Nr. 15 A.g. XIII 28. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark. Stuttgart 26. April 1918 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Moripplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. ✰ Karl Mary+ Im 5. Mai dieses Jahres sind hundert verflossen, Ate to emit air made in Frier als Gohn eines jubiſchen Advokatanwalts und späteren Justizrats geboren wurde. Die Familie trat einige Jahre später zum Christentum über. Die äußeren Schicksale des Mannes sind bald erzählt. Er studierte in Bonn und Berlin Rechtswissenschaft, Philosophie und Geschichte, und zwar mit einer Intensität, daß er häufig drei bis vier Tage lang Tag und Nacht durcharbeitet und nicht ins Bett kommt. Sein Versuch, sich nach seiner Doktorpromotion in Bonn als Privatdozent niederzulassen, scheitert an der unter dem preußischen Kultusminister Eichhorn stark einsetzen den Reaktion, der der Freund von Mary, Bruno Bauer, als Dozent der Theologie in Bonn zum Opfer fiel. Im Herbst 1842 sehen wir ihn als Mitarbeiter, dann als Redakteur der von der jungen, aufstrebenden Bourgeoisie des Rheinlandes gegründeten Rheinischen Zeitung" in Köln. Aber schon im Frühjahr 1843 tritt er der Zensurverhältnisse wegen aus der Redaktion. Damit war für ihn die Zeit vorbei, wo er in der Heimat wirken konnte. Er geht nach Paris, wird aber dort auf Betreiben der preußischen Regierung ebenfalls bald aus gewiesen. Sein neuer Wohnort ist Brüssel. Der Ausbruch der Revolution bringt ihn noch einmal nach Deutschland zurück. Vom Herbst 1848 bis Frühjahr 1849 ist er der Chef der „ Neuen Rheinischen Zeitung" in Köln. Die hereinbrechende Reaktion zwingt ihn von neuem zur Flucht. Er wendet sich nach London, das zu seinem dauernden Aufenthalt wurde. Im Jahre 1883 ist er in London gestorben. Außerlich also nur in den Jugendjahren bewegt, gleitet dieses Leben dahin. Und doch verbirgt sich hinter diesen Lebensdaten das revolutionärste Kämpferdasein. Die Vereinigung von wissenschaftlicher Gründlichkeit und Kühle und von revolutionärem Temperament und Aktionsbedürfnis ist für Mary kennzeichnend. Ihm eigentlich ist es zu danken, wenn wir die Gesellschaftswissenschaft, das heißt die Wissenschaft vom Menschen zu den Wissenschaften im engeren Sinne rechnen können. Die Naturwissenschaften hatten im siebzehnten und besonders im achtzehnten Jahrhundert einen starken Aufschwung genommen. Ein überirdisches Eingreifen göttlicher Mächte, die nach ihrem Gefallen den Lauf des natürlichen Geschehens etwa unterbrechen könnten, erkannte man nicht mehr an. Allenthalben hatte man eine unentrinnbare Gesezmäßigkeit der Natur erkannt. Aber dieselbe Gesetzmäßigkeit auch für die von den Menschen gemachte Geschichte und für ihre gesellschaftlichen Verhältnisse nachzuweisen, war unmöglich geblieben. Soweit der Mensch in Frage kam, galt die Theorie vom freien Willen, der jeder gesetzmäßigen Notwendigkeit spottete. es die Leistung Karl Marx, nachgewieſen zu haben, bag ende er sing wont start a larg hältnisse und Beziehungen Gesetze gelten, daß die in der Geschichte wirkenden Ideen und Jdeale nicht von irgendwoher stammen, sondern im engsten Zusammenhang stehen mit den wirtschaftlichen Verhältnissen, deren Gesetzmäßigkeit nachgewiesen werden kann. Als treibenden Faktor der Geschichte erkannte er den Kampf der gesellschaftlichen Klassen um ihre materiellen und moralischen Interessen. Damit hatte Marr eine große wissenschaftliche Leistung vollbracht. Er hatte das soziale Reich der Menschen unter die gleiche Gesetzmäßigkeit gebracht, wie das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert für das Naturreich nachgewiesen hatte. Auch hier war nunmehr das„ Wunder" ausgeschaltet, und wissenschaftliches Erkennen war möglich geworden. Und Mary ging gleich einen Schritt weiter und entdeckte in seinen ökonomischen Schriften die wirtschaftlichen Bewegungsgesetze der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. In seinem Riesenwerk„ Das Kapital" hat er diese Untersuchungen niedergelegt. Noch heute ist diese Arbeit das grundlegende Werk zur Erkenntnis der kapitalistischen Produktionsweise, und die schier zahllosen Versuche, es zu widerTegen, sind immer wieder gescheitert. Dabei ist es freilich selbstverständlich, daß auch Mary die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung, wie wir sie jetzt vor uns sehen, nicht in allen Einzelheiten voraussehen konnte. Vieles ist in dieser Entwicklung anders gekommen, wie er es sich gedacht hatte. Das hat aber nichts mit der Tatsache zu tun, daß die grundlegende Erkenntnis vom Wesen der kapitalistischen Gesellschaft und ihren wirtschaftlichen Bewegungsgesehen von Marr zum ersten Male niedergeschrieben ist. Sie wird ihre Geltung behalten, solange diese Gesellschaftsordnung besteht. Mary und sein großer Freund Friedrich Engels haben sich nicht begnügt, die Ergebnisse ihrer Studien in dicken, schwerverständlichen Büchern einer weltfremden Gelehrtenkaste zuzuflüstern. Sie waren zugleich Politiker und Revolutionäre und benutzten jede Gelegenheit, die Arbeiterklasse zu organisieren, aufzuklären und für ihre große Aufgabe zu schulen. Der Lohn von bürgerlicher Seite blieb nicht aus. Mary wurde von einer Wolfe der giftigsten politischen und persönlichen Verleumdungen umhüllt, kaum ein bürgerliches Blatt in Deutschland wagte es, von ihm auch nur Erklärungen, geschweige denn Artikel. oder Korrespondenzen zu bringen. Die Not und die Sorge ist jahrzehntelang niemals von seiner Tür gewichen. Als sein Freund Engels, der immer wieder aushalf, endlich in der Lage war, ihm eine Rente für einige Jahre auszusetzen, da war die Gesundheit von Marr schon lange aufs schwerste an 114 Die Gleichheit Nr. 15 Jm Arbeitskittel viele Tausend Sie sitzen, stehn zumal, Und ihr Gemurmel füllet brausend Den Riesensaal. In all den Sprachen, in den Zungen Der Weltnationen dort Dem toten Kämpfer ist erklungen Ein Abschiedswort. Karl Marx' Totenfcier. H 1883. Sein Name, wo Maschinen schwirren Bei uns in Stadt und Land, Die Fenster der fabrik erklirren, Wird heut genannt!" Der Russe:„ Wo Despoten thronen Bei uns durch Graus und Nacht, An ihrer Kette zerrn Millionen, Wird sein gedacht!" Der Brite sprach:„ Geliebt in Hütten, Der Franke:„ Wie ein Weltbefreier Gefürchtet im Palast, Hat er gelebt, gewirkt, gestritten Ohn' Haft und Rast. Von Völkerhaß und Krieg Focht er, und diese Totenfeier Bürgt uns den Sieg!" Er hat für unsern Kampf auf Erden Ein scharfes Schwert verliehn, Daß eine neue Welt soll werden; Drum ehret ihn! Der Deutsche Sprach:„ Jn Liebe wollen Wir vor den andern heut Dem Denker wie dem Kämpfer zollen Ein Grabgeläut. Denn wie einst neu die Himmelskunde Kopernikus erschuf, Dem Wissen scholl aus seinem Munde Ein Werderuf. Dem Wissen von des Volkes Leiden Und von der Arbeit Qual. Der Götze schon liegt im Verscheiden: Das Kapital! Noch gab uns ein Geschenk kein Spender Dem Donnerrorte gleich: Jhr Proletarier aller Länder, Vereinigt euch!" Leopold Jacobij. ex @ gegriffen und untergraben. In all den Jahrzehnten des Elends war seine Frau Jenny, eine geborene von Westphalen, seine stärkste und treueste Stüße. Sie war nicht nur eine feingebildete, sondern auch hochgemute, starke und freie Persönlichfeit, die die Kämpfe und die Arbeiten ihres Mannes mit vollem Verständnis verfolgte, mit glühender Seele an ihnen teilnahm und mit Standhaftigkeit das furchtbare Schicksal ertrug, daß drei ihrer Kinder dem endlosen Elend frühzeitig zum Opfer fielen. Unter solchen fürchterlichen Verhältnissen hat Mary seine Leistung vollbracht und die unverlierbaren Grundlagen für den Aufstieg des Proletariats gelegt. Wenn wir aber das grauenhafte Elend unserer Tage überstehen in der festen Erkenntnis, daß es den Aufstieg der großen arbeitenden Masse nicht verhindern kann, wenn wir gewöhnt sind, in dem Elend von heute die Bedingungen für eine bessere Zukunft zu erblicken, so verdanken wir das an erster Stelle dem Wirken von Karl Mary. Dr. Paul Lensch. Jenny Mary. In diesen Tagen, wo weit über die Arbeiterkreise hinaus das Gedächtnis an Karl Marg gefeiert wird, des großen Gelehrten, des Verfaffers des Kommunistischen Manifests und des„ Kapitals", des Gründers der Internationalen Arbeiterassoziation, ist es wohl für die Frauen von besonderem Interesse, etwas über die Lebensgefährtin dieses genialen Mannes zu erfahren. Hohe Ansprüche hat Mary gewiß an die Frau seiner Wahl gestellt, er, der den Tiefstand der bürgerlichen Ehe im Kommunistischen Manifest so scharf gegeißelt hat:„ Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument. Er hört, daß die Produktionsinstrumente gemeinschaft lich ausgebeutet werden sollen, und kann sich natürlich nichts anderes denken, als daß das Los der Gemeinschaftlichkeit die Weiber gleichfalls treffen wird. Er ahnt nicht, daß es sich eben darum handelt, die Stellung der Weiber als bloßes Produktionsinstrument aufzuheben." Die Ehe von Karl und Jenny Mary ist der schlagendste Beweis dafür, daß Menschen glüdlich miteinander sein können, sie mögen von noch so verschiedener Rasse, Herkunft, Familie sein, wenn nur das gleiche Streben nach Idealen, nach Freiheit sie erfüllt. Und glücklich waren sie trotz aller schweren Prüfungen, die ihnen das Schicksal auferlegte.„ Das Flüchtlingselend in seiner schärfsten Form hat für Mary und seine Familie jahrelang gedauert. Es wird wenig Flüchtlinge gegeben haben, die mehr zu leiden hatten.... JahrePfund Sterling( 20 Mart), das Mary wöchentlich für seine Artikel und da war das Schlimmste schon vorüber lang bildete das an die, New York Tribune' gezahlt wurde, die einzig sichere Einnahmequelle," schreibt W. Liebknecht in seinen Erinnerungen an Marr. An einer anderen Stelle teilt er mit, daß der schlechtestbezahlte Taglöhner in Deutschland in vierzig Jahren mehr an Lohn bezogen hat als Marg an Honorar für das Kapital", eine der größten wissenschaftlichen Schöpfungen seines Jahrhunderts, an der er vierzig Jahre lang gearbeitet hat und wie gearbeitet!" Es war der Frau, die in so schwerer Zeit so tapfer durchgehalten hat, nicht an der Wiege gesungen, daß sie den Hunger in seiner furchtbarsten Bedeutung kennenlernen sollte. Jenny von Westphalen, „ das geliebte Weib von Karl Marg", wie es in der Grabschrift heißt, stammte aus einer vornehmen begüterten Familie. Ihr Groß bater war der geniale Generalstabschef des Prinzen Ferdinand von Braunschweig im Siebenjährigen Krieg. Ihre Großmutter entstammie einer berühmten schottischen Adelsfamilie. Jennys Vater, dem Mary als bem väterlichen Freund seiner Jugend und dem Vater seiner Braut seine Doktordissertation gewidmet hat, lebte als Regierungsrat in Trier, und Karl Mary tam schon als Kind zu seinen Söhnen und seiner Tochter. Während er bei seinem Vater, der als„ richtiger Franzose des achtzehnten Jahrhunderts" Voltaire und Racine aus wendig kannte, die Bekanntschaft der französischen Philosophen machte, lernte er bei seinem späteren Schwiegervater die Werke Homers und Shakespeares kennen, die der alte Baron von Westphalen zum großen Teil auswendig vortragen konnte. Aus der Kinderfreundschaft wurde Liebe. Als achtzehnjähriger Student nach zwei lustigen Semestern verlobte sich Mary mit der reichbegabten um vier Jahre älteren Jenny, dem schönsten Mädchen von Trier", der Tochter und Schwester hochgestellter Beamten.( Einer ihrer Brüder wurde später preußischer Minister.) Seine Eltern gaben die Einwilligung mit der„ Gutmütigkeit wahrer Romaneltern". Die Eltern der Braut erfuhren erst später von der Verlobung, aber im Gegensatz zu vielen spießbürgerlichen Eltern, die ihre Tochter wegen dieses Schrittes wohl getadelt, wenn nicht verstoßen hätten, billigten sie den Herzensbund mit Marx, dessen glänzende Entwicklung sie von frühester Jugend an verfolgt hatten.„ Die Braut bewährte von Anbeginn die seltenen Eigenschaften des Herzens und des Kopfes, die sie all ihr Lebtag auszeichnen sollten," schreibt Mehring. Er weist auf die Dornen hin, die das Verhältnis der Braut eines um Nr. 15 Die Gleichheit vier Jahre jüngeren Studenten in der Atmosphäre einer bureaufratischen Kleinstadt bot. Aber nicht darum sorgte die Braut, sondern um die schwere Verpflichtung, womit sie, die Altere und Reifere, ein hoffnungsvolles Leben belastet hatte, das eben in die ersten Halme schoß.„ Sie hat auch etwas Genialisches," schreibt der begeisterte Schwiegervater seinem Sohn.„ Du kannst sicher sein, daß ein Fürst nicht imstande wäre, fie Dir abwendig zu machen. Sie hängt Dir mit Leib und Seele an, und Du darfst es nicht vergessen, in ihrem Alter bringt sie Dir ein Opfer, wie gewöhnliche Mädchen es gewiß nicht fähig wären." " In seiner Liebe zu seiner Braut war Marx, wie er später seinen Stindern erzählte, ein wahrer rasender Roland". Sieben Jahre mußte Marg um seine Jenny dienen, und sie dünkten ihm, als wären es einzelne Tage, so lieb hatte er fie". Am 19. Juni 1843 wurde die Ehe geschlossen, von der Stephan Born schrieb:„ Ich habe felten eine so glückliche Ehe gekannt, in der Freud' und Leid, das legtere in reichlichstem Maße, geteilt und aller Schmerz in dem Bewußtsein vollster gegenseitiger Angehörigkeit überwunden wurde." Wie Jenny Marg auf andere wirkte, entnehmen wir Borns Worten: „ Ich habe selten eine in ihrer äußeren Erscheinung wie in ihrem Herzen und Geiste so harmonisch gestaltete Frau gekannt, die bei der ersten Begegnung so für sich eingenommen hätte wie Frau Mary." W. Liebknecht schreibt von ihrer Würde, ihrer Höhe, die zwar nicht die Vertraulichkeit, aber jede Ungehörigkeit fern hielt und wie mit Zaubergewalt auf die zum Teil ein bißchen verwilderten Flüchtlinge wirkte. Ihm war sie bald Jphigenie, die den Barbaren fänftigt und bildet, bald Eleonore, die dem mit sich Zerfallenen, an sich Zweifelnden Ruhe gibt. Sie war ihm das Jdeal eines Weibes, das ihn davor bewahrte, daß er in London nicht geistig und körperlich zugrunde ging und ihm, went er in dem brandenden Dzean des Flüchtlings elends zu verfinken glaubte, wie Leukothea dem schiffbrüchigen Ddys seus erschien und wieder Mut zum Schwimmen gab. Als sie im Alter von 61 Jahren Wilhelm Blos in Mainz besuchte, schildert dieser fie in seinen„ Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten" wie folgt:„ Ein scharfgeschnittenes, geiftvolles und anziehendes Antlig, eine stolze Haltung und ein außerordentlich liebenswürdiges Wesen. Die Unterhaltung war so anregend, daß wir bis gegen 3 Uhr morgens zusammenblieben." Feuilleton Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Karl Marg( Der achtzehnte Brumaire). Zwischen Heimat und Feld. Von Edgar Sahnewald. ( Nachdruck verbaten.) amtamtam ramtamtam ramtamtam. Der Zug 115 Die Heimat freilich hatte keinen Raum für das seltene Paar. Mit 500 Taler Redaktionsgehalt siedelten sich die Neuvermählten zunächst in Paris an. Bald schon erfolgte die Ausweisung und die Überfiedlung nach Brüssel.„ Frau Marr lebte ganz in den Ideen ihres Mannes," schreibt St. Born, fie ging dabei ganz in der Sorge für die Ihrigen auf und war doch so himmelweit von der strumpfstrickenden, den Kochlöffel rührenden deutschen Hausfrau entfernt." Der Aufstand von 1848 in Brüssel brachte der jungen Frau schwere Stunden. Ihr Mann wurde ins Gefängnis gebracht. Sie blieb allein mit ihren kleinen Kindern. Als sie auf die Straße eilte, um zu erfahren, wohin man ihren Mann gebracht hatte, wurde sie festgenommen und mit Prostituierten in einen Raum gesperrt. So groß war ihr Entseßen und ihr Schmerz, daß selbst diese verrohten Wesen verstummten und Mitleid mit ihr hatten. Nach kurzem Aufenthalt in Köln, wo Marr die„ Neue Rheinische Zeitung" herausgab, ging die Wanderschaft der Familie über Baris nach London, dem Eril, das sie dauernd nicht mehr verließ. Wohl manche Frau wäre zusammengebrochen bei den vielen schweren Schicksalsschlägen, die sie hier betrafen. Jenny Marg blieb immer stark und stolz, und ihre echt rheinische Fröhlichkeit erfüllte das Heim, in dem es zeitweise färglicher zuging wie im ärmsten ProletarierHeim, mit Sonnenschein. Die Not war oft so groß, daß das schöne wertvolle Silberzeug, die Erbschaft der schottischen Verwandtschaft, zum Teil 300 bis 400 Jahre alt, mit der Krone der Argyles und dem Familienmotto" Wahrheit ist mein Wahlspruch", zum Pfandleiher getragen werden mußte. Was aber bedeutete dieser Verlust gegen den Tod der Kinder, die Opfer des Flüchtlingslebens wurden! Liebknecht beschreibt uns den namenlosen Jammer der Eltern, die mit so unendlicher Bärtlichkeit an den Kindern hingen. Ruhige Pflege und ein Aufenthalt auf dem Lande oder an der See hätte ihr Leben vielleicht erhalten. „ Allein in dem Flüchtlingsleben, in der Heze von Ort zu Ort und im Londoner Elend war es trotz zärtlichster Elternliebe und Muttersorge doch nicht möglich, die zarten Pflänzlein für den Kampf ums Dasein genügend zu kräftigen." Alle ihre in London geborenen Kinder hatte Frau Mary verloren bis auf das jüngste Töchterchen, das bis zum fünften Jahre ausschließlich und bis zum zehnten Jahre vorwiegend mit Milch ernährt wurde. Herzzerreißend lauten die Berlin. Noch einmal brandet großstädtisches Leben um mich her. Es ist längst nicht mehr das rauschende, brausende Berlin des Friedens. Aber es ist noch immer die Großstadt, die Weltstadt, das pulsende Herz Deutschlands, und ich durchschreite seine Straßen von einem Bahnhof zum anderen- auf dem Wege zwischen Heimat und Feld. Ich grüße den Hall meiner Schritte auf der reinlichen Härte des Granits, ich grüße das herbstlich bunte Laub der Bäume in den Anlagen, golden durchschimmert vom Lichte der Bogenlampen, und ich grüße wieder und wieder diese ganz neue, flare Schönheit der Untergrundbahn, deren Wagen einer mich zum Bahnhof bringt Rjuimmt in die jintende Racht. Zu beiden Seiten seiner dieſer Wagen: ein Glasgehäuſe, gefüllt mit Zicht, jebe Linie fliegenden Flanken schreckt der Lichtschein der Fensterreihen über Häuser und Gärten, schlafende Wälder und abendstille Straßen. Hinter mir versinkt das buntere Leben der Urlaubstage wie das Abendrot eines schönen Tages. In den Gängen des Schnellzugs laufen noch immer Soldaten hin und her, schwer bepackt, Pläße suchend. In dieser Unruhe, vom Zuge raftlos in die Nacht entführt, liegt noch ein Nachklang der heftigen Plöglichkeit des Abschieds- selbstverständlich und unerbittlich ist diese Stunde, in der sich die Kluft zwischen Heimat und Feld unüberbrückbar auftut, diese Stunde, deren Forderung zu erfüllen man jedesmal von neuem lernen muß wie oft schon! wie oft noch? Ramtamtam ramtamtam ramtamtam donnert der Zug. Legte Grüße wehen mit und verwehen wie die welfen Blätter, die in der brausenden Fahrt aufwirbeln und verstört und leise am Bahndamm niedersinken. Rastlos spulen die donnernden Räder te Schienenkilometer auf. Eiserne Brücken schreien auf. Der Zug stößt sie hinter sich in die Nacht. Stationen, mit einigen Lichtern flüch tig hingewischt immer weiter, immer weiter. an ihm vom Bewußtsein ihres Zweckes durchdrungen, knapp eingefügt in die Wände des Schachtes, den er aufjauchzend durchschießt. Und dann schreitet der graubärtige Beamte, den der Krieg daheim ließ, auf dem Bahnsteig hin und kündet den Zug an: Berlin- Bromberg- Thorn- Alexandrowo- Warschau- BrestLitowst- Baranowitschi. So ruft die singende Stimme dieses Graubartes alltäglich die Namen fremder Städte auf, und die Höhe der Glashalle gibt sie mit tönendem Klang zurück- Namen fremder Städte und fremder Länder mit ihrer Lockung. Österreich und Frankreich, Ungarn und Belgien, Rußland und Bulgarien, Rumänien, Serbien und das Land der Türken all diese Länder, denen einst die unerfüllbare Reisefehnsucht träumend entgegenzog. Und nun sind sie das Reiseziel heute die unermeßlichen Räume Rußlands- morgen vielleicht die sonnenheißen Berge Mazedoniens. Und die Fahrgäste dieser Züge sind nicht mehr die Weltreifenden, auf deren Rohrplattenkoffer die Namenszettel der ersten Hotels von Bukarest und Brüssel klebten - Soldaten füllen alle diese Züge, die Arbeiter der Vorstädte ' 116 Die Gleichheit Worte auf einem losen Tagebuchblatt, das nach Frau Mary' Tod gefunden wurde:„ Drei Tage rang das arme Kind mit dem Tode. Es litt so viel. Sein kleiner entseelter Körper ruhte in dem hinteren Stübchen, wir alle wanderten zusammen in das vordere, und wie die Nacht kam, betteten wir uns auf die Erde. Da lagen die drei lebenden Kinder mit uns, und wir weinten um den kleinen Engel, der kalt und erblichen neben uns ruhte. Der Tod des lieben Kindes fiel in die Zeit unserer bittersten Armut....( Das Geld zum Begräbnis fehlte.) Da lief ich zu einem französischen Flücht ling, der in der Nähe wohnte. Er gab mir gleich mit der freundlichsten Teilnahme zwei Pfund Sterling. Mit ihnen wurde der kleine Sarg bezahlt, in dem mein armes Kind nun im Frieden schlummert. Es hatte keine Wiege, als es zur Welt kam, und auch die letzte kleine Behausung war ihm lange versagt." Die Liebe half den Eltern, den Schmerz zu überwinden. Als Frau Marg schon schwer frant war, ertranfte ihr Gatte an Brustfellent zündung. Sie mußten in getrennten Zimmern liegen. Als Mary wohl genug war, um die Kranke aufzusuchen, waren sie wieder jung zusammen.„ Sie ein liebendes Mädchen und er ein liebender Jüngling, die zusammen ins Leben eintreten, und nicht ein von Krank heit zerrütteter alter Mann und eine sterbende alte Frau, die fürs Leben voneinander Abschied nehmen." Monatelang erduldete Frau Mary alle entsetzlichen Dualen, welche die Krebskrankheit mit sich bringt. Und doch hat ihr guter Humor, ihr unerschöpflicher Wig fie feinen Augenblid verlassen. Sie erfundigte sich ungeduldig wie ein Kind nach dem Ergebnis der damaligen Wahlen in Deutschland ( 1881), und wie jubelte sie über die Siege! Bis zu ihrem Tode war sie heiter und suchte unsere Furcht um sie durch Scherze zu zerstreuen. Ja sie, die so furchtbar litt, fie scherzte, fie lachte, sie lachte uns alle und den Arzt aus, weil wir so ernsthaft waren. Bis fast zu dem letzten Augenblick hatte sie ihr volles Bewußtsein, und als sie nicht mehr sprechen konnte ihre legten Worte waren an„ Kart" gerichtet, drückte sie uns die Hände und versuchte zu lächeln." So berichtet ihre Tochter Eleanor. „ Der Mohr( Mary) ist auch gestorben," sagte Engels, als er das Trauerhaus betrat. Nach fünf Vierteljahren folgte er ihr, die ihm Geliebte, Gattin, Freundin und Mitarbeiterin in des Wortes schönster Bedeutung war, mit der die Sonne aus seinem Leben ging. Anna Blos. und die Bauern der weltvergessenen Dörfer. Soldaten, die ihre Hochbepackten Tornister in den Gepäckneten verstauen und die mit unfreiwilliger Selbstverständlichkeit dem einst so lockenden Rufe folgen: Berlin- Bromberg- Thorn- AlexandrowoWarschau So erfüllte der Krieg diesen Massen ohne Besitz und Namen die Sehnsucht nach der weiten Welt. Vorhin, als der Urlauberzug nach Frankreich abgerufen wurde, stieg auch ein Kamerad ein, mit dem ich ein wenig sprach. Ein Uhrmachergeselle aus Landsberg an der Warthe, ein blutjunger Bursche, der, wäre nicht Krieg, jetzt um diese Abendstunde vielleicht als„ armer Reisender" die dreißig Pfennig Schlafgeld für die Herberge vor den Türen zu Köln am Rhein zusammenbettelte. Und der vielleicht am Rande deutscher Straßen von den fernen Ländern feiner Knabenbücher träumen würde. Nun reist er nach Frankreich, nach Flandern- vielleicht, um dort zu sterben. ** * Berlin liegt längst fern, fern- hinter den Scheiben freist dunkel die Nacht. Die Kameraden sind verstummt, sie schlafen. Einer hat die Gazekappe über die Deckenlampe gezogen. In diesem blauen Dämmerlicht rücken gleichsam alle Dinge enger aneinander. Die Gedanken versinken in der Erinnerung an die Tage daheim die gestern noch erlebte Wirklichkeit verdämmert hinter sanften Floren in weichen, schimmernden Farben wie Bilder auf der Mattglasscheibe einer Kamera. Und dann drücke auch ich mich in die Ecke, wickle mich dichter in den Mantel und will schlafen. Da fühlt die Hand in der Manteltasche ein weiches, wolliges Etwas, ein Unbe kanntes, was nicht in die Tasche gehört und doch dem Gefühl der Finger irgendwie vertraut ist. Ich ziehe das Ding hervor― Nr. 15 Frauen, unterstützt die Jugendbewegung! Tausende junger Menschenkinder sind in diesen Tagen wieder ins Leben hinausgetreten. Sie treten damit in eine neue Welt ein, die rauh und hart ist und recht wenig den gehegten Erwartungen und Wünschen der Kinder entspricht. Mit Ungeduld haben sie dem Augenblick der Schulentlassung entgegengesehen, der ihnen das gelobte Land ihrer Träume und Sehn sucht erschließt. Wenn nun statt des erträumten Paradieses sich der harte Zwang des Erwerbslebens und damit die bittere Wirklichkeit vor ihnen auftut, so wird der Zwiespalt von Traumt und Wirklichkeit in der noch kindlichen Seele bald herbe Enttäuschung und innere Nöte bewirken. In dieser Zeit der quälenden Unruhe, der Zweifel und Fragen bedarf das junge Menschenkind der wohlmeinenden Führung und Beratung. Hier erwüchse den Eltern und Erziehern, besonders den Müttern eine schwere und verantwort liche Aufgabe: den neuen Lebensweg des Werdenden sorgsamt und doch unauffällig zu leiten. Denn der Jugendliche ist in dieser Zeit schwer zugänglich; er spricht nicht gern von dem, was ihn drückt. Nur wer sich mit liebevollem Verständnis seiner annimmt, dem wird er Vertrauen schenken. Von großer Wichtigkeit für die schulentlassene Jugend ist aber auch, daß sie den Umgang und die Anregung in ihren Mußestunden findet, die sie braucht, um sich in der neuen Welt zurechtzufinden und zugleich frischen, alle Hemmungen überwindenden Lebensmut zu schöpfen. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, gewinnt unsere freie Jugendbewegung eine hervorragende erzieherische Bedeutung für die heranwachsende Generation. Um so mehr, als hier an Stelle der bisherigen losen neue, feste Organisationsformen im Entstehen begriffen sind und zugleich ein stärkeres, durch die trüben Erfahrungen des Krieges geläutertes Verantwortlichfeitsgefühl sich durchzusetzen beginnt. In unseren Jugendheimen mit ihrem frischen pulsierenden Leben, in unseren bildenden und unterhaltenden Veranstaltungen, auf fröhlichen Wanderungen und erhebenden Festen findet der Jugendliche, was er braucht: Rat und Beistand in allen Lebensnöten, es ist ein Theddybär. Der kleine, gelbbraune, spaßige Theddybär meines Jungen. Und sofort entsinne ich mich: ich ging mit Frau und Kindern heim. Der Junge schmiegte sich müde dichter an die Schulter seiner Mutter und vertraute mir seinen tiefgeliebten Theddybär an, den die kleine schläfrige Hand nicht länger halten mochte. Ich schob das Spielzeug in die Tasche, vergaß es dort und habe es nun unerwartet in der Hand. In steifgliedriger Drolligkeit fikt der Theddy auf meinem Knie und blinkert mich aus seinen schwarzen Perlenaugen vertraulich an. Ich sehe meinen Jungen vor mir, erlebe alle die funterbunten, von herzlichen Gelächter der Kinder erfüllten Späße noch einmal, die wir zusammen trieben- die Mattglasbilder bekommen auf einmal leuchtende Farben und sprühendes Leben so eindringlich redet der stumme, von fleinen Händen abgegriffene Theddybär in der schlafblauen Dämmerung des Abteils, in dem ich durch die weite, russische Nacht fahre. Ramtamtam * * ramtamtam- ramtamtamı klopft der Zug. Und die Erinnerung spinnt. Ein bunter Kreisel surrt vor mir, und alle Farben mischen sich auf seiner Scheibe. Und manchmal, wenn er langsam taumelnd schnurrt, löst sich die Fris feiner Farben zu schärfer hingedachten Bildern auf: Zoologischer Garten. Herbstmüde Wehmut rauscht schon in den Bäumen, und die Kastanie fällt in welkes Laub. Aber es ist nicht nur der Herbst, der die Gehege entvölkert hat der Krieg riß Lücken, und viele Gatter und Käfige sind leer. Auch die Seehunde sind fort, die ich am meisten liebte, wenn sie leidenschaftlich dem weithingeschwungenen Fisch nach sekten: lebende Bronze in wildgepeitschtem Wasser. Sie sind fort am Kriege gestorben.... Nr. 15 Die Gleichheit 117 Aufgabe der Frau als Gattin und Mutter führe dazu, die Ausübung des politischen Wahlrechts für höchst gefährlich, vielleicht sogar verderblich für die Frau zu halten. freundschaftlichen Umgang mit gleichgesinnten Alterskameraden und Kameradinnen, Gelegenheit zur Entfaltung seiner geistigen und körperlichen Kräfte. Besonders erwähnt sei unsere vortreffliche Jugendzeitung, die Arbeiter- Jugend", die ihren dieser scheinbar schroff ablehnenden Gedankengänge doch herausLesern eine Fülle wertvollsten Lesestoffes darbietet. " Darum sollten alle Arbeitereltern ihre schulentlassenen Stinder auf die freie Jugendbewegung und ihre Einrichtungen aufmerksam machen. Vor allem aber sollten sich unsere Genossinnen auch bereit finden, an unserer Jugendarbeit mitzuwirken. Daran fehlt es leider noch allzusehr. Und doch ist die Jugendbewegung gerade auf die Mithilfe der Frauen im besonderen Maße angewiesen. Dadurch könnte nicht nur die erzieherische Wirkung unserer Jugendarbeit ganz bedeutend erhöht werden, es würde uns dann auch möglich sein, eine großzügige und erfolgreiche Tätigkeit unter der weiblichen Jugend zu entfalten. R. W. Zentrumspartei und Frauenstimmrecht. ** Bei der großen parlamentarischen und außerparlamentarischen Bedeutung der Zentrumspartei ist ihre Stellungnahme zur Frage des Frauenstimmrechts von Wichtigkeit. Dem Zentrum hängen so große katholische Wählermassen zumal in wirtschaftlich noch weniger entwickelten Gebieten Süddeutschlands und Westdeutschlands an, daß es unter jedem Wahlrecht parlamentarisch von beträchtlichem Einfluß sein wird. Bis vor wenigen Jahren konnte das Zentrum ge= fchloffen als Gegner jeglichen Frauenstimmrechts angesprochen wer den. Auch heute gilt dies noch für die Mehrheit der Partei. Habent doch selbst die christlichen Arbeiter, die in Wahlrechtsfragen in der Zentrumspartei im allgemeinen vorwärts drängend wirken, noch auf ihrer Herbsttagung 1917 sich gegen das Frauenwahlrecht ausgesprochen. Namens der Zentrumsfraktion des Preußischen Abgeordnetenhauses erklärte Abgeordneter Dr. Kaufmann am 16. Januar d. J. im Abgeordnetenhause, seine politischen Freunde seien vollständig darin einig, daß eine politische Betätigung der Frauen im kommunalen und politischen Leben durch die Ausübung eines Stimmrechts nicht für ersprießlich zu halten und darum abzulehnen fei. Ein Frauenstimmrecht widerspreche weder zwar dem Naturgesetz, noch dem christlichen Sittengesez, noch sei es durch ein Kirchengeseh verboten. Aber die große Hochachtung und Wertschätzung für die Urplötzlich zeichnet mir die Zeit ihr Blitbild hin: rote Hose, blauer Feldrock, Stäppi ein französischer Soldat. Er öffnet ein Gatter und tritt vertraut, als täte er's schon lange, lange, zu den schlanken Hirschen und füttert sie. Und die Hirsche, als täten fie's schon lange, lange," drängen sich um seinen Korb.... Die gefangenen Tiere von gefangenen Franzosen gehegt in diesem Bilde stand diese ganze, fremdartige Wirklichkeit, in die wir uns schon leise schicken wollen, auf einmal flar und hell und tief begriffen vor mir. Gefangene Tiere ( Schluß folgt.) von gefangenen Franzosen bewacht.. Der Mai hat Gewalt! Ob er Zauberlist ersonnen? Wo er naht mit seinen Wonnen, Da ist niemand alt. ( Nachdruck verboten.) Walther von der Vogelweide. Fröschle. ( Fortsetzung.) Aufzeichnungen eines Vaters. Von Karl Bröger. Die Mauer der Liebe. An dieser Mauer ist schon gebaut worden, als Fröschles leibliche Ankunft noch ausstand. Noch ehe sie Fröschles Körper zu Gesicht bekommen hatten, waren seine Lebensspender schon darangegangen, einen schützenden Wall um das neue Leben zu ziehen, eine Mauer der Liebe, bestimmt, die Welt dort von Fröschle abzugrenzen, wo ihre Fallen und Gruben gähnen. Alle Wünsche und Hoffnungen, die Eltern mit einem Kind verbinden, find Bausteine zu dieser Mauer gewesen. Sie wird zusammengehalten von den starken und zärtlichen Empfindungen, die jede Elternschaft erweckt. Schon Fröschles erste Tage waren von dieser Mauer umzirkt. Sie dämpfte alles, was laut und schrill in den Traum des Säuglings hätte fallen mögen. Seitdem hat diese Mauer Fröschles Lebensaufgang begleitet, immer bereit, abzuhalten, was gefährdend in das gebrechliche Leben einDer Kenner des Zentrums wird bei dem aufmerksamen Lesen fühlen, daß sich auch die Zentrumspartei im Kampfe gegen das Frauenstimmrecht nicht mehr ganz sicher weiß und ins Auge faßt, wie sie sich einmal auch mit dem Frauenwahlrecht abfinden könne. Daher der Hinweis, daß das Frauenstimmrecht weder natürlichen, noch christlichen, noch katholisch- kirchlichen Gesezen widerspreche. Es ist sicher, daß in der katholischen Frauenbewegung, aus der sich auch politische Frauenköpfe zu entwickeln beginnen, die Stellungnahme der preußischen Zentrumsfrattion feine Zustimmung und hinter den Kulissen auch Widerstand gefunden hat. Besonders bemerkenswert ist aber die Tatsache, daß sich auch in der Männerwelt des Zentrums Stimmen für das Frauenstimmrecht vor allem in der Gemeinde regen. So hat sich eine Versammlung des Zentrumvereins in Frankfurt a. M. bei Besprechung der Gemeindewahlrechtsfrage der Einführung des Frauenstimmrechts in der Gemeinde geneigt gezeigt. Ferner schreiben die Kommunalpolitischen Blätter"( Nr. 3) des Zentrums gegen die ablehnende Stellung der preußischen Zentrumsfraktion: „ Ob diese vom Abgeordneten Dr. Kaufmann für die Zentrums. fraktion des Preußischen Abgeordnetenhauses abgegebene Erklä rung der allgemeinen oder überwiegenden Auffassung in Zentrumsfreifen entspricht, muß dahingestellt blei ben. Nicht zu verkennen ist, daß man jedenfalls in manchen Kreisen anderer Meinung ist, namentlich im Hinblick auf das weitgehende Eindringen der Frauen ins Erwerbsleben und die vielfachen Interessen, die sie besonders auf kommunalem Gebiete zu vertreten haben." Es ist auch daran zu erinnern, daß einer der bedeutendsten parlamentarischen Führer des Zentrums, der Abgeordnete Trimborn, am 22. Oftober 1912 gegenüber dem Frauenwahlrecht eine wohl= wollend abwartende Stellung einnahm. Er sagte damals: „ Die Frauenwelt soll fortfahren, sich auf diesen( sozialen) Gebieten zu betätigen; fie soll auch fortfahren, sich über die Dinge des öffentlichen Lebens aufzuklären. Dann wird die Zeit kommen, wo wir uns auch über das Frauenstimmrecht flarer sind als heute. Die Entwicklung wollen wir fördern, und dann werden greifen könnte. Daß diese Mauer der Liebe vorhanden ist, obwohl den großen Kinderaugen unsichtbar, fühlt Fröschle jeden Tag neu, sehr oft zu seinem großen linbehagen. Besonders lästig ist ihm die Mauer, seit das Leben in ihm starte Triebkraft entfaltet und nach allen Seiten hin ausschlägt. Sein Tagewerk mit Frei- und Turnübungen zu beginnen, liebt Fröschle sehr. Mutters Bett bildet den Übungsplatz für diese meist recht waghalsigen Klettereien. Es ärgert nun Fröschle außerordent lich, daß stets gerade dann eine Hand nach ihm greift, wenn er die äußerste Stante erkrabbelt hat, und ihn unbarmherzig hereinholt in die sichere, aber langweilige Mitte. Rätselhaft ist Fröschle auch, warum ihm für seine eigentümliche Geschicklichkeit, am ungeeignetsten Drt hinzufallen, niemand Anerkennung zollt. Mutter stürzt da immer gleich so eilig zu und hindert ihn, wenn es irgend geht, an weiterer Vervollkommnung dieser Fähigkeit. Mutter und Vater wissen eben nicht, daß Hinfallen viel schöner und unterhaltlicher ist als Aufgehobenwerden. Im Augenblick ist Fröschle mit Liebe und Ausdauer bestrebt, den Kopf in das Schürloch des Herdes zu zwängen. Daß es nur mangelhaft gelingen will, bringt ihn sehr auf. Die Empörung wächst noch, als der Vater Fröschle vom Herd wegnimmt. Hat der Mann denn gar kein Verständnis für den Reiz einer solchen Unternehmung? Es scheint so, sonst würde er Fröschle helfen, mit in den Herd kriechen. Immer stößt Fröschle mit seinen schönsten Absichten auf ärger lichen Widerstand, dessen Zweck ihm schleierhaft ist. Er spürt, daß eine Macht seine oft wunderbaren Wege in die Freiheit des Lebens verlegt, daß seine Neigungen an einer Mauer enden, die sich rings um ihn türmt und über die es vorerst noch kein Wegkommen gibt. So muß das Bürschlein sich denn in seinem Wirkungsfreis bescheiden, der ihm durch die Mauer der Liebe gezogen ist. Mit jedem Tag erweitert sich dieser Kreis, die Mauer weicht zurück, und einmal wird Fröschle erwachen und die Mauer so weit gefallen finden, daß jeder Weg ins blühende, leuchtende Leben frei vor ihm liegt. Dann wird er allerdings kein Fröschle mehr sein und wird verstehen, daß, was ihn so lange hemmte, eine schüßende Mauer war, von der Liebe dort errichtet, wo Liebe zur Angst wird....( Forts. folgt.) 118 Die Gleichheit wir zu gegebener Zeit die richtigen Konsequenzen daraus ziehen, zu der Zeit, wenn diese Dinge reif find; heute sind sie noch nicht reif." Herr Trimborn und die bedingten Freunde des Frauenstimmrechts im Zentrum müßten eigentlich jetzt die Absicht haben, daß die Dinge unter der gewaltigen Entwicklung der Kriegsverhältnisse reif geworden sind. Das Zentrum wird in absehbarer Zeit in der Frauenftimmrechtsfrage vor neue Entscheidungen gestellt werden. Das fünden auch seine Kommunalpolitischen Blätter" an, indem sie schreiben:„ Das Frauenwahlrechtsfrage dürfte ebenfalls in Verbin dung mit der demnächstigen allgemeinen Gemeindewahlrechtsreform erneut einer eingehenden Prüfung unterzogen werden." Uebergangswirtschaft und Textilarbeiter. Um sofort nach Beendigung des Krieges die Produktion in die richtige Bahnen zu leiten, die Überflutung des Arbeitsmarktes durch die aus dem Felde Heimkehrenden zu verhüten und jedem die Möglichkeit zu geben, wieder seiner alten Beschäftigung nachgehen zu können, werden schon jetzt nicht allein von den Staatsbehörden, sondern auch von den Gewerkschaften vorsorgende Maßnahmen getroffen. Dabei muß den besonderen Arbeiterforderungen, den sozialpolitischen, auch Berücksichtigung widerfahren. Die Zentralleitung unserer Gewerkschaften, die Generalfommission, hat schon ein eingehendes sozialpolitisches Programm für die Friedenswirtschaft aufgestellt. Einzelne Gewerbe werden solche von ihrem besonderen Berufsinteresse aus stellen und ergänzen. So der Textilarbeiterverband, der in einer soeben erschienenen Broschüre Übergangswirtschaft und Textilarbeiter"( Selbstverlag des Textilarbeiterverbandes) die für die Textilarbeiter und-arbeite rinnen notwendigen Forderungen aufstellt. Außer der Beschaffung von Lebensmitteln und neben der Belebung der Bautätigkeit wird die der Textilindustrie die notwendigste sein. Effen, Nahrung und Kleidung sind schließlich die urwüchtigsten Bedingungen des Lebens. Die Textilindustrie leidet in der Kriegszeit besonders start unter dem Mangel an Rohstoffen, die sonst in großen Mengen vom Ausland bezogen wurden. Und da der Bedarf der Heeresverwaltung noch zudem außergewöhnlich groß ist, so blieb für die Befriedigung der bürgerlichen Bevölkerung nicht viel übrig. Alle Lager fertiger Wäsche und Kleidung sind geräumt. Die Textilindustrie hätte nach Rosen auf den Weg geftrent Und des Harms vergessen! Eine furze Spanne Zeit Ift uns zugemessen. Hölty. Kriegsküchen. Manche„ Gleichheit" leserin hat, wenn sie sich Essen aus der Kriegsfüche holte, wohl schon einmal einen Blick in den Küchenbetrieb getan, so daß ihr erwünscht sein wird, einmal Näheres darüber zu hören. Gewöhnlich sieht man in den mehr oder weniger gut gelegenen Räumen Kessel von 200 bis 500 Liter Inhalt aufgestellt, in denen das Essen zubereitet wird. Die Feuerung geschieht mit Stohlen oder Gas, vereinzelt auch mit Dampfmaschinen, mit menschlicher Arbeitsfraft, mit Dampf oder mit Elektrizität getrieben, die zum Kartoffelund Rübenschälen benügt werden. Allerhand andere praktische Apparate vervollständigen und vereinfachen dabei den Küchenbetrieb und sparen Arbeitskraft. Gewöhnlich schließt sich der Küche ein Speiseraum an, in dem das Essen gleich verzehrt werden kann, und eine Ausgabesielle, in der sich die Familien ihr Mittagessen abholen können. Solche Küchen vom fleinsten bis zum größten Format findet man heute in Berlin und seinen vielen Borortgemeinden, in Frankfurt a. M., München, Starlsruhe, Hamburg und vielen anderen Städten. Nach einem ganz anderen System arbeitet Köln. Neben der Kölner Stadtküche nehmen sich die Küchen der obengenannten Städte aus wie die Werkstatt neben der Fabrit. In der großen Kölner Stadtküche wird das Essen in fünf Kesseln zubereitet, von denen jeder allein 8000 bis 10000 Liter fassen kann. Die nötige Hize wird durch Dampf erzeugt, ein Anbrennen der Speisen ist nicht möglich, für das Durcheinandermengen der Speisen sorgt ein auf dem Boden des Kessels angebrachtes automatisches Rührwerk. Auch das Vorrichten der Rohstoffe, wie Kartoffeln, der vielgeliebten Rüben und sonstigen Gemüses geschieht, ganz maschinell, ebenso die Beförderung in die Kessel. Nr. 15 Friedensschluß außerordentlich viel zu tun. Da es aber zunächst noch an Rohstoffen fehlen wird, so muß Vorsorge getroffen werden, um diesem Mangel nach Möglichkeit abzuhelfen. Der Verband ver langt deshalb in seiner programmatischen Denkschrift für den Friedensschluß: Sofortige Freigabe aller im Besitz der Kriegsrohstoffabteilung befindlichen Rohstoffmengen, wie auch der im Besitz der Heeresverwaltung befindlichen Stoffe und fertigen Kleider für die Zivilbevölkerung, Förderung der Ersatzstoffindustrien, Bevorzugung der Textilindustrie bei Berteilung des Schiffsraumes und anderer Verkehrsmittel zur Herbeischaffung von Rohstoffen und Halbfabri. faten, Beseitigung der Schranken, die der Einfuhr von Garnen, Stoffen und fertigen Kleidern entgegenstehen, gerechte Verteilung der Rohstoffe an die Unternehmer unter Mitwirkung der Arbeiter als kontrollierende und regelnde Aufsicht, Abbau des dem Volfs. interesse widerstrebenden Zollsystems und Heranziehung der Arbeiterorganisationen zur Mitarbeit in allen Zweigen der übergangswirtschaft. Neben diesen wirtschaftlichen Forderungen werden die sozialpolitischen gestellt. Die Erhaltung der Volkskraft in dieser Industrie verlangt dringend die Verkürzung der Arbeitszeit. Es wird deshalb der Acht beziehungsweise Neunstundentag gefordert. Außerdem die Errichtung von Lohnämtern für die Heimarbeiter und die gesetzliche Festlegung von Mindestlöhnen. Für die Arbeiterinnen wichtig sind die Forderungen auf Verbot aller Überstunden für sie und für jugendliche Personen, der freie Sonnabendnachmittag, besonders aber noch die Mutterschaftshilfe und Wochenhilfe. Es werden gefordert: Freie Behandlung bei der Entbindung, im Wochenbett und bei Schwangerschaftsbeschwerden durch Arzt und Hebamme, ein Wochengeld und Stillgeld in etwas erweiterter Form, wie sie jetzt die während des Krieges erst eingeführte Reichswochenhilfe gewährt, mit der nach dem Urteil aller Sozialhygienifer so gute Erfolge gemacht wurden. Weiter wird mehr sanitärer Schutz gegen die Gefahren der Arbeit verlangt, paritätische Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenunterstützung durch das Reich. Das Buch bietet außer der eingehenden Begründung dieser For derungen auch sonst noch eine Menge wertvollen statistischen Materials über Löhne und Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie und ist damit zugleich ein beredtes Zeugnis von der umfangreichen und regen Tätigkeit, die die Gewerkschaften auch in der Kriegszeit bei erheblich verringertem Personal leisten und zu leisten haben im Interesse des Wiederaufbaues der Industrie und der Arbeiter und Arbeiterinnen. Georg Schmidt. In einer Vorküche wird das Fleisch in kleineren Kesseln gekocht, von den Knochen gelöst und zerschnitten unter das Essen gemischt. Auch die Fleisch- und Knochenbrühe wird durch ein Pumpwerk in die großen Kochteffel geleitet. Von der Vorküche aus geschieht auch das Einweichen und Säubern von Hülsenfrüchten, Graupen, Dörrgemüſe. Das Abfüllen des fertigen Essens in kleine doppelwandige Kessel geschieht durch Strane, die sich an den hochgelegenen großen Kesseln befinden. Diese fleinen Kessel wandern mun auf hübschen weißen Wagen bis in die entlegensten Stadtviertel, um dort den Teilnehmern, die vorher bestellt haben müssen, das Essen bis an die Wohnung zu bringen. Selbstverständlich fann es sich bei einer solchen Einrichtung mur um Eintopfgerichte handeln. Eine gewisse Eintönigkeit des Speisezettels ist damit verbunden, aber die Annehmlichkeit, sich das fertige Mittagessen mun auch nicht noch„ erstehen" zu müssen, ist gewiß nicht zu unterschäßen. Neben dieser großen Stüche mit fünf Kesseln sind noch zwei weitere mit je einem Steffel in Betrieb. Sie arbeiten nach demselben Systent. In der Städtischen Küchenkommission sigen neben drei bürgerlichen Frauen zwei Genossimen. Sie haben zu jeder Stunde das Recht, an bestimmten Tagen aber die Pflicht, die Betriebe zu besichtigen, das Essen zu begutachten und in den Sigungen über ihre Erfahrungen zu berichten, wenn nötig Kritik zu üben und Besserungsvorschläge zu machen. Von diesem Recht wurde zum Vorteil der Teilnehmer tüchtig Gebrauch gemacht. Die Kriegsfüchen finden begreiflicherweise nicht überall den Beifall unserer Genossinnen. Wenn wir feine Striegsnot und keinen Nahrungsmittelmangel hätten, wären auch die Küchen nicht entstanden. Das eine steht aber fest: Heute sind die Kriegsküchen eine Notwendigkeit, ihr plögliches Abschaffen würde in den Großstädten eine Katastrophe bedeuten, sie sind für einen großen Teil unserer erwerbstätigen Frauen eine Einrichtung, die sie nicht entbehren können und wollen. Die moderne Erwerbsarbeit erzieht die Frau zu einer größeren Wertschägung ihrer Zeit. Sie weiß ganz genau, daß es ein voltswirtschaftlicher Vorteil ist, wenn 200 Frauen arbeiten, um für 40000 Nr. 15 Vom Fortgang des Frauenrechts Die Gleichheit Der württembergische Ausschuß zur Förderung des Frauenftimmrechts, dem auch sozialdemokratische Frauen angehören, hat an den Landtag eine Eingabe über Mitarbeit der Frauen in der Gemeinde gerichtet. Es wird das aktive und passive Wahlrecht verlangt, ferner eine Einfügung in die württembergische Gemeindeordnung, nach der in den größeren Gemeinden zu allen Kommiffionen Frauen mit beschließender Stimme in entsprechender Anzahl hinzugezogen werden sollen. In der Begründung der Eingabe heißt es: „ Die Arbeiten der Gemeindeverwaltung sind, wie sogar von Gegnern des Frauenstimmrechts zugegeben wird, dem Wesen und den Fähig leiten der Frau durchaus naheliegend. Sonst hätten nicht in der Kriegszeit so viele Frauen mit Eifer und Erfolg sich an den außer ordentlichen Aufgaben der Gemeinden beteiligt. Ihre Mitwirkung ist vielfach unentbehrlich geworden. Und die schon bewährten Kräfte sollten auch in der Folgezeit, die abermals große und schwierige Aufgaben an unser Volt stellt, in den einzelnen Gemeinwesen und damit für die allgemeine Wohlfahrt ihre Dienste in vollem Umfange einsetzen können. Da die Verleihung des Gemeindewahlrechts an die Frauen nur allmählich zu ihrer regelmäßigen Mitarbeit führen wird, so haben wir die zweite Bitte beigefügt. Durch deren Erfüllung würden alle diejenigen Einrichtungen, die mit Hilfe der Frauen ins Leben getreten sind, ihre Mitarbeiterinnen sich erhalten und neue dazu gewinnen. In Baden ist seit einer Reihe von Jahren eine derartige Bestimmung in Straft. Dort müssen viele Kommisfionen in allen Gemeinden, die der Städteordnung unterliegen, zu einem Drittel aus Frauen bestehen." Die Frau im Beruf Die Arbeiterin und das Hilfsdienstgesetz. In der„ Metallarbeiterzeitung" teilt Genosse Siering mit, daß in einer Sigung des Kriegsausschusses in Berlin eine Entscheidung gefällt worden ist, daß der Kriegsausschuß für Klagesachen der Arbeiterinnen un= zuständig" sei. Die Fällung eines Schiedsspruchs sei daher abgelehnt worden. Siering bemerkt dazu mit Recht: „ Wir müssen das Urteil als einen Fehlspruch ansehen, denn wenn in der Begründung dieser Entscheidung des Kriegsausschusses gesagt wird, daß das Hilfsdienstgesetz sich nur auf Personen beziehe, die Menschen das Mittagessen herzurichten und nach Wohn- oder Arbeitsstätte zu bringen, als wenn sich nach den bisherigen Verhältnissen mindestens 8000 Frauen abradern müssen. Kluges und zielbewußtes Mitarbeiten auch an dieser Einrichtung fann Aussicht dafür bieten, daß aus mancher dieser Küchen moderne Volksküchen in unserem Sinn werden, die unseren Lohnarbeitenden oder mit Kindern gesegneten Frauen eine wirkliche Erleichterung bedeuten. Am ersten Maimorgen. Heute will ich fröhlich, fröhlich sein, Keine Sorg und keine Sitte hören, Will mich wälzen und für Freude schrein, Und der König soll mir das nicht wehren! Heute kommt mit seiner Freuden Schar Frühling aus der Morgenröte Hallen, Einen Blumenkranz um Brust und Haar Und auf seiner Schulter Nachtigallen! Und sein Antlitz ist ihm rot und weiß, Und er träuft von Tau und Duft und Segen Ha! Mein Thyrsus sei ein Knospenreis, Und so tauml' ich meinem Freund entgegen! Bücherschau M. J. Matthias Claudius. 119 zum vaterländischen Hilfsdienst verpflichtet sind und unter Berückfichtigung des§ 1 des Gesezes, der lediglich von männlichen Deutschen spricht, die Arbeiterinnen ganz ausschalten will, weil bei der Schaf= fung des Gesetzes ausdrücklich die Frauen nicht als Hilfsdienstpflic: tige ins Gesetz aufgenommen wurden, so trifft dies nach den durch) aus klaren Bestimmungen der§ 11 bis 13 nicht zu. Jm§ 11 des Hilfsdienstgesetzes wird ausdrücklich nicht von Hilfsdienstpflichtigen gesprochen, sondern von allen für den vaterländischen Hilfsdienst tätigen Betrieben. Für diese Betriebe sollen Arbeiterausschüsse er= richtet werden, soweit sie mindestens 50 Arbeiter beschäftigen und nicht schon bisher Arbeiterausschüsse bestanden haben. Es ist ausbrücklich erklärt worden, daß unter Arbeitern auch Arbeiterinnen zu verstehen sind. Denn auch diese sind berechtigt, zu den Arbeiterausschüssen zu wählen und in dieselben gewählt zu werden. Wenn es nach§ 12 dann weiter heißt ,, daß es den Arbeiterausschüssen obliege, das gute Einvernehmen innerhalb der Arbeiterschaft des Betriebes und zwischen der Arbeiterschaft und dem Arbeitgeber zu fördern, so ist es ganz erflärlich, daß auch Arbeiterinnen dabei in Frage kommen müssen. Zum Überfluß wird dann noch im§ 13 ausdrücklich betont, daß, wenn nicht in Betriebe der im§ 11 bezeichneten Art bei Streitigfeiten über die Lohn- und sonstigen Arbeitsbedingungen eine Einigung zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeiterausschüssen zustande tommt, dann unter anderem auch der Kriegsausschuß als Schlichtungsstelle angerufen werden kann. Es ist doch völlig unsinnig, wenn Arbeiterinnen zwar in den Arbeiterausschuß gewählt werden dürfen, aber nicht berechtigt sein sollen, Beschwerden der Arbeiterinnen auch vor dem Schlichtungsausschuß zu vertreten.... Welche Ursache liegt aber dem Einspruch der Unternehmer zugrunde? Wir haben bereits hervorgehoben, daß über Streitigkeiten der Arbeiterinnen allein und auch in Verbindung mit Hilfsdienstpflichtigen unendlich oft, fast bei jeder größeren Sache verhandelt worden ist. Niemals ist dagegen Einspruch erhoben worden. Nur diesmal, und zwar deshalb, weil die Arbeiterinnen die Festsetzung bestimmter Mindestlöhne gefordert haben. Diese Forderung hat es den Unternehmern angetan. Mit dieser Forderung werden sie in ihren, heiligsten Gefühlen verlegt. Auf diesem Gebiet haben sie während des Krieges nicht im geringsten umgelernt. Nach wie vor stehen die im Verband Berliner Metallindustrieller vereinigten Firmen auf dem Standpunkt, daß sie allein über die Gewährung von Mindestlöhnen zu entscheiden haben...." zu bewässern und fruchtbar zu machen haben. Wir rasten mit ihm in einem kleinen Schloß inmitten eines Palmenwäldchens und rauschender goldener Weizenfelder. Wir sehen in das Elend der armenischen Flüchtlinge und des Gettos, des Bagdader Judenviertels und der romantische Hauch der alten Kalifenstadt schwindet mit der Nähe ihrer Betrachtung. In Babylon streifen wir durch die ausgegrabenen Ruinen alter Kultur, durch den Königspalast Nebukadnezars, um die fümmerlichen Reste des berühmten Turms zu Babel Ninive. Wanderungen durch die Schuttfelder, Rast in einem Café, wo die türkischen Geschäftsleute Siesta halten. Sven Hedin schildert sie:„ Geld und Geldgewinn sind außer Lappalien die einzigen Gesprächsgegens stände. Der Weltkrieg fümmert diese Männer nur insoweit, als das wechselnde Waffenglück ihre Geschäfte beeinflußt.... Alles übrige ist ihnen gleichgültig ganz wie bei gewissen Lenten in Europa." Im Hintergrunde aber zeichnet sich das trostlose Bild des Wüstenfrieges ab. Der Inhalt des Buches steht in gutem Verhältnis zum Preise, und seine Anschaffung ist zu empfehlen. A. Z. Bruno Schönlauk, In diesen Nächten. Gedichte. Berlin, Cassirer. Preis Mt. 3.50. Ein vornehm ausgestattetes Buch. Packende, knapp umrissene Gefichte, vermittelt durch sorgfältig gewählte gewichtige Worte in festem Tonfall. Die ersten drei Zusammenfassungen(„ Aus den Straßen"," Singende Erde" und" Die Gefangene") scheinen Dichtungen der VorKriegszeit zu sein. Bei aller Eigenheit verraten sie doch sehr viel " Richtung", während der dem toten Bruder gewidmete letzte Buchabschnitt vollendet reife, gedanken- und formschöne Lyrik umfaßt; Sven Hedin, Bagdad, Babylon, Ninive. Leipzig, Brockhaus. einzig ist das Gedicht„ Mord". Preis Mt. 1.Ein neues Reisebuch des bekannten schwedischen Forschers. Diesmal hinunter nach dem Orient, nach Mesopotamien, der Wiege der Menschheit. Wir machen eine Stromfahrt mit, den Euphrat hinab, wo die hölzernen Wasserräder knarren, die weithin die Ufergefilde Emma Dölk, Jugendlieder. Selbstverlag. A. Z. Ein halbes Hundert Gedichte und ein paar Geschichtchen; für Stinder geschrieben von einer Frau, in der selbst noch ein Stück Kinderseele und eine urwüchsige, wenn auch wenig entwickelte Dichternatur lebt, einfach, anspruchslos und geradezu. A. Z. 120 Die Gleichheit Worte von Karl Marr. Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. ★ ( Der achtzehnte Brumaire.) Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte. ( Die Klassentämpfe in Frankreich.) ★ Die Entwicklung der Existenzbedingungen für ein zahlreiches, starkes, konzentriertes und intelligentes Proletariat geht Hand in Hand mit der Entwicklung der Existenzbedingungen für eine zahlreiche, reiche, konzentrierte und mächtige Bourgeoisie. ( Revolution und Konterrevolution in Deutschland.) Heutzutage weiß jedermann, daß überall, wo revolutionäre Erschütterungen eintreten, ein gesellschaftliches Bedürfnis da hinter sein muß, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen gehindert wird. Das Bedürfnis mag noch nicht so dringend, so allgemein empfunden werden, daß es unmittelbaren Erfolg sichert, aber jeder Versuch, es gewaltsam zu unterdrücken, muß es mit verstärkter Gewalt wieder hervor. treten lassen, bis es seine Fesseln bricht. ( Revolution und Konterrevolution in Deutschland.) ★ Gewerkschaften sind wirksam als Zentren des Widerstandes gegen Übergriffe des Kapitals. Sie erweisen sich in Einzelfällen als unwirksam infolge unbedachten Gebrauchs ihrer Macht. Sie verfehlen im allgemeinen ihren Zweck dadurch, daß sie sich auf einen Guerillakrieg gegen die Wirkungen des gegenwärtigen Systems beschränken, statt gleichzeitig auf seine Umwandlung hinzuarbeiten und ihre organisierte Kraft als einen Hebel für die endgültige Emanzipation der arbeitenden Klassen, das heißt die endgültige Abschaffung des Lohnsystems zu gebrauchen. ( Lohn, Preis und Profit.) * Die gesellschaftlichen Verhältnisse, worin die Individuen produzieren, die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ändern fich also, verwandeln sich mit der Veränderung und Entwick lung der materiellen Produktionsmittel, der Produktionskräfte. Die Produktionsverhältnisse in ihrer Gesamtheit bilden das, was man die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gesellschaft nennt, und zwar eine Gesellschaft auf bestimmter geschichtlicher Entwicklungsstufe, eine Gesellschaft mit eigentümlich unterscheidendem Charakter. Die antike Gesellschaft, die feudale Gesellschaft, die bürgerliche Gesellschaft sind solche Gesamtheiten von Produktionsverhältnissen, deren jede zugleich eine besondere Entwicklungsstufe in der Geschichte der Menschheit bezeichnet. ( Lohnarbeit und Kapital.) * Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die fie lösen kann; denn genauer betrachtet, wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. ( Bur Kritik der politischen Ökonomie.) ★ Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation sezzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt. ( Das Elend der Philosophie.) Nr. 15 Sofern die Maschine Muskelkraft entbehrlich macht, wird fie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung oder größerer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher der erste Wert der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie! Dies gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und Arbeiter verwandelte sich damit sofort in ein Mittel, die Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einreihung aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmäßigkeit des Kapitals. Die Zwangsarbeit für den Kapitalisten drängte sich nicht nur an die Stelle des Kinderspiels, sondern auch an die der freien Arbeit im häuslichen Streise, innerhalb sittlicher Schranken, für die Familie selbst.... Der Arbeiter verkaufte früher seine eigene Arbeitsfraft, worüber er als formell freie Person verfügte. Er verkauft jetzt Weib und Kind. Er wird Sklavenhändler. ★ ( Das Kapital.) Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden. ( Das Kommunistische Manifest.) * Die Behauptung der alten Gesetze gegen die neuen Bedürfnisse und Ansprüche der gesellschaftlichen Entwicklung iſt im Grunde nichts anderes als die scheinheilige Behauptung unzeitgemäßer Sonderinteressen gegen das zeitgemäße Gesamtintereffe. ( Vor den Kölner Geschworenen.) Wo die Gemeinsamkeit der Interessen fehlt, kann es keine Einheit der Ziele, geschweige des Handelns geben. ( Revolution und Konterrevolution in Deutschland.) * Der jetzige Krieg( von 1870, Redakt. d.„ Gleichheit") führt, was die preußischen Esel nicht sehen, ebenso notwendig zu Krieg zwischen Deutschland und Rußland, wie der Krieg von 1866 zum Krieg zwischen Preußen und Frankreich führte. Das ist das letzte Resultat, was ich von ihm für Deutschland erwarte. Das spezifische Preußentum" hat nie anders existiert und kann nie anders existieren, außer in Allianz mit und in Untertänigkeit gegen Rußland. Auch wird folcher Strieg Nr. 2 als Hebamme der unvermeidlichen sozialen Revolution in Rußland wirken.( In einem Brief an Sorge vom 1. September 1870.) * Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so die Zentralisation der State- power( Staatsgewalt) nüßlich der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. Das deutsche übergewicht wird ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehen, daß die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Übergewicht unserer Theorie über die Proudhons uſw.( In einem Brief an Engels vom 20. Juli 1870.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.s. in Stuttgart.