in erster Linie um den Kampf gegen den Möbelwucher, und sie wird sich notwendig auswachsen müssen zu einem Kampf gegen den Abzahlungsbasar, dessen volkswirtschaftliche Schädlichkeit ja längst erkannt ist. In höherem Sinne ist die auf breiter Grundlage aufgebaute Möbelversorgung aber auch ein äußerst wertvolles Stüd praktischer Bevölkerungspolitik. Unter diesem Gesichtspunkt sollte sie daher ganz besonders gewertet und gefördert werden. Tröstlich hört es sich an, dieses herbe, aus gesundem Blut quellenbe Kreischen. Es versöhnt den beraubten Vater mit dem Berluft einiger Haare, die Fröschle beutefroh durch die Luft schwingt. Übrigens hat Bater gar keine Zeit, den verlorenen Haaren nachzutrauern, weit nießbarkeit ausgerissener Haare führen muß. Fröschle meint, daß er mit Fröschle eine ziemlich lebhafte Unterhaltung über die GeHaare ausgezeichnet schmecken, was ihm Bater umsonst auszureden sucht, so daß schließlich, um den Streit zu schlichten, Gewalt entscheiden muß. Fröschle wehrt sich wader gegen die väterlichen Übergriffe uns fämpft heldisch um jedes einzelne Haar. Erft als ihm das legte Haar aus seinen Fingern gezogen ist, gibt er die Schlacht auf mit dem erhebenden Bewußtsein, die Ehre bis zuletzt verteidigt zu haben. In diesem Bewußtsein wendet sich Fröschle wieder dem Vater zu, nachdem er ihm während des ganzen Kampfes siegreich den Rücken gekehrt hatte. Er sucht nach neuer nüglicher Betätigung. Dabei geraten seine dicken Patschhände von ungefähr an Vaters Nase. Sie tasten einigemal den Nasenrücken hinauf und hinab, was Fröschle überzeugt, daß feine Gefahr droht. Während nun nochmals jeder Finger einzeln von Berg zu Tal fährt, grunzt Fröschle beifällig, weil er die Rutschfahrt sehr beluftigend findet. Dazu stippt er mit dem linken Zeigefinger auf die eigene Nasenspige wie auf einen elektrischen Klingelknopf. Diese verschiedenen Tätigkeiten gedeihen alle in einer munteren Laune, die wie lichter Sonnenschein auf Fröschles Gesicht lagert. überhaupt ist das Gesicht Fröschles ein zuverlässiger Wetteranzeiger. Wer auf diesem Barometer zu lesen versteht, fann leicht voraussagen, welche Witterung im nächsten Augenblick herrschen wird. Jept ist gerade so ein Augenblick des übergangs. Fröschle schiebt die Unterlippe vor und läßt die drallen Bäcklein hängen. Von unten her huschen Schatten in das Gesicht und ver drängen langsam den Sonnenschein. Schon ist der Glanz bis ant die Augen zurückgewichen; mun friecht er in die Augen hinein, und jetzt fallen gar Schatten über die Stirn. Das ganze Antlitz zieht sich mit Wolfen ein, wie der Himmel, wenn es regnen will. Nr. 12 Aus unserer Bewegung Die Gleichheit Groß- Berlin. Eine gutbesuchte Frauenkonferenz unseres Bezirks fand am 18. Februar statt. Die Genossinnen nahmen einen Bericht über die bisherige Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Stimmrechtsverbänden zugunsten des Frauenwahlrechts entgegen. Aus diesem Bericht ist hervorzuheben: Ausgang und Anregung für dieses teilweise Zusammenarbeiten auch der Berliner Organisation war die im Dezember abgegebene gemeinsame Erklärung für die sozialdemofratischen und bürgerlichen Frauen Deutschlands an die gesamte Offentlichkeit und sämtliche Bundesparlamente. Eine gemeinsame Versammlung der sozialdemokratischen Frauen Groß- Berlins mit dem„ Deutschen Verband für Frauenstimmrecht" und dem„ Deutschen Frauenstimmrechtsbund"( Ortsgruppe Berlin) am 10. Dezember wurde vom Oberkommando verboten. Als Ersatz diente vorläufig eine Mitgliederversammlung des Stimmrechtsverbandes, in welcher neben den bürgerlichen Rednerinnen auch eine Sozialdemokratin, Genossin Bepler, sprach. Ein weiteres Vorgehen bestand in dem gemeinsamen Besuch bei den Fraktionen des Abgeordnetenhauses. Hierbei war auch die unabhängige Sozialdemokratie beteiligt. Die Kommission bestand aus den Genossinnen Marie Juchacz und Wally Zepler von unserer Seite, Luise Zietz in Vertretung der anderen sozialdemo fratischen Richtung, Frau Minna Cauer für den Deutschen Frauenstimmrechtsbund und Frau Regina Deutsch für den Deutschen Stimm rechtsverband.( Die„ Gleichheit" berichtete schon in Nr. 7 unter dem Titel„ Preußische Wahlreform und Frauenwahlrecht" darüber.) Die Anwesenden waren damit einverstanden, daß nunmehr von unserer Parteileitung eine Frauenwahlrechtsversammlung einberufen wird. Zur Erledigung der notwendigen Vorarbeiten wählte man fünf Genossinnen. Zuletzt wurde noch eine Kommission gebildet zur Vorbereitung einer besonderen Tagung der Groß- Berliner Genossinnen, in der man sich über verschiedene Einzelfragen des jetzt besonders altuell gewordenen Bevölkerungsproblems unterrichten und dazu Stellung nehmen will. Der Deutsche Textilarbeiterverband, Filiale Stuttgart, bittet uns um Aufnahme folgender Notiz: In Nr. 9 der„ Gleichheit" veröffentlicht Frau Laura Schradin in Reutlingen einen Zur Abwehr" überschriebenen Artikel, in dem sie sonderbarerweise auch für nötig bält, der Stuttgarter Leitung des Textilarbeiterverbandes etwas am Zeug zu flicken. Wir beschränken uns auf die Feststellung, daß weder Mißtrauisch beobachtet Fröschles Vater die Verschiebungen in dem fleinen Gesicht. Eine bange Ahnung meldet ihm das große Ereignis voraus. Schnell will er noch retten, was zu retten ist, da kriecht auch schon ein Kribbeln sein rechtes Hosenbein herunter, als liefe eine Schar Ameisen über das Knie. Fröschle beugt sich neugierig, den Vorgang genauer zu beobachten, und ist höchlich überrascht, daß ihn der Vater frei in die Luft hebt und dann sehr bestimmt auf den Boden setzt. Was hat der große Mann nur, daß er die Knie so kräftig abflopft? Mit verdugter Miene beäugelt Fröschle den Vater, der eilfertig einen Lappen schwenkt und damit über seine Hose reibt. Fröschle will auch mitspielen und reckt sich fast die Arme aus dem Gelenk, es dem Vater begreiflich zu machen. Doch der Vater, der sonst alles versteht, ist plötzlich begriffsstugig und stellt sich gar nicht an, Fröschle den Willen zu tun. Warum wohl? Er weiß eben aus Erfahrung, die bewußte, weniger reizende als notwendige Handlung spielt sich bei Fröschle wie ein Zeitungsroman ab- in Fortseßungen, und er hat gar keine Lust, von dem nassen Unfall dreimal in fünf Minuten betroffen zu werden, wie es ihm schon einmal geschah. Bater läßt also Fröschle seelenruhig am Boden hoden, eine Roheit, die Fröschle zunächst arg empört. Doch halt, was ist denn das für ein sonderbares Geschöpf an Waters Fuß? Schwarz und glänzend sieht es aus und macht einen recht vornehmen und würdevollen Eindruck. Fröschle verneigt sich, um als höflicher Mensch die Bekanntschaft einzuleiten, doch der Schwarze scheint hochmütig, denn er geht gar nicht auf Fröschles Liebenswürdigkeit ein. Dann muß man eben deutlicher werden und dem ledernen Gesellen zeigen, daß ein kleiner Bub nicht so leicht zu verblüffen ist. Mit dem ganzen Anstand seiner zehn Monate bewegt sich Fröschle nach dem neuen Bekannten hin und streckt die Hand freundschaftlich aus. Daß auch diese Liebenswürdigkeit nicht wirkt, bestätigt nur Fröschles geringe Meinung von der Lebensart des neuen Freundes. Hat aber der Kerl keine Gesittung, wozu braucht Fröschle eine? Fort mit aller Rücksicht und zugepackt! Kurzweg umarmt Fröschle den Gegenstand seiner Neigung, tätschelt ihn liebevoll und will gerade seinem überströmenden Gefühl Ausdruck 93 damals noch heute die Filiale Stuttgart Verpflichtung oder auch nur Berechtigung hatte, in Reutlingen helfend einzugreifen". Das muß der Frau Schradin bekannt sein. Erst als Erschwerung der Lohnbewegung der Stuttgarter Arbeiterinnen der Flickwerkstätten durch die niedrigen Löhne der Werkstätten in Reutlingen in die Erscheinung trat, war sie gezwungen, bei der zuständigen Stelle auf Abhilfe zu drängen. Indem sie dies mit dem die Frau Schradin so erregenden Erfolg tat, hat sie eben darauf gedrungen, das wenigstens im ganzen Lande gleicher Lohn für gleiche Leistung bezahlt werden sollte". Der diesbezüglichen Belehrung der Frau Schradin bedurfte es also für uns nicht, und wir lehnen sie dankend ab. Die Behauptung, daß die Spaltung der Parteibewegung in Stuttgart und die Streitfrage wegen der Kriegskreditbewilligung für die Leitung des Textilarbeiterverbandes wichtiger zu sein scheine als die Wahrung der Interessen der Textilarbeiterinnen", schenken wir der Frau Schradin und legen es zu dem übrigen. Vom Fortgang des Franenrechts I. K. Das Frauenstimmrecht in Osterreich. Eine ganz wesentliche Aufhellung und Besserung haben die Aussichten des Frauenstimmrechts in Osterreich erfahren. Die Regierung hat in den Streiftagen bekanntlich erklärt, daß die dem Reichsratswahlrecht zugrunde liegenden demokratischen Prinzipien mehr als bisher zur Geltung kommen sollen und daß in Bälde das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht in der Gemeinde durchgeführt werden soll. Eine Anfrage an die Regierung, wie sie sich zu den Ansprüchen der Frauen auf Betätigung im öffentlichen Leben verhalte, wurde dahin beantwortet, daß die Regierung fein grundsätzliches Bedenken gegen die Berüdfichtigung derartiger Wünsche habe. Damit hat die Regierung das Frauenstimmrecht grundsäglich anerkannt, und es ist anzunehmen, daß in Einzellandtagen und Gemeinden der Monarchie demnächst schon entsprechende Anträge zur Beratung stehen werden. Wien wird voraussichtlich die erste Stadt sein, die das Frauenwahlrecht einführen wird. Die christlichsoziale Gemeinderatsmajorität pflegt bereits dahinzielende Beratungen. Die sozialdemokratischen Frauen Wiens haben vor einigen Tagen gemeinsam mit den bürgerlichen Frauenvereinigungen eine Frauenversammlung einberufen, die eine eindrucksvolle Sundgebung für das Frauenstimmrecht darstellte. Außer den bekannten Genossinnen Popp und Freundlich sprachen Vertreterinnen der Hausfrauen, der Lehrerinnen und der Postin einem Auß verleihen, als der Vater den Schuh unwirsch zurüdzieht. Das ist Fröschle doch zu stark, denn wer sieht sich gern mit seiner Liebe verschmäht? Zeterndes Geheul läuft hinter dem spröden Ausreißer her. Fröschle beruhigt sich erst, als er mit dem Schuh spielen darf. Doch sorgt genügende Entfernung dafür, daß Liebfosungen ausgeschloffen sind und Fröschle keine Gelegenheit findet, das Bibelwort vom Reinen, dem alles rein ist, zu befolgen. ( Fortsetzung folgt.) Frühling, der die Welt umblaut, Frühling mit der Vöglein Laut, Deine blühnden Siegespforten Allerenden, allerorten Hast du niedrig aufgebaut. Ungebändigt, kreuz und quer über alle Pfade her Schießen blütenschwere Zweige, Daß dir jedes Haupt sich neige, Und die Demut ist nicht schwer. May Jungnickel Konrad Ferdinand Meyer. der Dichter. Von Hans Sonntag. Enter den neueren Dichtern, die von sich reden gemacht haben, ragt einer besonders hervor, einer mit Märchen- und Himmelssehnsucht und Zärtlichkeit und Liebe. Es ist May Jungnickel. Er steht draußen im Felde und hat schon einmal zwischen Leben und To gehangen. In Sagdorf, einem Kleinen verschlafenen Nest der Provinz Sachsen, ist er am 27. Oktober 1890 geboren. Sein Vater war Bahnwärter, die Mutter Schneiderin. Und seine hellen großen Kinderaugen 94 Die Gleichheit beamtinnen. Der Wiener Gemeinderat hatte drei Vertreter entsandt, die sich alle rückhaltlos für das Frauenstimmrecht aussprachen. Das ereignete sich zu ungefähr derselben Zeit, als man im Preußischen Landtag jede derartige Anregung wie eine ganz weithergeholte und widersinnige Zumutung abtun zu müssen glaubte. Ein ukrainischer Frauenkongreß in Kiew. Auf dem ersten ukrainischen in Stiew foeben abgehaltenen Frauenkongreß wurden unter anderem die folgenden Beschlüsse gefaßt: 1. Die Versammlung der ukrainischen Frauenorganisationen verlangt eine demokratische Herrschaft über die ukrainische Republik. 2. Die Versammlung ist der Überzeugung, daß der Wille des Volkes nur durch die ukrainische Nationalversammlung zum Ausdruck gebracht werden kann. 3. Die Bersammlung fordert von der republikanischen Regierung die Durchführung des Selbstbestimmungsrechts für die kleineren, die Ukraine bewohnenden Völker. Die Versammlung wünscht mit anderen Nationen im besten Einvernehmen zu leben, soweit sie den Interessen der Ukraine nicht schaden werden. 4. Die Versammlung fordert die Aufhebung der Vormundschaft über Witwen und Kinder, da diese die Würde der Frau in den Augen der Kinder erniedrigt. 5. Die Versammlung fordert die ganze Bevölkerung auf, sich der schwangeren Frau anzunehmen, sie zu schüßen und vor anstrengender Arbeit zu bewahren, da die Folgen sowohl für die Frau wie für die Nachkommenschaft nachteilig find. Zum Schluß hat die Versammlung verschiedene Beschlüsse über den Stampf gegen die Geschlechtstraut heiten angenommen. Kleine Mitteilungen. In Sofia ist die erste Nummer eines von Fran Anna Karina herausgegebenen neuen Wochenblattes„ Bolgaria"( Die Bulgarin) erschienen, das besonders für das Frauenwahlrecht in Gemeinde und Staat eintritt. Dem Kabinett des Unterstaatssekretärs der Finanzen in Frankreich ist Fräulein Jeanne Tardy beigeordnet worden. Mit ihr tritt zum erstenmal eine Frau in ein französisches Ministerium. Wie bereits gemeldet, hat das englische Oberhaus grundsäglich der Frauenstimm rechtsvorlage mit 143 gegen 69 Stimmen zugestimmt. Die Debatte dauerte zwei Tage. Lord Landsdowne und Lord Loreburne Nr. 12 Amt berufen wurde. Vor kurzem ist in Schweden ein konservativer Frauenstimmrechtsverein gegründet worden, was insoweit bemerkenswert ist, als in Schweden das Frauenstimmrecht vorwiegend als Parteisache der Liberalen und Sozialisten betrachtet und behandelt und von den Konservativen geschlossen bekämpft wurde. In der in der vorigen Woche in Stockholm stattgehabten Jahresversammlung des Zentralvorstandes des Vereins für politisches Wahlrecht der Frauen Schwedens" wurde berichtet, daß dem in diesem Monat zusammentretenden Reichstag eine Regierungsvorlage über das Wahlrecht der Frauen zugehen wird. Das amerikanische Repräsentantenhaus hat die Gesegesvorlage zur Einführung des Frauenstimmrechts mit 272 gegen 136 Stimmen, also genau mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit, angenommen. Da im Senat die erforderliche Mehrheit schon vorher vorhanden war, so ist nunmehr außer den mit New York 20 Staaten, die es bereits besitzen, das Frauenstimmrecht mit einem Schlage auch in den noch rückständigen 27 Staaten eingeführt, die politische Befreiung der Frauen also in der ganzen Union Tatsache geworden. In Südaustralien sind fürzlich weitere 14 Frauen zu den bisher schon vorhandenen weiblichen Friedensrichtern ernannt worden, weist für die staatlichen Jugendgerichtshöfe. Doch wird auch ihre Tätigkeit in den besonderen Fällen, die Frauen betreffen, hervorgehoben.- Zu den Mitgliedern der zur Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Brest- Litowst versammelten Deputation gehörte auch eine Frau: A. A. Biacenko. Die ersten weiblichen Stadträte im Ottupationsgebiet Polen wurden vor kurzem in Grodno auf Grund der den Polen verliehenen Selbstverwaltung gewählt. Nachdem die englische Wahlgesetreform minmehr auch den Frauen das Stimmrecht zugebilligt hat, sind die Engländerinnen dazu übergegangen, die Errichtung eines neuen Ministeriums zu fordern, das lediglich aus Frauen zusammengesetzt sein soll, und in dem alle die Angelegenheiten behandelt werden sollen, die Frauenarbeit und Frauen- sowie Kinderwohlfahrt betreffen. ſprachen sich gegen das Frauenftimmrecht aus. Andere Gegner der Kapitalabfindungsgesetz und Kriegerwitwen. Vorlage gaben, wie sie erklärten, ihre ablehnende Haltung auf, weil fie ernste Konflikte mit dem Unterhaus befürchteten.- Frau Augusta Westerberg ist zum Rektor eines Lehrerinnenseminars in Kalmar in Schweden ernannt worden. Das Ereignis wird nicht mur als bedeutsam für die Erziehungssache, sondern auch für die Frauen bewegung angesehen, da es das erstemal ist, daß eine Frau zu diesem suchen in der kleinen Heimat die Schönheit. Und finden Sie. Schon mit vierzehn Jahren schreibt der Jüngling bunte Plaudereien für Provinzblätter, und allmählich, indem er alle Leiden und Freuden des freien Schriftstellertums kennenlernt, wird er fleißiger Mitarbeiter der großen Tageszeitungen und Zeitschriften. Entzückende wunderliebe Märchenbücher rinnen aus seiner Feder. Lauter Seele, lauter Gold! Und nun seine Bücher: Nichts Schöneres, wenn es draußen schneit und stürmt, gibt es, als so ein liebes kleines Buch von May Jungnickel, wo alles so hübsch eingepackt ist in blühenden Sonnenschein. Von welchen Büchern läßt sich das noch sagen? Wie ein Freund möchte ich von diesen Büchern erzählen; denn sie sind mir so trant geworden, und ich könnte nicht vor ihnen bestehen, wenn ich als Stritifer zu ihnen käme. Nein, dazu sind diese Bücher zu schade. Einen Dichter wie Mag Jungnickel muß man erleben, denn er ist ein Eigener, ein Dichter, der das Kleine, Unbeachtete liebfost mit zarten weichen Händen wie ein liebedürftend Kind. Ach- und wie fein tut er das! Er hat eigene tiefe Worte, träumerisch- süß wie schmeichelnde Frauen. Etwas Neues ist in dieser heimlich neckischen Sprache von der zwingenden Kraft der Heineschen Prosa. Ja, ein Teil von Heine schlummiert überhaupt in diesem Märchendichter, wenigstens das Zarte hat er von ihm und die Neigung zur feligvergessenden Träumerei nicht minder. Jungnickels Lieblingsdichter find Andersen und Jens Peter Jacobsen, und auch in dem Befenntnis hierzu kennzeichnet sich seine Art, die Welt dichterisch zu gestalten. Gar manches hat er von seinen Vorbildern gelernt, von Andersen die Kunst der Verlebendigung alles Leblosen und von Jacobsen die große Meisterschaft der Wortschöpfung; aber vieles ist auch ursprünglich und wurzelecht aus seinen eigenen Tiefen gewachsen, das sonst keinen anderen Vergleich zuläßt als den: es ist Mag Jungnidel. Da ist„ Das lachende Soldatenbuch mit der Denkerstirne". Kleine prächtige Skizzen, im Felde geschrieben. Es sind Gedichte in Prosa, wie sie ähnlich, wenn auch aus anderem Stoff gewebt, nur noch einer geschaffen hat: Cäsar Flaischlen. Eine kleine Probe schon zeigt seine starte Begabung: In weiten Kreisen des Volkes besteht die Auffassung, daß Kriegerwitwen bei ihrer Wiederverheiratung auf Grund des Napitalabfindungsgesetzes abgefunden werden können. Diese Meinung ist irrig. Das Gesetz wird mit den Bestimmungen der Unfallversicherung verwechselt, nach denen die Witwe nach ihrer ,, Und wir singen, und wir fingen und singen. An meinen Stiefeln tleben zertretene Blumentöpfchen. In meinem Tornister neben meiner Konservenbüchse und einer Schuhbürste liegt eine Puppe, eine blonde, zottelhaarige Puppe; die Kinderpuppe meiner Frau. Als ich auszog, hat sie mit Tränen und leisem Singen der Puppe ein neues Kleid genäht. Und wir singen, und wir singen und singen. Und hinter mir, auf meinem Rücken, singt's ganz leise, ganz weh wie eine weinende Fabel. Und wir ziehen hinaus, irgendwohin, irgendwohin. Und die Kinderpuppe meiner Frau liegt in meinem Tornister." Was spricht aus diesen einfachen, schlichten und doch so tiefen Empfindungen für ein Mensch? Draußen tobt die Schlacht, ein Meer von Eisen und Feuer, und ein Dichter- denkt an die Kinderpuppe seiner Frau. Darin zeigt sich die menschliche und zugleich die dichterische Größe Mar Jungnickels, daß er nicht, wie viele andere, dem Taumel der Meinungen über die Zweckmäßigkeit des Krieges erlegen ist, sondern daß sich sein besseres Teil in ihm auflehnt gegen dessen Sinnlosigkeit. Nicht mit lauter philosophischer Kritik behandelt er solche allgemein- menschlichen Fragen, nein, die Stritik ist bereits sein Erlebnis: " Irgendwo steht ein Häuschen und ein Gartenzaun und Blumen, viele Blumen. Eine Lerche trägt mit ihrem Lied das Häuschen und den Gartenzaun und die Blumen durch verzauberte Märchen. Ob es dieselbe Lerche ist, die überm Exerzierplay fliegt? Ob es dieselbe Lerche ist? Linksum! Ab- tei- lung marsch! Ob es dieselbe Lerche ist?" Und solche Stellen findet man im Lachenden Soldatenbuch gar viele. Da lachen ihn die Gänseblümchen aus, weil er wie ein Stock. im Grase liegt, den Helm in die Stirn gedrückt, das Gewehr im Anschlag, und fragen ihn: Warum wirfst du denn deinen Hut nicht Nr. 12 Die Gleichheit Wiederverheiratung eine Abfindungssumme von drei Fünfteln des Jahresarbeitsverdienstes, der der Rentenberechnung zugrunde gelegt war, ohne jede Einschränkung erhält. Ganz anders verhält es sich mit dem Gesetz über Ka pitalabfindung an Stelle von Kriegsversor. gung vom 3. Juli 1916". Danach haben Kriegerwitwen bei ihrer Wiederverheiratung keinerlei Anspruch auf eine Kapitalabfindung, sondern gehen mit Ablauf des Monats, in dem sie die neue Ehe geschlossen haben, der Rente verlustig. Sind Kinder vorhanden, erhalten sie trotz der Wiederverehelichung der Mutter ihre Waisenrente weiter. Grundlegende Vorausseßung für die Gewäh rung von Kapitalabfindung ist nach dem Gesez, daß das Geld zum Erwerb oder zur wirtschaftlichen Stärkung eigenen Grundbesitzes verwendet werden soll. Der Grundbesik soll zur Befriedi= gung des eigenen Wohnbedürfnisses oder zur Ausübung des eigenen Geschäftsbetriebs dienen. Das heißt also mit anderen Worten: Die Abfindungssumme wird nur gewährt, wenn der Nachweis erbracht wird, daß das Geld zinstragend und sicher angelegt wird und die Gewähr besteht, daß sich die Antragstellerin durch Gewährung der Abfindung eine sichere Existenz gründen kann. Mit Rücksicht auf die besonderen Ziele des Gesetzes haben die zuständigen Behörden( Magistrat, Landratsamt) zu prüfen, welche Maßnahmen vorzusehen sind, um einerseits die erstmalige bestim mungsgemäße Verwendung und die dauernde Erhaltung des Verwendungszwecks zu sichern und andererseits, für den Fall der Vereitlung des Zwedes, die Rückzahlung der Abfindungssumme sicherzustellen. Bei Abfindungsanträgen von Witwen ist zu prüfen, ob die für Rückzahlung des Kapitals im Falle der Wiederverheiratung angebotene Sicherheit nach Art und Umfang hinreichend erscheint oder ob ausnahmsweise von einem Einfordern der Sicherheitsleistung abgesehen werden kann. Das seht voraus, daß bei Anträgen auf Abfindung eine Prüfung der Familien- und Vermögensverhältnisse der Bewerberin sowie ihrer persönlichen Eignung zu der beabsichtigten Verwendung erfolgt. Es ist Sache der Antragstellerin, den Nachweis von der Nützlichkeit der beabsichtigten Verwendung des Abfindungsfapitals zu erbringen und zu diesem Zwecke die erforderlichen Unterlagen, wie Grundstüdsangebote, Kauf- oder Bauverträge, Baupläne, Kostenanschläge, Katasterauszüge, Grundbuchabschriften und dergleichen vorzulegen. Betont sei noch, daß zur Erwerbung eines Hausanteils für eine Baugenossenschaft die Abfindungssumme nicht gewährt wird, wenn die Bewerberin beabsichtigt, fich in einem Hause der Genossenin die Frühlingsluft, warum singst du denn nicht? Das alles ist wunderschön, weil es rein menschlich ist. Gleich nach dem Lachenden Soldatenbuch kommt ein anderes: " Troß Tod und Tränen"( Berlag Hermann Wiechmann, München). Auch wieder eine Sammlung fleiner süßzarter Stizzen; in dieser Gattung gelingen dem Dichter wahre Meisterstücke. Jede Zeile, jedes Wort ist da Kunst. Welche starke finnliche Anschauungskraft spricht aus seinen Bildern! Mag Jungnickel ist ein Maler; bei ihm rundet sich alles zum Bilde. Reizende Farben hat er auf seiner Palette. Namentlich die duftigen- die liebt er am meisten. Pastelle! Aber er sieht nicht nur mit den Augen, dazu hat er zu viel Seele, eine Seele wie ein Kind. Mit Kindersinnen schaut ein Mann in die Welt und sieht Wunder über Wunder. " May Jungnickel hat auch zwei Romane geschrieben:« Peter Himmelhoch" und" Ins Blaue hinein". Diese Geschichten haben denselben Grundton wie die Skizzen, es sind ganz einfache Erlebnisse. Aber wie kommt es, daß diese schlichten Erzählungen einen größeren Reiz ausüben als mancher verwickelte Roman? Welche geradezu gewaltige Spannkraft wohnt seinem Roman Jns Blaue hinein" inne, obgleich auch hier, wie immer bei Jungnidel, die Lyrit vorwiegt! Was ist an dieser Geschichte, in der ein armer Musiker sein Weib beim ersten Kind verliert, eigentlich Besonderes? Und doch, ein Künstler wie Jungnickel macht ein kleines Drama daraus von Glüc und Schmerz. Das ist Kunst! Aus einem Erlebnis wie dem, daß einer ins Feld zieht und nicht wiederkommt, derweil ein süßes Gänsemädchen auf ihn wartet, weiß May Jungnidel eine ergreifende Schicksalsgeschichte zu gestalten. Die Hauptmittel seiner Kunst liegen in der„ Stimmungskunst". Jungnickels Roman Ins Blaue hinein" liebe ich wie Storms Waldwinkel". # 1 Daß Mar Jungnickel ein neuer Dichter ist, und kein kleiner, hat A. de Nora ihren Zeitgenossen ans Herz gelegt, als der Dichter an seiner schweren Verwundung daniederlag. Nun, da May Jungnickel lebt, liegt es an uns, ihn zu ehren, wie er es verdient. Nicht nur Blumenseligkeit und Himmelsduft und Frühlingsglanz wehen aus Mar Jungnidels Büchern, sondern auch das Eine, Große, was uns heute nötiger ist denn je: Menschlichkeit! 95 schaft einzumieten. Auch die Erbauung und der Erwerb von Hauptsächlich zur Vermietung bestimmten Häusern kommt nicht in Betracht, denn der Grundbesitz soll zur Befriedigung des eigenen Wohnbedürfnisses oder zur Ausübung des eigenen Geschäftsbetriebs dienen. Schließt die abgefundene Witwe eine weitere Ehe, so ist die Abfindungssumme binnen drei Monaten unter bestimmten Voraussezungen zurückzuzahlen. Es wird ihr dabei ein Betrag nachgelassen. Näher darauf einzugehen, erübrigt sich, da es sich bei diesem Artikel nur darum handeln kann, eine weitverbreitete irrige Auffaffung richtigzustellen. Aus dem oben Ausgeführten geht hervor, daß das Gesetz eine Abfindung zur Abtragung von Schulden aus erster Ehe oder zur Einrichtung eines neuen Haushalts nicht zuläßt. Das ist eine Härte, die vorläufig nicht zu ändern ist, weil bei der Beurteilung der Frage nicht maßgebend sein kann, wie das Gesetz sein könnte, sondern wie es zurzeit ist. Die Bestimmungen dieses Gesezes sind aber nicht nur eine Härte für die Kriegerwitwen, sondern sie entsprechen auch nicht dem nationalen Interesse. Bei den ungeheureu Opfern, die dieser Krieg an Menschenleben gefordert hat und leider auch noch fordern wird, liegt es im ureigensten Interesse des Staates, mit allen Mitteln dahin zu wirken, die unerseßlichen Verluste zu mildern und ausgleichen zu helfen. Und dazu kann eine Änderung dieses Gesetzes beitragen. Eine von Staats wegen unterstüßte Erleichterung der Wiederverheiratung eines Teiles der großen Zahl von verwitweten Kriegerfrauen würde ganz andere Ergebnisse zeitigen als die bisher getroffenen Maßnahmen, die dem Geburtenrüdgang steuern sollen. Die meisten Arbeiterfrauen, die durch den Krieg den Ernährer verloren haben, müssen sich kümmerlich durchs Leben schlagen, und viele von ihnen sind infolge schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse nicht in der Lage, eine neue Ehe einzugehen. Das würde ihnen erleichtert, wenn sie bei der Verheiratung eine Abfindungssumme erhielten, die sie zur Aussteuer und zur Abtragung alter Schulden verwenden könnten. Dieser wichtigen Frage kann vom Reichstag nicht genug Beachtung geschenkt werden. Wenn für Kriegszwecke Milliarden und aber Milliarden aufgebracht wurden, müssen auch Gelder flüssig gemacht werden können, die Wunden, die der Krieg dem Volkskörper geschlagen hat, zu lindern und zu heilen. Es sei noch darauf hingewiesen, daß alle Kriegerfrauen, die sich wiederverheiratet haben, bei der zuständigen Zivilbehörde( Magistrat, Landratsamt) ein Gesuch um Zahlung einer einmaligen Bücherschau Erhöhte Bücherpreise. Wir werden ersucht, darauf hinzuweisen, daß die Preise für Bücher, auch für die der billigen Sammlungen, wegen der Verteuerung aller Materialien durchweg erhöht worden sind. Dies gilt besonders auch für die Bücher, die in dem Artikel von Elfriede Schäfer empfohlen worden sind. Wir bitten, das bei Bücherkäufen zu berücksichtigen. Redaktion der„ Gleichheit". Vom Bibliothekar, der von Gustav Hennig herausgegebenen Monatsschrift, ist soeben das erste Heft des 10. Jahrgangs erschienen eine Doppelnummer, die für die Monate Januar und Februar gilt: infolge der Bapierknappheit wird die Zeitschrift in diesem Jahre in Doppelheften herauskommen. Mit der vorliegenden Nummer ist zugleich der Titel der Zeitschrift erweitert worden. Er lautet künftig: Der Bibliothekar und Ratgeber für Hausbüchereien. Damit wird gesagt, daß das Blatt wohl in erster Linie ein Ratgeber für die Leiter von Arbeiterbibliotheken ist und bleiben soll, aber sich nicht an die Fachleute allein wendet, sondern an alle Arbeiterbücherfreunde. Möge es in seinem neuen Jahrgang nicht nur, wie bisher, den Beifall der Fachmänner ernten, sondern auch mehr als bisher den Weg zu den Arbeiterbücherliebhabern finden. Es kostet jährlich 3 Mt. Bestellungen sind zu richten an Gustav Hennig, Leipzig- Connewitz, Hildebrandstraße 36 III. ★ Eingegangene Schriften. Dr. Jakob Hads, Die Ehelosigkeit der Lehrerin. Briebatschs Verlagsbuchhandlung, Breslau. Wo haben die Frauen das Stimmrecht? Herausgegeben vom Propagandaausschuß des Deutschen Frauenstimmrechtsbundes, 1917. Zu beziehen durch die Geschäftsstelle, Hamburg 25, Mazweg 11. Breis 20 Pfennig. Tagesstätten für unbeaufsichtigte Säuglinge, Kleinfinder und Schulkinder in Groß- Berlin. Berlin, Januar 1918. Groß- Berliner Kriegsausschuß zum Schuße aufsichtsloser Kinder. Berlin SW 68, Alte Jakobstraße 33/35. 96 Die Gleichheit Unterstüßung einreichen mögen. Obwohl sie nach den jetzt bestehenden gesetzlichen Bestimmungen des Abfindungsgesetzes bei Wiederverheiratung kein Recht auf Abfindung haben, stehen doch der privaten und kommunalen Kriegsfürsorge Mittel zur Verfügung, um für diese Zwecke Zuwendungen zu gewähren. In verschiedenen Gemeinden hat man von diesen Geldern den sich wiederverheiratenden Kriegerfrauen Unterstüßungen zur Instandsetzung des neuen Haushalts gewährt. Soweit die Gelder vorhanden sind, wird man das auf Ansuchen auch in anderen Kommunen tun. Vernünftiger wäre es freilich, die ganze Materie reichsgefeßlich zu regeln. Die Frauen wenden sich am besten an das zuständige Arbeiterfefretariat oder an die Rechtsauskunftstelle, wo man ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen und auch die erforderlichen Schriftsäze anfertigen wird. R. Tr. Aus der sozialen Arbeit Arbeitsgemeinschaft der Archive für Kriegswohlfahrt. Auf Anregung der Freien Vereinigung für Kriegswohlfahrt" ist fürzlich ein Zusammenschluß der Wohlfahrtsarchive zustande gekommen. Diesen Archiven fällt die wichtige Aufgabe zu, die Erfahrungen der sozialen Fürsorge festzuhalten. Zwischen den vorhandenen Archiven, die meist an praktisch arbeitende Organisationen angegliedert sind, ist eine gewisse Arbeitsteilung vorhanden. Die auch auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge sich überstürzenden Kriegsnotwendigkeiten haben aber diese Grenzen vielfach verschoben. Da außerdem bisher fast kein Zusammenhang zwischen den einzelnen Archiven bestand, ist ein und dieselbe Arbeit vielfach von den verschiedensten Stellen aufgenommen worden, so daß eine große Zersplitterung der Arbeit entstanden ist. Auch wer über sozialfürsorgerische Maßnahmen, sei es zu praktischen, sei es zu theoretischen Zwecken, Auskunft haben will, hat große Mühe, die zuständige Stelle ausfindig zu machen. Um dieser Verwirrung zu steuern, ist eine Zusammenarbeit der bestehenden Archive herbeigeführt. In der Geschäftsstelle, die an die Zentralstelle für Volkswohlfahrt, Berlin W 50, Augsburger Straße 61, angegliedert worden ist, ist eine Zentralnachweis= stelle geschaffen worden, die über die Sammlungen der Archive genau unterrichtet ist, über die Weiterarbeit ständig auf dem laufenden gehalten wird und außerdem in der Lage ist, den Archiven Anregungen zu geben. Der Arbeitsgemeinschaft find alle bedeutenden Archive auf dem Gebiet der eigentlichen Wohlfahrtspflege fonfeffioneller wie interfonfessioneller Art sowie auch sozialpolitische Organisationen, die großen Gewerkschaftsverbände und Berufsorganisationen angeschlossen. Volkserziehung Die Hochschule für Frauen in Leipzig. Die Hochschule wurde 1911 gegründet. Sie ist seit 1916 eine selbständige Stiftung und steht unter Aufsicht des Ministeriums des Kultus und öffentlichen Unterrichts. Die Hochschule für Frauen will durch einen auf wissenschaftlicher Grundlage beruhenden Lehrbetrieb Frauen, die sich zu Lehrerinnen an Anstalten zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen, Jugendleiterinnen und dergleichen, für eine soziale Berufstätigkeit, für leitende Stellungen in der Krankenpflege, zu Assistentinnen an medizinischen und naturwissenschaftlichen Instituten und entsprechen den industriellen Betrieben ausbilden wollen, Gelegenheit zur Erlangung der erforderlichen theoretischen und praktischen Ausbildung geben. Darüber hinaus will die Hochschule sowohl ihren Studierenden wie allen nach Bildung strebenden Frauen, die sich ihr als Hörerinnen zuwenden, eine verständnisvolle Teilnahme an den fulturellen und staatsbürgerlichen Aufgaben unserer Zeit und unseres Voltes ermöglichen. Sie will endlich den Frauen Gelegenheit geben, sich theoretisch und praktisch für den mütterlichen Erziehungsberuf vorzubereiten. Die Dozenten der Hochschule gehören zum größten Teil zugleich dem Lehrkörper der Universität Leipzig an. Der Unterricht ist rein akademisch und zerfällt in Vorlesungen und Übungen. An der Spize der Hochschule steht ein Senat, dessen Vorsitzender zurzeit Geh. Hofrat Prof. Dr. Richardt Schmidt ist. Die Aufnahme als Studierende erfolgt auf Grund eines der nachgenannten Beugniffe: Reisezeugnis einer deutschen Studienanstalt oder neunstufigen höheren Lehranstalt, Reifezeugnis eines deutschen Lehrerinnenseminars, Schlußzeugnis einer zehnklassigen höheren Mädchenschule verbunden mit dem Nachweis mindestens zweijähriger sachgemäßer Fortbildung. In besonderen Fällen kann das Ministerium auf Antrag des Aufnahmeausschusses die Aufnahme ausnahmsweise auch bei andersartiger Vorbildung zulassen. Nr. 12 Die Prüfungen der Hochschule finden nach besonderen, vom Ministerium genehmigten Ordnungen vor einem Prüfungsausschuß unter dem Vorsitz eines Regierungsvertreters statt. 2 Die Hochschule ist auch bemüht, den abgehenden Studierenden geeignete Berufsstellungen nachzuweisen. Zu diesem Zwecke ist ein Berufsvermittlungsamt geschaffen worden. das mit allen Behörden und Körperschaften Fühlung hält, die in Frage kommende Ämter zu besetzen haben. Das Angebot freier Stellen übersteigt bei weitem die Zahl der abgehenden Studierenden. Die an der Hochschule abgelegten Prüfungen befähigen zur Ausübung folgender Berufe: Die erziehungskundliche Prüfung ist bestimmt für zukünftige Lehrerinnen an Seindergärtnerinnenseminaren, Fröbelschen Setinderpflegerinnenschulen und verwandten Anstalten( Gehälter von 1500 bis 2400 Mt.). Tüchtige Lehrerinnen können später aufrücken zu Leiterinnen solcher Schulen mit entsprechend höherem Gehalt. Die Prüfung der Abteilung für soziale Berufsarbeit ermöglicht eine spätere Berufstätigkeit auf den verschiedensten Gebieten. Aus der großen Zahl dieser Berufsmöglichkeiten seien folgende genannt: Leiterinnen von Zentralen für Jugendfürsorge( Gehälter von 2400 richtungen; Bolizeiassistentinnen( Gehälter von 1200 bis 3600 Mt.); bis 3600 Mt.) und geringer bezahlte Assistentinnen an solchen EinGewerbeaufsichtsbeamtinnen, und zwar als Hilfsarbeiterinnen, Assistentinnen und in leitenden Stellungen( Gehälter von 1800 bis bis 3000 Mt.); Leiterinnen für Arbeitsnachweise und Lehrstellen3600 Mt.); Beamtinnen der Wohnungsaufsicht( Gehälter von 1800 vermittlungen( Gehälter von 2400 bis 3000 m.); Leiterinnen von Berufsberatungsstellen( Gehälter von 1200 bis 2400 Mt.); Beamtinnen der öffentlichen Armen- und Waisenpflege( Gehälter von 1200 bis 2400 Mt.); Geschäftsführerinnen großer Wohlfahrtsvereine ( Gehälter von 1800 bis 4200 Mt.). Für die höher bezahlten Stellungen kommen naturgemäß in erster Linie bereits im Alter vorgeschrittene und in längerer Pragis erfahrene Bewerberinnen i: Betracht. Die naturkundliche Prüfung erweist die Befähigung zur Übernahme einer Stellung als technische Assistentin in einem öffentlichen ( zum Beispiel Universität) oder privaten Institut für Chemie, Physik, Bakteriologie, Biologie, Hygiene und dergleichen( Gehälter von 1200 bis 2400 mt.); ferner in industriellen Betrieben, zum Beispiel chemischen und optischen Fabriken( Gehälter sehr verschieden, je nach der Selbständigkeit des betreffenden Postens. Die Prüfungen in der Abteilung für Krankenpflege sind bestimmt für sozialhygienische Berufsarbeit, zum Beispiel als Streisfürsorgerin, Säuglingsfürsorgerin( Gehälter von 1800 bis 2400 Mt.), Schulschwester( Gehälter von 1200 bis 2000 Mt.), Tuberkulose- und Trinterfürsorgerinnen( Gehälter von 1500 bis 2400 Mt.) und dergleichen; für leitende Stellungen in der Krankenpflege( Gehälter je nach Größe der Anstalt und Art der Tätigkeit verschieden). Bevölkerungspolitik Zu einer Besprechung über das Bevölkerungsproblem hatte der Verband württembergischer Frauenvereine die Gesamtvorstände seiner Mitgliedervereine eingeladen. Als Referentin des Abends besprach Frau Anna Blos die Verhandlungen des Reichstagsausschusses für Bevölkerungspolitik. Nach einer lebhaften Distussion wurden die Ergebnisse zu einer Zuschrift an den Reichstag zusammengefaßt, deren Hauptpunkte sich auf die Verbesserung der Lage kinderreicher Familien, auf die Berücksichtigung bei der Steueranlage, auf tunlichste Befreiung finderreicher Frauen von außerhäuslicher Arbeit bezogen. Ferner wurde Verlängerung der Zeit für das Stillgeld über die Zeit des tatsächlichen Stillens verlangt sowie Beginn der Schwangerenfürsorge mit der Brotkartenzulage durch eine Art von Schutzaufsicht, insbesondere in den Fabrikbetrieben, durch hygienisch geschulte Sozialbeamtinnen oder Arzte, die den in Frage fommenden Betrieb genau kennen. Die Maßnahmen der Fürforge für die unehelichen Mütter soll sich auf die Errichtung von Heimen für Mutter und Kind, auf die erzieherische Beeinflussung durch geeignete Persönlichkeiten zur Treue und Gewissenhaftigkeit der unehelichen Mütter erstrecken. Die Frauen sind stärker als bisher zur Vormundschaft heranzuziehen, die Adoption ist zu erleichtern. Eine weitgehende und wahrhaft segensreiche Wirkung aller Maßregeln ist aber nur zu erhoffen, wenn alle junge Mädchen in Säuglings- und Kinderpflege, Stindererziehung und Haushaltungsführung gründlich vorgebildet werden. Der nächste Erörterungsabend wird das Bevölkerungsproblem vom ärztlichen Standpunkt aus behandeln. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. G. W. Dieß Nachf. G.m.b.5. in Stuttgart.