Nr.l Die Gleich Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder � � Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer IS Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mk. I.»5. Stuttgart l l. Oktober 1918 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 6», Lind-nstraße z. Fernsprecheri Ämt Morihplah li8Z6, Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße iZ. Kritische Tage. In dein großen Konflikt der Völker drängt alles mit nn- widcrstchlicher Wucht zur Entscheidung. Die gewaltige kriegerische Offensive Deutschlands im Westen, die im März begann, hat im Juli ihr Ende erreicht. Unmittelbar auf dem Fuhe folgte ihr eine noch gewaltigere Offensive der Ententeheere. Ihre Stärke und ihren Rückhalt findet diese in Ivachsendem Maße an Amerika, das in unerwartetem Umfang wohlausgerüstcte und kriegerisch sehr brauchbare Truppen und ausgezeichnetes Kriegsgerüt über den Ozean schickt. Beide Offensiven haben beiden Teilen ungeheure Opfer an Gut und Blut gekostet. Hunderttausende blühender Menschenleben Haben daran glauben müssen. Immer größer werden die Tränenströme weinender Mütter und Frauen. Verzweifelt fragen die Völker: Soll daS so weitergehen? Soll in einem neuen— dem fünften!— endlosen und qualvollen Kriegswintcr das Elend noch schlimmer werden und das Blutmeer noch höher anschwellen? Daneben werden die inneren Sorgen der Völker immer größer. Wir wissen nicht genau, wie es in dieser Beziehung auf der feindlichen Seite aussieht. Wir dürfen aus verschiedenen Anzeichen schließe», daß dort die Ernährungssorgen, die Schwierigkeiten der Beschaffung von Licht und Feuerung, von Kleidern und Schuhen noch nicht so schlimm sind wie bei uns. Steht ihnen doch trotz alledem noch die ganze Welt offen. Und wenn der N-Bootkricg auch den feindlichen Frachtrauni verringert hat, er reicht immer noch aus, um die Völker der Gegenseite besser zu versorgen, als wir uns aus den Schätzen deS eigenen, immer karger bestellten Bodens versorgen können. Aber selbst wenn es drüben erst so schlimm sein sollte, wie es bei uns noch vor zwei Jahren war, war es damals bei uns nicht schon schlimm genug im Vergleich zu früheren Zeiten? Müssen die Völker drüben das wachsende Ernährungselend nicht gleichfalls bitter und schmerzlich empfinden? Und wiederum fragen die Völker voller Verzweiflung: Wie lange noch? Wann ist das Ende dieser menschenunwürdigen Oual? Die erlösende Antwort bleibt aus. Die Militärs wissen sie nicht zu geben. Jedenfalls wissen sie keinen anderen als den �.rost, den wir lange kennen und der uns längst kein Trost mehr ist: nur Mut, nur durchhalten, wir werden eS schon schaffen! Gewiß sind wir davon überzeugt, daß sie vieles schaffen werden. Wir glauben, daß die deutschen Heere die schützende Mauer im Westen halten werden. Aber welche Opfer wird das weiterhin kosten! Und was ist gewonnen, wenn»vir nur die Verteidigungsmauer halten! Damit ist der Krieg noch immer nicht zu Ende, damit geht das Elend inimer weiter. Ein deutscher Staatsmann, der frühere Staatssekretär v. Kühlmann, hat das bedeutungsvolle Wort gesprochen, daß durch militärische Mittel allein der Krieg nicht zu Ende geführt »Verden könne, diplomatische und militärische Mittel müßten zu ihrem Teile mithelfen. Das war ein gutes uud kluges Wort, »venn es auch zunächst dem Staatsmann, dank alldeutscher Treibereien, sein Amt gekostet hat. Jetzt, im dritten Monat der erfolgreichen feindlichen Offensive und der Anstürme der Gegner an allen Fronten, jetzt ist das Wort Gemeingut in Deutschland geivorden, jetzt sucht die Regierung bereits gemäß diesem Worte zu handeln, jetzt sind die alldeutschen Großsprecher sehr kleinlaut geivorden. Aber leider haben»vir nicht die Diplomatie und treiben »vir nicht die Politik, die uns zu einem baldigen Kriegsende zu führen geeignet erscheint. In dieser Beziehung sieht es unendlich trostlos in Deutschland ans, ebenso trostlos ivie auf dem Gebiet der Ernährung. Kein großer Zug in der Politik, kein klares und offenes Bekenntnis zum Verständigungssrieden, keine Einsicht in die unbedingten Staatsnotlvcndigkeiten, die erfüllt werden müssen,»venn die innere Front aufrechterhalten »verde» soll. Kann man dem Volke nicht mehr Brot und Kartoffeln geben, als es erhält,»veil nicht mehr wächst, so ist daS zwar bitter; aber schließlich sieht das Volk ein, daß in dieser Beziehung auch der wohlmcinendsteu Regierung Schranken gezogen sind. Aber warum denn dieselbe Kargheit und Knappheit in der Zuweisung des politischen Brotes? Warum keine inneren Reformen? Warum noch immer die Steine deS Belagerungszustandes und der Zensur statt des Brotes der preußischen Wahlreform? Durch die österreichische Friedcnsnote»var eine so bedenkliche Zuspitzung der politischen Lage geschaffen»Vörden, daß der Hauptausschuß des Reichstags berufen»verde» mußte. Bei dieser Gelegenheit gelangte die gesamte innere und äußere Lage zu eingehender Besprechung. Die drei Mehrheitspartcien hatten schon in den vorhergehenden Wochen und Tagen mannigfache Besprechungen gehabt, bei denen sich in vielen Punkten Einmütigkeit wie bisher ergab. Vor allen Dingen»var man sich darin einig, daß die Lage nur zu retten sei, wenn die Regierung auf neue Grundlage» gestellt»verde, wozu in erster Linie die Beseitigung jeder unverantwortlichen NebenregicAnig, besonders des Dreinredens der hohen Militärs in die Politik gehört. Ferner wünschte man Durchführung der Parlamentarisierung und Demokratisierung und sofortige Entscheidung in der preußischen Wahlrechtsfrage. Um aber der Regierung für diese Neuerungen die nötige Kraft und den erforderlichen Rückhalt im Volke zu geben, verlangten die beiden bürgerlichen Parteien von der Sozialdemokratie den Eintritt in die Regierung. über diese ernste Frage haben die obersten Körperschaften der Partei, der Parteiausschuß und die Neichstagsfraktion am Tage vor dein Zusammentritt des HauptausschusseS eingehend beraten. Sie haben sich nach ernster Erwägung deS Für und des vieleit Wider bereit erklärt, diesen bcdenkenvollen und verantwortungsreichen Schritt zu tun, falls sich die bürgxr- lichen Mehrheitsparteien mit bestimmten Mindestbedingungen, ivie sie unseren Leserinnen aus der Tagcspresse bekannt sind, einverstanden erklären. Zu diesen Bedingungen gehört auch die Forderung des Rücktritts des gegenwärtigen Reichskanzlers, des Grasen Hertling, der sich als zu alt und zu schwach für die ernsten Anforderungen, die in dieser Zeit an sein Amt 2 Die Gleichheit Nr. l gestellt werden, erwiese» dat. Tiefe Bedingung aber will bis znr Stunde l�ndc September) dieLcntrumspartci, deren ehemaliger Führer Graf Hertling ist, nicht erfüllen. So ist die schwere innere Krisis Teutschlands zurzeit noch nicht gelöst. Aber selbst wenn sie auch in dem Sinne gelöst werden sollte, der menschlichem Ermessen�ich einzig und allein noch die Lage zu retten vermag,»venu eine neue, aus charaktcr- sesten und zielsicheren Männern gebildete Regierung zustande kommt, so ist die Weltkrisis damit leider noch immer nicht gelöst. Toch ihrer Lösung ist sie einen Schritt näher geführt. Wir Deutsche haben die Pflicht, in unserem Innern für Ordnung zu sorgen und unser Deutsches Reich verfassungsrechtlich und innerpolitisch so einzurichten, daß es als ein ebenbürtiger Teilnehmer in einem großen demokratischen Völkerbund der Zulun st gelten kann. Dazu gehört in erster Linie die Niederringung der junkerlich-militaristischen Herrschaft in Deutschland und die Errichtung einer demokratischen Regierung. Möge dieses Teilziel in der großen Liquidation des fürchterlichen Krieges bald erreicht sein und möge es uns dem Frieden ein gutes Stück näher bringen! Doch es ist ein ew'ger Glaube, Daß der Schwache nicht zum Raube Jeder frechen Mordgebärde Werde fallen allezeit: Etwas wie Gerechtigkeit Webt und wirkt in Mord und Grauen, Und ein Reich will fich erbauen, Das den Frieden sucht der Erde.' Mählich wird es sich gestalten, Seines heil'gen Amtes walten, Waffen schmieden ohne Fährde, Flammenschwerter für das Recht, Und ein königlich Geschlecht Wird erblühn mit starken Söhnen, Dessen helle Tuben dröhnen: Friede, Friede auf der Erde! K°«r. F«». M«y«r. Gegen die bevölkerungspolitischen Gesetzentwürfe. Die sozialdemokratischen Frauen haben folgende Eingabe an den Reichstag über die drei Gesetze: 1. Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, 2. Die Verhinderung der Geburten, 3. llnfruchtbarmachung und Schwangerschaftsunterbrechung gerichtet: Die sozialdemokratischen Frauen Deutschlands wenden sich an den Reichstag, um in letzter Stunde noch einmal Einspruch gegen die beiden letztgenannten Gesetzentwürfe, besonders gegen den Entwurf gegen die Verhinderung von Geburten, zu erheben, von deren Inkrafttreten sie schwerste Schädigung der gesamten Frauenwelt, vorwiegend aber der Frauen der besitzlosen Klassen befürchten. Wohl erkennen auch sie an, dag dem Geburtenrückgang der letzten Jahrzehnte, der sich durch die Männervcrluste der Kriegszeit noch steigern dürfte, mit allen erfolgversprechenden Mitteln begegnet werden muß. AuS dem Grunde ist das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in der Form, in der es die sechzehnte Reichs- tagSkommission geschaffen hat, als Fortschritt zu begrüßen. Doch fehlt darin unserer Auffassung nach die zwangsweise Anwendung gesundheitlicher Maßnahmen bei allen geschlechtslranken Menschen. Zudem sei in diesem Zusammenhang nochmals im Interesse der Volksmoral und-gesundheit auf die Notwendigkeit der Aushebung der Reglementierung der Prostitution hingewiesen, durch die eine Schicht von Frauen unter ein Ausnahmegesetz gestellt wird, im Gegensatz zu den die Gesamtheit in gleichem Maße bedrohenden Männern, die sich der Prostitution bedienen. Das Gesetz gegen die Verhinderung der Geburten will dnrch Verbot der Herstellung, der Einfuhr und des Verkaufs der empfängnisverhütenden Milte! es den Frauen unmöglich machen, der Empfängnis vorzubeugen. Auch wir sind der Meinung, daß dies Verbot aus hvgienischen Gründen berechtigt ist. soweit es sich auf die Herstellung, Einführung und den Vertrieb solcher Mittel bezieht, die nach dem Urteil ärztlicher Autoritäten gesundheitsschädigend wirken. Abgesehen aber davon muß unbedingt jeder Frau das Recht zustehen, eine Einpfängni> zu verhüten, wenn schwerwiegende Gründe gesundheitlicher, sittlicher oder wirtschaftlicher Natur dafür sprechen. Zu dicht aufeinander folgende Geburten begünstigen die Lebensschwachheit, Rachitis und andere Krankheiten fördern die Kindersterblichkeit. Sie wirken degenerierend und für die Zukunft volksvernlindernd. Sowohl im Interesse der Gesundheit der Fraueil wie einer gesunden Nachkommenschaft ist es wünschenswert, daß jede Frau die Möglichkeit hat, sich eine gewisse Zeit nach der Geburt eines Kindes vor einer neuen Empfängnis zu schützen. Große Geburtenziffern gehen parallel mit großer Kindcr- sterblichkeil, hervorgerufen durch schlechtere Pflege und geringere Lebensfähigkeit. Die größte Sterblichkeit aber ist in den dichtbevölkerten Arbeitervierteln zu finden. Dort sind es wieder die kinderreichsten Familien, in denen der Tod die meisten Opfer fordert. Zugleich ist hier der beste Nährboden für allerlei Krankheiten, zum Beispiel Rachitis, wodurch viele Mädchen gebäruntüchtig werden. Die Scheu vor der schwierigen Geburt spielt bei der Schwangerschaftsverhütung und-Unterbrechung ebenfalls eine Rolle. Tatsächlich sind nach Dr. M. Hirsch die das Leben und die Gesundheit der Frauen gefährdenden Geburten in der Zunahme begriffen. Die Furcht vor kranker oder elender Nachkommenschaft veranlaßt viele Menschen zur Verhinderung der Empfängnis oder zur Abtreibung. Syphilis der Ehegatten, Trunksucht, Tuberkulose oder Epilepsie auf der einen Seite rechtfertigen es, wenn auf Nach- konnneuschaft verzichtet wird. Hier ist es ganz besonders hart für die Frauen, wenn die Einsicht auf ihrer Seite ist, daß sie durch das Gesetz der Willkür der kranken Männer ausgesetzt sind. Die weitausgedehilte Erwerbsarbeit der verheirateten Frauen, die ihren Ursprung in der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands hat, ist einer starken Volksvermehcung ebenfalls nicht günstig. Die Befreiung der Mütter von der Erwerbsarbeit, mindestens drei Monate vor und sechs Monate nach der Entbindung durch eine Reichsversichernng, eine Elternschastsversicherung, die den minderbemittelten Bollskreisen die Furcht vor der Familienvergrößc- rung nehmen würde, ei» besonderer gewerblicher Schutz junger, in der körperlichen Emwicklung begriffener Mädchen, kurze Arbeitszeil für alle Arbeiterinnen, Verbot aller für den weiblichen Organismus zu schweren Arbeiten, sowie Verbot der Arbeit in allen Betrieben, in welchen Giftstoffe, die den weiblichen Organismus oder die werdende Frucht schädigen, benutzt oder hergestellt werden, wären unter anderein geeignete Maßnahmen zugunsten der Geburten- vermchrung. Unsicherheit der Existenz, wirtschaftlicher Notstand, damit verbunden schon vorhandener oder durch Vermehrung der Familie drohender Mangel au Nahrung, Kleidung und Wohnung schaffen den Willen zur Verhinderung der Geburten in sehr vielen Familien. Eine reichsgesetzliche Arbeitslosenfürsorge, dem Einkommen der Arbeiter-, Angestellten- und Bcamtenschichten entsprechende Preise für Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände, eine gesunde, der VolkS- vermehrung zuträgliche Wohnungögesetzgebung und Wohnungsfürsorge können hier nur entgegenwirken. Die außerehelichen Geburten nehmen in der allgemeinen Geburtenstatistik schon immer einen breiten Raum ein. Der Krieg hat das zahlenmäßige Verhältnis der Geschlechter sehr stark verschoben. Die große Uberzahl gesunder, geschlechtsreifer gebärfähiger Frauen wird die Zahl der außerehelichen Geburten stark vermehren. Besondere durchgreifende Schutzbestimmungen für die außereheliche Mutter und deren Kinder, ihre soziale und gesellschaftliche Besserstellung ist aus menschlichen und Gerechtigkeitsgründen, sowie im Interesse einer gesunden Volksvermehrung geboten. Die durch Dieustverträge erzwungene Ehelosigkeit breiter Frauenschichten ist vom Standpunkt einer humanen, gesunden und vorurteilslosen Bevölkerungspolitik aus nicht mehr haltbar. Zehntausende gesunder junger Frauen leisten dein Staat Dienste als Lehrerinnen und Postbeamtinnen. Sie sind, toollen oder kvnuen sie ihre Stellung nicht aufgeben, zur Ehe- und Kinderlosigkeir verurteilt. Beanite und Militärpersouen in großer Zahl können erst sehr spät eine Ehe eingehen, weil die Heiratsmöglichkeit abhängt von einem. außerdienstlichen Einkommen. Hier beraubt sich der Staat selber der Möglichkeit einer gesunden Volksvcrmehrung: gesunde Frauen und Männer büßen dabei Lebenswerte und Glücksmöglich- leitcn ein. Nr. l Die Gleichheit 3 Genußsucht und Bequemlichkeit, �>ie in der Begründung der Regierung als Ursache des Geburtenrückgangs genannt wurden,»Verden durch das Gesetz nicht getroffen. Die von selbstsüchtigen Motiven geleiteten Menschen gehören meistens de» begüterten Schichten der Bevölkerung an, ihnen werden trotz des Gesetzes alle Möglichkeiten der Geburtenverhinderung durch Gebrauch von Prnventiv- niitteln zur Verfügung stehen. Als ein Zeichen höherer Kultur ist es zu betrachten, wenn das Verantwortungsgefühl der Menschen sich sträubt, Kinder ohne Wahl zu zeugen, gleichgültig gegen die Lebensbedingungen, die sie vorfinden. Die überwiegende Mehrzahl der Frauen hat auch heute noch den Willen zur Mutterschaft. Gestärkt werden kann der Wille zum Kinde nur durch die geeigneten sozialen Maßnahmen, von denen ein Teil oben angeführt wurde. Bei der Beratung des Gesetzes wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß das den Männern zmn Schutz gegen Ansteckung freigegebene Kondom gleichzeitig als empfängnisverhütendes Mittel wirke. Nach unserer Ansicht muß auch den Frauen das nach dem Gutachten ärztlicher Autoritäten hygienisch und gesundheitlich ein- wandsreie Okklusivpessar weiterhin erlaubt werden. Denn wo es sich um Männer mit vermindertem sittlichen VerantwortnngSgefühl handelt, oder wo, wie oft bei Trinkern und Tuberkulösen, ein krankhaft erhöhtes Geschlechtsbedürfnis besteht, werden die Männer keineswegs geneigt sein, die Empfängnis durch Anwendung des Kondoms zu verhüten. Das vollständige Verbot der von Frauen anzuwendenden Mittel zur Verhiitung der Empfängnis muß notwendig die kriminellen Aborte stark vermehren. Die Bestimmungen des ReichS- strafgesetzbuchs haben auf die Zahl der kriminellen Aborte keinen Einfluß gehabt. Wir erblicken darin den Beweis, daß diese Handlungen nicht nur von kriminellen, sondern auch von rein menschlichen und sozialen Gesichtspunkten aus betrachtet werden müssen. Im Interesse der Volksgesundheit und Volksmoral müßte alles vermieden werden, was geeignet ist, die Abtreibungen zu vermehren Die in dem Gesetzentwurf gegen Unfruchtbarkeit und Schwangerschaftsunterbrechung geforderte Namhastmachung der Kranken an den Kreisarzt wird ebenfalls vielfach dazu beitragen, die Frauen aus Furcht vor den» Bekanntwerden des Eingriffs zur Abtreiberin anstatt zum Arzte zu führen, also aufs neue die Gefahr der kriminellen Abtreibungen vermehren. Die geforderte Anzeige an den Kreisarzt mit Namhaftmachung des Patienten stellt außerdem einen Bruch der ärztlichen Schweigepflicht dar, der gerade in dem Gesetz betreffend die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten so eindringlich gegen die Meldepflicht angeführt wurde, also auch hier ein verschiedenes Maß gegenüber den Frauen und Männern. Weiterhin ist zu befürchten, daß viele Arzte- durch die ihnen in dem Gesetz zugemuteten Ilnbequemlichkciten und Kontrollen sich von einer oft notwendigen Unterbrechung der Schwangerschaft werden abhalten lassen, und zwar gerade wieder in den Fällen, in denen sie gegen geringes Entgelt oder umsonst vorgenommeil werden müßte. Diese menschlich durchaus verstündliche Neignng wird auch wieder zu einer Bevorzugung der wohlhabenden»kreise führen, während es doch offenbar dem Gesetzgeber darum zu tun sein muß, die Kinderzahl gerade in denjenigen Kreisen zu steigern, in denen die Möglichkeit bester Aufzucht vorliegt. Im Namen der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands: Marie Juchacz. Politische Umschau Am 9. September haben der Parteivorstand und die Generalkommission der Gewerkschaften in der Frage des Ernährung«- Wesens eine Denkschrift an den Reichskanzler gerichtet. Es wild darin gesagt, daß die llnzufriedenheit der Massen über die unzureichende Verteilung von Lebensmitteln bei gleichzeitig blühendem Schleichhandel sehr groß sei, daß Bedarfsartikel wie Schuhe, Wäsche, Kleidung Preise erreicht haben, die für die ineisten unerschwinglich seien. Die Reichsregierung wird dringend aufgefordert, Maßregeln zu ergreifen, die Abhilfe bringen. Vor allein sei es nötig, die Kar- toffelversorgung besser als im vorigen Jahre zu regeln und eine Ration von 10 Pfund Pro»topf und Woche festzusetzen. Zum Schlüsse heißt eS:„Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir einem Zustand entgegentreiben, der verhängnisvoll werden muß, wenn die Regierung nicht endlich entschlossen ist, mit jeder Begünstigung der Produzenten- interessen zu brechen und den Lebensbedürfnissen des Volkes Rechnung zu tragen." Daß die Reichsregierung dazu nicht entschlossen ist, ging aus der Antwort hervor, welche die Gewerkschaftsvertreter in der Konferenz beim Reichskanzler am 12. September erhielten, nachdem sie in dem Sinne der obigen Eingabe die Wünsche der Arbeiterschaft dargelegt hatten. Der Sprecher der Gewerkschaften, Genosse Thomas(Krankfurt a. M.), betonte besonders, daß alle wirtschaftlichen Nöte verschlimmert würden durch die unsichere, schwankende Politik im Inner ii, durch den lastenden Druck, den Zensur nnd Belagerungszustand für das denkende Volk bedeuten, und da- Dttmmer ist nichts zu ertragen, Als wenn Dumme sagen den Weisen, Daß sie sich in große» Tagen Sollten bescheidentllch erweisen. Goethe. Die vier Naben. Erzählung von Anna Mosegaard. �rilhsonntag. Goldig und klar lacht die Maieilsonne vonr azurblauen Himmel hernieder. Ein Schlvil'ren, Summen und Flöten durchzieht den Ivetten Raum. Geschäftige Bienen sammeln den ersten Honig. Berauschende Düfte schwängern die Luft. Flieder und Syringen kokettieren mit ihren Bliitenkinderu ivie eitle Mütter mit ihren geputzten Kleinen. In einem Gärtchen, unterm rotblähenden Apfelbaum, steht eine alterSschlvache Bank. Darauf sitzt, sorgfältig in Decken eingehüllt, ein blasser Knabe. In sichtlicher Ermattung lehnt er den dunklen Lockcnkopf an den harten Stanim. Regungslos sitzt er da. auf dem halb geöffneten Lippenpaar ein verträumtes Lächeln. Ein feines, durchgeistigtes Antlitz hat der Knabe. So weich die Züge, so rein die Stirn! Boll und wallend das glänzend braune Haar. Man ist fast versucht, anzunehmen, das reizende Gesicht gehöre einein Mädel. Das Schönste aber sind die traumticfen, großen dunklen Augen, die so etwas Weltfremdes in sich bergen. Es ist gleichsam, als böte das ausnehmend schöne Atigesicht dem Kinde Ersatz für seinen häßlichen, mißgestalteten Körper. Dieser anne gebrechliche Körper! Die langen dünnen Arme und Beine, der hohe Rücken und die ausgewachsene Brust, dazu die mißgestalteten spitzen Schultern, zwischen denen aus kurzem, dünnem Halse, gerade als sei er gewaltsam eingedrückt, der schöne Kopf ruht. Auf dein Schöße deS Knaben liegt eine kleine Kindergeige. Die zarte, Weiße Hand weiß graziös den Bogen zu führen. und hin und wieder durchzieht ein Singen und Klingen die sommerliche Stille. Ein banges Sehnen, Seufzen und Klagen —— dann bricht das Lied jäh ab.---- Eine Träne verdüstert des Kindes Blick. Da läßt es den Bogen sinken, legt den Kopf an den Stamm und starrt hinauf in die leuchtende Blütenpracht, als suche es dort Hilfe oder doch Bergessen von seinem Leid. Das ist, wenn frohes Kinderlachen von der Straße zu ihm dringt. Doch nicht das ist's, was ihm Schmerz bereitet! er ist es ja so gewöhnt, das„Alleinsein", der Heini. Da geraoe ist ihm am Wohlsien. Aber durch das lärmende, frohe Kinderlacheu klingt heiseres, schreiendes Krächzen. Dieses häßliche Krächzen, immer schreckt es ihn jäh aus seinen Träumen. Seine drei jüngeren Geschwister sind es, die solch schrille Laute ausstoßen. Alma und Otto sind geistig zurückgeblieben, arme Menschen, Idioten mit stupiden Gesichtern und glotzenden Schielaugen, die von törichten Leuten verspottet und von unwissenden Kindern gehänselt und gefoppt iverden. Der Kleinste, Karl, ist kaum drei Jahre alt, ist stets kränklich, verdrießlich und weinerlich. Sein Krächzen erklingt von früh bis spät.„Die vier Raben" haben die Leute die Geschtvister genannt. Nicht bloß wegen ihrem heiseren Rabengckrächz. Schon die Tatsache, daß der Vater der vier Kleinen Heinrich Nabe heißt, genügt, um den Kindern einen Spitznamen anzuhängen. Krächzt der Älteste, der Heini nun auch nicht, so bietet er mit seinen zwei Höckern und den langen Spinnenbcinen doch Die Gleichheit Nr. 1 durch, dcch den alldeutschen AnncxionSpolitikern keine klare Absage würde. Der Reichskanzler erwiderte, dnh Heeresleitung und Rcichs- rcgierung einmütig gegen jede Eroberung seien. Mit dem allgemeinen Wahlrecht stehe und falle er. Staatssekretär v. Waldow bedauerte, dah weitere Mittel zur Erfassung der Lebensmittel nicht vorhanden seien; im übrigen käme der Schleichhandel in kleinen Mengen auch den Arbeitern zugute. Die Brotration werde ab 1. Oktober wieder voll hergestellt, jedoch sei an eine Erhöhung der Kartoffelralion über 7 Pfund nicht zu denken. Legten von der Generalkonnnission der Gewerkschaften erklärte darauf, daß bei den hoffnungslosen Auskünften über die Ernährungsverhältnisse die bisherige Arbeitszeit nicht durchzuführen sei. Am 11. September hielt Kaiser Wilhelm II. in Essen eine Rede an die Kruppschen Arbeiter, in welcher er besonders zur Einigkeit mahnte und nochmals an sein Wort vom August 1S14 erinnerte, daß er keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kenne. Bon der Wahlrechtsvorlage sprach er auch, aber diesen Teil der Rede ließ— die Zensur nicht veröffentlichen! An dem gleichen Tage erließen der Parteivorstand und die Parteileitung Preußens einen Protest gegen die Art, wie die preußische Äahlrechtsvorlage im Herrenhaus behandelt und verschandelt wurde, und forderte die Regierung auf, das Abgeordnetenhaus sofort aufzulösen. Die Herreuhauskommijsion beschloß jedoch an demselben Tage ein Sechsgruppenwahlrecht für Preußen. Danach„hat leder Wähler eine Stimme in einer BerufSgruppc", und die Gruppe» sind so eingeteilt, daß der Grundbesitzer zum Beispiel ein zehnmal stärkeres Wahlrecht als der Landarbeiter und der Industrielle ein sechsmal stärkeres als der von ihm Beschäftigte hat. Ob der Kaiser in Essen keine Ahnung von diesen Porgängen haste, die die Einigkeit des dentschen Volkes schwer gefährden müssen? Aber die„Herrenhäusler" würden ja solchem Appell gegenüber sehr kühl bleiben; sie fügen sich nur der Gewalt, und die Regierung zeigt ein rührendes Verständnis für die Psyche dieser Gewaltmenschen. Zu den Verstimmungen, welche die innere Politik wachrufen muß, kommt der Unwille des Volkes gegen die Art, wie Deutschland die Dinge im Osten gestalten hilft. Der Schwager des Kaisers Prinz Friedrich Karl von Hessen soll zum König von Finnland„gewählt" werden. Mit b8 gegen 44 Stimmen ist am S. August im Finnischen Landtag ein entsprechender Antrag angenommen worden, und auf solch schwankenden Boden will der neue König seinen Thron setzen. Die deutsche Arbeiterschaft will aber den Frieden von Brest-Litowsk und sämtliche neuen Throne im Osten kein Hindernis für allgemeine einen so komischen Anblick, daß man fast glauben könnte, einen hüpfenden Raben vor sich zu sehen. Also nahm man allgemein an, daß diese Kinder ihren Name» nicht zu Unrecht erhalten hatte», und sprach nur von den„vier Raben". Den drei Jüngsten macht der Spott zwar wenig aus. Glücklich sind sie in ihrer Beschränktheit. Dem dreizehnjährigen Heini aber, dem Knaben mit dem feinen Gesicht und der empfindsamen Seele, bereitet es kiesen Schmerz. Nicht selten belagerten Gassenbuben das kleine Gärtchen und schrien ihm ihr häßliches„Rab! RabI" zu. Sehr loche tat das! Doch was ist es gegen den großen Schmerz, der sich wie ein Reif auf des Kindes Gemiit legt und kein frohes Kinder- jauchzen aufkommen läßt? Würde nian den Heini fragen nach seinem Kunnner, so legte er die große Oual, die ihn peinigt, wohl in die drei Worte:„Mein Vater trinkt!" So ist cS. Heinrich Rabe, der Flurschützc des Ortchens, ist ein„forscher, strammer Kerl", wie er sich selbst nennt. Das Kartenspiel und der Alkohol sind sein Lebenselement. Seiteil ist er nüchtern; immer im Rausch oder verkatert. Im Rausch ist er Vater der vier Raben geworden. Und als einmal im Wirtshaus jemand zu ihm sagte:„Du, wenn ich deine Frau wäre, und du zeugtest mir solche Kinder, dann verklagte ich dich wegen Körperverletzung." da hatte er gelacht über den„Witz", daß ihm die Tränen über die Backen liefen, und als er einmal ein wenig bei klarem Verstände war, da versuchte er nachzudenken über die Worte— und da trank er wieder, um sie zu vergessen. Ja,— die Raben! Da gab's kein Leugnen. Ich Rausche hatte er sie gezeugt. Nur den Ältesten nicht— den Heini. Nein, damals hatte ihn der Schnapsteufel noch nicht in seinen Klauen.— Friedensverhandlungen mit den Ententemächten werden lassen, sondern die Ostfragen mit in die allgemeinen Verhandlungen ziehen. Diesen Standpunkt haben die Genossen Scheidemann und Ebert dem holländischen Genossen Troelstra gegenüber vertreten, welcher nach wie vor bemüht ist, eine internationale Sozialistenkonferenz zustande zu bringen und alle mißverständlichen Hindernisse, welche noch zwischen den Sozialisten der feindlichen Länder bestehen, aus dein Wege zu räumen. Daß diese Hindernisse noch groß sind, bewies der Verlauf des englischen Gewerkschaftskongresses, welcher Anfang September tagte. Der australische Premiernrinister Hughes, der amerikanische Gewerkschaftsführer Gonipers und der Vorsitzende der englischen Seemannsgewerkschaft Havelock Wilson gebürdeten sich geradezu kriegstoll, aber die Versammlung selbst war von einem anderen Geiste beseelt, dem der Präsident Odgen in seinen Ausführungen Ausdruck gab. Unzweifelhaft ist auch der Friedenswille der englischen Arbeiterschaft stark, aber noch will sie es nicht unumwunden zum Ausdruck bringen, denn die angenommene Resolution sagt, daß mit Friedensverhandlungen erst begonnen werden kann, wenn die Deutschen Belgien und Frankreich geräumt hätten oder daraus vertrieben worden seien. Kann die englische Arbeiterschaft annehmen, daß die Regierungen der Emcnte ihre Heere an der deutschen Grenze haltmachen lassen würde? Die Aufnahme der Friedensnote Österreich-Ungarns, die es am 14. September an die Negierungen der Entente richtete und in der eine gegenseitige Aussprache in einem neutralen Lande ohne Unterbrechung der KriegShandluug vorgeschlagen wird, bestätigt solche Hoffnungen nicht. Diese Note, der sich Deutschland nachträglich anschloß, stellt den ernstesten Friedensversuch dar, der bisher unter- nonnnen wurde. Amerika lehnte sie mit einer Fixigkeit ab, die selbst dem früheren französischen Minister Albert Thomas zu weit geht. Der sranzösischc Ministerpräsident Clemenceau hat eine kriegshetzendc, dentschfeindlichc Rede gehalten, und die französische Negierung erklärt jetzt, daß dies die Antwort auf die österreichisch-ungarische Note sei. Aus England klang die Ablehnung durch den Mund Balfours gemäßigter; Italien lehnte die Zusammenkunft ebenfalls ab. Von der Alliiertenzusammenknnft in Paris wird wahrscheinlich noch eine gemeinsame Antwort abgefaßt werden, aber cS kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß sie ablehnend lauten wird. Dann muß also die Menschheit weiter durch dies Meer von Blut und Elend ivaten, weil die Regierungen der Entente rS so wollen und weil die Völker der Entente es sich gefallen lassen. Dürfte die deutsche Regierung so etwas dem Volke bieten? Damals! Gelviß trank er einmal ein Glas über den Durst — doch das Passierte selten— bis zu der unseligen Stunde! Was ward eigentlich, was ihn immer und immer aus dem Hause ins Wirtshaus trieb? War es nicht der fortwährende Anblick der Jammergestalt seines mißgestalteten Knaben? Er hatte trinken müssen, um das Gelvissen zu betäuben! DaS böse Gewissen! Lug und Trug! ES ließ sich nicht betäuben, ließ seine Stimme nicht ersticken im Fnseldunst. Für kurze Zeit wohl, für Stunden vielleicht--- immer wurde es wieder ivach— zeigte ihm täglich die elende Gestalt seineö'Altesten: „Sieh, das ist dein Werk! Im Rausch hast du dein Kind, das Pfand eurer Liebe, um sein Lebensglück gebracht!"-- AlS Heinrich Rabe noch jung und ledig war, hatten sich die Mädels bald die Augen nach ihm ausgeguckt. Sie rissen sich fast um den schneidigen Untcrosfizicr, dem einmal eine Militäranwärterstelle winkte. Gewiß hatte er manchmal einen kleinen Schlvips, das machte den Mädels Spaß, sie meinten, er sei dann imnier so richtig nett, und liefen ihm weiter nach, bis die Martha, das hübscheste Mädel im Städtchen, an ihm hängen blieb. Was tat's! Heinrich Nabe war kein Lump. Er ließ sie nicht sitzen. Das Kind, das da kommen sollte, mußte einen Vater haben. So machten sie Hochzeit, lind bald kam das Kind. Ein prächtiger Knabe war's. Und seinen vollen Namen gab er ihm, Heinrich Rabe. Dieses sonnige Glück, das der kleine kugelrunde. kerngesunde Bub, ihr Heini, ins Haus brachte. Wie verschönte das Muttcrglück seiner Martha blasse Wangen. Wie lachte und tollte die mit ihrem Jungen, bis— zu der unseligen Stunde!— Heinrich Rabe hatte mit gleichgesinnten Freunden bei Wein und Bier Kaisers Geburtstag gefeiert. Schwer bezecht hatte Nr. 1 Die Gleichheit 8 Angesichts der Ablehnung jeder Konferenz durch die Entente ist es eine Verhöhnung des deutschen Volkes, Ivenn onierikanische und englische Regierungslcute erklären, die Entente führe den Krieg nicht gegen das deutsche Volk, sondern gegen seine Regierenden. Die besten Söhne des deutschen Volkes müssen auf den Schlachtfeldern verbluten. Die Regierenden sitzen hüben und drüben weitab vom Schutz, hüben und drüben bezahlt das Volk die blutige Rechnung. Darum sollte jedes Volk seine Regierung zu ernsthaften Prüfungen der Friedensmöglichkeiten zwingen. Klara Bohm-Schuch. Gesundheitswesen_ Der Ausbau der MutterschaftSfiirsorge. In dem vom Stadtbund Münchencr Frauenvereine veranstalteten ZykluS:„Die VolkS- gesundheit und die Frauen" sprach Versichcrungsamtniann vr. Jäger über:„Gedanken und Wünsche zu dem zukünftigen Ausbau der Mutterschaftsfürsorge". Der Vortragende wies darauf hin, datz der Gedanke der Mutterschaflsversicherung in Deutschland erst 1901 durch Lily Braun aufgeworfen worden ist, aber alShald weiteste Verbreitung gestinden habe. Der Schlvangeren soll Gelegenheit geboten werden, in der letzten Zeit vor der Niederkunft mit der Arbeit auszusetzen; um ihr das zu erleichtern, soll ihr der Lohnausfall vergütet werden. Der in der Hauswirtschaft tätigen Frau soll Hauspflegc gegeben werden. Ledigen Müttern ohne Heim, Erst- und Schwer- gebärendcn soll Anstaltspflege gewährt werden. In den ersten zehn Tagen nach der Niederkunft, bei Bedarf noch länger, ist Wochenbett- Vstege, auf dem Lande durch die Hebamme, in der Stadt durch besonders ausgebildete Wochenbettpflegerinnen zu gewähre». Der Wöchnerin ist im Anschlutz an die Niederkunft eine Enthaltung jeglicher Arbeit auf mindestens acht Wochen vorzuschreiben. Lohnarbeitenden Frauen ist der Ausfall an Verdienst durch Gewährung von Wochengeld zu ersetzen. Der stillenden Mutter ist Stillgeld zu zahlen. Während der Arbeit ist der lohnarbeitendcn Frau in Fabrikkrippen, Stillstnben usw. Gelegenheit zu Stillpausen zu geben. Säuglings- sürsorgestellen sollten den Müttern beratend zur Seite stehen, Milchküchen ihnen billige Säuglingsmilch liefern. Der Referent streifte dann die geschichtliche Entwicklung der Mutterschaftsversicherung in den geltenden ArbeiterversicherungSgesetzcn. Die Neichsversichernngs- ordnung enthält zwar, im Kerne alle erforderlichen Leistungen, aber sie stehen nur auf dem Papier, weil sie den Krankenkassen nicht als ;lwangSleistnngen aufgelegt sind. So sind os Prozent aller Münchener weiblichen Versicherten lediglich auf das Wochengeld und auf man ihn heimgebracht. Zum großen Schmerz der jungen Frau und Mutter. Ganz von Sinnen war er, tobte, schrie und fiel endlich in Schlaf. Wachte aber schon nach etlichen Stunden niit einem furchtbaren Vrnmmschädel ans, stürzte zum Wasscr- eimer, und als das seinen Durst nicht löschte, ließ er durch das Kind der Nachbarin eine Kanne Bier holen, trank es in einem Zuge aus und wollte sich wieder schlafen legen, konnte aber keine Ruhe finden, weil das Kind so heftig schrie. Martha saß am Bettchen des Kleinen und suchte ihn zu beruhigen. Da half alles Kosen nicht. Heini wälzte sich im Zahnfieber und schrie zum Erbarmen. Das tat Rabcs Brummschädel weh. In seinem Unverstand schrie er das kranke Kind im Unteroffizicrton an:„Maul gehalten! Ganz still bist du! Verstanden!" Erschrocken sah das Kind den Vater an und stieß gellende Töne aus. Rabes Kopf war„zuni Platzen", und das Kind schrie weiter. Schon wollte er dem Kinde zeigen, daß es zu gehorchen habe, da riß es die Mutter schützend in ihre Arme. Das machte ihn rasend— Mit einem Griff hatte er sich des wimmernden Kindes bemächtigt—--- was weiter geschah,--- es blieb ihm traumhaft.--- Mäuschenstill lag es in seinem Bettchcn, hatte die Händchen geballt und ein Zucken um die bläulichen Lippen. Der Arzt saß bei ihm. Tröstend sprach er auf die Mutter ein, die fassungslos schluchzte. Lange, lange lag es krank. Rang mehr denn einmal mit dem Tode und blieb doch Sieger. Aber ein hilfloser Krüppel. Die Leute wußten nicht anders, die Mutter hatte das ttind im unbewachten Augenblick vom Tisch fallen lassen. Wie ein Schatten schlich Martha einher. Scheu wich sie dem Gatten aus, nie mehr hatte sie ein Lächeln für ihn. Das Kind die Gewährung der Geburtshilfe bei der Niederkunft ongewiesen. Erst die Reichswochenhilse brochte eine grotzzügigere MuttcrschaftS- fürsorgc. Die Fortführung der Reichswochenhilse und ihr gleichzeitiger Ausbau zu einer umfassenden Muttcrschaftsversicherung ist da s Bestreben weitester Kreise und auch die Absicht der Regierung. Der Plan mutz verwirklicht werden angesichts der Notwendigkeit unseres völkischen Wiederaufbaues. Arbeiterinnenfericn. Zu unserem Artikel über Ferienzeit wird uns aus Düsseldorfgeschrieben: DcrFürsorgeverinittlungsstelle Düsseldorf ist es gelungen, im Laufe des Sommers 220 erwerbstätige Frauen und Mädchen, zum grohen Teil Munitionsarbeiterinnen, aber auch abgearbeitete Hausfrauen, in ländlichen Krankenhäusern und in Einzelfamilien auf dem Lande gegen ein geringes Kostgeld von 2 bis 4 Mk. täglich unterzubringen. In Zusammenarbeit mit der evangelischen Geistlichkeit und dem katholischen Karitasverband waren einwandfreie Familien auf dem Lande festgestellt worden, die bereit waren, 4 Wochen lang eine Arbeiterin aufzunehmen. Die AuSsendung erfolgte durch die Fürsorge- Vermittlungsstelle, die in enger Zusammenarbeit mit den Orts- beziehungsweise Bctricbskrankenkassen stand. Erst nachdem durch ein Attest die Erholungsbedürftigkeit festgestellt war, konnte die Aussendung erfolgen. Die Kosten, auch eventuell Erhöhung des Kranken- geldsatzeS, trugen die Krankenkassen., Der Erfolg ist im allgemeinen als ein guter, ja sehr guter zu nennen. Die Arbeiterinnen kamen frisch und erholt, sie hatten bis zu 2» Pfund zugenommen, zurück. Nur in ganz seltenen Fällen ist durch Taktlosigkeit der Arbeiterinnen oder auch der Landbevölkerung Mitzstimmung gekommen. Die meisten waren voll Dankbarkeit gegen die Aufnehmenden und würden mit Freuden wieder zu einer anderen Zeit dieselbe Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. ES ist zu wünschen, datz die Arbeit im nächsten Jahre noch in erweitertem Matze aufgenommen werden kann. Ferner darf man hoffe», datz gute Beispiele wie diese anfeuernd wirken. BevölkerungspoTitik_ Die wachsende» Gefahren der Geschlechtskrankheiten haben die Notwendigkeit einer tatkräftigen Belämpfung dieser Volksseuchen durch die staatlichen und Gemeindebehörden, sowie die privateir Fürsorgevercine erhellt. Zu einer Besprechung der Aufgaben ans dem Gebiet der Geführdctenfürsorge, sowie zur Stellungnahme zu den vom Reichstag vorliegenden bevölkerungspolitischen Gesetzent- war ihr alles. Hätte er den Mut gehabt, sein Weib um Verzeihung zu bitten, hätten sie das Leid gemeinsam getragen! Verzeihung bitten! Nein, das tut ein gewesener Unteroffizier nicht. Da ging Heinrich Rabe lieber seinen eigenen Weg, er suchte Trost im Wirtshaus. Im Rausche nur wagte er, sich seinem Weibe zu nähern. Im Rausche war er Vater der drei krächzenden Kinder geworden. Manch harter Kampf war entbrannt zwischen seinem Weibe und ihm. Widerstrebend nur, in steter Angst, der Wüterich könne sich an den schuldlosen Kindern vergreifen, gab Martha sich ihm hin.— Und sie hatte ihn doch einst so lieb gehabt. .(Schluß folgt.) Herbst. Es ging der helle Sommertraum zur Neige. Nun fiedelt durch den kühlen Raum Herbstwind auf seiner Geige. Da tanzt das farbentolle Laub im Kreise. Der Wandersmann im Erdenstanb lauscht nach der dunklen Weise und hebt die Stirn ins blasse Licht: Verwunden ist Lieb und Leid— und ferne Sicht ins Heimatland gefunden! Arcur gicki-r. Man muß die Tugend eines Menschen nicht bemessen nach seinen außergewöhnlichen, sondern nach seinen gewöhnlichen Handlungen. BI. Pascal. 6 Die Gleichheit Nr. l würfen Inden dn-Z Bwhlfnhrtöaint in Frankfurt a. M und die Frankfurter Fraiienkonnnissioiien zum Studium der SitilichkeitSfrone die interessierten staatlichen und städtischen Behörden, die Polizeinmler. Fürsorgeöereine und Einzelpersönlichkeiten zu einer Tagung in den Bürgersaal des Frankfurter Rathauses am 10. und 11. Oktober d. I ein. Das Programm sieht ausier einem Bericht über die bisherige Wirksamkeit der Vereine und Fürsorgestellen Borträge vor über- Die Aufgaben der Fürsorgearbeit und ibre Angrenzung zwischen Polizei, Gemeinden und Fürsorgevereine»(AssessorDr. Maier. Frankfurt a. M.), Der Stand der Sittlichkeitsgesetzentwürfe sReichstagsabgeordneter vr. Quarcl), Die sozialhhgienischen Forderungen zur Sittlichkeitsgesetzgebung(Professor v. Düring- Steinmllhl), Die sozialen Forderungen zur Sittlichkeitsgesetzgebung(Landrichter vr. Bosi, Bielefeld». Anmeldungen zur Teilnahme sind bis zum S. Oktober d.J. an das Wohlfahrtsamt in Krankfurt a. M., Saalgasse Nr. 33 zu richten: von dort werden auf Wunsch die Programme der Tagungen kostenlos versandt. Gewerkschaftliche Llmscha» Partei und Gewerkschaften sind während der Kriegszeit eine Menge besonderer Arbeit erivachsen, deren Erfüllung nicht immer in der Oncntlichkeit sichtbar ist. In Gemeinschaft mit der Parteileitung mubten die Gewerkschaften, besonders die Generalkoin- mission, in viele» wirtschaftspolitischen Angelegenheiten mitraten und mittaten, um die Interessen der werltätigen Bevölkerungsklasse zu wahren und bereit herbes Los wenigstens einigermasten erträglicb zu gestalten. Welche gewallige Arbeit da in Beratungen und Sitzungen geleistet worden ist, wird vielleicht erst einmal später bekannt, wenn über manches frei und migezwttngen in der Öffentlichkeit geredet und berichtet werden knmi. Die Versuche auf Wiederanknüpfnng der internationalen Beziehungeu und damit das Bestreben. die Friedenssrage in ein lebhafteres Fahrwasser zu bringen, dazu die sozialpolitischen und arbeitersürsorglichen Arbeilen in der Heimat, denen sich die auf dem Iveiten Gebiet der Kriegsfürsorge zugesellen. haben starke Anfordernngen ancki an die persönliche Leistungsfähigkeit der Arbeitervertreter gestellt. Naturgemäß wurde der während den KriegSjahren brennendsten inneren Frage, der der Bolksernährung, von ihnen erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt. Vielfach regte sich ob der Mihwirl schaft in der LebenSmittelersassung und der schlechten Lebensmittel- Verteilung der Unwille in den Gelvertschaftskreiseu, und eS wurde verlangt, unsere Vertreter sollten aus den Kommissionen austreten, um damit zugleich zu bekunden, daß sie jede Verantwortung ablehnen. Doch bei näherem Zusehen ist dieser Rat wenig wert, er würde wohl gar das Gegenteil von dem erwirken, was mit ihm beabsichtigt ist: würden unsere Vertreter in den Lebensmittelkonimissionen und in all diesen Körperschaften ihre Mitarbeit einstellen, so würden wir lms damit jedes Einflusses auf die Regelung und Gestaltung der Dinge begeben, und die Zustände würden dadurch sicher nicht besser lverden. Die von uns abgewälzte Verantwortung aber würden auch noch jene Personen und Kreise übernehmen, die jetzt schon ein großes Teil der Schuld an den leidigen Zustände» tragen. Sicher von dieser Erkenntnis aus sind Parteivorstand und Generalkommission immer wieder von neuem bemüht, als ständige Mahner an die Türen der Regierungsbehörden zu klopfen und auf die Gefahr hinzuweisen, die durch die stetig zunehmende Berschlech- ternng der Ernährung in Volkskreisen heraufsteigt. So haben beide Körperschaften Anfang September sich wiederum mit einer Eingabe an den Reichskanzler gewandt, in der sie die llnzulänglichkeit der Ernährung darstellten und um Abhilfe baten. In dieser Eingabe wurde darauf hingewiesen, daß die Lebensverhältnisse des eriverbstätigen Volkes sich stets verschlechtert hätten, und daß jede Erhöhung des Lohnes und jede Teuerungszulage durch die gesunkene Kaufkraft des Geldes längst wirkungslos gemacht worden sei. Es wurde die Politik des Kriegsernährungö- aintes einer Kritik unterzogen und darauf hingewiesen, daß, während Millionen Männer auf dem Schlachtfelde ihr Blut dem Baterland geben müjsen, die Angehörigen zur ewigen Schande unserer Zeit von den eigenen Volksgenossen ausgesogen würden durch schamlosen Wucher mit Lebensmitteln. Das Einkoinmen der minder- bemittelten Bevölkerung reiche nicht zum Einkauf der allernotwen- digsten Lebensmittel, ebenso würden für Kleidung, Schuhe, Wäsche und Haushaltungsgegenstände Phantasiepreise gezahlt, die für die meisten»»erschwinglich seien. Eine Besserung dieser Verhältnisse müsse unter allen Umständen Platz greisen, wen» die Bolksgesund- heit nicht dauernden Schaden erleiden soll. Die in Aussicht genommene Erhöhung des BrotprciseS und zugleich die Herabsetzung der Brot- und Kartoffelration würden dem Volke neue Entbehrungen auferlegen, während die Ivohlhabende Bevölkerung sich init Hilfe des Schleichhandels ohne Rücksicht auf die fortgesetzt steigenden Preise gut versorgen könnte Eine reichliche Belieferung mit diesen wichtigen Lebensmitteln sei deshalb absolute Notwendigkeit, zumal auch ei» Vertreter des Kriegsernährungsamtes eine solche zugesagt Christiane Goethe-Vulpius. Sine Rechtfertigung von Anna Bio». Seit alren Zeiten haben die Lästerzungen viel llnheil angerichtet Freunde und Liebende habe» sie auseinander gebracht. Den guten Ruf vieler Menschen haben sie vernichtet. Ja, sie haben es fertig gebracht, daß von einer ganzen Reihe bekannter Persönlichkeiten ein verzerrtes Bild auf die Nachwelt gekommen ist. Es ist sicher ei» dankenswertes Unternehmen, wenn der Versuch gemacht wird, solchen Persönlichkeiten zu ihrem Recht zu verhelfen und klarzulegen, daß sie besser waren als ihr Ruf. Einen solchen Versuch hat Ella Feder» in ihrem Buche gemacht.Christiane von Goethe. Ein Beitrag zur Psychologie Goethes"(Delphin-Verlag, Münchens. Das Buch iß während des Krieges erschienen und hat schon die zweite Auflage erlebt, ein sicherer Beweis dafür, wie groß das Interesse für die Gelieble und spätere Gattin Goethes auch heute noch ist. Gerade Christiane, ist bis in unsere Tage viel Unrecht geschehen Sie war ja nur ein Kind aus dem Volke. Krau von Stein, die vornehme Frau, die einen guten Gatten mid wohlgeratene Kinder hatte. gilt heute noch vielen als die platonische Freundin Goethes. Sie ivurde überall in der Gesellschaft von Weimar empfangen, trotz ihrer ziemlich offenkundigen Beziehungen zu dein großen Dichter Christiane aber wurde ein Opfer der Lästerzungen, und bis in die neueste Zeit wurde sie verachtet und verkannt. Schon von ihrem Vater erzählte die.durchaus nicht einwandfreie Tradition Weimars", er wäre an Trunksucht zugrunde gegangen. Jedenfalls bemühte er sich, seinen Kindern, insbesondere seinem Sohne Christian, eine gute Schulbildung zu geben. Goethe hebt seine gute Bildung hervor zu einer Zeit, wo er noch nicht wissen konnte, welche Bedeutung Vulpius' Schwester für ihn gewinnen, wie man ihm und Christiane ihre„niedrige und ungebildete Abstanunung" vorwerfet würde. Dieser Bruder war die Veranlassung der Bekanntschaft Goethes und EhristiancnS, denn um ihm eine Stellung zu verschaffen, überreichte das junge in einer Blumenfabrik beschäftigte Mädchen dem mächtigen Minister eine Bittschrift. Dieser erstell Begegnung har Goethe das innige Gedicht gewidmet:.Ich ging im Walde so vor mich hin". Er nahm das frische.Dirnchen" als .HauSmütterchen" zu sich, und sie schaffte ihm das Behagen, das er schivec entbehre» konnte. Ihre Schulbildung tvar eine mangelhafte, wie es ja die weibliche Bildung jener Zeit überhaupt war. Aber de» tiefweiblichen Gehalt ihres Wesens lernte Goethe schätzen Die Achtung der.Gesellschaft", zu der sie nie gehört hatte, ivar ihr gleichgültig. Wahrend man in Weimar die Rase über sie rümpfte, schrieb Goethes Mutter, die in allen natürlichen Dingen so natürlich dachte und urteilte, dem„Bettschatz" ihres Sohnes einen liebevollen Brief, in dem sie sich als.Ihre Freundin Goethe" unterzeichnet. Bon verschiedenen Kindern, die Christiane den, Geliebten schenkte, blieb in den ersten Jahren nur August am Leben. Ihn brachte Goethe mit Christiane zn seiner Mutter nach Frankfurt, und hier festigte sich die Zuneigung der beiden Frauen, die sich in der Liebe zu Goethe fanden, so sehr, daß die Frau Rat sich nach Christianens Abreise als deren.treue Freundin und Mutter" unterschreibt. Man»miß Goethes Briefe aus der Zeit der Trennung von Christiane lesen, um zu begreifen, wie hock» er sie schätzt und wie sich seine Liebe immer mehr vertieft. Dies ist besonders der Fall, als Goethe im Jahre 1801 lebensgefährlich erkrankte und nur durch ChristianenS aufopfernde Pflege gerettet wurde..Wie gut, sorgfältig und liebevoll sich meine liebe Kleine bei dieser Gelegenheit erwiese» hat, werden Sie sich denken, ich kann ihre unermüdete Tätigkeit nicht genug rühmen," schrieb Goethe seiner Mutter nach seiner Genesmig Einem zu ihrem großen Schmerz totgeborenen Töchterche» folgte der Sohn Wolfgang. Bald nach seiner Geburt, gleich nach der Schlacht von Jena im Jahre 180«, ließ Goethe sich mit Christiane trauen .Ich will meine kleine Freundin, die so viel an mir getan und auch diese Stunden der Prüfung mit mir durchlebte, völlig und bürgerlich anerkennen als die Meine." Wie die lieben Nächsten diesen Schritt beurteilten, geht aus dem Brief von Riemers, dem Hauslehrer August Goethes, hervor:.Ts ist merlwürdig, wie gerade in der Christenwelt nichts die Frommen so sehr unterhält und mit heimlicher Schadenfreude kitzelt, als ein nicht auf die getvöhnliche Weise eingeleitetes Liebes- und Eheverhältnis. Ist es doch, als sprächen sich auch charin nur der Neid aus, daß einer sich herausnehme, zu tun. Nr l Die Gleichheit habe. Der Regierung sei die Stimmung in der Bevölkerung nicht unbekannt, sie dürfe ihr nicht gleichgültig gegenüberstehen. In gleichem Sinne bewegte sich eine Aussprache mit Regie- rungsvertvtern, die eine von der Vorständekonfcrenz der Gewerkschaften gewählte Kommission im Beisein des Reichskanzlers wenige Tage darauf hatte. Von den Rcgierungsvertretern wurde, wie immer, auf die Schwierigkeiten der Volksernährung hingewiesen und Abhilfe versprochen. Im Anschluß an diese Mahnungen erfolgte dann eine öffentliche Antwort des Reichskanzlers, die recht wenig befriedigen kann. Niemand verkennt die Schwierigkeiten, die sich einer gerechten Lebensmittelverteilung entgegenstellen, wenn die Behörden aber dem täglich zunehmenden Schleichhandel und Lebens- mittelwucher nicht besser z» Leibe gehen können, so bekunden sie damit eine organisatorische Ohnmacht, die in schreiendem Gegensatz zu der Forsche steht, niit der sie sonst gegen die geringfügigsten Gesetzesübertretungen(etwa bei 10 Pfund Kartoffelhamsterei) der kleinen Leute vorgehen. Die ewigen Vertröstungen können nicht befriedigen angesichts der Möglichkeit, Besserung zu schaffen. In Rücksicht auf die schlechten Ernährungsverhältnisse machten sich im Laufe der Zeit in vielen Orten Bewegungen zur Verkürzung der Arbeitszeit bemerkbar, um dadurch einen Ausgleich für die durch die Ernährung verursachte Schwächung der Arbeitskrast herbeizuführen. Viele Unternehmer in Großbetrieben haben diese Forderung der Arbeiter bereits als berechtigt anerkannt und die Arbeitszeiten insofern geändert und verkürzt, als der vier- undzwanzigstündige Arbeitstag in drei Arbeitsschichten eingeteilt wurde. Die Kriegsindustrie aber, an die besondere Anforderungen gestellt werden, glaubt im Interesse der noiwendigen Produktion dieser Industrie eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht bewilligen zu können. Jedenfalls sind die Arbeiter und Arbeiterinnen an der Grenze der Leistungsfähigkeit angelangt und können bei der jetzigen Einführung der fleischlosen Woche» noch besonders geminderten Ernährung auf die Dauer Arbeit in dem von ihnen verlaugten Umfange nicht mehr leisten. Den Gewerkschaftsleitungen fällt es deshalb schwer, die Arbeiter por unüberlegten Schritten zu bewahren, die nur verhütet werden können durch eine immerhin bessere Ernährung, die sehr wohl durch besondere behördliche Maßnahmen bei einer gerechteren Verteilung der Lebensmittel möglich wäre. Für die Wiedereinstellung der Kriegsteilnehmer nach Kriegsschluß werden schon jetzt besondere Vorkehruilgcn getroffen. Der Staatssekretär des Neichswirtschaftsamts hat im Hinblick auf die von den deutschen Unternehmerverbänden wiederholt abgegebenen Erklärungen, den aus dem Felde zurückkehrenden Angestellten und Arbeitern ihre Arbeitsplätze, soweit irgend möglich, wieder einzuräumen, angeregt, daß sich die Unternehmer schon jetzt oder doch, sobald es im Einzelfall durchführbar ist, darüber zu entscheiden, welche Arbeiter sie wieder einstellen werden, so daß wenigstens ein Teil der Kriegsteilnehmer über ihre spätere wirtschaftliche Lebensstellung gewissermaßen beruhigt ist. Im Zusammenhang damit siebt die Frage, in welchem Umfange die weibliche Arbeitskraft in den einzelnen Betrieben abgebaut werden muß, um den zurückkehrenden Kriegsteilnehmern ihre früheren Arbeitsplätze wieder freizumachen. Die Unternehmer werden gebeten, auch in dieser'Hinsicht schon jetzr auf eine vorsorgliche Regelung bedacht zu sein. Der Metallarbeiterverband, die größte deutsche Gewerkschaft, kann über einen ungeahnten Aufstieg im Jahre 1S17 berichten. Der starke Zustrom der weiblichen Mitglieder findet iir der vermehrten Heranziehung der weiblichen Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie seine Erklärung. Am Ende des Jahres 1917 betrug die Zahl der weiblichen Mitglieder 83090. Unerfreulich ist nur, daß eine überaus starke Fluktuation zu verzeichnen ist, denn dem durch Eintritt erfolgten Zugang von über 101000 weiblichen Mitgliedern steht ein Abgang von 59000 Mitgliedern gegenüber. Teuerungszulagen wurden außer in lokalen Bewegungen vielfach auch dnrch zentrale Körperschaften abgeschlossen, so im Buchdruck- und Buchbindergewcrbe. Auch im Baugewerbe werden erneute Teuerungszulagen, laut einer im Neichswirtschaftsamt geiroffcneu Vereinbarnng nach Ortsklassen geregelt, gezahlt. Wie in der Industrie, so ist die Frauenarbeit auch in die Gewerkschaft in stärkerem Maße eingcdrnngeu. Nach dem Jahrbuch des Textilarbeiterverbandes haben in 15 Orten weibliche Mitglieder für den Geschäftsführer die VerwaltungSarbciten der Organisationen übernommen. 21 weibliche Mitglieder besorgen die Verwaltungs- nrbeit ihrer eingezogenen Männer, in 7 Gauvorständen sind 9 Frauen tätig, die engeren Ortsverwaltungen zählen 041 weibliche Mitglieder, die als Vorsitzende, Kassierer und in anderer Eigenschaft tätig sind. Im ganzen wurden über 3000 weibliche Mitglieder festgestellt, die irgendwelche Funklionen innerhalb des Verbandes ausübe». In Wirklichkeit wird deren Zahl aber erheblich höher geschätzt. Mancher gewerkschaftliche Vertrauensposten wäre verwaist, wenn nicht eine Frau die verantwortungsvolle gewerkschaftliche Tätigkeit des Mannes übernommen hätte. Diese Kriegsarbeit im Interesse der Organisation gereicht den Frauen zur Ehre. Georg Schmidt. was die andern nur zu gern auch tun möchten, lvenn nur das gu'en ckira-t-on(was wird man dazu sagen) nicht wäre. Rehabilitiert wurde Christiane durch ihre Heirat nicht. Die Lästerzungen hatten ixur zu gut gegen sie gearbeitet. Vor allem war es Fran von Stein, die mit dem feinen weiblichen Empfinden früher als Goethe selbst erkannte, daß seine Liebe zu Christiane mehr bedeutete als nur sinnliches Hinneigen. Die alternde Frau empfand es als bittere Kränkung, daß ihre reizausllbendc Macht auf den jüngern Mann aufgehört hatte, und sie verbreitete, was sie nur irgend Böses über Christiane erfahren konnte. Auf Schritt und Tritt empfand Goethe den feindlichen Einfluß der Frau, die er einst so hoch gestellt hntte.„Das Fegefeuer von der anderen Seite wird innner gräßlicher." (Schluß folgt.» Gemüseküche in fettarmer Zeit. Das Gemüse ist von jeher falsch behandelt worden. Von MutterS und Großmutters Zeiten waren wir gewöhnt, das Gemüse erst gründlich abzubrühen. Dabei wurde nie bedacht, daß wir durch das Abbrühen gerade die besten, nahrhaftesten Stoffe auf den Spül- stein gössen. Beim Gemüsekochen ist vor allem zu beachten, daß es nur tüchtig abgewaschen werden muß, fein geschnitten wird und stets tropfnaß in den Topf getan werden muß l Auch darf man beim Kohl nie die Rippen entfernen. Denn in ihnen ist gerade der meiste Eiweißstoff enthalten. Wenn die Rippen ebenso wie der Kohl zerkleinert wird, stören diese durchaus nicht beim Essen. Wenn mau in dieser fettarmen Zeit noch etwas Fett zum Gemüse verwenden kann, ist es natürlich um so schmackhafter und nahrhafter. Sonst tut man Bouillonwürfel dazu, etwas Milch, etwas Zucker und nud ganz wenig Waffer, so daß nur der Boden des Topfes bedeckt ist. Die Milch und der Zucker vermindern den strengen Beigeschmack, den namentlich die Kohlsorten haben. Das Gemüse wird tropfnaß >n den Topf getan, das heißt nachdem das Gemüse tüchtig abgewaschen ist, wird es nicht abgedrückt, sondern init den daran- hängenden Wassertropfen in den Kochtopf getan. Es empfiehlt sich, dem Gemüse in kleine Würfel geschnittene Kartoffeln beizufügen. Dadurch wird die bisher übliche Mehlschwitze erspart. Dann muß der Deckel fest zugedeckt werden. Das Gemüse muß mindestens eine halbe Stunde kochen. Darauf stellt nian den festverschlossenen Topf in die Kochkiste. Nie darf man dabei vergessen, erst mit dein kalten Tops das in der Kochkiste hergerichtete Nest auszuprobieren. Gemüse im Wasserdampf garkochen zu lassen, ist auf folgende Art möglich. Ein selbsthergestellter Wasserdampftopf, respektive Stc- rilisierapparat ist ein alter Waschtopf. Diesen reinigt man vorher gut dadurch, daß man ihn, nachdem man ihn gründlich ausgescheuert hat, mit Knoblauch ausreibt. Auf den Boden des WaschtopfeS wird eine Platte aus Holz, Asbest oder Blumenuntersätzen gelegt. Dann wird Wasser hineingegossen, so daß es an den mit Gemüse gefüllten Topf etwa vier Zentimeter heranreicht. Bei dieser Kochart darf der Gemüsetopf aber nicht zugedeckt werden, weil sonst der heiße Wasserdampf nicht dazu kann. Hierbei ist auch nicht Zugießen von Wasser zum Gemüse nötig. Es genügt, wenn man das Gemüse tropfnaß in den Kochtopf tur. Ein Dampftopf ist selbstverständlich auch jeder andere Topf. Er muß nur immer größer sein wie der Topf, den man hineinstellen will. Oben muß stets ein Zwischenraum für die sich entwickelnden Dänipfe bleiben. Daß der Dampftopf einen festen Verschluß haben muß, versteht sich am Rande. In einen Dampftopf können auch mehrere Töpfe übereinander gestellt werden. Auf diese Weise werden zu gleicher Zeit mehrere Gerichte gargekocht. Wenn man zum Beispiel noch ein Kompott kochen will, legt man auf den Gemüsetopf Holzstäbchen, auf welche man den anderen Topf stellt. Nie darf der untere Topf fest geschloffen sein, weil sonst die Dämpfe nicht hinzugelangen könne». Das Obst wird dann auch ohne Wasser tropfnaß mit Zucker angesetzt. B. M. Der Mensch kann immer sehr viel für sein inneres Glück luu, und waS er äußeren Ursachen sonst abbelieln müßte, sich selbst geben. ES kommt nur auf Kraft des Entschlusses und auf einige Gewöhnung zur Selbstüberwindung an. M. v°i> Humboldt.