Nr. 17 A. g. XIII 28. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Das Wohnungselend. Stuttgart 24. Mai 1918 Zu den ärgsten übeln, unter denen der Proletarier, der Arbeiter, der untere Beamte, der kleine Geschäftsmann zu leiden hat, gehören die schlimmen Wohnungsverhältnisse, die heute besonders in unseren Großstädten und Industriebezirken herrschen. Am härtesten werden die Frauen von den herrschenden Mißständen getroffen, weil sie einen viel größeren Teil ihres Lebens in der Wohnung zubringen müssen als die Männer. Nicht nur Hausfrauenpflichten binden sie oft an das Haus. Gar zu häufig für viele tausend Heimarbeiterinnen - ist auch die Wohnung die Stätte, wo sie ihre Erwerbsarbeit verrichten müssen. Die Wohnungen, in denen der Proletarier hausen muß, sind meist zu teuer und zu schlecht. Weil sich sehr viele Unbemittelte nicht eine genügend große Woh. mung halten können, sind die Wohnungen überfüllt. In den deutschen Großstädten ist in den Proletariervierteln meist das Massenmiethaus, die sogenannte Mietkaserne, die herrschende Hausform. Fünfzehn und mehr„ Parteien" wohnen dichtge. drängt in einem gewöhnlich nicht gerade mit Wohlgerüchen erfüllten Hause neben- und übereinander. Schwere Nachteile für die Volksgesundheit sind die unausbleiblichen Folgen dieser Zustände. Die Statistik zeigt, daß die Sterblichkeit und Krankheitshäufigkeit in proletarischen Wohnvierteln größer ist als dort, wo die Wohlhabenden wohnen. Sicher ist das nicht allein die Folge der schlechten Wohnungsverhältnisse. Ist doch der Proletarier auch sonst gefundheitsschädlichen Einflüssen ausgesetzt, die der Besitzende von sich fernhalten kann. Aber zweifellos spielt hier auch der ungünstige Einfluß licht- und luftloser oder überfüllter Wohnungen häufig eine verhängnisvolle Rolle. Auch das Familienleben muß oft unter den Wohnungsmißständen leiden. Weil die Wohnung zu eng und es deshalb der Frau und Mutter nicht möglich ist, ihren Lieben ein gemütliches Heim zu schaffen, werden oft der Mann und die erwachsenen Kinder in die Kneipe getrieben. Wir dürfen nun nicht die Augen davor verschließen, daß uns nach dem Kriege noch eine Verschlechterung unserer Woh nungsverhältnisse droht. Die Baukosten sind gestiegen und werden nach der Ansicht Sachverständiger auch nach dem Kriege etwa 25 Prozent höher sein als früher. Die Hausbesitzer werden das Geld, das sie auf ihre Häuser als Hypothek aufgenommen haben, höher verzinsen müssen als vor dem Kriege. Jedermann kann, indem er sich Reichsanleihe kauft, sein Stapital zu 5 Prozent sicher anlegen. Die Kapitalisten werden minde stens denselben Zinssatz verlangen, wenn sie das Geld Hausbesitzern leihen, die vor dem Kriege wenigstens einen Teil ihres Geldbedarfs zu einem geringeren Zinsfuß decken konnten. Die Nachfrage nach Kleinwohnungen wird dann voraussichtlich das Angebot übersteigen. Während der Kriegszeit sind nur wenig Wohnungen neu gebaut worden. Sofort nach Friedensschluß werden viele neue Haushaltungen gegründet werden man denke nur an die vielen Kriegsgetrauten-, viele Familien, die früher größere Wohnungen innegehabt haben, dürften Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Moripplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. sich, weil der Ernährer gefallen ist oder weil sich sonst durch den Krieg ihre Verhältnisse verschlechtert haben, eine kleinere Wohnung suchen. So ist für die Zeit nach dem Kriege nicht mur eine Wohnungsteuerung, sondern auch eine Wohnungsknappheit, wenn nicht gar ein Wohnungsmangel zu befürchten. Mit Recht ist gefordert worden, daß Reich und Staat nicht nur dabei helfen sollen, Geld für den Kleinwohnungsbau zu beschaffen, sondern daß sie auch einen Zinszuschuß aus öffentlichen Mitteln zu den Hypothekenzinsen gewähren sollen, damit die Mieten für die Kleinwohnungen nicht allzusehr gesteigert zu werden brauchen. Wir brauchen allenthalben eine großzügige Boden- und Wohnungspolitik, die den Massen zu lichten und luftigen Wohnungen verhelfen soll. Man begegnet oft der Anschauung, die Wohnungsmieten müßten, wenn statt der Massenmiethäuser nur ein oder zweistöckige Häuser gebaut würden, höher sein als heute, weil dann mehr von dem oft sehr kostbaren Boden auf die Wohnung käme. Das ist aber nicht wahr. Wenn die Bauordnung die Errichtung vier- und fünfstöckiger Gebäude zuläßt, so werden deshalb die Mieten nicht billiger, sondern den Vorteil davon haben allein die Besitzer des Bodens. Ist nur der Bau von niedrigen Häusern erlaubt oder eine weiträumige Bebauung vorgeschrieben, bei der nur ein verhältnismäßig kleiner Teil des Bodens mit Gebäuden besetzt werden darf, so werden nur etwa 2 bis 10 Mark für den Duadratmeter bezahlt, während der Grundbesitzer bei Zulässigkeit einer vier- bis fünfstöckigen Bebauung je nachdem 20, 50 und mehr Mark für den Quadratmeter erhält. Mit der Gestattung einer solchen Bauweise wird bloß den Grundbesitzern ein Geschenk gemacht. Kann nur eine Familie auf einem Stück Land wohnen, so bekommt dessen Eigentümer nur von dieser einen Familie seinen Tribut. Wohnen fünf Familien auf dem gleichen Stück Boden übereinander, so erhält er gewöhnlich mindestens das Fünffache. Wer unbebautes, aber zur Bebauung mit Wohnhäusern geeignetes Land verkauft, kann diesen Tribut gewöhnlich vorwegnehmen, indem er für seinen Boden einen entsprechend hohen Preis verlangt. Daraus geht hervor, die Mietkaserne, die an dem Mark unseres Volkes zehrt, braucht nicht zu sein. Eine energische Boden- und Wohnungspolitik von Staat und Gemeinde, die natürlich auch um die Schaffung billiger Verkehrsmittel besorgt sein müßte, kann es dahin bringen, daß die Proletarier, wenn auch nicht immer gerade in sogenannten Einfamilienhäusern, so doch in Kleinhäusern mit Gärten wohnen können, ohne daß deshalb von ihnen höhere Aufwendungen für die Wohnung gemacht zu werden brauchten. Freilich dürften sich die öffentlichen Gewalten nicht damit begnügen, die Errichtung von Mietkasernen zu verhindern. Die Gemeinden müßten Land zu billigem Preis er werben, wobei sie der Staat durch Gewährung des Enteignungsrechts zu unterſtügen hätte, und entweder selbst Wohnungen bauen oder den Boden an gemeinnützige Bauvereinigungen gegen das Versprechen weitergeben, daß diese keine höheren Mieten nehmen, als zum Ersatz ihrer Kosten und einer mäßigen Verzinsung ihres Kapitals notwendig ist. 130 Die Gleichheit Daß bisher eine wirklich durchgreifende Wohnungspolitik so wenig getrieben worden ist, liegt zum guten Teil an dem elenden Wahlrecht, das wir heute noch vielfach in Staat und Gemeinde haben, und das oft den Bodenbefizern einen ausschlaggebenden Einfluß in den Gemeindeverwaltungen gibt. Wie die Erfahrung zeigt, gilt diesen Leuten der eigene wohl gefüllte Geldbeutel mehr als das Wohl und die Gesundheit ihrer Mitbürger. Nur ein Wahlrecht, das überall in Staat und Gemeinde den breiten Volksmassen die Herrschaft in die Hand gäbe, würde eine Wohnungspolitik ermöglichen, wie sie im Interesse des deutschen Volkes so dringend notwendig ist. Tausenden von Müttern könnte dann der Schmerz erspart werden, daß ihre Lieben früh dahinsiechen, weil so viele junge Menschen in den licht- und luftlosen Wohnungen, in denen sie aufwachsen müssen, nicht gedeihen können. Gerade die Vetrachtung der Wohnungsfrage zeigt so recht, von welcher Bedeutung es für die Volksmassen ist, daß mit dem in Deutschland noch vorhandenen Wahlunrecht gründlich aufgeräumt wird. Ein besseres Wahlrecht bedeutete für Millionen von Proletariern einen Zuwachs von Kraft und Gesundheit, von Lebensfreude und Glück. May Sachs. An die Nationen. Vernehmt mich, groß und kleine Nationen, Die ihr geharnischt tretet auf den Plan! Ihr ringt umsonst nach Eigenruhmes Kronen: Der Einzelvölker Arbeit ist getan. Die an der Seine, am Belt, am Ister wohnen, Begegnen fortan sich auf einer Bahn. Was ihr getrennt erstrebt und still begründet, Vollendet ihr vereint nur und verbündet. Ob klein, ob groß, ihr habt ein Recht zu leben! So schreibt euch mutvoll ein in Klios Buch; Ein heilig Recht ist allen euch gegeben: Nur sei nicht Haß mehr euer Bannerspruch! Seid nicht bemüht zu trennen, nein, zu weben; War Trennung Segen einst, nun ist sie Fluch! Daß sie das Werk der Weltgeschichte kröne, Versammelt Mutter Erde ihre Söhne. Robert Hamerling. Jugendliche vor Gericht. " Daß die Verwahrlosung der Jugend im wesentlichen auf das Fehlen des Mannes zurüdzuführen ist, geben die Frauen auch ausnahmslos zu. Die Erziehung wird auch noch dadurch gefährdet, daß leider in vielen Familien nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter fehlt. Die Striegsunterstügung ist so gering, daß beim Fehlen eines anderweitigen Einkommens die Mutter aufs Verdienen angewiesen ist und dem Haushalt allzulange fernbleiben muß. , Der Vater ist im Felde, die Mutter arbeitet in einer Munitionsfabrik ist ein in den Aften verwahrloster Kinder stets wiederkehrender Vermerk." So beurteilt der Kölner Jugend- und Vormundschaftsrichter Geheimer Justizrat Schumacher in der„ Kölnischen Zeitung" ( Beilage Nr. 15) zwei der wesentlichsten Gründe für die Sittenverwilderung der Jugend, die nicht zu leugnen ist. Aber der durchaus sozial empfindende Mann macht vielen Müttern auch den Vorwurf, daß sie den Jugend- und Vormundschaftsrichtern durch Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit und Launen die Arbeit sehr erschweren. Wer häufig Frauen in Gerichtssachen zu beraten hat, weiß, daß sie fast ausnahmslos über gesetzliche Bestimmungen in bölliger Unkenntnis sind. Aber nicht nur das, sie lassen auch vielfach Gerichtstermine entweder ganz unbeachtet oder gehen doch unvorbereitet und ohne sich vorher Rat geholt zu haben in den Gerichtssaal hin. Erst wenn sie durch den Urteilsspruch den Ernst der Lage fühlen, suchen sie Hilfe, oft genug zu spät. Nr. 17 Sehen wir einmal ganz ab von Mietstreitigkeiten, betrügerischen Abzahlungsgeschäften, Unterstützungssachen und Beleidigungen, welch lektere leider eine große Rolle spielen, und bleiben wir bei den Verfehlungen junger Burschen und Mädchen, die jetzt rechte Sorgenkinder für jedes Mutterherz find. Wieviel Mütter wissen nichts davon, daß diese Jugendlichen, die sie mit Recht noch als„ Kinder" ansehen, bei Straffälligkeit schon beinahe schonungslos den Strafrichtern ausgeliefert sind. Schon mit dem vollendeten zwölften Lebensjahre beginnt die Strafmündigkeit. Nur vor dem Zuchthaus und vor der Todesstrafe ist der Jugendliche bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahre geschützt. Aber er kann Gefängnis erhalten, sogar bis zu 15 Jahren. Wenn eine so harte Strafe gewiß auch nur selten verhängt wird, so ist sie doch schon manchmal Wirklichkeit geworden, und Gefängnisstrafen von einigen Monaten, ja einigen Jahren sind leider gar keine Seltenheit. Freigesprochen wird der straffällige Jugendliche nur dann, wenn er bei Begehung der strafbaren Handlung die zur Erkenntnis ihrer Strafbarkeit erforderliche Einsicht nicht besessen hat. Diese Vergünstigung wird nur verhältnismäßig felten gewährt. Minderjährige über 18 Jahren unterliegen ohne jede Schonung der vollen Strafgewalt des Staates. In leichten Fällen von Vergehungen und übertretungen wird bei Jugendlichen manchmal weder auf Gefängnis noch auf Geldstrafe, sondern nur auf einen Verweis erkannt. Man fieht dann oft genug den jugendlichen Sünder und seine Mutter in einer Stimmung den Gerichtssaal verlassen, als sei der Angeklagte freigesprochen. Man schätzt den Verweis nicht höher ein als etwa den Ladel eines Fortbildungsschullehrers. Das ist ein verhängnisvoller Fehler. Zwar ist der Verweis nur die leichteste Strafe, aber doch eine Strafe. Sie wird in die Aften des Gerichts und der Polizei geschrieben und kann nicht nur bei Rückfälligkeit, sondern auch bei der Notwendigkeit eines Unbescholtenheitszeugnisses recht unangenehm werden. Auch den zu Gefängnis oder einer Geldstrafe verurteilten Jugendlichen bietet sich manchmal noch eine Gelegenheit, der Strafe zu entgehen. Das ist, wenn das Gericht die„ bedingte Begnadigung" ausspricht. Es wird dann dem jungen Sünder die Strafe geschenkt", wenn er nicht innerhalb einer bestimmten Frist, meist innerhalb zwei Jahren, von neuem verurteilt wird. Aber wohlgemerkt: ist der„ bedingt Begnadigte" rückfällig, so muß er nicht nur die neue, sondern auch die bedingt„ geschenkte" Strafe bezahlen oder absitzen. Einen Fortschritt in der richterlichen Behandlung und Aburteilung der straffälligen Jugendlichen bieten die Jugendgerichte, die sich seit einem im Jahre 1908 ergangenen Erlasse des preußischen Justizministers rasch vielerorts eingebürgert haben. Sie sollen bewirken: 1. daß in der Voruntersuchung auf die Einflüsse der Umwelt auf die Straftat des Jugendlichen mehr Rücksicht genommen wird als bisher; 2. daß in der Verhandlung auf das jugendliche Empfinden des Angeklagten möglichst Rücksicht genommen wird und er nicht, wie es früher oft geschah, im Gerichtsgebäude mit Gewohnheitsverbrechern in Berührung kommt; 3. daß Vernehmung und Verhandlung möglichst von einem besonderen Richter, dem Jugendrichter, vorgenommen wird, 4. vereinigt der Jugendrichter die Gewalt des Strafund Vormundschaftsrichters in einer Person. Durch diese letzte Bestimmung kann der Richter entscheidend in die künftige Erziehung des gefährdeten Jugendlichen eingreifen. Je nach dem Ausfall der Untersuchung tritt Jugendrichter als Vormundschaftsrichter in Tätigkeit und leitet die Zwangserziehung für den Jugendlichen ein. Ich will keiner Mutter, die in dieser harten Kriegszeit um eines Kindes willen mit den Gerichten Bekanntschaft machen muß, ohne daß ihr der Mann helfend zur Seite steht, das Herz schwer machen. Zwangserziehung, Verweis, Geldstrafe, ja selbst Gefängnis brauchen kein Makel zu sein. Mancher, der in der Jugend strauchelte, ist später als aufrechter Mensch festen Schrittes durch das Leben gegangen. Nur, gute Mütter, nehmt diese Dinge nicht leicht und vor allem: wenn die Ver Nr. 17 Die Gleichheit fehlung eines Kindes vorliegt, seid weder verzweifelt noch gleichgültig. Sobald eine gerichtliche Zustellung kommt, sucht sofort Nat. Nicht bei Nachbarinnen, die auch nichts wissen, und nicht bei Winkeladvokaten, denen es nur um euer Geld zu tun ist, sondern bei Leuten, die euer Vertrauen verdienen. Das sind die Arbeitersekretäre, die von unseren Gewerkschaften angestellt sind und auch den Leserinnen unseres Blattes zur Verfügung stehen. Der Gang zum Arbeitersekre tariat ist notwendig möglichst lange vor der Gerichtsverhandlung. Zur Frage der Bevölkerungspolitik. Laßt die Frauen mitraten! Jeder einsichtsvolle und vorurteilsfreie Mensch muß sich fragen: Warum wird in der Frage der Bevölkerungspolitik die Frau nicht zu Rate gezogen? Wenn irgend jemals, so ist doch an der Beratung des Bevölkerungsproblems die Frau interessiert. Die Frau ist die Gebärerin und die wichtigste Erzieherin des Kindes. Die Frau hat die Leiden und die Beschwerlichkeiten einer monatelangen Schwangerschaft zu ertragen, die Frau hat bei der Geburt zu leiden und muß nicht selten der Geburt eines Kindes ihr eigenes Leben und noch häufiger ihre Gesundheit opfern. Die Erziehung und Pflege des Kindes in gesunden und kranken Tagen liegt zum größten Teil der Frau ob. Mit einem Wort, das ganze Leben der Frau als Mutter ist ein Sichaufopfern für das Kind; die Frau ist der Behälter, aus dem der Staat seine Volkskraft schöpft. Und doch wird die Frau auch in dieser Frage, wie überhaupt in allen öffentlichen Fragen, nicht zu Rate gezogen. Diese Nichtachtung der Frau hat ihren Ursprung in der längst widerlegten, veralteten Behauptung, die Frau sei minderwertiger als der Mann. Diese aus grauer Vorzeit stammende Anschauung wird heute noch dazu benutzt, die Frau von jeder Betätigung am öffentlichen Leben auszuschließen, sie nur als Objekt der Gesetzgebung zu betrachten. Und gerade in der Frage über die Hebung der Geburtenhäufigkeit, in der Erhaltung der Neugeborenen fönnte die Frau die wertvollsten Anregungen geben, ist dieses doch ihr ureigenstes Gebiet. Es ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtig= feit, es ist eine Frage der dringendsten Notwendigkeit, die Frau bei der Beratung des Bevölkerungsproblems heranzuziehen. 面 Feuilleton Geh fleißig um mit deinen Kindern! Habe sie Tag und Nacht um dich und liebe sie, und laß dich lieben einzig schöne Jahre; denn nur den kurzen Traum der Kindheit sind sie dein, nicht länger. L. Schefers„ Laienbrevier". ( Nachdruck verboten.) Fröschle. ( Fortsetzung.) Von Karl Bröger. Aufzeichnungen eines Vaters. Sein Geburtstag. Der erste Jahrestag von Fröschles Erdenankunft ist ein ganz schlichter bescheidener Werktag gewesen, obwohl Fröschles Eltern meinten, die Bäume stünden grüner als sonst im Raum. Das machte wohl, weil dieser Tag im Kalender ihres Herzens rot angemerkt ist, während er sich in allen andern Kalendern der Welt in nichts von seinen dreihundert Werktagsbrüdern auszeichnet. Fröschle schlief noch den Schlaf des Gesunden, als sich schon der erste Gratulant einfand: Allmutter Sonne, die ihm durchs Fenster herein einen prachtvollen Strauß auf die Bettdecke legte, gewunden aus den schönsten Gold- und Silberblüten ihres Frühlichts. Dann streichelte sie muttermild über die schlafgeballten Hände, tüßte Stirn und Haar des Geburtstagskindes und schaute von der Fensterbrüstung geruhig lächelnd auf den Einjährigen. Fröschle ist Frühaufsteher, und so dauerte es gar nicht lang, daß er die Anwesenheit der Sonne bemerkte und ihr durch behagliches Murmeln seinen Dank für den Glückwunsch abstattete. Die Eltern waren sich der Bedeutung des Tages natürlich bewußt, und es ging an ein Herzen und Küssen, daß Fröschle sich weitere Zärtlichkeiten sehr bestimmt verbat. Eifrig langte Fröschle aber zu, als ihm Mutter einen eigens für die Festlichkeit gekauften Gummiball auf die Bettdecke legte. Sachverständig untersuchte Fröschle den Ball auf seinen Geschmack und legte ihn achtlos weg, als die Probe ungut ausfiel. Mutter mußte den Ball erst mehrmals aufwerfen und fangen, um 131 Die Hauptursachen des schon vor dem Kriege sich erheblich bemerkbar machenden Geburtenrückganges liegen vor allen Dingen in den traurigen sozialen Zuständen. Die wirtschaftliche Unsicherheit des Mannes, die aus Arbeitslosigkeit und schlechtem Verdienst entspringende Not, die Teuerung der notwendigsten Lebensmittel, die traurigen Wohnungsverhältnisse, die aus diesen sozialen Notständen entspringende Zunahme der Frauenarbeit müssen ungünstig auf die Geburtenzahl einwirken. Und immer ist es die Frau, die unter diesen Zuständen am meisten zu leiden hat. Jeder zu erwartende Familienzuwachs wird für sie zu erneuter Sorge, zu vermehrter Überbürdung der Arbeitslast. Die Geburt jedes Kindes verlangt mehr Ausgaben für Wohnung, Kleidung und andere Dinge, verursacht also eine weitere Belastung ihres ohnehin so geringen Kostgeldes, verlangt mehr Arbeit von ihr und hindert sie so am Mitverdienen. Jede neue Geburt erschöpft ihre durch die ganzen sozialen Mißstände schon geschwächte Kraft und zehrt an ihrer Gesundheit. Mutterfreuden, Mutterglück wo sind sie bei der Frau, die ihre Kinder der Obhut älterer Geschwister, fremden Leuten anvertrauen muß? Die ihre Kinder nur kurze Stunden sieht, die an der Entwicklung, an der Erziehung der Kinder fast keinen Anteil hat? Ist es da zu verwundern, wenn die Frau jeder neuen Schwangerschaft mit Schrecken und Grauen entgegensieht, wenn sie sich mit allen geseglich erlaubten und unerlaubten Mitteln davor zu bewahren sucht? Mit allen Verboten des Verkaufs und der Benutzung von antikonzeptionellen Mitteln wird man nichts erreichen, wird kein Kind mehr geboren werden, sondern nur dadurch, daß man dieses unsere Volkskraft schädigende übel des Geburtenrückganges an der Wurzel zu fassen sucht: an den traurigen sozialen Zuständen. Und da ist es wiederum die Frau, die die Folgen dieser Zustände am ersten zu spüren bekommt, die hier ratgebend und mitbestimmend helfen könnte und sollte. Gerade bei der Beratung des Bevölkerungsproblems würde sich die mitberatende und mitbestimmende Tätigkeit der Frau als für das Staatswohl segensreich erweisen. Auch den tüchtigen Frauen gehört freie Bahn. Und bald würde sich die Frau bei der Beratung aller sozialen Fragen als unentbehrlich erweisen, es würde sich zeigen, wie notwendig die Mitarbeit der Frau in Erziehungs- und Schulfragen, in Fragen der Wohnungs- und Fabrifgesetzgebung, des Mutterschutzes und der Säuglingsfürsorge, im Armenwesen und in den Ernährungs- und Konsumentenfragen ist. Alles Fragen, die von größter Bedeutung, von einschneidender Wichtigkeit für die Hebung und für die Förderung der Geburtenzahl find. Fröschle Zweck und Nutzen des Geschenkes klarzumachen, was Fröschle sehr befriedigte. Er teilte nun seine Aufmerksamkeit zwischen Ball und Eltern in einer Weise, die keinen Zweifel ließ, wer ihm augenblicklich wertvoller schien. Wie immer verlief dann der Morgen, nur daß es Fröschle dünkte, Mutters Hände wären noch weicher und behutsamer als sonst. Am Mittag gab es ein außergewöhnliches Ereignis. Fröschle durfte mit aus Vaters Teller essen, was ihn so begeisterte, daß er mit beiden Händen in die zum Glück nicht mehr heiße Suppe planschte. Der daraus entstandene Suppenregen machte für den Vater einen Hosenwechsel notwendig, während Fröschle weiter feinen Nachteil hatte. Nach Tisch ging es in den Wald hinaus, ein willkommener Gang für Fröschles Neigung ins Grüne. Dort im Wald, ganz verloren in blühender Heimlichkeit eines stillen Winkels, verging der heiße Tag. Das bleibende Erlebnis brachte aber doch erst der Abend. Vater hatte nämlich zur höheren Ehre des Geburtstags einen Leuchtballen gekauft. Der wurde jetzt mit einer Kerze versehen und angezündet. Fröschle war ins tiefste gerührt von des Wunderdings Pracht. Die lustigen, starken und, kinderbunten Farben der Papierhülle ließen seine Augen nicht mehr los, besonders da sie im durchscheinenden Licht noch sattere Töne angenommen hatten. Wohl eine Viertelstunde, für Fröschles quecksilberige Beweglichkeit ein halber Tag, saß er verzückt und abwesend vor dem Ballen. Erst als die goldene Fliege ihr Spiel anhub, wendete sich Fröschle zeitweise ab. So lang und so erbittert hat sich Fröschle noch nie gegen die wohltätige Kunst der Schlaffliege gewehrt. Noch als er schon eingeschlummert war, fuhren die Hände mehrmals in der Richtung nach dem Ballen aus.... Jene erste Träne. Wir haben sie alle einmal geweint, obwohl es Menschen gibt, die es ein Märchen heißen, daß sie überhaupt je geweint haben sollen. Das Leben hat aber keinem Menschen diese Träne erlassen, auch denen nicht, die mit dieser ersten vielleicht auch die letzte Träne ihres Lebens weinten. Wir wissen nur nicht mehr recht um das 132 Die Gleichheit Und die große Masse der Frauen, die heute politisch vollständig indifferent sind, indifferent sein müssen infolge ihres Ausschlusses von jeder Mitberatung und Mitbestimmung in allen öffentlichen Angelegenheiten, sie werden interessiert, wenn ihre politische Unmündigkeit beseitigt wird. Den Frauen gleiche Rechte mit den Männern das wird auch das Bewußtsein erhöhter staatsbürgerlicher Pflichten in ihnen wecken! Sie werden verstehen lernen, was es für ein Staatswesen bedeutet, wenn die Geburtenzahl ständig finkt. Durch ihre Aufklärung, durch ihre Mitarbeit wird dem besorgniserregenden Geburtenrüdgang, dem furchtbaren Massensterben der Säuglinge Einhalt geboten werden. Zieht die Frau zur Mitarbeit heran, laßt sie auf dem Gebiete des Bevölkerungsproblems, über die wichtigen Fragen des Kindergebärens und des Kindererhaltens als ihrem ureigensten Gebiet mitberaten, mitbestimmen, und die Früchte werden nicht ausbleiben zum Wohle unseres Staats- und Wirtschaftslebens. Konrad Hahnewald. ★ Gegen den Gebärzwang. Der Krieg, der uns Arbeiterinnen, Mädchen, Frauen und Müttern, bald vier Jahre hindurch die größten und schwersten Lasten auferlegt, soll uns nunmehr auch noch ein neues Gesetz zur Vermehrung der Bevölkerung bringen, das uns Frauen die Freiheit der eigenen Person nehmen will. Die großen Lücken, die der Krieg in die Reihen des männlichen Geschlechts geschlagen hat, sollen wieder ausgefüllt werden. Gewiß liegt eine gesunde Boltsvermehrung im allgemeinen Interesse und muß auch in Fluß erhalten bleiben. Wird dieser Zweck aber durch das zwangsweise Eingreifen, wie es das Gesetz vorsieht, erreicht? Jede Frau soll soviel wie möglich Kinder zur Welt bringen. Liegt aber in der Zahl der Kinder der wirkliche Vorteil des Staates? Und warum soll auch diesmal wieder die arbeitende Frau die meisten Dpfer bringen? Diese Fragen werden Wissenschaftler, Arzte und Frauen der besseren Gesellschaft sicher schnell und einfach beantworten. Jedoch wir arbeitenden Frauen werden deren Antwort nicht als absolut richtig anerkennen. Keine Frau, die nicht selbst in bedürftigen Berhältnissen lebt oder gelebt hat, kann fühlen, was eine Frau in ärmlichen Verhältnissen als Mutter ertragen muß. Die Mutterfreuden wiegen hier nicht immer die Mutterleiden auf. Man will die Frau, die sich durch zähen Kampf im wirtschaftlichen und politischen Leben eine bessere Stellung als bisher erobert hat, zurückholen in die Kinderstube. Frauen mit mehreren Kindern bleibt Wann und Warum, denn der Vorgang spielt in einem Zeitraum, in den kein Pfad unseres Bewußtseins zurückleitet. Fröschle hatte seine Zeit, da schrie und plärrte er wohl mörderlich, doch das ging immer tränenlos ab. Später liefen wohl Wassertröpfchen über das runde Gesicht. Das waren aber keine Tränen, sondern Begleiterscheinungen seines Geschreis. Wirklich geweint hat Fröschle zum erstenmal, als er eines Tags mit starken Leibschmerzen erwachte. Man hörte gleich, diesmal ging es nicht um das Schreien als körperliche Bewegung, sondern um richtiges Weinen, um den Ausdruck einer starken seelischen Regung. Ein wundersamer Kelang zitterte in dem sonst oft mißtönenden Kreischen, ein Ton, der heraushören ließ, daß hier ein selbstbestehender Mensch vom Leben bedrängt wird und sich gegen die Bedrängnis wehrt. Eine zweite Natur rang in diesem Weinen um den Durchbruch. Die Geburt des andern Menschen, das persönliche Leben in Fröschle bereitete sich vor, wie alles Werdende unter Schmerzen und Zuckungen. Einen großen, kristallhellen Tropfen expreßte diese Geburt den schmerzhaft verkniffenen Wimpern. Der Tropfen hing einen Augenblick zitternd still, dann rollte er hinab zum Mundwinkel und verfing sich dort in einer Gesichtsfalte. Jene erste Träne war Ereignis geworden. Fröschle spürte zum erstenmal das Leben in seiner ganzen herben Gewalt, und die erste Träne salbte ihn für das Menschenlos, aus eigenem Vermögen dieses starfe, unerbittliche Leben zu bestreiten. Man zeichnet den ersten Schritt eines Kindes auf und übersieht nirgends den ersten Zahn. Aber auch der ersten Träne sollte nicht vergessen werden, in der das geistige Selbst des Menschen zum ersten sichtbaren Ausdruck kommt. Sie ist schönster Schmuck im Geschmeide des Lebens, würdig, in Gold gefaßt jedem Menschen erhalten zu werden.... Hatha, das grüne Schwesterlein. Genau drei Tage ist Fröschle alt gewesen, da kam der Vater mittags heim mit einem Packen unterm Arm, den er sehr behutsam ablegte. Worauf der Vater einen Stuhl nahm, ihn auf den Tisch stellte und, den Hammer in der Rechten, das Päckchen in der Linken, Nr. 17 dann wenigstens teine Zeit mehr übrig, sich um Politik, Gewerkschaften und öffentliches Leben zu bekümmern. Damit wäre die Frau als unliebsamer Faktor im öffentlichen Leben am einfachsten beseitigt. Schon in Friedenszeiten konnte man feststellen, daß die Mütter, die Kinder in kurzen Zwischenräumen zur Welt bringen, schwächer und widerstandsloser gegen auf fie eindringende Krankheiten und sonstige aus mangelhafter Ernährung und Pflege fich ergebende Mißstände sind als andere Frauen. Es kann doch aber nur im Interesse des Staates liegen, gesunde und lebensfähige Kinder zu erhalten und die Frau vor alljährlicher, sie und die Kinder schwächender Schwangerschaft zu schützen. Die Erziehung der Kinder kann gleichfalls keine sorgfältige sein, wenn die Mutter sich immer wieder einem neugeborenen Kinde widmen muß. Im Interesse des Staates und der Kinder selbst muß also der Frau Zeit gelassen werden, neue frische Kräfte zu sammeln. Wenn unter den jetzt bestehenden Verhältnissen zwei Menschen sich fürs Leben vereinigen, beginnen für sie die wirtschaftlichen Sorgen in erhöhtem Maße. Teure Mieten, kaum zu erschwingende Preise für Möbel und sonstige Ausstattungsgegenstände, dazu der teure Aufwand für den täglichen Lebensunterhalt. Trotz aller dieser widrigen Umstände streben Mann und Frau nach einem gemütlichen Heim. Sie arbeiten gemeinsam, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Ehe es aber erreicht ist, kommt das erste Kind. Die Frau kann nun nicht mehr wie vordem ihrer Beschäftigung nachgehen, ihr Verdienst, mit dem man gerechnet hat, wird geringer oder fällt ganz aus, unterdessen läuft die Zeit dahin, es kommt ein zweites, oft ein drittes Kind in ziemlich schneller Folge. Die Sorgen nehmen, wenn zudem noch Krankheitsfälle eintreten, überhand, und leicht ziehen Not und Elend in die Familie ein. Anstatt des trauten Paares im gemütlichen Heim sehen wir zwei Arbeitssflaven, die sich mit Sorgen quälen und unter Entbehrungen aller Art seufzen. Wenn dann noch, was leider auch keine Seltenheit ist, die Liebe des Paares zueinander erkaltet, so schleppen beide ein fast unerträgliches Joch durchs Leben. Hundertfach konnte man derartige Fälle schon in Friedenszeiten antreffen, sie werden sich in der kommenden Friedenszeit unt ein Vielfaches vermehren. Dazu treten andere Sorgen, die der Krieg unmittelbar im Gefolge hat. Frauen, die ihre Männer verloren haben, müssen den Kampf mit dem Leben allein und unter viel schwereren Bedingungen aufnehmen, wenn sie ihren Kindern den Lebensweg ebnen und brauchbare Menschen aus ihnen machen wollen. Die vom Staat gewährte Unterstügung reicht dazu nicht aus, fie garantiert ihnen noch nicht einen Nagel im Mund, das verdächtig wackelnde Gerüst bestieg, unt eifrig den Querbalfen der Zimmerdecke zu beklopfen. Nach diesen geheimnisvollen Vorbereitungen entnahm er dem Backen einen rundlichen Gegenstand und hängte ihn an der Decke auf. Das Ding schaufelte mehrmals, als wollte es die Sicherheit seines luftigen Aufenthaltsortes prüfen, hing dann still und schaute neugierig von der Zimmerdecke herab. Es war eine einfache Ampel und beherbergte eine Wasserpflanze mit abwärts wachsenden Ranken. Kurz und ungebärdig, wie das Haar auf einem Kinderkopf, hingen die längsten Schößlinge über den Rand der Ampel. Was das alles mit Fröschle zu tun hat? Aber ich muß bitten: Fröschle hat nächst Mutter und Vater nichts mehr ins Herz ge= schlossen als diese Pflanze. Er hat ihr einen eigenen Namen er= funden und. vergißt nie, sie fremden Besuchern vorzustellen, wobei am Ton zu erkennen ist, welchen Wert Fröschle auf die Bekannt schaft mit der Pflanze legt. Hatha so lautet in Fröschles Mundart der rätselhafte Kosename für das Gewächs ist mit Fröschle aufgewachsen und muß als sein Schwesterlein betrachtet werden. Fröschles Eltern dachten nämlich, es möchte gut und schön sein, wenn sie das Wachstum ihres Sohnes am Wachstum eines anderen Wesens sozusagen nachmessen könnten. Zuerst hatte Fröschles Vater den großartigen Gedanken, Fröschle durch einen zweiten Frosch, womöglich weiblichen Geschlechts, zu ergänzen. Allein, erstens ist das eine unsichere Sache, dauert zweitens zu lang, und selbst im besten Fall, wenn es ge= lingt, bleibt Fröschle um ein ganzes Jahr voraus. Das tut aber nicht gut, denn Fröschle würde ganz gewiß von dieser stolzen Höhe seines Vorsprungs herabsehen auf das jüngere Leben. Warum sollte also Fröschle nicht gemeinsam mit einer Pflanze groß werden? Die lebt auch, hat die gleichen Möglichkeiten der Entwicklung und ist überdies ein idealer Spielkamerad, weil sie niemals widerspricht, so daß Zank zwischen den Geschwistern ausgeschlossen ist. Der Vater faufte das Gewächs und nahm Hatha in die Familie auf. Dort gilt fie als vollwertiges Mitglied. Nr. 17 Die Gleichheit einmal die Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Durch den Krieg zum Krüppel oder siech und krank gewordenen Männern wird es nicht möglich sein, die Differenz zwischen der Rente und den zum Leben notwendigen Mitteln aufzubringen. In solchen Fällen muß die Frau sorgen helfen und hat dann neben der Sorge für den Mann und die Kinder noch größere Lasten zu tragen. Der Staat aber will mehr Kinder und fragt nicht, wer die damit verbundenen Lasten auf sich nimmt. Warum sollen gerade die arbeitenden Frauen die meisten Opfer bringen? Das Recht zu dieser Frage steht uns zu. In der neuen Gesegesvorlage zur Volksvermehrung ist ein Satz enthalten, der besagt, daß ein Arzt die Schwangerschaft unterbrechen kann, wenn das Leben der Frau gefährdet ist. Daß der Geldbeutel und andere Rücksichten bei solcher ärztlichen Entscheidung eine große Rolle spielen werden, wird niemand abstreiten wollen. Einer herzleidenden Geheimrätin oder ähnlichen einflußreichen Dame wird eher geholfen werden als einer Arbeiterfrau. Die freigegebenen wie die verbotenen Vorbeugungsmittel werden in Zukunft noch ausschließlicher als früher nur noch für die bessere Gesellschaft erreichbar sein. Eine wohlhabende Frau spürt ferner eigentlich nur in der Zeit der Schwangerschaft die Last des Kindes. Nach der Geburt kann sie sich schonen, wirtschaftliche Sorgen bleiben ihr völlig fern. Da wäre es doch richtiger, in erster Linie diese Damen aufzufordern, den Staat tatkräftig zu unterstügen und für eine Hebung der Geburten persönlich ihr bestes zu tun. Um so mehr kann das verlangt werden, als ja auch die Sorge um die Zukunft des Kindes den besigenden Klassen nicht soviel Kopfzerbrechen macht wie den Angehörigen der arbeitenden Bevölkerung. Sache des Staates muß es in erster Linie sein, für die vorhandenen Kinder und für die Mütter der arbeitenden Klasse zu sorgen. Das kann und muß geschehen durch besseren Ausbau der Fürsorge für Mutter und Kind, durch Familienzuschüsse des Staates an Schwangere, Wöchnerinnen und an vielföpfige Familien, durch Hebung der gesellschaftlichen Stellung der Frau und ihre Gleichstellung in politischer und wirtschaftlicher Beziehung mit dem Mann, durch ausfömmlichen Verdienst des Mannes, durch Wohnungsfürsorge. Dann wird die Gebärfreudigkeit bei den Frauen wieder eintreten. Auch unehelichen Müttern und Kindern muß mehr hilfe und Gleichberechtigung zuteil werden. Arbeiterinnen, Frauen und Mädchen! Eure Pflicht ist es, nach Kräften an der Arbeitsstätte und zu Haus dahin zu wirken, daß allen Frauen die Augen aufgehen über die großen Lasten und den unerträglichen Zwang, die das Gesetz uns bringt. Nur wenn alle Hathas Werdegang ist zugleich die Entwicklungsgeschichte Fröschles. Sie hat alle Wandlungen des jungen Lebens treulich mitgemacht. Sie war dabei, als Fröschle den ersten Zahn und dadurch das erste Zahniveh bekam, sie hat seine ersten Kriechversuche von der Decke aus beobachtet, und niemand als Hatha tönnte besser schildern, wie Fröschle endlich hinter den Sinn seiner Beine gekommen ist. Wahrscheinlich aus lauter Freude über Fröschles Fortschritte treibt sie von Tag zu Tag üppigere Ranken, und lang nickt ihr grünes Haar heute von der Zimmerdecke. Eine innerliche Verbindung besteht zwischen beiden Leben, dem Leben Hathas, das von der Decke nach unten, und dem Leben Fröschles, das zur Decke hinaufwächst. Noch hat es gute Weile, bis fich die zwei Geschwister erreichen. Jahre werden vergehen, bis es Fröschle gelingt, sein grünes Schwesterlein an den Haaren zu zausen, was er schon jetzt gerne täte. Vorerst haben sich die beiden so lieb, wie es bei einer Entfernung von zwei Metern eben möglich ist. Fröschles Zuneigung begnügt sich mit zärtlichen Ausrufen, und daß er Hatha nicht begrüßt hätte, war noch nie da. Streicht gerade ein teiser Lufizug durch das Zimmer, so bewegt sich Hatha, und das sieht dann aus, als ob sie den Gruß versteht und ihn durch freundliches Winken erwidern will. Für Fröschle ist die Geschwisterschaft von größter Bedeutung. Ihm tritt die ganze große Welt in seinem grünen Schwesterlein entgegen. Hatha gibt ihm die Ahnung von dem grenzenlosen Grün in Feld und Wald. Fröschle hat immer ein Stück Welt vor Augen, auch wenn er nicht ins Freie kommt. Von früh auf lernt er durch Hatha alles lieben, was gleich ihm hinauf ans Licht ringt, und jedes Leben wird ihm heilig. Hatha ist das Gefühl des alleinigen Lebens, das in Fröschle auffeimt. Einst soll aus diesem Gefühl das Bewußtsein erblühen: Alles, was um dich atmet, es sei Mensch, Tier oder Pflanze, ist deiner Liebe anvertraut! ( Fortsetzung folgt.) Wer heute das kleinste Recht aufgibt, um morgen ein größeres zu haben, hat übermorgen gar keines. Glaßbrenner. 133 Frauen ihre Stimme erheben und gegen den ihnen angesonnenen persönlichen Zwang protestieren, kann die drohende Gefahr be= schworen werden. Alma Fritsch. Aus unserer Bewegung Die sozialdemokratische Partei und die Franen. Aus Rotterdam wird uns geschrieben: Es will mir scheinen, daß es für alle deutschen Genossen und Genossinnen jetzt interessant ist, genau zu wissen, wie sich die sozialistischen Parteien anderer Länder zur Organisation der Frauen stellen. Für diesmal beachten wir nur die Organisation der Frauen innerhalb der Partei. Wo diese besteht, wurde sie nach deutschem Vorbild geschaffen in einer Zeit, in der das deutsche Reichsgesetz noch weibliche Personen von politischen Versammlungen ausschloß. Um bei Holland zu bleiben, bemerken wir, daß Frauenklubs erst im Jahre 1905 ge= gründet wurden, und zwar nicht für den Zweck, für die Frauen Rechte zu erkämpfen, sondern einzig und allein für die Propaganda des Sozialismus unter den Frauen. Das hat natürlich seinen Nuzen; ich wäre die letzte, das zu beanstanden; jedoch wird hieraus flar, daß den Frauenklubs keinerlei Einfluß auf die Partei oder die Parteileitung gebührte, und daß sie einfach im Dienst der Partei standen, wie jede Störperschaft sich eine Werbekommission anschaffen fann. Als aber im Jahre 1907 die Frauenklubs sich zusammenschlossen und einen Bund über das ganze Land bildeten, begann der Parteivorstand in einigen Angelegenheiten, namentlich bei der Abhaltung des Internationalen Sozialdemokratischen Frauentages, mit ihnen zu beraten. Eine Sonderorganisation der Frauen scheint indes vielen Genossen und Genossinnen in Holland ganz und gar überflüssig, da in der Partei immer die Rechte der männlichen und weiblichen Mitglieder gleich sind. In den Vorständen der Stadt- und Bezirksabteilungen, als Abgeordnete zum Nationalfongreß, im Parteivorstand und in Parteikommissionen, wie die für Erziehungs- und Schulfragen, sieht man hierzulande sowohl Frauen wie Männer auftreten. Wenn eine Frau irgend einen Antrag stellen will oder einen Vorschlag für die Propaganda einzubringen wünscht, so fann sie ihn ebensogut wie ein Mann in der Versammlung der Abteilung einbringen und verteidigen, und das Abstimmungsrecht steht den Frauen und Männern gleich zu. Der einzige Unterschied in den Verpflichtungen der Parteimitglieder besteht darin, daß für Eheleute die Frau nur die Hälfte Klein- Jnges Maientag. Klein- Inge, Maienkind! Hörst du des Frühlings Flügelschlag? Spürst du den flingenden Maientag, Den lächelnden Säuselwind? Klein- Inge schläft. Klein- Inge, Maienkind! Fühlst du der Sonne belebenden Schein? Das Wachsen, Blühen und Gedeihn In der Natur, mein Kind? Klein- Inge schläft. Klein- Inge, Maienkind! Steh doch der Blüten duftende Pracht! Sieh, wie uns freudig der Himmel lacht Und wir voll Freude sind! Klein- Juge schläft. Klein- Inge, Maienkind! Dich ruft der Buchfint, der muntre Gesell, Dich grüßt die Lerche frühlingshell Inge, erwache geschwind! Klein- Inge schläft. Klein- Inges Blütentraum Ist köstlicher als Maiensang, Tönt reiner und voller als Glockenklang, Erfüllt den weiten Weltenraum Klein- Inges Blütentraum. Glückliche Ehen. Robert. Unter den vielen Einwänden, die gegen die politische Betätigung der Frauen erhoben werden, spielt der Einwand keine geringe Rolle, daß das Glück vieler Ehen darunter leiden würde. Es könnte zu großen Streitigkeiten führen, wenn die Frau einen anderen poli 134 Die Gleichheit des Beitrags des Mannes zu zahlen hat. Wenn dessenungeachtet nur 21 Prozent der Parteimitglieder Frauen sind, so ist das eine Folge der Tradition und der althergebrachten Abhängigkeit und Rückständigkeit des weiblichen Geschlechts. Je eher diese beseitigt wird, um so schnelleren Fortschritt wird der Sozialismus im Pro letariat machen. Die Partei zählt 4260 weibliche Mitglieder, von denen nur 1900 den Frauenklubs angehören. Da aber Kinder, Küche und Kleider noch als eigenes Gebiet der Frau gelten, so hat man in Holland, so wie die deutsche, die schwedische und die italienische Partei, es für nötig gefunden, ein eigenes Drgan für das weibliche Proletariat zu schaffen; doch im Gegensatz zu den anderen genannten Parteien gibt die Partei in Holland hierzu kein Stipendium, sondern überläßt die Herausgabe dem Bunde der Frauenklubs. Dieser erhält jährlich vom Parteivorstand eine Summe für seine Aktion. Da es nun einmal gesonderte Frauenklubs gibt, so halten diese auch ihre periodischen Versammlungen ab und machen eigene Propagandapläne. Hiermit fängt aber die Schwierigkeit an: wenn ein Frauenklub keine speziellen Einkünfte hat, wer soll dann dafür zahlen? Und wenn dieser Klub einfach im Dienst der Parteiabteilung steht, wie kann er dann eigene Pläne ausarbeiten? Nun wollen einige so weit gehen, daß man der Frauenorgani sation überall eigenen Siz und Stimme geben soll; andere aber wollen lieber die Partei als Ganzes unbeeinträchtigt behalten. Wenn neue Sagungen gemacht werden müssen, so wird dies gewiß ein Gegenstand der Beratungen, vielleicht auch des Streites werden. Zu dieser Frage kommt nun noch die der internationalen Drganisation, wenn anders von einer solchen noch die Rede sein kann. Und wenn einst in allen Ländern tatsächlich für politische Gleichberechtigung der Geschlechter gefämpft wird, geht es dann noch an, daß die Sozialdemokratie einfach die Augen schließt für alles, was von anderen Frauen, außer dem Proletariat und außer der Partei, zur Eroberung der politischen Nechte getan wird? Vielleicht lohnt es sich der Mühe, daß die„ Gleichheit" sich einmal auf diese Fragen einläßt. Martina G. Kramers. " Wie kann man sich selbst tegnenlernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt sogleich, was an dir ist.“ „ Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages." Aus Goethes„ Magimen und Reflexionen". tischen Standpunkt einnehmen würde als der Mann. Darum wäre es besser, der Mann legte alles, was mit der Politik zusammenhängt, vor der Tür seines Hauses von sich. Die Frau sollte keinen Anteil haben an diesen wichtigen Lebensinteressen ihres Gatten. Kann man nun wirklich die Ehe als glücklich bezeichnen, in der eine Wesensseite des einen Teils dem anderen Teil ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch bleibt? Wir hätten dann Zustände wie im alten Hellas, wo die Gattin im Frauengemach ausschließlich häuslichen Interessen leben mußte. Das geistige Verständnis suchte der Mann nicht bei ihr, sondern bei den hochgebildeten Hetären. Das Paar, von dessen glücklicher Vereinigung noch die Nachwelt spricht, Perikles und Aspasia, war kein Ehepaar, und gerade hier wissen wir, daß Aspasia innigen Anteil nahm sowohl an den politischen wie an den künstlerischen Plänen des berühmten Staatsmannes. Das Christentum, insbesondere die Reformation hat der Ehefrau bei uns die Stellung angewiesen, in welcher die Gegner der Frauenemanzipation sie am liebsten heute noch zurückhalten möchten. Die Interessen der Frau sollen sich auf die berühmten vier K, Kinder, Kirche, Küche, Kleider beschränken, und die Ehe soll, wie Luther forderte, nicht eine Vereinigung der Seelen, sondern ein weltlich Geschäft" sein, eine Vereinigung von Mann und Weib zur Befriedigung natürlicher Bedürfnisse. Seit jener Zeit sind aber vierhundert Jahre vergangen, und wie viele Anschauungen haben sich auch die über glückliche Ehen geändert, und die Frauen von heute sind anders, stellen andere Ansprüche als die früherer Zeiten. Wo wir indessen von glücklichen Ehen aus früheren Zeiten wissen, da sind es fast ausschließlich solche, in denen die Frauen die geistigen, sehr oft auch die politischen Interessen ihrer Männer nicht nur geteilt, sondern häufig sogar gefördert haben. Eine solche Ehe ist beispielsweise die des Girondistenministers Roland in der Französischen Revolution. Seine geistig hochbegabte Frau schriftstellerte, hatte einen eminenten Einfluß auf die Gironde und nahm lebhaften Anteil an der politischen Tätigkeit ihres Mannes, den sie völlig beherrschte. Nach dem Sturz der Girondisten gelang es Roland zu entfliehen. Seine Frau wurde verhaftet und verteidigte sich selbst mit großer Gewandtheit vor dem Revolutionstribunal, das sie zum Tode verurteilte. Als Roland Vom Fortgang des Frauenrechts Nr. 17 über die Mitarbeit der Frau bei den sozialen Einrichtungen der Gemeinden und in sozialen Vereinen sprach Genosse Stadtrat Sassenbach am Montag, den 6. Mai, in einer Konferenz der weiblichen Funktionäre Groß- Berlins. Der Referent führte aus, daß die Städteordnung die Frauen von der aktiven Teilnahme an dem Geschick der Gemeinden ausschließt, daß aber der Ausweg gefunden ist, sie zu den Deputationen als beratende Mitglieder hinzuzuziehen. Wenn die Frauen auch nicht stimmberechtigt sind, so bietet sich doch auf allen Gebieten der sozialen Fürsorge Gelegen heit, ihre Eigenart und ihre Erfahrungen als Hausfrau und Mutter in praktischer Arbeit zum Wohle der Gesamtheit zu betätigen. Während des Krieges haben die Gemeinden die Mitarbeit der Frauen recht schätzen gelernt, weil es ohne diese Mithilfe unmöglich gewesen wäre, zu tun, was getan worden ist und was getan werden mußte. Besonders die Armen-, Waisen- und Schulverwaltung sind Arbeitsgebiete für die Frauen. In Berlin sind zurzeit 565 Waisenpfle gerinnen tätig, davon sogar 5 als Kommissionsvorsteher in Vertretung der im Felde befindlichen Ehemänner. Das Gesez gestattet zwar den Frauen nicht, das Amt des Vorstehers zu bekleiden, der Krieg hat es dennoch möglich gemacht. In den Kommissionen der Armenverwaltung kann die Frau stimmberechtigtes Mitglied werden, da die Städteordnung hier nicht von„ stimmfähigen Bürgern", sondern nur von Ortseinwohnern spricht. In Berlin arbeiten 166 weibliche Mitglieder in den Armenkommissionen, davon 8 als Vorsteher. In der Schulverwaltung ist nur die Betätigung als Mithelferin möglich; auf diesem Gebiete arbeiten in Berlin 9 Frauen, davon 2 als Vorsitzende in Vertretung der Ehemänner. Im Medi. zinalamt der Stadt Berlin ist bisher keine Frau tätig. Ein ge eignetes Arbeitsfeld für die Frau sei auch die Vormundschaft. So notwendig und wünschenswert die Mitarbeit der Frau auf all diesen Gebieten sei, so solle doch jede Frau das englische Sprich wort beherzigen:„ Die Wohltätigkeit beginnt im Hause" und solle nicht um der öffentlichen Betätigung willen die eigene Häuslichkeit vernachlässigen. Um so mehr sei es dagegen Pflicht aller Frauen, die Zeit haben, sich solcher ehrenamtlichen Arbeit zu widmen. Die private Fürsorge kann heute nicht entbehrt werden; die Arbeiterschaft soll mit den bestehenden Vereinen zusammenarbeiten. Dagegen sei es nicht zu empfehlen, mit unzureichenden finanziellen Mitteln und ungeschulten Kräften eigene Fürsorgeeinrichtungen ins Leben zu rufen. von ihrer Hinrichtung hörte, bei der sie eine ungewöhnliche Festigfeit bewies, gab er sich selbst den Tod. Eine glückliche Ehe aus jener Zeit war auch die von Camille und Lucile Desmoulins. Beide glühten für die Freiheit und waren als Anhänger der Bergpartei mit Danton befreundet. Sie wurden mit diesem auf Betreiben Robespierres verhaftet. Dies ist der Lohn für den ersten Apostel der Freiheit," rief Desmoulins, als er die Guillotine bestieg. Seine Gattin, die alles aufgeboten hatte, um ihn zu retten, bestieg vierzehn Tage später das Blutgerüst. Die Begeisterung für die Freiheit ist es überhaupt, die eine Reihe von Menschen zusammenführte, von denen wir wissen, daß sie eine glückliche Ehe führten und die im harten Dienste der Freiheit alle Freuden, mehr noch aber auch alle Leiden miteinander teilten. Unter solchen Ehen ist vor allen die von Joseph und Anita Garibaldi zu nennen. Anita verband alle Eigenschaften einer kühnen Kämpferin für die Freiheit mit den Tugenden einer treuen liebenden Gattin und einer aufopfernden Mutter. Sie starb den Märtyrertod für die Freiheit. Keine Frau konnte dem vielgefeierten Helden die Gefährtin seiner Jugend er setzen. Auch während der Deutschen Revolution ist die Freiheit das Band, das eine Reihe bedeutender Menschen verknüpft. Durch sie werden Luise Otto und August Peters zusammengeführt. Beide waren feurig für die Sache des Volkes eingetreten, hatten viele Briefe gewechselt, in denen sie sich über ihre Ideale aussprachen, ehe sie sich persönlich kennenlernten. Peters wurde als Kämpfer der badischen Revolutionsarmee in Rastatt gefangen und zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Bor seinem Prozeß eilte Luise Otto zu ihm, und in Gegenwart des Gefangenenaufsehers, durch zwei Eisengitter getrennt, fanden sich ihre Augen und Herzen. Sieben Jahre blieb Peters gefangen. Was wäre wohl aus dem armen Gefangenen geworden ohne die Tapferkeit und Seelenstärke seiner Braut. Als sie endlich vereint wurden, war ihre Liebe im Feuer erprobt, und eine innige geistige Gemeinschaft ermöglichte es ihnen, für die gleichen Biele zu schaffen und zu streben. Leider hatte Peters in der langen Kerkerhaft seine Gesundheit eingebüßt, und schon nach sechs Jahren trennte der Tod das Paar, das so füreinander ge= schaffen war. Eine ebenso glückliche Ehe war die von Gottfried und Nr. 17 Die Gleichheit In der regen Diskussion wurde betont, daß die Heranbildung bon tüchtigen Gemeindehelferinnen aus der Arbeiterschaft notwendig sei, daß es aber der hohen Kosten wegen nicht möglich sein würde, drei bis viermonatige Kurse zu veranstalten. Vielleicht wäre es den Gewerkschaften möglich, mit bereits bestehenden sozialen Frauenschulen in Verbindung zu treten, um diese zu veranlassen, Abendturse zu veranstalten. Es käme darauf an, Frauen aus der Arbeiterschaft auch in die befoldeten Stellen zu bringen. Nach dem Kriege werde der Andrang zu diesem neuen Berufsfelde noch zunehmen, und es bestehe die Gefahr, daß theoretisch gutgeschulte Damen, denen jedoch das praktische Verständnis für die sozialen Bedürfnisse der Arbeiterschaft fehlt, in solche Stellungen kommen. Die private Fürsorge sei als Pionierarbeit zu bewerten, da sie viele Gebiete so borbereite, daß sie von den Gemeinden übernommen werden könnten. Es wurde beschlossen, die Arbeiten der Kinderschutzkommission wieder aufzunehmen. Mißbrauch des amerikanischen Frauenwahlrechts. Aus Hol land wird der Internationalen Korrespondenz" geschrieben: „ Das Bundesparlament der Vereinigten Staaten Amerikas hat beschlossen, die Bundesverfassung zugunsten des Frauenwahlrechts zu ändern. Danach sind alle Bundesstaaten verpflichtet, durch ihre eigenen Verfassungen das den Männern zustehende Wahlrecht auf die großjährigen weiblichen Staatsangehörigen auszudehnen. Die sporttreibenden Damen, die in Amerika sich zur Abwechslung auf die Propaganda des Frauenwahlrechts warfen, bedienten fich babei einer Argumentation, die eine Schande für die ganze Bewegung, oder richtiger: für die amerikanische Frauenwelt bedeutet. Sie ließen sich nämlich herbei, als Gegenleistung für die Verleihung bes Frauenwahlrechts eifrigste Striegsheße zu betreiben. Sie gelobten, ihre Söhne gerne für den Krieg herzugeben, wenn das Frauenwahlrecht eingeführt würde. Die, Proletarische Vrouw', das Organ der holländischen Sozial. demokratinnen, erwähnt ein Telegramm aus Amerika, worin be richtet wird, daß man in Amerika nach der Verleihung des Frauenwahlrechts für alle Bundesstaaten nicht länger mehr eine Beein fluffung der Offentlichkeit durch die Frauen zugunsten des Friedens au, befürchten(!) brauche. Mit großer Genugtuung wird in dem Telegramm weiter gemeldet, daß der Frauenwahlrechtsverein für Neuhort beschlossen habe, sich auch energisch für die Zeichnung der Kriegsanleihen ins Zeug zu legen. Wie sich die Zeiten ändern! Auf dem internationalen Frauentongreß zugunsten des Friedens, der im Frühjahr 1915 im Haag Johanna Kinkel, obgleich hier noch der Unterschied der Konfession bazu tam. Mit schwärmerischer Begeisterung schloß sich Stinkel der Demokratie an, angeregt von seiner Frau, die ihn zum Radikalismus seiner politischen Anschauungen gebracht haben soll. Auch Kinkel wurde zu Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Befreiung, an der sie tätigen Anteil nahm, folgte Johanna dem Gatten nach Eng land und nahm mutig mit ihm den Kampf um das Dasein auf. Sie ist das glänzendste Beispiel, wie eine Frau eine hingebende Gattin, eine treue Mutter, eine gewissenhafte Hausfrau sein kann und dabei doch mithelfen fann beim Erwerb, ihren Beruf als Lehrerin erfüllend, ohne daß eine der vielen Pflichten leidet. Auch dem Glück dieser Ehe machte der Tod ein allzufrühes Ende.„ Geliebte, Gattin und Freundin", nannte Gustav Struve, auch ein Kämpfer der Deutschen Revolution, seine Lebensgefährtin, die schon als junges Mädchen sich für die Freiheitsgedanken ihrer Zeit begeisterte. Das gleiche Streben verband sie mit ihrem Gatten, den sie bei den Kämpfen der badischen Revolutionsarmee überall begleitete. Beide wurden gefangen genommen und in getrennte Gefängnisse gebracht. Es gelang ihnen zu entfliehen und in bitterer Not nach Amerika auszuwandern. Hier war Amalie ihrem Gatten eine treue Mitarbei terin bei seinen schriftstellerischen Arbeiten, und in einer Zeit, in der wohl manche Frau über Sorgen und Entbehrungen geklagt hätte, schrieb fie in ihr Tagebuch:„ Wir sind glücklich und zufrieden." Auch ihrem Glück machte der Tod ein jähes Ende. Auch Amalie Struve war eine jener Frauen, die kühn und unentwegt für die Freiheit eintraten und in ihrem Streben mit ihren Gatten eins waren. Ahnlich war das Schicksal von Mathilde Anneke. Aus einer überzeugten Statholifin war sie zu einer entschiedenen Freidenkerin geworden. Bei dem preußischen Artillerieoffizier Anneke fand sie Verständnis für ihre Freiheitsbegeisterung, und gemeinsam mit ihm schloß sie sich der Schar derer an, die für die Freiheit kämpften. Sie gründete mit ihm die Neue Kölnische Zeitung. Im Jahre 1848 begleitete Mathilde ihren Gatten nach der Pfalz, wo dieser die Revolutionsartillerie organisierte. Sie war eine geübte Reiterin und diente ihm als Ordonnanzoffizier. Auch das Ehepaar Anneke mußte nach dem Scheitern der deutschen Revolution nach Amerika flüchten und 135 stattfand, waren es die amerikanischen Damen, die die erste Geige spielten und pathetisch erklärten, daß der Krieg in dem Augenblick aufhören würde, wo die Frauen politisch gleichberechtigt wären. Auch sonst zeichneten die amerikanischen Damen auf dem Kongreß sich durch allerlei gute Ratschläge, wie man wenigstens die weitere Ausdehnung des Krieges verhüten könne, aus. Wir wollen keineswegs sagen, daß diese Damen mit den eben erwähnten Kriegsfurien, die für ihr Wahlrecht ihre Söhne dem Kriegsgott opfern, in jedem Falle identisch sind; hoffen vielmehr, daß sie den Mut haben werden, von ihnen durch eine öffentliche Erklärung weit abzurücken. Aber kennzeichnend ist es doch, daß im absolut friedensfreundlichen Amerika', das weit entfernt vom europäischen Kriegsschauplatz- sich leichtfertigerweise in den Krieg einmischte, in dem Europa sich verblutet, sich Frauen und Mütter finden, die das ganze Frauengeschlecht und die Sache des Frauenwahlrechts so frebelhaft schänden." Wir haben den Ausführungen unseres Korrespondenten hinzuzufügen, daß die amerikanischen Delegierten zum Haager FriedensFrauenkongreß, den wir zunächst aufrichtig begrüßt hatten, sich und ihre angebliche Friedensliebe in unseren Augen längst schwer kompromittiert haben. Auch Gewerkschaftsführerinnen sind davon nicht ausgeschlossen. Die„ Leichtfertigkeit", wie es unser Korrespondent nennt, oder die im wahrsten Sinn des Wortes bodenlose Oberfläch= lichkeit der amerikanischen Kultur, die selbst aus Arbeitertagungen eine wahre Drgie von Modetorheiten und billigen Schlagworten macht, ist die einzige Erklärung dafür. Für das Frauenwahlrecht! Mit der Forderung des Frauenwahlrechts beschäftigte sich eine gut besuchte Versammlung in Berlin, die für den 29. April gemeinsam von bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauen nach dem Lehrervereinshause einberufen worden war. Die erste Rednerin, Genoffin Marie Juchacz, führte aus, daß im Reiche und in Preußen die Verfassungsfragen akut geworden seien, weil die Regierung sich gedrängt fühle, die Staatsbürgerrechte der Männer zu erweitern. Dagegen sei dies in bezug auf die Frauen durchaus nicht der Fall. Obwohl in der Wahlrechtsvorlage zum Preußischen Abgeordnetenhaus immer von dem allgemeinen" Wahlrecht gesprochen werde, so sei doch die eine Hälfte des Volkes, die Frauen, in der Vorlage überhaupt nicht erwähnt. Schon vor dem einen schweren Kampf ums Dasein fämpfen, wo sie trotz Armut, trotz Not stets die höchsten Ideale, geistiges Streben, ethischen inneren Halt durch das Leben behielten. Nach Annekes Tod war Mathilde eine der eifrigsten Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht. Um nun noch einige glückliche Ehen anzuführen, in denen gleiches geistiges Streben die Grundlage schönster Harmonie bildete, so wäre vor allem die des Philosophen Schelling und seiner Karoline zu nennen. Nach zwei unglücklichen Ehen fand die geiftvolle bedeutende Frau in Schelling eine Ergänzung ihres eigenen Ichs und nennt ihn in einem ihrer schönen berühmten Briefe:„ Mein Herz, meine Seele, mein Geist, ja auch mein Wille." Und nach ihrem Tode schrieb Schelling:„ Wäre sie mir nicht gewesen, was sie war, ich müßte als Mensch sie beweinen, trauern, daß dies Meisterstück der Geister nicht mehr ist, dieses seltene Weib von männlicher Seelengröße, von dem stärksten Geist, mit der Weichheit des weiblichsten, zartesten, liebevollsten Herzen vereint. D, etwas der Art kommt nie wieder!" Der Kampf für die Ideale edler Geistesfreiheit und wahrer Herzensbildung hatte auch die Jüdin Rahel Levin und den Aristofraten Varnhagen von Ense zusammengeführt und bildete die Grundlage einer unsäglich glücklichen Ehe, in der Rahel die völlige Freiheit der Persönlichkeit für die Frau forderte:" Denn die Freiheit ist das, was wir notwendig brauchen, um das zu sein, was wir eigentlich sein sollten.... Der erste Mangel an Freiheit besteht darin, daß wir nicht sagen dürfen, was wir wünschen und was uns fehlt." Die Geistesgemeinschaft als Grundlage einer glücklichen The finden wir auch bei Wilhelm und Karoline von Humboldt. Die Reihe der hier angeführten Beispiele ließe sich wohl noch unendlich vermehren. Ich möchte zum Schluß noch die Ehe von Karl Marr und Jenny von Westphalen anführen, über die ich in der Mary- Nummer der„ Gleichheit" näheres mitgeteilt habe. Gerade diese Ehe beweist auch am besten, daß man sich von der Auffassung freimachen muß, daß die Politik den Charakter verdirbt. Sie kann große Geister zusammenführen trotz verschiedener Rasse, Konfession, Herkunft, wenn sie die ideale Seite der Politik begreifen und ihr leben. Anna Blo. 136 Die Gleichheit Kriege war die Arbeitskraft der Frau im Wirtschaftsleben unentbehrlich, während des Krieges ist es überhaupt nur durch die Frauenarbeit möglich gewesen, das Wirtschaftsgetriebe aufrechtzuerhalten und damit Deutschland in den Stand zu setzen, den Krieg führen zu können bis hierher. Auch in der sozialen Kriegsarbeit wäre es unmöglich gewesen, ohne die Mitarbeit der Frauen auszukommen. Alle diese ungeheuren Leistungen nimmt die Regierung hin, erkennt sie mit lobenden Worten an und denkt im übrigen gar nicht daran, den Frauen nun auch ihre selbstverständlichen staatsbürgerlichen Rechte zu verleihen. Für die Frauen gilt das Wort: Schweigen und arbeiten. Auch die einzelnen Barteien haben durch den Krieg sich nicht belehren lassen, einen anderen Standpunkt zur Frage des Frauenwahlrechts einzunehmen. Das Zentrum behandelt sie zum Beispiel heute noch ebenso als reine Zweckmäßigkeitsfrage wie früher; es will sich den Weg offen halten. Ganz unverständlich sei es, daß der katholische Frauenbund, der während des Krieges so viel wertvolle soziale Arbeit geleistet habe, mit dieser Haltung einverstanden sei. Die sozialdemokratischen Parteien haben bisher den Kampf in der richtigen Erkenntnis geführt, daß es sich nicht nur um eine Frauensache, sondern um eine Volkssache handelt. Frau Marie Stritt- Dresden sprach als Vertreterin des Stimm rechtsverbandes und führte vor Augen, wie wenig sich, abgesehen von einzelnen Persönlichkeiten und mit Ausnahme der sozialdemokra tischen Abgeordneten, die Vertreter des„ Volkes" überhaupt mit der Frage des Frauenstimmrechts befaßt hätten. Die meisten haben überhaupt keine Kenntnis von der Entwicklung und den Zielen der Bewegung. Überall in der kultivierten Welt hat sich das Frauenstimmrecht den Weg gebahnt. In Europa nicht trok, sondern wegen des Krieges. Aber es scheint, als ob sich Deutschland hier wieder einmal vollkommen einkreisen lassen will. Doch auch in Deutschland und Preußen wird die Entwicklung stärker sein als die Reaktion, und man wird auch den Frauen zumindest das Gemeindewahlrecht als Abschlagszahlung geben müssen, und dieses sei überall die Vorstufe zum vollen Staatsbürgerrecht der Frau gewesen. Der Krieg habe den Beweis erbracht, daß gerade die Gemeinde die Mitarbeit der Frau nicht mehr entbehren kann. Die dritte Rednerin, Fräulein Else Lüders vom Deutschen Frauenstimmrechtsbund, trat in warmherziger Weise für eine großzügige Sozialpolitik ein. Der größte Schutz des Lebens sei Nationalpflicht geworden. Hierzu fei erforderlich: eine gründliche Wohnungsreform, Erweiterung des Arbeiterinnenschutzes und weitere Vervollkommnung der Versicherungsgesetzgebung. Der Krieg hat den Abscheu vor den Drohnen der menschlichen Gesellschaft geweckt. Darum ist notwendig die Eingliederung des ganzen werktätigen Volkes in das Staatsganze. Bum werktätigen Volte gehören aber auch die schaffen den Frauen. England hat die Konsequenzen gezogen, den Frauen das Wahlrecht gegeben und sich dantit beide Arme frei gemacht für die Zeit nach dem Kriege. Will Deutschland zukünftig als Einarmiger arbeiten? Das ganze Bolt, Männer und Frauen, haben die Lasten getragen, und sie haben den Anspruch an ihr Recht. In der Diskussion sprach als einziger Redner Landtagsabgeord neter Genosse Hirsch. Er wies darauf hin, daß den Frauen bald Gelegenheit werden könnte, selbst für ihre Rechte zu arbeiten, wenn der Preußische Landtag aufgelöst würde. Dringend zu erhoffen ist es, daß überall die Frauen sich rühren, um den Regierungen und den maßgebenden Parteien zu zeigen, daß sie ernstlich gewillt sind, sich ihre Staatsbürgerrechte zu erkämpfen. Die Frau im Beruf Kriegsarbeit der Frauen in England. Ein vor kurzem er schienenes Buch„ Women War Workers" gibt in Berichten der Vertreter der wichtigsten Organisationen eine sachgemäße übersicht über die gesamte Kriegsarbeit der Frauen in Großbritannien. Auch hier haben sich die Frauen in nahezu jeden Beruf hineingefunden, teilweise sogar an Stellen, die bei uns in Deutschland noch ausschließ lich den Männern vorbehalten sind. Die großen Versicherungsgesellschaften, die vordem mur männliches Personal beschäftigten, find jetzt fast ganz auf die Mitarbeit der Frauen angewiesen. Ein weiblicher Bankdirektor ist durchaus keine Seltenheit mehr, und viele Aktiengesellschaften haben weibliche Vorsitzende und Verwaltungsratsmitglieder. Mehr als 3500 weibliche Organisationen ar beiten ausschließlich zu dem Zwecke, den gewaltigen Zustrom der Frauenarbeit in die rechten Bahnen zu lenken. Die erste dieser Organisationen war„ The Womens Service Bureau", das bereits im August 1914 zusammentrat.„ The Victoria League" heißt die Körperschaft im Mutterland, die die weibliche Arbeit in den Kolo= nien regelt und sich der Wohlfahrt der Kolonialtruppen widmet. Ein anderer Frauenverein„ The Vegetable Products Committee" hat Nr. 17 einen Mitarbeiterstab von 10000 Frauen, die die Lazarette der Armee und der Marine mit Gemüse und Obst versehen und durch Einflußnahme auf die Lokalbehörden eine ausgedehnte Gemüsezucht in die Wege geleitet haben. Freie Liebe in den Nippon- Alpen. Abgesondert vom übrigen modernen Japan, hoch und fern in dem blauen Gebirge Hidas, drei Tagereisen von der nächsten Bahnstation, liegt die Gemeinde von Shirakawa, ein reizvolles Gehöft, bestehend aus drei Niederlassungen: Mihoro, Nagase und Hirase. Manche behaupten, der kleine Stamm von Shirakawa bilde einen direkten Abkömmling der Kriegsleute von Heiko, die in das Innere Japans flüchteten, als ihre Dynastie 1185 über die Klinge springen mußte. Weder aus ihrer klassischen Kleidertracht, noch aus der ruhmreichen Tokugawaperiode würde man schließen, daß diese Japaner ursprünglich aus Kyoto kommen, der einstmaligen Hauptstadt des Landes der aufgehenden Sonne. Die besseren Verkehrsmittel beginnen nun allmählich die Grundlagen dieser sehr alten japanischen Gemeinschaft zu untergraben, und die Geschichte derselben dürfte bald zu den japanischen Wunderdingen gehören. Denn was dort noch besteht, dünkt wirklich ein Wunder. Die den Hintergrund bildende Landschaft ist echt japanisch, reizvoll und schön. Der Baustil der einzelnen Wohnungen zeigt den vollen Zauber des alten japanischen Hauses, in dem die ganze Familie unter einem Dach versammelt ist, und zwar unter einem riesigen, traulichen, sicher schützenden Dach. Da ist das Haus der Familie Toyama, ungefähr acht Meter breit und zwölf Meter lang und birgt eine Familie von 20 bis 30 Menschen. Die wenigen anderen Häuser, um dieses gruppiert mit dem feinen, angeborenen Geschmack der Ja paner für intime Architektur, beherbergen ebenfalls je eine Familie. Es gibt nur eine Hauptfamilie namens Dyaji. Dies ist ein japanisches Wort, das sich nicht gut übersehen läßt. Es bedeutet Meister, Haupt, alter Mann. Und wirklich ist der Dyaji aller Herr, und er ist auch aller Vater. Bis zur Erneuerung Japans hatte er sogar das Verfügungsrecht über Leben und Tod der Seinen. Das Recht der Todesstrafe hat er seitdem abgeben müssen. Aber das Recht des Lebenserweckers ist ihm verblieben. Die Bewohner der Dörfer sind alle Anhänger der Shinponsekte, der Buddhisten. In der Prachtkammer prunkt der Familienaltar; nur das Familienoberhaupt darf dort Gäste empfangen. Die Frauen und Mädchen schlafen beisammen. Unter wohwollender Zustimmung des Dhaji darf sich die männliche Jugend zu diesen begeben. Am Tage arbeiten fie für ihn, sie müssen ihn in die Lage versetzen, zu leben, und nicht nur ihn selbst, sondern auch alle, die zu den„ Seinen" gehören. Sie sorgen für genügende Nahrung, für die Rohstoffe der gemeinsamen Kleidung, für die Kunstgegenstände, ohne die eine japanische Inneneinrichtung nicht denkbar ist. Wenn sie den gesonderten Reis für ihren Dhaji fein poliert haben, schenkt er ihnen seinen freundlichen Segen. Auch dürfen sie alsdann die Nacht in den Gemächern der Shirakawamädchen zubringen. Die anderen Männer des Stammes schlafen, wo nur ein Fleckchen ihnen das Ausbreiten ihrer Schlafmatte gestattet. Gewöhnlich liegen fie in den Räumen, in denen die Seidenraupen verlesen werden. Die Auserforenen aber verbringen die süße kurze Nacht in diesen japanischen Liebestempeln zu. Im übrigen herrscht ein Liebesverhältnis wie in den Zeiten der seligen Götter. Natürlich werden auch Kinder geboren. Es gibt Frauen bei diesem Hidabergstamm, die Mutter von sieben und mehr Kindern sind, deren jedes von einem anderen Vater stammt. Die Ungeseglichkeit ihrer Geburt stört niemand, weder Vater, noch Mutter oder Kind. Es ist einfach ein neuer Sprößling des Stammes. Der Dhaji stellt sich als Vater über es, von der Geburt ab ist er der Allvater, der Herr; als Familienvater hat es ihm zu gehorchen und ihm zu dienen. Aber der wirk liche Vater eines jeden Kindes ist bekannt. Nie jedoch ist dies Ver anlassung zu Streitigkeiten. Der Dyaji herrscht, unter ihm ist auch die unverheiratete Frau heilig. So wohnt drüben in den blauen Bergen Japans ein lebendes Märchen. Für wie lange noch, da auch in diesem Wunderland eine immer größere Ernüchterung geschichtlichen Zauber verdrängt. F.Z. Der Reiz des Familienlebens ist das beste Gegengift gegen den Verfall der Sitten. Wenn ein Geist gegenseitiger, inniger und lebhafter Zuneigung die Familienmitglieder aneinanderkettet, dann bilden die häuslichen Sorgen die liebste Beschäftigung der Frau und den angenehmsten Zeitvertreib des Mannes. Rouffeau:„ Emile", erstes Buch. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.